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3108 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1530) 1

Martin Luther

Vorrede zur Offenbarung Johannes


(1530)

[WA DB 7, 406–420]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


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Mancherlei Weissagung findet man in der Christen-


heit. Etliche weissaget so, daß sie der Propheten
Schrift auslegt, wovon Paulus 1. Kor. 12 und 14 und
an mehr Stellen spricht. Diese ist die nötigste, und
man muß sie täglich haben, als die das Wort Gottes
lehret, den Grund der Christenheit legt und den Glau-
ben verteidigt, und die in Summa das Predigtamt re-
gieret, erhält, bestellet und ausrichtet. Etliche weis-
sagt von künftigen Dingen, die nicht zuvor in der
Schrift stehen, und diese ist dreierlei:
Die erste tuts mit ausgeführten Worten, ohne Bil-
der und Gleichnisse, so wie Mose, David und derglei-
chen Propheten mehr von Christus weissagen, und
wie Christus und die Apostel von dem Antichrist und
falschen Lehrern usw.
Die andere tuts mit Bildern, setzt aber doch dane-
ben auch die Auslegung mit ausdrücklichen Worten,
wie Joseph die Träume auslegt (1. Mose 40 und 41)
und Daniel beides, Träume und Bilder auslegt (Kap.
2).
Die dritte, wie dies Buch der Offenbarung, die es
ohne Worte oder Auslegung mit bloßen Bildern und
Gleichnissen tut und vieler heiliger Leute Träume,
Gesichte und Bilder (bringt), welche sie vom heiligen
Geist haben, wie Petrus, Apg. 2, 17, aus Joel predigt:
»Eure Söhne und Töchter sollen weissagen und eure
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Jünglinge sollen Gesichte sehen und eure Ältesten


sollen Träume träumen.«
Und solange solche Weissagung ungedeutet bleibt
und keine sichere Auslegung kriegt, ists eine verbor-
gene, stumme Weissagung und noch nicht zu ihrem
Nutzen und Frucht gekommen, den sie der Christen-
heit geben soll, wie es denn auch diesem Buch bisher
ergangen ist. Es haben wohl viele sich dran versucht,
aber bis auf den heutigen Tag nichts Sicheres aufge-
bracht, etliche (dagegen haben) viel Ungereimtes aus
ihrem Kopf hineingedeutet. Um solcher unsicheren
Auslegung und verborgener Bedeutung willen haben
wirs bisher auch liegen lassen, sonderlich weil es
auch bei etlichen alten Vätern1 für nicht vom Apostel
Johannes stammend gehalten wird. Diese Bezweif-
lung lassen wir für uns auch noch bestehen, womit je-
doch niemand gewehret sein soll, daß ers für vom
Apostel Johannes stammend halte, oder wie er will.
Weil wir aber dennoch gerne die Deutung oder
Auslegung sicher hätten, wollen wir den andern und
höhern Geistern Ursache nachzudenken und unsere
Gedanken auch an den Tag geben. Nämlich so: die-
weil es eine Offenbarung künftiger Geschichte und
insbesondere künftiger Trübsale und Unglücks der
Christenheit sein soll, erachten wir, daß es der nächste
und gewisseste Weg, die Auslegung zu finden sein
sollte, wenn man die vergangene Geschichte und die
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in der Christenheit bisher vorgekommenen Unglücke


