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KINDHEIT

Blaue Berge, grüne Täler, tiefe Wälder schmückten das


Land. Es war meine Heimat. Frühling, Sommer, Herbst
und Winter wechselten sich in fröhlich hellen und
manches Mal auch in tristen Farben ab.

Der Winter war hart, wobei oft hohe Schneewehen die


Eingänge der Häuser versperrten. Aber gerade im
Winter hatten wir Kinder unsere helle Freude daran, mit
den Schlitten und den frisch gewachsten Schiern die
Berge hinunterzugleiten. Natürlich war danach der
Aufstieg wieder umso mühsamer, konnte uns aber von
diesem Vergnügen nicht abhalten.
An den Fenstern klebten Eisblumen wie Diamanten
daran. Geschichten konnte man in ihnen lesen von
mächtigen Bergen, großen Riesen, von Feen und auch
verwunschenen Zwergengestalten.
Die Sage vom Rübezahl war in den Köpfen der
Bewohner immer präsent. Man erzählte sich, dass er
tief im Walde – im Innern der hohen Berge wohnte und
den armen und gebeutelten Leuten half, wenn diese
über das Gebirge wanderten, um dann im nahen Tal
ihre Glasarbeiten zu verkaufen, die durch viel Mühe und
Fleiß entstanden waren. Oftmals waren es nur ein paar
Kreuzer, die die einfachen Menschen für sich und ihre
Familie dafür bekamen. Das Geld reichte dann nur für
kurze Zeit. All die reichen und habgierigen Menschen
im Land aber bestrafte der Herr der Berge zum Trost
der einfachen Leute in unserer alten Heimat.

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Das ist nun die Geschichte vom großen Rübezahl.

Wenn dann der Frühling wieder ins Land zog, blühten


auf den Wiesen und Feldern die Butterblumen,
Vergissmeinnicht und noch viele andere Boten des
erwachenden neuen Jahres. So hießen sie den Winter
ganz schnell vergessen. Kleine Rinnsale, die in den
höheren Lagen noch etwas schneebedeckt waren,
schlängelten sich immer schneller und schneller dann
das offene Tal hinunter.

Langsam wurde es im Gebirge wärmer und auch der


Wald erwachte zu neuem und üppigen Leben. Bäume
schlossen sich zu riesigen Kathedralen zusammen. Im
hohen Blätterdach suchten jetzt vielerlei Arten von
Vögeln wieder ein Zuhause wie jedes Jahr in alter
Gewohnheit. Im frühen Morgennebel gaben sich Reh
und Hase auf dem duftenden Waldboden ein
Stelldichein. Schmackhafte Pilze und Beeren luden
auch den geduldigsten Gast zum üppigen Ernten ein.
Auf dem Bauch kriechend und durch dichte Tannen
hindurch suchte man schon am frühen Morgen in aller
Stille und Abgeschiedenheit im Wald vor allem nach
den köstlichen Steinpilzen, die jedes Mal in Hülle und
Fülle das Herz höherschlagen ließen unter dem noch
vom leichten Regen verhangenen tiefen Himmel.
So manch schmackhafte Speise zauberte dann die
Mutter in unserer Küche daraus. Heidelbeeren,
Brombeeren, Himbeeren und Preiselbeeren gab es in
Hülle und Fülle.
Die Teller wurden immer bunter von Tag zu Tag. Auch

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auf der großen Lichtung nahe dem Wald wuchsen noch
sehr viele zuckersüße Erdbeeren. Im Juli dann, wenn
die Ferien begannen, gingen wir Kinder in den Wald,
um all die beschriebenen Leckereien zu pflücken.

Im Januar 1935 da erblickte ich das Licht der Welt.


Die Mutter als Schneiderin saß täglich an ihrer
Nähmaschine. Der Vater hatte als Glasbläser einen
harten und anstrengenden Beruf. Bei sehr großer Hitze
vor den offenen Kaminen der Glasbrennerei im Ort
wurden vielerlei bunte Gläser und lange Glasstangen
geformt. Anschließend verarbeitete man dann die
Glasstangen zu sogenanntem Glasschmelz. Die Artikel
in Form von Glasperlen wurden vor allem als Exportgut
ins Ausland verschickt.

Während des Ersten Weltkrieges musste der Vater


gegen seine politische Überzeugung und auch ehrliche
Einstellung den schwierigen Verhältnissen in der
Heimat als Soldat dem Vaterland dienen. Auch er war
ein weiterer Mensch, der um seine Jugend betrogen
worden ist wie so viele andere in seiner Zeit. Als
kranker Mann kam er schließlich dann doch noch nach
Hause.
Die Malaria war jedoch sein Schicksal geworden, die er
weit weg von der Familie und der sudetendeutschen
Heimat für Gott, Kaiser und Vaterland bekommen
hatte. In einem fremden Land – an der albanischen
Front, war so mach ein Kamerad auf dem Schlachtfeld
geblieben. Durch den anstrengenden Beruf und die
widrigen Lebensumstände, neben der jahrelang falsch

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behandelten chronischen Erkrankung, kamen dann die
Symptome der Malaria immer wieder zum Ausbruch.
Abgesehen davon gab es in dieser Zeit noch keine
vernünftigen Antibiotika wie Penicillin und anderes.
Durch die Schwere des Berufs noch verstärkt, ließ die
Malaria-Krankheit ihm keine verdiente Pause. In immer
kürzeren Abständen brachen die Anfälle der Krankheit
aus. Meine arme Mutter stand jeden Tag vor dem
Waschzuber, um die durchgetränkte Wäsche des
Vaters zu waschen. Das war nicht nur bedingt durch die
Knochenarbeit der Glasbläser in der Fabrik die tägliche
Pein. Die Krankheit hatte sich da schleichend dem
Lebensrhythmus bemächtigt.

Im Laufe seines gebeutelten und kurzen Lebens


verschlimmerte sich jedoch der Gesundheitszustand
zusehends. Am Ende war meinem Vater nur ein kurzes
Leben von gerade mal 41 Jahren beschieden, als er
dann 1936 verstarb. Nur ein Jahr konnte mich der Vater
im Leben begleiten. Geblieben sind mir nur die späteren
Erzählungen und Geschichten über ihn von meiner
Mutter, den Verwandten und der älteren Schwester, die
mit Liebe und Fürsorge den Vater zu ersetzen
begannen. Jahrelang hatten alle geduldig versucht, ihn
zu pflegen, wenn er erschöpft von der Arbeit nach
Hause kam. Seine Kleidung war jeden Tag immer ganz
durchgeschwitzt, nachdem er stundenlang vor dem
heißen Hochofen seine Arbeit verrichtet hatte. Während
der letzten Monate seines Lebens war sein Körper von
einer sehr starken Lungenentzündung gezeichnet, die

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traurigerweise unheilbar zu sein schien. Seine
Röntgenaufnahmen der Lunge ließen sogar den
behandelnden Arzt ganz blass und nachdenklich
werden.
Neben der anfänglich falschen ärztlichen Behandlung
und der fehlenden richtigen Medizin in dieser Zeit blieb
eben nur die aufopferungsreiche Fürsorge meiner
Mutter und älteren Schwester für meinen Vater übrig.
Es war eine wirklich schwere Arbeit, die noch durch
seine chronische Erkrankung zur einzigen nie enden
wollenden Tortur wurde. Auch er hätte in seinem kurzen
und so gequälten Leben etwas Besseres verdient.

