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Vorlesung Allgemeine

Psychologie I

Psychomotorik I

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 1
Zwei Prinzipien der Bewegungskontrolle

1. Regelung
2. Planung

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Regelungsprinzip

Heizung
Thermostat

Solltemperatur Ventil

Ist-Temperatur
Feedback

Handbewegung
Vergleich
„closed loop“ Zielort der
Muskeln
Hand

Ist-Ort der Hand Feedback


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Evidenz für Regelung mit Feedback

Woodworth (1899): Bewegungen zwischen Start- und


Zielpunkt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, mit und
ohne visuelles Feedback.

• kleinerer Bewegungsfehler mit


visuellem Feedback.
• Feedback spielt vor allem dann
eine Rolle wenn Bewegung
langsam ausgeführt wird.

Woodworth 2-Phasen Modell:


- Initiale Bewegungsphase: Vorspezifiziert (ohne feedback).
- Zielannäherung: Regelung (mit feedback).
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Wann spielt Feedback eine Rolle?
Erst: Schnelle Annäherung Dann: Langsame, kontrollierte
(„ballistic phase“) Bewegung
(„current-control phase“)

(Meyer et al., 1988)

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Evidenz für Regelung mit Feedback

Spijkers & Spellerberg (1995): Vpn führen eine


Handbewegung zu einem Ziel aus. Bestimmte Teile des
Weges der Hand nach dem Start bzw. vor dem Ziel werden
blind ausgeführt (Shutterbrille).
Will Spijkers
Ausblenden visuellen feedbacks bei Handbewegungen
(Spijkers & Spellerberg, 1995)

90% 60% 30%


Ausblenden von 30 % der
Ziel Start
10% 40% 70% Stecke nach dem Start ist
nach Start
weniger schädlich als
90
Ausblenden von 10% der
Treffer %

vor Ziel
70 Wegstrecke vor dem Ziel
50
Feedback wichtiger bei
30
0 10 30 40 60 70 90
Annäherung ans Ziel als
visuell ausgeblendet %
bei Start der Bewegung.
Ausblenden sowohl vor dem Ziel (gelb) als auch nach dem Start (rot)
führt zur Reduktion der Trefferrate (vor Ziel stärker als nach Start).

Kognitive Psychologie: Verhaltensausführung


Abb. 6.10. Copyright © 2004 by J.Hoffmann
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Regelung mit Feedback

Mit Feedback besteht ein


Zusammenhang:
Je schneller die Bewegung,
umso ungenauer die
Ausführung. Dieser
Zusammenhang ist im
Fitts‘schen Gesetz genauer
spezifiziert (nächste Folie).
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Regelung mit Feedback

Fitts Law:
 2* A 
MT  a  b * log 2  
 W 
MT: Movement Time
A: Amplitude der Bewegung
W: Breite der Zielflächen
a,b: empirische Konstanten
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Regelung mit Feedback

 2* A 
MT  a  b * log 2  
 W 

Schwierigkeitsindex

Je kleiner das Ziel (je größer


die erforderliche
Genauigkeit), desto länger
die Bewegungsdauer.
Höhere Genauigkeit erfordert
höhere Bewegungsdauer
(geringere Geschwindigkeit).

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Feedforward

Oft ist Feedbacksteuerung zu langsam. Dann kann die


Bewegung im Hinblick auf vorweggenommene (statt
tatsächlich wahrgenommene) Veränderungen angepasst
werden (feedforward).

Vergleich
Zielort der Feedback
Muskeln
Hand
Ist-Ort der Hand feedforward
vorhergesagte
10
Veränderungen

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Belege für Feedforward

Störung nicht vorhersehbar Störung vorhersehbar

Vorhergesehene Störungen werden gut kompensiert


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Belege für Feedforward

• Greifkraft erhöht sich bevor ein Objekt beschwert wird,


wenn dies vorhersehbar ist (vgl. Vorherige Folie)
(Flanagan et al., 2003; Eliasson et al., 1995)
• Ziehen von Schubladen: Schwerpunktverlagerung vor
dem Ziehen an der Schublade
(Wing et al., 1997)

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Feedforward
Feedforward beeinflußt Wahrnehmung

Reafferenz-Prinzip Man kann sich selbst nicht kitzeln

Blakemoore, Wolpert & Frith (2000).

