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Armin Grunwald Hg.

Handbuch
Technikethik
1682 J.B.METZLER
Handbuch
Technikethik
Herausgegeben von
Armin Grunwald

Unter Mitarbeit von


Melanie Simonidis-Puschmann

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart ∙ Weimar
Der Herausgeber
Armin Grunwald ist Professor für Technikphilosophie und Technikethik
am Karlsruher Institut für Technologie (früher Universität Karlsruhe),
Leiter des dortigen Instituts für Technikfolgenabschätzung und System-
analyse (ITAS) sowie Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung
beim Deutschen Bundestag in Berlin.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-02443-5 ISBN 978-3-476-05333-6 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-476-05333-6

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© 2013 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2013
www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
V

Inhalt

I. Einleitung und Überblick 3. Philosophische Anthropologie


(Mathias Gutmann) . . . . . . . . . . . . 94
(Armin Grunwald) . . . . . . . . . . . . 1
4. Lebensphilosophie
(Nicole C. Karafyllis). . . . . . . . . . . . 99
II. Grundbegriffe 5. Kulturalistische Technikphilosophie
(Peter Janich) . . . . . . . . . . . . . . . 102
1. Technik (Armin Grunwald) . . . . . . . 13
6. Kritische Theorie der Technik
2. Risiko (Julian Nida-Rümelin (Alexandra Manzei) . . . . . . . . . . . . 108
und Johann Schulenburg) . . . . . . . . . 18
7. Feministische Technikphilosophie
3. Sicherheit (Gerhard Banse) . . . . . . . . 22 (Waltraud Ernst) . . . . . . . . . . . . . 113
4. Fortschritt (Klaus Kornwachs) . . . . . . 28 8. Technik als Medium (Christoph Hubig) 118
5. Technikfolgen (Michael Decker) . . . . . 33 9. Technikdeterminismus
6. Verantwortung (Micha H. Werner) . . . 38 (Brigitte Falkenburg) . . . . . . . . . . . 123
10. Technik als soziale Konstruktion
(Raymund Werle) . . . . . . . . . . . . . 128
III. Hintergrund
11. Werthaltigkeit der Technik
1. Frühe Technikskepsis und -kritik
(Ibo van de Poel) . . . . . . . . . . . . . . 133
(Kurt Möser) . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2. Entstehung des TÜV (Frank Uekötter) 50
3. Entwicklung und Einsatz der B. Ethische Begründungsansätze
Atombombe (Wolfgang Liebert) . . . . . 55 1. Menschenrechte (Felix Ekardt) . . . . . 138
4. Asbest (Wolfgang E. Höper). . . . . . . . 61 2. Prinzip Verantwortung
5. Krise des Fortschrittsoptimismus (Jan C. Schmidt) . . . . . . . . . . . . . . 143
(Rolf-Ulrich Kunze) . . . . . . . . . . . . 67 3. Klugheitsethik/Provisorische Moral
6. Technikkonflikte (Ortwin Renn) . . . . 72 (Christoph Hubig und Andreas Luckner) 148

7. Ethische Ingenieurverantwortung 4. Utilitarismus (Dieter Birnbacher) . . . . 153


(Johannes Reidel) . . . . . . . . . . . . . 76 5. Deontologische Ethik
(Micha H. Werner und Marcus Düwell) . 158

IV. Grundlagen 6. Diskursethik (Konrad Ott) . . . . . . . . 163


der Technikethik 7. Überlegungsgleichgewicht
(Neelke Doorn) . . . . . . . . . . . . . . 169
A. Technikphilosophie
8. Gutes Leben (Holmer Steinfath) . . . . . 174
1. Antike Technikphilosophie
(Klaus Erlach) . . . . . . . . . . . . . . . 83 9. Gerechtigkeit
(Dietmar von der Pfordten) . . . . . . . . 179
2. Marxistische Technikphilosophie
(Kurt Bayertz und Michael Quante) . . . 89 10. Nachhaltigkeit (Felix Ekardt) . . . . . . 187
VI Inhalt

C. Querschnittsthemen 13. Medien (Michael Nagenborg) . . . . . . 314


1. Leben und Technik (Nicole C. Karafyllis) 193 14. Medizintechnik (Johann S. Ach,
Dominik Düber und Michael Quante) . . 319
2. Natur und Technik (Konrad Ott) . . . . 198
15. Militärtechnik (Jürgen Altmann) . . . . 324
3. Tier und Technik (Arianna Ferrari) . . . 203
16. Mobilfunk (Peter Wiedemann) . . . . . 329
4. Kultur und Technik (Klaus Kornwachs) 208
17. Mobilität und Verkehr (Udo Becker) . . 332
5. Demokratie und Technik
(Matthias Kettner) . . . . . . . . . . . . 212 18. Nanotechnologie (Alfred Nordmann) . . 338

6. Arbeit und Technik 19. Neurotechniken (Dieter Sturma) . . . . 343


(Bettina-Johanna Krings) . . . . . . . . . 217 20. Raumfahrt (Stephan Lingner) . . . . . . 349
7. Risikobeurteilung/Risikoethik (Johann 21. Robotik (Michael Decker) . . . . . . . . 354
Schulenburg und Julian Nida-Rümelin) 223
22. Sicherheits- und Überwachungstechnik
8. Wirtschaft und Technik (Sandro Gaycken) . . . . . . . . . . . . . 359
(Matthias Maring) . . . . . . . . . . . . . 228
23. Synthetische Biologie (Joachim Boldt) . 364
9. Globalisierung und Interkulturalität
(Ole Döring) . . . . . . . . . . . . . . . . 233 24. Synthetische Chemie (Stefan Böschen) . 369

10. Abfall und Technik (Gerd Grübler) . . . 238 25. Ubiquitous Computing
(Klaus Wiegerling) . . . . . . . . . . . . . 374
11. Dual-use-Forschung und -Technologie
(Wolfgang Liebert) . . . . . . . . . . . . . 243
VI. Technikethik in der Praxis
1. Technik- und Innovationspolitik
V. Technikfelder (Stephan Bröchler) . . . . . . . . . . . . . 379
1. Agrartechnik (Stephan Albrecht) . . . . 249
2. Technikrecht (Martin Führ) . . . . . . . 384
2. Climate Engineering (Gregor Betz) . . . 254
3. Vorsorgeprinzip (Christian Calliess) . . . 390
3. Computerspiele (Simon Ledder) . . . . . 258
4. Technikfolgenabschätzung
4. Endlagerung hochradioaktiver Abfälle (Marc Dusseldorp) . . . . . . . . . . . . 394
(Peter Hocke) . . . . . . . . . . . . . . . 263
5. Bürgerbeteiligung (Ortwin Renn) . . . . 400
5. Energie
6. VDI-Richtlinie zur Technikbewertung
(Bert Droste-Franke und Georg Kamp) 269
(Wolfgang König) . . . . . . . . . . . . . 406
6. Geo- und Hydrotechnik sowie Bergbau 7. Ethikkodizes (Matthias Maring) . . . . . 410
(Thomas Potthast) . . . . . . . . . . . . 274
8. Ethikkommissionen (Alexander Bogner) 415
7. Gentechnik (Regine Kollek) . . . . . . . 279
9. Technische Bildung
8. Human Enhancement (Gerhard Banse und Bernd Meier) . . . . 421
(Johann S. Ach und Beate Lüttenberg) . . 288
9. Information (Jessica Heesen) . . . . . . . 293
10. Internet (Karsten Weber) . . . . . . . . . 298
VII. Anhang
1. Auswahlbibliographie . . . . . . . . . . 427
11. Kernenergie (Dieter Birnbacher) . . . . . 303
2. Die Autorinnen und Autoren . . . . . . 429
12. Lebensmittelverarbeitung (Ludger Heid-
brink, Nora Meyer und Johannes Reidel) 308 3. Personenregister . . . . . . . . . . . . . 432
1

I. Einleitung und Überblick

Wissenschaft und Technik gelten als die vielleicht dustriellen Revolution auch für die Philosophie
mächtigsten Triebkräfte der modernen Gesellschaft. nicht mehr übersehbar waren. Theoretiker in den
Mit dem raschen wissenschaftlich-technischen Fort- Anfängen der Technikphilosophie wiesen der Tech-
schritt insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg ist nik spezifische Rollen bei der Entwicklung der Ge-
eine Fülle neuer Fragen zur Gestaltung von und zum sellschaft zu: Karl Marx im Rahmen der ökonomi-
Umgang mit Technik aufgetreten. Parallel ist die schen Entwicklung und der Arbeit, Ernst Kapp und
philosophische Literatur zu ethischen Fragen der Arnold Gehlen in anthropologischer Hinsicht. Ge-
Technik stark angewachsen, ebenfalls ihre Wahr- sellschafts- und kulturkritische Deutungen der
nehmung in anderen Wissenschaften, in der öffent- Technik, beispielsweise von Martin Heidegger, Her-
lichen Debatte und in der technischen Praxis. Ein bert Marcuse oder Günther Anders beförderten die
Handbuch Technikethik erscheint somit überfällig. philosophische Diskussion über Technik. Alle diese
Dass Technik und Ethik heute oft in einem Atem- Ansätze betrachteten jedoch abstrakt ›die Technik‹
zug genannt werden, ist ein Ergebnis erst der letzten statt einzelner Techniken. Damit war die Perspektive
Jahrzehnte. Während viele Handlungsfelder wie Me- auf eine ethische Beurteilung von Technik bereits
dizin oder die Ordnung des gemeinschaftlichen Le- durch den zu stark abstrahierenden philosophischen
bens bereits seit langem Gegenstand ethischer Refle- und vielfach ›essentialistischen‹ Ansatz verbaut
xion sind, wird die Frage nach dem ›richtigen Han- (Lenk 1973).
deln‹ erst in jüngerer Zeit auf Technik bezogen. Hans Als Ursprung einer breiteren Befassung mit ethi-
Jonas ’ Aufsatz »Warum Technik ein Fall für die schen Fragen des wissenschaftlich-technischen Han-
Ethik ist: fünf Gründe« (1958) gehörte zu den ersten delns wird zumeist das Manhattan-Projekt zum Bau
Arbeiten in diesem Feld. Seitdem hat sich die Situa- der Atombombe genannt (s. Kap. III.3). Die Verant-
tion fundamental geändert. Sobald heute von neuen wortung der Wissenschaftler, thematisiert z. B. von
Technologien die Rede ist, wird sofort, fast schon re- Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich
flexartig, nach ihrer ethischen Beurteilung gefragt. von Weizsäcker, ist seitdem Thema auch der öffentli-
In dieser Einleitung werden drei Ziele verfolgt: chen Debatte. Ein weiterer Meilenstein der Wissen-
Erstens geht es darum, die vorstehend gegebene schafts- und beginnenden Technikethik war die
kurze Diagnose zu vertiefen, in historischer, in ge- Konferenz von Asilomar (1975), auf der Gentechni-
genstandsbezogener und in theoretischer Hinsicht. ker sich zu Verantwortungsübernahme und Vor-
Zweitens soll eine Charakterisierung der Technik- sorge verpflichteten. Sie fand in einer Situation statt,
ethik gegeben werden, die einerseits ein hinreichend in der in der Gentechnik eine weltweite Aufbruch-
klares Profil für dieses Handbuch erkennen lässt, die stimmung zu beobachten war, in der gleichzeitig
andererseits aber nicht die Diversität, den Reichtum aber auch erste Anzeichen öffentlicher Kritik, Risi-
und auch Heterogenität dieses noch jungen Feldes kobefürchtungen und Forderungen nach staatlicher
unter zu starken begrifflichen wie konzeptionellen Regulierung laut wurden (s. Kap. V.7).
Prämissen einebnet. Schließlich geht es drittens da- Ethische Fragen zum Ingenieurshandeln wurden
rum, einen Überblick über die Struktur und die In- zunächst von Ingenieuren selbst aufgeworfen. Be-
halte des Handbuchs zu geben. reits Friedrich Dessauer (1926) bestimmte den Sinn
der Technik im ›Dienst am Mitmenschen‹, für des-
sen Realisierung die Ingenieure verantwortlich
Entstehung und Entwicklung seien. In den 1970er Jahren setzten Diskussionen um
der Technikethik ein Standesethos für Ingenieure und seine Fixierung
in Ethikkodizes oder in einem dem Berufsstand der
Technik hat in Philosophie und Ethik lange Zeit Ärzte nachempfundenen ›hippokratischen Eid‹ der
praktisch keine Rolle gespielt. Dies begann sich erst Ingenieure ein (z. B. Lenk/Ropohl 1993, 194 ff.;
zu ändern, als die massiven und teilweise problema- Hubig/Reidel 2004; s. Kap. III.7). Den Durchbruch
tischen Effekte der Technisierung im Zuge der In- für eine philosophische Diskussion über ethische
2 I. Einleitung und Überblick

Fragen der Technik brachte das Prinzip Verantwor- Forschungsförderung. Aktuell wird aus soziologi-
tung von Hans Jonas (1979; s. Kap. IV.B.2). scher Perspektive von einer ›Ethisierung‹ der Tech-
Dass Technik moralisch relevante Gehalte haben nik gesprochen (Bogner 2009).
und damit überhaupt ein Gegenstand für ethische
Reflexion sein könnte, war lange Zeit durchaus um-
stritten. Bis in die 1990er Jahre hinein galt sie viel- Gründe für das Entstehen
fach als wertneutral. Technik habe ausschließlich der Technikethik
Mittelcharakter; moralische Probleme könne höchs-
tens ihr Gebrauch aufwerfen. Daher seien Entwick- Der wissenschaftlich-technische Fortschritt (s. Kap.
lung und Herstellung von Technik einschließlich der II.4) führt zu einer Erweiterung der menschlichen
vorgängigen wissenschaftlichen Forschung mora- Handlungsmöglichkeiten. Das, was menschlichem
lisch neutral; erst der Gebrauch von Technik könnte Zugriff bis dato entzogen war, was als unbeeinfluss-
ethische Fragen aufwerfen. In theoretischen Analy- bare Natur oder als Schicksal akzeptiert werden
sen und Fallstudien wurden jedoch mittlerweile mo- musste, wird zum Gegenstand technischer Gestalt-
ralische Gehalte von Entscheidungen über Technik barkeit. Dies ist eine Steigerung der Kontingenz in
erkannt und zum Gegenstand der Reflexion gemacht der conditio humana: eine Vergrößerung der Wahl-
(Radder 2009; Van de Poel 2009; s. Kap. IV.A.11). möglichkeiten zwischen verschiedenen Optionen
Seit den 1980er Jahren ist auf zwei Ebenen ein und damit eine Verringerung der menschlichen Ab-
starkes Anwachsen der Literatur zur Technikethik hängigkeit von der Natur und der eigenen Tradition.
zu verzeichnen: Zum einen geht es um eine Inge- Mit der Zunahme der Wahlmöglichkeiten steigen
nieursethik im engeren Sinne, die sich den spezifi- Möglichkeit und Notwendigkeit, Entscheidungen zu
schen Gegebenheiten und Herausforderungen die- treffen. Da der Fortschritt vielfach in den Debatten,
ses Berufsstandes widmet; zum anderen werden wie die Entscheidungen getroffen werden soll, auf
ethische Fragen neuer Technologien und ihrer Fol- Fragen führt, zu denen es bislang keine eingespielten
gen angesprochen. Dabei kommt es zu einer teilwei- Üblichkeiten wie z. B. klare Entscheidungskriterien
sen Konvergenz von Wissenschafts- und Technik- oder -verfahren gibt, kommt es aus seiner inhären-
ethik: Da moderne Technik grundsätzlich wissen- ten Logik heraus zu Orientierungsdefiziten, Kon-
schaftsgestützt ist, fällt eine klare Trennung von flikten und Unsicherheiten. Das Entstehen der
Wissenschaft und Technik immer schwerer. Nano- Technikethik lässt sich mit dieser, die Erfolge des
technologie (Allhoff et al. 2007) und Synthetische technischen Fortschritts notwendig begleitenden
Biologie sind typische Beispiele für sogenannte Verunsicherung (Höffe 1993; Lübbe 1997), insbe-
Technowissenschaften (s. Kap. V.18 und Kap. V.23). sondere mit der resultierenden ›normativen Unsi-
Wissenschafts- und Technikethik werden daher cherheit‹ (Grunwald 2008) korrelieren.
heute vielfach in einem Atemzug genannt (bereits Ein wesentlicher Teilaspekt dabei ist die fort-
Hubig 1993). schreitende Erkenntnis der Ambivalenzen des tech-
Die Nachfrage nach ethischer Reflexion zum wis- nischen Fortschritts. Spätestens seit den 1960er Jah-
senschaftlich-technischen Fortschritt, seinen Zie- ren sind erhebliche Probleme mit nicht intendierten
len, Ergebnissen und Folgen steigt weiter. In der For- Folgen von technischen Entwicklungen aufgetreten
schungsförderung ist ethische Begleitforschung (s. Kap. II.5). Hierzu gehören z. B. Unfälle in techni-
mittlerweile häufig Bestandteil wissenschaftlich- schen Anlagen (Tschernobyl, Bhopal, Fukushima),
technischer Programme. Ethikkommissionen wie Folgen für die natürliche Umwelt (Luft- und Gewäs-
beispielsweise die ›European Group on Ethics‹ serverschmutzung, Ozonloch, Klimawandel) und
(EGE) beraten politische Institutionen, in diesem negative soziale und kulturelle Folgen von Technik.
Fall die Europäische Kommission (s. Kap. VI.8). Von Fortschrittsoptimistische Zukunftserwartungen im
der UNESCO wurde die ›World Commission on the Zusammenhang mit Technik und Technisierung in
Ethics of Scientific Knowledge and Technology‹ der Gegenwart sind dadurch teilweise verlorenge-
(COMEST) eingesetzt. Eine erhebliche Zunahme gangen und haben zu schwierigen Abwägungspro-
von Ethikkodizes (Codes of Conduct) und ethischen blemen zwischen den erwarteten positiven und den
Leitlinien ist auf nahezu allen Ebenen im Wissen- nicht intendierten negativen Folgen geführt (z. B.
schaftssystem zu beobachten, von wissenschaftli- Kernenergie). Weitere Beispiele, denen sämtlich in
chen Institutionen wie Universitäten oder Akade- diesem Handbuch eigene Beiträge gewidmet sind,
mien über Verbände bis hin zu den Institutionen der sind der Umgang mit und die Zumutbarkeit von
I. Einleitung und Überblick 3

technikbedingten Risiken (Asveld/Roeser 2008; diese Weise zu ethisch reflektierten und verantwort-
Hansson 2009) wie Strahlenbelastungen oder Un- baren Entscheidungen beizutragen
fallrisiken durch nukleare Anlagen, Sicherheitsfra- Der Fokus der Technikethik, wie sie in diesem
gen der Endlagerung radioaktiver Stoffe, Elektro- Handbuch verstanden wird, liegt dabei auf der Ori-
smog, Datenschutzprobleme im Internet, Fragen entierung von Entscheidungen ›in der Sache‹: Wie
einer nachhaltigen Energieversorgung, die Proble- sind technische Innovationen und Visionen ethisch
matik der Freisetzung gentechnisch veränderter Or- zu beurteilen und was folgt daraus für anstehende
ganismen, die Diskussion um gentechnisch verän- Entscheidungen, z. B. in Forschungsförderung, Re-
derte Nahrungsmittel und um eine ›technische Ver- gulierung oder Anwendung. Technikethik befasst
besserung‹ des Menschen. Sogar Sorgen um den sich mit der Reflexion über alternative Optionen in
Fortbestand der Menschheit wurden und werden ge- Entscheidungen über Technik, fokussiert dabei auf
äußert (z. B. Jonas 1979). die involvierten moralischen Aspekte und umfasst
Etwa seit dem Jahr 2000 kam es angesichts visio- die ethische Reflexion auf die Bedingungen, Zwecke,
närer Überlegungen in Nanotechnologie und Gen- Mittel und Folgen von Technik und des wissen-
technik zu einer weit ausgreifenden Debatte über die schaftlich-technischen Fortschritts. Insbesondere
›Zukunft der Natur des Menschen‹ (Habermas bilden Technikkonflikte (s. Kap. III.6) und normative
2001), vor allem angesichts der mit diesen Entwick- Unsicherheiten mit ihren moralischen Implikatio-
lungen in den Blick geratenen Möglichkeiten seiner nen ihre Ansatzpunkte und Problemkonstellationen,
›technischen Verbesserung‹ (Grunwald 2007; s. Kap. zu deren Bewältigung sie beitragen soll und will
V.8). Auch andere Felder wie die Synthetische Biolo- (Höffe 1993; Gethmann/Sander 1999; Grunwald
gie oder das Ubiquitous Computing werfen grund- 2008). Diese Konflikte und Unsicherheiten sind
sätzliche Fragen nach den Verhältnissen von nicht nur Kontroversen um technische Artefakte
Mensch, Technik und Natur auf. Diese Debatten und ihre Entwicklung, Herstellung, Nutzung und
übersteigen im engeren Sinne ethische Fragen nach Entsorgung, sondern in ihnen zeigen sich häufig
der Verantwortbarkeit konkreter Technik und be- auch moralische und damit ethischer Reflexion zu-
rühren anthropologische, naturphilosophische und gängliche Fragen bis hin zu Auseinandersetzungen
technikphilosophische Fragen, die gleichwohl Aus- um Zukunftsvorstellungen, Menschenbilder und
druck der genannten Orientierungsprobleme ange- Gesellschaftsentwürfe.
sichts des technischen Fortschritts sind. In dieser Ausrichtung gehört Technikethik offen-
Insgesamt führen, so die übereinstimmende Dia- kundig zur Angewandten Ethik (Nida-Rümelin
gnose der Philosophie, die weiterhin zunehmende 1996). Ihre Themen kommen nicht aus ihr selbst,
Handlungsmacht des Menschen und die wachsende sondern aus einer externen Praxis, seien dies eine öf-
Eingriffstiefe technischer Intervention in Natur und fentliche Debatte, Sorgen von Wissenschaftlern und
Gesellschaft, schließlich auch in den menschlichen Ingenieuren oder der Politik. Technikethik ist eine
Körper und Geist, simultan zu einer Zunahme von typische ›problemorientierte Ethik‹ (Grunwald
Verantwortung (s. Kap. II.6) und der Notwendigkeit 2008) und reagiert auf eine gesellschaftliche Nach-
ethischer Reflexion. Die Entstehung und das rasche frage. Aus dieser bezieht sie ihre Themen, die sie in
Wachstum der Technikethik seit den 1970er Jahren ihrer eigenen Begrifflichkeit rekonstruiert und die
sind Ausdruck dieses Zusammenhangs. Ergebnisse ihrer Reflexion an die Praxis zurück gibt,
in der Erwartung und Selbstverpflichtung, dort zu
einer besseren Bewältigung der Probleme beizutra-
Was ist Technikethik? gen. Technikethik muss spezifisches Wissen über
den Gegenstand ›Technik‹ und über dessen gesell-
Das Aufgabenfeld der Technikethik liegt in den im schaftliche Kontextfaktoren erwerben und einbezie-
Zuge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts hen, um die normativen Unsicherheiten rekonstru-
notwendig entstehenden normativen Unsicherhei- ieren und analysieren zu können. Dies erfordert zum
ten. In der Situation der durch den Fortschritt gestei- einen interdisziplinäre Kooperation mit den Tech-
gerten Kontingenz gilt es, neue Orientierung zu nikwissenschaften, zum anderen die Zusammenar-
schaffen. Aufgabe der Technikethik ist es, die nor- beit mit den Sozialwissenschaften, die das Entstehen
mativen Hintergründe von Technikbeurteilungen von, die Entscheidungsprozesse über und die Ver-
und Technikentscheidungen nach Maßstäben ratio- breitung und Nutzung von Technik empirisch erfor-
naler Argumentation zu rekonstruieren, um auf schen. Je nach technikethischer Herausforderung
4 I. Einleitung und Überblick

kann dies das Wissen über Laborkontexte, über Un- Gegenstand der Technikethik
ternehmensführung, über politische und rechtliche
Prozesse zur Setzung der Rahmenbedingungen für Gegenstand der Technikethik ist nicht Technik für
Technik oder über zivilgesellschaftliche Verhältnisse sich genommen, sondern sind normative Unsicher-
sein, in denen Technik eine Rolle spielt. Technik- heiten im Umgang mit Technik, häufig entstanden
ethik ist daher notwendigerweise ein interdiszipli- im Rahmen des wissenschaftlichen Fortschritts. Da-
närer Dialog und kein Monolog philosophischer mit stellt der Begriff ›Technikethik‹ eine nicht unpro-
Experten, auch wenn deren Expertise eine zentrale blematische Verkürzung dar. Denn es geht strengge-
Rolle spielt. Diese Konstellation ist charakteristisch nommen nicht um eine Ethik der Technik, sondern
für Angewandte Ethik generell in ihren jeweiligen um eine ethische Reflexion des Umgangs mit sowie
›Bereichen‹ (Nida-Rümelin 1996; Stoecker et al. der Folgen und der Gestaltung von Technik. Einer-
2011). seits in konkreten Handlungskontexten, andererseits
Technikethik geht jedoch in dieser Zuordnung aber auch im Sinne genereller Reflexionen über die
zur Angewandten Ethik nicht auf. Es ist eine Eigen- Rolle von Technik in der gegenwärtigen und zukünf-
schaft des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, tigen Entwicklung der Menschheit, in der Verände-
immer wieder konkrete Ergebnisse, aber auch Visio- rung der Verhältnisse von Natur und Technik sowie
nen und Potentiale hervorzubringen, deren ethische von Mensch und Technik. Technik selbst ist nicht der
Reflexion nicht in dem praxisnahen Kontext Ange- Gegenstand der Technikethik, sondern Medium und
wandter Ethik erfolgen kann. Stattdessen werden aus Anlass, über bestimmte menschliche Handlungs-
dem technischen Fortschritt heraus immer wieder kontexte in ethischer Hinsicht zu reflektieren.
›große Debatten‹ angestoßen. Beispiele sind die Dis- Solange Regularien wie Gesetze und Ethikkodizes
kussion zur Zukunft der Natur des Menschen (Ha- oder auch eingespielte informelle Handlungsregeln
bermas) angesichts der in das Blickfeld geratenen im Rahmen eines kulturell verankerten Ethos die
Möglichkeiten seiner ›technischen Verbesserung‹, Beurteilung von Handlungsoptionen und das Tref-
die Auseinandersetzung über das ›Ende der Natur‹ fen von Entscheidungen erlauben, ohne dass es zu
angesichts ihrer fortschreitenden technischen Über- Konflikten oder Unsicherheiten kommt, gibt es kei-
formung, die wieder neu auflebende Debatte über nen Anlass für ethische Reflexion. Anders ist dies in
das Verhältnis von Technik und Leben in der Folge den Fällen mangelnder Akzeptanz von Teilen des
von Fortschritten und Visionen der Synthetischen normativen Rahmens, in Form eines handfesten
Biologie oder auch die Debatte um das Ende der In- Konflikts, von Orientierungslosigkeit oder auch nur
dividualität in der Folge zunehmender Vernetzung einer Unentschiedenheit oder Unentscheidbarkeit.
über elektronische Medien (zum Ubiquitious Com- Dann liegt normative Unsicherheit bereits vor. Sie
puting s. Kap. V.25, zum Internet s. Kap. V.10). Diese kann aber auch als eine zukünftig bloß mögliche
Debatten überschreiten die Randbedingungen und vorgestellt sein, um vorbereitend Orientierungsleis-
Möglichkeiten Angewandter Ethik, indem sie gerade tungen zu erarbeiten. Normative Unsicherheiten sind
nicht auf konkrete Orientierung zur verantwortli- der Ausgangspunkt der Technikethik.
chen Ordnung einer spezifischen Praxis zielen, son- Dabei geht es selten, vielleicht nie um die Technik
dern sehr grundsätzliche Herausforderungen an als solche, sondern immer um Technik in einem
Orientierung und Selbstvergewisserung in den Ver- konkreten Kontext. Ob nun neue Verfahren der Pro-
hältnissen zwischen Mensch, Technik und Natur in thetik zu einer »technischen Verbesserung« des
den Blick nehmen. Hier geht es nicht um diese oder Menschen genutzt werden könnten oder ob Nano-
jene Technik, sondern um die Reflexion bisheriger partikel zu Gefahren für Umwelt und Gesundheit
Perspektiven und Positionen zur Stellung des Men- führen können und inwieweit und nach welchen
schen in der Welt angesichts neuer wissenschaftlich- Kriterien dies zu beurteilen wäre, ist keine Angele-
technischer Möglichkeiten. Es sind beispielsweise genheit der betreffenden Technik als Technik, son-
eher Philosophische Anthropologie (s. Kap. IV.A.3) dern Element eines kontextbezogenen ›sozio-tech-
und theoretische Technikphilosophie gefragt als An- nischen Zusammenhangs‹ (Ropohl 1979). In diesen
gewandte Ethik im engeren Sinne. Die Aufgabe phi- Kontexten lassen sich moralische Aspekte von Tech-
losophischer Reflexion ist in diesen Fragen zualler- nik handlungstheoretisch auf (1) mit Technik ver-
erst die einer Hermeneutik der sich neu oder verän- folgte Ziele, (2) die zur Realisierung eingesetzten
dert stellenden Fragen, weit im Vorfeld konkreter Mittel und (3) die Folgen (einschließlich der nicht in-
ethischer Überlegungen. tendierten Nebenfolgen) beziehen (Grunwald 2012):
I. Einleitung und Überblick 5

(1) Ziele und Zwecke können einen direkten Pro- sikobeurteilung s. Kap. IV.C.7, zum Vorsorgeprinzip
duktbezug haben und z. B. die Sportlichkeit des Au- s. Kap. VI.3)? Soll Ethik nicht nur Reparaturethik
tofahrens oder den Energieverbrauch einer Wasch- (Mittelstraß 1989) sein, muss sie sich auch ex ante
maschine betreffen, sie können sich aber auch auf mit bloß vorgestellten bzw. systematisch antizipier-
gesellschaftliche Aspekte beziehen wie die Schaffung ten, nicht intendierten Folgen befassen. Da Technik-
von Arbeitsplätzen und die Erhöhung des Wohlstan- folgen prospektiv nur begrenzt erkennbar sind (s.
des. Sie sind Ausdruck individueller, korporativer Kap. II.5), führt dies zur Notwendigkeit, dass Tech-
oder gesellschaftlicher Befindlichkeiten mit Bezug nikethik sich mit Beurteilungen und Handeln unter
zu Defizitdiagnosen der gegenwärtigen Situation Unsicherheit befassen muss.
und Erwartungen an zukünftige Entwicklungen und Die ethisch-philosophischen Fragen übersteigen
technik- und technikentwicklungsbezogener Aus- immer wieder die konkreten Überlegungen zu den
druck verschiedenster Moralsysteme. Sie führen zu Folgen der Entwicklung und des Einsatzes einzelner
normativen Unsicherheiten und moralischen Kon- Techniken. Zum Gegenstand der Technikethik ge-
flikten. Darüber, dass es wünschenswert wäre, Alz- hören auch übergreifende Fragen nach den Folgen
heimer heilen zu können oder Körperbehinderten der fortschreitenden Technisierung für Mensch und
durch neuartige Prothesen zu mehr Bewegungsfrei- Gesellschaft, für Menschenbilder und die conditio
heit zu verhelfen, kann kaum ein moralischer Dis- humana, für das Verhältnis zur natürlichen Umwelt
sens bestehen. Das Ziel, eine bemannte Station auf und zum ›Leben‹. Gesellschaftstheoretische, kultur-
dem Mars einzurichten, dürfte erheblich umstritte- philosophische, anthropologische und geschichts-
ner sein, ganz zu schweigen vom Ziel einer ›techni- philosophische Argumentationsmuster verbinden
schen Verbesserung‹ des Menschen. sich hier mit ethischer Reflexion unter dem Ziel, in
(2) Moralisch relevante Instrumente und Mittel der Situation gesteigerter Kontingenz Orientierung
der technischen Entwicklung sind z. B. bestimmte zu schaffen.
Experimentalpraktiken wie Tierversuche (s. Kap.
IV.C.3) oder die Forschung am Menschen, mensch-
lichen Embryos oder Stammzellen oder bestimmte Technikethik als Beratung
Aspekte von Experimenten wie z. B. Freilandexperi-
mente mit gentechnisch veränderten Pflanzen. In Wie weitgehend nun Technikethik Orientierung ge-
der Standortfrage technischer Anlagen  – auch die ben kann, hängt vom übergeordneten Verständnis
Standortwahl gehört zu den Mitteln – tauchen gele- von Ethik ab. Um nicht als bloß subjektive Mei-
gentlich moralische Aspekte auf, wenn z. B. der Ab- nungsäußerung zu moralischen Fragen der Technik,
bau von Rohstoffen oder die Endlagerung von Ab- sondern als inter- und transsubjektiv gültig aner-
fällen in einem Gebiet erfolgen soll, das für indigene kannt zu werden, müssen Orientierungsangebote
Völker einen besonderen kulturellen oder religiösen der Technikethik sich in einem Diskurs bewähren
Status hat. Weiterhin sind die für Technik zu ver- (Gethmann/Sander 1999). Diese Bewährung ist
wendenden natürlichen Ressourcen wie Bodenflä- grundsätzlich daran gebunden, dass in der betref-
che, seltene Metalle oder nicht erneuerbare Energie- fenden Diskursgemeinschaft bestimmte Vereinba-
träger (s. Kap. V.5) unter Aspekten der Zukunftsver- rungen, z. B. über zentrale Begriffe und Diskursre-
antwortung von moralischem Interesse. geln, bereits getroffen worden sind, auf deren Basis
(3) Entwicklung, Produktion, Einsatz und Entsor- sodann ein Diskurs erst stattfinden kann. Je konkre-
gung von Technik haben Folgen über die Zielerrei- ter die zu verhandelnden Fragen sind, desto voraus-
chung hinaus. Hierzu gehören z. B. Risiken techni- setzungsreicher wird der Satz an substantiellen Ver-
scher Entwicklungen für Gesellschaft und Umwelt, einbarungen sein müssen, der bei Eintritt in den
die häufiger Gegenstand der Technikfolgenabschät- Diskurs bereits anerkannt werden muss. Dieser Satz
zung (Grunwald 2010; s. Kap. VI.4) und moralischer sei ›prädeliberatives Einverständnis‹ genannt (Grun-
Erwägungen sind (Durbin 1987; Unger 1993; As- wald 2008 mit Bezug auf Gethmann/Sander 1999).
veld/Roeser 2008; Hansson 2009): Welche Risiken Technikethische Resultate des entsprechenden
werden angesichts der erhofften positiven Folgen Diskurses sind in ihrer Geltung und Reichweite
akzeptiert, wie werden Risiko/Chance-Abwägungen dann an das prädeliberative Einverständnis gebun-
und vergleichende Risikobewertungen vorgenom- den. Daher können sie nur in konditional-normati-
men, wann greift das Vorsorgeprinzip angesichts ven Aussagen bestehen, nämlich in argumentativ
mangelnden Wissens (von Schomberg 2005; zur Ri- prüfbaren Wenn-Dann-Ketten. Dies hat erhebliche
6 I. Einleitung und Überblick

Folgen für die Übertragung technikethischer Orien- zentrales Anliegen der Technikethik – Entscheidun-
tierungsangebote in die gesellschaftliche Praxis. Ob gen treffen andere.
beispielsweise eine konditional-normative Aussage Der Beratungskontext enthält selbst unterschied-
zur Verantwortbarkeit des Einsatzes von Nanoparti- liche Erwartungen. Hierzu gehört die Sensibilisie-
keln in Lebensmitteln praktische Folgen hat, hängt rung von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik
davon ab, ob in dem entsprechenden Feld der Regu- gegebenenfalls auch Wirtschaft (s. Kap. IV.C.8), ge-
lierung die Antezedens-Bedingungen der entspre- genüber involvierten ethischen Fragen. Das mora-
chenden Wenn-Dann-Ketten als gültig anerkannt lisch relevante und möglicherweise konflikthafte im
werden. Wenn ja, folgt daraus, die Konklusion um- häufig vermeintlich rein Technischen zuallererst
zusetzen, und das technikethische Lösungsangebot aufzudecken, ist notwendige Vorbedingung jeder
würde in Praxis überführt. ethischen Reflexion und jeder ethisch aufgeklärten
Die Entscheidung, ob die Antezedentia akzeptiert öffentlichen und politischen Debatte. Die Klärung
werden, ist jedoch nicht Sache der Ethik, sondern da- moralischer Konstellationen und Konflikte ist so-
für ist die Gesellschaft in ihren dafür eigens einge- dann ein entscheidender Beitrag zur Lösung norma-
richteten, beauftragten und legitimierten demokrati- tiver Unsicherheiten, für die die Ethik gleichwohl
schen Institutionen zuständig. Dies meint der ›Pri- immer nur Vorschläge unterbreiten kann. Damit ist
mat der Demokratie vor der Philosophie‹ (Rorty Technikethik Aufklärer, Anreger, Förderer und In-
1998). Technikethik kann nicht Antworten auf die formierer »wirklicher Gespräche« (Schwemmer
Frage geben, was in Fällen normativer Unsicherheit 1986) über Technik und ihre gesellschaftliche Ein-
getan werden müsse. Die Gesellschaft bleibt in Bezug bettung. Vorgestellt werden muss dies in Konzepten
auf Zukunftsentscheidungen und Weichenstellungen der Politischen Philosophie, insofern es um Anlie-
im wissenschaftlich-technischen Fortschritt auf sich gen des Gemeinwesens geht. Dies kann beispiels-
selbst gestellt. Dies wird ihr von der Ethik nicht abge- weise die Ausrichtung an einem pragmatistischen
nommen, sondern Ethik gibt in derartigen Fragen le- Modell des Verhältnisses von Wissenschaft, Öffent-
diglich konditional-normativen Rat, z. B. in demo- lichkeit und Politik sein (Habermas 1968) oder an
kratischen Entscheidungsprozessen. Ethische Exper- seinen Weiterentwicklungen in Richtung auf eine
tise in Situationen normativer Unsicherheit fungiert deliberative Demokratie sein.
als Informierung, Orientierung und Aufklärung der
entsprechenden Debatten und Entscheidungspro-
zesse in normativer Hinsicht, determiniert aber nicht Technikethik und Praxis
deren Ergebnisse. Aufklärung der moralischen Hin-
tergründe, nicht Vorwegnahme von Entscheidungen Die Art und Weise des Praxisbezugs der Technik-
ist das, was aus technikethischer Reflexion folgt. ethik und ihrer Einbeziehung in Debatten zum wis-
Diese Erkenntnis hat Folgen dafür, was berechtig- senschaftlich-technischen Fortschritt hängt stark
terweise von Technikethik erwartet werden darf und von den Kontexten der jeweiligen normativen Unsi-
was nicht erwartet werden sollte. Auf keinen Fall eig- cherheit ab. Dem weiten Spektrum der Themen der
net sich Technikethik als eine Art Genehmigungsbe- Technikethik entspricht die große Vielfalt der prak-
hörde, die so etwas wie ethische Unbedenklichkeits- tischen Konstellationen, in denen sie tätig ist oder
erklärungen ausstellen kann. Technikethische Refle- sein kann. Diese reicht von der Begleitung konkreter
xion mündet nicht in kategorische Aussagen über Laborforschung bis zur Forschungsförderung, von
moralisch richtiges Handeln in technischen Kontex- der Politikberatung bis zu Debatten in den Feuille-
ten und kann z. B. nicht darüber befinden, ob der tons, von der Wirtschaft bis zur Nachhaltigkeitsde-
Einsatz der Kernenergie verantwortbar ist oder batte. Folgende Konstellationen mit je verschiede-
nicht. Darüber muss die Gesellschaft entscheiden, in nen Fragestellungen, Akteurskonstellationen und
öffentlichen Debatten und politischer Entschei- Technikbezügen dürften den größten Teil der Pra-
dungsfindung. Technikethik kann und soll jedoch xisbezüge der Technikethik umfassen.
diese Debatten und Entscheidungsprozesse beraten, Politik: Die Beeinflussung von Technik durch
d. h. insbesondere in Bezug auf die moralischen Hin- staatliche Technikpolitik ist (s. Kap. VI.1), da sie
tergründe aufklären und die Argumentationsstruk- Verbindlichkeiten für jedermann schafft, in einer
turen transparent aufdecken. Beratung an den unter- moralisch pluralistischen Gesellschaft stets eine
schiedlichsten Stellen in der Ausgestaltung des wis- Bühne mit wahrscheinlich auftretenden normativen
senschaftlich-technischen Fortschritts ist ein Unsicherheiten. Beratung durch Technikethik kann
I. Einleitung und Überblick 7

z. B. im Vorfeld politischer Entscheidungen erfolgen, Technikethische Reflexion und ihre Ergebnisse


in denen die Möglichkeit besteht, durch ethische Re- müssen in die jeweils betroffenen Bereiche gesell-
flexion Aufklärungsarbeit hinsichtlich der involvier- schaftlicher Praxis eingebracht werden. Dies kann
ten Normativität zu leisten. Dies betrifft alle Kon- über Ethikkommissionen, rechtliche Kodifizierung
stellationen, in denen staatliches Handeln Technik (s. Kap. VI.2), Ausbildung von Wissenschaftlern und
beeinflusst, vor allem aber Forschungsförderung Ingenieuren (s. Kap. VI.9), Interventionen von Tech-
und Regulierung. nikethikern in öffentlichen Debatten oder durch
Wirtschaft: In der Produktentwicklung werden ihre Mitwirkung in interdisziplinären Entwicklungs-
eine Fülle von Annahmen über spätere Konsumen- projekten erfolgen.
ten der Technik gemacht. In diese gehen Menschen-
bilder und Zukunftsentwürfe über die gesetzten
Ziele und Zwecke der Technik ein, genauso wie auch Einwände gegen Technikethik
Folgenüberlegungen, die einer ethischen Reflexion
zugänglich sind. Insofern normative Unsicherheiten Möglichkeit und Erfolgsaussichten von Technik-
in diesen Bereichen eine Rolle spielen, ist hier ein ethik sind nicht unumstritten, wenngleich ca. seit
Feld für Technikethik. dem Jahr 2000 die Kritik deutlich leiser geworden
Forschung: Ingenieure und Wissenschaftler/innen ist. Häufig wird Kritik aus sozialwissenschaftlicher
sind durch ihre enge Verbindung mit den Prozessen Perspektive vorgebracht und bezieht typische Kon-
der Erforschung, Entwicklung, Produktion, Nut- fliktfelder zwischen Soziologie und Philosophie auf
zung und Entsorgung von Technik in besonderer diesen Bereich (Grunwald 1999). Immer wieder
Weise mit Verantwortungszuschreibungen konfron- wird skeptisch angemerkt, dass die Innovationsge-
tiert (Durbin 1987). Insofern es dort zu normativer schwindigkeit der globalen Technisierung dazu
Unsicherheit kommt – z. B. in Fällen von Konflikten führe, dass die Ethik oftmals der technischen Ent-
zwischen Ingenieuren als Arbeitnehmer und Unter- wicklung ohnmächtig hinterherlaufe und den Cha-
nehmern als Arbeitgeber in der Beurteilung von Si- rakter einer »Fahrradbremse am Interkontinental-
cherheits- oder Umweltfragen –, stellt die Reflexion flugzeug« (Ulrich Beck) habe. Auch sei die Technik-
der moralischen Grundlagen des Handelns ebenfalls entwicklung in der funktional differenzierten und
eine Aufgabe der Technikethik dar (Beispiele in pluralistischen Gesellschaft nicht normativ beein-
Lenk/Ropohl 1993; s. Kap. III.7). flussbar, sondern einer Evolution nach Eigengesetz-
Nutzerverhalten: Nutzer und Konsumenten von lichkeiten unterworfen (Halfmann 1996). Insbeson-
technischen Systemen und Produkten entscheiden dere die Globalisierung verhindere, dass Ethik über-
auf der Basis ihrer individuellen Präferenzen auf haupt Einfluss auf den weiteren Gang des
zwei Weisen mit über Technikentwicklung und -ein- wissenschaftlich-technischen Fortschritts nehmen
satz mit: einerseits über das Kauf- und Nutzerverhal- könne. Vielfach wird auch die Möglichkeit argumen-
ten, andererseits (wenig beachtet) über ihre Äuße- tativer Auseinandersetzung über moralische Fragen
rungen im Rahmen der Marktforschung. Technik- grundsätzlich bezweifelt. Stattdessen könne es, so
ethik kann hier über moralische Implikationen subjektivistische Positionen, nur darum gehen, un-
bestimmter Nutzungsformen aufklären. terschiedliche moralische Positionen und Interessen
Öffentliche Debatte: Über den Gang der techni- auszuhandeln, ohne damit argumentative Ansprü-
schen Entwicklung entscheiden auch öffentliche, che zu erheben (kritisch dazu Gethmann/Sander
d. h. vor allem über Massenmedien laufende Debat- 1999).
ten. So hat die öffentliche Diskussion zur Kernener- Diese Einwände sind wenig spezifisch für Technik-
gie die politische Meinung beeinflusst und damit ethik, sondern stellen generell in Frage, dass Technik-
den Atomenergieausstieg maßgeblich mit herbeige- entwicklung und -nutzung überhaupt in irgendeiner
führt. Ebenso hat die öffentliche Diskussion über Weise intentional gesteuert werden könne. Spezifi-
gentechnisch veränderte Organismen die regulatori- scher auf Technikethik beziehen sich folgende drei
sche Haltung der Europäischen Union und die Ver- Einwände (Grunwald 1999):
ankerung des Vorsorgeprinzips beeinflusst. Auch (1) Ähnlich wie zur Technikfolgenabschätzung
haben die meist medial geführten öffentlichen De- (Grunwald 2010) kommt es auch in Bezug auf Tech-
batten Einfluss auf die Ausgestaltung der politischen nikethik immer wieder zu Vorwürfen oder wenigs-
Rahmenbedingungen mit ihrem indirekten Einfluss tens Befürchtungen in divergierenden Richtungen:
auf Technik. Technikethik könne entweder kleinste mögliche Ri-
8 I. Einleitung und Überblick

siken oder ethische Bedenken aufbauschen oder gar allem unterschiedlichen Zwecken. Ist die Frage z. B.
selbst konstruieren und damit technischen Fort- nach der Verantwortbarkeit des Einsatzes von Nano-
schritt und seine Akzeptanz gefährden; oder aber partikeln in Lebensmitteln eine konkrete Frage im
Technikethik könne moralische Bedenken klein ar- Rahmen von Überlegungen zu Verbraucherschutz,
gumentieren und damit auflösen, vielleicht gar ei- Regulierung, Kennzeichnungspflicht, Selbstver-
nen ethischen ›Persilschein‹ ausstellen. pflichtung von Unternehmen oder individueller
(2) Die Kritik an Verantwortungsethik in der Verantwortung mit ihren jeweiligen ethisch relevan-
Technik arbeitet vielfach mit dem Begriff der ›Ver- ten Hintergründen, so dienen Überlegungen zur
antwortungsverdünnung‹. In einer hochgradig ar- Synthetischen Biologie eher der gesellschaftlichen
beitsteiligen Gesellschaft sei der Begriff der Verant- und ethischen Selbstverständigung und zur herme-
wortung kaum noch sinnvoll einzusetzen, stattdes- neutischen Aufklärung dessen, worum es dabei geht,
sen herrsche eine ›organisierte Unverantwortlichkeit‹ was moralisch auf dem Spiel steht und in welcher
(Ulrich Beck). Verantwortungsethik erschöpfe sich Weise unsere Urteilsbildung herausgefordert werden
in bloßer Rhetorik zum Zweck der Legitimationsbe- können, ohne dass bereits konkrete Maßnahmen
schaffung oder Beruhigung der Öffentlichkeit. Dies einzuleiten wären.
gelte besonders in der Technikentwicklung, die Technikethik ist also als begleitend im Entwick-
heute in komplexen Arbeitsprozessen organisiert ist. lungsprozess zu konzeptualisieren. Sind in sehr frü-
Wenn aber niemand ›verantwortlich‹ sei, komme ei- hen Entwicklungsstufen zunächst nur eher abstra-
ner Verantwortungsethik ihr Adressat abhanden. hierte Überlegungen zu technischen Entwicklungs-
(3) Schließlich wird vielfach die mangelnde Pro- linien möglich und stehen hermeneutische Fragen
gnostizierbarkeit der Technikfolgen thematisiert und dessen, worum es geht, im Vordergrund, so können
daraus abgeleitet, dass eine prospektive ethische Re- gegebenenfalls aber auch bereits wertvolle Hinweise
flexion sich nicht auf belastbares Wissen stützen für den weiteren Entwicklungsweg gegeben werden,
könne (Bechmann 1993). Stattdessen sei sie darauf z. B. durch frühzeitige Hinweise auf mögliche Tech-
verwiesen, mit Wissensbeständen mit einem unkla- nikkonflikte und Wege zur Deeskalation (s. Kap.
ren epistemologischen Status zu operieren und laufe III.6) oder im Hinblick auf Gerechtigkeits- und Be-
Gefahr, sich mit bloßen Spekulationen zu befassen teiligungsfragen (s. Kap. IV.B.9). Im Verlauf der fort-
(Nordmann 2007 am Beispiel der Nanotechnologie). währenden Konkretisierung der Anwendungsmög-
Diese Einwände sind erstens konzeptionell ernst- lichkeiten der jeweiligen Technik in diesem Prozess
zunehmen. Technikethik muss sie reflektieren und und mit entsprechend verbessertem Folgenwissen
darauf reagieren (Grunwald 1999). Dies hat die ist es dann möglich, die zunächst abstrakten Bewer-
stärksten Auswirkungen in Bezug auf die letztge- tungen und Orientierungen durch das jeweils neu
nannte Problematik. Wenn aus dieser der Schluss verfügbare Wissen immer weiter zu konkretisieren.
gezogen würde, dass ethische Reflexion erst dann Auf diese Weise trägt Technikethik durch frühzeitige
unternommen werden könne, wenn das Wissen si- Untersuchungen und Reflexionen zu einem gesell-
cher sei, also die Technikfolgen Realität geworden schaftlichen Lernprozess bei.
und ebenso reale Probleme erzeugt haben, führt dies
jedoch zu der absurden Konsequenz, dass sie grund-
sätzlich strukturell zu spät komme und damit wir- Zum Handbuch
kungslos wäre. Technikethik als ›Reparaturethik‹
(Mittelstraß 1998) bereits eingetretener Schäden Das Handbuch Technikethik ist das erste Handbuch
könnte die Erwartungen an Orientierung nicht ein- dieser Thematik in deutscher Sprache. Technikethik
lösen. im hier gemeinten Sinn zielt primär darauf, durch
Statt jedoch zu fragen, ob Technikethik möglichst ethische Reflexion zu ›richtigen‹ Entscheidungen in
früh oder eher spät, prospektiv oder erst nach Vor- der Sache beizutragen, also in der Gestaltung und
liegen belastbaren Folgenwissens einsetzen sollte, Nutzung von Technik und zum Umgang mit ihren
geht es um Differenzierungen ethischer Reflexion je Folgen. Technik wird als embedded technology von
nach Entwicklungsphase, Problemstellung und Vali- Beginn an in einem gesellschaftlichen Kontext gese-
dität des verfügbaren Folgenwissens. Ethische Refle- hen, in dem bereits von ersten Designüberlegungen
xion fällt konzeptionell und methodisch anders aus, über die Produktion, Nutzung bis zur Entsorgung
ob sie nun angesichts empirisch messbarer oder nur jeweils Entscheidungen zu treffen sind, die eine
vorgestellter Technikfolgen erfolgt, und sie dient vor moralische Dimension haben und damit einer ethi-
I. Einleitung und Überblick 9

schen Reflexion offenstehen oder sie sogar ver- • Technikethik vollzieht sich in der Regel im inter-
langen. In der Technikethik geht es primär um disziplinären Dialog. Professionelle ethische und
›politikpflichtige‹ Elemente an Technik wie z. B. Si- philosophische Expertise bildet das Fundament,
cherheit- und Umweltstandards, den Schutz der das gleichwohl auf interdisziplinäre Kooperation
Bürger vor Eingriffen in Bürgerrechte, Prioritäten- angewiesen ist, sowohl in Richtung Technik als
setzung in der Forschungspolitik, die Gestaltung auch zu Gesellschaftswissenschaften.
von Rahmenbedingungen für Innovation etc., so
wie sie hier verstanden wird. Die diesem Handbuch
vor dem genannten Hintergrund zugrundeliegen- Aufbau und Überblick
den Prämissen können wie folgt zusammengefasst
werden: Die Gliederung des Handbuchs Technikethik folgt
• Technikethik stellt eine Teildisziplin der Ethik einfachen Überlegungen im Nachgang zu dieser
und damit der Philosophie dar; entgegen einem Einleitung.
aktuellen Wortgebrauch, der unter ›Ethik‹ häufig Kapitel II dient der Einführung einiger zentraler
nur noch Befindlichkeiten, Werthaltungen, Präfe- Grundbegriffe der Technikethik. Hierzu gehören
renzen, Runde Tische, Kommissionen oder sons- selbstverständlich der Technikbegriff selbst und der
tige ›weiche‹ Seiten der Technik bezeichnet Begriff der Technikfolgen, die komplementären Be-
• Zwischen Moral und Ethik ist zu unterscheiden: griffe ›Risiko‹ und ›Sicherheit‹ sowie die Begriffe
Während Moralen deskriptiv beschreibbar sind ›Fortschritt‹ und ›Verantwortung‹. Diese werden in
und die faktischen Werthaltungen, Überzeugun- vielen Beiträgen immer wieder aufgenommen.
gen, Handlungsregeln und Präferenzen bezeich- In Kapitel III werden einige geschichtliche Statio-
nen, stellt die Ethik die Reflexionstheorie über nen der Technikethik erläutert mit dem Ziel, die
diese Moralen dar, insbesondere in Konfliktfällen Hintergründe und Motivationen für das Entstehen
• Damit ist der Anspruch verbunden, dass norma- der Technikethik zu beleuchten. Die Beiträge umfas-
tive Sätze, z. B. Technikbeurteilungen, nicht ein- sen die frühe Technikskepsis und -kritik, die Entste-
fach der Sphäre des subjektiven Glaubens und hung des TÜV, das Manhattan-Projekt, die Ge-
Meinens überantwortet, sondern argumentati- schichte des Asbests, die Krise des Fortschrittsopti-
onszugänglich sind (Gethmann/Sander 1999). mismus, Technikkonflikte und die Entwicklung der
• Technikethik ist keine rein akademische Übung, Ingenieursethik.
da sie einen doppelten Praxisbezug hat, indem sie Kapitel IV ist der Technikethik selbst und ihren
ihre Fragen aus der Praxis bezieht und ihre Ant- Grundlagen gewidmet. Letztere bestehen zunächst
worten dorthin zurückgibt. Gleichwohl ist der in den technikphilosophischen Traditionen, ange-
akademisch-professionelle Hintergrund entschei- fangen von der Antike über Marx bis hin zum
dend als kognitives Fundament ihrer Aussagen 20.  Jahrhundert und aktuellen Deutungen der Tech-
und Legitimation. nik. Weiterhin geht es um die ethischen Begrün-
• Technikethik ist einerseits ein Teilgebiet der An- dungsansätze wie Menschenrechte, Klugheitsethik,
gewandten Ethik und ist darauf verwiesen, in ih- Utilitarismus und Nachhaltigkeit sowie die Herstel-
rem ›Bereich‹ (Nida-Rümelin 1996; Stoecker et al. lung von Beziehungen zur Technik. Schließlich wer-
2011) konkret zu wirken. Jedoch wird sie auch den einige Querschnittsthemen der Technikethik
mit Fragen konfrontiert, die darüber weit hinaus- eingeführt und diskutiert wie z. B. Arbeit und
reichen – mit grundsätzlichen Fragen des wissen- Technik, Abfall und Technik, Natur und Technik
schaftlich-technischen Fortschritts, in denen häu- sowie Globalisierung.
fig keine konkrete Orientierungsarbeit, sondern In Kapitel V geht es um konkrete Technikfelder.
hermeneutische Aufklärung gefragt ist. Einerseits kommen die ›Klassiker‹ der Technikethik
• Technikethik kann die Orientierungsfragen zum zu Wort wie Kernenergie, Nanotechnologie, Gen-
technischen Fortschritt nicht selbst beantworten. technik und Internet. Es werden aber auch Felder
Sie kann gesellschaftliche Meinungsbildung und berührt, die in der Technikethik eher selten disku-
politische oder wirtschaftliche Entscheidungs- tiert werden wie die Lebensmitteltechnologien,
prozesse nur beraten. Das Engagement der Tech- Computerspiele, Agrartechnik und Raumfahrt.
nikethik in den gesellschaftlichen und politischen Das abschließende Kapitel VI stellt die Verbin-
Debatten über Technik ist Bedingung ihrer Wirk- dungen der Technikethik in die unterschiedlichen
samkeit, aber keine Garantie. Praxisfelder her. Diese umfassen Technikpolitik und
10 I. Einleitung und Überblick

Politikberatung, rechtliche Kodifikationen wie z. B. Danksagung


im Vorsorgeprinzip, Umsetzungsformen wie Partizi-
pation, Ethikkommissionen und ethische Leitlinien Dieses Handbuch verdankt seine Entstehung der ko-
und Aspekte ethischer Technikbildung. ordinierten Mitwirkung vieler Personen. Zunächst
sei dem Metzler Verlag, insbesondere Frau Ute
Hechtfischer, für die Initiative zu diesem Handbuch
Zum Gebrauch und für die kompetente Betreuung während des ge-
samten Herstellungsprozesses gedankt. Frau Mela-
Dieses Handbuch soll ›zur Hand‹ sein und genom- nie Simonidis-Puschmann hat über die gesamte Ent-
men werden, immer wenn Bedarf nach Information stehungszeit hinweg den Überblick über den Status
zu Teilbereichen der Technikethik besteht. Dies ge- aller Beiträge behalten, ist dabei in der Fülle der E-
schieht durch ein großes und thematisch stark auf- Mails vielleicht manchmal verzweifelt, aber nie
gefächertes Angebot an einzelnen Beiträgen indivi- durcheinander gekommen, und hat auch noch im
dueller Autorinnen und Autoren. Redaktions- und Lektoratsprozess durch viele Hin-
Ein Handbuch ist keine Monographie. Die weise mitgewirkt.
Autorinnen und Autoren bringen im Rahmen des Der größte Dank jedoch gebührt den Autorinnen
oben geschilderten Rahmens der Technikethik ihre und Autoren, die diesem Handbuch die fachliche
je eigenen Begriffe, Konzeptionen, Diagnosen und Substanz geben. Ich war im Vorhinein gewarnt wor-
Perspektiven ein. Eine strikte Vereinheitlichung den, die Aufgabe des Herausgebers zu übernehmen.
etwa der Verwendungsweise von Begriffen wie ›Ri- Das sei ein undankbares Geschäft, man habe es mas-
siko‹ oder ›Verantwortung‹ wäre weder möglich senweise mit säumigen Autoren und schlechten Ent-
noch wünschenswert gewesen, da sie auf Kosten des würfen zu tun, und so manches mehr. Das alles war in
Reichtums der Perspektiven gegangen wäre. Wo not- keiner Weise der Fall. Vielmehr war die Zusammen-
wendig, wurden Hinweise des Herausgebers auf un- arbeit eine Freude, von der ich in vielerlei Weise ge-
terschiedliche Begriffsverwendungen eingefügt. lernt habe. Und es war überhaupt kein Problem, den
Die Autorinnen und Autoren stammen aus unter- von Anfang an vorgesehenen Zeitplan einzuhalten.
schiedlichen Disziplinen und institutionellen Kon- Damit bleibt mir nur noch, den Leserinnen und
texten. In einigen Teilen des Handbuchs, vor allem in Lesern zu wünschen, dass sie in diesem Handbuch
der Entfaltung der Grundlagen der Technikethik, erstens das finden, was sie suchen, und zweitens,
dominiert selbstverständlich die Philosophie. In an- dass sie noch viel mehr darin finden!
deren Bereichen kommen auch andere Wissenschaf-
ten zu Wort, etwa aus der Geschichtswissenschaft, Literatur
Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaft und Technik-
Allhoff, Fritz/Lin, Patrick/Moor, James/Weckert, John
folgenabschätzung, aber auch Natur- und Technik- (Hg.): Nanoethics. The Ethical and Social Implications of
wissenschaft. In Bezug auf die disziplinäre Zusam- Nanotechnology. New Jersey 2007.
mensetzung wohl am buntesten ist das Kapitel zu den Asveld, Lotte/Roeser, Sabine (Hg.): The Ethics of Technolo-
Technikfeldern. Die oben geäußerte Einordnung der gical Risk. London 2008.
Technikethik als interdisziplinäres Gespräch zeigt Bechmann, Gotthard: Ethische Grenzen der Technik oder
technische Grenzen der Ethik? In: Geschichte und Gegen-
sich auf diese Weise auch im vorliegenden Handbuch. wart. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Gesellschafts-
Querverweise innerhalb des Handbuchs schaffen analyse und politische Bildung 12 (1993), 213–225.
Bezüge zu thematisch verwandten Fragen sowie ge- Bogner, Alexander: Ethisierung und die Marginalisierung
meinsame, aber auch möglicherweise divergierende der Ethik. In: Soziale Welt 60/2 (2009), 119–137.
Perspektiven und Herausforderungen hin. Naturge- Dessauer, Friedrich: Philosophie der Technik. Das Problem
der Realisierung. Bonn 1926.
mäß betrifft dies vor allem die Relationen zwischen
Durbin, Paul T. (Hg.): Technology and Responsibility.
den Querschnittthemen und den Beiträgen zu kon- Dordrecht 1987.
kreten Technikfeldern. Aber auch viele andere the- Gethmann, Carl Friedrich/Sander, Torsten: Rechtferti-
matische oder methodische Beziehungen zwischen gungsdiskurse. In: Armin Grunwald/Stephan Saupe
den Beiträgen zeigen, dass jenseits der Unterschied- (Hg.): Ethik in der Technikgestaltung. Praktische Relevanz
und Legitimation. Berlin u. a. 1999, 117–151.
lichkeit und Individualität der Einzelthemen durch-
Grunwald, Armin: Ethik in der Dynamik des technischen
gehende Fragen und Themen einen Zusammenhang Fortschritts. Anachronismus oder Orientierungshilfe?
herstellen, der es letztlich rechtfertigt, von einem In: Christian Streffer/Ludger Honnefelder (Hg.): Jahrbuch
Feld ›Technikethik‹ überhaupt zu sprechen. für Wissenschaft und Ethik 1999. Berlin 1999, 41–59.
I. Einleitung und Überblick 11

– : Orientierungsbedarf, Zukunftswissen und Naturalis- – /Ropohl, Günter (Hg.): Technik und Ethik. Stuttgart 1993.
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– : Auf dem Weg in eine nanotechnologische Zukunft. Philo- tween Engineering and Philosophy. Chicago 1994.
sophisch-ethische Fragen. Freiburg 2008. Mittelstraß, Jürgen: Auf dem Weg zu einer Reparaturethik?
– : Technikfolgenabschätzung. Eine Einführung. Berlin In: Jean-Paul Wils/Dietmar Mieth (Hg.): Ethik ohne
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Michael Zichy/Jochen Ostheimer/Herwig Grimm (Hg.): reichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart
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13

II. Grundbegriffe

1. Technik der Meditation. Das Wort ›Technologie‹ wird häufig


verwendet, um wissenschaftlich hervorgebrachte
oder besonders komplexe Techniken zu bezeichnen,
Zum Begriff aber auch um Technikbereiche übergreifend zusam-
menzufassen. Der englische Sprachgebrauch unter-
Der Technikbegriff geht auf die aristotelische Unter- scheidet technology als Oberbegriff für ingenieurmä-
scheidung von ›natürlich‹ und ›künstlich‹ zurück. ßige und wissenschaftliche Technik von techniques
Während das Natürliche den Grund seines Entste- zur Bezeichnung von geregelten Verfahren.
hens und Werdens in sich selbst trägt, also ›Gewor-
denes‹ ist, bezeichnet techne das künstlich vom Men-
schen im Rahmen herstellender Tätigkeit (poiesis) Technik als Reflexionsbegriff
Hervorgebrachte (zu antiker Technikphilosophie s.
Kap. IV.A.1). Damit wurde der Begriff der Technik Der konstitutive Charakter des ›Gemacht-Seins‹ von
in die Sphäre menschlicher Kultur gestellt (s. Kap. Technik stellt einen unmittelbaren Bezug zwischen
IV.A.5 und IV.C.4). Wenn gelegentlich Honigwaben Technikbegriff und der Zweck-Mittel-Rationalität
oder Termitenbauten als technische Erzeugnisse der her. In der klassischen handlungstheoretischen Deu-
betreffenden Spezies dargestellt werden, handelt es tung dienen Techniken, sowohl geregelte Verfahren
sich bloß um eine metaphorische Redeweise. als auch Artefakte wie Werkzeuge oder Maschinen,
Seit Mitte des 19.  Jahrhunderts wurden in der zu außerhalb ihrer selbst liegenden Zwecken. In die-
Philosophie verschiedene, teils sich ergänzende, teils ser Sicht stellt Technik das »System der Mittel« dar
konkurrierende Technikbegriffe entwickelt (Lenk (Hubig 2002, 28 ff.). Effektivität, also die Aussicht
1973; Rapp 1978; Hubig 2006). Techniksoziologie darauf, die intendierten Zwecke durch den Einsatz
und Technikwissenschaften verwenden eigene und der jeweiligen Technik zu erfüllen, und Effizienz,
selbst oft kontroverse Technikbegriffe. Ein philoso- also ein günstiges Verhältnis der eingesetzten Mittel
phisch und wissenschaftlich durchgehend aner- (z. B. Geld, aber auch Materialien) zur Zweckerrei-
kannter Technikbegriff liegt nicht vor. Auch die chung, sind in diesem Mittelverständnis von Tech-
Technikethik verwendet keinen einheitlichen Tech- nik die wesentlichen Kriterien, wenn eine Entschei-
nikbegriff, sondern verfährt in der Regel pragma- dung zwischen mehreren Techniken zur Erreichung
tisch, indem sie an vorfindliche Sprachgebräuche der Zwecke zu treffen ist. Kosten-Nutzen-Analysen
anschließt. In modernen Begriffsbestimmungen, so prägen diese Sicht auf Technik. Technikbewertung
generell auch in der Technikethik, wird Technik in und Technikfolgenabschätzung (s. Kap. VI.4 und
der Regel nicht als von der Gesellschaft isoliert, son- Kap. VI.6) haben darüber hinaus Technik und ihre
dern in sie eingebettet gefasst. Unter ›Technik‹ wer- Folgen in einen größeren gesellschaftlichen und
den dann technische Artefakte einschließlich der ethischen Zusammenhang gestellt; andererseits ha-
Handlungskomplexe der Technikentwicklung und ben sie die nicht intendierten Folgen der Entwick-
-herstellung (poiesis), der Nutzung und der Entfer- lung und des Einsatzes von Technik systematisch in
nung aus dem Verwendungszusammenhang (z. B. den Blick genommen.
Rezyklierung oder Deponierung) verstanden (Grun- Technik geht handlungstheoretisch jedoch nicht
wald 1998 in Erweiterung von Ropohl 1979). in ihrem Mittelcharakter auf. Denn der Mittelbegriff
In den meisten Bestimmungsversuchen ist eine weist in sich eine reflexive Komponente auf: »Für
zentrale Dualität festzustellen: als ›Technik‹ werden sich gesehen sind Gegenstände oder Ereignisse keine
zum einen hergestellte Artefakte wie Maschinen, Mittel« (Hubig 2002, 10 f.). Der Mittelcharakter er-
Werkzeuge und Infrastrukturen verstanden, zum schließt sich nur reflexiv aus dem Kontext als Be-
anderen aber auch geregelte Verfahren wie chirurgi- standteil einer Zweck-Mittel-Relation, die Interpre-
sche Operationstechnik, mathematische Beweis- tationen und ggf. auch Umdeutungen ausgesetzt ist.
technik oder auch Techniken des Musizierens oder Nicht nur wird neue Technik als Mittel zu vorab fest-
14 II. Grundbegriffe

gelegten Zwecken hergestellt, sondern es werden zu schen im Unterschied zum Gewordensein des Na-
vorhandenen Techniken auch neue Zwecke erfun- türlichen. Dabei kann z. B. auch nach der Rolle des
den, und es kommt zu Zweckumwidmungen. So wie Gewordenen (z. B. natürlicher Ressourcen) im tech-
es verschiedene Mittel zu dem gleichen Zweck geben nisch Gemachten gefragt werden. Diese Unterschei-
kann, kann der gleiche technische Gegenstand Mit- dung wurde von Günter Ropohl angesichts der
tel zu unterschiedlichen Zwecken sein. Die hand- großen und weiter zunehmenden Eingriffstiefe des
lungstheoretische Struktur des Technikbegriffs ist Menschen in die Natur – nach der z. B. Landschaften
daher viel reicher als es das einfache Zweck-Mittel- ebenso Merkmale menschlichen Eingriffs aufweisen
Bild suggeriert. Technikentwicklung und -einsatz wie gezüchtete oder genetisch veränderte Lebewe-
weisen grundsätzlich über die ursprünglich inten- sen – zur These von der Technik als Gegennatur ver-
dierten Zweck-Mittel-Relationen hinaus und bergen schärft (Ropohl 1991).
vielfach sogar ein Überraschungspotential. Innerhalb des Bereichs der Artefakte wird häufig
Daher ist eine ontologische Einteilung der Welt in eine Unterscheidung zwischen dem instrumentellen
technische und nichttechnische Einheiten nicht (Werkzeug-)Charakter von Technik und dem Selbst-
möglich. Stattdessen kann etwas als Technik oder als zweckcharakter der Kunst vorgenommen. Eine
etwas anderes thematisiert werden, und in diesen Waschmaschine und ein Bronzeguss von Ernst Bar-
Thematisierungen kommt es zu Zuschreibungen des lach sind beide Artefakte, werden jedoch üblicher-
Attributs ›technisch‹ (Grunwald/Julliard 2005). An weise in Kunst und Technik unterschieden. Kunst-
den Gegenständen oder Verfahren wird »das Tech- werke sind zwar Artefakte, dienen jedoch der ästhe-
nische« durch die Identifikation von Zweck-Mittel- tischen Anschauung und nicht dem instrumentellen
Zusammenhängen bestimmt. Diese als Technik be- Einsatz für ihnen selbst äußere Zwecke. Gleichwohl
stimmten Gegenstände und Verfahren ist dann zeigt sich der Technikbegriff als Reflexionsbegriff
Technik »zu etwas«. In einem anderen Kontext kann auch hier, denn diese Zuschreibungen sind nicht on-
der betreffende Gegenstand z. B. nicht als Technik, tologisch an den beiden Gegenständen festzuma-
sondern als Kunstwerk, als persönliches Andenken chen: die Bronzestatue kann durchaus als techni-
oder als Ware thematisiert werden. Daher ist der sches Gerät verwendet werden, z. B. um einen Ein-
Technikbegriff kein Sammelbegriff über einzelne brecher niederzuschlagen, und die Waschmaschine
Techniken, sondern stellt einen Reflexionsbegriff dar könnte ein Element in einer modernen Kunst-Instal-
(Janich 2001, 151 f.). Die Reflexion kann auf ver- lation sein.
schiedene Weise erfolgen: als Differenzbestimmung Eine andere, lebensweltlich häufig verwendete
durch unterscheidende Abgrenzung der Technik Unterscheidung lässt besser an den Adjektiven tech-
von Nichttechnik, als Funktionsdeutung durch An- nisch/nichttechnisch erläutern. Es geht um die ›tech-
gabe von (z. B. anthropologischen) Funktionen der nische Rationalität‹, die vielfach, allerdings wenig
Technik, durch Bestimmung ihres Ortes in Hand- spezifisch, mit Kontrollierbarkeit, Berechenbarkeit,
lungskontexten und Kulturen und durch den Bezug Kosten-Nutzen-Denken und kühler Logik assoziiert
auf Reproduzierbarkeit und Regelhaftigkeit. wird. Gegenübergestellt wird ihr die Welt der Emoti-
onen, der Empathie, der Spontaneität und der Über-
raschungen. Gelegentlich wird an dieser Stelle ein
Differenzbestimmungen Gegensatz zwischen der ›kalten‹ Welt des Techni-
schen und der Wärme des Humanen hergestellt.
Durch Unterscheidungen werden Einschließungs- Technikeinsatz im Gesundheitssystem ist hier ein
und Ausgrenzungsverhältnisse definiert: spezifische geeignetes Beispiel. So wird im erstgenannten Sinn
Differenzen (differentiae specificae) zwischen dem in moderne Medizin gelegentlich als technisch-ratio-
Bezug auf den jeweiligen Technikbegriff Ein- und nale ›Apparatemedizin‹ abqualifiziert und mehr
dem Ausgeschlossenen sind zu bestimmen und ge- menschliche Zuwendung und Empathie angemahnt.
ben die Perspektive an, in der diese Unterscheidung
gemacht wird. Ihnen liegt jeweils ein spezifisches Er-
kenntnis- und Unterscheidungsinteresse zugrunde. Funktionsdeutungen
Eine klassische differentia specifica ist die bereits
erwähnte, auf Aristoteles zurückgehende Unter- Funktionszuschreibungen geben Antworten auf Fra-
scheidung zwischen technisch (künstlich) und na- gen, was Technik leistet, wofür sie unverzichtbar ist
türlich. Sie reflektiert das Gemachtsein des Techni- und was ihr spezifischer Beitrag zu historischen
1. Technik 15

oder kulturellen Verläufen ist. Hierbei geht es nicht tes oder des Weltgeistes (Friedrich Dessauer), bzw.
um die Funktionen einzelner technischer Gegen- zur Idee der materiellen Freiheit. José Ortega y Gas-
stände und Verfahren, sondern abstrahierend um set sieht Technik als »Anstrengung, Anstrengung zu
Funktionen ›der Technik‹. Dies kann z. B. in anthro- sparen« (1978, 24). Kulturpessimistische Deutungen
pologischer Perspektive bzw. in soziologischem oder hingegen befürchten in unterschiedlichen Variatio-
ökonomischem Erkenntnisinteresse erfolgen, in de- nen eine aufkommende oder bereits eingetretene
nen der Technik abstrakt eine Funktion und damit Vormacht der Technik oder des technischen Den-
Bedeutung in den jeweiligen Theorien und Diszipli- kens über den Menschen. Beispielsweise sieht Gün-
nen zugeschrieben wird. ther Anders (1956) den modernen Menschen hilf-
Die Deutung der Technik als anthropologische und aussichtslos hinter seinen eigenen technischen
Notwendigkeit geht von der Prämisse des Menschen Geschöpfen herlaufen, gegenüber denen er bereits
als Mängelwesen aus (Gehlen 1962; Ortega y Gasset hoffnungslos antiquiert sei. Martin Heidegger
1978; s. Kap. IV.A.3). Technik dient danach der Per- (1953) sieht Technik in der Moderne als Ausdruck
fektion des Menschen und kompensiert dessen un- der existenziellen Situation des modernen Men-
vollkommene natürliche »Grundausstattung«. Sie ist schen, in der alles zum ›Gestell‹ werde. Herbert Mar-
Organersatz, Organverlängerung und Organüber- cuse, auf dem Boden der Kritischen Theorie (s. Kap.
bietung (Kapp 1978). Technik ist Konkretisierung IV.A.6), diagnostiziert das Aufkommen ökono-
und Objektivierung von Körperfunktionen. Sie er- misch-technischer Systeme, die die Menschen in-
laubt in weitestem Sinn die Weltbemächtigung, in- strumentalisieren und unterjochen, und gegen die
dem sie unvollkommene Handlungsmöglichkeiten es nur die Verteidigung durch eine, freilich sehr un-
des Menschen ergänzt. Dabei wird sowohl die Funk- spezifisch gehaltene ›große Weigerung‹ gebe (1967).
tion der Technik zur Erweiterung der individuellen Freilich ist zu allen diesen Deutungen nicht nur
Fähigkeiten des Menschen gesehen als auch ihr Bei- zu sagen, dass sie mit starken Voraussetzungen und
trag in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht. Interpretationen operieren (Lenk 1973), sondern
Auch Kulturtechniken wie Schrift und Sprache und auch, dass sie in der Regel zum Begriffsverständnis
die staatliche Organisationsform werden als Funkti- von ›Technik‹ wenig beitragen. Denn um Funktio-
onsbestandteile der technischen Kultur bezeichnet nen, seien es intendierte oder sich erst allmählich in
(Kapp 1978). der historischen Entwicklung zeigende, zu bestim-
In soziologischer Perspektive wird Technik vorwie- men, muss vorab bereits eine Bestimmung von
gend als Medium der Kommunikation aufgefasst ›Technik‹ erfolgt sein. Diese bleibt jedoch in fast al-
(z. B. Halfmann 1996, 109–147). Demnach dient die len derartigen Deutungen intransparent.
Technik der Entlastung von fortwährender Refle-
xion auf den Sinn alltäglicher Handlungen. Routine-
bildung und daran anschließende Kommunikatio- Technik als Medium
nen reduzieren Kontingenz und eröffnen Anschluss-
möglichkeiten. In ökonomischer Perspektive wird die Gegenwärtig wird Technik vielfach als Medium
Funktion von Technik als wesentlicher gesellschaft- (Gamm 2002; Hubig 2006), z. B. als »instrumentelles
licher Produktivkraft betont (zur Marxistischen Vermittlungsverhältnis von Gesellschaft und Natur«
Technikphilosophie s. Kap. IV.A.2), die in geschichts- (Krämer 1982, 10) begriffen (s. Kap. IV.A.8) oder,
philosophischen Konzeptionen wiederum aufge- Ernst Cassirer (1985) folgend, als Form menschli-
nommen wird, um Gedanken über die Zukunft der chen Handelns (Gutmann 2003, 54 ff.) diskutiert.
menschlichen Entwicklung anzustellen (z. B. Bloch Technik ist danach Medium der Weltaneignung
1934). (z. B. durch Werkzeuge), aber simultan auch eine
Geschichts-, kultur- oder sozialphilosophische Funk- Form menschlichen Handelns, die bestimmte As-
tionsbestimmungen stellen ›die Technik‹ in den Zu- pekte des Verhältnisses des individuellen Handelns
sammenhang der menschlichen Zivilisationsent- zur Gemeinschaft thematisiert, insbesondere im
wicklung. Die ältere Technikphilosophie, wie bei Rahmen der gesellschaftlichen Reproduktion. Die
Ernst Zschimmer (1914) und Friedrich Dessauer Deutung von Technik in der Perspektive der klassi-
(1926) prägt eine optimistische bis euphorische Hal- schen Theorie der Zweckrationalität im Rahmen ei-
tung gegenüber den Möglichkeiten der Technik: ner Subjekt-Objekt-Gegenüberstellung wird dabei
Technik wird im Extremfall zur »Selbsterlösung« des überschritten. Technik stellt nicht mehr ein En-
Menschen bzw. zum Ausdruck des göttlichen Geis- semble technischer Artefakte und Verfahren dar,
16 II. Grundbegriffe

sondern eben ein Medium, mit dessen Möglichkei- begriff als Reflexionsbegriff auf die Reichweite die-
ten, aber auch in dessen Grenzen und Restriktionen ses Geltungsbereichs verstanden werden, wobei das
die individuellen wie gesellschaftlichen Prozesse ›Ideal des Technischen‹ auf der Seite maximaler In-
stattfinden und Rückwirkungen wiederum auf die- varianz liegt (Grunwald/Julliard 2005). In diesem
ses Medium haben. Sinne nimmt die Unterscheidung des Technischen
Die Ausgangsbeobachtung ist, dass Technik eine vom Nicht-Technischen den Bogen vom historisch-
systemische, die gesamte Lebenswelt des Menschen singulären Einmaligen (nichttechnischen) bis zum
umspannende und prägende Dimension ausgebildet beliebig oft und streng Reproduzierbaren in den
habe. Der Mensch begegne nicht mehr einzelnen Blick und fragt nach der Position eines gerade be-
technischen Artefakten als solchen, sondern bewege trachteten spezifischen Handlungskontextes in die-
sich in einer technisch grundlegend präformierten sem Kontinuum.
›Zweiten Natur‹ oder in einer ›technologischen Tex- Diese Deutung des Technikbegriffs ermöglicht es,
tur‹ (Grunwald/Julliard 2005). Die Metapher der den Blick weit über die ›Ingenieurtechnik‹ hinaus
Textur bezeichnet ein Geflecht von Interdependenz- auf die Funktionen und Ambivalenzen ›des Techni-
beziehungen, die einerseits gesellschaftliche Praxen schen‹ in Kultur und Gesellschaft zu richten. Die
und andererseits materielle und soziale Techniken Wiederholbarkeit von Handlungsschemata, z. B. in
umfassen. Bei Infrastrukturtechniken kann die Ver- Verfahren, und das Reproduzieren von Zuständen
webung soweit gehen, dass ihre Auslösung aus der sind unzweifelhaft ein Element technischer Arte-
gesellschaftlichen Praxis nicht mehr möglich ist, fakte, in Herstellung, Nutzung und Entsorgung. Re-
ohne den Lebensvollzug einer Gesellschaft insge- gelhaftigkeiten sind jedoch auch in sozialen Kontex-
samt zu gefährden. Die Rede vom Internet als dem ten etabliert. Institutionen stellen geregelte Hand-
›Nervensystem‹ der modernen Gesellschaft ist ein lungszusammenhänge dar, die Verlässlichkeit und
aktuelles Beispiel dieser Verwebung. Das Ubiquitous Erwartungssicherheit erzeugen. Insofern die Refle-
Computing (s. Kap. V.25), die Schaffung einer Welt, xion auf das Technische in Handlungen und Ent-
in der wir von Technik umgeben sind, ohne diese scheidungen auf Regelhaftigkeiten bezogen wird,
noch zu bemerken, wäre in gewisser Weise eine Voll- thematisiert sie Verlässlichkeiten, Berechenbarkei-
endung des Gedankens einer zweiten, d. h. vollstän- ten und Erwartungssicherheiten als Grundlagen ko-
dig technisch gewordenen Natur. operativen Handelns (Claessens 1993). Regeln des
Handelns, sei dies im Zusammenhang mit inge-
nieurhafter Technik oder in Form regelgeleiteter
Technik als Reflexion Institutionen, entlasten davon, ständig in jeder
auf Regelhaftigkeit Situation von Grund auf neu über Handlungsmög-
lichkeiten, Handlungsnotwendigkeiten und Hand-
Technische Artefakte und Verfahren einschließlich lungsrationalität nachdenken zu müssen.
der daran anschließenden menschlichen Hand- Regelhaftigkeit ist allerdings ambivalent. Einer-
lungsweisen sind durch ein hohes Maß an Regelhaf- seits bedarf die Sicherung kultureller Vollzüge der
tigkeit und Reproduzierbarkeit geprägt. Regelhaftig- Regelhaftigkeit, andererseits kann letztere eine Be-
keit ist ein zentrales Merkmal des Technischen. drohung von Freiheit und Individualität werden.
Technische Regeln prägen Entwicklung und Herstel- Das Regelhafte bzw. Geregelte muss mit dem (histo-
lung von Technik und sind zentrales Element der risch) Einmaligen und den Möglichkeiten, außer-
Wissensweitergabe in Technikwissenschaften und halb etablierter Regeln zu operieren, in einer ausge-
Handwerk. Regeln prägen aber auch den Gebrauch wogenen Balance stehen. Widerstand gegen Technik
von Technik, z. B. durch Bedienungsanleitungen ist häufig nicht bloß Widerstand gegen technische
oder aus der Erfahrung im Umgang mit konkreten Artefakte, sondern verweist auf einen Grundzug
Artefakten heraus. Diese Regeln sind mehr oder we- menschlicher Gesellschaften: auf die Ambivalenzen
niger kontextabhängig. Der Grad der Universalität zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Sponta-
der Regeln des technischen Funktionierens sagt et- neität und Regelhaftigkeit, zwischen Planung als Er-
was aus über Situationsinvarianz oder Kontextab- öffnung von Handlungsoptionen und einer ›Verpla-
hängigkeit entsprechender Zweck-Mittel-Relatio- nung‹ als Schließung von Optionen.
nen. Technische Regeln und die Regeln des Ge-
brauchs von Technik sind gültig in je einem
Geltungsbereich. Entsprechend kann der Technik-
1. Technik 17

Technik, Technikwissenschaften Literatur


und Naturwissenschaften Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I:
Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revo-
Moderne Technik ist aus handwerklichen Anfängen lution. München 1956.
entstanden. Technikentwicklung wurde seit dem Banse, Gerhard/Grunwald, Armin/König, Wolfgang/Ro-
pohl, Günter (Hg.): Erkennen und Gestalten. Eine Theorie
19.  Jahrhundert rasch verwissenschaftlicht, vor al- der Technikwissenschaften. Berlin 2006.
lem in den neu gegründeten Technischen Hoch- Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a. M. 1934.
schulen mit eigenen Ausbildungsgängen und später Cassirer, Ernst: Form und Technik. In: Ders.: Symbol, Tech-
mit einem eigenen Doktortitel. Die Verwissenschaft- nik, Sprache. Hamburg 1985, 39–90.
lichung erlaubte eine systematische Zusammen- Claessens, Dieter: Das Konkrete und das Abstrakte: soziolo-
gische Skizzen zur Anthropologie. Frankfurt a. M. 1993.
schau des Wissens, eine erhebliche Verbesserung Dessauer, Friedrich: Philosophie der Technik. Das Problem
seiner Weitergabe und eine effizientere Erforschung der Realisierung. Bonn 1926.
neuer technischer Möglichkeiten. Gamm, Gerhard: Technik als Medium. Grundlinien einer
Vielfach wird die These geäußert, Technik sei an- Philosophie der Technik. In: Ders.: Nicht Nichts. Frank-
furt a. M. 2002, 275–307.
gewandte Naturwissenschaft und folge in ihren tech- Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung
nischen Realisierungen dem naturwissenschaftli- in der Welt. Frankfurt a. M./Bonn 71962.
chen Erkenntnisprozess. Diese These impliziert so- Grunwald, Armin: Technisches Handeln und seine Resul-
wohl eine zeitliche als auch eine logische Reihenfolge tate. Prolegomena zu einer kulturalistischen Technik-
von Erkennen und Gestalten. Sie ist jedoch nicht philosophie. In: Dirk Hartmann/Peter Janich (Hg.): Die
kulturalistische Wende. Frankfurt a. M. 1998, 177–223.
haltbar (Banse et al. 2006). Zwar sind naturwissen- – /Julliard, Yannick: Technik als Reflexionsbegriff – Über-
schaftliche Erkenntnisse für die Technikwissenschaft legungen zur semantischen Struktur des Redens über
wichtig und unverzichtbar, aber dies gilt auch um- Technik. In: Philosophia naturalis Jg. 42 (2005), 127–157.
gekehrt (s. Kap. IV.A.5). Die Naturwissenschaften Gutmann, Mathias: Technik-Gestaltung oder Selbst-Bil-
dung des Menschen? Systematische Perspektiven einer
sind keine kontemplative Versenkung in die Natur,
medialen Anthropologie. In: Armin Grunwald (Hg.):
sondern bestehen aus experimentellem, intervenie- Technikgestaltung zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
rendem und manipulierendem Handeln, das ohne Berlin u. a. 2003, 39–69.
Technik nicht denkbar ist. Ein Extrembeispiel sind Halfmann, Jost: Die gesellschaftliche Natur der Technik. Op-
die großtechnischen Anlagen der Elementarteil- laden 1996.
Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre [1953]. Neu-
chenphysik wie der Large Hadron Collider (LHC) am druck, Stuttgart 2002.
CERN. Unmittelbar erkennbar ist dies aber auch in Hubig, Christoph: Mittel. Bibliothek dialektischer Grundbe-
den modernen Biowissenschaften und in der medi- griffe. Bd. 1. Bielefeld 2002.
zinischen Forschung. Daher besteht zwischen Tech- – : Die Kunst des Möglichen. Grundlinien einer Philosophie
nik und Naturwissenschaft kein einseitiges, sondern der Technik, Bd. 1: Philosophie der Technik als Reflexion
der Medialität. Bielefeld 2006.
generell ein Wechselverhältnis (Banse et al. 2006). Janich, Peter: Logische Propädeutik. Weilerswist 2001.
In der neueren Diskussion wird häufig darauf Kapp, Ernst: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur
hingewiesen, dass die Unterscheidung zwischen Na- Entstehung der Cultur aus neuen Gesichtspunkten
tur- und Technikwissenschaften zusehends proble- [Braunschweig 1877]. Neudruck Düsseldorf 1978.
Krämer, Sibylle: Technik, Gesellschaft und Natur. Versuch über
matisch wird. Die Abhängigkeit des naturwissen- ihren Zusammenhang. Frankfurt a. M./New York 1982.
schaftlichen Fortschritts von der Verfügbarkeit kom- Lenk, Hans: Zu neueren Ansätzen der Technikphilosophie.
plexer Technik nimmt zu, z. B. im Hinblick auf die In: Hans Lenk/Simon Moser (Hg.): Techne Technik Tech-
immer größeren Anforderungen an die rasche Erhe- nologie. Pullach 1973, 198–231.
bung, Verarbeitung, Auswertung und Speicherung Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Neuwied/
Berlin 1967.
riesiger Datenbestände. Umgekehrt sind die Tech- Rapp, Friedrich: Analytische Technikphilosophie. Freiburg/
nikwissenschaften immer stärker auf enge Koopera- München 1978.
tion mit den Naturwissenschaften und auf den dor- Ropohl, Günter: Eine Systemtheorie der Technik. Zur Grund-
tigen Fortschritt angewiesen, vorwiegend im Be- legung der Allgemeinen Technologie. Frankfurt a. M. 1979.
– : Technologische Aufklärung. Beiträge zur Technikphiloso-
reich der sogenannten new and emerging science and
phie. Frankfurt a. M. 1991.
technology (NEST). Entsprechende Forschungsfel- Ortega y Gasset, José: Betrachtungen über die Technik.
der wie die Nanotechnologie und die Synthetische Stuttgart 1978.
Biologie werden vielfach, einem Vorschlag von Zschimmer, Ernst: Philosophie der Technik. Vom Sinn der Tech-
Bruno Latour folgend, als Technowissenschaften nik und Kritik des Unsinns über die Technik. Jena 1914.
(technosciences) bezeichnet. Armin Grunwald
18 II. Grundbegriffe