In der Familie waren alle nur einfache Arbeiter


gewesen. Der Großvater wollte nun mal nicht, dass sein
Sohn auf die höhere Schule geht oder gar studiert. Das
hätte ja auch damals viel Geld gekostet und so blieb
eben nur die Fabrik der Weg für meinen Vater ins kurze
Leben. Sogar noch sein aufrichtiger Klassenlehrer hatte
extra bei den Großeltern vorgesprochen und meinen
Vater schon für die höhere Schule angemeldet.
Soll man nun im Nachhinein noch die fernen
Verwandten für eine falsche Entscheidung anklagen.
Das ist doch alles eben nur aus der Zeit heraus zu
beurteilen. Sind die Menschen da heute etwa klüger
geworden oder treffen die besseren Entscheidungen für
ihre Kinder?

Als mein Vater noch lebte, hatte er immer vor


der braunen Pest im Land gewarnt und durch seine
Gewerkschaftsarbeit vor einem neuen Krieg versucht,

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die Menschen aufzuklären. Das Unwetter zog bereits
über die grünen Berge und viele Arbeiter im Land waren
sich der aufkommenden neuen Kriegsgefahr bewusst.
Nach einem ersten verlorenen Krieg sollte nicht ein
neues zweites schlimmes Abenteuer die Menschen ins
Elend stürzen.
Auch damals gab es schon weitsichtige Zeitgenossen,
die den heutigen Hasardeuren und verschrobenen
Kriegstreibern gehörig die Leviten lesen würden. In den
Arbeitersportvereinen des Sudetenlandes war auch die
Solidarität schon sprichwörtlich. Bedingt durch die
wirtschaftliche Situation der 20er und 30er Jahre und
dem bescheidenen Leben der Menschen im Gebirge
wurde persönliches Leid zu kollektiver Anteilnahme.
Flinke und behände Hände bauten in wenigen Jahren
wieder auf, was der sinnlose Erste Weltkrieg vernichtet
hatte. Die Menschen im Sudetenland rückten in den
harten Zeiten, wie schon so oft in ihrer Geschichte,
zusammen. Erstes Klassenbewusstsein und ein harter
Kampf im ewigen Ringen um Brot und gerechten Lohn
hatten auch so manch einen Unternehmer und
Fabrikherren einen Anflug von Verständnis oder gar
Solidarität für seine Arbeiter zeigen lassen.
Bereits zur Wende des 19./20. Jahrhunderts kamen die
Arbeiter in den traditionellen Glashütten des
Riesengebirges in den Genuss von erschwinglichem
Wohnraum. Die Genossen erkämpften sich das Recht
der Krankenversicherung und anderer für den
Menschen wichtiger Lebensdinge, die heute von vielen
als sehr selbstverständlich angesehen werden.

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Jedenfalls meine Mutter als gute Schneiderin sorgte
nach dem Tod des geliebten Vaters danach für den
Lebensunterhalt mit viel Fleiß bei Tag und Nacht an der
Nähmaschine. Die Mutter, meine 13 Jahre ältere
Schwester sowie Tanten und Onkel gaben mir das
warme Nest der Familie mit Liebe und Geborgenheit.

In bescheidener Eintracht und Frieden vergingen so die


Jahre, bis dann schwarze Wolken am Himmel über
meine Heimat zogen. Ein neuer Krieg war jetzt mit aller
Härte eingebrochen. Viele Freunde und Familien
mussten sofort ihr tägliches Arbeitswerkzeug gegen
Gewehre und den Militärdrillich eintauschen.
Der Zweite Weltkrieg wurde zum neuen grausamen
Schicksal aller Menschen auf Erden. Mancher Soldat,
ob Vater, Sohn oder Bruder, kam nicht mehr nach
Hause zu seiner Familie zurück.
Für eine Handvoll späterer Kriegsverbrecher und
Halunken hat man sie auf dem Schlachtfeld geopfert.
Dort liegen sie nun in fremder Erde begraben, wohl
vergessen und vom rauen Wind hinweggeweht.

Als ich 1941 sechs Jahre alt war, begann für mich
die Schulzeit. Das Lernen bereitete mir große Freude.
Eine liebe Freundin mit Namen Erika hatte ich
gefunden. Wir wurden mit den Jahren unzertrennliche
Klassenkameraden. Gemeinsam bestritten wir unsere
Schulzeit. Wenn am Nachmittag unsere Arbeit beendet
war, ging es ans Spielen. Auf der großen Wiese hinter
unserem Haus konnte man sich herrlich vergnügen.
Dort wuchs ein riesiger Kirschbaum mit dunkelroten

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Früchten und viel Schatten gegen den heißen Sommer.

Die alte Großmutter, die im selben Haus lebte, sah uns


Kindern oft beim Spielen zu. Der kleine Garten vor
ihrem Fenster wurde stets von ihr sorgfältig gepflegt.
Wir nannten die Oma unsere gute „Babuschka“. Sie
hatte ja auch eine tschechische Abstammung. Herrliche
Märchen und manch andere Geschichten wie die vom
Rübezahl, der tief im Wald lebte und sich nie blicken
ließ, erzählte sie uns oft am Nachmittag. Gespannt
lauschten wir ihren Worten und hingen an ihren Lippen,
um ja kein Wort zu verpassen.

Während dieser Zeit des großen Krieges musste auch


meine Mutter immer noch sehr hart und viel arbeiten,
um das tägliche Brot auf den Tisch zu bekommen.
Manchmal fuhren wir auch weiter weg von unserem Ort
ins tschechische Gebiet, wie wir damals sagten und
meinten damit nach Böhmen und Mähren. Bei den
Bauern, denen es auch im Krieg noch recht gut ging,
tauschten wir dann die Schneiderware der Mutter gegen
Butter und Eier ein. Waren, die es nur selten gab. Den
Bauern ging es überall immer schon besser als den
Städtern. Endlich konnte ich auch mal wieder eine
richtige Butterstulle essen. Welch eine Seltenheit.

