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140. Jahrgang Nr. 82 Freitag, 16. Oktober 2020 www.anzeigervonsaanen.

ch Seite 9

Die Schöpfung in Holz gemeisselt


PORTRÄT Die Holzbildhauerei ist für
Mario Frautschi mehr als nur ein Beruf.
Sie ist seine Lebensphilosophie, seine
Leidenschaft – und seine Art, sich dem
Werk Gottes zu widmen.

NADINE HAGER
Ich bin noch ganz verschwitzt und aus-
ser Atem, als ich nach dem anstren-
genden Anstieg die Gruben hinauf –
wohlgemerkt mit meinem Fahrrad
ohne Elektromotor – in Mario Fraut-
schis Reich trete. Als ich mich in der
kühlen Werkstatt umsehe, vergesse ich
die Strapazen schlagartig: Umgeben
von Holzduft und kunstvollen Skulptu-
ren macht meine Erschöpfung der
Faszination und der Neugierde Platz.
Mario Frautschi tritt lächelnd von sei-
ner Arbeitsbank in der Ecke zurück,
seinen Meissel noch in der Hand hal-
tend. Ich entschuldige mich für mein
Keuchen, er lacht. Dann legt er sein
Werkzeug beiseite und nimmt sich Zeit
für mich.


«Holzbildhauer zu werden, war mein
Kindheitstraum. Schon damals habe ich
Reliefs geschnitzt und Faszination für
räumliche Figuren empfunden.» Mario
Frautschi steht ganz ruhig vor mir und
wählt seine Worte mit Bedacht. Seine
Augen strahlen. «Es ist meine Liebe
zum Detail, welche mich so sehr mit
diesem Beruf verbindet. Was auch im-
mer ich aus Holz oder Leder mache,
schaue ich mir zuerst wirklich richtig Dieser Kopf war einmal ein Baumstrunk. Jetzt hat er Persönlichkeit. FOTOS: NADINE HAGER
an – den Menschen, das Tier, die Pflan-
ze.» Bei den Tieren beispielsweise set-
ze er sich mit deren Anatomie ausein- beispielsweise Muster auf Holzmöbeln Schreiner angestellt. Er lacht ver-
ander, um ihren Körperbau zu verste- oder Schriften auf Fassaden. schmitzt. Vielleicht könne er ja Voll-
hen. Durch dieses intensive Beobach- zeit-Holzbildhauer werden, wenn seine
ten sähe man die Welt ganz anders,
• Kinder gross wären und seine Frau
weniger oberflächlich. Zustimmend las- Während Mario Frautschi mit mir wieder arbeite. «Der Unterschied zwi-
se ich den Blick durch seine Werkstatt spricht und mir verschiedene Facetten schen Schreinerei und Bildhauerei ist,
schweifen. Neben mir entdecke ich ei- seiner Arbeit zeigt, spüre ich seine in- dass dort vieles mit Maschinen gemacht
nen kleinen Holzmann mit keckem, wa- nige Freude auf mich übergehen. Wie wird, sodass kaum Unikate entstehen.
chem Blick auf dem Hobelbank stehen, schafft er es nur, einem Stück Holz oder Ausserdem geht es dabei immer dar-
weiter rechts hängt ein eigentlich fla- Leder derart Leben einzuhauchen, dass um, möglichst schnell etwas anzuferti-
ches Relief, das zwei räumlich wirken- es ein eigenes Wesen entwickelt – wie gen und dabei handelt es sich dann
de Hasen mitten in der Bewegung zeigt. beispielsweise der grosse Männerkopf meistens um immer dieselben eckigen
Zwei Stabellen stehen gleich darunter: auf der Arbeitsbank, der einen nüch- Formen.» Zudem bereite man beim
Die eine ziert ein eingeschnitzter, mit tern zu mustern scheint, wenn man ihm Schreinern sehr viel vor, ehe die effek-
Ölfarben bemalter Tiger, die andere ein in die Augen blickt? Mario Frautschi tive Arbeit starte – die Maschine müs-
ebenso lebensecht wirkender Elefant. sieht nicht sich selbst als Hauptverant- se fehlerfrei programmiert werden, da-
In der Ecke sehe ich den breiten Leder- wortlichen dafür, dass seine Werke so mit es funktioniere. «Beim Bildhauen
riemen einer Treichel, in den der Holz- viel Leben in sich tragen. «Ich vertraue hingegen ‹geit mu eifach mau dri›, man
