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3031 Vorrede zum Psalter (1528) 1

Martin Luther

Vorrede zum Psalter


(1528)

[WA DB 10, 1, 98–104]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


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Es haben viele der heiligen Väter den Psalter sonder-


lich vor andern Büchern der Schrift gelobt und ge-
liebt. Zwar lobt das Werk seinen Meister selbst
genug. Doch müssen wir unser Lob und Dank ihm
auch erweisen.
Man hat in vergangenen Jahren sehr viel Legenden
von den Heiligen,1 Exempelbücher und Historien um-
hergeführt und die Welt damit erfüllet, während der
Psalter indessen unter der Bank und in solcher Fin-
sternis lag, daß man kaum einen Psalm recht verstand,
(während der Psalter) doch einen so trefflichen, edlen
Geruch von sich gab, daß alle frommen Herzen auch
aus den unbekannten Worten Andacht und Kraft emp-
fanden und das Büchlein darum lieb hatten.
Ich meine aber, daß kein besser Exempelbuch oder
Legenden der Heiligen auf Erden gekommen sei oder
kommen möge, als der Psalter ist. Und wenn man
wünschen sollte, daß aus allen Exempeln, Legenden,
Historien das Beste ausgewählt und zusammenge-
bracht und auf die beste Weise zusammengestellt
würde, so müßte es der jetzige Psalter werden. Denn
hier finden wir nicht allein, was einer oder zwei Heili-
ge getan haben, sondern was das Haupt aller Heiligen
selbst getan hat und was noch alle Heiligen tun: wie
sie sich gegen Gott, gegen Freunde und Feinde stel-
len, wie sie sich in aller Gefahr und Leiden verhalten
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und sich in sie schicken. Über das hinaus stehen aller-


lei göttliche heilsame Lehren und Gebote darinnen.
Und allein schon deshalb sollte uns der Psalter
teuer und lieb sein, daß er so deutlich Christi Sterben
und Auferstehen verheißet und sein Reich und der
ganzen Christenheit Stand und Wesen abbildet, so
daß er wohl eine kleine Bibel heißen könnte, darin
alles aufs schönste und kürzeste, was in der ganzen
Bibel stehet, zusammengefaßt und zu einem feinen
Handbuch2 gemacht und bereitet ist. Daß mich dünkt,
der heilige Geist habe selbst die Mühe auf sich neh-
men und eine kurze Bibel und Exempelbuch von der
ganzen Christenheit oder allen Heiligen zusammen-
bringen wollen, auf daß, wer die ganze Bibel nicht
lesen könnte, hierin doch fast die ganze Summe des-
sen in ein klein Büchlein zusammengefaßt hätte.
Aber über das alles hinaus ist es des Psalters edle
Tugend und Art, daß andere Bücher wohl viel Aufhe-
bens von Werken und Heiligen machen,3 aber gar
wenig von ihren Worten sagen. Da ist der Psalter ein-
zig in seiner Art, wodurch er uns auch so wohl und
süße riecht, wenn man darinnen lieset, daß er nicht al-
lein die Werke der Heiligen erzählet, sondern auch
ihre Worte, wie sie mit Gott geredet und gebetet
haben und noch reden und beten. Die andern Legen-
den und Exempel, wenn man sie mit dem Psalter ver-
gleicht, halten uns schier eitel stumme Heilige vor,
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aber der Psalter führt uns rechte, wacker lebendige