Jetzt wurde wieder von Eroberungen und großen


Heldentaten berichtet. Alles wurde nur für die Front
aufgebracht und fehlte uns so sehr im täglichen Leben.
Darben eben für den großen Sieg! Wie verlogen doch
die Menschen damals waren. Ich weiß noch wie meine

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Mutter einmal zu mir sagte: „ Helga – wenn der Krieg
vorbei ist, dann werden wir uns mal so ein richtiges
Stück Kuchen in der Konditorei leisten mit gutem
Kaffee!“ Mit wie wenig Dingen wir uns doch damals
zufrieden gaben, wenn heute der tägliche Überfluss die
Menschen ganz blind werden lässt! Einfach für eine
kurze Stunde all dem Leid und den Entbehrungen
entfliehen und in seine bescheidenen Träume
eintauchen. Hatte die arme Frau da zu viel verlangt?

Unsere Mutter suchte heimlich und oft im Radio – im


kleinen Volksempfänger, nach fremden ausländischen
Sendern. Natürlich durfte das niemand wissen, obwohl
das ja wohl alle so machten in der Zeit des Krieges.
Auf diesen fremden Sendern erfuhr man viel über die
eigentliche Wahrheit vom Krieg. Oft saß ich dann auf
der Treppe vor unserer Wohnung als sogenannter
Aufpasser oder kleiner Spion. Dabei lauschte ich voller
Angst stets auf fremde Laute von draußen. So war ja
auch unsere Familie und mein geliebter Onkel Leo, der
im Nebenhaus wohnte, nicht gerade beliebt unter den
Angehörigen des damaligen Naziregimes.

Die antifaschistischen Gedanken wollte man den


andersdenkenden Mitmenschen eben schon austreiben.
Leider bekam auch ich das am eigenen Leib zu spüren.
Ein Ereignis, welches ich nie vergessen werde,
ereignete sich an einem Nachmittag, als ich meiner
Schwester etwas Vesperbrot zur Arbeit bringen wollte.
Der Sohn des Arztes aus unserem Ort warf mir einen
Stein ins Gesicht. Zwei Zähne wurden mir dabei

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abgebrochen und mein Gesicht war rot und tagelang
dick geschwollen. Später hat dann ein guter Zahnarzt
und Vater einer lieben Klassenkameradin in neuen
Friedenszeiten kostenlos alles wieder gerichtet zu
meiner besten Zufriedenheit.
Jedenfalls hatte vorher der Junge seine verblendete
Wut an mir ausgelassen. Nie mehr hatten wir etwas von
dieser Familie gehört. Auch zur Rechenschaft hat man
diese Familie nicht gezogen. Die Zeit läuft nun mal
weiter. Die Wunden werden verheilen.

Eines Tages, als ich aus der Schule kam, waren meine
Mutter und der Onkel nicht anwesend. Wo waren sie?
Alles war still! Niemand sagte auch nur ein einziges
Wort – weder Tante noch Schwester oder gar Nachbar.
Großer Kummer überkam mich sofort. Jedoch hofften ja
schon viele Menschen während dieser Zeit auf ein
baldiges Ende des schrecklichen Krieges. So war es
dann aber auch. Das Ende konnte doch nicht mehr weit
sein? Die Gestapo, die noch vor Kurzem bei uns im
Haus war, hatte aber Mutter und Onkel mitgenommen.
Tage und Wochen wurden mir zur Ewigkeit. Wo war
denn nur meine Mutter?

Da plötzlich aus heiterem Himmel war das Ende des


Krieges gekommen. Jetzt wird alles gut. Hoffen und
Bangen hat bestimmt doch noch ein gutes Ende.
Es war der 8. Mai – die Erlösung! Mutter und Onkel
kommen bestimmt nach Hause. Der 8. Mai, der Tag
der Befreiung, war nun Wirklichkeit geworden. Viele
Inhaftierte wurden befreit. Die Mutter und ihr Bruder

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kamen schließlich heim. Die gemeinsame Freude war
natürlich riesengroß. Aber ein Wermutstropfen blieb im
trüben Glas zurück. Von Krankheit gezeichnet stand
meine liebe Mutter da vor mir mit Freude in den Augen.
Die letzten schrecklichen Erlebnisse waren nicht spurlos
an ihr vorübergegangen. Krank und müde war sie jetzt
geworden während der langen Zeit der schmerzlichen
Trennung. Jedoch hofften wir alle auf bessere Zeiten
und glaubten felsenfest, sie würde wieder gesund
werden.

Große und tiefe Wunden hatte ja der schlimme Krieg


hinterlassen. Viele Familien trauerten um Angehörige,
doch das Leben geht bekanntlich weiter seinen Lauf,
so wie alles vielleicht seine Vorbestimmung hat – oder?
Jeder Einzelne wird aus dem Erlebten lernen und das
Beste daraus machen. So glaubten auch wir und hofften
auf die baldige Genesung unserer Mutter.

Das Sudetenland – meine alte Heimat, kam nun unter


tschechische Verwaltung.
Wir Kinder konnten wieder in die Schule gehen. Aber
jetzt unterrichtete uns ein tschechischer Lehrer. Er war
groß und kräftig. Als er den Klassenraum betrat, wurde
es ganz still zwischen uns Schülern. Alle hatten wir
etwas Angst, was nun kommen würde. In seiner linken
Hand hielt er einen dünnen Rohrstock. Mit diesem
„Instrument“ wollte ich nicht gerne die erste
Bekanntschaft machen. Wir wurden gezwungen, jetzt
alle von heute auf morgen tschechisch zu sprechen.
Wer ein deutsches Wort sprach, bekam den Stock zu

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spüren. Auch ich musste eines schönen Tages seine
aufgestaute Wut den Deutschen im Land gegenüber
ertragen. Meine Finger schwollen ganz dick und rot an
nach den ersten Stockschlägen. Das war so ungerecht,
weil ich doch nichts Schlimmes angestellt hatte. Allein
die Tatsache, dass ich eine Sudetendeutsche war,
genügte diesem Rohbein. Das betraf uns alle, die wir
deutsche Eltern hatten. Der Krieg war zwar vorbei, aber
die Ungeschütztesten im Land hatten nun alles
auszubaden, wie das ja immer der Fall ist. Die neuen
Herren im Land waren da auch nicht besser, wie es
eben noch so unter den deutschen Faschisten der Fall
gewesen war.