Vorhergesehene sensorische Veränderungen werden in


der Wahrnehmung gedämpft.
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2. Planung 14

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Planung

mentale
Bewegungs- Muskeln
vorläufer

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Während bei der Feedbacksteuerung die Prozesse


bei der Bewegungsausführung im Mittelpunkt
stehen, geht es bei der Untersuchung der Planung
um die Prozesse vor Bewegungsbeginn.
Wie lassen sich die mentalen Bewegungsvorläufer
charakterisieren?
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Motorische Programme (Keele, 1968)

Keele (1968) hat mentale Bewegungsvorläufer als


motorische Programme charakterisiert:
„a set of muscle commands that are structured before a
movement sequence begins, and that allows the entire
sequence to be carried out uninfluenced by peripheral
feedback“ (Keele, 1968, S. 387).
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Merkmale motorischer Programme nach Keele (1968):


1. Muskelspezifisch
2. Vor Bewegungsbeginn spezifiziert
3. Erlauben Bewegungsausführung ohne feedback

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Evidenz für motorische Programme

Unabhängigkeit von Rückmeldungen.


Personen ohne Körperempfindung können einfache geübte
Bewegungen ausführen (auch mit geschlossenen Augen)
Lashley (1917).

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Evidenz für motorische Programme

Antizipationseffekte.
Bei der Ausführung einer Bewegung wird die Folgebewegung
schon berücksichtigt :
• Koartikulation (Lippenrundung bei „Tulpe“ vs. „Tasche“).
• Versprecher „queer old dean“ anstatt „dear old queen“.
Verwechslung mit späteren Phonemen setzt antizipatorische
Planung voraus.
• „end-state comfort“. Beim Greifen wird eine unbequeme
Anfangsstellung (Unterhandgriff) in Kauf genommen, wenn
damit eine bequeme Endhaltung (Daumen oben) erreicht
werden kann (Rosenbaum et al., 1992).

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Evidenz für motorische Programme

End-state comfort Effekt (Rosenbaum et al., 1992)

bequeme
schwarzes Ende Endhaltung
in Mulde

unbequeme Anfangshaltung

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Evidenz für motorische Programme

Komplexitätseffekte
Je mehr Schritte zu planen sind, umso länger sollte die
Planung dauern.
Tatsächlich vergeht umso mehr Zeit zwischen einem
Startsignal und Beginn einer Bewegung, je komplexer die
Bewegung ist.
Zum Beispiel: Aussprechen des Wortes
„Dampfschiffahrtsgesellschaft“ beginnt nach einem
Startsignal später als Aussprechen des Wortes „Dampf“
(Klapp et al., 1974).

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Kritik motorischer Programme á la Keele

Keine zwei Bewegungen sind völlig identisch.


Wenn motorische Programme muskelspezifisch wären (d.h.
wenn sie spezifizierten, welcher Muskel wann, wie aktiv
werden soll) dann müsste es für praktisch jede
Einzelbewegung ein eigenes Programm geben.
Bewegungen scheinen mehr oder weniger
effektorunabhängig repräsentiert zu sein.
Beispiel:
Relativ konstante Handschrift, unabhängig davon welche
Muskeln verwendet werden (ob z.B. mit Stift auf Blatt,
Kreide an Tafel, oder Fuß in den Sand geschrieben wird,
siehe nächste Folie).

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 21
Kritik motorischer Programme á la Keele

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 22
Motorische Schemata (Schmidt, 1975)

Motorische Schemata sind muskelunspezifische


Repräsentationen einer Bewegung.
Motorische Schemata enthalten keine Infos über absolute
Eigenschaften von Bewegungssegmenten (Richtung, Kraft,
Dauer, Geschwindigkeit), sondern über ihre relative
Beziehung zueinander.
Die absoluten Ausprägungen dieser Werte (wie Richtung
oder Effektor, siehe übernächste Folie) werden durch
situationsabhängige Parameter bestimmt.
Es existiert also ein unveränderliches Schema in das
veränderliche Werte (Parameter) eingefügt werden.

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 23
Precuing-Methode

Wie untersucht man die Spezifizierung solcher Parameter ?


Precuing: Eine Bewegung sollte auf ein Startsignal schneller
intiierbar sein, je mehr Parameter bereits vor dem Signal
bekannt sind (jeDieweniger Parameter(pre-cuing)
Vorinformationsmethode noch fehlen).
nach Rosenbaum (1983)

SOA

Reaction Reaction time


Precue Response
Signal

Specify Identify Specify Start


precued reaction remaining response
values signal values

SOA: stimulus onset asynchrony

Kognitive Psychologie: Verhaltensausführung Abb. 6.16. Copyright © 2004 by J.Hoffmann


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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 24
Rosenbaum (1980)
Weite/nahe Zielbewegungen
mit der linken/rechten Hand nach vorne/hinten.
Ergebnis: Je mehr Vorinformation, desto schneller
Bewegungsbeginn unabhängig von Art der Vorinformation
(Hand, Weite, Richtung).