bildhauer sorgfältig und in allen Ein- nicht auf meine eigenen Fähigkeiten. macht mal etwas und entwickelt dann
zelheiten einen Kuhkopf geschnitzt hat. Ich fange einfach an – und dann ver- die Entwürfe weiter.»
Wenn man sich in Mario Frautschis traue ich darauf, dass Gott das segnet,
Werkstatt umsieht, entdeckt man das was ich in den Händen halte.» Wenn er
• In Holz geschnitzt und mit Ölfarben bemalt: Mit solchen Arbeiten hebt sich der Holzbildhauer von ande-
Detail überall – es belebt sein Hand- auf Gott vertraue, krampfe er nicht vor Auch die Bildhauerei verlangt viel Vor- ren ab.
werk. Wie er mir verrät, bereitet es ihm sich hin, sondern er mache einfach. arbeit, doch bei dieser ist Ausprobieren
am meisten Freude, grosse Skulpturen Klar liege ihm die Arbeit, doch diese statt Kalkulieren gefragt. Zuerst erfolgt
aus dem Holz zu hauen: «Ganz interes- Gabe sei ihm gegeben worden. Über- das Anfertigen einer Skizze, dann baut Ziegen bis zu komplex verschnörkelten den Arbeit erzählt, lächle ich still in
sant war es, den lebensgrossen, drei- haupt sieht er die ganze Bildhauerei als man ein Modell aus Modelliermasse. Ziegen bis zu komplex verschnörkelten mich hinein. Wie schön, was aus einem
dimensionalen Kuhkopf für die Talsta- Widmung an die göttliche Schöpfung. Davon wird ein Gipsabguss als zweites Mustern – man reiche ihm einen Holz- Interview über Holzbildhauerei alles
tion Rinderberg zu schnitzen oder auch «Die Natur ist im Detail perfekt. Gott ist Modell erstellt, um die Knetmasse wie- klotz, und voilà, entsteht daraus ein We- entstehen kann ... von der Liebe zum
einen grossen Ritter aus einem ganzen ihr und auch mein Schöpfer: Ich wider- derverwenden zu können – erst dann sen. Als ich den Gedanken ausspreche, Detail über Gottvertrauen bis zur Be-
Baumstamm zu kreieren.» Daneben spiegle mit meiner Arbeit die Schönheit geht es los mit der eigentlichen Arbeit strahlt er. «Als Holzbildhauer wird al- wunderung für die Schöpfung hat alles
fertigt er übrigens auch Grabmale an der Schöpfung Gottes.» am Holz. Je mehr ich darüber erfahre, les, was ich mache, ein Einzelstück – Platz. Berührt höre ich Mario Frautschi
oder stellt bauliche Schnitzerei her, wie was hinter Mario Frautschis Arbeit selbst wenn ich eigentlich zwei Mal dabei zu, wie er seine Passion mit mir
• steckt, desto faszinierter mustere ich dasselbe schnitze.» teilt. Und ich bin einfach nur glücklich,
Um nur von der Bildhauerei zu leben, seine Werkstatt. Er scheint alles Er- den Weg in seine Werkstatt gefunden zu
reicht es jedoch nicht: Damit genug denkliche aus dem Ärmel schütteln zu
• haben – wie anstrengend dieser auch
ZUR PERSON
Geld in die Kasse kommt, ist er auch als können, von Menschengesichtern über Und während er so von seiner erfüllen- gewesen sein mag.

Mario Frautschi ist 37 Jahre alt und


im Turbach aufgewachsen, wo er
auch jetzt noch eine grosse Werk-
statt hat. Seine zweite, etwas klei-
nere Werkstätte lieg in der Gruben,
wo er mit seiner Frau Anja Frautschi
und den drei gemeinsamen Kindern
wohnt. Zuerst hat er die Schreiner-
lehre absolviert, um anschliessend
eine Holzbildhauerlehre anzuhängen,
die er 2012 beendet hat. Heute ist er
selbstständiger Holzbildhauer, aber
auch Angestellter in einer Schreine-
rei, je nach Auftragslage. Skizzen, Modelle und Skulpturen: Die kleinere der beiden Werkstätten von Mario Frautschi befindet sich Mit Fingerspitzengefühl schnitzt Mario Frautschi verschiedenste Motive in Leder – wie beispielsweise
in der Gruben, die grosse im Turbach. in diesen Treichelgurt.