So schnell ich nur konnte, versuchte ich die


tschechische Sprache zu erlernen. Durch meine
erfolgreichen Bemühungen wurde ich endlich in die
Klassengemeinschaft miteinbezogen.
Nun begannen auch in dieser Zeit die ersten großen
Säuberungen im neu entstandenen tschechischen
Staat. Jetzt gab man die zynische Parole für alle
Deutschen aus, die umgehend und ohne Widerrede
aussiedeln mussten: – Heim ins Reich – und meinte
damit doch nur die schmerzlich bevorstehende
Vertreibung aller Sudetendeutschen in der alten Heimat,
wo bereits ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten mit
anderen Völkern friedlich nebeneinander und
miteinander gelebt hatten. Viele Familien, die sich durch
Arbeit und Fleiß ein kleines Heim geschaffen hatten,
mussten von heute auf morgen alles zurücklassen.
Einige Anwohner, welche ihr Hab und Gut nicht

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aufgeben mochten, hatten ihrem Leben ein unschönes
Ende gesetzt oder wurden vom tschechischen
Lynchmob einfach von den Brücken gestürzt. Es brach
die Zeit des Chaos und des verschütteten Hasses aus.

Die Maitage kamen ins Land und es grünte und blühte


überall. Wie trügerisch friedlich sah doch die Welt jetzt
aus. Auf den Straßen war ein Kommen und Gehen. So
langsam machte sich aber auch der Hunger bemerkbar,
denn es gab ja in dieser Zeit der Unordnung und Willkür
nur sehr wenig zu Essen – wenn überhaupt!

Endlose Kolonnen von heimkehrenden Soldaten zogen


durch die Straßen. Vergrämte und ausgehungerte
Gesichter blickten traurig ins Leere – ins Nichts.
Zerlumpt und ohne Hoffnung waren diese Menschen
vom Krieg gezeichnet. Auch schon als Kind will man
das nicht verstehen, zumal ja meine Mutter während
des Krieges vielen fremden Kriegsgefangenen heimlich
geholfen hatte. Das war natürlich strengstens verboten,
ließ aber dennoch meine Mutter von ihrer gerechten
Überzeugung und der Solidarität nicht abbringen. Jetzt
hatten wir aber selber nichts mehr, was man hätte
teilen können.
Es war eben alles so ungerecht, weil auch wir von der
anstehenden Vertreibung betroffen waren. Eine Familie,
die immer gegen Hitler und den Krieg gewesen war.
Mein Vater war damals in der Gewerkschaft gewesen.
Die Mutter nähte dann später nachts heimlich Hemden
für die Kriegsgefangenen und so mancher Teller Suppe
half den Fremden in der Fabrik, wo auch meine

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Schwester arbeitete und ihnen das unter Androhung
von Strafe vorbeibrachte, über ihr Schicksal hinweg.
Ein Schicksal, das jetzt auch uns treffen sollte. Wer
versteht da noch die Welt, die Zeit oder auch anderes
Gerede von Leuten, die nichts durchgemacht haben
und nur ihren unnützen Kommentar in den Raum
spucken!

Stets sind alle Kinder ja sehr neugierig und beobachten


jedes Geschehen. Mein Cousin Benno, der wie ein
großer Bruder für mich war, nahm jede Gelegenheit
wahr, etwas Neues zu erkunden. Ich durfte ihn dann
natürlich immer begleiten.

Eines Tages kamen auch die sowjetischen Soldaten


durch unseren Ort. Dabei führten sie ihre kleinen
Panjepferde mich sich. Die Tiere sind von ihrer Rasse
her sehr ausdauernd und auch sehr widerstandsfähig.
Der Körperbau ist klein, kräftig und gedrungen, so wie
man es von den Pferden der Mongolen her kennt. Der
Kopf wird von langen buschigen Mähnen bedeckt.

In der Menge erblickten wir alsbald einen stolzen, sehr


schwarzen Rappen – ganz groß und sehr erhaben.
Er wurde von einem russischen Offizier geritten. Das
Fell des Pferdes glänzte im Sonnenlicht wie ein
Diamant. Wie gerne hätte ich das schöne Tier doch
gestreichelt. „Das kannst Du haben“, sagte mein
Cousin. Frohen Mutes schritt er dem Offizier entgegen
und fragte ihn auch gleich mit festem Blick in den
Augen. Ziemlich erstaunt war ich, als dann Benno mit

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dem Gaul vor mir stand. Der Russe hatte es ihm ja
erlaubt. Froh und überglücklich war ich, und ehe ich
mich noch versah, saß ich schon auf dem Rücken des
Pferdes. Dann ging es auch gleich los über Felder und
Wiesen. Das Tier kam gar nicht zum Halten. An der
Mähne geklammert, hatte ich schon Stoßgebete zum
Himmel geschickt. Dann kam das Pferd aber doch noch
zum Stehen. Der Offizier hatte es mit einem Lachen zu
sich gerufen. Ein Glück war mir bei diesem Ritt nichts
passiert, aber das große Abenteuer werde ich nicht
vergessen. Es war ein einmaliges Erlebnis.

Wenn dann der Frühling seine erste wärmende Um-


armung ausbreitet, kommen auch die Zigeuner aus dem
slowakischen Land. Als fahrende Händler und Gaukler
bringen sie gleich eine andere Lebensart herein. Für die
Kinder sind Tiere und Zirkus ein Magnet, und wer dann
noch dunkle Haare hat, kann schon schnell auf einem
Kutschbock landen und mit fortgetragen werden. So
wäre es auch beinahe meiner Großtante ergangen, als
sie selber noch ein junges Mädchen war und mit ihren
schönen schwarzen Zöpfen die Blicke der Zigeuner auf
sich gelockt hatte. Alte Volksweisheiten haben ja auch
immer ein Körnchen Wahrheit in sich. Türen und
Fenster werden sogleich geschlossen ‒ skeptische
Blicke hinter der Gardine ausgetauscht.

Der alljährliche Zirkus in der Stadt lockte natürlich auch


mich magisch an und so übte ich dann stundenlang die
akrobatischen Verrenkungen der Zirkusleute zu Hause
nach. Meine Mutter musste dabei immer sehr lachen,

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wenn ich wieder einmal als „Wollknäuel“ in der Küche
auf dem Boden lag. Ich war schon damals sehr gelenkig
und noch weitaus ehrgeiziger in jeder sportlichen Art
und Weise, was sich ja später dann in meinen
verschiedenen Berufen auszahlte!

Die Monate vergingen und langsam kehrte wieder das


normale Leben in unsere Kleinstadt ein. Das sollte aber
nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Voll Freude ging ich
nun wieder mit den Freunden in die Schule.
Die tschechische Sprache beherrschte ich jetzt auch
schon sehr gut. Kinder lernen ja bekanntlich schnell. So
zog der Frühling erneut ins Land im Jahre 1946 und
auch der Sommer ließ nicht lange auf sich warten. Die
Ferien brachen im Monat Juli an und wie schon erwähnt
gingen die Kinder und auch die Erwachsenen jetzt
gerne in den Wald, um seine köstlichen Gaben zu
ernten.

Viele Freunde und Nachbarn waren ja nun auch nicht


mehr da. So sind dann eben große Lücken geblieben.
Doch man sagt nun mal: „Die Zeit heilt alle Wunden!“
Manche Dinge aber bleiben ewig in der Erinnerung
haften.

