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I HÖLDERLIN]

SÄMTLICHE

WERKE

h
Gedichte bis
1800
Lesarten

GROSSE
STUTTGARTEE
AUSGABE
HÖLDERLIN•GROSSE STUTTGARTER AUSGABE

r,20
HÖLDERLIN
SÄMTLICHE WERKE

ERSTER BAND

ZUREITER TEIL

VV. K O H L H A M M E R VERLAG

STUTTGART 194 7
H A
ST U T T G A E R H Ö L E R L 1 N - AUSG ABE

IM AUFTRAG DES KULTUSMINISTERIUMS B AD E N - W Ü R T T E M B E R G

HERAUSGEGEBEN VON

FRIEDRICH BEISSNEK
E R S T E R BAND

G E D I C H T E BIS 1800

HERAUSGEGEBEN VON FRIEDRICH BEISSNER

•/.WEITE HÄLFTE

LESARTEN UND ERLÄUTERUNGEN


LESARTEN UND ERLÄUTERUNGEN
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS

Der erste Band enthält Hölderlins Gedichte bis zur Jahrhundertwende in der Reihen-

folge ihrer Entstehung. So ist die allmähliche Entwicklung der eigenen Form aus den

wechselnden Vorhildern klarer zu überblicken, als wenn hier schon, wie es im zweiten

Band mit den späteren Gedichten geschieht, die Stücke der einzelnen Gattungen zu-

einandergeordnet würden. Der Vorsatz einer zeitlichen Folge ist indessen nicht starr

durchgeführt worden: wo sich in dieser Entwicklungszeit, zumal gegen ihr Ende,

schon deutliche Gruppen bilden, sind sie beieinander geblieben. (Siehe zum Beispiel

die Bemerkungen über die Anordnung der epigrammatischen Oden S. SfS—SfS.)

Auch finden sich in diesem Band nicht alle Gedichte, die in Homburg entstanden

sind. Die Elegie etwa, die später zu Menons Klagen um Diatima umgestaltet wird,

eröffnet im zweiten Bande die Gruppe der großen Elegien, wie auch der Gesang des

Deutschen besser dort am Anfang der Oden steht, obwohl er in erster Niederschrift

noch vor der Geburtstagsode für die Prinzessin Auguste überliefert ist.

Auf den hier folgenden Seiten werden zu jedem Gedichte zunächst Nachrichtcn, An-

zeichen, Vermutungen, wann es entstanden ist, mitgeteilt. Der Abschnitt » Überliefe-

rung« verzeichnet sodann die Handschriften und Drucke, und zwar die späteren

Drucke, an denen der Dichter keinen Anteil mehr hatte, nur insoweit, als sie für die

Gestaltung des Wortlauts von Bedeutung sind, das heißt: wenn vermutet wird, daß

ihnen Handschriften zugrunde liegen, die heute verschollen sind. Gibt es dagegen

noch alle Handschriften, so wird von späteren Drucken der erste nur genannt, um

anzudeuten, seit ivann das Gedicht öffentlich bekannt ist. Etwaige Abweichungen

eines solchen «ersten Druckes« erscheinen aber ebensowenig in den »Lesarten« wie

die der späteren Ausgaben. Nur die mit einer Sigle versehenen Handschriften und

Drucke sind berücksichtigt worden.

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Lesarten und Erläuterungen

Hölderlins eigene Handschriften sind selbstverständlich allesamt wichtig und in

ihnen jede Zeile, jedes Wort, jeder Buchstabe, jedes Satzzeichen. Von den bisherigen

Herausgebern hat nur Zinkernagel, in der ungedruckt gebliebenen Handschrift zu

den Schlußbänden seiner Ausgabe, diese lückenlose Vollständigkeit angestrebt. Hel-

lingrath dagegen verzichtet bewußt auf die Anführung aller Lesarten, läßt ganze

Entwürfe ungedeutet beiseite, hebt aus andern nur einige wenige Abweichungen her-

aus — um der Übersichtlichkeit willen. Es ist aber Pflicht des Herausgebers, ein Ver-

fahren zu finden, das bei letzter Vollständigkeit doch die Übersichtlichkeit wahrt.

Wer nur eine Auswahl der Lesarten bietet, darf sich nicht auf das Vorbild der klassi-

schen Philologie berufen. Der Herausgeber antiker Schriftwerke muß deren Wortlaut

aus mannigfach abgeleiteten und verzweigten Uberlieferungen erschließen. Er weiß

genau, welche Handschriften aus seinem »stemma codicwn« er nur selten anzuführen

braucht und welche ernster zu nehmen sind. Doch hat er unter den letzteren niemals

eine, die an Bedeutung der eigenhändigen Niederschrift des Dichters zu vergleichen

wäre. Es ist nicht gleichgültig für das wirkliche Verständnis eines Kunstiuerks zu

wissen und sich ernsthaft darein zu vertiefen, nach wie vielen erwogenen und durch-

probten Möglichkeiten sich schließlich die scheinbar selbstverständliche und allein

mögliche Form ausprägt, und die lebendig mitgehende und mitdichtende Betrachtung

des Werdenden ist oft richtiger und fruchtbarer als die ästhetische Zergliederung des

Seienden. N a t u r - u n d K u n s t w e r k e l e r n t m a n n i c h t k e n n e n , w e n n sie f e r t i g sind;

sagtGoethe,msm m u ß sie i m E n t s t e h e n a u f h a s c h e n , u m sie e i n i g e r m a ß e n zu b e -

g r e i f e n (an Zelter, 4.AugustlS0i). Der Herausgeber hegt keiruin größeren Wunsch,

als mit seiner Arbeit zu einem bescheidenen Teil dazubeizutragen, die Liebe zum Wort

des Dichters,dieviel gescholtene »Philologie f(, wieder zu Ehren zu bringen nach einer

Zeit, da es oft schien, als habe sich die Wissenschaft von der Dichtung im bunten

Wechsel der andernFächern entlehnten Verfahrungsweisen und Ziel Setzungen gänz-

lich von der ihr eigentümlichen Grundlage entfernt. Die wertvollste Frucht philologi-

scher Mühe wird auch von denen nicht verkannt werden, die in den »Lesarten« vorerst

immer noch bloß einen überflüssigen »Anhang« und unnützen Scherbenhaufen zu

erblicken vermögen: die Reinigung des Wortes nämlich von den zumal bei Hölderlin

besonders häufigen Verderbnissen und Entstellungen.

Die Stuttgarter Ausgabe bietet die Lesarten für gewöhnlich in der üblichen Weise,

und zwar ist das Lemma (das Wort oder die Wendung des Textes, an deren Stelle die

abweichende Lesart tritt) meistens vollständig angeführt. Dadurch wird ohne er-

müdendes Hin- und Herblättern die Beurteilung der Lesart erleichtert. Stünden die

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Lesarten und Erläuterungen

Lesarten, uiie es früher gehalten wurde, unter dem Text, so genügte wohl ein Abdruck

nur der Abweichungen. Wo aber das Lemma zu umfangreich ist, werden bloß An-

fangs- und Schlußworte genannt. IFeichen ganze Verse von der in den Text ge-

setzten endgültigen Gestalt ab, so wird kein Lemma abgedruckt: in solchen Fällen

zeigt ein Doppclpunkt hinter der J^crsnummer an, daß sogleich die vom Text ab-

weichende Lesart folgt. Die eimeinen Lesarten werden abgeschlossen durch die Siglen

der Handschriften und Drucke, in denen sich die angeführte Abweichung vom Text

findet. Alle nicht genannten stimmen mit dem Lemma des Textes überein.

Nicht selten aber verbieten die wirr verknäulten Handschriften Hölderlins das übliche

Verfahren in der Darbietung der Lesarten. Gerade an solchen Stellen, die den schöp-

ferischen Forgang besonders lebendig spiegeln, darf der Herausgeber nicht auf die

Entwirrung und Entwicklung des Entwurfs verzichten. Eine Zerlegung in einzelne

Lemmata jedoch, wie sie Zinkernagel von Wort zu Wort weiterschreitend durchgehal-

ten hat, läuft meistens Gefahr, unverständlich zu werden. Es gilt vor allem, die Ent-

wicklungsstufen zeitlich auseinanderzuhalten. So wird das mitgehende und mitdich-

tende Betrachten, wovon schon die Rede war, eben an den schwierigsten Stellen in

schöner Weise ermöglicht. Eine photographische Wiedergabe allein würde dem Be-

nutzer der Ausgabe nicht viel helfen. Denn es gehört eine nur durch jahrelange BcschäJ -

tigung mit Hölderlins Handschriften zu erwerbende Vertrautheit mit allen Zügen und

Schreibgewohnheiten dazu, um sie richtig zu deuten. Eingeklammerte Ziffern be-

zeichnen die größeren Stufen der Entwicklung, innerhalb deren weitere, kleinere Ab-

stufungen und Gabelungen durch eingeklammerte lateinische und fernerhin griechi-

sche Buchstaben gekennzeichnet sind. Eine (2) kündigt also an, daß alles, was vor-

her, hinter der (1) steht, jetzt aufgehoben und getilgt ist; ebenso hebt die (5) die vor-

angehende ( 2 ) auf, das (b) das (a) und das (c) das (b), das (ß) das (a) imd das (y)

das [ß). Die zusammengehörigen 'Leichen stehen, wo es sich nicht um ganz leicht

zu überblickende Stufenfolgen handelt, genau untereinander, so daß eine Verwirrung

ausgeschlossen ist. Dem Benutzer, der sich nicht sogleich an dieses Verfahren zu ge-

wöhnen vermag, sei für den Anfang empfohlen, bei jedem eine neue Stufe ankündi-

genden 'Zeichen den Vers wieder ganz von vorn zu lesen und dabei die inzwischen

ungültig gewordenen Stufen zu überschlagen. Die sich treppenweis gestaltende An-

ordnung erleichtert wesentlich die Übersicht.

Das Wort des Dichters ist in Geradschrift wiedergegeben; was der Herausgeber sagt,

erscheint in kleiner Schrägschrift. Gelegentlich auftretende größere Schrägschrift

entspricht lateinischen Buchstaben der Handschrift. Gerade eckige Klammern [ ]

319
Lesarten und Erläuterungen

schließen das vom Dichter Getilgte ein, schriige eckige Klammern [ ] das, was zwar

in der Handschrift steht, aber nach dem Urteil des Herausgebers als Schreibversehen

zu streichen ist. M^inkelklammern { ) deuten Hinzufügungen des Herausgebers an.

Hölderlins eigene Handschriften sind mit der Siglel'Igekennzeichnet; wo zu einem

Gedicht mehrere Handschriften vorhanden sind, bedeuten hochgestellte Ziffern die

zeitliche Folge. Entsprechend ist bei den Abschriften von fremder Hand (h) ver-

fahren. Erste Drucke in Journalen (Taschenbüchern oder Almanachen) tragen —

nach dem Vorbild der Weimarer Goethe-Ausgabe und der Wieland-Ausgabe der

Preußischen Akademie — die Sigle J; selbständige Einzeldrucke die Sigle K. Die

Sammlungen der Gedichte erscheinen unter der Sigle A, soweit sie, wie bereits gesagt,

textgeschichtliche Bedeutung für das jeweilige Gedicht haben (Uhlands und Gustav

Schwabs Gedichtsammlung von 1826 ist Gesamtausgaben, Ausgaben also,

die auch den Hyperion und den Empedokles, oder auch die Übersetzungen und Briefe

enthalten, sind an der Sigle B zu erkennen (B^ ist Christoph Schwabs Ausgabe von

1846). In einzelnen Fallen notwendige Sonderbezeichnungen sind an gehörigem

Ort erläutert. In dem Abschnitt »Überlieferung« ist jeder Druck jedesmal biblio-

graphisch vollständig bezeichnet, damit dem Benutzer ärgerliches Suchen und Blät-

tern erspart bleibe. Lediglich die Beschreibungen solcher Handschriften, die mehrere

Gedichte enthalten, sind immer nur an einem Ort abgedruckt, worauf bei den andern

Gedichten dann verwiesen wird.

Auch sind die in den »Erläuterungen« häufiger genannten Bücher über Hölderlin

nur mit den Namen ihrer Verfasser angeführt. Es sind dies:

Betzendörfer, Walter: Hölderlins Studienjahre im Tübinger Stift, Heil-

bronn 1922.

Böckmann, Paul: Hölderlin und seine Götter, München 19iS.

Böhm, Wilhelm: Hölderlin. 2 Bände, Halle-Saale 192S und 1930.

Gr Osch, Rudolf: Die Jugenddichtung Hölderlins, Diss. Berlin 1899.

Kempter, Lothar: Hölderlin und die Mythologie

(Wege zur Dichtung Band VI), Horgen-ZürichjLeipzig 1929.

Lehmann, Emil: Hölderlins Lyrik, Stuttgart 1922.

Michel, Wilhelm: Das Leben Friedrich Hölderlins, Bremen (1940).

S eck el, Dietrich: Hölderlins Sprachrhythmus (Palaestra 207), Lcipzigl937.

Siegmund-Schultze, Friedrich: Der junge Hölderlin

(Sprache und Kultur der germanischen und romanischen Völker, Germanisti-

sche Reihe Bd. X X XII), Breslau 1939.

320
Lesarten und Erläuterungen

Vi'itor, Karl: Die Lyrik Hölderlins

(Deutsche Forschungen Heft S), Frankfurt a. M. 1921.

Ausdrücklich sei betont, daß mit der Nennung eines Verfassers zu einer fraglichen

Stelle eine Jleivorhehung ebensowenig beabsichtigt ist wie mit der Unterlassung

etwa eine Ablehnung. Besonders ist eine jedesmalige Anführung der bisher vorliegen-

den großen Gesamtdarstellungen vermieden worden, da jedermann sich durch deren

Register bequem selber über die Meinungen der verschiedenen Forscher unterrichten

kann. Hütte der Herausgeber zu allen Streitfragen Stellung nehmen wollen, so hätte

der Umfang der Erläuterungen um ein Vielfaches erweitert werden müssen. Über-

haupt sind diese Erläuterungen nicht als Kommentar, als Gesamtinterpretation auf-

zufassen, sondern mir als gelegentliche Hinweise zum Verständnis. Allermeistens

handelt es sich um einzelne l'Vorterklarungen, um Zitatnachweise, Anführungen von

Ptirallelstellen und nur hie und da um einen Fingerzeig zum Aufbau. Aus dem-

selben Grund, der den Herausgeber bestimmt hat, sich bei den Erläuterungen zurück-

zuhalten, hat er für die Große Ausgabe auch von einer »Einleitung« abgesehen,

wie sie leider neuerdings in manchen Ausgaben, auch in solchen mit wissenschaft-

lichem Anspruch, die einzige oder doch hauptsächliche Leistung des »Heraus-

gebers« darstellt. Die Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe hat ihr Schwergewicht in

dem endlich gereinigten Text und seiner (gerade bei Hölderlin) notwendigen Ergän-

zung: dm vollständig und übersichtlich verzeichneten Lesarten. Hier glaubt sie einen

wesentlichen Schritt vorwärts getan und künftiger Deutung eine zuverlässige Grund-

lage gegeben zu haben. Alles andre ist Zutat, die schnell veraltet.

Es mögen liier noch die Beschreibungen einiger Sammelhandschriften Flatz finden,

und zwar der beiden Quarthefte in Marbach und Homburg und der in Schwerin ver-

wahrten Gedichtsammlung der Prinzessin Auguste. — M^o übrigens bei den einzelnen

Gedichten in dem Abschnitt »Überlieferung« nur Ortsnamen stehen, sind sie wie

folgt aufzufassen: Stuttgart: IVürttcinbergische Landesbibliothek (derangegebenen

Signatur ist jeweils noch vorzufügen: cod. poet. fol. 6S); Homburg: Stadtarchiv

Bad Homburg vor der Höhe; Marbach: Schiller-Nationalmuseum.

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Lesarten und Erläuterungen

Das Marbacher Quartheft.

H: Marbach.

Das ursprüngliche Heft ist jetzt in einzelne Lagen und einige (durch Beschneidung

der inneren Kante schmälere) Einzelblätter zerlegt. Es war nach .Ausweis der ver-

schiedenen Heftlöcher zweimal geheftet; die erste Lage weist noch die jüngere Hef-

tung auf. Erhalten sind insgesamt 36 Blatter 17,3 (17,0) x20,S cm. Durch spätere

Paginierung sind zwei Teile zusammengefaßt, und zwar 30 Blätter (von älterer

Hand mit brauner Tinte von 1.— 60. paginiert) und 6 Blätter (das Gedicht Die Mei-

nige, von jüngerer Hand mit roter Tinte von 3.—14. paginiert).

Papiersorte: Bläuliches, feingeripptes Papier. Wasserzeichen: es wechseln der

Name des Herstellers J PAS QUAY und ein gekröntes, kreisrundes Wappen, darin ein

aufrecht sitzendes Wappentier mit Stern und Schwert; im umfassenden Ring, die

Worte: P R O P A T R I A E I U S Q U E L I B E R T A T E .

Genauere Beschreibung der einzelnen Lagen und Blätter:

1) Inv.-Nr.: IS21. Drei ineinandergelegte Doppelblätter, S. 1.—12. der älteren

Paginierung; neu zusammengeheftet; daneben ältere Heftlöcher.

Inhah: S.1-9: Die Unsterblichkeit der Seele. 17SS; S. 10-12: Der Lorbeer. 17S8.

Am Schluß der einzelnen Gedichte, S. 9 und 12, undatierte Echtheitsbestätigungen

Mörikes (schwarze Tinte).

2) Inv.-Nr.: 1804. Einzelblatt, S. 13.-14. der älteren Paginierung.

Inhalt: Die Ehrsucht. 1788.

Am Schluß undatierte Echtheitsbestätigung Mörikes (schwarze Tinte).

3) Inv.-Nr.: 1S23. Ein Einzelblatt, das drei ineinander gelegten Doppelblättern

aufgeklebt ist, S. IS.—28. der älteren Paginierung.

Inhalt: S. lS-17: Die Demuth. 1788; S. 18-23: Die Stille. 1788; S. 24-28:

Schwärmerei. 1788.

Am Schluß der einzelnen Gedichte, S. 17, 23 und 28, undatierte Echtheitsbestäti-

gungen Mörikes (schwarze Tinte).

4) Inv.-Nr.: I S23. Einzelblott, S. 29.-30. der älteren Paginierung. Genau ein-

ander deckende Leimspuren lassen erkennen, daß dieses Blatt mit S. 28 zusammen-

geklebt war.

322
Lesarten und Erläuterungen

Inhalt: Der Kampf der Leidenschaft. 17SS.

Am ScMuß Echtheitsbestätigung Mörikes vorn IS. Juli 1S64 (rote Tinte).

5)Inv.-Nr.: 2697S. Einzelhhtt, S der älteren Paginierurjg.

Inhalt: An Stella. 17S6

Am Schluß Echtheitsbestätigung Miirikes vom IS. Juli 1S64 (rote Tinte).

6) Inv.-Nr.: 4SS44. Einzelblatt, S. 33.-H. der älteren Paginierung.

Inhalt: An die Nachtigall. 17S6.

Am Schluß Echlheitsbestätigung Mörikes vom IS, Juli 1864 (rote Tinte).

7) Inv.-Nr.: I S24. 'Zwei ineinarulergelegte Doppelblätter und drei angeklebte Ein-

zelblätter (die beiden vorderen Einzelblätter weisen noch Reste der abgeschnittenen,

ursprünglich mit ihnen zusammenhängenden Blätter auf), S. )S.~4S. der älteren

Paginierung.

Inhalt: S. 3S—36 oben: An meine Freundinnen. 17S7; S. 36 mitten —37: Mein

Forsaz. 17S7; S. 38-39: An meinen B. 1786; S. 40-4S: Hero. 17SS; S. 46-47:

Auf einer Haide geschrieben. 1787; S. 48: Die Tek. 17SS (v. 1-20).

Am Schluß der einzelnen Gedichte, S. 36, 37, 39, 4S und 47, undatierte Echtheits-

bestätigungen Mörikes (schwarze Tinte).

S) Inv.-Nr.: IS2S. Zwei Einzelblätter (mit Resten der abgeschnittenen ursprüng-

lich anhängenden Blätter), vor zwei ineinander gelegte Doppelblätter geklebt, S. 49.

bis 60. der älteren Paginierung.

Inhalt: S. 49-S2 oben: Die Tek (v. 21-88); S.S2 mitten - 60: Am Tage der

Freundschaftsfeier. 17 88.

Am Schhiß der einzelnen Gedichte, S. S2 und 60, undatierte Echtheitsbestätigungen

Mörikes (schwarze Tinte).

( 9) Das Blatt 1.-2. der jüngeren Paginicrung ist anscheinend verschollen. Auf S. 3

Leimspuren, die erkennen lassen, daß ein schmäleres Einzelblatt aufgeklebt war. )

10) Inv.-Nr.: I S22. Drei ineinandergelegte Doppelblätter, S. 3.—14. der jüngeren

Paginierung. Da S. 14 leer ist und sonst die Gedichte auch auf einer und derselben

Seite unmittelbar aneinander anschließen (vgl. S. 36 und S2 der älteren Paginic-

rung), so wird diese Lage das Qunrtheft beschlossen haben. Die Z^ugehörigkeit zum

Quartheft ergibt sich aus der Gleichheit des Formats und der Papiersorte.

Inhalt: S. 3-13: Die Meinige. 1786.

Am Schluß undatierte Echtheilsbestätigung Mörikes (schwarze Tinte).

325

121
Lesarten und Erläuterungen

Das Homburger Qiiartiieft.

H: Homburg ß.

Das Heft besteht jetzt aus insgesamt 16 Blättern 19 (lS)x23 (19,8) cm (von

S. 2fj26 ist die untere Hälfte abgetrennt), und zwar aus drei ineinandergelegteti

Doppelblättern (den Seiten 112 und 29jW, Sl4 und 27128, Sjö und 2SI26), in

deren Mitte neun Einzelblätter (S. 7—24) liegen; das 16. Blatt (S. 311S2) fügt

sich außen an. Die Doppelblätter sind an der. oberen Kante., die Einzelblätter außer-

dem links beschnitten. Drei Einzelblätter (S. 7—12) weisen noch Reste der abge-

schnittenen ursprünglich anhängenden Vorderblätter auf. Die Paginierung ist von

späterer Hand mit Bleistift durchgeführt.

Papiersorte: Bräunliches, feingeripptes Papier. Wasserzeichen: I. Gekrönte Lilie,

von zwei aufrechtstehenden gekrönten Löwen flankiert; II. Vierförmiger Stab aus

einem Herzen aufsteigend, von den Buchstaben H M flankiert. Die ersten beiden

Doppelblätter zeigen das Wasserzeichen I, das dritte II; S. 7jS: II untere Hälfte;

S. 9110: II obere Hälfte; S. 11112: I obere Hälfte; S. 1)114: II obere Hälfte;

S. IS 116: I obere Hälfte; S. 17118: I untere Hälfte; S. 19(20: I untere Hälfte;

S. 21122: H untere Hälfte; S. 23124: II obere Hälfte; S. HI32: H untere Hälfte.

Inhalt: S. 1—8 mitten: Der Wanderer, 1. Fassung (I'P); S. 8 unten: Bruchstück

(Wandelt ewig freigegeben ... siehe Hyperions Schiksaalslied); S. 9—10 mitten: An

Diotima (Schönes Leben! du lebst . . .); Diotima (Komm und besänftige...); $.10

unten — 11: An Neuffer (Brüderlich Herz! . . .); auf S. 11 nur anderthalb Verse,

sonst leer; S. 12-17: An den Aether; S.18: Gebet für die Unheilbaren; S. 19 bis 20

mitten: Die Eichbäume (tP); S. 20 untere Hälfte: leer; S. 21-24: Die Muße;

S. 2S: leer; S. 26—28: Die Völker schwiegen, schlummerten.. ., von hinten nach vorn

blätternd beschrieben: S. 28 v. I-IS; S. 27 v. 16-19; S.26v.20-22; 5.29-31:

Hyperion (Ende des ersten Buchs. / Ich scheide heute von Salamis . . .); S. 32: leer.

Die Gedichtsammlung der Prinzessin Auguste von Homburg,


späteren Erb groß Herzogin von Mecklenburg-Schwerin.

Diesen Abschriften von der Hand der Prinzessin kommt eine besondre tcxtkritische

Bedeutung zu. Sie beruhen zwar, wie die Gleichheit der Schreibung beweist, auf den

ersten Drucken. Die Tatsache aber, daß aus Neuffers Taschenbuch für 1799 auch

524
Lesarten und Erläuterungen

die mit dem Dccknamen Hillmar bezeichneten Gedichte abgeschrieben sind, laßt

schon vermuten, daß sie in dem Exemplar, das der Prinzessin vorlag, als Hölderlins

Eigentum kenntlich gemacht waren, und was die Abschriften aus Stäudlins beiden

Almanachen angeht, so machen es schlagende Textberichtigungen (auf die bei den

einzelnen Gedichtcn im Abschnitt » Überlieferung« besonders aufmerksam gemacht

wird) zur Gewißheit, daß den Abschriften nicht irgendwelche Exemplare zugrunde

liegen, sondern Hölderlins eigene von ihm selbst verbesserte Exemplare. — In dem

Brief an den Bruder vom November 1796 schreibt Hölderlin zum Schluß; Scy so

g u t , L i e b e r ! und scliilie m i r die zwei scliwäbischcn Allmaiiache, w o r i n m e i n e

f r ü h e r e n G c d i c h t o g e d r u k t sind, icli m ö c l i t c sie g e r n e d u r c h f e i l e n und h a b e

k e i n Mnnuslvript davon. — Die Abschriften der Prinzessin ersetzen also fast die

verschollenen Handschriften des Dichters.

h: Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek.

12 Lagen, mit den Nummern 7—18 versehen; Lage 9 und 10 sind je zwei, alle

andern je drei ineinandergclegte Doppelblätter. Lage 7—11 und 16—IS: 13,1 x

17,4 cm gelbliches Papier; Lage 12-lS: 12,8 (13,2)xl7,S cm bläuliches Papier.

Alle Lagen haben Goldschnitt.