2. Risiko eindeutig. Zunächst wird ›Risiko‹ häufig in einer


umfassenden Bedeutung gebraucht, um Entschei-
dungssituationen zu kennzeichnen, in denen eine
Begriffsgeschichte mögliche Handlung ex ante, also zum Entschei-
dungszeitpunkt, zu mindestens zwei verschiedenen
Der Risikobegriff ist in modernen Gesellschaften all- Konsequenzen führen kann, wobei ex post nur eine
gegenwärtig. Risiken bzw. risikobehaftete Handlun- dieser möglichen Konsequenzen tatsächlich eintre-
gen sind ganz selbstverständlich Bestandteil der all- ten kann. Zudem muss das situationsbezogene Ent-
täglichen Praxis. Ein Blick in die Begriffsgeschichte scheiden bzw. Handeln eines Akteurs entweder für
verdeutlicht, dass dies nicht immer der Fall war, son- die Realisierung oder aber für Art oder Ausmaß
dern dass ›Risiko‹ bzw. das Attribut ›risikobehaftet‹ mindestens einer der Konsequenzen relevant sein.
als Bezeichnung einer Kategorie von Handlungen Die potentiellen Ergebnisse einer so beschriebenen
oder Handlungsweisen ein neuzeitliches Phänomen Risikosituation, also die möglichen Konsequenzen,
ist, das in traditionalen Gesellschaften entweder un- können dann qualitativ (als Nutzen oder Schaden)
bekannt oder doch nur in sehr viel geringerem Maße und gegebenenfalls auch quantitativ (in der Höhe
verbreitet war. Mit dem Auftreten des Risikobegriffs des Nutzens oder im Ausmaß des Schadens) spezifi-
als Kategorie der Handlungsbeschreibung ging die ziert werden. Auch kann jeder dieser möglichen
Ablösung vormoderner Denkmuster einher. Konsequenzen – zumindest prinzipiell und ggf. nur
Als von anderen Arten der Unsicherheitswahr- approximativ  – jeweils eine positive Eintrittswahr-
nehmung unterscheidbarer Begriff ist ›Risiko‹ spätes- scheinlichkeit zugeordnet werden. Wesentlich da-
tens am Ausgang des Mittelalters, d. h. im frühen bei ist, dass die einzelnen Eintrittswahrscheinlich-
14. Jahrhundert, in den italienischen Handelsstädten keiten der Konsequenzen jeweils geringer als 1 sind,
bzw. Stadtstaaten nachweisbar (vgl. Bonß 1995, 49). wobei die Summe der Wahrscheinlichkeiten aller
Der Risikobegriff stand hier in enger Verbindung mit möglichen Konsequenzen 1 sein muss. Eine derart
dem zeitgenössischen Fern- und insbesondere See- beschriebene risikobehaftete Entscheidungssitua-
handel, der zu damaliger Zeit ein weitaus unsichere- tion ist somit folgendermaßen definiert: Mindestens
res Unterfangen war als heutzutage. Die Bezeichnung eine der Entscheidungsalternativen ist über Ein-
des Verlusts von Handelsgütern als ›Risiko‹ ist inso- trittswahrscheinlichkeiten mit mehr als einer Kon-
fern bemerkenswert, als damit implizit die Position sequenz verbunden. Unter diesen umfassenden Be-
eines rationalen Akteurs eingenommen wird, der die griff des Risikos fallen also alle unsicheren Entschei-
Unwägbarkeiten der wirtschaftlichen Aktivitäten dungssituationen, das heißt alle Entscheidungen
nicht mehr als schicksalhaft hinzunehmende Ereig- unter Unsicherheit.
nisse, sondern als (mehr oder weniger) kalkulierbare Der Risikobegriff wird aber auch in einem deut-
Unsicherheiten betrachtet. Die mit dem Risikobegriff lich engeren Sinne verwendet, wobei zwei Weisen
gegebene Einordnung von Ungewissheiten als prinzi- dieser Verengung unterschieden werden können.
piell planbare Größen setzte ein bestimmtes Natur- Zum einen wird ›Risiko‹ insofern als ein spezifischer
und Selbstverständnis voraus, »das für die Vormo- Fall von Unsicherheit aufgefasst, als eine ›risikobe-
derne cum grano salis untypisch bis befremdlich« haftete‹ Entscheidungssituation sich dadurch aus-
(Bonß 1995, 51) war. Seit den ersten Nachweisen des zeichne, dass sämtliche Wahrscheinlichkeiten mög-
Risikobegriffs in der italienischen Handelsschifffahrt licher Konsequenzen präzise zu benennen seien. In
ist eine enge Verbindung zwischen Risiko und ratio- einer solchen Differenzierung zwischen Unsicher-
naler Handlungsplanung gegeben, die – gewisserma- heit und Risiko verbirgt sich allerdings eine wahr-
ßen als Vorbote eines neuzeitlichen Rationalitätsver- scheinlichkeitstheoretische Problematik, weil diese
ständnisses – die Bedeutung von Erklärungsmustern Unterscheidung bei Zugrundelegung eines subjekti-
wie Schicksal oder anderen nicht kalkulierbaren Ein- vistischen oder personalistischen Wahrscheinlich-
flussgrößen für den Handlungserfolg zurückdrängte. keitsbegriffs keinen Sinn macht.
Der Risikobegriff wird in einem zweiten Sinne
verengt, wenn er sich lediglich auf solche Konse-
Semantik quenzen einer unsicheren Entscheidungssituation
bezieht, die als schädlich bewertet werden. Damit
So verbreitet die Rede von Risiken in der Gegenwart einher geht in der Regel eine Gegenüberstellung der
ist, die Bedeutung des Begriffs ›Risiko‹ ist nicht Begriffe ›Risiko‹ und ›Chance‹. Die Risiken einer
2. Risiko 19

Entscheidungssituation kennzeichnen dann ledig- ein Risiko nur in Verbindung mit Entscheidungen
lich Unsicherheiten hinsichtlich derjenigen mögli- bzw. Handlungen konkreter Akteure bestehen kann.
chen Konsequenzen, die negativ bewertet werden. Bestimmte potentielle Konsequenzen sind nur dann
Unsichere Konsequenzen einer Entscheidungsalter- als Risiken zu qualifizieren, wenn sie entweder durch
native, die positiv bewertet werden, werden demge- das Handeln von Akteuren hervorgerufen werden,
genüber unter dem Begriff der Chance subsumiert. oder aber wenn das Wissen um sie die Möglichkeit
Ein Beispiel dieser Begriffsverwendung ist etwa die schafft, die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung
Thematisierung der ›Chancen und Risiken der Gen- oder aber das Ausmaß ihrer Folgen durch entspre-
technologie‹. chendes Handeln zu beeinflussen. Risiken haben
Gegen eine Verengung des Risikobegriffs auf den demnach stets einen Entscheidungs- bzw. Hand-
Spezialfall einer über die Angabe exakter Werte für lungsbezug. Dies ist jedoch nicht in dem Sinne zu
Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten in quanti- verstehen, dass die Risiken, denen sich eine Person
tativer Hinsicht vollständig beschreibbaren Ent- ausgesetzt sieht, lediglich auf die Handlungen dieser
scheidungssituation spricht zunächst, dass ein sol- Person bezogen sein können und dass andernfalls
ches Vorgehen den Risikobegriff bei konsequenter von Gefahr zu sprechen wäre (anders: Luhmann
Anwendung fast vollständig aus der Lebenswelt ver- 1991, 117). Allerdings schließt es der Akteursbezug
drängen würde. Eine resultierende Risikotheorie von Risiken aus, beispielsweise das Eintreten be-
würde nur eine sehr begrenzte praktische Relevanz stimmter Naturkatastrophen als solche als Risiko zu
entfalten und wäre gezwungen, den Großteil unse- werten: »Das Risiko erwächst aus Entscheidungssi-
res alltäglichen Sprachgebrauchs abzulehnen. Wird tuationen, nicht aus der – isoliert gedachten – Mög-
der Risikobegriff hingegen als allgemeine Bezeich- lichkeit des Eintretens ungewisser, zufälliger Ereig-
nung eines Kontinuums unsicherer Entscheidungs- nisse. Aus dem möglichen Eintritt etwa einer Natur-
situationen zwischen den Extremen ›reines Risiko‹ katastrophe als solcher folgt noch keinerlei Risiko.
und ›vollständige Ungewissheit‹ aufgefasst, so stellt Erst mit dem möglichen Hineinwirken eines solchen
die versicherungsmathematische Formel [Risiko = Ereignisses in den Entscheidungsvorgang […]
Schadenswert x Eintrittswahrscheinlichkeit] den Ex- kommt das Risiko zur Entstehung« (Philipp 1967,
tremfall des ›reinen Risikos‹ dar. 6). So ist es beispielsweise nicht sinnvoll, undifferen-
Wie die Formel zeigt, ist die Beschränkung des ziert von einem Erdbebenrisiko zu sprechen. Die
Risikobegriffs auf negativ bewertete mögliche Kon- Entscheidung hingegen, in einem Gebiet mit be-
sequenzen insbesondere dann anzutreffen, wenn Ri- kannt starker seismischer Aktivität zu bauen oder
siko als in quantitativer Hinsicht vollständig be- ganz allgemein auf eine Anpassung der eigenen,
schreibbarer Extremfall unsicherer Konsequenzen d. h.  der individuellen oder kollektiven bzw. politi-
betrachtet wird. Im Hinblick auf eine rationale schen Praxis im Hinblick auf dieses Wissen zu ver-
Handlungsbewertung erscheint es allerdings nicht zichten, ist als riskant zu bezeichnen.
sinnvoll, von einer risikobehafteten Entscheidung zu Da nicht alle potentiellen Konsequenzen, die aus
sprechen, wenn diese nicht in Verbindung mit einem einer Risikosituation resultieren können, notwendi-
wie auch immer gearteten Vorteil steht. Wird also gerweise lediglich das Individuum oder das Kollektiv
davon ausgegangen, dass Risiken auf die Entschei- betreffen, das als Urheber dieses Risikos betrachtet
dungen von Akteuren zurückzuführen sind, so be- werden kann, sondern vielmehr einige Konsequen-
dingt dieser Akteursbezug, dass eine rationale Risi- zen den Risikourheber, andere hingegen unbeteiligte
koentscheidung das Ergebnis einer Abwägung von Dritte treffen können, ist eine weitere Differenzie-
Nutzen und Schaden darstellt, wobei mindestens rung zur Markierung des Bereichs normativer Risiko-
eine dieser zu bewertenden Konsequenzen mit Unsi- theorie sinnvoll: Risiken sind zu unterscheiden in
cherheit behaftet ist. Wo rationale Akteure Risiken individuelle und übertragene. Mit ersteren sind solche
eingehen, bestehen immer auch Chancen – zumin- Risiken gemeint, die ein Individuum selbst eingeht,
dest aus der Perspektive des Akteurs zum Entschei- ohne dass irgendwelche Externalitäten entstehen.
dungszeitpunkt. Risiken werden vernünftigerweise Wird vorausgesetzt, dass es Individuen als Ausdruck
um der Chancen willen eingegangen (s. Kap. IV.C.7). ihrer Autonomie grundsätzlich frei steht, Risiken für
Ein umfassender Risikobegriff trägt dem Ak- sich selbst einzugehen, so sollten lediglich solche
teursbezug von Risiken sowie dem weiten lebens- Risikosituationen Gegenstand der ethischen Refle-
weltlichen Bereich risikobehafteten Handelns Rech- xion sein, in denen die potentiellen oder sicheren
nung. Der Akteursbezug von Risiken besagt, dass Kosten risikobehafteter Entscheidungen bzw. Hand-
20 II. Grundbegriffe

lungen nicht vollständig bei dem Entscheider anfal- Ein weiterer Begriff, der in normativen Debatten
len, die also Externalitäten aufweisen. Im normativen um Risiko regelmäßig präsent ist, ist der eines ›Rest-
Sinne relevante Risiken sind somit dadurch gekenn- risikos‹. In seinem als »Kalkar I« bezeichneten
zeichnet, dass sie Externalitäten aufweisen: Einzelne Beschluss vom 8. August 1978 über die Zulässigkeit
Individuen oder Kollektive haben Risiken zu tragen, der Genehmigung eines Kernkraftwerks vom Typ
ohne als deren (Mit-)Urheber gelten zu können. »Schneller Brüter« auf der Grundlage von § 7 des
Aufgrund seiner starken Rezeption darf hier ne- »Gesetzes über die friedliche Verwendung der Kern-
ben den bereits erwähnten soziologischen Beiträgen energie und den Schutz gegen ihre Gefahren«
Wolfgang Bonß’ und Niklas Luhmanns nicht der (AtomG) äußerte sich das Bundesverfassungsgericht
Verweis auf die Risikogesellschaft Ulrich Becks ausdrücklich auch zur Frage eines von der allgemei-
(1986) fehlen. Allerdings ist kritisch anzumerken, nen Risikoabwägung zu unterscheidenden Restrisi-
dass Beck sich dort einer überzeugenden Begriffs- kos. Im Unterschied zu einer Sichtweise zeitgenössi-
arbeit enthält und nicht mit einer klaren und ana- scher Soziologen, wonach der Risikobegriff dazu
lytisch einsichtigen Terminologie operiert. Sein diene, Ungewissheiten in Gewissheit zu überführen,
Verständnis von Risiko ist infolge einer in der zeitge- stellte das Gericht dabei zunächst fest, dass die Exis-
nössischen Soziologie weit verbreiteten rationalitäts- tenz eines Restrisikos keineswegs zu verwechseln sei
kritischen Haltung mit der hier dargestellten Sicht- mit der Inkaufnahme eines Restschadens. Zwar lasse
weise weitgehend unvereinbar. das Gesetz Genehmigungen von Kernkraftanlagen
auch dann zu, »wenn die Wahrscheinlichkeit eines
künftigen Schadens nicht mit letzter Sicherheit aus-
›Gefahr‹ und ›Restrisiko‹ zuschließen ist« (BVerfGE 49, 89 [137]), jedoch sei
das Maß an Unbestimmtheit, das bei solchen Risiko-
Eine klare Abgrenzung der Begriffe ›Risiko‹ und beurteilungen verbleibt, insofern unvermeidlich, als
›Gefahr‹ spielte in der umfänglichen Literatur zur es in der Natur des menschlichen Erfahrungswis-
Risikoforschung lange Zeit keine nennenswerte Rolle sens begründet liege. Dementsprechend hieße es
(vgl. Luhmann 1991, 31). Die Unterscheidung zwi- die Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens zu
schen entscheidungsbezogenem Risiko und entschei- verkennen, vom Gesetzgeber solche Regelungen zu
dungsunabhängiger Gefahr sollte jedoch nicht – wie fordern, die im Zusammenhang mit der Zulassung
Luhmann dies tut  – subjektivistisch überhöht wer- und dem Betrieb technischer Anlagen jegliches
den. Denn in einem geteilten Handlungsraum ist es Schadenspotential mit absoluter Sicherheit aus-
keineswegs so, dass »die Risiken, auf die ein Entschei- schließen. Eine solche Forderung würde vielmehr
der sich einlässt […], zur Gefahr für die Betroffenen jede staatliche Zulassung und Nutzung von Technik
[dieser Entscheidung] werden« (ebd., 117). Dies verbieten: »Für die Gestaltung einer Sozialordnung
würde ja bedeuten, die Handlungen anderer Indivi- muß es insoweit bei Abschätzungen anhand prakti-
duen zu naturalisieren. Verantwortung als Grundlage scher Vernunft bewenden. […] Ungewißheiten jen-
ethischer Beurteilung wäre dann nicht mehr zuzu- seits dieser Schwelle praktischer Vernunft haben
schreiben. Ein Risiko bleibt vielmehr auch dann ein ihre Ursache in den Grenzen des menschliche Er-
Risiko, wenn es der Entscheidung eines (beliebigen) kenntnisvermögens; sie sind unentrinnbar und inso-
anderen Akteurs in einem gemeinsamen Handlungs- fern als sozialadäquate Lasten von allen Bürgern zu
raum zugerechnet und diesem Akteur somit auch tragen« (BVerfGE 49, 89 [143]).
eine entsprechende Verantwortung zugeschrieben Als ›Restrisiko‹ lässt sich also derjenige Teil eines
werden kann. Die Alternative wäre eine faktische mit einer bestimmten Praxis verbundenen Risikos
Selbstaufhebung der Unterscheidung zwischen Ri- bezeichnen, der sich durch geeignete und in ihrem
siko und Gefahr und damit der Verlust ihres großen Umfang vertretbare Vorsichtsmaßnahmen nicht
analytischen Werts für die Risikoethik. In ethischer weiter verringern lässt, ohne die Praxis als Ganze
Hinsicht ist somit ›Gefahr‹ der Gegenbegriff zu aufzugeben. Gerade der Verweis auf das Ausschöp-
›Risiko‹. Eine Gefahr per se ist aus ethischer Perspek- fen aller vertretbaren und zur Risikominderung ge-
tive unerheblich, das Wissen um eine Gefahr kann eigneten Vorsichtsmaßnahmen verdeutlicht dabei,
jedoch eine risikobehaftete Entscheidungssituation dass die Existenz eines Restrisikos nicht in eins zu
hervorrufen. Der bereits zuvor erwähnte Fall eines setzen ist mit der Inkaufnahme eines Restschadens
Erdbebens bzw. des Wissens um die Wahrscheinlich- (zum Technikrecht s. Kap. VI.2, zum Vorsorgeprin-
keit seines Auftretens verdeutlicht dies. zip s. Kap. VI.3).
2. Risiko 21

Objektive und subjektive Risiken der Ereignistypen stößt man jedoch auf die in der
Wahrscheinlichkeitstheorie bekannte Referenzklas-
In der einschlägigen Literatur wird oft von subjekti- sen-Problematik. Letztlich ist also die vermeintlich
ven und objektiven Risiken gesprochen. Einem ein- unmittelbare empirische Beobachtung objektiver
flussreichen Vorschlag von Kaplan und Garrick zu- Wahrscheinlichkeiten Fiktion.
folge beziehen sich objektive Risiken auf die Häufig- Es ist daher sinnvoller, zwischen Ungewissheits-
keit, d. h. die objektive Wahrscheinlichkeit, mit der situationen, d. h. Situationen, in denen das Wissen
ein Ereignis eintritt. Alle anderen Fälle sind Fälle um Wahrscheinlichkeiten so marginal ist, dass sub-
von subjektivem Risiko (vgl. Kaplan/Garrick 1993). jektive Wahrscheinlichkeitszuschreibungen an Will-
Kaplan und Garrick gehen so weit zu behaupten, kür grenzen, und Situationen des reinen Risikos,
dass bei Häufigkeiten eine klare empirische Grund- d. h. Situationen, in denen Wahrscheinlichkeitszu-
lage gegeben sei und sie daher wissenschaftlich er- schreibungen als so wohlbegründet gelten, dass sie
fassbar seien, während dies beim subjektiven Risiko mit dem Vorliegen objektiver Wahrscheinlichkeiten
nicht der Fall sei, das deshalb als ein ›weicher Be- identifiziert werden, ein Kontinuum anzunehmen.
griff‹ aufgefasst wird. Auch in der Risikotheorie Es gibt in der Tat ein interessantes entscheidungs-
schlägt sich damit die verbreitete Dichotomie zwi- theoretisches Modell des Schweden Peter Gärden-
schen Objektivität auf der einen und weitgehender fors, das subjektive Wahrscheinlichkeiten als Ab-
Subjektivität auf der anderen Seite nieder. Demge- schätzung von objektiven Wahrscheinlichkeiten
genüber sind jedoch die meisten Ökonomen und bestimmt – wie immer diese objektiven Wahrschein-
Entscheidungstheoretiker der Auffassung, dass je- lichkeiten zustande kommen (vgl. Gärdenfors 1979).
denfalls im Idealfall einer rational handelnden Per-
son relativ strenge Auflagen dahingehend gemacht
werden können, welchen Rationalitätsbedingungen Risikorealität und Risikowahrnehmung
die subjektiven Wahrscheinlichkeitsannahmen die-
ser Person genügen müssen. Beispielsweise kann es Eng verbunden mit der Unterscheidung zwischen
bei sich wechselseitig ausschließenden Umständen subjektiven und objektiven Risiken ist die Frage, in
nicht sein, dass die Summe der subjektiven Wahr- welcher Beziehung Risikorealität und Risikowahr-
scheinlichkeiten 100 Prozent überschreitet. Die sub- nehmung zueinander stehen bzw. wie sich das sub-
jektiven Wahrscheinlichkeiten müssen vereinbar jektive Risikobewusstsein vor dem Hintergrund ei-
sein mit den Grundsätzen des Wahrscheinlichkeits- ner bestimmten Risikorealität äußert. Hier liegt es
kalküls, die seit den 1933 veröffentlichten Grundbe- zunächst nahe anzunehmen, dass in der Befragung
griffen der Wahrscheinlichkeitsrechnung von Andrej eine einfache Methode bereitsteht, um herauszufin-
N. Kolmogorov in axiomatischer Form vorliegen den, wie Personen Risiken einschätzen. Wenn eine
(vgl. Kolmogorov 1933). Einige gehen noch einen Person die Frage, für wie wahrscheinlich sie es hält,
Schritt weiter und behaupten, dass zwei Personen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, beantworten
die beide rational sind und beide die gleichen Infor- und darüber hinaus auch angeben kann, für wie gra-
mationen bezüglich der Abschätzung eines Risikos vierend sie den möglichen Schaden hält, so liegt ein
haben, zur gleichen subjektiven Wahrscheinlich- vermeintlich klares Maß der subjektiven Risiko-
keitseinschätzung kommen müssten  – andernfalls wahrnehmung vor. Empirisch lässt sich jedoch fest-
sei mindestens eine von beiden irrational. stellen, dass diese Methode der Messung der Risiko-
Die auf Wahrscheinlichkeitszuschreibungen be- einschätzung im Vergleich mit einer anderen Me-
ruhende Zweiteilung in einen weichen Begriff des thode der Messung subjektiver Risikowahrnehmung
subjektiven Risikos auf der einen Seite und einen zu deutlich divergierenden Ergebnissen führt. Nach
harten Begriff des über Häufigkeiten definierten ob- dieser anderen Methode wird nicht berücksichtigt,
jektiven Risikos auf der anderen Seite ist jedoch pro- was Personen hinsichtlich ihrer Risikoeinschätzung
blematisch. So sind objektive Wahrscheinlichkeiten sagen, sondern wie sie in bestimmten unsicheren
nicht etwa über die gemessenen Häufigkeiten defi- Entscheidungssituationen handeln. In der (zumeist
niert, sondern Häufigkeiten sind lediglich ein Indi- englischsprachigen) entscheidungstheoretischen Li-
kator dafür, welche objektiven Wahrscheinlichkeiten teratur wird dieses Konzept revealed preference ge-
vorliegen. Auch setzt die Bestimmung relativer Häu- nannt: Eine Person zeigt (to reveal sth.: etw. auf-
figkeiten voraus, dass von Fall zu Fall der gleiche Er- decken) ihre Präferenzen in ihrem Entscheidungs-
eignistyp vorliegt. Bei der Bestimmung entsprechen- verhalten. Wenn dieser Person viele mögliche
22 II. Grundbegriffe

Alternativen mit unterschiedlichen Wahrscheinlich- 3. Sicherheit


keiten der Konsequenzen angeboten werden und sie
jeweils eine Entscheidung treffen muss, so können
ihr – im Falle kohärenter Präferenzen – eine subjek- Mit ›Sicherheit‹ wird  – beginnend in der Antike  –
tive Wahrscheinlichkeitsfunktion sowie subjektive ein Zustand der Gewissheit, der Zuverlässigkeit und
Bewertungen der Konsequenzen zugeordnet wer- des Unbedrohtseins erfasst. Bezog sich das zunächst
den. vorrangig auf die Verfasstheit von Individuen (im
Bei der Anwendung dieses Verfahrens, das aller- Sinne von animi securitas, d. h. ›Seelenfrieden‹), so
dings sehr schwierig umzusetzen und nur in be- wurde Sicherheit bald zu einer politischen Idee und
stimmten, vereinfachten Situationen durchführbar fand sich auch im wirtschaftlichen und finanziellen
ist, zeigt sich, dass bezüglich der Wahrscheinlichkei- Bereich. Seither wird ›Sicherheit‹ ubiquitär verwen-
ten und der Bewertung der Konsequenzen die Ein- det und  – abhängig vom Bezug  – vielfältig konno-
schätzung auf Befragung hin und die in Gestalt der tiert; sie ist zu einem zentralen Bezugspunkt
vorliegenden Handlungspräferenzen aufgedeckte menschlichen Denkens und Handelns geworden.
Einschätzung bisweilen weit auseinanderklaffen.
Damit ergibt sich eine doppelte Divergenz: zwischen
Risikorealität (soweit diese über relative Häufig- Sicherheit – zentraler Bezugspunkt in
keiten oder durch komplexere probabilistische Me- Gesellschaft, Wissenschaft und Technik
thoden zu bestimmen ist) und Risikowahrnehmung
einerseits sowie zwischen geäußerter Risikoein- Die Geschichte der Menschheit ließe sich schreiben
schätzung und aufgedeckter Risikowahrnehmung als Bestreben, Gefahr zu beseitigen bzw. zu minimie-
andererseits. Interessanterweise deuten empirische ren und so gleichzeitig Sicherheit zu erhöhen bzw. zu
Daten darauf hin, dass zumindest bei längerfristi- maximieren. Das menschliche Leben  – sowohl das
gem Umgang mit vertrauten Risiken die aufgedeckte der Gattung wie das der Individuen – ist von Anfang
Risikowahrnehmung der Risikorealität besser ent- an mit Gefahren verbunden. Die Gattung homo
spricht als die geäußerte Risikoeinschätzung. wurde bedroht durch eigene Artgenossen (genannt
seien Kampf, Krieg, Kriminalität und Ausbeutung),
Literatur durch die Natur (verwiesen sei auf Dürren, Über-
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere
schwemmungen, Hunger und Seuchen) sowie  – in
Moderne. Frankfurt a. M. 1986. zunehmendem Maße – durch die Technik (etwa Un-
Bonß, Wolfgang: Vom Risiko. Unsicherheit und Ungewißheit fälle, Havarien und Umweltbeeinträchtigungen).
in der Moderne. Hamburg 1995. Deshalb ist ›Sicherheit‹ ein zentrales Konzept in Ge-
Gärdenfors, Peter: Forecasts, Decisions and Uncertain sellschaft, Wissenschaft und Technik, das zu unter-
Probabilities. In: Erkenntnis 14 (1979), 159–181.
schiedlichen Ausprägungen von ›Sicherheitserwar-
Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie
und den Schutz gegen ihre Gefahren (AtomG). tung‹ sowie von ›Sicherheitsgewährung‹ bzw. ›-ge-
Hájek, Alan: Interpretations of probability. In: Edward N. währleistung‹ geführt hat und führt. Dieses Konzept
Zalta (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy. wird von unterschiedlichen Begriffsauffassungen,
Stanford 2012, http://plato.stanford.edu/archives/sum Kommunikationsstrategien und kulturellen Aspek-
2012/entries/probability-interpret/ (20.04.2013).
ten geprägt. Individuell gewendet, schlägt es sich in
Kaplan, Stanley/B. John Garrick: Die quantitative Bestim-
mung von Risiko. In: Gerhard Banse (Hg.): Risiko und einem zunehmenden Sicherheitsbedürfnis nieder;
Gesellschaft. Opladen 1993, 91–124. gesellschaftlich spiegelt es sich beispielsweise in ei-
Kolmogorov, Andrej N.: Grundbegriffe der Wahrscheinlich- ner forcierten Sicherheitspolitik wider. Sowohl die
keitsrechnung. Berlin 1933. Erwartung an als auch die Herstellung von Sicher-
Luhmann, Niklas: Soziologie des Risikos. Berlin 1991. heit in allen Bereichen der Lebenswelt sind all-
Philipp, Fritz: Risiko und Risikopolitik. Stuttgart 1967.
Ramsey, Frank P.: Truth and probablity. In: Richard B. gegenwärtig. Man denke etwa – um die Vielfalt an-
Braithwaite (Hg.): F. P. Ramsey: Foundations of Mathe- zudeuten  – an Versicherungen, Rechtsvorschriften,
matics and other Logical Essays. London 1931, 156–198. Warnhinweise, Schutzvorrichtungen, Genehmi-
Julian Nida-Rümelin und Johann Schulenburg gungsverfahren und Armeen.
Man kann davon ausgehen, dass das Streben nach
Sicherheit eine zumindest abendländische Tradition
ist, die Sicherheit als menschliches »Urbedürfnis«
(vgl. z. B. Bachmann 1991), als »Menschenrecht«
3. Sicherheit 23

(vgl. z. B. Robbers 1987, 27 ff.), als »Wertidee hoch- handlungsleitenden Wertvorstellungen technischer
differenzierter Gesellschaften« (vgl. z. B. Kaufmann Welterzeugung einen herausragenden Platz ein.
1970) versteht. Damit ist als Konsequenz verbunden, Technisches Wissen und technisches Handeln zielen
zivilisatorische Risiken und Unsicherheiten (ver- auf funktionierende Technik, haltbare Bauwerke (s.
standen als Unwägbarkeit und Unkalkulierbarkeit Kap. V.6), geistvolle Vorrichtungen und effektive
zukünftigen Geschehens) weitgehend zu vermeiden, Verfahren. Funktionsfähigkeit, Zuverlässigkeit und
auszuschalten bzw. ganz oder teilweise auszuglei- Sicherheit technischer Sachsysteme sowie ein ge-
chen, indem sie auf ›große Solidargemeinschaften‹ fährdungsfreier Umgang mit ihnen waren und sind
oder ›breite Schultern‹ verteilt werden. Auf diese für technisches Handeln wichtige Zielvorstellungen.
Weise werden zwar nicht die lebensweltlichen Unsi- Eine der ältesten ›Unfallverhütungsvorschriften‹ ist
cherheiten beseitigt, es wird aber Vorsorge getroffen, wohl folgender Gedanke im 5. Buch Moses (22/8):
dass bei Eintritt eines Schadensereignisses der (oft- »Wenn Du ein neues Haus baust, so mache eine
mals nur finanzielle) Schaden selbst begrenz- und Lehne darum auf deinem Dache, auf daß Du nicht
ertragbar bleibt. Diese »Versicherungs-Gesellschaft« Blut auf dein Haus ladest, wenn jemand herabfiele.«
(vgl. Ewald 1989, 1993) ist dadurch charakterisiert, Die Geschichte der Technik kennt aber genügend
dass man sich im Verlustfall oder gegenüber den Beispiele versagender Technik, einstürzender Bau-
Folgen unvorhergesehener Ereignisse gegenseitig werke, nichtfunktionierender Vorrichtungen und
stützt. Sicherheit ist jedoch keine feststehende uneffektiver Verfahren, kurz, Versagens- und Stör-
Größe, und vollständige (›hundertprozentige‹) Si- fälle, Pannen und Havarien unterschiedlichster Di-
cherheit ist nicht erreichbar. Insofern kann sich ›Si- mension und Auswirkungen. Tschernobyl, Bhopal,
cherheit‹ rasch als »destruktives Ideal« (Strasser Seveso und Fukushima stehen dafür als Beispiele der
1986) erweisen, zumal, wenn das vorhandene Si- Gegenwart mit katastrophalen Folgen. Sicherheit
cherheitsniveau nicht ausreichend reflektiert und und Beherrschbarkeit sowie Wissen über Schadens-
mögliche Gefahren unzureichend berücksichtigt erwartungen und Folgewirkungen werden auf viel-
werden. fältige Weise angestrebt, denn bei technisch beding-
Durch ihre Ubiquität ist Sicherheit ein zentraler ten Unfällen »wird vor allem der Verlust von Kon-
Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Sicher- trolle über solche Zusammenhänge erfahren, deren
heit ist ein Versprechen, und gerade moderne, hoch- Beherrschung man angenommen hatte« (Vester
technisierte Gesellschaften versuchen zunehmend, 1988, 746). Bisher nicht bekannte oder bislang unbe-
dieses auch über Technik einzulösen. Allerdings ist rücksichtigt gebliebene Eigenschaften und Verhal-
›Sicherheit‹ ein schillernder Begriff mit verschiede- tensweisen von Systemen und ihren Elementen,
nen Bedeutungen (vgl. Kaufmann 1973, 67 ff.; er- Randbedingungen für Funktionsfähigkeit und Be-
gänzt um [d]): triebssicherheit, ungeprüfte oder unüberprüfbare
(a) ›Sicherheit‹ als Geborgenheit Annahmen hinsichtlich Funktionszusammenhän-
(b) ›Sicherheit‹ als Selbstsicherheit gen oder Belastungsfähigkeiten (etwa in extremen
(c) ›Sicherheit‹ als Systemsicherheit (das heißt Situationen) sowie Inkompatibilitäten im Mensch-
herstellbare, berechenbare Mittel für beliebige Maschine-System werden im Unfall schlagartig ak-
Zwecke) tualisiert. Da Technik so immer Unsicherheit in sich
(d) die Verlässlichkeit von Mensch-Maschine-Inter- birgt, wird durch unterschiedliche Wissenschafts-
aktionen disziplinen und mit verschiedenen Methoden Ursa-
chen, Wirkungen und Wahrscheinlichkeiten von
Wenn das Folgende – eingeschränkt – von Technik- Havarien und Schadensfällen sowie ihren Verläufen
sicherheit handelt, dann ist das ein Bereich, der vor ebenso nachgegangen wie Möglichkeiten ihrer Ver-
allem (c) und (d) zuzuordnen ist. hinderung bzw. Limitierung.
Im Zusammenhang mit der Verbesserung der Si-
cherheit technischer Systeme entwickelte sich im Be-
Techniksicherheit reich des technischen Wissens ab Mitte des 19. Jahr-
hunderts eine entsprechende Forschung – vor allem
Die Sicherheit technischer Handlungsvollzüge und vor dem Hintergrund gravierender Havarien und
technischer Hervorbringungen als weitgehender technischer Katastrophen, die als man-made-Ge-
Ausschluss von oder bewusster Umgang mit (mögli- fährdungen erkannt wurden. Sie hatte (und hat) zur
chen) Gefährdungen für ›Schutzgüter‹ nimmt in den Aufgabe, Gefährdungen ermöglichende Quellen zu
24 II. Grundbegriffe

identifizieren und Maßnahmen zur Minderung Das ›Herstellen‹ von Sicherheit ist in diesem Ver-
oder  – besser  – Beseitigung zu entwickeln und zu ständnis Überwindung nicht-handhabbarer Zusam-
verwirklichen. Die Schlagwetterexplosionen im menhänge (zum Beispiel in Form von Kontingenz
Bergbau und die großen Eisenbahnunglücke kon- und Ambiguität), deren Überführung in handhab-
frontierten die Öffentlichkeit des 19.  Jahrhunderts bare, strukturierte, ›systemische‹ Formen, womit  –
erstmalig mit dem Phänomen des technischen Mas- um Wolfgang Bonß zu zitieren – »aus einem Univer-
senunfalls. Die eigentliche ›Schule‹ der Sicherheits- sum denkbarer Möglichkeiten bestimmte Möglich-
technik im 19.  Jahrhundert waren jedoch Bau und keiten als handlungsrelevant ausgewählt, andere
Betrieb von Dampfkesseln bzw. deren häufige und hingegen als irrelevant ausgeblendet werden« (Bonß
folgenschwere Explosionen. Nach Frankreich erfolgt 1997, 24). Solche Aktivitäten wie das Aufweisen ei-
in Preußen 1831 eine Dampfkesselgesetzgebung, nes möglichen Ereignis- oder zukünftigen Zustands-
die, dem französischen Vorbild folgend, im Kern be- spektrums, das Ermitteln von Eintrittshäufigkeiten,
reits das gesamte Instrumentarium einer sicherheits- das Ableiten von Erwartungswerten, das Abwägen
technischen Spezialgesetzgebung umfasste (Sonnen- von Aufwand und Nutzen oder die Kalkulation von
berg 1985, 9). Zu den Dampfkesseln kamen alsbald ›Gewinnen‹ und ›Verlusten‹ (nicht allein im mone-
Hochöfen, Chemie-Fabriken, Energieerzeugungsan- tären Sinne) dienen der zielgerichteten Einfluss-
lagen, Fahrzeuge und Aufzüge hinzu. Technische nahme und produktiven Handhabung (›Beherr-
Überwachungsvereine (zur Entstehung des TÜV schung‹) von Unbestimmtheit. ›Mehrdeutigkeit‹
s.  Kap. III.2), Materialprüfanstalten, verbindliche wird auf diese Weise nicht in erster Linie in ›Eindeu-
Normen und Standards waren die Folge. Insgesamt tigkeit‹ überführt, ›Zufälligkeit‹ nicht auf ›Notwen-
zielten diese Aktivitäten sowohl darauf, »durch die digkeit‹ zurückgeführt  – obwohl das nicht ausge-
Bestimmung von Eigenschaften und des menschli- schlossen ist –, sondern als ›eindeutig‹ und ›wohlbe-
chen Handelns die von den Gegenständen ausge- stimmt‹ gefasst und behandelt. Auf diese Weise wird
henden Gefahren und ihre Realisierung in Schäden vor allem ein methodischer Gewinn erzielt, erlaubt
zu verhindern« (Lukes 1982, 11), als auch ein Regel- doch diese ›Idealisierung‹ und ›Reduzierung‹ (die
system im Umgang mit industriell erzeugten Unsi- allerdings immer auch eine ›Ausblendung‹  – mög-
cherheiten und Gefährdungen zu etablieren. licherweise relevanter Zusammenhänge o. Ä. – ist!)
Im Zusammenhang mit Technik signalisiert Si- die Anwendung spezifischer Methoden und ermög-
cherheit die Abwesenheit von Gefahr für Leib und licht (erst) einen rationalen Zugriff auf Situationen
Leben. Wenn Gefahr eine Lage bedeutet, »in der bei unvollständiger Information (s. Kap. IV.C.7).
ungehindertem Ablauf des Geschehens ein Zustand In diesem Kontext ist letztlich darauf zu verwei-
oder ein Verhalten mit hinreichender Wahrschein- sen, dass die ›Herstellung‹ von Sicherheit in sich am-
lichkeit zu einem Schaden für die Schutzgüter der bivalent ist: Auf der einen Seite wird die Bandbreite
[…] Sicherheit […] führen würde« (Drews et al. und Variationsvielfalt des zukünftig Möglichen ein-
1986, 220), dann sind damit zwei wichtige Bestim- geschränkt (was einer faktischen Beschränkung von
mungsstücke für Sicherheit sichtbar gemacht: Ers- Freiheitsgraden und Wahlmöglichkeiten bedeutet);
tens bezieht sich Sicherheit auf etwas Zukünftiges, andererseits ist gerade die Schaffung und Gewähr-
auf einen Zusammenhang zwischen einer gegenwär- leistung dieser Sicherheit entscheidende Grundlage
tigen Lage und dem Ausschluss eines zukünftigen für die Stabilisierung von Verhalten und die Herstel-
Schadensereignisses. Zweitens erfasst Sicherheit den lung von Planungsmöglichkeit (zu Sicherheits- und
Ausschluss eines zukünftig nur möglichen Ereig- Überwachungstechnik s. Kap. V.22). Das Beispiel
nisse, dessen Eintritt weder gewiss noch unmöglich ›Videoüberwachung‹ macht diese Ambivalenz deut-
ist. Sicherheit zielt auf den Schutz vor Gefahren, die lich: Einerseits kann die Sicherheit gesteigert wer-
zukünftig auf- bzw. eintreten können, jedoch nicht den, wenn bestimmte (öffentliche wie private) Stel-
zwangsläufig müssen. Ziel bleibt die Erhöhung von len oder Einrichtungen videoüberwacht sind (›Ab-
Sicherheit, mithin die Überwindung von Unsicher- schreckung‹, Erhöhung der Aufklärungsrate von
heit und Risiko. Das kann sowohl bedeuten, dass Straftaten sowie Verbesserung der ›gefühlten‹ Si-
Gefahren tatsächlich abgeschafft bzw. reduziert wer- cherheit), andererseits bestehen die Möglichkeiten
den, als auch, dass sich veränderte Sicherheitsüber- der Einschränkung oder der Verletzung der Privat-
zeugungen oder gar -fiktionen im Sinne der »Umde- sphäre, der Erzeugung von Angst (vor dem ›Über-
finition und Verlagerung von Ungewissheit« (Bonß wachungsstaat‹) und der Verhaltensanpassung (weil
1997, 23) herausbilden. man sich ›beobachtet‹ fühlt).
3. Sicherheit 25

Technisches Handeln lungen sowie die Neigung von Individuen, auf


und (Un-)Sicherheit stereotype Deutungsmuster, bekannte Lösungen
und eingeübte Vorgehensweisen zurückzugreifen,
Technisches Handeln umfasst die Mensch-Technik- bis zu  verschiedenen individuellen und sozialen
Beziehungen vom Entwurf neuer Technik über ihre Blockierungen, z. B. in Form von mangelnder Selbst-
funktionsgerechte Herstellung bis zur sachgemäßen kontrolle, physischer oder psychischer Überbean-
Bedienung und Handhabung. Dabei sind sowohl ko- spruchung, Prestige-, Macht-, ökonomische Verwer-
gnitive als auch normative Probleme zu berücksich- tungs- u. a. Interessen, Delegierung von Entschei-
tigen. Kognitive Probleme ergeben sich daraus, dass dungen an Außenstehende oder Inkompetente.
aus ex post-Analysen nicht direkt auf Zukünftiges Normative Problemsituationen und damit Her-
geschlossen werden kann, dass die Erfassung mögli- ausforderungen an Technikethik resultieren in erster
cher Folgen und die Entscheidung über mögliche Linie aus dem Umstand, dass gegenwärtige wie vor
Handlungsstrategien stets unter Unsicherheit (d. h. allem zukünftige Technik auf menschliche Zielset-
infolge subjektiv begründeten Nichtwissens) und/ zungen, Entscheidungen und Handlungen zurück-
oder unter Ungewissheit (d. h. infolge objektiv vor- gehen, in denen bewusst oder unbewusst Werte und
handenen Nichtwissens) erfolgt, so dass die sachli- Wertvorstellungen, Hoffnungen, Erwartungen, An-
chen Voraussetzungen und die praktischen Folgen forderungen, ›Randbedingungen‹ u. Ä. zum Aus-
einer technikbezogenen Handlung oder Entschei- druck kommen. Da in vielen Phasen der Technikge-
dung nicht umfassend bestimmbar sind. Daraus er- nese und ihrer (sozio-)kulturellen, (sozio-)ökono-
gibt sich, dass infolge nicht-eleminierbarer Unbe- mischen und (sozio-)politischen Einbettung zumeist
stimmtheiten immer nichtvorhergesehene, mit dem mehrere Varianten und unterschiedliche Realisie-
gegenwärtigen Wissens- und Nichtwissensstand rungswege sowie unterschiedliche Vorstellungen
nicht vorauszubedenkende Ereignisse oder Verhal- über Zukünftiges nicht nur möglich, sondern auch
tensweisen technischer Objekte auf- bzw. eintreten sehr wahrscheinlich (und real!) sind (zu Technik als
können. Da auch der Grad dieser Unbestimmtheit soziale Konstruktion s. Kap. IV.A.10), müssen stän-
oftmals nicht genau abschätzbar ist, wird bereits dig Entscheidungen mit Blick auf das weiterhin Rea-
beim technischen Entwurf mit einem (zumeist em- lisierbare bzw. zu Realisierende gefällt werden. Da-
pirisch durch technisches Handeln ermittelten) ›Si- bei werden die häufig differierenden Sichtweisen,
cherheitszuschlag‹ gearbeitet. Er ist notwendig, um Interessen und Wertvorstellungen der Akteure der
das technische System »gegen ganz unvorhergese- Technikentwicklung, der Betreiber und Nutzer so-
hene Belastungen sowie gegen die Einflüsse der Un- wie weiterer (direkt und indirekt) Betroffener rele-
genauigkeiten der für eine statische Berechnung nö- vant, die die Gegenläufigkeit verschiedener Anfor-
tigen vereinfachenden Annahmen« sicher zu ma- derungen und damit die Notwendigkeit deutlich
chen (Liebmann et al. 1920, 332). Analoges gilt auch machen, mögliche Alternativen, unterschiedliche
für die Sicherheitsfaktoren oder Sicherheitsbeiwerte Entwicklungspfade und differierende Wertvorstel-
der Werkstofffestigkeit bzw. des Werkstoffverhaltens lungen frühzeitig zu bedenken. Das schließt u. a. ein,
sowie für die Sicherheitsaufschläge bei Grenzwert- ethische Probleme der Güterabwägung zu lösen (vor
bildungen für die Belastung mit Gefahrstoffen. allem Maßstäbe, Kriterien und Zeithorizonte).
Eingeschlossen darin ist die Ebene des techni- Bei der Wahl einer ›angemessenen‹ Handlungsal-
schen Handelns, sind die Mensch-Technik-Bezie- ternative ist zu berücksichtigen, dass sich oftmals
hungen, die den Entwurf neuer Technik, ihre funkti- unterschiedliche Ziele für und/oder Anforderungen
onsgerechte Herstellung sowie die sachgemäße Be- an Sicherheitslösungen entgegenstehen können
dienung und Handhabung umfassen. Hierbei geht es (›Zielkonflikte‹). Ein höheres Sicherheitsniveau
vor allem um die Fähigkeiten und Fertigkeiten des kann sich etwa negativ auf die Wirtschaftlichkeit
Menschen als Produzent (von der geistigen Antizi- (Kosten), die Bedienerfreundlichkeit oder die Ak-
pation bis zur technologischen Realisierung) und als zeptabilität der entsprechenden Lösung auswirken.
Konsument bzw. Nutzer technisch-technologischer Beispielsweise ist eine Tür mit mehreren unter-
Systeme. Die damit verbundenen vielfältigen per- schiedlichen Schlössern und dazugehörenden
sonen- und systembezogenen Gefährdungen und Schlüsseln umständlicher zu öffnen als wenn sie nur
Risikosituationen reichen von subjektiven Wahr- mit einem Schloss gesichert ist, und eine sechs- oder
nehmungs- und manuellen Handhabungsfehlern achtstellige PIN bringt zwar einen Sicherheitsge-
über das Nichtbeachten von Vorschriften und Rege- winn, lässt sich wohl aber schwerer als die jetzige
26 II. Grundbegriffe

vierstellige merken. Verwiesen sei auch auf den Be- genen Logik oder ihrer eigenen Interessen zu funkti-
reich der Informationstechnik mit der Kontroverse onieren […] ohne sich zu destabilisieren« (Perrow
zwischen Sicherstellung des (individuellen) Rechts 1989, 131).
auf informationelle Selbstbestimmung und der Die Perrowschen Überlegungen verweisen auf
(staatlichen) Pflicht zur Kriminalitätsvorbeugung eine Grenze technisch herstellbarer Sicherheit, die
und -bekämpfung (zur Informationsethik s. Kap. dann gegeben ist, wenn zusätzliche Komponenten
V.9, zu Sicherheits- und Überwachungstechnik im Mensch-Technik-System nicht die Sicherheit
s. Kap. V.22). Zentral ist somit die (auch ethisch rele- steigern, sondern – selbstreferentiell – ein mögliches
vante) Frage: Wie sicher ist sicher genug? neues Sicherheitsproblem durch zunehmende Kom-
Reduzierung, Limitierung oder Eingrenzung Ge- plexität schaffen: Ein beabsichtigtes Erhöhen der Si-
fahren verursachender Unbestimmtheit ist präventiv cherheit (vor allem) durch immer mehr Technik
möglich sowohl hinsichtlich der Eintrittswahr- führt in eine aussichtslose Spirale. Einzubeziehen
scheinlichkeit (ursachenorientiert) als auch des zu sind auch die Nutzer und deren Interaktion mit
erwartenden Schadensausmaßes (wirkungsorien- technischen Sachsystemen sowie das (rechtliche, so-
tiert) über technisch-organisatorische Maßnahmen, ziale, kulturelle etc.) ›Umfeld‹ der Technikherstel-
durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden lung. Die »Suche nach einer fehlerlosen Risikomini-
(z. B. durch die Schaffung von Systemstrukturen, die mierungsstrategie« (Wildavsky 1984) hat sich als Il-
ein ›Aufschaukeln‹ von Störfällen erschweren oder lusion erwiesen. Techniksicherheit besitzt also nicht
verhindern bzw. in denen Fehler keine katastropha- nur technische, sondern auch sogenannte ›nicht-
len Folgen nach sich ziehen) sowie durch die Aus- technische‹ Anteile und kann nur durch Einbezie-
prägung entsprechender Persönlichkeitseigenschaf- hung von Sozial- und Geisteswissenschaften ein-
ten auf der Grundlage umfassender Kenntnisse, Ein- schließlich der Technikethik realisiert werden.
sichten und Wertvorstellungen.
Der US-amerikanische Organisationssoziologe
Charles Perrow verweist indes auf strukturelle Zu- Ausblick
sammenhänge in Mensch-Technik-Interaktionen,
die die Möglichkeit (die ›Wahrscheinlichkeit‹) eines In den mit der Sicherheit technischer Hervorbrin-
Versagensfalls befördern (können). Diese sieht er in gungen und technischer Handlungsvollzüge befass-
spezifischen Formen sowohl von Interaktionen als ten wissenschaftlichen Disziplinen deutet sich all-
auch von Kopplungen in Mensch-Technik-Systemen mählich ein ›Paradigmenwechsel‹ an, den man als
gegeben. Bei den Interaktionen (sowohl zwischen den Übergang von der ›Illusion der Sicherheit‹ zu ei-
technischen Teilsystemen als auch zwischen diesen nem ›Management von Unsicherheit‹ bezeichnen
und Menschen) unterscheidet er (idealtypisch) zwi- kann. Veränderte forschungs- und handlungslei-
schen linearen und komplexen: Lineare Interaktio- tende Muster setzen sich allmählich durch, die vor
nen »treten im erwarteten und bekannten Betriebs- allem auf Einsichten in die Ambiguitäten von
ablauf auf oder sind für den Operator gut sichtbar, Mensch-Technik-Systemen gegründet sind. Stich-
auch wenn sie außerplanmäßig vorkommen«. Kom- worte sind vor allem: eine stärkere Berücksichtigung
plexe Interaktionen dagegen »sind entweder geplant, der Kontextabhängigkeit von Sicherheits- und
aber den Operateuren nicht vertraut, oder ungeplant darauf aufbauender Gefahrenabwehrbestimmun-
und unerwartet, und sie sind für das Bedienungs- gen, die Hinwendung zu Wahrscheinlichkeits- und
personal entweder nicht sichtbar oder nicht unmit- Possibilitätsmaßen unter Einbeziehung einer Zeit-
telbar durchschaubar« (Perrow 1989, 115). Bei den komponente sowie eine weitergehende Konzeptuali-
Kopplungen unterscheidet er (ebenfalls idealtypisch, sierung der Komplexität und Unvollständigkeit von
da es, wie bei den Interaktionen, mannigfaltige Aufgabenstellungen in Form von ›nicht-wohldefi-
Übergänge gibt) zwischen enger und loser Kopp- nierten‹ (wicked) Problemen.
lung: Enge Kopplung »ist ein technischer Begriff Aufbauend auf dem erreichten Stand der Sicher-
und bedeutet, daß es zwischen zwei miteinander heitsforschung, die sich vor allem auf Erkenntnisse
verbundenen Teilen kein Spiel, keine Pufferzone der Technikwissenschaften, der Psychologie und der
oder Elastizität gibt. Sämtliche Vorgänge des einen Arbeitswissenschaften stützt, bildet sich derzeit ein
Teils wirken sich unmittelbar auf die Vorgänge des breiteres Sicherheitsverständnis heraus, das in stär-
anderen Teils aus. Eine lose Kopplung ermöglicht es kerem Maße als bislang üblich kulturelle Aspekte
[…] bestimmten Teilen des Systems, gemäß ihrer ei- einschließt. Erwartet (und möglich) ist dadurch ein
3. Sicherheit 27

Zugewinn an Techniksicherheit bzw. – umgekehrt – setzungsmethoden. In: Gerhard Hosemann (Hg.): Ri-
eine Reduzierung von Gefahrenpotenzialen. Es siko  – Schnittstelle zwischen Recht und Technik. Berlin/
New York 1982, 11–43.
war – und ist teilweise noch – der Anspruch der (tra-
Perrow, Charles: Normale Katastrophen. Die unvermeidba-
ditionellen) Sicherheitsforschung, Unsicherheit und ren Risiken der Großtechnik. Frankfurt a. M./New York
Ungewissheit zu beseitigen. Vielfach ist dies gelun- 1989.
gen, und technische Lösungen wurden sicherer, zu- Robbers, Gerhard: Sicherheit als Menschenrecht. Aspekte
verlässiger und gefahrloser. Vernachlässigt wurde der Geschichte, Begründung und Wirkung einer Grund-
indes, dass viele Überlegungen auf hypothetischen rechtsfunktion. Baden-Baden 1987.
Sonnenberg, Gerhard Siegfried: Historisches zur Sicher-
und Modellannahmen sowie auf einer eingeschränk- heitstechnik. In: Olaf H. Peters/Arno Meyna (Hg.):
ten Datenbasis gründeten, dass sich das Geschehen Handbuch der Sicherheitstechnik. Bd. 1. München/Wien
in der technischen Welt nicht nur nach Berechnun- 1985, 1–23.
gen und Simulationen richtet und das zukünftige Strasser, Johano: Sicherheit als destruktives Ideal. In: Psy-
›Verhalten‹ von Mensch-Technik-Systemen nur be- chologie heute (Mai 1986), 28–36.
VDI: Richtlinie 3780 »Technikbewertung  – Begriffe und
dingt prognostizierbar ist. Beinahe-Unfälle, Pannen, Grundlagen«. Düsseldorf (VDI) März 1991.
Havarien oder gar Katastrophen waren das Ergebnis. Vester, Heinz-Günter (1988): Die wiederkehrende Ver-
Hinzu kamen Einsichten einzelner Disziplinen (ver- gänglichkeit von Katastrophen. In: Universitas 7 (1988),
wiesen sei lediglich auf Psychologie und Arbeitswis- 745–756.
senschaften), die die Einlösbarkeit des ›Sicherheits- Wildavsky, Aaron: Die Suche nach einer fehlerlosen Risiko-
minimierungsstrategie. In: Siegfried Lange (Hg.): Er-
Paradigmas‹ infrage stellten und neue Denkanstöße mittlung und Bewertung industrieller Risiken. Berlin u. a.
und Lösungsmöglichkeiten für die Behandlung 1984, 244–234.
technischer Risiken und die ›Erzeugung‹ von (Tech- Gerhard Banse
nik-)Sicherheit nicht nur forderten, sondern (wenn
auch erst ansatzweise) vorlegten.
Der skizzierte Perspektivenwechsel kann die all-
mähliche Ausprägung eines ›Unbestimmtheits-Pa-
radigmas‹ genannt werden, für das der bewusste und
(ein-)geplante Umgang mit Unsicherheiten und Un-
gewissheiten der Technik infolge der Einsicht in de-
ren prinzipielle Unvermeidbarkeit charakteristisch
ist. Konsequenzen für das Verständnis von und den
Umgang mit Gefahren der Technik sind evident, bis-
lang allerdings in ihren  – auch technikethischen  –
Weiterungen kaum systematisch untersucht.

Literatur
Bachmann, Christian: Sicherheit. Ein Urbedürfnis als Her-
ausforderung für die Technik. Basel/Boston/Berlin 1991.
Bonß, Wolfgang: Die gesellschaftliche Konstruktion von
Sicherheit. In: Ekkehart Lippert/Andreas Prüfert/Gün-
ther Wachtler (Hg.): Sicherheit in der unsicheren Gesell-
schaft. Opladen 1997, 21–41.
Drews, Bill/Wacke, Gerhard/Vogel, Klaus: Gefahrenabwehr
II. Allgemeines Polizeirecht (Ordnungsrecht) des Bundes
und der Länder. Köln 91986.
Ewald, Francois: Die Versicherungs-Gesellschaft. In: Kriti-
sche Justiz 4 (1989), 385–402.
– : Der Vorsorgestaat. Frankfurt a. M. 1993.
Kaufmann, Franz-Xaver: Sicherheit als soziologisches und
sozialpolitisches Problem. Untersuchungen zu einer Wert-
idee hochdifferenzierter Gesellschaften. Stuttgart 21973.
Liebmann, Heinrich/Lossow, Paul von/Steidle, Hans (Hg.):
Technischer Wortschatz. Stuttgart/Berlin 1920.
Lukes, Rudolf: 150 Jahre Recht der technischen Sicherheit
in Deutschland. Geschichtliche Entwicklung und Recht-
28 II. Grundbegriffe

4. Fortschritt Begriffsgeschichte
›Fortschritt‹ als Zuschreibung wird vielfach auch
Am Begriff des Fortschritt entzünden sich die meis- heute noch als gesetzesmäßig verlaufende Entwick-
ten Kontroversen, wenn es um die Frage geht, ob die lung in eine Richtung angesehen, in die sich die Ge-
Entwicklungen des technischen Wissens und Kön- schichte bewegen solle oder, wenn auch über Um-
nens, der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der wege, tatsächlich bewegt habe und bewegen wird
politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen (zur Begriffsgeschichte vgl. Ritter 1972; Rapp 1992,
nach den Totalitarismuserfahrungen und Havarien 73 ff.; Pollard 1968).
des 20. Jahrhunderts noch als Fortschritt zu bezeich- Ob in diesem Sinne der Fortschritt in die richtige
net werden können (Adorno 1964; Kuhn/Wide- Richtung gehe, bezweifelte schon Platon, da er jede
mann 1964). Wer definiert in einem Gemeinwesen, gesellschaftliche und soziale Änderung als eine Weg-
was schon oder noch als Fortschritt zu gelten habe? bewegung vom ursprünglichen Zustand des Golde-
Die Leitbegriffe des Fortschrittsgedankens sind nen Zeitalters ansah, d. h. jeder Fortschritt, da er
quantitatives und qualitatives Wachstum, d. h. quan- Veränderung ist, müsse ein Fortschreiten zum Ver-
titativ ein Mehr an extensiven Größen, die gesteigert fall der Gesellschaft sein (Politeia, 8. Buch, 545a ff.).
werden können und additiv sind. Dies setzt die Eher positiv gestimmt war Cicero, der über die aris-
Möglichkeit zum Vergleich voraus. Die zugehörigen totelische Hoffnung berichtet, die Philosophie werde
Adjektive finden sich auch in der Sprache der Re- in kurzer Zeit völlig zum Abschluss kommen (Tusc.
korde wieder: schneller, höher, tiefer, genauer, um- disp. III, 28, 69). Auch Seneca erwartete, dass noch
fangreicher. Eine fortschrittliche Entwicklung wird viel mehr unbekanntes Wissen den kommenden Ge-
verstanden als ein Mehr an Struktur, an größerem nerationen vorbehalten sein werde (Nat. quaest. Lib.
Reichtum erfüllbarer Funktionen, als die Steigerung VII, 25 u. 30).
von Effektivität und Effizienz, zuweilen auch als ein Die eher zyklische Geschichtsauffassung der An-
Mehr an Freiheitsgraden. Qualitativ bedeutet Fort- tike konnte keinen Fortschrittsbegriff entwickeln,
schritt durch Wachstum eine Zunahme an Möglich- der eine Entwicklung in einer bestimmten Ausrich-
keiten, an Potentialen; die Komparation drückt sich tung implizierte. Erst die christliche Theologie er-
aus mit Prädikaten wie besser, fortschrittlicher, ge- möglichte das Denken einer geraden Linie zwischen
eigneter, mächtiger, intensiver. Durch eine progres- Schöpfung und eschatologischer Erfüllung im Sinne
sive Entwicklung wird ein Umschlag von Quantität einer Heilsgeschichte. So spricht Augustinus von
in Qualität erhofft, man spricht von einem höherem der  fortschreitenden Erziehung des Menschenge-
Niveau und gesteigerter Komplexität. schlechts zu Gott hin (De civ. Dei XII, 14. MPL 41,
Dabei gibt es eine Doppelbedeutung des Fort- 362), was eine Distanz zwischen gestern und morgen
schrittsbegriffs, die anzeigt, dass sich Begriffe und schafft und der Zeit das Bild des Weges verleiht. Hier
deren Bedeutungen immer wieder im Laufe der ist Fortschritt noch deskriptiv, er beschreibt Ge-
Geschichte verändern, verschwinden oder neu ent- schichte, diese ist aber noch nicht mit Errungen-
stehen. Der allgemeine Begriff von Fortschritt wäre schaft oder den Leistungen des Menschen verbun-
mit der Vorstellung von Bewegung und Verände- den.
rung hin zu einem Zustand zu definieren, der im- Erst das Mittelalter schuf die Grundlage für einen
mer mit Hilfe eines Ziels oder eines Kriteriums fest- modernen Fortschrittsbegriff. Roger Bacon ging es
gelegt worden ist. Als historische Denkfigur ist darum, den Menschen die Angst vor den Maschinen
Fortschritt aber nur denkbar in einem zeitlichen zu nehmen  – sie seien keine Magie, sondern auf-
Horizont, und es müsste möglich sein zu sagen, was grund von Naturgegebenheiten möglich. Er greift
nicht Fortschritt ist. Ohne Bestimmung von Rück- die Vorstellung von Seneca auf, dass es künftiges
schritt bleibt der Begriff des Fortschritts leer. Vieles, Wissen gebe, das den heute Lebenden unbekannt ist,
was im 20.  Jahrhundert als Fortschritt angesehen die Nachkommen würden sich dereinst über die Un-
wurde, wird im 21. Jahrhundert als Rückschritt oder wissenheit der Altvorderen wundern (R. Bacon
Nicht-Fortschritt interpretiert. 1897, Bd. I, 6, 13 ff.). In seinen Projektionen und Zu-
kunftsvisionen sagte er die Verlängerung des Lebens
(R. Bacon 1909, Fasc. 9, 1 ff.), Flugmaschinen, selbst-
fahrende Wagen und Schiffe wie auch Unterseeboote
voraus (R. Bacon 1859, 523 ff.). Thomas von Aquin
4. Fortschritt 29

sieht eine Vermehrung des menschlichen Wissens dern dass immer wieder Revolutionen stattfinden,
mit der Zeit, da die Gründer einer Wissenschaft im- über die hinweg nicht von Fortschritt in einem un-
mer mangelnde Erkenntnisse gehabt haben müssen mittelbaren Sinne gesprochen werden kann. Die
(s. theol. II/II, q. 1, ad 7). Präzisierung dieser historischen Einsicht findet sich
Das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen dann bei Wolfgang Stegmüller (1973): Eine Theorie
gab Anlass zu der Vermutung, dass die Leistungsfä- sei fortschrittlicher als eine andere, wenn die weni-
higkeit der menschlichen Vernunft unbegrenzt zu ger fortschrittliche oder alte Theorie als Spezialfall
steigern sei. Fortschritt als eine aus der Natur des der neuen hergeleitet werden kann. In der Physik
Menschen heraus von selbst stattfindende Entwick- dient u. a. die Newtonsche Mechanik als Beispiel  –
lung des Menschen und des Menschengeschlechts in man kann zeigen, dass man diese Theorie erhält,
die Richtung zum Besseren, Höheren, Vollkomme- wenn man in der Speziellen Relativitätstheorie die
neren (Schischkoff 1974, 183) wurde zum neuen Si- Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes gegen un-
gnet eines selbstbewussten Zeitalters, aus der die endlich gehen lässt. Niels Bohr (1985, 507), einer der
Moderne als Vernunftprojekt entsprang. So postu- Mitschöpfer der Quantentheorie, nannte dies das
lierte Immanuel Kant (1934, 611) »[…] die Tendenz Korrespondenzprinzip in der Physik. Man kann sol-
zum continuierlichen Fortschritt des Menschenge- che Korrespondenzbeziehungen auch in der Technik-
schlechts [als] […] eine moralisch-praktische Ver- entwicklung finden, d. h. alte Teiltechniken können
nunftidee«. in neuen Techniken durchaus Verwendung finden
Die Aufklärung glaubte auch an eine sich von und »funktionieren«. Dies ist eine Voraussetzung
selbst einstellende moralische Entwicklung von dafür, dass solche Entwicklungsmuster durch Kon-
Mensch und Gesellschaft – die Idee des Fortschritts vergenz von Technologien ergänzt werden können
verdichtete sich über den Optimismus von Gottfried (Kornwachs 2012, Kap. C).
Wilhelm Leibniz noch mehr bei Georg Wilhelm Der offenkundige Fortschritt der Wissenschaften,
Friedrich Hegel bis hin zum Prinzip des Weltgesche- wie auch immer definiert, spielte historisch die Rolle
hens überhaupt. Selbst Mao Tse-Tung übernimmt einer Leitidee für einen allgemeinen Fortschrittsbe-
diese Vorstellung direkt: »Die Welt schreitet vor- griff. Dieses allgemeine Fortschrittsdenken war ge-
wärts, die Zukunft ist glänzend, und niemand kann kennzeichnet durch eine progressive Auslegung des
diese allgemeine Tendenz der Geschichte ändern« historischen Prozesses: Wachsende Naturerkenntnis
(Mao 1968, Bd. IV). löste die traditionelle, religiös gebundene und über-
Der Fortschrittsbegriff ist uns heute wohl am ge- wiegend schriftlich fixierte Wissensautorität ab und
läufigsten in der Wissenschaft und Technik. Werner ersetzt sie durch Empirie. Der Natur wurden Fragen
Diedrichs (1974) sieht in der impliziten Unterstel- gestellt, auch wenn dies, wie bei Francis Bacon
lung ständigen Erkenntnisfortschritts eine Konse- (1966, 182 ff.), Fragen unter der Folter der Laborbe-
quenz aus dem sozialen Prozess der Wissensbegrün- dingungen sind, die sie zur Preisgabe ihrer Geheim-
dung und -korrektur durch ständige Kumulationen nisse zwingen sollen. Die Naturbeherrschung führte
und Revolutionen von Wissen – dies gilt zumindest zu einer für alle offenkundigen Verbesserung der
für die theoretischen und empirischen Wissenschaf- Daseinsverhältnisse, von der Hygiene über die Le-
ten (Kuhn 1979), dürfte aber auch für die techni- benserwartung bis zu gewissen zivilisatorischen An-
schen Erfahrungen gelten (s. Kap. IV.A.5). Bei Karl nehmlichkeiten und Sicherheiten. Der Fortschritt
Popper (1992) ist es die ständige Kritik an der Ratio- sei als eine Tendenz in der Geschichte zu beobachten
nalität des wissenschaftlichen Vorgehens, insbeson- und daher kaum zu bestreiten.
dere durch das Stellen der Methodenfrage, und nicht
eine autochthone Weltgeschichte, die das Wachstum
der Erkenntnis hervorruft. Vergleichbare Strukturen Systemische Grenzen des Fortschritts
sieht man in der Technik am Werk, insbesondere da,
wo Technik in Form von Technikwissenschaften Ge- Logistische Kurven stellen sich dann ein, wenn eine
genstand der Zuschreibung wird, Fortschritt zu sein Anstrengung, ein Ziel zu erreichen, mit der Annähe-
(Büchel 1981). rung an das Ziel immer größer ausfällt. Im Quali-
Die diachronische Wissenschaftstheorie, d. h. die tätswesen kennt man diesen Effekt sehr genau: um
Untersuchung der Theoriendynamik in den Wissen- eine Genauigkeit von 95 Prozent zu erreichen,
schaften, hat aber gezeigt, dass es keine eigentliche, braucht man etwa nur die Hälfte des Aufwandes,
sprich lineare, Akkumulation von Wissen gibt, son- den man für das Erreichen einer 99-prozentigen Ge-
30 II. Grundbegriffe

nauigkeit aufwenden müsste. Da der Aufwand nicht lung entsprechend an. Da jedoch die Kosten für das
beliebig gesteigert werden kann, ist klar, dass auch Wachstum der Rechenkapazität weniger schnell stei-
die erstrebte Genauigkeit erst recht nicht beliebig an- gen als für die apparative Ausstattung bei Test und
genähert werden kann. Experiment, verschieben sich die Bemühungen zu-
Nicholas Rescher (1982) hat den Fortschrittsge- nehmend auf die Seite der Simulation und der virtu-
danken unter dieser ökonomischen Sichtweise ana- ellen Tests.
lysiert. Sofern man wissenschaftlichen Fortschritt an Nun differenzieren sich Wissenschaft und Tech-
der Zahl der sogenannten Durchbrüche, also we- nik in verschiedene Felder aus, von denen einige
sentlicher Entdeckungen, revolutionierender Theo- auslaufen und sich andere neu entwickeln, bis auch
rien und überraschende Entdeckungen, messen sie ihren Sättigungsgrad oder einen nicht mehr ak-
kann, stellt man fest, dass diese Zahl pro Zeiteinheit zeptierbaren schlechten Wirkungsgrad erreicht ha-
abnimmt. Um wirklich etwas Neues zu finden, wird ben. Dann spricht man auch davon, dass in gewisser
gerade wegen des Fortschritts in der Wissenschaft Weise ein Feld abgeschlossen sei. Dort ist dann kein
der dafür erforderliche Aufwand immer größer – so- weiterer Fortschritt mehr zu erwarten. Innerhalb ei-
wohl in gerätetechnischer wie kapazitiver und per- nes Feldes haben wir jeweils Entwicklungen, die
soneller Hinsicht. Augenfälliges Beispiel ist die der- nach logistischen Kurven verlaufen. Die Frage ist, ob
zeit »Größte Maschine der Welt«, der Large Hadron dies für die Entwicklung des wissenschaftlichen und
Collider (LHC) in Genf, mit dessen Hilfe Elementar- technischen Fortschritts insgesamt gilt. Dies ist nach
teilchen, die das Bild der sogenannten Standardthe- wie vor offen.
orie der Materie vervollständigen könnten, nachge-
wiesen werden sollen. Mit anderen Werten – eine
Entdeckung vom Range der Relativitätstheorie wird Kritik am Fortschrittsbegriff
immer seltener und immer teurer. Nimmt man das
Bild der logistischen Kurve, dann folgt daraus, da Spätestens seit den Schlachtfeldern von Verdun wird
man den Aufwand nicht beliebig erhöhen kann, dass sichtbar, dass der technische – und hier in Sonderheit
der Quotient aus Ertrag der Forschung und dem der militärisch-technische – Fortschritt und das Be-
notwendigen Aufwand kleiner wird – der Fortschritt greifen des sozialen und gesellschaftlichen Fort-
der Wissenschaft verlangsamt sich. schritts nicht mit denselben Kategorien möglich ist.
Die Verlangsamung des wissenschaftlichen Fort- Den Versuch, die geeigneten Kategorien zu finden,
schritts hat eine Verlangsamung des technischen hat noch Karl Marx unternommen, auch wenn er
Fortschritts zur Folge. Der Grund besteht nach Ni- den Begriff des »Fortschritts« explizit gar nicht nennt
cholas Rescher darin, dass empirische Wissenschaft (s. Kap. IV.A.2). Für ihn war die Geschichte nicht
auf Technik im Labor, theoretische Wissenschaft auf eine Entwicklung zu immer jeweils besseren Zustän-
Rechenkapazität angewiesen ist. Wird jedoch die den, sondern eine Abfolge von Klassenkämpfen
Technik, die erforderlich wäre, immer teurer, weil (Marx/Engels 1981, MEW 462), die ihre Energien
aufwendiger, sinkt die Nachfrage nach ihr und damit aus den Widersprüchen in Gesellschaft und Produk-
auch ihre weitere Entwicklungsmöglichkeit. Umge- tionsweisen bezogen (Marx 1973 MEW 3, 30). Im-
kehrt kann sich die Wissenschaft aber nur so weit plizit steckt in diesem Bild der klassenlosen Gesell-
entwickeln, als ihr auch technische Möglichkeiten schaft ein zu erreichender Endzustand, der nur über
zur Verfügung stehen. Geht man in Erweiterung der einen mühseligen Weg erreicht werden kann.
Rescherschen Thesen davon aus, dass vorherge- Es war die klassische Fragestellung der idealis-
hende wissenschaftliche Erkenntnisse auch die tisch-romantischen Philosophie des 19.  Jahrhun-
Grundlage für die nachfolgende technische Ent- derts (s. Kap. III.1), ob nun eine Vorstellung von
wicklung darstellen, so folgt aus der Verlangsamung Fortschritt dadurch bedingt werde, dass dieser Fort-
des Fortschritts in der Wissenschaft auch eine Ver- schritt eben nur durch die Weiterentwicklung einer
langsamung der technischen Entwicklung. Es gab Idee vorzustellen sei. »Errungenschaften« wie Auf-
und gibt jedoch auch technische Entwicklungen, die klärung, Demokratisierung, Chancengleichheit,
von unmittelbar vorhergehenden wissenschaftlichen Wohlstandsvermehrung, mit denen sich immer
Erkenntnissen unabhängig betrieben werden bzw. schon Vorstellungen von geschichtlichem Fort-
die wissenschaftliche Begründung technischer Mög- schritt verknüpfte, lagen nach diesem Konzept einer
lichkeiten nicht abwarten. Allerdings steigt auch der sich entwickelnden Idee von Vernunft, Gleichheit,
Test- und Simulationsaufwand für solche Entwick- Gerechtigkeit und wohlverstandenen wahren Be-
4. Fortschritt 31

dürfnissen zugrunde. Will man also bei den natur- Zeitgenössische Interpretation
wissenschaftlichen Erkenntnissen, in der Technik,
den Produktionsweisen oder heute in den Bereichen Der Begriff wird heute vorwiegend normativ zur Be-
Gesundheit, Energie, Mobilität und Kommunika- urteilung von Entwicklungen oder Stadien verwen-
tion einen Fortschritt konstatieren, müsste man über det. Wissenschaftstheoretisch gesprochen stellt er
Maßstäbe und Vorstellungen verfügen. Diese müss- im modernen Kontext einen normativ-perspektivi-
ten zeigen, dass es eine sukzessive Annäherung an schen Begriff dar, der kennzeichnen soll, ob eine
die Realität in der Natur, an das Optimum in der Veränderung dahingehend stattgefunden hat, dass
Technik, an das Minimum an Belastung und Wider- sie mit den Interessen des so Urteilenden konve-
ständigkeit bei der Arbeit und an eine umfassende niert. Ist dies nicht der Fall, wird von »Rückschritt«
Befriedigung von Bedürfnissen gäbe. Auch die Fort- gesprochen.
schritte im Bereich der moralischen Freiheit, der Kritik am Fortschritt zu üben, gereicht mittler-
Freizügigkeit der vernünftigen Argumentation, der weile in einer gespaltenen Diskussion einerseits zum
förderlichen Organisationsformen bis hin zu den Lob, andererseits zum Vorwurf (s. Kap. III.5). Die
Fortschritten der Selbstbestimmung und der Men- Verknüpfung des Vorwurfs der Fortschrittsfeindlich-
schenrechte müssten dann hinsichtlich einer leiten- keit mit dem der Technikfeindlichkeit verbindet im-
den Idee, im Allgemeinen die der Aufklärung, der plizit den Fortschrittsbegriff reflexionslos mit der tat-
Vernunft und der Mündigkeit begriffen werden. sächlich stattfindenden technischen Entwicklung,
Insofern ist das Wortspiel »Idee des Fortschritts weiterhin unterstellt sie Kritikern einer bestimmten
als Fortschritt der Idee« geradezu ein Leitmotiv des Technikentwicklung (z. B. Kernkraft- oder Kohle-
Fortschrittgedankens gewesen. Allerdings war dann werke oder CO2-Verpressung), sich nicht aufgrund
jeder Zweifel, was denn Fortschritt sei, auch ein von rationalen Erwägungen gegen eine bestimmte
Zweifel am Rang und Gehalt dieser leitenden Idee. Technik zu stellen, sondern andere, sachfremde
Damit wurde Fortschrittskritik zur Ideenkritik und Gründe zu haben. Als derartige Gründe werden an-
zur Kritik der zugrunde gelegten, zumeist fraglos geführt: Man sei inkompetent, das segenreiche Poten-
übernommenen Werte (s. u.). Es wird an dieser tial einer solchen Technik zu erkennen, es gebe Vor-
Stelle klar, dass ein solch begründeter Fortschritts- behalte aufgrund eines ideologischen (ökologischen,
optimismus den Gedanken an eine Verantwortung weltanschaulichen, religiösen) Hintergrunds, man
für den Fortschrittsprozess nicht aufkommen lässt. verweigere sich, in einer durch ständigen technischen
Diese Vorstellung vom Fortschritt als festem Be- Fortschritt gekennzeichneten Gesellschaftsform le-
standteil des europäischen Weltbildes seit dem 18. ben zu wollen. Darunter fiel auch der Verdacht sys-
und 19.  Jahrhundert wurde im 20.  Jahrhundert in temkritischer Einwände wirtschaftlicher- und oder
eine Reihe inkommensurabler, d. h. gegenseitig un- kultureller Provenienz. Konnotiert wird auch heute
verträglicher Fortschrittsbegründungen aufgelöst. noch gelegentlich, dass es sich bei solchen Kritikern
Dem Gedanken des technischen Fortschritts als meistens um Personen handele, die einer modernen
einer säkularen Emanzipation vom Ausgeliefertsein Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck und Konkur-
an Natur- oder auch andere Gewalten widerspricht renz skeptisch gegenüberstehen und womöglich
eine Fortschrittsvorstellung, die heilsgeschichtlich staatliche Unterstützung oder gar eine wie auch im-
begründet ist und auf eine transzendente religiöse mer geartete parasitäre Existenzweise bevorzugten.
Sinngebung rekurriert. Den Verlusterfahrungen der Wenngleich dies leicht als Immunisierungsstrate-
Orientierung durch die Beschleunigung all unserer gie von Technologieproponenten erkennbar ist, so
technischen, ökonomischen und sozialen Vorgänge sind diese sowie auch die Argumente der Fort-
setzte ein bis in die 80er Jahre noch ungebrochener schrittskritiker normativ hoch aufgeladen. Es han-
Fortschrittsglaube die Einführung noch besserer delt sich dabei um eine Debatte, ob der Fortschritt
informationstechnisch unterstützter Orientierungs- wirklich ein Fortschritt sei, um die Frage, ob die als
systeme entgegen. Man glaubte, zu jedem Problem fortschrittlich bezeichneten Veränderungen mit den
eine naturwissenschaftlich-technische Lösung zu Interessen aller Beteiligten im Sinne des normativ-
haben. Eine etwas verunsicherte Technologiepolitik perspektivischen Begriffs wirklich konvenieren und
hat jedoch in den 1980er Jahren begonnen, sich damit ihnen das Urteil »Fortschritt« zugeschrieben
Frühwarnsysteme zur Orientierung in Form von  – werden kann.
wenngleich institutionell umstrittener – Technikfol- Fortschrittskritik erweist ist immer auch als Kul-
genabschätzung (s. Kap. VI.4) zuzulegen. turkritik, unabhängig davon, ob sie mit dezidierter
32 II. Grundbegriffe

Technikkritik verknüpft ist oder nicht (zu Kultur Bacon, Roger: Epistola de secretis operibus, artis et naturae
und Technik s. Kap. IV.C.4). Nicht jede Technikkri- et de nullitate magiae. In: Fr. Rogeri Bacon: Opera quaeda
hactenus inedita. Hg. von John S. Brewer. Bd. I. London
tik ist Fortschrittskritik, sie kann sich auch auf die
1859, 523 ff.
Verbesserung technischer Funktionalitäten bezie- – : Opus Maius. Hg. von John H. Bridges. 3 Bde. Oxford
hen, ohne die jeweilige Technik selbst in Frage zu 1897–1900.
stellen. Technikkritik, die gewisse großlinige Ent- – : Lib. (ep.) de retardatione accidentium senectus. In:
wicklungen zum Gegenstand hat, ist in der Regel Opera hactenus inedita. Hg. von Robert Steele. Oxford
dann doch Fortschritts- und Kulturkritik. 1909.
Bohr, Niels: Atomphysik und menschliche Erkenntnis. Auf-
Die zugrundeliegenden gegensätzlichen Werte, sätze und Vorträge aus den Jahren 1930–1961. Braun-
die bei der Zuschreibung von Fortschritt oder Rück- schweig 1985.
schritt in Anschlag gebracht werden, spielen in der Büchel, Wolfgang: Die Macht des Fortschritts. Plädoyer für
Technikbewertung (VDI 1991; zur VDI-Richtlinie Technik und Wissenschaft. München 1981.
zur Technikbewertung s. Kap. VI.6) ebenso eine Cicero, Marcus Tullius: Gespräche in Tusculum (Tusculanae
disputationes, liber tertius). Übers. von Ernst A. Kirfel.
Rolle wie in der politischen Debatte. Die in der Me- Stuttgart 1997 [Tusc. disp.].
thode der Technikbewertung genannten Werte wie Diederich, Werner: Einleitung. In: Theorien der Wissen-
Gesundheit, Persönliche Entfaltung, Sicherheit, schaftsgeschichte  – Beiträge zur diachronische Wissen-
Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit etc. müssen – schaftstheorie. Hg. von Werner Diedrich. Frankfurt a. M.
methodisch gesehen – auf Kriterien und Indikatoren 1974, 7–51.
Kant, Immanuel: Handschriftlicher Nachlaß. In: Kants Ge-
heruntergebrochen werden, um ihre Erfüllung beur- sammelte Schriften. Hg. von der Preußischen Akademie
teilen zu können; in der Formulierung von Kriterien der Wissenschaften. Bd. XIX. Berlin 1934.
drücken sich die Interessen der Beurteilenden meist Kornwachs, Klaus: Strukturen technologischen Wissens.
schon deutlich aus. Es zeigt sich, dass diese Werte in Analytische Studien zur einer Wissenschaftstheorie der
Konfliktbeziehungen stehen und damit die zugehö- Technik. Berlin 2012.
Kuhn, Helmut/Wiedman, Franz (Hg.): Die Philosophie und
rigen Kriterien Interessengegensätze repräsentieren. die Frage nach dem Fortschritt. Verhandlungen des sieb-
Priorisierungsvorschläge auf der Ebene von Werten ten Deutschen Kongresses für Philosophie, Münster
und Kriterien ergeben sich entweder aus einer mate- 1962. München 1964.
rialen Wertethik oder Grundsätzen, wonach z. B. Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revoluti-
eine universalmoralische Verantwortung (s. Kap. onen. Frankfurt a. M. 41979.
Lenk, Hans: Technikverantwortung. Güterabwägung – Risi-
II.6) der Rollenverantwortung vorrangig ist (Wer-
kobewertung  – Verhaltenskodizes. Frankfurt a. M./New
hane 1985, 72 f.; Lenk 1991, 64 ff.). Das würde auch York 1991.
bedeuten, dass eine Person, die in einer Entwicklung Mao Tse-Tung: Über die Verhandlungen in Tschungking
tätig ist, oder auch ein Team eine technische Ent- (17. Oktober 1945). In: Ausgewählte Werke Mao Tse-
wicklung nicht nur daran messen sollte, ob sie dem tungs. Bd. IV. Peking 1968–1969.
Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der kommunisti-
technischen Fortschritt (verstanden als Leitidee)
schen Partei. In: Dies.: Werke (MEW). Bd. 4. Berlin
dient. Vielmehr sollte man auch daran denken, ob 1981.
Nutzen, Missbrauchsmöglichkeiten und Folgen wie Marx, Karl/Engels, Friedrich: Die Deutsche Ideologie. In:
Nebenfolgen sowohl von den Anbietern, den Betrei- Dies.: Werke (MEW). Bd. 3. Berlin 1983.
bern, den Nutzern wie auch der Gesellschaft verant- Platon: Der Staat (Politeia) In: Werke in acht Bänden. Hg.
wortet werden können in dem Sinne, dass die Betei- von Gunther Eigler, übersetzt von Friedrich Schleierma-
cher. Darmstadt 1990, Bd. 8, 639 ff.
ligten und Betroffenen jetzt und später noch verant- Pollard, Sidney: The Idea of Progress. London 1968.
wortungsvoll damit umgehen können. Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 2 Bde.
Tübingen 1992.
Literatur Rapp, Friedrich: Fortschritt. Entwicklung und Sinngehalt ei-
ner philosophischen Idee. Darmstadt 1992.
Adorno, Theodor. W.: Fortschritt. In: Helmut Kuhn/Franz Rescher, Nicholas: Wissenschaftlicher Fortschritt. Berlin/
Wiedmann (Hg.): Die Philosophie und die Frage nach New York 1982.
dem Fortschritt. Verhandlungen des siebten Deutschen Ritter, Joachim: Fortschritt. In: Joachim Ritter/Karlfried
Kongresses für Philosophie. Münster 1964, 30–48. Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie.
Augustinus, A.: De civitate Dei (Vom Gottesstaat). Hg. von Basel 1972, Bd, 2 (D-F), Sp. 1032–1059.
Carl J. Perl. Paderborn 1999 [De civ. Dei]. Schischkoff, Georgi: Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart
Bacon, Francis: Über die Würde und Fortgang der Wissen- 1974.
schaft (De dignitate et augmentis scientiarum). Übers. Seneca, Lucius Annaeus: Naturwissenschaftliche Untersu-
von Johann Hermann Pfingsten, Nachdruck. Darmstadt chungen (Naturales quaestiones). Hg. und übers. von
1966. M. F. A. Brok. Darmstadt 1995 [Nat. quaest.].
5. Technikfolgen 33