Deutsche und Tschechen ‒ ob gewollt, gewünscht oder


auch von der Obrigkeit verordnet ‒ lebten schon
Jahrhunderte zusammen. Im Laufe der Jahre rauften
sich dennoch die Menschen zusammen. Deutsche,
Tschechen und Slowaken wie Juden als auch andere
Ethnien arbeiteten und lebten nun mal in diesem großen

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Reich der Habsburger und anderer Tagediebe.

Dann folgte die endgültige Zwangsvertreibung der


Deutschen aus dem Sudetenland. Jahrhundertelanges
Zusammenleben wurde sofort abrupt beendet.
Durch die • Beneš-Dekrete • wurde nun reiner Tisch
gemacht in den von Deutschen besiedelten Gebieten
der neuen Tschechoslowakei. Altes deutsches Unrecht
mit neuem tschechischem Unrecht vergolten. Kein Volk
ist besser als das andere, und so konnte sich dann der
tschechische Plebs in der Nachkriegszeit so richtig an
den vertriebenen Sudetendeutschen austoben. Altes
Unrecht wurde jetzt mit neuem Unrecht vergolten.

Der zügellose Mensch verkommt in jeder Kultur, wenn


sich der Egoismus seinem Herzen bemächtigt. Der
Demokrat wird zum Biedermann, der bei Nacht und
Nebel Frauen und Kinder ermordet.
Der Eine ist faschistisch national ‒ der Andere
chauvinistisch national. Beide sind sie am Ende in ihrer
nationalen Sülze eingebettet und hätten eben so gerne
doch nur den Kommunismus im Allgemeinen und den
Bolschewismus im Konkreten zusammen bekämpft,
also Krieg gegen die Sowjetunion Dabei ist es gar nicht
verwunderlich, dass Jahrzehnte nach dem Ende des
Krieges Völker wie: Polen, Tschechen, Slowaken,
Ungarn oder gar die drei Nordlichter im Baltikum,
zuerst den Deutschen wieder um den Hals fallen. Ja
haben sie denn nichts gelernt aus der gemeinsamen
Leidensgeschichte?

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Heute denke ich zurück. Es war der 1. August 1946, als
sich plötzlich an diesem Morgen des Monats ein
heftiges Klopfen an der Haustür bemerkbar machte.
Eine männliche Stimme forderte uns auf, die Tür zu
öffnen. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Wir
wurden aufgefordert, unsere Sachen zu packen und auf
dem Schulplatz zu erscheinen. Nur 30 kg durfte jede
Person als ihr Eigentum mitnehmen. Das musste doch
ein Irrtum sein, denn wir waren während des Krieges als
Antifaschisten registriert gewesen, hatten darum unter
dem Hitler selber sehr gelitten und brauchten doch
deshalb unsere alte Heimat nicht zu verlassen?
Bei den Tschechen sollte ja alles besser werden, hatte
man gesagt. Es war aber die Zeit der bewussten Willkür
und des staatlichen Chaos im neu gegründeten Staat.
Aber auch wir waren nun mal Deutsche und somit an
der angerichteten Misere in Europa schuld in den
Augen der neuen arroganten Herren im Land.

Meine ältere Schwester hatte sich damals noch mit der


deutschen Obrigkeit in ihrem Betrieb angelegt und auch
in der Familie waren wir ja alle nicht für den
Faschismus. Das spielte nun aber in der Nachkriegszeit
keine Rolle mehr. „Dem Hitler müsste man die Tasse
Kaffee über dem Kopf ausgießen, damit man ihm die
braune Gesinnung gleich ins Gesicht geschrieben
sieht!” Als die ältere Tochter das sagte, war bereits
der Konflikt vorprogrammiert. Heute noch Arbeit und in
derselben Minute schon auf der Straße.

Wie dem auch sei. Auch wir sollten jetzt die Sachen

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packen. Mehr als drei Millionen Sudetendeutsche
mussten sofort die Heimat verlassen – eine alte
Heimaterde, die Platz für alle unterschiedlichen Völker
geboten hatte.

Der Name Sudetenland war ein Sammelbegriff für die


Deutschen aus Böhmen und Mähren, wie man es heute
auf der Landkarte findet und somit auch ein
Sammelbegriff für den Hass der Tschechen gegen alle
Deutschen.

Trotz anfänglichem Unverständnis wurden eben auch


wir in aller Eile zusammengetrieben und nur mit den
wichtigsten Sachen am Leib ausgesiedelt.
Dabei sind natürlich Freunde und Familien bewusst
auseinandergerissen worden. Sie wurden dann in alle
vier Himmelsrichtungen zerstreut, ob Süden, Westen
oder Norden im ehemaligen Deutschen Reich.

Wann und wie werden wir uns einmal wiedersehen


können? Das waren die bitteren Gedanken auf dem
Weg in die neue ungewisse Heimat. Was uns damals
bewusst oder auch bedauerlicherweise angetan wurde,
lässt sich nicht verzeihen, vergessen oder nur
wiedergutmachen. Das hat hier nichts mit irgendeinem
politischen Beigeschmack zu tun. Es wurden neue
Tragödien geschaffen, von solchen Menschen, die
selber unter den Nazis als Tschechen ihr friedliches
Auskommen hatten und auch gerne als solche an der
Seite der Deutschen in den Krieg gezogen wären. In
der späteren Bundesrepublik ist das Thema der

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Vertreibung der Sudetendeutschen häufig heimatlich
verklärt worden. Soll man jetzt ein Urteil fällen oder
Außenstehende um eine Belehrung ersuchen?

Aber auch in der DDR stand dann die sozialistische


Verbrüderung im Vordergrund und das Sudetenland
wurde nicht weiter erwähnt. Die Deutschen hatten nun
mal den Krieg begonnen mit all ihren grauenhaften
Verbrechen an anderen Völkern. Wer hatte da noch das
Recht, den Mund aufzumachen? Die Menschen wollten
endlich Frieden und einen Neuanfang. Wie gesagt – im
Krieg, dem Chaos und dem Siegerurteil der neuen
Lügen kommt die Wahrheit immer sehr schlecht bei weg
und wird zuerst geopfert! Das war immer schon so. Das
hat nichts mit unterschiedlicher Ideologie zu tun!

