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276 Vorrede zum 1.

Band der deutschen Schriften (1539) 1

Martin Luther

Vorrede zum 1. Band


der deutschen Schriften
(1539)

[WA 50, 657–661]

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277 Vorrede zum 1. Band der deutschen Schriften (1539) 2

Gern hätte ichs gesehen, daß meine Bücher allesamt


unterblieben und untergegangen wären.1 Und unter
anderen Ursachen ist das eine, daß mir vor dem Bei-
spiel graut. Denn ich sehe gut, was für Nutzen in der
Kirche geschafft ist, wenn man außer und neben der
Heiligen Schrift angefangen hat, viele Bücher und
große Bibliotheken zu sammeln, besonders ohne allen
Unterschied allerhand Väter, Konzils(entscheidungen)
und Lehrer aufzusammeln. Damit wird nicht allein die
edle Zeit und das Studieren in der Schrift versäumt,
sondern ist am Ende auch die reine Erkenntnis des
göttlichen Wortes verloren, bis die Bibel (wie es dem
fünften Buch Mose zur Zeit der Könige Judas ge-
schah; 2. Kön. 22, 8ff.; 2. Chr. 34, 15ff.) unter der
Bank im Staube vergessen ist.
Und obwohl es nützlich und nötig ist, daß die
Schriften etlicher Väter2 und Konzile (erhalten) ge-
blieben sind, als Zeugen und Historien, so denke ich
doch, es ist ein Maß in allen Dingen, und es sei nicht
schade, daß vieler Väter und Konzile Bücher durch
Gottes Gnade untergegangen sind. Denn wo sie alle
hätten erhalten bleiben sollen, sollte wohl niemand
vor Büchern weder ein- noch ausgehen können, und
sie würdens doch nicht besser gemacht haben, als
man es in der Heiligen Schrift findet.
Auch ist das unsere Meinung gewesen, als wir die
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Bibel selbst zu verdeutschen anfingen, daß wir hoff-


ten, es sollte des Schreibens weniger und des Studie-
rens und Lesens in der Schrift mehr werden. Denn
auch alles andere Schreiben soll in die und zu der
Schrift hin weisen, wie Johannes zu Christus in Joh.
3, 30 sagt: »Er muß wachsen, ich aber muß abneh-
men«, damit ein jeder selbst aus der frischen Quelle
trinken möchte, wie es alle Väter, die etwas Gutes
haben machen wollen, haben tun müssen. Denn so gut
werdens weder Konzile, noch Väter, noch wir ma-
chen, wenns auch aufs höchste und beste geraten
kann, wie es die Heilige Schrift, das ist Gott selbst,
gemacht hat. Zwar müssen wir wohl auch den Heili-
gen Geist, Glauben, göttliche Rede und Werk haben,
wenn wir selig werden sollen, aber wir müssen die
Propheten und Apostel auf dem Pult sitzen lassen,
und wir müssen hiernieden zu ihren Füßen hören, was
sie sagen, und (können) nicht sagen, was sie hören
sollen.
Nun ich dem aber ja nicht wehren kann, und man
gegen meinen Willen3 meine Bücher jetzt im Druck
sammeln will (mir zu geringer Ehre), muß ich sie die
Kosten und Mühe daran wagen lassen. Ich tröste mich
damit, daß mit der Zeit doch meine Bücher im Staube
vergessen bleiben werden, besonders wo ich etwas
Gutes (durch Gottes Gnade) geschrieben habe. Es
wird mir nicht besser gehen als meinen Vätern.4 Das
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andere sollte wohl am ehesten (bestehen) bleiben.