Inhalt: Lage 7 Blatt 1 Hymne an die Schönheit v. 1-130; Blatt leer

(versehentlich überschlagen); Blatt J®.- v. 131-140; Blatt 6'' - Lage 8 Blatt 3":

Ifymnc an den Genius der Jugend; Blatt 4 'S^: Hymne an die Liebe; Blatt J"® —

Lage 9 Blatt ? Hymne an die Freiheit (IVonne säng' ich . . .); Blatt 3 " - Lage 1 0

Blatt 2": Hymne an die Menschheit; Blatt - Lage 1 1 Blatt 1": Hymne an die

Freundschaft; Blatt - 6^: leer; Lage 1 2 Blatt 1 ^ - 2®; Griechenland. An St.;

Bl. 3 ' S ': Dem Genius der Kühnheit; Blatt j"« - Lage 1 3 Blatt 3'': Hymne an die

Muse; Blatt 3"—6^: Hymne an dieFreyhdt (Wie den Aar . . .); Lage 1 4 Blatt 1

bis S': Hymnus an die Guttin der Harmonie; Blatt — Lage 1 5 Blatt 2'': An den

Aether; Blatt 2": Sokrates und Alcibiades; Blatt 3'': An imsre Dichter; Blatt J®; An

die jungen Dichter; An die Deutschen; Blatt 4'': Das Unverzeihliche; Die Lieben-

den; Der gute Glaube; Blatt 4^: Ihre Genes\ing; An Ihren Genius; Blatt f : Dio-

tirna (Du schweigst und duldest. . .); Abbitte; Blatt Die Heimath; Lebenslauf;

Ehmals und Jetzt; Blatt (j'; Die Kürze; An die Parzen; Blatt ö": leer; Lage 16

Blatt 1: Des Morgens; Blatt 2: Abendphantasie; Blatt —f^: Der Alnyn; Blatt 4 "

— Lajje 1 7 Blatt 1": Die Wanderung (aus Seckendorfs Musenabnanach 1&07!);

Blau 2''—3'': Die Nacht (Rings um ruhet die Stadt . . ., ebenfalls aus Seckendorfs

325
Lesarten und Erläuterungen

Musenalmanach 1S07); Blatt 3^-6": leer; Lage 1 8 Blatt l'-4'; /"-ö®; Der

Kanton Schweiz; Blatt 4"—}^: leer (versehentlich überschlagen).

Der Umstand, daß sich auch der Almanach von 1S07 unter den Vorlagen befand,

legt die Vermutung nahe, daß Hölderlin seine Handexemplare der Stäudlinschen

Almanache in Homburg bei Sinclair zurückgelassen und dieser sie der Prinzessin

zum Abschreiben gegeben hat.

Der Hyperion wird in der Stuttgarter Ausgabe, gemäß dem Brauch der klassischen

Philologie bei Prosatexlen, dem auch Berthold Litzmann im 2. Band seiner Ausgabe

von 1S96 gefolgt ist, nach den Seiten des ersten Druckes zitiert. Die Nummern der

Seiten sind im h Band angegeben.

Hölderlin verwendet in der Hauptsache zwei antike Strophenmaße: die alkäische und

eine ashlepiadeische Strophe. Der alkäischen Strophe liegt in der Lyrik der Alten

dieses Schema zugrunde:

^ I / l ' ... '

Vgl. Horaz, carm. 1:

Odi profanum valgus et arceo.

favete Unguis: carrnina non prius

audita Musarum sacerdos

virginibus puerisque canto.

Doch bemüht sich Hölderlin nicht, wie später besonders Platen, an die Stelle jeder

langen lateinisch-griechischen Silbe eine betonte zu setzen, sondern ergibt den eigen-

tümlichen Wechsel der betonten und unbetonten Silben wieder, der sich beim Her-

sagen dieser Strophe von selbst herausbildet. So verfährt auch Klopstock, der darum

auch ohne gelehrte Tüftelei das Schema der alkäischen Strophe so aufzeichnet:

326
Lesarten und Erläuterungen

Diese Form kann auch für Hölderlin gellen — nur daß er die einzelnen Ferse trcppen-

förmig einri'icht.

Entsprechend folge nun sogleich das für das deutsche Ohr vereinfachte Schema der

von Jlölderlin neben der alkäischen auch häufig verwendeten asklepiadeischenStrophe:

Vgl. Iloraz, carm. 1,21:

Dianarn tenerae dicite virgines,

intonsum piicri dicite Cynthium

Latonamque supremo

dilcctam penitus lovi.

Bei jeder Ode ist zu Beginn der Erläuterungen das Silbenmaß genannt.

Das elegische Distichon, das auch das Silbenmaß der Epigramme ist, besteht aus

daktylischem Hexameter und Pentameter mit dieser Grundform:

—w^ —

Die Zäsur (Einschnitt, Pause) des Hexameters liegt nicht fest. Die (zweisilbigen)

Senkungen können auch einsilbig sein, nur nicht in der zweiten Hälfte des Penta-

meters.

327
Donkgcdicht an die Lehrer

< D A N K G E D I C H T AN D I E LEHRER)

In Denkendorf 17S4 entstanden. Schlußstrnphen eines längeren Gedichts.

Überlieferung
H: Stuttgart 137 S.l.

5 Doppclblatt ISx 22 cm (mit 6,S cm breitem abgefaltetem Rand); obere Kante

beschnitten; starkes, gelbliches, geripptes Papier; Wasserzeichen: heraldische

Lilie.

Erster Druck (v. 1-16): Carl Müller-Rastatt: Jus Friedrich Hölderlins Schüler-

jähren. Neues Tagblatt, Stuttgart, SO. Jahrgang Nr. 140; IS. Juni 1593, 2,weitcs

10 Blatt, S. 9; (aller erhaltenen Strophen): Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von

Bcrthold Litzmann, Stuttgart (1S96), I iL

Lesarten

Überschrift: fehlt H (Die hier gesetzte Überschrift ist von B. IMzmann geprägt)

5 Frol>] F r o h l (Schreibfehler) H 13 große] grüße (Schreibfehler) H

21 K r o n e ? ] Fragezeichen aus Komma H 23 Z i e l . ] Punkt aus Komma H

Erläuterungen

Über Hölderlins Schulzeit unterrichten Julius Klaiber: Hölderlin, Hegel und

Schelling in ihren schwäbischen Jugendjahren, Stuttgart 1S77, und J. Eitle: Bei-

träge zur Geschichte der Erziehung und des Unterrichts in Württemberg. Der Unter-

20 rieht in den einstigen württembergischen Klosterschulen von 1SS6—1S06. Beiheft S

zu der "Zweitschrift fitr Geschichte der Erziehung und des Unterrichts, Berlin 1913

(über Hölderlin besonders S. 69-72). Gustav I.^ang: Geschichte der württernbergi-

sehen Klosterschulen von ihrer Stiftung bis zu ihrer endgültigen Verwandlung in

Evangelisch-theologische Seminare, Stuttgart 193S, erwähnt Hölderlin nur bei-

25 läufig.

529
1-2 Dankgedicht an die Lehrer. M. G.

1 Uns] Einige Ausgaben lesen Und. Ein absolut gebrauchtes w ü r d i g e n widerstritte

zwar nicht dem Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts (vgl. Schiller, Die Künstler

V. 93: in d e r e n B r u s t sie w ü r d i g t e zu t h r o n e n ; und Goethe, Faust, IVitber Tag,

Feld: d e r du m i r zu e r s c h e i n e n w ü r d i g t e s t ) — hier aber steht Uns deutlich in der

Handschrift, wie ein Vergleich mit den Versen 2, 11, 12, 16, 19 lehrt.

M. G.

Am Rande neben der Überschrift von Hölderlins Hand: 1 7 8 4 . d. 12 Nobr.

Überlieferung

H: Stuttgart I 37 S. 2 (s. die Beschreibung zum Dankgedicht an die Lehrer

und das Faksimile in diesem Band). 10

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart {1S96), I H .

Lesarten

6 S t r a a l e n aus s H 9 o H e r r aus erl(aubst) H 1 5 W a n n tis k r a c h e n , ]

später am Rande eingefügt H 15

Erläuterungen

Die Überschrift M . G . (wohl aufzulösen: »Meinem Gott«) ist abgekürzt in An-

lehnung an das lateinische D. O. 1\1. (»Deo Optima Maxumo«). Der erste Druck

und ihm folgend alle bisherigen Ausgaben überschreiben das Gedicht I\l. B.

Hölderlin bewahrt in seiner Schrift die ältere Form des deutschen G , die einem latei- 20

nischen B nur zufällig ähnelt; vgl. v. 6 G ü t e , v. 7 Grim, v. 12 G n a d e . Das latei-

nische B sieht in Hölderlins Schrift überdies ganz anders aus.

1. 2 Kempter S. 12S weist hin auf Philipp Friedrich Hiller (1699-1769):

Sämmtliche Geistliche Lieder, Stuttgart 18/8, Nr. 40: G o t t , was sind wir

M e n s c h e n k i n d e r ? W i r sind S t a u b , du bist e r h ö h t . G r o ß e r G o t t , was sind w i r 25

S ü n d e r G e g e n deine M a j e s t ä t ?

8 d e r Hölle T o d t ] Vgl. v. IS; Hiller Nr. 1001 Strophe 1; Nr. 1004 Strophe 4

(Kempter S. 124); ferner z. B. Klopstock, Messias 2, 729 (die Stelle, die den Adra-

melech angeregt hat).

10 v/ie yätcT Kindern] zu verbinden mit V. 11.

330
M. G. Die Nacht. An M. B. 2-S

13 A b b a ] Vgl. Die Meinige v.lih Kcmpter S. 124 zieht auch eine Stelle des

Römerbriefs (S, IS) und mehrere Parallelen bei Hiller heran.

DIE NACHT

Am Hände neben der Überschrift von Hölderlins Hand: I m N o v e m b e r . 85.

5 Überlieferung

H: Stuttgart I 11 S. 2—3 (s. die Beschreibung zum Dankgedicht an die Lehrer).

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart (1S96), I 34-3S.

Lesarten

10 9 liier die S e e l e ] liier Seele I'I 1 6 r u h t nac/t ^csfr. liegt. H 20 hin.]

hin, H 21 S c h n e l l aus S c h n e l l e H 23 G o t t Uber der Zeile Ii

Erläuterungen

Am Silbenmnß fällt auf, daß die erste Zeile der Strophe trochäisch gebaut ist, die

übrigen Jamhisch.

15 3 Der Mond hört wie ein vertrauter Freund auf das entzüchte Herz und behorcht

es nicht wie ein lauernder Verleumder.

7 e u c h ] Gemeint sind die zufluchtsvollen Schatten v. 1, obwohl inzwischen (v. 5)

der Mond angeredet ist, auf den sich wiederum das Pronomen d i r v. 9 bezieht.

Dieser JVechsel der Blickrichtung braucht nicht zu befremden: vgl. Die Meinige

20 V. 2f—2S; Am Quell der Donauv. S6—91 und die Erläuterung z. St.; fernerCoethe,

An den Mond, 1. Fassung, h Strophe: Das d u {der Mond} so b e w e g l i c h k e n n s t

Dieses H e r z i m B r a n d H a l t e t i h r wie ein G e s p e n s t An den F l u ß g e b a n n t .

1 2 g e w i e d m e t ] In der schwäbischen Mundart mit langem i gesprochen.

A N M.B.

25 Am Rande neben der Überschrift von Hölderlins Hand: I m Nov. 1 7 8 5 .

Überlieferung

H: Stuttgart I 37 S. 4 (s. die Beschreibung S. 329).

331
/ An M. B.

Erster Druck: Carl Müller- Rastatt: Aus Friedrich Hölderlins Schülerjahren. IVeues

Taghlatt, Stuttgart, SO. Jahrgang Nr. 140; IS..Juni lS9i, Zuieites Blatt, S. 9.

Die Überschrift des in der Handschrift unmittelbar folgenden Gedichts Der Un-

zufriedne ist irrtümlich als Unterschrift zu dem Gedicht An M. B. verstanden.)

Lesarten 5

4 Entwikeln aus Entwikl H 7 wie aus wann II

Erläuterungen

Dieses Gedicht wendet sich, wie der Inhalt nahelegt, möglicherweise an C. L. Bil-

ßngcr, obwohl die Auflösung des groß geschrieheneri AI, zu »meinen« nicht sehr

wahrscheinlich ist. Unter den Freunden, die sich in Hölderlins vom Vater über-

kommenes Stammbuch (Landesbibliothek Stuttgart) eingetragen haben, ist niemand,

auf den die Initialen M. B. -paßten.

1, lächle iinschuldsvolle F r e u d e n ] Vgl. Der nächtliche Wanderer v. S: schnau-

bend T o d t ; Die Meinige v. 160: Die jezt f r o h die P a l m e h o f t ; Gedicht an die

Herzogin Franziscav. 11 f . : es b e b t N i m m e r die Lippe f u r c h t s a m e s S t a m m e l n ; 15

Die Unsterblichkeit der Seele v. 88: wer lauschte die Sprache der Seele . .? Die

Transitivierung eigentlich intransitiver Verben ist bezeichnend für die Sprache des

Sturms und Drangs: vgl. Friedrich Maximilian Klinger (Dramatische Jugend-

werke, hg. von Hans Berendt und Kurt Wolff, Leipzig 1913114): . . wenn ich

diese Pulsschläge lausche (Die Zwillinge S. 277); . . meine Nerven klingen das 20

lieblichste Concert (Sturm und Drang S. 285); Icli r a s ' die Liebe (Die neue

Arria S. 24); Goethe, An Schwager Kronos v. 4 f . : Ekles Schwindeln zögert

M i r vor die S t i m e dein Zaudern; v. 38: R a ß l e den schallenden Trab;

Wandrers Sturmlied v. 76: D i c h , dich s t r ö m t m e i n L i e d ; v. 109 f . : . . G l ü h t e

deine Seel' G e f a h r e n , Pindar, M u l h . 25

11 sunge] Aus dem alten, im Sprichwort (Wie die Alten sungen . . .) noch be-

wahrten Plural ist der Vokal durch Analogie in den Singular eingedrungen. Die

Form ist noch jetzt in verschiedenen Mundarten lebendig. Das Grimmsche Wörter-

buch s. V. singen (Spalte 1072) verzeichnet neben sung auch sunge \mdführt Belege

an. Vgl. auch Schiller, Graf Eberhard der Greiner von Wirtemberg v. 47: sunk 30

(statt »sank-»).

332
Der Unzufriedne. Der nächtliche Wanderer ö—7

DER UNZUFRIEDNE

j/lm Rande neben der Überschrift von Hölderlins Hand: Im Nov. 85. Vielleicht sind
einige weitere Strophen verschollen.

Überlieferung

5 H: Stuttgart 117 S. 4 unten (s. die Beschreibung S. 129).

Erster Druck: Carl Müller-Rastatt: Ais Friedrich Hölderlins Schüler jähren. Neues
Tagblait, Stuttgart, SO. Jahrgang Nr. 140; IS. Juni 1S91, Zweites Blatt, S.9
(ohne die Überschrift, die irrtümlich als Unterschrift des in der Handschrift darüber
stehenden Gedichts An M. B. aufgefaßt ist).

10 Lesarten

Das Motto steht am Rand vor dem 1. Vers.

6 Zu aus dem Ansatz zu D H

Erläuterungen

Motto: Horaz, epod. 11 v. 17—18: illic omne malum vino cantuque levato, dcformis
15 aegrirnoniae dulcibus adloquiis. »Dort (vor Troja},« sagt der Centaur Chiron zu
seinem Zögling Achill, »sollst du dir alles Übel erleichtern durch Wein und Gesang:
die bedeuten für den entstellenden Kummer süßen Trost (Zuspruch).«

DER NÄCHTLICHE WANDERER

Die Art der Schriftzüge wie auch die äußere Anordnung (Überschriften in Zierbuch-
20 Stäben) rücken dieses und das nächste Gedicht in die Nachbarschaft der bisherigen.
Das Gedicht ist vielleicht, wie Siegmund-Schultze S.47 ansprechend vermutet, durch
Schillers Riiuber (4. Akt S. Szene) angeregt. Hermann besucht den alten Moor im
Turm, in dessen Nähe die Räuber lagern und schlafen: Horch! horoli! grausig
heulet der Kauz . . . I m m e r ist m i r , als hört' ich ein Schnarchen . . . h u ! liu!
25 Ivu! — Es besteht jedoch kein Anlaß, das Gedicht deswegen erst in den Dezember 17S6
zu setzen, weil in einem vermutlich damals an Nast geschriebenen Briefe von den
Räubern die Rede ist. Hölderlin kannte das Stück gewiß schon früher. Die in dem
Brief an N'ast sich äußernde Begeisterung über Arnalia findet ihren Niederschlag in
dem Gedicht An meinen B., das nachweislich 1786 entstanden ist und als kennzeich-

333
7—5 Der nächtliche Wanderer. Das Erinnern

nend für Maulbronner Stimmungen genommen werden darf. Der nachtliche Wan-

derer unterscheidet sich gänzlich davon. — Das Erinnern will Siegmund-Schultze

(S. 44) — mit Recht — rwch in die Denkendorfer Zeit verlegen. Da dies Gedicht in

erster Niederschrift auf demselben Blatt unter dem Nächtlichen Wanderer steht,

werden alle Versuche einer Umdatierung hinfällig. 5

Überlieferung

H . Stuttgart I 43: Doppelhlatt, ELI: 12,SxlS,Scm; Bl. 2: 6,8x 1S,S cm;

obere Kante beschnitten (von Bl. 2 außerdem die rechte Kante); gelbliches,

geripptes Papier; geringer, nicht deutbarer Rest eines Wasserzeichens. Das

Gedicht steht auf S. 1 oben.

Erster Druck: Hölderlin, Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, unter Mit-

arbeit von Friedrich Seebaß besorgt durch Norbert v. Hellingrath, 1. Band, besorgt

durch Friedrich Seebaß, München und Leipzig 1913, S. lS-16.

Lesarten

2 W i e aus W e i n (Schreibfehler, Einwirkung des folgenden Wortes) H Furcht- 15

g e s c h r e i ] F u r c h g e s c h r e i aus F u r c h g e g H

Erläuterungen

2 k r a c h t ] k r a c h e n als »seltne Nebenform« in der Bedeutung »krächzen, stöhnen,

rauhe Töne ausstoßen« im Grimmschen Wörterbuch belegt, also kein Schreibfehler.

5 schnaubend Todt] Vgl. Jn M. B., Erläuterung zu V. 1. 20

DAS ERINNERN

Der handschriftliche Zusammenhang läßt das Jahr 17 8S als Entstehungszeit ver-

muten.

Überlieferung

Ii: Stuttgart I 43 f j . die Beschreibung zu dem Gedicht Der nächtliche Wan- 25

derer). Das Erinnern steht auf der unteren Hälfte der ersten Seite und, die

letzten drei Zeilen, quer geschrieben auf S. 4.

Erster Druck: Hölderlin, Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, unter Mit-

arbeit von Friedrich Seebaß besorgt durch Norbert v. Hellingrath, 1. Band, besorgt

durch Friedrich Seehaß, München und Leipzig 191 3, S. 16. 30

334
Dos Erinnern. Adramelech S—9

Licsartcn

2 D u r c h Siind c n l w c i h t am rechtcn Rande für unterstr. Bctriibnißvoll H

4 0 Uber gestr. w c n d I'I 9 p r ö r n n i i g k e i r am rechten Rande für geslr.: (1) E n t

(2) H e i t e r k e i t H g e k r ö n t ] das Versmaß verlangt: gekrönet 14 zähle aus

5 xiilileii I'I

Erläuterungen

Man könnte vermuten, daß die beiden Strophen auf eine vorhandene Chorahnelodie

gedichtet sind. Doch enthält das IViirttembergische Gesangbuch, das 1764 und

später in vielen Auf lagen zu Stuttgart erschienen ist, kein Lied, dessen Silbenmaß mit

10 der eigenartig gebauten Strophe Hölderlins zusammenstimmte. Das von Siegmund-

Schultze S. 4} angeführte Lied von David Denicke » 0 Vater derBarmherzigkeit«,

das übrigens nicht im PVürttembergischen Gesangbuch steht, kann unter keinen

Umständen das Vorbild sein: nicht nur die Reimfolge ist bei Hölderlin anders,

sondern auch die Verslängen — die 1., 3., 4. und 7. Zeile haben drei (nicht vier)

15 Hebungen, während bei Denicke alle sieben Zeilen vierfüßige Verse darstellen.

Das Gedicht ist durch den genau ausgeführten Gegensatz zwischen Siind und

F r ö m m i g k e i t von innen her zweistrophig angelegt.

(ADRAMELECH)

Auf demselben Blatt wie Der nächtliche Warulerer und.Das Erinrwrn überliefert

20 und wohl auch 17SS entstanden.

Üb er Ii efe rung

H: Stuttgart I 4) S. 2—} (s. die Beschreibung S. auf S. } stehen mir die

Varianten zu den Versen 2—4 und 17 (vgl. die Lesarten).

Erster Druck: Hölderlin, Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, unter Mit-

25 arbeit von Friedrich Seebaß besorgt durch Norbert v. Hellingrath, 1. Band, besorgt

durch Friedrich Seebaß, München und Leipzig 1913, S. 3S7-3SS.

Lesarten

Überschrift: fehlt H 1 : (1) Jczt e r w a c h t e d e r G r i m m , d e r w ü t e n d e Stolz

Adramelechs (2) A d r a m c l e c h s G r i m (a) e r w a c h t izt (b) e r w a c h t e des

30 Höllcnbewoliners H

335
9 Adramelech

2 Hölle Us 4 g r o ß - ]

I : H i m m e l u n d Hölle, E r d e n u. M e n s c h e n sind (1) v e r h a ß t

(2) v e r h ö h n t ( ? )

(5) v e r h a ß t jezt

(1) s p r a c h d e r T e u f e l ; 5

(2) d a c h t ' Co) d e r T e u f e l :

(b) d e r V e r w o r f n e

L ä r m e n will i c h , ja l ä r m e n (1) bei

(2) m e i n e n

(3) bei m e i n e n r u ß i g t e n G e i s t e r n , 10

S t a u n e n (1) w i r d

(2) soll d e r O b e r s t e (a) d a n n ,

(b) n u n ,

(c) jezt, verzweiflen (a) w i r d

(ß) soll S a t a n , 15

H a A d r a m e l e c h so bist d u n i c h t , -

II: daneben auf S. S:

Hülle sinke t i e f f e r h i n a b , A d r a m e l e c h w ü t e t

S t a u n e (1) König d e r (a) Hole

(b) Hölle verzweifle S a t a n 20

(2) S a t a n du verzweifle K ö n i g d e r Hölle,

N u r Adramelech bleibt groß — H

4. 5 e n t d e k i c h die g r o s e n E n t w ü r f e D a n n u n d m e i n e G e d a n k e n , aus:

w a n n i c h die grosen E n t w ü r f e , W a n n i c h G e d a n k e n cntdel.-.c, H 5 die

aus de H den aus d e m H 6 wie über gestr. d a n n H 7 T h r o n aus S H 25

7 a : gestr.: So s p r a c h er, H 8 r i c h t e n d e n aus r i c h t i H 1 0 M e i n ] (1) A d r a -

m e l e c h s (2) m e i n (3) M e i n H 11 m i t vor gestr. s c h r e k l i c h e r H Wuth

aus W u n d e r H Hölle aus Hole H 1 2 Stolz aus Stolze H 1 3 des Tods

über der Zeile H 15 G e i s t e r über gestr. Wächter H 16 knarrende

aus w (?) H T h o r e über gestr. Flügel H weit a u f , m i t ] weit, auf mit H 30

17 seine unter gestr. ursprüngl. A d r a m e l e c h s Irl m i t nach gestr. dann II

flammendem auf S. S neben der Zeile für unterstr. ursprüngl. blizendem H

1 8 höllische R ä n k e ] (1) F r e u d e d e r R a c h e (2) hölls (3) höllische R ä n k e H

Damit bricht die Handschrift ab.

336
Adramelech. Alexanders Rede an seine Soldaten bei Issus 9-12

Erläuterungen

Das Gedicht ist angeregt durch Klopstocks Messias, insbesondre durch den Schluß

des 2. Gesangs, wo Adramelech, ein G e i s t , v e r r u c l i t e r als S a t a n , und v c r d c c k t e r

(v. 300), e m p ö r t vom vvünschondeii Herzen, sich in den s c h w a r z e n E n t w u r f

5 (v. SS'} f . ) verliert, die Gewalt des Todes auch auf die l'Velt des Geistes und der

Seele auszudehnen und so über Satan zu triumphieren, der nur den Leib des Messias

verderben kann.

1 A d r a m e l e c l i s G r i m ] Bei Klopstock (2, 8S6) steht Adramelech auf einem

nächtigen Gewölk, s t a r r , m i t g l ü h e n d e r S t i r n , die d e r G r i m m d u r c h f a l t c t e .

10 5 die den O l y m p u s b e h e r r s c h e n ] Adramelech will (Messias 2, 877) d e r G ö t t e r

Obermonarcli werden.

10 O d e r M e i n Geist ist h i n - v e r l o h r e n des m ä c h t i g s t e n K r ä f t e . ] Kg-/. Mes-

sias 2, 860; M ä c h t i g e r G e i s t , d e r d u A d r a m e l e c h beseelest . . .

15 G e i s t e r d e r P f o r t e ] Mcsiios 2, 746 f . : . . den E n g e l n , AVelche die P f o r t e

15 bcvrachten.

ALEXANDERS R E D E AN S E I N E SOLDATEN

BEI ISSUS

Am Rande neben der Überschrift von Hölderlins Hand: I m D e c e m b e r . (Vermut-

lich 17 SS.)
Überlieferung

H: Stuttgart I 47: Doppelblatt 17,S y.21,5 cm, obere Kante beschnitten; Bl. 2

auf beiden Seiten leer; Bl. 1 hat rechts einen gut 6 cm breiten abgefalteten

Rand; gelbliches, feingeripptes Papier ohne Wasserzeichen.

Erster Druck: Hölderlin, Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, unter Mit-

25 arbeit von Friedrich Seebaß besorgt durch Norbert v. Hellingrath, I.Band, besorgt

durch Friedrich Seehaß, München und Leipzig 1913, S. 339-340.

