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Vorlesung Allgemeine

Psychologie I

Aufmerksamkeit I
Begriffsbestimmung, Filtertheorien,
Ressourcentheorien, Selection-for-action.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 1
Begriffsbestimmung

„Jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist. Sie


ist das Besitzergreifen durch den
Verstand, in einer klaren und lebhaften
Form. Eines wird aus dem
herausgegriffen, was wie mehrere
gleichzeitig mögliche Objekte oder William James
Gedankengänge scheint. Bündelung,
Konzentration des Bewusstseins sind
Wesentliche. Sie beinhaltet das
Zurückziehen von einigen Dingen, um mit
den anderen wirkungsvoll umgehen zu
können.” (James, 1890).

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 2
Begriffsbestimmung

Aufmerksamkeit ist also


• Auswahl relevanter Informationen zum Zwecke
effektiver Verarbeitung
• und damit gleichzeitig die Ausblendung irrelevanter
Informationen.

Es geht also um die Selektion von Informationen.


selektive Aufmerksamkeit.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 3
Fragen der Aufmerksamkeitsforschung

• Wodurch wird bestimmt, worauf wir achten ?


• Welche Mechanismen erlauben eine
bevorzugte Verarbeitung beachteter Reize
(und Unterdrückung nicht beachteter Reize)?
• Worin unterscheidet sich die Verarbeitung
beachteter und nicht beachteter
Informationen?

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 4
Periphere Selektion

Hörschwellenkurve beim Menschen


70 Normales
Gespräch
50
dB (SPL)

30

10

-10

0
0

0
00

00
20

00
10

50
10

50
Frequenz (Hz)10
Die größte Empfindlichkeit liegt im Frequenzbereich eines
normalen Gesprächs.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 5
Filtertheorien

Elementare Objekte
Reaktionen
S Sensorische Kategorien
Verhalten R
Merkmale Bedeutungen R

• serielle Informationsverarbeitung vom Reiz zur Reaktion.


• Irgendwo im Informationsverarbeitungsfluss sitzt ein Filter.
• Unbeschränkte Verarbeitung aller Informationen bis zum Filter
(unbegrenzte Verarbeitungskapazität).
• Am Filter werden Informationen anhand bestimmter Kriterien ausgewählt.
• Nach dem Filter werden nur wenige, ausgewählte Informationen
weiterverarbeitet (begrenzte Verarbeitungskapazität).

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 6
Filtertheorien

Early Selection, (Broadbent, 1958)

Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen R
S2
„...a selective operation is performed upon the input to this channel, the operation
taking the form of selecting information from all sensory events having some feature
in common.“ (Broadbent, 1958, S. 297)

Late Selection (Deutsch & Deutsch, 1963)


Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen

„...all sensory messages which impinge upon the organism are perceptually
analysed at the highest level.“ (Deutsch und Deutsch, 1963, S. 85)
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 7
Filtertheorien
Wo liegt der Filter
early ? late

Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen

Untersuchungslogik:
• Präsentation mehrerer Informationen, von denen nur einige
verarbeitet werden sollen.
• Welche Merkmale nichtbeachteter Reize werden bemerkt?
• Die bemerkten Merkmale liegen offenbar vor dem Filter,
denn sie werden ja verarbeitet.
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Dichotisches Hören (Cherry,1953)

Simultane Darbietung unterschiedlicher Informationen auf


beiden Ohren (Ähnlichkeit mit Cocktailparty).
Zur Kontrolle der Instruktionsbefolgung: Nachsprechen der
zu beachtenden Informationen (shadowing).
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 9
Dichotisches Hören (Cherry,1953)