Auf unserem Weg der Vertreibung diente uns mein


Puppenwagen als Transportmittel. Vielerlei Sachen und
Kleidungsstücke wurden mir in der kurzen Zeit überein-
andergezogen – und das noch am 1. August bei großer
Hitze. Nur so konnten wir die eine oder andere nützliche
Sache für die sicherlich bevorstehenden schweren und
kalten Tage retten. Wie traurig ist es doch, dass man
viele Dinge nicht mitnehmen konnte und zurücklassen
musste!
Auch das Grab meines Vaters blieb in der alten Heimat,
konnte aber wenigstens bis heute von gemischt-
ehelichen Verwandten gepflegt werden.
Wer einen tschechischen Lebenspartner hatte, durfte
damals noch im Land bleiben. Somit konnten wir auch
wertvolle Familienfotos, Dokumente und andere

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Kleinigkeiten vor den neuen „Barbaren“ retten, die ja
erst später „sozialistisch“ wurden und nach der
deutschen Wiedervereinigung von 1989 erneut einen
deutschen Herren in Europa suchten und gar
brauchten! Hier ist eben wieder einmal die nationale
Unabhängigkeit vom Geld abhängig wie eh und je!

Unser Haus wurde noch am selben Tag von den


Tschechen beschlagnahmt, wie auch das anderer
Verwandter von uns. Das Haus der Großeltern ging
leider in Flammen auf und wurde auch später nicht
mehr wieder aufgebaut von den neuen Herren im Land.
Viele Dörfer, Weiler und auch Städte wurden von
tschechischen Umsiedlern im eigenen Land dann später
einfach übernommen, oder wenn sie zu dicht an der
neuen Grenze lagen, einfach dem Verfall überlassen.
Auch heute noch kann man das eine oder andere Dorf
nur noch auf alten Landkarten wiederfinden.
Was noch einstmals fleißige deutsche Menschen
jahrhundertelang errichtet hatten, interessiert heute die
neuen Generationen nicht mehr. So war es leider auch
der traditionsreichen sudetendeutschen Glasindustrie
ergangen! Die deutschen Fachkräfte zogen ab und
geblieben sind unkundige Neubesitzer, die sich nur sehr
mühsam in die alte Tradition einfinden konnten oder gar
wollten zu allem Übel!

Dann stand der große Lastwagen für den Transport der


Menschen bereits vorne am Schulhof. Wir waren jetzt
alle wie nutzlose Tiere auf einem engen Haufen
zusammengepfercht. Welch ein erbärmlicher Anblick

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und zur Schadenfreude der tschechischen Aufseher.
Ohnmacht mischte sich mit der Angst in den Augen der
Mütter und Kinder. Viele Väter waren im Krieg
geblieben oder noch in Gefangenschaft. Frauen hatten
am Ende allen Elends immer schon die größte Last zu
tragen. Das ist nun mal der Lauf der schlimmen Dinge
auf Gottes vergessener Erde.

Wer in dem ersten Nachkriegsjahr im Land noch ge-


duldet wurde, musste und sollte oftmals seine eigenen
Wurzeln verleugnen. Wie kann ein Kind begreifen, das
die Sprache der eigenen Mutter ‒ ja das selbst die erste
Bezugsperson im Leben, eben die Mutter, zur Aus-
sätzigen wird. Wer noch Deutsch sprach, wurde ge-
treten, verfolgt, verprügelt oder gar getötet. Das große
Wort von der antifaschistischen Solidarität blieb eben
nur ein hohles Wort – auch noch viel später, als sich
zwei deutsche Staaten gebildet hatten und man den
Ausgleich mit dem tschechischen Nachbarn suchte.

Die Sache ist aber dennoch nicht allzu spaßig! Mit der
bereits totkranken Mutter ging es dann 1946 in das
erzwungene neue deutsche Exil. Von Ort zu Ort ‒ von
Wassersuppe zu Milchpulver ̶ von ekligen verfaulten
Kartoffeln bis zu erbrochenen Futterrüben. Tagelang
holperte der Zug über die Gleise. Ein Notaufnahmelager
folgte dem anderen. Manchmal wurde geholfen, oftmals
aber der Vertriebene zum deutschen Zigeuner.ohne
Rechte unf Ansprüche!

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VERTREIBUNG

Alt und Jung, Große und Kleine – in Gedanken, wo


werden wir bloß eine Bleibe für die kommende Nacht
finden. So begann nun für uns die stundenlange Fahrt,
als der Laster dann vor einem riesigen Lager hielt.
Bestimmt waren hier während des Krieges Häftlinge
und Fremdarbeiter untergebracht worden. Jetzt traf uns
das gleiche Schicksal. Vor unseren Augen sahen wir
einen riesigen Saal mit Holzgestellen übereinander
gelagert, die wohl Betten sein sollten. Etwas Stroh
befand sich darauf und so wurden dies unsere
Schlafstätten.

Die Kontrolleure am nächsten Tag hatten draußen vor


der Baracke am Lagerplatz riesig lange Tische
aufgestellt. Darunter standen große Gefäße, welche
Badewannen ähnelten. Die Zuber dienten dazu, den
Flüchtlingen noch einige letzte Sachen, welche den
Aufpassern gefielen, laut Befehl noch wegzunehmen.
Wir hatten doch sowieso nicht viel Zeug bei uns, denn
30 kg pro Person war nicht sehr viel.
Dann wurden wir alle von oben bis unten mit weißem
Puder überschüttet zur Bekämpfung menschlichen
Ungeziefers. Vielleicht meinte man ja auch uns und
nicht all die fehlenden Läuse, Nissen, Wanzen und
andere Krankheitserreger! Jedenfalls war das eine
weitere gewollte Erniedrigung den Frauen und Kindern
gegenüber neben den vielen alten und gebrechlichen

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Vertriebenen auf unserem Treck. Das sollte sich auch in
den anderen Flüchtlingslagern jedes Mal wiederholen
und am Ende dann doch den Sinn verlieren bei soviel
giftigen und ätzenden Chemikalien auf der nackten
Haut.

Etwa 50 Menschen wurden hier im großen Schlafsaal


oder besser gesagt elenden Viehstall untergebracht.
Kindergeschrei, kranke und alte Menschen gerieten alle
durcheinander. Es war ein Gewirr an Worten, Gesten
und Rennen. Jammervolles Stöhnen neben Heulen,
Krächzen und dauerndem Wehklagen dröhnte in den
überhitzten Köpfen. Wir wurden alle von einer
erdrückenden Ungewissheit erfasst, wobei während der
Nacht natürlich nicht an Schlaf zu denken war.

Eine sehr lange Woche mussten wir da ausharren, nicht


zu wissen, wie es denn nun weitergehen wird. Unsere
bereits todkranke Mutter wurde von Stunde zu Stunde,
von Tag zu Tag immer schwächer. Sie war ja kein
Mensch, der wehklagen wollte. Das war in all den
harten Jahren nicht ihre Natur gewesen, aber hier im
Lager ging es ihr wirklich nicht sehr gut und das sollte
schon etwas heißen!