Lesarten

Überschrift: Alexanders in Zierschrift; hei Tssus später hinzugefügt H

4 VXwc^t am Rande für gestr.MvXh. (Schreibfehler) H 5 s c h a r f e r nac/t g-fstr.

30 Blik H H e l d e n b l i k ] danach ein Komma gestr. H 8 i h n aus i h n e n H

9 M u t h ] danach ein Komma gestr. H 1 2 P h i l i p p s aus 2 Ansätzen: (1) Pf

(2) P h l H Thron nach gestr. Trohn H 1 3 im fehlt H 1 6 B ö o t i e n ] Bäo-

337
10—12 Alexanders Rede an seine Soldaten bei Issiis

UcnH s t ä r k s t e ] stärkste H 2 2 m e i n e s aus m e i n e r H 2 5 T r i u m p l i —] Ge-

dankenstrich nach getilgtem Semikolon H 3 0 jedes fli« j e d e r II 3 5 steinig-

tes aus steine H 4 0 W i e aus: S e h t , wie H 44 a u s g e s t r e k t ] danach ein

Komma gestr. H 4 7 Wonsiz aus ^Vonsic!l (Schreibfehler) H 48 Quelle

aus Qui II 49 des am Rande nachgetragen H 5 3 .deren aus der('en üfcr 5

der Zeile eingefügt) H 5 6 d e r Asche aus; den T(rü;nm(;m?) I i 62 mahnts

fiusmaa H eurer] emen (Schreibfehler) H 6 6 Fruchtbarkeit flusW H

Erläuterungen

Dem Gedieht liegt die bei Curtius Ruf us (Historiae Alcxandri Magni Macedonis

J, 10) nur in indirekter Rede gegebene Ansprache Alexanders zugrunde. Es handelt 10

sich also nicht um eine Ubersetzung. Im folgenden sind die Stellen der Vorlage her-

vorgehoben, die Hölderlin in seinem Gedicht verwendet:

Alexander ante prima signa ibat identidcm manu suos inhibens, ne suspensi acrius

ob nimiam festinationem concitato spiritu capesserent proelium, c u m q u e agmiiii

o b e q u i t a r e t , varia o r a t i o n e , u t cuiusque a n i m i s a p t u m e r a t , m i l i t e s adloque- 15

b a t u r . (7. S) M a c e d o n e s (9), tot bellorum in Europa victores, ad s u b i g e n d a m

Asiam a t q u e u l t i m a O r i e n t i s n o n ipsius m a g i s q u a m suo d u c t u p r o f e c t i

(19-21), i n v e t e r a t a e virtutis (12) ndmonebantur: illos t e r r a r u m Orbis l i b e r a -

tores cmensosque o l i m H e r c u l i s et Liberi patris t e r m i n o s (26—30) non Persis

modo, sed etiam o m n i b u s g e n t i b u s inposituros i u g u m (31). M a c e d o n u m p r o - 20

vincias B a c t r a e t Indos f o r e ()6. 17). minima esse, quae nunc intuerentur, sed

o m n i a victoria a p e r i r i (3S). non in p r a e r u p t i s p e t r i s I l l y r i o r u m et T h r a c i a e

saxis s t e r i l e m l a b o r c m {ore (H. 3S), spolia totius Orientis qfferri. vix gladio

futurum opus: totam aeiem suo pavore fluctuantem umbonibus posse propelli. victor

ad haec A t h e n i e n s i u m (9—11) Philippus pater invocabatur äomitaec^ue 25

n u p e r Boeotiae et u r b i s in ea nobilissimae ad solum d i r u t a e species (16)

repraesentabatur animis. iam Granicum amnem, iam tot urbes aut expugnatas aut

infidem acceptas o m n i a q u e , quae post t e r g u m e r a n t (41. 42), s t r a t a e t pedibus

i p s o r u m subiecta (18) memorabat. cum adierat G r a e c o s (43), admonebat ab his

gentibus inlata Graeciae bella Darei prius, dcinde Xerxis insolentia (4S), aquam 30

ipsos terramque poscentium, ut n e q u e f o n t i u m h a u s t u m n e c solitos cibos r e l i n -

q u e r e n t deditis (4S—S0). ab his t e m p l a ruinis et ignibus esse d e l e t a , u r b e s

e o r u m e x p u g n a t a s (S2~S6), foedera divini humanique iuris violata referebat.

lllyrios vero et T l i r a c e s (S7) rapto vivere adsuetos a c i e i n h o s t i u m a u r o p u r p u r a -

338
Alexanders Rede. Das menschliche Leben. Die Meinigo 10—20

quo f u l g e n t e m i n t u c r i i u b e b a t (^9), praedam, non arrna gestautem: iroiit et

inbollibus l'emiriis aiirum viri e r i p e r c n t (6)), aspera m o n t i u m siioriim i u g a

nudflsquc Calles e t p c r p e t u o r i g e n t e s gelu divitibus P e r s a r u m c a m p i s agrisque

mutarent (64—66).

5 30 jedes Nnhiiie, wie einst H e r c u l e s ] Der Name eines jeden von euch wird

(so berühmt) sein wie einst der Name des Hercules.

50 ibrer Muttor Bau] Hat deine Saat dir den Lohn für den Schweiß ein-

gebracht, den dich der Bau (der Anbau) der vorjährigen Ernte kostete, aus der das

Saatgut (die »Mutter«) der diesjährigen Feldbestellung genommen ist?

10 53. 54 IVenn sonst d e r K a u b (das ist ein Räuber) sich am Heiligtum des Tempels

vergriff, indem er etwa eine Weihgabe stahl, so befiel alle andern schon ein

S o h a u o r ; die Perser aber haben die Tempel gänzlich vernichtet.

64—66 Bewohnt statt des Eises und der alt bemoosten Felsen eurer nackten Hügel

dann die fruchtbaren Fluren eures Feinds. — Die Präposition »statt« ist adverbiell

•15 gebraucht, so daß das Verbum (»bewohnen«) den Kasus bestimmt. (In heutiger Um-

gangssprache wird die Präposition »außer« oft ähnlich behandelt.) Hermann Paul

Deutsche Grammatik IF46 (§ Wl), zitiert — ohne genaue Stellenangabe — Tieck:

das P a t e r n o s t e r n e h m e n d s t a t t den D e g e n .

DAS M E N S C H L I C H E LEBEN

20 Der erste Druck gibt, wohl nach der verschollenen Handschrift, als Entstehungszeit

an: I m D e c e m b e r 1 7 8 5 .
Überlieferung

/i' : Friedrich Hölderlin's sämmtliche Werke, hg. von Christoph Theodor

Schwab, Stuttgart und Tübingen 1846,11163-164.

25 Eigentümlichkeiten der Schreibung: S c h a u p l a t z , Blicke, T h r i i n e n , G i f t ,

umgibt.

DIE MEINIGE

Hinter der Überschrift steht, zweifelhaft ob von Hölderlins Hand, die Jahres-

zahl 1786.
30 Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 10 Ci. die Beschreibung S. 322 f . ) .

339

1,22
If-20 Die Meinige

Erster Druck der Ferse 2)-40, 121-136: {Christoph Theodor Schwab): Neu auf-

gefundene Jugendgedichte Friedrich Hülderlins. Morgenblatt für gebildete Leser

1863 Nr. U u. Sf (20. u. 27. August) S. 794-79^;

des ganzen Gedichts: August Sauer: Ungedruchte Dichtungen Hölderlins. Archiv

für Litteraturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfetd (ISSS)

S. US-J63.
Lesarten

8 f ü r uus v(or) H 10 du aus m H des aus den II B e t t e r s über der

'Leile H 18 großer Geher später für gestr. liehex Ii 1 9 o m i r später

eingefügt II 24 N i m m aus N i m m ' II 37 g u t e —] Gedankenstrich aus 10

Komma II 41 O l ] (1) N u n ! (2) am Rande, unterstrichen: O (spätere An-

gleichung anv.f7) II 5 3 Leiclieziziigen « u j L e i c h e n z ü g e n II 6 2 all']

all H 6 4 A l l ' ] All I I 6 6 that.] that / / 6 7 i c h w e i ß später f ü r : ich

g l a u b ' II 70 u m über der Zeile II s t e l m aus s t e h t II 71 Himmelan

aus Vlimmelanä. (Schreibfehler, durch das folgende Wort verursacht) II 8 9 er- 15

wählen,] erwählen H 9 5 deinen H i m m e l ] d e i n e r H i m m e l ("Sc/ireit/c/i/eO//

97 Frieden,] Frieden Irl 106 b i r g t —] Gedankenstrich aus Komma II

1 0 7 h e i t e r n aus einem nicht sicher deutbaren Ansatz ("me oder nie) H 1 2 8 e r n s t e r

nach gestr.: auf vo II 1 3 0 in über der Zeile H h i n nach gestr. r e d t e n H

1 4 0 flehu «US z / • / 1 5 1 leite s/wter/ür h a l t e II 1 5 2 M a h n ous M a n H 20

154 K i n d e r aus he((/3 . . .) II r i n n t über gestr. w e i n t II 159 dimkle

später über unterstr. trübe H 162 H i r e r J a h r e später für gestr. Diese H

166 dein aus l<. . . ? ) / / 167 muß] muß' //

Erläuterungen

Zum Gehalt des Gedichts vgl. Böhm I S. 7 u. 74; Böckmann S. 7-9; 12f. 25

Uberschrift: Für »Die Meinigen«. In Hölderlins Jugend überwiegt noch die starke

Flexion auch nach bestimmtem Artikel.

2 läßst] So schreibt auch Wieland, Die Natur der Dinge 1, 211 (auch noch in

den späteren Drucken von 1762 und 1770).

3 E r d e n w ü n s c l i e n reimt in der schwäbischen Mundart auf M e n s c h e n ; vgl.

v. 17119: T r ä n e n / S ö h n e n oder v. 90192: S i n n / s c h ö n oder M. G. v. Sl4: d i e n e n /

k r ö n e n oder Die Stille v. 62j64: i s t / w i s c h t , v. 74176: k e n n t / r i n n t . Schon in der

Tübinger Zeit jedoch ist Hölderlin in der Wahl der Reime strenger.

23 t r ä n e n d ] Vgl. An die Nachtigall v. 19.

340
Die Meinige. An Stella IS—21

34 hoischorschhichzoiitl] Diese handschriftlich eindeutig belegte Form ist fest-


zuhalten gegen alle Jnderungsversuche (heiser schluchzend, heißer schluchzend);
vgl. die Übersetzung aus Ovids Herolden (Leander an Hero): in lieischeren
Woogen/iir raucis aquis v. 26; ferner Uhlmid (Gedichte ISIS S.1S2): "Welche
5 S t i m m e , r a u h mid hoisclier.

71. 72 groß zurüko . . sehn] Fgl. v. 15S: Die so groß zurükblikt . .


125-128 Die eigentümliche Eindringlichkeit dieser Stelle, die auch gerade darum
aufhorchen läßt, weil die poetischen Knabenversuche sonst durchgehends mehr
Widerhall sind als eigener Ton, wird zu einem guten Teil dadurch bewirkt, daß drei
10 aufeinander folgende Zeilen durch starke Interpunktionen in der Mitte unterbrochen
werden; meistens fällt in diesem Gedicht die metrische Gliederung mit der syn-
taktischen zusammen.
1 3 3 Abba] Vgl. M. G. v. 1} tind die Erläuterung z. St.
] 60 Die jezt froh die Palme h o f t ] Vgl. An M. B. V. 1 und die Erläuterung z. St.
15 171 Eloah] Ein Seraph, der in Klopstocks Messias (1, 2S9f.) der Thronen
Erstgeborner heißt: Gott nennt ihn den Erwählten, der H i m m e l Eloa. Vor
allen, Die Gott schuf, ist er groß, ist der nächste dem Unerschaffnen (1,291 f.).
Er bereitet mit mächtigen Harfentönen den opferrulcn Gabriel zum hohen Gebet
vor (1, 341 f f . ) .

20 AN STELLA

Hinler der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1786.

Überlieferung

H: Marbach, Quartluft Abt. S S. 31-32 (s. die Beschreibung S. 322 f.).


Erster Druck: Otto Güntter: Ungedrucktes von Hölderlin, Der Schwäbische Bund 1
25 (1919/20) S. S90.

Lesarte n

1 wähnest] (1) neimtest mit Bleistift, wohl nicht eigenhändig, gestrichen


(3) darüber: (wähnest) von Hölderlin selbst eingeklammert I'I 14 Stella aus
Stela H 1 8 wird fehlt; der metrische Fehler ist von jüngerer Hand (vgl. die
30 Lesart zu v. 1) mit senkrechten Bleistiftstrichen angemerkt: Hölderlin selbst hätte
das fehlende JVort eingefügt Irl

341
21-22 An Stella. An die Nachtigall

Erläuterungen
Alkäisches Silbenmaß.

An Louise Nast gerichtet. — Der Name Stella war — worauf Victor S. 24 Anm. mit

Recht hinweist — als Mädchenname in der zeitgenössischen Dichtung schon so sehr

verbreitet (außer den von Vi'Hor angegebenen Vorbildern ist besonders Goethes Stella

von 1776 zu nennen), daß der 'Aot^Q des Plato (Anthologia lyrica, hg. von Ernst

Diehl, Leipzig 192S, Bd. 1 S. 8S Nr. 4 u. S), der erst in der lateinischen Über-

setzung zum Femininum Stella wird (vgl. Hyperion, 4. Brief zu Beginn), nicht

unbedingt Pate gestanden haben muß.

5 die G l ü k l i c l i e ] Vgl. die Überschrift des Gedichts Die Meinige und die Er- 10

läuterung z. St.

7 s e i e ] Altertümliche Form, in der Mundart erhalten; vgl. den Schluß des Ossian-

Briefs an Nast (Frühling 1787): . . i c h sei u m m e i n M ä d c l i e n g e k o m m e n , seie

v e r a c h t e t (offenbar wird seie vor Konsonanten bevorzugt); die Form begegnet auch

bei Goethe in den ersten Drucken des Götz von Berlichingen (JVeimarer Ausgabe 8, 15

127 Lesarten).

13—16 : Doch gibt es (unerfüllte) Wünsche, welche die Tugend, die als h e h r e

G e f ä h r t i n angeredet wird, kennt. Der Satz wird schwer übersichtlich durch den

Einschub d e n e n bis A r m e n n i c h t ! — worin obendrein der auf die angeredete Tu-

g^end zu richtende Blick auf Stella abgelenkt wird; keineswegs ist Stella die h e h r e 20

Gefährtin.

AN D I E NACHTIGALL

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1786.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 6 S. 33-U (s. die Beschreibung S. 322 f . ) . 25

Siehe das Faksimile in diesem Band.

Erster Druck: {Christoph Theodor Schwab): Neu aufgefundene Jugendgedichte

Friedrich Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1863 Nr. H u. Sf (20. ii.

27. August) S. 79S.

Lesarten 30

1 N a c h t i g a l l aui N ä c h t i g a l l / / 3 w e h m u t s v o l l e r ] wehwutsvoller CSc/ireii-

fehler) H 4 K e h l c h e n aus Kl H 12 s ü ß e ? ] Fragezeichen aus Ausruf-

zeichen H 1 3 n i c h t , dein L i e d , ] n i c h t L i e d , H 1 4 will i c h l a u s c h e n ]

342
An die NaclUigall. An meinen B. 22-2^

will l a u s c h e n II 15 D i e aus S II 16 e r h a b n e n aus e r h a b e n e n H

L o r b e e r aus L o o r b e e r II 20 b e g l ü k t e n ai/s dan Ansatz zu gl Ii

(Die Auslassungen in v. 1} und 14 sind von fremder Hand mit Bleistift gekenn-

zeichnet.)

5 Erläuterungen

Alkäisches Silbenmnß.

Es mag zunächst befremden, daß in diesem Gedieht das Lied der Nachtigall und

Stellas Seufzer ständig ineinander und füreinander gesetzt werden. Doch was als

Mangel an Cedankenzucht erscheinen könnte, ist in M'ahrheit eigentliches Kunst-

10 mittel. So braucht der Dichter am Schluß nur anzudeuten: wie er das Lied der Nach-

tigall nicht für sich haben, sondern ihm nur von ferne lauschen will, so entsagt er

der W o n n e , g e l i e b t zu sein, die ihn toten würde — die aber auch (ebenso wie das

zu nahe Nachtigallenlied die hingegeben lauschende Seele in Schlaf singt) den

Drang des Jünglings zum e r h a b n e n L o r b e e r einschläfern würde. So ist das schein-

15 bar wehmütig leidende Bescheiden in IVahrheit ein männlich tätiger Verzicht. Ganz

anders wird der IViderstreit zwischen Liebe und Ruhmbegier von dem jungen

Schiller im »Vorwurf, an Laura« geschlichtet,

19 t r ä n e n d ] Vgl. Die Meinige v. 2h

A N M E I N E N B.

20 Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1786.

Siegmund-Schultze S. 60 möchte — wie vor ihm schon Victor S. 2 S f . Anm. 4 —

diese Datierung anfechten mit der Begründung, schauerlicli v. i, R e h des G e -

bürges v. J (auch d e r Viitcr Zeit v. 4 b und d ü s t e r v. 4 d — siehe die Lesarten)

klängen nach Ossian, und den habe Hölderlin erst im Frühjahr 17S7 kennengelernt,

25 wie aus dem Brief an Nast hervorgehe CEine N e u i g k e i t ! eine schöne, schone

herzerquikende N e u i g k e i t ! Icli h a b e den Ossian . . . w i r k l i c h u n t e r den

l'Iänden^, Ossianische Töne aber konnte Hölderlin schon vorher in der zeitgenössi-

schen deutschen Dichtung vernehmen. Man braucht also die überlieferte Datierung

nicht anzuzweifeln.

30 Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 7 S. )S->9 (s. die Beschreibung S. S22 f . ) .

Erster Druck: (Christoph Theodor Schwab): Neu aufgefundene Jugendgedichte

343
23-2S An meinen B. Gedicht

Friedrich Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1863 Nr. 34 u. 3S (20. u.

27. August) S. 79!.

Lesarten

3 Und] u. vor gesir. W o H 4: (1) Ungestört in der Kühle (a) liegt,


(b) schläft (2) am unteren Rand in steilerer Schrift: Stolz an i h r e m Gestade 5
geht — H 4 a — d : eingeklammert:
W o vom moosigten Fels stille E r h a b e n h e i t
Auf die friedliche Flur, wo zu der Väter Zeit
Helme klangen, imd Schilde,

E m s t und düster herunterblikt. H 10

9 Hain] Hain, nac/ig-crtr. Fels /:r 9 wandelt Hs 1 0 Harfe m i r , ] (1) unter


ernsten (2) unter dem ernsten Fels Wandelt (a) Lotte im Thal. Seegne die
Saite m i r , (b) Amalia. (3) wandelt Amalia (weiter am unteren Rand:) Seegne
seegne mein Lied, kränze die Harfe m i r H 1 3 Tugend nur i'iier unterrfr.;
Tugend bekannt Irl 1 4 Freimdschaft bekannt über: sanfteren Lust H 15

Erläuterungen

Asklepiadeisches Silbenmaß.
M'ahrscheinlich an C. L. Bilfinger gerichtet.

2 E r m s ] Rechter Nebenfluß des Neckars; er durchschleicht das Uracher Tal


und mündet bei Neckartenzlingen in den Neckar. 20

9 Amalia] Nur der Name ist Schillers Räubern entlehnt^ nicht etwa wird die
Gestalt selbst in das Tal der Erms versetzt — ebenso wenig wie die Lotte (das ist
Werthers Lotte) der ersten Fassung (vgl. die Lesarten). Die Änderungen werden in
diesem Gedicht später, an einer ursprünglichen Reinschrift, vorgenommen.
1 1 sie ] Zu beziehen auf die Harfe, die den Namen Amaliens (oder Lottern) nannte. 25

GEDICHT

an die Herzogin Franzisca

Die Herzogin hat in Begleitung des Herzogs auf der Rückkehr von einer am S. No-
vember 1786 angetretenen kleinen Reise nach Heidelberg das Kloster Maulbronn
besucht und vermerkt in ihrem Tagebuch, sie seien von Maulbronn am 8. November 30
um 11 Uhr abgegangen (Vgl. Loffler in der Einleitung des ersten Druckes).

544
Gedicht an die Iierzoe:in Franzisca 24 —2S

C(eorg) F{chlciscn) meint in einem Aufsatz »Zu liiilJerlins Jugendgedicht an

Franziska von Hohenheim« (Besondere Beilage des Staats-Anzeigers für IViirttem-

berg, IS. Juni 1921, S. 1S9 f . ) , das Gedicht sei nicht wirklich vorgetragen (und

also auch der Herzogin nicht überreicht) worden, vielmehr habe Hölderlin es erst

5 nach dem Besuch verfaßt und sich in jugendlicher Schwärmerei den Vortrag der

Huldigung eingebildet. Fehleisen übersieht jedoch, daß die Handschrift in einem

Faszikel der herzoglichen Bibliothek überliefert ist, worin auch andre dem Herzog

gewidmete Huldigungs-Cannina aus mehreren Jahrzehnten aufbewahrt worden sind.

Hölderlin muß also sein Gedicht tatsächlich der Herzogin überreicht haben. Vgl.

10 ferner die Erläuterung zu v. 13.

Überlieferung

H: Stuttgart, Cod. misc. fol. 17 (»Gedichte zu Ehren des Herzogs Carl«),

Doppelblatt 20,S y. 34,S cm, alle Kanten beschnitten; gelbliches, geripptes

Papier; undeutliches Wasserzeichen: JVappen, in dem andern Blatt ist die

15 erste von vier Schriftzeilen mit einiger Sicherheit als F I N D E zu lesen. Die

Handschrift liegt in einem Umschlug aus Goldpapier. S. 1: Widmung; S. 2

leer; S. S u. 4: Text (auf S. 4 nur die beiden letzten Strophen).

Erster Druck: {Karl) Löffler: Ein unbekanntes Jugendgedicht Hölderlins. Beson-

dere Beilage des Staats-Anzeigers für Württemberg, U. August 1920, S. 202-204.

Lesarten

Überschrift ohne Auszeichnungsschrift. Zeile 7: u n t c r l h ü i i i g s t c ] i m t h c r t ä n i g -

ste II Zueile 9: D u r c l i l a u c h t ] danach eine Rasur; vermutlich hat an der

Stelle gestanden: d e r E r l i a l t c r i n (vgl. auch v. IS) H

22 in aus die (Rasur) H

25 Erläut erungen

Das Silbenmoß ist eine selbständige Abwandlung der alkäischen Strophe: der dritte

Vers hat am Schluß eine betonte Silbe mehr, und im vierten Vers hat der an zweiter

Stelle stehende Daktylus mit dem folgenden trochäischen Fuß den Platz gewechselt.

5 d c u l s c l i o r e n ] Ein besonders deutliches Beispiel für ein auch sonst in den Oden

30 nachgeahmtes Merkmal Klopstockischen Stils: den absoluten Komparativ. Vgl. Klop-

slock, Der Rheinwein (17 S)) v. 3 f . : j e n e r / D e u t s c h e r e n Zeit.

5 - 8 Ebenso winkt in Klopstocks Ode Mein Vaterland (176S) die s t r e n g e Beschei-

denlieit dem Jüngling, daß er schweige und das Bekenntnis der Liebe zurückhalte.

345
24 — 26 Gedicht an die Herzogin Franzisca. Klagen

11. 12 es b e b t N i m m e r die L i p p e f u r c h t s a m e s S t a m m e l n ] Vgl. An DI.B.

V. 1 und die Erläuterung z. St.

13 IMenschenfeiud] Fehleisen will unter dem iN'Iensclicnfeind den Herzog Carl

Eugen verstehen, unter dem e n t b l ö ß t e n H u n g e r g e r i p p e (16), dem P i l g e r (19) und

dem G r e i s (2i) den damals noch (seit 1777) auf dem Hohenasperg eingekerkerten 5

Schuhart. In dem erwiesenermaßen dem Herzogspaar überreichten Huldigungsgedicht

aber wäre eine Verfluchung des Herzogs ganz unmöglich. Auch war der »Greis«

Schubart damals erst 47 Jahre alt. Nichts hindert daraji, die von Fehleisen auf den

Herzog und auf Schubart gedeuteten Ausdrücke ebenso allgemein aufzufassen wie

den M a n n v. 30. 10

31. 32 Darf dann auch der Jüngling leise (schüchtern, bescheiden) denken, daß

er hienieden für Carln lebe?

KLAGEN

AN S T E L L A

Hinter der Überschrift später von Hölderlins Hand: i m S o m m e r . 87. 15

Überlieferung

H: Hamburg, Bibliothek der Hansestadt: Einzelblati 17(17,6) x 22(22,4)cm,

linke und untere Kante unbeschnitten; bräunliches, geripptes Papier; Rest des

abgetrennten M'asserzeichens: Zwei anscheinend zu einem Oval zusammen-

geordnete Zweige mit Blättern und kugeligen Früchten oder Knospen um- 20

rahmen das obere Ende eines Baselstabs. — In der linken oberen Ecke der

Vorderseite haftet noch der Rest eines mit Siegellack angeklebten graublauen

Blattes. Von der Prägung des Siegels ist mit Sicherheit nur noch ein Stück

eines Lorheerzweigs zu erkennen.

Auf der unteren Hälfte der Rückseite: 25

V o r s t e h e n d e Klage »an Stella«

von m e i n e m O h e i m F r i e d e r i c h H ö l d e r l i n

in s e i n e m 17'®" J a h r e g e d i c h t e t u n d e i g e n h ä n d i g g e s c h r i e b e n ,

ü b e r g i e b t zu f r e u n d l i c h e r E r i n n e r u n g

Stuttgart den 28. Febr. 1858 30


F. B r e u n l i n .

346
Klagen 26

Erster Druck: Franz Zinkcrnagel: Neue Hölderlin-Funde. Neue Schweizer Rund-

schau, XIX. .Jahrgang von »PVisscn und Leben«, 1926 (April), S.

Lesarten

Überschrift: Stella aus dem Ansatz zu F(annj-) Ii

Unter der Überschrift das metrische Schema:

10 In der zweiten Zeile ist die Zäsur zunächst irrtümlich eine Silbe vorher, nach der

dritten Kürze, angedeutet. Ii

1 Stella! s/j«eer wjr g-cs«/-. F a n n y ! Ii 3 S i e h e oiu viannys?) Ii Stellas

nach gestr. F a n n y (zum j ist nur angesetzt!) Ii 3.4 k o m m e / Kühles r u h i g e s

Gnih. für ursprüngl.: siehe / I h r e b e b e n d e H a n d : I i 7 Stella über gestr.

15 Fanny i f 8 vorgebe aws v e r g e r b c / / 1 2 Stella! Stella unterg-cjtr.: F a n n y

F a n Ii 1 3 Wonnenaugenblike] Wonnenaugenbike I i (Das ausgelassene

1 verursacht im nächsten Wort gabst zwei Schreibfehler, indem zweimal, nach dem g

und nach dem b, zu einem 1 angesetzt wird.) 1 8 du u m m i c h aus: wie du m i c h

(das davor stehende IVort Stella ist versehentlich zusammen mit dem wie ge-

20 strichen) Ii 20 Erdkreis:] Erdkreis Ii

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist wohl von Hölderlin selbst erfunden. (Auch Klopstock komponiert

eigene Strophen.) Die Ferse 9, 10, 12, IS, 20 fügen sich noch nicht dem vorgesetzten

Schema.

25 Merkwürdig ist, daß der Name Stella, der die Gedichte An Stella und An die Nachti-

gall ziert, unter dem stärker werdenden Einfluß Klopstocks zunächst nicht mehr zu

gefallen schciiit und darum der Klopstockischen F a n n y weichen muß. In der Rein-

schrift soll dann der ältere Name wieder in sein Recht gesetzt werden, doch drängt

sich bei dem mechanischen Geschäft des Abschreibens der im Entwurf stehende

30 Name F a n n y immer wieder vor (vgl. die Lesarten, besonders zu v. 3, wo nach dem

getilgten Ansatz s» Fannys iVi derselben Zeile, also nicht darüber, fortgefahren wird:

StellasJ.