Welche Informationen werden im nichtbeachteten Ohr


wahrgenommen?
• Wechsel von einer männlichen zu einer weiblichen
Stimme oder zu einem Sinuston wird bemerkt.
• Wechsel der Sprache oder Rückwärtsspielen des
Bandes wird nicht bemerkt.
=> spricht für Selektion anhand früh verfügbarer
sensorischer Merkmale.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 10
Dichotisches Hören
Aber…
• eigener Name im abgewandten Ohr wird bemerkt
(breakthrough-Phänomen, Moray, 1954).
• Hautleitwertsveränderungen auf Worte einer
schockassoziierten Kategorie (z.B. Eiche, Tanne,
Fichte) bei Darbietung im abgewandten Ohr
(Generalisierung auf neue Exemplare ! z.B. Buche)
(Corteen & Wood, 1972).
• Beschattung einer bedeutungshaltigen Nachricht
trotz Wechsel der Ohrs entgegen der Instruktion.
(Treisman, 1960, nächste Folie)
=> spricht für Verarbeitung aller Reize bis auf höchste
Ebene (späte Selektion).
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 11
Dichotisches Hören

“Beschatte rechtes Ohr”.


Dennoch treten Wechsel
auf anderes Ohr auf, wenn
dort die Nachricht
semantisch sinnvoll
fortgesetzt wird. (Treisman,
1960).
Anderson (2001)

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Attenuationstheorie (Treisman, 1964)
Attenuation

Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen

• Unbeachtete Informationen werden nicht vollständig


eliminiert, sondern gedämpft (“mehr oder weniger”
anstatt “alles oder nichts”).
• Semantische Verarbeitung unbeachteter Information
ist möglich, wenn auch schwierig.
• Aber: Wie wird bestimmt, was und wieviel gedämpft
wird?
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 13
Perceptual Load Theory (Lavie, 1995)
High Perceptual Load

Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen

Low Perceptual Load

Elementare Objekte
Reaktionen
Sensorische Kategorien
Verhalten
Merkmale Bedeutungen

• Es gibt eine begrenzte Ressource, die zur perzeptuellen Verarbeitung


verwandt wird.
• Hohe Last: Ressource wird allein für relevante Aufgabe verbraucht
• Niedrige Last: Ressource schwappt zu irrelevanten Stimuli über Target
Distractor
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 14
Perceptual Load Theory (Lavie, 1995)
• VPn reagieren auf Target in Bildschirmmitte (X vs. Z)
• UV1: Peripherer Distraktor kongruent vs. inkongruent
• UV2: Perzeptuelle Last niedrig vs. hoch
• Distraktorverarbeitung zeigt sich durch Kongruenzeffekt (Rtinkon – Rtkon)

X Z
Niedrige Last

X X
Reduzierter Kongruenzeffekt
kongruent inkongruent
bei hoher perzeptueller Last

X Z
Hohe Last

SKVNXM SKVNXM

inkongruent inkongruent

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 15
Filtertheorien

Zwischenfazit:
• Selektion ist nicht generell früh oder spät
• Selektion hängt von spezifischen Aufgabenfaktoren ab
• Es gibt auch Befunde die durch keinen Ansatz leicht
erklärbar sind.
• Beispiel: Verarbeitung einfacher sensorischer
Merkmale profitiert davon, dass Aufmerksamkeit auf
sie gerichtet wird, obwohl die Verarbeitung dieser
Merkmale nach allen Filtermodellen
aufmerksamkeitsunabhängig erfolgen sollte (Egeth,
1977).

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 16
Egeth (1977)

Ist ein Reiz anders als die andern? 500


mixed size
mixed color
pure size
pure color
Homogene Displays (z.B. immer Größe) 450

RT (ms)
400

350

300
2 4 6 8
display size
Heterogene Displays (Farbe / Größe im
Wechsel) Die Verarbeitung einfacher
sensorischer Merkmale profitert
davon, dass Aufmerksamkeit auf
sie gerichtet wird, obwohl die
Verarbeitung solcher Merkmale
aufmerksamkeitsunabhängig
erfolgen sollte.
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 17
Theorie zentraler Ressource