Denn wenn man die Bibel selbst hat unter der Bank
liegen lassen können, auch die Väter und Konzile, je
besser je mehr, vergessen hat, dann ist gute Hoffnung,
wenn dieser Zeit Übereifer befriedigt ist,5 daß meine
Bücher auch nicht lange bleiben werden, besonders
weil es so Bücher und Meister zu schneien und zu
regnen angefangen hat. Von ihnen liegen auch bereits
viele vergessen da und verwesen, so daß man selbst6
ihrer Namen nicht mehr gedenkt, die doch bestimmt
gehofft haben, sie würden ewig auf dem Markt feil
und Meister der Kirche sein.
Wohlan, so laß es in Gottes Namen gehen, nur daß
ich freundlich bitte: wer meine Bücher zu dieser Zeit
haben will, der lasse sie sich beileibe nicht ein Hin-
dernis sein, die Schrift selbst zu studieren, sondern
lege sie sich so hin, wie ich mir des Papstes Dekrete7
und der Sophisten Bücher hinlege. Das geschieht,
damit ich von Zeit zu Zeit sehen kann, was sie ge-
macht haben, oder auch die Geschichte der Zeit er-
messen8 und nicht, damit ich darin studieren, oder so
genau dem folgen müßte, was sie gemeint haben.
Nicht viel anders verfahre ich auch mit den Büchern
der Väter und Konzilien und folge damit dem Beispiel
Augustins,9 der unter anderen der erste und fast der
einzige ist, der von aller Väter und Heiligen Bücher
ungefangen und allein der Heiligen Schrift unterwor-
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fen sein will. Darüber kam er in einen harten Strauß


mit Hieronymus, der ihm seiner Vorfahren Bücher
vorwarf; aber daran kehrte er sich nichts. Und wäre
man solchem Beispiel Augustins gefolgt, wäre der
Papst kein Antichrist geworden, und wäre das unzäh-
lige Ungeziefer, Gewürm und Gewimmel10 der Bü-
cher nicht in die Kirche gekommen und die Bibel
ganz auf der Kanzel geblieben.
Darüber hinaus will ich dir eine rechte Weise in der
Theologie zu studieren anzeigen, in der ich mich
geübt habe.11 Wenn du die innehältst, sollst du so
gelehrt werden, daß du selbst (wo es nötig wäre) gera-
de so gute Bücher machen könntest, wie die Väter
und Konzile. Ich darf mich (in Gott) auch vermessen
und ohne Hochmut und Lügen zu rühmen wagen, daß
ich etlichen der Väter nicht viel nachstehen wollte,12
wenn es Büchermachen gelten sollte; in bezug auf das
Leben kann ich mich bei weitem nicht desgleichen
rühmen. Und das ist die Weise, die der heilige König
David im 119. Psalm lehrt (und die ohne Zweifel
auch alle Patriarchen und Propheten gehalten haben).
Da wirst du drei Regeln drin finden, die den ganzen
Psalm hindurch reichlich vorgetragen werden. Sie hei-
ßen: Gebet, Meditation, Anfechtung.13
Erstens sollst du wissen, daß die heilige Schrift ein
solches Buch ist, das aller anderen Bücher Weisheit
zur Narrheit macht, weil keines vom ewigen Leben
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lehrt, außer diesem allein. Deshalb sollst du an dei-


nem Sinn und Verstand unbedingt verzagen, denn
damit wirst du es nicht erlangen, sondern mit solcher
Vermessenheit dich selbst und andere mit dir vom
Himmel in den Abgrund der Hölle stürzen (wie es Lu-
zifer geschah). Sondern kniee in deinem Kämmerlein
nieder und bitte mit rechter Demut und Ernst zu Gott,
daß er dir durch seinen lieben Sohn seinen Heiligen
Geist geben wolle, der dich erleuchte, leite und dir
Verständnis gebe.
(Tue das so) wie du siehst, daß David im oben ge-
nannten Psalm 119 immer (vgl. V. 26f.; 33ff.) bittet:
Lehre mich, Herr, unterweise mich, führe mich, zeige
mir, und der Worte viel mehr. Obwohl er doch den
Text des Mose und andere Bücher mehr gut konnte,
auch täglich hörte und las, will er dennoch den rech-
ten Meister der Schrift selbst dazu haben, auf daß er
ja nicht mit der Vernunft drein falle, und sein eigener
Lehrer werde. Denn da werden Sektengeister14 draus,
die sich dünken lassen, die Schrift sei ihnen unterwor-
fen, und leicht mit ihrer Vernunft zu erlangen, als
wären es Fabeln,15 bei denen sie keines Heiligen
Geistes noch Betens bedürften.
Zum zweiten sollst du meditieren, das ist: nicht al-
lein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche
Rede und die Worte im Buch dem Buchstaben nach
immer wiederholen,16 lesen und noch einmal lesen,
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mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der