547
27—2S An meine Freundinnen. Mein Vorsaz

AN M E I N E FREUNDINNEN

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1786, verbessert (wohl

eigenhändig) in 1787.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 7 S. (s. die Beschreibung S. 322 f . ) . '

Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Lite-

raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld ii (18SS) S. 369.

Lesarten

7 danach ein Komma getilgt H 10 den] d aus dem Ansatz zu L H

13 ihr später eingefügt H 1 4 e u c h ein Loos] e u c h Loos C^cÄreii/cWer) H 10

Erläuterungen

Asklepiadeisches Silbenmaß.

Angelpunkt des Gedichts, das sich auf dem Gegensatz zwischen der niederdrückenden

Trauer, die von d e m t r a u t e n G r a b e spricht, und dem stärkenden Trost der red-

lichen und treuen Herzensreinheit aufbaut, ist das Wort A b e r zu Beginn der 15

}. Strophe.

MEIN VORSAZ

In beiden Handschriften hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahres-

zahl 1787. Die endgiätige Überarbeitung fällt wohl erst in den Anfang der Tü-

binger Zeit — siehe die Datierung des Gedichts Männerjubel. 20

Überl ieferung

H' : Marbach, Quartheft Abt. 7 S. 36-37 (s. die Beschreibung S.322f); H'«:

frühere, //•"': spätere Varianten.

/-/'.• Marbach I SIS: Einzelblatt 11,S X IS,7 cm, alle Kanten beschnitten; bräun-

liches, geripptes Papier ohne Wasserzeichen. Auf der oberen Hälfte der '25

Vorderseile stehen die Schlußstrophen (v. 41—S2) des Gedichts Männerjubel.

Mein Vorsaz folgt unmittelbar und geht bis etwas über die Hälfte der Rück-

seite; darunter eigenhändig: H ö l d e r l i n . Ganz unten auf der Rückseite eine

348
Mein Vorsaz 28

Ecktheitsbestätigung; »Mit Hölderlins eigener Hand sind diese Gedichte

s. Jugend geschrieben. T{estatur). D{octor). J. Kerner.«

Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv fur Litte-

raturgeschichte, hg, von Franz Schnorr von Carolsfeld 1} (18SS) S. 369—^0.

® Lesarten

1 l i e b t ! ] l i e b t , IP 2 so aus b li^ 3 mein armes Herz] (mein armes

H e r l ) üÄcr; m i r so die Seel' I'P" 4 Wolkenumnaclitete unfer/Seufzende,

finstere H"> 5 e u r e n aus euc H^ 6 seelenvollen,] seelenvollen H^

7 i h n aus i c h FP'^ fliehe aus tie H^ f l i e h e ! ] Ausrufzeichen aus Komma FP"

10 8: (1) B r ü d e r ! i c h k a n n i c h t ! icli kan n i c h t ! B r ü d e r ! I'P (2) A b e r am

Anfang des Verses über gcstr. B r ü d e r I P ' ^ (5) S c h a u ' t m i r ins I n n e r s t e ! p r ü f t

und richtet! - IP'> (4) Text W 1 0 I s t s ] Ist H^ u m ] (um) über

nach IrP'^ 11 Ists] Ist H^ 14 gehüllt] gehült FP 15 u-eineV]

weine? — I'P 16 VVeltomimeilenden] (1) S o i m e i i b e n a c h b a r t e n H^

13 (2) (Schönen, e r h a b e n e n ) IP<^ (5) AVeltcjuunwoogenden (4) (a) Weil

(h) W e l t e n u i n e i l e n d e n H"' 18 i m aus m u I P Traum] Traum, I'P

19 erreichen; m u ß ] erreichen! Muß //•' 2 0 stammeln;] stammeln -

Erläuterungen

Alkäischcs Silbenmaß.

20 Auch dies Gedicht hat wie das An die Nachtigall den Widerstreit zwischen der

Ruhmbegier und der Geborgenheit des Herzens zum Gegenstand.

10 H e k a t o n i b e n l o l m ] Eine »Hekatombe« bedeutet im Griechischen ein den Göt-

tern feierlich dargebrachtes großes Opfer von »hundert Rindern«. Ein Hcka-

t o m b e n l o l m ist also ein öffentlicher Dank, wie er sonst nur Göttern zuteil wird.

23 11 P i n d a r ] Hier wird der Dichter zum erstenmal genannt, der später das Vorbild

für die Gestalt der vaterländischen Gesänge Hölderlins wird.

12 Klopstoksgröße] Neben Pindar, dessen F l u g der junge Dichter noch nicht

aus eigener inniger Anschauung (wie er sie später durch seine Übersetzungen ge-

winnt) rühmen kann, tritt das eigentliche Vorbild seiner Ode: Klopstock. Die

30 Schreibweise Klopstoksgröße (nicht: Klopstoks Größe), die im Kompositum den

Eigennamen zu einem Bestandteil eines Appellativums werden läßt, macht die un-

bedingte Wertschätzung besonders eindringlich.

349
29—W Auf einer Haide geschrieben

AUF EINER HAIDE GESCHRIEBEN

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1787. Es besteht kein

Anlaß, diese Datierung anzuzweifeln (wie es Lehmann S. 92 und ihm folgend

Siegmund-Schultze S. S3 tun), nur weil in diesem Gedicht von t a u s e n d j ä h r i g e n

E i c h e n die Rede ist (v. 12) und Magenau am 10. Juli 1788 in der brieflichen 5

Kritik des folgenden Gedichts, worin eine hundertjährige Eiche vorkam, tadelnd be-

merkt, das sei ein sehr geringes Alter für eine Eiche.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 7 S. 46-47 (s. die Beschreibung S. S 2 2 f ) .

Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Litte- iq

raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld 13 (188S) S. 373.

Lesarten

11 in aus i m II a l t e n ] danach gestr.: schattigten H s t a t l i c h e n aus

K(eih'n) H 1 3 dann aus d e n n iiT 1 8 groß l] Ausrufzeichen aus Komma H

25 so einzeln s t e h n die B u c h e n u n d E i c h e n aus: die B u c h e n u n d E i c h e n so 15

einzeln s t e h e n (durch Nummern von 1—7 umgestellt^ s t e h n aus s t e h e n ) H

27 H u f aus IS. II 30 e d l e r e aus el H k o m m e t ! ] Ausrufzeichen aus

Komma II
Erläuterungen

In der Handhabung des Silbenmqßes ist gegenüber dem ersten erhaltenen Versuch 20

in Hexametern (Adramelech) ein beuchtliclur Fortschritt festzustellen. Die Vorliebe

für stereotype Wiederholungen einzelner Worte und Wendungen, wie sie auch den

Hexametern auf Die Tek eigen ist, scheint darauf hinzudeuten, daß neben Klopstock

auch Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, der dieses Kunstmittel besonders gern an-

wendet, für den jungen Dichter vorbildlich ist (vgl. Friedrich Beißner: Geschichte 25

der deutschen Elegie, Pauls Grundriß der germanischen Philologie Bd. 14, Berlin

1941, S. 122 f ) .

32 Mannsin<n>] Dies Wort kommt auch in Stolbergs sapphischer Strophe »Das

eine Größte« von 177 3 vor.

33 d e r F r e u n d s c h a f t H ü t t e n ] Vgl. Die Tek v. 16, 73, 7 / , S / , 88 und Kiep- 30

stock. Der Zürchersee v. 73.

350
Die Unsterblichkeit der Seele H - 3S

DIE UNSTERBLICHKEIT DER SEELE

Hinter der anfänglichen Überschrift (doch mit der helleren Tinte der späteren

Varianten und also wohl kurz vor der endgültigen Fassung der Überschrift) von

miderlirn Hand die Jahreszahl 1788.

5 Die nicht erhaltene Urfassung dieser Ode hat Hölderlin mit einigen andern Ge-

dichten Magenau zur Begutachtung vorgelegt, der in seinem Briefe vom 10. Juli

1788 einige f r e u n d s c l i a f t l i c h c AVinkc gibt. Hölderlin hat sich nach diesen Winken

gerichtet. Nicht alle von Magenau getadelten Ausdrücke lassen sich in der end-

gültigen Fassung wiederfinden. So meint er, gestiiubt passe nicht zu R e g e n , weil

10 c r q u i k c n d dabei stehe; vielleicht ist v. 18 an die Stelle der hier gerügten Wendung

getreten. Ferner schreibt Magenau, j a g t der S t r o m sei niedrig, lieber tobt —

s t ü r z t ; möglicherweise stand das »niedrige« Wort in v. }7, wo Hölderlin dann

b r a u s e t dafür eingesetzt oder gor durch Vertauschung des S t r o m s mit einem S t u r m

das ganze Bild geändert hätte. Genauer läßt sich die Stelle des Briefs auf das Ge-

is dicht beziehen, wo der Dichter 1) belehrt wird, h u n d e r t j a r c sei ein sehr geringes

Alter einer Eiche, und wo 2) der Ausdruck wipfclt ilir L e b e n nicht gefällt: v. 26 f .

werden in der Urfassung etwa so gelautet haben: »Ha! diese Eiche — wipfclt ihr

Leben nicht So stolz empor, als stünde sie hundert Jahr?« Schwieriger ist die flf-

konstruktion der Strophe, worin dem Kritiker die Ausdrücke I n s e i n e m G r i m m ,

20 — p a k e n , — S p l i t t e r aussäen »zu gemein zu solcher Hymne« scheinen, und wo er

die O r i o n e , U r a n u s und Syrius ganz wegwünscht. Vermutlich ist v. 46 d e r Sonnen

imd M o n d e H e e r / ü r die Namen der Gestirne eingesetzt. I n s e i n e m G r i m m aber

ist in demselben Vers stehen geblieben, ja es steht in der Fassung, die der endgültigen

vorangeht, sogar am Anfang des nächsten Verses noch einmal (vgl. die Lesarten).

25 Hölderlin hat hier also die Auffassung des Kritikers nicht geteilt. Die Wiederholung

aber, die in der endgültigen Fassung dann getilgt wird, erweckt den Eindruck, als

sei hier nachträglich geßickt. Die von Magenau verworfene Strophe mag so aus-

gesehen haben: »Auf zum Orion schäumet der Ozean In seinem Grimm, zu paken

den Uranus, Den Syrius in ihren Höhen, Splitter zu säen in seine Tiefen.« — Ob

30 der Klopstockische Ausdruck A l l m a c l i t des S c h a f f e n d e n und der Ossianische Sohn

d e r N a c h t in dieser oder in einer andern Ode gestanden haben, wird in Magenaus

Brief nicht ganz klar. — Als Überschrift der Urfassung aber wird man, da Magenau

einfach von d e r Seele spricht, annehmen dürfen: D i e Seele.

351
Die Unsterblichkeit der SeeleH-3S

Die endgültige Fassung entsteht aus den Varianten zu der Reinschrift einer
Zwischenfassung im Marhacher Quartheft.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 1 S. 1-9 (s. die Beschreibung S. ^22 f . ) - Rein-


schrift mit späteren Varianten, ^
Erster Druck: (Christoph Theodor Schwab): Neu aufgefundene Jugendgedichte
Friedrich Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1S63 Ah. H u. }S (20. u.
27. August) S. 796-79S.

Lesarten

Überschrift über gestr.: Tiie Größe Aex Scc\c. H 1 Da steh'ich auf dem 10
Hügel liier; Auf dem Gebirge s t e h ' i c l i , H 4 : (1) Jauchzt im erwärmen-
den Frühlingsstrale. (2) Text H

9—12 : (1) Und jezt — und jext — so sah ich das Land noch nie —
0 weg m i t aller Könige Herrlichkeit!
Da ist so sichtbar Gottes Tempel; 15
Gottes geheiligter liebster T e m p e l
(2) Und jezt — u. jezt — o E r d e ! du bist so schön
(a) Des Siegs (a) s {ß) dich freuend

(b) so froh des Sieges über (a) den Sturm


{ß) das Graun der N a c h t 20
Und doch ist meine Seele f r o h e r —
Denn sie besieget des Todes (a) To {ß) Stachel.
(5) (a) O jauchze
(b) Jezt jauchzt der Morgen, (a) f r e u t sich
{ß) feiert im Perlenschmuk 25
Die Siegesfreude über (a) den {ß) das Graun der N a c h t —
Doch f r e u t sich meine Seele schöner
Denn sie besiegt der Vernichtung Grauen.
(4) unter der 3. Fassung die beiden Varianten:
Jezt jauchzt die E r d e 30
Den Sieg (a) Ta (b) des Tages H

1 6 Jauchzet] Jauclit Ii 2 7 drohte über unterstr. n a h e t H 2 8 die stolze


E i c h e ? unter urspr.: den hehren W i p f e l ? H 3 4 neiget aus neuget H

352
D te Unsterblichkeit der Seele }!-})

34—36l am unteren Rande für gcstr.:

0 (1), (2)! e w i g ist, die diesen G e d a n k e n d e n k t ,

0 ! sie ist ewig, u n d e m p f i n d t in

Himmelsentzükung-en i h r e Größe. H

ä 4 0 : (1) L ä n d e r z e r s c h m e t t e r n sich, w e n n ioli k o m m e . (2) Text ff 4 1 in

S c h w e i g e n aus: ein T a g ff

44 a —d J eingeklammert;

D a n n j a u c h z ' i c h w i e d e r , wo ist dein S t a c h e l , T o d t ?

Ja ewig, ewig, j a u c h z i c h E r w e k t e r dann,

10 Ist m e i n e Seele, und e m p f i n d in

Himmelsentzükungen meine Größe, ff

46 s e i n e m aus s e i n e r (?) ff 47 h e r a b aus iliren H ö h ' n die stolze am

unteren Rande für: I n s e i n e m G r i m m aus i h r e n H ö h e n f f 52 ü b e r die

S c h w ä c h l i c h e aus: Königlich ü b e r d i c h frf 5 5 : (1) U n d ü b e r d i r k r a c h t ,

15 und ü b e r d i r donn(crt) (2) U (5) Text ff 5 6 zu n a h ' n m i t D o n n e r n unter

KCipr..- und k r a c h t , u n d d o n n e r t ; f f 57 g e b r e c h l i c h e ? ] Fragcieicfien aus

Ausrufzeichen ff 58 U n d d o c h ! ] U. d o c h ! am Rande vor gestr.: Doch,

sieh' f f verkriechet auj verkriechen ff 61 d a h e r ! ] .i^usru/seicAen. aus

JComma f f 63 E w i g e n aus E w ' g e n f f 6 4 ^ am unteren Rande (später als

20 die endgültige Fassung der nächsten Strophe) für: B l i n k e t dein S c h i m m e r ins

Aug d e r (1) A u g (2) Völker, f f

6 5 - 6 8 : (1) D e r W i l d e g a f t m i t (a) s t a u n e n d e r F r e u d e d i c h

(b) h e i l i g e n R e g u n g e n

D i c h , S t r a l e n d e , m i t z i t t e r n d e n W i m p e r n an,

2ä Blikt w i e d e r n i e d e r s c h a u e t s c h ü c h t e r n

N o c h e i n m a l auf — u n d g e r ü h r t , u n d ernstvoll

B e u g t e r die Knie, senkt er zur E r d e jezt

Sein H a u p t , imd s c h a u e t s c h ü c h t e r n e r n o c h e i n m a l

Zu dir, 0 S t r a l e n h e l d i n , auf imd

30 N e n n e t dicli G o t t , und (a) b a u t (b) e r b a u t dir T e m p e l .

(2) D e r W i d l e (Schreibfehler) g a f t m i t (a) h e i l i g e n R e g u n g e n

D i c h , Königin! m i t zittcrndon W i m p e r n an —

^ Und s e n k e t ernst sein H a u p t zur E r d ' u.

(b) z i t t e r n d e n W i m p e r n dich

353
Die Unsterblichkeit der SeeleH-3S

O H e l d i n an von h e i l i g e n A h n d u n g e n

D u r c h b e b t v e r h ü l l t e r schnell s. Havipt u .

Nennet dich Gott, u. erbaut dir Tempel. H

71 w i r b e l t sie] w i r b e l s t sie aus; w i r b e l s t du / / 7 2 s c h m e t t e r t aus s c h m e t -

terst H 73 E n t z ü k e n üier G e d a n k e H 74: am linken Rande für: Ijaß 5

m i c h s vollenden! H a l t e m i c h ! h a l t e m i c h ! H 77 all d i ß a n h e b t über:

d i ß g e s c h e h n wird II ganz üjcr jezt II 78 D a w i r s t unfer urspr.; D a n n

kanst II T o d t ? ] Fragezeichen aus Ausrufzeichen H 79 t ö n t es his

80 Seele.] (1) o d u r c h s t r ö m t m i c h , / W o n n e n des H i m m e l s ! des M e n s c h e n

Seele. (3) am unteren Rand: (a) T (b) tönt es n a c h (a) / I h r (ß) i h r / H a r f e n 10

des H i m m e l s , des M . S. H 81: (1) O S e e l e ! S e e l e ! F u n k e des E w i g e n !

(2) Text Cjezt aus ho) II 8 2 zu G o t t bis 8 4 E r h a b e n h e i t - ] (1) U n s t e r b -

l i c h e C: unterstr.) An G o t t denkst, m i r i m A u g e blinkt des Denkens E r -

habenheit — (2) Text, am unteren Rand H 83 i m aus inn (Schreib-

fehler) II 8 5 i r r d i s c h e üisr s t e r b l i c h e H 8 8 die S p r a c h e aus; d e r W II 15

8 9 Seele bis 9 0 h i m m l i s c h über: F u n k e des E w i g e n ! D u bist so h e r r l i c h , II

92 zu nach gestr. d i c h H 95 goldne aus Strö(me) II 97 einst w e r d e n

aus: einst, w H E r d e n t a n d aus E r t e n t a n d H 99 an G o t t e s - Gottes

T r o n e über: a m T r o n e m e i n e s G o t t e s II 104 g r o ß e unter urspr. S c h r a n -

ken H 20

104 a—d : eingeklammert:

Zu G r u n d e t r ü m m e r n (1), (2) — t a u s e n d e so z u m S c h e r z

D e r W ü t r i c h \vürgen — ivürgt er sein W i l d ja auch —

U n d w ü r g t e r schnell, so dankts i h m , jVIenschen!

D a ß d e r gewissen V e r n i c h t u n g G r a u e n II 25

105 : (1) N i c h t (a) 1 (b) J a h r e lang e u c h t ö d t e n ; (2) Geseze n i e d e r t r f a j e t t e n

("i^mmem H 108 T e m p e l bestehlen unter unterstr.: Morden und

sengen; H m a g das M i t l a i d aus: m ö g e M i t l a i d II 112 U n s c h u l d unter

unterstr. Tugend II 114 J e h o v a h s p r a c h s ! ] (1) M e i n G o t t v e r h e i ß t s ,

(3) J e h o v a h ("a) sagts ("i) s p r a c h s ! H 115. 116: unter urspr.; I c h g l a u b e 30

meinem Gott, und schau' in Himmelsentzükungen meine Größe. H

116 E w i g ist] E w i g , ist H

116a—d: eingeklammert:

J e h o v a h ist sein N ä h m e , von E w i g k e i t

Zu E w i g k e i t die H e r r s c h a f t des Königes. 35

354
Die Unsterblichkeit der Seele H - 3 S

Vemiclitung t r i f t die Seele nicht, dann

Ewig- ist, ewig des Königs Herrschaft. Ii

1 1 7 singt üfcr janchxt ('•• (jui j a u c h t j H MenschengescMechtc!] A « ™ / -

aus Komma H

5 Erl'dutermigen

Jlkäisches Silhenmnß.
Die ersWi Strophen erinnern an den Anfang der Hymne (iVie tvenn am l^eier'
tage . . .) ( v f f l . Bd. 2;.

6 die S c M u m m c r n d e ] Plural, auf die Schöpfungen zu beziehen, oder « sind


10 Cwas der große Anfangsbuchstabe nahelegen mag) die Menschen gemeint. Die starke
Form des pluralischen Adjektivs auch nach bestimmtem Artikel ist älterer Sprach-
gebrauch — vgl. in dieser Ode noch v. S die stille Schatten, 29 die stohe (Felseri),
42 die brausende (.IVinde}, 47 die stolze (Sonnen und Monde); ferner die Über-
schrift des Gedichts Die Mcinige; Der Lorbeer v. 14 seine Todte usw.
15 13 Gcschlechte] Vgl. v. IS, 16, 117. - Hölderlin hat eine Vorliebe für die
ältere Fluralfonn der Neiära, wie sie die dichterische Sprache überhaupt gern be-
wahrt: Gustav Adolf v. 6: Lande; An die klugen Rathgeber v. 9: T h a l e ; Die
Wanderung v.43: Gewände; Burg Tübingen v. 4: G e m a c h e ; Pindar-Ober-
setzung Pfth. 4, 2SS: G e m a c h e ; Olymp. 14, 1 ? ; Pyth. 1, 7}; 9, 3S: Mahle;
20 Pyth. 4, 166; S, 6h Maule f = Maultiere) usw. — Aus der Mundart ist das wohl
kaum zu erklären; denn Schiller scheint die entgegengesetzte I^eigung zu den
jüngeren Analogieformen zu übertreiben: Die schlimmen Monarchen u. 6S: Ge-
wijlber; WaUensteins Lager v. S20: Kliifter (Femininum! — vgl. dagegen Teil
•u. 1472 Klüfte;.

25 17—20 Diese Strophe zeigt in der Abhängigkeit vom Beginn des Zürchersees be-
sonders auffällig den starken Einfluß Klopstocks, der sich aitch im Stil dieser Ode
überaus deutlich verrät.

25-30 Der rhetorische Parallelismus der beiden ersten Strophenhälften ist ver-
mutlich erst in der durch Magenaus Kritik veranlaßten Bearbeitung verstärkt wor-
30 den (vgl. S. 3S1Z.16-1S).
40 zerschmettern] Belege für den intransitiven Gebrauch des Verhums in
Grimms Deutschem Wörterbuch IS, 764; z. B.:.. daß m e h r e r e Glaser zerschmet-
t e r n d auf den Boden stürzten (Tieck). Vgl. in diesem Gedicht v. 72 s c h m e t t e r t ;
Hymne an die Unsterblichkeit v. 29: W e n n die Pole schmettern, Sonnen sinken.

555

1,23
U-S7 Die Unsterblichkeit der Seele. Der Lorbeer

41 wandelt] Subjekt: der Winde Dräun. Belege für den intransitiven Gehrauch
des Verbums in Grimms Deutschem Wörterbuch 13, 1634; z. B.: . . so kann es
eben auch durcli Bemerkungen des Künstlergenies zur schönen Gestalt wan-
deln (Herder 2, 126 Suphan).

76 Vernichtungen] Solche Deverhativa im Plural sind kennzeichnend für den 5


Klopstockischen Stil; vgl. v. S u. 21 Schöpfungen, 89 Verwesungen, 120 H i m -
melsentzükungen.

88 wer lauschte die Sprache] Vgl.F.M. Klinger (Dramatische Jugendwerke,


hg. von Hans Berendt und Kurt Wolff, Leipzig 1913/14): . . wenn ich diese
Pulsschliige lausclie (Die Zwillinge S. 277); siehe die Erläuterung zu v. 1 des Ge- 10
dichts An M. B.

9 1 Menschendruk] Vgl. Einst und Jezt v. 30 (Lesarten); auch Die Bücher der
Zeiten v. 148: der Menschheit Druk.

93 Eloa] Vgl. Die Meinige v. 171 und die Erläuterung z. St.

103-112 Schillerisches Räuber-Pathos. Zu der Wendung: so m a g das Mitlaid 15


Zu Tigern fliehn steht in den Räubern (S. Akt 2. Szene) das genaue Vorbild: Das
E r b a r m e n ist zu den Bären geflolien.

DER LORBEER

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788.

Uberlieferung 20

H: Marbach, Quartheft Abt. 1 S. 10-12 (s. die Beschreibung S. 322 f.).

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart {1896). I 74-7f.

Lesarten

7 Bahn, zuni Ziel zu rennen, unter eingeklammertem und unterstrichenem: 25


Schranken, hinzurennen H 8 D e m nach dem Ansatz zu N (".'j H ent-
gegengliilit?] entgegenglüht. l'I 17—20- Diese Strophe ist später am unteren
Rande für die folgende, mit enger Strichelung getilgte,, eingesetzt:

L a ß t miclis sagen, Spötter! laßt miclis sagen —


Sterben w ü r d ' ich, dieser Mann zu sein, 30

356
Der Lorbeer. Die Ehrsucht 36-}9

Martern wolt' ich dulden, so zu Wagen,


Hällcnejualen, so zu Gott zu schrein. H

1 7 ferne n u r üÄer; mir von fern ff 2 1 E r d e n ! ] j^wru/iffic/icn ßiwÄ'amma ff

27 kummervoU] k ttuf K ff 28 so oft, so] oft aws s<o> 3 7 goldne

5 aiu göldne H

Erläuterungen

1 sclinadcrn] Mundartlich für sdinatterii; vgl. ScJiilkr, Die Räuber 4. Akt


f. Szene: W a r s t du nicht die Memrne, die anhub lu schiiadcrn, als sie riefen:
Der Peind k o m m t !
tO 3 siBge] Schwühischer Reim auf Gedränge; su der yyKonjektur« sänge l?esteht
kein Anlaß.

13 Yung] Edward Young (16S3—176S) wirkte besonders durch sein Hauptwerk


The Complaint; or A'ight Thoughts on Life, Death, and Immortality (1742) auf
die cmpßndsame deutsche Dichtung des IS. Jahrhunderts. Johann ArnoldEbert hat
1.1 Yoitng'i JVerke, 17S1 beginnend, in deutsche Prosa übersetzt.

17—20 Bemerkeruwerte Dämpfung des Bekenntnisses su young' gegcniiber der


ursprünglich an dieser Stelle stehenden Strophe — vgl. die Lesarten.
24 S c h m ä h m g e n ] Die Endsilbe reimt vermöge ihrer mundartlich stärkeren Be-
tonung auf die letzte Silbe des Wortes Verfolgungen; ebenso v. Wß2: spottete /
fO Edlere; vgl. Schillerische Reime wie Segnungen / Wiedersehn (Elegie auf den
Tod eines Jünglings v. 74j76) oder Sterblichen / Erinnyen (Die Götter Griechen-
landcs v. llS/120; 2. Fassung: v. 70/72).

DIE EHRSUCHT

Hinter der Überschrift van Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788.