aus den Historien nähme und dieselben mit diesen
Bildern zusammenhielte und so auf die Worte hin ver-
gliche. Wo sichs alsdann fein miteinander reimen und
übereintreffen würde, so könnte man darauf fußen als
auf einer sicheren oder zum wenigsten als auf einer
unverwerflichen Auslegung.2
Nach dieser Auslegung können wir dies Buch uns
zunutz machen und es gut brauchen: Erstlich zur Trö-
stung, daß wir wissen, wie keine Gewalt noch Lüge,
keine Weisheit noch Heiligkeit, kein Trübsal noch
Leid die Christenheit unterdrücken werden, sondern
sie soll am Ende den Sieg behalten und obliegen. Zum
andern zur Warnung wider das große gefährliche
mannigfaltige Ärgernis, das sich an der Christenheit
begibt. Denn solange so mächtige Gewalt und (fal-
scher) Schein wider die Christenheit fechten und sie
(selbst) so ganz ohn alles Ansehen unter so viel Trüb-
salen, Ketzereien und andern Gebrechen verborgen
sein sollte, ist es der Vernunft und Natur unmöglich,
die (wahre) Christenheit zu erkennen. Sondern sie
fällt dahin und ärgert sich an ihr, nennt das »christli-
che Kirche«, welches doch der christlichen Kirche
ärgste Feinde sind, und nennt umgekehrt das »ver-
dammte Ketzer«, die doch die rechte christliche Kir-
che sind, wie bisher unter dem Papsttum, Islam, ja bei
allen Ketzern geschehen ist. Und verlieren so diesen
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Artikel: »Ich glaube eine heilige christliche Kirche.«


Gleichwie auch jetzt etliche Klüglinge tun: weil sie
Ketzerei, Zwietracht und mancherlei Mangel sehen
und daß es viel falsche, viel lose Christen gibt, urtei-
len sie flugs und frei, es seien keine Christen da. Denn
sie haben gehöret, daß Christen ein heilig, friedsam,
einträchtig, freundlich, tugendreich Volk sein sollen.
Demnach meinen sie, es solle kein Ärgernis, keine
Ketzerei, kein Mangel, sondern eitel Friede und Tu-
gend da sein. Diese sollten dies Buch lesen und die
Christenheit mit andern Augen als mit der Vernunft
ansehen lernen. Denn dies Buch (meine ich) zeige ja
genug greuliche ungeheure Tiere, scheußliche feindse-
lige Engel, wüste und schreckliche Plagen – ich will
von den andern großen Gebrechen und Mängeln
schweigen, welche doch allzumal in der Christenheit
und unter den Christen gewesen sind -, so daß freilich
alle Vernunft unter solchem Wesen die (wahre) Chri-
stenheit hat (aus den Augen) verlieren müssen. Wir
sehen ja hier klar, was für grausames Ärgernis und
Mangel vor unsern Zeiten gewesen sind, von denen
man doch meinet, die Christenheit habe (damals) am
besten gestanden, so daß unsere Zeit im Vergleich zu
jenen als golden anzusehen wäre.3 Meinst du nicht,
die Heiden haben sich auch dran geärgert und die
Christen für mutwillige, lose, zänkische Leute gehal-
ten?
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Es ist dies Stück (»Ich glaube eine heilige christli-


che Kirche«) ebensowohl ein Artikel des Glaubens
wie die andern. Darum kann sie (die Kirche) keine
Vernunft, wenn sie gleich alle Brillen aufsetzte, er-
kennen. Der Teufel kann sie wohl zudecken mit Är-
gernissen und Rotten, daß du dich dran ärgern mußt.
Gott kann sie ebenso auch mit Gebrechen und allerlei
Mangel verbergen, daß du drüber zum Narren werden
und ein falsch Urteil über sie fassen mußt. Sie will
nicht ersehen, sondern erglaubt sein. Glaube aber ist
von dem, das man nicht siehet, Hebr. 11, 1. Und sie
singet mit ihrem Herrn (Matth. 11, 6; Luk. 7, 23)
auch das Lied: »Selig ist, der sich nicht ärgert an
mir.« Es ist ein Christ auch wohl sich selbst verbor-
gen, daß er seine Heiligkeit und Tugend nicht sieht,
sondern eitel Untugend und Unheiligkeit sieht er an
sich. Und du geistig armer Klügling4 wolltest die
Christenheit mit deiner blinden Vernunft und unsau-
bern Augen sehen?
In Summa: unsere Heiligkeit ist im Himmel, da
Christus ist, und nicht in der Welt, vor den Augen,
wie ein Kram auf dem Markt. Darum laß Ärgernis,
Rotten, Ketzerei und Gebrechen sein und schaffen,
was sie mögen. So allein das Wort des Evangeliums
bei uns rein bleibt und wirs lieb und wert haben, so
sollen wir nicht zweifeln, Christus sei bei uns und mit
uns, wenns gleich aufs ärgste hergehet, wie wir hier in
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diesem Buche sehen, daß Christus durch und über alle


Plagen, Tiere, böse Engel, dennoch bei und mit seinen
Heiligen ist und endlich obliegt.