Heilige vor Augen.
Es ist ja ein stummer Mensch im Vergleich zu
einem redenden schier als ein halb toter Mensch zu
achten. Und es ist kein kräftiger noch edler Werk am
Menschen als das Reden, sintemal der Mensch durchs
Reden von andern Tieren am meisten unterschieden
wird, mehr als durch die Gestalt oder etwas anderes;
weil z.B. auch ein Holz durch Schnitzkunst eines
Menschen Gestalt bekommen kann, und ein Tier so-
wohl sehen, hören, riechen, singen, gehen, stehen,
essen, trinken, fasten, dürsten, Hunger, Frost und hart
Lager leiden kann wie ein Mensch.
Zudem tut der Psalter noch mehr, daß er uns nicht
schlichte, gewöhnliche Rede der Heiligen wiedergibt,
sondern die allerbesten, die sie mit großem Ernst in
den allertrefflichsten Sachen mit Gott selber geredet
haben, womit er uns nicht allein ihre Worte über ihre
Werke, sondern auch ihr Herz und den wahren Schatz
ihrer Seelen vor Augen führt. So können wir in den
Grund und die Quelle ihrer Worte und Werke, das ist
in ihr Herz sehen: was sie für Gedanken gehabt
haben, wie sich ihr Herz gestellet und gehalten hat in
allerlei Sachen, Gefahr und Not, welches die Legen-
den oder Exempel nicht so tun noch tun können, die
allein der Heiligen Werk oder Wunder rühmen. Denn
ich kann nicht wissen, wie sein Herz stehet, ob ich
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gleich viel trefflicher Werke von einem sehe oder


höre.
Und gleichwie ich gar viel lieber einen Heiligen
reden hören, als seine Werke sehen wollte, so wollte
ich noch viel lieber sein Herz und den Schatz in seiner
Seele sehen, als sein Wort hören. Das aber gibt uns
der Psalter aufs allerreichlichste an den Heiligen, daß
wir gewiß sein können, wie ihr Herz gestanden und
ihre Worte gelautet haben gegen Gott und jedermann.
Denn ein menschlich Herz ist wie ein Schiff auf einem
wilden Meer, welches die Sturmwinde von den vier
Himmelsrichtungen der Welt her treiben. Hier stößt
her Furcht und Sorge vor zukünftigem Unglück, dort
fähret Grämen her und Traurigkeit aus gegenwärtigem
Übel. Hier weht Hoffnung und Vermessenheit aus zu-
künftigem Glück, dort bläset her Sicherheit und Freu-
de in gegenwärtigen Gütern.
Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden und
das Herz öffnen und den Grund herausschütten. Denn
wer in Furcht und Not steckt, redet ganz anders vom
Unglück, als der in Freuden schwebt. Und wer in
Freuden schwebt, redet und singt ganz anders von
Freuden, als der in Furcht steckt. Es gehet nicht von
Herzen, sagt man, wenn ein Trauriger lachen oder ein
Fröhlicher weinen soll, das heißt, seines Herzens
Grund steht nicht offen und ist nicht heraus.
Was ist aber das meiste im Psalter denn solch
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ernstlich Reden in allerlei solchen Sturmwinden? Wo


findet man feinere Worte der Freude, als die Lobpsal-
men und Dankpsalmen haben? Da siehest du allen
Heiligen ins Herz, wie in schöne, lustige Gärten, ja
wie in den Himmel: wie feine, herzliche, liebliche
Blumen darinnen aufgehen von allerlei schönen, fröh-
lichen Gedanken gegen Gott um seiner Wohltat wil-
len.
Umgekehrt, wo findest du tiefere, kläglichere, jäm-
merlichere Worte der Traurigkeit als sie die Klage-
psalmen haben? Da siehest du abermals allen Heili-
gen ins Herz wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie
finster und dunkel ists da durch allerlei betrübten An-
blick des Zornes Gottes. Auch da, wo sie von Furcht
oder Hoffnung reden, brauchen sie solcher Worte, daß
dir kein Maler die Furcht oder Hoffnung so abmalen
und kein Cicero oder Redekundiger sie dir so schil-
dern könnte.
Und (wie gesagt) ist das das allerbeste, daß sie sol-
che Worte gegen Gott und mit Gott reden. Das macht,
daß zwiefältiger Ernst und Leben in den Worten sind.
Denn wo man sonst mit Menschen in solchen Sachen
redet, gehet es nicht so sehr von Herzen, brennet, lebt
und dringet es nicht so sehr. Daher kommts auch, daß
der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jegli-
cher, in was für Umständen er (auch) ist, Psalmen und
Worte drinnen findet, die sich auf seine Sachen rei-
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men und ihm so angemessen sind, als wären sie allein