^^ Überlieferung

ff: Marbach, Quartheft Abt. 2 S. 13-14 fs. die £e.tchreibung S. 322 f.).
Erster Druck: (Christoph Theodor Schwab}: Neu aufgefundene Jugendgedichte
Friedrich Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1S<53 Nr. 34 u. 31 (20. u.
27. August) 5. S27.
Lesarten

3 Schwiichen] S AUS 9 ff 7 scheint AUS schmei H 1 0 ihr <TOS ihre ff

357
SS—41 Die Ehrsucht. Die Demuth

11 U n d (JUS U m H 1 4 schwarze] schwarze, H W u n d e r aus toi(/e) H

16 W a h n s i n n aus W a n II 27 G e s c h l e c h t e aus G e b H

Erl äutcrungen

Der pathetisch-moralische Despoten- und Pfaffenhaß ist angeregt durch Schubart

und in diesem Gedicht besonders durch den jungen Schiller. Siegmund-Schultzc weist 5

S. 6S f . Parallelen zu dessen Venuswagen nach, der übrigens auch für das Silben-

maß Forbild ist. — Man könnte auch an eine Anregung durch Youngs Satiren auf

die Ruhmbegierde denken. — Selbständig und darum eindringlicher äußert sich Höl-

derlins Gesinnung in dem Epigramm Advocatus diaboli ('S. 229 dieses Bandes).

5—8 Schwäbische Reime. 10

15 Der Vers hat zwei Silben zuviel.

25 des Jünglings R e c h t e ] Die Hand, die zum Gesänge das Saitenspiel rührt;

vgl. Die Weisheit des Traurers v. 21 f .

DIE DEMUTH

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788. 15

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 3 S. lS-17 (s. die Beschreibung S. S 2 2 f ) .

Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Litte-

raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld 1} (1S8S) S. 363—364.

Lesarten 20

1 g r o ß r e aus edl H 2 vor aus e H 4 H e r z c h e n aus H e r z e H 6 Frei-

h e i t über der Zeile Irl 11 uns über e u c h II 14 Wann] Wer (Schreib-

fehler) II 1 7 stillen aus dem Ansatz zu St oder M üf 22 sein über gestr.

werden II 29—32; Diese (8.) Strophe stand ursprünglich als fünfte nach

V. 16; die Reihenfolge ist mit Bleistift durch die Nummern 4.) 1.) 2.) 3.) ge- 25

ändert H 3 4 g r o ß u n d ] u n d aus uns II 3 6 Blutgerüst,] Blutgerüst. II

Erläuterungen

2 D o m i n i k s g e s i c h t ] Vgl. An die Ruhe v.ll. — D o m i n i k vielleicht statt »Domi-

nikaner«; D o m i n i k s g e s i c h t würde dann so viel wie »Pfaffengesicht« heißen. Die

358
Die Demuth. Die Stille 40-4S

in Hermann Fischcrs Schwäbischcm Wörterbuch 2,2SS belegte Bedeutung fDuriun-

kopf« für »Dominikus, Damini, Domene« mag hineinspielen. — Die M i c h a e l s -

g e s i c l i t e r in Johann Ulrich Schwindrazheims Kasualgedichten eines Wirtem-

bergers, Stuttgart 1782, S. auf die Vi'itor S. S Anm. hinweist, sind aus ihrem

5 2.usammenhang ganz anders zu erklären: Menschen mit ernsthaften Gesichtern luie

der Erzengel Michael.

9 V a t e r l a n d e s k r o n o n ] Fgl. Münnerjubel v. 7 f . : d e r Völker Kronen.

12 H e r m a n n ] Älopstock hatte, besonders durch seinen 1769 erschienenen Bardiet

i>Hermanns Schlacht«, Begeisterung für den Cheruskerfürsten geweckt.

10 39 N a r r e n b ü h n e ] Fgl. Auf einer Haide geschrieben v. 29; das Wort begegrut

auch bei Hölty und Matthisson — s. Grimms Deutsches Wörterbuch. Fgl. ferner

N a r r o n s c e n e (Hero v. 4}). Nach Grosch S. 11 ist »das Bild der Scene oder Narren-

hühne für das menschliche Leben« den Dichtungen Youngs entlehnt.

DIE STILLE

15 Inli^ hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788. — InH^

am unteren Rande der ersten Seite ein Bleistiftvermerk von der Hand F. Breunlins

(des Neffen Hölderlins): W a h r s c h e i n l i c l i in Maiilbroiui als 1 S j ä h r i g e r J ü n g l i n g .

Überlieferung

iP : Stuttgart J iS: Zwei ineinandergelegte Doppelblätter 17,} x 20, f cm, alle

'20 Kanten beschnitten; bläuliches, feingeripptes Papier; Wasserzeichen: ge-

kröntes, kreisrundes Wappen (Papiersorte und Format des Marbacher Quart-

hefts); die letzten anderthalb Seiten sind leer. (Die Farianten zu den Fersen

8, 9, 12, 14, 60b, 71, 91 mit dunklerer Tinte.)

I-P: Marbach, Quartheft Abt. } S. 18-2} (s. die Beschreibung S. 322 f . ) .

25 Erster Druck: {Christoph Theodor Schwaby: Neu aufgefundene Jugendgedichte

Friedrich Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1S63 Nr. }4 u. J/ (20. u.

27. August) 5. 79S-796.

Lesarten

3 e n t r ü k t e s t , ] e n t r ü k t e s t H''^ 5 S a n f t e ] s a n f t e H' 6 Immertreue]

30 i m m e r t r e u o IP sei] sein J-P sei aus sein H'^ 7 geblieben,] geblie-

b e n H' 8 Bleibt aus BIcist Ii- alles, alles später unter: jode F r e u d e IP

359
42-4S Die Stille

9 Kuhe ipüfcr üicr Schauer H ^ 1 1 so oft in stiller] rfa/iir später am unterm


Hände: in i h r e r stillen (diese Variante wird von 11^ zugunsten der ursprüng-
lichen Lesart wieder verwarf en) oh aus dem Ansatz zu s(tiH) IP Abendsonne]
Abendsonne, H^ 1 2 zu mir über der Zeile H^ 1 4 Ruhe üicr Schauer JrD
15 geflossen,] geflossen ffi 17 sie, die] sie die H^ 1 8 abgepflükten] 5
abgepfükten IP 1 9 M i r aus Mit W 2 1 F e r n h e r ] F e m e H' Femher
aus Ferne H^ schon die Kerzen] seine Kerze H^ schon die Kerzen aus:
seine Kerze H^ üiimncrn,] flimmern — H^ 22'• Dieser Vers steht, unter
der Variante zu v. 24, am unteren Rande für die aus 11^ zunächst übernommene
Fassung: Hörte läuten - doch ich eilte nicht; (nicht! II-') H^ 2 3 . 2 4 : Spä- lo
ter am unteren Rande für die aus 11'^ zunächst übernommene Fassung:

Dachte nicht die Suppe, nicht des Kirchhofs "Wimmern (Wimmern, H^)
N i c h t das dreigefüßte Roß a m Hochgericht. H^
(Zu dem Wort Roß * eine Anmerkung am unteren Rande: * Ein Niirtinger M ä h r -
chen. IP) 2 3 stillen aus 1 H^ 25 a n g e k o m m e n ; ] angekommen H^ 15

26 T h e i l t ] Thcilt' 27 b e k o m m e n , ] b e k o m m e n i/2 28 dankende


unter gestr.lu-itigc IP aus;]aus. IP 29 ioam über der Zeile IP 3 0 Kar-
toffeln] zu diesem dich unterstrichenen J-Vort am linken Rand eine spätere An-
merkung: NB V^rAheer W 3 1 in der Stille iifer&rZei/cH^ 34 wohl,]
wohl- B-' 3 5 Hülle,] Hülle 3 6 : Wann vom T h u r m des W ä c h - 20
tors Gloke einsam scholl, (scholl aus soj IP dem T h u r m ] den T h u r m
(Schreibfehler) H^ Gloke aus Gol H^ 3 7 alleine;] alleine, H^ 45 den]
des IP den aus des 11^ Jungen, ] Jungen 11^ 4 7 müdgerimgen] müd .
gerungen IP 48 lieben,] lieben IP 4 9 Herzen] Herzen, H^ 5 0 izt]
jezt IP Jünglingsblut;] Jünglingsblut, IP 51 O ! wie] O wie I-p 25
schweigtest nac/i g-cstr.: pflegtest du IP 52 Muth.]Muth! tP
53—72 : Diese Strophen sind mit Bleistift durch zwei große geschweifte Klam-
mern am linken Rande zusammengefaßt, und zwar durch die erste Klammer (auf
S. 21 der Handschrift) zwei Strophen und eine dritte (v. 60a —d), die durch
zwei geschweifte Tintenklammern wohl getilgt werden soll, durch die zweite 30
Klammer (auf S. 22 der Handschrift) die Ferse 61—68 und die erste Fassung
der anschließenden Strophe; auf S. 21 sind die Anfänge der drei zusamrnengc-
klammcrtenStrophenmit schrägen Bleistiftstrichen hervorgehoben 11^ 5 4 Schlach-
tenstürmer Ossian,] Schlachtenstürmer, O s s i a n , IP 55 Seraphen aus
Saraphen IP M i t t e ] Mitte, IP 5 6 Klopstok] K l o p s t o k IP 5 8 mein 55

360
Die Stille 42-4S

Mädchen] mein Mädclien /:/' fliegt,] Fliegt, - I'P 59 Liebenden]

LausJ LP

60a—d • W a n n durchs dichte, einsame Gesträuche

Kein verdächtgcr, falscher F u ß t r i t t r a u s c h t ,

5 In deu W e i d e n an dem wal dum kränzten T e i c h e

Kein vcrhaBter loser L a c h e r mis belauscht — II'-®

Diese Stroplu ist in H^ eingeklammert, daher nicht in den Text aufzunehmen. —

60a d i c h t e , ] dichte i f - ' Gesträuche aus Gesp i Z ' 60b vcrdächtger,]

verdüchl'gcr tP falscher üAer f/er ZfiZc H' r a u s c h t , ] rauscht, — I'P

10 60c den W e i d e n ] den aus dem H ^ Tciclie] Teiclie, i/'

61 secgensvollen] scogenvollen LP 6 2 ist,] i s t - I'P 64 Schweigend

später am Rande dem ursprünglichen Versanfang M i r vorgefügt I'I^ mein

M'iidchcn] m e i n M a d e h o n IP 6 5 in später für gestr. ich (Schreibfehler)

H^ 66 m e i n Hor-iensfreund] mein B. IP g e h t , ] ursprüngliches Kortima

15 in Gedankenstrich geändert IP 67 edlen Jüngling] guten Bruder H^

nachzubilden] nachzubilden, U^

6 9 - 7 2 : Diese Strophe, durch einen schrägen Bleistift strich am linicen Rand her-

vorgehoben, steht am unteren Rande für die aus I~P zunächst iihernonimenc Passung:

Und so sparsam m i r bei i h m die W o r t e , ("Worte IP)

20 Abgebrochen von der Lippe gehn ("gehn — IP)

Und wir kelircnd Ckehrend - I'P) uns an unsers Klosters P f o r t e f Pforte —IP)

Uns vorstehend — h e i t r e r in die Auge(n) ( A u g e n s e h n Csehn ! H^)

I'P
Cunsers Klosters] dafür später: unsror H ü t t e n H^)

25 70 s c l u i , ] s e h n IP 7 3 schön sind sie!] schon! sind sie, IP 75 noch

itbcr der Zeile IP stille] stille, IP Leiden,] Leiden iP 77 umgeben,]

u m g e b e n IP 7 8 b e l e b t , ] belobt I'P 8 0 grübt;] g r ä b t : H^ 8 1 reiße

ilvn aus] (1) reiße aus (2) r e i ß e m i c h aus (5) Text IP 82 ihn aus

m i c h IP-^ 83 0 ! in deinen Schatten, T e u r o ! ] (1) T e u r e ! o! in deinen

30 Schatten H^-^ (2) Text, durch die Nummern 1 - 5 umgestellt H^ wohnt aus

wohl II' 8 5 wann] wenn IP wann aus wenn H''^ Stunden] Stunden, H'

8 6 neigt aus nougt IrP 8 7 : Dieser Fers steht am unteren Rande für die aus

IP' zunächst übernommene Fassung: M a t t g e k i i m p f t das H e r i sich h a t an tausend

W u n d e n CWunden, IP) IP 88 dos Lebens Last] des Lebenslast H'-^

55 b e u g t : ] (1) beugt, IP-^ (2) b e u g t : IP 89 S t a b e - ] Staabe, - IP

361
42-4S Die Stille

90 hingebeugt,] kingcbeugt H ^ 9 1 in dem willkommnen, ruhevollen


Grabe später für: dann endlich in dem stillen kühlen Grabe, IP 92 der
Tlioren] der aus des H^

Erläuterungen

An diesem Gedicht^ besonders an seinem Anfang.^ fallt die Ähnlichkeit der Melodie 5
mit dem späteren Lied An die Natur (S. 191—19) dieses Bandes) auf. Seckel S.112
bemerkt mit Recht y^eine flüssigere^ regsamere Sprachbewegung., eine wirkliche und
echte Weichheit und Schmiegsamkeit des Rh^thmus«^ die nach der Unterbrechung
durch die härtere und starrere Gebärde der Tübinger Hymnen im Gott der Jugend
und in dem Lied An die Natur wieder zutage tritt (vgl. auch Seckel S. IIS f.). — 10
Die Götter Griechenlandes von Schiller, die für das Gepräge der hj'mnischen
Dichtung des jungen Hölderlin dann vorbildlich werden, waren im Märzheft 1788
des Wielandschen Merkur erschienen und dem Dichter der Stille offenbar bekannt.
— Im Silbenmqß behauptet Hölderlin noch einige Selbständigkeit: er baut keine acht-
zeilige Strophe mit verkürzter Schlußzeile, sondern bleibt zunächst bei den in den 13
vorigen Gedichten an Stelle der antiken Odenmaße wiederaufgenommenen gereimten
Vierzeilern, in denen er (durch retardierende Verlängerung immer des dritten und
vierten Verses gegenüber den beiden ersten Zeilen) Eintönigkeit zu vermeiden weiß. —
Die ersten 13 Strophen blicken, im Praeteritum, elegisch zurück in die Kindheit, die
nächsten sechs Strophen (v. SS—76) betrachten die Gegenwart des Jünglings, die 20
letzten vier (v. 77—92) schauen hinaus in die Zukunft des Mannes. Diese Gliederung
ist deutlich bezeichnet durch die Adverbien Jezt (v. S3) und einst (v. 77).
24 Nach dem dreigefüßten Roß a m Hochgericht] In dem von Hanns Bäch-
told-Stäubli herausgegebenen Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens wird
s. V. Pferd (Bd. 6, Berlin und Leipzig 1934 j3S, Spalte 161S f . ) davon gesprochen, 25
daß die Toten als Pferde umgehen. ». . die Erscheinung in Tiergestalt wird als
erniedrigend empfunden und kommt dann bösen, ,sündhaften^ Menschen zu oder
solchen, die eines gewaltsamen Todes starben, den Selbstmördern oder Ermordeten;
dazu traten dann auch die beeinträchtigenden Züge, wie ,hinkend^ und ,drei-
beinig^. . . Die Sage bewahrt auch . . . die Vorstellung von dem Pferd als dem tier- 30
gestaltigen, dämonischen Totenführer . . . Das (in Dänemark, auch in Deutsch-
land) auf Kirchhöfen lebendig eingegrabene Pferd erscheint (dreibeinig) an dem
Haus, in dem jemand sterben soll, ähnlich in der Schweiz.'<
30 Kartoffeln] Dieses Wort erläutert Hölderlin in der späteren Handschrift:

362
Die Stille. Schwärmerei 42-4S

NB E r d b e c r . Das ist nicht etwa ein Hinweis auf den v. IS und 26 erwähnten

E r d b o c r s t r a u s , sondern der mundartliche Name für »Kartoffeln«: »Erdbirnen«.

51 scliweiglost] scliweigeii wird auch in Luthers Bibel als Kausativuni ge-

braucht: Die Gottlosen m ü s s e n zu Sclianden u n d g e s c l n v e i g t w e r d e n in d e r Hölle

5 (Psalm 3'f iS). Bs taucht hei JJvlderlin wieder auf in den letzten Fassungen der

Patrnos-lfymne, und zwar an zwei Stellen: einmal tritt es für ursprüngl. erheitern

ein, das andre Mal für stillen. Vgl. auch IVieland, Der neue Amadis, 1. Gesang,

Stanze 24. Noch heute in der schwäbischen Mundart gebräuchlich.

54 Ossian] Alte gülische (irisch-schottische) tlJeldengesänge wurden von James

10 Macphcrson im modern-empfindsamen Geiste Youngs stark erweitert und über-

arbeitet und 1760—öS in englischer Prosa unter dem Namen eines Barden Ossian

(Oisin) veröffentlicht — eine Fälschung also, die aber von den begeisterten Zeit-

genossen nicht gleich als solche erkannt wurde. Durch Ossian, der vielen als der neue

und größere Homer galt, kam die Vorliebe für düstere, nebelhafte Naturstimmungen

15 in die deutsche empfindsame Dichtung. — Michael Denis (Sined der Barde), ein Jesuit,

gab ihm durch seine Übersetzung in Hexametern (IVien 1768—69) ein antikisches

Kostüm. Johann IVilhelm Petersen veröffentlichte anonym 17S2 in Tübingen eine

Übersetzung in Prosa. — Hölderlin berichtet in einem undatierten Brief aus Maul-

bronn (Frühling 1787) dem Freunde Immanuel Nast: E i n e N e u i g k e i t ! eine

'20 schöne, schöne h c r z c r q u i k e n d e N e u i g k e i t ! Icli h a b e den Ossian, den B a r d e n

oline seines g l e i c h e n , H o m e r s g r o ß e n N e b e n b u h l e r h a b ' i c h w i r k l i c h u n t e r

den H ä n d e n . / Don m u ß ( ( ) Du lesen, F r e u n d — da w e r d e n D i r D e i n e T l i ä l e r

l a u t e r K o n a t h ü l e r — D e i n E n g c l s b e r g ein G e b i r g e iNIorvens — Dich wird ein

so süQes, w e h m ü t i g e s G e f ü h l a n w a n d e l n — Du m u s t i h n lesen — ich k a n n i c h t

25 d e k l a m i r e n . E r m u f i m i t nach N ü r t i n g e n in die Vakanz, da l e ß ' i c h i h n so

lang, b i ß ich i h n h a l b auswendig kan . . . Icli w e i ß g a r n i c h t s z u m s c h r e i b e n —

d e r g u t e , b l i n d e Ossiim da s c h w a d r o n i r t m i r i m m e r i m Kopf.

64 w i s c h t ] Schwäbischer Reim auf ist (gesprochen: »ischto.); ebenso 74176:

kennt / rinnt.

30 SCHWÄRMEREI

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. J S. 24-2S (s. die Beschreibung S. 322 f . ) .

363
46 —so Schwürmerei. Der Kampf der Leidenschaft

Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Lite-

raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld Ii (188S) S. S67—36S.

Lesarten

3 lc7.te aus ](üngste?) H 8 s c h ö n d u r c h l e b t e n ] 1 nus d H 14 Tritte-]

Gedankenstrich aus Komma H 27 H o f n u n g e n ! ] H o f u u n g c n ? (Fragezeichen 5

aus Komma) H 28 d e k e t ] et aus dem Ansatz zu t H 29 i c h aus i h H

37 d i e ] die die (das erste Wort durch einen Tintenklecks z. T. unleserlich, deshalb

die Wiederholung) H 44 l a n g e r s e h n t e über s c h ö n g e t r ä u m t e H 45 See-

l i g k e i t , ] Seeligkeit H 52 G r a b e ] G r a b (Schreibfehler) H 55 an aus

dann H 10
Erläuterungen

Die letzte Zeile der Strophe ist immer um eine Hebung länger als die andern (mit

einer versehentlichen Ausnahme v. 4S).

14 r a u s c h e n ] Vgl. {Die heilige Bahn) v. 19 und die Erläuterung z. St.

56 J a m m e r s t a n d ] Ein im Gesangbuch häufig vorkommendes Wort. Nach Her- 15

mann Fischers Schwäbischem Worterbuch 4, 73 ist »o Jammerstand!k ein verbreite-

ter Ausruf.

5 9 S p l i t t e r r i c h t e r ] A'acÄ Grimms Deutschem Worterbuch 10, 1, 2670 von Luther

mifdeutlichem Bezug auf Matthaeus 7, 5—/ geprägter Ausdruck.

71 g e f a l t n o n ] gefalten : letzter, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erhaltener 20

Überrest der ursprünglich reduplizierenden Flexion (wie halten, hielt, gehaltcji;

»gespalten« ist dagegen heute noch durchaus gebräuchlich). In Grimms Deutschem

Wörterbuch (3,1 WO) zwei Belege: zwischen den g e f a l t n e n z a r t e n Händen

(Goethe) und: m i t g e f a l t n e n H ä n d e n k n i e n (Klinger). Vgl. auch Trübners Deut-

sches Wörterbuch, herausgegeben von Alfred Götze, 2, 287. In den Hexametern auf 25

Die Tek v. f schreibt Hölderlin: Meine gefaltete Hände.

DER KAMPF DER LEIDENSCHAFT

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788.

Überlieferung

H: Marbach, Quartheft Abt. 4 S. 29-30 (s. die Beschreibung S. 322 f . ) . 30

Erster Druck der vier Anfangszeilen: {Christoph Theodor Schwab'): Neu aufgefun-

364
Dor Kampf der Leidenschaft. Hero 49-S4

time Jiigendgcdichle Friedrich Hölderlins. Morgenblatt fur gebildete Leser 186)


A>. u. U (20. u. 27. August) S. S27;
des ganzen Gedichts: Otto Güntter: Ungedrucktes von Hölderlin. Der Schwäbische
Bund 1 (1920) S. 591.
5 Lesarten

2 Ist dor] clor aus des /:/ 12 Uinariiiungen] Umarmugen (Schreib-


fehler) // Iß niicli aus dic</j> H 2 1 Stok über gestr. Du H du alle
über gestr.: so g r i n u n i g H 24 Armer aus \\'{eil?) II 26 Joch nach
gestr. Band H 29 Sinnen Gedankenstrich aus Komma H 32 schone
10 nus Schone II ist ous h(i/i) II hin,] Komma aus Ausrufzeichen II

Erl äuterungen

Die sechste und achte '/.eile sind immer um eine Hebung länger als die andern.
5 sch\\'ebon] Infinitiv: (warum mußt du doch in meinen Gedanken} iminor um
m i c h schwoljcn —

l.*; 29 llii! ein Ahgnmd droht vor meinen Sinnen—] Fgl. Schiller, Die seeligen
Augenblike an Laura v. }7: Eine Pause droliet hier den Sinnen. Überhaupt ist
an diesem Gedicht eine Verstärkung des Schillerischen Einflusses spürbar.

HERO

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788. Magenau
20 schreibt am 10. Juli 17SS, die Hero sei artig, tuir sei hie und da des Heims wegen
der schönere Gedanke unterdrückt. — Steht — Tliräncn von der AA'ange w e h t sei
wider den Sprachgebrauch, vermutlich habe das steht das weht veranlaßt; er habe
noch einige weitere durch Reimnot erzwungene ungebräuchliche Ausdrücke gefunden,
die er indessen nicht nennt. So läßt sich nicht feststellen, welchen Umfang die durch
23 Magenaus Beurteilung angeregte Bearbeitung der Urfassung hat: die gerügte Stelle
ist jedenfalls getilgt. Der Kritiker fragt noch, warum Hölderlin nicht die elegische
l'ersart gewählt habe, die doch zu sanftem Ausdruck gemacht zu sein scheine.

Überlieferung

II: Marbach, Quartheft Abt. 7 S. 40-4S (s. die Beschreibung S. )22f.).


30 Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Litte-
raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld 1) (1S8S) S. )70—)7).

365
S1-S4 Hero

Lesarten

3 d a n n ] dan II 7 F o r t aus O Ii alles uher ü b e r a l l I i 10 W o sein

Hiitgcn ü b e r Felsen h ä n g t am unteren Rand für: W o v o m U f e r seine L a m p e

blinkt, I i 13 s e i n e m «us seinen I i 1 6 uns nach gestr. ihm Ii 2 3 be-

s i e g e t ] et ci« dem t Ii 3 2 hier aus um Ii ihn.] i h n / / 4 2 es] 5

mit der von Hölderlin häufiger angcu:andten abgekürzten Form des s, die einem r

ähnelt I i 49 d ü 50 L i e b e nach geslr. Loll (Einwirkung des

folgenden Wortes) Ii 65 Sterbegewimnier aus To(desgeiuimmer} Ii

71a: Die szenische Bemerkung ist (ohne Klammern, aber mit einem Punkt cm

Schluß) am unteren Rande nachgetragen; ein Kreuz bezeichnet die Einfügungs- iO

stelle I i 74 tode aus T o d e Ii 79 T o d e s m i e n e n ] ie mit Tinte, wohl

eigenhändig, unterstrichen, um den schiväbischen Reim anzumerken (vgl. die Les-

art v. 10) Ii 80 töden] Töden I i 93 an nach gestr. ich ii Pforte

aus einem andern Ansatz verbessert Ii

Erläuterungen

Das Silbenmaß dieses melodramatisch bewegtet! Gedichtes ist aufgelockert durch

zahlreiche, unregelmäßig verteilte Doppelsenkungcn. Der letzte Vers der achtzeiligen

Strophe ist immer um eine Hebung länger als die andern, mit einer versehentlichen

Ausnahme v. 16 (auch hat v. 6) scchs statt fünf Hebungen).

Dem Gedicht liegen die Briefe IS und 19 aus övids Heroiden zugrunde: Leander 20

an Hero, Hero an Leander. Einzelne Züge der Vorlage sind verwendet worden, vgl.

die Einzelerläuterungcn zu v. 2S, 27. 2S, W, ^2, — Hölderlin hat sich

auch sonst mit Ovid beschäftigt, und zwar hat er aus den Heroiden einige Verse des

Briefes der Dejanira an Herkules (9, S—6; 11—4S) in Distichen und später, wohl

erst in Homburg (vgl. Friedrich Beißner, Holderlins Übersetzungen aus dem Gric- 25

chischen, Stuttgart 19SS, S. 16—20), den Brief Leanders an Hero zur guten Hälfte

(IS, 1—116) in eine zum Distichon strebende Prosa übertragen; auf Schillers Ver-

anlassung hat er 179S aus den Metamorphosen (2, S1—99) den Phaethon in Stanzen

übersetzt, eine Arbeit, die ihn zunächst mit H e i t e r k e i t erfüllt (an Neuffer, 28. April

179S), voji der er aber später (im März 1796, auch an Neiffer) als von einem 50

a l b e r n e n P r o b l e m e spricht, womit ihn Schiller besser gar nie hätte plagen sollen.

— Schillcrs Ballade Hero und Leander ist erst im Juni ISOl entstanden.