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Editorische Bemerkung

Die Offenbarung gehört zu jener Gruppe von Weissa-


gungen, welche so lange stumm bleiben, wie nicht die
rechte Auslegung den Schlüssel zu ihnen findet. Viele
haben sich daran versucht, aber bis zur Gegenwart
kein sicheres Ergebnis erzielt, sondern meist unge-
reimtes Zeug vorgetragen. Luther meint auch nicht,
die abschließende Deutung gefunden zu haben. Aber
er will seine Meinung vortragen, um »anderen und
höhern Geistern« Stoff für weitere Überlegungen zu
geben. Da die Offenbarung Johannes eine Zukunftsof-
fenbarung, eine Weissagung auf die Geschichte der
Christenheit hin sein soll, muß man versuchen, den
bisherigen Ablauf der Kirchengeschichte in den Bild-
reden der Offenbarung wiederzufinden, um von da aus
ihre Voraussagen für Gegenwart und Zukunft, ver-
ständlich und deutbar machen zu können. Das ist das
Prinzip, nach dem er vorgeht.
Diese »gewisse oder zum wenigsten ... unverwerfli-
che Auslegung« Luthers ist nicht derart, daß sie uns
Heutigen den Schlüssel zum Verständnis der Offenba-
rung Johannes böte. Die vier Unheilsengel im 7. Ka-
pitel deutet Luther etwa auf Tatian, Marcion, Orige-
nes und Novatus, den fünften Engel in Kapitel 9 auf
Arius, den sechsten auf Mohammed und den Islam.
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Das Buch, welches der Seher in Kapitel 10 verschlin-


gen muß, welches »im Munde süß wie Honig ... aber
bitter im Bauche« ist, deutet Luther bereits auf das
Papsttum, welches einen »Schein äußerlicher Heilig-
keit« und eine Larvenkirche anrichten wird. Und
damit sind wir beim Kernpunkt seiner Auslegung der
Offenbarung. Denn den siebenten Engel im Kapitel
13, das dritte Wehe, deutet er auf das »päpstliche
Kaisertum und das kaiserliche Papsttum«. Mit dem
Buch von Kapitel 10 und dem Schwert von Kapitel
13 regiert das Papsttum jetzt die Welt. Das Tier mit
den sieben Köpfen in Kapitel 13 ist das vom Papst
bestimmte Kaisertum und das Tier mit den zwei Hör-
nern das Papsttum selbst. Mit dem Papsttum ist der
Zorn Gottes in der Welt voll geworden. Aber jetzt be-
ginnt die Gegenwirkung Christi. Kap. 14, 6 kommt
das rechte Evangelium in die Welt. Jetzt sind wieder
die wahre Predigt und rechte Gläubige in der Welt.
Und jetzt ergeht auch die Weissagung (14, 8) des bal-
digen Falles Babylons, das heißt der päpstlichen Ge-
walt. Die am Papsttum trotzdem festhalten, werden in
die Kelter göttlichen Zorns geworfen. Das 16. Kapitel
mit dem Bericht über die sieben Engel, welche die
sieben Schalen göttlichen Zorns ausgießen, zeigt, wie
das Evangelium »an allen Enden durch viel gelehrte,
fromme Prediger« gegen das Papsttum anstürmt. Aber
das Papsttum wehrt sich nach Kräften. Die Frösche,
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d.h. drei unsaubere Geister gehen aus dem Munde des