Stegmüller, Wolfgang: Theorie und Erfahrung. Probleme 5. Technikfolgen


und Resultate der Wissenschaftstheorie und der Analyti-
schen Philosophie, Bd. II, 2. Halbbd.: Theorienstrukturen
und Theoriendynamik. Berlin/Heidelberg/New York
1973. Die Befassung mit Technikfolgen darf nicht nur in
Thomas von Aquin: Summa der Theologie. Stuttgart 1957 der Folge technischer Katastrophen wie der Reaktor-
[s. theol.]. unfälle in Tschernobyl und Fukushima als ein zen-
Verein Deutscher Ingenieure (VDI 1991): Technikbewer- trales Thema moderner Gesellschaften verstanden
tung – Begriffe und Grundlagen. VDI-Richtlinie 3780, werden. Das moderne Leben in den Industrielän-
VDI, Hauptgruppe »Der Ingenieur in Beruf und Gesell-
schaft«, Ausschuß Grundlagen der Technikbewertung. dern ist geprägt von Wohlstand, nahezu uneinge-
Düsseldorf/Berlin 1991. schränkter Mobilität, Globalisierungseffekten, ho-
Werhane, Patricia: Person, Rights and Cooperation. Engel- hen Gesundheitsstandards etc., die man auch als
wood Cliffs 1985. Technikfolgen beschreiben kann. Es gibt, verein-
Klaus Kornwachs facht ausgedrückt, ein gesellschaftliches Interesse,
dass die positiven Folgen der Technik letztendlich
deren negative Folgen überwiegen. Die Frage, was
dies jedoch bedeutet, führt in der Regel in pluralisti-
schen Gesellschaften zu Konflikten zwischen der ge-
sellschaftlichen Perspektive und den Ansichten ein-
zelner Interessengruppen und Individuen (zu Tech-
nikkonflikten s. Kap. III.6). Daher kommt es zu
Kontroversen darüber, ob eine Technikfolge als ne-
gativ oder positiv angesehen wird, und das gesell-
schaftliche Abwägen und letztlich auch Verhandeln
rückt in den Mittelpunkt, um zu gesellschaftlich ver-
tretbaren Entscheidungen über die Entwicklung und
den Einsatz von Technik zu gelangen.
Insofern ist es für Technikfolgen sinnvoll, den
Folgenbegriff auf Folgen technischen Handelns und
Entscheidungen über Technik (s. Kap. II.1.) zu be-
ziehen. Als Folgen einer Handlung werden im Allge-
meinen Sachverhalte bezeichnet, für die sich die
Handlung als Ursache ebendieser Sachverhalte re-
konstruieren lässt (Danto 1979; Abel 1983; Janich
2000). Somit werden die Folgen einer Handlung zu-
geschrieben, und diese Zuschreibung wird durch
Verweis auf Wirkungen und Beeinflussungen be-
gründet. Wird diese Begründung akzeptiert, dann
gilt die Zuschreibung einer Folge zu einer Handlung
als gelungen. Da auch das bewusste Unterlassen ei-
ner Handlung als eine Handlung anzusehen ist, man
denke beispielsweise an die Entscheidung, ein nu-
kleares Endlager an einem bestimmten Ort nicht
einzurichten, ist der Entscheidungsbezug durch die
Betrachtung technischen Handelns unmittelbar ge-
geben. Sowohl technisches Handeln als auch techni-
sches Nicht-Handeln sind in modernen Gesellschaf-
ten begründungspflichtig.
Während bisher nur retrospektiv von der Zu-
schreibung von Folgen zu Handlungen gesprochen
wurde, ist in der Beurteilung von Technikfolgen eine
prospektive Beschreibung nötig, wenn eine Argu-
mentationsbasis für gegenwärtige Entscheidungen
34 II. Grundbegriffe

gesucht wird. Mögliche Technikfolgen müssen ana- delt. Eine solche Aggregation allein, ohne eine Be-
lysiert werden, wobei prinzipiell Annahmen über rücksichtigung systemischer Dynamiken, wird die
die Zukunft in die Analyse einfließen müssen. So genannten Effekte kaum umfassend beschreiben
werden letztlich technikbezogene Zukünfte ausgear- können. Letztendlich kann hier eine Zuschreibung
beitet, in denen unterschiedliche Technikfolgenas- von Handlungsfolgen nicht mehr auf der individuel-
pekte kombiniert werden. Obwohl Aussagen über len Ebene erfolgen, weil entsprechende Wirkungs-
die Zukunft prinzipiell als unsicher angesehen wer- ketten nicht lückenlos darstellbar sind. Individuelle
den müssen (Japp 1997; Bechmann/Stehr 2000; und systemische Technikfolgen sind also zu unter-
Weingart 2006), kann argumentativ über Geltungs- scheiden. Dabei sind prinzipiell auch auf der syste-
ansprüche auch über zukunftsbezogenen ›Wissens‹ mischen Ebene Zuschreibungen möglich, wenn bei-
diskutiert werden. So können Technikzukünfte ein- spielsweise Folgen von Treibhausgasemissionen für
schließlich der enthaltenen Aussagen zu Technikfol- den Klimawandel den wesentlichen Emittenten die-
gen sowohl mit Blick auf die zugrundeliegenden  – ser Gase zugeschrieben werden. Die Zuschreibung
gegenwärtigen  – Annahmen analysiert, als auch von Technikfolgen zu Handlungen stößt über die
nach Konsistenz- und Plausibilitätskriterien beur- Länge der Kausalketten an andere Grenzen. Die
teilt werden. Aus den Ergebnissen dieser Zukünfte Rede von direkten bzw. indirekten oder auch primä-
vergleichenden Betrachtung erwächst die Orientie- ren und sekundären, gar tertiären Technikfolgen
rung für Entscheidungen in Technikfragen in der weist auf diesen Sachverhalt hin. Mit der Länge einer
Gegenwart. Kausalkette steigt zumeist die Wahrscheinlichkeit,
dass auch ein anderes Ereignis diese Folge nach sich
gezogen haben könnte, die ›Beweiskraft‹ nimmt also
Unterscheidungen von Technikfolgen in einem Maße ab, die eine Abstufung der Folgen
sinnvoll erscheinen lässt.
Technikfolgen über Zuschreibungen als Folgen tech- In der Diskussion über Technikfolgen sind wei-
nischen Handelns und Entscheidens zu verstehen, tere Unterscheidungen wesentlich, die mit unter-
führt bereits zu einer ersten Unterscheidung. Im Be- schiedlichen Rollen der unterscheidenden Sprecher
reich des individuellen Handelns werden Hand- und abweichenden Unterscheidungsintentionen, re-
lungs- und Entscheidungsfolgen einem Individuum, sultierend aus verschiedenen Perspektiven auf das
einer Person oder einem Akteur zugeschrieben. Ent- technische Handeln, verbunden sind:
steht bei einer Handlung ein Schaden, dann basiert • Intendierte versus nicht intendierte Folgen: Diese
das juristische Vorgehen darauf, den Akteur zu iden- Unterscheidung rekurriert auf die Intention tech-
tifizieren und durch eine lückenlose Beweisführung nischen Handelns. Als Sprecher lassen sich Inge-
den Schaden diesem Akteur zuzuschreiben bzw. an- nieure, die eine neue Technik entwickeln, oder
zulasten. Beispielsweise wird im Falle der Verunrei- die Anwender und Nutzer einer Technik nennen.
nigung eines Flusses geprüft, an welcher Stelle die Diese können normalerweise explizieren, welche
Verunreinigung stattfand (Austritt eines Kanals), es Intentionen, das heißt, welche Zwecke sie mit ih-
wird geprüft, welche Akteure durch das Leitungssys- rer technischen Handlung verfolgen. Wenn die
tem an diesen Kanal angeschlossen sind, und Resultate des Handelns intendiert waren, handelt
schließlich wird ermittelt, welchem Verursacher die es sich um realisierte Zwecke, die im Allgemeinen
Verschmutzung zugeschrieben werden kann. Diese das erfolgreiche technische Handeln im engeren
klassische Zuschreibungsfigur wirft wenig prinzipi- Sinne, das Funktionieren der Technik, einschlie-
elle Probleme auf. ßen. Ergebnisse anderer Art sind nicht inten-
Technikfolgen sind aber nicht notwendigerweise dierte Folgen.
einem individuellen Handelnden zuzuordnen, so • Erwünschte versus nicht erwünschte Folgen: Die
etwa in der Rede von Folgen des Mobilitätsverhal- Unterscheidungsabsicht besteht in der Beurtei-
tens der Bevölkerung, von den Folgen des durch die lung der Erwünschtheit der Folgen, die wiederum
Menschheit erzeugten Anteils am Klimawandel, und relativ zu einem normativen Kriteriensatz expli-
auch von Folgen des wissenschaftlich-technischen ziert wird. Die ›Betroffenen‹ einer technischen
Fortschritts im Allgemeinen. Hier ist kein individu- Handlung ziehen in ihren Sprechakten diese Un-
eller Akteur identifizierbar, auch wenn man theore- terscheidung heran und verbinden diese beispiels-
tisch davon ausgehen könnte, dass es sich um eine weise mit Hinweisen auf Nutzen und Schaden
Aggregation individueller Einzelhandlungen han- oder Chancen und Risiken, aus deren Abwägung
5. Technikfolgen 35

dann eine (Un-)Erwünschbarkeit resultiert. Eine treten. So ist beispielsweise in Deutschland nach den
Umgehungsstraße ist z. B. für die betroffenen An- Ergebnissen des Bürgerdialogs zur Energiewende
wohner weniger wünschenswert. Die sie nutzen- ein dezentrales Versorgungssystem erwünscht. Das
den Pendler stufen dagegen den ›Gewinn‹ der täg- heißt aber nicht, dass die Akzeptanz für ein damit
lichen Zeitersparnis als wünschenswert ein. verbundenes dichteres Stromnetz, das den Bau von
• Vorhersehbare versus unvorhersehbare Folgen: Hochspannungsleitungen nötig macht, im Einzelfall
Diese Unterscheidung zielt auf das Ausmaß der gegeben ist. »Not in my backyard« (NIMBY) be-
Erkennbarkeit der Folgen ex ante ab und damit schreibt diese Diskrepanz prägnant (zu Technikkon-
auf eine zentrale Bedingung der Möglichkeit, flikten s. Kap. III.6).
Technikfolgen wissenschaftlich prospektiv zu er- Folgenunterscheidungen sind folglich selbst zu
fassen. Manchmal auch entlang der Unterschei- unterscheiden und insbesondere zu Beobachter-
dung erwartbar versus unerwartbar ausgeführt, standpunkten zu relationieren: Von verschiedenen
ist sie insbesondere aus Beobachterperspektive Positionen aus fallen die Zuordnungen unterschied-
für die Festlegung des Beobachtungsbereichs re- lich aus. So ist auch die Unterscheidung zwischen
levant. Aus der Sicht der Technikfolgenabschät- Haupt- und Nebenfolgen keine ontologische Eintei-
zung (s. Kap. VI.4) ist diese Unterscheidung eine lung, sondern Resultat einer Zuschreibung. Folgen,
methodische Herausforderung. Denn es ist die für Handelnde oder Entscheidungsträger Haupt-
durchaus vorstellbar, dass sich ex post heraus- folgen sind, können für andere Nebenfolgen sein
stellt, dass es ex ante Hinweise auf Folgen gab – und umgekehrt. In diesen Unterscheidungen sind
diese also vorhersehbar waren – aber faktisch daher stets die jeweiligen Unterscheidungsabsichten
nicht gesehen wurden. und die sozialen Zusammenhänge zu beachten, un-
• Haupt- versus Nebenfolgen: Hier entscheidet die ter denen sie erfolgen. Das ist eine der zentralen Auf-
Bedeutung bzw. Relevanz der Folgen in einem be- gaben der Technikfolgenabschätzung (s. Kap. VI.4;
stimmten Bereich für bestimmte Personen oder Renn 1993; Gloede 2007; Grunwald 2010).
Gruppen über die Zuschreibung. Entscheidungs- In der Verwendung des Folgenbegriffs ist zwi-
träger beziehen sich auf diese Unterscheidung und schen einer Beobachterperspektive und einer Teil-
orientieren ihre Entscheidung dann an der von ih- nehmerperspektive zu unterscheiden. Beobachter
nen als Hauptfolge angesehenen Folge einer tech- können empirisch die Folgen von durchgeführten
nischen Handlung. Sie unterstellen dabei gleich- Handlungen und Entscheidungen untersuchen und
zeitig die Nebenfolgen als akzeptabel. Von ande- deuten. Diese Beobachtungen erstrecken sich somit
ren kann dies völlig anders eingeschätzt werden. auf die Perspektive ex post relativ zu den Handlun-
Die Bewertung nach Haupt- oder Nebenfolge ist gen, wie dies z. B. in der empirischen Wirkungsfor-
daher an die Teilnehmerperspektive gebunden. schung, aber auch in der Rekonstruktion von Krimi-
nalfällen Praxis ist. In der Teilnehmerperspektive
In der gesellschaftlichen Diskussion zu Folgen wer- spielen hingegen die noch nicht realisierten Folgen
den diese Begriffspaare nicht immer eindeutig, teils eigener Handlungen eine entscheidende Rolle, da sie
sogar synonym, teils in unklaren Abgrenzungen als Handlungsorientierungen und Entscheidungs-
voneinander verwendet. Die über die unterschiedli- hilfen verwendet werden. Antizipative Folgenüber-
chen Sprecherrollen explizierten Unterscheidungs- legungen orientieren das Handeln und Entscheiden,
absichten sind weder trennscharf noch eindeutig z. B. in Planungsprozessen (Grunwald 1999). Die
aufeinander abbildbar. Verbunden mit unterschied- Rolle des oben angesprochenen Beobachters, der
lichen Rollen im Diskussionsprozess lassen sich In- über wünschenswerte und nicht wünschenswerte
klusionen in diesen Unterscheidungen feststellen. Folgen einer Umgehungsstraße reflektiert, ist dann
Aus der Perspektive des Ingenieurs sind die inten- beobachtend auf den Planungsprozess und ggf. teil-
dierten Folgen sicherlich erwünscht, wobei im Sinne nehmend z. B. im Planfeststellungsverfahren, in dem
eines kleinsten Übels dieses ›erwünscht‹ auch ein er sich explizit äußern muss.
›am wenigsten unerwünscht‹ sein kann. Aber schon Die Unterscheidungen zwischen lang- und kurz-
im Bereich der technisch handelnden Nutzer ist fristig eintretenden und notwendig eintretenden und
nicht gesagt, dass alle dieselben Folgen als erwünscht kontingenten Folgen liegen quer zu den oben ge-
oder nicht erwünscht ansehen. Dieser Konflikt aus nannten und entwickeln in Entscheidungszusam-
Nutzerperspektive kann auch in Bezug auf gesell- menhängen besondere Relevanz. Notwendig eintre-
schaftliche und individuelle Folgen in Erscheinung tend sind z. B. Folgen, die sich aus dem Konstrukti-
36 II. Grundbegriffe

onsplan einer verwendeten Maschine deduzieren scheidungen bieten möchte. Mit der Frage, was in ei-
lassen, da die Verwendung der entsprechenden Ma- ner bestimmten gesellschaftlichen Situation getan
schine mit Notwendigkeit zu diesen Folgen führt. werden soll, findet ethische Reflexion technischen
Das Eintreten kontingenter Folgen dagegen hängt Handelns ihren Eingang in die Technikfolgenfor-
von den jeweiligen Situationsaspekten ab, unter de- schung (Gethmann/Sander 1999; Decker 2004).
nen das Handeln stattfindet. Insofern diese zur Zeit Über die Fokussierung auf Folgen rückt die Folgen-
der Handlungskonstitution noch zukünftig und ethik oder auch konsequentialistische Ethik ins Zen-
nicht mit Sicherheit absehbar sind, sondern nur pro- trum dieser ethischen Reflexion, wobei sie in kon-
spektiv eingeschätzt werden können, können Aussa- kreten technischen Kontexten von anderen ethi-
gen zu kontingenten Folgen des Handelns nur unter schen Begründungsformen flankiert wird bzw. auch
Unsicherheit gemacht werden. Dies gilt a fortiori, da mit ihnen in Konflikt gerät.
die Menge der nicht intendierten Folgen unab- Die vergleichende Analyse von Technikzukünften
schließbar und potentiell unendlich ist. Aus Prakti- und den aus ihnen resultierenden Handlungsop-
kabilitätsgründen müssen für Entscheidungen Ein- tionen kann für die Technikfolgenforschung me-
grenzungen unter Relevanzaspekten vorgenommen thodisch eine Vereinfachung darstellen, da relative
werden, die jedoch in sich wiederum riskant sind – Beurteilungen der Optionen möglich werden. Bei-
es könnten nicht intendierte Folgen ex ante als ver- spielsweise können weitreichende Ceteris-paribus-
nachlässigbar eingestuft werden, die sich ex post als Annahmen gemacht werden, weil begründet ange-
hoch relevant herausstellen. Diese Fragestellungen nommen werden kann, dass für die betrachteten Al-
sind von besonderem Interesse beim vorsorgenden ternativen manche Bewertungskriterien keinen bzw.
Handeln (Harremoës et al. 2002; s. Kap. VI.3). einen vernachlässigbaren Einfluss auf das Resultat
Schließlich lassen sich Technikfolgen nach inhalt- des Vergleichs mit sich bringen. Da eine Handlung
lichen Gesichtspunkten unterscheiden, die in einer ausgeführt oder unterlassen werden kann, sind im-
dritten Dimension quer zu den oben genannten Un- mer zumindest diese beiden Zukünfte vergleichbar.
terscheidungen liegen. Folgen für die Gesundheit In vielen Fällen ist das Unterlassen nicht damit ver-
von Mensch und Tier, für die Umwelt, für einen bunden, dass keine technische Lösung angestrebt
Wirtschaftsstandort, für Minderheiten einer Bevöl- wird, sondern damit, dass eine bestehende Technik
kerung, für eine aktuell bestehende politische Ge- weiterhin eingesetzt wird. Eine neue Technik, eine
samtkonstellation ordnen Folgen verschiedenen Ka- Innovation, tritt also in Konkurrenz zu einer beste-
tegorien zu, die typischerweise in entscheidungs- henden Technik. Dabei wird häufig schon durch die
bezogenen Debatten berücksichtigt werden. Sie aufkommende Konkurrenz auch die alte Technik
bringen medizinische, ökologische, ökonomische, verbessert, um im Wettbewerb bestehen zu können.
kulturelle, politische etc. Aspekte der Technikzu- Joseph Schumpeter zielt genau auf diesen Wettbe-
künfte in einen spezifischen Zusammenhang, der werb, wenn er Innovation einerseits beschreibt als
der Gesamtheit dieser Technikfolgen eine höhere ar- »The fundamental impulse that sets and keeps the
gumentative Kraft verleihen soll. Verlangt eine mög- capitalist engine in motion comes from the new con-
lichst umfassende Beschreibung der Technikzu- sumers ’ goods, the new methods of production or
künfte die Berücksichtigung aller relevanten As- transportation, the new markets, […]« und anderer-
pekte, so stellt deren Mannigfaltigkeit eine besondere seits darauf hinweist, dass Innovation das Beste-
methodische Herausforderung für die Technikfol- hende »kreativ zerstört«: »[This process] incessantly
genforschung dar, die sich auf allgemeiner Ebene in revolutionizes the economic structure from within,
der Herstellung einer Vergleichbarkeit der Technik- incessantly destroying the old one, incessantly crea-
zukünfte beschreiben lässt. ting a new one« (Schumpeter 1994, 82 f.).
Konkurrenzfähige technische Innovationen zu
entwickeln, kann in Industrieländern als ein zentra-
Technikfolgenforschung les Ziel der Wissenschafts- und Technikpolitik (s.
und Entscheidungsprozesse Kap. VI.1) angesehen werden. So wird beim deut-
schen Bundesministerium für Bildung und For-
Der Vergleich von Technikzukünften und die Ana- schung (BMBF) die Technikfolgenforschung unter
lyse der mit ihnen möglicherweise verbundenen dem Begriff der Innovations- und Technikanalyse
Konflikte rücken somit in den Mittelpunkt einer (BMBF 2001) geführt, und im kommenden europäi-
Technikfolgenforschung, die Orientierung für Ent- schen Forschungsrahmenprogramm wird »respon-
5. Technikfolgen 37

sible innovation« als einer der Schlüsselbegriffe an- man sich am Reaktorunglück in Fukushima drastisch
gegeben (von Schomberg 2012). Die Bewertung der verdeutlichen kann  – wie es aber auch für weniger
Technikfolgen stellt in beiden Konzeptionen eine spektakuläre Technologien wie Mülldeponien ausge-
wichtige Komponente in der Vorbereitung von Ent- führt wurde (Herbold et al. 1991). Die Rolle der
scheidungen in Forschung, Entwicklung und Inno- Technikfolgenforschung in der Vorbereitung einer
vation dar. Da es sich um Entscheidungen über Entscheidung für ein bestimmtes Zukunftsszenario
Technik in Bezug auf zukünftige Nutzung handelt, ist muss also diejenigen Handlungen in der Gegenwart
eine empirische Analyse der Technikfolgen nicht beschreiben, die in der Metapher des Realexperi-
möglich. Modellierungen, Simulationen und Ent- ments die notwendigen ›Anfangsparameter‹ herstel-
wicklung von Szenarien, die letztendlich die Wis- len. Nach der Entscheidung beobachtet sie das Expe-
sensbasis von Technikzukünften darstellen, ermög- riment mit Blick sowohl auf die intendierten als auch
lichen eine sowohl qualitative als auch quantitativ die nicht intendierten Folgen der technischen Hand-
differenzierte Analyse unter festgelegten Ausgangs- lung, um ein Lernen zu ermöglichen.
annahmen. Dennoch sind sie in ihrer Geltung kaum Damit steht die auf Technikfolgenforschung ba-
mit transsubjektiv gültigen Aussagen beispielsweise sierende Entscheidungsfindung, die die Risiken des
der Physik vergleichbar. Einsatzes neuer Technologien deren Chancen ge-
Damit ist ein grundlegendes und dauerhaftes For- genüber stellt (s. Kap. IV.C.7), im Einklang mit der
schungsfeld der Technikfolgenforschung identifi- Theorie der reflexiven Modernisierung (Beck 1986),
ziert: die Angabe der Geltungskriterien des prospek- die zwar auch Unterscheidungen festlegt und Gren-
tiven Wissens über Technikfolgen. Bereits die unter- zen zieht, das aber »provisorischer, moralisch und
schiedlichen Perspektiven auf Technikfolgen (s. o.) rechtlich pluraler, und unter dem Vorzeichen der in-
lassen Konfliktlinien aufscheinen. Dabei werden die neren Grenzflexibilisierung, die die sowohl-als-
Geltungsansprüche der Aussagen über Technikfol- auch-Logik eröffnet« (Beck/Lau 2005, 131). In die-
gen sowohl grundlegend in Frage gestellt, z. B. bei der sem Sowohl-als-auch werden die Erfolge einer
Frage, ob es überhaupt einen durch Menschen indu- technischen Modernisierung unter gleichzeitiger
zierten Einfluss auf den Klimawandel gibt, als auch, Berücksichtigung der nicht-intendierten Folgen be-
wenn die Existenz der Technikfolge nicht angezwei- urteilt (Böschen et al. 2006; Bechmann et al. 2007).
felt wird, in Bezug auf deren konkretes Ausmaß (wie Technikfolgenforschung wird damit im Idealfall zu
groß ist der Anteil am Klimawandel). Da Aussagen einem begleitenden Prozess der technischen und ge-
über die Zukunft prinzipiell nicht bewiesen werden sellschaftlichen Modernisierung, der sowohl vor der
können, sind Spekulationen und interessengeleiteten Entscheidung Handlungsoptionen in transparenter
Auslegungen sprichwörtlich Tür und Tor geöffnet. Weise argumentativ verhandelbar macht, als auch
Dieses Nicht-Wissen-Können führt zu der Not- vor diesem Hintergrund die Folgen der getroffenen
wendigkeit, dass für die Vorbereitung einer Entschei- Entscheidung analysiert und daraus wieder Hand-
dung auch eine Beurteilung des Nichtwissens in die lungsoptionen entwickelt.
Folgendiskussion einfließen muss (Böschen/Wehling
2004). Das Nicht-Wissen bzw. unsichere Wissen be- Literatur
züglich der toxikologischen Wirkung von Nanoparti-
Abel, Bodo: Grundlagen der Erklärung menschlichen Han-
keln für Mensch und Umwelt kann hier als Beispiel delns. Tübingen 1983.
dienen, in dem das Vorsorgeprinzip (s. Kap. VI.3) in Bechmann, Gotthard/Decker, Michael/Fiedeler, Ulrich/
die Entscheidungsfindung einbezogen wurde (De- Krings, Bettina-Johanna: Technology assessment in a
cker 2009). Das Nicht-Wissen-Können und trotzdem complex world. In: International Journal of Foresight and
Entscheidungen für Handlungen treffen zu müssen, Innovation Policy 3/1 (2007), 6–27.
Bechmann, Gotthard/Stehr. Nico: Risikokommunikation
bringt es mit sich, dass sich weder der Handlungser-
und die Risiken der Kommunikation wissenschaftlichen
folg noch die damit verbundenen Nebenfolgen sicher Wissens  – zum gesellschaftlichen Umgang mit Nicht-
einstellen. Die Handlungen bekommen experimen- wissen. In: GAIA 9/2 (2000), 113–121.
tellen Charakter, werden zum Realexperiment ver- Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere
bunden mit einem learning by doing (Krohn 2007). Moderne. Frankfurt a. M. 1986.
– /Lau, Christoph: Theorie und Empirie reflexiver Moder-
»Versuch und Irrtum« bei risikoreichen, großtechni-
nisierung. In: Soziale Welt 56 (2005), 107–135.
schen Anlagen, die faktisch erst im realen Einsatz am BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung
Bestimmungsort ›getestet‹ werden können, ist glei- BMBF, Hg.): Innovations- und Technikanalyse. Zukunfts-
chermaßen unvermeidbar wie unbefriedigend, wie chancen erkennen und realisieren. Bonn 2001.
38 II. Grundbegriffe

Böschen, Stefan/Kratzer, Nick/May, Stefan (Hg.): Nebenfol- 6. Verantwortung


gen Analysen zur Konstruktion und Transformation mo-
derner Gesellschaften. Weilerswist 2006.
Böschen, Stefan/Wehling, Peter: Wissenschaft zwischen Fol-
genverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspekti- In der Technikethik spielt das Verantwortungskon-
ven der Wissenschaftsforschung. Wiesbaden 2004. zept eine zentrale Rolle. Bei dem Begriff ›Verantwor-
Danto, Arthur C.: Analytische Handlungsphilosophie. Kö- tung‹ handelt es sich um ein Basiskonzept, vergleich-
nigstein 1979. bar etwa mit Begriffen wie ›Pflicht‹ oder ›Schuld‹,
Decker, Michael: The role of ethics in interdisciplinary weswegen es in vielen Kontexten zum Einsatz kom-
technology assessment. In: Poiesis & Praxis, Interna-
tional Journal of Ethics of Science and TA 2, 2/3 (2004), men kann. Entsprechend vielfältig sind seine Ge-
139–156. brauchsmöglichkeiten. Gleichwohl lassen sich einige
– : Nanopartikel und Risiko – ein Fall für das Vorsorgeprin- allgemeine Aussagen über die Bedeutung dieses Be-
zip? Betrachtungen aus der Perspektive der Technikfol- griffs treffen. Gerade Autoren, die im Bereich der
genabschätzung. In: Arno Scherzberg/Joachim H. Wen- Technik- und Wissenschaftsethik aktiv sind, haben
dorff (Hg.): Nanotechnologie – Grundlagen, Anwendun-
gen, Risiken, Regulierung. Berlin 2009, 113–137. sich in der Vergangenheit nachdrücklich um Be-
Gethmann, Carl Friedrich/Sander, Thorsten: Rechtferti- griffsklärung und die Differenzierung unterschiedli-
gungsdiskurse. In: Armin Grunwald/Stephan Saupe cher Gebrauchsweisen bemüht (z. B. Grunwald
(Hg.): Ethik in der technikgestaltung. Praktische Relevanz 1999; Hubig/Reidel 2003; Lenk/Maring 1991; Ott
und Legitimation. Heidelberg 1999, 117–151. 1997, 252–255; Ropohl 1994).
Gloede, Fritz: Unfolgsame Folgen. Begründungen und Im-
plikationen der Fokussierung auf Nebenfolgen bei TA.
In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis 1/16
(2007), 45–54. Kausalverantwortung
Grunwald, Armin: Die rationale Gestaltung der techni-
schen Zukunft. In: Ders. (Hg.): Rationale Technikfolgen- Zunächst lässt sich zwischen Verantwortung als ei-
beurteilung. Konzepte und methodische Grundlagen. Hei-
delberg 1999, 29–54.
ner normativen Relation und der sogenannten Kau-
– : Technikfolgenabschätzung – Eine Einführung. 2. Auflage, salverantwortung unterscheiden. Der Begriff der
Berlin 2010. Kausalverantwortung bezeichnet lediglich ein Ursa-
Harremoës, Poul/Gee, David/MacGarvin, Malcolm/Stir- che-Wirkungsverhältnis und kann jederzeit durch
ling, Andy/Keys, Jane/Wynne, Brian/Guedes Vaz, Sofia: den Ursachenbegriff ersetzt werden. Die Aussage
The Precautionary Principle in the 20th Century: Late
Lessons from early Warnings. London 2002.
»Das Campingfeuer ist für den Waldbrand verant-
Herbold, Ralf/Krohn, Wolfgang/Weyer, Johannes: Technik- wortlich« besagt, so verstanden, nichts anderes als
entwicklung als soziales Experiment. In: Forum Wissen- »Das Campingfeuer hat den Waldbrand verursacht«.
schaft 4/91 (1991), 26–32. Beide Aussagen geben für ein erklärungsbedürftiges
Janich, Peter: Logisch-pragmatische Propädeutik. Ein Grund- Ereignis (Waldbrand) eine notwendige Antezedenz-
kurs im philosophischen Reflektieren. Weilerswist 2000.
bedingung (Campingfeuer) an. Es handelt sich hier-
Japp, Klaus P.: Die Beobachtung von Nichtwissen. In: Sozi-
ale Systeme 3/2 (1997), 289–312. bei um empirische Feststellungen und nicht um die
Krohn, Wolfgang: Realexperimente – Die Modernisierung Äußerung von Werturteilen oder normativen Er-
der ›offenen Gesellschaft‹ durch experimentelle For- wartungen: Ob das Campingfeuer unter den gegebe-
schung. In: Erwägen Wissen Ethik 18/3 (2007), 343–356. nen Randbedingungen ein für das Entstehen des
Renn, Ortwin: Technik und gesellschaftliche Akzeptanz: Waldbrandes notwendiger Kausalfaktor war, lässt
Herausforderungen der Technikfolgenabschätzung. In:
GAIA 2/2 (1993), 67–83. sich grundsätzlich durch Experimente überprüfen,
Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy. die nicht von normativen Erwartungen beeinflusst
[o. O.] 1994. werden.
Von Schomberg, René: Prospects for technology assess- Gerade in technikethischen Zusammenhängen ist
ment in a framework of responsible reserach and inno- allerdings der Hinweis angezeigt, dass Ursachenzu-
vation. In: Marc Dusseldorp/Richard Beecroft (Hg.):
Technikfolgen abschätzen lehren. Bildungspotentiale schreibungen regelmäßig in lebensweltlichen Kon-
transdisziplinärer Methoden. Wiesbaden 2012, 39–61. texten vorgenommen werden, innerhalb derer ihnen
Weingart, Peter: Erst denken, dann handeln? Wissen- eine praktische Bedeutung zukommt (vgl. Putnam
schaftliche Politikberatung aus der Perspektive der 1982). Indem wir auf das Campingfeuer als auf ›die‹
Wissens(chafts)soziologie. In: Svenja Falk/Dieter Reh- Ursache des Waldbrandes aufmerksam machen, se-
feld/Andrea Römmele/Martin Thunert (Hg.): Handbuch
Politikberatung. Wiesbaden 2006. lektieren wir aus der Fülle kausal notwendiger Be-
Michael Decker dingungen einen Kausalfaktor, den hervorzuheben
im Hinblick auf bestimmte lebenspraktische Zielset-
6. Verantwortung 39

zungen sinnvoll erscheint (etwa deshalb, weil er sich Wartung zu sehen ist, so mögen sich die Parteien im
besonders leicht beeinflussen lässt, um zukünftige Grunde darüber einig sein, dass alle diese Umstände
Waldbrände zu verhindern) und behandeln die übri- notwendige Kausalfaktoren für die Freisetzung wa-
gen Kausalfaktoren (z. B. die Existenz von Sauerstoff ren. Sie mögen jedoch unterschiedlicher Auffassung
in der Luft) als bloße Hintergrundbedingungen. Ob darüber sein, welche technischen Normen, rechtli-
wir es jeweils für angemessen halten, einen be- chen Regelungen oder technikethischen Prinzipien
stimmten Kausalfaktor in dieser Weise hervorzuhe- (bezüglich der notwendigen Auslegung der Anlage,
ben und entsprechend als ›die‹ Ursache eines Ereig- bezüglich der Verlässlichkeit der verbauten Anlage-
nisses zu bezeichnen, hängt im Allgemeinen sowohl teile oder bezüglich der erforderlichen Aufsicht und
von statistischen (Normalitäts-) Erwartungen wie Wartung) im vorliegenden Fall einschlägig sind und
auch von normativen (z. B. moralischen, rechtlichen, wie diese interpretiert werden müssen.
konventionellen) Erwartungen ab (Feinberg 1977).
Diesbezüglich erscheinen folgende Annahmen plau-
sibel: Normative Verantwortung:
Wenn wir E als ein Ereignis verstehen, das, bei Pro- und retrospektiv
Vorliegen bestimmter Hintergrundbedingungen H,
ein Ereignis E* hervorrufen kann und dies tatsäch- Halten wir fest, dass Zuschreibungen von ›Kausal-
lich tut, dann wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir verantwortung‹ an sich keinen normativen Sinn ha-
E alltagssprachlich als ›die‹ Ursache von E* auswei- ben, da sie lediglich notwendige Kausalfaktoren an-
sen, positiv beeinflusst durch (1) das Maß, in dem geben, dass jedoch die mit solchen Zuschreibungen
wir statistisch erwarten, dass E tatsächlich E* verur- getroffene Entscheidung, welche der notwendigen
sacht (beispielsweise, weil das Vorliegen von H sta- Kausalbedingungen jeweils in den Blick gerückt
tistisch zu erwarten war), und (2) das Maß in dem werden, neben statistischen auch normative Erwar-
wir entweder (a) statistisch oder (b) normativ erwar- tungen zum Ausdruck bringen kann. In einer weite-
ten, dass E nicht eintritt. So ist es wahrscheinlicher, ren Gruppe von Verwendungsweisen bringen Ver-
dass wir die Temperatur T einer Batterie als ›die‹ Ur- antwortungszuschreibungen auch unmittelbar nor-
sache eines Autobrandes bezeichnen, wenn es (ge- mative Erwartungen zum Ausdruck (nachfolgende
mäß l) statistisch wahrscheinlich ist, dass Batterie- Ausführungen enthalten Übernahmen aus Werner
temperatur T einen solchen Brand auslöst und wenn 2014). ›Verantwortung‹ bezeichnet dann eine grund-
(gemäß 2a) das Auftreten von T statistisch unwahr- legende normative Beziehung, die ihre Basis sowohl
scheinlich ist und/oder (gemäß 2b) einen Verstoß in moralischen und rechtlichen Normen als auch in
gegen gültige Normen darstellt, T also normativ als konventionellen oder rollenspezifischen Erwartun-
»Überhitzung« definiert ist. Machen wir die Gegen- gen haben kann. Während ›Kausalverantwortung‹
probe und stellen uns vor, dass die relevanten Nor- stets retrospektiv ist, hat die normative Verantwor-
men anders festgelegt sind, so dass T noch in den tungsbeziehung eine prospektive und eine retro-
Normbereich fällt, und dass die faktisch gewählte spektive Seite (u. v. a. Zimmerman 2001).
Anordnung der Batterien, die ebenfalls zu den not- In der prospektiven Bedeutung wird Verantwor-
wendigen Kausalfaktoren des Brandes gehört, gegen tung überall dort zugeschrieben, wo Personen nor-
gültige Normen für den Batterieeinbau verstößt. In mative Erwartungen an sich selbst oder andere
diesem Fall würden wir wohl nicht Batterietempera- handlungsfähige Entitäten richten. Eben indem sie
tur T, sondern vielmehr den Batterieeinbau als »die dies tun, schreiben sie  – gegebenenfalls nur impli-
Ursache« des Brandes bezeichnen  – obwohl alle zit – den Adressaten prospektive Verantwortung für
nicht-normativen Umstände beider Fälle identisch die Erfüllung ihrer jeweiligen Erwartung zu.
wären, schiene uns eine abweichende Ursachenzu- In der retrospektiven Bedeutung wird Verantwor-
schreibung angemessen. tung überall dort zugeschrieben, wo Akteure sich
Diskussionen über Ursachenzuschreibungen sind selbst oder anderen Intentionen, Haltungen, ein Tun
also manchmal nur der Deckmantel, unter dem in oder Unterlassen oder deren Ergebnisse oder Ne-
Wahrheit normative Fragen diskutiert werden. benfolgen in der Weise zurechnen, dass diese zum
Wenn Streit darüber aufkommt, ob ›die‹ Ursache für Gegenstand einer ›adressierten‹ Kritik, etwa eines
die Freisetzung radioaktiven Dampfs eher in einem Lobes, eines Tadels, eines Vorwurfs, einer adressier-
mangelhaften Überdruckventil, in der fehlerhaften ten Sanktion oder eines adressierten moralischen
Auslegung der Anlage oder in deren unzureichender Gefühls wie Empörung (vgl. Strawson 1962) werden
40 II. Grundbegriffe

können. Um eine ›adressierte‹ Kritik in dem hier ge- tungsobjekt) gegenüber wem (Verantwortungsin-
meinten Sinn handelt es sich genau dann, wenn die stanz) verantwortlich? Darüber hinaus wird man fra-
oder der Kritisierende mit seiner Kritik den An- gen dürfen, warum (Begründungsbasis) die fragli-
spruch verbindet, dass die oder der Kritisierte selbst che normative Verantwortungsrelation besteht, d. h.
die normativen Erwartungen, auf die sich die Kritik worin die betreffenden normativen Erwartungen be-
bezieht, akzeptieren und sich daran orientieren gründet sind. Um jede der vier genannten Fragen
sollte beziehungsweise dies hätte tun sollen. gruppieren sich teils umfangreiche Diskussionen.
Prospektive und retrospektive Verantwortungs- Bezüglich des Subjekts der Verantwortung lässt
zuschreibungen meinen offenbar ganz Verschiede- sich zunächst fragen, welche Eigenschaften eine En-
nes. Welche Zuschreibung jeweils gemeint ist, wird tität haben muss, um überhaupt ein möglicher Ver-
aus dem Kontext zumeist hinreichend deutlich antwortungsträger sein zu können. Die Grundzüge
(wahrscheinlich prospektiv: »Die Kraftwerksbetrei- einer Antwort lassen sich bereits aus dem Gesagten
ber sind verantwortlich für die Einhaltung der Emis- entwickeln: Um von einer Entität sinnvollerweise
sionsnormen«; wahrscheinlich retrospektiv: »Die (prospektiv) ein bestimmtes Verhalten oder die Rea-
Kraftwerksbetreiber sind verantwortlich für die lisierung bestimmter Zustände normativ erwarten
Überschreitung der Emissionsnormen«). Zugleich oder ihr (retrospektiv) als möglichen Gegenstand ei-
sind prospektive und retrospektive Verantwortung ner adressierten Kritik zurechnen zu können, muss
jedoch eng verknüpft: Die Annahme, dass es die diese Entität fähig (gewesen) sein, das Erwartete
Kraftwerksbetreiber sind, die prospektiv für die Ein- bzw. Zugerechnete selbst hervorzubringen oder dies
haltung von Emissionsnormen verantwortlich sind, zu unterlassen (»principle of alternative action«; vgl.
ist ein Prima-facie-Grund für die Annahme, dass die kritisch Frankfurt 1969; metakritisch Fischer/Ra-
retrospektive Verantwortung für eventuelle Norm- vizza 1998, 29 ff.). Zudem muss sie fähig (gewesen)
überschreitungen bei den Kraftwerksbetreibern sein, normative Erwartungen oder adressierte Kritik
liegt. Eben weil wir von den Betreibern ein bestimm- zu verstehen, hinsichtlich ihrer Gültigkeit und An-
tes Verhalten oder eine bestimmte Haltung normativ gemessenheit zu beurteilen und gegebenenfalls zur
erwarten, sind sie für Abweichungen vom norma- Grundlage ihres Handelns zu machen (vgl. etwa das
tiv  Erwarteten (prima facie) rechenschaftspflichtig. Konzept der »reasons-responsiveness« bei Fischer/
Auch die retrospektive Verantwortung hat hier also Ravizza 1998).
einen normativen Sinn. Als normative Zurechnung Die Notwendigkeit und genaue Interpretation
ist sie (entgegen Jonas 1979, 172 ff.) nicht auf ein rei- einzelner Kriterien für Verantwortungskompetenz
nes Kausalverhältnis zu reduzieren. Dass im Vorigen ist strittig, und viele der hier angesiedelten Kontro-
lediglich von einem Prima-facie-Grund und nicht versen sind von technikethischer Relevanz. Dies be-
von einem hinreichenden Grund die Rede war, liegt trifft etwa die Frage kollektiver Akteure, die sich in
daran, dass wir mit der Möglichkeit von besonderen den häufig arbeitsteilig vermittelten Zusammenhän-
(entschuldigenden) Umständen zu rechnen haben, gen technischen Handelns in besonderem Maße
die einen Akteur im Einzelfall von retrospektiver stellt. Diesbezüglich wird kontrovers diskutiert, ob
Verantwortung auch für dasjenige entlasten können, und in welchem Sinne Verantwortung nicht nur in-
wofür er  – prinzipiell und im Allgemeinen  – pro- dividuellen Personen, sondern auch Institutionen
spektiv verantwortlich war. Weil wir prospektive Ver- oder Kollektiven zugeschrieben werden kann oder
antwortung niemals so spezifisch formulieren kön- zugeschrieben werden sollte (zur Übersicht vgl.
nen, dass alle möglichen Entlastungsumstände von French/Wettstein 2006). In jüngerer Zeit wird zu-
vornherein ausgeschlossen werden, bleibt Verant- dem vermehrt gefragt, inwieweit auch ›intelligente‹
wortung stets defeasible (klassisch vgl. Hart 1949). technische Artefakte, etwa ›autonome‹ Roboter, als
Subjekte moralischer Verantwortung in Frage kom-
men (vgl. z. B. Floridi/Sanders 2004; zu Robotik s.
Verantwortung als Relationsbegriff Kap. V.21).
Der Frage nach der Ausdehnung des Objektbe-
Während sich Kausalverantwortung als zweistellige reichs moralischer Verantwortung ist in der Technik-
Relation verstehen lässt (X ist verantwortlich für Y), ethik ebenso große Aufmerksamkeit zuteil gewor-
sind alle normativen (pro- und retrospektiven) Ver- den. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg haben
antwortungsrelationen wenigstens dreistellig: Wer zahlreiche Autoren (etwa Karl-Otto Apel, Hans Jo-
(Verantwortungssubjekt) ist wofür (Verantwor- nas, Georg Picht oder Walter Schulz) auf die mit
6. Verantwortung 41

der  Technisierung menschlichen Handelns einher- dem autonomen Subjekt (Kant 1968), teils auch mit
gehende Expansion menschlicher Handlungsmacht der (mehr oder weniger stark idealisierten) morali-
hingewiesen und eine entsprechende Ausdehnung schen Gemeinschaft beziehungsweise der Diskursge-
des Bereichs moralischer Verantwortung gefordert. meinschaft (Apel 1988) identifiziert.
Im Rahmen dieses Diskurses hat der Verantwor- Was die Begründung retrospektiver Verantwor-
tungsbegriff den Pflichtbegriff weitgehend als nor- tung betrifft, so hat schon Aristoteles grundlegende
matives Leitkonzept abgelöst. Dies dürfte nicht zu- Zuschreibungskriterien benannt, die Recht und
letzt dadurch zu erklären sein, dass prospektive Ver- Ethik im Wesentlichen bis heute prägen (vgl. Aristo-
antwortung als eine offene, ergebnisorientierte (vgl. teles 2001, drittes Buch): Retrospektive Verantwor-
Max Webers Gegenüberstellung von »Verantwor- tung kann nur für Freiwilliges zugeschrieben wer-
tungs-« und »Gesinnungsethik«; Weber 1988) und den, das in der Macht des betreffenden Akteurs lag
flexibel auszufüllende Form moralischer Zuständig- und worüber er Tatherrschaft hatte. Fehlende Selbst-
keit verstanden wurde. Eine Haltung der Verant- kontrolle ist vorwerfbar, soweit sie selbstverschuldet
wortlichkeit für die konkreten (erwartbaren) Folgen ist; dasselbe gilt für Unwissenheit über ethische Nor-
der persönlichen Mitwirkung an arbeitsteiligen, men grundlegenden Charakters, deren Kenntnis
technologisch vermittelten Handlungszusammen- ihrerseits normativ erwartet werden kann. Durch
hängen erschien daher als überzeugendere Alterna- die zunehmende Komplexität, Interdependenz und
tive zu einer starren, quasi-legalistischen Regelori- Veränderlichkeit von Handlungs(folgen)zusammen-
entierung, die mit den Begriff der (›bloßen‹) Pflicht- hängen in modernen, enttraditionalisierten und
erfüllung assoziiert wurde. Die weitergehende arbeitsteiligen Gesellschaften wächst indes die Be-
Auffassung, dass der Krise der ›technologischen Zi- deutung rechtlich positivierter und prinzipiell än-
vilisation‹ (Jonas 1979) durch einen grundsätzlich derbarer prospektiver wie retrospektiver Verant-
neuen Typus von Verantwortung beziehungsweise wortlichkeiten. Regeln für die Zuschreibung solcher
durch eine ›neue Ethik‹ begegnet werden müsse (s. Verantwortlichkeiten müssen zumal normative Kri-
Kap. IV.B.2), hat sich hingegen in der Diskussion als terien für den Umgang mit Risiken und Ungewiss-
unhaltbar erwiesen. Auch wurden Plädoyers für eine heiten etwa hinsichtlich möglicher Fern- oder Spät-
gewissermaßen ›heroische‹ Ausdehnung ›der‹ mora- folgen von Handlungen umfassen. In rechtlicher
lischen Verantwortung etwa von Ingenieuren und Hinsicht ist dabei etwa an Kriterien der Fahrlässig-
Wissenschaftlern zunehmend abgelöst durch Über- keit bei der Verschuldenshaftung, Bestimmungen
legungen bezüglich der Frage, welche spezifischen der Gefährdungshaftung (zum Technikrecht s. Kap.
Verantwortlichkeiten welchen Akteuren effizienter- VI.2), oder das Vorsorgeprinzip (s. Kap. VI.3) zu
und fairerweise zugeschrieben werden sollten und denken.
inwiefern Institutionen reformiert oder allererst eta- Ein wichtiger Teil der jüngeren Verantwortungs-
bliert werden müssen, um eine Übernahme technik- debatte in der Technik- und Umweltethik ist faktisch
bezogener Verantwortung zu ermöglichen (zur In- eine Debatte über die Angemessenheit und morali-
genieursethik s. Kap. III.7). Beispiele für solche sche Rechtfertigbarkeit derartiger Regeln. Die erste
Überlegungen sind etwa die Diskurse über die Eta- Phase des technikethischen Verantwortungsdiskur-
blierung effizienter und demokratisch legitimierter ses war auch bezüglich unbekannter Technikfolgen
Institutionen der Technikbewertung (zur Technik- vor allem von Plädoyers für eine Ausdehnung von
folgenabschätzung s. Kap. VI.4) oder die Diskussio- Verantwortlichkeiten bestimmt. Ungewissheiten be-
nen über die Frage, wie sogenannte whistle-blower züglich potentiell schädlicher Handlungsfolgen
adäquat geschützt und unterstützt werden könnten sollte zum einen durch verbesserte Risikoforschung,
(für Beispiele konkreter »Verantwortungskonflikte« zum anderen aber auch durch eine ›vorsorglich‹ risi-
von Ingenieuren siehe etwa Ropohl 2011). koaversive Entscheidungsstrategie Rechnung getra-
Die Instanz von Verantwortlichkeiten hängt vom gen werden (»better safe than sorry«). In Situatio-
Verantwortungstypus ab: Im Fall rechtlicher Verant- nen, in denen alle verfügbaren Handlungsoptionen
wortung sind es Gerichte, im Fall vertraglicher Ver- mit ungewissen Gefahren verbunden sind, erweist
antwortung die jeweiligen Vertragspartner etc. Die sich letztere Strategie freilich als nur begrenzt hilf-
Instanz moralischer Verantwortung wird in verschie- reich. Zudem ist unklar, inwieweit sich die risiko-
denen normativ-ethischen Theorien unterschiedlich aversive Strategie prospektiver Verantwortungsüber-
modelliert und teils mit dem Objekt moralischer nahme auch in eine entsprechend extensive Aus-
Fürsorgeverantwortung (Jonas 1992, 131), teils mit legung retrospektiver Haftungsverantwortung auch
42 II. Grundbegriffe

noch für hochgradig ungewisse Folgeschäden über- scheinlichkeit sehen, mit der eben diese Zuschrei-
setzen lässt. bung dazu führen wird, dass das betreffende Ziel
Ganz generell stellt sich angesichts der zuneh- tatsächlich erreicht wird und unerwünschte Neben-
menden Differenzierung und Positivierung von Ver- folgen vermieden werden. Vertreter gerechtigkeits-
antwortlichkeiten die Frage, wie die gesamtgesell- orientierter Ethiken werden demgegenüber betonen,
schaftliche Globalverantwortung für kumulative dass die Effizienz der Verantwortungsdistribution
und langfristige Technikfolgen sowohl effizient als nicht auf Kosten der Fairness maximiert werden
auch fair organisiert werden könnte. Angesichts des darf, die auch hinsichtlich der Verteilung von ›Ver-
erhöhten Koordinationsbedarfs moderner Gesell- antwortungslasten‹ zu berücksichtigen ist. Bei dem
schaften wäre es wenig erfolgversprechend, der von Konzept moralischer Verantwortung handelt es sich
Ulrich Beck diagnostizierten »organisierten Unver- also nicht etwa um ein neuartiges normativ gehalt-
antwortlichkeit« eine ›unorganisierte Verantwort- volles ›Prinzip‹ normativer Ethik (vgl. die Beiträge in
lichkeit‹ gegenüberzustellen, in der jeder sozusagen Bayertz 1995) oder um einen eigenständigen Ethik-
›für alles‹ verantwortlich wäre. Vor diesem Hinter- ansatz. Wer etwa im Sinne von Hans Jonas oder Max
grund haben Autoren wie Hans Lenk, Matthias Weber von »Verantwortungsethik« spricht, bezieht
Maring und Karl-Otto Apel Bürger/innen über die sich damit immer schon auf eine bestimmte Inter-
bereits rechtlich positivierten oder konventionell pretation der moralischen Verantwortungsbezie-
festgelegten Rollenverantwortlichkeiten hinaus eine hung (dies betont Weber selbst; vgl. 1988, 551). Der
spezifische »Metaverantwortung« (Lenk/Maring Verantwortungsbegriff als solcher bezeichnet ledig-
2003, 67 ff.) beziehungsweise »Mitverantwortung« lich eine generelle normative Relation, die nur in
(Apel 1988) zugeschrieben, die zum gemeinschaftli- Abhängigkeit von substantiellen normativ-ethischen
chen Engagement für die Etablierung und Weiter- Annahmen so spezifiziert werden kann, dass hinrei-
entwicklung geeigneter Verantwortungsstrukturen chend klar ist, wer jeweils wofür, vor wem und
verpflichtet. warum moralische Verantwortung trägt.
Was aber sind ›geeignete‹ Verantwortungsstruk-
turen? Die oben thematisierten Mindestkriterien für Literatur
Verantwortungsfähigkeit und die im Ausgang von
Aristoteles entwickelten Grundprinzipien der Zu- Apel, Karl-Otto: Diskurs und Verantwortung: Das Problem
des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Frankfurt
rechnung geben zwar Randbedingungen vor, inner-
a. M. 1988.
halb derer sich sinnvolle Antworten bewegen müs- Aristoteles: Die Nikomachische Ethik: griechisch/deutsch.
sen. Wie der innerhalb dieser Randbedingungen be- Düsseldorf 2001.
stehende Spielraum auszufüllen ist, lässt sich aber Bayertz, Kurt: Verantwortung: Prinzip oder Problem?
nur in Abhängigkeit von substantiellen moralischen Darmstadt 1995.
Feinberg, Joel: Handlung und Verantwortung. In: Georg
Annahmen festlegen. Denn wie in der insbesondere
Meggle (Hg.): Analytische Handlungstheorie. Band 1:
an Jonas (1979) anschließenden (technik-)ethischen Handlungsbeschreibungen. Frankfurt a. M. 1977, 186–
Diskussion deutlich geworden ist, lassen sich dem 224.
Verantwortungsbegriff selbst nicht etwa schon die Fischer, John M./Ravizza Mark: Responsibility and Control:
normativen Kriterien entnehmen, an denen die kon- A Theory of Moral Responsibility. Cambridge, Mass. 1998.
krete Verantwortungszuschreibung orientiert ist Floridi, Luciano/Sanders, Jeff W.: On the morality of artifi-
cial agents. In: Minds and Machines 14 (2004), 349–379.
(Ott 1997, 252 ff.; hierzu differenzierend Grunwald Frankfurt, Harry G.: Alternate possibilities and moral
1999). responsibility. In: The Journal of Philosophy 66 (1969),
Entsprechend hängen die spezifischen Zuschrei- 829–839.
bungen moralischer Verantwortung von der jeweils French, Peter A./Wettstein, Howard K. (Hg.): Shared Inten-
vertretenen normativ-ethischen Theorie ab (vgl. die tions and Collective Responsibility. Boston 2006.
Grunwald, Armin: Verantwortungsbegriff und Verantwor-
unterschiedlichen Ansätze in Kap. IV.B in diesem tungsethik. In: Ders.: Rationale Technikfolgenbeurtei-
Handbuch). Wenn beispielsweise die Realisierung lung. Konzeption und methodische Grundlagen. Berlin/
eines bestimmten Ziels, etwa die Reduzierung des Heidelberg/New York 1999, 175–194.
CO2-Ausstoßes, moralisch geboten erscheint, so Hart, Herbert L.: The ascription of responsibility and
werden utilitaristische Ethiker den entscheidenden rights. In: Proceedings of the Aristotelian Society 44
(1949), 171–194.
Grund für die Zuschreibung prospektiver Verant- Hubig, Christoph/Reidel, Johannes: Ethische Ingenieurver-
wortung für die Realisierung des betreffenden Ziels antwortung: Handlungsspielräume und Perspektiven der
an einen bestimmten Akteur in der relativen Wahr- Kodifizierung. Berlin 2003.
6. Verantwortung 43

Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik ring, Matthias (Hg.): Fallstudien zur Ethik in Wissen-
für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979. schaft, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Karlsruhe
– : Philosophische Untersuchungen und metaphysische Ver- 2011, 133–149.
mutungen. Frankfurt a. M. 1992. Strawson, Peter F.: Freedom and resentment. In: Procee-
Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. dings of the British Academy 48 (1962), 187–211.
In: Werke: Akademie Textausgabe. Berlin 1968, IV, 385– Weber, Max: Politik als Beruf. In: Gesammelte Politische
464. Schriften. Tübingen 1988, 505–560.
Lenk, Hans/Maring, Matthias: Technikverantwortung. Werner, Micha H.: Primordiale Mitverantwortung: Zur
Frankfurt a. M./New York: 1991. transzendentalpragmatischen Begründung der Diskurs-
Lenk, Hans/Maring, Matthias: Natur  – Umwelt  – Ethik. ethik als Verantwortungsethik. In: Karl-Otto Apel/Hol-
Münster 2003. ger Burckhart (Hg.): Prinzip Mitverantwortung: Grund-
Ott, Konrad: Ipso facto: Zur ethischen Begründung normati- lage für Ethik und Pädagogik. Würzburg 2001, 97–122.
ver Implikate wissenschaftlicher Praxis. Frankfurt a. M. – : Verantwortung. In: Konrad Ott/Barbara Muraca (Hg.):
1997. Handbuch Umweltethik. Stuttgart/Weimar 2014 (im Er-
Putnam, Hilary: Why there isn ’ t a ready-made world. In: scheinen).
Synthese 51 (1982), 141–167. Zimmerman, Michael J: Responsibility. In: Lawrence C.
Ropohl, Günter: Das Risiko im Prinzip Verantwortung. In: Becker/Charlotte B. Becker (Hg.): Encyclopedia of Ethics.
Ethik und Sozialwissenschaften 5 (1994), 109–120. New York 2001, Bd. 2, 1486–1492.
– : Verantwortungskonflikte in der Ingenieurarbeit. In: Ma- Micha H. Werner
45

III. Hintergrund

1. Frühe Technikskepsis vierung und De-Humanisierung der disziplinierten


und ihrer Autonomie beraubten Arbeiterschaft
und -kritik wahr. Die neuen, ›geschäftsmäßigen‹ Beziehungen
von Fabrikherren und Arbeitern, die Zerschlagung
In Deutschland bestand vor den 1830er Jahren noch der alten gesellschaftlichen Verhältnisse und die
keine Durchdringung der Lebenswelt mit Technik Verelendung großer Bevölkerungsschichten stand
und Industrie; es gab allenfalls punktuelle Erschei- im Mittelpunkt einer sozialen Kritik, während sich
nungen. Eine Kritik setzte daher noch nicht am wirtschaftliche Kritik von Produzierenden an den zu
»Maschinenwesen« an, sondern an der rationalen billigen, minderwertigen, auf inhuman scheinende
Durchdringung der Welt, die im Gegensatz zu den Weise anonym und arbeitsteilig, »unorganisch« her-
gewachsenen, traditionellen Strukturen der alten gestellten Waren entzündete. Moralische Kritik übte
Welt gesehen wurde. Vor allem die romantische an- man an der »Verderbnis« sozial entwurzelter Indus-
tikapitalistische Kritik, die sich in Deutschland mit triearbeiter mit verfügbarem Einkommen. Erste ne-
der Adelskritik an den preußischen Reformen nach gative Umweltfolgen der Technisierung riefen eine
1800 verbündete, sah in den gemeinsamen Wurzeln ökologische Kritik hervor, während vor allem in den
von Absolutismus, Aufklärung und Revolution »eine USA das Vordringen der Technisierung und Indus-
Negation wirklich bestehender Rechte« als Rahmen- trialisierung in die vermeintliche Wildnis, der ma-
bedingungen des »künstlichen Fabriksystems«, das chine in the garden, eine naturkonservierende Kritik
an die Stelle alter Rechte, Arbeitsbeziehungen und hervorrief, die in Deutschland vor 1900 mit verän-
Organisationsformen wie der Zünfte trat (Sieferle derter, eher kulturkonservativer Stoßrichtung ein-
1984, 52 f.). Die Kritik der Romantiker und ihrer tra- setzte (s. Kap. IV.C.2).
ditionalistischen Vorläufer wie Justus Möser erfolgte Diese Kritiktypen können konkretisiert werden.
aus antiaufklärerischer Perspektive und nahm nicht Zu unterscheiden sind neben den Zielrichtungen
primär Technik und Industrie in den Fokus, sondern und den Anlässen des Handelns die Träger der Kri-
eher die rationale Rekonstruktion der Gesellschaft tik beziehungsweise die handelnden Subjekte; die
und ihrer Ökonomie. Typen und Arten des Handelns; sowie die technisch-
industriellen Felder, die zum Zentrum der Ausein-
andersetzung wurden. Technik- und Industriefeind-
Industrie- und Modernisierungskritik schaft artikulierte sich in einem Spektrum, das von
literarischer oder tagesjournalistischer Kritik bis zu
In der Kritik an den neuen Rahmenbedingungen ei- gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Sachschä-
nes industriekapitalistischen Zugriffs spielte das Bild den, Toten und Verletzten reichte, von Skepsis bis zu
eines leidenden und verelendeten, aber auch ver- regional bürgerkriegsähnlichen Ereignissen.
kommenen und aggressiven Proletariats nur als Po- Bei der Betrachtung der Technikkritik ist nach
tential, aber noch nicht in der Anschauung eine der jeweiligen Zielrichtung zu fragen. Erfolgte eine
Rolle. Erst seit den 1830er Jahren, auch nach der Re- Feindschaft gegen genuine Technisierungsprozesse
zeption britischer Debatten und nach den bestürzten oder eher gegen die sozialen Folgen von sich wan-
Berichten von Reisenden, die englische Fabrikland- delnden Produktionsverhältnissen? Geht es um
schaften besucht hatten, wurde Industriekritik zum Technik oder um die vielfältigen Modernisierungs-
Thema. vorgänge im Prozess der Industrialisierung, die mit
Deren Zielrichtung war mehrfach: Es war ästheti- »Maschinisierung« verknüpft sind, von denen Tech-
sche Kritik an der Transformation der Städte, an nik ein Teil ist oder als Teil empfunden wird? In wel-
Landschaftszerstörung, hässlichen Fabriken und chen Aktionsformen äußerten sie sich? Welche Bil-
amorphem Stadtwachstum, aber auch an der Durch- der und Metaphern wurden für die Wahrnehmung
dringung der Warenwelt mit geschmacklosen Pro- und Darstellung von Technik und Industrie akti-
dukten. Anthropologische Kritik nahm die Depra- viert?
46 III. Hintergrund

Als typisch für die beginnende Sensibilität gegen- die sozialen Folgen der frühen Industrialisierung
über dem »Maschinenwesen« in einer Phase, als und weniger auf die Maschinisierung und das Indus-
technischer Wandel gerade sichtbar zu werden be- triesystem. Diskutiert wurde auch schon früh die
gann, wird immer wieder Johann Wolfgang von Frage, ob die Einführung von Maschinen und des
Goethes Diktum aus der 1829 erschienenen zweiten Fabriksystems letztlich Arbeit schafft oder vernich-
Fassung von Wilhelm Meisters Wanderjahren ange- tet. Schon 1817 hat David Ricardo die »Freisetzungs-
führt: »Das überhandnehmende Maschinenwesen theorie« unterstützt. Dies wurde von Karl Marx als
quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein objektiv akzeptiert.
Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Rich-
tung genommen, es wird kommen und treffen. […]
Man denkt daran, man spricht davon, und weder Gewaltsamer Protest in Großbritannien
Denken noch reden kann Hülfe bringen« (nach Lite-
ratur im Industriezeitalter, 1987, 95). Zugleich aber traten Protestformen auf, die sich an
Kurz darauf formierte sich in Deutschland ein konkreten Entwicklungen entzündeten, ohne dass
intellektuelles Argumentationsbündel, das abhängig prinzipielle Probleme der Industrie und Technisie-
von britischen Wahrnehmungen und Debatten war, rung im Zentrum standen. Auf der anderen Seite des
wobei es eher erwartete oder drohende Entwicklun- Handlungsspektrums sind die Ludditen als prototy-
gen ohne eigene Anschauung antizipierte. In dieser pische modernisierungsfeindliche gewalttätige Ma-
Phase gab es noch kaum Artikulation durch die Be- schinenstürmer interpretiert worden. Benannt nach
troffenen, in deren Arbeitswelt Maschinen einzogen. dem wohl fiktiven »Captain« oder »King« Ned Ludd
Die Kritik der Romantiker gegen die beginnende gab es zwischen 1811 und 1817 in mehreren briti-
Maschinisierung ist im Kontext einer gesellschafts- schen Regionen wie Yorkshire und Lancashire collec-
konservierenden, aufklärungsskeptischen Kritik zu tive action von Textilarbeitern, vor allem Tuchsche-
sehen, die auf die Umbrüche der zweiten Hälfte des rern, Strumpfwirkern und Webern, die Maschinen,
18. Jahrhunderts reagierte (Sieferle 1984). Nicht eine Garne und Fertigwaren, aber auch Wohnhäuser zer-
rationale, modernisierte Gesellschaft, Verwaltung störten und Arbeitgeber angriffen. Nach gewaltsa-
und Warenproduktion wurde als »natürlich« gese- men Einsätzen des Militärs und harten Strafen der
hen, sondern die überkommenen, hierarchisch ge- identifizierten Maschinenstürmer, von denen eine
ordneten Verhältnisse, die auf Handwerk und Land- Anzahl gehängt und weitere deportiert wurden, en-
wirtschaft basierten. Diese romantische Skepsis deten die Aktionen.
richtete sich damit auch gegen staatlich getriebene Während in der älteren Literatur dies als bor-
Förderung des »Gewerbfleißes« und die Moderni- nierte, fortschrittsfeindliche Aktion gegen Moderni-
sierung der Produktions- und Distributionsverhält- sierung interpretiert wurde, sieht man Maschinen-
nisse. Ambivalenter war die Haltung der Roman- zerstörung seit Eric Hobsbawm eher als »collective
tiker zur Technik in Form von mechanischen Arte- bargaining by riot«, als »Verhandeln durch Taten«,
fakten, etwa Spieluhren und Automaten: Einer und nicht als genuine Industrie- und Technikfeind-
Fasziniertheit durch den Zauber technischer Spiele- schaft (Hobsbawm 1952). Attacken auf Maschinen
reien stand eine Ablehnung der rationalen, schein- waren ein wirksamer Hebel zur Stärkung der Ver-
humanen »seelenlosen, verdammten Automaten« handlungsmacht und boten taktische Vorteile, wie
gegenüber, so E.T.A. Hoffmann in der Erzählung etwa einen Solidarisierungszwang: Auch die Nicht-
Der Sandmann (1816). Teilnehmer der gewaltsamen Zerstörung konnten
Um die Jahrhundertmitte des 19. Jahrhunderts am Arbeiten gehindert wurden, auch wenn sie sich
kamen zahlreiche sozialkritische Arbeiten auf den nicht an der collective action beteiligten.
Markt. Nicht die Technik als solche war das Zen- Als Indizien für die These des Verhandelns durch
tralthema, sondern Technisierung und Industriali- die Zerstörung von Investitionen der Arbeitgeber
sierung als Produktionsmittel der »socialen Frage«, gelten, dass eben nicht nur Maschinen, sondern
von Verelendung und Depravierung der Klasse der auch Rohmaterial und Fertigprodukte zerstört wur-
Arbeiter, die sie hervorbrachte. Prominent wurde den; und dass es Angriffe auf Maschinen längst vor
Friedrich Engels ’ Schrift »Die Lage der arbeitenden einer wirksamen industriellen Transformation gab.
Klasse in England« (1845). Aber auch Sozialromane Diese gewaltsamen Sozialproteste werden zudem in
wie Charles Dickens ’ Hard Times (1854), angesiedelt den Kontext der subrevolutionären Protestbewegun-
in der fiktiven Industriestadt Coketown, zielten auf gen auf dem Kontinent gestellt; sie bekommen damit
1. Frühe Technikskepsis und -kritik 47

eher den Charakter sozialer Aufstände und Rebellio- (Hodenberg 1997). Als Kampf gegen Statusver-
nen, bei denen Maschinen als teure Investitionsgüter schlechterung und gegen als ungerecht empfunde-
ein lohnendes Angriffsziel boten. Auch im deut- nes »Lohndrücken«, aber auch gegen neue Organi-
schen Vormärz gab es gegen Maschinen gerichtete sationsformen war der Weberaufstand eine typische
»Excesse«, deren Stellvertretungscharakter für brei- frühindustrielle Auseinandersetzung. Dieses Ereig-
tere soziale Unzufriedenheit deutlich wird (Wirtz nis von 1844 erlebte eine breite kulturelle Verarbei-
1985). tung. So schrieb Heinrich Heine im gleichen Jahr ein
Für die nordenglischen »Maschinenstürmer« »Weberlied«, zugleich mit Ferdinand Freiligraths
ging es nach Edward Thompson nicht nur um öko- »Aus dem schlesischen Gebirge« (1844), gefolgt von
nomische Beeinträchtigungen wie den Verlust von Ernst Dronkes »Das Weib des Webers« und Georg
Einkommen und Arbeitsplätzen und um die Ab- Weerths »Sie saßen auf den Bänken« (beide 1846).
wehr von Pauperisierung. Die Mehrzahl der Han- Gerhard Hauptmanns Drama De Waber (1892), ge-
delnden – die Tuchscherer waren gelernte Arbeiter folgt durch den Grafikzyklus »Ein Weberaufstand«
und standen wie die aufständischen Weber und Wir- (1894–98) von Käthe Kollwitz, leitete in die expressi-
ker in einer langen Handwerkertradition (Thomp- onistische Sozial- und Technikkritik über.
son 1987, 607) – führte einen Kampf gegen den Ver-
lust von »symbolischem Kapital« der Handwerker-
ehre, der Gebräuche und des damit verbundenen Widerstand gegen Umweltzerstörung
sozialen Status (Griessinger 1985). Die Maschine
machte skills der Arbeiter, die ihren Stolz und ihren Mit dem verstärkten Auftreten von Manufakturen
Verdienst ausmachten, überflüssig, indem sie die und Industrien, die die Umwelt belasteten, mit der
Fertigkeiten der arbeitenden Menschen in ihre Me- Einleitung von Chemikalien in Gewässer, mit dem
chanik hinein verlagerte. Technikfeindschaft war da- Ruß und Rauch in der Luft, mit Geruchsbelästigun-
her in Auseinandersetzungen um Einkommen, Fä- gen und Pflanzenzerstörungen, formierten sich Kri-
higkeiten und Arbeitsprestige integriert. Der Wider- tik und Widerstände. Diese waren weder ein feuda-
stand richtete sich aber auch gegen die gewandelten les Hemmnis der Produktivkraftentwicklung noch
kapitalistischen Finanzierungs- und Organisations- waren sie auf »abergläubische Technikfeindschaft
formen, so Hobsbawm, der das machine breaking als zurückzuführen; es handelt sich nur um den Wider-
bewussten Widerstand gegen die Maschine in der stand dagegen, daß Kosten der industriellen Pro-
Hand der Kapitalisten interpretierte (Hobsbawm duktion auf Dritte abgewälzt werden« (Sieferle 1984,
1964,11). Auch Protest gegen eine Weitergabe von 63). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über-
transnationalem Konkurrenzdruck spielte wohl eine stiegen die Umweltbelastungen durch die Industrie
Rolle. So attackierten im Vormärz deutsche Hand- noch kaum die traditioneller Handwerke wie der
werksgesellen britische Konkurrenzprodukte, die Gerberei oder Färberei. Literarische Kritik, wie sie
nach dem Ende der Kontinentalsperre, die in Eng- von Wilhelm Raabe in Pfisters Mühle (1884) an der
land Rationalisierungsgewinne gebracht und fal- Gewässerbelastung durch eine Zuckerfabrik geübt
lende Preise erzeugt hatte, Europa erreichten. wurde, blieb vereinzelt, während bildende Künstler
eher Qualm, Dreck und belastete Landschaften zum
Thema machten. Nicht immer geschah dies mit kri-
Das exemplarische Gewaltereignis: tischer Absicht, wie in manchen Grafiken Albert Ro-
Der schlesische Weberaufstand bidas (»La vie électrique«, 1890); Rauchwolken
konnten auch als »industriell Sublimes« romantisch
Der Weberaufstand von 1844 war nicht singulär  – wirken, wie in Philip James de Loutherbourgs »Coal-
im späten 18. Jahrhundert gab es beispielsweise in brookdale by Night« (1801; Klingender 1976). Zu
Augsburg mehrere gewalttätige Aktionen –, aber er differenzieren ist zudem zwischen der Kritik fabrik-
wurde intensiv wahrgenommen, kulturell verarbei- externer Bürger, die ihre Lebensqualität beeinträch-
tet und wirkte im Vorfeld der 1848er Revolution po- tigt sahen, und den Umweltbelastungen, die die di-
litisierend. Es war kaum ein technikfeindlicher »Ma- rekt betroffenen Arbeiter in den Fabriken und Woh-
schinensturm«, sondern die Gewalt richtete sich ge- nungen spürten und die in der sozialkritischen
gen die Wohnhäuser und Lager einzelner Verleger, Literatur als Bestandteil der schockierenden proleta-
von denen die Weber für Lieferung des Rohmateri- rischen Lebensumstände und als Teil des Pauperis-
als und die Abnahme der Tuche abhängig waren mus zum Thema gemacht wurden.
48 III. Hintergrund

Eisenbahnskepsis Das Eindringen der machine


in the garden
Technik- und Industriekritik äußerte sich im
19. Jahrhundert durchwegs auf bestimmten Feldern In den USA nahm Technikkritik um 1850 eine spe-
und Gebieten, die symbolisch aufgeladen wurden. zifische Form an: als Kritik aus konservationisti-
Dabei blieben manche Bereiche ausgenommen, die scher Perspektive an der Zivilisation und Industrie,
›zivilisatorische Segnungen‹ ohne große negative die in eine wenig berührte Natur eindringen (s. Kap.
Konsequenzen versprachen, wie etwa Wasserversor- IV.C.2). Die Wildnis ist zwar noch als Rückzugs-
gung oder Fortschritte der Beleuchtungstechnik. raum vor den Zumutungen der technischen Zivilisa-
Ausgenommen blieben auch ›unsichtbare‹ Bereiche, tion möglich, aber gefährdet. In Henry David Tho-
zu denen bürgerliche Kritiker kaum Zugang besaßen reaus Walden, or, Life in the Woods (1854) wird das
und bei denen die betroffenen Arbeiter keine indus- Potential einer antizivilisatorischen Spiritualität mit
trial action führten, wie etwa die Hochofenarbeiter. einem Lobpreis der Selbstversorgung und der Pio-
Umgekehrt wurden sichtbare und offensichtlich fol- nierideale rekombiniert. Walden ist seitdem ein Be-
genreiche Technikfelder intensiv und über längere zugstext für antiurbane und antiindustrielle Haltun-
Zeiträume symbolisch aufgeladen und debattiert. gen und für das Leben im Einklang mit der Natur
Dazu gehörte die Eisenbahn, wobei eine Verwirrung geworden, der bis in die Hippiekultur und die heu-
und schließlich Modernisierung von Empfindungen tige self-reliance-Bewegung hinein wirkt. In der Me-
durch den neuen technisierten Reisetypus in die De- tapher der machine in the garden, das Eindringen der
batte geriet, aber auch die klassenegalisierenden Technik in eine ideale und spezifisch amerikanische
Wirkungen der Demokratisierung von Geschwin- Landschaft, kondensiert sich nach Leo Marx das
digkeit und die politischen Effekte der Netzbildung Verhältnis von pastoraler Landschaft und aggressi-
(Schivelbusch 1977). Dazu kamen die sozialen Be- ver Industrie in vielen Texten der amerikanischen
dingungen beim Bau und die sehr reale Unfallpro- Literatur des 19. Jahrhunderts. Darin erscheinen die
blematik für die Reisenden. Zum Gegenstand einer Widersprüche zwischen dem bukolischen Ideal der
expliziten Technikkritik wurde die Eisenbahn etwa unberührten Landschaft der frontier und der neuen
bei Nikolai Nekrasov, dessen Gedicht »Eisenbahn« Rolle der USA als industrielle Macht (Marx 1964, 26).
(»Zeleznia doroga«) von 1864 die Menschenopfer
beim Bau der Strecke St. Petersburg–Moskau, die
1851 eröffnet wurde, thematisiert. Technische Un- Artikulationsformen, Medien,
fälle wurden in der literarischen Verarbeitung wie- Bilder, Metaphern
derholt zum Fokus der Technikkritik. Theodor
Fontanes Ballade »Die Brück’ am Tay« (1880), eine Technikkritische Positionen thematisierten ihren
Verarbeitung des Einsturzes einer schottischen Ei- Gegenstandsbereich mit einer Reihe identifizierba-
senbahnbrücke samt eines Personenzugs, hat als rer, kulturell stabilisierter Metaphern und Bilder, die
handelnde Subjekte die Hexen aus Shakespeares allerdings nicht durchwegs konsistent waren. So
Macbeth, die das technische »Gebilde aus Men- konnte Technik als personifizierte, gewaltsam auf-
schenhand« zerstören. Der Unfall selbst erschien als tretende Macht erscheinen, die beispielsweise als
Dementi der menschlichen Naturbeherrschung Riese gegen die Menschen agiert und sie besiegt.
durch Technik. Ein Seitenpfad der an der Eisenbahn Umgekehrt konnte aber auch die Maschine der Ver-
sich konkretisierenden Technikskepsis konzen- sklavung unterworfen werden, um im Dienst der
trierte sich auf die Art des Reisens. Während man in Menschen Fronarbeit zu leisten. Dann aber war eine
der Frühphase das zu rasche »Fliegen« entlang fixer Rebellion gegen die Menschen allgegenwärtig, was
Eisenwege beklagte und mit der geruhsamen und mit der politischen Revolutionsfurcht der Jahrhun-
landschaftsgemäßen Kutsche oder dem »freien dertmitte korreliert sein konnte, so etwa in Emanuel
Schweifen« der Romantik kontrastierte, geriet mit Geibels »Mythus vom Dampf« (1856). Die Ambiva-
dem Aufkommen des Automobils um 1900 schließ- lenz der Versklavungs- oder Dienstbarmachungs-
lich das passive Transportiertwerden und die metapher zieht sich durch die Industrialisierungs-
Zwangsteilnahme an einem inhumanen und genuss- geschichte. Zum einen konkretisiert sich dies im
feindlichen Großsystem in die Kritik. industriesymbolisierenden Riesen, später dem Ro-
boter, der sich gegen seine menschlichen Herren
wenden kann, zum anderen erscheint später die
1. Frühe Technikskepsis und -kritik 49

Fließbandproduktion als ahumanes »Band, auf das feinde« in die Argumentationstradition der Moder-
die Menschen geflochten sind« (E.E. Kisch: Paradies nisierer eingingen, wurden sie von den folgenden
Amerika). Filmische Verarbeitungen, wie Charles zivilisationskritischen Strömungen als Helden auf-
Chaplins Modern Times (1936), folgen journalisti- gestellt. Die ȟberwiegend technikfeindliche bis ma-
scher und literarischer Kritik. schinenstürmerische Haltung der deutschen Expres-
Auch die Symbolik der Gottgleichheit war ambi- sionisten« brachte ludditische Tendenzen in die
valent. So können einerseits die Menschen als göt- Lyrik und auf die Bühne. Karl Otten formulierte
tergleiche Schöpfer mit typischer Hybris auftreten, 1917: »Nieder mit der Technik, nieder mit der
zum anderen agiert die Industrie und Technik göt- Maschine! […] Fluch dir, Zeitalter, glorreich lächer-
tergleich und dominiert die Menschen, wie in Georg liches, der Maschine – alles Fabrik, alles Maschine!«
Weerths »Die Industrie« (1845): (Literatur im Industriezeitalter, 1987, 121). Kritik an
der gesellschaftsverändernden Wirkung der »großen
»[…] Die Industrie ist Göttin unseren Tagen!
Zwar noch erscheint ’s , sie halte starr gefeit Maschinerie« übten auch Filme wie »Metropolis«
Mit Basiliskenblick der Herzen Schlagen: (1926) oder Theaterstücke wie Georg Kaisers »Gas«
Denn düster sitzt sie auf dem finstern Thron, (1918) und »Gas II« (1920). Ernst Tollers Drama
Und geißelnd treibt zu unerhörter Fron, »Die Maschinenstürmer« (1922) ist um 1815 wäh-
Tief auf der Stirn des Unheils grausen Stempel rend der ludditischen Aufstände angesiedelt. Arbei-
Den Armen sie zu ihrem kalten Tempel!«
(nach Literatur im Industriezeitalter, 1987, 100). tern drohen Entlassungen aufgrund neuer Dampf-
technik, in die der Fabrikant Ure investieren will:
Ein durchgängiges Bildreservoir für Technik und In-
»Georges: Fluch dem Tyrannen Dampf!
dustrie um 1850 liefert die schwarze Romantik, typi- Eduard: Die Pest über ihn!
siert etwa in Philip James de Loutherbourgs Ge- William: Ohnmächtig sind wir!
mälde »Coalbrookdale by Night« (1801) Das Instru- Rufe (dumpf): Ohnmächtig ---
mentarium düsterer Landschaften und Gebäude, John Wible: Ein Mittel gibt ’ s! Wir sagen Fehde der
nächtlicher höllengleicher Szenerien und der Dämo- Maschine. […] Zerstörung der Maschine!
Krieg dem Tyrannen Dampf!«
nisierung von Agierenden wurde zur Industriedar- (Literatur im Industriezeitalter 1, 143).
stellung adaptiert: »Dazu spieen die Hohöfen (sic),
in denen das Metall glühte, ihre Feuersäulen in die Bis heute fand immer wieder eine Aktivierung der
Luft, so daß es oft den Anschein hatte, als würde die Erinnerung an die historischen Maschinenstürmer
von der Spinnfabrik herabwallende breite und statt, auch zur Traditionsbildung und zur retrospek-
schwere Rauchwolkendecke von flammenden Pilas- tiven Begründung aktueller Technikskepsis (Pyn-
tern getragen. Es war der Baldachin der Industrie, chon 1984).
der zu jeder Tageszeit über dieser Gegend schwebte
und den Ort anzeigte, wo der Genius des materiellen
Literatur
Zeitgeistes seine Wohnung aufgeschlagen hatte«
(Ernst Adolf Willkomm: »Eisen, Gold und Geist«, Adas, Michael: Machines as the Measure of Men. Science,
1843, nach Literatur im Industriezeitalter, 1987, 102). Technology, and Ideologies of Western Dominance. Ithaca,
Generell aber differenzierte man in der Literatur of- NY u. a. 1990.
Fox, Nicholas: Against the Machine. The Hidden Luddite
fenbar zwischen Ursachen und Folgen, so dass »[…] Tradition in Literature, Art and Individual Lives. Wa-
eine recht große Zahl von Autoren gegenüber der in- shington D.C. 2004.
dustriellen Entwicklung durchaus nicht prinzipiell Griessinger, Andreas: Das symbolische Kapital der Ehre.
negativ eingestellt war, sondern nur deren frühkapi- München 1985.
talistische Auswüchse verurteilte« (Literatur im In- Hobsbawm, Eric: The Machine Breakers. In: Past and Pre-
sent 1 (1952), 57–70.
dustriezeitalter, 1987, 95). – : The Machine Breakers. In: Ders.: Labouring Men. Lon-
don 1964.
Hodenberg, Christina von: Aufstand der Weber. Die Revolte
Traditionsbildung und Rezeption von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos. Bonn 1997.
von Ludditen und Maschinensturm Jones, Steven: Against Technology. From the Luddites to
Neo-Luddism. London 2006.
Klems, Wolfgang: Die unbewältigte Moderne. Geschichte
Die historischen machine breakers erlebten immer und Kontinuität der Technikkritik. Frankfurt a. M. 1988.
wieder Aktivierungen und Neuinterpretationen. Klingender, Francis D.: Kunst und Industrielle Revolution.
Während die Ludditen als bornierte »Fortschritts- Frankfurt a. M. 1976.
50 III. Hintergrund

Literatur im Industriezeitalter. Ausstellungskatalog Bd. 1. 2. Entstehung des TÜV


Marbach a.N. 1987.
Marx, Leo: The Machine in the Garden. Technology and the
Pastoral Ideal in America. Oxford 1964.
Noble, David F.: Maschinenstürmer oder die komplizierten Ursprünge
Beziehungen der Menschen zu ihren Maschinen. Berlin
1986. Unter den Einrichtungen, die im 19. Jahrhundert für
Pynchon, Thomas: Is it o. k. to be a luddite? In: New York den Umgang mit den neuartigen technischen Gefah-
Times Book Review (28. Oktober 1984), 40–41. ren des Industriezeitalters geschaffen wurden, ragen
Sale, Kirkpatrick: Rebels Against the Future: The Luddites
and their War on the Industrial Revolution. Lessons for in Deutschland vor allem die Technischen Über-
the Computer Age. Cambridge, Mass. 1995. wachungsvereine (TÜV) als langfristig folgenreiche
Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur und im internationalen Kontext durchaus unge-
Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhun- wöhnliche Innovation hervor. Ihre historischen
dert. München 1977. Wurzeln haben sie in den Dampfkessel-Überwa-
Sieferle, Rolf Peter: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen
Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegen- chungsvereinen, die seit der Mitte des 19. Jahrhun-
wart. München 1984. derts zur Bekämpfung gefährlicher Kesselexplosio-
Spehr, Michael: Maschinensturm. Protest und Widerstand nen entstanden. Nach einigen Jahrzehnten der Revi-
gegen technische Neuerungen am Anfang der Industriali- sionsarbeit in den Kesselanlagen des Deutschen
sierung. Münster 2000. Reichs begann eine sukzessive Ausweitung des Auf-
Thompson, Edward P.: Die Entstehung der englischen Arbei-
terklasse. Frankfurt a. M. 1987. gabenspektrums, so dass sich die Vereine allmählich
Wirtz, Rainer: Widersetzlichkeiten, Excesse, Crawalle, Tu- zu einer zentralen Instanz in Fragen technischer Si-
multe und Skcandale. Soziale Bewegungen und gewalthaf- cherheit (s. Kap. II.3) entwickelten. Heute agieren
ter Protest in Baden 1815–1848. Berlin 1985. die Technischen Überwachungsvereine als internati-
Kurt Möser onal tätige Dienstleistungsunternehmen und rekla-
mieren eine Kompetenz als neutrale Gutachter weit
über technologische Fragen hinaus.
Gegründet wurden die Überwachungsvereine als
Organe der unternehmerischen Selbsthilfe. Mit der
Verbreitung der Dampfkessel und insbesondere dem
Anstieg des Betriebsdrucks entstand ein Gefahren-
potential, das alle bisherigen Erfahrungen sprengte.
Bei einer Kesselexplosion kamen Arbeiter zu Tode
oder wurden schwer verletzt. Durch die nahezu
zwangsläufige Zerstörung des Betriebsgebäudes flo-
gen Trümmer mitunter mehrere hundert Meter
durch die Luft. Mit den Gefahren für Mensch und
Material verband sich ein enormes unternehmeri-
sches Risiko. Dampfmaschinen wurden im 19. Jahr-
hundert zur entscheidenden Kraftquelle in Betrie-
ben aller Art, deren Ausfall zumeist den Stillstand
des gesamten Betriebs zur Folge hatte.
Das Modell für die Überwachungsvereine kam
aus England. In Manchester gründete sich 1855 die
Association for the Prevention of Steam Boiler Explo-
sions, die den Mitgliedern regelmäßige Untersu-
chungen ihrer Kesselanlagen anbot. Die englischen
Vereine entwickelten sich in harter Konkurrenz mit
Versicherungsgesellschaften, die die finanziellen
Folgen einer Kesselexplosion absicherten und erst in
Ergänzung dazu und zum Teil fakultativ Revisionen
anboten. Diese Versicherungsgesellschaften erwiesen
sich bei englischen Unternehmern als weitaus popu-
lärer und kontrollierten 1880 etwa 38.000 Dampf-
2. Entstehung des TÜV 51

kessel, während der Überwachungsverein zu diesem 1870er Jahren mit Bismarcks Wende zu den Konser-
Zeitpunkt lediglich 3500 Kesselanlagen beaufsich- vativen endete.
tigte. Insgesamt gab es in England um 1880 etwa Staatsbeamte und Vereinsingenieure arbeiteten
100.000 Dampfkessel. zunächst parallel, wobei Vereinskessel in der Regel
Der erste deutsche Überwachungsverein wurde von der staatlichen Kontrolle befreit waren. Das
1866 als Badische Gesellschaft zur Überwachung von Schwergewicht lag allerdings zunächst noch eindeu-
Dampfkesseln gegründet. Anlass war eine aufsehen- tig bei der staatlichen Aufsicht, 1884 waren in Preu-
erregende Kesselexplosion in der Brauerei »Zum ßen lediglich 21 Prozent der Dampfkesselbesitzer
großen Mayerhof« im Zentrum von Mannheim, die Mitglied eines Überwachungsvereins. Dieses Ne-
große Zerstörungen anrichtete und ein Menschenle- beneinander endete um 1900, als sich die meisten
ben forderte. Dass zunächst durchaus unterschiedli- Bundesstaaten aus der unmittelbaren Aufsicht zu-
che Entwicklungsrichtungen denkbar waren, zeigen rückzogen und die Aufgabe den Verbänden überlie-
die Statuten der Gesellschaft, in denen neben der re- ßen. Damit waren die Dampfkesselüberwachungs-
gelmäßigen Kontrolle, die dann zum Kern der Ver- vereine ein Musterbeispiel für eine korporatistische
einsarbeit wurde, auch die Wirtschaftlichkeit des Lösung, bei der die Verwaltung zur eigenen Entlas-
Kesselbetriebs sowie monetäre Versicherungen als tung Aufgaben an nichtstaatliche Akteure überträgt.
Vereinszweck vorgesehen waren. Zunächst war das Die Überwachungsvereine ersparten der Staatsver-
Interesse jedoch trotz energischer Unterstützung waltung schließlich den Aufbau eines eigenen Kon-
durch die badische Handelskammer gering. Erst als trollapparats mit den entsprechenden Kosten und
1868 ein Erlass des badischen Staates die Kesselbe- Problemen. Der korporatistische Ansatz vermied
sitzer zum Eintritt aufforderte, stiegen die Mitglieds- Konflikte mit Unternehmern, die die Staatsgewalt so
zahlen an, so dass der Verein im gleichen Jahr seinen weit wie möglich aus dem eigenen Betrieb herauszu-
ersten Vereinsingenieur anstellen konnte. Mit der halten suchten und bot zudem einen eleganten Aus-
Gründung ähnlicher Vereine in Hamburg und Mag- weg im Streit um die Qualifikation der breit ausge-
deburg 1869 begann eine dynamische Entwicklung, bildeten Baubeamten, deren Kompetenz von den
die bis 1914 zur Gründung von 36 Überwachungs- aufstrebenden Maschinenbauingenieuren angezwei-
vereinen in allen Teilen des Reiches führte. felt wurde. Tatsächlich wird man dieser Kritik rück-
blickend eine Berechtigung nicht absprechen kön-
nen, denn 1872 gab es in ganz Preußen nur zwei
Korporatismus im starken Staat Kesselrevisoren mit einer speziellen technischen
Ausbildung.
Als Unternehmerverbände mit quasi polizeilichen Das Professionsinteresse der Ingenieure erwies
Kontrollaufgaben waren die Dampfkessel-Überwa- sich im Folgenden als machtvoller Antrieb. Es ging
chungsvereine ein Fremdkörper in einem Land mit nicht nur um einen durchaus signifikanten Arbeits-
starker und selbstbewusster Staatsverwaltung. In markt – 1932 standen reichsweit 530 Ingenieure in
Preußen waren Dampfkesselanlagen schon seit 1831 Diensten der Überwachungsvereine –, sondern auch
Gegenstand eines besonderen Genehmigungsver- um das Selbstbild der Ingenieure als Problemlöser
fahrens, seit 1848 gab es eine Druckprobe mit dem im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Programma-
Anderthalbfachen des Betriebsdrucks, seit 1856 re- tisch erklärte einer der führenden Köpfe des Vereins
gelmäßige Kesselrevisionen durch Baubeamte. Im Deutscher Ingenieure in einer Diskussion über die
schwächer industrialisierten Baden fehlte eine ver- Dampfkesselrevision, sein Verein betrachte sich
gleichbare Kontrolle; erst dadurch entstand das Va- »immer mehr als Vertreter der technischen Interes-
kuum, in dem dann der erste Überwachungsverein sen unseres Vaterlandes« (zitiert nach Lundgreen
entstand. Zudem herrschte im Süden Deutschlands 1981, 78). Berufliches Interesse und Standesideolo-
eine liberalere politische Kultur, die sich in der Be- gie verband sich somit in einer Kritik am obrigkeitli-
teiligung der Handelskammer niederschlug. Auch chen Beamtenstaat, der de jure für die öffentliche
im weiteren Verlauf zeigte sich Preußen bei der Ordnung und Sicherheit zuständig war, aber im Um-
Übertragung von Aufgaben an die Vereine als Nach- gang mit technischen Herausforderungen immer
zügler, während die Vorreiter zumeist die süddeut- wieder an die Grenzen seiner Fähigkeiten zu gelan-
schen Bundesstaaten waren. Insofern waren die gen schien.
Überwachungsvereine ein Erbe der liberalen Peri- Die dahinter stehende Frage, ob das Gemeinwohl
ode der deutschen Geschichte, die in den späten bei Fragen der technischen Sicherheit besser durch
52 III. Hintergrund

juristisches Ordnungsdenken oder ingenieurtechni- lich hinter ihren Möglichkeiten zurück. Auch mit
sche Kompetenz garantiert würde, blieb vordergrün- der Wärmewirtschaft beschäftigten sie sich nur ne-
dig unbeantwortet. Faktisch gewann die Expertise benher, bis der Kohlenmangel im und nach dem Ers-
der Techniker jedoch bald ein spürbares Überge- ten Weltkrieg die Bedeutung des Themas zeigte.
wicht. Besonders deutlich wurde dies im Bereich der Auffallend ist schließlich, wie sehr die Vereine
technischen Normen. Die Sicherheit der Dampfkes- sich in den ersten Jahrzehnten ihrer Arbeit auf die
sel hing entscheidend an zuverlässigen Standards, reine Technik konzentrierten. Zwar lag auf der
deren Entwicklung vor allem von Maschinenbauin- Hand, dass kompetente und verantwortungsbe-
genieuren vorangetrieben wurde. Der Staat zog sich wusste Bedienmannschaften für den sicheren Be-
hier auf den unbestimmten Rechtsbegriff des trieb einer Kesselanlage unverzichtbar waren, aber
»Stands der Technik« zurück, dessen konkreter Ge- die Vereinsingenieure widmeten sich solchen The-
halt das Resultat fachwissenschaftlicher Debatten men nur zögernd. Selbst Kursangebote für das Kes-
war. selpersonal entwickelten sich zunächst nur in be-
Das stetige Wachstum von Mitgliederzahlen, Mit- grenztem Umfang. Die Erkenntnis, wie sehr der
arbeitern und Kompetenzen im 19. Jahrhundert Mensch im Umgang mit technischen Herausforde-
lenkt leicht von der Tatsache ab, dass die wachsende rungen der Schulung und Förderung bedurfte und
Bedeutung der Revisionsvereine jahrzehntelang um- welche enormen Möglichkeiten sich hier für die Ver-
stritten blieb. Noch 1894 versuchte das preußische einsarbeit ergaben, durchzieht die TÜV-Geschichte
Ministerium für Handel und Gewerbe, die Kesselre- des 20. Jahrhunderts.
vision der eigentlich für den Arbeiterschutz geschaf-
fenen Gewerbeaufsicht zu übertragen und damit
den Vereinen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Neue Aufgaben
Dabei sollte man diese Konkurrenz von staatlicher
und verbandlicher Problemlösungskompetenz nicht Seit den 1890er Jahren veränderte sich das Aufga-
nur negativ interpretieren. Die strenge Oberaufsicht benprofil der Überwachungsvereine, denen nun
der staatlichen Organe, die Unregelmäßigkeiten und weitere Aufgaben im Bereich der technischen Si-
Fehlern penibel nachgingen, stellte einen wichtigen cherheit übertragen wurden. Nach und nach rückten
Anreiz zur ständigen Verbesserung der Kontrolltä- Aufzüge, Azetylenanlagen und Mineralwasserappa-
tigkeit dar: Auch kleine Skandale drohten das korpo- rate, Tankanlagen und elektrotechnische Anlagen
ratistische Arrangement in seinen Grundfesten zu sowie Druckbehälter neben die traditionelle Auf-
erschüttern. Selbst die Übertragung der gesamten sicht der Dampfkessel, eine Entwicklung, die ver-
Kesselaufsicht an die Vereine, die 1897 zunächst in einsintern durchaus nicht unumstritten war. Mit ei-
Bayern und Württemberg und 1900 dann in Preu- ner gewissen Verzögerung spiegelte sich das expan-
ßen verfügt wurde, brachte in dieser Hinsicht keine dierende Aufgabenspektrum in einer wachsenden
endgültige Entspannung. Das Großherzogtum Hes- Spezialisierung der Mitarbeiter.
sen beschloss 1902 sogar die Verstaatlichung der Langfristig folgenreich war vor allem die Ab-
Dampfkesselaufsicht, wodurch der Frankfurter nahme und Prüfung von Kraftfahrzeugen, die ein-
Dampfkessel-Überwachungsverein fast die Hälfte zelne Vereine seit 1904 praktizierten und 1909 per
seiner Mitglieder verlor. Reichsgesetz allgemein vorgeschrieben wurde. Im
Insgesamt ist ein Erfolg der Aufsichtstätigkeit Zuge der Massenmotorisierung wurde das Kraft-
nicht zu verkennen. Von 1879 bis 1899 sank die Zahl fahrzeugwesen zum größten Arbeitsgebiet der tech-
der Kesselexplosionen in Deutschland von 18 auf 14 nischen Überwachung. Zugleich machte die seit
und die Zahl der Verletzten von 78 auf 35, während 1951 in regelmäßigen Abständen vorgeschriebene
sich die Zahl der Dampfkessel mehr als verdoppelte. Hauptuntersuchung den TÜV in der Bevölkerung
In Deutschland gab es im Jahr 1900 durchschnittlich allgemein bekannt und bei den Besitzern älterer
eine Kesselexplosion je 10.000 Dampfkessel, in Eng- Fahrzeuge auch berüchtigt. Weniger Beachtung fin-
land hingegen 2,5, in Frankreich 6,5 und in den USA det merkwürdigerweise die Rolle des TÜV bei der
sogar 12. Jenseits ihrer Kernzuständigkeit agierten Führerscheinprüfung, die ebenfalls schon vor 1914
die Vereine jedoch zunächst nur zögerlich. So blie- ihren Anfang nahm.
ben die Dampfkessel-Überwachungsvereine in der Zugleich erwuchs den Dampfkessel-Überwa-
Bekämpfung von Rauch und Ruß, die bei der Ver- chungsvereinen jedoch eine Konkurrenz in ihrem
brennung von Kohle massenhaft entstanden, deut- ursprünglichen Arbeitsfeld, als nach dem Ersten
2. Entstehung des TÜV 53