7 o h n ' i h n ist Alles H ö l l e ] Vgl. Bürger, Lenore v. S^ f . : Bei i h m , bei i h m ist

Seligkeit, U n d o h n e W i l h e l m Hölle! (Grosch S. 28.)

366
Hero. DioTck S1-S7

1 4 Posidaoii] Vgl. V. 50. Auch im Empedoklcs verwendet Hölderlin diese Form mit
dem Ton auf der zweiten Silhe: Und AVasserwoogcn ziilimt Posidaon (Stuttgart,
cod. poet, et phil.fol. 6) Ilpag. 66); vgl. ferner die Übersetzung aus dem Oedipus
Coloncus des Sophokles v. 24 (mit dem Ton auf der dritten Silbe!); Homer- Uber-
5 Setzung (Ilias) 1. Gesang v. 400; Pindar- Übersetzung: Olymp. 10, 32 Posida-
nisclien; Pyth. 4, 246 Posidaons. — Dieselbe Namensfonn (mit dem Ton auf
der dritten Silbe) begegnet in Schillers Geheinmiß der Heminiszenz v. S4.
2 5 sieben solche SclireUeiinächtc] Ovid. Heroid. JS, 2S f . : septima nox agitur,
spatium mihi longius anno, sollicitwn raucis ut mare fervet aquis.
10 2 7 . 2 8 Wenn mein Jüngling meiner Angst gcdiiclite, 0 ! er spriich'Orkanen
und ^\''oogcn Holm.] Ovid. Heroid. 19, 95 f . : non ego tarn ventos timeo mea vota
morantes, quam similis vento ne tuus erret amor.

3 0 Spottet er meiner im Arm der Bulerijni —] Ovid. Heroid. 19, 10} f . : . . in


tua si veniunt alieni colla lacerti, fitque novus nostri finis amoris anwr.
15 31.32 Ha! so bin ich so leicht, so schon gerochen, . . . ich sterbe hier um
ihn.] Ovid. Heroid. 19, 105: a! potius peream, quam cri/nine vulnerer isto.
36—38 Nein! Geliebter! bleibe, bleibe du! Wann ich dich in diesen AVoogen
dächte, Deinen Pfad so schröklich ungewiß] Ovid. Heroid. 19, 204: nec nisi
tranquillo brachia crede mari.
20 4 3 Narrenscene] Kg-/. Narrenbiihne in dem Gedicht Die Demuth v. 19 und die
Erläuterung z. St.
49—52 Diese Verse entsprechen, nun von Heros Seite her, den Fersen 13—16.

DIE TEK

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788.

25 Überlief ernn g

II: Marbach, Quartheft Abt. 7 und S S. 4S-52 (s. dicBeschreibung S. 322 f.).
Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Litte-
raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld 13 (1SS5) S. 374—376.

Lesarten

30 1: Ah! (1) ich habe die herrliche Rebenberge erstiegen (2) so hab' ich
noch das Rebengebirge erstiegen (5) später mit blasser Tinte: die Trauben-

367
SS-SI DieTek

liiigel ijifr; das Rebengebirge I i 4 7.11 über der Zeile I i 8 köstliche oi«

köstlichen Ii 9 zaudern nach gestr. s t a u ( n m ) Ii 10 geben —] Ge-

dankenstrich aus Komma I i 12 froh auj frohl I i h e r b s t l i c h e n ] (1) h e r b -

lichen (2) h e r s t l i c h e n (3) herbstlichen I i 1 5 f r e u e n , z u ] f r e u e n zu II

1 9 falbigte aus falf I i 24 Eisern waren und g r o ß aus: G r o ß und eisern 5

waren (durch die Nummern 1—umgestellt) I i 26 schauen.] schauen Ii

2 8 Sprach aus Sch I i 2 9 trozende über gestr. ewige I i 3 2 meide aus

mein I i 3 3 Weih aus Vfich (Schreibfehler) Ii 41 Gebirges] i ai« dem

Ansatz zu ü (?) Ii 5 0 Dieses aus Diese I i Riesengebirge aus dem Ansatz

zu Riesenb<cr^c) II einfach oui s I i 5 5 M a u e r n , aus M a u e r , I i be- lO

deken,] bedeken. Ii 57 e n t g e g e n r u f t aus entgen Ii 63 ward aus

warde (Schreibfehler) Ii 67 Beben über Staunen Ii 77 W ä r ' t aus

Wäret I i 8 1 geklopfet aus geklopt I i ertönt aus ertönet I i 83 es

spielet über der Zeile I i lauschenden über h o r c h e n d e n I i 85 Freund-

s c h a f t , ] Freundschaft I i des] das s in der verkürzten^ einem r ähnelnden 15

Form I i llerni] HE. Ii

Erläuterungen

Dritter Versuch im Hexameter (nach Adramelech und Auf einer Haide geschrie-

ben). Stilistisch ist auch luohl hier das Vorbild Friedrich Leopolds Grafen zu Stol-

berg wirksam wie in den Hexametern Auf einer Haide geschrieben; vgl. dort die all- 20

genuinen Erlauterungen.

Die Teck ist ein steil rageruier (17 i m hoher) Berg unweit Nürt ingens, auf dessen Gip -

fei sich nur wenige Trümmer des Stammschlosses der Herzöge von Teck erhalten haben.

9 die glänzende B e e r e ] Nicht unbedingt als Singular aufzufassen: das Adjektiv

wird in den Jugendgedichten auch nach dem bestimmten Artikel überwiegend stark 25

flektiert (als ein Beispiel für viele v. IS: die waldigte RiesengebirgeJ, und Beere

ist die von Hölderlin bevorzugte Pluralform statt »Beeren« — z. B. Der Mensch

V. IS f . : die süßen Beere versuchend und in den Vorarbeiten zum Hyperion

(Homburg B JO): und pRükte m i r Beere an den Ileken und wilde Pflanzen

am W e g e . Ä'ack Grimms Deutschem Wörterbuch 1, 1243 schreiben Dasypodius 30

(in seinem Wörterbuch von ISSS), Luther, Henisch (Wörterbuch von 1616) für

Singular und Plural beer, Müaler (Wörterbuch von 1S61) beere.

1 6 H ü t t e n der gastliclien F r e u n d s c h a f t ] Vgl. in diesem Gedicht v. 7 i , 7S, SS,

SS; ferner: Auf einer Haide geschrieben v. ßß; Klopstock, Der Zürchersee v. 7h

368
DieTek. Am Tage der Freundschaflsfeier Sf—6>

17.18 Diese beiden Verse haben jeder eine Hebung zuviel.


4 8 tics Auslands häßlich gcliüiistcltc Affen] Vgl. Jin Tage der Freundschafls-
feier V. 12S: Und fluchte den verdorbncn Affen des Auslands.
5 3 Biedersitte] Fgl. v. 67.
8 1 Sclineidend goklopfet] Schneidend bezeichnet den liffekt des Klopfens.

AM T A G E D E R F R E U N D SCHAFTSFEIER

Jlinler der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1788. — Dieses erste
Gedieht in eigenrhythinisc}ien Versen ist wohl noch in Maulhronn entstandet!: es
beschließt das Marhacher Quartheft, worin Hölderlin, bevor er die Universität be-
jO ziehtf die Gedichte der Seminarjahre in Reinschriften sammelt. Vielleicht darf nuin
die Äußerung in dein letzten Maulbronner Brief an Nast, er habe vorgestern etwas
vollendet, davon ihm su manches Dutzend Tage lang der Kopf geglüht habe, auf
dies Gedicht beziehen: der Umfang und besonders die erstmals hier versuchte Vers-
form rechtfertigen das.
15 Siegmund-Schultze S. 100f. zweifelt Hölderlins eigenhändige Datierung an und
will das Gedicht, auch unter Mißachtung des handschriftlichen Zusammenhangs,
auf Ende -Juli 1789 verlegen, weil er — wie auch andre Erklärer — an den Tübinger
Freundschaftsbund mit Neuffer und Magenau denkt; das ist indessen nicht not-
wendig.
20 Überlief erun g

H: • Marbach, Quartheft Abt. S S. S2-60 (s. die Beschreibung S. 322 f.).


Erster Druck: August Sauer: Ungedruckte Dichtungen Hölderlins. Archiv für Litte-
raturgeschichte, hg. von Franz Schnorr von Carolsfeld (ISSS) S. 376—330.

Lesarten

25 3 VTa\xni\e:\'\ Ausrufzeichen aus Komma I'I 4 ichnusist/"/ 8 sah]f/nnac/i


ein Komma getilgt II 1 1 a m ai« den Irl 21 Brüder!] ^iisn//;cic/!cfi «iis
Komma II 2 4 Krieger,] Krieger 7 / 49 Fenster c/us Fest / / 59 ich]
mit dem i-Funkt ist ein Apostroph nach schwur getilgt; nach dem i wird zunächst
zu einem h (".''} angesetzt II erstenmal] erstemal II 8 1 T a l : ] Tal. II
3Ü 9 7 ernster m i r aus: m i r ernster (durch A''wnmern umgestellt) II 100 Und
aus Da II 1 0 8 Die Knaben] [Um sich] die Knaben Ii 122 Schande
Scliad Ii 1 2 6 weinte nacÄ g'cj//-..-fliiclite den ve Ii 140 immer]

369
SS—63 Am Tage der Freundschaftsfeier

r aus dem Ansatz zu h (Einwirkung des folgenden Wortes) II 142 n u n —]

Gedankenstrich später eingefügt H 146 goldene aus gl II 1 5 0 uns über

der Zeile Ii 155 O B r ü d e r aus: D e r e(dlen) (vgl. den nächsten Vers) Ii

161 S i e g e r f a u s t aus S i e g e r f u Ii

Erläuterungen 5

Die Form der in ungleich lange Abschnitte gegliederten eigenrhythmischen Verse

wendet Klopstock seit der ersten Ausgabe seiner Oden (1771) nur noch selten an

(z. B. Klage 1771, Die Lehrstunde 177 f , Psalm 1789); die in dieser Form vorher

im Nordischen Aufseher gedruckten Gedichte, darunter Die Frühlingsfeyer, werden

für die Ausgabe in gleichmäßige Vierzeiler gegliedert. Doch konnte Hölderlin die 10

ursprüngliche Form in der von Schubart 1771 unternommenen Ausgabe der kleinen

poetischen und prosaischen Werke Klopstocks kennen lernen, sodann auch in Schu-

bart s eigenen Gedichten, worunter der Ifymnus auf Friedrich den Großen (1786)

vornehmlich zu nennen ist, ebenso in den Hymnen Friedrich Leopolds Grafen

zu Stolberg (z. B. Die Begeisterung 177S, Freiheitsgesang aus dem zwanzigsten 15

Jahrhundert 177S, Homer 177S, Die Schönheit 1776, Die Feier der Erde 1778).

Goethes eigenrhythmische und ungleichmäßig gegliederte Gedichte wurden größten- .

teils erst im 8. Band der »Schriften« (1789) gedruckt, z. B. Meine Göttin, Harz-

reise im Winter, An Schwagcr Äronos, Ganymed; Wandrers Sturmlied ist erst

1810 veröffentlicht worden. Doch standen Mahomets Gesang und Der Adler und 20

die Taube (später: Adler und Taube) schon 1774 im Göttinger Musenalmanach. Den

von F. H. Jacobi in den Briefen über Spinoza 178S abgedruckten Prometheus hat

Hölderlin wohl erst in Tübingen gelesen. Überhaupt ist eher Schubarts und Stol-

bergs hymnischer Stil als der Goethes in diesem ersten Versuch einer neuen Form

wiederzuerkennen. 25

22 Suezia] Schweden.

23 P u l t a w a ] Niederlage Karls XII. von Schweden gegen Peter d. Gr. von Ruß-

land 1709 bei Pultawa in der Ukraine (Nordischer Krieg).

36 G u s t a v ] Gustav Adolf von Schweden — vgl. die Gedichte auf ihn S. SS—89

in diesem Band. 30

37 E u g e n i u s ] Prinz Eugen von Savoyen, der edle Ritter. Sein Sieg bei Hochstedt

1704 wird von Klopstock in der Ode »Fragen« (17S2) gefeiert.

50 L a r e n ] Vgl. Dem Genius der Kühnheit v. 29. — Lares, römische Schutz-

gottheiten des Hauses, die am Herde in einem besondren Schrein verehrt wurden.

370
Am Tage der IVcundschaftsfcier. An Louise "Nast SS —64

— Merkwürdig ist, daß Hiildcrtin hier ncicn Stella (Louise Nast) und Klopstok

auch Wiclaiid zu seinen L a r e n zählt, von dem er am IS. Februar '17S7 in dem

Brief an Immanuel Nast — bei besondrer Ablehnung des Neuen Amadis — sagt, er

sei ohnehin nicht sein S t e k U e n p f e r d ; merkwürdig auch, daß er sich in zwei Tü-

3 binger Briefen an die Mutler f l e h k a n n n u n nebst I h n e n . . . tmd Sie w e r d e n

iilso z u m voraus . . .), offenbar doch auf den Neuen Amadis anspielend, scherz-

haft den f a h r e n d e n B i t t e r und, im ersten Brief, die Schwester das i r r e n d e F r ä u -

lein nennt.

5 1 Schatten] Schattenriß.

10 6 0 unsers F ü r s t e n F e s t ] If^ohl der Geburtstag des Herzogs Carl Eugen, der 11. Fe-

bruar. DasCedicht,das den bei der Geburtstagsfeier 17 SS <ffcntlichabgelegten,in den

l'^crscn 61—72 erinnerten dichterischcn Schwur enthält, ist verschollen. Daß es sich

dabei um keine Fiktion handelt, bezeugt der Anfang des Briefs an die Mutter vom

Februar 17SS: Verzeilien Sie, d a ß icli l e i t e n B o t t e n t a g n i c h t g e s c h r i e b e n

•15 liabe. Sie w e r d e n wohl selbst d a r a n g e d a c h t h a b e n , d a ß g e r a d e a m T a g , wo

ich sonst JJriefe s c h r i e b , unsers Herzogs G e b u r t s f e i e r w a r . I c h h a t t e die

E h r e bei u n s e r m Festin als D i c h t e r a n f z u t r e t t e n .

125 Affen des Auslands] Vgl. Die Tek v. 4S: des Auslands h ä ß l i c h g e k ü n -

stelte Affen.

20 <AN L O U I S E NAST)

IVuhl beim Abschied von Maulbronn, Efide September 17SS, entstanden.

Überlieferung

H: Stuttgart IF 2: Schmaler Querstreifen 20 x 9 cm, untere Kante unregelmäßig

abgerissen; gelbliches, geripptes Papier ohne Wasserzeichen; beide Seiten

25 beschrieben. Auf der Vorderseite steht, früher als die Verse, eine Additions-

rechnung.

Erster Druck: Carl C. T. Litzmann: Friedrich Hölderlins Leben, Berlin 1S90,

S. 63-64.

Lesarten

30 Überschrift: fehlt H 1 sie aus dr(ohcn) H 8 D a s ] das noc/i ffcür. Da

ist H seelige aus dem Ansatz zu sei H 9 d e m o u j den H 10 d e m aus

den H 12 A u c h ] aOch ncc/i (1) L (2) L o h n e t /•/

571

1,24
64—68 An Louise Nast. Münnerjiibel

Erläuterungen

Eigenrhythmische Verse, deren strophische Entsprechung nicht nur durch die gleiche

Verszahl, sondern auch durch die gleiche Anordnung der Versnnfünge hetont ist.

Louise Nast hat Hölderlin, wohl auch zum Abschied, die ebenfalls von Carl

C. T. Litzmann a. a. 0. S. 63 erstmals gedruckten Verse gewidmet (Stuttgart cod. 5

poet, et phil.fol. 6? IV 4, 4):

Es wechsle wie sie will die Zeit!

Es m ö g e n i h r e J a h r e s c h w i n d e n !

N i e w i r d sie imsre Z ä r t l i c h k e i t !

O bester Freund verändert finden lo

D r u m k e i n e ^Vünsch u n d S c h w ü r e h e i t

D a n n u n s e r B u n d ist — f ü r die E w i g k e i t !

von

Deiner Louise.

MÄNNERJUBEL 15

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1 7 8 8 . — Die endgültige

Fassung der 1787 entstandenen Ode Mein Vorsaz schließt sich auf demselben Blatt

unmittelbar an und ist unterschrieben: I'lölderlin. Das deutet auf die Absicht hin,

die beiden Gedichte in einen Almanach zu geben, den eben vollendeten Männerjubel

(er steht nicht mehr im Marbacher Quartheft!) und die ältere, zu diesem Zweck über- 20

arbeitete Ode.

Überlieferung

/"/ (v. 1—40): verschollen ~ vgl. das unten verzeichnete Faksimile;

(v. 41-S2): Marbach I S18 (s. die Beschreibung S. H8 f . ) .

Faksimile der ersten zehn Strophen (v. 1—40): Gustav Könnecke: Bilderatlas zur 25

Geschichte der Deutschen Nationallitteratur, Marburg 1887, S.2S4 (in den

Lesarten auch als I'I bezeichnet).

Erster Druck der Verse 1—40: Friedrich Hölderlin's sdmmtliche Werke, hg. von Chri-

stoph Theodor Schwab, Stuttgart und Tübingen 1846, H 164—166; der Verse

41—S2: {Christoph Theodor Schwab): Neu aufgefundene Jugendgedichte Friedrich 30

Hölderlins. Morgenblatt für gebildete Leser 1863 Nr. 34 u. 3S (20. u. 27. August)

S. 828.

572
Miinnerjubcl 67—68

Lesarten

3 U m s l r u l t e s l aus Unislraloii H 12 gewälzt aus gcwäl-ict H 14 Er-

liabciilicit?] E r l i a b e n h e i t . H 1 5 g r ü n d t d e r T i e f e n n»s; g r ü m l e t T i e f e n / : /

tiefste am Rande nach.getragen l'I 16 e u c h aus E u c h II 21 glimmt

:> aus g a ( , . I'I 25 U m aus I n H 27 G ö t t e r ; ] Ausrujzciclicn aus

Komma II 3 3 h a d e r n d e n ans h a a d e r n d e u I'I 4 1 K i n d e r aus dem Ansatz

zu einem andern Buchstaben H 42 F i n s t e r n i ß aus Finsternis. II

Erläuterungen

Alkäisches Silbenmaß.

10 Die gepriesene Drcihcit der T ö c h t e r G o t t e s , der G e r e c h t i g k e i t , der F r e i h e i t und

der L i e b e des V a t e r l a n d s , erinnert an die drei goldenen TUchtcr der gut ratenden

Themis: Ordnung (Eivoßla), Gerechtigkeit (Alxa) und Friede (Eigdva), die Hören,

die Pindar in der 1. Strophe des Ii .Olympischen Siegcslieds nennt. Hölderlin, der

diese Stelle später im griechischen IVortlaut unter der Überschrift Ursjirung d e r

13 Loyole (-- loyaule) abschreibt (Homburg F S2), kannte das Findarische Gedicht

wahrscheinlich schon zur Zeit des M ä n n e r j u b e l s ; denn Pindar wurde in den würt-

Icmbergischen Klosterschulen gelesen (vgl. J. Eitle: Der Unterricht in den einstigen

württ. Klosterschulcn. Zs. f . Gesch. d. Erziehung u. d. Unterr. Beiheft S, Berlin

191S. S3 f . ) . War es ihn aber noch unbekannt, so ist diese frühe Ähnlichkeit

20 mit dem Dichter, der später Form und Geist der vaterländischen Gesänge entscheidend

bestimmt, desto merkwürdiger und gültiger,

7 . 8 d e r Völker K r o n e n ] Vgl. Die Demuth u. 9 ; dort heißen die »grißren, edleren

der Schwabensöhne« G e s c h l e c h t von o b e n ! V a t e r l a n d e s k r o n e n !

9.10 Inschrift des von Fritz von Graevenitz für die 1914—IS gefallenen Olga-

25 Grenadiere geschaffenen Denkmals, das einen ruhenden Löwen darstellt, im Stutt-

garter Orangeriegarten.

19 O r i o n e ] Fgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. 97: H a r r e t eine W e i l e ,

O r i o n e ! Den Plural dieses Sternbildnamens wendet auch Klopstock gern an — vgl.

Messias 2, 776 f . : I h n s c h r e c k t e d e r Glanz u n d die f l i e g e n d e n D o n n e r Gegen

30 ihn wandelnder Orione.

21 d e r G ö t t l i c h e n ] Gemeint sind die drei E r h a b n e n , die T ö c h t e r G o t t e s .

373
69—74 Die Bücher der Zeiten

DIE BÜCHER DER ZEITEN

Die Handschrift tragt in der rechten oberen Ecke den flüchtigen Vermerk von Chri-

stoph Schwabs Hand: J u g e n d g e d i c h t , walirscheinl. aus d e r M a u < / ) b r o n n e r Zeit.

Die Erwägung, daß es nicht mehr in die Sammelhandschrift des Marbacher Quart-

hefts aufgenommen ist, führt zu der Vermutung einer späteren Entstehungszeit. ^

Stilistisch gehört es wohl noch in das Jahr 17SS, mithin in die ersten Tübinger

Monate.

Überlieferung

II: Stuttgart I 4 f : Zwei ineinandergelegte Doppelblätter 17,S x21,S cm, aus

einem Foliodoppelblatt gewonnen (obere Kante beschnitten'); gelbliches, ge- 10

ripptes Papier; JVasserzeichen: Gekrönter Doppeladler mit Schwert und

Reichsapfel — L O E H L E (Das Gedicht steht auf den Blättern 4S; 4S, 1;

4S, 3; 4S,4; das Blatt 4S, 2 mit dem Gedicht {An die Vollendung) (S. 7Sf.)

ist irrtümlich in diese Blätterlage eingeheftet).

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann, 15

Stuttgart {1S96), 167-72.

L e s art cn

3 3 Palläste aus Pälläste H 4 6 V a t e r m o r d ! ] Ausrufzeichen aus Komma H

47 blaugevvürgt 1 ] b l a u g e w ü r k t ! (Ausrufzeichen aus Komma) H 52 Hohl-

a u g i g t e aus H o h l a u g t / / 6 1 Der aus Gc(schlachteter) H 74 Weib] Weib' 20

(W aus undeutlichem Ansatz) II 79 g e s t o ß e n aus gesp II 94-102:

später (am unteren Rand) eingefügt II 9 9 sieli aus die II 1 0 1 F e u e r aus

Flutli(en) (Schreibfehler) II 106 \veiser A l l m a c h t s h a n d ] w aus A II

109 d e n k t ] vielleicht verschrieben statt l e n k t 122 zu m a c l i e i i ] 7.u m a c h e n

zu m a c h e n (Schreibfehler) II 127 den aus d e m II 137 den aus t H 25

1 4 2 I'osüuri] danach ein Komma getilgt II 1 4 5 Zum Lohn ]Z aus dem Ansatz

zu D II 1 4 8 U n t e r d e r M e n s c h h e i t ! U n t e r M e n s c h h e i t II 151 Richt-

stuhls?] Richtstuhls. H 154 e i n h e r z u g e h n aus einz II 161 schaur-

Mchen nach gestr. t\mrm.e(gleichen?) H 1 6 5 N i e g e d a c h t ] zuerst etwas fiji-

gerückter Ansatz zu einem N ; nach dem g zuerst ein a II A n b e g i i m aus Ang II 30

Erläuterungen

Der Am Tage der Freundschaftsfeier erstmals versuchte Stil der eigenrhythmi-

574
Die Bücher der Zeiten 69—74

sehen reimlosen Verse, noch beweglieher und leidenschaftlicher durch die Verki'trzung
der einzelnen Zeilen wie auch durch die Versanordnung (Treppenform der Cebels-
Strophen, Heraushebung der sich neunmal wiederholenden Zeile Da stellt geschric-
bcnj, nimmt auch melodramatische Elemente nach Art der Hero auf, was schon
5 äußerlich in den beiden Vortragsanweisungen (v. 90a u. 107a) zum Ausdruck kommt.
2 5 . 2 6 Mit g r i m m i g e m Stacliel, Tief in der Unschuld Herz.] Herz ist Akku-
sativ (der Dativ müßte Herzen lauten); das IVort Stacliel ist so leidenschaftlich
empfunden, daß es die verbale Tätigkeit des zustoßenden Stcchens mit ausdrückt.
5 1 sicheren Freunil] Dem nichts ahnenden, sich sicher fühlenden Freund — vgl.
10 (Einladung an Neuffcr) v. f : dein sichres Haupt.

5 5 Kannibalen] Das allein einen Vers ausfüllende [fort wird dadurch noch ge-
steigert, daß in jedem der vier folgenden Verse das Wort Menschen in grausigen
Zusammensetzungen vorkommt.
8 4 Clicdcrbau] Auch im Brief an Neujfer vom 3. Juli 1799. Das Wort ist nach
15 Grimms Deutschem Wörterbuch IV1, S Spalte 4S »erst seit dem 1S, Jahrhundert be-
legt, den Mundarten fremd«; dort auch Belege bei Lavater, Herder, Jean Paul u. a.
9 9 - 1 0 2 Die Gerichte treffen den Frommen, den Sünder: derselbe polare Ausdruck
für »alle Menschen« wie schon v. 2S—S1: V^erschlingeiid die F r o m m e n , Ver-
schlingend die Sünder, Zerreißend die Häuser Der F r o m m e n , der Sünder.
liO Ebenso stellt v. 101 Die Fluthon die Feuer eine polare Umschreibung der gesamten
lirilegerichte v. 102 dar. Hier wird in geballter Zusammenfassung erinnert, was
vorher einzeln ausgeführt ist: v. 27: Und schröklichc Fluthen . . . v. 32: Und
fressende Feuer . . . — Hölderlins Neigung zum polaren Ausdruck wird besonders
deutlich in der späteren Ode Der Frieden — vgl. Friedrich Beißner, Zeitschrift für
25 deutsche Philologie 59 (1934) S. 261.

1 1 0 Das bunte Zeitengowimniel] Akkusativ und Objekt zu denkt v. 109 — nicht


etwa, wie 'Zinkernagels gegen die Handschrift gesetzte Interpunktion will, Subjekt zu
dem Prädikat Ist Liebe v. I I I . — Vgl. 1. Joh. 4, S u. 16: Gott ist die Liebe.
1 1 2 ilörs Himmel und E r d e ! ] Vgl. Hymne an die Muse v. 107.
30 1 1 9 - 1 2 1 Crc\izc%lod] Die dreimalige Wiederholung des IFortes erinnert an das
alte Agnus Dei, worin Christus dreimal angerufen wird als das Lamm Gottes, das
die Sünden der Welt trägt.
1 2 9 der S t r o m ] Gemeint ist derkawn noch atmendeStrom des versliunmendenMar-
fenklaiigs — ein von Jilopstock gern verwendeter Ausdruck, z. B. Messias 13, 166 f . :
35 Mit dem Strom des feyrenden Liedes, lispelt' und hallte H a r f und Posaune.