Pre-Cuing Daten nach Rosenbaum,1980


Pre-cuing von Zielbewegungen der rechten und linken Hand
nach Rosenbaum, 1980

700 1 2 4 8

Reaction time (ms)


Forward / Right / Near 600
alternatives

500

Beispiele 400

Cue Signal Values to be 300


specified 200
Start
FRN none None E D A ED EA DA EDA
FR N values to be specified
F RN Der Einfluss der noch zu spezifierenden Bewegungsparameter, Seite
X FRN (A für arm), Distanz (E für extent) und Richtung (D für direction) auf die
Reaktionszeit.

Kognitive Psychologie: Verhaltensausführung Abb. 6.17. Copyright © 2004 by J.Hoffmann Kognitive Psychologie: Verhaltensausführung Abb. 6.18. Copyright © 2004 by J.Hoffmann

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 25
Ideo-Motorik

Bewegungen sind nicht als motorische Kommandos oder


Parameter repräsentiert, sondern in Form der
wahrnehmbaren Bewegungs-Effekte.
Man kann daher eine Bewegung nicht direkt aufrufen,
sondern nur indirekt durch die Vorstellung der Effekte dieser
Bewegung.
Diese Effekte aktivieren dann ihrerseits dasjenige
motorische Muster mit dem sie verknüpft sind.
Die Bewegungsplanung beginnt also mit dem angestrebten
Effekt der Bewegung (dem Ziel), und nicht mit der
Aktivierung von Muskeln (dem Weg).

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 26
Ideo-Motorik

„..Die Vorstellung des eine Handlungsreihe


beschließenden Zwecks veranlasst einen
glatteren und raschen Verlauf, als wenn
Etappenweise einzelne Mittel blos, die zu
dem letzten Erfolge führen, im Bewusstsein
Oswald Külpe
vorbereitet werden.“ (1862-1915)

Ian Waterman

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Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I 27
Ideo-Motorik

”An anticipatory image then, of the sensorial


consequences of a movement ... is the only
psychic state which introspection lets us
discern as the forerunner of our voluntary
acts”.
(James, 1890; p.1111/1112). William James

Lernen:

A ktion E ffekt
Bewegungsplanung:

A ktion
Prof. Dr. Wilfried Kunde. Allgemeine Psychologie I
E
ffekt
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Ideo-Motorik: Evidenz

Induktion: Die Wahrnehmung von sensorischen


Effekten setzt diejenigen Bewegungen in
Bereitschaft, die diese Effekte üblicherweise
erzeugen (z.B. spontane Imitation von
Körperbewegungen).

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Ideo-Motorik: Evidenz

Greenwald (1970)
Ein visuell präsentierter Buchstabe kann besser
nachgeschrieben als nachgesprochen werden.
=> Ein gesehener Buchstabe entspricht mehr den visuellen
Effekten des Schreibens als den auditiven Effekten des
Sprechens.
Ein auditiv präsentierter Buchstabe kann besser
nachgesprochen, als nachgeschrieben werden.
=> Ein gehörter Buchstabe entspricht mehr den auditiven
Effekten des Sprechens als den visuellen Effekten des
Schreibens.

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Ideo-Motorik: Evidenz

Experimentelles Beispiel für Induktion: Haben Vpn die


Erfahrung gemacht, dass bestimmte Tasten hohe/tiefe Töne
erzeugen, drücken sie später beim Hören eines Tons die mit
ihm verknüpfte Tasten schneller/häufiger.

Lernen Test

♪ Stimulus

Effekt ♪

Aktion

Elsner & Hommel (2001)


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Ideo-Motorik: Evidenz
Bewegungen der Hände sind leichter kombinierbar, wenn mit ihnen gleiche
Effekte erzielt werden, unabhängig davon, ob dazu gleiche Muskeln (d.h.
gleiche motorische Kommandos) erforderlich sind oder nicht.

Symmetrische Bewegung Asymmetrische Bewegung


kongruente Ziele

600

reaction times (ms)


550

500
goals

450 incongruent
inkongruent Ziele

congruent

400
asymmetrical symmetrical
movements

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Kunde & Weigelt (2005)


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