Heilige Geist damit meint. Und hüte dich, daß du des-
sen nicht überdrüssig werdest, oder denkest, du ha-
best es mit einem oder zwei Mal genug gelesen, ge-
hört, gesagt, und verständest es alles von Grund auf.
Denn da wird nimmermehr ein besonderer Theologe
daraus, sie sind wie das unreife Obst, das abfällt, ehe
es halb reif wird.
Deshalb siehst du in dem Psalm, wie David immer-
dar rühmt, er wolle reden, dichten, sagen, singen,
hören, lesen, Tag und Nacht und immerdar, doch
nichts als allein von Gottes Wort und Geboten. Denn
Gott will dir seinen Geist nicht ohne das äußere Wort
geben. Da richte dich nach; denn er hat es nicht ver-
geblich befohlen, zu schreiben,17 zu predigen, zu
lesen, zu hören, zu singen, zu sagen usw.
Zum dritten ist da die Anfechtung. Die ist der Prüf-
stein, der dich nicht allein wissen und verstehen lehrt,
sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie
süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes
Wort sei, Weisheit über alle Weisheit.
Deshalb siehst du, wie David in dem genannten
Psalm sooft über alle möglichen Feinde, frevelhafte
Fürsten oder Tyrannen klagt, über falsche Geister und
Spaltungen, die er erleiden muß, deshalb, weil er me-
ditiert, das heißt, mit Gottes Wort auf alle Weise um-
geht (wie gesagt). Denn sobald Gottes Wort durch
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dich zunimmt,18 so wird dich der Teufel heimsuchen,


dich zum rechten Doktor machen und durch seine An-
fechtung lehren, Gottes Wort zu suchen und zu lieben.
Denn ich selbst (auf daß ich Mäusedreck mich auch
unter den Pfeffer menge)19 habe meinen Papisten
sehr viel zu danken, daß sie mich durch des Teufels
Toben so zerschlagen, bedrängt und geängstet,20 das
ist zu einem ausreichend guten Theologen gemacht
haben, wohin ich sonst nicht gekommen wäre. Und
was sie dagegen an mir gewonnen haben, da gönne
ich ihnen Ehre, Sieg und Triumph herzlich gut,21
denn so wollten sie es haben.
Siehe, da hast du Davids Regel. Studierst du nun
gut diesem Vorbild nach, so wirst du mit ihm in dem-
selben Psalm (V. 72) auch singen und rühmen: »Das
Gesetz deines Mundes ist mir lieber als viel tausend
Stück Gold und Silber.« Ebenso V. 98-100: »Du
machst mich mit deinem Gebot weiser, als meine
Feinde sind; denn es ist ewiglich mein Schatz. Ich
habe mehr Einsicht als alle meine Lehrer; denn über
deine Mahnungen sinne ich nach. Ich bin klüger als
die Alten; denn ich halte mich an deine Befehle« usw.
Und du wirst erfahren, wie schal und faul dir die Bü-
cher der Väter schmecken werden, wirst auch nicht al-
lein der Widersacher Bücher verachten, sondern dir
selbst auch, im Schreiben wie im Lehren, je länger je
weniger gefallen. Wenn du hierher gekommen bist, so
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hoffe getrost, daß du angefangen habest, ein rechter


Theologe zu werden, der nicht allein die jungen, un-
vollkommenen Christen, sondern auch die fortge-
schrittenen und vollkommenen lehren kann. Denn die
Kirche Christi hat alle Arten Christen in sich: junge,
alte, schwache, kranke, gesunde, starke, tätige, faule,
schlichte, weise usw.
Fühlst du dich aber, und läßt dich dünken, du besä-
ßest es sicher und schmeichelst dir mit deinem eige-
nen Büchlein, Lehren oder Schreiben, als habest du es
sehr kostbar gemacht und trefflich gepredigt; es ge-
fällt dir auch sehr, daß man dich vor andern lobe,
willst auch vielleicht gelobt sein, sonst würdest du
trauern oder ablassen: bist du von der Art,22 Lieber,
so greif dir selbst an deine Ohren, und greifst du
recht, so wirst du ein schönes Paar großer, langer,
haariger Eselsohren finden. Dann wage vollends die
Kosten daran und schmücke sie mit goldenen Schel-
len, auf daß man dich hören könne, wo du gehst, mit
Fingern auf dich weisen und sagen: Sehet, sehet, da
geht das feine Tier, das so köstliche Bücher schreiben
und vortrefflich gut predigen kann. Alsdann bist du
selig und überselig im Himmelreich – ja, da, wo dem
Teufel samt seinen Engeln das höllische Feuer berei-
tet ist. In Summa: laßt uns Ehre suchen und hochmü-
tig sein, wo wir dürfen. In diesem Buch ist die Ehre
allein Gottes, und es heißt (1. Petr. 5, 5): »Gott wi-
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dersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er


Gnade«.23 Dem gehört die Ehre in alle Ewigkeit.
Amen.