375
69—76 Die Bücher der Zeilen. An die Vollendung

137 i m F e l s e n ] Im Felsengrab des Joseph von Arimath'da. Im Messias wird der

Auferstandene besungen ( I i , 709): H e r r l i c h s c h w e b t e s t du ü b e r d e m Felsen des

offenen G r a b e s (vgl. auch 12, 1S7; I i , S4; I i , SSO u. a.).

1 4 1 K o m m e t w i e d e r , M e n s c h e n k i n d e r ! ] Psalm 90, 3.

1 4 8 M e n s c h h e i t ] Das »kreatürliehe« Menschsein (wie in Goethes »Grenzen der 5

Menschheit«), nicht etwa nach heutigem Sprachgebrauch die Gesamtheit der

Menschen.

152—165 Deutlicher Anklang an das erste Stasimon der Antigone des Sophokles

(v. 332ff.): noXlä rä ösivd, in Hölderlins Übersetzung: Vieles g c w a l t g e giebts.

D o c h n i c h t s / I s t g e w a l t i g e r , als d e r M e n s c h usw. 10

1 6 2 L e v i a t h a n s e r l e g e r ] Der Leviathan ist ein Meeresungeheuer; vgl. lliob 40, 20

bis 41, 2S; Jesaja 27, 1.

1 7 1 A l l w e i t ] Vgl. {Ende einer Gedichtfolge auf Gustav Adolf) v. 37, wo r i n g s u m

für allweit eingesetzt ist (siehe die Lesarten). Grimms Deutsches Wörterbuch führt

nur einen Beleg an: f a n d alles voll von d i r allweit / u n d alles öde w i e d e r 15

(Herder).

<AN D I E VOLLENDUNG)

Vermutlich bald nach dem vorigen Gedicht entstanden.

Überlieferung

II: Stuttgart I4S (Matt 4S, 2): Einzelblatt 18 x 20,S cm,linhe Kantebeschnit- 20

ten; rechts 4 cm breiter abgefalteter Rand; gelbliches, geripptes Papier;

Wasserzeichen: F E ; irrtihnlich in die Mitte der Slätterlage Die Bücher der

Zeiten (S. 69—74) eingeheftet.

Erster Druck: Carl Müller-Rastatt: Aus Friedrich Hölderlins Schülerjahren. Neues

Tagblatt, Stuttgart, SO. Jahrgang Nr. 140; IS. Juni 1S93, Zweites Blatt, S. 9 25

— ohne die fünfte Strophe; erster vollständiger Druck: Hölderlin, Sämtliche Werke,

historisch-kritische Ausgabe, unter Mitarbeit von Friedrich Seebaß besorgt durch

Norbert v. Hellingrath, 1. Band, besorgt durch Friedrich Seehaß, München und

Leipzig 1913, S. S1 f .

Lesarten 30

Überschrift: fehlt H 7 zahllos] zahlos H 12 Fernstes] Fernste H

1 3 - 1 5 : am Rande für ursprüngl.: U n d flog auf des S t u r m e s F l ü g e l n / D i r zu

376
An die Vollendung. Schwabens Mägdelein 7S—7S

die (1) g l ü g (2) g l ü h e n d e L i e b e ! / Aeonen lang die g l ü h e n d e L i e b e ! II

1 4 z u , ] zu I'I 1 5 N o c h «WS D o c h II s c h m a c h t e t aus s c h c h H 16 Ach

nach dem Ansatz zu: - FcT(n) H 2 1 hoher] höher / / 24 dir z u ] dir dir

(Schreibfehler) II (zur Berichtigung vgl. v. 2S) 2 6 z e r s t r e u t «i/s v e r s t r e u t / /

5 2 7 D o c h aus dem Jnsatz zu einem andern Buchstaben II Sieges aus gieuiiß) II

30 K\\hcg\m\T\ Fragezeichen aus Komma I'I 3 6 r u h n ? ] rului. I'I

Erl auterungen

IVie in den Büchern der Zeiten gegen Schluß Klopstocks P'orhild in der IVortwahl

immer deutlicher spürbar wird, so ist dieser Hymnus an die Vollendung auch in der

10 metrischen Form Klopstockisch gebändigt: die reimlosen eigenrhythmischen Verse

gliedern sich syntaktisch zu regelmäßigen Vierzeilern. Diese Form bleibt bei Hölder-

lin ein einmaliger Versuch. (In dem Gedicht {Da ich ein Knabe irar . . .) bilden

diese Strophen nicht das einzige Maß.)

2 1 . 2 2 Voll h o h e r E i n f a l t E i n f ä l t i g still und g r o ß ] S;;iir rft-r f/im;/! mi«c'/-

15 baren?) Kenntnis JVinckelmanns, der in griechischen Standbildern ycdle Einfall

und stille Größe« verkörpert sieht.

(SCHWABENS MÄGDELEIN)

In dem undatierten Nürtinger Brief an Neuffer ("Nach l a n g e r Zeit u n t e r h a l t ' i c h

mich . . sagt Hölderlin: Zu d e r s c h ö n e n M e l o d i e h a b ' ich g l e i c h nacli der

20 Vakanz ein L i c d c h e n g e m a c h t . D a m a l s wars m i r freilicli n o c h lieller u m s

Auge. In demselben Brief spricht er von einer Fußverletzung, um deretwillen er einen

Krankheitsurlaub von 4 Wochen bekommen hat. Vorher hatte er Reiscerlaubnis für

einen Tag erhalten, wie aus dem fragmentarischen Brief an die Mutter hervorgeht,

der vor der geplanten mündlichen Ausspräche mit der Mutter den Wunsch, aus dem

25 Stift auszuscheiden, eingehend begründet haben muß, und dessen erhaltener Teil

beginnt: . . E r l a u b n i ß . W e r d e also an n e m l i c h e m T a g e in d e r Chaise {nach

Tübingen} z u r ü k k e h r e n . Diesem Briefe war das g l e i c h n a c h d e r Vakanz ent-

standene Liedclien beigelegt: H i e r d e r lieben R i k e das v e r s p r o c h e n e L i e d c h e n .

Der am 2S. November 1789 angetretene vierwöchige Krankheitsurlaub wird vom

30 Stuttgarter Konsistorium am 3. Dezember genehmigt (Registratur des Evangelischen

Stifts Tübingen, Kasten 6 Fach 8 Nr. 2 und Kasten 7 Fach 1 Nr. 2). Neuffer hatte

damals, wie auch aus den Stiftsakten (ebenda) hervorgeht, die Erlaubnis, > Wochen

377
77~7S Schwabens Mägdelein

später ins Semester zurückzukehren, die am November nochmals um 12 Tage

verlängert wird. So können sich die Freunde, wie aus Hölderlins Brief hervorgeht,

nicht mehr in Tübingen begrüßen. — Magenau erwähnt auch in einem Brief aus

dem Dezember 1789 Hölderlins kranken Fuß. (Die Erwähnung in Nasts Brief vom

17. April 17S9 hat mit der neuerlichen Erkrankung im November nichts zu tun.) 5

Das L i c d c h e n muß nach allem gegen Ende Oktober 17S9 entstanden sein (die

Vakanz dauerte etwa bis zum 20. Oktober). Es ist also wahrscheinlich etwas später

anzusetzen, als es im Text noch vor der Kenntnis der genannten Stiftsakten unter

der bisher gültigen Annahme, es handle sich um die Ostervakanz, geschehen ist.

Doch ist es wohl eher entstanden als die Oden (Zornige Sehnsucht^, An die Ehre 10

und die damit zusammenhängenden Gedichte (Stuttgart I 34), die sich aus der

Depression erklären, die dann im November auf die Zeit folgt, da dem Dichter n o c h

h e l l e r u m s Auge war.

Uberlieferung

II: Stuttgart 124: Einzelblatt 23x37 cm, an einigen Stellen beschädigt, die 13

rechte untere Ecke mit Textverlust herausgerissen; gelbliches, geripptes Papier

ohne Wasserzeichen; in anderthalb Spalten einseitig beschrieben, zur besseren

Erhaltung auf einen starken Bogen geklebt.

In der linken unteren Ecke (ohne Beziehung zu dem Lied):

Tr. 20

H, 5000-1044

L. 5 1 0 0 - 944

Ol. 5 2 0 8 - 856

5000 ist verbessert aus 5 0 1 0 ; 5100 aus 5000. Die Summe der beiden Zahlen

ist jeweils 4044. 25

Erster Druck: Karl Müller- Rastatt; Aus dem Nachlasse von Friedrich Hölderlin.

Blätter für literarische Unterhaltung 1S93 Nr. 27 (6. Juli) S. 417-41S.

Lesarten

Überschrift: fehlt H 3.4: in der rechten Spalte für ursprüngl.: Der kau

m e i n T r a u t e r n i m m e r sein D e r i h r e r sich n i c h t f r e u t . II 30

3 E n g e l ] darüber F r ö l i c h e n (die so begonnene Variante wird nicht ausgeführt) II

5 M i r w a r n o c h i m m e r über gestr.: M e i n T a g e w a r m i r Irl

8 a—d; durch eine Klammer am linken Rand und eitlen schrägen Strich getilgt

(vgl. V. 2S-2S):

378
Schwabens Mügdelciii 77—7S

N i c h t m i n d e r lob ich alle m i r

D i e Scliwabeiiinägdeloin

Und t r a c h t i m H e r z e n f ü r und f ü r

M i c h i h r e r G u n s t zu f r e u ' n . Irl

5 9 b ü k t aus s(ieht) H 10 t r a u t über schon H

13 : (1) gestrichen und am linken Hand cingcklainmcrt:

V o m iSIundo lüchclt Engelssinu

(a) A (b) Vom Aujfc stralet G e i s t

(2) gestr.: Es f r e u e t Hos' und N e l k e sicli

10 (5) daneben^ in dar rechten Spalte:

Die B l u m e n wachsen s i c h t b a r l i c h II

15 b e u g e t aus b e g II E r l e über gestr. B u c h e H 17 Kind aus S II

18 s c h m i e g t aus sclii H traulicli gestr. u. unterpunktet II 20 sonders

über gestr. alle H 21 Es f r e u n sich alle] darüber, wieder gestrichen: Die

15 M ä n n e r staunen II 29 Kuhnisgc\vimi] l l u h m s g ( f a ' ü i / i ) II 31 Ivomt^

K o n i t ' II in S i n n , ] ins { . . . . ) I[ (Entweder ist ins ein Schreibfehler oder es

ist ein Neutrum zu ergänzen mit entsprechendem Reim v. 29.) 32 : (1) So g e h t s

im (2) Text H 33 H o n i g s e i m ] Honi<»iciV"> Irl 34 Herr] U.E. II

e r h e i m !] o(r/lei'm/) Irl 3 7 — 4 4 : in der rechten Spalte der Seite H 37:

20 (1) Sei's wer da will m i t f r e i e m M u t h (2) Text II H e r z aus lies II

41-44: (1) gestrichen:

E r sage m i r von F r e u d e n n i c h t

Die G o t t e s W e l t g e w ä h r t

(d) [ E r f ü h l t sie niclit d e r a r m e W i c l i t ]

25 (b) W e r Miidclieu keine Kranze fliclit

Ist keiner F r e u d e (a) weh (/?) u e r t h .

(2) Text II

Krläut erungen

Das stilisti.':clL unter den gleichzeitigen Gedichten ganz für sich, stehende nnspruchs-

50 lose Lieilchen verdankt seine Form der (wohl schwerlich nachweisbaren) Melodie,

zu der es gemacht worden ist, wie auch dem Vorbild Schubarts, den JUilderlin da-

mals in Stuttgart besucht hat (vgl. den undatierten Brief an die Mutter: E.s s c h m e r z t

m i c h iiiiDerst . . .). An Schubarts Schwabenlied (Gedichte, hg. von Ludwig Schu-

379
77—80 Schwabens Mägdelein. Die heilige Bahn

hart^ Frankfurt a. M. 1S02, II SSO f . . entstanden 17SS) mag man denken^ dessc?i

Jnfangsstrnphe lautet:

So h e r z i g wie die S c h w a b e n ,

Gibts halt nichts weit und breit.

D e n n w e l c h e Völker iiaben ^

So viele R e d l i c h k e i t ?

I h r H e r z d e n k t anders n i c h t ,

Als ^vas die Z u n g e s p r i c h t .

So h e r z i g wie die S c h w a b e n ,

Gibts halt nichts weit und breit.

Das Schwabenlied übernimmt die Melodie des Schwäbischen Bauernlieds (Gedichte

1S02, II 308—SlO), das schon unter den von Schubart selbst herausgegebenen Ge-

dichten (Frankfurt a. M. 1787, II 213-215) steht und so beginnt:

So h e r z i g , w i e m e i n Lisel,

G i b t ' s h a l t n i c h t s auf d e r W e l t , ^^

V o m Köpflein bis z u m Füssel

Ist sie g a r wohl b e s t e l l t :

Die Vfänglein weiß und r o t h ;

I h r M u n d , wie Z u c k e r b r o d .

So h e r z i g , wie m e i n Lisel, 20

G i b t ' s h a l t n i c h t s auf d e r W e l t .

Juch mit dem Schwabenlied von Carl Philipp Conz (in Stäudlins Schwäbischem

Musenalmanach 1782, S. 21 f . ) , das zudem im nämlichen Silbenmaß abgefaßt ist,

hat Holderlins L i e d c h e n einige Ähnlichkeit.

(DIE HEILIGE BAHN)

Diese ein eigenes Silbenmaß versuchende Ode gehört wohl auch zeitlich mit der fol-

genden, die eine Klopstockische Strophe nachahmt, eng zusammen.

Überlieferung

II: Stuttgart I 42: Doppelblatt - Bl. 1: 12,S x 21 cm; Bl. 2, in Längsrichtung

schräg abgeschnitten: obere Kante 11,2 cm, untere 6 cm — gelbliches, geripp- 50

tes Papier; Wasserzeichen: TVnppen (durchschnitten). Das Gedicht steht auf

580
Die heilige ISahn 79-SO

S. 1 und (die beiden letzten Strophen) auf S.2 oben; auf S. 3 Federproben;

auf S, 4 das metrische Schema:

(v. }: das breve-Zcichcn für die 6. Silbe ist aus einem longum verbessert.)

Faksimile der ersten Seite: im ersten Druch, nach S. 32.

Erster Druck: Hölderlin., Sämtliche IVerke, historisch-kritische Ausgabe, unter Mit-

10 iirheit von Friedrich Seebaß besorgt durch Norbert v. Hellingrath, 1. Band, besorgt

durch Friedrich Scebaß, Mi'tnchen und Leipzig 191 S. 27 f .

Lesarten

Überschrift: fehlt H 5 g e b a u t «i« gobu H 7 g l e i c h d e n ] (1) wie die

(2) ge (5) gleich den I'I 8 An d e r ] A n d e r I I 11 g r o ß e n liicr f u r c h t -

15 harn H 13 heWciw über der/Leile H A u g ' aus A u g e n H Lieds] Lied

(Schreibfehler) Ii 14 jenes über der 2,cilc Irl 15 T h ä l e r aus T a H

1 7 FlaniniengewölU] F l a m m e n g e w o l k Ii 18 r e n n e n d e n G a n g s ] (1) F r e i -

lieitgangs (2) r e i m e n d e n über F r e i h e i t I i 19 r a u s c h e n aus r a u s c h t Ii

22: (1) ^ « / r . . - N u r in d e m A n n des B r u d e r g e f ü h l s {2) Text. I i 24 Vater-

20 land aus w I i 27 voll ist] hier bricht die Handschrift ab.

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist anscheinend von Hölderlin frei erfunden. Klopstock hat diese

Strophe nicht. Sie ist auch nicht, wie Siegmund-ScJiultze S. S7 f . nachweisen

möchte, der Ode Mein Vaterland von Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg nach-

25 gebildet. Das von Hölderlin aufgezeichnete und auch streng befolgte Schema stimmt

nur in der ersten Zeile mit dem Stolbergschen überein (aber auch z. B. mit der ersten

übrigen Zueilen unterscheiden sich wesentlich in Betonung und Silbenzahl von dem

angeblichen Vorbild.

3U 12 Aristoteles sitzt auf dem Hichtstuhl an der Pforte der heiligen Bahn, die der

junge Dichter betritt, als Verfasser der Schrift FIeqI notrjTixfjg, worin die Regeln

der Dichtkunst aufgezeichnet sind.

14.15 und jenes C e b i r g ' E i l t sie h i n w e g ] Gemeint ist wieder — nach dem v. S

beginnenden Einschub — die heilige Balm, Auch hier ist, ähnlich den in der Er-

381
79—82 Die heilige Bahn. Keppler

läutcrung zu dem Gedicht An M. B. v. 1 besprochenen Füllen^ ein intransitives Verb

transitiviert, indem gesagt wird »jenes Gebirg' hinwegeilen« statt: »von jenem Ge-

birg' hinwegeilen«; vgl, Friedrich Maximilian Klinger (Dramatische Jugendwerke^

hg. von Hans Bcrendt und Kurt W o l f f , Leipzig 191 S114): . . . u n d er w i r d d i c h

f ü t t e r n , d a ß du die S a a l t h ü r e n i c h t d u r c h k a n n s t (Otto S. 8); D e n M o r d f e l s e n 5

. . . w i d e r p e i t s c h e n die Höllengestalten m i t ihren garstigen Flügeln (Otto

S. 106); D u l i e ß e s t d i c h in einen P a p i l l e n v e r w a n d e l n , n u r u m sie b e s t ä n d i g

l i e r u m f l a t t e r n zu können (Das Zeigende PVeib S'. 20S).

1 9 W a f f e n g e r ä u s c h r a u s c h e n seine T r i t t e ] Die Tritte des r e n n e n d e n G a n g s .

Das IJ'ort r a u s c h e n ist hier in demselben ursprünglichen, heute nicht mehr gc- 10

bräuchlichen Sinne verwendet wie in Schwärmerei v. 14: N a h e r a u s c h e n schon des

\ V ü r g e r s T r i t t e ; oder Dem Genius der Kühnheit v. 2S: O f t h ö r ' i c h deine ^Vehre

r a u s c h e n ; oder Brod und Wein v. 2: . . . r a u s c h e n die AVagcn l i i n w c g ; oder

Heidelberg v. 8 des Entwurfs: D i e von^Vagen u n d M e n s c h e n r a u s c l i t ; vgl. ferner

Schiller: Philosophische Briefe, zu Beginn des ersten Briefes: Das t r a u r i g e R a u - 15

s e h e n des AVagens, d e r d i c h von h i n n e n f ü h r t e . . . ; als Beispiele dafür, daß

auch Waffen »rauschen«: Wallenstein v. Der Waffen dumpfes Rauschen;

Die Zerstörung von Troja v. 6SS: Von W a f f e n r a u s c h t s in allen Z i m m e r n (wo

der Ausdruck durch die lateinische Vorlage, Virgils Aeneis 2, 49S, keineswegs nahe-

gelegt wird: Danai . . . late loca milite complent). 20

KEPPLER

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1789.

Überlieferung

II (v. 1-24): Marbach ISOS: Einzelblatt 11,1 (11,S) x 18,S cm, nur ein Teil

der unteren Kante unbeschnitten; gelbliches, feingeripptes Papier ohne Wasser- 25

zeichen; auf der andern Seite Gustav Adolf v. S3—76.

(v. 2;-S6): Frankfurt a. M., Freies Deutsches Hochstift 1012: Einzelblatt

11,3 X 18, S (18, f ) cm, untere Kante unbeschnitten; gelbliches, feingeripptes

Papier ohne Wasserzeichen; am oberen Rand undatierte Echtheitsbestätigung

durch Mörike. Auf der oberen Hälfte der Vorderseite: Keppler v. 2S—>6; 30

darunter die Uberschrift und die beiden Anfangsstrophen des Gedichts An

382
Kepplcr S.I-S2

ThiUs Crab; auf der Hiichscite: An Thills Crab v. 9—'i2 (die letzte Strophe
fehlt).

Erster Druck: Friedrich Jlülderlin's sümmtliche JVerke, hg. von Christoph Theodor
Schwab, Stuttgart und Tübingen 1S46, II 167-16S.

5 Lesarten

5 cinlicr!] Ausruf zeichen aus Komma H 6 M i e n e ! ] Ausrufzeichen aus


Komma Irl 12 w a g t ' ] der Apostroph wird zuerst zu hoch gesetzt, so daß er
als Komma nach dem darüber stehenden Bescliauns mißverstanden werden könnte;
er luird darum gestrichen und etwas tiefer wiederholt H 1 3 erliabencn nui E r -
10 liabencn II 1 5 Gefild ausw II 1 6 Sohn!] .4uiru/zfic/im aus Komma II
17 schwinclcltc; ] Semikolon für ursprüngl. Komma II 2 1 Mark] Mark, H
22 Brust —] Gedankenstrich aus Komma H 26 die aus der I'I 28 den
über der '/.eile II 3 4 stille aus Stille I'I 3 6 Des aus Das H

Erläuterungen

15 Das Silbenmnß ist Klopstock entlehnt, der es in den Oden Siona (1764), Stinten-
biirg (1767) und Die deutsche Sprache (17S}) verwendet und so aufzeichnet:

—^ ^ — ^ ^ — w —,

Johannes Kep(p)ler, geboren am 27. Dezember 1S71 zu JVeil der Stadt, der alten
schwäbischen Reichsstadt, gestorben am IS. November 16i0 zu Regensburg, trug als
Begründer der Dioptrik wesentlich zur Verbesserung des astronomischen Fernrohrs bei.
Hölderlin ist wahrscheinlich, worauf Siegmund-Schultze S. 10S hinweist, zu dieser
25 Ode angeregt worden durch das »Schreiben über einen Versuch in Crabmiilern nebst
Proben« von Johann Jakob Azel im 2. Stück des Wirteinbergischen Repertoriwns
der Litteratur 17 S2. Das C rahmal für Keppler ist S. 22 J entworfen (mit einer von
Schiller verfaßten lateinischen Inschrift): Die Urne, m i t m a t h e m a t i s c h e n In-
stniMienten \imgcben, stehet auf einem vollkommenen W ü r f e l , wo in einem
30 Basrelief Keppler vorgestellt ist, welchem die in die Sphiiren deutende Astro-
nomie Flügel giebt, Newton folgt der Fakel nach, die i h m Keppler darlüilt.
I m Vorgrund sizet das Glück, das Kepplern den Rücken kehrt. Auf der ent-

385
S1-S4 Keppler. An Thills Grab

g e g e n g e s e i t e n Seite w e i n e t die N a c h w e l t , u n d auf den zwo a n d e r n Seiten

sind seine W e r k e m i t L o r b e e r n u m w u n d e n .

JOANNES KEPPLERVS
FORTVNA MAIOP,
N EVT 0 N I 5
PER S I D E RA
D VCT 0 R

D e r Plaz ist in einer e i n s a m e n melancliolisclien G e g e n d .

Der Anfang der Ode hat Anklänge an (Die heilige Bahn).

9 D e n k e r in Albion] Isaac Newton (1642-1726); ebenso v.lh der erliabenen 10

T h e m s e Stolz. Vgl. auch Gotthold Friedrich Stäudlin, An die Jünglinge meines

Faterlands v. 21 f . : O K e p p l e r du, des S t a u b sich sollte m e n g e n M i t N e w t o n s

Staube, tritt hervor!

11 l e i t e t e ] Vgl. Azels Entwurf des Grabmals und in Schillers Inschrift die Be-

zeichnung DVGTOR. 15

12 voran l e u c h t e n d ] Azel: N e w t o n f o l g t d e r Fakel n a c h , die i h m K e p p l e r

d a r h ä l t . (Vgl. auch v. 19 f . und An die Ruhe u. IS.)

15 G e f i l d w ü r d i g e r n L o h n s ] Vgl. Gustav Adolf v. SS: v o m G e f i l d e des Lolms.

29 H e k l a ] Vulkan auf Island. Vgl. Schiller, Kastraten und Männer v. S2: Als

s ä h t i h r H e k l a b l i z e n ; Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Ifynine an die Erde 20

V. S9: H e k l a m ü s s e d i c h n i c h t , d i c h m ü s s e d e r A e t n a n i c h t w e c k e n

daß auch hier beide Male der Name ohne Artikel gebraucht ist).

33 M u t t e r d e r R e d l i c h e n ! Suevia! ] Auch in der Ode An Thills Grab v. 1) wird

von den R e d l i c h e n Suevias (d. i. Schwabens) gesprochen.

AN T H I L L S G R A B 25

Hinter der Überschrift von Hölderlins Hand die Jahreszahl 1789.

Überlieferung

H (v. l-?2): Frankfurt a. M., Freies Deutsches Hochstift 1012 (s. die Be-

schreibung S. iS2f.).

B^ (v. 1 — 36): Friedrich Hölderlin s särwntliche Werke, hg. von Christoph Theo- 50

dor Schwab, Stuttgart und Tübingen 1S46, II 16S-169.

384
An Thills Grab SJ-S4

Lesarten

1 L c i c l i e n r e i h c n aus L c i c l i r Irl 9 Knabciigcfül^les aus Kiiabegefüliles I'I

23 deine vor gcstr. L i e d e r H 29 I c h aus icli H

Erläuterungen
5 Alkäisches Silbenmaß.

Johann Jakob Thill^ geb. am 22, Dezember 1141 zu Stuttgart, Zögling der Kloster-

sehulen Blaubeuren und Bebenhausen, dann des Tübinger Stiftes, Vikar seines Vaters

in Großheppach (Oberamt Waiblingen), gest. am 31. März 1772; vaterländischer,

von Klopstock begeisterter Dichter. 7m seinen Lebzeiten ist kein Werk gedruckt wor-

10 den; aus seinem Nachlaß sind einige Gedichte veröffentlicht im Taschenbuch für

Dichter und Dichterfreunde, Leipzig 1774, in den ersten Jahrgängen des Schwäbi-

schen Musenalmanachs (Blwnenlese) von Stäudlin (17S2 u. 1783) und in Matthis-

sons Lyrischer Anthologie (1S03—1S07, Band 9); bemerkenswert ist noch ein

Schauspiel in Prosa »Hermanns Tod«, woraus i*'. D. G rät er in seiner Altertwns-

15 Zeitung »Idunna und Hermode« 1S16 Nr. 40 u. 41 (S. 1/7-162) eine Probe gibt

(Klopstocks gleichnamiger Bardiet ist 17S7 erschienen). — Vgl. Adolf IVohlwill:

Weltbürgerthum und Vaterlandsliebe der Schwaben, Hamburg 187S, S. 76 Anm. 40.