Tieres hervor (16, 13) und reizen Könige und Fürsten
gegen das Evangelium auf. Eck, Emser, Faber und die
anderen Gegner der Reformation sind mit diesen Frö-
schen versinnbildlicht. Im 17. Kapitel sind Papsttum
und Kaisertum noch einmal zusammengefaßt darge-
stellt, im 18. Kapitel beginnt ihr Untergang. Zwar
wehren sie sich noch immer, und jetzt mit Gewalt,
nachdem Buch und Frösche ohne Erfolg bleiben, aber
die Könige und Fürsten, die sie zum Widerstand sam-
meln, werden von dem auf dem weißen Pferde, dem
Wort Gottes, geschlagen. Alle Anhänger des Papst-
tums, das Tier und sein Prophet, werden ergriffen und
in die Hölle geworfen (Kapitel 19). Gog und Magog
(»der Türke, die roten Juden«) versuchen den Lauf der
Dinge zu wenden, aber vergeblich (»wir achten, da
dies Bild, als ein sonderliches von den vorigen, um
der Türken willen gestellet sei und die tausend Jahre
anzufangen sind um die Zeit, da dies Buch geschrie-
ben ist, und zur selbigen Zeit auch der Teufel gebun-
den sei« WA S. 416). Luther hat also mit der Türken-
gefahr das Ende der Welt unmittelbar bevorstehend
gesehen: »auf die Türken folget nun flugs das jüngste
Gericht«. Zwar kommt er damit in zeitliche Schwie-
rigkeiten, denn ohne Zweifel hat er die Abfassung der
Offenbarung um das Jahr 500 nicht für wahrschein-
lich gehalten. Aber er findet einen Ausweg: »Doch
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muß die Rechnung nicht so genau alle Minuten tref-


fen« (WA S. 416). Die »heilige Stadt« von Offbg. 21
steht also unmittelbar bevor.
Das ist Luthers Auslegung der Offenbarung Johan-
nes. Er fügt sie ganz in seine Polemik gegen den Ka-
tholizismus ein und findet eine Lösung, die zwar in
sich manche Schwierigkeiten birgt, ganz sicher aber
sehr wirkungsvoll gewesen ist. Daß dieser Deutungs-
versuch für uns nicht übernehmbar ist, braucht wohl
nicht dargelegt zu werden. Er fiel bereits dahin mit
dem Nichteintreffen der Lutherschen Enderwartung.
Luther ist hier ganz in den Voraussetzungen seiner
Zeit befangen. Daß aber mit der Erledigung der ei-
gentlichen Auslegung Luthers seine Vorrede zur Of-
fenbarung durchaus nicht erledigt ist, beweist der Ab-
druck des Textes ohne das Mittelstück der Auslegung,
wie er im vorliegenden Bande gegeben ist. Der Leser
bemerkt das Fehlende gar nicht, wenn er nicht beson-
ders darauf hingewiesen wird, und erhält eine auch für
ihn und für alle Zeiten wichtige Anleitung zum Ver-
ständnis des neutestamentlichen Offenbarungsbuches.

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Anmerkungen

1 Luther bezieht sich hier auf die Kirchengeschichte


Eusebs III, 25. Euseb klassifiziert die Offenbarung je-
doch doppelt: als unbezweifelbar echt – »wenn man
will« und als unecht – »wenn man will«. Das erklärt
sich aus seiner Abhängigkeit von Origenes, welcher
die Offenbarung zu den »allgemein anerkannten« neu-
testamentlichen Schriften zählt, während Euseb ande-
rerseits doch weiß, welchem Widerstand die Offbg.
Joh. im Morgenland begegnet.
2 Folgt WA S. 408, 410, 412, 414, 416 mit der Aus-
legung der einzelnen Kapitel der Offbg. Joh., deren
Ergebnisse bereits S. 364 f. berichtet sind.
3 Eig.: »ein gülden iar gegen jene wol zu rechen
were«.
4 Eig.: »grober klügling«.

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