Der Hunger ließ die Menschen verzweifeln. Der nicht


enden wollende Krieg hatte ja bereits viele an manch
harte Momente gewöhnt. Jetzt begann aber die
schlimmste Phase der Nachkriegszeit. Das Chaos in
der Organisation vermischte sich noch dazu mit der
apathischen Gleichgültigkeit der vermeintlichen Sieger

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hier und dann der Verlierer in unserem späteren Ziel.
Auf kalter, nackter Erde wurde geschlafen, gekocht
und auch gestorben. Auch Morphium war knapp
bemessen, um der todkranken Mutter wenigstens
noch das Sterben zu erleichtern.

Von der dünnen Wassersuppe konnte doch keiner


richtig satt werden. Vielleicht hatten wir aber auch noch
Glück, überhaupt etwas in den Magen zu bekommen in
der ersten Zeit.. Auch das sollte sich noch schmerzlich
ändern. In späteren Jahren habe ich dann ja auch nie
ganz verstehen können, warum Menschen Brot
wegwerfen, obwohl sie dann alles in ihrem neuen Leben
hatten!

In dem Getümmel bemerkte ich eine Frau, die wie von


Sinnen umherlief und nach ihrem Kind suchte. Ein
anderer Mann kam torkelnd hinter dem Bett auf mich
zu, ich möchte ihn doch endlich zu seiner Familie nach
Hause bringen. Seine Frau war bereits auf dem langen
Weg hierher verstorben. Seine Sinne gerieten sichtlich
durcheinander und so klammerte er sich an jeden im
Vorbeigehen.
Solche und ähnliche Schicksale ereigneten sich täglich.
Manchmal sind es nur kurze Augenblicke im Leben
ohne viel Pathos oder Aufhebens, ohne theatralischen
Tiefgang oder philosophische Erhabenheit, bleiben aber
im Gedächtnis ein Leben lang haften und brechen noch
nach Jahrzehnten wieder aus dem Unterbewusstsein
hervor. Obwohl ich erst 11 Jahre alt war, konnte ich
schon vieles verstehen, nachvollziehen und mit meiner

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„kindlichen“ Anteilnahme schnell erwachsen werden
lassen.

Am achten Tag des unfreiwilligen Lageraufenthaltes


wurde uns befohlen, sofort das Lager zu verlassen.
Sollte es nun noch schlimmer werden oder ein
ungewisses Ende den trügerischen Spuk nur noch in
die Länge ziehen?
Ein sehr, sehr langer Zug stand für uns bereit. Mehr als
30 verdreckte Viehwagen, jeweils mit einem kleinen
Fenster versehen, hielten da am grauen Bahnhof.

Es waren mit der Zeit noch viele andere Flüchtlinge


hinzugekommen und somit sollte der wartende Zug
schließlich brechend voll werden. In den einzelnen
Waggons war kaum Platz für jeweils vierzig Menschen.
Viele mussten dann auch stundenlang stehen während
der langen Fahrt oder kauerten mit zusammenge-
zogenen Beinen auf dem blanken Fußboden.
Da die Fenster auch nur sehr klein waren, drang kaum
Licht herein. Manchmal konnte man auf der langen
Reise ins Ungewisse weder zwischen Tag und Nacht
unterscheiden oder wo wir gerade vorbeigekommen
waren. Es war Hochsommer. Wir hatten kaum
Trinkwasser – ohne Toiletten und die stickige Luft ließ
auch den einen oder anderen schnell kollabieren.
Es war einfach grauenvoll, zumal wir ja auch nicht
wussten, wo der überladene Zug mit uns hinfuhr.
So ging es Stunde um Stunde – Tag für Tag.

Dann wohl nach zwei langen Wochen hielt der Zug mit

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einem starken Ruck. Alles flog durcheinander. Einer fiel
über den anderen und ließ das Durcheinander nur noch
schlimmer werden in den einzelnen Waggons. Mit
einem starken Stoß wurde die Tür aufgerissen. Ein
tschechischer Soldat – groß und kräftig mit glasigen
Augen von der Sommerhitze und wohl auch dem vielen
Alkohol zur „Abkühlung“ befahl uns in harschem Ton,
auszusteigen und Trinkwasser zu holen. Alles musste
sehr schnell gehen, denn der Aufenthalt war kurz
bemessen. Meine Schwester rannte schon mit
fliegenden Schritten vor und ich als kleines Mädchen in
dem Gedränge hinterher. Schon konnte ich sie nicht
mehr sehen. Mein Herz pochte wie wild und die Angst
schnürte meine Kehle zu. Dann wieder schnell zurück
und in letzter Minute erreichte ich noch einmal den
bereits erneut anfahrenden Zug. Eine helfende Hand
zog mich gerade noch mit letzter Kraft nach oben und
wieder in den Zug. Das hätte hier auch sehr böse enden
können. Im Durcheinander und der Hast und Eile des
Krieges oder der Vertreibung und Flucht sind so
manche Familien auf Jahre hin getrennt worden oder
haben sich dann nie mehr wiedergesehen. Mir rannen
noch leicht Tränen die Wangen runter voll Verzweiflung.

Das hätte dort auch mir passieren können! An diesem


Tag hatte ich einen Schutzengel bei mir und bin noch
heute meiner älteren Schwester dankbar für ihre
schnelle Reaktion. Gott sei Dank waren wir wieder
vereint mit unserer kranken Mutter. Vielleicht sollte doch
noch alles gut werden. Von dem Schreck musste ich
mich erst einmal erholen und hockte da ganz bleich und

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zitternd in der Ecke. Dann kurz darauf hielt der Zug
erneut und vor unseren Augen erstreckte sich abermals
solch ein riesengroßes Areal mit Stacheldraht umgeben
und von Militär mit scharfen und laut bellenden Hunden
bewacht. Das sollte also unsere nächste Bleibe werden.
Ein Ende der Irrfahrt durch fremdes Land war also noch
nicht erreicht? Erneut wurden wir kübelweise mit
giftigem Pulver überschüttet. Das waren wohl noch alte
Wehrmachtsbestände oder bereits die schöne neue
amerikanische Überproduktion, womit dann ganz
Deutschland „zugepudert“ worden ist nach dem Krieg.