Weltkrieg die Vereinigung der Großkraftwerksbe- Eine deutsche Institution


treiber (VGB) als Prüforganisation speziell für
Hochleistungskesselanlagen entstand. Anlass der Die Herrschaft der Nationalsozialisten dokumen-
Gründung war eine Katastrophe im Kohlekraftwerk tierte sich für die Überwachungsvereine in einer Se-
Düsseldorf-Reisholz am 9. März 1920, die 27 Arbei- rie von staatlichen Erlassen, die in der Summe auf
tern das Leben kostete und 20 weitere schwer ver- Vereinheitlichung, Zentralisierung und Schwächung
letzte. Die daraufhin auf den Rheinischen Dampf- der Selbstverwaltung hinausliefen. Die beiden Dach-
kessel-Überwachungsverein hereinprasselnde Kritik verbände – aus historischen Gründen hatten sich se-
war umso heftiger, als das Ereignis zunächst Rätsel parate Verbände für Preußen und für Deutschland
aufgab. Der Kessel lief zum Zeitpunkt der Explosion entwickelt  – wurden in einem Reichsverband der
mit dem genehmigten Betriebsdruck, es gab keine Technischen Überwachungsvereine zusammenge-
Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf, und die An- führt und einer staatlichen Reichshauptstelle für
lage war erst seit vier Jahren in Betrieb. Technische Überwachung unterstellt. Die Überwa-
Vordergründig lag die Ursache der Katastrophe in chungsbezirke wurden 1938 neu zugeschnitten, pri-
einem Materialfehler, der durch eine ungünstige vate Sachverständige wurden in die Vereine einge-
Kesselkonstruktion verstärkt worden war. Dahinter gliedert und Ausnahmeregelungen etwa für Anlagen
verbarg sich jedoch ein technologischer Umbruch: in Staatsbesitz gestrichen, so dass die Überwa-
Während bis zum Ersten Weltkrieg fabrikeigene chungsvereine nun für sämtliche Betriebe mit über-
Dampfmaschinen dominiert hatten, ging der Trend wachungspflichtigen Anlagen zuständig waren; nur
nun zur Stromerzeugung in großen Kraftzentralen, bei Reichsbahn und Reichspost gab es Ausnahmen.
in denen die Kessel ungleich größeren Belastungen Im Zuge dieser Entwicklung wurden die Dampf-
ausgesetzt waren. Der in Reisholz explodierte Kessel kessel-Überwachungsvereine nun auch offiziell
hatte einen Betriebsdruck von 14 atü; gegen Ende in Technische Überwachungsvereine (TÜV) umbe-
der 1920er Jahre wagte man sich bereits an 100 At- nannt.
mosphären heran. Rückblickend bemerkte einer der Die Reichshauptstelle verschwand nach dem
Pioniere der Dampfturbinentechnik, man könnte Krieg, und die Vereine kehrten zu den vertrauten
hier »fast von einer durch Sicherheitskoeffizienten Strukturen zurück. Wie sehr die Zeichen auf Restau-
gemilderten Ahnungslosigkeit sprechen«. Echte Er- ration standen, ist schon daran zu erkennen, dass die
fahrung gab es bei den neuen Hochleistungskesseln Zuständigkeitsbereiche nicht mit den Grenzen der
eigentlich nicht, allenfalls eine »auf Erfahrung ge- Bundesländer übereinstimmten; in Niedersachsen
stützte Intuition« (zitiert nach Radkau 2008, 311). arbeiteten zwei, in Nordrhein-Westfalen sogar drei
Die Entstehung der Vereinigung der Großkraft- verschiedene Vereine. Eine zunächst drohende Ver-
werksbetreiber spiegelt nachdrücklich die Grenzen staatlichung konnte abgewendet werden, nur in den
der Technischen Überwachungsvereine. Deren Er- Bundesländern Hamburg und Hessen wurde die
folgsgeheimnisse waren neben der unbedingten technische Überwachung zur Staatsaufgabe erklärt.
Neutralität und Gewissenhaftigkeit vor allem die Hessen setzte damit den 1902 vom Großherzogtum
Regelmäßigkeit der Kontrolle und die dadurch ak- eingeschlagenen Weg fort und schuf drei Technische
kumulierte Erfahrung. Diese war jedoch dort wenig Überwachungsämter in Darmstadt, Frankfurt und
hilfreich, wo sich Forschung und Entwicklung in Kassel, eine Entscheidung, die erst in den 1990er
bislang unerprobte Dimensionen vortasteten, ein Jahren revidiert wurde.
Problem, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg be- Die Entwicklung in der Bundesrepublik war vor
sonders prägnant im Bereich der Kerntechnik allem von einer enormen Expansion geprägt. Hatten
zeigte. Die Technischen Überwachungsvereine wid- 1952 noch weniger als 2000 Personen für einen TÜV
meten sich den neuen Anforderungen des Atom- gearbeitet, lag die Zahl der Beschäftigten 1970 bei
zeitalters mit großer Aufgeschlossenheit, konnten 6781, wovon 4123 zum technischen Personal gehör-
in diesem Bereich jedoch nicht die aus anderen Be- ten. Dieser Aufschwung ging nicht nur auf die seit
reichen vertraute Vormachtstellung erringen. Der den 1950er Jahren an Dynamik gewinnende Mas-
inzwischen in VGB PowerTech umbenannte Kon- senmotorisierung und den Wirtschaftsboom zu-
kurrenzverband hat heute 466 Mitgliedsunterneh- rück, durch den sich zwangsläufig auch die Zahl der
men in 33 Ländern, die gemeinsam eine installierte zu prüfenden Anlagen vermehrte. Zunehmend
Kraftwerksleistung von 520.000 Megawatt repräsen- suchten die Überwachungsvereine nun Aufgaben
tieren. jenseits der traditionellen Aufgabenfelder, wobei
54 III. Hintergrund

einzelne Verbände wie etwa der TÜV Rheinland be- fahr von Rollenkonflikten bargen. Die im 19. Jahr-
sonders aggressiv vorgingen. 1978 machten die Ver- hundert noch spürbare Gegenmacht einer misstrau-
eine 9 Prozent ihres Umsatzes mit Prüf- und Über- ischen Staatsverwaltung hatte sich weitgehend
wachungsaufgaben im Rahmen der Gewerbeord- aufgelöst und einem Abhängigkeitsverhältnis Platz
nung und 41 Prozent im Kraftfahrzeugwesen, aber gemacht. Wirksame Kontrollmechanismen waren
50 Prozent mit sonstigen Aktivitäten. Die Umwand- kaum noch zu erkennen, schon die Mitarbeiterzah-
lung der eingetragenen Vereine in Aktiengesell- len lassen ein Ungleichgewicht erahnen: Die 2010
schaften und Gesellschaften mit beschränkter aufgrund einer EU-Verordnung eingerichtete Deut-
Haftung war rechtlicher Ausdruck dieses Wandels. sche Akkreditierungsstelle, die auch für die Überwa-
Zunehmend waren die TÜV auch jenseits der deut- chung der TÜV-Unternehmen zuständig ist, betreut
schen Grenzen tätig. Beim TÜV Rheinland arbeitet mit knapp 150 Angestellten etwa 4500 Akkreditie-
inzwischen mehr als die Hälfte der Belegschaft im rungsverfahren. Unter dem Gewicht der als Wirt-
Ausland. schaftsunternehmen geführten Verbände geriet die
Die sonstigen Aufgaben und die Internationali- tradierte Selbstverwaltung zur leeren Geste. 1975
sierung des Geschäfts führten zu einer wachsenden nahmen an der Jahreshauptversammlung des TÜV
Konkurrenz, die sich in einem komplizierten Ge- Norddeutschland nur 29 von 3500 Vereinsmitglie-
flecht von Kooperationen und Fusionen nieder- dern teil.
schlug. Von den 18 Überwachungsvereinen, die es Als brisantester und konfliktträchtigster Teil der
1943 in den Grenzen des Deutschen Reiches gab, TÜV-Arbeit galt der Bereich der Kernenergie (s.
waren in der alten Bundesrepublik 11 übriggeblie- Kap. V.11). Hier mussten die Prüfer von der Kon-
ben; in Ostdeutschland wurden die Vereine bis 1949 trolle der Einzelkomponenten zu einer Betrachtung
aufgelöst und Personal sowie verbliebene Ressour- des Gesamtsystems voranschreiten, während zu-
cen in die staatlichen Arbeitsschutzämter eingeglie- gleich Unfälle aufgrund der potentiell katastropha-
dert. Inzwischen gibt es trotz Wiedervereinigung len Folgen mit präzedenzloser Unbedingtheit zu un-
nur noch sechs Gesellschaften, darunter mit dem terbinden waren. Hinzu kam ein enormer Druck
TÜV Süd, dem TÜV Nord und dem TÜV Rheinland von Politik und Unternehmen, der seit den 1970er
drei global operierende Großunternehmen. Der Jahren durch eine hitzige öffentliche Kontroverse
TÜV Saarland, der TÜV Thüringen und die TÜV zusätzlich verschärft wurde. Historisch gesehen war
Technische Überwachung Hessen GmbH haben es eine bemerkenswerte Umkehrung der Fronten:
eher regionale Bedeutung. Während der Staat zunächst der zentrale Konkur-
rent für die TÜV gewesen war, klammerte er sich
nun in der nuklearen Kontroverse geradezu krampf-
Wer kontrolliert die Universalexperten? haft an deren Experten.
Inzwischen ist deutlich geworden, dass die Skep-
»Ein lupenreines Monopol« lautete die Überschrift sis der Öffentlichkeit kein vorübergehendes Phäno-
eines Artikels über den TÜV, der 1977 im Spiegel er- men der 1970er Jahre war. Das Vertrauen in die
schien. Gezeichnet wurde das Bild eines öffentlich- Kompetenz technischer Experten ist erodiert und
keitsscheuen Konglomerats mit kartellartigen Struk- professionale Selbstkontrolle mit Fragezeichen ver-
turen, das im Verborgenen wirkt und sich im We- sehen, ohne dass sich ein neuer gesellschaftlicher
sentlichen selbst kontrolliert. Allgegenwärtig sei der Konsens abzeichnen würde. Während die Ingenieure
TÜV und doch kaum zu greifen: »Selbst Insider tun im 19. Jahrhundert ihr Sozialprestige durch den
sich schwer, die Aufgaben des mächtigsten und Rückgang der Kesselexplosionen zementierten, se-
reichsten Vereinskartells Deutschlands zu definie- hen sie sich heute mit Forderungen nach hundert-
ren« (Der Spiegel Nr. 26 [1977], 42). prozentiger Sicherheit konfrontiert, die sensu stricto
Tatsächlich wurden die Vereine im Zuge des Ex- unerfüllbar sind und nur rhetorisch bedient werden
pansionsprozesses der Nachkriegszeit nicht nur grö- können (s. Kap. II.3).
ßer, sondern auch intransparenter. Das traditionelle Der Weg der Entpolitisierung durch technische
Aufgabenprofil, technische Anlagen gründlich und Expertise scheint insofern an die Grenzen seiner
regelmäßig zu prüfen, löste sich mit der zunehmen- Möglichkeiten zu gelangen. Der Atomkonflikt prä-
den Auffächerung des Dienstleistungsangebots in sentiert sich inzwischen eher als Variante einer allge-
einem Gewirr von Beratungs-, Schulungs- und gut- meinen Problemkonstellation, die den Umgang mit
achtlicher Tätigkeiten auf, die nicht selten die Ge- technischen Gefahren im 20. und 21. Jahrhundert
3. Entwicklung und Einsatz der Atombombe 55

prägt. Die Geschichte des TÜV liefert insofern ein 3. Entwicklung und Einsatz
Anschauungsbeispiel für das Dilemma technisch ge-
prägter Industriegesellschaften, die dringend der der Atombombe
unabhängigen Experten bedürfen, deren Neutralität
jedoch immer weniger zu überprüfen vermögen. »What has been done is the greatest achievement of
organized science in history«. Diese Aussage mit Be-
Literatur zug auf die Entwicklung der Atomwaffe findet sich
Feld, Ina vom: Staatsentlastung im Technikrecht. Dampfkes-
in der Erklärung des US-Präsidenten Harry Truman
selgesetzgebung und -überwachung in Preußen 1831– (Cantelon et al. 1991, 66), die am 6. August 1945,
1914 (Recht in der Industriellen Revolution 5). Frank- kurz nach Abwurf der ersten Bombe auf Hiroshima,
furt a. M. 2007. veröffentlicht wurde. Der wissenschaftlich-techni-
Hoffmann, Werner E.: Die Organisation der Technischen sche Erfolg bislang beispielloser, planvoller For-
Überwachung in der Bundesrepublik Deutschland (Ämter
schung ist aber zu kontrastieren mit den politischen
und Organisationen der Bundesrepublik Deutschland
59). Düsseldorf 1980. Folgen und der ethischen Problematik der Entwick-
– : Unabhängig und neutral – die TÜV und ihr Verband Vd- lung und des Einsatzes der Atombombe. Mit der
TÜV. Wiesbaden 1986. Bombe wurde die Debatte über die Verantwortung
Lundgreen, Peter: Die Vertretung technischer Expertise der Wissenschaft eröffnet. Diese erste große Debatte
»im Interesse der gesamten Industrie Deutschlands«
wird bis heute fortgeführt und fokussiert bereits wie
durch den VDI 1956 bis 1890. In: Karl-Heinz Ludwig
(Hg.): Technik, Ingenieure und Gesellschaft. Geschichte in einem Brennglas den modernen technikethischen
des Vereins Deutscher Ingenieure 1856–1981. Düsseldorf Diskurs.
1981, 67–132.
Radkau, Joachim: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahr-
hundert bis heute. Frankfurt a. M./New York 2008. Kernspaltung und die Idee
Sonnenberg, Gerhard Siegfried: Hundert Jahre Sicherheit.
Beiträge zur technischen und administrativen Entwick- der Kettenreaktion
lung des Dampfkesselwesens in Deutschland 1810 bis
1910. Düsseldorf 1968. Die Entdeckung der Kernspaltung in Deutschland
Uekötter, Frank: Der unvermeidliche Korporatismus. Zum im Jahr 1938 war kein Zufall (Wohlfahrt 1979). Sie
Verhältnis von Staat und Industrie in der Dampf- hatte eine lange Vorgeschichte in der konzentrierten,
kesselüberwachung. In: Jürgen Büschenfeld/Heike
Franz/Frank-Michael Kuhlemann (Hg.): Wissenschafts- international durchgeführten Arbeit an der Aufklä-
geschichte heute. Festschrift für Peter Lundgreen. Bielefeld rung der Struktur der Atomkerne in den vorausge-
2001, 178–191. henden Jahren und Jahrzehnten. Erste Warnungen
Vec, Milos: Recht und Normierung in der Industriellen Revo- hinsichtlich der möglichen Konsequenzen einer rie-
lution. Neue Strukturen der Normsetzung in Völkerrecht, sigen Energiefreisetzung aus dem Inneren der
staatlicher Gesetzgebung und gesellschaftlicher Selbstnor-
mierung. Frankfurt a. M. 2006. Atomkerne wurden schon früh von beteiligten,
Weber, Wolfhard: Technik und Sicherheit in der deutschen höchst angesehenen Wissenschaftlern artikuliert, so
Industriegesellschaft 1850 bis 1930. Festschrift zum von den Nobelpreisträgern Ernest Rutherford, Wil-
100jährigen Bestehen des VdTÜV am 14. Juni 1984. Wup- helm Nernst oder Frédéric Joliot-Curie. Mit Entde-
pertal 1986. ckung des Neutrons (1932) durch James Chadwick
Welz, Heinz: Die Tüv Rheinland Geschichte. Köln 1991.
Wiesenack, Günter: Wesen und Geschichte der Technischen
wurde den Forschern schnell klar, welcher Weg sich
Überwachungs-Vereine. Köln 1971. eröffnete. Einer von ihnen, Leo Szilard, erinnert
Frank Uekötter sich: »im Oktober 1933 hatte ich den Einfall, daß
man eine Kettenreaktion erreichen könne, wenn ein
Element zu finden wäre, das zwei Neutronen aussto-
ßen würde, nachdem es ein Neutron geschluckt
hatte. Zuerst dachte ich an Beryllium, dann an an-
dere Elemente, einschließlich Uran, aber aus dem ei-
nen oder anderen Grund führte ich das entschei-
dende Experiment niemals aus« (Jungk 1964, 53).
1934 und 1935 macht Szilard eine die Kettenreak-
tion betreffende Patentanmeldung gegenüber der
britischen Admiralität in der Hoffnung, so einen
Geheimhaltungsschutz und eine Kontrolle über
56 III. Hintergrund

mögliche Anwendungen erreichen zu können. möglichen Wege zur Bombe sowie die Herstellungs-
Gleichzeitig schlägt er seinen Kollegen vor, freiwillig möglichkeiten der notwendigen Spaltstoffe zu erfor-
neue Resultate, die sich in dieser Zeit rapide fortent- schen. Die Entscheidung für ein zielgerichtetes, aus-
wickelten, nicht zu veröffentlichen. reichend finanziertes Projekt für die Entwicklung
Wenige Monate nach Entdeckung der durch Neu- der Atombombe fiel aber erst im Dezember 1941,
tronenbeschuss induzierten Kernspaltung in Uran etwa zeitgleich mit dem Kriegseintritt Amerikas
finden verschiedene experimentell arbeitende Wis- nach Pearl Harbor.
senschaftlergruppen (darunter Fermi, Joliot, Szilard)
Anfang 1939 heraus, dass tatsächlich mehr Neutro-
nen beim Uranbeschuss freigesetzt als eingefangen Das Manhattan-Projekt
werden und der genügend hohe Neutronenüber-
schuss eine Kettenreaktion möglich werden lässt. Zu diesem Zweck wurde schließlich von August
Die Konsequenzen beschreibt Siegfried Flügge im 1942 an (bis Ende 1946) unter größter Geheimhal-
Juli-Heft der Fachzeitschrift Die Naturwissenschaf- tung die bislang umfangreichste staatlich geförderte,
ten: enorme Energiefreisetzungen in bisher unbe- wissenschaftlich-technische Unternehmung durch-
kannter Größenordnung sind möglich, bei Einsatz geführt. Sie erfolgte, geleitet von General Leslie Ri-
schneller Neutronen erfolgt die Energiefreisetzung chard Groves, im Rahmen der US-Army unter dem
explosionsartig, bei langsamen Neutronen kann Codenamen Manhattan Engineer District (Manhat-
über eine kontrollierte Energiefreisetzung in ›Uran- tan-Projekt). Die Elite der US-Atomforschung (die
maschinen‹ nachgedacht werden. Am 29. April 1939 große Anzahl beteiligter Nobelpreisträger spricht für
hatte schon die New York Times von einer Sitzung sich), unterstützt durch ebenso befähigte europäi-
der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft be- sche Emigranten und Briten, arbeiteten unter der
richtet, in der bekannt wurde, dass unter Vorausset- wissenschaftlichen Leitung von Robert Oppenhei-
zung einer industriellen Realisierung der Urananrei- mer und zentralisierter militärischer Organisation
cherung eine ›nukleare Explosion‹ erzeugt werden zusammen. Ab 1942 mussten zusätzlich einige tech-
könnte, die eine Stadt wie New York City zerstören nische Großprojekte, die alle bisher bekannten Di-
würde. mensionen überschritten, aufgebaut werden. Dabei
Insbesondere unter den aus den faschistischen wurden wesentliche Firmen der Großindustrie (wie
Ländern Deutschland, Italien und Österreich ver- General Electric, Westinghouse, Union Carbide
triebenen oder geflohenen Atomforschern ging die oder Dupont) einbezogen, um auch die industrielle
Angst um, Deutschland könne die Atombombe als Realisierung der Spaltmaterialgewinnung erreichen
erster Staat der Welt entwickeln. Szilard bewegte Al- zu können, so die großen und energieintensiven Dif-
bert Einstein zu einem Brief (datiert vom 2.8.1939) fusionsanlagen zur Urananreicherung in Oak Ridge
an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in (Tennessee) oder die ersten Plutonium produzieren-
dem er auf die Gefahr aufmerksam machte und ei- den Kernreaktoren in Hanford (Washington). Im
nen ständigen Kontakt zwischen Wissenschaft und Frühjahr 1943 wurde das Labor zur Entwicklung der
Regierung hinsichtlich Beobachtung und aktiver ersten Atombomben in Los Alamos (New Mexico)
Unterstützung der weiteren wissenschaftlichen Ent- eingeweiht. Insgesamt 120.000 Menschen waren im
wicklung in Amerika anmahnte. Manhattan-Projekt beschäftigt. Bis Ende 1945 wur-
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs steht die Er- den knapp zwei Milliarden Dollar (das entspricht ei-
forschung der Anwendbarkeit der Kernenergie unter nem heutigen Wert von etwa 26 Milliarden US-Dol-
militärischen Vorzeichen. Das deutsche Heereswaf- lar) eingesetzt, eine damals unvorstellbar große
fenamt brachte direkt nach dem Überfall auf Polen Summe für ein Forschungs- und Entwicklungspro-
die wichtigsten der in Deutschland verbliebenen jekt.
Atomwissenschaftler in einem Geheimprojekt, dem Mit Fortschritt des Projekts, der einen Erfolg der
sog. ›Uranverein‹ zusammen. In den USA ließ Bemühungen um die neuartige Atombombe bislang
Roosevelt zunächst nur ein Uran-Beratungskomitee ungekannter Zerstörungskraft in greifbare Nähe
zusammenstellen, das später dem National Defense rückte, und bei gleichzeitiger Erwartung eines baldi-
Research Committee unterstellt wurde. Zunächst gen Endes des Weltkrieges, wuchsen die Skrupel bei
wurden größere Forschergruppen an einigen Uni- einigen beteiligten Wissenschaftlern. Bereits im Juli
versitäten eingerichtet (darunter insbesondere Chi- 1944 verfasste Niels Bohr ein Memorandum, dessen
cago, Columbia und Berkeley), um die prinzipiell Inhalt er mit Roosevelt diskutierte. Darin findet sich
3. Entwicklung und Einsatz der Atombombe 57

als zentrale Aussage der weitsichtige Satz: »Wenn nen vorzuführen« und keinesfalls ohne Vorwarnung
nicht so bald wie möglich ein Abkommen geschlos- auf Ziele in Japan.
sen wird, das eine Kontrolle über die Verwendung Bereits am 31. Mai und 1. Juni hatte ein sog. Inte-
dieser neuen, radioaktiven Elemente garantiert, rim Committee unter Vorsitz des Kriegsministers
könnte jeder gegenwärtig noch so große Vorteil Stimson – unter zeitweiliger Beteiligung des Science
durch eine ständige Bedrohung der allgemeinen Si- Panels (Oppenheimer, Fermi, Compton, Law-
cherheit aufgehoben werden.« Leo Szilard bat Ende rence) – den Weg frei gegeben für Atombombenein-
März 1945 nochmals Einstein, ein Zusammentreffen sätze ohne jede Vorwarnung gegen Japan. Eine Peti-
mit Roosevelt zu ermöglichen, bei dem er ihm die tion, die quasi in letzter Minute am Tag nach dem
düsteren Zukunftsaussichten für Amerika und die ersten Test, am 17. Juli, von 68 Chicagoer Wissen-
Welt bei Existenz der Atomwaffe deutlich machen schaftlern unter Führung von Szilard an den Präsi-
wollte. Statt eines Termins mit Roosevelt, der am denten gesandt wurde und den Einsatz über Japan
12.  April verstarb, kam nur ein Gespräch mit dem für moralisch ungerechtfertigt erklärte, zumindest
designierten neuen Außenminister James Francis solange nicht Japan zuvor die Gelegenheit zu einer
Byrnes zustande, das zu nichts führte. klar konditionierten Kapitulation gegeben werde,
Bei einer Reihe von Wissenschaftlern verdichtete verhallte ungehört.
sich die Sorge, dass Japan als neues Ziel eines ameri- Tatsächlich waren die Ansichten der an der Ent-
kanischen Atomwaffeneinsatzes auserkoren werde. wicklung beteiligten Wissenschaftler nicht einheit-
Dass Deutschland nicht in der Lage gewesen war, ein lich. Darauf deuten auch die Hinweise, die das Sci-
eigenes Atomwaffenprojekt zum Erfolg zu führen, ence Panel in seinen Empfehlungen vom 16. Juni gab
war überdies seit Herbst 1944 den Insidern bekannt. sowie eine Umfrage, die Arthur Holly Compton un-
Noch vor dem ersten erfolgreichen Test einer Pluto- ter den akademischen Mitarbeitern des Metallurgi-
niumbombe am 16. Juli 1945 in der Wüste von Al- cal Laboratory in Chicago am 12. Juli durchführen
mogordo (New Mexico) wandten sich Mitte Juni sie- ließ (Smith 1958). Viele beunruhigte anscheinend
ben prominente Chicagoer Wissenschaftler (dar- ein direkter militärischer Einsatz und sie waren of-
unter Rabinowitch, Seaborg und Szilard) unter fenbar der Ansicht, dass zunächst eine technische
Führung von James Franck an den US-Kriegsminis- oder auch bereits militärische Demonstration erfol-
ter Henry Lewis Stimson. Der als Franck-Report be- gen sollte, wobei nicht ganz klar ist, ob mit dem letz-
kannte Text sieht die Wissenschaftler selbst in der teren die tatsächliche Einsatzplanung gegen Hiro-
Verantwortung: shima gedeckt wäre. Die Hoffnung auf eine schnelle
Kapitulation der Japaner durch einen wie auch im-
»In der Vergangenheit […] konnten die Wissenschaftler mer gearteten Einsatz der Bombe spielte ebenfalls
jede unmittelbare Verantwortung für den Gebrauch,
den die Menschheit von ihren uneigennützigen Entde- eine große Rolle.
ckungen machte, ablehnen. Jetzt aber sind wir gezwun- Der aus Polen stammende Kernphysiker Joseph
gen, einen aktiven Standpunkt einzunehmen, weil die Rotblat ging einen anderen, außergewöhnlichen
Erfolge, die wir auf dem Gebiet der Kernenergie er- Weg. Direkt vor Kriegsausbruch wechselte er von
rungen haben, mit unendlich viel größeren Gefahren Warschau zu James Chadwick nach Liverpool. Im
verbunden sind als bei den Erfindungen der Vergangen-
heit. Wir alle, die wir den augenblicklichen Stand der Widerstreit mit seinen humanistischen Idealen und
Kernphysik kennen, leben ständig mit der Vision einer seiner Überzeugung, Wissenschaft müsse auch in ih-
jähen Zerstörung vor Augen, einer Zerstörung unseres rer Anwendung der Menschheit dienen, trieb ihn die
eigenen Landes, einer Pearl-Harbor-Katastrophe, die Sorge, die deutschen Wissenschaftler könnten für
sich in tausendfacher Vergrößerung in jeder Großstadt das Hitler-Regime die Bombe entwickeln, dazu, zu-
unseres Landes wiederholen könnte. […] Sollte kein
wirkungsvolles internationales Abkommen erzielt wer- sammen mit britischen Kollegen die Möglichkeiten
den, so wird bereits am Morgen nach unserer ersten De- für eine Atombombe genauer zu untersuchen.
monstration, daß wir Kernwaffen besitzen, das allge- Schließlich wirkte er in Los Alamos mit. Im März
meine Wettrüsten losgehen. […] Nukleare Bomben 1944 schockierte ihn die Aussage des Manhattan-
können keinesfalls länger als einige Jahre eine ›Geheim- Projektleiters, General Groves, die dieser bei Privat-
waffe‹ zum ausschließlichen Nutzen unseres Landes
bleiben.«
gesprächen in Chadwicks Haus machte, der wirkli-
che Zweck, die Bombe zu entwickeln, sei es, die So-
Insbesondere empfiehlt der Report, »die neue Waffe wjets unter Kontrolle zu bringen. Rotblat fühlte sich
in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel vor betrogen, da er bis dahin geglaubt hatte, das Ziel der
den Augen der Abgeordneten aller Vereinten Natio- Arbeit an der Bombe sei es gewesen, einen Nazi-Sieg
58 III. Hintergrund

zu verhindern. »Als gegen Ende 1944 deutlich des Todes vieler amerikanischer Soldaten. Erst wenn
wurde, daß die Deutschen ihr Bombenprojekt aufge- Frieden sei, wolle man sich an Bemühungen beteili-
geben hatten, endete der Zweck meines Aufenthalts gen, dass die Bombe nicht nochmals benutzt werde.
in Los Alamos und ich fragte um Erlaubnis, auszu- Sicher war es auch so, dass jenseits der Forscherelite
scheiden und nach Großbritannien zurückzukeh- die meisten Mitarbeiter der mehr als hunderttau-
ren« (Rotblat 1985). Weihnachten 1944 verließ er send Beteiligten am Manhattan-Projekt nicht wirk-
das Manhattan-Projekt und trat die Rückreise an. lich wussten, woran sie genau arbeiteten, wie der
In Anlehnung an den Historiker Gerard DeGroot US-Präsident in seiner Hiroshima-Erklärung wohl
kann man die Bedeutung der ›Bombe‹ im Kontext zu Recht bemerkte.
des Manhattan-Projekts folgendermaßen charakte-
risieren: Zunächst war die ›Bombe‹ keine Waffe,
sondern wurde (insbesondere von den Wissen- Hiroshima und Nagasaki
schaftlern) als eine Art Abschreckung gegen die Na-
zis angesehen. Ende 1944 verlor diese Sichtweise Die heftigen moralischen Skrupel kamen bei vielen
ihre Gültigkeit. Die ›Bombe‹ wurde real zur einsatz- Wissenschaftlern erst nach den Bombeneinsätzen
fähigen Waffe, da ihre Zerstörungskraft nunmehr auf japanische Städte am 6. und 9. August mit ihren
schlicht ins Kalkül politischer Macht einbezogen ersichtlichen dramatischen Konsequenzen für die
wurde. Gleichzeitig wurde der Sog durch das gewal- betroffenen Menschen (The Committee 1981). Als
tige Projekt, seine enormen wissenschaftlich-techni- General Groves im Oktober 1945 Los Alamos mit
schen Herausforderungen, die Faszination des voll- dem Army Certificate of Appreciation auszeichnete,
kommen Neuen, dessen Gelingen noch nicht bewie- während die Opfer in Hiroshima und Nagasaki lit-
sen war, deutlicher wirksam (sirens of discovery). ten, trat Oppenheimer ans Pult und sagte: »Wenn
Schließlich wurde die ›Bombe‹ eine Waffe, die ihre Atombomben in die Arsenale einer kriegführenden
Rolle suchte. Dementsprechend stellten sich neue Welt eingeführt werden oder in Arsenale von Natio-
moralische Herausforderungen. nen, die Krieg vorbereiten, dann wird die Zeit kom-
Die weltpolitischen Implikationen der Atom- men, daß die Menschheit die Namen von Los Ala-
bombe wurden zunächst von einigen der beteiligten mos und Hiroshima verfluchen wird« (Goodchild
Wissenschaftler benannt, ethisch-moralische Über- 1985, 172). Bekannt wurde auch Oppenheimers
legungen wurden  – zumindest der Politik gegen- Ausspruch »die Physiker haben die Sünde kennen-
über  – aber nicht artikuliert. Sie betonten eher die gelernt« (ebd., 174).
wachsende Lücke zwischen technischem Fortschritt Es wurden aber auch praktische Konsequenzen
einerseits und den statischen politischen Institutio- gezogen. Eugene Rabinowitch, als einer der nun trei-
nen andererseits. Später benannten sie auch die un- benden Chicagoer Wissenschaftler, ermutigte seine
ausgewogene Entwicklung von moralischer Verant- Kollegen, die weitgehende Aufhebung der Geheim-
wortlichkeit und technischem Wissen. Rotblat fragte haltung zu bewirken, um die Öffentlichkeit über die
sich im Nachhinein, warum er offenbar als einziger Bombe und ihre Folgen informieren zu können, die
der in das Ziel der Bombenentwicklung eingeweih- Rolle der Wissenschaftler in der Nachkriegswelt zu
ten Wissenschaftler das Manhattan-Projekt verließ, durchdenken sowie die Zukunft der Nuklearfor-
als klar wurde, dass der German factor, der doch für schung. Noch bevor das Manhattan-Projekt in neue
viele die Hauptmotivation gewesen war, entfallen Organisationsformen überführt wurde, erstellten die
war (Rotblat 1985). Seiner Einschätzung nach war Chicagoer Wissenschaftler am 14. September 1945
die Mehrheit überhaupt nicht von moralischen ein programmatisches Dokument. Ausgelöst durch
Skrupeln geplagt und sehr zufrieden damit, die Ent- die Atomkraft und mit deutlichem Bezug auf deren
scheidung über den Gebrauch ihrer Arbeit anderen Implikationen müssten die Wissenschaftler nun-
zu überlassen. Nur eine Minderheit habe ein ›sozia- mehr die Rolle und Verantwortlichkeit der Wissen-
les Bewusstsein‹ gehabt. Auch bei letzteren habe schaft erforschen und klären, sie müssten ihre Mei-
aber die wissenschaftliche Neugier überwogen. Man nungen öffentlich machen und die politische Ent-
wollte sehen, ob das theoretisch Erdachte auch prak- scheidungsfindung beeinflussen, die Öffentlichkeit
tisch funktionieren würde, erst danach könne man müsse vollständig über die wissenschaftlichen, tech-
in eine Debatte über die Verwendung der Bombe nischen und politischen Implikationen der neuen
eintreten. Auch hoffte man auf ein schnelleres wissenschaftlichen Entwicklung aufgeklärt werden
Kriegsende durch die Bombe und die Vermeidung (Smith 1958). Die Wissenschaftler, die die Erfah-
3. Entwicklung und Einsatz der Atombombe 59

rung des Manhattan-Projekts gemacht hatten, orga- Eine mittelbare Folge der Erfahrungen der Wis-
nisierten sich: Die Atomic Scientists of Chicago senschaftler im Zweiten Weltkrieg und in der An-
wurde gegründet und bereits im Dezember das bis fangsphase des Kalten Krieges war die Göttinger Er-
heute wirksame Publikationsorgan The Bulletin of klärung von 1957, in der die Elite der westdeutschen
the Atomic Scientists ins Leben gerufen. Gemeinsam Kernforscher  – angeführt von Carl Friedrich von
mit entsprechenden Vereinigungen an anderen Or- Weizsäcker – nunmehr entschieden die Beteiligung
ten wurde die Federation of American Scientists als an einem Atomwaffenprogramm der Bundesrepu-
eine erste größere Organisation der concerned scien- blik Deutschland verweigerte. Im selben Jahr erschien
tists gegründet. eine kleine Schrift Weizsäckers, Die Verantwortung
US-Präsident Truman, der letztlich den Einsatz- der Wissenschaft im Atomzeitalter, die den Beginn
befehl für die beiden Bomben gab, haben nach histo- einer weiterführenden wissenschafts- und technik-
rischen Berichten keine moralischen Skrupel ge- ethischen Debatte markiert. Darin fordert er eine
plagt. Der Einsatz der Atombombe habe den Krieg Ethik der technischen Welt, die darin bestehen soll,
beendet und damit Leben gerettet. Dies wurde die dass die geplante technische Fortentwicklung in der
offizielle Lesart. Aber es hat seit 1945 stets gewich- Hand der Menschen bleibt. Der Mensch solle Dis-
tige Stimmen gegeben, die dieser Sichtweise wider- tanz zu den vielfältigen neuen Apparaten behalten,
sprachen und eine ihr entgegenstehende Begrün- die sich insbesondere in der »Fähigkeit zum ruhigen,
dungslage herausgearbeitet haben (Alperovitz 1995; überlegenen Verzicht auf gewisse technische Mög-
Bernstein 1995). lichkeiten beweisen« müsse (Weizsäcker 1957, 10).
Für die persönliche Verantwortung des Wissen-
schaftlers findet Weizsäcker die – heute klassische –
Verantwortung der Wissenschaft Formulierung: »Jeder Naturwissenschaftler lernt die
Sorgfalt beim Experimentieren, ohne die seine Wis-
Als sicher kann gelten, dass das deutsche Parallel- senschaft in Geflunker ausarten würde. Ich glaube,
programm Auslöser für das Manhattan-Projekt, solange uns die Sorgfalt bei der Prüfung der Rück-
aber nicht für die letzte Entwicklungs- und Test- wirkungen unserer Erfindungen auf das menschli-
phase der Bombe ausschlaggebend war. Die deut- che Leben nicht ebenso selbstverständlich ist, wie
schen Anstrengungen in Richtung Atombombe wa- die Sorgfalt beim Experimentieren, sind wir zum Le-
ren in sich zersplittert, wurden von unterschiedli- ben im technischen Zeitalter nicht reif« (ebd., 15;
chen Institutionen Nazi-Deutschlands gelenkt und zur Verantwortung s. Kap. II.6).
verfolgten teilweise recht unterschiedliche techni- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die durch
sche Wege. Die entschiedene Förderung blieb aus, so die Entwicklung der Atombombe angestoßene De-
dass kein erfolgversprechendes Großprojekt entste- batte bereits einige wesentliche Grundlinien der
hen konnte. Während Robert Jungk noch die mora- neueren technikethischen Debatte vorgezeichnet
lische Integrität und eine Verhinderungsstrategie hat:
der wissenschaftlichen Kreise um Werner Heisen- Wer ist verantwortlich, nur der Nutzer oder be-
berg und Carl Friedrich von Weizsäcker ausmachte reits der Entwickler von Technik? Wann setzt die
(Jungk 1964), scheint die neuere historische For- Verantwortung der Entwickler ein? Immer dann,
schung dies nicht bestätigen zu können (Walker wenn besondere (neue) technische und nicht-tech-
1990 und 2005). Auch die Veröffentlichungen Bohr- nische Gefahren oder Konsequenzen sichtbar wer-
scher Briefentwürfe durch das Niels Bohr-Archiv im den? Aber wirklich nur dann? Betrifft die Verant-
Jahr 2002 nähren weitere Zweifel, ob die sagenum- wortung der Wissenschaftler und Techniker die Mit-
wobene Begegnung zwischen Bohr und Heisenberg hilfe bei der Behandlung sozialer und politischer
im besetzten Kopenhagen im Herbst 1941 tatsäch- Folgen beim Gebrauch der Technik durch neue Re-
lich, wie man aus Heisenbergs Lesart (Heisenberg geln oder politische Regulationen oder bezieht sie
1973, 211 ff.) schließen könnte, den internationalen sich auch auf die Wissenschafts- und Technikent-
Schulterschluss der Wissenschaftler gegen die Ent- wicklung selbst? Schließt die ethische Debatte auch
wicklung der Bombe bewirken sollte. Gleichwohl ist die Klärung inner- und außerwissenschaftlicher Mo-
das auf diese Begegnung anspielende Theaterstück tive und Interessen mit ein? Steht Geheimhaltung
Copenhagen von Michael Frayn ein gelungenes von wissenschaftlichen Resultaten im Widerspruch
neues Lehrstück über die Verantwortung der Wis- zum wissenschaftlichen Ethos? Ist die Verantwor-
senschaftler (Frayn 2001). tungsübernahme eine rein persönliche Angelegen-
60 III. Hintergrund

heit oder besteht auch eine institutionelle Verant- Frayn, Michael: Kopenhagen. Stück in zwei Akten. Mit ei-
wortung der Wissenschaft (und Politik?), die nach nem Anhang »Zwölf wissenschaftshistorische Lesarten zu
Kopenhagen«. Göttingen 2001.
entsprechenden Organisationsformen verlangt? Was
Goodchild, Peter: J. Robert Oppenheimer. Shatterer of
bedeutet Verantwortungsübernahme? Die Zurverfü- Worlds. New York 1985.
gungstellung rein wissenschaftlicher, unabhängiger Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. München
Informationen oder auch die Beeinflussung politi- 1973.
scher Entscheidungen (inkl. der Entscheidung über Jungk, Robert: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der
Forschungsprioritäten) oder gar die frühzeitige Ana- Atomforscher [1963]. Reinbek 1964.
Lanouette, William: Genius in the Shadows. A Biography of
lyse von wissenschaftlich-technischen Entwick- Leo Szillard – The Man Behind the Bomb. New York 1992
lungstendenzen und -potenzialen? Wie einmütig Nathan, Otto/Norden, Heinz (Hg.): Albert Einstein. Über
und dem Ideal wissenschaftlicher Wahrheitsfindung den Frieden  – Weltordnung oder Weltuntergang? Köln
entsprechend können Wissenschaftler agieren, wenn 2004 (engl. 1975).
sie auf ethische Herausforderungen reagieren, oder Rhodes, Richard: The Making of the Atomic Bomb. New
York 1986.
sind sie Spielball politischer Interessen? Rotblat, Joseph: Leaving the bomb project. In: Bulletin of
Während Günther Anders in den 1960er Jahren the Atomic Scientists (August 1985), 16–19.
den Wissenschaftlern noch als alleinige Konsequenz Smith, Alice Kimball: Behind the Decision to Use the Ato-
das »Herausspringen ins Politische« anempfahl (An- mic Bombs: Chicago 1944–45. In: The Bulletin of the
ders 1972, 165) – gerade auch angesichts der nuklea- Atomic Scientists (Oktober 1958), 288–312.
The Committee for the Compilation of Materials on Da-
ren Bedrohung und der Rüstungswettläufe  – so ist mage Caused by the Atomic Bombs in Hiroshima and
heute zu fragen, ob nicht die damals noch singulären Nagasaki (Hg.): Hiroshima and Nagasaki. The Physical,
Vorgehensweisen von Joseph Rotblat, Leo Szilard Medical, and Social Effects of the Atomic Bombings. New
und den Göttinger 18 angesichts der Entwicklung York 1981 (jap. 1979).
der Atombombe heute auch andere Möglichkeiten Walker, Mark: Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit
der deutschen Atombombe. Berlin 1990 (engl. 1989).
des verantwortlichen Handelns von Forschern an- – : Eine Waffenschmiede? Kernwaffen- und Reaktorfor-
hand des historischen Beispiels nahelegen. Dazu schung am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. For-
gehört die Entscheidung zur bewussten Nichtbeteili- schungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-
gung an moralisch (und politisch) als nicht vertret- Gesellschaft im Nationalsozialismus«, Ergebnisse 26.
bar erachteten Forschungs- und Entwicklungspro- Berlin 2005.
Weizsäcker, Carl Friedrich von: Die Verantwortung der
jekten, der Aufruf an andere, sich ebenfalls nicht zu
Wissenschaft im Atomzeitalter. Göttingen 1957.
beteiligen, oder die Bemühung um innerwissen- Wohlfahrt, Horst (Hg.): 40 Jahre Kernspaltung. Eine Einfüh-
schaftliche Debatten über Folgen der Forschung und rung in die Originalliteratur. Darmstadt 1979.
die frühzeitige Abschätzung von möglichen Konse- Wolfgang Liebert
quenzen  – neben der Bemühung, transparente In-
formationen über den Entwicklungsstand und seine
-aussichten an Öffentlichkeit und Politik zu geben.
Dies könnte eine Zuspitzung der Frage nach verant-
wortlichem Handeln in der Technikentwicklung auf
innerwissenschaftlicher wie gesellschaftlicher Ebene
befördern.

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DeGroot, Gerard: The Bomb. A History of Hell on Earth
[2004]. London 2005.
61

4. Asbest wollt noch vorhergesehen wurde« (Beck/Bonß 2001,


13). Vor diesem Hintergrund prägte Ulrich Beck für
den Umstand, dass alle Gewissheiten der Ersten Mo-
Asbestfasern sind natürliche Mineralfasern als derne nicht mehr zählten und die Auswirkungen ei-
Ergebnis hydrothermaler Prozesse zwischen Ma- nes neuen Stoffes, Produktes oder Verfahrens nicht
gnesium und eisenreichem Gestein. Aus minera- mehr mit Gewissheit antizipiert werden können,
logischer Sicht ist Asbest gemeinhin eine Sammel- den Begriff der ›Risikogesellschaft‹ (Beck 1986).
bezeichnung für verschiedene, in der Natur vor- Oder aus einem anderen Blickwinkel: Die heute in
kommende, faserförmige Silikatminerale. Aus dem unserem Lebensraum noch weit verbreiteten As-
Blickwinkel der Ökonomie ist Asbest ein minera- best-Artefakte – z. B. in Gebäuden oder Produk-
lischer Rohstoff, der als Werkstoff einer wirtschaft- tionsanlagen – sind sichtbare Zeugnisse eines bei ih-
lichen Nutzung zugeführt wird. Aufgrund seiner rer Konzeption und Produktion nicht angewendeten
vielfältigen und zudem extremen Materialeigen- Vorsorgeprinzips (Harremoës et al. 2001; zu Risiko
schaften bei zugleich relativ leichter Verarbeitbarkeit s. Kap. II.2, zum Vorsorgeprinzip s. Kap. VI.3).
fand Asbest wie kaum ein anderer Werkstoff schnelle
und große Verbreitung. Sein zunächst bedenkenlo-
ser Einsatz als Universalwerkstoff ermöglichte tech- Entwicklung der industriellen Nutzung
nischen Fortschritt. Erst nach fast hundert Jahren
industriellem Einsatz wurde der Siegeszug gebremst. Nur in sehr geringem Umfang wurde und wird die
Während Asbest heute, zumindest in den Industrie- Rohfaser in direkter Anwendung genutzt. Erst durch
nationen der westlichen Welt, verboten ist und mit Veredelung ist die Gesteinsfaser industriell nutzbar.
großem Aufwand entsorgt wird, findet er in aufstre- So ermöglichte auch erst die Kenntnis über das je-
benden Schwellenländern und Entwicklungsländern weilige Eigenschaftsprofil einen zweckmäßigen Ein-
unverändert Anwendung (Höper 2008, 285 ff.). Die satz und zielgerichtete Verarbeitung. Hierzu wurde
Verwendung des Werkstoffes ›Asbest‹ steht exemp- das Anforderungsprofil des angestrebten Einsatzge-
larisch für den in den zurückliegenden Jahrzehnten bietes bzw. Fertigproduktes, z. B. Brandschutzklei-
erfolgten Meta-Wandel hin zu einer Zweiten Mo- dung, Hochdruck-Dichtungsplatten, Papiere, As-
derne, in der sich »die gesellschaftlichen Rahmenbe- bestzement, Schichtstoffe etc. mit den physikali-
dingungen sowie Zielvorgaben und entsprechend schen und chemischen Eigenschaften der jeweiligen
auch der wissenschaftliche Begriffsrahmen des Asbestgesteinsorten, wie Elastizität, Faserlänge und
Wandels in einer Weise veränderten, die weder ge- Verspinnbarkeit, elektrischem Widerstand, Säure-

5.000.000

4.500.000

4.000.000
metrische Tonnen

3.500.000

3.000.000

2.500.000

2.000.000

1.500.000

1.000.000

500.00

0 Abb. 1: Jährliche
Asbestproduktion
1900

1905

1910

1915

1920

1925

1930

1935

1940

1945

1950

1955

1960

1965

1970

1975

1980

1985

1990

1995

2000

weltweit 1900–2004
(Einzeldaten aus:
Weltproduktion Virta 2003, 25 ff.;
2006, 8.6)
62 III. Hintergrund

und Laugenbeständigkeit, thermische Eigenschaften neue oder deutlich weitergehende Anwendungs-


sowie Schmelzpunkt, abgestimmt. möglichkeiten der jeweiligen Maschine, von Pro-
Trotz der bis 1996 bereits zahlreich geltenden na- dukten oder Verfahren eröffneten, wären ohne As-
tionalen Einsatzverbote für Asbest (Höper 2008, best nicht erfolgt bzw. nicht so früh möglich gewe-
199 ff.) betrug die Menge des in diesem Jahr abge- sen. Bis in die 1980er Jahre hinein wurde Asbest in
bauten Rohasbests mit über zwei Millionen Tonnen insgesamt über 3500 unterschiedlichen industriell
noch immer knapp die Hälfte der zu Hochzeiten in verarbeiteten Produkten verwandt (Alleman 1997,
den 1970/80er Jahren abgebauten Tonnage. Die be- 90; Eick 1975, 456). Mit dieser hohen Durchdrin-
eindruckende Mengenentwicklung des zwischen gung war Asbest in seiner Blütezeit ein Motor des
1900 und 2004 abgebauten Rohasbests veranschau- Fortschritts und damit auch der wirtschaftlichen
licht die in der Grafik abgebildete Weltproduktion Prosperität. Diese Interdependenz ist anhand soge-
an Asbestgestein (s. Abb. 1). nannter Vorwärts- und Rückwärtskopplungseffekte
Mit Hilfe von Maschinen wurden erstmalig 1808 nachweisbar (Höper 2008, 68). Ebenso ist eine Paral-
in Italien textile Asbesterzeugnisse, wie Asbestzwirn, lelität zwischen dem zunehmenden Einsatz von As-
-gewebe und -papier hergestellt (Vogel 1991, 142). In best einerseits und dem Wachstum im produzieren-
das Licht einer größeren Öffentlichkeit rückte As- den Gewerbe und Städtebau andererseits festzustel-
best als technisch nutzbarer Stoff 1855 im Rahmen len (Rantanen 2003, 1). In der Entwicklung der
der Weltausstellung in Paris. In den Folgejahren eta- Industriegeschichte der letzten 150 Jahre kann As-
blierte sich die industrielle Verarbeitung der Mine- best somit mit Sicherheit als einer der Werkstoffe des
ralfaser zügig in ganz Europa und Nordamerika. 19. und 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.
Ende des 19. Jahrhunderts drangen auf Asbest basie-
rende Produkte in alle Lebensbereiche vor. So fan-
den sie nicht nur Anwendung in der Produktions- Gesundheitliche Risiken
technik, sondern hielten auch Einzug als Hilfsmittel und Erkenntnisentwickung
in den privaten Haushalt. Beispielhaft hierfür sind
Dochte aus Asbestfasern für Ölbrenner und Lam- Vorsorgende Maßnahmen, welche sich zwar nicht
pen, Bügeleisengriffe oder asbesthaltige Dichtmas- explizit, aber u. a. auch auf Asbest beziehen, gehen in
sen zur Ofenauskleidung. Die zur Jahrhundert- Deutschland bis auf die Gewerbeordnung von 1869
wende entwickelten Verfahren zur industriellen und die dortigen Arbeitsschutzvorschriften zurück
Herstellung von Asbestzement und die darauf ein- (Gewerbeordnung 1869, 245; Alleman 1997, 91). Be-
setzende volumenreiche Produktion von Baustoffen kannt war die Gefährdung durch Asbeststaub ver-
aus Asbest, wie z. B. Dachschindeln, eröffneten den einzelt bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts; sie
Asbestgruben ungeahnte Absatzvolumina. wurde nur lange Zeit nicht in einer Weise bekannt
In der historischen Erfahrung wird deutlich, dass gemacht, die gesellschaftliche Reaktionen hervorge-
die sich formierende Industriegesellschaft bereit rufen hätte. Als Berufskrankheiten wurden durch
war, den Abbau und die Verarbeitung neuer und Asbest ausgelöste Erkrankungsformen in den 1930er
brauchbarer Werkstoffe so konsequent wie nur mög- Jahren erkannt, jedoch wurde hierüber nur im Rah-
lich zu betreiben, ohne sich durch mögliche Folgeer- men von Fachzirkeln publiziert. Auch die zuneh-
scheinungen beirren zu lassen. Weit mehr als in un- mende Flut an gesetzlichen Vorschriften, Verord-
serer Gegenwart war die Industriegesellschaft des nungen, technischen Regeln und Normen, mit de-
ausgehenden 19. Jahrhunderts bereit, mit vollem Be- nen in weiten Teilen Europas seit Mitte der 1930er
wusstsein Risiken auf sich zu nehmen und alle fort- Jahre die gesundheitsgefährdende Emission von As-
schrittlich und brauchbar erscheinenden Werkstoffe beststaub in den Asbest verarbeitenden Betrieben
für sich zu beanspruchen. Sicherlich trug diese reguliert wurde, schränkte die weiter rasch anstei-
Grundhaltung wesentlich dazu bei, dass jener in die gende Verbreitung der Mineralfaser nicht ein. As-
Moderne fallende Teil der jüngeren Asbestge- best war in der Gesellschaft aufgrund seiner heraus-
schichte wissenschaftlich nur mit Zurückhaltung be- ragenden Eigenschaften positiv belegt und von der
arbeitet und dokumentiert wurde. Industrie okkupiert, die die frühen Anzeichen einer
Asbest ermöglichte immer wieder die Überwin- möglichen Gefährdung der Gesundheit durch die-
dung jeweils bis dahin bestehender physikalischer sen Werkstoff schlicht verdrängte (Harremoës et al.
und chemischer Grenzen. Sowohl technische Inno- 2001, 53). Diese öffentliche, euphorische Wahrneh-
vationen als auch Leistungssteigerungen, die völlig mung ist hauptsächliche Ursache, dass schon früh
4. Asbest 63

als eindeutig erkannte Gefährdungen der Gesund- tierte er seine Arbeit Biological Effects of Asbestos
heit durch den Umgang mit Asbest verharmlost (Selikoff 1965). Entscheidend für die von Selikoff
wurden. erstmals erreichte mediale Resonanz auf die Asbest-
Auf Dauer jedoch konnte sich die Medizin patho- Thematik war die von ihm vorgenommene Verbin-
logischen Erscheinungen als Folge der Einatmung dung der gesundheitlichen Phänomene mit den
von Asbeststaub durch Arbeitnehmer, die sich durch Schlagworten ›Großkonzerne‹ und ›Krebs‹. Damit
die Ver- und Bearbeitung des Minerals einem feinen vermittelte er erstmals eine Ahnung über das Aus-
Flugstaub aussetzten, nicht entziehen. Zielorgane ei- maß der mit einem ungehemmten, wirtschaftlichen
ner bösartigen Entartung durch Asbestfasereinwir- Interessen geschuldeten Asbesteinsatz einhergehen-
kung sind beim Menschen Lunge und Rippenfell; in den Gesundheitsrisiken. Danach konnte auch die
selteneren Fällen das Bauchfell, das Perikard (Herz- Industrie nicht länger die mit der Mineralfaser ver-
beutel) und der Kehlkopf (Kraus/Raithel 1998). bundenen Risiken leugnen. Die in der Phase der
Durch Einatmen feinster, lungengängiger Asbest- Durchsetzung erlangte strategische und globale Be-
staubfasern kann es zu drei unheilbaren, zumeist deutung des Werkstoffes vermochte nicht länger
tödlich verlaufenden Erkrankungsformen kommen: darüber hinwegtäuschen, dass eine über Jahrzehnte
Asbestose, Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs in Ver- hinweg etablierte asbestfreundliche Einstellung
bindung mit Asbestose (Staublunge aufgrund von grundlegend überprüft werden musste.
Asbest) sowie Mesotheliom (diffus wachsender Tu- Der Absturz schien zunächst so tief zu sein, wie
mor) des Rippenfells, Bauchfells und Herzbeutels der bejubelte Aufstieg hoch war. Das Ende der Ver-
(Drechsel-Schlund 2002, 10 ff.; Catrina 1985, 60 ff.). wendung von Asbest erfolgte jedoch keinesfalls als
Die Gefährlichkeit von Asbest war zunächst um- übergreifende Ad-hoc-Entscheidung diverser natio-
stritten; es gab Vorwürfe und Gegenvorwürfe, Argu- naler Regierungen. Zu unterschiedlichen Zeitpunk-
mente für die Gefährlichkeit dieses Werkstoffes und ten begannen nationale Regierungen, aus wissen-
dagegen. Viele Mediziner und die asbestverarbei- schaftlichen Erkenntnissen Konsequenzen zu zie-
tende Industrie haben erheblich zur Verdrängung hen. Sukzessive verhängten sie im Zeitablauf immer
des Themas beigetragen. Anfangs wurde die Ge- enger gefasste Schutzmaßnahmen für den Umgang
sundheitsfrage noch aufgrund begrenzter wissen- mit Asbest und asbesthaltigen Produkten. Wobei
schaftlicher Diagnosemöglichkeiten, später vor- sich hier das grundsätzliche Dilemma von Grenz-
nehmlich in Anbetracht der Vorteilhaftigkeit des werten offenbarte (Höper 2008, 281 ff.; zur Syntheti-
Werkstoffes, immer wieder in den Hintergrund ge- schen Chemie s. Kap. V.24). So existieren auch für
drängt. Mögliche Anfänge der Ernüchterung wur- Asbest bis heute keine objektiven Schwellen- oder
den immer wieder blockiert durch die Sorge um das Grenzwerte, mit denen sich unbedenkliche von be-
Ende asbestbasierter Innovationen bzw. technisch denklichen Asbestkonzentrationen unterscheiden
einfacher und schneller Lösungen. Trotz zweifels- lassen. In Abhängigkeit von der Informationsver-
freier medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse breitung über die Gefahren von Asbest in Verbin-
mangelte es an notwendiger Sensibilität für eine dung mit der zeitlich versetzten Erkenntnisbereit-
qualifizierte Folgenabschätzung, geschweige deren schaft von Regierungen, Interessenvertretungen,
erfolgreiche Kommunikation in die Öffentlichkeit. Verbänden, dem jeweiligen Rechts- und Wertesys-
Der insgesamt zähe Wechsel von der Phase der Eu- tem und dem jeweiligen Grad der Demokratisierung
phorie in die der Ernüchterung lässt sich im Rah- wurden Grenzwerte zur maximal vertretbaren Fa-
men eines phasenorientierten Ordnungssystems serexposition an Arbeitsplätzen mit international
nachvollziehen (Höper 2008, 149 ff.). großen Unterschieden immer wieder nach unten
In der westlichen Hemisphäre führten letztlich korrigiert. Es entwickelte sich eine chaotische Situa-
zunehmende medizinische Erkenntnisse zum Ende tion unterschiedlicher Grenzwerte. Nachdem in den
der Euphorie gegenüber der Mineralfaser. Internati- Industrienationen schließlich das Repertoire der
onal gelang es erstmals 1965 dem Mediziner Irving sich anbietenden Schutz- und Vorsorgemaßnahmen
Selikoff, über die Medien einer breiten Allgemein- aufgebraucht war, verblieb letztlich nur noch das To-
heit die Gefahr bekannt zu machen. Im Rahmen ei- talverbot; zunächst sukzessive auf nationaler Ebene,
ner internationalen, multidisziplinären Konferenz in anschließend europaweit.
New York, an der erstmals gemeinsam Pathologen,
Onkologen, Physiologen, Epidemiologen sowie Ar-
beits- und Umweltmediziner teilnahmen, präsen-
64 III. Hintergrund

Substitution und Systemträgheit verstoßen wurde. Diese Beschuldigung ist haltbar,


denn die Anzeichen für sich verändernde Rahmen-
Der Substitutionsprozess gestaltete sich in Deutsch- bedingungen waren für alle, die mit Asbest hantier-
land mühselig. In Vorbereitung auf die angekündig- ten, bereits Jahre vorher deutlich sichtbar.
ten Verbote bewiesen lediglich kleine Asbest verar- Es konnte (bis heute) kein Ersatzstoff für Asbest
beitende Branchen außerhalb der Asbestzement- entwickelt werden, der das gesamte Eigenschaftspro-
industrie in ihren Nischen ein hohes Maß an fil abdeckt. Die notwendigen Merkmale für Asbest-
Innovationskraft und Flexibilität, stellten sich auf die substitute sind zwangsläufig so verschiedenartig, wie
veränderten Rahmenbedingungen zügig ein und die Anwendungsbereiche der Asbestfaser es waren.
tüftelten an einem zeitlich auf die Gesetzesänderung Ein gemeinsames Merkmal von Asbestsubstituten
abgestimmten Einsatz von Ersatzstoffen. Ganz an- war und ist allerdings, dass sie in Produktion, Verar-
ders verhielt sich die traditionelle asbestverarbei- beitung und Verwendung weitaus weniger gesund-
tende Industrie. Sie zeigte beachtliches Beharrungs- heitsschädlich sind als asbesthaltige Materialien. Be-
vermögen und Systemträgheit. Auch bei der organi- merkenswert ist allerdings, dass trotz aller Umsicht
sierten deutschen Asbestzementindustrie ist eine die präventiven Risikoabschätzungen bei den als
klare Verzögerungstaktik beobachtbar gewesen. Substitut bei der Dämmstoffproduktion entwickel-
Denn die von ihr gegenüber der Bundesregierung ten künstlichen Mineralfasern sowie bei Antimon
abgegebene Selbstverpflichtung zur Substitution (Ersatzstoff für Reibbeläge) fehlschlugen. Die ur-
hätte deutlich früher umgesetzt werden können als sprünglich unterstellte Umweltverträglichkeit stellte
es letztlich erfolgte. Der Forschungsstand zur Ersatz- sich nach einigen Jahren industriellem Einsatz auf-
stoffsuche war weiter als er gegenüber der Bundesre- grund verbesserter Erkenntnisse als nicht gegeben
gierung bekannt gegeben wurde. Auf der Arbeitneh- heraus. Deshalb wurde für die Bundesrepublik im
merseite war die Interessenslage gespalten. Die Füh- nationalen Alleingang ein entsprechendes Verbot
rungen der Gewerkschaften plädierten für ein für lungengängige künstliche Mineralfasern ver-
schnelles Verbot; die Arbeitnehmervertreter vor Ort hängt. Insofern ist zu konstatieren, dass aus dem
und Vertreter der für die Asbestzementindustrie zu- jahrzehntelangen zögerlichen Umgang mit Asbest
ständigen IG Chemie kämpften mit Blick auf mögli- Lehren gezogen wurden. Reaktionen hinsichtlich
cherweise bedrohte Arbeitsplätze für moderatere Antimon stehen jedoch noch aus. Zugleich wird an
Lösungen, obwohl gerade die Gesundheit der von diesen Fällen das Dilemma der Substitute erkennbar.
ihnen unmittelbar vertretenen Arbeitnehmer nach- Ihre Eigenschaften und Wirkungen können von der
weislich gefährdet war. Wissenschaft zum Zeitpunkt ihres beginnenden in-
Diese von mehreren Seiten verfolgte Hinhaltetak- dustriellen Einsatzes noch nicht so weit erforscht
tik hätte vermieden werden können, wenn die ge- sein, dass eine abschließende Risikoeinschätzung
sundheitlichen Risiken der Asbestfaser frühzeitiger über Folgewirkungen vorgenommen werden kann
ernstgenommen worden wären und die Suche nach (zu Risikobeurteilung s. Kap. IV.C.7). Hieraus lässt
Substituten rechtzeitig begonnen hätte. Letztlich sich die Notwendigkeit einer permanenten, rollie-
kann diese Unterlassung als ein klares Zeugnis für renden Risikoabschätzung von neuen Stoffen, Pro-
eine in der Ersten Moderne verhaftete Unterneh- dukten und Verfahren unter Anwendung und im
mensphilosophie als auch eine ungenügende und Abgleich mit jeweils verbesserten wissenschaftli-
selbstgefällige Unternehmensführung der Bran- chen Erkenntnisständen ableiten.
chenunternehmen gewertet werden (Harremoës et Das Gefährdungspotenzial von Asbest ist von
al. 2001). Anstatt Blockadepolitik wäre unternehme- hoch industrialisierten Staaten klar erkannt worden.
rischer Handlungsbedarf gefordert gewesen, da für Der Substitutionsprozess ist dort nahezu abgeschlos-
alle Beteiligten die veränderte Erkenntnislage und sen. Damit wurde der Nachweis erbracht, dass eine
damit der Wegfall der Legitimation der verfolgten Volkswirtschaft auch ohne die Asbestfaser aus-
Geschäftskonzepte und Lebensgrundlage deutlich kommt und mit den ihr heute, anders als im 19. und
erkennbar war. Was allerdings als Fehlverhalten weit in das 20. Jahrhundert hinein, zur Verfügung
noch schwerer wiegt ist der Umstand, dass mit der stehenden technologischen Kenntnissen und Fähig-
weiteren Vermarktung der Asbestfaser die Gesund- keiten weiteren Fortschritt generieren und wachsen
heit von Menschen über einen langen Zeitraum wis- kann. Entwicklungs- und Schwellenländer sind zwar
sentlich durch die Unternehmensleitungen gefähr- auch seit langem über die gesundheitliche Gefähr-
det und damit bewusst gegen ethische Grundsätze dung durch Asbest informiert, halten eine vollstän-
4. Asbest 65

dige Substitution jedoch für nicht angezeigt. Sie ste- (zu Nanotechnologie s. Kap. V.18) als Negativbei-
hen vor dem Dilemma des einfachen, universellen spiel herangezogen wird, gibt beispielhaft Anlass, in
Werkstoffes bzw. einer möglichst raschen Industria- jedem Einzelfall einer Innovation einen von Verant-
lisierung. Der Werkstoff ›Asbest‹ ist, neben allen ge- wortung geprägten ausgewogenen Weg der Risiko-
sundheitlichen Vorbehalten, eben auch ein nicht zu abschätzung (s. Kap. II.2 und Kap. IV.C.7) zu finden.
unterschätzender Beschleuniger des dortigen Fort- Diese Risikoabschätzung darf nicht nach der indus-
schritts. triellen Umsetzung der Innovation enden, sondern
muss als anhaltender, kritischer und vorausschauen-
der Prozess die jeweilige Innovation und ihre Deri-
Technikethische Einordnung vate unter Berücksichtigung der aufgezeigten Di-
lemmata begleiten. Inwiefern die für diese Aufgabe
Der Werkstoff ›Asbest‹ war ein unverzichtbarer Be- notwendigen wissenschaftlichen Kapazitäten in der
standteil der modernen Industriegesellschaft, ohne Grundlagenforschung ausreichend sind oder ange-
den sie so nicht hätte werden können, was und wie passt werden müssen, gilt es zu überprüfen.
sie geworden ist. Exemplarisch sei hier nur auf die Der Weg des Asbestminerals ist trotz seiner of-
durch Asbest mögliche Leistungssteigerung der fenkundig durch das Einatmen von Asbestfasern zu
Dampfmaschine verwiesen, wodurch sich eine Fülle potenziell tödlichen Krebserkrankungen führenden
neuer, bisher nicht realisierbarer technischer und in- Wirkungen kein bloßer Irrweg gewesen, sondern
dustrieller Möglichkeiten eröffnete. Finden durch eine letztlich korrigierte und in Teilen der Welt noch
diese Feststellung all jene durch die Einatmung von zu korrigierende Entwicklung, wobei die Notwen-
lungengängigen Asbestfasern geschädigten Opfer, digkeit zur Korrektur freilich zu spät erkannt wurde.
die zum Teil schon gestorben sind bzw. noch den As- An jenen im Verlauf der Debatte um Pro und Contra
besterkrankungen erliegen werden, ihre vollständige über Asbest entstandenen Meinungsverschiedenhei-
Berücksichtigung und Würdigung? Diese Frage ist ten, an der durch Misstrauen vergifteten Atmo-
mit ›Nein‹ zu beantworten. Zum einen können nicht sphäre und vor allem am Verlust der Glaubwürdig-
Leben und Gesundheit von Menschen gegen unbe- keit tragen Asbest verarbeitende Unternehmen so-
strittene Fortschritte in der technischen und wirt- wie die Arbeitsmedizin wesentliche Verantwortung.
schaftlichen Entwicklung aufgerechnet werden. Denn rückblickend bot die Asbestgeschichte allen
Zum anderen hatten sowohl die Entscheider über Akteuren ausreichend Anlässe, statt bedingungslo-
den Einsatz von Asbest als auch die Betroffenen ser Technikgläubigkeit auf das Prinzip der Vorsorge
selbst aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Er- (s. Kap. VI.3; Harremoës et al. 2001, 59 ff.) einzu-
kenntnisse, sehr langer Inkubationszeiten und auch schwenken: (1) Obwohl im 19. Jahrhundert eine Ge-
infolge mangelhafter Kommunikation erster gesi- fährdung nicht eindeutig nachweisbar war, lagen
cherter Erkenntnisse lange Zeit kein Wissen über die Ärzten und Behörden bereits Erfahrungen vor, die
mit der Bearbeitung und Verwendung von Asbest erstmalig zur Vorsicht im weiteren Umgang mit As-
verbundenen Gefahren. Letztlich haben die Betrof- best mahnten. (2) Trotz recht eindeutiger Beobach-
fenen den Preis dafür gezahlt, dass bestehende ge- tungen erfolgte keine systematische Erfassung von
sundheitliche Risiken an vielen Arbeitsplätzen und Erkrankungen, selbst dann nicht, als sich in den
privaten Haushalten erst durch den Einsatz von As- 1930er und 60er Jahren die medizinischen Er-
best erheblich verringert werden konnten. Indirekt kenntnisse verdichteten. (3) Eine Erhebung von
haben sie mit ihrem Einsatz das Leben und die Ge- Krankheitsdaten wurde aufgrund ökonomischer In-
sundheit anderer geschont. teressen blockiert. (4) Privatwirtschaftliche Unter-
Wer heute den Begriff ›Asbest‹ ausspricht, muss nehmen – im Fall Asbest waren es Versicherungen –
sich darüber im Klaren sein, dass er damit eine Faser lehnten es ausdrücklich ab, die mit dem Einsatz ver-
benennt, die erheblichen Schaden zufügen kann und bundenen finanziellen Risiken zu tragen. (5) Eine
aus diesem Grunde mit Nachdruck substituiert wer- reduzierte Faserexposition wurde bereits nur deswe-
den muss. Aber auch darüber sollte Klarheit herr- gen als ein sicherer Zustand angesehen, weil sie ge-
schen: Ohne das Mineral Asbest, das ohne Zweifel ringer war als zuvor. (6) Vorsorgemaßnahmen wur-
»ein Vorläufer, ein Exempel und ein Modellfall« (Ca- den lange Zeit ignoriert bzw. durch die Argumenta-
trina 1985, 235) ist, hätte die industrielle Entwick- tion abgelehnt, dass mit der Nichtnachweisbarkeit
lung nicht diesen Verlauf genommen. Dieser Mo- einer Gefährdung der Nachweis der Ungefährlich-
dellfall, der z. B. in der Debatte über Nanopartikel keit erbracht sei. Hinzu kam im Fall ›Asbest‹ eine be-
66 III. Hintergrund

1.400

1.200

1.000

800
Asbest- Mesotheliom
600 verbrauch
Maximum:
400 BRD 200.000 t/a (1978)
DDR: 74.000 t/a (1980)
200 Bronchialkarzinom
Abb. 2: Prognose der
0 Lungenkrebs- und
1965

1970

1975

1980

1985

1990

1995

2000

2005

2010

2015

2020

2025

2030
Mesotheliom-
neuerkrankungen
(aus Kralj 2005)

sondere technikethische Herausforderung. Durch Literatur


die langen Latenzzeiten von bis zu 40 Jahren bei As-
besterkrankungen war der Zusammenhang zwi- Alleman, James E./Mossman, Brooke T.: Asbest: Aufstieg
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zum anderen sind die Kontaktarten nicht nachvoll- Sankt Augustin 2002.
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von mehreren Hunderttausenden aus (Harremoës et Harremoës, Poul/Gee, David/MacGarvin, Malcolm/Stir-
al. 2001, 51; Huré 2004, 1). ling, Andy/Keys, Jane/Wynne, Brian/Guedes Vaz, Sofia:
Die in den vergangenen Jahrzehnten geführte, Late Lessons from Early Warnings: the Precautionary
kontroverse Diskussion über Asbest hat die dringli- Principle 1896–2000. European Enviroment Agency. Ko-
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che Forderung nach der richtigen Handhabung die- Höper, Wolfgang: Asbest in der Moderne. In: Günter Bay-
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gemacht. Eine sachliche, nach wissenschaftlichen Arbeit und Umwelt. Münster/New York/München/Ber-
Grundsätzen geführte industriegeschichtliche De- lin 2008.
batte wird diesen markanten Werkstoff des 19. und Huré, Philippe: Erkrankungen der Atemwege stehen in Ver-
bindung zu Produkten wie Asbest: Reichen die präventi-
20. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert derart verorten, ven Maßnahmen aus? Bericht anlässlich der 28. General-
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Wolfgang E. Höper positioniert und Strukturen der postindustriellen
Gesellschaft und einer reflexiven ›zweiten Moderne‹
(Beck 1996, 19–112) auszubilden beginnt. Die fol-
genden Voraussetzungen der Krise scheinen im ge-
sellschaftsgeschichtlichen Rückblick besonders rele-
vant:
(1) Vor dem Hintergrund eines Effizienzschubs in
der großindustriellen Produktion seit den
1950er Jahren wurden Erkenntnisse und Inno-
vationen der technisch-naturwissenschaftlichen
Groß- und Industrieforschung vor allem in den
Bereichen Kernenergie, Informationselektronik/
Kybernetik und Biogenetik nutzbar und erhöh-
ten die Dynamik des sozialen Wandels deutlich.
(2) Die seit der Zwischenkriegszeit zunehmende, in
den USA seit dem Zweiten Weltkrieg etablierte
institutionalisierte Interaktion des militärisch-
industriell-administrativen Komplexes bekam
vor dem Hintergrund des atomaren Wettrüstens
der beiden Supermächte globale Bedeutung.
(3) Die Ausübung politischer Kontrolle geriet ge-
genüber der Dynamik der Märkte und den
mächtigen Sachzwängen von Wachstum und
Rüstung in die Defensive. Daraus folgte mittel-
fristig bei den Wählerinnen und Wählern in
ganz Westeuropa Politikverdrossenheit, in der
Politikwissenschaft eine Diskussion um die
Steuerbarkeit demokratisch-marktwirtschaftli-
cher Ordnungen sowie die Delegitimation de-
mokratischer Prozesse und Institutionen.
(4) Ab Ende der 1970er Jahre distanzierten sich die
westeuropäischen politischen Eliten unter Auf-
kündigung von Nachkriegskonsensen und po-
licy-Konzepten der Staatsintervention markant
von dem seit 1880 entstandenen Modell des eu-
ropäischen sozialen Wohlfahrtsstaats und dem
Leitbild sozialer Partizipation zugunsten von
Konzepten rigider Entstaatlichung.
(5) Die Folgen der neuen Qualität massenindustri-
eller Produktion betrafen durch Unfallereignisse
68 III. Hintergrund

und -risiken sowie durch die immer sichtbarer Humanität in einem Zeitalter der ›Antiquiertheit des
werdenden Langzeitwirkungen auf die Lebens- Menschen‹ (Günther Anders). In der Diskussion um
umwelt, später dann auch auf die natürliche Um- die Krise des Forschrittsoptimismus seit den 1960er
welt (z. B. durch das Ozonloch und den Klima- Jahren sind die historischen Erfahrungen des Ersten
wandel etc.), immer mehr Menschen, was in Weltkrieges und der NS-Herrschaft aufgehoben.
eine Diskussion um die ›Risikogesellschaft‹
(Beck 1986) und Technikfolgen (Grunwald
2010, 119–139; s. Kap. II.5) mündete. Begriffserklärung und Konzepte
(6) Ältere Formen der antimaterialistischen Kultur-
kritik (Kerbs/Reulecke 1998, 10–18) flossen als Der Begriff der Krise ist eine der zentralen histori-
Teil eines harten Generationskonflikts zwischen schen Kategorien zur Beschreibung der politischen
den Trägern des Wiederaufbaus nach dem Zwei- und industriellen Moderne seit 1750 (Koselleck
ten Weltkrieg und ihren Kindern in den 1960er 1959; Ulrich 1994, 398–400). Wesentlich sind dabei
Jahren mit der Kritik einer ökonomischen der dynamische Charakter des politischen Prozesses
Theorie des unbegrenzten Wachstums in der af- und die Kontinuität des Veränderungsdrucks durch
fluent society (Galbraith 1958/1963) zusammen. sozialen Wandel. Die Verstrickung der Historiogra-
phie in die Teleologisierung des Fortschritts vor al-
Die Krise des Fortschrittsoptimismus seit den lem bis 1914, aber auch in der Form der Legitima-
1960er Jahren lässt sich daher sinnvoll nur multifak- tion fortschrittsbetonter moderner Diktaturen im
toral und sozialkonstruktivistisch im Bemühen um 20. Jahrhundert wird methodologisch seit längerem
die Sichtbarmachung neuer Akteure und neuer The- kritisch reflektiert, (Rüsen 1983; Goertz 1995),
men auf mehreren Ebenen ohne Anspruch auf Voll- gleichwohl lässt sich auch bei der betont kritischen
ständigkeit beschreiben. Dies umso mehr, als auch Beschreibung der Krise des Fortschrittsoptimismus
die Frage, ob es sich hierbei um eine Narratio von z. B. in der historischen Umweltforschung bisweilen
der erfolgreichen oder aussichtslosen Neuerfindung eine Art ›Negativ-Teleologisierung‹ feststellen (Rad-
der modernen Industriegesellschaft und ihrer politi- kau 2000, 11–51). Der soziologische (Schäfers 2000,
schen Kulturen handelt, strittig bleibt. 194–196) und politikwissenschaftliche Krisenbegriff
(Jänicke 1973, 14–50) hat nur bedingt in der
deutschsprachigen historischen Darstellung Berück-
Frühere Krisen sichtigung gefunden.
In der deutschen Technikhistoriographie ist das
Der Erste Weltkrieg, der in englischsprachigen Län- Thema methodisch durch die breite Rezeption des
dern auch deshalb »The Great War« genannt wird, dreidimensionalen Technikbegriffs von Günter
beendete nicht nur das lange 19. Jahrhundert und Ropohl (1979) und inhaltlich in den Debatten um
Zeitalter des uneingeschränkten westlichen bürger- den Charakter der Industriegesellschaft, die Ener-
lichen Fortschrittsglaubens (s. Kap. II.4), sondern giewenden und die Rolle der Ingenieure dabei prä-
war der Präzedenzfall für die Möglichkeit totaler sent (Gleitsmann et al. 2009, 39–68). Die Berufs-
wissenschaftlich-technisch-administrativer Mobili- gruppe der Ingenieure erlebte im Kontext gesell-
sierung und Durchherrschung moderner Industrie- schaftlicher Diskurse um die Bedeutungen von
gesellschaften für einen Verschleiß- und Vernich- Technik seit den 1960er Jahren dabei nicht nur in
tungskrieg. Der nationalsozialistische Zivilisations- der Geschichtswissenschaft, hier sogar verhältnis-
bruch der industriellen Massenvernichtung der mäßig spät, eine so vollständige Umbewertung wie
europäischen Juden zwischen 1941 und 1945 ist keine andere Referenzgruppe. Aus den Hoffnungs-
ohne diese Präzedenz nicht verständlich, auch wenn trägern und wertgeschätzten Garanten von Wachs-
er bei weitem nicht vollständig daraus erklärt tum, Wohlstand, Frieden und Zukunftsoffenheit
werden kann (Diner 1999, 9–19). Alle modernen wurden nun die eindimensionalen Exekutoren von
Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts Wirkungsgradfetischismus ohne Interesse für die
gaben sich insbesondere in technischer Hinsicht sozialen, politischen und ökologischen Implikatio-
fortschrittsorientiert. Die totalitarismustheoretische nen ihres Tuns. An der medialen Vermittlung lässt
Kritik an ihnen, u. a. anknüpfend an Hannah Arendt, sich dies besonders gut zeigen: Erschien Technik in
war immer auch ein Beitrag zur Krise des Fort- den James Bond-Kinoepen der 1960er Jahre noch
schrittsoptimismus und zur Rekonstruktion von uneingeschränkt positiv, verkörperte sie in den beim
5. Krise des Fortschrittsoptimismus 69

Publikum nicht weniger erfolgreichen großen dysto- Industrie und Funktionseliten durch eine Gegenöf-
pischen Filmerzählungen der 1970er Jahre wie Star fentlichkeit von unten zu brechen (s. Kap. V.11). Der
Wars bereits die bedrohliche, tendenziell mensch- zivilgesellschaftliche Protest und Widerstand gegen
heitsvernichtende Allianz von Wissen und Macht. Kernenergieanlagen und technische Großprojekte
Zu diesem fundamentalen Perspektivenwechsel gehört daher zu den Grunderfahrungen alternativer
trugen Akteure bei, die sich vorher nicht oder jeden- Definitionen des Politischen vor allem in der Bun-
falls nicht kritisch zur Technik geäußert hatten. Von desrepublik. In der Ablehnung des Baus der Bundes-
nicht zu unterschätzender Bedeutung in den von reaktorstation bei Karlsruhe 1956, der Anti-AKW-
strukturellen Säkularisierungsprozessen zwar ge- Bewegung in Whyl und Brokdorf in den 1970er Jah-
zeichneten, aber noch nicht im heutigen Umfang ren bis zu den Demonstrationen gegen das geplante
dominierten westlichen Industriegesellschaften war Atommüllendlager Gorleben zeigte sich über alte
in den 1960er Jahren die Thematisierung der Ver- parteipolitische und sogar Generationengrenzen
antwortung für die Schöpfung in beiden großen hinweg ein Prozess der bürgergesellschaftlichen
Konfessionsgemeinschaften (Gleitsmann et al. 2009, Wiedergewinnung des Primats der Öffentlichkeit
63–65). Der protestantisch dominierte Ökumeni- und der Zivilgesellschaft, der die politische, auch
sche Rat der Kirchen in Genf und das II. Vatikani- parteipolitische Landschaft mit der Gründung der
sche Konzil wiesen die Industrienationen deutlich Grünen 1980 veränderte.
auf ihre Verantwortung in der Umweltfrage und der Die Reaktorunfälle von Windscale/Großbritan-
damit zusammenhängenden sog. Dritte-Welt-Pro- nien (1957), Harrisburg/USA (1979) und Tscherno-
blematik hin (zu Nachhaltigkeit s. Kap. IV.B.10). In byl/UdSSR (1986) trugen dazu bei, die Aktualität
den folgenden Jahren kamen diese kritischen Anfra- und Relevanz der Auseinandersetzung um die Kern-
gen im Gemeindeleben an und prägten Generatio- energie brennpunktartig zu schärfen und die stan-
nen von Christen, die sich auch öffentlich und poli- dardisierte Rhetorik der Beherrschbarkeit dieser
tisch zu artikulieren begannen. Die Kirchen und ge- Technologie mit dem stereotypen Hinweis auf die
mäßigt-linke politische Gruppierungen entdeckten statistische Unwahrscheinlichkeit eines GAU und
Gemeinsamkeiten in ihrer Kritik von Materialismus, die absolute Sicherheit deutscher Kernkraftwerke
Verschwendung, Konsumgesellschaft, Rüstungs- zunehmend als provozierende Parteimeinung im
wettlauf und der Nord-Süd-Schere, aber auch die für Unterschied zu einer gemeinwohlorientierten Ge-
die westeuropäische Nachkriegsentwicklung so cha- samtschau der Zusammenhänge erscheinen zu las-
rakteristischen zentristischen christdemokratischen sen (s. Kap. V.11). Dabei führten die Ölkrisen von
Parteien machten sich u. a. in der Diskussion um 1973 und 1979 vor Augen, wie ambivalent die Ener-
konservative Werte Positionen der Kritik am Fort- giefrage für die aufgrund ihrer strukturellen Ener-
schrittsoptimismus zu eigen bzw. reaktivierten sie. gieabhängigkeit verwundbaren Industrienationen
Auch die Literatur in West und Ost leistete seit blieb. Autofreie Sonntage mit leeren Autobahnen
den 1960er Jahren einen wichtigen Beitrag zur Eta- machten deutlich, dass auch Automobilität und
blierung des Themas der Krise des Fortschrittsopti- Energie nicht voneinander zu trennen sind. Für ein
mismus (Gleitsmann et al. 2009, 60–63). Die Litera- so stark auf den Automobilexport und auf individu-
turnobelpreise für John Steinbeck (USA, 1962), elle Massenmobilität setzendes Land wie die Bun-
Heinrich Böll (Bundesrepublik, 1972), Saul Bellow desrepublik war die Krise des Fortschrittsoptimis-
(USA, 1976) bestätigten das. Besonders in der deut- mus als Infragestellung von hochgradig pfadabhän-
schen Nachkriegsliteratur, u. a. bei Günther Grass, gigen Leittechnologien und Schlüsselartefakten eine
Günther Kunert und Christoph Hein, war die Dar- existenzielle Frage, die nicht nur die Organisation
stellung des gebrochenen Verhältnisses zum Fort- des Industriesystems, sondern die Verteilung und
schritt vor zeitgeschichtlichem Hintergrund ein zen- Definition von Wohlstand betraf.
trales Motiv. Auch konventionelle Industrieunfälle wie die
Von besonderer Bedeutung in Westeuropa, weni- Chemiekatastrophen von Seveso/Italien (1976) und
ger in den USA, war die Herausbildung von Formen Bhopal/Indien (1984) sowie die Tankerkatastrophen
bürgergesellschaftlichen Protests gegen Großtech- der Amoco Cadiz vor der bretonischen Küste/Frank-
nologien und insbesondere gegen die Kernenergie reich (1976) und der Exon Valdez (1989) vor Alaska/
seit den 1950er Jahren (Gleitsmann 2011, 17–26). USA unterstützten die Popularisierung einer zuneh-
Ihr gelang es bis Ende der 1970er Jahre, die absolute mend kritischen Grundhaltung gegenüber den Risi-
Diskurshegemonie der Atomeuphorie von Politik, ken des globalen industriellen Systems bis in die
70 III. Hintergrund