um seinetwillen so gesprochen, daß er sie auch selbst
nicht besser sprechen noch finden kann noch wün-
schen mag.
Das ist denn auch dazu gut, daß, wenn einem sol-
che Worte gefallen und sich auf ihn reimen, er gewiß
wird, er sei in der Gemeinschaft der Heiligen und es
sei allen Heiligen gegangen, wie es ihm gehet, weil
sie ein Liedlein alle mit ihm (zusammen) singen, ins-
besondere dann, wenn er sie auch so zu Gott reden
kann, wie sie (es) getan haben, was im Glauben ge-
schehen muß; denn einem gottlosen Menschen
schmecken sie nicht.
Zuletzt ist im Psalter die Sicherheit und ein wohl
verwahret Geleit, daß man allen Heiligen ohne Gefahr
drinnen nachfolgen kann. Denn andere Exempel oder
Legenden von den stummen Heiligen bringen manch
Werk vor, das man nicht nachtun kann; viel mehr
Werke aber bringen sie (vor), die gefährlich nachzu-
tun sind und gemeiniglich Sekten und Rotten anrich-
ten und von der Gemeinschaft der Heiligen wegführen
und fortreißen. Aber der Psalter hält dich von den
Rotten fern zu der Heiligen Gemeinschaft; denn er
lehret dich in Freude, Furcht, Hoffnung, Traurigkeit
gleich gesinnet sein und reden, wie alle Heiligen ge-
sinnet waren und geredet haben.
In Summa: willst du die heilige christliche Kirche
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abgemalet sehen mit lebendiger Farbe und Gestalt, in


ein kleines Bild zusammengefaßt, so nimm den Psal-
ter vor dich, so hast du einen feinen, hellen, reinen
Spiegel, der dir zeigen wird, was die Christenheit sei.
Ja, du wirst auch dich selbst drinnen und das rechte
Gnotiseauton4 finden, dazu Gott selbst und alle Krea-
turen.
Darum laßt uns nun auch darauf bedacht sein, daß
wir Gott für solche unaussprechliche Güter danken
und mit Fleiß und Ernst dieselben annehmen, brau-
chen und üben, Gott zu Lob und Ehre, auf daß wir
nicht mit unsrer Undankbarkeit etwas Ärgeres verdie-
nen. Denn für welchen Schatz hätte man es früher zur
Zeit der Finsternis geachtet, wenn jemand einen
Psalm hätte recht verstehen und in verständlichem
Deutsch lesen oder hören können, und habens doch
nicht gehabt. Nun aber sind selig die Augen, die da
sehen, was wir sehen, und Ohren, die da hören, was
wir hören. Und ich fürchte doch, ja leider sehen wirs,
daß es uns gehet wie den Juden in der Wüste (4.
Mose 21, 5), die da vom Himmelsbrot sagten: »Unsre
Seele ekelt vor der unansehnlichen Speise.« Aber wir
sollen auch wissen, daß daselbst auch stehet, wie sie
geplagt und gestorben sind (V. 6), daß es uns nicht
auch so gehe.
Dazu helfe uns der Vater aller Gnade und Barmher-
zigkeit durch Jesus Christus, unsern Herrn, welchem
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sei Lob und Dank, Ehre und Preis für diesen deut-
schen Psalter und für alle seine unzählige, unaus-
sprechliche Wohltat in Ewigkeit, Amen. Amen.

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Editorische Bemerkung

Die Vorrede Luthers zum Psalter wurde zum ersten


Mal der Psalterausgabe von 1528 beigegeben und
1534 dann in die Vollbibel übernommen. Der hohen
Schätzung des Psalters bei Luther und in der Refor-
mation überhaupt entsprechend, erschienen zahlreiche
Einzeldrucke des Psalters, mit und ohne Vorrede. Auf
sie braucht hier nicht eingegangen zu werden, aus-
führlich dazu H. Volz in seiner diesbezüglichen Ein-
leitung in WA Deutsche Bibel (dort auch reiches Ma-
terial zu den anderen in den vorliegenden Band aufge-
nommenen Vorreden).

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Anmerkungen

1 Nach »Heiligen« eig.: »vnd Passional« hinzuge-


fügt.
2 Eig.: »Enchiridion odder handbuch«.
3 Eig.: »von wercken der heiligen rumpeln«.
~ ϑι σεαυτο′ν (urspr. Inschrift am Apollotempel
4 γνω
zu Delphi): erkenne dich selbst.

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