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Editorische Bemerkung

Von Anfang an (vgl. die Druckgeschichte der 95 The-


sen) erschienen die Schriften Luthers nicht nur beim
Originalverleger, wie wir heute sagen würden, son-
dern alsbald veranstaltete man an anderen Orten
Nachdrucke davon, mehr oder weniger sorgfältig, auf
jeden Fall, ohne Luther oder den eigentlichen Verle-
ger zu fragen. Manche Nachschriften seiner Sermone
und Predigten erschienen ohne sein Zutun, gelegent-
lich gegen seinen Willen. Schon 1528 und danach
1533 war es deshalb nötig, einen »Catalogus oder Re-
gister aller Bücher und Schriften D.M. Luthers« zu
veröffentlichen, um wenigstens eine einigermaßen zu-
verlässige Übersicht über Luthers Schrifttum zur Ver-
fügung zu haben. Daneben bestand von früh an ein
Bedürfnis nach einer Gesamtausgabe seiner Werke,
waren doch viele Schriften bald nur schwer oder auch
gar nicht zu erlangen. Schon 1519 hatte Froben in
Basel eine solche Gesamtausgabe versucht. In den
30er Jahren trat man von Straßburg aus mehrfach an
Luther mit der Bitte heran, eine solche Gesamtausga-
be zu gestatten. Luther widerstrebte, willigte dann
aber doch schließlich ein, was den letzten Anstoß
dazu gegeben haben dürfte, daß man in Wittenberg
selbst nun zu einer Gesamtausgabe der Schriften Lu-
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thers schritt. Diese »Wittenberger Ausgabe« war in


zwei Reihen gegliedert, eine mit den deutschen, eine
andere mit den lateinischen Schriften. Der erste Band
der deutschen Reihe erschien 1539, der erste Band der
lateinischen Reihe 1545. Das Vorwort zum ersten la-
teinischen Band ist in Band 2 dieser Ausgabe (S.
11-21) abgedruckt. Dort gibt Luther S. 11 einen kur-
zen Bericht über die Vorgeschichte des Unterneh-
mens, seine grundsätzliche Haltung dazu ist jedoch
die gleiche wie hier in der Vorrede zum 1. Band der
deutschen Reihe.

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Anmerkungen

1 Eig.: »weren dahinden blieben«.


2 Eig.: Est modus in rebus, Horaz, Satiren I, 1, 106.
3 Eig.: »on meinen danck«.
4 Eig.: Non ero melior Patribus meis.
5 Eig. »wenn dieser Zeit furwitz gebüsst ist«.
6 Eig.: »das man auch«.
7 Eig.: »des Babsts Drecket und Drecketal«, ironi-
sche Verdrehung, bei Luther häufig begegnend.
8 Eig.: »die geschickt der zeit rechen«.
9 Ep. 82, 1, 3: CSEL 34, 354.
10 Eig.: »gewürm und geschwürm«.
11 Eig.: »denn ich mich geübet habe«.
12 Eig.: »wolt nicht viel zuvor geben«.
13 Eig.: Oratio, Meditatio, Tentatio.
14 Eig. »Rottengeister«.
15 Eig.: »als were es Marcolfus (Volksbuch, damals
weit verbreitet) oder Esopus Fabeln«.
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16 Eig.: »buchstabische wort im Buch jmer treiben


und reiben«.
17 Eig.: »eusserlich zu schreiben«.
18 Eig.: »auffgehet durch dich«.
19 Sprichwort.
20 Eig.: »zuschlagen, zudrenget und zuengstet«.
21 Ironisch gemeint.
22 Eig.: »Bistu der har«, d.h. hast du solche Haare,
bist du von der Art.
23 Lateinisch zitiert.

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