Mitte der Gesellschaft hinein und über die ohnehin tionsprägenden Standardwerk und antizipierte den
fließenden Grenzen der Umweltbewegung hinaus. von Ulrich Beck in den 1980er Jahren aufgegriffenen
Die Antwort der Industrien bestand u. a. neben einer sprachkritischen Ansatz der Analyse soziotechni-
neuen Form von Akzeptanzdesign und traditionel- scher Akteure.
lem Lobbyismus unter Hinweis auf die Standortfrage Die 1972 erschienene Studie des Club of Rome
in weiteren Innovationsspiralen, die sich u. a. im Au- über die Grenzen des Wachstums, erarbeitet von
tomobilbau gut nachvollziehen lassen. Donella Meadows (1941–2001) und Dennis L. Mea-
Versucht man, die Krise des Fortschrittsoptimis- dows (*1942), gehört trotz der Bestreitbarkeit eini-
mus seit den 1960er Jahren aus der Vogelperspektive ger Prämissen zu den einflussreichsten Dokumenten
zu beschreiben, könnte man von einer Frustrations- der Krise des Fortschrittsoptimismus überhaupt.
geschichte sprechen. Die Verheißungen der 1950er Die in Millionenauflage weltweit verbreitete und re-
und 1960er Jahre: unbegrenzte und saubere (Atom-) zipierte Studie, zu deren Leitthemen u. a. die End-
Energie, Wohlstand für viele, wenn auch nicht für lichkeit der fossilen Ressourcen, die unkontrollierte
alle, eine objektiv wie subjektiv wünschenswerte Umweltzerstörung, der Zusammenhang von Über-
Technik für die Konsumenten  – all dies war nicht bevölkerung und Unterernährung gehört, hatte
nur nicht in der versprochenen Weise eingetreten, nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaftspolitik,
sondern hatte ungeahnte und zum Teil schwer abzu- Politikformulierung und auf das individuelle Ver-
schätzende Folgewirkungen gezeitigt. halten in westlichen Ländern.
1973 erschien in den USA eine Untersuchung des
amerikanischen Soziologen Daniel Bell (1919–2011)
Vertreter und Grundprobleme über die nachindustrielle Gesellschaft (Bell 1975).
Bell analysiert den Übergang von der industriellen
Das Kriterium der Auswahl der folgenden Autoren Produktions- zur nachindustriellen Informations-,
und Werke ist nicht enzyklopädische Vollständig- Wissens-, Kommunikations- und Dienstleistungsge-
keit, sondern das der frühen Äußerung eines be- sellschaft als neue Phase der Industriemoderne.
stimmten Ansatzes und seiner lang anhaltenden, vor Diese sei »[…] gleichbedeutend mit dem Aufkom-
allem: massenwirksamen Rezeption. men neuer axialer Strukturen und Prinzipien: mit
Der Journalist Robert Jungk (1913–1994) machte dem Übergang von einer warenproduzierenden zu
seit den 1950er Jahren in seiner Publizistik, die einer Informations- und Wissensgesellschaft; und
schon früh von Publikumsverlagen in hohen Ta- im Bereich des Wissens selbst, mit einem Wandel
schenbuchauflagen vorlag, auf das Gefährdungspo- der Abstraktionsachse, der Ablösung des Empiris-
tential der Atomwirtschaft und die Illusion einer mus durch die Theorie, der ›Trial-and-Error‹-
Trennung zwischen militärischer und friedlicher Methode durch ein systematisches theoretisches
Nutzung der Kernenergie aufmerksam. Sein enga- Wissen, das die Neuerungen steuert und die Formu-
gierter Stil stand am Anfang der europäischen Frie- lierung der Politik bestimmt« (Bell 1975, 374). Bells
densbewegung und sensibilisierte für den Zusam- Konzept mit der Zentralstellung von Wissen und
menhang von Atom- und Umweltfrage (z. B. Jungk Kommunikation gewann der Krise der traditionel-
1979). len Industriegesellschaft auch positive Seiten ab und
Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Herbert wies sehr früh und Jahre vor der Verbreitung des In-
Marcuse (1898–1979) setzte sich in seiner 1964 in ternet auf die Notwendigkeit medialer Vernetzung
den USA, 1967 in der Bundesrepublik erschienenen, hin.
vielbeachteten Analyse Der eindimensionale Mensch Eine konstruktive technikethische Reaktion auf
(Marcuse 1967) kritisch mit den Folgen positivis- die Krise des Fortschrittsoptimismus ist auch das
tisch-pfadabhängigen Denkens und der techno- 1979 erschienene Hauptwerk des Philosophen Hans
kratischen Konstruktion von Sachzwängen in der Jonas (1903–1993) mit dem Titel Das Prinzip
fortgeschrittenen Industriegesellschaft auseinander Verantwortung. Jonas ’ verantwortungsethischer An-
(s. Kap. IV.A.6). Marcuse zeigte, wie eine dem Fort- satz  – Erweiterung der Ethik zur ›Fernstenliebe‹  –
schritt dienstbare Wissenschaft von Risiken und glo- machte die gesellschaftliche, politische und wissen-
balen Fragen wie der nuklearen Bedrohung ablenkte schaftliche Kritik am Fortschrittsoptimismus u. a.
und dabei ihre Autonomie und das Bewusstsein für für eine pro-aktive Auseinandersetzung mit den Fol-
ihre Verantwortung preisgab. Der Titel avancierte gen von Technik fruchtbar und wurde so nachhaltig
im Umfeld der 68er-Bewegung zu einem genera- wirksam (s. Kap. IV.B.2).
5. Krise des Fortschrittsoptimismus 71

1986 veröffentlichte der deutsche Soziologe Ul- schaften, wobei die Blickrichtung durchweg global
rich Beck (* 1944) eine Studie mit dem Titel Risiko- war. Stichworte waren Risikoverantwortung, Neu-
gesellschaft (Beck 1986). Die von ihrem Erscheinen formulierung der demokratischen Partizipation an
an weithin als grundlegend angesehene Analyse technischen Prozessen (s. Kap. IV.C.5), Ressourcen-
zeigt, auf welche Weise die nachindustrielle Gesell- und Klimabewusstsein, Kritik einseitiger Wachs-
schaft Risiken wie die der Atomwirtschaft inhären- tumsökonomien, Verantwortung für die Verbesse-
ten erfolgreich und profitabel für wenige rationali- rung der Lage in der Dritten Welt, Bewusstsein für
siert. Darin erkannte Beck eine neue Stufe der In- das Bevölkerungswachstum sowie Umweltschutz.
dustriemoderne: »In der fortgeschrittenen Moderne
geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum
systematisch einher mit der gesellschaftlichen Pro-
duktion von Risiken. Entsprechend werden die Ver- Offene Fragen der Forschung
teilungsprobleme und -konflikte der Mangelgesell-
schaft überlagert durch die Probleme und Konflikte, Eine historische, sozialwissenschaftlich aufgeschlos-
die aus der Produktion, Definition und Verteilung sene Analyse der Krise des Fortschrittsoptimismus
wissenschaftlich-technisch produzierter Risiken seit den 1960er Jahren im Kontext der Epoche ist
entstehen« (Beck 1986, 25; s. Kap. II.2). Die Mo- noch zu leisten. Wichtige Grundlagen legte hier
derne, so Beck, wird reflexiv: »Es geht also nicht Rolf-Peter Sieferle mit seiner energiegeschichtlich
mehr oder nicht mehr ausschließlich um die Nutz- orientierten Epocheneinteilung (Sieferle 1987, 147–
barmachung der Natur, um die Herauslösung des 158). Zu welchen historiographischen Ergebnissen
Menschen aus traditionalen Zwängen, sondern […] die vor allem in den englischsprachigen Wissen-
wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökono- schaftskulturen geführte Debatte um die Global His-
mischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungs- tory führen wird, bleibt abzuwarten. Einer ihrer Pio-
prozeß wird ›reflexiv, sich selbst zum Thema und niere im Bereich der Universalgeschichte ist der
Problem« (ebd., 26). deutsche Historiker Imanuel Geiss (2006). Wün-
schenswert ist vor allem eine neue Hinwendung zu
den Quellen des Themas. Dazu gehören die Litera-
Bezüge zur Technikethik tur in ihrer ganzen Breite einschließlich der Tech-
nikpublizistik und grauen Literatur des vorpoliti-
Der Bezug der Krise des Forschrittsoptimismus zur schen, ›alternativen Raums‹ bis auf die Ebene von
Technikethik lässt sich empirisch an einer Quellen- Ratgebern, Medienquellen aus Rundfunk und Fern-
gattung festmachen, die seit den 1960er Jahren ent- sehen, ingenieur- und technikwissenschaftliche
stand. Dabei handelt es sich um Sammelbände und Lehrbücher, die Berichte und Autobiographien von
Tagungsdokumentationen, die sich im Blick auf das Ingenieuren, Technikern und Naturwissenschaft-
Näherrücken der bevorstehenden Jahrtausend- lern, schließlich Werbung. Als weiterführend könnte
wende mit Aspekten des Fortschrittsproblems be- sich die zunächst transdisziplinäre und auf dieser
fassten. Der Aufbau dieser Sammelschriften hin- Grundlage dann vergleichende Beschäftigung mit
sichtlich der beteiligten Disziplinen und erkenntnis- dem Szenarienbegriff und der Szenarienkonstruk-
leitenden Fragen war bemerkenswert konstant. Das tion erweisen, der nicht nur in der technischen und
verbindende Interesse der Perspektiven aus Kyber- naturwissenschaftlichen Prognostik, sondern auch,
netik, Informatik bzw. Informationstechnologie, wenn auch bislang nicht methodisch reflektiert, in
Biologie, Soziologie, Ingenieurwissenschaften und den Geisteswissenschaften eine Rolle spielt. Ebenso
Psychologie war die ethische Herausforderung sinnvoll ist eine gegenüber der Technikfolgenab-
durch das Problem des Fortschritts heute, das die schätzung (s. Kap. VI.4) offene sozialkonstruktivisti-
Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutsch- sche Historiographie, die nicht in einem Retrospec-
land auf einem Kongress in Münster 1962 in den tive Technology Assessment (RTA) aufgeht.
Blick nahm (Meyer 1969). Die Suche nach Antwor-
ten angesichts der Krise des Fortschrittsoptimismus Literatur
führte in diesem Genre über die ideologiekritische
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere
Perspektive hinaus zu ersten Versuchen einer Syn- Moderne. München 1986.
these der wesentlichen Problembereiche der Zu- – : Das Zeitalter der Nebenfolgen und die Politisierung der
kunftsgestaltung in den westlichen Industriegesell- Moderne. In: Ders./Anthony Giddens/Scott Lash (Hg.):
72 III. Hintergrund

Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt 6. Technikkonflikte


a. M. 1996, 19–112.
Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt
a. M./New York 1975.
Diner, Dan: Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhisto- Kernenergie, Kohlekraftwerke, grüne Gentechnik,
rische Deutung. München 1999. Nanotechnologie und Müllverbrennungsanlagen  –
Galbraith, John Kenneth: Gesellschaft im Überfluß. Mün- diese Technologien haben eines gemeinsam: Sie sind
chen/Zürich 1963 (amerik. New York 1958). umstritten. Sie stellen die Gesellschaft vor Konflikt-
Geiss, Immanuel: Geschichte im Überblick: Daten und Zu- situationen. Meistens geht es dabei um drei Konflikt-
sammenhänge der Weltgeschichte. Reinbek 2006.
Gleitsmann, Rolf-Jürgen: Der Vision atomtechnischer Ver- typen (Beck/Grande 2004):
heißungen gefolgt: Von der Euphorie zu ersten Protes- (1) Wie hoch sind die möglichen Nebenwirkungen
ten – die zivile Nutzung der Kernkraft in Deutschland und Risiken und welche Maßnahmen wären er-
seit den 1950er Jahren. In: Journal of New Frontiers in folgversprechend, um dieses Risiko zu verrin-
Spatial Concepts 3 (2011), 17–26. gern? (epistemischer Konflikt)
– /Kunze, Rolf-Ulrich/Oetzel, Günther: Technikgeschichte.
Konstanz 2009. (2) Welche Verteilungswirkungen gehen von diesen
Goertz, Hans-Jürgen: Umgang mit Geschichte. Eine Einfüh- Technologien aus? Wer hat den Nutzen und wer
rung in die Geschichtstheorie. Reinbek 1995. trägt die Risiken? Sind Dritte betroffen (etwa der
Grunwald, Armin: Technikfolgenabschätzung – eine Einfüh- Nachbar, wenn eine Anlage giftige Gase in die
rung. Berlin 22010. Umgebung ablässt)? Können diejenigen, die den
Jänicke, Martin: Die Analyse des politischen Systems aus
der Krisenperspektive. In: Ders. (Hg.): Politische System- Nutzen haben, diejenigen, die das Risiko tragen,
krisen. Köln 1973, 14–50. angemessen kompensieren? Lässt sich die Tech-
Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik nologie versichern? (distributiver Konflikt)
für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979. (3) Ist das Verhältnis von Nutzen und Risiko ange-
Jungk, Robert: Der Atom-Staat. Vom Fortschritt in die Un- messen? Ist die Technologie akzeptabel? Wie si-
menschlichkeit. Reinbek 1979.
Kerbs, Diethart/Reulecke, Jürgen: Einleitung. In: Dies.
cher ist sicher genug? Wer darf das bestimmen?
(Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen, Wie kann man hier zu einer kollektiv verbindli-
1880–1933. Wuppertal 1998, 10–18. chen Entscheidung kommen? (normativer Kon-
Koselleck, Reinhart: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pa- flikt)
thogenese der bürgerlichen Welt. Freiburg/München 1959.
Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien
In pluralistischen Gesellschaften gibt es auf diese
zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft.
Frankfurt a. M. 1967. Fragen nicht eine, sondern viele Antworten, und alle
Meadows, Donella/Meadows, Dennis L.: Die Grenzen des Antworten beanspruchen, für sich richtig und wahr
Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der zu sein. Oftmals sind sie innerhalb einer Gesell-
Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter schaft allein gar nicht zu lösen. Der Klimawandel
Heck. Stuttgart 1972.
macht ebenso wenig wie der atomare Super-GAU an
Meyer, Rudolf W.: Das Problem des Fortschritts  – heute.
Darmstadt 1969. nationalen Grenzen halt. Technikkonflikte können
Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der daher nicht allein mit technischen Überlegungen ge-
Umwelt. München 2000. löst werden, sondern erfordern zum einen interdis-
Ropohl, Günter: Eine Systemtheorie der Technik. Zur ziplinäre und normativ überzeugende Lösungen
Grundlegung der Allgemeinen Technologie. München/ und zum anderen länderübergreifende Ansätze.
Wien 1979.
Rüsen, Jörn: Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik Um diese Herausforderungen in ihrer Komplexi-
I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Göttingen tät und Vielschichtigkeit zu bewältigen, braucht es
1983. einen umfassenden Ansatz der Technikfolgenab-
Schäfers, Bernhard: Krise. In: Ders. (Hg.): Grundbegriffe schätzung (TA; s. Kap. VI.4). Dieser muss einen Spa-
der Soziologie. Opladen 62000, 194–196. gat leisten: Einerseits müssen alle notwendigen Wis-
Sieferle, Rolf-Peter: Industrielle Revolution und die Um-
wälzung des Energiesystems. In: Theo Pirker/Hans Peter sensgrundlagen und gesellschaftlichen Erforder-
Müller/Rainer Winkelmann (Hg.): Technik und Industri- nisse einbezogen werden, andererseits muss ein
elle Revolution. Vom Ende eines sozialwissenschaftlichen solcher Ansatz gleichzeitig praktikabel, politisch
Paradigmas. Opladen 1987, 147–158. umsetzbar und sozial akzeptabel sein. Partizipative
Ulrich, Volker: Krise. In: Manfred Asendorf/Achatz von Technikfolgenabschätzung (s. Kap. VI.5) ist ein An-
Müller/Volker Ulrich: Geschichte. Lexikon der geschicht-
lichen Grundbegriffe. Reinbek 1994, 398–400. satz, mit Technikkonflikten konstruktiv umzugehen.
Vorab ist eine begriffliche Klärung über Konflikt
Rolf-Ulrich Kunze
und Konflikttypen erforderlich.
6. Technikkonflikte 73

Soziale Konflikte monopol des Staates verliert Konfliktaustragung den


Charakter einer willkürlichen, zufälligen oder auch
Soziale Konflikte sind Gegensatzbeziehungen von lebensbedrohlichen Form der Auseinandersetzung.
Erwartungen im Rahmen eines sozialen Kontextes, Die Akzeptanz von kollektiv verbindlichen Rege-
an dem mindestens zwei Akteure (Personen, Par- lungen wie auch die ausgehandelten Kompromiss-
teien, Organisationen, Quasi-Gruppen) beteiligt formeln der Verteilungskämpfe sind in der jüngsten
sind und in dem das Verhalten der Akteure durch Zeit zunehmend unter Legitimationsdruck geraten
die Gegensatzbeziehung direkt oder indirekt beein- (Fuchs 2002; Gabriel/Völkl 2004). Das gilt in beson-
flusst wird (Dahrendorf 1961, 125). Zum Konflikt derer Weise für sogenannte externe Technik, d. h.
gehören drei Elemente: der Gegenstand des Konflik- technische Anlagen, Prozesse oder Produkte, die
tes (etwa Leistungsfähigkeit von Solarkollektoren), man nicht selber exklusiv nutzt (wie etwa eine Brot-
widersprüchliche Erwartungen, die mit diesem Ge- schneidemaschine), sondern die zu allgemeinen
genstand verbunden werden (etwa Solarkollektoren Dienstleistungen beitragen, aber Risiken für die in
können viel oder wenig zur Energieversorgung bei- der Umgebung lebenden Menschen bergen (Renn/
tragen) und Handlungsdruck, auf die widerspre- Zwick 1999, 42). Beispiele dafür sind Kraftwerke,
chenden Erwartungen in irgendeiner Form zu re- Staudämme, Chemieanlagen, Flughäfen oder auch
agieren (etwa Solarkollektoren genauer zu untersu- Bahnprojekte wie Stuttgart 21. Dabei lässt sich eine
chen, sie gleich mit anderen Energietechnologien zu zunehmende Akzeptanzverweigerung der betroffe-
ersetzen oder auf Energieautoritäten zu vertrauen). nen Bürger gegenüber den kollektiv festgelegten
Konflikte sind daran gebunden, dass die Interessen Beschlussverfahren (etwa Genehmigungsverfahren
einer Partei mit der anderer Parteien im Wider- oder Planfeststellungsverfahren) beobachten. Allein
spruch stehen und sich eine Partei benachteiligt die Tatsache, dass ein Beschluss demokratisch zu-
fühlt, wenn es der jeweils anderen Partei gelingt, das stande gekommen ist, reicht nicht mehr aus, um Ak-
eigene Interesse durchzusetzen (Giesen 1993, 92). zeptanz bei den Betroffenen auszulösen. Die Bürger
Man kann zwischen personalen und institutionel- verlangen darüber hinaus eine Nachvollziehbarkeit
len Konflikten unterscheiden. Personale Konflikte der zum Beschluss führenden Argumente und Ziel-
finden zwischen Individuen statt, institutionelle zwi- konflikte. Vor allem sind sie nicht mehr gewillt, Las-
schen Organisationen oder zwischen Gruppen von ten in ihrer Lebenswelt hinzunehmen, und zwar ge-
Personen. Technikkonflikte mit gesellschaftlicher rade dann, wenn Nutznießer und Risikoträger ausei-
Brisanz gehören in der Regel zu den institutionellen nanderfallen (Beispiel Müllverbrennungsanlage).
Konflikten. Um mit diesen Konflikten umzugehen, ist die Politik
Institutionelle Konflikte entzünden sich meist an auf neue Prozesse der Rückkopplung von Werten
Verteilungsproblemen knapper Ressourcen oder an und Interessen aus Sicht der betroffenen Bürgerin-
kollektiv verbindlichen Regelungen, die das Verhal- nen und Bürger an die Politik angewiesen. Die her-
ten von Menschen steuern (Pfeffer/Salancik 1978, kömmliche Form der Rückkopplung durch Mei-
92 ff.). Die besondere Errungenschaft demokrati- nungsbefragung oder persönliche Kontakte erweist
scher Gesellschaftssysteme liegt darin, dass im Falle sich in der politischen Praxis als ungenügend, oft so-
der Verteilungsprobleme Verfahren der Kompro- gar als irreführend. Vielmehr ist es angesichts der
missfindung nach einem als fair empfundenen oder Legitimationsdefizite notwendig und sinnvoll, die
ausgehandelten Schlüssel institutionell verankert legalen Formen der Konfliktaustragung durch deli-
sind. Im Falle der kollektiv verbindlichen Festlegun- berative Elemente zu ergänzen (Corrigan/Joyce
gen dürfen bestimmte Rechte von Individuen und 1997).
sozialen Minderheiten nicht angetastet werden, dar-
über hinaus aber entscheidet nach einer Debatte der
verschiedenen Handlungsoptionen ein dazu legiti- Beispiele für Technikkonflikte
miertes Gremium nach Maßgabe eines Abstim-
mungsschlüssels (etwa Mehrheitsprinzip). In beiden Wie in der Einleitung schon angesprochen, sind
Fällen geschieht Konfliktaustragung nach vorher Technikkonflikte meist auf drei Ebenen bezogen: das
festgelegten Spielregeln und im Rahmen von sub- Wissen über die Folgen des Einsatzes der Technolo-
stantiellen Gesetzen. Dadurch werden Orientie- gie, die zu erwartenden Konsequenzen für die Ver-
rungssicherheit, Regelhaftigkeit und Gleichheit vor teilung von Nutzen und Risiko sowie die Akzeptabi-
dem Gesetz erzielt. In Verbindung mit dem Gewalt- lität der Technik. Akzeptabilität untergliedert sich
74 III. Hintergrund

weiter in Akzeptanz, d. h. die empirisch vorfindbare • Wertdifferenzen (evaluative Konflikte)


Einstellung der Akteure zu der entsprechenden • Moralische Bewertungen (normative Konflikte)
Technologie und die unter normativen ethischen
Kriterien zu beurteilende Vertretbarkeit einer Tech- Bei Konflikten über Technologien, die gesellschaft-
nologie. lich umstritten sind, treten vor allem die epistemi-
Das kann am Beispiel der nuklearen Endlagerung schen, distributiven und normativen Konflikte her-
(s. Kap. V.4) aufgezeigt werden (Streffer et al. 2010). vor. Allerdings kommen auch die anderen Konflikt-
Zum Ersten gibt es einen Streit um die langfristigen typen immer wieder vor. Auf das Beispiel nukleare
Folgen der Endlagerung nuklearer Abfälle. Wie hoch Endlagerung bezogen, können Interpretationskon-
sind die Risiken und wie hoch ist die Wahrschein- flikte auftauchen (Was bedeutet es, wenn Salzforma-
lichkeit, dass radioaktive Partikel in den Wasser- tionen in den letzten 2–3 Millionen Jahren stabil
kreislauf geraten? Zudem gibt es einen Expertendis- geblieben sind für ihre zukünftiges Verhalten?), in-
sens um die beste Form der Konditionierung dieser tentionale Konflikte entstehen (Was hat die Nuklear-
Abfälle sowie zur Wahl eines Wirtsgesteins für die industrie alles versprochen und dann nicht gehal-
Tiefenlagerung. Zum Zweiten wird den Anwohnern ten?), affektive Konflikte entbrennen (Wie kann
von nuklearen Endlagerstätten das Risiko eines un- man nur eine Energiequelle nutzen, ohne die Frage
gewollten Austritts radioaktiver Strahlung zugemu- der Abfalllagerung gelöst zu haben?) oder evaluative
tet, während der Nutzen der Energieerzeugung der Konflikte aufbrechen (Wie kann man mir in meiner
ganzen Gesellschaft zugutegekommen ist. Darüber Heimat ein Endlager vor die Nase stellen?). Evalua-
hinaus werden kommende Generationen mit dem tive Konflikte sind häufig zu beobachten, wenn
Risiko belastet sein, obwohl sie nicht mehr am Nut- Menschen die Technologie zwar grundsätzlich beja-
zen der Stromerzeugung durch Kernkraftwerke par- hen, aber nicht in ihrer Umgebung dulden wollen
tizipieren werden. Sie tragen also die Altlast ihrer (Sankt-Florian-Prinzip oder englisch NIMBY: »not
Vorfahren. Schließlich ist die Frage der Akzeptanz in my backyard«).
und Akzeptabilität zu stellen: zum einen zeigt sich
bei nahezu allen geplanten Endlagerstätten großer
lokaler Widerstand, der bis heute in den meisten Neue Elemente der Konfliktaustragung
Ländern zu einer Blockade der geplanten Anlagen
geführt hat. Zum anderen gibt es eine intensive De- Wie kann man mit Technikkonflikten umgehen?
batte um die ethische Vertretbarkeit nuklearer End- Was kann die Gesellschaft oder die Politik leisten,
lager. Was dürfen wir den kommenden Generatio- um Technikkonflikte zu entschärfen oder sogar zu
nen als Altlast zumuten? Wie weit reicht die Verant- lösen? Zum einen ist es hilfreich, Konflikte, die auf
wortung für unser Tun? Dies sind Fragen, auf die es Ja/Nein-Alternativen beschränkt erscheinen, durch
keine eindeutigen Antworten gibt und um die in der neue Optionen zwischen den beiden Extremen auf-
Gesellschaft gerungen wird. zufächern (Susskind et al. 2000; Bonacker 2002, 24).
Konflikte, die nur Gewinner und Verlierer kennen,
sind wesentlich schwieriger zu behandeln, als solche,
Struktur von Technikkonflikten bei denen es eine Reihe von Zwischenlösungen gibt.
Albert Hirschmann (1994) hat diese beiden Kon-
Man kann Konflikte in unterschiedliche Typen ein- flikttypen als teilbare und unteilbare Konflikte be-
ordnen. In der Literatur wird in der Regel zwischen zeichnet. Eine wichtige Strategie der Politik muss es
folgenden Konflikttypen unterschieden (Bonacker sein, so weit wie möglich unteilbar erscheinende
2002): Konflikte durch die Schaffung neuer Varianten in
• Wissenskonflikte bzw. epistemische Konflikte teilbare zu transformieren. Sobald auch die potenti-
(Begründungen und Erwartungen) ellen Verlierer den Eindruck gewinnen, sich zumin-
• Interpretationskonflikte bzw. reflektive Konflikte dest in Teilen durchgesetzt zu haben, ist die Akzep-
(Was bedeutet das?) tanz der politischen Entscheidung wesentlich wahr-
• Handlungserwartungskonflikte bzw. intentionale scheinlicher (Ury et al. 1991).
Konflikte (Versprechungen, Absichten) Zum anderen geht es darum, die Konfliktparteien
• Emotionale Assoziationen und Beurteilungen mehr als früher in die Entscheidungsfindung ein-
(affektive Konflikte) zubeziehen (US National Research Council 2008,
• Interessengegensätze (distributive Konflikte) 43 ff.). Beteiligungsverfahren sollen dabei nicht in
6. Technikkonflikte 75

Konkurrenz zu demokratisch verfassten Entschei- Transparenz


dungsorganen treten, sondern vielmehr den Ent-
scheidungsprozess durch neue Formen von Partizi- Schließlich ist die Akzeptanz von politischen Ent-
pation und Mediation bereichern (Renn 2003; s. scheidungen von der Transparenz der Entschei-
Kap. VI.5). Gerade die Professionalisierung der Poli- dungsfindung selbst abhängig. Sozialwissenschaftli-
tik hat den für Akzeptanz notwendigen Nachvollzug che Studien zeigen deutlich, dass Menschen auch
von Konfliktlösungen immer schwieriger gemacht. unpopuläre Entscheidungen mittragen, wenn sie da-
Gleichzeitig ist das Misstrauen gegen die politischen von überzeugt sind, dass ihre Argumente fair behan-
Generalisten in einzelnen Lebensbereichen (etwa delt wurden und der Prozess der Entscheidungsfin-
Umwelt oder Bildung) gestiegen. So agieren Bürger- dung nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt ist
initiativen gegen die ihrer Meinung nach unnötigen (Kuklinski/Oppermann 2010). Dazu ist es notwen-
und schädlichen Veränderungen ihrer Lebenswelt dig, bei größeren Konflikten nicht nur die Ergeb-
oder stellen die Rationalität und Fairness von Ent- nisse der politischen Beratungen zu vermitteln, son-
scheidungen (vor allem bei der Planung von Infra- dern auch die Argumente, Gegenargumente und
struktureinrichtungen) infrage. Dieser Legitimati- Abwägungsurteile mitzukommunizieren. In einer
onsentzug ist nicht mit dem Hinweis auf die Sankt- Medienlandschaft, in denen politische Nachrichten
Florian-Mentalität abzutun (Troja 2001). Dahinter auf Häppchen (sound-bite-Größe) reduziert werden,
steht die berechtigte Sorge, dass bei der Abwägung ist diese Aufgabe kaum zu bewältigen. Hier müssen
von politischen Handlungsalternativen unmittelbare neue Kommunikationsformen gesucht und erprobt
kommunale oder regionale Belange in den Hinter- werden (Stirling 2008). Zum Beispiel kann das Inter-
grund gedrängt werden (Gabriel/Brettschneider net als politisches Forum des Austauschs von Argu-
1998). Aus diesem Grund ist es sinnvoll und zweck- menten genutzt, Stätten der direkten Begegnung
mäßig, die Vertreter der Konfliktparteien in den zwischen Politikern und Bürgern weiter ausgebaut,
Prozess der Entscheidungsvorbereitung einzubezie- Besuche in politischen Einrichtungen forciert und
hen. Hier können sie ihre Bedenken und Anliegen ein reger Personaltausch zwischen Wirtschaft, Wis-
frühzeitig äußern und die jeweiligen Gegenargu- senschaft und Politik gepflegt werden. Demokrati-
mente kennenlernen und ausdiskutieren. Die bisher sche Konfliktaustragung kann auf Dauer nicht ge-
üblichen Anhörungen erfolgen zu spät im Entschei- lingen, wenn die Distanz zwischen Entscheidungs-
dungsprozess, um noch wirkliche Impulse im Sinn trägern und Entscheidungsbetroffenen wächst.
neuer Optionen oder Variationen einzubringen. Dagegen können eine Beteiligung der Bürger an po-
Aufgrund ihrer starren Struktur (hier Podium, dort litischen Aufgaben, ein vermehrtes Engagement der
die Einwender) sind sie oft durch rituelle Konflikt- Bürger bei Gemeinwohlaufgaben und ein öffentlich
austragungsformen gekennzeichnet, bei denen ein wirksamer Erfahrungsaustausch zwischen Politik
sozialer Lernprozess für beide Seiten nicht stattfin- und anderen Lebensbereichen helfen, ein Stück weit
den kann (Hadden 1989, 124). Wesentlich effektiver Distanz abzubauen.
sind dagegen Verfahren der Bürgerforen, Bürger-
kommissionen, Konsensuskonferenzen oder ande- Literatur
rer Beteiligungsformen, bei denen die Konfliktpar-
Beck, Ulrich/Grande, Edgar: Das kosmopolitische Europa.
teien nicht gegeneinander, sondern miteinander an Gesellschaft und Politik in der zweiten Moderne. Frank-
einer gemeinsamen Lösung arbeiten (s. Kap. VI.5). furt a. M. 2004.
Dabei geht es nicht nur um die Wahl einer akzepta- Bonacker, Thomas: Sozialwissenschaftliche Konflikttheo-
blen Politikoption, sondern auch und gerade um das rien – Eine Einführung. Opladen 2002.
Einüben von Argumentations- und Aushandlungs- Corrigan, Karen P./Joyce, Patrick W.: Five arguments for
deliberative democracy. In: Political Studies 48/5 (1997),
prozessen, die einen wesentlichen Bestandteil sozia- 947–969.
len Lernens ausmachen (Papadopoulos/Philippe Dahrendorf, Rolf: Gesellschaft und Freiheit. München 1961.
2007). Solche Prozesse des sozialen Lernens und der Fuchs, Dieter: Politikverdrossenheit. In: Martin Greiffen-
frühzeitigen Einbindung von Bürgern in die Erar- hagen/Sylvia Greiffenhagen (Hg.): Handwörterbuch der
beitung von Entscheidungsgrundlagen werden politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland.
Wiesbaden ²2002, 338–343.
heute an vielen Orten Deutschlands und des Aus- Gabriel, Oscar/Brettschneider, Frank: Politische Partizipa-
lands entwickelt und erprobt. tion. In: Otfried Jarren/Ulrich Sarcinelli/Ulrich Saxer
(Hg.): Politische Kommunikation in der demokratischen
Gesellschaft. Opladen 1998, 285–291.
76 III. Hintergrund

Gabriel, Oscar/Völkl, Kerstin: Politische und soziale Parti- 7. Ethische Ingenieur-


zipation. In: Oscar Gabriel/Everhard Holtmann (Hg.):
Handbuch Politisches System der Bundesrepublik verantwortung
Deutschland. München/Wien 2004, 523–573.
Giesen, Bernhard: Die Konflikttheorie. In: Günter Endru-
weit (Hg.): Moderne Theorien der Soziologie. Stuttgart Es gibt weder den Ingenieur(beruf) noch die ethi-
1993, 87–134. sche Konzeption; infolgedessen gibt es nicht die In-
Hadden, Susan: A Citizen ’ s Right to Know: Risk Communi- genieurethik bzw. nicht die Konzeption ethischer In-
cation and Public Policy. Boulder 1989. genieurverantwortung. Ethische Verantwortung des
Hirschmann, Albert O.: Social conflicts as pillars of demo-
cratic market society. In: Political Theory 22/2 (Mai Ingenieurs ist im Kern ausgerichtet auf dessen Pro-
1994), 203–218. fession (vgl. Harris/Pritchard/Rabins 2009; Unger
Kuklinski, Oliver/Oppermann, Bettina: Partizipation und 1982; Firmage 1980). Sie markiert den Fokus ethi-
räumliche Planung. In: Dietmar Scholich/Peter Müller scher Reflexion auf die spezifische Berufsgruppe
(Hg.): Planungen für den Raum zwischen Integration und und stellt damit nur eine notwendige aber nicht hin-
Fragmentierung. Frankfurt a. M. 2010, 165–171.
Papadopoulos, Yannis/Warin, Philippe: Are innovative, reichende Perspektive auf die ethischen Problem-
participatory and deliberative procedures in policy ma- stellungen, die mit der Technik – insbesondere mit
king democratic and effective? In: European Journal of technischen Innovationen und ihrer Diffusion – im
Political Research 46/4 (2007), 445–472. Zusammenhang stehen. Eine Konzeption ethischer
Pfeffer, Jeffrey/Salancik, Gerald R.: The External Control of Ingenieurverantwortung ist nur ein Bestandteil in
Organizations. A Resource Dependency Perspective. New
York 1978. dem allgemeinen Bestreben eine norm- und wert-
Renn, Ortwin: Die Zunahme von partizipativen Verfahren orientierte Reflexion über Technik bzw. einer ver-
als Ausdruck eines veränderten Staats- und Gesell- nünftigen Techniksteuerung im weitesten Sinne zu
schaftsverhältnisses. In: Johann-Dietrich Wörner (Hg.): ermöglichen.
Das Beispiel Frankfurter Flughafen. Mediation und Dia-
log als institutionelle Chance. Dettelbach 2003, 226–240.
– /Zwick, Michael: Risiko- und Technikakzeptanz. Heidel-
berg/Berlin 1999. Ingenieur(beruf)
Stirling, Andrew: »Opening up« and »closing down«: po-
wer, articipation, and pluralism in the social appraisal of Auch wenn die Berufsbezeichnung ›Ingenieur‹ im
technology. In: Science, Technology and Human Values deutschsprachigen Raum erst zu Beginn des 17. Jahr-
33/2 (2008), 262–294.
Streffer, Christian/Gethmann, Carl-Friederich/Kamp, Ge-
hunderts aufkam, so hat es schon immer Ingenieu-
org/Kröger, Wolfgang/Rehbinder, Ekahardt/Renn, Ort- rinnen und Ingenieure gegeben – ob in der Antike,
win/Röhling, Karl-Josef: Radioactive Waste. Technical in der Renaissance oder in der ersten Phase der In-
and Normative Aspects of its Disposal. Berlin/Heidelberg dustrialisierung. Archimedes (ca. 287–212 v. Chr.)
2011. als Konstrukteur zahlreicher Kriegsmaschinen oder
Susskind, Lawrance/Levy, Paul F./Thomas-Larmer, Jenni-
Leonardo da Vinci (1452–1519) als Festungs- und
fer: Negotiating Environmental Agreements. Washington,
D.C. 2000. Wasserbauingenieur stehen stellvertretend für viele
Troja, Markus: Umweltkonfliktmanagement und Demokra- (Scholl 1978, 15 ff.). Ihre Tätigkeiten beschränken
tie. Zur Legitimation kooperativer Konfliktregelungsver- sich anfänglich auf diejenigen Bereiche, in denen
fahren in der Umweltpolitik. Köln 2001. sich technisches Wissen besonders akkumuliert:
Ury, William L./Brett, Jeanne M./Goldberg, Stephen B.:
Bau-, Militär- und Agrartechnik. Bis zum 18. Jahr-
Konfliktmanagement. Wirksame Strategien für den sach-
gerechten Interessenausgleich. Frankfurt a. M./New York hundert handelte es sich jedoch vorwiegend um ein-
1991. zelne Personen und nicht um eine – und erst recht
US-National Research Council of the National Academies: nicht organisierte – Berufsgruppe. Erste berufsstän-
Public Participation in Environmental Assessment and dische Umrisse werden in Frankreich mit der Auf-
Decision Making. Washington, D.C. 2008. stellung eines Ingenieur-Korps für Straßen- und
Ortwin Renn
Brückenbau im Jahr 1716 und der Gründung einer
Schule für Zivilingenieure 1747 erkennbar. Gegen
Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Eng-
land und Holland der Stand der Ingenieure aus den
Berufen des Bergmanns und des Wasserbautechni-
kers (Scholl 1978, 15 ff.). Der entscheidende Durch-
bruch kam mit der Industriellen Revolution in der
die zunehmende Steigerung technischen Wissens
7. Ethische Ingenieurverantwortung 77

und die wachsende (volks-)wirtschaftliche Relevanz Nach einer im September 2012 von der Bundesin-
der Technik zur Entstehung eines neuen Berufsstan- genieurkammer veröffentlichten Statistik – auf Basis
des führten. Mit dem Aufkommen massenorientier- von Daten des Statistischen Bundesamtes  – gab es
ter maschineller Fertigung im Verlauf des 19. Jahr- im Jahr 2011 1.042.000 erwerbstätige Ingenieur/in-
hunderts stieg der Bedarf an Ingenieur/innen an, die nen in Deutschland. Auffällig ist die starke Un-
in entstehenden polytechnischen Schulen eine nahe gleichverteilung bei den Geschlechtern; die über-
an den Naturwissenschaften orientierte Ausbildung wiegende Mehrheit sind Männer (87 %). Außerdem
durchliefen. Die deutliche Verbreitung des Berufs- befindet sich die große Mehrzahl der Ingenieurin-
stands verlief parallel mit dem Wachsen von Groß- nen und Ingenieure in einem Angestelltenverhältnis
betrieben und deren Bürokratisierung. Allerdings (80 %). Mittlerweile gibt es eine kaum überschau-
waren die gesellschaftliche Anerkennung und der bare Vielfalt an Ingenieurberufen, was sich sowohl
Einfluss gegenüber anderen etablierten Berufsgrup- in den unterschiedlichen Fachrichtungen (Bergbau,
pen wie etwa den Juristen und Medizinern noch ge- Maschinenbau, Elektrotechnik, Bau- und Vermes-
ring (Laatz 1979, 87 ff.). Der Bedarf an Ingenieur/in- sungswesen, Verfahrenstechnik, Energietechnik, Ver-
nen mit wissenschaftlich-orientierter Ausbildung kehrstechnik, Umwelttechnik etc.), als auch in den
wuchs schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg mit verschiedenen Tätigkeitsfeldern (Forschung und
zunehmender Technisierung kontinuierlich an, was Entwicklung, Planung und Projektierung, Konstruk-
dazu führte, dass die Ausbildungswege stärker diffe- tion, Fertigung, Qualitätssicherung, Instandhaltung,
renziert und reglementiert wurden (ausführlich zur Vertrieb, Kundendienst, Verwaltung, Management
Geschichte des Ingenieurberufs vgl. auch z. B. Kai- etc.) widerspiegelt.
ser/König 2006; Lundgreen/Grelon 1994).
Es sind in erster Linie Ingenieur/innen, die sich in
Ausübung ihres Berufs mit der Erforschung von Systemfaktor ›Mensch‹
Technik beschäftigen, weshalb sie in ihrer Funktion
einen besonderen Einfluss auf die (Möglichkeiten Seit der Erfindung und Entwicklung einfachster
der) Technikentwicklung und -anwendung besitzen. Werkzeuge besteht das Problem der Ambivalenz der
Zu den klassischen Ingenieuraufgaben zählen die Technik (z. B. Ropohl 1991). Dies potenziert sich mit
Konstruktion, der Aufbau, die Überwachung des Be- der zunehmenden Komplexität technischer Arte-
triebs, die Wartung sowie der Umbau bzw. der Rück- fakte über Maschinen bis hin zu komplexen hoch-
bau von einzelnen Maschinen bis hin zu hochtech- technologischen Systemen. Spätestens im 20. Jahr-
nologischen Infrastrukturen. Daneben gewinnen die hundert setzt sich die Einsicht durch, dass wissen-
Projektierung, Implementierung und Integration schaftlich-technischer Fortschritt nicht unmittelbar
komplexer Systeme aus Hard- und Software zuneh- einen humangesellschaftlichen Fortschritt impli-
mend an Bedeutung. Hinzukommen vermehrt pla- ziert. So entfacht sich unmittelbar nach dem Zweiten
nerische Aufgaben sowie Marketing und Vertrieb. Weltkrieg – unter dem Eindruck des Zerstörungspo-
Dabei arbeiten Ingenieur/innen häufig projektbezo- tentials der Kriegstechnik im Allgemeinen und der
gen und in interdisziplinären, oft internationalen Atomwaffen (s. Kap. III.3) im Besonderen  – eine
Teams. Kontroverse über die berufsethische Verantwortung
Wie bei anderen Berufen setzt dies ein bestimm- von (Ingenieur-)Wissenschaftler/innen, welche sich
tes Fachwissen und Können voraus, das durch ein nicht zuletzt auch in der Verabschiedung von frei-
reglementiertes Ausbildungssystem angeeignet wer- willigen Selbstverpflichtungen in Form von Ethik-
den muss. Nach einer Empfehlung der Bundes- kodizes äußert (vgl. hierzu z. B. Lenk/Ropohl 1993,
ingenieurkammer für eine bundeseinheitliche ge- 311 ff.; s. Kap. VI.7).
setzliche Regelung darf dementsprechend die Das »veränderte Wesen menschlichen Handelns«
»Bezeichnung ›Ingenieur‹ allein oder in einer Wort- (Jonas 1984, 13), d. h. die ständige Erweiterung un-
verbindung […] führen, wer das Studium einer tech- serer Handlungsmöglichkeiten, hat zu neuartigen
nischen oder naturwissenschaftlichen Fachrichtung Wirkungen des wissenschaftlich-technischen Fort-
mit einer Regelstudiendauer von mindestens drei schritts geführt. Neuartig sind sie, weil sie mit einer
theoretischen Studienjahren an einer deutschen bisher »unbekannte[n] Gründlichkeit«, »höheren
staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule Effizienz der technischen Mittel«, »Akkumulation«
oder Berufsakademie […] mit Erfolg abgeschlossen und einem »verschärften Tempo« (Höffe 1993,
hat« (Bundesingenieurkammer 2004). 114 f.) die Handlungseffekte in immer schwerer
78 III. Hintergrund

überschaubare Dimensionen steigern und zu einer handelns intendiert; die Verantwortung muss sich
dauerhaften, großräumigen Gefährdung der ele- dementsprechend nicht nur auf dessen Entwicklung,
mentaren Lebensbedingungen führen können. Un- sondern auch auf die des Ge-(oder gar Miss-)
bestritten ist, dass der Mensch bzw. die Menschheit brauchs beziehen. Zweitens ist die Entwicklung ei-
heute »aktiver Systemfaktor von planetarischer Be- nes Produkts in der Regel nicht als isolierte Tätigkeit
deutung« ist (WBGU 1996, 111). Die Zukunft selbst Einzelner zu begreifen, sondern das Ergebnis einer –
ist zum Problem geworden. Wir wissen, dass unsere in einer globalisierten Welt zum Teil sehr komplex
Zukunft zugleich gestaltbarer und gefährdeter ge- organisierten – Zusammenarbeit. Technisches Han-
worden ist. Gestaltbarer, weil wir Menschen durch deln ist insofern meist kooperatives Handeln. Drit-
unsere wissenschaftlich-technische Weltverände- tens ist technisches Handeln zumeist in korporatives
rung mehr denn je »zum Produzenten [unserer] ei- Handeln eingebunden. Die technikethische Frage,
genen Zukunft geworden« sind (Picht 1967, 7), die ob ein Ingenieur die Entwicklung eines Produkts
herkömmliche individuelle und historische Erfah- verantworten kann, transformiert sich so auch in die
rungen übersteigt; gefährdeter, weil eben dieser zu- unternehmensethische Frage, ob die Unterneh-
nehmende Grad an Gestaltbarkeit mit unsicheren mensführung rechtfertigen und die ihr unterstellten
und ungewissen Handlungsfolgen einhergeht (vgl. Ingenieure beauftragen kann, Produkte zu entwi-
z. B. Beck 1986), die euphemistisch als – vermeint- ckeln, um sie auf dem Markt anzubieten (s. Kap.
lich unspektakuläre – ›Nebenfolgen‹ etikettiert wer- IV.C.8). Viertens ist technisches Handeln in der Re-
den. Euphemistisch deshalb, weil die ›Nebenfolgen‹ gel kollektives Handeln, d. h. es steht im Kontext von
nicht als Folge des zufälligen Versagens, sondern als technischen Systemen, und die daraus  – eventuell
die des wissenschaftlich-technischen Erfolgs auftre- räumlich wie zeitlich weit entfernten – kumulativen
ten. Die lange Zeit unterschätzten  – und teilweise Handlungsfolgen resultieren erst aus der Summe der
unbemerkten  – ›Nebenfolgen‹ der neuzeitlich wis- Aktivitäten eines Kollektivs, die der Einzelne nicht
senschaftlich-technischen industriellen Wohl- mehr überblicken kann und die gar in Widerspruch
standsproduktion sind aber gerade kein Problem der zu den Absichten der Akteure geraten können. Diese
außerhalb des Sozialen liegenden Umwelt, sondern knappen Ausführungen markieren deutlich, dass
markieren eine Krise, welche die strukturellen eine allgemeine Technikbewertung weit über eine
Grundlagen moderner Gesellschaften erfasst (s. Konzeption individueller ethischer Ingenieurverant-
Kap. II.5). Diese Gefährdung der Gesellschaft durch wortung hinausgeht.
sich selbst zeigt sich nicht nur bei der Anwendung
sogenannter Hochtechnologien, bei der sich das
technische Problem des sicheren Betreibens in das Spezifische Ingenieurverantwortung
soziale Problem der Akzeptanz und das ethische
Problem der Akzeptabilität von möglichen mensch- Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse moder-
lich erzeugten Katastrophen verwandelt, sondern ner Lebenswirklichkeiten arbeitete der vom Berufs-
ebenso bei den unspektakulären Folgen alltäglicher politischen Beirat des Vereins Deutscher 1997 be-
massenhafter (Konsum-)Handlungen. Gerade durch auftragte Ausschuss ›Ethische Ingenieurverantwor-
die Phänomene der Massenproduktion und des da- tung‹ deshalb deren Spezifika heraus. In dem
mit korrelierenden Massenkonsums entstehen viele Abschlussbericht (VDI Report 31; vgl. Hubig/Reidel
der globalen (Umwelt-)Probleme durch die Aggre- 2003) – auf dessen Basis der Verein Deutscher Inge-
gation massenhafter, unkoordinierter Handlungen – nieure (VDI) Anfang 2002 die »Ethischen Grund-
so reduziert(e) beispielsweise der alltägliche Ge- sätze des Ingenieurberufs« verabschiedet hat – wer-
brauch der Haarspraydose und der Gebrauch des den zunächst unterschieden zwischen interner Ver-
Kühlschranks durch Freisetzung von Fluorchlor- antwortung als Aufgaben- und Rollenverantwortung
kohlenwasserstoffe (FCKW) die stratosphärische für die Einhaltung und Aufrechterhaltung der Be-
Ozonschicht. rufsstandards und externer Verantwortung, deren
Hieraus wird deutlich, dass technisches Handeln Normen formell oder informell durch politische, ju-
weit über die individuelle ethische Ingenieurverant- ristische und soziale Instanzen gesetzt werden (zu
wortung hinausreicht (Ropohl 1996, Kap. 4): Erstens Verantwortung s. Kap. II.6). Die Übernahme der ex-
ist technisches Handeln intermediäres Handeln, d. h. ternen Verantwortung zeigt sich insbesondere darin,
mit der Herstellung eines Produkts ist selbstver- dass Ingenieur/innen aufgrund ihrer Sachkenntnis
ständlich zugleich ein bestimmtes Verwendungs- erstens den Gesetzgeber bei der Früherkennung von
7. Ethische Ingenieurverantwortung 79

Problemlagen unterstützen, zweitens im Rahmen in dem Maße, in dem die Konsequenzen unseres
von Technikfolgenabschätzungen alternative Hand- Handelns nicht allein uns, sondern auch die zukünf-
lungsoptionen aufzeigen (s. Kap. VI.4), drittens die tigen Generationen (be-)treffen, die Erweiterung
Anwendbarkeit sowie schließlich viertens den Inhalt des Verantwortungsbegriffs über das Einstehen für
staatlicher Regelungen kritisch hinterfragen und auf unmittelbar handlungsbezogene Folgen hinaus un-
eventuell bestehende bzw. absehbare Regelungslü- erlässlich ist. Daher ist gerade wegen der potentiell
cken hinweisen. hohen Wirkungsmacht heutiger Handlungen ange-
Darüber hinaus werden vier Verantwortungsty- messene Vorsorge geboten (gemäß dem Vorsorge-
pen differenziert, die sich jeweils auf verschiedene prinzip).
Verantwortungsebenen beziehen: (1) Die technische Dies impliziert unter der sich durchsetzenden
(produktimmanente) Verantwortung betrifft die Einsicht in die notwendige (welt-)gesellschaftliche
Produktqualität und somit die Berücksichtigung al- Transformation im Sinne der Leitvorstellung einer
ler relevanten Belange nach dem ›Stand der Tech- nachhaltigen Entwicklung (s. Kap. IV.B.10), dass
nik‹. (2) Die instrumentelle Verantwortung richtet technische Innovationen auf ihren Beitrag zum Ge-
sich auf die Verantwortung für den Umgang mit ei- lingen dieser Transformation hin zu überprüfen
nem Produkt, wozu neben der Festlegung von ›Nut- sind. Dieses ›Überprüfen‹, im Sinne einer umfassen-
zerpflichten‹ für den bestimmungsgemäßen Ge- den Technikbewertung (vgl. VDI-Richtlinie 3780, s.
brauch auch die Aufklärung über Risiken beim Be- hierzu Kap. VI.6), ist in einer wissenschaftlich-tech-
trieb und der Entsorgung gehören. Dies umschließt nischen Kultur pluralistischer Gesellschaften nur
die sorgfältige Berücksichtigung des intendierten angemessen durch partizipativ-diskursive Verfahren
Verwendungskontextes im Sinne der Vorsorge, um kollektiver Willensbildung zu bewerkstelligen. Hier-
so einen ›naheliegenden Fehlgebrauch‹ zu vermei- aus erwächst die Forderung an Ingenieur/innen, sich
den. (3) Die strategische Verantwortung betrifft die diskursfähig zu machen und entsprechende Kom-
Mitwirkung bei der Festlegung von Leistungsmerk- munikationskompetenzen zu erwerben, um ein all-
malen technischer Produkte, das Hinweisen auf gemeines Problembewusstsein zu schaffen und die
Fehlentwicklungen, das Aufzeigen von Alternativen, breite Öffentlichkeit über die verfügbare Bandbreite
um Amortisationslasten und ›Sachzwänge‹ zu mini- von Handlungsmöglichkeiten zu unterrichten sowie
mieren sowie das Mitbedenken der Möglichkeit ei- bei politischen Entscheidungen ihre Expertise bera-
nes vorsätzlichen Fehlgebrauchs. Jenseits dieser für tend einzubringen und beim Zustandekommen von
Ingenieur/innen einschlägigen Verantwortungsty- einschlägigen staatlichen Regulierungen mitzuwir-
pen unterliegt technisches Handeln  – wie jegliches ken.
Handeln – den Bewertungsmaßstäben (4) universal-
moralischer Verantwortung, welche gerade nicht auf
die spezifische Aufgaben- und Rollenverantwortung Institutionalisierung ethischer
eingeschränkt ist, sondern alle die mit Technik um- Ingenieurverantwortung und whistle-
gehen, betrifft. blowing
In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung
bei der Verantwortungszuschreibung zwischen re- Die Wahrnehmung dieser spezifischen Ingenieur-
trospektiver und prospektiver Verantwortung von verantwortung ist jedoch nur zumutbar, wenn auch
Bedeutung (s. Kap. II.6). Im retrospektiven Sinne die Bedingungen dafür geschaffen werden. Genau
trägt ein Akteur Verantwortung für seine Hand- dies, nämlich die Ermöglichung von individueller
lungsergebnisse und für die mittelbaren Folgen sei- Verantwortungsübernahme  – selbstverständlich
ner Handlungen. Danach wird ein Akteur erst mit ohne garantieren zu können, dass diese auch tat-
der retrospektiven Zurechnung einer Handlung sächlich wahrgenommen wird –, ist Ziel ihrer Insti-
durch eine Instanz zur Rechenschaft gezogen (ge- tutionalisierung, die im Wesentlichen drei Funktio-
mäß dem Verursacherprinzip). In dieser (rechtli- nen erfüllt: Sie dient erstens einer generellen Orien-
chen) Rechenschaftspflicht erschöpft sich Verant- tierung und zeigt auf, an welchen Normen, Werten
wortung aber nicht. Im prospektiven Sinne trägt ein und Kriterien sich Ingenieurhandeln ausrichten soll.
Akteur Verantwortung für Personen, Gegenstände Zweitens erfüllt sie eine präventive Schutzfunktion
oder Zustände. Im Vordergrund steht nicht die Ver- durch einerseits Vorbeugung von Entstehung und
antwortung für (negative) Folgen, sondern für (posi- Eskalation ethischer Konflikte und andererseits der
tive) Zustände. Sie geht aus der Einsicht hervor, dass Vermeidung individueller Nachteile moralisch auf-
80 III. Hintergrund

rechten Handelns. Schließlich geht es bei der Gestal- Zum anderen ist insbesondere im Kontext ethi-
tungsfunktion um die konkrete Umsetzung und so- scher Ingenieurverantwortung in Zusammenhang
mit auch um die Realisierung sowohl der Orientie- mit Technik-Katastrophen (z. B. Lenk 2011) damit
rungs- als auch der Schutzfunktion (VDI Report 31, diejenige Form des whistle-blowing gemeint, welche
64 ff.). Die Formen der Institutionalisierung, also von der Initiative des Arbeitnehmers ausgeht und in
die organisatorischen Gestaltungsmaßnahmen, sind der Regel das Fehlverhalten des Arbeitgebers be-
sehr vielfältig und reichen von Ethikkodizes (nicht trifft. Hier besteht eine Spannung zwischen der In-
nur auf Berufs-, sondern auch auf Unternehmens- formationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und
und Branchenebene) über die Schaffung einer der Loyalitätspflicht bzw. der Treuepflicht des Ar-
Ethik-Ombudsperson (in einem Unternehmen oder beitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber. Reagiert
einem Verband) bis hin zur Etablierung von Ethik- der unmittelbare Vorgesetzte nicht so, wie es ein
kommissionen (ausführlich hierzu z. B. Maring whistle-blower erwarten darf oder wünscht, kann es
2001, 353 ff.; vgl. Hubig/Reidel 2003, 221 ff.; s. Kap. sein, dass dieser es für notwendig erachtet, Hierar-
VI.8). chieebenen zu überspringen. Dieses interne whistle-
Ob und wenn ja wie Organisationen solche Ge- blowing bezieht sich auf illegale oder illegitime
staltungsmaßnahmen treffen, lässt sich am Beispiel Handlungen innerhalb der Organisation, die aber
des sogenannten whistle-blowing veranschaulichen. außerhalb der normalen Autoritätswege bekannt ge-
Der Begriff whistle-blower stammt aus den USA und macht werden. In extremen Fällen kann es sein, dass
beschreibt im engeren Wortsinne den Alarmpfiff ei- sich ein whistle-blower genötigt fühlt, sich außerhalb
ner Person, etwa eines Schiedsrichters oder eines Po- der Organisation an Behörden, Strafverfolgungsor-
lizisten, der mit einem schrillen Ton sein Umfeld auf gane, Interessengruppen und/oder Medien bzw. die
etwas aufmerksam machen will. Im hier gemeinten Öffentlichkeit zu wenden (sogenanntes externes
übertragenen Sinne bezeichnet er eine Person, die whistle-blowing; z. B. DeGeorge 1993). Viele Perso-
Fehlverhalten oder Missstände nicht einfach hin- nen, die als whistle-blower diesen Weg gewählt ha-
nimmt, sondern auf diese aufmerksam macht, um ben, mussten leider allzu oft erhebliche negative (be-
das Eintreten negativer Ereignisse zu verhindern. rufliche) Konsequenzen hinnehmen, weshalb für
Insbesondere unter arbeitsrechtlicher Perspektive diese Variante des whistle-blowing eine erhebliche
sind zwei Varianten von whistle-blowing zu unter- Hemmschwelle besteht.
scheiden. Zum einen versteht man darunter, wenn Da whistle-blowing seine »Ursachen oft in einer
ein Unternehmen die Arbeitnehmer verpflichtet, Mischung aus Ungleichzeitigkeit von Wissen und
Kenntnisse über Fehlverhalten von anderen Arbeit- Erkennen, in Differenzen bei der Bewertung von
nehmern dem Unternehmen anzuzeigen. Hierfür Fakten, und in individuellen Unterschiedlichkeiten
gibt es zunehmend meist im Rahmen der Etablie- bei der Sensibilität für Schwellen, die nicht über-
rung eines Compliance-Systems eine whistle- schritten, sowie Verantwortungen, die nicht ver-
blowing-Klausel als ein Bestandteil eines code of con- nachlässigt werden dürfen« hat (Leisinger 2003, 6),
duct. Damit verbunden ist in der Regel der Zugang sollte es in einer Organisation  – in beiden Varian-
zu einer whistle-blowing-Hotline, die entweder in- ten – aktiv als interne Risikokommunikation gestal-
tern von einer Ombudsperson oder extern mit ei- tet werden. Durch Gewährung eines (rechtlichen)
nem professionellen, unabhängigen Auftragnehmer Schutzes und einer entsprechenden Organisations-
besetzt ist (Fahrig 2011). Diese Form des whistle- kultur, könnte sich eine Alternative zur Kultur des
blowing gewinnt in den letzten Jahren zunehmend Schweigens entwickeln, die nicht in eine Kultur des
an Bedeutung und ist im Wesentlichen auf den in ›Verpfeifens‹ mündet, sondern auf lange Sicht als
den USA – als Reaktion auf Wirtschaftsskandale wie wichtige Vorbeugemaßnahme sowohl im Sinne des
Enron erlassenen Sarbanes Oxley Act von 2002 zu- Gemeinwohlinteresses als auch im Interesse der Re-
rückzuführen. Danach muss eine Unternehmens- putation einer Organisation fungieren und so ver-
führung – und dieses US-Bundesgesetz betrifft alle antwortungsvolles Handeln unterstützen könnte.
Unternehmen, die den Regeln des amerikanischen
Wertpapierrechts unterliegen  – schwerwiegende Literatur
Sanktionen befürchten, wenn sie entsprechende
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere
Maßnahmen nicht einleitet und es so versäumt, Moderne. Frankfurt a. M. 1986.
relevanten Hinweisen systematisch nachzugehen Bundesingenieurkammer 2004, http://www.bingk.de/html/
(Rohde-Liebenau 2005, 6). 917.htm (20.10.2012).
7. Ethische Ingenieurverantwortung 81

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83

IV. Grundlagen der Technikethik

A. Technikphilosophie

1. Antike Technikphilosophie Handeln und dem technischen Können. Während


beim praktischen Handeln im engeren Sinne das
Ziel in ihm selbst liegt, Handeln also ›Zweck an sich‹
Einordnung der τεχνη (techne) ist, dient das technische Können dem Hervorbrin-
in die menschlichen Vermögen gen eines Werkes (εργον, ergon), das für etwas an-
deres dienlich ist (1139b1–3, 183). »Demnach ist
Die Technik als Gegenstandsbereich der Philosophie auch das mit Vernunft verbundene handelnde Ver-
scheint im Vergleich zu den großen Themen wie halten von dem mit Vernunft verbundenen hervor-
Metaphysik oder Ethik von der abendländischen bringenden [ποιησις, poiesis] Verhalten verschie-
Philosophie meist nur recht beiläufig behandelt wor- den« (1140a3–6, 185). Sittliches Handeln und das
den zu sein. Dies hat seine Ursache bereits in der an- Produzieren eines Werkes sind dihairetisch vonein-
tiken Philosophie und hängt oberflächlich betrach- ander zu trennen. Die Dreiteilung in Praxis, Poiësis
tet auch mit einer gewissen Geringschätzung der und Theorie ist nach Günter Bien für die aristote-
›banausischen‹ (βαναυσοι, banausoi) Handwerke im lische Philosophie konstitutiv und für die Folgezeit
Vergleich zur geistigen Schau wahren Wissens, be- von größter Bedeutung. Sie gibt den Rahmen ab
zeichnet als ›Theorie‹ (δεωρια, theoria), zusammen. für die aristotelische Einteilung der Wissenschaften,
So stellt etwa Platon im Dialog Politikos fest, dass der menschlichen Handlungskompetenzen, der Ver-
kein vernünftiger Mensch die Struktur z. B. der We- nunftformen sowie der Lebensweisen und wird als
berei um ihrer selbst willen untersuchen wird vollständig und abgeschlossen vorausgesetzt (1989,
(285d). Damit scheint eine an konkrete Techniken 1281). Damit sind ethische und technikphiloso-
angebundene Technikphilosophie in der Antike wei- phische Fragen komplett getrennten Sphären zuzu-
terer Überlegung nicht wert zu sein. Platon fährt je- ordnen.
doch damit fort, dass eine Erklärung der Struktur Das auf die Praxis, also auf das sittliche Handeln
der Weberei durchaus als Modell zur Klärung im sozialen Kontext bezogene Vernunftvermögen ist
schwieriger theoretischer Probleme herangezogen die Klugheit (φρονησις, phronesis), die richtige Ent-
werden sollte. Und eben jenem methodischen Vor- scheidungen gewährleistet und für die Wahl legiti-
gehen verdanken sich zahlreiche Beispiele, die zu ei- mer Handlungsziele zuständig ist. Demgegenüber ist
nem ausdifferenzierten Technikverständnis führen, das auf die Poiësis, also auf das richtige Hervorbrin-
das handwerkliche und intellektuelle Fähigkeiten gen von kunstvollen Werken bezogene Vernunftver-
des Menschen unter einem Begriff der ›Technik‹ mögen das rationale Herstellungsvermögen mit der
(τεχνη, techne) zusammenfasst. Bezeichnung ›Technik‹ (τεχνη). Damit ist zugleich
Aristoteles nimmt im Einleitungssatz der Niko- eine Auf- und Abwertung verbunden. Zum einen ist
machischen Ethik eine grundlegende Dreiteilung der die technische Vernunft auf der gleichen intellektu-
Formen menschlicher Tätigkeiten vor: »Jede Kunst ellen Ebene wie die sittliche Vernunft anzusiedeln,
[τεχνη, techne] und jede Lehre [μεθοδος, methodos], zum anderen bleibt sie aber ob ihres Werkcharakters
ebenso jede Handlung [πραξις, praxis] und jeder fremden Zielen dienlich und damit der guten Ziel-
Entschluss scheint irgendein Gut zu erstreben« setzung sittlichen Handelns untergeordnet. Diese
(1094a1, 55). Auffällig ist die strikte Abgrenzung Kluft zu überbrücken, ist letztlich die Aufgabe der
zwischen dem mit einem Entschluss verbundenen Technikphilosophie (s. Kap. IV.A.5).
84 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Die Sphäre der Poiësis ist von den philosophi- ter sowie drittens ihre je eigentümliche Nahrung,
schen Disziplinen nur selten mit eigenständigen wobei die Fressfeinde der Pflanzenfresser zum Aus-
Werken – bei Aristoteles etwa mit der Poetik – ge- gleich eine dürftige Zeugungskraft haben (320d–
würdigt worden. Nach Georg Picht ist es ein großes 321b). Epimetheus lässt jedoch den Menschen bei
Verhängnis gewesen, dass Aristoteles die Poiësis nur der Verteilung der natürlichen Gaben leer ausgehen,
sehr fragmentarisch ausgearbeitet hat. Auf Grund so dass Prometheus »den Menschen aber nackt, un-
dieses grundlegenden Defizits fehlen noch heute beschuht, unbedeckt, unbewaffnet« vorfindet (321c,
Kriterien dafür, was nach Regeln der Vernunft pro- 62). Zu ihrer Rettung raubt nun Prometheus »die
duziert werden sollte (Picht 1969, 429). Auch wenn kunstreiche Weisheit des Hephaistos und der
eine dieses leistende ›Theorie der Technik‹ aussteht, Athene, nebst dem Feuer« (321d, 62). Derart als
so sind doch in den Werken der antiken Philosophie ›Mängelwesen‹ (zur philosophischen Anthropologie
zahlreiche Bestimmungen zum Technikbegriff gege- s. Kap. IV.A.3) bestimmt, braucht der Mensch tech-
ben, die präzise und aufschlussreich genug sind, um nische Mittel zum Ausgleich seiner Schwächen. Auf
auch für die sogenannte ›moderne Technik‹ ein rele- diese Weise erhält der Mensch die zum Überleben
vantes Fundament liefern können. erforderliche technische Intelligenz (εντεχνος σοφια,
entechnos sophia) (321d), mit der die Menschen
dann unabhängig von den Göttern erfinderisch tätig
Technik in der Zivilisationsgeschichte: werden. Sie rüsten sich mit Wohnungen, Kleidern
Der Kulturbringer Prometheus und Schuhen zum Schutz aus und erfinden Nah-
rungsmittel (322a).
Technik ist offensichtlich ein zentraler Bestandteil Zerstreut lebend bleiben die Menschen jedoch im
der menschlichen Zivilisationsgeschichte, wobei Konkurrenzkampf mit den wilden Tieren unterle-
sich die Frage stellt, weshalb die Menschen über- gen. Erst das unterstützende und nicht strafende
haupt Technik haben. Im Dialog Protagoras greift Eingreifen des Zeus bringt mit ›Scham‹ und ›Recht‹
Platon den Prometheus-Mythos auf, der eine derar- eine ›politische Technik‹ (πολιτικη τεχνη, politike
tige Kulturentstehungstheorie auf Basis des Dieb- techne), mit der die erstgenannte Mangelkategorie
stahls göttlicher Technologie liefert. Insgesamt sind der Konstitution beseitigt wird (322c). Hier gibt es
vier Fassungen überliefert, die zwei ältesten von He- aber eine deutliche Abweichung in der Art der Wis-
siod, die Tragödie Gefesselter Prometheus von Ais- sensverteilung. Während über das technische Wis-
chylos sowie die von Platon dem Protagoras in den sen je nach Fachgebiet immer nur jeweils einige Ex-
Mund gelegte Variante. Wesentlicher Unterschied ist perten verfügen, muss an den sozialen Normen der
die unterschiedliche Bestrafung durch Zeus, die der Gerechtigkeit und Besonnenheit jeder Anteil haben
Diebstahl des Feuers nach sich zieht. Werden bei (322d–323a). So erst konnte im Protagoras die Frage
Hesiod sowohl Prometheus durch Ankettung als nach der Lehrbarkeit der Tugend aufkommen, die
auch die Menschen mit allen Übel dieser Welt aus im Gegensatz dazu für eine Technologie eindeutig
der Büchse der Pandora bestraft, so sieht die Tragö- zu beantworten ist. Hier sieht man auch, weshalb die
die keine Bestrafung der Menschen vor. Im Gegen- Ethik einen anderen Weg gehen muss.
teil liefert Prometheus die technischen Heilmittel ge- Die Rechtfertigung des Zivilisationsprozesses er-
gen jene Krankheiten und Übel, denen die Men- folgt also basierend auf den eklatanten Unzuläng-
schen zuvor hilflos ausgeliefert waren. Dadurch ist lichkeiten des menschlichen Körpers. Die techni-
eine Umwertung erfolgt: Die technische Entwick- schen Artefakte sind eine Existenzbedingung zur Si-
lung ist nicht mehr das Problem, sondern die Lö- cherung des schieren Überlebens im Kampf ums
sung – und damit ist die Aneignung der zuvor göttli- Dasein. Diese Argumentationsstrategie ist auch
chen Technik legitimiert, denn sie steht den Men- heute noch sehr geläufig und findet sich z. B. in der
schen zu (Schneider 1989, 84–97). Anthropologie Gehlens (1961, 48; s. Kap. IV.A.3).
Bei Platon spielt die Strafe gar keine Rolle mehr. Sie setzt allerdings voraus, dass sich der Mensch im
Hier verteilt Epimetheus zunächst die natürlichen Körperbau nur marginal geändert hat, was paläonto-
Gaben so auf die Lebewesen, dass ein natürliches logisch betrachtet nicht stimmt. Der Mythos erklärt
Gleichgewicht entsteht. Die einen sind stark und be- ferner die technische Initialzündung mit einem gött-
waffnet, die anderen schwach, aber schnell. Neben lichen Eingriff, unser technisches Können ist also
dieser unterschiedlichen Konstitution erhalten zwei- gewissermaßen konzipiert als eine machina ex deus.
tens die Tiere noch Fell zum Schutz gegen das Wet- Ähnlich unbefriedigend ist die alternative Erklärung
1. Antike Technikphilosophie 85

mit dem Mutationsgeschehen, das uns Menschen Götter Ares beim Ehebruch gefangen zu setzen
ganz zufällig ein großes Gehirn als Quelle der Tech- (Odyssee VIII.297, 329–330). Das ist bereits ein Hin-
nik gegeben hat. weis an Protagoras, wie das Gleichgewicht der Kräfte
Eine ähnliche Argumentation findet sich im Dia- im Umgang mit wilden Tieren mit rein technischen
log Politikos, in dem als Stimulans zivilisatorischer Mitteln angegangen werden könnte.
Entwicklung die aus einem ›Mangel‹ (χρεια, chreia) Vor dem Hintergrund dieses göttlichen ›Hand-
resultierende Notlage angeführt wird, aus der wie- werkers‹ entwickelt bereits Homer einen ausgearbei-
derum Prometheus heraushilft (274c). Gerade weil teten τεχνη-Begriff. An der ersten Belegstelle dient
die Legitimation auf recht wackeligen Beinen steht, der Begriff der Bezeichnung der sachgemäßen und
konnte bereits in der Antike mit der kynischen Philo- wirkungsvollen Handhabung einer Axt (Ilias III.62).
sophie von Antisthenes das Postulat des Mangels in Darin zeigen sich zwei wesentliche Komponenten
Frage gestellt werden. Der griechische Begriff χρειαν des Technikbegriffs: »die manuelle Geschicklichkeit,
lässt sich auch als Bedürfnis übersetzen und damit das aber auch ein Wissen davon, wie diese Geschicklich-
technisch zu lösende Mangelproblem auch aufheben keit einzusetzen ist« (Löbl 1997, 10). Mit τεχνη ist
durch eine Übung in relativer Bedürfnislosigkeit. In also nicht das Werkzeug, sondern das technische
der radikalen Zivilisationskritik des Diogenes sind Können gemeint. Mit Bezug auf Athene, die sich ins-
denn auch die Techniken gerade nicht zur Überle- besondere für die Webkunst verantwortlich zeigt,
benssicherung notwendig, sondern geradezu die wird die enge Verbindung des Technischen mit dem
Strafe selber, nämlich das eigentliche Übel, da sie nur Wissen durch den Begriff der ›Weisheit‹ (σοφια, so-
der nutzlosen Jagd nach Lust (ηδονη, hedone) dienen phia) hergestellt (Ilias XV.412). Auch dem Wagen-
(Dion von Prusa VI 27–29). Ohne dass hier einer lenker Antilochos wird wegen seiner langsamen
technikfeindlichen Askese das Wort geredet werden Pferde empfohlen, mit Verstand (μητις, metis) ein
soll, zeigt sich doch, wo man landen kann, wenn man geschicktes (nicht ganz regelkonformes) Überhol-
Techniken ausschließlich mit Notwendigkeiten oder manöver durchzuführen. Genauso kommt es bei ei-
sogenannten ›Sachzwängen‹ legitimieren will: Ver- nem Holzfäller mehr auf den Verstand als auf die
nünftiger Weise stößt man auf Ablehnung, da über bloße Kraft und Gewalt (βια, bia) an (XXIII.315 ff.).
die Ziele ja gar nicht gesprochen worden ist. Beim Wagenrennen wird dies dann ausgedrückt mit
dem Verb τεηνησομαι (technesomai, 415) – zu über-
setzen etwa als »mit Wissen und Können ins Werk
Der Begriff der τεχνη (techne): setzen und zum erfolgreichen Ende bringen« (Löbl
Handwerker und Erfinder 1997, 16). Setzt man sein technisches Wissen in ei-
ner bestimmten Situation optimal ein, dann vollen-
Die frühesten schriftlichen Belege des Wortes τεχνη det sich diese technische Handlung im Werk (εργον
finden sich in Homers Ilias. Insbesondere der τελεει, ergon teleei) (Odyssee VI.234). Damit ist die
Schmiedegott Hephaistos wird mit dem festen Attri- Hauptbedeutung der τεχνη als erfolgsorientiertes
but ›kunstberühmt‹ (κλυτοτεχνης, klytotechnes) ein- Können und systematisiertes Wissen bereits mit ei-
geführt. Er ist beidseitig ›krummfüßig‹ und muss da- nem hohen theoretischen Anspruch formuliert.
her auf einem Maultier reiten, sich von seinen Be- Aber auch die Ambivalenz technischen Handelns
gleitern oder selbstgefertigten Jungfrauen aus Gold ist im antiken Technikbegriff bereits angelegt. In der
stützen lassen oder Krücken benutzen. Höchst merk- Ilias wird ein Betrug der Hera als ›unheilstiftend-
würdig mutet es an, dass ein edler, unsterblicher Gott technisch‹ (κακοτεχνος, kakotechnos) bezeichnet
mit dem häufig auch charakterlich gedeuteten Makel (XV.14). Technik kann man also heimtückisch zum
der Lahmheit versehen ist. Da er bereits lahm gebo- Bösen missbrauchen, z. B. auch für einen Mordan-
ren wurde, liefert der Mythos auch keine narrative schlag (Odyssee IV.529). Hier befinden wir uns aber
Begründung. Doch erst wegen seiner körperlichen in der Sphäre moralisch fehlgeleiteter Ziele. Im Un-
Gebrechen bemerkt Hephaistos die Notwendigkeit terschied dazu wird die Technik des Proteus, sich ei-
von Hilfsmitteln am eigenen Leibe. Nur weil er seine ner Festnahme geschickt durch Verwandlung zu
Mängel kompensieren muss, kann er ein genialer entziehen, als besondere Technikform der ›List‹
Techniker sein. Ein vollkommener Gott hingegen (δολιη τεχνη, dolie techne) gedeutet (IV.455). Dieses
würde in sich keinen Grund finden, technisch kreativ raffinierte Anwenden von Kniffen zum Zwecke der
zu werden. So aber gelingt es ihm, dem Langsamen, Täuschung liegt bereits im Technischen selbst vor al-
mit Hilfe ›künstlicher Fesseln‹ den schnellsten aller ler moralischen Bewertung. Trickreiche Handlun-
86 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

gen werden insbesondere dem Götterboten Hermes spricht, weil der Gesangspreisträger nur Homer ›ge-
zugeschrieben. Gleich nach seiner Geburt stiehlt er waltig kann‹, nicht aber die gesamte Dichtkunst
Apoll eine Kuhherde. Den Kühen macht er aus Ei- (532c). Ion beherrscht und versteht Homer gut
chenrinde Schuhe, die er mit geflochtenem Gras in durch eine ›göttliche Kraft‹ (ϑεια δυναμις, theia dy-
umgedrehter Richtung an ihre Hufe bindet, um die namis), die so auf ihn wirkt wie ein Magnet, der ei-
Spuren des Diebstahls zu verwischen. nen eisernen Ring anzieht; wobei diese Ringe wie-
Als gewandter Redner hat Hermes Witz, scharfen der andere anziehen. So »macht zuerst die Muse
Verstand und zahlreiche kreative Einfälle. Damit ist selbst Begeisterte, und an diesen hängt eine ganze
die Grundlage technischen Fortschritts gelegt, der Reihe anderer durch sie sich Begeisternder. Denn
mit bloßer Übernahme einzelner göttlicher Techni- alle rechten Dichter alter Sagen sprechen nicht
ken noch nicht in Gang gesetzt ist. Hermes über- durch Kunst, sondern als Begeisterte und Besessene
nimmt nicht fremd entwickelte Techniken, sondern […] wenn sie von Harmonie und Rhythmus erfüllt
macht aus sich heraus Erfindungen wie die siebensai- sind« (533e–534a, 103). Platon erhärtet die Zurück-
tige Lyra, die er aus dem Panzer einer Schildkröte weisung der Dichtung als τεχνη dadurch, dass er am
und den bereits ›erworbenen‹ Kuhdärmen fertigt. Beispiel der Antilochos-Episode behauptet, Homer
Noch während die Schildkröte lebt, hat er bereits das könne die dort verhandelte Technik des Wagenren-
Instrument vor Augen. Mit dem Spiel der Lyra lenkt nens nicht so gut beurteilen wie ein Wagenlenker
er Apoll erfolgreich von der Suche nach seiner Herde (538ab). Das mag zwar sein, nur ist die Dichtung
ab. Die Nebenbedeutung der τεχνη zeigt sich damit kein Lehrbuch, in dem kompetente Sachurteile über
etwas unfein als ›listiges Täuschen‹ und in seiner die Technik des Wagenlenkens abgegeben werden.
kreativen Eigendynamik als ›geglücktes Erfinden‹. Stattdessen geht es  – wie Aristoteles später in der
Poetik zeigen wird  – um die ›nachahmende‹ Dar-
stellung von »Handlungen und Lebenswirklichkei-
Das Maß der τεχνη (techne): Das Gute ten« (πραξεων και βιου, praxeon kai bion) (1450a16,
und Richtige im Handeln nach Normen 21). Gelungene Dichtung ist dann eine τεχνη, die
normativ gute Handlungsweisen exemplarisch dar-
Im Hermes-Hymnos unterrichtet Hermes der Erfin- stellt.
der den Apoll in der τεχνη der Lyra – und zwar in Technik als technische Handlung betrachtet, ist
einer Abfolge von drei Elementen. Erstens gilt es, ethisch relevant. Wie Platon im Dialog Gorgias be-
sieben Saiten so aufzuspannen, dass sie zusammen- tont, ist es wesentlich für eine τεχνη, dass sie Re-
klingen; zweitens sind die Saiten der Reihe nach zu chenschaft darüber abgeben kann, weshalb sie et-
stimmen und drittens muss die Fähigkeit beherrscht was tut. Zwar kümmern sich sowohl Medizin als
werden, mittels des Plektrons eine Melodie zu spie- auch Kochen um das Wohl des Leibes, letztere aber
len (Löbl 1997, 41 f.). Verallgemeinert heißt dies, nur durch Schmeichelei des Gaumens, was sie ›un-
dass technisches Handeln dreigliedrig in gestaltendes, technisch‹ und ›unvernünftig‹ (ατεχνως, αλογως,
vorbereitendes und anwendendes Handeln zu teilen atechnos, alogos) macht (501a–c). Die τεχνη zielt auf
ist. Zwischen Herstellung und Anwendung ist zusätz- das Gute (αγαϑον, agathon) ab, nicht aber auf Lust-
lich zu dieser üblichen Unterscheidung als Mittleres gewinn durch das Angenehme (ηδυ, hedy) (500d).
die Installation einzuordnen (Erlach 2000, 34). Im Dialog Politikos wird erörtert, dass es dazu not-
Als viertes Element kommt neben der richtigen wendig ist, jede τεχνη durch Messung zu bewerten.
»technischen Beherrschung« noch die mit σοφιη an- Dabei reicht es nicht aus, nur die Größen von Men-
gegebene gute »künstlerische Ausführung« hinzu – gen, Längen und Geschwindigkeiten abzumessen,
gewährleistet durch ein auf entsprechender Bega- sondern erforderliches Merkmal des technischen
bung basierendes »Einfühlungsvermögen in das Charakters ist zusätzlich eine Messung des Mehr
Instrument«, das zu einem klanglichen Ausdrucks- oder Weniger in Bezug auf das Angemessene
vermögen führt (Löbl 1997, 44f). Damit treten aber (μετρον, metron). Der Verzicht des Bezugs auf das
die ›schönen Künste‹ aus dem Bereich der τεχνη Angemessene würde alle τεχνη zerstören (284a,
heraus und das Wissen um das technisch ›Richtige‹ 284e). Man sollte dies nicht nur ethisch verstehen,
wird vom Wissen um das künstlerisch ›Gute‹ unter- sondern insbesondere auch im Sinne technischer
schieden. Normen, deren Standards gerade in der modernen
Diese Trennung spitzt später Platon im Dialog Technik unverzichtbar sind zur Sicherung von Leib
Ion zu, wenn er dem Rhapsoden jegliche τεχνη ab- und Leben.
1. Antike Technikphilosophie 87

τεχνη (techne) als Wissensform (επιστημη, episteme) ergibt sich nun aus der Art des
und Entstehungsursache: gewussten Allgemeinen. Diese bezieht sich auf das
Technologie und Ingenieure unveränderliche Sein des Notwendigen und ist ein
induktiv oder deduktiv ›beweisendes Verhalten‹
(Nikomachische Ethik 6.1139b20–35). Die τεχνη
Im Dialog Politikos untersucht Platon sehr konkret bezieht sich im Gegensatz dazu auf das Mögliche,
alle an der Webkunst beteiligten Handwerke. Zu- also alles, was sich auch anders verhalten könnte
nächst einmal unterscheidet er mit Wollkämmen (1140a1) und damit gestaltbar ist.
und Spinnen grundsätzlich ›trennende‹ von ›verbin- Damit erweist sich die τεχνη neben der Natur
denden‹ Arbeitsschritten (282b)  – was sich noch und dem Zufall (τυχη, tyche) als eine Ursache des
heute in Fabriken in der Abgrenzung von Fertigung Werdens in einer dreigliedrigen Relation: Beim Ent-
und Montage zeigt. Sodann ist das Handwerk zur stehen wird ein Stoff (υλη, hyle) durch die Entste-
Herstellung des benötigten Produktes – hier das We- hungsursache zu dem Ding – Baum oder Bett –, das
ben – als Ursache (αιτια, aitia) vom Handwerk zur natürlich entsteht oder künstlich hervorgebracht
Herstellung der dazu benötigten Werkzeuge  – wird (Metaphysik VII.1032a13–20). Dabei decken
Spinnrocken und Weberladen  – zu unterscheiden. sich nach Aristoteles die Struktur der natürlichen
Diese Werkzeuge heißen ›Mitursache‹ (συναιτιος, Produktion und des menschlichen Herstellens (Phy-
synaitios) (281e) – was sich heute in der Unterschei- sik II.199a10). Ein Unterschied besteht jedoch im
dung von Investitionsgütern und Konsumgütern wi- Ursprung der Veränderung, die im ersten Fall als Be-
derspiegelt. Schließlich klassifiziert er die Hand- wegungsprinzip im Naturding selbst liegt (I.192b14):
werke nach ihren Hauptfunktionen in Rohstoffge- »Würde ein Bett in die Erde eingegraben und hätte
winnung, Herstellung von Werkzeugen, Gefäßen, der Verfaulungsprozeß die Kraft, aus dem verfaulen-
Fahrzeugen, Schutzmittel, Spielwerk sowie Nah- den Bett noch einen Schößling hervorzutreiben, es
rungsgewinnung (287e–289b). Insgesamt macht die würde dann gewiß kein Bett, sondern Holz entste-
Analyse den Systemcharakter der τεχνη deutlich hen« (193a12, 33). Beim Herstellen liegt demnach
(Schneider 1989, 172). das Prinzip der Bewegung außerhalb des Hergestell-
Zu Beginn der Metaphysik untersucht Aristoteles ten – und zwar als ›Gestalt‹ (ειδος, eidos) in der Seele
nach seiner Feststellung »Alle Menschen streben des Herstellers (Metaphysik VII.1032a32). Vor dem
von Natur aus nach Wissen« (I.980a21, 17) die un- eigentlichen Akt des Herstellens erfolgt ein vom
terschiedlichen Wissensformen. Aus vielen Erinne- Handlungsziel schließendes Denken, und zwar
rungen zu einem Sachverhalt heraus entsteht das mehrstufig zurück bis auf eine realisierbare ›Maß-
Vermögen einer Erfahrung (εμπειρια, empeiria), die nahme‹ (1032b6–22). Durch die τεχνη wird also im
dann wiederum ein Erkennen neuer Einzelfälle er- Herstellungsprozess ein Entwurf von der Seele auf
möglicht (980b30). Die τεχνη erkennt zusätzlich das den Werkstoff übertragen. Ein Handwerker bringt
zugehörige Allgemeine und umfasst dadurch auch z. B. die Gestalt einer Kugel in Bronze hervor, aber
ein Wissen der jeweiligen Ursachen (αιτια, aitia) weder das Erz noch das ›Kugel-sein‹ selbst (1033a28–
(981a28). Diese systematische Ursachenkenntnis b12). In recht deutlicher Abgrenzung zu Platon ist
macht den wissenschaftlichen Charakter der τεχνη »klar, daß man keine Form als eine Art Urbild aufzu-
als Technologie aus. bauen braucht« (1034a1, 182). Die Form ist vielmehr
Durch die Kenntnis der »Ursachen dessen, was jenes gemeinsame Merkmal verschiedener Einzel-
hervorgebracht wird« zeichnet sich der ›leitende dinge, das vom Techniten erzeugt worden ist. Somit
Handwerker‹ (αρχιτεκτον, architekton)  – heute ist der Technit als ontologisch alleinige Entstehungs-
würde man Ingenieur sagen  – vor dem einfachen ursache auch voll verantwortlich für seine Gestal-
Handwerker (χειροτεχνης, cheirotechnes) aus. Letz- tungen.
tere »gleichen manchen unbelebten Dingen, die
zwar etwas hervorbringen, aber nicht wissen, was sie
hervorbringen […] zufolge der Gewohnheit« Οργανον (organon) als Hand und
(981a30–b4). Da jedoch der Erfolg einer techni- Werkzeug: Der Mensch als Technit
schen Handlung auf der Wahl der richtigen Mittel
für den jeweiligen Einzelfall beruht, wird der Erfah- Die Bewegung (κινησις, kinesis), mit der dem Stoff
rene besser sein als der Wissende ohne Erfahrung eine Form (μορφη, morphe) verliehen wird, unter-
(981a12–24). Der Unterschied zur Wissenschaft sucht Aristoteles in Von der Entstehung der Lebe-
88 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

wesen genauer. Demnach setzt die Seele, in der die cherart ›beseelte Werkzeuge‹ dann zum Alptraum,
Gestalt (ειδος, eidos) gegenwärtig ist, Körperteile wenn ob der Begeisterung fürs Automatische die
und Hände auf eine dem zu fertigenden Produkt steuernde Idee vergessen wurde.
entsprechende Weise in Bewegung. Die Hände be-
wegen die Werkzeuge, die dann diese Bewegung an Literatur
den Stoff weitergeben (Schneider 1989, 189). Dabei Aristoteles: Metaphysik. Übers. von Franz Schwarz. Stutt-
werden die Körperteile und Werkzeuge mit dem gart 1970.
gleichen Begriff ›Organ‹ (οργανον, organon) be- – : Poetik. Übers. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1982.
zeichnet. Sie ordnen sich gleichberechtigt in eine – : Die Nikomachische Ethik. Übers. von Olof Gigon. Mün-
Kette von technischen Funktionen. chen 61986.
– : Physikvorlesung – Werke in deutscher Übersetzung Bd. 11.
Dabei nimmt aber die Hand eine Sonderrolle ein,
Übers. von Hans Wagner. Berlin 51989.
wie Aristoteles in Die Teile der Lebewesen feststellt, – : Über die Teile der Lebewesen – Werke in deutscher Über-
denn sie ist das nützlichste naturgegebene Werk- setzung Bd. 17/I . Übers. von Wolfgang Kullmann. Berlin
zeug: 2007.
Bien, Günther: Praxis, praktisch. I. Antike. In: Joachim
»Diejenigen, die behaupten, daß der Mensch nicht in Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hg.): Histo-
guter Weise zusammengesetzt ist, sondern am schlech- risches Wörterbuch der Philosophie Bd. 7. Basel 1989,
testen von allen Lebewesen  – denn sie sagen, daß er 1277–1287.
unbeschuht und nackt ist und keine Waffe zum Kampf Erlach, Klaus: Das Technotop. Die technologische Konstruk-
besitzt – sind mit ihrer Rede im Unrecht. Denn die üb- tion der Wirklichkeit. Münster 2000.
rigen Lebewesen besitzen ein einziges Verteidigungs- Gehlen, Arnold: Anthropologische Forschung. Hamburg
mittel und es ist für sie nicht möglich, stattdessen ein 1961.
anderes einzutauschen […] Dem Menschen aber ist es Löbl, Rudolf: Texnh – Techne. Untersuchung zur Bedeutung
möglich, viele Verteidigungsmittel zu haben […], weil dieses Wortes in der Zeit von Homer bis Aristoteles Bd. 1.
sie alles ergreifen und festhalten kann« (686a23–687b5, Würzburg 1997.
108). Picht, Georg: Die Kunst des Denkens. In: Ders.: Wahrheit.
Der Mensch hat – dies ist hier die Wendung in das Vernunft. Verantwortung. Stuttgart 1969, 427–434.
Gegenteil der Mängelthese – mit der Hand das tech- Platon: Ion. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Sämt-
liche Werke 1. Hamburg 1987, 97–110.
nisch brauchbarste Organ überhaupt. Es führt nicht – : Protagoras. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Sämt-
die existentielle Not zur technischen Tugend, son- liche Werke 1. Hamburg 1987, 49–96.
dern die Technik ist die Tugend des Menschen. Da- Schneider, Helmuth: Das griechische Technikverständnis.
mit erweist sich der Mensch in seiner natürlichen Von den Epen Homers bis zu den Anfängen der technolo-
Ausstattung als ›Technit‹ (τεχνιτης, technites). gischen Fachliteratur. Darmstadt 1989.
Klaus Erlach
Aristoteles zieht folgendes Fazit: »Die Hand aber
scheint nicht nur ein einziges Werkzeug zu sein, son-
dern viele Werkzeuge. Sie ist nämlich sozusagen ein
Werkzeug, das anstelle von vielen Werkzeugen
steht« (686a21, 108), indem sie Werkzeuge anwendet
und wie ablegbare Körperteile situationsgerecht aus-
tauscht. Die Hand ist allerdings nur als Teil eines
Ganzen wirklich Hand, nicht aber Werkzeug im glei-
chen Sinne, wie z. B. ein Hammer. »Es ist nämlich
die Hand nicht in jeder Hinsicht ein Teil des Men-
schen, sondern nur die, die ihr Werk zu vollenden
vermag, also nur als beseelte; als unbeseelte ist sie
kein Teil« (Metaphysik VII.1036b30, 190). Die Hand
ist also bewegt, d. h. angetrieben von der Seele und
gesteuert vom ειδος (eidos) ist sie gemeinsam mit
der Seele mehr Maschine als Werkzeug; ohne Seele
aber nicht einmal das. Der Traum der Ingenieure
liegt nun darin, die Hand als Greif- und die Seele als
Antriebsorgan überflüssig zu machen, bis dass wir
des Hephaistos goldene Automaten selber haben
und nicht mehr arbeiten müssen. Jedoch werden sol-
89

