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996 Vorrede zur Theologia Deutsch (1518) 1

Martin Luther

Vorrede zur »Theologia Deutsch«


(1518)

[WA 1, 378–379]

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Man liest (2. Kor. 10, 10), daß Paulus, (obwohl von)
geringer und verächtlicher Person, doch gewaltige und
ansehnliche Briefe schrieb. Und er selbst rühmt von
sich, daß seine Rede nicht mit geschmückten und
kunstvollen Worten geziert, doch voller Reichtum
aller Kunst der Weisheit erfunden worden sei (1. Kor.
1, 17). Auch wenn man Gottes Wunder ansieht, ists
klar, daß allezeit zu seinen Worten nicht prächtige
und etwas zu sein scheinende1 Prediger erwählt sind,
sondern wie geschrieben steht (Ps. 8, 3): »Aus dem
Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine
Macht zugerichtet.« Ebenso Weish. 10, 21: Die
Weisheit Gottes macht die Zungen der Unberedten auf
das allerberedteste. Umgekehrt tadelt er die hochmüti-
gen Menschen, die sich an denselben Einfältigen sto-
ßen und ärgern: »Euer Anschlag wider den Armen
wird zuschanden werden« (Ps. 14, 6). Ihr habt den
guten Rat und die Lehre gering geschätzt, deshalb
weil sie auch durch arme und unansehnliche Men-
schen gegeben wurden usw.
Das sage ich deshalb, weil ich einen jeglichen, der
dies Büchlein liest, gewarnt haben will, daß er nicht
seinen Schaden verschulde und sich an dem schlech-
ten Deutsch oder den schmucklosen Worten2 ärgere.
Denn dies edle Büchlein, so arm und ungeschmückt
es an Worten und menschlicher Weisheit ist, ist doch
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ebenso und viel mehr reich und überaus kostbar in der


Kunst und göttlicher Weisheit. Und daß ich entspre-
chend meinem alten Narren rühme: nach der Bibel
und Augustin ist mir kein Buch vorgekommen, daraus
ich mehr gelernt habe und gelernt haben will, was
Gott, Christus, Mensch und alle Dinge seien. Und
nun finde ich erst recht, daß es wahr sei, wenn etliche
Hochgelehrte von uns Wittenberger Theologen
schimpflich reden, als wollten wir neue Dinge vorneh-
men, gleich als wären nicht vorher und anderswo auch
Menschen gewesen. Ja freilich sind sie gewesen, aber
Gottes Zorn, durch unsre Sünde verwirkt, hat uns
nicht würdig sein lassen, diese zu sehen oder zu
hören. Denn es ist am Tage, daß es, weil so etwas in
den Universitäten eine lange Zeit nicht behandelt wor-
den ist, dahin gebracht worden ist, daß das heilige
Wort Gottes nicht allein unter der Bank gelegen hat,
sondern von Staub und Motten nahezu verwest ist.
Lese dies Büchlein, wer da will, und sage dann, ob
die Theologie bei uns neu oder alt sei. Denn dieses
Buch ist nicht neu. Sie werden aber vielleicht wie vor-
mals sagen, wir seien deutsche Theologen; das lassen
wir so sein. Ich danke Gott, daß ich in deutscher
Sprache meinen Gott so höre und finde, wie ich, und
sie mit mir, (ihn) bisher nicht gefunden haben, weder
in lateinischer, griechischer noch hebräischer Sprache.
Gott gebe, daß von diesen Büchlein mehr an den Tag
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kommen, dann werden wir finden, daß die deutschen


Theologen ohne Zweifel die besten Theologen sind,
Amen.
Doktor Martinus Luther, Augustiner zu Wittenberg.

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Editorische Bemerkung

Schon im Jahre 1516 war Luther eine Handschrift der


»deutschen Theologie«, jener am Ende des 14. oder
Anfang des 15. Jahrhunderts von dem »Frankfurter«
(einem Priester des Deutschen Ordenshauses in Sach-
senhausen) verfaßten mystischen Schrift, zugänglich
geworden. Sie enthielt nur einen Bruchteil der Schrift,
dennoch brachte sie Luther mit einem kurzen Vorwort
zum Druck. Im Jahre 1518 wurde ihm eine vollständi-
ge Handschrift zugesandt, als Einleitung zu ihrem
Druck (der ersten Ausgabe des Traktats) verfaßte er
die hier wiedergegebene Vorrede. Sie zeigt mit Deut-
lichkeit die »mystische« Epoche Luthers; er hat ja da-
mals auch die Predigten Taulers gelesen und sie eben-
falls aufs höchste gepriesen. Was Luther an der My-
stik anzog und fesselte, war ihr ungestümer Drang,
Zugang zu Gott zu gewinnen, der ihm seinem eigenen
Bemühen gleich erschien. Schon hier liegt ein grund-
liegender Irrtum vor, wie die Begegnung Luthers mit
der deutschen Mystik des Mittelalters nur als Prozeß
des »produktiven Mißverständnisses« verstanden
werden kann (er hat sich im Protestantismus noch
mehrfach wiederholt). Selbst da, wo Luther mit der
Mystik übereinzustimmen meinte, hat er ihre Voraus-
setzungen wie ihre Begriffe umgeschmolzen und sie
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so in seine theologische Denk- und Aussageweise ein-


gefügt.

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Anmerkungen

1 Eig.: »scheynbare«.
2 Eig.: »ungefrenßeten ungekrentzten Worten«.

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