Es gibt keine Filter die nach frühen (sensorischen) oder


späten (semantischen) Merkmalen auswählen, sondern
eine begrenzte Allzweckressource die auf die
Verarbeitung unterschiedlicher Merkmale oder Aufgaben
flexibel verteilt werden kann.
Kahnemann (1973, p.9): Für das Erbringen einer Leistung ist neben dem
Vorliegen der passenden Reize zweitens erforderlich „… a nonspecific input,
which may be variously labeled effort, capacity, or attention. To explain
man´s limited ability to carry out multiple activities at the same time, a
capacity theory assumes that the total amount of attention which can be
deployed at any time is limited.”
Norman & Bobrow (1975, p 45): “Resources are always limited. If several
processes request a portion of the same available resource, this resource
must be allocated among them. The results that the processes produce
depend upon the nature of the data which they receive and the amount of
resources that have been allocated to them.
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 18
Theorie zentraler Ressource

Arousal
Ressourcenkonzept
z.B. Kahneman, 1973 Variierende
Verarbeitungs-
ressource
Dauerhafte
Dispositionen
Ressourcen-
verteilung
aktuelle
Intentionen
Bewertung von
Beweg.

Cognit.
Motor.
Farbe

Form

etc.
etc.
Kapazitätsan-
forderungen
Verarbeitungsmodule

Verhalten
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 19
Theorie zentraler Ressource

Nachweis begrenzter Ressource durch Doppelaufgaben


• Zwei gleichzeitig ausgeführte Aufgaben sollten sich
umso stärker behindern, je ressourcenabhängiger sie
sind.
• Diese gegenseitige Interferenz wird in sog.
Performance Operation Curves (POC) dargestellt.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 20
Theorie zentraler Ressource

Idealisierte Kurve, wenn


mindestens eine der
Aufgaben gar keine
Ressourcen beansprucht
(automatisch)

Müsseler & Prinz (2002, S. 156)

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 21
Theorie zentraler Ressource

Wovon hängen Doppelaufgabenkosten ab?


• Aufgabenschwierigkeit (Aber: Problem der Zirkularität
Aufgaben die schwierig sind, interferieren mit anderen
Aufgaben. Aufgaben die mit anderen interferieren sind
schwierig).
• Übung. Z.B. Spelke, Hirst, Neisser (1976). Nach
viermonatigem Training (5 h pro Woche) können Vpn
gleichzeitig eine Geschichte lesen und nach Diktat
schreiben.
=> Exkurs: Automatische u. kontrollierte Verarbeitung

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 22
Exkurs: Automatische versus kontrollierte Verarbeitung

Automatische Prozesse
1. laufen rasch ab.
2. beanspruchen keine Ressourcen und interferieren daher
nicht mit anderen Aufgaben (siehe POC).
3. sind unvermeidbar, sobald ein passender Stimulus
vorliegt (siehe Stroop-Effekt).
4. sind nicht dem Bewusstsein zugänglich.

Kontrollierte Prozesse
1. laufen langsam ab
2. beanspruchen Ressourcen und inteferieren daher mit
anderen kontrollierten Prozessen (siehe POC).
3. sind beliebig steuerbar.
4. bewusst.
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 23
Exkurs: Automatische versus kontrollierte Verarbeitung

Shiffrin und Schneider (1977)

• Vpn trainierten die Suche nach immer gleichen Zielbuchstaben (z.B. B u.


L) unter Distraktoren (z.B. Q u Z).
• Anfangs langsame Suche, die umso länger dauert je mehr Distraktoren
anwesend sind (serielle Suche).
• Nach 2100 Durchgängen Beschleunigung und Unabhängigkeit von
Distraktoranzahl (parallele Suche).
• Dann Vertauschung von Target und Distraktoren.
• Schlechtere Leistung als zu Beginn. Fast 1000 trials nötig um altes
Niveau zu erreichen.
• Automatisierung durch Übung. Das macht Probleme, wenn auf die Reize
nicht mehr automatisiert reagiert werden darf.
=> automatische Prozesse beanspruchen Ressourcen, wenn sie
unterdrückt werden müssen.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 24
Exkurs: Automatische versus kontrollierte Verarbeitung

Stroop-Effekt
blau
rot
grün
rot
gelb
John Ridley Stroop (1897-1973)
blau
grün
rot Wörter rufen die automatisierte Reaktion
gelb ”Lesen” hervor.
blau
Unterdrückung dieser automatisierten
Reaktionstendenz kostet Zeit.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 25
Theorie zentraler Ressource

Wovon hängen Doppelaufgabenkosten ab?