2. Marxistische Technik- Technik als Arbeitsmittel


philosophie Nach Marx ist der Mensch zunächst ein leibliches
Wesen, das auf einen materiellen ›Stoffwechsel‹ mit
Das theoretische Interesse von Karl Marx und der umgebenden Natur angewiesen ist. Während
Friedrich Engels sowie der meisten ihrer Nachfolger dies in den Ökonomisch-philosophischen Manu-
galt den Strukturen der Gesellschaft sowie ihrer skripten mittels philosophischer Konzepte entfaltet
historischen Entwicklung; ihr praktisches Interesse wird, die er der Tradition des Deutschen Idealis-
galt der politischen Überwindung des Kapitalismus. mus, vor allem Georg Wilhelm Friedrich Hegels,
In diesem Kontext widmeten Marx und Engels dem und der Anthropologie Ludwig Feuerbachs ent-
Phänomen ›Technik‹ beginnend mit den Ökono- nimmt, geht Marx ab Mitte der 1850er Jahre zu ei-
misch-philosophischen Manuskripten (1844) bis zum ner zunehmend an den Naturwissenschaften orien-
Kapital (1867) und darüber hinaus erhebliche Auf- tierten Konzeption über, die menschliche Arbeit
merksamkeit. Eine selbständige Technikphilosophie und Lebenstätigkeit als Energie und damit als im
gehörte allerdings nicht zu ihrem Programm und Prinzip gleichartig mit physischen Vorgängen be-
erst recht keine Technikethik. Das zeigt sich schon greift (vgl. Rabinbach 1990). Doch auch innerhalb
daran, dass von ›Technik‹ oder ›Technologie‹ bei ih- eines solchen reduktionistischen Ansatzes besteht
nen eher selten die Rede ist; stattdessen aber von Marx auf der anthropologischen Differenz: Vom
›Werkzeug‹, ›Maschine‹, ›Produktivkraft‹ oder ›Ka- Tier unterscheidet sich der Mensch darin, dass er
pital‹. In der Wahl der Terminologie kommt zum nicht nur unmittelbare Lebensmittel produziert,
Ausdruck, dass es für Marx und Engels vornehmlich sondern auch Werkzeuge bzw. Arbeitsmittel. »Der
um die gesellschaftliche Funktion und historische Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln,
Rolle von Technik geht. Technik wird also nicht ›für obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen,
sich‹, sondern als ein gesellschaftlich-historisches charakterisiert den spezifisch menschlichen Ar-
Phänomen analysiert. Insoweit diese Analyse in beitsprozess und Franklin definiert den Menschen
eine philosophische Anthropologie der Wesensver- als ›a toolmaking animal‹, ein Werkzeuge fabrizie-
wirklichung des Menschen mündet, kommt ihr auch rendes Tier« (MEW 23, 194). Durch die Herstellung
eine ethische Dimension zu (vgl. Wendling 2009). von Werkzeugen wird der für den Menschen cha-
Es lassen sich im Theoriegebäude des Marxismus rakteristische, drei »Momente« in einen Zusam-
drei Ebenen unterscheiden, auf denen die Technik menhang bringende Arbeitsprozess möglich: die
auf jeweils unterschiedliche Weise analysiert wird: zweckmäßige Tätigkeit oder Arbeit selbst, der Ar-
• Auf der philosophisch-anthropologischen Ebene (s. beitsgegenstand und das Arbeitsmittel (zu Arbeit
Kap. IV.A.3) erscheint die Technik als Arbeitsmittel, und Technik s. Kap. IV.C.6).
• auf der geschichtstheoretischen Ebene als Pro- Die Bedeutung der Arbeit reduziert sich auch für
duktivkraft und den Marx der Ökonomiekritik nicht auf die Uner-
• auf der ökonomischen als Kapital (vgl. Bayertz lässlichkeit der Produktion von Lebensmitteln, son-
2012). dern besteht zugleich darin, dass sich der Mensch in
ihr in einem gewissen Sinne selbst produziert. In der
Im Laufe der Theorieentwicklung verlagert sich die Arbeit betätigt er seine »Wesenskräfte«, vergegen-
Marxsche Fragestellung immer mehr auf die Ökono- ständlicht sie und materialisiert sie in Gestalt ver-
miekritik; Fragen der philosophischen Anthropolo- schiedener Artefakte, Werkzeuge eingeschlossen.
gie, die mit den Kategorien der Entfremdung und Bei ihnen handelt es sich daher um die »Entäuße-
des Gattungswesens erfasst werden, treten in den rungen« innerer Potenzen, um nach Außen verla-
Hintergrund. Damit geht ein Perspektivwechsel auf gerte Bestandteile der menschlichen Natur. Die im
die Arbeit einher: Im philosophisch-anthropologi- menschlichen Wesen verankerte Notwendigkeit,
schen Rahmen gilt sie Marx primär als Vergegen- sich durch Entäußerung zu realisieren, birgt die
ständlichung und historische Hervorbringung des Möglichkeit einer scheiternden Vergegenständli-
menschlichen Gattungswesens; im Rahmen der Kri- chung, die Marx als »Entfremdung« bestimmt und
tik der politischen Ökonomie dagegen wird sie in zu einem notwendigen Zwischenstadium der
erster Linie als materielle und historisch-sozial orga- menschlichen Selbstverwirklichung erklärt. In dem
nisierte Form der Pro- und Reproduktion des Men- Maße, wie die Technik für den Menschen ein unver-
schen betrachtet (vgl. Heller 2012). zichtbares Instrument oder Medium der Selbstver-
90 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

wirklichung ist, kommt ihr in der Marxschen Kon- eher statisch sind, können Spannungen zwischen ih-
zeption eine erste grundlegend positive Bedeutung nen entstehen.
zu.
Zusammenfassend lässt sich sagen, (a) dass die »Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die
materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Wider-
Werkzeuge in philosophisch-anthropologischer Per- spruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen
spektive entäußerte Aspekte der menschlichen Na- oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit
tur sind; und (b) dass die menschliche Natur auf den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich
diese Weise auch außerhalb des menschlichen Kör- bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Pro-
pers existiert. Und da diese Vergegenständlichung duktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln der-
selben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolu-
in  arbeitsteiligen und von sozialen Institutionen tion ein« (MEW 13, 9).
strukturierten Interaktionsprozessen geschieht, fasst
Marx sie auch als außerbiologische, d. h. gesell- In ihrer Erscheinungsform als Produktivkraft wohnt
schaftliche Natur. Als Arbeitsmittel gefasst, steht die der Technik mithin ein dynamisches, gesellschafts-
Technik damit in dem doppelten Spannungsverhält- veränderndes, ja revolutionäres Element inne. Die-
nis von Entäußerung und Entfremdung einerseits ses Potential ist im Rahmen der philosophischen
sowie anthropologischer Wesensentfaltung anderer- Anthropologie und der damit verbundenen Ge-
seits. schichtskonzeption von Marx ein unverzichtbarer
Motor der Selbstverwirklichung der Gattung. Daher
kommt der Technik bei Marx und im Marxismus
Technik als Produktivkraft eine zweite grundsätzlich positive Bedeutung zu.
Daraus, dass (a) die Struktur der Gesellschaft und
Im Arbeitsprozess gehen die Menschen nicht nur (b) ihre revolutionären Veränderungen in der Marx-
Beziehungen zur äußeren Natur ein, sondern zu- schen Analyse von den Produktivkräften abhängig
gleich auch Beziehungen zu anderen Menschen. Er gemacht werden, ist dem Marxismus gelegentlich
ist in einem doppelten Sinn ein sozialer Prozess: ein technologischer Determinismus (s. Kap. IV.A.9)
Zum einen finden die Individuen bei ihrer Geburt unterstellt worden. Diese Unterstellung wäre aber
die von der vorangegangenen Generation produ- nur dann zutreffend, wenn sich die »Produktiv-
zierten Artefakte vor, darunter vor allem Werk- kräfte« auf Technik reduzierten. Das ist bei Marx je-
zeuge. Indem sie diese Artefakte nutzen, gehen sie doch nicht der Fall: Die Hauptproduktivkraft war
eine indirekte, durch Technik vermittelte Bezie- für ihn stets der handelnde Mensch (MEW 42, 325;
hung zu ihren Vorfahren ein. Diese Beziehung bil- MEW 4, 181) und »Produktivkraft« ist stets als Ab-
det das materielle Rückgrat der Geschichte und ist kürzung für den von ihm gelegentlich auch selbst ge-
ein zentrales Element der materialistischen Ge- brauchten Ausdruck »Produktivkraft der Arbeit«
schichtskonzeption, die Karl Marx gemeinsam mit (MEW 23, 54, 391, 631) zu lesen. Es gibt daher keine
Friedrich Engels in einer zeitlebens unveröffent- selbständig determinierende Wirkung der Technik;
lichten Schrift Die deutsche Ideologie entwickelt hat zur Produktivkraft kann diese nur werden, indem
(vgl. dazu Quante 2009). Zum anderen gehen sie sie vom Menschen genutzt und angewandt wird
im Arbeitsprozess natürlich auch kooperative Ver- (MEW 23, 198).
bindungen mit ihren Zeitgenossen ein. Marx be-
zeichnet diese Verbindungen als »Produktionsver-
hältnisse«. Ihre konkrete Struktur hängt wesentlich Technik als Kapital
von den »Produktivkräften« ab, zu denen auch die
jeweiligen technischen Errungenschaften zählen. Marx hat sich selbst ab Mitte der 1840er Jahre we-
Die Struktur der gesellschaftlichen Kooperation, niger als Anthropologe oder Geschichtstheoretiker
und damit die Struktur der Gesellschaft überhaupt, gesehen, sondern vor allem als Kritiker der politi-
wird Marx zufolge vom Stand der Technik mit- schen Ökonomie. Im Zentrum seiner Analyse der
bestimmt: »Die Handmühle ergibt eine Gesell- Technik stand daher ihre Beziehung zur kapitalisti-
schaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Ge- schen Gesellschaft. Seinen Ausgangspunkt bilden
sellschaft mit industriellen Kapitalisten« (MEW 4, dabei die ungeheure Dynamik des Kapitalismus und
130). der überwältigende Fortschritt, den die Produktiv-
Da sich die Produktivkräfte ständig entwickeln kraftentwicklung in seiner Ära auszeichnet. Schon
und vermehren, die Produktionsverhältnisse jedoch im Kommunistischen Manifest von 1848 wird dieser
2. Marxistische Technikphilosophie 91

revolutionäre Charakter des Kapitalismus geradezu dium‹, das unterschiedliche Menschen auf eine be-
gefeiert: stimmte Weise miteinander in Beziehung bringt. Dies
»Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Pro-
ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil sich im
duktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, Hinblick auf diese spezifische ›Form‹ der Technik als
also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwäh- Kapital Ansätze für eine kritische Analyse der Tech-
rend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung nik ergeben, die Marx mittels seiner Konzeption der
der alten Produktionsweise war dagegen die erste Exis- Entfremdung bereits in den Ökonomisch-philoso-
tenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die
fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununter-
phischen Manuskripten entfaltet hatte: Nicht mehr der
brochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zu- Arbeiter ist Herr über die Technik, sondern die
stände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet Technik wird – in Gestalt des Kapitals – zum Herrn
die Bourgeoisieepoche vor allen anderen aus. Alle festen über den Arbeiter (vgl. hierzu auch Kap. IV.A.6). In
eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von alt- Grundrisse der politischen Ökonomie führt er diese
ehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden
Analyse fort und auch im Kapital stellt er die »tech-
aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknö-
chern können. Alles Ständische und Stehende ver- nische Unterordnung des Arbeiters unter den gleich-
dampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen förmigen Gang des Arbeitsmittels« (MEW 23, 446)
sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre ge- dar.
genseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzu- Auf der Basis umfangreicher zeitgenössischer
sehen« (MEW 4, 465).
Quellen (Berichte der englischen Fabrikinspekto-
Für Marx ist diese Entwicklung aus den zwei oben ren) stellt Marx im Kapital die Konsequenzen des
genannten Gründen positiv zu bewerten. Zum einen Einsetzens von Technik unter kapitalistischen Be-
schreitet in ihr die Entfaltung der »Wesenskräfte« dingungen dar (vgl. dazu auch die Exzerpte aus zeit-
des Menschen, wenngleich auch in entfremdeter genössischer Literatur zur Rolle der Technik in der
und verzerrter Form, voran. Gesamtgesellschaftlich Ökonomie, Winkelmann 1982). Dazu gehört:
betrachtet hat der Kapitalismus das menschliche (1) Der Einsatz von Frauen und Kindern in der Pro-
Wesen (auch, aber nicht nur im ökonomischen duktion, der dadurch möglich wird, dass die
Sinne) reicher gemacht (s. o., »Technik als Arbeits- avanciertere Technik die Notwendigkeit der An-
mittel« ). Zum anderen geht Marx davon aus, dass wendung großer Körperkraft auf Seiten des Ar-
die vom Kapitalismus entfesselte Dynamik der Pro- beiters verringert.
duktivkräfte auf Dauer den Rahmen dieser Produk- (2) Die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit zur
tionsweise sprengt (s. o., »Technik als Produktiv- besseren Auslastung der immer kostspieliger
kraft« ) und einer neuen Gesellschaft den Weg bah- werdenden Maschinen.
nen wird, in der das leibliche und soziale Wesen des (3) Die Tendenz zur Intensivierung der Arbeit, die
Menschen adäquat verwirklicht werden kann. in dem Moment einsetzt, in dem soziale Bewe-
In dieser Konzeption ist der Kapitalismus nicht gungen gegen die Verlängerung der Arbeitszeit
als ein neutrales Medium der Produktivkräfte anzu- entstehen und der Normalarbeitstag gesetzlich
sehen. Die technischen Artefakte nehmen unter den eingeschränkt wird.
Bedingungen des Kapitalismus vielmehr eine spezi-
fische gesellschaftliche ›Form‹ an: Sie werden Kapi- Marx hat diese Kritik nicht als eine explizit ethische,
tal. Dies geschieht dann, wenn sie einer Person X sondern als eine ökonomische und politische formu-
von einer anderen Person Y zur Verfügung gestellt liert. Die problematischen Auswirkungen der kapi-
werden, damit X mit Hilfe des Artefakts für Y Arbeit talistischen Technikanwendung reduzieren sich
(und vor allem Mehrarbeit) verrichtet. Das Artefakt nicht auf die Arbeitswelt (s. Kap. IV.C.6), sondern
übernimmt also eine bestimmte Funktion: Er kon- greifen auch auf andere Bereiche der Lebenswelt
stituiert ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen X über. Marx weist etwa darauf hin, dass die Ausbrei-
und Y (genauer: ein Produktionsverhältnis). Kapital tung der Fabrikarbeit nicht ohne Folgen für die
ist für Marx also »nicht eine Sache […], sondern ein Struktur der Familie und der Geschlechterbeziehun-
durch Sachen vermitteltes gesellschaftliches Verhält- gen bleiben kann. Die ökonomischen Grundlagen
nis zwischen Personen« (MEW 23, 793). der alteuropäischen Familie verschwinden und da-
Wenn Marx daher Technik als Kapital analysiert, mit diese selbst.
geht es ihm nicht um die ›Technizität‹ der Technik, Damit öffnet die Marxsche Theorie den Weg zur
um die in ihr materialisierte Zweck-Mittel-Relation, Zuschreibung von moralischer Verantwortung für
sondern um ihre soziale Dimension als ein ›Me- die Folgen des Einsatzes der Technik. Die Technik
92 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

erscheint in ihr nicht als selbständige Kraft. Aus- Rückfall auf eine vortechnische Stufe der Zivilisation
drücklich verwahrt sich Marx gegen die These, dass sein wird. Im Gegenteil: Obwohl die Bourgeoisie die
es die »Maschinerie« selbst sei, die Arbeitslosigkeit alteuropäische Gesellschaft vollständig umgewälzt
produziere: »Es ist eine unbezweifelbare Tatsache, hat und folglich die revolutionärste aller bisherigen
dass die Maschinerie an sich nicht verantwortlich ist Klassen ist und obwohl unter ihrer Ägide auch die
für die ›Freisetzung‹ der Arbeiter von Lebensmit- Technik in einem vorher unvorstellbaren Maße wei-
teln« (MEW 23, 464). Zwischen der Technik und terentwickelt wurde, stößt ihre Anwendung unter
ihrer Verwendung durch konkrete Akteure unter den Bedingungen des Kapitalismus schon zeitgenös-
konkreten gesellschaftlichen Bedingungen ist also sisch auf Grenzen. Für Marx ist die Überwindung
sorgfältig zu unterscheiden: »Die gegenwärtige Ver- des Kapitalismus daher zugleich auch eine Befreiung
wendung der Maschinen gehört zu den Verhältnis- der Technik: »In einer kommunistischen Gesell-
sen unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems, doch schaft hätte daher die Maschinerie einen ganz and-
die Art, wie die Maschinen ausgenutzt werden, ist et- ren Spielraum als in der bürgerlichen Gesellschaft«
was völlig anderes als die Maschinen selbst« (Brief (MEW 23, 414FN). In einer Gesellschaft, die das Pri-
an Annenkow vom 28.12.1846; MEW 27, 456). vateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft und
Doch Marx beschreitet diesen Weg zur morali- kommunistisch organisiert ist, können die Men-
schen Verantwortungszuschreibung nicht. Sein schen »ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell
Interesse gilt nicht den konkreten Akteuren, sondern regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle brin-
den konkreten Bedingungen der Technikverwen- gen, statt von ihm als einer blinden Macht be-
dung. Das heißt natürlich: den durch die kapitalisti- herrscht zu werden, ihn mit dem geringsten Kraft-
sche Gesellschaft gesetzten Bedingungen der Tech- aufwand und unter den, ihrer menschlichen Natur
nikverwendung. Zwar sind diese Bedingungen nicht würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollzie-
naturwüchsig, sondern das Produkt menschlichen hen« (MEW 25, 828).
Handelns; einmal ins Leben gebracht, bilden sie
dann aber den Rahmen, innerhalb dessen das wei-
tere Handeln der Individuen sich vollzieht. Die öko- Rezeption
nomische Theorie von Marx ist auf genau dieses
Handeln fokussiert: auf das den ökonomischen Ge- Der Technik kommt im Marxschen Denken sowohl
setzen des Kapitalismus folgende Handeln der Indi- als Instrument der Vergegenständlichung und Steige-
viduen. Marx war dieser Punkt so wichtig, dass er rung der Gattungskräfte, d. h. als ein unverzichtbares
ihn an einer berühmten Stelle im Vorwort zur ersten Medium menschlicher Selbstverwirklichung, als
Auflage des Kapital hervorhob: auch als Motor der geschichtlich-gesellschaftlichen
Entwicklung, d. h. als ein notwendiger Faktor auf
»Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus, eine
zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es han-
intrinsisch positive Bedeutung zu. Zugleich ist Marx
delt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Perso-
nifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von ein hellsichtiger und scharfsinniger Beobachter der
bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. We- inhumanen Aspekte und Folgen, die der technische
niger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Fortschritt unter kapitalistischen Rahmenbedingun-
Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation gen mit sich bringt. Technik wird dabei in zwei Span-
als einen naturgeschichtlichen Prozess auffaßt, den ein-
nungsfeldern verortet: (a) Als Mittel zur Steigerung
zelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren
Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv der Produktivität und zur Reduktion der Mühsal des
über sie erheben mag« (MEW 23, 16). Arbeitens dient sie der Beherrschung der Natur; als
Medium der Vergegenständlichung und Selbstver-
Wenn er zwischen der »Maschinerie« und ihrer »ka- wirklichung des Menschen ist sie dagegen Teil der
pitalistischen Anwendung« strikt unterscheidet, Versöhnung des Menschen mit (seiner) Natur, eine
geht es ihm also nicht um eine Zuschreibung morali- Bewegung, die Marx als Verwirklichung von Natur
scher Verantwortung an irgendwelche Individuen, und Mensch gleichzeitig auffasst. (b) Als Lebensäu-
sondern um die theoretische Destruktion des ßerung des Naturwesens Mensch lassen sich Arbeit
Scheins einer Identität von Technik und Kapital. Er und Technik als reine Naturphänomene reduktionis-
will zeigen, dass die Kritik an der kapitalistischen tisch fassen; zugleich weisen sie jedoch aufgrund des
Verwendung der Technik keine Technikkritik ist; gesellschaftlichen Charakters des Menschen eine ir-
und dass die Überwindung des Kapitalismus kein reduzibel soziale und historische Dimension auf.
2. Marxistische Technikphilosophie 93

Diese komplexe Struktur führt dazu, dass sich chen Alternativlosigkeit: »Bestärkt durch die Leis-
in  der Rezeption der Marxschen Technikkonzep- tungen von Wissenschaft und Technik, gerechtfer-
tion unterschiedliche Traditionslinien herausbilden tigt durch seine wachsende Produktivität, spottet der
konnten, die jeweils unterschiedliche Elemente die- Status quo aller Transzendenz« (Marcuse 1967, 36).
ser Konzeption betonen, andere in den Hintergrund In den 1990er Jahren ist, vor allem vor dem Hin-
treten lassen. Die eine Linie knüpft vor allem an die tergrund der sich zunehmend verschärfenden öko-
positive Bewertung der Technik bei Marx an, ins- logischen Krise, ein Streit um die Frage entbrannt,
besondere an die von ihm betonte Steigerung der ob die Marxsche Konzeption und die marxistische
Produktivität und Verringerung der Mühsal der Ar- Technikphilosophie in die Tradition des prome-
beit. Schon in der deutschen Sozialdemokratie des theischen Denkens (zu Natur und Technik s. Kap.
19. Jahrhunderts erscheint die Technik vor allem als IV.C.2) gehört, die dem Imperativ der technischen
ein Faktor des Fortschritts (s. Kap. II.4). Diese Deu- Ausbeutung und Beherrschung der Natur verpflich-
tung setzt sich fort, als in der Sowjetunion der Ver- tet ist (vgl. Burkett 1999; Foster 2000 und Hughes
such unternommen wurde, den technisch-ökono- 2000). Alternativ dazu gibt es Stimmen, die einen
mischen Rückstand gegenüber dem Westen aufzu- ›grünen‹ Marx für eine ökologische Ethik und eine
holen. Lenins berühmte Parole »Kommunismus ist auf Respekt vor der Natur basierende Anthropologie
Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Lan- in Anspruch nehmen wollen. Angesichts der kom-
des« (Werke Bd. 31, 414, 513) veranschaulicht die plexen Strukturen, in denen sich das Marxsche
Bedeutung, die der Technik unter diesen prakti- Nachdenken über die Technik bewegt, liegt auf der
schen Bedingungen zugeschrieben wurde. Hand, dass jede der streitenden Parteien gewisse As-
In einer eher philosophischen Perspektive setzt pekte (und zahlreiche Literaturstellen) für ihre ei-
auch Ernst Bloch auf die Technik als Instrument des gene Deutung ins Feld führen kann. Die Einschät-
Fortschritts und der Selbstverwirklichung des Men- zung, dass Marx in dieser Frage keine eindeutige
schen, greift dabei aber nicht allein auf das instru- Antwort bietet, sondern sein Denken mehrfachen
mentalistische Naturverständnis zurück, sondern Spannungen ausgesetzt ist, dürfte dabei am ehesten
nimmt Elemente der Idee einer Konvergenz der Ver- den Sachstand angemessen wiedergeben.
wirklichung von Natur und Mensch auf, die Marx
aus der Philosophie Hegels in seine philosophische Literatur
Anthropologie integriert hatte. Ernst Bloch speku-
Bayertz, Kurt: Technik bei Marx. In: Michael Quante/Erz-
liert in diesem Zusammenhang über einen neuen sébet Rózsa (Hg.): Anthropologie und Technik. München
Typ von Technik; er spricht von einem »Marxismus 2012, 57–70.
der Technik« der das »Ende der naiven Übertragung Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a. M. 1959.
des Ausbeuter- und Tierbändigerstandpunktes auf Burkett, Paul: Marx and Nature. New York 1999.
Foster, John B.: Marx ’ s Ecology. New York 2000.
die Natur« (Bloch 1959, 813) bedeute.
Heller, Ágnes: Marx und die Frage der Technik. In: Michael
Im Gegensatz zu diesen optimistischen Einschät- Quante/Erzsébet Rózsa (Hg.): Anthropologie und Tech-
zungen der Technik greifen Autoren wie Walter Ben- nik. München 2012, 45–56.
jamin, Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse Hughes, Jonathan: Ecology and Historical Materialism.
die gesellschafts- und technikkritischen Aspekte des Cambridge, Mass. 2000.
Marxschen Denkens auf (s. Kap. IV.A.6). Sie kombi- Lenin, Wladimir I.: Werke. 40 Bde. Berlin 1955–1989.
Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Neuwied
nieren dabei die gegen eine instrumentelle Auffas- 1967.
sung der Natur sprechenden Aspekte der philoso- Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. Hg.
phischen Anthropologie von Marx, die sich vor und komm. von Michael Quante. Frankfurt a. M. 2009.
allem seiner Entfremdungskonzeption entnehmen – /Engels, Friedrich: Werke (MEW). Berlin 1956 ff.
lassen, mit den kritischen Beobachtungen, die Marx Quante, Michael: Geschichtsbegriff und Geschichtsphilo-
sophie in der Deutschen Ideologie. In: Harald Bluhm
bezüglich der Auswirkungen der Technik unter ka- (Hg.): Karl Marx/Friedrich Engels – Die deutsche Ideolo-
pitalistischen Vorzeichen gemacht hatte. Vor allem gie. Berlin 2009, 83–99.
unter dem Eindruck des Faschismus und der zuneh- Rabinbach, Anson: The Human Motor. [o. O.] 1990.
menden diktatorischen Entartung des realen Sozia- Wendling, Amy E.: Karl Marx on Technology and Aliena-
lismus unter Stalin ersetzt diese Strömung die opti- tion. New York 2009.
Winkelmann, Rainer (Hg.): Karl Marx. Exzerpte über Ar-
mistische Fortschrittskonzeption des Marxismus beitsteilung, Maschinerie und Industrie. Frankfurt a.M
durch eine pessimistische Konzeption des kulturel- 1982.
len Verfalls und der politischen und gesellschaftli- Kurt Bayertz und Michael Quante
94 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

3. Philosophische als alternative Form des Philosophierens und steht


damit in z. T. direktem, z. T. indirektem Gegensatz zu
Anthropologie anderen Formen. Doch selbst der Ausdruck ›Philo-
sophische Anthropologie‹ muss als Typenausdruck
Der Titel »Philosophische Anthropologie« kann auf verstanden werden, der in Methode und Resultat
verschiedene Weisen verstanden werden. Zunächst unterschiedliche Bemühungen zusammenfasst; als
bezeichnet er eine historische Form des Philo- verbindendes Moment verbleibt letztlich der Bezug
sophierens, die sich wesentlich mit den Werken eini- auf den Menschen als zentralen Gegenstand des Phi-
ger Autoren verknüpfen lässt: Neben Max Scheler, losophierens.
Helmuth Plessner und Arnold Gehlen, deren Über-
legungen bei allen Unterschieden wesentlich etwa
durch die Diagnose der Besonderheit des Men- Der Tier-Mensch-Vergleich
schen charakterisiert sind, ist eine Reihe weiterer
Autoren philosophischer, sozialwissenschaftlicher, Methodologisch zentral für Philosophische Anthro-
kulturtheoretischer aber auch biologischer und pologie ist die Deutung des Tier-Mensch-Verglei-
biologie-theoretischer Ausrichtung anzuführen, zu ches. Aus diesem resultiert für Scheler die Sonder-
welchen etwa Adolf Portmann, Konrad Lorenz, stellung des Menschen, die übereinstimmend als
Erich Rothacker oder Frederik Jacobus Buytendijk eine biologische Sonderstellung verstanden wird (vgl.
zu zählen sind. Doch ist mit diesem historischen Gutmann 2004, Bd. 1). Diese Sonderstellung besteht
Zugriff weder der Differenz der Systeme Recht ge- im Charakter des Menschen als Mängelwesen:
tan, noch werden damit grundlegende Unter- »Kennt man keine höheren Werte als die biologi-
schiede in der Bestimmung von Gegenstand und schen, so muß man ihn mit und trotz seiner Zivilisa-
Methode hinreichend gewürdigt. Immerhin lässt tion als das »krank gewordene Tier« bezeichnen,
sich mit Bernhard Groethuysen (1928) ein Versuch und auch sein Denken erscheint konsequent dann
identifizieren, philosophisch-anthropologische Re- nur als eine Form seiner Erkrankung« (Scheler 1954,
flexion nicht zunächst als positiv-wissenschaftlich 299). Die Besonderheit des Menschen ist als biologi-
zu  fundierendes Vorhaben aufzufassen. Schließlich sche zu verstehen – bei Scheler (1947, 37) und Geh-
wird die Bezeichnung unzuständig, erweitert man len (1986, 24 ff., 31 ff.) mit Bezug auf dessen fehlende
den Fokus auf Ansätze, die zwar ebenfalls auf Einbindung seine »Umwelt«, etwa im Sinne der In-
Konstitution und Bestimmung ›des Menschen‹ ge- stinktreduktion, bei Plessner als exzentrische Posi-
richtet sind, dies aber in systematisch-philosophi- tionalität im Gegensatz zur konzentrischen Positio-
scher Form und z. T.  in expliziter Absetzung oder nalität des Tieres (Plessner 1975, 246 ff.). Für Scheler
Zurückweisung philosophisch-anthropologischen bildet die Mängelform des Menschen die Grundlage
Philosophierens vornehmen (etwa Heidegger 2010). eines echten, evolutionsbiologischen Paradoxons, da
Systematisch sind zwei Formen des Zugriffes zu dieser biologisch eben nicht lebensfähig sei (Scheler
unterscheiden, die eine methodologische Differen- 1947, 57).
zierung erlauben, nämlich zum einen philosophi- Es wird daraus die Unzuständigkeit und letztlich
sche Anthropologie, die als Element oder Moment die Inadäquatheit der evolutionsbiologischen Be-
innerhalb eines umfassenden Verständnisses von handlung des Menschen gefolgert und diesem der
Philosophie fungiert und zum anderen der Versuch, Status als Geist- (im Sinne von Vernunft-)wesen zu-
Philosophische Anthropologie als originäre Philoso- gesprochen. In der Tat kann, bei der vorgenomme-
phie in toto zu verstehen (dazu Weingarten 2005). nen Charakterisierung des Tier-Mensch-Verhältnis-
Das Bemühen der philosophischen Anthropologie ses, schon der Versuch einer wesentlich gradualis-
im ersten Sinne zielt wesentlich darauf, den Men- tisch konzipierten Transformation kaum sinnvoll
schen als Gegenstand des Philosophierens in den erscheinen – eine These, die selbst die in vielen Hin-
Blick zu nehmen, und damit zugleich die Form sichten theoriestrategisch so differenten Ansätze von
der Thematisierung des Gegenstandes selber zu re- Scheler, Gehlen und Plessner miteinander verbindet.
konstruieren  – sie wäre keine vom systematischen Mit dieser Entscheidung ist zudem regelmäßig die
Philosophieren abgelöste Form des Denkens, son- Diskussion der Möglichkeit und Relevanz von
dern bliebe begrifflich an dieses gebunden. »Großmutationen« verknüpft, die in der zeitgenössi-
Philosophische Anthropologie in dem zweiten schen Biologie eine gewisse Relevanz besaß (etwa
oben angesprochenen Sinn kann verstanden werden Plessner 1975, 351 ff.; dazu Gutmann 2004, Bd. 2 u.
3. Philosophische Anthropologie 95

2006). Es droht ein methodischer Widerspruch, der »philosophischen Biologie« (vgl. Plessner 1975,
wenn zugleich die Besonderung des Menschen als 66).
biologische Aussage und die Unzulänglichkeit der Grenzen sind danach charakterisiert durch einen
biologischen Beschreibung für die Erfassung des Doppelaspekt: Sie sind zugleich trennend – was sie
Menschen gelten soll (Gutmann 2004a). mit der einfachen Kontur eines nicht-lebendigen
Körpers gleich macht – und verbindend. Die Grenze
bleibt für den lebendigen Körper in der begrifflichen
Positionalität als Natureigenschaft Bestimmung einer Eigenschaft, die diesem wesent-
lich zukomme (Plessner 1975, 102), eine – im Ver-
Sosehr sich theorie-strategische Gemeinsamkeiten gleich zur Hegelschen Entfaltung des Grenzbegrif-
finden lassen, so wenig folgt doch aus diesen eine fes  – Einschränkung der begrifflichen Mittel (vgl.
einheitliche Theoriestruktur. Im Gegensatz etwa zur Hegel 1986). Diese theoriestrategische Entscheidung
schroffen Absetzung von Natur und Geist, wie sie hat nun auch zur Folge, dass Plessner die Einfüh-
Schelers Ansatz bestimmt, besteht Plessner auf einer rung seiner begrifflichen Mittel nicht mehr eigens
grundsätzlichen Einbeziehung ›des Menschen‹ in rechtfertigen kann: »Grenze« muss zugleich mit den
die Natur (was »sprunghafte« Änderungen übrigens weiteren Bestimmungen lebendiger Köper katego-
nicht ausschließt, vgl. Plessner 1975, 351 ff.). Philoso- rial verstanden werden und insofern jedem Empiri-
phische Anthropologie erhält dabei eine wesentliche schen vorgängig, mithin vor empirischer Revision
Rolle innerhalb eines umfassenden Konzeptes, das geschützt sein, wie eben auch gegenständlich in
letztlich alle Wissensformen umgreift und von einer Erscheinung treten, mithin im empirischen Zusam-
»Philosophie des lebendigen Daseins«, über »philo- menhang gegenständlich ausweisbar sein. Diese
sophische Anthropologie als Hermeneutik« zur »kategoriale Doppelaspektivität« führt zu einer
»Grundlegung der Geisteswissenschaften« führte systematischen Überlastung der begrifflichen Kon-
(Plessner 1975, 30 f.). Auch hier stehen die »Wesens- struktion Plessners, die sich zwischen transzenden-
formen des Menschen« (ebd., 29) im Zentrum – al- talen Rekonstruktionsüberlegungen, phänomeno-
lerdings wird nicht nur ›der‹ Mensch adressiert, son- logischen Erscheinungsanalysen und ganzheitspsy-
dern alle Lebensformen. chologischen Evidenzen bewegt.
Die zentrale Kategorie, von der Plessner die be- Ausgehend von eigenschaftsbezogenen (indikato-
griffliche Grundlage für die Darstellung des Le- rischen) Merkmalen des Lebendigen werden die
bensphänomens (s. Kap. IV.A.4) erhofft, bildet dabei Formen der Grenzbestimmung inhaltlich mit Blick
die »Grenze«, deren Bestimmungen in wichtigen auf die unterstellten »konstitutiven Wesensmerk-
Aspekten mit der bei Georg Wilhelm Friedrich He- male als die Kategorien des Lebendigen« vorgeführt
gel gebotenen übereinstimmen. Die begriffliche Ein- (Plessner 1975, 114). Die Darstellung dieser »Mo-
führung unterscheidet sich insofern grundlegend, dale« erfolgt entlang empirisch-biologisch wohlbe-
als das Modell der Doppelaspektivität im Wesent- kannter Bestimmungen (Entwicklung, Reizbarkeit,
lichen auf Dingbestimmungen in der logischen Vermehrung), wobei deren Thematisierung aber in
Grammatik der Substantialität referiert, also das der engen Form neo-aristotelischer Konzeptionen
Verhältnis von Eigenschaft und Ding betrifft (Pless- erfolgt. Denn Leben erweist sich als »typisch« kon-
ser 1975, 80 ff.). Diese logische Grammatik unter- zipiert (ebd., 137), Entwicklung vollzieht sich we-
liegt selbst der für die Plessnersche Konzeption zen- sentlich in der Bestimmung »harmonischer Äquipo-
tralen »Ganzheits«-Bestimmung, die für lebendige tentialität« der Selbstregulierbarkeit (ebd., 160 ff.),
Körper charakteristisch sei und zur Etablierung der womit Evolution sogleich einen anti-darwinisti-
Grenzbestimmung genutzt wird (ebd., 100 f.). schen Zuschnitt erhält (ebd., 146). Im Gefolge die-
Danach ist der Gegenstand der weiteren Überle- ses an empirischen Resultaten wie konzeptionellen
gungen als lebendiger Körper zu verstehen, dessen Vorentscheidungen der Biologie orientierten Pro-
»Lebendig-Sein« durch die Grenz-Kategorie wieder- gramms ergeben sich drei Stufen der Grenzrealisie-
gegeben werden kann. Eine nähere Bestimmung rung, die als Positionalität je den drei kanonischen
dessen, was unter ›Kategorie‹ zu verstehen ist, wird Lebenstypen von Pflanze, Tier und Mensch zuge-
nicht gegeben, immerhin aber sollen, so Plessner, die ordnet werden können (zur Kritik vgl. Weingarten
weiteren Überlegungen nicht nur nicht-empirisch 2005; Gutmann/Weingarten 2005).
sein, sondern zugleich zu einer Grundlegung der Die spezifische Form der Positionalität ist für den
Biowissenschaften selber taugen, nämlich im Sinne Menschen als exzentrische angelegt – eine Metapher,
96 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

die mit Bezug auf die konzentrische Positionalität Auch Sprache wäre letztlich nichts anderes als die
des Tieres die ursprüngliche Umwelt-Welt-Unter- Differenzierung des Handlungssystems des Men-
scheidung wieder aufnimmt. Die bei Gehlen als In- schen, verstanden als Entlastung erzeugendes, auf
stinktreduktion verstandene Konstitution des Men- erfolgreiches Agieren bezogenes Signalsystem, das
schen erhält hier eine nicht bloß am Defizienzmo- mit dem Handlungssystem wesentlich den instru-
dell orientierte Deutung. Es gelten vielmehr die drei mentellen Charakter teilt. So seien zwar das »kom-
»anthropologischen Grundgesetze« (das Gesetz der munikative, umgehende Sichverhalten, ferner »An-
natürlichen Künstlichkeit, das der vermittelten Un- deutungs-« oder Symbolleistung, selbstempfundene,
mittelbarkeit und jenes des utopischen Standpunk- sinnlich reflektierte Selbsttätigkeit und endlich her-
tes), die wesentlich das Moment der reflexiven Di- abgesetzter, entlasteter Kontakt mit der Welt« (Geh-
stanz und der Selbststellungnahme betonen  – was len 1986, 47) in der Sprache besonders prägnant,
sich eben nur im »über-sich-hinaus-Sein« bestim- keinesfalls aber auf diese beschränkt. Sprache findet
men lässt. Der Mensch ist danach positiv das Wesen, den Anschluss an »vorsprachliches Verhalten« (ebd.,
das aufgrund der exzentrischen Struktur seiner 47), ohne ihre Besonderung als Entlastungssystem
Grenzbildung erst in den drei Formen von Welt  – einzubüßen, was die diagnostische Nähe zu Pless-
Außen-, Innen- und Mit-Welt – zu einem gleichsam ner und die konzeptionelle Nähe etwa zu George
im Ganzen harmonischen Weltverhältnis gelangt Herbert Mead wiederum deutlich einschränkt. Auch
(Plessner 1975, 302 ff.). die beiden hervorragenden Eigenschaften des Men-
schen verdanken bei Gehlen letztlich der biologi-
schen Notlage des Mängelwesens ihre Entstehung.
Von Natur aus ein Kulturwesen:
Pragmatistische Perspektiven
Technik als Transformation der Natur
In der logischen Grammatik der Ding-Kategorie
zwar verbleibend, wie Plessner, aber durch die Aus- Der Ausweg aus dem angezeigten Dilemma, das sich
zeichnung der zugeschriebenen Eigenschaft doch an- aus dem Tier-Mensch-Vergleich ergibt  – und auch
dere begriffliche Mittel verfügbar machend, be- dies eine Gemeinsamkeit bei Scheler, Gehlen und
stimmt nun Gehlen »den Menschen«; dieser sei als Plessner  – wird nicht etwa in einer methodologi-
handelndes Wesen »von Natur aus ein Kulturwesen« schen Kritik des Vergleiches und dessen Zurückwei-
(Gehlen 1986, 32; dazu Weingarten 2001). Immerhin sung gesucht, sondern in der Betonung der Form
lässt sich aber nun aus der Tätigkeit dieses Wesens menschlichen Handelns als dem Ursprung der Be-
sein besonderes Verhältnis zur Umgebung darstellen, sonderheit des Menschen. Dabei steht im Zentrum
das nicht mehr primär Umwelt- sondern Welt-Ver- die Vermutung, dass Technik als Medium der Trans-
hältnis ist. Damit kann der eigentümlichen »Unspe- formation von Natur zu menschlichen Zwecken die
zialisiertheit« (Gehlen 1986, 32) des Menschen Rech- Eigenschaft sei, die das biologisch defiziente Wesen
nung getragen werden, die ihn u. a. zu einem so we- »in der Natur« halte. Allerdings ist die Wertung der
nig in die engen Grenzen des Anpassungsdenkens »zweiten Natur« durchaus different. Gehlen referiert
sich fügendes Lebewesen in biologischer Betrach- nämlich im Gefolge der Mängelwesen-Konzeption
tung werden lässt. Doch gelingt Gehlen mit dieser beständig auf die entlastende Funktion der Umar-
pragmatistischen Herangehensweise nicht nur eine beitung von Natur in Kultur, wobei Entlastung zu-
Erklärung für den Sonderstatus des Menschen als gleich pejorativ darauf verweist, dass damit die Un-
Mängelwesen. Mit der These, dass dieser durch seine abdingbarkeit der Technik selber einhergehe. Der
Bestimmung als handelndes Wesen zugleich auch Mensch wäre gar nicht anders denkbar, denn als
»nicht festgestellt« sei, gewinnt der Ausdruck der technisches Wesen und verlöre bei Verzicht auf
»Welt-Offenheit« eine grundlegend andere Konnota- Technik nicht nur gewisse Entlastungen, sondern
tion. Die Offenheit, die als positive Charakterisie- die eigene Existenzgrundlage:
rung gelten könnte, erweist sich nun nämlich als das
eigentliche Gefängnis, in das die Natur dieses Wesen »Der Mensch ist, um existenzfähig zu sein, auf Um-
gestellt hat. Das Resultat lässt sich an der Darstellung schaffung und Bewältigung der Natur hin gebaut, und
deswegen auch auf die Möglichkeit der Erfahrung der
zweier Systeme demonstrieren, die auf klassische Be- Welt hin: er ist handelndes Wesen, weil er unspeziali-
stimmungen des Menschen referieren, nämlich ›den‹ siert ist, und also der natürlich angepaßten Umwelt ent-
Menschen als homo faber und als zoon logon echon. behrt. Der Inbegriff der von ihm ins Lebensdienliche
3. Philosophische Anthropologie 97

umgearbeiteten Natur heißt Kultur, und die Kulturwelt degger 2010; König 1967 und 1994). Obzwar Ernst
ist die menschliche Welt. […] Die Kultur ist also die Cassirer in An Essay on Man derselben logischen
›zweite Natur‹ – will sagen: die menschliche, die selbst-
Grammatik (hier ebenfalls in direktem Anschluss an
tätig bearbeitete, innerhalb deren er allein leben kann –
und die ›unnatürliche‹ Kultur ist die Auswirkung eines Jakob Johann von Uexküll) folgt, wie es die Orientie-
einmaligen, selbst ›unnatürlichen‹, d. h. im Gegensatz rung an der Ding-Kategorie auch für die Philosophi-
zum Tier konstruierten Wesens in der Welt« (Gehlen sche Anthropologie mit sich brachte (und hier zu ei-
1986, 38). ner ähnlich radikalen Trennung der Natur- und der
Im Gegensatz dazu ergeben die drei »anthropologi- Kultursphäre führte, wie dies bei Scheler anklang;
schen Grundgesetze« Plessners ein durchaus ande- Cassirer 1972 und 1993, dazu Gutmann 2004a), fin-
res Bild. Zwar wird auch hier in der Transformation det sich im Gefolge von Cassirers Philosophie der
der Natur durch Technik ein zentrales Movens der symbolischen Formen aber auch eine grundsätzlich
Entwicklung und Evolution des Menschen zu einem divergente Ausrichtung philosophisch-anthropolo-
Kulturwesen gesehen. Insofern gibt es zwischen dem gisches Denken, in einem an der Differenzierung
»Gesetz der natürlichen Künstlichkeit« und der von Vermittlungsverhältnissen orientierten Ansatz
Gehlenschen These von der »Natürlichkeit des Kul- (vgl. Gutmann 2004a). Hierbei wird Technik zu ei-
turwesens« systematische Ähnlichkeiten. Jedoch ner eigenständigen Formbestimmung, die die Mo-
weisen die Gesetze der »vermittelten Unmittelbar- mente von Mittel, Werkzeug und Medium systema-
keit« und des »utopischen Standpunktes« weit über tisch erfasst und deren Relevanz für die Konstitution
die kompensatorisch gedachte und in der Überbie- des Gegenstandsbezuges expliziert. Zusammen mit
tung wesentlich entfremdungstheoretisch verfasste Sprache ist Technik eine ausnehmend besondere
Gehlensche Konzeption hinaus (Plessner 1975, Form von Vermittlung, da sie nicht nur den Bezug
309 ff.). zum Gegenstand qua Mittel, Werkzeug und Medium
etabliert, sondern sich dies zugleich in doppelläufi-
ger Bewegung vermittelter Selbstverhältnisse voll-
Kritische Würdigung zieht (vgl. Gutmann 2004a). Der Begriff ›Mensch‹
erscheint vermittlungstheoretisch in Doppelung
Philosophische Anthropologie stand in einer inten- einmal als Gegenstand im Dingschema und einmal
siven Auseinandersetzung mit zeitgenössischen For- insofern er Mensch ist, d. h. als entwicklungslogi-
men des Philosophierens, wobei kritische Absetzung scher Gegenstand. In der logischen Grammatik die-
durchaus prävalierte. Prägnant formuliert etwa Max ser Darstellung ist erst die Entfaltung der Äußerun-
Horkheimer eine solche Zurückweisung, die zu- gen und Äußerungsformen dieses Gegenstandes die
gleich ein übliches Verständnis des Anliegens der Bestimmung desselben, wobei die Totalität normativ
Philosophischen Anthropologie dokumentiert: und nicht deskriptiv, rekonstruktiv und nicht konsti-
tutiv verstanden werden muss. Als eine solche Tota-
»Die moderne philosophische Anthropologie ent-
springt demselben Bedürfnis, das die idealistische Phi- lität lässt sich Geschichte ansprechen und  – nicht-
losophie der bürgerlichen Epoche von Anfang an zu be- historisch – als Form der Entfaltung rekonstruieren
friedigen sucht: nach dem Zusammenbruch der mittel- im Sinne des Diktums »Was der Mensch sei, das er-
alterlichen Ordnungen, vor allem der Tradition als fährt er nur durch die Geschichte« (nach König
unbedingter Autorität, neue absolute Prinzipien aufzu- 1967, 219 ff.; dort die weitere Diskussion). Technik
stellen, aus denen das Handeln seine Rechtfertigung ge-
winnen soll« (Horkheimer 1988, 252).
hätte in dieser Darstellungsform die Funktion eines
Momentes, ohne dass damit eine Sonderstellung im
Inwieweit die These von der Suche nach geschichts- Sinne der Philosophischen Anthropologie behauptet
invariantem Wissen über »den« Menschen für alle würde.
Autoren der Philosophischen Anthropologie zu-
trifft, sei dahingestellt. Die Aktivierung empirischen
Wissens an zentralen Stellen der Theorie liefert da- Technikethische Implikationen
für gleichwohl einige Plausibilität. Doch stellte sich
Kritik auch von Seiten hermeneutischer, phänome- Wird Philosophische Anthropologie (in der hier re-
nologischer und neukantianischer Philosophie ein, konstruierten Form) zum Ausgangspunkt ethischer
die zumindest zum Teil ebenfalls auf die Frage nach Erwägungen, so ergibt sich entweder eine strikte
der Art des Wissens gerichtet war, das der Bestim- Verteidigung des rein Technischen als notwendiger
mung »des« Menschen angemessen ist (vgl. Hei- Form menschlicher Reproduktion überhaupt, wie
98 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

dies bei Gehlen deutlich wird. Es kann dann mögli- rie – Zur Renaissance Helmuth Plessners im Kontext der
cherweise an einzelnen Ausprägungen von Technik, modernen Lebenswissenschaften. Bielefeld 2005, 183–
194.
nicht aber an der Struktur derselben Kritik geübt
Habermas, Jürgen: Die Zukunft der menschlichen Natur.
werden. Alternativ erzwänge die an Uexküll orien- Frankfurt a. M. 2001.
tierte funktionalistische Form der Umwelt-Lebewe- Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik I.
sen-Beschreibung eine grundsätzliche Zurückwei- Frankfurt a. M. 1986.
sung interventionalistischer Handlungsformen im Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik.
Ganzen (vgl. etwa Habermas 2001). Hingegen Frankfurt a. M. 2010.
Horkheimer, Max: Bemerkungen zur Philosophischen An-
könnte die Einbindung von Überlegungen aus dem thropologie [1935]. In: Gesammelte Schriften. Bd. 3.
Feld der Philosophischen Anthropologie wichtige Frankfurt a. M. 1988, 249–276.
Hinweise für ein Verständnis des Menschen als tech- König, Josef: Georg Misch als Philosoph. Nachrichten der
nisches Wesen liefern, ohne ihn auf diese Bestim- Akademie der Wissenschaften in Göttingen, philolo-
mung zu reduzieren. gisch-historische Klasse Nr. 7. Göttingen 1967.
– : Probleme des Begriffs der Entwicklung. In: Ders.: Kleine
Schriften. Freiburg/München 1994, 222–244.
Krüger, Hans-Peter: Zwischen Lachen und Weinen. I + II.
Aktuelle Perspektiven Berlin 2001.
– /Lindemann, Gesa (Hg.): Philosophische Anthropologie im
Aktuelle Weiterführungen der Philosophischen An- 21. Jahrhundert. Berlin 2006.
Plessner, Helmuth: Die Stufen des Organischen und der
thropologie – auch im techniktheoretischen Zusam- Mensch [1928]. Berlin 1975.
menhang  – greifen insbesondere die Plessnersche Scheler, Max: Die Stellung des Menschen im Kosmos. Mün-
Konzeption der Doppelaspektivität auf und ver- chen 1947.
suchen, eine die Grenzen von Sozialwissenschaft, – : Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wert-
Philosophie und Lebenswissenschaften aufhebende ethik. In: Gesammelte Werke. Bd. II. Bonn 1954.
Weingarten, Michael: Versuch über das Missverständnis,
Gesamtschau des Menschen zu etablieren, wobei der Mensch sei von Natur aus ein Kulturwesen. In: Jahr-
›Doppelaspektivität‹ in einem weiteren Sinne zu buch für Geschichte und Theorie der Biologie 8 (2001),
verstehen wäre (vgl. Fischer 2008; Fischer/Joas 2003; 137–171.
Krüger/Lindemann 2006; Krüger 2001). – : Philosophische Anthropologie als systematische Philo-
sophie  – Anspruch und Grenzen eines gegenwärtigen
Literatur Denkens. In: Gerhard Gamm/Mathias Gutmann/Alex-
andra Manzei (Hg.): Zwischen Anthropologie und Gesell-
Cassirer, Ernst: An Essay on Man [1944]. New Haven/Lon- schaftstheorie  – Zur Renaissance Helmuth Plessners im
don 1972. Kontext der modernen Lebenswissenschaften. Bielfeld
– : Die »Tragödie der Kultur« [1942]. In: Ders.: Zur Logik 2005, 15–32.
der Kulturwissenschaften: fünf Studien. Darmstadt 1993, Mathias Gutmann
103–127.
Fischer, Joachim: Philosophische Anthropologie. Freiburg
2008.
– /Joas, Hans (Hg.): Kunst, Macht und Institution. Frank-
furt a. M. 2003.
Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung
in der Welt [1940]. Wiesbaden 1986.
Groethuysen, Bernhard: Philosophische Anthropologie.
München 1928.
Gutmann, Mathias: Erfahren von Erfahrungen. Dialektische
Studien zur Grundlegung einer philosophischen Anthro-
pologie. 2 Bde. Bielefeld 2004a.
– : Uexküll and contemporary biology: Some methodologi-
cal reconsiderations. In: Sign Systems Studies 32, 1/2
(2004), 169–186 [2004b].
– : Hugo Dingler und das Problem der Deszendenztheorie.
In: Peter Janich (Hg.): Wissenschaft und Leben. Bielefeld
2006, 113–122.
– /Weingarten, Michael: Der Typusbegriff in philosophi-
scher Anthropologie und Biologie – Nivellierungen im
Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft. In: Ger-
hard Gamm/Mathias Gutmann/Alexandra Manzei
(Hg.): Zwischen Anthropologie und Gesellschaftstheo-
99

4. Lebensphilosophie Weil das Leben das Unmittelbare ist, wird die Tech-
nik (s. Kap. II.1) in dieser Sicht oft als das Mittelbare
verstanden, dessen Gegebensein (u. a. durch Gott)
Die Lebensphilosophie ergänzt die Technikphiloso- metaphysisch erklärt werden kann (vgl. Karafyllis
phie um die Auseinandersetzung mit dem Phäno- 2011). Dahinter verbirgt sich das schöpferische An-
men ›Leben‹, u. a. über die aktuellen Strömungen fangsproblem von Leben wie Technik. Bergsons
der Biophilosophie und Bioethik. Ihr Gedankengut Konzept vom Menschen als kreativem homo faber
findet sich u. a. in den Handlungsfeldern »Technik (Handwerker) ist Teil seiner religionsphilosophi-
und Leben« (s. Kap. IV.C.1), »Technik und Kultur« schen Auseinandersetzung in Die beiden Quellen der
(s. Kap. IV.C.4) und in der philosophischen Anthro- Moral und der Religion (Jena 1933), womit die Tech-
pologie (s. Kap. IV.A.3). nik einen metaphysischen Anfang zugeschrieben
bekommt.
Schon 1907 legte Bergson seine weit rezipierte
Lebensphilosophie Schrift L ’ évolution créatrice vor (dt. 1912), die eine
Kritik an der naturwissenschaftlichen Perspektive
Die Lebensphilosophie ist eine Strömung, deren Be- enthielt: »Das Organische ist wissenschaftlich nur
ginn Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und erforschbar, wenn der Organismus zuvor einer Ma-
Wilhelm Dilthey markieren, die ihren Höhepunkt schine angeglichen worden ist« (Bergson 1912, 99).
im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit Henri Damit wendet er sich gegen den sog. Technomor-
Bergson, Max Scheler, Georg Simmel, Helmuth phismus. Denn der Organismusbegriff ist aus einer
Plessner, Ortega y Gasset u. a. hatte, und die ihre Maschinenmetaphorik hervorgegangen (von griech.
stärkste Kritik bei dem Marxisten Georg Lukács er- organon: Werkzeug), die es ermöglicht, gedanklich
fuhr (Albert 1995). Ihre Wurzeln reichen zurück zu Zwecke in die Lebewesen zu legen und ihre Existenz
den Sensualismus- und Vitalismus-Debatten, die teleologisch zu erklären. Bergson kritisiert damit
sich im Vorfeld der Gründung der Disziplin Biologie Kants Kritik der Urteilskraft (1790), insbesondere
um 1800 entwickelten. Die Lebensphilosophie den Abschnitt »Kritik der teleologischen Urteils-
wehrte sich dagegen, dass das Leben auf einen ab- kraft«. Gemäß Kant können wir Lebewesen nur als
strakten Begriff gebracht werden sollte. Sie entstand technomorphe Organismen erklären, d. h. ›als ob‹
als kritische Strömung gegen eine mechanistische sie etwas zweckhaft Konstruiertes wären. Dieses
und deterministische Sicht auf das Leben durch die gegen eine monistische Sicht auf das Leben vorge-
Naturwissenschaften, aber auch gegen eine intellek- brachte Diktum Kants berührt den heutigen technik-
tualistische Sicht auf das Leben durch die Universi- ethischen Diskurs: in der Frage nach der angemesse-
tätsphilosophie, wie sie durch die Erkenntnistheorie nen Sprache. Denn mit Kant haben Biowissenschaft-
Kants vermittelt wurde; dabei bezog sie durchaus na- ler keine andere Wahl, als in technischen Termini
turwissenschaftliche Kenntnisse mit ein. Die Le- über Lebewesen (d. h. als Organismen) zu sprechen.
bensphilosophie verstand sich daher als Versuch ei- Dabei verbleibt eine nicht-erklärbare Restsumme,
ner umfassenden Strategie, Gesellschaft und Leben die Kant mit dem berühmten Satz ausdrückte, dass
als Ganzes zu betrachten und dem Leben des Men- es wohl niemals einen Newton des Grashalms geben
schen in einer technisierten Welt Sinn und Bedeu- werde (KdU, § 75, Kant 1974, 352).
tung zu verleihen. Kants Aufforderung zum dialektischen Denken
Die Sehnsucht nach einem unmittelbaren Zugriff des Lebens, die durch Hegel noch bestärkt wurde,
auf das Leben beförderte den ethischen Intuitionis- bleibt für technikethische Ansätze wichtig, weil
mus, der durch das Immanenzprinzip entsteht: Weil durch die technomorphen Metaphern und Modelle
der Mensch lebt, erkennt und empfindet, erkennt der Biowissenschaften (z. B. die Zelle als ›Fabrik‹)
und empfindet er auch anderes, das lebt. Diese meta- der Anteil des Nicht-Technischen verborgen wird.
physische Argumentation, die sich etwa bei Bergson Dadurch wird es für die Ethik immer schwieriger,
findet, hat sich durch eine christlich geprägte Rezep- das zweckgerichtete Tun und Unterlassen im
tionsgeschichte über Teilhard de Chardin und Al- Umgang mit dem Lebenden als im Bereich der
bert Schweitzer bis in die Bioethik erhalten (s. u.), menschlichen Handlungsmöglichkeiten und der
findet sich aber auch in der Prozessphilosophie Al- freiheitlichen Entscheidung zu kommunizieren. Die
fred North Whiteheads und bei postmodernen Den- Technomorphie fordert auf, zwischen dem alltags-
kern wie dem Bergson-Interpreten Gilles Deleuze. sprachlichen und dem biowissenschaftlich-techni-
100 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

schen Verständnis von Leben beständig zu vermit- Biologie« ist der Lebenskünstler ein Gestalter seines
teln, d. h. die Restsumme des Nicht-Technischen eigenen Lebens. Dafür braucht er (und sie) verschie-
sprachlich fassbar zu machen. denste Techniken.
Bergson nivelliert die Kantische Konsequenz, Von ihren Methoden her arbeitet die Lebensphi-
dass der nach Erklärung des Lebens bedürftige losophie phänomenologisch, geschichtsphiloso-
Mensch sich seine Erklärungsbedingungen immer phisch und hermeneutisch; sie widmet sich v. a. der
wieder bewusst machen muss: dass der Organismus Narrativität und Historizität des Lebens in Erste und
eben keine Maschine ist. Die Philosophie des Lebens Dritte-Person-Perspektive. Die Strömung, die enge
habe laut Bergson anders vorzugehen, nämlich dass Verbindungen zum englisch-französischen Sensua-
sie das Organische erfassen muss, ohne es vorher zu lismus, zum Neukantianismus wie zur frühen Dar-
mechanisieren (Albert 1995, 95). Dies bedeutet ei- win-Rezeption (Herbert Spencer) hat, übte einen
nen Rückgriff auf die physiko-chemischen Grundla- starken Einfluss auf die Entwicklung der Disziplin
gen. Das Lebendige wird nach Bergson durch den Soziologie aus. Bei einigen Vertretern der Lebens-
sog. élan vital aus der Materie hervor und weiter ge- philosophie wird die Welt und in ihr die Kulturen
trieben, d. h. durch eine Lebensenergie. Sie verfährt (Oswald Spengler) als organismisch strukturiert und
nicht-deterministisch. Auch der Mensch ist von die- im Überlebenskampf verstanden. Jene Sicht, die zur
ser Lebensenergie durchdrungen, die ihn mit der massiven Kritik an der Lebensphilosophie beitrug
Welt interaktiv verbindet. Erkenntnistheoretisch er- und sie in die Nähe der Blut und Boden-Ideologien
möglicht dies einen Intuitionismus, mit der sich das des Nationalsozialismus rückte, lebt in einigen bio-
Lebendige durch eine Besinnung auf die Dauer des und ökozentrischen Ansätzen der Umweltethik fort.
jeweiligen Lebens mit der Welt verständigt. Anstelle Die Sonderstellung des menschlichen Geistes sowie
einer Finalität des Lebens (teleologisches Denken) des Subjekts und seiner Handlungsmöglichkeiten
betont Bergson die Medialität und Temporalität des werden dabei bestritten und so ggf. anti-demokrati-
Lebens, die auch Kreativität und Technik hervor- sche Haltungen bestärkt. Technik ist in dieser Sicht
bringe. Bergson sah sich selbst nicht als Vitalist, un- ein Störfaktor des Lebens und der organismischen
terstützte aber mit seiner Vorstellung vom élan vital Harmonie. Eine andere umstrittene Variante der Le-
Emanationstheorien des Lebens, die sich auch in bensphilosophie, die u. a. durch Ernst Jünger vertre-
Debatten zur Selbstorganisation wiederfinden. ten wurde, feiert im Rückgriff auf Nietzsches ›Willen
Seit Nietzsches Diktum »Lebt gefährlich!«  – ein zur Macht‹ die technische Welt und entwirft einen
Motto gegen das durch technische Kontrollierbar- von Natur aus mangelhaft ausgestatteten Menschen.
keit erzeugte Sicherheitsgefühl des Maschinenzeital- Der Mensch kann in die technische Sphäre eintau-
ters  – debattierte die Lebensphilosophie auch die chen dadurch, dass er sich selbst technisch verbes-
Frage nach dem Verhältnis von Leben und Gefahr. sert – zuvorderst durch die Ausstattung mit Waffen
Denn dadurch, dass Lebewesen sich wandeln, kön- (zu Militärtechnik s. Kap. V.15). Die natürlich gege-
nen sie niemals derart kontrollierbar sein wie Ma- bene Welt scheint lebensfeindlich. Diese Traditions-
schinen  – was Risikodebatten im Bereich der Le- linie lässt sich z. T. in der Transhumanismus-Bewe-
benswissenschaften eine andere Qualität verleiht als gung wiederfinden, die Schnittmengen mit den Dis-
in den Technikwissenschaften (hierzu s. Kap. V.7 kursen zum human enhancement (s. Kap. V.8) hat.
und Kap. V.23). Ebenso berührt es die Frage, ob die Andere Lebensphilosophen wandten sich explizit
Technik deterministisch und damit als Antagonist gegen eine organismische Sicht jenseits der tieri-
der menschlichen Freiheit zu verstehen ist (zum schen Welt, welche für Pflanze und Tier immer nur
Technikdeterminismus s. Kap. IV.A.9). José Ortega y eine Umwelt sein kann, z. B. Helmuth Plessner. In
Gasset und Georg Simmel erachteten das Wagnis seiner Sicht ist die Technik ein Mittel der Welter-
und damit die Gefahr als eine Grundstruktur des schließung für den Menschen, der dadurch eine
menschlichen Lebens, das technische Bestrebungen Welt hat, in der er sein kann. Obwohl der Höhe-
immer mit einschließt. Es bedarf daher keiner expli- punkt der Lebensphilosophie mit dem Kulturpessi-
ziten Aufforderung im Nietzscheschen Sinne, ge- mismus und der Kritik am Fortschrittsoptimismus
fährlich zu leben. Es gilt vielmehr, die Ambivalenz (s. Kap. III.5) zeitlich konvergiert, waren viele Le-
des Lebens auszuhalten und dennoch zu handeln. bensphilosophen der Technik gegenüber aufge-
Dies bereitete eine weitere philosophische Richtung schlossen. So verband Ortega y Gasset 1939 in seiner
der Gegenwart vor: die Philosophie der Lebenskunst. Meditación de la técnica die Zwecke der Technik mit
Anschließend an Ortegas Diktum »Biographie statt einer gelungenen Biographie:
4. Lebensphilosophie 101

»Die Reform der Natur oder die Technik ist wie jeder schluss daran entwickelte sich seit den 1970er Jahren
Wechsel, wie jede Veränderung eine Bewegung mit ih- die sog. evolutionäre Ethik: Es scheint dann, als sei
ren beiden Enden a quo und ad quem. Der Terminus a die Entwicklung der menschlichen Moralität in das
quo ist die Natur, wie sie hier ist. Um sie zu verändern,
muß man den andern Terminus festsetzen, an den sie Evolutionsgeschehen gleichermaßen (koevolutiv)
sich anpassen wird. Dieser Terminus ad quem ist der einbezogen wie der Prozess der Technisierung. Da-
Lebensplan des Menschen. Wie wollen wir seinen ei- bei wird die Willensfreiheit (zu Neurotechnik s. Kap.
gentlichen Zweck nennen? Offenbar: Sich-wohl-Befin- V.18) und Handlungsfreiheit des individuellen Men-
den, Glück« (Ortega y Gasset, o. J., 478). schen unterkomplex betrachtet und damit auch die
Diese Argumentationslinie der Lebenskunst, in der Technikkompetenz.
das Glück über die gesamte Lebensspanne als das
Prioritäre zu den technischen Möglichkeiten der Ge-
genwart festgesetzt wird, ist z. B. in Debatten um die Bioethik
genetische Diagnostik wichtig (s. Kap. V.7). Soll man
seine Biographie inklusive der Krankheiten im Alter Die Bioethik verbindet Argumentationsstränge der
genau planen können oder soll man das Wagnis ein- Lebens- und der Biophilosophie unter explizit ethi-
gehen (dürfen), in die Ungewissheit hinein zu leben? schen Gesichtspunkten. Sie entwickelte sich ab Mitte
Für diagnostische Techniken wird aus ethischer des 20. Jahrhunderts ausgehend von den Neubestim-
Sicht zunehmend ein Recht auf Nichtwissen in An- mungen des Anfangs und des Endes menschlichen
schlag gebracht. Lebens und hat daher enge Verbindungen zur Medi-
zin-, jüngst auch zur Tierethik (u. a. in Fragen der
Xenotransplantation; s. Kap. IV.C.3). Als Kernge-
Biophilosophie biete der Bioethik im Vergleich mit einer Technik-
ethik der Biofakte (zu Leben und Technik s. Kap.
Die Biophilosophie ist eine jüngere Strömung, die IV.C.1) bestehen die Klärung des moralischen Status
sich auf Argumente der Lebensphilosophie bezieht von Lebewesen und vorpersonalen Lebensstufen in
(u. a. Hans Jonas), allerdings stärker das experimen- ihrer nicht-technisierten Form (mit Hilfe der SKIP-
tell-herstellende Handeln im Labor und die biotech- Argumente: Spezies-, Kontinuitäts-, Identitäts- und
nischen Methoden der Nachkriegszeit aufgreift. Sie Potentialitätsargumente) sowie der u. a. aus dem
versteht sich als Wissenschaftsphilosophie im Sinne theologischen Bereich stammenden Natürlichkeits-
einer Theoretischen Biologie und fokussiert damit argumente. Aus der Lebensphilosophie übernimmt
auf Organismen und höher aggregierte Einheiten die Bioethik in manchen Ausprägungen das Imma-
des Lebens wie Spezies, Populationen und Ökosys- nenzprinzip, den Vitalismus sowie den ethischen In-
teme. Im Zentrum steht, meist ausgehend von Im- tuitionismus (auch als Mitleidsethik), der über die
manuel Kants Einsicht in die Technomorphie des Forderung nach dem Eigenwert bestimmter Lebens-
Organismus und Aristoteles ’ Verständnis einer Te- formen und dem zugewiesenen Recht auf ihr Gedei-
leologie des Lebenden, die Objektkonstitution (z. B. hen bzw. ihre Lebensvollendung bis hin zum absolu-
des Modellorganismus) und die Rolle der Beobach- ten Lebensschutz führen kann.
tung (vgl. Köchy 2008). Für die Technikethik ist sie Die tradierten Argumente finden auch in Exper-
in erster Linie relevant, um den biologischen Mög- tenstellungnahmen zur Synthetischen Biologie (s.
lichkeitsraum für die technische Einflussnahme und Kap. V.23) Eingang: In der Stellungnahme der Eidge-
damit die Grenzen der Machbarkeit sowie der Er- nössischen Ethikkommission für Biotechnologie im
klärbarkeit (z. B. natürlicher Zwecke) aufzuzeigen. Außerhumanbereich (EKAH) in der Schweiz kam
Die Biophilosophie entwickelt wichtige Leitdifferen- die Frage nach einer Bakterienethik auf. Die Mehr-
zen wie die von organisch/anorganisch, biotisch/abio- heit der Mitglieder vertrat eine biozentrische Posi-
tisch, Organismus/Lebewesen und Artefakt/Bio- tion, dergemäß Bakterien einen Eigenwert haben,
fakt, die in der Bio- und Technikethik angewandt »weil sie Lebewesen sind«; ihr Eigenwert sei aber in
werden. einer Güterabwägung hierarchisch niedrig zu ge-
Dabei kann sich die Rolle der Beobachtung auch wichten (EKAH 2010, 15–18). Eine kleine Minder-
auf einen metaphysischen Standpunkt aus beziehen, heit votierte für eine pathozentrische Position, die
von dem aus die Evolution und die Entwicklung des auf das Mitleid mit Bakterien abhob. Die Bioethik
menschlichen Geistes als diachron beobachtbar transportiert über die Biotechnologien das sog. An-
scheinen (Evolutionäre Erkenntnistheorie). Im An- thropomorphismus-Problem in die Technikethik:
102 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Lebewesen werden dann nicht mit Begriffen der 5. Kulturalistische


Technik (Technomorphie), sondern mit Begriffen
des menschlichen Lebens, Zusammenlebens und ge- Technikphilosophie
genseitigen Anerkennens erklärt wie z. B. der Würde
und des Interesses (Anthropomorphie). Der Methodische Kulturalismus ist eine in Marburg
Ein weiteres Kerngebiet der Bioethik ist die Inte- begonnene Weiterentwicklung des Methodischen
grität, verstanden als leibliche Ganzheit, was für die Konstruktivismus der Erlanger und Konstanzer
ethische Beurteilung der Organspende, des Organ- Schule. Mit diesem teilt er die Einsichten des linguis-
handels bis hin zum nicht institutionell geregelten tic und des pragmatic turn, d. h. das Programm einer
Body Shopping wichtig ist. Die Begründungs- und philosophischen Sprachkritik sowie ein Begrün-
Bewertungsansätze der Bioethik sind ebenso vielfäl- dungsprogramm von Erkenntnis aus lebensweltli-
tig wie die der Technikethik und speisen sich aus den chem Handeln, ergänzt um einen cultural turn (›Kul-
ethischen Traditionen (vgl. Düwell 2008). turalistische Wende‹), der die Geschichtlichkeit des
Menschen und seiner Lebenswelt rekonstruierend
Literatur berücksichtigt (Hartmann/Janich 1998). Die philo-
Albert, Karl: Lebensphilosophie. Freiburg 1995.
sophisch-kritische Aneignung der historisch vorge-
Bergson, Henri: Schöpferisches Werden. Jena 1912 (frz. fundenen Kultur betrifft neben klassischen Themen
1907). wie Sprache, Wissenschaften oder Institutionen pro-
Düwell, Marcus: Bioethik. Methoden, Theorien und Berei- minent die Technik als zentrales Beispiel für typisch
che. Stuttgart/Weimar 2008. menschliche Kulturleistungen. Damit sind die
Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie
Hauptaspekte einer Kulturalistischen Technikphilo-
im Ausserhumanbereich (EKAH): Synthetische Biolo-
gie  – Ethische Überlegungen (Medienmitteilung vom sophie bereits genannt: Technik soll als Kulturleis-
10.05.2010). In: http://www.ekah.ch/fileadmin/ekah-da tung handelnder Menschen unter historischen Be-
teien/dokumentation/publikationen/d-Synthetische_ dingungen in sprachkritisch geklärten Begriffen be-
Bio_Broschuere.pdf (19.05.2012). schrieben (›rekonstruiert‹) werden.
Jonas, Hans: Das Prinzip Leben. Frankfurt a. M. 1997.
Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft [1790]. Werkaus-
gabe. Bd. X. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt
a. M. 1974 [KdU]. Technik und Technikphilosophie
Karafyllis, Nicole C.: Das technische Dasein. In: Erich Hörl
(Hg.): Die technologische Bedingung. Berlin 2011, 229– Das Wort ›Technik‹ (s. Kap. II.1) steht für einen Re-
266. flexionsbegriff wie die hier ebenfalls einschlägigen
Köchy, Kristian: Biophilosophie zur Einführung. Hamburg
2008. Wörter ›Natur‹, ›Kultur‹ und ›Mensch‹ (letzteres, so-
Ortega y Gasset, José: Betrachtungen über die Technik. In: fern es nicht eine evolutionsbiologische Klassifika-
Ders.: Signale unserer Zeit, Stuttgart/Salzburg [o. J.], tion bezeichnet, sondern ein verantwortlich han-
445–511 (span. 1939). delndes und erkennendes Kulturwesen meint). Das
Nicole C. Karafyllis heißt, diese Substantive sind keine Prädikatoren, die
an Beispiel und Gegenbeispiel bestimmbar zur Be-
zeichnung etwa für natürliche oder kultürliche Ge-
genstände verwendet werden. ›Technik‹ steht viel-
mehr für eine Rede über technische Aspekte von
Sachverhalten (wie entsprechend die anderen Sub-
stantive für eine Rede über natürliche, kultürliche
oder menschliche Aspekte stehen).
Schon deshalb liegt es nahe, dass Technik in einer
Reflexionswissenschaft Philosophie als eigene Bin-
destrichphilosophie ähnlich der Naturphilosophie,
der Sprach- oder Kulturphilosophie betrieben wird.
Zwar fehlt der Technik das Ansehen der Wissen-
schaften, das die Wissenschaftstheorie trägt, oder die
Zuneigung zur Natur, die eine Naturphilosophie be-
flügelt. Technikphilosophie gilt gelegentlich sogar als
philosophisches Leichtgewicht. Aber das könnte ein
5. Kulturalistische Technikphilosophie 103

missverständliches Erbe der griechischen Antike Damit sind die beiden philosophisch grundlegen-
sein, wo der banausos, der Handwerker (ebenso wie den Aspekte des Technischen genannt: Das Attribut
der Sklave und die Frau) nicht die Rechte des polites, ›technisch‹ kommt den vom Menschen in bestimm-
also des Bürgers der Polis genoss. Dieser widmete ter Absicht hergestellten Gegenständen zu, die sich
sich weniger der körperlichen Arbeit als der Politik darin nicht nur in natürlichen, sondern auch in sitt-
und der Erkenntnis (episteme) in der Form der theo- lichen (›praktischen‹) Aspekten unterscheiden. Sie
ria, so dass etwa das technische Wissen eines Archi- können ihre Aufgaben, mit dem lateinischen Lehn-
medes nicht als Wissenschaft galt. wort bezeichnet, ihre Funktion, besser oder schlech-
Technik als Kulturphänomen wirft also schon im ter erfüllen. Da dies nicht zuletzt vom Können des
ersten Schritt eine Fülle von begrifflichen Fragen auf, Herstellers abhängt, wird technisch nicht nur auf die
die mit ihrer reichen Geschichte und ihren variieren- künstlichen Produkte, sondern auch auf das Produ-
den Wertschätzungen zusammenhängen. Deshalb zieren selbst angewandt (und entsprechend bewer-
sollen hier die Verhältnisse von Technik zu Kultur tet).
und Natur, zu Wissenschaft und Geschichte, zu Ethik
und Politik in den sprachlichen Mitteln ihrer Darstel-
lung philosophisch-kritisch reflektiert werden. Technik und menschliches Handeln

