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Comptes rendus / Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 76 (2008) 393-432

B. Mertens, Gesetzgebungskunst im Zeitalter der Kodifikationen, Theorie und Praxis der


Gesetzgebungstechnik aus historisch-vergleichender Sicht. [Tübinger Rechtswissenschaftliche
Abhandlungen, 98]. Mohr Siebeck, [Tübingen 2004]. XVI + 549 S.

Der Verfasser hat seinem Buch ein Zitat aus Jonathan Swifts Gulliver’s Travels vorangestellt,
worin ein exotisches Land beschrieben wird, in dem die Gesetze höchstens so viele Wörter
enthalten dürfen, wie das Alphabet Buchstaben hat. Diese ohnehin schon kurzen Gesetze seien
darüber hinaus in einfachen und klaren Begriffen abgefasst, da den Leuten stets eine einzige
Auslegung genüge; und Kommentare zu schreiben, sei überhaupt ein schweres Verbrechen. Wer
sich in diesen Topos, um nicht zu sagen Klischee, der utopischen und satirischen Literatur
differenziert wissenschaftlich einbringen und schließlich kritisch dagegen anschreiben will, kommt
kaum darum herum, ein dickes Buch zu schreiben. Der Titel und mehr noch der Untertitel
versprechen ein Standardwerk, und als solches – das sei vorausgeschickt – darf man es auch zur
Hand nehmen. Gegenstand der Darstellung sind die methodischen Aspekte der Gesetzesentstehung
einerseits und die formalen Anforderungen an die Gesetzesgestaltung andererseits. Um das
historische Anliegen zu markieren, hat der Verfasser statt des inzwischen üblich gewordenen
Ausdrucks der ‘Gesetzgebungslehre’ den früher gebräuchlichen Begriff der ‘Gesetzgebungskunst’
wieder aufgenommen. Solche quellennahe Bezeichnung birgt allerdings die Gefahr in sich,
dass einer inzwischen wieder auflebenden Rechtssetzungslehre das Stichwort entgeht und die
historische Anknüpfung misslingt, zumal sich moderne Bemühungen gerne in einer Neuland
umbrechenden Pionierrolle wähnen. Immerhin muss aber auch konzediert werden, dass der
gesamte Themenkomplex der Gesetzgebungslehre in der rechtshistorischen Forschung nicht
in der gebührenden Weise wahrgenommen und, von punktuellen Annäherungen abgesehen,
aufbereitet wurde. Hier setzt nun die vorliegende Untersuchung neue Maßstäbe.
Die Zeitspanne der Darstellung reicht von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum
Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese zeitliche Eingrenzung bietet sich an, da die kodifikatorischen
Aktivitäten hier eine augenscheinliche Dichte erreichen und parallel dazu sich ein entsprechend
reiches Schrifttum entwickelt. Räumlich konzentriert sich die Untersuchung auf Deutschland,
Österreich und die Schweiz sowie auf England und Britisch-Indien. Die Behandlung der deutsch-
sprachigen Gruppe mag wenig erstaunen, da in diesen Ländern jeweils und wiederholt Kulmina-
tionspunkte der europäischen Kodifikationsgeschichte auszumachen sind. Dagegen versteht sich
die Berücksichtigung der englischen Entwicklung einerseits als nützliches Kontrastprogramm,
andererseits aber auch als notwendige Bezugnahme auf die auch für das Festland richtungswei-
senden Gesetzgebungstheoretiker Francis Bacon und Jeremy Bentham. Erstaunlicher ist allerdings
der Exkurs ins ferne Indien, der indessen dadurch plausibel wird, dass dort Ideen und Vorstel-
lungen eine Chance erhielten, die im englischen Mutterland nicht realisierbar waren. Bedauern
wird man jedoch die Entscheidung des Autors, die französische Entwicklung auszuklammern,
da deren Einbeziehung den Rahmen des in einer Einzeluntersuchung verarbeiteten Materials
gesprengt hätte. Gewiss darf man den zusätzlichen Aufwand nicht unterschätzen, jedoch fällt
es nicht leicht, sich mit dem Verzicht auf einen zentralen Faktor der Kodifikationsgeschichte
abzufinden, zumal der Verfasser selbst sich zu einem gesamteuropäischen Kontext bekennt.
Immerhin bezieht sich die Begrenzung nicht auf die Theoretiker, so dass Montesquieu, Mably,
Rousset und Gény angemessene Beachtung finden wie dann auch die Italiener Beccaria und
Filangieri sowie der Niederländer Meijers. Sachlich umfasst die Darstellung sowohl Privatrecht
wie auch Strafrecht. Dabei wird der Schwerpunkt der Betrachtung auf folgende Kodifikationen
gelegt: preußisches Allgemeines Landrecht von 1794, österreichisches Allgemeines Bürgerliches
Gesetzbuch von 1811, bayerisches Strafgesetzbuch von 1813, preußisches Strafgesetzbuch von
1851, Strafgesetzbuch für Britisch-Indien von 1860, deutsches Bürgerliches Gesetzbuch von
1896 und schweizerisches Zivilgesetzbuch (mit Obligationenrecht) von 1907. Dass in dieser
Kette die französischen Bindeglieder fehlen, sei hier nochmals am Rande vermerkt.

