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Tieck und Wackenroder

WILHELM HEINRICH WACKENRODERs kurzes Leben war geprägt von der Liebe
zur Kunst, insbesondere der des Mittelalters und der Renaissance und der Liebe zur
Literatur. Er teilte diese Leidenschaft mit seinem Schulfreund LUDWIG TIECK.
Er war von 1786 bis 1792 Schüler am Friedrichwerderschen Gymnasium in der
Kurstraße, dessen Direktor GEDICKE sich auch als Verfasser pädagogischer Schriften
betätigte und an dem die Schriftsteller AUGUST FERDINAND BERNHARDI und
FRIEDRICH EBERHARD RAMBACH als Lehrer tätig waren. Hier schloss
WACKENRODER enge Freundschaft mit dem jungen LUDWIG TIECK. Bereits
1789 hörte er Vorlesungen über Kulturgeschichte der Antike bei dem Dichter und
gerade zum Professor für die Theorie der Schönen Künste ernannten KARL PHILIPP
MORITZ. Außerdem nahm er Musikunterricht, zu seinen Anregern und Lehrmeistern
gehörten der Direktor der Berliner Singakademie CARL FRIEDRICH ZELTER und
der Musiker und Schriftsteller JOHANN FRIEDRICH REICHARDT.
Auf Wunsch seines Vaters musste WACKENRODER Jurisprudenz studieren. Seine
Neigung galt allerdings der Literatur, insbesondere der des Mittelalters und der
Renaissance. 1792/93 hörte er bei ERDUIN JULIUS KOCH Vorlesungen über
mittelalterliche deutsche Literatur.
1793 ging WACKENRODER gemeinsam mit seinem Freund TIECK zum Studium
nach Erlangen, das Wintersemester 1793/94 verbrachten sie in Göttingen. Von
Erlangen aus unternahmen die beiden Freunde Reisen und Ausflüge in die Städte und
Landschaften Frankens. Sie reisten nach Nürnberg, Bamberg und Bayreuth, genossen
die Schönheit der mittelalterlichen Stadtbilder, entdeckten auch die Malerei der
italienischen Renaissance auf Schloss Pommersfelden sowie die Pracht der
katholischen Gottesdienste und die überwältigende Wucht katholischer Kirchenmusik.
Im Fichtelgebirge fanden sie liebliche und unberührt wirkende Natur, die sie in
romantischer Schwärmerei genossen. In ihrer rückwärtsgewandten Verklärung einer
verflossenen, als heil empfundenen Geschichtsepoche liegen die Ursprünge der
romantischen Begeisterung für das Mittelalter, den Katholizismus, die Kirchenmusik,
die Malerei DÜRERs und RAFFAELs. Mit ihrem enthusiastischen Aufspüren von
Kunst und Bauwerken aus dem Mittelalter und dem tief empfundenen Naturerleben
begründeten sie die Tradition der romantischen Kunstreise. Die Reiseberichte, die
WACKENRODER an seine Eltern richtete, zeugen von seiner Beobachtungsgabe und
seiner Empfänglichkeit für landschaftliche Schönheit. Mit den Kunstreisen der beiden
jungen Dichter WACKENRODER und TIECK kann die Geburtsstunde der
Frühromantik angesetzt werden.
Im Herbst 1794 wurde WACKENRODER von seinem Vater nach Berlin
zurückgerufen, um sein Gerichtsreferendariat abzuleisten. 1796 wurde er
Kammergerichtsassessor in Berlin. Nach den Worten TIECKs beschleunigte eine Art
Nervenfieber seinen frühen Tod, ausgelöst durch die Vorbereitungen zu den Examen
in den ungeliebten juristischen Wissenschaften, von denen er nichts verstand und zu
denen er sich ganz und gar nicht berufen fühlte. So spiegelt denn auch
WACKENRODERs schmales Werk, das zu seinen Lebzeiten zumeist anonym und in
der Bearbeitung TIECKs erschien, in Gedichten, Erzählungen und Kunstbetrachtungen
das an der eigenen Person erlittene Auseinanderfallen von Ideal und Wirklichkeit in
der modernen Welt. Durch die Flucht in die Innerlichkeit versuchte er diesem
unerträglichen Zustand zu entgehen.