Die antiken Abgrenzungen des Technischen finden


Zwei Hauptaspekte der Technik sich wieder in den handlungstheoretischen und
sprachphilosophischen Unterscheidungen einer
Ungeachtet der begrenzten Wertschätzung, welche Kulturalistischen Technikphilosophie. Der Mensch
die Technik in der griechischen Antike unter den zeigt nicht nur seine angeborenen, natürlichen Ver-
Philosophen genoss (s. Kap. IV.A.1), finden sich haltensweisen, etwa die Folgen seiner Körperlichkeit
doch die ältesten und wichtigsten Unterscheidungen (wie Schwere, Volumen oder Temperatur), seiner
zum Technischen bei Aristoteles. Einerseits ver- Lebendigkeit (wie Stoffwechsel, Alterung oder Fort-
dankt sich seinen Vorlesungen über Natur (Physik) pflanzung) und seiner Tierlichkeit (wie Reizbarkeit,
die definitorisch explizite Unterscheidung von ›na- Beweglichkeit oder Zielgerichtetheit), sondern er ist
türlich‹ als dem, was den Grund seines Entstehens ein gemeinschaftliches Lern- und Kulturwesen: Der
und seiner Veränderung in sich selbst trägt, und aristotelische Lehrsatz »Der Mensch zeugt den Men-
›technisch‹ als dem, was künstlich, d. h. vom Men- schen« meint keine biologische Trivialität, sondern
schen handelnd hervorgebracht wird (Aristoteles verweist für das Lebewesen mit Sprache und Ver-
1995a). Andererseits findet sich in seiner Nikoma- nunft (zoon logon echon) darauf, dass es den spezifi-
chischen Ethik (Aristoteles 1995b) die Unterschei- schen Lern- und Kultivierungsweg zum Menschen
dung von (moralisch neutralem) Herstellen, der nur in menschlicher Gemeinschaft (zoon politikon)
poiesis, und dem ethisch zu bewertenden, auf an- vollziehen kann.
dere Menschen gerichteten Beziehungshandeln, der Versteht man modern unter Handeln das, was (im
praxis. Unterschied zum bloßen natürlichen Verhalten)
Diese aristotelischen Unterscheidungen dürfen dem Menschen vom Menschen als Verdienst oder
nicht irrtümlich als ›ontologische‹ Einteilungen der Verschulden zugerechnet wird, dann gewinnen die
Welt in disjunkte Klassen von Gegenständen gelesen spezifisch menschlichen Kulturleistungen der Tech-
werden. Vielmehr bezeichnen die aristotelischen nik als poiesis bzw. praxis ihren theoretischen und
Einteilungen in natürlich/technisch und in tech- ethischen Charakter (s. Kap. IV.A.1).
nisch/praktisch jeweils nur Aspekte, die durchaus an Schon die kinetischen Regungen des Menschen
ein und demselben Gegenstand auftreten können. zerfallen in das natürliche Verhalten (wie atmen,
Wie die künstliche Marmorstatue zugleich die na- verdauen, wachsen, stolpern, Reflexe) und in die
türlichen Eigenschaften des Marmors aufweist, so meist mühsam erlernten, kulturspezifischen Bewe-
kann die ›technisch‹ produzierte Silberschale ›prak- gungshandlungen (wie gehen, tanzen, schwimmen,
tisch‹ zugleich ein zu Unrecht entwendetes Diebes- zeichnen, schreiben, musizieren). Kulturbewegun-
gut sein. Beliebt bei den Philosophen der klassischen gen heißen poietisch, wenn sie auf das Verfertigen
Antike war, die menschlichen Tugenden am Beispiel bleibender Produkte gerichtet sind, die in weiteren
der Eignung eines Werkzeugs für seinen Zweck zu Handlungen als Mittel zu verwenden sind – von den
erklären. Tätigkeiten des Schreiners und des Kochs bis zu all-
104 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

täglichen Lebensvollzügen wie Ankleiden oder Auf- Tierprodukte dagegen sind nicht technisch. Wenn
räumen von Dingen. Menschen in der Biologie die Sprache bereitstellen,
Das lateinische Lehnwort ›Kultur‹ (von lat. colere, in der sie über sich selbst sprechen, anthropomor-
cultum), das die heutige deutsche Alltagssprache nur phisieren, d. h. vermenschlichen sie das Tier durch
noch als Ostbaum- oder Bakterienkultur in ur- unangemessen metaphorische, d. h. übertragene
sprünglicher Bedeutung kennt, ist vom primären Rede. Der Naturalismus verkennt also nicht nur
Wortsinn her der menschliche, planvolle technische Werkzeugherstellung und -verwendung als typisch
Eingriff in das Vorgefundene, das primär das Natür- menschliche Technikleistungen durch falsche Zu-
liche ist. Kurz, Kulturgeschichte beginnt als Technik- schreibungen zu Tieren, sondern auch tierische
geschichte mit der Kultivierung der Natur durch Lerngeschichten in ihrer natürlichen Umgebung
Ackerbau, Viehzucht und Handwerk. Kultur ist pri- und erst recht solche in kultürlichen Situationen
mär von Menschen nach seinen Bedürfnissen und (vom dressierten Polizeihund bis zur neukaledoni-
Zwecken bewirkte, technische Naturveränderung. schen Laborkrähe), wenn er sie naturalistisch als In-
dizien für Kultur im Tierreich interpretiert.
Menschliche Kulturleistungen beruhen vor allem
Technik zwischen Natur und Kultur auf sprachlicher Kommunikation und Kooperation,
die ihrerseits nur als Beteiligungs- und/oder als Ge-
Nachdem Technik so kulturalistisch bestimmt ist – in meinschaftshandlungen verstanden werden können.
der häufig anzutreffenden Zweideutigkeit, dass Wör- Handeln, und Sprechen als Teilbereich des Han-
ter sowohl einen Vorgang wie dessen Ergebnis be- delns, stehen als das, wofür sich Menschen gegensei-
zeichnen – und nachdem die Technik also ebenso im tig verantwortlich machen. Diese Praxis steht unter
Sinne der Beherrschung einer Tätigkeit wie im Sinne Symmetriebedingungen wie »gleiche Rechte, gleiche
deren dinglicher Produkte verstanden wird, ist vor Pflichten«! Solche Symmetrien sind weder zwischen
Naturalisierungen der Technik zu warnen. Auch Mensch und Tier, ja zwischen Mensch und Natur,
Tiere produzieren Dinge, die unabhängig von ihnen noch unter Tieren erreichbar. Denn sie bleiben an
weiter bestehen, wie Vogelnester und Spinnennetze, ein Sprechen gebunden, das Bedeutung und Geltung
Bienenwaben und Termitenhügel, Erdhöhlen und Bi- beansprucht, und damit auch an die wechselseitigen
berdämme, Produkte, die von einzelnen Individuen Deutungen des Handelns eines menschlichen Ge-
oder nur von ganzen Stämmen erzeugt werden. Bio- genübers, das prinzipiell nur unter den Hypothesen
logen und Ethologen betonen gern die Zweckmäßig- der Zweck- und der Sinnrationalität gelingt.
keit solcher Tierprodukte, und behaupten, dass Tiere
Werkzeuge herstellen und gebrauchen. Dabei ver-
kennen sie in der Zuschreibung von Zweckrationali- Technik und Wissenschaft
tät zu tierischem Verhalten die Abhängigkeit der Be-
griffe von Zweck und Mittel von sprachlicher Kom- Technisches Wissen ist, im Unterschied zum theore-
munikation und menschlich-kooperativer Praxis mit tischen (wörtlich übersetzt, zu einem durch Zu-
ihren spezifisch menschlichen Symmetriebedingun- schauen gewonnenen) Wissen, an Handlungsvoll-
gen. Sie bemerken also nicht die Verwechslung der züge und an die Beachtung von Gelingen und Erfolg
eigenen Zweckrationalität als Zuschreibung zu Tier- des Handelns gebunden. Es ist ein knowing how im
leistungen mit diesen als Naturvorgängen. Unterschied zu einem knowing that.
Bei menschlichen, eine Kultur schaffenden Hand- Während die Geschichte der Wissenschaften – je
lungen ist zu unterscheiden zwischen Beteiligungs- nach Definition von Wissenschaft – nur wenige tau-
handlungen, die nur unter Beteiligung anderer Men- send oder gar hundert Jahre alt ist, gehört, wie oben
schen ausgeführt werden und gelingen können (wie gesagt, die Technikform menschlicher Lebensbewäl-
ein Wettlauf oder ein Gespräch), und Gemein- tigung von Anfang an zu seinem kultürlichen Wesen
schaftshandlungen, die nur in Gemeinschaft und und wird deshalb gelegentlich als des Menschen
mithilfe anderer Menschen ihren Zweck erreichen ›zweite Natur‹ bezeichnet. Dienen technische Mittel
können (wie einen Verein gründen). Individual- der Erfüllung primärer und sekundärer Bedürfnisse
handlungen sind dann solche, die auch dem einzel- wie Nahrung, Kleidung und Behausung bzw. Werk-
nen Menschen gelingen und erfolgreich sein kön- zeuge, Waffen und Schmuck, so lösen sich in den his-
nen. Spezifisch technische Handlungen können al- torischen Anfängen der Wissenschaften die neuen
len drei Typen angehören. Formen des Wissens vom direkten Nutzen ab und
5. Kulturalistische Technikphilosophie 105

gewinnen durch ihre sprachliche Form der Theorie matik sowie auf die empirische Kontrolle ihrer Er-
ein Eigenleben. Das wichtigste Beispiel dafür liegt gebnisse beschränkt gesehen wurde (Logischer Em-
(neben Astronomie und Musiktheorie) in den An- pirismus und Kritischer Rationalismus), waren die
fängen der Geometrie der frühen griechischen An- technischen Bedingungen ihres Erfolges aus dem
tike: Wie sich aus Zeichen- und Töpferkunst die Blick geraten. Das heißt, es wurde nicht ausreichend
räumlichen Formen des Kreises und der Kugel und beachtet, dass das technische Erfinden, Konstru-
aus den gezackten Bandmustern die Formen des ieren und Produzieren einerseits die Gegenstände
Winkels und der Parallelität entwickeln, so entstehen naturwissenschaftlicher Forschung liefern, anderer-
die sprachlich argumentativen Muster einer Kunst seits aber selbst gewissen Sachzwängen wie denen
des Aufweisens und Begründens von Behauptungen der zweckmäßigen Reihenfolge von Teilhandlungen
an Artefakten. Die Geometrie hat, ungeachtet ihres in technischen Herstellungsprozessen unterliegen.
dann von Platon und von Aristoteles verschieden be- Wie im täglichen Leben, in dem jeder, der ein ge-
stimmten Status, ihr Fundament in der Technik, ge- kochtes Ei essen möchte, dieses zuerst kocht und
nauer in der handwerklichen poiesis. Und die astro- dann schält, so ist jeder technische Forschungs- und
nomische Anwendung der Geometrie auf die Bah- Produktionsprozess an Reihenfolgen von Schritten
nen von Sonne, Mond und Sternen verdankt sich gebunden, die nur durch den Zweck des Produkts
dem handwerklichen Abbild der Himmelshalbkugel bestimmt sind. Wer eine bemalte Holzstatue her-
in einer steinernen Hohl-Halbkugel (skaphe, Schale) stellt, muss zuerst schnitzen und dann malen; das ist
mit Hilfe eines zentrischen Zeigers (gnomon). weder ein Natur- noch ein Sittengesetz, sondern eine
Damit muss Technik weder im Sinne einer biolo- Folge der Zweckrichtung von Ketten poietischer
gisch dominierten Anthropologie als Kompensation Handlungen auf ein bestimmtes Produkt hin. Nicht
eines Mängelwesens interpretiert werden (Gehlen nur jeder technische Fertigungsprozess eines Pro-
1971), noch müssen, wie in den Anfängen der Tech- dukts, auch jeder Forschungsprozess enthält immer
nikphilosophie (Kapp 1877), technische Produkte und prinzipiell Ketten von Schrittfolgen, die nur bei
als Ersatz oder Erweiterung menschlicher Organe Strafe des Misserfolgs vertauscht werden können.
bewertet werden. Sie sind, wo sie über die Befriedi- Für den Übergang auf sprachliche Beschreibung der
gung primärer und sekundärer Bedürfnisse hinaus- Ergebnisse (oder auch Vorschreibungen, etwa in
gehen, Konstitution und Mittel einer Wissenschaft Funktionsnormen) ist diese Schrittfolge entschei-
von einer kognitiv zu ordnenden und technisch zu dend. Das heißt, der Technikcharakter naturwissen-
beherrschenden Natur. Diese Rolle behält Technik schaftlicher Forschung unterwirft diese einem Prin-
bis in die modernste, heutige Laborforschung, die zip der methodischen Ordnung (Janich 2001).
ihre Gegenstände handwerklich-technisch erzeugen Vergleichbar der Kulturleistung der Sprache hat die
muss, um an ihnen Ergebnisse des Messens, Beob- Kulturleistung der Technik also einen weit reichenden
achtens und Experimentierens zu gewinnen und Einfluss auf die menschliche Vernunft: Wir ordnen
darin eine spezifisch naturwissenschaftliche Form nicht nur unsere poiesis, sondern ebenfalls unsere
der Erfahrung als technisch reproduzierbare hervor- praktischen (u. a. sprachlichen) Handlungen metho-
zubringen (Dingler 1928). disch so, dass z. B. das Bitten vor dem Danken und das
Addieren vor dem Multiplizieren kommt – wie das
(technische) Backen vor dem Essen des Kuchens.
Technik und Rationalität Dieser Beitrag der Technik zu einer Kultur der
Vernunft wird heute auch in aktuellen Kontroversen
Unter dem Einfluss der eindrucksvollen Erfolge em- weit unterschätzt (s. Kap. IV.C.4). Denn die metho-
pirischer Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert dische Ordnung poietischer wie prinzipiell aller
und der empiristischen Uminterpretation des klas- Handlungsketten – auch für die kinesis gilt: Wer über
sisch-physikalischen Weltbildes durch die Physik einen Graben springen möchte, läuft zuerst an und
des 20. Jahrhunderts geriet, entgegen dem offenkun- springt dann, und nicht umgekehrt – zeigt eine spe-
dig gewachsenen Einfluss der Technik auf alle Berei- zifische Offenheit für das Verhältnis von Zweck und
che des Lebens und der Kultur, diese in ihrer ratio- Mittel, die in den dogmatisch bevorzugten Relatio-
nalitätsstiftenden Wirkung völlig aus dem Blick. Wo nen heutiger Wissenschaften, nämlich den logischen
die Naturwissenschaften in ihrem Selbstverständnis und den kausalen Folgen, nicht anzutreffen sind: Es
und in ihren philosophischen Begleittheorien auf kann sowohl verschiedene Mittel für das Erreichen
die syntaktischen Strukturen von Logik und Mathe- ein und desselben Zwecks geben, als auch ein und
106 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

dasselbe Mittel dem Erreichen verschiedener Zwe- man ohne Zögern vom technischen Fortschritt (s.
cke dienen. Dies wird bei einer ethischen Technikbe- Kap. II.4) und exemplifiziert ihn fachmännisch nach
urteilung stets zu berücksichtigen sein. Kriterien wie Effizienz, Vermehrung und Differen-
Damit erweist sich die Kulturalistische Technik- zierung von Funktionen, Verbilligung von Produk-
philosophie auch als Alternative zu einer Technik- tion und Einsatz, Verkleinerung, Nachhaltigkeit von
philosophie als systemtheoretisch orientierter »Tech- Produkten und Produktionen usw. Mit Bezug auf die
nologie« (Ropohl 1999), die in deskriptiver Distanz handlungstheoretische Explikation des Technikbe-
zu den Rationalitätsnormen und methodischen griffs lässt sich die Geschichtlichkeit von Technik als
Sachzwängen menschlichen Handelns die ethischen deren Kulturförmigkeit erkennen, die ihrerseits auf
und politischen Aspekte der Technik und ihrer Ge- eine Technikförmigkeit von Kultur verweist und
schichte von diesen separiert. Eine Technik-Philoso- eine Rede von Fortschritt und »Kulturhöhe« erlaubt
phie dieses Zuschnitts verliert in der abgehobenen (Janich 2003).
Figur des von Verantwortung freigestellten System- Das Verfertigen von Artefakten als Mittel für wei-
konstrukteurs die Vollzugsperspektive des poietisch tere Handlungen geschieht per se als geplantes Han-
und praktisch handelnden Technikers, und damit deln, das sich an den Zwecken von Produkten (ihrer
die conditio humana in einer Technik als Konstitu- Funktion) orientiert. Pläne als Handlungsvorberei-
ens seiner Kultur. tungen durch Handeln lassen sich zwar nicht ohne
Technik erweist sich in praktizierter Zweckratio- Bezug auf, aber ohne Vollzug der geplanten Hand-
nalität als leistungsfähige Figur für die Bestimmung lungen theoretisch diskutieren. Man nennt dies kon-
viel diskutierter Natur-Kultur-Verhältnisse. Wo es struieren (etwa einer Maschine). Nun gibt es im Feld
etwa um Körper-Geist-Probleme geht, von der For- der Konstruktionen die oben bestimmte methodi-
schung zur Künstlichen Intelligenz bis zu den Neu- sche Ordnung. Man muss z. B. das Rad schon erfun-
rowissenschaften, und wo sich die geistigen Kultur- den haben, um eine Maschine mit mehreren aufein-
leistungen des Menschen beharrlich jeder logisch- ander wirkenden Rädern konstruieren zu können.
definitorischen oder kausalen Reduktion auf die Historisch etwa wurde zuerst das Wagenrad verwen-
naturwissenschaftlich-technisch beherrschten mate- det und dann zur Seilrolle uminterpretiert, d. h. als
riellen Träger-Systeme verweigern, dort kann das Mittel für einen neuen Zweck eingesetzt (Umlen-
zweckrationale Verhältnis verschiedener Beschrei- kung von Zugkräften statt Lastentransport auf Wä-
bungen desselben Gegenstandes Lösungen anbieten. gen). Erst wo der Gebrauch der Seilrolle beherrscht
Die physikalisch-technische Beschreibung einer wird, können dann Wellrad (zwei fest miteinander
Rechenmaschine reicht weder logisch noch kausal verbundene Seilrollen verschiedenen Durchmes-
aus, die Geltung der damit gewonnenen Rechenre- sers) oder Flaschenzug konstruiert werden. Trans-
sultate zu zeigen; denn diese Beschreibungen blei- mission von Zugkräften durch Seilrollen wird durch
ben ja auch dann gültig, wenn die Rechenmaschine Erfindung und Einsatz von Zahnrädern abgelöst.
aufgrund eines Defekts falsche Resultate liefert. Erst wo Zahnräder verfügbar sind, kann das Schne-
Analog hat der Mensch nur ein Hirn für Erkennen ckengetriebe konstruiert werden usw. Das heißt, die
und für Irren, so dass Erkenntnisse nicht als kausale methodische Reihenfolge von Konstruktionen tech-
oder funktionale Leistungen des Hirns im techni- nischer Produkte markiert den Prozess schrittweiser
schen Modell bestimmt werden können. Das heißt, Verbesserung und Differenzierung der Funktion,
Naturgesetze sind neutral gegenüber der Kultur des der als Fortschritt zu einer Entwicklungshöhe tech-
Erkennens und ihrer Unterscheidung von Erkennt- nischer Geräte anzusehen ist – in der jeweilig kohä-
nis und Irrtum. Das lehrt aber nur die Technik als renten, nicht umkehrbaren Folge von Konstruktio-
spezifische Verbindung von natürlichen und kultür- nen, deren spätere jeweils die frühere methodisch
lichen Aspekten derselben Produkte (und diese wie- zur Voraussetzung hat. Fiktiv könnte sich ein solcher
der als Modelle für natürliche Gegenstände). Entwicklungsprozess in der Konstruktionsarbeit
(oder im Kopf) eines einzigen technischen Genies
ohne Bezug auf die Kontingenzen geschichtlicher
Technik und Fortschritt Entwicklungen abspielen.
Anders verhält sich dies bei technischen Entwick-
Technik hat im Verhältnis zur Kultur eine weitere, lungen, die von empirischen Umständen abhängen.
wenig beachtete Rolle. Wo es durchaus strittig ist, ob Dass etwa elektrische Ladung über einen metalli-
es in der Kulturgeschichte Fortschritt gibt, spricht schen Draht zur Erde abfließt, kann nur bei Verfü-
5. Kulturalistische Technikphilosophie 107

gen über Metalldrähte entdeckt werden. Historisch zungen, Mittelwahlen, Ergebnisse, Folgen und Ne-
waren diese schon für mechanische Zwecke (Befesti- benfolgen technischen Handelns sind ebenso unter
gungen, Ligaturen, Schmuck) vorhanden, als ihre ethische Aspekte zu fassen wie das praktische Han-
elektrische Leitfähigkeit (von griech. elektron: Bern- deln, d. h. das Beziehungshandeln zwischen Men-
stein, der sich bei Reiben mit einem Tierfell elek- schen.
trisch auflädt) empirisch zugänglich wurde. Auch Allerdings zeigt gerade diese methodisch-kultu-
hier lässt sich eine unumkehrbare Schrittfolge er- ralistische Sichtweise einen Grund, warum eine auf
kennen, die allerdings nicht rein rational-konstruk- Zukunft gerichtete Technikfolgenbeurteilung mo-
tiv definiert ist, sondern historisch kontingente, em- dellhaft auch für Vorhersagen von Kulturentwick-
pirische Einschlüsse aufweist. Aber auch hier sind lungen zu ethischen oder politisch-rechtlichen Zwe-
(etwa bei Anwendung elektrischer Leitfähigkeit für cken an Grenzen stößt: Da der technische Fortschritt
die Konstruktion von Elektromotoren) eine Höher- immer mindestens mit der Umdeutung von Mitteln
entwicklung technischer Mittel und damit ein Fort- zu neuen Zwecken (wie dem Rad vom Wagenrad zur
schritt (s. Kap. II.4) definierbar. Seilrolle) verknüpft ist und allgemein die oben er-
Berücksichtigt man nun den ursprünglichen wähnte Offenheit von Zweck und Mittel zeigt, sind
Wortsinn von Kultur als zweckrationale Naturverän- keine flächendeckenden Vorhersagen von Folgen
derung, so erweisen sich auch einzelne, kohärente und Nebenfolgen möglich (Grunwald 2000). Denn
kultürliche Entwicklungen als Fortschritt. Die da- die menschliche Phantasie bleibt offen für neue
durch erreichte Kulturhöhe ist aber nicht für ›die‹ Zwecksetzungen und Mittelwahldeutungen. Nie-
Kultur insgesamt, also für die Menge aller kultürli- mand kann vollständig vorhersagen, welche neuen
chen Leistungen definiert, sondern nur für jeweils Zwecke mit schon verfügbaren Mitteln verfolgt oder
einzelne, kohärente Entwicklungslinien. Man denke welche alten Zwecke mit neuen Mitteln erreicht wer-
etwa an die historische und methodische Abfolge den können. Darin findet die Verantwortungspflicht
von Tausch, Geld, Währung, Kredit, Zins, Bank, Ak- des technischen Akteurs für die Folgen seines Han-
tie, Börse, um einen nicht an Geräten und Maschi- delns ihre Grenze.
nen, sondern im Bereich menschlicher praxis liegen-
den Fortschritt zu einer bis dahin unerreichten Kul- Literatur
turhöhe anzuführen (Janich 2003). Zugleich wird
Aristoteles: Physik. Vorlesungen über die Natur. Dt. von
daran sichtbar: Fortschritt bedeutet hier keine mora- Hans Günther Zekl. Hamburg 1995a.
lische Wertung, sondern ist ein theoretischer Aspekt – : Nikomachische Ethik. Dt. von Eugen Rolfes, bearbeitet
der Kulturgeschichte (s. Kap. II.4). von Günter Bien. Hamburg 1995b.
Damit lässt sich die Rede von Paradigmenwech- Dingler, Hugo: Das Experiment. Sein Wesen und seine Ge-
schichte. München 1928.
seln und wissenschaftlichen Revolutionen (Thomas
Gehlen, Arnold: Philosophische Anthropologie. In: Meyers
S. Kuhn) ersetzen durch bzw. ergänzen um eine Rede Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 2. Mannheim 1971, 312–
von technischen Innovationen (im weitesten Sinne). 317.
Die historisch faktische Beschränkung kognitiver Grunwald, Armin: Technik für die Gesellschaft von morgen,
und organisatorischer Fortschritte auf die ihn tra- Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Technikge-
genden communities ist dabei unter der Prämisse staltung. Frankfurt a. M. 2000.
Hartmann, Dirk/Janich, Peter (Hg.): Die kulturalistische
transsubjektiver Geltung überwunden. Technischer Wende. Zur Orientierung des philosophischen Selbstver-
und kultürlicher Fortschritt wird an den Entwick- ständnisses. Frankfurt a. M. 1998.
lungen selbst definiert. Kultur lässt sich damit zu- Janich, Peter: Logisch-pragmatische Propädeutik. Weilers-
mindest partiell als objektivierbares Phänomen mit wist 2001.
Entwicklungsrichtungen bestimmen. Die Ge- – : Technik und Kulturhöhe. In: Armin Grunwald (Hg.):
Technikgestaltung zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
schichtlichkeit der Technik liefert hier das Modell Berlin/Heidelberg 2003, 91–104.
für die Geschichtlichkeit der Kultur. Kapp, Ernst: Grundlinien einer Philosophie der Technik
[1877]. Düsseldorf 1978.
Ropohl, Günter: Allgemeine Technologie. Eine Systemtheo-
Technik und Ethik rie der Technik. München/Wien 1999.
Peter Janich

Wegen ihrer intrinsischen Verbindung von Technik


mit menschlichem Handeln ist deren Verantwor-
tungspflichtigkeit unschwer festzustellen. Zweckset-
108 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

6. Kritische Theorie der Technik Menschen. Technikethik hat deshalb die Aufgabe,
»die normativen Hintergründe von Technikbeurtei-
lungen und Technikentscheidungen nach Maßstä-
Kritische Theorie ist zuallererst Gesellschaftstheo- ben rationeller Argumentation zu rekonstruieren,
rie. Auch eine Kritische Theorie der Technik hätte um auf diese Weise zu ethisch reflektierten und ver-
diesem Diktum zu genügen. Darin liegen ihre Be- antwortbaren Entscheidungen zu kommen« (s. Kap.
sonderheit und auch ihre Stärke als Basis für eine I.). Unklar ist jedoch in der heutigen, globalisierten
ethische Bewertung gesellschaftlicher Technisie- und pluralisierten Gesellschaft, was als Vernunft
rungsprozesse. Um zu verstehen, was diese Stärke und damit als allgemeingültiger Bezugspunkt von
ausmacht, ist zunächst zu fragen, vor welche gesell- Kritik gelten kann. Wurde der normative Grund ge-
schaftlichen und wissenschaftlichen Probleme sich sellschaftlichen Handelns in vormodernen Gesell-
Technikethik heute gestellt sieht, auf die die Kriti- schaften noch metaphysisch verortet, so entstand
sche Theorie eine angemessenere Antwort hätte, als im Zuge der Säkularisierung für moderne Gesell-
andere theoretische Ansätze. Darauf aufbauend las- schaften das Problem, das, was vernünftig und sinn-
sen sich in einem zweiten Schritt Grundprämissen voll ist, innerweltlich, aus Gesellschaft und Ge-
der Kritischen Theorie benennen, die für eine Bear- schichte heraus, begründen zu müssen. Alle An-
beitung der genannten Problemstellungen als sinn- sätze jedoch, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts
voll erscheinen. Im dritten und vierten Abschnitt versuchten, Moral und Recht in der Vernunftfähig-
werden zentrale Positionen Kritischer Theorie dar- keit des Menschen, im subjektiven Geist zu begrün-
aufhin befragt, wie sie sich mit Wissenschaft, Tech- den, erwiesen sich spätestens mit den beiden Welt-
nik und Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Auf kriegen und dem Holocaust als ambivalent (vgl.
dieser Basis lässt sich dann abschließend fragen, hierzu Habermas 1985). Diese Ambivalenz ist noch
welchen Stellenwert Kritische Theorie heute – ange- heute für jede Technikkritik maßgeblich; sie ist
sichts der Aporien postmoderner Kritik – hat. Grund- und Ausgangsproblem einer jeden Technik-
ethik:
Einerseits ermöglicht erst die Annahme der prin-
Wissenschaftliche und gesellschaftliche zipiellen Vernunftfähigkeit des Menschen die Idee
Problemlagen als Ausgangspunkt der Freiheit und damit der Aufklärung, der Emanzi-
der Technikethik pation und des gesellschaftlichen Fortschritts. Der
Humanismus, die Menschenrechte und nicht zu-
Die Lebensverhältnisse des Menschen sind heute letzt unser gesamtes Rechtssystem gründen noch
tiefgreifend durch Technik und Wissenschaft ge- heute darauf, dass der Mensch prinzipiell zur Ver-
prägt. Gesellschaft und Technik stehen dabei nicht nunft fähig und damit auch für sein Handeln ver-
nur in einer Wechselbeziehung zueinander. Die antwortlich ist. Mehr noch, jede Idee, die Welt ge-
Selbst- und Umweltverhältnisse des Menschen sind waltfrei zum Besseren hin verändern zu wollen,
vielmehr substanziell technisch und wissenschaft- setzt notwendig an der prinzipiellen Vernunftfähig-
lich durchdrungen. Sei es, dass Bio- und Medizin- keit des Menschen an, baut auf Einsicht, statt auf
technologien tief in unser Selbstverständnis als Indi- Zwang. Andererseits hat sich die moderne, subjekt-
viduen eingreifen, wenn das eigene Leben durch die zentrierte Vernunft als repressiv und hegemonial
Organe von Anderen verlängert werden kann, oder erwiesen, sofern sie all jenem, was ihr als das An-
sei es, dass Informationstechnologien Beziehungs-, dere des Geistes erscheint – der eigenen Natur, der
Arbeits- und Kriegsformen ermöglichen, die weder gesellschaftlichen Umwelt, dem Fremden – die Ver-
an Zeit und Raum noch an körperliche Präsenz ge- nunftfähigkeit und damit Handlungsfähigkeit, Au-
bunden zu sein scheinen. Wissenschaftlich fundierte tonomie und Schutzwürdigkeit abspricht. Diese
und konzipierte Technik ist zum Medium geworden Kehrseite einer zur bloßen Zweckrationalität um-
(s. Kap. IV.A.8), das alle gesellschaftlichen Verhält- geschlagenen Vernunft zeigt ihre furchtbaren
nisse vermittelt, die Selbst- und Umweltverhältnisse Konsequenzen beispielsweise in der Ausbeutung
der Menschen, ihre Beziehungs- und Kommunikati- der Natur seit Beginn der Industrialisierung im
onsformen und nicht zuletzt ihre Produktions- und 19.  Jahrhundert oder im Rassenwahn des Natio-
Reproduktionsweisen. nalsozialismus, mit der industriell betriebenen
Technik erweist sich dabei ebenso als Begren- ›Vernichtung unwerten Lebens‹ in medizinischen
zung wie auch als Ermöglichungsbedingung des Euthanasieprogrammen und im Holocaust.
6. Kritische Theorie der Technik 109

Einige Grundprämissen sprochene Selbstverständnis von (Natur-, Gesell-


Kritischer Theorie schafts- und Geistes-) Wissenschaft als immer schon
gesellschaftlich vermittelt, womit grundlegend die
Aus dieser Problematik resultieren für die Technik- Forderung einhergeht, die eigene gesellschaftliche
ethik Aporien, bei denen der Rekurs auf die Kriti- Rolle als Wissenschaft(ler/innen) zu reflektieren.
sche Theorie hilfreich sein kann. Nicht weil Technik Damit verbunden ist die Annahme einer immanen-
das besondere Thema Kritischer Theorie wäre; ten Vermittlung von Wissenschaft, Technik und Ge-
Technikfragen im engeren Sinne geraten vielmehr sellschaft, deren je konkretes Verhältnis historisch
erst seit Mitte der 1960er Jahre in den Fokus Kriti- bestimmt werden muss, um so den jeweiligen Aus-
scher Theorie (vgl. Böhme/Manzei 2003). Vielmehr gangspunkt kritischer Reflexion zu bilden. Und
versteht sich Kritische Theorie als Gesellschaftstheo- nicht zuletzt ist es der hohe methodische und me-
rie, die soziale Verhältnisse nicht nur zum Gegen- thodologische Anspruch, den Kritische Theorie an
stand hat, sondern immer schon an der Herstellung die Vermittlung von Theorie und Empirie stellt.
vernünftiger gesellschaftlicher Verhältnisse interes- Diese Denkbewegungen einer konsequenten Ver-
siert ist. Wissenschaft wird als Teil gesellschaftlicher mittlung von Individuum und Gesellschaft, (Er-
Verhältnisse verstanden; als Akteurin, die ihre ei- kenntnis-)Subjekt und Objekt, Theorie und Empirie
gene Rolle in der Gesellschaft reflektieren und sich sind hilfreich angesichts jener Aporien, vor die sich
positionieren muss. Die Vorstellung, gesellschaftli- postmoderne Gesellschaftskritik angesichts der
che Verhältnisse einfach nur beschreiben zu können, Technisierung gesellschaftlicher Verhältnisse heute
wie es manchen Soziologietraditionen eigen ist, ist gestellt sieht.
diesem wissenschaftlichen Selbstverständnis ebenso
fremd, wie die Praxis einer Ethik, die sich aus-
schließlich als Spezialdisziplin der Philosophie ver- » … vom Interesse an vernünftigen
steht und nicht in gesellschaftliche Debatten ein- Zuständen durchherrscht …«: Kritische
greift. Theorie in ihrer Gründungsphase
Zum anderen hat sich Kritische Theorie in all ih-
ren Erscheinungsformen mit den Schwierigkeiten In der Gründungsphase der 1920er und 30er Jahre
eines normativen Bezugspunktes von Kritik ausein- blieb der normative Bezug auf die Vernunft des
andergesetzt. In allen Ansätzen finden sich dabei Geistes und das Prinzip der Aufklärung für die soge-
dialektische Denkfiguren, die dem schwierigen nannte ältere Kritische Theorie zunächst noch unbe-
Verhältnis von Rationalität und Rationalitätskritik nommen. Als Orientierung zur vernünftigen Gestal-
Rechnung zu tragen suchen. In Abgrenzung zur Phi- tung gesellschaftlicher Verhältnisse diente ihr die
losophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels wird Dia- Gesellschaftstheorie von Karl Marx und Friedrich
lektik dabei explizit nicht als Aufhebungsmodell ver- Engels (vgl. Wiggershaus 1987; s. Kap. IV.A.2). In
standen. (Erkenntnis-)Subjekt und Objekt werden seinem grundlegenden Aufsatz »Traditionelle und
vielmehr »in einem nicht stillzustellenden, konkre- kritische Theorie« (1937/2011) charakterisiert Max
ten Vermittlungszusammenhang« (Demirovic 1999, Horkheimer, einer der Gründungsväter Kritischer
625) als voneinander durchdrungen gedacht, ohne Theorie, diese noch ganz emphatisch durch Emanzi-
jemals identisch zu sein oder in einer übergeordne- pation: »Die Selbsterkenntnis des Menschen ist nicht
ten Einheit aufzugehen. Deutungsabhängigkeit und die mathematische Naturwissenschaft, sondern die
Zeitlichkeit gelten als zentrale Momente der Wahr- vom Interesse an vernünftigen Zuständen durch-
heit und liegen diesem Dialektikverständnis als we- herrschte kritische Theorie der bestehenden Gesell-
sentliche Bestimmungen zugrunde (vgl. Demirovic schaft« (Horkheimer 2011, 215). Bei Gesellschaft
1999, 623 ff.) Insbesondere dieses Dialektikverständ- handele es sich  – anders als bei Natur  – um einen
nis macht die Kritische Theorie für die normativen wissenschaftlichen Erkenntnisgegenstand, der sinn-
Begründungsprobleme einer Technikbewertung at- haft konstituiert sei und sich selbst organisiere. Im
traktiv, die sich nicht mehr auf universelle Maßstäbe Prinzip bestehe deshalb die Möglichkeit, Gesell-
beziehen kann. schaft nach Vernunftkriterien zu gestalten (vgl.
Darüber hinaus lassen sich weitere Grundprämis- Böhme 2003,13 ff.).
sen benennen, die die Kritische Theorie angesichts Diese Auslegung Kritischer Theorie als Gesell-
der oben genannten Problemlagen für Technikethik schaftswissenschaft in Abgrenzung zur Naturwis-
heute interessant macht. Zum einen das schon ange- senschaft basiert jedoch noch auf der Annahme ei-
110 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

ner fundamentalen Differenz von Gesellschaft und Gesellschaft systematisch in eine Vermittlungsposi-
Natur als Erkenntnisgegenständen, denen unter- tion überführt werden. Unter dem Eindruck des Ho-
schiedliche wissenschaftliche Methoden korrespon- locausts und der beiden Weltkriege suchen die bei-
dieren. Zwar war Horkheimer die Wechselwirkung den Hauptvertreter der älteren Kritischen Theorie
zwischen gesellschaftlicher Reproduktion und der das Umschlagen moderner Rationalität in Barbarei
Produktion wissenschaftlichen Wissens durchaus auf die Naturbeherrschung zurückzuführen, die der
bewusst, wenn er schreibt, »Die Beziehung von subjektiven Vernunft mit ihren Prinzipien der Auf-
Hypothesen auf Tatsachen vollzieht sich […] nicht klärung und des Fortschritts innewohne. Aufklä-
im Kopf der Gelehrten, sondern in der Industrie« rung habe von jeher »das Ziel verfolgt, von den
(Horkheimer 2011, 213). Bezogen auf die Erkennt- Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren
nisobjekte der Naturwissenschaften blieb er jedoch einzusetzen« (Horkheimer/Adorno 1989, 9), konsta-
einem aus heutiger Sicht reduktionistischen Tatsa- tieren sie und rekonstruieren die Genese des autono-
chenbegriff verhaftet: »Das Experiment hat inner- men Subjekts in der abendländischen Vernunft als
halb der Wissenschaft den Sinn, die Tatsachen in ei- zwiespältig (vgl. Habermas 1985, 132 ff.).
ner Weise festzustellen, die der jeweiligen Situation Wie das autonome Subjekt die innere und äußere
der Theorie besonders angemessen ist. Das Tatsa- Natur als das Andere seiner selbst unterdrücke und
chenmaterial, der Stoff wird von außen geliefert« seiner Selbsterhaltung unterwerfe, so trenne die sub-
(ebd., Hervorh. A. M.). jektive Vernunft vom Objekt der Erkenntnis all jene
Dieser Fokus nahm zwar kritisch die soziale und Eigenschaften ab, die dieses vermeintlich nicht aus-
institutionelle Organisation von Wissenschaft in den machen. Als Objekt wird dabei alles verstanden, was
Blick, dass jedoch auch die Naturobjekte selbst von sich bewusster Subjektivität (vergegenständlicht im
der Naturwissenschaft nicht als bloße Tatsachen vor- Individuum und/oder im Sozialen) entzieht, wie an-
gefunden, sondern als sozial konstituierte Natur ver- dere Subjekte, innere und äußere Natur oder die
standen und erforscht werden müssen, blieb hier Dingwelt. Indem das vernünftige Subjekt das, was es
noch außen vor. Der subsumtionslogische Fokus, nicht ist, nach seinen Rationalitätskriterien identifi-
den die Naturwissenschaft auf ihren Gegenstand ziert, klassifiziert und ordnet, schneide es am Ge-
hatte, schien letztlich als angemessene Theorie und genstand alles ab, was sich dem Begriff nicht füge. In
Methodik, um Natur zu erforschen. Diesem »Zu- diesem Sinne wohne bereits der begrifflichen Be-
trauen in die Wohlbegründetheit von Naturwissen- stimmung Herrschaft inne; alltagsweltlichem Wis-
schaft« (Böhme 2003, 15) korrespondierte auch sen ebenso, wie wissenschaftlichen Deutungen: Ver-
noch ein stark fortschrittsoptimistischer Technikbe- steht man beispielsweise Vernunft als Prinzip des
griff, der aus der positiven Rolle resultierte, die die Geistes, gilt der Leib als unvernünftig; versteht man
Entwicklung der Produktivkräfte in der Marxschen die moderne, westliche Gesellschaft als Inbegriff von
Gesellschaftstheorie spielte. Kritische Theorie ak- Fortschritt und Aufklärung, erscheint die natürliche
zeptierte die Technik wie sie war, »weil sie sie als Umwelt als Mittel zum Zweck, erscheinen andere
Randbedingung und Voraussetzung ihrer Konzepte Kulturen und Gesellschaften als rückständig und
vernünftiger gesellschaftlicher Zustände brauchte« entwicklungsbedürftig.
(ebd.). In diesem Sinne war Technik kein genuiner Notwendig sei deshalb ein Kritikprinzip, das die
Forschungsgegenstand der älteren Kritischen subjektive Vernunft an jene Auslassungen erinnere,
Theorie, sie gelangte vielmehr erst mit dem Werk die sie immer schon selber produziere. Mit der
von Herbert Marcuse (1964/1972) und seinen Schü- dialektischen Denkfigur des »Eingedenkens der Na-
lern (vgl. Feenberg 1999) in deren Fokus. tur im Subjekt« (Horkheimer/Adorno 1989), das
Adorno später in seinem Hauptwerk Negative Dia-
lektik (1966/1994) zur »Philosophie des Nicht-Iden-
Zwischen Moderne und Postmoderne: tischen ausbaut«, formulieren Horkheimer und
Kritische Theorie als Philosophie Adorno ein solches Kritikprinzip. Die Philosophie
des Nicht-Identischen des Nicht-Identischen fordert das Denken auf, mit
jedem Begriff, jeder Identifikation auch gleichzeitig
Erst mit dem zweiten bedeutsamen Grundlagentext seine Auslassungen, sein Nicht-Identisches zu reflek-
der Kritischen Theorie, der Dialektik der Aufklärung tieren – ohne jedoch positiv zu benennen, was dieses
(1944/1989) von Max Horkheimer und Theodor W. Nicht-Identische denn sei, da es sich ansonsten wie-
Adorno, sollte die Gegenüberstellung von Natur und der um eine Identifikation handele. Mit diesem Re-
6. Kritische Theorie der Technik 111

flexionsprinzip ist eine Kritikstrategie formuliert, Affirmative Vergesellschaftung


die sich konsequent weigert zu benennen, was (rich- und die Aporien postmoderner Kritik
tig) ist. Sie hält der subjektiven Vernunft einen Spie-
gel vor, der das Denken immer wieder auf sich selbst Wissenschaft und Technik sind heute in einer Weise
zurückwirft: Beim autonomen Subjekt  – und nicht vergesellschaftet, die Horkheimer nicht ahnen
bei dem Anderen der Vernunft – gilt es, nach Herr- konnte, als er die (Natur-)Wissenschaft für ihre Ge-
schaft zu suchen, nach Unvernunft, nach der ›Zwei- sellschaftsferne kritisierte (Horkheimer 2011). So
ten Natur‹. nehmen ökonomische, militärische und andere
Mit diesem Reflexionsprinzip formulieren Hork- nichtwissenschaftliche Interessen heute wesentlich
heimer und Adorno ein Kritikprinzip, das konse- Einfluss auf Forschung und Entwicklung (zur Mili-
quent immanent bleibt; sowohl Vernunft als auch tärtechnik s. Kap. V.15). Auch große technische Sys-
Herrschaft sind auf Seiten gesellschaftlicher Subjek- teme, wie die Energieversorgung oder der medizi-
tivität zu suchen. Überall dort, wo sich Herrschaft in nisch-industrielle Komplex, sind im Experiment
den Schleier des Guten und Wahren kleidet, wie in und in der Anwendung wesentlich auf gesellschaftli-
einer Pflicht zur Gesundheit oder der Reduktion che Infrastruktur angewiesen. Angesichts dieser »af-
menschlicher Existenz auf die Biologie, lässt sich mit firmativen Vergesellschaftung von Wissenschaft und
diesem Prinzip fragen: Qui bono? Wer hat ein Inter- Technik« (Schmid-Noerr 2001, 58 ff.) erscheinen
esse an welchem Wissen, welchen Auslassungen, an normative Forderungen nach Partizipation und
welcher technischen Verfügung? Ein weiterer Nut- Selbstbestimmung, wie sie für die ältere Kritische
zen der Dialektik des Nicht-Identischen ist, dass sich Theorie zentral waren, heute als zumindest nicht
dieses Kritikprinzip auf alle Wahrheiten anwenden mehr ausreichend. Selbstkritik ist vielmehr »längst
lässt. Es ist prinzipiell nicht nur möglich, bürgerliche zum Modus gesellschaftlicher Reproduktion«
Herrschaft und kapitalistische Vergesellschaftung zu (Gamm 2003, 28) geworden, ohne jedoch die beste-
kritisieren; auch jene Gesellschaftstheorien, die sich henden Verhältnisse substantiell zu verbessern.
in der kritischen Tradition der Moderne verorten, In diesem Sinne sieht sich Technikethik heute mit
sind gefordert, ihre Ausgrenzungen, ihr hegemonia- einer Vergesellschaftung von Wissenschaft und
les Potential zu reflektieren. Technik konfrontiert, die die Suche nach allgemein-
Für das oben beschriebene Dilemma der norma- verbindlichen Bezügen von Kritik zusätzlich er-
tiven Begründung gesellschaftlichen Handelns er- schwert. Gemäß dem Diktum Kritischer Theorie,
weist sich die Philosophie des Nicht-Identischen in- dass Gesellschaftstheorie nicht abstrakt argumentie-
sofern als hilfreich, als sie das Dilemma zwar nicht ren kann, sondern ihren Wahrheitsgehalt an den ge-
auflöst, sie begegnet ihm jedoch theoretisch auf der sellschaftlichen Verhältnissen messen muss, wäre
Höhe der Probleme: Politisch und ethisch ermög- ein normativer Bezugspunkt von Kritik ausgehend
licht sie die Aufklärung über die immanenten Gren- von diesem gesellschaftlichen Status Quo zu entwi-
zen einer rein instrumentellen Vernunft und ihrer ckeln. Jeder unvermittelte Rückbezug auf eine Herr-
Manifestationen in Wissenschaft und Technik  – schafts- und Machtkritik, die die theorie- und real-
ohne hegemonial einen besseren Weg vorzuschrei- geschichtlichen Entwicklungen seit dem Zweiten
ben. Angesichts der Aporien, vor die sich Technik- Weltkrieg nicht reflektiert, würde sich als konserva-
kritik zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestellt sieht, tiv und gesellschaftsblind erweisen. Wenn auch viele
mag das als wenig erscheinen. Der folgende Blick auf aktuelle Ansätze Kritischer Theorie heute noch eine
die real- und theoriegeschichtlichen Entwicklungen differenzierte theoretische Auseinandersetzung mit
der letzten 50 Jahre bestätigt jedoch, dass ein affir- Technik ausblenden, so gibt es doch verschiedene
mativer Bezug auf die subjektive Vernunft, mit ihren Theorierichtungen, an die eine Kritische Theorie der
Prinzipien der Freiheit, der Aufklärung und des ge- Technik in diesem Sinne anknüpfen könnte.
sellschaftlichen Fortschritts, zwar einerseits nicht Jürgen Habermas beispielsweise – Schüler Ador-
mehr ungebrochen möglich ist, andererseits jedoch nos und Horkheimers und Begründer der neuen
notwendiger denn je erscheint. Kritischen Theorie der Frankfurter Schule – antwor-
tet auf das normative Begründungsproblem, indem
er trotz aller Schwierigkeiten an der Idee der Selbst-
begründung der Gesellschaft in der modernen Ver-
nunft festhält. Er verortet den normativen Grund
von Kritik jedoch nicht im subjektiven Geist, son-
112 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

dern in der Sprache, bzw. in der Intersubjektivität So emphatisch, wie Gamm hier das Gelingen ei-
idealer Sprechakte. Kommunikation, so Habermas, ner kritischen Theorie in der Postmoderne als un-
sei prinzipiell auf Verständigung ausgerichtet, wes- möglich charakterisiert, so stark bleibt er dennoch
halb ihr ein Vernunftmoment innewohne, das als ihren Argumentationsfiguren verhaftet: Einer Dia-
allgemeiner normativer Bezugspunkt gelten könne lektik, die – als permanenter Prozess gedacht – Ein-
(vgl. Habermas 1981/1987). Obwohl seine Diskurs- zelheit und Allgemeinheit als vermittelt denkt, ohne
theorie auch heftig kritisiert wurde – als inhaltsleer, sie zugunsten eines Ersten aufzuheben; einer starken
kontrafaktisch von idealen Sprechakten ausgehend Subjektivität, die als Gegenprinzip zu einer hegemo-
und damit als realitätsfern (vgl. Gamm 2003, 30) – nialen Allgemeinheit auftritt; und nicht zuletzt
hatte sie nachhaltigen Einfluss auf demokratietheo- bleibt auch seine auf Dauer gestellte Kritikpraxis
retische Strömungen in der Politikwissenschaft und eine Selbstkritik der Vernunft im modernen Sinne.
damit auch auf (partizipative) Verfahren demokrati- Andernfalls ließe sich nicht erklären, wodurch eine
scher Technikbewertung (vgl. Grunwald 2010). Kritik, die sich inhaltlich durch nichts (oder alles)
Als ein anderes Beispiel lassen sich poststruktura- auszeichnet, letztlich legitimiert ist. Entgegen seiner
listische Theorien nennen. Mit Jacques Derrida, Mi- Intention lässt sich Gamm damit in eine Reihe von
chel Foucault, Giorgio Agamben u. a. hat sich seit theoretischen Ansätzen einordnen, die versuchen,
den 1970er Jahren eine Theorierichtung herausge- die Grundlinien Kritischer Theorie für eine Kritische
bildet, die die Denkstrukturen abendländischer Theorie der Technik und der Natur fruchtbar zu ma-
Theorietraditionen dekonstruiert und den Blick auf chen (als Überblick vgl. Böhme/Manzei 2003).
die Bemächtigung des Lebendigen lenkt, die im Mit diesen Beispielen postmoderner Gesell-
Kern moderner Macht liegt. Hieran können Arbei- schaftskritik wird nochmals deutlich, vor welche
ten anschließen, die, z. B. für eine kritische Ausein- Probleme sich eine gesellschaftstheoretisch fun-
andersetzung mit der Biotechnologie, dekonstrukti- dierte Technikethik heute gestellt sieht. Weder
vistische Theorien mit einem Rekurs auf die ältere theoretisch noch politisch kann die normative
Kritische Theorie verbinden (vgl. Manzei 2003; We- Selbstbegründung von Kritik heute hinter die ge-
ber 2003). Ihr Interesse ist es, konsequent antipositi- sellschaftliche Diagnose der Dialektik der Aufklä-
vistisch zu argumentieren, ohne einen normativen rung zurück – ein universeller normativer Maßstab
Standpunkt jenseits von Vernunft und Aufklärung lässt sich nicht (mehr) positiv angeben, ohne hege-
einzunehmen. monial zu werden, während sich individuelles und
Als letztes Beispiel einer postmodernen Antwort gesellschaftliches Handeln gleichzeitig ohne allge-
auf das Begründungsproblem soll der Ansatz des meingültige Normen nicht legitimieren lässt. Die
Darmstädter Philosophen Gerhard Gamm erwähnt affirmative Vergesellschaftung von Wissenschaft und
werden. Eine kritische Theorie, so schreibt er, sei Technik fordert vielmehr von jeder ernstzunehmen-
endgültig nicht mehr möglich, sofern sie in klassi- den Technikkritik eine elaborierte Reflexion ihres
scher Manier im Namen einer allgemeinen Vernunft eigenen normativen Bezugspunktes. Hier verspre-
argumentiere und auf einen daran gemessenen Man- chen die Grundprämissen Kritischer Theorie zwar
gel hinweise. keine Lösung; ihre dialektischen Vermittlungsfigu-
»Kritik besitzt keinen externen Gegenhalt mehr, weder ren ermöglichen jedoch eine Analyse der historisch
in der Geschichte noch in den letzten Gründen von ko- konkreten Konstellation von Technik, Wissenschaft
gnitiven oder archaischen oder leiblichen Weltbezügen und Gesellschaft, von der eine normative Begrün-
[…]. Wenn aber radikal mit jeder externen […] Refe- dung der Technikethik ihren Ausgang nehmen
renz für unsere Urteils und Handlungssicherheit gebro-
kann.
chen wird, […] dann ändert sich auch die Form der Kri-
tik, die, nur auf sich selbst gestützt, allein in ihrem Voll-
zug sich orientieren kann; kurz, Kritik wird radikal auf
Performativität, auf Vollzug als Substanz der Kritik um-
Literatur
gestellt« (Gamm 2003, 30).
Adorno, Theodor W: Negative Dialektik [1966]. Frankfurt
Performative Subjektivität (im Sinne eines perma- a. M. 81994.
nenten Vollzugs von Kritik) soll hier den Platz beset- Böhme, Gernot: … vom Interesse an vernünftigen Zustän-
zen, den in der Subjektphilosophie Immanuel Kants den durchherrscht … In: Ders./Alexandra Manzei (Hg.):
Kritische Theorie der Technik und der Natur. München
die ›Spontaneität‹ einnahm, soll die Verweigerung 2003,13–25.
gegenüber einem hegemonialen Allgemeinen er- – /Manzei, Alexandra (Hg.): Kritische Theorie der Technik
möglichen und so einen neuen Anfang gestatten. und der Natur. München 2003.
7. Feministische Technikphilosophie 113

Demirovic, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Die 7. Feministische


Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter
Schule. Frankfurt a. M. 1999. Technikphilosophie
Feenberg, Andrew: Questioning Technology. London 1999.
Gamm, Gerhard: Kritische Theorie nach ihrem Ende. In:
Gernot Böhme/Alexandra Manzei (Hg.): Kritische
Theorie der Technik und der Natur. München 2003, 25–36. Charakteristika und Forschungsfragen
Grunwald, Armin: Technikfolgenabschätzung  – Eine Ein-
führung. Berlin 22010. Feministische Technikphilosophie untersucht die
Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne.
Zwölf Vorlesungen. Frankfurt a. M. 1985. Verwobenheit von Geschlechterverhältnissen mit
– : Theorie des kommunikativen Handelns [1981]. Bd. 1 und technologischer Forschung und Entwicklung. ›Tech-
2, Frankfurt a. M. 41987. nik‹ wird dabei grundsätzlich als kulturelles Projekt
Horkheimer, Max: Traditionelle und kritische Theorie und Produkt verstanden, das in soziokulturellen
[1937]. In: Ders.: Traditionelle und kritische Theorie. Prozessen von Personen in ihren jeweiligen sozio-
Frankfurt a. M. 2011, 205–260.
– /Adorno, Theodor W: Dialektik der Aufklärung: Philoso- kulturellen Positionierungen mit vielfältigen politi-
phische Fragmente [1969]. Frankfurt a. M. 1989 (engl. schen und ökonomischen Interessen hergestellt
1944). wird. ›Geschlecht‹ wird dabei als Kategorie verstan-
Manzei, Alexandra: Körper – Technik – Grenzen. Kritische den, die keine Eindeutigkeit von sich aus hat, deren
Anthropologie am Beispiel der Transplantationsmedizin. Deutung vielmehr gerade auch im Zusammenhang
Münster/Hamburg/London 2003.
Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch [1964]. mit Technologieentwicklung ständig neu verhandelt
Neuwied/Berlin 51972. wird. Daher untersucht feministische Technikphilo-
Schmid-Noerr, Gunzelin: Zur sozialphilosophischen Kritik sophie technologische Prozesse, die dazu beitragen,
der Technik heute. In: Zeitschrift für kritische Theorie 12 dem Geschlecht Eindeutigkeit zu verleihen, seine
(2001), 51–68. Normalität und Abweichung zu bestimmen und
Weber, Jutta: Umkämpfte Bedeutung. Naturkonzepte im
Zeitalter der Technoscience. Frankfurt a. M. 2003.
seine Zuordnung in einer hierarchischen Ordnung
Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theo- zu regeln. Feministische Technikphilosophie fragt
retische Entwicklung, politische Bedeutung. München/ erstens, auf welche Weise technologische Entwick-
Wien ²1987. lungen mit tradierten Geschlechterhierarchien ver-
Alexandra Manzei bunden sind, die Personen mittels geschlechtlich de-
finierter Identitäten und Körper gesellschaftlichen
Strukturen eindeutig und ungleich zuordnen. Zwei-
tens fragt sie, auf welchem Weg technologische Ent-
wicklungen dazu beitragen können, stereotype Bil-
der und Bedeutungen von Geschlecht zu hinterfra-
gen und hierarchische Geschlechterordnungen zu
überwinden.
Feministische Technikphilosophie fragt, drittens,
nicht nur nach den materiellen und diskursiven
Konsequenzen technologischer Entwicklung für
Personen unterschiedlichen Geschlechts, sondern
auch, in welchem Zusammenhang technologische
Forschung und Entwicklung mit den spezifischen
Bedürfnissen und Wünschen einzelner und ganzer
Gruppen steht. Sie untersucht, inwiefern ein ge-
schlechtlich definiertes kulturelles Wertesystem spe-
zielle Bedürfnisse und Wünsche nach spezifischen
technologischen Entwicklungen erst hervorbringt,
auf welche Weise diesen durch technologische For-
schung begegnet wird und wer in welcher Weise da-
von profitiert. Feministische Technikphilosophie
fragt allerdings auch nach Möglichkeiten, mittels
technologischer Forschung und Entwicklung zu ei-
ner geschlechtergerechten gesellschaftlichen Ent-
114 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

wicklung beizutragen, in welcher weder der Zugang schen Untersuchungen über die Erforschung und
zu technologischen Ressourcen vom Geschlecht von Entwicklung der Reproduktionstechnologien ge-
Personen abhängt, noch die Zuschreibung techni- speist wurde (Saetnan et al. 2000). Dabei standen zu-
scher Kompetenz, noch die Entscheidung über Steu- nächst Fragen nach dem Verhältnis von Geschlecht
erungen technologischer Forschung. Mit Blick auf und Autonomie sowie nach dem Verhältnis von Ge-
globale Strukturen tradierter Ungleichheit wird in schlecht und menschlicher Natur im Zentrum der
der feministischen Technikphilosophie Ausschluss Auseinandersetzung und verlangten nach einer Ori-
und Einschluss, Ausbeutung von Ressourcen, Profite entierung durch Ansätze feministischer Ethik (Hof-
und Privilegien mit der Vision einer an demokrati- mann 1999). Es wurde untersucht, warum die medi-
schen Werten orientierten Kultur des Cyberfeminis- zintechnologische Behandlung des weiblichen Kör-
mus konfrontiert und erörtert. pers sehr rasch im Mittelpunkt der Forschung und
Eher an den Rändern der akademischen Philoso- Entwicklung im Bereich der In-vitro-Fertilisation
phie situiert, stellt die feministische Technikphiloso- stand, obwohl damit eigentlich dem Problem männ-
phie ein transdisziplinäres Feld dar, das einerseits licher Unfruchtbarkeit begegnet wurde (Oudshoorn
fließende Grenzen zur auch empirisch ausgerichte- 1994). Ebenso wurde erforscht, warum in Bezug auf
ten – und ohnehin schon transdisziplinären – fe- Contrazeptiva in ähnlicher Weise die medizintech-
ministischen Wissenschafts- und Technologiefor- nologische Behandlung des weiblichen und nicht
schung aufweist. Andererseits verbindet die feminis- des männlichen Körpers fokussiert wurde (Ouds-
tische Technikphilosophie verschiedene Bereiche hoorn 2005). In beiden Fällen konnte Nelly Ouds-
innerhalb der Philosophie, wie politische Philoso- hoorn zeigen, dass die entscheidenden Faktoren
phie, Erkenntnistheorie, Philosophiegeschichte und nicht in der Natur der Sache bzw. der unterschiedli-
insbesondere Ethik. Bemerkenswert scheint, dass es chen biologischen Ausstattung der Körper lagen,
bisher nur wenige Ansätze in der feministischen sondern in den historisch bedingten Unterschieden
Technikphilosophie gibt, die über einige allgemei- der Verfügbarkeit von Frauen und Männern als For-
nere Überlegungen hinaus Versuche starten, den schungsgegenstände bzw. in der sozial konstruierten
umfangreichen Diskurs zur feministischen Ethik unterschiedlichen Zuschreibungspraxis von Schmerz-
systematisch mit der feministischen Technikphilo- empfindlichkeit und Zuverlässigkeit auf die Ge-
sophie zu verknüpfen. Hier gibt es dringende For- schlechter.
schungsdesiderate. Unter Bezugnahme auf konkrete empirische For-
schungen haben Vertreter/innen feministischer
Technikphilosophie umfassende Analysen abgelei-
Zur Geschichte tet. Insbesondere Susanne Lettow spricht sich in ih-
rer Kritik an den Biophilosophien (s. Kap. IV.A.4)
Die Entstehung der feministischen Technikphiloso- dagegen aus, »Philosophie vom empirischen Wissen
phie ist im Zusammenhang mit der internationalen fernzuhalten« (Lettow 2011, 290) und entsprechende
Frauenbewegung in den 1970er Jahren zu verstehen, Begriffe lediglich metaphorisch aufzugreifen. Gegen
die innerhalb wie außerhalb der Hochschulen zu ei- eine Aufspaltung von Philosophie und Natur- und
ner grundlegenden Wissenschafts- und Technikkri- Technikwissenschaften als zwei Kulturen argumen-
tik geführt hat. tiert sie für eine philosophische Auseinandersetzung
Die Reproduktionstechnologien stellten dabei ei- mit aktuellen Entwicklungen technowissenschaftli-
nen konstitutiven und kontroversen Bereich femi- cher Forschung. Dies sei einerseits bezüglich einer
nistischer Technikphilosophie dar. Shulamith Fire- umfassenden Macht- und Herrschaftskritik geboten,
stone propagierte die neuen Reproduktionstechno- insbesondere im Zusammenhang mit den noch stets
logien als Chance für die Befreiung der Frauen von hierarchischen Geschlechterverhältnissen. Anderer-
der Tyrannei der Fortpflanzung (Firestone 1970). seits gelte es auf diesem Weg Perspektiven und Mög-
Demgegenüber sah Gena Corea darin eine Intensi- lichkeitshorizonte zu öffnen, im Hinblick auf eine
vierung der Herrschaft von Männern über Frauen »wünschenswerte Zukunft« (ebd., 294).
(Corea 1985). In diesem Spannungsfeld entwickelte Als eine Pionierin feministischer Technikphilo-
sich eine internationale feministische Technikde- sophie erörtert Elisabeth List in ihrem Buch Vom
batte, die sowohl von utopischen Visionen einer von Darstellen zum Herstellen (2007) die Funktion der
Geschlechteregalität gekennzeichneten Gesellschaft Naturwissenschaften und Technologien in der
als auch von umfassenden historischen und empiri- Entwicklung des Kapitalismus. Sie stellt dem viel be-
7. Feministische Technikphilosophie 115

schworenen Wahrheitsanspruch die technowissen- Wünsche, Bedürfnisse, Präferenzen und Erfahrun-


schaftliche Verflechtung mit ökonomischen Interes- gen als repräsentativ für alle zukünftigen Nutzer/in-
sen, persönlichen Ambitionen und politischen Vor- nen betrachtet. In der Robotik wird die ›Implemetie-
haben gegenüber. Auf dem Weg vom Darstellen zum rung‹ von Sozialität und Emotionalität in Artefakte
Herstellen von Wirklichkeit stellen ihr zufolge die als nur scheinbare Aufnahme feministischer Ratio-
Chemie des 19. Jahrhunderts mit der Synthese neuer nalitätskritik hinterfragt (s. Kap. V.21). Dadurch
Substanzen im Labor (s. Kap. V.24) und die Moleku- werde die Konstruktionsleistung der Erfinder/innen
larbiologie des 20. Jahrhunderts mit der gentechni- einerseits verdeckt und andererseits erhöht, jedoch
schen ›Herstellung‹ von Organismen entscheidende werde damit nicht zur Beseitigung von Geschlech-
Schritte dar. Ihre These von der Gewalt als latentes terstereotypen und Hierarchisierungen beigetragen
Merkmal des wissenschaftlichen Habitus belegt List (Weber 2010).
mit Beispielen für die Ausrichtung wissenschaftli-
cher Forschung auf Kriegsziele und (neo-)koloniale
Unterwerfung. List kritisiert die den modernen Na- Zentrale Fragen und Ansätze
turwissenschaften zugrundeliegende Objektivierung
des Selbst- und Weltverhältnisses und plädiert für Wegweisend für die feministische Technikphiloso-
ein neues Verständnis des Kosmos als Zusammen- phie wurde das »Manifesto for Cyborgs« (Haraway
hang des Lebendigen. Hierfür müssten das Bild vom 1985, dt. 1995). Es war geleitet von der Idee, dass es
Selbst, das Bild von Erkenntnis, von der Natur und notwendig ist, die moderne Geschlechterdichotomie
insbesondere auch die Bilder vom Weiblichen und zu überwinden, um eine demokratischere Zukunft
Männlichen neu gezeichnet werden. zu erreichen. Demnach müssen Frauen an den tech-
nologischen Prozessen beteiligt werden, gerade weil
technologische Entwicklungen die Realität aller Ge-
Themen der feministischen schlechter gestaltet. Erstens seien alle Menschen, un-
Technikforschung abhängig vom Geschlecht, längst Cyborgs, also cy-
bernetic organisms. Das bedeutet, dass sich niemand
Weitere Fokuspunkte der Debatte stellen der diskur- mehr der Verwobenheit beispielsweise des eigenen
sive Ausschluss von Frauen aus der Technik, das Lebens oder des eigenen Körpers mit der technolo-
Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. die ›Ver- gischen Artefaktualität moderner Kultur entziehen
menschlichung‹ und damit ›Vergeschlechtlichung‹ könne. Zweitens sei die männliche Dominanz in der
der Technik dar (Berghahn 1984; Saupe 2002). Die Technologie keine logische oder materielle Notwen-
weitverbreitete Meinung, dass Technologie eine digkeit, sondern veränderbar. Es sei sogar historisch
Männerkultur sei, wurde als mächtiger kultureller und politisch dringend notwendig, feministische
Mythos entlarvt, mit dem Frauen systematisch von Perspektiven in technologische Prozesse und Erfin-
Entscheidungsprozessen in technologischer For- dungen einzubringen, anstatt sich auf eine ideali-
schung und Entwicklung ausgeschlossen wurden sierte und marginalisierte weibliche Geschlechter-
und der Beitrag von Frauen zur Technologieent- position zurückzuziehen. Drittens könne die/der/
wicklung marginalisiert wurde (Wajcmann 1991). das Cyborg im Verzicht auf eine eindeutige Positio-
Die Erkenntnis Judy Wajcmanns von Technik als so- nierung in naturalisierten Geschlechtergegensätzen
zialer Konstruktion (s. Kap. IV.A.10) eröffnete eine eine für feministische Politik interessante Leitfigur
grundlegende Erweiterung des Forschungsfeldes der sein. Die Cyborg-Figur wird also für eine verantwor-
feministischen Technikphilosophie. Die aktuelle tungsvolle und Vergnügen bereitende Verwischung
Studie Technologies of Inclusion. Gender in the Infor- von Dichotomien wie Natur/Technik, weiblich/
mation Society zeigt, dass es bis heute nicht selbst- männlich, Tier/Mensch, Objekt/Subjekt stark ge-
verständlich ist, dass alle in gleicher Weise in die In- macht, die als herrschaftsstützend analysiert werden.
formationsgesellschaft einbezogen sind und in glei- Damit wurde sowohl die konstitutive Verknüpfung
cher Weise davon profitieren (Sørensen/Faulkner/ von Männlichkeit und Technologie in Frage gestellt
Rommes 2012). Im aktuellen Prozess des Technolo- als auch einer Vielfalt der möglichen Gestaltung von
giedesigns geht es darum, zu prüfen, ob eine soge- Technik gedanklicher Raum gegeben.
nannte I-Methodology mehr oder weniger unbe- Die Dynamik der Mensch-Maschine-Schnittstelle
wusst den Design-Prozess strukturiert, das heißt, ob und darüber hinaus des Mensch-Maschine-Verhält-
die bzw. der Designer/in ihre bzw. seine eigenen nisses ist zentrales Ergebnis von Lucy Suchmans Stu-
116 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

die Human-Machine Reconfigurations (2007). Sie be- realisieren (Weber 2001; Reiche/Kuni 2004). Aktu-
trachtet diese Schnittstelle in Anlehnung an Donna elle feministische Technikphilosophie greift die the-
Haraway als materiell-semiotische Netzwerke, die oretische und praktische Strategie der Verwischung
zwar von Menschen hergestellt werden, in denen von Identitätskategorien auf. So vertritt die schwedi-
diese jedoch ebenso involviert und sogar objektiviert sche Technikphilosophin Catharina Landström in
sein können. In Anlehnung an Judith Butler (1993) ihrem Aufsatz »Queering Space for New Subjects«
und Karen Barad (2003) beschreibt Lucy Suchman die These, dass die neuen Informations- und Kom-
die Mensch-Maschine-Schnittstelle als dynamischen munikationstechnologien statische Identitätskon-
Prozess der wiederholten Materialisierung von Nor- zepte erschweren und neue Möglichkeiten der
men, in dem sich Bedeutungen verschieben können. Subjektproduktion eröffnen. Die Schwierigkeit,
Mit Butler argumentiert sie dafür, dass körperliche Identitäten in Chatrooms, Mailing-Listen, Online-
Geschlechterunterschiede eine dynamische Materia- Diskussionsforen oder Web-Blogs zu überprüfen,
lisierung von umstrittenen Geschlechternormen eröffne die Möglichkeit der zukunftsgerichteten
darstellen. Mit Barad schlägt sie vor, ein Ding oder Subjektkonstitution jenseits von Authentizität (»ich
Objekt als Materialisierung von umstrittenen nor- logge mich als das ein, was ich werden will«). Land-
mativen Gestaltungen der Materie zu begreifen (vgl. ström diskutiert das Für und Wider dieser neuen
Suchman 2007, 272). Das heißt, technologische Ob- technologischen Gegebenheiten für emanzipatori-
jekte, die entwickelt werden, müssen zwar in einem sche Politik. Sie stellt den Chancen der Anerken-
kulturellen Zusammenhang verständlich sein und nung von gesellschaftlich benachteiligten sozialen
anerkannt werden; sie bergen allerdings immer auch Gruppen durch identitätspolitisch begründete
Möglichkeiten über die Wiederholung anerkannter Emanzipationsstrategien die Chancen der vielfälti-
Normen hinauszuweisen. Das Verständnis von Ma- gen und unvorhersehbaren Möglichkeiten, Subjekt-
schinen ist dabei kein statisches, im Entwicklungs- positionen einzunehmen, entgegen: »The ›cybersub-
prozess abgeschlossenes Objekt. Insbesondere rech- ject‹ has not, and will not, replace the physical sub-
nergestützte Erfindungen sind als Medium oder ject, but entails a multiplication of the sites of
Grundlage zu verstehen, die im Gebrauch weiterent- interpellation and enunciation, acts constitutive of a
wickelt werden (vgl. ebd., 278). Genauso wenig ist propelling subject production« (Landström 2007,
das Verständnis von Personen in diesem Mensch- 12). Dieses Multiplizieren der Orte von Subjektpro-
Maschine-Verhältnis das eines statischen, im Ent- duktion würde die Machtverhältnisse auf lange Sicht
wicklungsprozess abgeschlossenen Subjekts. Eine in einer Weise verändern, in der es unmöglich wird,
Person ist keine autonom und rational Handelnde, Identitäten zu etablieren, die vom sozialpolitischen
sondern eine sich entfaltende, sich immer wieder Kontext abstrahiert werden können, um Handlungs-
verschiebende Biographie kultureller und materiel- möglichkeiten zu begründen oder zu beschränken
ler Erfahrungen, Beziehungen und Möglichkeiten, wie beispielsweise der abstrakte Geschlechterdualis-
die mit jeder neuen Begegnung in einzigartiger und mus. Inwieweit eine solche theoretische Strategie
spezifischer Weise der Veränderung unterliegt (vgl. trägt, Raum zu schaffen für Technolog/innen mit
ebd., 281). Vergeschlechtlichte Subjekte und Objekte vielfältigen – möglicherweise wechselnden – Identi-
können demnach in der Interaktion neue Praktiken täten, welche die Binarität einer naturalisierten mo-
und neue Deutungen derselben erfahren und sich dernen Geschlechterdichotomie transzendieren,
selbst, einander sowie das kulturelle Umfeld und da- wird zu überprüfen sein. Statt der Erfordernis von
bei insbesondere die Bedeutung von Geschlecht ver- Männlichkeit, um ein technologisch potentes Sub-
ändern. Diese Möglichkeiten können sich durch jekt werden zu können, könnten wir demnach mit-
konkrete mehr oder weniger experimentelle Prakti- tels Strategien der Verschiebung oder Verwischung
ken sowohl im Prozess der Nutzung bzw. Bedienung, geschlechtlicher, kultureller, sozialer und sexueller
als auch im Prozess der Entwicklung und Konstruk- Identität eine Vielfalt technologischer Subjekte theo-
tion von Maschinen materialisieren, und zwar so- retisch begründen. Es ist außerdem zu untersuchen,
wohl auf der Seite der Nutzer/innen bzw. Bediener/- ob eine solche Vielfalt technologischer Subjekte mit
innen als auch auf der Seite der Maschinen. instabilen Identitäten dann auch technologische Ob-
In der subversiven kreativen Kultur des Cyberfe- jekte produzieren, die weniger zur Festigung und
minismus scheinen sich experimentelle Praktiken Überprüfung von Identitätspositionen beitragen.
bei der Gestaltung und Nutzung neuer Informa- Was geschieht, wenn Identitätspositionen nicht
tions- und Kommunikationstechnologien längst zu länger den Zugang zu technologischer, sozialer und
7. Feministische Technikphilosophie 117

politischer Partizipation regeln? Diese Frage lotet gen technologischer Innovationen werden als ethi-
Anne Balsamo in ihrem Buch Designing Culture: The sches Thema diskutiert, sondern der gesamte For-
Technological Imagination at Work (2011) aus. Darin schungsansatz, angefangen von der Fragestellung,
untersucht sie das Verhältnis von technischer und der Einbindung organischer und anorganischer Ma-
künstlerischer Konstruktionspraxis, kultureller Re- terialien und Körper in den experimentellen Ablauf
produktion und technologischer Vorstellungskraft. bis zur Methode der Datensammlung und -interpre-
Sie analysiert Mythen über Frauen und technologi- tation: Wessen Würde wird geschützt bzw. gefähr-
sche Vorstellungskraft und präsentiert die Entste- det? Welche Inter- bzw. Intraaktionen in einer in
hung einer interaktiven feministischen Multimedia- sich verwobenen Welt werden in Betracht gezogen
dokumentation sowie weiterer interaktiver Medien- oder provoziert? Die Idee der Isolierbarkeit von Pro-
technologie. Balsamo entwickelt eine Methode des zessen, Stoffen und Phänomenen, die lange Zeit für
hermeneutic reverse engineering. Sie greift damit eine die Technowissenschaft forschungsleitend war, wird
gängige Methode im technischen Innovationspro- einer komplexen und nie völlig erfassbaren Relatio-
zess auf, das Auseinanderbauen eines technischen nalität unterworfen, in der Prozesse aktiviert wer-
Objekts, um den Herstellungsprozess zu untersu- den, die außerhalb personaler Intentionalität und
chen. Sie erweitert das bekannte reverse engineering maschineller Berechenbarkeit liegen.
um die Analyse der kulturellen Bedeutung, um neue Aufbauend auf dieser Erkenntnis der naturwis-
Deutungen technologischer Interaktionsprozesse zu senschaftlich oder technologisch nie völlig erfassba-
erschließen. Auf diese Weise sollen Handlungsspiel- ren Verortung und Verbundenheit von Organismen
räume und Vorstellungsräume für technologische und Maschinen mit organischen und anorganischen
Entwicklungen und Anwendungen erweitert wer- Prozessen und Phänomenen entwickelt die nieder-
den, die demokratischen und sozialen Zielen die- ländische Philosophin Rosi Braidotti eine Ethik der
nen. Das heißt, die technologische Vorstellungskraft Transpositionen, der Gleichberechtigung aller Orga-
soll bewusst dazu genutzt werden, technologische nismen in Prozessen, nicht aufgrund einer zugewie-
Innovationen zu generieren, die, anstatt hegemoni- senen oder fixierbaren Positionierung im Weltgan-
ale Männlichkeit zu fördern, möglichst vielen Perso- zen, sondern in Prozessen ständigen Werdens und
nen und gesellschaftlichen Gruppen unabhängig Änderns von Verortung und Verbundenheiten
von ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer Ausbil- (Braidotti 2006). Handlungsleitend in dieser Kon-
dung oder sozialen und kulturellen Herkunft nütz- zeption postmoderner und postkolonialer feministi-
lich sind. scher Technikethik ist der Wunsch nach einer lebba-
Eine aktuelle Strömung in der feministischen ren Zukunft für möglichst viele anstatt der kurzfris-
Technikphilosophie ist der material feminism tigen Gewinnmaximierung für möglichst wenige.
(Alaimo/Hekman 2008). Materialismus wird darin
weder marxistisch noch empiristisch verstanden, die
Literatur
Materialität menschlicher Körperlichkeit und nicht-
menschlicher Natur wird vielmehr, aufbauend auf Alaimo, Stacy/Hekman, Susan (Hg.): Material Feminisms.
den Erkenntnissen des feministischen Konstrukti- Bloomington/Indianapolis 2008.
vismus, als aktives Moment der Erkenntnisproduk- Balsamo, Anne: Designing Culture: The Technological Ima-
tion gedacht. Das heißt, es wird in Betracht gezogen, gination at Work. Durham/London 2011.
Barad, Karen: Posthumanist performativity: toward an un-
dass sich der zu erforschende (organische oder an- derstanding of how matter comes to matter. In: Signs:
organische) Körper im Zugriff des (experimentel- Journal of Women in Culture and Society 28 (2003), 801–
len) Forschungsapparats verändern kann. Darüber 831.
hinaus wird das Ergebnis eines technologischen For- – : Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the
schungsprozesses als nie vollständig vorausbere- Entanglement of Matter and Meaning. Durham/London
2007.
chenbar und mehrdeutig verstanden (Barad 2007). Berghahn, Sabine et al. (Hg.): Wider die Natur? Frauen in
Die androzentrische Fixierung auf die Zweige- Naturwissenschaft und Technik. Berlin 1984.
schlechtlichkeit sowie die anthropozentrische Fixie- Braidotti, Rosi: Transpositions. On Nomadic Ethics. Cam-
rung auf ein aus seiner Umgebung isolierbares bridge 2006.
menschliches Erkenntnissubjekt wird dabei obsolet. Butler, Judith: Bodies that Matter: On the Discoursive Limits
of »Sex«. New York 1993.
Die Frage der Verantwortung technologischer For- Corea, Gena: The Mother Machine. New York 1985.
schung und Entwicklung tritt dagegen auf neue Firestone, Shulamith: Dalectic of Sex. New York 1970.
Weise ins Zentrum der Debatte. Nicht erst die Fol- Haraway, Donna: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus
118 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

im Streit mit den Technowissenschaften. In: Dies.: Die 8. Technik als Medium
Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen.
Frankfurt a. M. 1995, 33–72 (engl. 1985).
Hofmann, Heidi: Die feministischen Diskurse über Repro-
duktionstechnologien. Positionen und Kontroversen in der Problemsicht
BRD und den USA. Frankfurt a. M. 1999.
Landström, Catharina: Queering space for new subjects. In der neueren technikphilosophischen Diskussion
In: Kritikos. An International and Interdisciplinary Jour- ist von verschiedener Seite vorgeschlagen worden,
nal of Postmodern Cultural Sound, Text and Image 4 (No- Technik als Medium zu begreifen (u. a. Gamm 2000;
vember–December 2007), http://intertheory.org/cland
strom.htm (20.09.2012). Hubig 2006; Krämer 2000; 2008; Ramming 2008).
Lettow, Susanne: Biophilosophien. Wissenschaft, Technolo- Dies erfolgt nicht in klassifikatorischer Absicht und
gie und Geschlecht im philosophischen Diskurs der Gegen- zielt nicht auf (weitere) sortale Unterscheidungen.
wart. Frankfurt a. M. 2011. Vielmehr sollen einige zentrale Wesenszüge der
List, Elisabeth: Vom Darstellen zum Herstellen. Eine Kultur- Technik in einer Weise begreifbar werden, die über
geschichte der Naturwissenschaften. Weilerswist 2007.
Oudshoorn, Nelly: Beyond the Natural Body: An Archeology Untersuchungen hinausgeht, die das ›weite‹ Tech-
of Sex Hormones. London/New York 1994. nikkonzept als »Inbegriff der Mittel« (Weber 1976,
– : The Male Pill. A Biography of a Technology in the Making. 32) in unterschiedlicher Weise spezifizieren. Fol-
Durham/London 2005. gende Aspekte und Fragestellungen sollen dabei gel-
Reiche, Claudia/Kuni, Verena (Hg.): Cyberfeminism. Next tend gemacht werden: (1) Inwiefern werden die na-
Protocols. Brooklyn, NY 2004.
Saetnan, Ann Rudinow/Oudshoorn, Nelly/Kirejczyk, Marta türlichen Medien (Verfasstheiten der äußeren und
(Hg.): Bodies of Technology. Women ’ s Involvement with inneren Natur) durch Technik überformt, in techni-
Reproductive Medicine. Columbus, OH 2000. sche Medialität transformiert? (2) Inwiefern gewinnt
Saupe, Angelika: Verlebendigung der Technik. Perspektiven Technik den Status einer Vermittlungsinstanz für
im feministischen Technikdiskurs. Bielefeld 2002. unsere theoretischen und praktischen Weltbezüge
Sørensen, Knut H./Faulkner, Wendy/Rommes, Els: Tech-
nologies of Inclusion. Gender in the Information Society.
bis hin zum ›Boten‹? (3) Inwiefern ›erzeugen‹ wir –
Trondheim 2012. über die Zeitigung konkreter Effekte durch instru-
Suchman, Lucy A.: Human-Machine Reconfigurations. mentelles Handeln hinaus – ›neue Welten‹? Gefragt
Plans and Situated Actions. Cambridge/New York ²2007. wird also nach der Rolle der Technik für die Gestal-
Wajcmann, Judy: Feminism Confronts Technology. Cam- tung (Transformation, Einschränkung, Erweiterung,
bridge 1991.
Erzeugung) von Vorstellungs- und Handlungsräu-
Weber, Jutta: Ironie, Erotik und Techno-Politik: Cyberfe-
minismus als Virus in der neuen Weltunordnung? In: men.
Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Dabei werden einerseits Erträge der in rascher
Philosophie 12/24 (2001), 81–97. Entwicklung begriffenen Medientheorie und -philo-
– : Situiertheit, Verkörperung, Emotion: Unscharfe Begriffe sophie aufgegriffen und ausgehend von deren Fo-
als technowissenschaftliche Innovationsressource. In:
kussierung auf Informations- und Kommunikati-
Waltraud Ernst (Hg.): Geschlecht und Innovation. Gen-
der Mainstreaming im Techno-Wissenschaftsbetrieb. Ber- onsmedien erweitert und übertragen; andererseits
lin/Münster 2010, 49–62. sieht sich diese Absicht mit einer »unübersehbaren
Waltraud Ernst Bedeutungsfülle« von »Medium« (Hoffmann 2002,
20) und der Anwendbarkeit des Medienbegriffs »auf
nahezu jedes Phänomen« (Baecker 1999, 174) kon-
frontiert.
Mit Blick auf das Spektrum weiterer Ansätze aus
Technikphilosophie und (sozialwissenschaftlicher)
Techniktheorie, innerhalb derer Technik als Infra-
struktur und »Dispositiv« (Böhme 2008), »mediale
Installation« (Halfmann 1996); »Ressource zu Rou-
tinenbildung« (Schulz-Schaeffer 2000), »Agentur«
(Rammert 2007) und »Textur« (Grunwald/Julliard
2005) begriffen werden, erscheint als Gemeinsam-
keit, dass der unterschiedlich gefasste mediale Cha-
rakter der Technik in einer spezifischen Ermögli-
chungsfunktion im weitesten Sinne liegt. Auch für
das systemtheoretische Medienkonzept Niklas Luh-
8. Technik als Medium 119

manns gilt: »In jedem Fall muß ein Beobachter, der Oder – aus Nutzerperspektive: Wie affirmiere, ver-
Medien beschreiben will, modaltheoretische For- ändere, vernutze, zerstöre oder schreibe ich jeweilige
mulierungen verwenden« (Luhmann 1995, 168). Techniken als Medium fort, indem ich bestimmte
Aus einer medienphilosophischen Perspektive er- Optionen ihrer Nutzung realisiere?
geben sich Anregungen und Konsequenzen für eine
Statusbestimmung und Formanalyse anwendungs-
bezogener Ethik im Allgemeinen und einer Technik- Inbegriff und Medium
ethik im Besonderen: Denn Beurteilungen einer
Handlungsoption in technikethischer (analog etwa Technik als ›Inbegriff der Mittel‹ versammelt Mittel
wirtschaftsethischer oder medienethischer – im en- kategorial inhomogener Art wie (1) einschlägige Fä-
geren Sinne informationsethischer) Absicht finden higkeiten und Fertigkeiten, (2) die in bestimmten
nicht ihre Spezifik im Vollzug einer bloßen Sub- Verfahrensschemata (Prozesstypes) bestimmten
sumption der entsprechenden Option bezüglich ih- Weisen des Herstellens und Veränderns von Dingen,
res Geboten-, Verboten-, Erlaubt- oder Angeraten- Zuständen und Verfahren selbst, (3) das Wissen um
seins unter eine allgemeine moralische Norm. Zur diese Schemata (auch »Technologie«), (4) das kon-
Regelungsleistung allgemeiner Ethik träte dann nur krete Agieren und Prozessieren (als token) des Be-
noch der technische (ökonomische oder medienwis- wirkens, (5) die bei diesem Bewirken eingesetzten
senschaftliche) Sachverstand, unter dem die Eigen- Artefakte als raumzeitliche Entitäten und schließlich
schaften der Option dahingehend erfasst werden, in- (6) die Ergebnisse eines derartigen Bewirkens als
wieweit sie in den Bezugsbereich der allgemeinen realisierte Zwecke (im Unterschied zu natürlich
Norm fallen. Ob ich (und in welcher Situation) mit- gewordenen/›gewachsenen‹), die ihrerseits als Mittel
tels eines technischen Artefakts töten darf (oder einsetzbar sind (Hubig 2006, 28). Von einem Inbe-
beim Handel betrügen oder in der Presse lügen griff sprechen wir freilich dann (und nur dann),
darf), ist kein spezifisch technikethisches (oder ana- wenn seine Elemente unter einem »einheitlichen
log wirtschafts- oder medienethisches Problem). Interesse« und einem »einheitlichen Bemerken« ste-
Derlei – einschließlich der Ausnahmen – regelt die hen (Husserl, Hua XII, 23; 74). Max Weber sah die-
allgemeine Ethik mit (Ich darf nicht töten, betrügen, ses Interesse in einer Verwendung von Mitteln, »wel-
lügen). Die Spezifik anwendungsbezogener Ethik che bewußt und planvoll orientiert ist […]« (1976,
liegt in der Normierung der Möglichkeitsräume, in- 32). Dies führte zu einem weiten Konzept von Tech-
nerhalb derer technisches (ökonomisches kommu- nik, die es damit für »alles und jedes Handeln«
nikatives Handeln etc.) stattfinden kann. Welche (ebd.) gibt. Seitens der klassischen Technikphiloso-
Risiken (mögliche Schäden) und Chancen (mögli- phie gab und gibt es Spezifizierungsversuche, die auf
cher Nutzen) Techniken eröffnen, begünstigen, ver- Technik als ›Realtechnik‹ abheben und entspre-
schließen, (welche Optionen des Wirtschaftens ent- chende terminologische Eingrenzungen unterneh-
sprechend gestaltete Arbeitgeber-Arbeitnehmerbe- men. Das ›Planvolle‹ am Mitteleinsatz verweist uns
ziehungen, Finanzmarktregelungen etc. bereithalten, jedoch auf die unabdingbar zur Technik gehörenden
welche Kommunikationssysteme, -kanäle etc. wel- Intellektualtechniken präziser Repräsentation, Be-
che Nachrichtenauthentifizierung, -validierung, rechnung etc. (die ihrerseits auf technisch herge-
Fehlkommunikation etc. ermöglichen), sind spezifi- stellte materiale Träger angewiesen sind) sowie auf
sche Fragen einer Technikethik (bzw. Wirtschafts- Sozialtechniken, die zur Realisierung komplexerer
oder Medienethik; zu Medien s. Kap. V.13). Realtechniken notwendig sind und dabei ihrerseits
Die Technikethik erhält mithin einen zentralen bestimmter Intellektualtechniken der Repräsenta-
Bestandteil ihrer Problemhypothek aus medientheo- tion ihrer Regeln als auch bestimmter Realtechniken
retischen Untersuchungen bestimmter Techniken als Formen der Ermöglichung von Organisation be-
und Technologien, auch und gerade der modernen dürfen.
enabling technologies, (nano-, bio, info-, cogno-), die Ein »gemeinsames Interesse« menschlicher Tech-
explizit in jenem Sinne als Medien auftreten. Sie nik liegt neben dem Realisieren konkreter Zwecke
hätte dann – aus Entwicklerperspektive – zu fragen: überhaupt in der »Sicherung« (Heidegger 1962, 18;
Ist es erlaubt/verboten/geboten/angeraten, die Mög- 27) der Realisierung von Zwecken qua Wiederhol-
lichkeit des und des ggf. moralisch problematisier- barkeit, Planbarkeit, Antizipierbarkeit. Diese Siche-
baren technischen Mitteleinsatzes zu eröffnen, zu rung wird gewährleistet durch die technischen Sys-
begünstigen, zu behindern oder zu verschließen? teme seit der neolithischen Revolution, die die Zu-
120 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

fallstechnik der Jäger und Sammler ablöste. Durch man diejenige Seite des Handelns, die man als in-
systemische Überformung (Behausung, Ackerbau strumentelles Handeln oder in der Sprache des Inge-
und Viehzucht mit Umhegung und Bewässerung, nieurs als ›Steuern‹ bezeichnen kann: Die Erzeu-
Infrastrukturen des Verkehrs, der Kommunikation, gung eines Outputs durch einen geeigneten Input.
der Verteidigung etc.) werden die natürlichen Me- Spezifisch menschliches Agieren als technisches
dien der Jäger und Sammler zu technischen, arti- Handeln ist darüber hinaus darauf aus, Mittel-
fizialisierten Medien. Durch diese Gestaltung na- Zweck-Verknüpfungen zu sichern, indem der Mittel-
türlicher Medien soll die Möglichkeit eines ziel- einsatz gegen Gefahren unserer äußeren und inne-
führenden Mitteleinsatzes garantiert werden. Eine ren Natur geschützt wird. Dies ist im Konzept der
verkürzte Sicht auf den bloß instrumentellen Cha- Regelung im weiteren Sinne erfasst, die im Rahmen
rakter von Technik prägt hingegen manche philoso- technischer Systeme realisiert wird: »Perfekte Rege-
phisch-anthropologisch orientierte Technikphiloso- lung macht gelingende Steuerung möglich« (Ashby
phie, die zu einer technomorphen Philosophie in 1974, 290, Hervorh. C.H.). Elementare Regelungs-
diesem verkürzten Sinne wird: Der Mensch er- formen sind Abschirmung/Containment, höherstu-
scheint als technisches Problem, zu dessen Lösung fige Steuerung durch Störgrößenaufschaltung (in-
Technik erforderlich wird, oder die Evolution selbst dem ein Modell der Störung – Intellektualtechnik! –
erscheint als Problemlösungsprozess, innerhalb des- erlaubt, präventiv oder reaktiv unerwünschte Effekte
sen Technik verortet wird. Einmal erscheint dann zu kompensieren) und schließlich die Regelung im
der Mensch als Mängel- oder Überschusswesen, ein engeren Sinne (DIN 19226), in der über Rückkopp-
anderes Mal erscheint er als Krone oder Katastrophe lung die durch die Störung hervorgerufene Abwei-
der Evolution, je nachdem, wie sein Arsenal techni- chung selbst als korrigierender Steuerungsimpuls
scher Mittel in einem größeren, seinerseits technisch eingesetzt wird. Erst dadurch werden Erwartbarkeit
modellierten Problemzusammenhang verortet wird und Planbarkeit gegeben; dass eine solche Kon-
(Hubig 2006, Kap. 3). Die Vielfalt dieser anthropolo- struktion gerade dasjenige ausmacht, was wir in mo-
gischen Meinungen (s. Kap. IV.A.3) verdankt sich derner interventionistischer Naturwissenschaft als
dem Spielraum der Modellierung von Sachlagen als Experiment erachten, erklärt, warum eine solcher-
technischen Problemlagen. maßen technisierte Naturwissenschaft eine natur-
Greift man auf das Konzept ›Medium‹ zurück, wissenschaftlich orientierte Technik ermöglichte
findet man neben einer Vielfalt von terminologi- und umgekehrt, also jeweils das eine dem anderen
schen Eingrenzungen, die unterschiedlichen Frage- Medium ist.
stellungen geschuldet sind, nur einen letztlich meta-
phorischen Kern: der ›Vermittlung‹ als Ermögli-
chung von Verhältnissen (der Subjekte zu ihrer Mittel und Zwecke
Wirk- und Merkwelt sowie der Subjekte untereinan-
der). Dieser Kern weist Eigenschaften einer eigentli- Mittel und Zwecke lassen sich nicht per se, sondern
chen und absoluten Metapher auf, die nicht einfach nur korrelativ bestimmen. Äußere Gegenstände und
in Begriffe übersetzbar ist, auch nicht bloß heuristi- Ereignisse sind Mittel nur nach Maßgabe ihrer Zu-
sche Funktion hat, sondern eine grundlegende Ori- ordenbarkeit, ihrer Dienlichkeit zur Realisierung
entierung unseres Denkens ausdrückt, die be- möglicher Zwecke. Zwecke als intendierte Sachver-
stimmte Strategien der Explikation formiert. Eine halte sind dies nur nach Maßgabe einer unterstellten
solche Metapher appelliert gleichsam, dasjenige zu Herbeiführbarkeit (sonst handelt es sich um bloße
erschließen, worauf sie den Blick lenkt. Und dies ist, Wunschvorstellungen). Dienlichkeit und Herbei-
was im weitesten Sinne die Möglichkeit theoreti- führbarkeit sind Dispositionsprädikate, die nicht auf
scher und praktischer Bezugnahme ausmacht, von solche manifester Eigenschaften reduzierbar sind;
der wir keine direkte Vorstellung gewinnen, sondern auf der Basis ihrer Aktualisierungen gewinnen wir
zu deren Erschließung wir uns weiterer (abgeleite- ein  – immer unvollständiges  – Bild ihrer Verfasst-
ter) Metaphern bedienen, z. B. der des ›Raumes‹. heit, welches gleichwohl für die Handlungsplanung
Entsprechend wurde versucht, »technische Mediali- unabdingbar ist. Solche Konzepte von Mittel und
tät« mit den Mitteln der philosophischen Modal- Zweck können mit Hegel als diejenigen »innerer
theorie weiter zu untersuchen (Hubig 2006, Kap. 5). Mittel« und »innerer Zwecke« bezeichnet werden.
Erachtet man Technik als Inbegriff der Mittel (auf Den Unterschied zwischen unseren inneren Mittel-
den erwähnten verschiedenen Ebenen), so berührt konzepten als Vorstellungen und äußeren Mitteln
8. Technik als Medium 121