© Koninklijke Brill NV, Leiden, 2008 DOI: 10.1163/157181908X337043


Comptes rendus / Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 76 (2008) 393-432 427

Die Arbeit besteht neben Einleitung und Schlussbetrachtung aus zwei umfangreichen Teilen.
Der erste Teil befasst sich mit dem äußeren Verfahrensablauf, das heißt der ‘Entwicklung des
zweckmässigen Verfahrens zum Abfassen, Bekanntmachen und Verbessern von Gesetzen’. Im
Einzelnen erstreckt sich dabei die Untersuchung auf die Veranlassung zur Gesetzgebung, die
Vorbereitung neuer Gesetze, die Ausarbeitung und Veröffentlichung der Entwürfe, die Gesetz-
gebungkommission, amtliche Begründungen und Publikation von Materialien, die Beratung
und Beschlussfassung im Parlament, die Schlussredaktion und Publikation, das Inkrafttreten,
schließlich auf die Kontrolle, Bereinigung und Revision der Gesetze. Ein Abschnitt über die
Förderung der Gesetzeskenntnis als staatliche Aufgabe stellt gleichsam die Außensicht von
Problemen dar, mit denen sich Mertens im anschließenden Teil näher befasst und wo er sich
dann mit dem Swift-Zitat wieder konfrontiert sieht. Hier geht es um die ‘Entwicklung der
formalen Anforderungen an den Gesetzesinhalt’. Man hat es hier mit geradezu paarformelhaft
vorgetragenen Gegenüberstellungen zu tun, bei denen sich die Akteure keineswegs immer zur
Entscheidung gezwungen sehen, sondern sich nach der begehrlichen Formel ‘am liebsten beides’
in der Situation der Quadratur des Zirkels wiederfinden. Dabei ist im Einzelnen viel Engagement
und nicht zuletzt auch naiver Populismus im Spiel. Es handelt sich konkret um die Themen-
bereiche: Verallgemeinerung versus Kasuistik, Abstraktion versus Anschaulichkeit, befehlende
oder belehrende Gesetze, Vollständigkeit, Kürze, wenige Gesetze, Bestimmtheit und Klarheit,
Gemeinverständlichkeit, Volkstümlichkeit, und Einfachheit. Damit zusammenhängend, wenn
auch mehr technischer Natur, sind die Ausführungen zum Aufbau und zur Gliederung von
Gesetzen und zu spezifischen Techniken wie Legaldefinitionen, Verweisungen und Fiktionen.
Ins richtige Licht gerückt werden vom Verfasser dabei auch die oft missverstandenen, unter-
schiedlichen Sprachkonzepte des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs und des schweizerischen
Zivilgesetzbuchs, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezüglich einer juristischen Professionali-
sierung einen gänzlich verschiedenen Adressatenkreis anzusprechen hatten.
Mertens hat sich an einen zentralen Themenkomplex herangewagt, von dem man bis dahin
annehmen mochte, dass ein solches Vorhaben von einer Person und in einem, wenn auch
stattlichen Band kaum zu bewältigen sei. Das Wagnis ist trotz der oben geäußerten kritischen
Bemerkung vollauf geglückt. Entstanden ist ein klar gegliedertes, flüssig geschriebenes Handbuch
mit einer Gedankenfülle, auf die in einer Besprechung nur hingewiesen werden kann. Wer sich
künftig mit Fragen der Kodifikation befasst, wird sich an diesem Standardwerk zu orientieren
haben.

Clausdieter Schott
Zumikon / Schweiz