Dann hielt kurz darauf der Zug noch einmal. Vor meinen
Augen erblickte ich abermals ein riesiges Areal,
welches mit Stacheldraht umgeben war und erneut von
Militär bewacht wurde. Das sollte also unsere nächste
Bleibe werden. Das alte Lager, welches wir betraten,
war in einzelne Sektionen eingeteilt. Es sah nicht
gerade sehr sauber dort aus. Der übergroße Raum war
ebenfalls mit verfaulten Holzpritschen versehen.
Anscheinend waren wir auch hier nur für kurze Zeit
angekommen. Die wenigen Sachen, die uns noch
geblieben waren, wollte meine Schwester mit einem
Nagel an der Wand aufhängen. Mit einem Stein in der
Hand schlug sie auf den Nagel ein, als zu meinem
Entsetzen allerlei Ungeziefer aus der Wand auf den
Boden fielen. Der Fußboden war sofort voller Läuse,
Wanzen und anderer dicker roter Tierchen.
Das war richtig ekelig und sofort wollten sie mir die
Beine hochkriechen. Ich mochte mir dabei gar nicht erst

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vorstellen, wer wohl vorher hier in diesem Lager gelebt
oder besser gesagt gehaust haben musste. Da kamen
eben nur Häftlinge aus verschiedenen okkupierten
Ländern infrage, die als billige Arbeitskräfte für das
Deutsche Reich schuften mussten. Sicher waren damit
viele leidvolle Schicksale verbunden gewesen.
Ein Schicksal, das auch wir jetzt bitter ertragen mussten
mit wenig Nahrung, kaum sanitären Grundbedürfnissen
und der andauernden Ungewissheit, was der nächste
Tag uns bringen wird.

Jedenfalls in diesem Augenblick dachte ich nur an mein


eigenes kleines Schicksal und suchte gleich das Weite.
Es war aber auf dem gesamten Gelände um uns herum
auch nicht viel besser. Nach mehr als drei Wochen, die
uns zur beklemmenden Ewigkeit verdammen ließen,
konnten wir diese primitive Unterkunft verlassen. Erneut
stand ein Lastwagen bereit, um uns zu irgendeinem
nächsten Ort zu bringen.

Wir bekamen in Norddeutschland – in Warnemünde an


der Ostsee ein Zimmer zugewiesen. Bei einem
alleinstehenden älteren Herrn kamen wir erst einmal
unter. Jetzt mussten oder sollten eben alle im Land
zusammenrücken, und wer noch Wohnraum hatte,
lernte zu teilen, auch wenn das oftmals zu viel Unmut
unter den alten ortsansässigen Menschen führte.
Genauso gut hätte es aber auch sie treffen können
mit Flucht, Vertreibung und mühsamen Neuanfang.
Das Schicksal hatte nun mal uns heimgesucht im
Leben.

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Natürlich war der Wohnraum in ganz Deutschland jetzt
sehr begrenzt vorhanden. Vieles hatte der Krieg zerstört
und es würde noch Jahre dauern, bis alles wieder
aufgebaut war.

Wir hatten vielleicht doch noch etwas Glück gehabt mit


der ersten festen Unterkunft in Deutschland oder dem
neuen Rest des alten Reiches. Unser Raum war nicht
sehr groß, doch wir konnten erst einmal auf Matratzen
schlafen, die auf dem Fußboden lagen und mussten
nicht mehr mit der nackten Erde vorliebnehmen!

Unsere Mutter konnte jetzt auch ein wenig aufatmen,


denn die ewigen Strapazen hatten doch tiefe Spuren bei
ihr hinterlassen. Vielleicht konnten wir auf ein neues,
geregeltes Leben hoffen. Bald begann auch für mich
wieder der normale Schulalltag in Deutschland. Erneut
knüpfte ich zur Genüge Freundschaften. Jetzt hatte ich
auch eine nette Lehrerin, Frau Taschenbrenner, die
mich liebevoll behandelte. Ganz anders, als es noch der
tschechische Unhold getan hatte an uns deutschen
Kindern. Schon damals konnte ich mir nicht vorstellen,
dass dieser Mensch selber Kinder haben könnte.
Vielleicht hatte er auch das Gift der Gehässigkeit schon
mit der Muttermilch eingesaugt.

Jedenfalls Herr Lorenz, bei dem wir in Warnemünde


erst einmal wohnten, war Frührentner. Da er eine
Beinprothese hatte, musste er nicht zum Militär, um an
dem schmutzigen Krieg teilzunehmen. Er besaß auch
gleich die richtige politische Einstellung wie wir und

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begriff die großen Zusammenhänge, die zum Krieg und
dem ganzen Elend geführt hatten gegen die Völker
auf der Welt. Somit war auch seine Sympathie für
die Menschen der großen Sowjetunion nur allzu
verständlich. Jetzt konnte man sowieso freier reden
in der Nachkriegszeit in Deutschland und die Dinge
klarer begreifen, nachdem die elende faschistische
Dauerberieselung und falsche Propaganda endlich ein
Ende hatten! Noch wichtiger war aber für uns jetzt die
Lebensmittelbeschaffung und dann vor allem die kranke
Mutter.

Unser Vermieter in Warnemünde machte natürlich auch


kleine Geschäfte mit russischen Offizieren. Während
dieser Zeit blühte aus der Not heraus eben der
Schwarzmarkthandel, was eben auch uns zugutekam.
Manches Stück Brot oder auch Fisch fiel dabei für uns
mit ab. Etwas Essbares war jetzt überall wichtiger als
andere Dinge, denn Hunger tut so richtig weh!
Seit Oktober 1946 war nun diese Stadt unsere neue
Bleibe. Die Tage wurden kälter und am Küchenfenster
sah ich die ersten Möwen ihre nahen Kreise drehen, die
ebenfalls nach Futter Ausschau hielten. Mensch und
Tier waren sich unfreiwillig sehr nahegekommen in
ihrem täglichen Überlebenskampf.

Dann fragte mich eines Tages meine Mutter, ob ich


nicht meinen geliebten Puppenwagen entbehren
könnte. Auf dem Weg der Vertreibung hatte er uns
große Dienste erwiesen als Transportmittel. Vielleicht
bekämen wir bei den Bauern dafür einen Sack Gemüse

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oder auch Kartoffeln. Fünf Jahre hatte ich nun schon
das geliebte Stück bei mir. Aber schließlich sagte ich
doch „ja“. So hatten wir für einige Tage wieder ein
kleines Festessen mit Möhren, Kohlrabi, Kohl und auch
richtigen Kartoffeln, die kein frostiger Matsch waren wie
so oft auf unserer Wanderung durch Deutschland oder
noch in den Kriegszeiten.

In der Küche stand ein kleiner Ofen, der ja nicht größer


als ein höherer Kochtopf war. Man nannte ihn – die
„kleine Hexe“. Es dauerte immer Stunden, bis die
Speisen gar wurden. Es gab ja nur sehr wenig
Brennmaterial. Ein Segen war es aber, dass meine
Tante Franziska auf dem russischen Fliegerhorst eine
Arbeit bekommen hatte. Holz für den Ofen konnte sie
somit mitbringen und auch aus der dortigen Küche sich
ein wenig für uns versorgen. Jeder half halt so gut er
konnte in der Familie und unter den neuen Freunden.
So vergingen langsam die Tage und Wochen. Das
Weihnachtsfest rückte jetzt immer näher.