• Aufgabenschwierigkeit (Aber: Problem der Zirkularität
Aufgaben die schwierig sind, interferieren mit anderen
Aufgaben. Aufgaben die mit anderen interferieren sind
schwierig).
• Übung. Z.B. Spelke, Hirst, Neisser (1976). Nach
viermonatigem Training (5 h pro Woche) können Vpn
gleichzeitig eine Geschichte lesen und nach Diktat
schreiben.
• Beschaffenheit der Aufgaben (nächste Folie)

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 26
Segal & Fusella (1970)
Entdeckungssensitivität
(d‘) für visuelle oder
auditive Reize bei
gleichzeitiger visueller
oder auditiver
Vorstellungstätigkeit.
Hohe Interferenz bei
Überlappung der
Wahrnehmung- und
Vorstellungsmodalität
Abb. aus Eysenck & Keane (2000).

• Interferenz hängt ab von der Art der Aufgaben, nicht nur


von ihrer Schwierigkeit.
• Offenbar beanspruchen die Aufgaben nicht dieselbe
Ressource.
Theorie multipler Ressourcen.
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 27
Theorie multipler Ressourcen

• Es gibt nicht nur eine unspezifisch, sondern mehrere


spezifische Ressourcen, für unterschiedliche
Verarbeitungsmodule.
• Aufgaben interferieren nur, wenn sie dieselbe
Ressource beanspruchen (inhaltspezifische
Interferenz).
• Aufgaben interferieren nicht, wenn sie unterschiedliche
Ressourcen beanspruchen.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 28
Theorie multipler Ressourcen
Multiple Ressourcen Verschiedene Ressourcen
Navon & Gopher, 1977

motorisch sensorisch mental etc...

Ressourcen-

Beweg.

Cognit.
Hände
Augen

Farbe

Form
etc. verteilung

etc.
etc.
Verarbeitungsmodule
Verhalten

„...the human system is probably not a single-channel mechanism but rather a complicated
system with many units, channels, facilities. Each may have ist own capacity ... Each specific
capacity can be shared by several concurrent processes, thus it constitutes a distributable
resource. Different tasks may require those different types of resources in various
compositions (Navon & Gopher, 1977, S.233)
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 29
Theorie multipler Ressourcen

Probleme multipler Ressourcen.


Zirkularität. Wenn zwei Aufgaben interferieren,
beanspruchen sie dieselbe Ressource. Wenn sie dieselbe
Ressource beanspruchen, interferieren sie.
Mangelnde Falsifizierbarkeit. Da die Natur und Anzahl der
Ressourcen nicht unabhängig vom Interferenzmuster
bestimmter Aufgaben bestimmt werden kann, ist die Theorie
nicht widerlegbar. Für jede fehlende Interferenz zweier
Aufgaben werden ad hoc zwei neue Ressourcen
angenommen („Matroschka-Prinzip“).
Homunculus-Problem. Welche intelligente Instanz (eine
kleiner Homunculus im Kopf) verwaltet diese Menge
unterschiedlicher Ressourcen?
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 30
Selection-for-action

• Alan Allport (1987)

• Odmar Neumann (1987)

• Joachim Hoffmann (1993)

Historische Vorläufer Joachim Hofmann

• Kurt Lewin (1923)

• Narziß Ach (1935)


Kurt Lewin

Narziß Ach
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 31
Selection-for-action

• Filter- und Ressourcenmodelle nehmen an, dass der


Organismus mit einer begrenzten Verarbeitungskapazität
auskommen muss.
• Aufmerksamkeit dient der Kompensation eines
Verarbeitungsdefizits.
• Selection-for-action Ansätze nehmen an, dass
Verarbeitungsengpässe nicht aus einer begrenzten
Verarbeitungskapazität entstehen, sondern aus den
Einschränkungen unserer Verhaltensmöglichkeiten.
• Aufmerksamkeit ist kein Defizit, sondern dient der
Sicherung des Verhaltenserfolges.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 32
Selection-for-action