(analog bei den Zwecken) erfahren wir über Wider- als unerwartetes Potenzial zur Konzeptualisierung
ständigkeit, Hemmung und Überraschung, die sich anbietet, welches dann in ethischer Absicht zu re-
beim instrumentellen Handeln einstellen und dann flektieren ist. Ein technisches Sachsystem stellt eine
wiederum konzeptualisiert werden. Hegel hat im Te- Potenzialfunktion dar, die erst dann zu einer Real-
leologie-Kapitel seiner Wissenschaft der Logik diese funktion wird, wenn das Sachsystem als handlungs-
Begriffsdynamik freigelegt, indem er das Konzept relevant identifiziert und in konkrete Handlungszu-
des Mittels als Mittelbegriff in einem praktischen sammenhänge integriert worden ist (Hubig 2006,
Syllogismus verortete (Hegel 1971, 391–406): 173 f.). Dieser Prozess lässt sich über eine Stufen-
• Subjekt (S) will durch Mittel (M) den Zweck (Z) theorie technischer Medialität freilegen.
realisieren (M und Z als innere, ›subjektive‹, vor-
gestellte).
• S identifiziert einen äußeren Gegenstand oder ein Technik als Medium –
äußeres Verfahren M ’ als Mittel (M) (»schiebt es Stufen der Medialität
ein« zwischen sich und den Zweck – eine Formel,
die später Marx aufgegriffen hat). Da wir Möglichkeiten nur über Erfahrungen im
• S realisiert durch M ’ den äußeren (›objektiven‹) Zuge intellektual-, real- und sozialtechnischer
Zweck Z ’ . Handlungen erschließen und reflektieren können,
• S schließt abduktiv aus der Differenz zwischen Z unterliegt das, was wir als ›möglich‹ erachten, einer
und Z ’ auf Eigenschaften der Medialität von M ’ . permanenten Veränderung. Der Möglichkeitsraum
»Medium« wird von Hegel als »Auch von Eigen- bzw. die spezifische Medialität als ganze kann somit
schaften« gefasst (Hegel 1957, 91). nie Gegenstand einer abschließenden Vorstellung
werden. Orientieren wir uns zur Explikation der
Auch John Dewey (1980, 137 ff.) unterscheidet zwi- Medialität des Technischen am technischen Hand-
schen äußeren und inneren Mitteln. Unter ›inneren lungsvollzug, so erscheint Technik als Medium auf
Mitteln‹ begreift er aber die intrinsische/interne Be- drei Ebenen, die ihrerseits jeweils eine Dimension
ziehung zwischen Eigenschaften des Mittels und des innerer (vorgestellter) Medialität und äußerer (im
Zweckes. Deshalb nennt er ›innere Mittel‹ auch ›Me- Realitätszugang erfahrener) Medialität aufweisen:
dien‹. Dieser Begriffsgebrauch ist zu wenig differen- (1) Auf der Stufe allgemeiner Konzipierung wird
ziert. Denn die Übertragung von Eigenschaften des ein Möglichkeitsraum der Realisierung möglicher
Mittels auf den Zweck ist auch ein äußerer (kausaler) Zwecke modelliert. Er ist strukturiert auf der Basis
Vorgang. Als vorgestellter Vorgang betrifft er die in- unserer epistemischen Möglichkeiten, disponible
nere Mittelhaftigkeit, als realisierter Vorgang die äu- Ursachen zu unterscheiden. Daneben weist dieser
ßere. Daher sollte man von inneren und äußeren Möglichkeitsraum eine ›äußere‹ Dimension auf: Die
Mitteln sowie von innerer und äußerer Medialität notwendig vorauszusetzende (technische) Möglich-
sprechen. keit einer Trennung jener Dispositionen – »umher-
Aufgrund des komplexen Verhältnis zwischen schweifenden Ursachen« (Platon: Timaios 51 c) – als
den (inneren und äußeren) Mitteln und (inneren Voraussetzung ihrer Nutzung. Den Raum dieser
und äußeren) Zwecken sowie der Notwendigkeit ei- »Ursachen« als Dispositionen bezeichnete Platon als
ner permanenten Veränderung der Konzepte, zu der Chora. Es ist der vorgestellte (»innere«) und reale
die Ergebnisse des tatsächlichen technischen Voll- (»äußere«) Raum von Machbarkeit und Verfügbar-
zugs veranlassen, erweist sich die Rede von Technik keit. Seine Struktur macht die ›Bahnen‹, oder, um ei-
als System bestimmter Mittel für bestimmte Zwecke nen beliebten, aber undifferenziert verwendeten To-
als unterkomplex. Vielmehr muss Technik als Sys- pos in der Medialitätsdiskussion anzubringen, die
tem der Dienlichkeit und Herbeiführbarkeit, als Er- »Spuren für …« die Realisierung möglicher Zwecke
möglichung des Gelingens instrumenteller Vollzüge, aus. Es ist die Ebene einer potenziellen Möglichkeit,
verstanden werden. Solcherlei Dienlichkeit und ausgedrückt im operativen Gebrauch von »möglich«
Herbeiführbarkeit werfen Rechtfertigungsdesiderate als »es ist möglich, dass …«.
für die Technikethik auf – als deren genuines, spezi- (2) Unter dieser Konstellation epistemischer Un-
fisches Problem (vgl. z. B. die Diskussion um die terscheidungsoptionen und realer Trennungsoptio-
Gentechniken am Menschen; s. Kap. V.7). Es bedeu- nen werden Wirklichkeitsräume der Realisierung
tet, dass den Mitteln ein Potenzial unterstellt wird möglicher Zwecke geschaffen, als technische Sys-
bzw. sich dieses während des praktischen Vollzugs teme, welche solcherlei Zweckrealisierung gelingend
122 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

machen sollen. Wir befinden uns hier auf der Ebene solches System sei ein Medium des entsprechenden
realer Möglichkeit oder der sogenannten »Perfor- Verkehrs. Seine innere Medialität (1) ist gegeben
manz des Medialen« (Krämer 2000, 90). Als innere durch den Stand unseres jeweiligen technischen
Medialität besteht dieser Raum in einem Katalog Know-hows (Bau-, Antriebstechniken etc.), seine
von Funktionsideen/Erwartungen (für Konstruk- äußere Medialität (1) ist begrenzt durch Dispositio-
teure, Entwickler und Nutzer); als äußere Medialität nen, u. a. durch die Wirkungsgrade der Antriebe, die
schlagen sich diese Funktionsideen in den Infra- maximal bewältigbare Steigung durch das Verkehrs-
strukturen der technischen Systeme des Transports, mittel etc. Seine innere Medialität (2) ist durch den
der Wandlung und Speicherung von Stoffen, Energie Fahrplan gegeben, seine äußere Medialität (2) durch
und Information nieder. Diese Ebene realer Mög- die Verfasstheit des realen Schienennetzes und den
lichkeit findet ihren Ausdruck im prädikativen Ge- Zustand der Fahrzeuge. Zu ergänzen ist diese Auflis-
brauch von »möglich« im Sinne von »x kann …«. tung durch die institutionellen und die organisatori-
(3) Instrumentelles Handeln besteht nun in der schen Verfasstheiten der Betreiber und Nutzer des
Aktualisierung der in jenem Wirklichkeitsraum an- Systems  – die sozialtechnische Dimension. Durch
gebotenen (möglichen) Mittel-Zweck-Relationen. von den Betreibern und den Nutzern vorgenom-
Dabei wird die Erfahrung der Differenz zwischen mene feste Kopplungen werden (möglicherweise ge-
vorgestelltem und realisiertem Zweck gezeitigt, über genläufige) Zwecke in diesem System realisiert, die
die die Technik als Medium eine »Spur von …« in die Möglichkeiten der Zweckverfolgung durch an-
Gestalt von unerwarteten (positiven oder negativen) dere Subjekte bedingen. Dies führt in Wertkonflikte,
Effekten hinterlässt. Leistungen und Grenzen realer die technikethischer Reflexion bedürfen.
Ermöglichung (ausgedrückt in der prädikativen Die Unterscheidung zwischen Mittel und Me-
Verwendung von »möglich« im Sinne von »kann dium insgesamt ist nicht als extensionale, sondern
wirken« (hervorbringen, verändern, verhindern als intensionale in Abhängigkeit vom erkennenden
etc.) werden ersichtlich und erlauben über einen ab- und disponierenden Standpunkt zu begreifen: Ein
duktiven Schluss das Verhältnis von vorgestellten Haus ist ein Mittel (z. B. zum Schutz vor Witterung)
Funktionsideen zu realisierten Funktionsideen (Me- und ein Medium (Möglichkeitsraum) des Wohnens.
dialität [2]) sowie von epistemischen Unterschei- Eine E-Mail ist ein Mittel zur Überbringung einer
dungen angesichts der Möglichkeiten eines techni- Beileidsbekundung und zugleich ein Medium, das
schen Umgangs mit Dispositionen (Medialität [1]) bestimmte Dimensionen eines Austausches persön-
zu korrigieren. Dadurch können schrittweise die licher Anteilnahme nicht zulässt.
Vorstellung der Technik als Medium potenzieller Indem also seit der neolithischen Revolution
und realer Möglichkeit verbessert und die Systeme Technik darauf angelegt ist, von den natürlichen Me-
entsprechend optimiert bzw. teilweise oder in Gänze dien unabhängig zu werden und daher seit ihren An-
umgebaut oder ersetzt werden. Eine gelingende oder fängen als Systemtechnik auftritt, sucht sie die Steue-
misslingende routinisierte technische Handlung als rungsvorgänge der Realisierung von Zwecken in ih-
»feste Kopplung« der lose gekoppelten Elemente ei- rem Gelingen zu sichern, also das instrumentelle
nes Mediums, mithin die Herstellung einer »Form« Handeln zielführend zu machen qua Regelungsvor-
innerhalb eines Mediums (um auf die bei Niklas gängen, die das ›Auch von Eigenschaften‹, welches
Luhmann (1998, 198 ff.; 522) von Fritz Heider über- als externe Störgrößen (der natürlichen Mittel) auf-
nommene Leitdifferenz zurückzukommen) führt zu tritt, kompensieren sollen. Die erwähnten drei Typen
einem erweiterten Bild der Strukturen der jeweiligen der Regelung (Containment und/oder höherstufige
technischen Medialität, die jedoch immer dyna- Steuerung/Störgrößenaufschaltung und/oder Rück-
misch bleibt, da sich ihre Konzeptualisierung immer kopplung) finden sich in allen technischen Systemen.
aufs Neue an dem »Auch von Eigenschaften« (He- Im Gegensatz zu Luhmann ist Technik freilich nicht
gel), welches die Performanz des Medialen an der je- bloß als feste Kopplung zum Zweck des ›Kontingenz-
weiligen Form zum Vorschein bringt, abarbeiten managements‹ der Systeme zu erachten, denn eine
muss. solche feste Kopplung betrifft nur den Charakter der
Ein Beispiel: Ein Schienen-Fahrzeug-System er- Mittel als hinreichenden Bedingungen der Realisie-
möglicht die Erreichung von bestimmten Reisezie- rung von Zwecken. Vielmehr müssen technische Sys-
len und verunmöglicht das Erreichen anderer Ziele teme überhaupt auch als Medien, also als (ihrerseits
unter Nutzung der im System bereitgestellten Mittel geformte) lose Kopplungen verstanden werden, die
zu anderen als den vorgesehenen Zeitpunkten. Ein den zielführenden Einsatz von Mitteln ermöglichen.
9. Technikdeterminismus 123

Literatur 9. Technikdeterminismus
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furt a. M. 1974.
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begriff  – Überlegungen zur semantischen Struktur des Technikgebrauch; die gesellschaftliche und politi-
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Dies. (Hg.): Medium, Computer, Realität, Wirklichkeits- durch die Evolution herausgebildet hat und sich nur
vorstellungen und neue Medien. Frankfurt a. M. 2000,
73–94. graduell von höheren Tierarten unterscheidet. Aus
– : Medien, Boten, Spuren, in: Stefan Münker/Alexander geistes- und kulturwissenschaftlicher Sicht sind wir
Roesler (Hg.). Was ist ein Medium? Frankfurt a. M. 2008, mit Bewusstsein und Vernunft ausgestattet, haben
65–90. eine Schriftkultur entwickelt und bilden soziale In-
Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt stitutionen wie den Rechtsstaat. Mensch und Tech-
a. M. 1995.
– : Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1998.
nik lassen sich also auf zwei komplementäre Weisen
Rammert, Werner: Technik  – Handeln  – Wissen. Wiesba- betrachten – als der Natur unterworfen oder der Na-
den 2007. tur enthoben. Der Mensch verfügt über symbolische
Ramming, Ulrike: Der Ausdruck »Medium« an der Fähigkeiten wie Sprache, Technik und Religion. Die
Schnittstelle von Medien-, Wissenschafts- und Technik- Religion dient seit jeher der Bewältigung der Er-
philosophie. In: Stefan Münker/Alexander Roesler
(Hg.): Was ist ein Medium? Frankfurt a. M. 2008, 249–
kenntnis, dass wir dem Naturzusammenhang ausge-
271. liefert und sterblich sind; die Technik dient dazu, die
Schulz-Schäffer, Ingo: Sozialtheorie der Technik. Frankfurt Natur ein Stück weit zu beherrschen, indem wir uns
a. M. 2000. Naturprozesse zunutze machen. Menschliche Tech-
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft [1921]. Tübingen nik ist planvoll umgestaltete Natur. Der Mensch ist
1976.
dasjenige Lebewesen, das seine natürliche Umwelt
Christoph Hubig
und seine eigene Natur planvoll umformt (zur Philo-
sophischen Anthropologie s. Kap. IV.A.3).
Immanuel Kant (1786) drückt die Doppelnatur
des Menschen im Diktum vom »Bürger zweier Wel-
ten« aus: Der Mensch gehört dem Reich der Natur
und dem Reich der Freiheit an. Als Naturwesen steht
der Mensch unter denselben Naturgesetzen wie an-
dere Lebewesen; als freies Wesen besitzt er Vernunft
und die Fähigkeit zur moralischen Selbstbestim-
124 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

mung. Ethische Probleme entstehen nach Kant ins- nen oder steuern. Der Schlüssel zum Verständnis
besondere daraus, dass naturhafte Antriebe und mo- verselbständigter Technikfolgen sind die Beziehun-
ralische Einsichten in Konflikt geraten; in diesem gen zwischen Technik, Ökonomie und Natur, wobei
Fall sollte die Vernunft in uns der Natur in uns Ein- aber ohne jede Planung keine technische Innovation
halt gebieten. Die Technikethik befasst sich damit, zustande käme (Rapp 1978).
welcher Technikgebrauch vernunftgemäß ist und in- Die moralischen, rechtlichen und politischen
wiefern die Vernunft umgekehrt einem naturhaften Probleme, die aus dem Umgang mit Technik entste-
oder naturwüchsigen Technikgebrauch Einhalt ge- hen, sind dabei in der Regel erst eine direkte oder in-
bieten kann und soll. Was dabei ›Natur‹ und ›Ver- direkte Folge des naturwüchsigen kollektiven Tech-
nunft‹ bzw. ›Freiheit‹ bedeuten, ist im Fall der Tech- nikgebrauchs. Sie werden aus idealistischer Perspek-
nik anders zu bestimmen als im Fall des morali- tive diagnostiziert, aus der Sicht der praktischen
schen Individuums, das Kant vor Augen hatte. Die Vernunft. Angesichts der komplexen kollektiven
›Natur‹ besteht hier in einer quasi-naturgesetzlichen Prozesse, um deren Planung und Steuerung es geht,
Technikentwicklung, während die ›Freiheit‹ in der greift die individuelle Moral hier in der Regel zu
technischen Verbesserung unserer Lebensumstände kurz. Die Technikethik zielt darum auf die politi-
liegt. Naturhafte und vernunftbezogene Technik- schen und rechtlichen Rahmenbedingungen, unter
deutung sind komplementär. denen sich Technik und Wirtschaft entwickeln.
Aus naturalistischer Sicht dient die Technik dazu,
die Lebensgrundlagen der Spezies Mensch zu si-
chern. Dabei vollzieht sich der technische Fortschritt Technik naturalistisch betrachtet
als quasi-biologischer Prozess, der naturwüchsig
verläuft und von ungeplanten Handlungsfolgen be- Ein einseitiger Technik-Naturalismus oder -Deter-
gleitet ist, vom simplen Unfall beim Werkzeugge- minismus findet sich etwa bei Vertretern der biolo-
brauch bis hin zum Klimawandel als hochkomple- gischen Anthropologie, Evolutionsbiologie, Sozio-
xer, schwer durchschaubarer Folge vor allem des kol- biologie und Soziologie, darüber hinaus häufig auch
lektiven Energieverbrauchs in der globalisierten bei Natur- und Technikwissenschaftlern sowie in
Welt (Falkenburg 2008). Danach vollzieht sich die der Industrie. Er speist sich aus zwei Quellen: aus der
Entwicklung von Technik in der menschlichen Kul- Biologie sowie aus biologischen Analogien für die
tur als ›zweite Natur‹. technische Produktion im System der gesellschaftli-
Aus idealistischer Sicht wird die Technik in einem chen Arbeitsteilung. Auf der individuellen Ebene
Prozess der kulturellen Entwicklung gestaltet, der wird der Mensch dabei als dasjenige Lebewesen be-
auf vernunftgesteuerten Tätigkeiten beruht. Ihre an- trachtet, das Werkzeug gebraucht, um im Dasein zu
thropologischen Wurzeln sind Spieltrieb, Neugier, bestehen. Auf kollektiver Ebene wird die Evolution
Experimentier- und Gestaltungslust, ergänzt um die der Spezies Mensch an den großen technischen Re-
historisch variablen Anforderungen der Lebensbe- volutionen bemessen, insbesondere an den industri-
wältigung. Dabei betont die idealistische Technik- ellen Revolutionen der Neuzeit.
deutung den planvollen Charakter von Technik und Biologische Anthropologie: Die Philosophie der
die Befreiung des Menschen von Naturzwängen. Technik von Arnold Gehlen (s. Kap. IV.A.3). beruht
Beide Aspekte sind untrennbar verbunden. Bei auf der (älteren) Evolutions- und Verhaltensbiologie,
den Attributen ›quasi-biologisch‹ oder ›naturwüch- nach denen der Mensch im Vergleich zu den Tieren
sig‹ handelt es sich zum geringsten Teil um Naturge- ein ›Mängelwesen‹ ist  – wir sind instinktarm und
setze im buchstäblichen Sinn. Das Funktionieren können abseits der Zivilisation nicht lange überle-
von Technik unterliegt den Gesetzen der Physik, ben. Positiv ausgedrückt, ist die menschliche Intelli-
Chemie etc., aber die Technisierung der Lebenswelt genz ein Ersatz für mangelnde Instinktausstattung,
ist ein sozio-ökonomischer Prozess, bei dem sich der damit jedoch zugleich Träger der menschlichen
Technikgebrauch auf kollektiver Ebene durchsetzt. Freiheit. Der Biologie Adolf Portmann (1956) erwei-
Beide Arten von Gesetzmäßigkeit greifen ineinan- terte dies dahin, dass der Mensch durch die Plastizi-
der. Soweit die Technisierung teils unverstanden, tät seiner Fähigkeiten und Bedürfnisse zu charakte-
teils unbeherrschbar ist, vollzieht sie sich so ähnlich risieren sei. Die Natur des Menschen liegt danach in
wie ein biologischer Entwicklungs- und Selektions- der Plastizität seiner Natur, d. h. darin, dass er der
prozess. Von den einzelnen Akteuren, die das soziale Natur teilweise enthoben ist. Der Gegensatz zwi-
Kollektiv ausmachen, lässt sie sich nur bedingt pla- schen Gehlen und Portmann zeigt, inwiefern die na-
9. Technikdeterminismus 125

turalistische und die idealistische Technikdeutung danach entwickelt sich die Technik eigengesetzlich,
komplementär zueinander sind. Die Menschheit bestimmt die gesellschaftliche Entwicklung und ist
kompensiert ihren Instinktmangel – oder: realisiert den menschlichen Eingriffsmöglichkeiten entzogen
die Plastizität ihrer Natur – durch Intelligenz, die sie (Grunwald 1999, 187 unter Verweis auf Ropohl
in Technik umsetzt. Der Werkzeuggebrauch ermög- 1982). Von Determinismus in einem strikten (La-
licht es den Menschen, sich an die Natur anzupas- place schen) Sinne konnte dabei jedoch nie die Rede
sen, indem sie die Natur an sich anpassen. Für den sein, so wenig wie bei Marx selbst. In der biologi-
einzelnen Menschen ist die Technik dabei Organer- schen Evolution, bei der Technikentwicklung und
weiterung und -ersatz, wie Gehlen im Anschluss an auch bei sozio-ökonomischen Gesetzmäßigkeiten
Ernst Kapp diagnostiziert. Die Technik dient der handelt es sich um nicht-determinierte, nicht-pro-
Entlastung von der unmittelbaren Daseinssorge und gnostizierbare, zufallsgesteuerte Prozesse. Deshalb
darüber hinaus der Entlastung von stereotypen, au- trifft der Begriff ›naturalistisch‹, im schwachen
tomatisierbaren Handlungen. Sinne von ›vollständig nach dem Vorbild von Natur-
Evolutions- und Soziobiologie dehnen das biolo- gesetzen erklärbar‹, besser zu, soweit überhaupt
gistische Technikverständnis auf die Evolution der noch jemand einen Technik-Determinismus vertritt.
Spezies Mensch aus. Sprünge in der technischen Eine biologistische Deutung gibt Arnold Gehlen
Entwicklung der Menschheit, etwa der Übergang der arbeitsteiligen industriellen Produktion. Danach
von der Jäger-und-Sammler-Kultur zum Ackerbau vollendet sich die Technik in folgendem Sinn in den
oder die industrielle Revolution, werden evolutions- Automatisierungsprozessen der industriellen Pro-
biologisch gedeutet. Die Technik ist aus dieser Sicht duktion: Durch Automatisation kommt die Technik
die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln. wieder bei ihrem biologisch-anthropologischen Fun-
Der Ackerbau, die Arbeitsteilung der industriellen dament an. Der Mensch erkennt sich mit seinen bio-
Produktion oder die heutige medizinische Techno- logischen Rhythmen im Ablauf technischer Regel-
logie ändern unsere Spezies tatsächlich im Sinne ei- kreise wieder, die auf Rückkopplungsmechanismen
ner genetischen Evolution; sie haben Auswirkungen beruhen und quasi selbstgesteuert verlaufen, so dass
auf Bevölkerungsstruktur, Fortpflanzung und natür- ihre Bedienung keiner geistigen Anstrengung mehr
liche Selektion. Eine qualitativ neue Stufe ist mit der bedarf. Automatisierte technische Prozesse entspre-
Gentechnologie erreicht, bei der die Evolution ge- chen aus Gehlens Sicht der Triebnatur des Men-
zielt im biotechnischen Labor fortgesetzt wird. Das schen. Ihre Bedienung erfolgt durch unbewusste Re-
Wirtschaften der Menschen in der Natur und der aktionen, die auf Entlastung beruhen. Technik, de-
Technikeinsatz wirken sich auch auf die Zusammen- ren Gebrauch unbewusst erfolgt und von deren
setzung biologischer Populationen aus. Eine evoluti- Kontrolle wir weitgehend entlastet sind, ist naturali-
onsbiologische Sicht der Technik ist unverzichtbar sierte Technik, sie wird als quasi-natürlicher Vor-
dafür, langfristige Technikfolgen in den Blick zu be- gang erfahren. Wie gut die Akteure dabei ihr unbe-
kommen; hier sind die Auswirkungen der Technik wusstes technisches Handeln noch kontrollieren
auf das Ökosystem Erde zu betrachten. können, diskutiert Gehlen nicht (zum Ubiquitous
Soziologie: Auf der sozialen Ebene sind zwei As- Computing s. Kap. V.25).
pekte der Technik zu beachten. Einerseits werden
die Herstellung und der Gebrauch von Technik ge-
meinschaftlich und arbeitsteilig betrieben – in sozia- Technik idealistisch betrachtet
len Institutionen wie der Familie, der steinzeitlichen
Sippe, den antiken Stadtstaaten oder in den moder- Die idealistische Sicht der Technik rückt die Ver-
nen Industriebetrieben. Andererseits treiben techni- nunftleistungen des Menschen beim Entwurf und
sche Innovationen die gesellschaftliche Entwicklung Gebrauch von Technik ins Zentrum. Danach ist das
entscheidend voran. Technikgeschichte ist immer Hervorbringen von Technik planvoll und ideenge-
auch Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Der letztere leitet. Technische Ideen lassen sich auf drei Weisen
Punkt wurde von Karl Marx betont, der die Technik charakterisieren: als »symbolische Formen«, die
als zentrale Produktivkraft betrachtete (s. Kap. menschliche Ideen in konkrete Gestalt umsetzen
IV.A.2). Zusammen mit Marx ’ ›deterministischem‹ (Cassirer 1930/1995), im Sinne der »instrumentellen
Geschichtsverständnis hat dies einen Technik-De- Vernunft« (Horkheimer 1967) und als Pläne zur
terminismus in der Industriesoziologie (zu Technik Umgestaltung der Natur, die auf die »Erschaffung
als soziale Konstruktion s. Kap. IV.A.10) begründet; von Neuem« zielen (Mittelstraß 1992).
126 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Technik als symbolische Form: Nach Ernst Cassirer weiterung unserer natürlichen Organe, greift daher
(zur Philosophischen Anthropologie s. Kap. IV.A.3) zu kurz. Die Neukonstruktion der Wirklichkeit hat
verkörpern technische Werkzeuge die symbolischen mit den Errungenschaften der wissenschaftlichen
Fähigkeiten des Menschen. Die Technik ist eine und industriellen Revolutionen der Neuzeit einen
symbolische Form wie Sprache, Religion, Wissen- neuen Grad erreicht. Die wissenschaftlich-techni-
schaft, Moral oder Kunst, wobei alle symbolischen sche Lebenswelt besteht zunehmend aus Artefakten
Formen nach Cassirer ähnlich wie die Technik anstelle einer natürlichen Umwelt. Jürgen Mittel-
Werkzeugcharakter haben: Sie bilden die Wirklich- straß (1992) bezeichnet sie als »Leonardo-Welt«, als
keit nicht ab, sondern verleihen ihr erst konkrete menschgemachte künstliche Welt, die das, was man
Gestalt. Im Gegensatz zu anderen symbolischen For- einst unter ›Natur‹ verstand, immer stärker ver-
men ist eine technische Idee auf einen bestimmten drängt.
Zweck konkretisiert. Sie steht für die spezifische
Funktionsweise eines Gegenstands in einem konkre-
ten Handlungskontext und für den Nutzen, den er Idee und Wirklichkeit –
dabei hat. Technik, die den vorgegebenen Zweck Technik schlägt in Natur zurück
nicht erreicht, schlägt fehl oder wird dysfunktional.
Technische Ideen sind also symbolische Formen, die Bei Technik, die fehlschlägt oder deren Konsequen-
für den konkreten Nutzen von etwas stehen. Hierin zen wir nicht mehr überschauen, klaffen technische
berühren sie sich direkt mit dem Ökonomiegedan- Idee und Realisierung auseinander. Wenn die Tech-
ken – ganz anders als die Symbolisierungsweisen der nikkontrolle versagt, verschiebt sich das Verhältnis
Sprache, Wissenschaft und Kunst, oder als Kants zwischen naturalen und nicht-naturalen Technik-
moralische Idee des Menschen als Selbstzweck. aspekten: Der Technikgebrauch verselbständigt sich
Instrumentelle Vernunft: In Technik als spezifi- gegenüber dem Versuch, ihn vernunftgemäß zu
scher Form von ökonomischer Zweckrationalität ist steuern, und die Technik wird naturwüchsig. Die
die instrumentelle Vernunft (Horkheimer 1967) am philosophische Reaktion darauf sind negative
Werk. Die übergeordneten Zwecke des Entwurfs Technikutopien (Anders 1956, 1980), die Deutung
und Gebrauchs von Technik sind technikexterne der Technik als Schicksal (Heidegger 1962) und der
Ideen, die letztlich aber nicht der Technik selbst, Ruf nach dem Prinzip Verantwortung (Jonas 1979;
sondern der praktischen Vernunft in einem weiteren s. Kap. IV.B.2).
Sinne (etwa nach Kant) entspringen. Aus anthropo- Technik als Schicksal: Martin Heidegger betrach-
logischer Sicht kommt der Technik die Rolle zu, die tet die Verselbständigung der Technik auf der
Menschen von der unmittelbaren Daseinssorge zu Grundlage der neuzeitlichen Naturwissenschaft als
entlasten und damit neue menschliche Kräfte freizu- schicksalhaft und gelangt dadurch zu einem nicht-
setzen, etwa für kulturelle Leistungen. Doch als biologistischen Technik-Determinismus. Er be-
Form der Zweckrationalität ist sie dadurch gekenn- stimmt den Begriff der Technik aus idealistischer
zeichnet, dass sie mit konkreten Werkzeugen die Ef- Perspektive; er sucht nach einer »Wesensbestim-
fizienz unserer Handlungen steigert und z. B. die Ar- mung«, die uns eine »freie Beziehung« zur Technik
beit erleichtert. eröffnet. Hierfür analysiert er die Zweckrationalität,
Neukonstruktion der Wirklichkeit: Technische die sich in der Technik verkörpert. Er gelangt zu ei-
Ideen sind Konstruktionsvorschriften für die Umge- ner anti-biologistischen Deutung der Technik, nach
staltung von Naturdingen und Naturvorgängen nach der die technische Produktion im Gegensatz zur bio-
menschlichem Plan. Bei aller Nutzenorientierung logischen Entwicklung steht: Während ein organi-
sind sie Ausdruck menschlicher Freiheit, es handelt scher Wachstumsprozess aus sich selbst heraus ge-
sich um schöpferische Ideen. Die Technik hat somit schieht, besteht die Technik im Hervorbringen von
einen ›demiurgischen‹ Aspekt, sie zielt auf die Er- Dingen und Effekten, das im Gegensatz zum natürli-
schaffung von Neuem. Die Technik der Menschen chen Dasein wesentlich fremdbestimmt ist. Diese
geht über das hinaus, was die Natur an potentiellen Fremdbestimmtheit kommt vor allem in der neu-
Werkzeugen liefert. Darüber hinaus hat die Handha- zeitlichen Technik zur Geltung. Mittels der experi-
bung technischer Geräte einen spielerischen Aspekt, mentellen Methode wird die Natur ›herausgefordert‹
der nicht in vorgegebenen Ideen, Plänen und Nut- oder ›gestellt‹ im Doppelsinn des Erschließens ver-
zungsweisen aufgeht. Die naturalistische Vorstel- borgener Ressourcen und der möglichst effektiven
lung, die Technik bestünde im Ersatz und in der Er- Nutzung dieser Ressourcen. Heidegger benennt hier
9. Technikdeterminismus 127

die komplexen Beziehungen zwischen Technik, Na- Wohlstands in den Industrienationen, aber auch zur
turwissenschaft und Ökonomie. zunehmenden Desorientierung des Menschen in ei-
Im Resultat bezeichnet Heidegger die neuzeitli- ner Lebenswelt, die aus technischen Artefakten be-
che Technik als »Gestell« – als Summe an Konstruk- steht (Anders 1956, 1980), und zur tendenziellen
ten und Nutzungsbeständen, in denen der Mensch Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen. Dabei
überall nur noch seinen eigenen Produkten und wird sowohl das Versagen von Technologie als auch
doch nirgends mehr sich selbst begegnet. Dabei hält schleichende Nebenfolgen funktionierender Tech-
Heidegger die globalisierte Technik für unentrinn- nik (Jonas 1979) gesellschaftlich relevant. Wenn
bar und betrachtet die Technik als Lebensform und simpler Werkzeuggebrauch seine Funktion nicht er-
kollektives Schicksal für die Menschen. Daneben be- füllt, so wirkt sich dies auf den Handwerker selbst
tont er die Gefahr der Selbstentfremdung als indivi- und auf sein Erzeugnis aus, in Form eines Unfalls
duelle Konsequenz dieses kollektiven Schicksals. Zu- oder eines missglückten Werkstücks. Dagegen wer-
gleich macht er deutlich, dass der technischen Ent- den moderne Technologien in großem Maßstab pro-
wicklung nicht durch moralische Forderungen von duziert und konsumiert. Relativ geringfügige Ursa-
außen Einhalt geboten werden kann, so sehr ist der chen können dabei zu Kettenreaktionen oder globa-
technische Fortschritt anthropologisch mit dem len Umweltschäden führen und beträchtliche
Schicksal der Menschheit verflochten. Damit hebt er Wirkungen auslösen, von der Explosion in einer
die grundsätzliche Ambivalenz des kollektiven Tech- chemischen Fabrik über den Börsencrash auf den in-
nikgebrauchs hervor, dessen Folgen die Menschheit ternationalen, computergesteuerten Finanzmärkten
existentiell gefährden. Die Gefährdung betrifft den bis zum Klimawandel.
Menschen als Naturwesen und als Vernunftwesen.
Nicht (nur) der Fortbestand der Gattung ist gefähr-
det, sondern auch die menschliche Freiheit. Konsequenzen
Beschleunigte Verselbständigung: Die Verselbstän-
digung der Folgen kollektiven technischen Handelns Technische Ideen, die auf lokales Eingreifen in die
ist heute immens (zu Technikfolgen s. Kap. II.5). Wirklichkeit zielen, bekommen in der wissenschaft-
Doch bei genauer historischer Betrachtung erweist lich-technischen Lebenswelt hochgradig nicht-lo-
sich ihr Zustandekommen  – wie der Verlauf jeder kale Auswirkungen. Wo die Folgen technischen
einzelnen wissenschaftlichen und technischen Re- Handelns unüberschaubar werden, schlägt Technik
volution seit Beginn der Neuzeit  – als schrittweise in Natur zurück; jedoch nicht in strikte Naturge-
verlaufender, gradueller Prozess. Im Übergang von setze, sondern in Mechanismen, bei denen die ›erste‹
den ständisch organisierten, bäuerlich und hand- und die ›zweite‹ Natur auf schwer durchschaubare
werklich produzierenden Gesellschaften des Hoch- Weise zusammenwirken.
mittelalters und der Renaissance zur industriellen Funktionierende Technik ist grundsätzlich den-
Produktion der Neuzeit hat sich der technische Fort- selben Naturgesetzen unterworfen wie Technikver-
schritt zwar zunehmend beschleunigt, doch die sagen, Unfälle, Katastrophen oder Umweltschäden.
meisten Schritte brachten für sich genommen kaum In funktionierender Technik beherrscht man die Na-
grundsätzlich Neues mit sich. Was also hat sich ge- turgesetze, beim Fehlschlag von Technik offenbar
ändert? In der neuzeitlichen Technik geht die indus- nicht. Fehlschläge der Technik, die zu schweren Un-
trielle Produktion mit den Methoden der Naturwis- fällen mit Umweltverseuchung führen, werden mit
senschaften zusammen. Dabei wird der Gedanke einem gewissen Recht quasi als Naturkatastrophen
der Effizienz vorherrschend; entsprechend be- erfahren, auch wenn sie menschengemacht sind.
schleunigen sich technischer Fortschritt und ökono- Doch die Quasi-Naturgesetzlichkeit unbeherrschter
mische Entwicklung mit jeder industriellen Revolu- Technikfolgen (s. Kap. II.5) enthebt die Menschen
tion drastisch. Die Steigerung von Arbeitsleistung, und Institutionen, die Technik produzieren und ein-
Wirkungsgrad und Produktionsausbeute  – oder setzen, nicht von der Pflicht, die Risiken zu mini-
auch: die Beschleunigung der ökonomischen Pro- mieren und sorgsam mit sensiblen Technologien
duktion mit technischen Mitteln – wird zum ökono- umzugehen. Der einzige Weg, dem Technik-Deter-
mischen Prinzip und zum Motor der wissenschaftli- minismus Einhalt zu gebieten, sind ethische Refle-
chen und technischen Entwicklung. xion des Technikgebrauchs, differentielle Technik-
Dies führte zum bekannten Anstieg der Lebens- folgenabschätzung und politische Steuerung.
erwartung, der Lebensqualität und des allgemeinen
128 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Literatur 10. Technik als soziale


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zunehmend undurchschaubarer Komplexität tech-
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mus. In: Friedrich Rapp/Paul T. Durbin (Hg.): Technik- nen Kontexten unterschiedliche organisatorische
philosophie in der Diskussion. Braunschweig 1982, 3–18. und soziale Effekte zeitigen, dazu beigetragen, »tech-
Brigitte Falkenburg nische Gegenstände als soziale Phänomene und
technische Entwicklung als sozialen Prozeß« zu ver-
stehen (Lutz 1987, 44). Das Interesse der Forschung
über Technik hat sich deshalb ihrer Entstehung bzw.
Erzeugung und den Prozessen der Technisierung ge-
sellschaftlicher Lebensbereiche zugewandt. Diese
Phänomene werden aus evolutionstheoretischer, in-
stitutionalistischer, kulturalistischer und/oder histo-
rischer Perspektive, aber auch mit den Mitteln der
Theorie rationaler Wahl und der Spieltheorie analy-
siert (vgl. Halfmann et al. 1995).
Unter den ›Theoriebausteinen‹ der Techniksozio-
logie hat vor allem in den 1980er und 1990er Jahren
der Sozialkonstruktivismus, der sich überwiegend
mit der Entstehung von Technik (Technikgenese) be-
10. Technik als soziale Konstruktion 129

fasst, eine besondere Prominenz erlangt. Ein starker von haben, welchen Zweck ein technisches Artefakt
Impuls kam aus der Wissenschaftsforschung, in der erfüllen und wie es aussehen soll. Am Beispiel der
relativistische und konstruktivistische Ansätze do- sozialen Konstruktion des Fahrrades zeigt Bijker
minierten. Hier konnte gezeigt werden, dass, was als (1995), dass eine soziale Gruppe es als einen Gegen-
›objektive‹ naturwissenschaftliche Tatsache erschei- stand betrachtete, mit dem sie ihren Mut und ihre
nen mag, tatsächlich in dem Sinne sozial konstruiert Männlichkeit unter Beweis stellen konnte (Macho
ist, dass es das Ergebnis insbesondere von sozialen Bike), während andere Gruppen mehr Wert legten
Aushandlungsprozessen, aber auch etwa der Aus- auf die Einfachheit der Benutzung oder die Sicher-
stattung von Forschungslabors mit Instrumenten heit oder auch auf die Geschwindigkeit der Fortbe-
darstellt. In anderen sozialen und materiellen Kon- wegung. Wieder andere richteten ihre Aufmerksam-
stellationen hätte das Ergebnis anders ausfallen kön- keit auf die unterschiedlichen Anforderungen, die
nen. In einem 1984 publizierten Artikel plädieren Männer und Frauen an die Konstruktion richteten,
Trevor Pinch und Wiebe Bijker dafür, diese Ansätze oder sie hielten es grundsätzlich für moralisch ver-
für die Technikforschung fruchtbar zu machen. Das werflich, dass Frauen überhaupt Fahrräder, ganz
Potential ihres Ansatzes, der Social Construction of gleich welcher Konstruktion, benutzten. Auch die
Technology (SCOT), illustrieren sie am Beispiel der Hersteller von Fahrrädern brachten ihre Vorstellun-
Entwicklung des Fahrrades (Pinch/Bijker 1984). In gen ein. Ähnlich war es im Falle der Erfindung des
einer späteren Publikation greift Bijker dieses Bei- Bakelits. Schon im Erfindungsprozess spielten trotz
spiel noch einmal auf und ergänzt es um zwei wei- der herausragenden Rolle des Erfinders Leo Hendrik
tere Fallstudien: Die Entstehung des Bakelits, des Baekeland die unterschiedlichen Vorstellungen und
ersten synthetischen Werkstoffes, und die Markt- Anforderungen relevanter sozialer Gruppen eine
durchsetzung der Leuchtstoffbirne (Bijker 1995). In wichtige Rolle. Verschiedene Gruppen von potenti-
diesen Fallstudien entwickelt und verwendet der ellen Konsumenten, von Chemikern und Ingenieu-
Autor ein konzeptionelles deskriptives Modell, mit ren, aber auch von Industriedesignern und Pro-
dessen Hilfe, so der Anspruch, die sozialen Wurzeln duzenten ähnlicher Kunststoffe artikulierten ihre
jeder Technik sichtbar gemacht werden können. Erwartungen im Hinblick auf die Eigenschaften,
Verwendungsmöglichkeiten und Produktionsver-
fahren des Bakelit und trugen so zur sozialen Kon-
Zentrale analytische Konzepte struktion dieses Kunststoffs bei. Im Falle der Leucht-
stoffbirne schließlich ging es darum, dass sich diese
Das deskriptive Modell besteht aus zentralen analy- Technik am Markt gegen eine Vielzahl etablierter
tischen Konzepten, die den SCOT-Ansatz prägen, Beleuchtungsmittel durchsetzte. Relevante soziale
was aber nicht bedeutet, dass sie alle bereits frühzei- Gruppen waren die stark kartellierten und vernetz-
tig ausformuliert und expliziert worden waren. Ins- ten Produzenten und Händler von Beleuchtungs-
besondere in den frühen 1980er Jahren publizierte mitteln, aber auch die Elektrizitätsversorger und
Analysen der sozialen Gestaltung von Technik ver- später die allgemeine Öffentlichkeit neben den Be-
wenden nur selten diese Konzepte, auch wenn sie leuchtungsingenieuren und Herstellern von Lampen
unter dem SCOT-Ansatz subsumiert wurden (vgl. für Haushalt und Gewerbe. Im Prozess der sozialen
Bijker et al. 1987). Gemeinsam ist ihnen die Abkehr Konstruktion der Leuchtstoffbirne spielten die wirt-
vom Technikdeterminismus, indem sie zeigen, dass schaftlichen Interessen und die Marktmacht der ge-
Technik an sich keine soziale Gestaltungsmacht aus- nannten sozialen Gruppen eine wichtige Rolle. Auch
übt. Auch lassen sie erkennen, dass die Vorstellung ihre Vorstellungen von der Funktionalität und Qua-
einer linearen Entwicklung der Technik von der For- lität der Beleuchtung und der Leistungsfähigkeit ver-
schung über die Entwicklung, die Herstellung von schiedener Varianten der Leuchtstoffbirne, über die
Prototypen, die Produktion der Technik und ihre auch am Verhandlungstisch gestritten wurde, flos-
Einführung in den Markt angesichts zahlreicher sen in den Konstruktionsprozess ein. Ähnlich wie
Verzweigungen und Rückkopplungsschleifen im beim Fahrrad gab es auch bei der Leuchtstoffbirne
Entwicklungs- und Herstellungsprozess nicht zu- eine Diskussion über die Sicherheit der Benutzung
treffen kann. dieser Techniken.
Drei analytische Konzepte werden im SCOT-An- Das zweite wichtige Konzept der Analyse der so-
satz besonders betont. Erstens sind es relevante sozi- zialen Konstruktion von Technik betrifft deren in-
ale Gruppen, die unterschiedliche Vorstellungen da- terpretative Flexibilität. Die verschiedenen sozialen
130 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Gruppen haben derart unterschiedliche Vorstellun- Kritik und Perspektiven


gen von der entstehenden Technik, betrachten sie
aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln, dass es Frühe Kritik am Sozialkonstruktivismus zielt spezi-
aus der SCOT-Perspektive nur wenig Sinn macht, ell auf das Konzept der relevanten sozialen Gruppen
von einer identischen Technik zu sprechen. Ein des SCOT-Ansatzes. Ihm zufolge formt die sozio-
Fahrrad ist zunächst so viele Fahrräder, wie mit ihm kulturelle Situation dieser Gruppen die Normen und
unterschiedliche – keineswegs nur technische – Vor- Werte, die dann die Interpretation und Bewertung
stellungen und Bedeutungen verbunden sind. Ana- des technischen Artefakts beeinflussen. Dies sind
loges gilt für das Bakelit und die Leuchtstoffbirne. aber, so die Kritik, Setzungen, die nicht geprüft wer-
Nicht nur das Aussehen oder die Architektur einer den (Rosen 1993). Ähnliches gilt für die Beurteilung
Technik sind interpretativ flexibel. Auch das Funkti- der Relevanz einer Gruppe, deren Bestimmung ex-
onieren oder Nichtfunktionieren der Technik und post erfolgt und der Selbsteinschätzung der Gruppe
damit die Frage, ob ein ›fertiges‹ Produkt als Erfolg überlassen wird anstatt mit Hilfe externer Kriterien
oder Fehlschlag erscheint, ist abhängig von grup- zu untersuchen, warum bestimmte Gruppen rele-
penspezifischen Leistungsanforderungen und Inter- vant werden und andere nicht. Solange sich der
pretationen. Das gilt selbst für die Präzision der SCOT-Ansatz ganz überwiegend nur auf die Mi-
Steuerung hoch komplexer Systeme wie der Atomra- kroebene der Akteure konzentriert und hier vor al-
kete. Aus der SCOT-Perspektive ist es nicht gerecht- lem die unmittelbar Handelnden betrachtet, kom-
fertigt, davon auszugehen, dass Präzision die natür- men strukturelle, kulturelle und insbesondere insti-
liche oder unausweichliche Folge technischen Wan- tutionelle Faktoren nicht ins Blickfeld, obwohl sie
dels ist. Vielmehr ist die Einschätzung, ob etwas die Relevanz, die Macht und den Einfluss der einzel-
präzise funktioniert, nicht objektiv gegeben, son- nen Gruppen prägen und daher nicht vernachlässigt
dern interpretationsabhängig. Somit ist letztlich werden dürfen, wenn erklärt werden soll, warum
auch die »Erfindung« von Präzision das Resultat von sich welche Variante einer Technik durchsetzt
sozialen Prozessen (MacKenzie 1990, 3 f.). (Werle 1998).
Das dritte als Schließung und Stabilisierung be- Der SCOT-Ansatz kritisiert überzeugend den
zeichnete Konzept stellt darauf ab, dass die unter- Technikdeterminismus, ist aber selber sozialdeter-
schiedlichen Vorstellungen und Interpretationen in ministisch. Er ignoriert die Möglichkeit, dass der
Verhandlungen und Aushandlungen zwischen den technische Wandel eine Dynamik entwickelt, die au-
sozialen Gruppen und in anderen Selektionsprozes- ßerhalb der Einflussmöglichkeiten der relevanten
sen schließlich zu einem Ergebnis führen, das dann sozialen Gruppen liegt. Das Konzept der Schlie-
zumindest eine Zeit lang von den relevanten sozia- ßung, Stabilisierung und Härtung legt dies jedoch
len Gruppen akzeptiert wird. Die Auseinanderset- durchaus nahe. So ist zu erwarten, dass sich eine ein-
zungen gelten als abgeschlossen, und es stabilisiert mal stabilisierte und gehärtete Technik pfadabhän-
sich ein bestimmtes Konzept eines technischen Ar- gig weiter entwickelt und nur noch schwer auf einen
tefakts, d. h. dessen interpretative Flexibilität wird anderen Pfad oder eine andere Trajektorie umge-
entscheidend reduziert. In der Technikgenesefor- lenkt werden kann (vgl. Werle 2007).
schung werden diese Prozesse auch als Konsolidie- Weil der SCOT-Ansatz sich in der Regel auf frühe
rung und Härtung einer Technik bezeichnet (vgl. Phasen der Technikentwicklung und die Interpreta-
Knie 1991). Im Falle des Fahrrades stabilisierte sich tionen und Vorstellungen der unmittelbar Handeln-
schließlich die von mehreren Gruppen geteilte Kon- den konzentriert, aber offenbar auch aus methodi-
zeption des Sicherheitsfahrrades mit Luftbereifung. schen Gründen (Winner 1993, 372), blendet er die
Unter Bakelit wurde letztlich allgemein ein syntheti- gesellschaftlichen Wirkungen und Effekte der sozial
sches Material verstanden, das in erhitztem Zustand konstruierten Technik weitgehend aus (zu Technik-
formbar war, nach Abkühlung fest wurde und nicht folgen s. Kap. II.5). Eine Ausnahme bildet lediglich
mehr etwa durch Alkohol oder Glyzerin aufgeweicht die Variante des Constructive Technology Assessment
werden konnte. Die Leuchtstofflampe stabilisierte (CTA) (s. Kap. VI.4). Dieser in einigen Ländern zu-
sich schließlich nach heftigen Auseinandersetzun- mindest teilweise institutionalisierte Ansatz zielt
gen zwischen Elektrizitätsversorgungsunternehmen darauf, Technik in ihrer frühen Entwicklung durch
und mächtigen Herstellerfirmen von Beleuchtungs- direkte Eingriffe so zu beeinflussen, dass gesell-
material als eine noch heute gebräuchliche mit ho- schaftlich unerwünschte Wirkungen nicht eintreten
her Lichtintensität fluoreszierende Röhre. (vgl. Schot/Rip 1997).
10. Technik als soziale Konstruktion 131

Ethische Aspekte häufiger, implizit auf ethische Begriffe und Kon-


zepte berufen.
Die dem SCOT-Ansatz verpflichtete Forschung zeigt Der Blick auf die Geschichte des Internet zeigt,
zwar, dass die relevanten sozialen Gruppen sehr un- dass sein Vorläufer, das ARPANET, zwar mit Gel-
terschiedliche Vorstellungen vom Design und der dern aus dem U.S.-Verteidigungsministeriums fi-
späteren Nutzung technischer Artefakte haben kön- nanziert wurde, dass es aber nicht für alle Beteiligten
nen, sie entwickelt aber in aller Regel, wie es Lang- in erster Linie ein Netz darstellte, das militärische
don Winner ausdrückt, keinerlei moralische oder Werte wie Überlebensfähigkeit durch räumliche De-
politische Prinzipien, die eine Bewertung der Arte- zentralisierung verkörpern sollte. Die in die Ent-
fakte ermöglichen würden. Die Forscher haben of- wicklung involvierten Informatiker und Computer-
fenbar keine theoretische oder praktische Position wissenschaftler wollten ein Netz, das die Werte der
hinsichtlich des Zusammenhangs von Technik und Kollegialität, der dezentralisierten Autorität und des
dem Wohlbefinden der Menschen (Winner 1993, offenen kooperativen Austauschs reflektieren sollte.
371 f.). Diese an die Forscher adressierte Kritik kann Gemeinsam mit der wachsenden Zahl der Nutzer
als Forderung verstanden werden, technikethische sahen die Entwickler das Netz in erster Linie als ein
Aspekte in die Forschung einzubeziehen, was jedoch Kommunikationsmedium, auch wenn das von den
zumindest in dieser expliziten Form im Sozialkon- Geldgebern nicht so vorgesehen war (Abbate 1999,
struktivismus nicht geschieht. 5 f.). In den 1970er Jahren entstanden Gremien der
Der SCOT-Ansatz, und hier speziell das Konzept Selbstverwaltung und Koordination mit teils opera-
der interpretativen Flexibilität, erlaubt es allerdings tiven und teils konsultativen Funktionen, von denen
durchaus zu zeigen, wie und welche normativen und einige in größeren Dimensionen noch heute existie-
ethischen Aspekte in Prozessen der Technikent- ren. Hier entstanden die Basisprotokolle, mit denen
wicklung und des sozio-technischen Wandels mobi- in dezentraler Form technisch heterogene Netze ver-
lisiert werden. Dies lässt sich am Beispiel der Entste- knüpft werden konnten und die von der U.S. Natio-
hung und Entwicklung des Internet (s. Kap. V.10) nal Science Foundation Mitte der 1980er Jahre für
gut illustrieren, auch wenn es hierzu nur wenig For- die Vernetzung aller Universitätsrechner zum Inter-
schung wie diejenige zur Erfindung des Internet net verbindlich gemacht wurde. Die »Fähigkeit Ver-
gibt, die explizit sozialkonstruktivistisch orientiert bindungen zu schaffen – das inter-networking – ist
ist (Abbate 1999). Die Entwicklung des Internet und der offensichtlichste Wert des Internets« – technisch
seines Vorläufers, des ARPANET, lässt sich als eine wie sozial (Arbeitsgruppe 2002, 40; auch Abbate
Abfolge von ›Technikkonflikten‹, d. h. Kontroversen 1999, 111). Die Basisprotokolle stehen kostenlos zur
darüber verstehen, welche Opportunitäten und Pro- Verfügung. In der Wahrnehmung der Internetpio-
bleme sich im Laufe der Entwicklung ergeben und niere, aber auch späterer Generationen der sog. In-
wie sie behandelt werden sollen. Dabei geht es nicht ternet Community drücken sich in diesen techni-
(nur) um wahrgenommene Risiken oder um die schen Eigenschaften Werte wie Hilfsbereitschaft,
Frage, ob man eine neue Funktion des Netzes für Kooperation und Offenheit aus.
nutzlos oder wertvoll erachtet, sondern (auch) ent- Bis Ende der 1980er Jahre hatte sich eine »Netz-
lang der »Basisunterscheidung von gut und böse« kultur« (Helmers et al. 1998) mit formellen Benut-
(Bogner 2011, 29) um das moralisch Gebotene. Die zungsordnungen und informellen Regeln speziell
Technikkonflikte haben also eine ethische Dimen- der Kommunikation im Internet herausgebildet, die
sion. Sie sind »ethisiert« (ebd., 27 ff.). Im Falle des darauf zielten, einen reibungslosen Netzbetrieb und
Internet liegt entsprechend dem SCOT-Ansatz, was eine »verantwortliche und solidarische Nutzung der
die relevanten sozialen Gruppen betrifft, die Auf- knappen Kapazitäten« zu gewährleisten, ohne dass
merksamkeit weniger auf Bürgerforen, Parlamenten es staatlicher oder anderer hierarchischer Eingriffe
oder Ethikräten als auf Informatikern, Computer- bedurfte (Werle 2001, 462). Eine Nutzung für kom-
wissenschaftlern und anderen Entwicklern des Net- merzielle Zwecke schlossen sie grundsätzlich aus.
zes, Nutzern und Nutzergruppen sowie den für die Dies änderte sich spätestens mit der Einführung des
Systemarchitektur, die Standardisierung oder die World Wide Web und dem Rückzug der U.S. Natio-
Adressenvergabe zuständigen kollektiven Akteuren nal Science Foundation aus der Finanzierung des In-
der internen Internet Governance. Dabei interessiert ternet Mitte der 1990er Jahre. In dem nun privati-
vor allem, dass sich die Parteien im Technikkonflikt, sierten Netz blieben jedoch – pfadabhängig – traditi-
gleichgültig wie dieser Konflikt endet, explizit oder, onelle Prinzipien der Nutzung und Gestaltung
132 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Elemente der technischen Architektur Korrespondierende Werte


Dezentrale transparente Netzstruktur Freier Zugang, Selbstverantwortung
Minimale zentrale Koordination Selbstregulierung, Demokratie,
Korrespondenzen der
Redefreiheit
technischen Architektur
Technische Eigenständigkeit der Autonomie, Heterogenität des Internet mit ihnen
Teilnetze zugeschriebenen
Open Source bzw. Public Domain Offenheit, Kooperation, Partizipation positiven gesellschaft-
Software lichen Werten
Vielfalt technischer Optionen Innovation, Kreativität, Individualität (vgl. Werle 2001, 464;
2002, 248)

erhalten. Hierzu zählen vor allem Dezentralisierung, Viele Konflikte um die weitere Gestaltung des In-
offene Architektur und aktive Nutzerpartizipation ternet muten sehr technisch an. Wie die aktuelle
(Abbate 1999, 217). Auch bleiben starke Vorbehalte Auseinandersetzung um Netzneutralität zeigt (Feick/
gegen eine Dominanz wirtschaftlicher Nutzungsfor- Werle 2010, 531 f.), prallen in dem Konflikt aber tat-
men des Internet bestehen, wie die Auseinanderset- sächlich auch ethisch unterschiedlich bewertete In-
zungen um das Urheberrecht oder den Datenschutz terpretationen aufeinander, die oftmals die Erzielung
zeigen (zu Information s. Kap. V.9, zu Internet s. eines Konsenses ausschließen. Im Gegensatz zum
Kap. V.10). Konzept der Schließung und Stabilisierung des
Trotz der angedeuteten Veränderungen gilt wei- SCOT-Ansatzes, das auf eine schließlich erreichbare
terhin, dass viele technische Eigenschaften positiv Konsolidierung einer bestimmten technischen Lö-
besetzt sind, weil sie in der Wahrnehmung vieler sung verweist, wäre es illusorisch zu erwarten, dass
Nutzer Werte einer ›guten‹ Gesellschaft repräsentie- ethisierte Technikkonflikte in der Regel konsensuell
ren. Das Internet wird als gutes sozio-technisches gelöst werden (Bogner 2011, 31 ff.). Dennoch bietet
System wahrgenommen (vgl. Werle 2001). In den der SCOT-Ansatz mit seinen analytischen Konzep-
Technikkonflikten um die weitere Entwicklung und ten das zumindest deskriptive Potential, die Ethisie-
Nutzung des Netzes werden, oftmals eher implizit, rung von Technikkonflikten nachzuzeichnen und
Korrespondenzen bestimmter Elemente der techni- systematisch als wichtigen Faktor im Prozess der
schen Architektur mit ihnen zugeschriebenen posi- sozialen Konstruktion von Technik zu berücksichti-
tiven Werten sichtbar. Die Tabelle deutet einige die- gen.
ser Korrespondenzen an. Hierbei handelt es sich um
Zuschreibungen begünstigt durch die offene Zweck- Literatur
struktur des sozio-technischen Systems und nicht
Abbate, Janet: Inventing the Internet. Cambridge, Mass./
um strukturelle Analogien.
London 1999.
Die Technikkonflikte (s. Kap. III.6) werden zu- Arbeitsgruppe globale Netze und lokale Werte: Globale
nehmend zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen Netze und Lokale Werte. Eine vergleichende Studie zu
und politischen Autoritäten, aber auch innerhalb Deutschland und den Vereinigten Staaten. Baden-Baden
dieser Parteien auf nationaler und internationaler 2002.
Bijker, Wiebe E.: Of Bicycles, Bakelites, and Bulbs. Toward a
Ebene ausgetragen. Im Konzept des SCOT-Ansatzes
Theory of Sociotechnical Change. Cambridge, Mass./
bilden sie die heute relevanten sozialen Gruppen. Im London 1995.
Prinzip geht es bei den meisten Konflikten um staat- – /Hughes, Thomas P./Pinch, Trevor J. (Hg.): The Social
liche (politische) Regulierung oder Selbstregulie- Construction of Technological Systems. New Directions in
rung (vgl. Feick/Werle 2010). Die Konflikte entste- the Sociology and History of Technology. Cambridge,
hen, weil denselben technischen Merkmalen des In- Mass./London 1987.
Bogner, Alexander: Die Ethisierung von Technikkonflikten.
ternet nicht nur positive, sondern auch negative Studien zum Geltungswandel des Dissenses. Weilerswist
Eigenschaften und Effekte zugeschrieben werden. 2011.
So gilt das Netz etwa auch als antidemokratische Dolata, Ulrich/Werle, Raymund (Hg.): Gesellschaft und die
Überwachungstechnologie (s. Kap. V.22), als Gefahr Macht der Technik. Sozioökonomischer und institutionel-
für den Datenschutz oder den Schutz geistigen Ei- ler Wandel durch Technisierung. Frankfurt a. M. 2007.
Feick, Jürgen/Werle, Raymund: Regulation of cyberspace.
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als Bedrohung des freien Informationsflusses und The Oxford Handbook of Regulation. Oxford 2010, 523–
der persönlichen Autonomie und Integrität. 547.
11. Werthaltigkeit der Technik 133

Grunwald, Armin: Technikdeterminismus oder Sozialde- 11. Werthaltigkeit der Technik


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Sicht des ›Technology Assessment‹. In: Ulrich Dolata/
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durch Technisierung. Frankfurt a. M. 2007, 63–82. gentlich gefährden Technologien bestimmte Werte,
Halfmann, Jost/Bechmann, Gotthard/Rammert, Werner beispielsweise Gesundheit und Sicherheit, so wie es
(Hg.): Technik und Gesellschaft Jahrbuch 8: Theoriebau- 2011 bei der Atomkatastrophe in Fukushima der Fall
steine der Techniksoziologie. Frankfurt a. M. 1995. war. Aber Technologien können auch Werte unter-
Helmers, Sabine/Hoffmann, Ute/Hofmann, Jeanette: Inter-
net … The Final Frontier: Eine Ethnographie. Schlussbe- stützen, wie beispielsweise das menschliche Wohlbe-
richt des Projekts »Interaktionsraum Internet. Netzkultur finden, die Demokratie oder den Schutz der Privat-
und Netzwerkorganisation«. Wissenschaftszentrum Ber- sphäre. Zunächst werden in diesem Kapitel, einigen
lin für Sozialforschung FS II 98–112. Berlin 1998. üblichen Differenzierungen der Moralphilosophie
Knie, Andreas: Diesel – Karriere einer Technik. Genese und zwischen verschiedenen Arten von Werten folgend,
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die Folgen – soziologische Technikforschung vor neuen sowie zwischen intrinsischen und extrinsischen
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darauf begründen, dass sie zum Erreichen anderer
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– : Das »Gute« im Internet und die Civil Society als globale den ersten Blick recht deutlich zu sein scheint, ist sie
Informationsgesellschaft. In: Jutta Allmendinger (Hg.): problematisch, vor allem, weil das Konzept der in-
Gute Gesellschaft? Verhandlungen des 30.Kongresses der
trinsischen Werte nicht eindeutig ist. Es wird nor-
Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Köln 2000. Opla-
den 2001, 454–474. malerweise so interpretiert, dass es sich auf ein Ob-
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In: Gerhard Banse/Armin Grunwald/Michael Rader wertvoll sind. Somit ist ein intrinsischer Wert ein
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– : Pfadabhängigkeit. In: Arthur Benz/Susanne Lütz/Uwe
kann. Intrinsische Werte können sich jedoch auch
Schimank/Georg Simonis (Hg.): Handbuch Governance.
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Raymund Werle Methoden kategorisiert werden. Bei der ersten Me-
thode wäre zu ermitteln, ob es sich um relationale
Werte handelt oder nicht. Nicht relationale Werte
werden im Folgenden als ›intrinsische Werte‹ be-
zeichnet, da sich diese Werte nur auf intrinsische Ei-
genschaften stützen. Bei allen anderen Werten han-
delt es sich dann definitionsgemäß um ›extrinsische
Werte‹. Bei der zweiten Methode stellt sich die Frage,
134 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

ob es sich bei den fraglichen Objektwerten um den extrinsischen Eigenschaften der fraglichen Ar-
Selbstwerte handelt, die um ihrer selbst willen einen tefakte abhängt. Um nun die Plausibilität einer sol-
Wert haben, oder nicht. Die Selbstwerte werden im chen Annahme zu prüfen, müssen wir zunächst
Folgenden als ›terminale Werte‹ bezeichnet; alle an- Technologie beziehungsweise technologische Arte-
deren Werte werden dann unter dem Begriff ›instru- fakte definieren, da diese im Wesentlichen das sind,
mentelle Werte‹ zusammengefasst. wovon abhängt, was unserer Meinung nach intrinsi-
sche und extrinsische Eigenschaften technologischer
Artefakte ausmacht. Eine plausible minimale Defini-
Die Neutralitätsthese der Technik tion der Technologie muss sich auf das Konzept der
Funktion und/oder vergleichbare Konzepte  – wie
Gelegentlich wird die These der Wertneutralität aller beispielsweise Ziele, Zwecke und Absichten – bezie-
Technologie vertreten. Das Hauptargument zur Un- hen. Die Tatsache, dass Technologien eine Funktion
terstützung dieser These lautet, dass es sich bei der haben, bedeutet auch, dass sie einen instrumentellen
Technologie lediglich um ein neutrales Mittel zum Wert besitzen, d. h. dass sie zu einem bestimmten
Erreichen eines bestimmten Zwecks handelt, das Zweck verwendet werden können (s. Kap. II.1).
zum Vor- oder Nachteil genutzt werden kann. Somit Im Rahmen einer minimalen Definition hat
ergibt sich der jeweilige Wert aus der Nutzung und Technologie somit zumindest einen instrumentellen
erwächst nicht aus der Technologie selbst. Das be- Wert. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein solcher in-
deutet auch, dass die negativen Auswirkungen der strumenteller Wert für technologische Artefakte in-
Technologie den Nutzern zuzuschreiben sind und trinsisch ist, in dem Sinn, dass er nur von den intrin-
nicht den technologischen Artefakten oder ihren sischen Eigenschaften der technologischen Arte-
Gestaltern selbst. Wie die amerikanische Schusswaf- fakte abhängt. Das ist normalerweise nämlich nicht
fenvereinigung (National Rifle Association) sagt: der Fall: Der besondere instrumentelle Wert eines
»Waffen töten keine Menschen, es sind Menschen, bestimmten Hammers in Bezug auf das Einschlagen
die Menschen töten«. von Nägeln in ein Stück Holz hängt beispielsweise
Eine mögliche Interpretation der Annahme der auch von den körperlichen Fähigkeiten der Nutzer
Wertneutralität der Technologie besteht darin, diese ab, und diese Fähigkeiten sind extrinsisch, was den
so zu lesen, dass technologische Artefakte bloß einen Hammer betrifft. Selbst wenn der instrumentelle
extrinsischen Wert besitzen. Im Rahmen dieser In- Wert also eine inhärente Eigenschaft eines techni-
terpretation ist die These, dass die Technologie wert- schen Artefakts ist, ist dieser instrumentelle Wert
neutral sei, eindeutig falsch. Denn technologische nicht notwendigerweise auch ein intrinsischer Wert
Projekte haben eine physische oder materielle Kom- für das technologische Artefakt.
ponente, sind also auch physikalische Objekte, auch Ibo van de Poel und Peter Kroes (im Ersch.) haben
dann, wenn es sich nicht allein um physikalische argumentiert, dass technologische Artefakte nicht nur
Objekte handelt. Der Wert physikalischer Objekte instrumentelle Werte verkörpern können, sondern
als Mittel zum Zweck stützt sich  – zumindest teil- auch einen terminalen Wert. Als Beispiel führen sie
weise  – auf ihre intrinsischen Eigenschaften. Ein einen Seedeich an. Die technische Funktion eines See-
Stein beispielsweise kann aufgrund seiner physi- deichs besteht darin, das Hinterland vor Überflutung
schen intrinsischen Eigenschaften dazu verwendet zu schützen, was instrumentell für einen moralischen
werden, eine Nuss zu knacken. Ein Blatt von einem terminalen Wert ist, wie beispielsweise die Sicherheit
Baum hätte, was das Knacken von Nüssen betrifft, der Bewohner des Hinterlands. Dabei kommt es nicht
einen sehr viel geringeren oder gar keinen instru- darauf an, dass Seedeiche für Sicherheitszwecke ge-
mentellen Wert. Da es nicht plausibel ist, dass der in- nutzt werden können, sondern, dass die Sicherheit ein
strumentelle Wert eines physikalischen Objekts nur Aspekt ihrer Funktion ist (s. Kap. II.3). Die Argumen-
von dessen extrinsischen Eigenschaften abhängt, gilt tation lautet, dass Seedeiche für die Sicherheit konzi-
das dann entsprechend auch für die Technologien. piert sind. Darin unterscheiden sie sich beispielsweise
Daher ist der instrumentelle Wert eines technologi- von Messern. Die Funktion eines Messers besteht
schen Artefakts nicht ausschließlich ein extrinsi- darin, dass es schneidet; das Brotschneiden zum Bei-
scher Wert. spiel kann instrumentell für einen terminalen Wert
Diese These der Wertneutralität der Technologie wie beispielsweise Gesundheit oder Überleben oder
kann auch so interpretiert werden, dass der Wert das menschliche Wohlbefinden sein. Das Erreichen
technologischer Artefakte immer teilweise auch von solcher terminaler Werte ist jedoch weder ein Aspekt
11. Werthaltigkeit der Technik 135

der Funktion eines Messers noch sind normale Mes- Technologische Begeisterung: Der Begriff der tech-
ser dazu konzipiert, solche terminalen Werte zu erzie- nologischen Begeisterung bezieht sich auf den
len. Während im Fall des Messers die Funktion des Wunsch, neue technologische Möglichkeiten zu ent-
Artefakts und die terminalen Werte, die sich aus der wickeln und sich den technologischen Herausfor-
Funktion ergeben, deutlich voneinander getrennt derungen zu stellen. Dies ist ein Wert, der viele Inge-
sind, ist dies im Beispiel des Seedeichs nicht der Fall. nieure motiviert und ist, was Samuel Florman
Die instrumentelle Funktion von Seedeichen (Schutz (1976/1994) als »die existenziellen Freuden des In-
vor Überschwemmungen) ist kaum vom terminalen genieurwesens« bezeichnet. Während die intrinsi-
Wert zu trennen, für den sie konzipiert sind (Sicher- sche Arbeitsmotivation für die Ingenieure eine posi-
heit im Zusammenhang mit Überströmungen). tive Sache ist, liegt die inhärente Gefahr der techno-
Schließlich lässt sich die technische Funktion eines logischen Begeisterung in den möglichen negativen
Deichs so beschreiben, dass er Schutz vor Überflutun- Begleiterscheinungen der Technologie und darin,
gen bietet. dass die diesbezüglichen sozialen Belange übersehen
werden. Von einem moralischen Standpunkt aus ge-
sehen, ist die technologische Begeisterung somit ein
Interne und externe Werte instrumenteller Wert, auch wenn sie von den Inge-
der Technologie nieuren als terminaler Wert betrachtet wird.
Effektivität und Effizienz: Ingenieure streben in
In diversen Texten und Dokumenten sind Werte im der Regel gute Effektivität und Effizienz an. Effekti-
Zusammenhang mit Technologie aufgeführt. Der vität bedeutet das Ausmaß, in dem ein Artefakt seine
VDI (Verein Deutscher Ingenieure) erwähnt in sei- Funktion erfüllt. Die Effizienz hingegen kann als
ner Richtlinie 3780 (s. Kap. VI.6) beispielsweise die Verhältnis zwischen dem Ausmaß, in dem ein Arte-
folgenden acht Wertebereiche: Funktionsfähigkeit, fakt seine Funktion erfüllt, und dem erforderlichen
Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Sicherheit, Gesund- Aufwand verstanden werden, der nötig ist, um die-
heit, Umweltqualität, Persönlichkeitsentfaltung und sen Effekt zu erreichen. Die Effizienz im modernen
Gesellschaftsqualität (VDI 1991). Auch in den Sinn des Wortes wird normalerweise als Output/In-
Ethikkodizes für das Ingenieurwesen (s. Kap. VI.7) put-Quotient interpretiert (Alexander 2009). In mo-
sind entsprechende Werte vorgegeben (Pritchard ralischer Hinsicht allerdings sind Effektivität und
2009). Diese Werte spielen auch oft eine wichtige Effizienz nicht unter allen Umständen erstrebens-
Rolle beim Design von Technologien (Van de Poel wert. Das liegt daran, dass bei Effektivität und Effizi-
2009). enz ein externes Ziel vorgegeben werden muss, an
Im Folgenden wird zwischen internen und exter- dem sie gemessen werden. Dieses kann darin beste-
nen Werten unterscheiden. Interne Werte sind hen, den Verbrauch der nicht erneuerbaren natürli-
Werte, die von Ingenieuren als interne Werte für das chen Ressourcen zur Energieerzeugung so weit wie
praktische Ingenieurwesen betrachtet werden und möglich zu verringern. Es kann aber auch einen
die nicht an breitere soziale Ziele und Wertvorstel- Krieg oder sogar Genozid beinhalten.
lungen anknüpfen oder dies doch zumindest nicht Im Zusammenhang mit Technik gibt es aber auch
zu tun scheinen. Interne Werte sind normalerweise eine Reihe von anderen internen Werten, wie bei-
vom Kontext unabhängig, in dem Sinn, dass sie in spielsweise Verlässlichkeit, Robustheit, Wartungs-
unterschiedlichen Anwendungszusammenhängen freundlichkeit, Kompatibilität, Qualität und Ratio-
relevant sind. Externe Werte sind Werte, die mit den nalität. Bei diesen Werten handelt es sich um interne
technologischen Auswirkungen auf andere Bereiche Werte in dem Sinn, dass Ingenieure diese Werte un-
zu tun haben. Sie beziehen sich im Regelfall auf brei- abhängig von der genauen Technologie, die sie ent-
tere menschliche, soziale, ökologische und politische wickeln, und unabhängig von spezifischen Anwen-
Zielsetzungen. dungszwecken hoch einschätzen. Während Inge-
nieure diese Werte möglicherweise als terminale
Werte einstufen, ebenso wie die technologische Be-
Interne Werte geisterung sowie die Effektivität und Effizienz in ih-
ren Augen terminale Werte sind, handelt es sich in
Zu den wichtigsten internen Werten im technologi- moralischer Hinsicht um instrumentelle Werte  –
schen Kontext zählen die technologische Begeiste- wobei die Rationalität möglicherweise eine Aus-
rung, die Effektivität und die Effizienz: nahme darstellt. In der Technik sind eine Reihe von
136 IV. Grundlagen – A. Technikphilosophie

Verfahren entwickelt worden, um die Entwicklung Zusammenhang sind diverse Strategien entwickelt
nach den genannten internen Werten auszurichten. worden, die darauf abzielen, das menschliche Wohl-
Diese werden generell als »Design for X« (Holt/ befinden in das Design neuer Technologien zu inte-
Barnes 2010) bezeichnet. grieren. Dies beinhaltet auch das Emphatic Design
(Koskinen et al. 2003), das Quality Function Deploy-
ment (QFD; Akao 1990), das Design for Capabilities
Externe Werte (Oosterlaken 2009) und das Design for Well-Being
(Van de Poel 2012).
Sicherheit und Gesundheit: Sicherheit und Gesundheit Nachhaltigkeit: Obwohl ökologische Werte bereits
zählen zweifelsohne zu den wichtigsten externen seit einiger Zeit in der Technik Berücksichtigung fin-
Werten in der Technik. Sicherheit (s. Kap. II.3) wird den, wurden sie seit etwa dem Jahr 2000 im Kontext
manchmal als Abwesenheit von Risiken und Gefah- des breiteren Wertes der Nachhaltigkeit (s. Kap.
ren (s. Kap. II.2) definiert. Die Verringerung der Risi- IV.B.10) immer stärker integriert. Die wichtigste De-
ken ist jedoch nicht in allen Fällen möglich oder auch finition der nachhaltigen Entwicklung hat die Brund-
nur wünschenswert. Daher kann Sicherheit auch so landt-Kommission formuliert: »Dauerhafte Entwick-
verstanden werden, dass sie sich auf eine Situation be- lung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegen-
zieht, in der die Risiken soweit verringert worden wart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige
sind, wie das nach billigem Ermessen möglich und Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befrie-
wünschenswert ist. Gesundheit wird von der Weltge- digen können« (WCED 1987). Als Wertkonzept fin-
sundheitsorganisation (World Health Organisation, det die Nachhaltigkeit in vielfacher Weise immer
WHO) als »ein Zustand vollkommenen körperlichen, mehr Eingang in das praktische Ingenieurwesen. Zu-
geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht al- nächst spielt die Nachhaltigkeit in der Technik eine
lein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen« defi- Rolle dank der Gesetze und Vorschriften sowie der
niert (World Health Organization 2006). Diese Defi- technischen Kodizes und Normen. Dies beinhaltet
nition bezieht sich auf den breiter gefassten Wert des beispielsweise Anforderungen in Bezug auf die Ener-
menschlichen Wohlbefindens. In der Technik liegt gieeffizienz oder auch Vorrichtungen beziehungs-
der Schwerpunkt normalerweise auf der Vermeidung weise Auflagen für die Wärmeisolierung. Auch das
negativer Auswirkungen auf die menschliche Ge- Konzept, das man als Design for Sustainability (De-
sundheit. In moralischer Hinsicht werden Gesund- sign für Nachhaltigkeit) bezeichnen könnte (Bhamra/
heit und Sicherheit häufig als terminale Werte be- Lofthouse 2007), setzt sich mehr und mehr durch.
trachtet. Obwohl es sich bei Gesundheit und Sicher- Weitere externe Werte: Darüber hinaus sind auch
heit um externe Werte handelt, in dem Sinn, dass sie weitere externe Werte im Bereich der Technik rele-
sich auf die Auswirkungen der Technologie außer- vant. Beispiele hierfür sind Gerechtigkeit und De-
halb des praktischen Ingenieurwesens beziehen, sind mokratie sowie Inklusivität. Neben solchen allge-
sie doch im praktischen Ingenieurwesen internali- meineren Werten kann man jedoch auch externe
siert worden, beispielsweise durch die Einführung Werte definieren, die mehr domänenspezifisch sind.
technischer Kodizes und technischer Normen. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Ästhetik in der
Menschliches Wohlbefinden: In Ethikkodizes für Architektur. Batya Friedman et al. (2006) haben
das Ingenieurwesen (s. Kap. VI.7) sowie in anderen zwölf Werte ermittelt, die im Bereich der Informa-
technischen Texten und Verfahrensvorschriften fin- tions- und Kommunikationstechnologien (ICT) be-
den sich Hinweise auf externe Werte wie menschli- sonders wichtig sind (s. Kap. V.9 und Kap. V.10):
che Wohlfahrt, Glück, Lebensqualität, Persönlich- Menschliche Wohlfahrt, Eigentum und Besitz,
keitsentwicklung, ein gutes Leben, Wohlbefinden Schutz der Privatsphäre, Schutz vor Diskriminie-
und Wohlstand. In diesem Zusammenhang ist der rung, universelle Nutzbarkeit, Vertrauen, Selbstbe-
Begriff des »menschlichen Wohlbefindens« (human stimmung, Einwilligung nach erfolgter Aufklärung,
well-being) geeignet, um den Wert zu bezeichnen, Verantwortlichkeit, Identität, Ausgeglichenheit und
um den es in all diesen Fällen geht. Dabei bedeutet ökologische Nachhaltigkeit. Zudem sind für diese
Wohlbefinden nicht nur, dass man sich hier und Werte entsprechende Verfahren entwickelt worden,
jetzt gut fühlt, sondern es geht darum, wie das Leben mit denen sie sich in das Design neuer Technologien
einer Person für diese Person aussieht. In der Moral- einbinden lassen. Dazu zählt beispielsweise das In-
philosophie wird das menschliche Wohlbefinden ge- clusive Design (Clarkson 2003) und das Value Sensi-
nerell als ein terminaler Wert eingestuft. In diesem tive Design (Friedman et al. 2006).
11. Werthaltigkeit der Technik 137

Zusammenfassende Schlussfolgerungen Alexander, Jennifer K.: The concept of efficiency: an histo-


rical analysis. In: Anthonie Meijers (Hg.): Handbook of
the Philosophy of Science. Vol. 9: Philosophy of Technology
In diesem Kapitel wurde gezeigt, dass Technologie
and Engineering Sciences. Oxford 2009, 1007–1030.
nicht wertneutral ist. Technologische Artefakte be- Bhamra, Tracy/Lofthouse, Vicky: Design for Sustainability:
sitzen definitionsgemäß einen instrumentellen A Practical Approach. Aldershot 2007.
Wert, selbst dann, wenn dieser instrumentelle Wert Clarkson, John: Inclusive Design: Design for the Whole Po-
nicht ganz intrinsisch für sie ist. In einigen Fällen pulation. London/New York 2003.
können technologische Artefakte sogar einen termi- Florman, Samuel C.: The Existential Pleasures of Enginee-
ring [1976]. New York 1994.
nalen Wert besitzen. Außerdem wurden zwei Arten Friedman, Batya/Kahn, Peter H./Borning, Alan: Value sen-
von Werten in der Technologie vorgestellt: interne sitive design and information systems. In: Ping Zhang/
und externe Werte. Dennis Galletta (Hgs.): Human-Computer Interaction in
Interne Werte, wie beispielsweise technologische Management Information Systems: Foundations. Ar-
Begeisterung und Effizienz, werden von Ingenieuren monk, NY 2006, 348–372.
Holt, Raymond/Barnes, Catherine: Towards an integrated
häufig als terminale Werte betrachtet. Im morali- approach to »Design for X«: an agenda for decision-
schen Sinn handelt es sich dabei jedoch normaler- based DFX research. In: Research in Engineering Design
weise um instrumentelle Werte; sie gelten als Mittel 21/2 (2010), 123–136.
zum Erreichen eines terminalen Werts, der im Re- Hunter, Thomas A.: Designing to codes and standards. In:
gelfall für die technische Praxis als extern einzustu- George E. Dieter (Hg.): ASM Handbook. Vol. 20: Materi-
als Selection and Design. Boca Raton 1997, 66–71.
fen ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass interne Werte Koskinen, Ilpo/Battarbee, Katja/Mattelmäki, Tuuli (Hg.):
moralisch verwerflich sind, sondern vielmehr, dass Emphatic Design. User Experience in Product Design.
diese Werte ihre moralische Angemessenheit den Helsinki 2003.
breiteren, terminalen Werten verdanken, für die sie Oosterlaken, Ilse: Design for development: a capability ap-
verwendet werden. proach. In: Design Issues 25/4 (2009), 91–102.
Pritchard, Michael S.: Professional standards in enginee-
Die Mehrheit der externen Werte, die hier be- ring practice. In: Anthonie Meijers (Hg.): Philosophy of
sprochen wurden, sind terminale Werte. Externe Technology and Engineering Sciences. Amsterdam u. a.
Werte scheinen zumindest in zweierlei Weise für die 2009, 953–971.
technische Praxis relevant zu sein. Erstens können Van de Poel, Ibo: Values in engineering design. In Antho-
sie möglicherweise zur Erklärung und Begründung nie Meijers (Hg.): Handbook of the Philosophy of Science.
Vol. 9: Philosophy of Technology and Engineering Scien-
dafür beitragen, warum gewisse interne Werte, wie
ces. Oxford 2009, 973–1006.
beispielsweise die Effizienz, bei bestimmten Inge- Van de Poel, Ibo: Can we design for well-being? In Philip
nieurprojekten im Vordergrund stehen. Zweitens Brey/Adam Briggle/Edward Spence (Hg.): The Good Life
können sie unter Umständen in der Praxis des Inge- in a Technological Age. 2012, 295–306.
nieurwesens eine direktere Relevanz haben. Sie las- – /Kroes, Peter: Can technology embody values? In: Peter
Kroes/Peter-Paul Verbeek (Hg.): The Moral Status of
sen sich beispielsweise durch technische Kodizes
Technical Artefacts. Dordrecht (im Ersch.).
und Normen oder über spezifische Engineering- Verein Deutscher Ingenieure [VDI] (Hg.): Technikbewer-
Ansätze internalisieren. tung. Begriffe und Grundlagen. VDI-Richtlinie 3780.
Düsseldorf 1991.
WCED: Our Common Future. Report of the World Commis-
Literatur sion on Environment and Development. Oxford 1987.
World Health Organization: Constitution of the World
Akao, Yoji (Hg.): Quality Function Deployment. Integrating Health Organization  – Basic Documents, Supplement.
Customer Requirements into Product Design. Cambridge, 2006
Mass. 1990. Ibo van de Poel
138

B. Ethische Begründungsansätze

1. Menschenrechte mative Anforderung an die Politik, da es um die Lö-


sung gesellschaftlicher Probleme geht, und scheint
damit im Belieben der jeweils politisch Handelnden
Definition, historischer Hintergrund, zu stehen; das wirft die Frage auf, ob die Politik auf
Relevanz die Menschenrechte verpflichtet ist.
Aus Naturbeobachtungen  – etwa zur wie auch
Menschenrechte sind Rechte von Individuen auf immer zu fassenden ›Natur des Menschen‹ – für sich
Freiheit und Freiheitsvoraussetzungen. Sie stehen, genommen lässt sich eine solche normative Begrün-
gemeinsam mit den organisationsrechtlichen Rege- dung nicht geben. Denn aus einer empirischen Be-
lungen der jeweiligen öffentlichen Gewalt (Staat, obachtung als solcher folgt nicht logisch, dass diese
Staatenbund, völkerrechtliches Vertragssystem) so- Beobachtung normativ zu begrüßen oder zu kritisie-
wie sonstigen inhaltlichen Verpflichtungen jener öf- ren ist. Problematisch wäre auch der Versuch, die
fentlichen Gewalt (z. B. auf Sozialstaatlichkeit), auf Menschenrechte (oder etwas anderes) durch eine
einer höherrangigen Ebene gegenüber sonstigen all- ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) zu be-
gemeinverbindlichen Regelungen (Gesetzen; zum stimmen, also durch eine quantifizierende Saldie-
gesamten Kapitel vgl. Ekardt 2011; stärker traditio- rung von Vor- und Nachteilen eines bestimmten
nell ausgerichtet Alexy 1986). Jene Prinzipien führen Umgangs mit Menschen, gemessen an den rein fak-
auch zu Abwägungsregeln, die den Rahmen für Ver- tischen Präferenzen von Menschen. Denn eine Kos-
pflichtungen und Spielräume z. B. bei der Nutzung ten-Nutzen-Analyse führt, neben anderen Proble-
bestimmter Technologien umreißen, wobei liberale men z. B. bei der Quantifizierung, auf die nonkogni-
Verfassungen eine Aussparung von Fragen des guten tivistische Grundlage einer empiristischen Ethik
Lebens vornehmen (breit rezipierte Ansätze  – u. a. zurück, die Normativität in ihren letzten Grund-
ohne Abwägungstheorie – bei Habermas 1992; Rawls lagen per se für subjektiv, unwissenschaftlich oder
1971; konkretisiert und modifiziert bei Ekardt axiomatisch gesetzt hält. Jene strikt nonkognitivisti-
2011). sche Basis dürfte jedoch  – ungeachtet aller im Be-
Die historische Herkunft des Menschenrechts- reich des Normativen vielleicht bestehenden Spiel-
konzepts ist komplex und teilweise umstritten. An- räume  – aufgrund performativer Widersprüche
dernorts näher dargestellt (Ekardt 2001), führt sie nicht zu halten sein.
jedenfalls hinter die Aufklärung zurück, beispiels- Auch der gängige ethische Diskurs um eine Be-
weise auch zu – allerdings in der faktischen Wirkung gründung von Menschenrechten (zu verschiedenen
ambivalenten  – calvinistischen Ideen aus der Zeit Aspekten vgl. etwa Rawls 1971; Habermas 1992; Un-
vor der Säkularisierung (vgl. allgemein Pollmann/ nerstall 1999) ist jedoch nicht problemfrei. Erstens
Lohmann 2011). sind Einwände gegen die meisten ethischen Positio-
Insbesondere wegen ihres starken Bezugs zum nen denkbar (z. B. Sein-Sollen-Fehler, axiomatische
Nachhaltigkeitsgedanken (s. Kap. IV.B.10) erschei- Setzungen, Zirkelschlüsse usw.). Zweitens begegnet
nen die Menschenrechte als technikethisch relevant. eine Ethik, die die Politik zu etwas verpflichten will,
Sie können, wie zu skizzieren ist, zudem das Vorsor- der Friktion, dass Verfassungen jeder politischen
geprinzip begründen (s. Kap. VI.3). Einheit abschließend festzulegen beanspruchen, was
Politik tun darf und ggf. tun muss, wo also ihre Ver-
pflichtungen und wo ihre Spielräume liegen. Recht
Normative Begründung ist ja Ethik mit stärkerer Konkretisierung und Sank-
der Menschenrechte tionsbewehrung. Ethik kann allerdings ggf. univer-
sale Grundprinzipien des Rechts begründen oder
Wenn der Inhalt von Menschenrechten naturgemäß widerlegen – was das Recht selbst nicht kann (hierzu
von der normativen Begründung abhängt, gerät letz- und zum Folgenden Alexy 1991, 1995; Ekardt 2011;
tere in den Blick. Menschenrechte meinen eine nor- Habermas 1992; eingeschränkt Rawls 1971). Jenseits
1. Menschenrechte 139

dessen kann sie jedoch nicht einfach eine konkurrie- zwischen den Individuen begründet liegt. All das
rende Normativität aufbauen. Praktisch gelingt eine vorliegend Gesagte gilt kraft nationalen Rechts in li-
ethische Begründung  – und damit auch Inhaltsbe- beralen Demokratien, kraft Europarechts und kraft
stimmung  – der Menschenrechte deshalb primär Völkerrechts in Nationalstaaten, in der EU und auch
dann, wenn man einen rechtlichen Menschenrechts- für internationale Institutionen und Organisationen.
diskurs führt und die Ethik primär zur Fundierung Ebenso gilt es ethisch. Aufgrund der völkerrechtli-
von dessen Grundprinzipien nutzt. chen Rechtsfigur der allgemeinen Rechtsgrundsätze
in einer weiterentwickelten Lesart gilt dies und alles
Weitere zudem (nicht nur ethisch, sondern auch)
Grundlagen einer Menschenrechts- rechtlich auch gegen solche Staaten sowie solche in-
theorie – rechtlich und ethisch ternationalen Gewalten, die keine Menschenrechts-
verträge unterzeichnet bzw. keine entsprechenden
Hält man die Grundprinzipien der liberalen Demo- Verfassungsnormen erlassen haben.
kratie für ethisch und ggf. auch universal begründ-
bar, ergibt sich eine menschenrechtliche juristische
und parallel ethische Grundlage und Inhaltsbestim- Erweitertes Freiheitsverständnis
mung gerechter Gesellschaften.
Das Menschenwürdeprinzip, das als der gebotene Zur Ermittlung konkreter normativer Kriterien für
Respekt vor der Autonomie des Individuums, also technische Optionen ist (rechtlich respektive parallel
als Selbstbestimmungsprinzip verstanden wird, und ethisch) darauf aufbauend eine partielle Neuinter-
das Unparteilichkeitsprinzip (verstanden als die ge- pretation der Menschenrechte im Sinne einer Über-
botene Unabhängigkeit von Sonderperspektiven) windung eines primär wirtschaftlich ausgerichteten
sind – nach umstrittener Ansicht (Böckenförde 2003 Freiheitsverständnisses nötig – das in gängiger Les-
einerseits und Ekardt 2011 andererseits)  – keine art scheinbar primär die Techniknutzer in Wirt-
Grundrechte, und sie sind auch nicht darauf ange- schaft und Gesellschaft mit Menschenrechten aus-
legt, überhaupt für einen konkreten ethischen oder stattet (Berufsfreiheit, Eigentumsfreiheit, Wettbe-
rechtlichen Einzelfall etwas zu besagen, folglich auch werbsfreiheit, allgemeine Handlungsfreiheit u. a. m.).
technikbezogen nicht. Sie sind vielmehr die rechtfer- Ethisch und (auch über die partielle wortwörtli-
tigende und interpretationsleitende Grundlage der che Normierung hinaus) rechtsinterpretativ ergibt
einzelnen Freiheits- und Freiheitsvoraussetzungs- sich – als normativer Anhaltspunkt für den Schutz
rechte, der Abwägungsregeln, der gewaltenteiligen auch vor Technik, etwa vor gefährlichen Technolo-
Demokratie usw. Deshalb stellt sich z. B. auch die be- gien wie der Atomenergie oder einer rein technisch
liebte Frage nicht, ob die Menschenwürde als solche orientierten und deshalb nicht sehr erfolgreichen
einer Abwägung unterliegt oder nicht. Die vielzitier- Klimapolitik  – aus dem Freiheitsbegriff der Men-
ten angeblichen Menschenwürde-Formeln vom schenrechte ein Recht auf die elementaren Frei-
»Wert des Menschen als Menschen« und vom »Ver- heitsvoraussetzungen wie Leben, Gesundheit, Exis-
bot, jemanden zum bloßen Objekt« zu machen, tref- tenzminimum in Gestalt von Nahrung, Wasser,
fen nicht ins Zentrum des Würdegedankens. Men- Sicherheit, Klimastabilität, elementare Bildung, Ab-
schenwürde und Menschenrechte gelten bei alledem wesenheit von Krieg und Bürgerkrieg u. Ä. (in den
aus einer Reihe von Gründen auch für diskursunfä- Konsequenzen teils ähnlich wie vorliegend teilweise
hige geistige Schwer(st)behinderte. auch OHCHR 2009). Dieses ergibt sich im Kern dar-
Die zu den Menschenrechten erlangbaren Aussa- aus, dass – über die liberale Tradition hinaus – Frei-
gen sind, ethisch gesprochen, Aussagen zur Gerech- heit ohne jene elementaren Bedingungen nicht mög-
tigkeit und Aussagen zur sozialen Ebene. Individual- lich erscheint und letztere darum in der Freiheit
ethische Verpflichtungen, die über die Verpflichtung zwingend mitgedacht sind. Der Schutz weiterer frei-
zur Herbeiführung einer gerechten Gesellschafts- heitsförderlicher Bedingungen  – z. B. Schutz der
ordnung hinausgehen, sind schon mangels hinrei- Biodiversität – hat demgegenüber ethisch und recht-
chender Konkretisierbarkeit und nicht erst aufgrund lich keinen Menschenrechtsstatus, verdient aber we-
von Durchsetzbarkeitsschwächen nur schwer vor- gen ihres Freiheitsbezugs gleichwohl Anerkennung.
stellbar. Menschenrechte vermitteln sich u. a. genau Rechtlich abgebildet wird dies im Rahmen der Inter-
deshalb stets über die öffentliche Gewalt  – auch pretation von Bestimmungen wie etwa eines Um-
wenn ihr Ursprung im interpersonalen Verhältnis weltstaatsziels (z. B. Art. 20a Grundgesetz). Eine
140 IV. Grundlagen – B. Ethische Begründungsansätze

Scheidung negativer und positiver Freiheit über- Abwägungen, Institutionen,


zeugt dabei nicht; ebenso nicht überzeugend ist Tatsachenerhebungsregeln
ethisch und rechtlich die Vorstellung, die Menschen-
rechte würden nur einzelne ausgewählte, vermeint- Ethische und rechtliche Entscheidungen sind nicht
lich besonders wertvolle Freiheitsbetätigungen nur ausnahmsweise, sondern letztlich immer als Ab-
schützen. wägung rekonstruie