WACKENRODER ist damit der erste Dichter, der diesen Konflikt zwischen der
„Poesie des Herzens“ und der „Prosa der Verhältnisse" (HEGEL), den bürgerliche
Künstler der Moderne fortan oft zu ihrem Thema machten, so tief empfunden und so
entschieden zum Ausdruck gebracht hat.
Die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ erschienen 1796
anonym bei dem Berliner Verleger UNGER, 1799 folgten die „Phantasien über die
Kunst für Freunde der Kunst", herausgegeben von TIECK. Hier wird ein Konzept der
reinen Kunst entworfen, derer man nicht durch verstandesmäßiges Erfassen, sondern
nur durch religiöse Verinnerlichung habhaft werden kann. Am vollkommensten sei
dies in der Musik ausgeprägt.
WACKENRODERs und TIECKs Kunstauffassung hatte großen Einfluss auf die
Musik des folgenden Jahrhunderts und auf das romantische Lebensgefühl und die
Kunstauffassung beispielsweise der Nazarener [1], einer Malergruppierung, die sich
verpflichtet hatte, in Rom streng nach religiösen Prinzipien zu leben und religiöse
Themen im Stile DÜRERs und RAFFAELs zu malen, in einem ebenfalls strengen, sehr
klaren Stil.
Nazarener: Diese erste moderne Malervereinigung hatte sich 1809 in Wien gegründet
und nannte sich zunächst Lukasbund, nach dem Vorbild der Lukasgilde. Ihr gehörten
u. a. JOHANN FRIEDRICH OVERBECK und FRANZ PFORR, später auch PETER
CORNELIUS und WILHELM VON SCHADOW – der Bruder des Bildhauers – an.
Aus Protest gegen die Napoleonische Besatzung huldigten sie einer deutschtümelnden,
patriotisch gesinnten und rückwärtsgewandten Mittelalterschwärmerei. 1810 siedelten
sie in das Kloster San Isidoro nach Rom um und verpflichteten sich zu frommem
Lebenswandel und religiöser Malerei nach dem Vorbild PERUGINOs, RAFFAELs
und DÜRERs. Ihre Lebens- und Denkweise hatte die Züge einer Sekte. U. a. malten
sie in Rom die Casa Zuccaro und die Villa Massimo aus.
Die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" gelten als
WACKENRODERs Hauptwerk. Zudem sind sie das einzige Werk, das zu seinen
Lebzeiten erschien. Es handelt sich um eine Sammlung von Gedichten, Skizzen,
Künstlernovellen, Kunstbetrachtungen, dargeboten aus der Sicht eines weltfremden,
sich der Feier der Kunst und der Religion hingebenden Klosterbruders. Die
Künstlerbiographien beruhen zum Teil auf den Beschreibungen des GIORGIO
VASARI, auf die WACKENRODER in Göttingen von einem Lehrer aufmerksam
gemacht wurde, zum Teil sind sie auch frei erfunden. Den großen Renaissance-Malern
RAFFAEL, DA VINCI, MICHELANGELO und DÜRER wird in bezeichnenden
Episoden ihres Lebens und in Lobeshymnen auf ihre Gemälde gehuldigt. Sie werden
als Leitbilder dargestellt, die einen frommen Lebenswandel führen und einem
gleichsam göttlichen Auftrag folgen, indem sie die Menschen lehren, den kleinen Kreis
ihres Bewusstseins und ihrer Erfahrung zu überschreiten. TIECK hat an den
„Herzensergießungen“ vor allem editorische Arbeit geleistet: In der Erstausgabe
stammen die Vorrede und drei Zusätze von ihm.
WACKENRODER hat wiederum einige Abschnitte zu TIECKs Roman „Franz
Sternbalds Wanderungen“ (1798) beigesteuert. Zudem hat er einen Ritter- und
Schauerroman „Das Kloster Netley“ von RICHARD WARNER übersetzt, damals ein
sehr beliebtes Genre. Abgedruckt wurde er 1799 in TIECKs „Sämmtlichen Werken“.
Tiefes Kunsterleben hatte für WACKENRODER die Intensität religiöser Versenkung.