• Der Organismus kann zu jeden Zeitpunkt nur wenige


Aktionen gleichzeitig ausführen (man kann sich nicht
gleichzeitig die Zähne putzen und die Haare kämmen).
• Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass nur solche Reize
verarbeitet werden, die zur Realisierung einer konkreten
Handlung benötigt werden…
• ….und solche Reize ausgeblendet werden, die zur
Ausführung einer konkurrierenden Handlungen führen
könnten.
• Dadurch wird die Ausführung miteinander unvereinbarer
Handlungen („zwischen zwei Stühle setzen“) verhindert.

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Selection-for-action

Irrelevante Objekte dürfen keinen Einfluss auf


Greifbewegung erhalten.
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Selection-for-action

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 35
Selection-for-action

Handlungsrelevante Reize werden bevorzugt verarbeitet.

Lewin Aufforderungscharakter: „Man nimmt sich etwas


vor, einen Brief in den Postkasten zu werfen. Der
nächste Postkasten, an dem man vorübergeht, leuchtet
plötzlich auf und erinnert an die Handlung. Man wirft den
Brief hinein. Die weiteren Postkästen jedoch, an denen
man vorüberkommt, lassen einen völlig kalt.“ Lewin,
1928; S. 335). Kurt Lewin

Achs´s Determination: „Von besonderer Bedeutung ist


weiterhin die Lenkung der Aufmerksamkeit durch die
determinative Wirkung, indem die Aufmerksamkeit
fortlaufend vor allem diejenigen Bewußtseinsinhalte in
der Beachtung hervortreten läßt, die für den Ablauf des
Vorganges, insbesondere für die Erreichung des Zieles
von Wichtigkeit sind.“ (Ach, 1935, S.148). Narziß Ach
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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 36
Selection-for-action

Handlunsgrelevante Reize werden bevorzugt verarbeitet.


Sie wirken selbst wenn dann, wenn sie nicht bewusst
wahnehmbar sind.
(nächste Folie)

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Selection-for-action

Prime: 34ms ISI: 51ms Target: 102ms

congruent
R links

incongruent
R links

neutral
R links

Reagiere auf der Seite, auf der sich die Raute befindet.
(Das Target maskiert den Prime im Sinne eines Metakontrastes)
Neumann & Klotz (1994)
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Selection-for-action

Reaktionszeiten (ms)
460
450 1994
440
430
420
410
400
390
380 Neumann & Klotz (1994)
congruent neutral incongruent

d’ für Unterscheidung der primes =0 !, d.h. keine


bewußte Wahrnehmung der primes.
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Selection-for-action
Für handlungsirrelvante Reize ist man dagegen praktisch “blind”.

Inattentional Blindness Aufgabe: “ist die senkrechte Linie länger als die
Mack & Rock 1997,1998 waagerechte?”
(parafoveale Reize)
Noncritical
trial

500 ms

200 ms Critical trial

1.500 ms

20% der Pbn bemerken nicht den


kritischen Reiz

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Selection-for-action

Inattentional Blindness
Mack & Rock 1997,1998
(foveale Reize)

Noncritical
trial

500 ms

200 ms Critical
trial
1.500 ms

66% der Pbn bemerken nicht


den kritischen Reiz, obwohl
foveal dargeboten
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Selection-for-action

Fazit: Selection-for-action
Aufmerksamkeit muss in ihrer Funktion für die
Verhaltenssteuerung verstanden werden.
So betrachtet ist Aufmerksamkeit kein “Notnagel” zur
Kompensation eines Verarbeitungsdefizits,….
…. sondern eine nützliche Einrichtung zur Sicherung
des Erfolgs intendierter Handlungen, und zur
Vermeidung der Ausführung unvereinbarer
Handlungen.

Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 42


Literatur:

Müller, H. & Krummenacher, J. (2008). Aufmerksamkeit. In


J. Müsseler. Allgemeine Psychologie. Berlin: Spektrum.

Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 43