Hölderlin bleibt Thills Name immer gegenwärtig, wie eine späte Anmerkung über

v. 22 der Hynme Die Wanderung bezeugt: Thills D o r f , und am Schluß des Ent-

20 wwfs (Ihr sichergebauetcn Alpen . ..) heißt es (Homburg F44): Und Tills T h a l ,

das . So nannten Hölderlin, Neuffer (siehe v. 36!) und Magenau wohl ein Tal in

der Umgebung Tübingens; denn Magenau gedenkt in seinem Lebensabriß (ver-

(iffenllicht von Friedrich Seebaß in der V^tschrift für Bücherfreunde N. F. 8, 1917,

S. 302—304: Neues aus Hölderlins Studienzeit in Tübingen; das Original befindet

25 sich jetzt im Hölderlin-Archiv) der gemeinsamen Zeit, da sie h i n s c h \ v ä r n i t e n in

s ü ß e r w c h n i i i t l g e r S t i m m u n g in Tliills T ä l c h e n a m U f e r des M i i r m e l b ä c h -

leins, an d e m er, d e r frühvei'Storbene J ü n g l i n g , seine L i e d e r d i c h t e t e , oder

auf d e r Spit'/.e des h o h e n Spitzberges den s a n f t e n M o n d b e g r ü ß t e n usw. (der

Tübinger Sjji'/.berg kommt auch in dem erwähnten Entwurf Homburg F 44 vor!).

30 8 d e r v e r l a ß n e W a i s e ] Im Alt- und Mittelhochdeutschen wird W a i s e (weise,

weise) nur als Masculinum (auch für wciblichc Wesen) gebraucht, ebenso noch fast

ausschließlich im 16. und 17. Jahrhundert. Dann beginnt man im 18. Jahrhundert

nach dem natürlichen Geschlecht zu unterscheiden. Schlitßlich setzt sich das Femi-

ninum allein durch.(Crimms Deutsches IVörterbuch 13, Spalte 1044 f . ) .

385
S}-S7 An Thills Grab. Gustav Adolf

13 den R e d l i c h e n Suevias] Fgl. Kepplcr v.

15 du l i e ß s t sie W a i s e n ] Du ließest sie als IVaisen zurück.

24 G r e i s e n ] Vgl. An Hiller v. Sl: des G r e i s e n S t i r n e . Nach Grimms Deutschem

IV'örterhuch IV 1, 6 Spalte 73 vollzieht sich im Schwäbischen der Ubergang von der

schwachen Flexion dieses substantivierten Adjektivs zur starken erst spät und zögernd

im IS. Jahrhundert. — Die starke Form gebraucht Hölderlin z. B. in dem Gedicht

Das Schiksaal v. 4S: D e r G r e i s e F a u s t v e r j ü n g t sie w i e d e r .

GUSTAV ADOLF

Im Dezember 1789 schreibt Hölderlin in einem undatierten Nürtinger Brief ("Nach

l a n g e r Zeit . . .) an Neujfer (zur Datierung vgl. die Vorbemerkung zu dem Died 10

(Schwabens Mägdelein') S. 377 f.): D i e s e r T a g e b e k o m m ' i c h ein h e r r l i c h e s

B u c h — S a m m l u n g a l t t e u t s c h e r G e s c h i c h t e n — u n t e r die Hiinde. 'S soll von

B ü r g e r sein. U n d s i e h e ! L i e b e r , da w a r m i r eine f r o h e S t u n d e b e r e i t e t . I c h

f a n d den g r o ß e n G u s t a v m i t so viel W ü r m e , so viel V e r e h r u n g g e s c h i l d e r t

— von s e i n e m T o d e so s c h ä z b a r e N a c h r i c h t e n , d a ß i c h m i r s h e i l i g v o r n a h m , 15

so bald {ich) n a c h T ü b i n g e n z u r ü k k o m m e , die Feile w i e d e r an m e i n e P a p i e r e

zu logen, u n d i n s o n d e r h e i t in d e r H y m n e auf seinen T o d all' m e i n e w e n ' g e n

K r ä f t e z u s a m m e n z u n e h m e n . Das U r t e i l unsers t e u r e n V o r g ä n g e r s ü b e r die

H y m n e n auf G u s t a v l e u c h t e t e m i r plözlich, als so t r e f f e n d ein, als m i r n o c h

n i c h t s v o r k a m . Staudlin ist w a r l i c h ein h e r r l i c h e r M a n n . 20

Das Gedicht Gustav Adolf und das (Ende einer Gedichtfolge auf Gustav Adolf)

stellen wohl die in Tübingen zurückgelassenen P a p i e r e dar, auf die das in Nür-

tingen gelesene h e r r l i c h e B u c h noch keinen Einfluß hat üben können. Es handelt

sich um die ersten beiden Bände der Sammlung der merkwürdigsten altdeutschen

Geschichten, Frankfurt und Leipzig 1789. Die beiden vermutlich einzig erhaltenen 25

Exemplare waren aus kriegsbedingten Gründen nicht zugänglich. Doch ist der

darin enthaltene anonyme Roman »Geschichte der Gräfin Thekla von Thum

oder Scenen aus dem dreyssigjährigen Kriege« ein Jahr zuvor (17S8) bei Wey-

gand in Leipzig erschienen, ebenfalls anonym. Verfasserin ist Christiane Eenedicte

Eugenie Naubert geborene Hebenstreit (17S6—1819) — vgl. Kurt Schreinert: 30

Benedikte Naubert. Germanische Studien, Heft 230, Berlin 1941. — Die »Samm-

lung« enthält auch noch andre ihrer historischen Romane. — Der 61. Abschnitt

386
Giislav Adolf SS-S7'

des 2. Teils, S. 24S—26} der Einzelausgabe von 17SS (Exemplar der Leip-
ziger Sladlbihliolhek), handelt von der Sehlacht hei Lützen und Gustav .'Idulfs Tod.
(Diese Feststellungen werden IFilhelin Jloffinann verdankt.} Dafür, daß es sich
wirklich nrn die Entiuürfe handelt, die vor der Lektüre der Geschichtc der Gräfin
5 Thekla im Sommer 17S9 zu Tübingen entstanden sind, spricht auch — zum niinde-
.'.ten für das erste Gedicht — die von Hölderlins Hand neben die Überschrift gesetzte
Jahreszahl 1789. (Der vierwöchige Nürjinger Krankheitsurlaub begann am 3. De-
zember 17 S9.)

Überlieferung

10 J[ (v.1-S2): Hamburg, Bibliothek der Hansestadt: Einzelblatt 11x17,1


(t7,S)cm, alle Kanten beschnitten (später nochmals mit Schriftvcrlust);
bräunliches, festes, geripptes Papier; geringer Rest eines Wasserzeichens:
zwei aufgerichtete Löwen, der eine mit einem Schwert, halten ein IVappen.
(u. S3-76): Marbach ISOS (s. die Beschreibung S. }S2).

!•) Faksimile v.47—S2: Deutsche National-Litteratur, hg. von Joseph Kürschner,


IIS. Band (Lyriker und Epiker der klassischen Periode) 2. Teil, hg. von J\'la.v
Mendheim, Stuttgart o. J. S. 3SS. (Der unter diesen Versen, am unteren Rand der
Rückseite des Hamburger Blattes, stehende Name >^Hölderlen« von fremder Hand,
die auch auf der Vorderseite über der Überschrift vermerkt: »(Handschrift vom

20 Dichter jrölderlen.)K

Erster Druck (v. S3—76): Friedrich Höldcrlin's sämmtlichc Werke, hg. von Chri-
stoph Theodor Schwab, Stuttgart und Tübingen 1S46, 11166; (des ganzen Ge-
dichts): Franz '/.inkernagel: Neue Hölderlin-Funde. Neue Schweizer Rundschau,
XIX. Jahrgang von »Wissen und Leben«, 1926, S. )}S-}n.

Lesarten

4 Und scliauct nieder mit liciligein Blik! aus: Und scliauet heiligen Bliks
nieder zur E r d ' ! H 17 wann aus wenn / / 2 5 Und schauet nieder mit
heiligem Blik! ni«; Und scliauet heiligen Bliks nieder zur Erd ! H 29 er-
bebten aui erbb II 3 0 Schwerdt nus Schwcd H 3 4 im aus in vor ^ « / r .

30 sein II 41 liinan aus hine(in) H 42 hinan - ] Gedankenstrich aus


Komma H 52 der aus des H Ewigkeit.] Ewigkeit H 6 5 dem aus
des H 72 der aus des H 76 donnernde aus ]{ubelndc?) H

387

1,25
8S-S9 Gustav Adolf. Ende einer Gedichtfolge auf Gustav Adolf

Erläuterung en

Die jlusdrucksweise dieser H^'tnnc auf Gustav Adolfs Tod ist deutlich beeinflußt von

dem Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg — vgl. besonders dessen Freiheitsgesang

aus dem zwanzigsten Jahrhundert (177S).

Im Frühling 179S kommt Hölderlin wirklich an die Statte, an die er sich hier in 5

hymnischer Begeisterung versetzt. Er schreibt am 20. April 179S aus Jena an die

Schwester: D i e G e g e n d e n . , . w u r d e n m i r m e r k w ü r d i g d u r c h das S c h l a c h t -

f e l d von R o ß b a c h , wo i c h auf m e i n e m A'Vege n a c h Halle v o r t i b e r k a m , u n d

d u r c h das von L ü z e n , wo d e r g r o ß e G u s t a v Adolf fiel — es w a r m i r s o n d e r b a r

2U M u t h , wie i c h an d e m e r b i i r m l i c h e n Steine s t a n d , w o m i t m a n i h n e h r e n lo

uill!

19 Lusitania] Portugal.

62 L i p s i a ] Leipzig. Der Sieg Uber Tilly bei Breitenfeld (in der Nähe Leipzigs)

am 17. September 16^2.

6 3 L e c h u s ] Die siegreiche Schlacht gegen Tilly bei Rain am Lech, in der Tilly fiel, 15

64 T o d e s t h a l ] Gemeint ist das Schlachtfeld von Lützen, wo Gustav Adolf am

16, November 16^2 fiel. In dem Reisebericht für die Schwester am 20. April 179S

muß Hölderlin feststellen, daß die G e g e n d e n dort in Wahrheit durchaus glatt,

m e i s t sandig sind.

(ENDE EINER GEDICHTFOLGE 20

AUF GUSTAV ADOLF)

Zur Entstehungszeit siehe die Forbemerkungen zum vorigen Gedicht.

Überlieferung

H: Stuttgart I 22: Doppelblatt 11x18 cm, obere Kante beschnitten; gelbliches,

geripptes Papier; IVasserzeichen durchschnitten, der Rest nicht mit Sicher- 23

heit deutbar.

S. 1 (mit den beiden letzten Versen auf S. 2 übergreifend): E r s c h o l l von jedc^r

H a i d e . . ; die alkäischen Strophen schließen sich unmittelbar an und reichen

mit den sechs letzten Fersen bis auf S. S; der abschließende Querstrich steht

] cm unter dieser Reinschrift (mit wenigen späteren Änderungen); S. 3 (untere 30

Hälfte) und S,4: {Zornige Sehnsucht} — eilige Niederschrift, Strophe 1 —S steil,

der Schluß (und Varianten zu v,6 u, 16) schräger und mit dunklerer Tinte.

388
Endo einer Gedichtfolge auf Guslnv Adolf 8S—S9

Erster Druck (v. 1—28): Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litz-

mann, Stuttgart (1S96), ISS; (v. 29-^2): Carl Müller-Rastatt: Jus Friedrieh

Jloldcrlins Schülerjahren. jVeues Taghlatt, Stuttgart, SO. Jahrgang ]Vr. 140;

IS. Juni 1893, Zweites Blatt, S. 10.

^ Lesarten

2 : (1) Das Sclireligclärm (a) Gcp(anzerter} (b) G o w a p n e t e r I i c n m t c r . (2) spä-

ter: Text H

4 . 5 : (1) V o l l b r a c h t e , was er sann, a m schnellen T a g e -

W o war er m m der G r i m m der Fremdlinge?

(2) später am unteren Band:

V o l l b r a c h t e m i t s t ü r m e n d e r H a n d , was (a) s

(b) er sann a m geflügelten

Tag,

U n d h a ! wo w a r e r n u n

15 oben in der 1. Fassung nach Streichung des zweiten d e r durch Nummern

wn gestellt:

der F r e m d l i n g e G r i m m ? I'I

6 h a n g e »icr g-csfr. ä n g s t l i c h (.• a m a n g l i c h ) H

13—52: mit feinerer Feder als das Vorhergehende Ii

20 1 4 V ö l k e r . ] Völker 14a: i p ä / c r g ' i r i f r . . - W e h ' d i r , E r o b e r e r ! von i h m !

von i h m ! 17 Traichs—] Gedankenstrich aiis Komma II M u n d e s ] danach

Komma gestr. H

34 T h a l ous T a l / / 3 6 F r e u n d l i c h nnc/tg-ci(r. Läche(/n(i) / / 3 7 rings-

u m später über allweit H 38 s t a u n e n d über der 7Mle H 40 förder

25 spater aus f ü r d e r H 51 seiner nach gestr. k e i n e H

Erläuterungen

Silbenmaße: unregelmäßige Jamben und alkäische Strophen.

]2 d e r gröOre S t r o m ] Die grhßre Gewalt der Hcerscharcn Gustav Adolfs hat die

F r e m d l i n g e (v. S) in die Richtung einer andern Strömung mitgerissen: die R a c h e -

30 hliko sind nun b a n g e geworden, das S c h n a u b c n hat sich in R ö c h e l n gewandelt,

die g ü l d e n e n P a n i e r e sind zerrissen und blutbefleckt.

20 D i e K i n d e r m e i n e s L u t e r s ] Luther wird auch erwähnt in dem Gedicht Die

389
8S-91 Ende einer Gedichtfolge auf Gustav Adolf. Zornige Sehnsucht

Meinige v. 12. — Später plant Hölderlin noch eine Hymne auf Luther (siehe

Band 2).

2 9 Hier beginnt — an der äußeren Form schon kenntlich — die abschließende odischc

Anrede des Helden. Vorher bewegt sich das Gedicht in einer hymnisch-epischen Ge-

stimmtheit. Der Schluß wird nun rein lyrisch: während der Dichter bisher den 5

Helden selbst nicht angeredet hat, sondern ihn von Jehovah hat loben lassen, nocli

auch überhaupt selbst als ein Ich gesprochen hat, sagt er jetzt mit eigentlich lyrischer

Intensität du und i c h ; . . du L i e b l i n g G o t t e s ! ich liebe d i c h ! (v. — wirk-

samer jedenfalls als in einer sogenannten epischen Apostrophe. In der Folge wird er

denn auch immer zwingender in eine Betrachtung seiner eigenen dichterischen Hai- 10

tung geführt. Die vorletzte Strophe ist ihm als stolze Errungenschaft seiner an dem

Helden entzündeten Begeisterung so wesentlich, daß er sie in einem späteren Gedicht

(An die Ehre, S. 94) als Kernstrophe fast wörtlich wiederholt, indem er vom Z a u b e r

des A u f r u f s spricht, jetzt allerdings in einem kleinmütigen Augenblick wieder des

Zweifels und der Anfechtung. '5

(ZORNIGE SEHNSUCHT)

Auf demselben Blatt wie das Ende der Gedichtfolge auf Gustav Adolf und wohl nicht

viel später als diese entworfen.

Überlieferung

H: Stuttgart I 22 (s. die Beschreibung S. 3SS). 20

Erster Druck: Carl Müller-Rastatt: Friedrich Hölderlin. Zum SO. Todestage des

Dichters. Vom Fels zum Meer 1S92-93, Ziveiter Band, S. lOS.

Lesarten

Überschrift: fehlt II 2 K n a b e n s c h r i t t e , ] Komma aus Ausrufzeichen H

6 M i c h reizt d e r L o r b e r , s/jn(fr Qm f!an(i(;/ür g-fsir.: I c h will verfolgt sein H 25

7 zeugen nach gestr. gehen II 9 V a t e r l a n d ?] V a t e r l a n d H 10 welchcn

bis 12 schaukelt,] (1) w e l c h e m m i t (faj T r i i n e n b l i k ( j ; t r ü b e m Blik Die

Mutter Nahrung beut (2) auf der Rückseite oben neu einsetzend, ohne daß wel-

c h e m geändert wird: m i t t r i i n e n d c m bis s c h a u k e l t . II 13 das aus d e r H

b l i n k e n d e nacÄ g-esir. winken(f/c) II 15 ewig aus ewiges II umwölken] 50

vielleicht zu lesen: u m w ö l k e n (die Umlautszeichen fehlen auch v. 4 T a g l i c h

390
Zornige Sehnsucht. An die lUilie 9Ö~9>

v. 7 M i i n i i c r k r a f t e j 16: E u i g (1) d e r sehnencle G r a m mich tüdtcn?

(2) später (gleichzeitig mit v. 21—2Sa und der Variante zu v. 6): m i c h tüclten die

("nj bange C^ hange f ? ) ("cj zorngc S e h n s u c l i t ? H 1 7 W a s n»s I H Freun-

des liitT B r u d e r s // 1 9 was d e r ] (1) was / C«; Des ("ij Der (2) was d e r H

5 2 0 der Oi« des i - / 22 Kelcli aus Kle i J 2 4 icli ou( i h n / - / 28 a: Dann

lolint I'[ (Beginn einer entweder bereits vorliegenden^ jetzt verschollenen,

oder geplanten, aber nicht ausgeführten Furtsetzung)

Erläuterungen
Alkäisches Silbewnaß.

10 9 W a s bin icli d i r , was b i n ich n i e i n V a t e r l a n d ? ] Vgl. Klopstocks Ode Mein

Vaterland (176S) v. 71 f . : Und sinne d e m edlen s c h r e c k e n d e n G e d a n k e n n a c h ,

IDeiner w e r t h v.u seyn, m e i n V a t e r l a n d .

13—24 Jlier wird auf die Freuden des Lechens noch schroffer und entschlossener

verzichtet als in der Ode Mein Vorsaz.

15 21 M a n a ] Vgl. An die Ehre v. 19; Burg Tübingen v. 10. — Nach Tacitus (Ger-

mania cap. 2) ist Mannus (von Klopstoch M a u a genannt), der Sohn des Gottes

'J'uisto (bei Klopstock Thuiskon), der Stammvater der Germanen. Vgl. Victor S, 27

Awn. S. In Hermanns Schlacht (Klopstocks Werke 7. Band, Leipzig 1S04, S.14Sf.)

singen die Barden: I h r s t a m m e t von iNIana! i h r s t a m m e t von T h u i s k o n !

20 23 M i i n n e r w c r k ] Vgl. An die Ruhe v. 22: G i i t t e r w e r k .

AN D I E RUHE

Die in B' unter die Überschrift gesetzte Jahreszahl 1789 gibt uvhl einen Vermerk

von Hölderlins Jlatul in der (nun verschollenen) Handschrift wieder.

Überlieferung

25 .• Friedrich Hölderlin^ sämmtliche Werke, hg. von Christoph Theodor Schwab,

Stuttgart und Tübingen 1S'I6, H 169-170.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: erweckt, Beglückerin, erquicklich.

Lesarten
21 s p r i n g t e r , ] s p r i n g t (er), B' 2 7 h a r r t e r , ] h a r r t (er), B'

391
92-9^ An die Ruhe

Erläuterungen

Alkäisches Silbenmaß.

Die Rulle, die in dieser Ode besungen wird, ist nicht die Untätigkeit, die Ent-

spannung, sondern im Gegenteil die Anspannung und Sammlung aller Kräfte zu

der desto wirksameren Leistung. Dem Bruder spricht Hölderlin brieflich am 1. Januar 5

1799 von der Wirkung echter Kunst und besonders der Poesie: bei ihr sammle sich

der Mensch, und sie g i e b t i h m l l u l i e , n i c h t die l e e r e , sondern d i e lebendig-e

R u h e , wo alle K r ä f t e r e g s a m sind, u n d n u r w e g e n i h r e r i n n i g e n H a r m o n i e

n i c h t als t h ä t i g e r k a n n t w e r d e n . — Auch »Hyperions Jugend« (eine Vorstufe des

endgültigen Werkes) kennt diese R u h e u n d R e g s a m k e i t , wo alle K r ä f t e in- 10

e i n a n d e r spielen, wie die stillen F a r b e n a m Bogen des F r i e d e n s (2. Kapitel).

— Ebenso weiß Schiller um die R u h e der Vollendimg, n i c h t d e r T r ä g h e i t ; eine

R u h e , die aus d e m G l e i c h g e w i c h t , n i c h t aus d e m Stillstand d e r K r ä f t e , die

aus d e r Fülle, n i c h t aus d e r L e e r h e i t f l i e ß t u n d von d e m G e f ü h l eines u n e n d -

l i c h e n V e r m ö g e n s b e g l e i t e t w i r d (Über naive und sentimentalische Dichtung, 15

Säkular-Ausgabe 12, 229).

Grosch S. 27 weist auf Anklänge in dieser Ode an Höltys Hymnus an die Morgen-

sonne (1771) hin. Daß Hölty in dieser Zeit dem Dichter nahe lag, zeigt auch die

Handschrift der Ode An die Ehre (siehe dort die Beschreibung).

11 D o m i n i k s g e s i c h t e r ] Vgl. Die Demuth v. 2 und die Erläuterung z. St. 20

18 zu s c h w i n g e n i m L a b y r i n t h sein L i c h t ] Ahnlich heißt es in der Ode Keppler

V. 12: (welcher) voran l e u c h t e n d sich w a g t ' ins L a b y r i n t h , und noch in der Ele-

gie Brod und Wein v. ISS wird Christus ein F a k e l s c h w i n g e r genannt.

22 Göttervverk] Vgl. {Zornige Sehnsucht} v. 2h Mannerwerk.

30 des W e i s e n G r a b ] Das Grab Rousseaus auf einer Insel im Park zu Ermenon- 25

ville, nordöstlich von Paris, bis zur Überführung der Gebeine in das Pantheon zu

Paris 1794. Gotthold Friedrich Stäudlin (Gedichte, Band 2, Stuttgart 1791,

S. 10—)7) widmet ihm seine »Elegie am Grabe desJ. J. Rousseau«. Vgl. Rousseaus

bedeutsames Bild in der Rhein-Hymne. — Merkwürdig ist die Vorwirkung dieses

Vergleichs: in den Strophen vorher spricht der Dichter von sich, zunächst in der 50

ersten, dann in der dritten Person; unversehens fließt ihm aber sein eigenes Idealbild,

das sich nach Rousseau richtet, mit diesem zusammen, bevor der Vergleich seines

eigenen künftigen Grabes mit dem des W e i s e n vollzogen ist; denn der vom Schlum-

mer Aufgewachte, der das Götterwerk vollenden wird, heißt v. 2S d e r H e r r l i c h e —

genau so wie Rousseau v. 31. 35

392
An die Ehre 94

AN D I E EHRE

/Inch diese Ode hat die drängende Frngc der dichterischen Berufung, den Zauber
des Aufrufs und die quälenden Zivcifel, zum Gegenstand und gehört mit den folgen-
den tiicJu nur inhaltlich, sondern wohl auch zeitlich zu den beiden vorhergehenden.

5 Überlieferung

H: Stuttgart I 34: Zwei ineinandergelegte Doppclblätter 17,S x 2'1,S cm, obere


Kanten beschnitten, nus einem Foliodoppclblatt gewonnen; gelbliches, geripp-
tes Papier; Wasserzeichen: Gekrönter Doppeladler mit Reichsapfel und
Schwert T?IF Flüchtiger Entwurf. Das Gedicht steht auf S. 1 und (v. 17-20)
10 S. 4 oben. — Links neben und unter der Überschrift Federproben, später als

der Entwurf des Gedichts: Rosen / Rosen auf Im Zwischenraum zwischen


den beiden /Infangsstrophen: Rosen auf den W e g (Vgl. Ludwig Christoph
Heinrich Höltys Sämtliche Werke, hg. von Wilhelm Michael, I.Band,
Weimar 1914, S. 200: Lebenspflichten, beginnend: Rosen auf den W e g
15 gestreut, Und des Harms vergessen!).

Dieselbe Handschrift überliefert auch die Gedichte Einst und Jezt, Die Weis-
heit des Traurers und {Selbstquälerei) — S. 7 ist leer.
Siehe das Faksimile in diesem Band.
Erster Druck: Karl Müller' Rastatt: Aus dem IVachlasse von Friedrich Hölderlin.
20 Blätter für literarische Unterhaltung 1S93 Nr. 27 (6. Juli) S. 41S.

Lesarten

1 Einst war ich iiJcr g-cjrr.; Icli war so 7 / ruliig, ] ruhig /•/ schhimmertc
nui schlunimerlos ("; aui schu_) H sorgenfrei aus sorgenl(oi) H 2 träumte
von Stellas Kuß über: m a t t von des Tages Last H 3 du vor gestr. wieder H
25 Waldstrom] Walststrom C5c/irc!i/c/i/crj / / süWc später angefügt H 5 ich,]
ich H taumelnd die Zauberkraft über: staunend (: aus staunte^ micli neu-

gestiirkt H

6 - 8 : 1 : Mein (1) Athem


(2) Geist (a) f l a m m t
30 (b) flog hin zur (a) Zinne
{ß) Hölie des Heiligtums

393
94-96 An die Ehre. Einst und Jezt

jetzt wird h i n gestrichen und flog unterpunktet, wohl irrtümlich statt des

gestr. A t l i c m , so daß die S. Fassung lautet:

(5) Atliein flog in d ä m m e r n d e F e r n e h i n

W o du i m (1) H e i l i g t u m e stralest

(2) S c h a t t e n 5

(3) S c h a t t e n deiner H a i n e

T o c h t e r (1) E l i s i u n i s ! T h a t e n lohnest.

(2) Wallliallas! den Sieger lohnest.

I I : später am linken Rande: Text (1 Stirn aus StirncJ II

9: (1) W o l a n ! (a) vvolan! 10

(h) h i n a n ! so r i e f i c h ! f ü h r e (2) Text Ii

10 h ö h n e t m e i n künes H e r z , idier gestr.: (1) b e b e t d e r J ü n g l i n g n i c h t !

(2) b e b H 12 N i e aus N i c h t I i 1 3 h i n über gestr. f o r t I i 14 Täu-

s c h u n g —] T ä u s c h u n g I i 1 5 und H o h n bis 1 6 A n n e n . ] später für nicht

gestr.: n a c h l a n g e m S t r e b e n / T o c h t c r Wallliallas! n a c h deinen H o h e n ! Ii ij

1 5 Spötter,] Spötter H 17 noch,] noch I i 18 Umarm\mgen.] Um-

armungen II 19 n e i n ! a u c h ] nein a u c h ("nein aus mein,! II 20 der

S c h w ä c h e r e n über v e r g e b e n e r Ii

Erläuterungen
Alkäisches Silhenmaß. 20

5 Auf s p r a n g i c h ] Vgl. An die Ruhe v. 21: Auf s p r i n g t er.

6 sie] Die Ehre, die v. S noch in der zweiten Person angeredet ist; sie spendet in

ihrem Heiligtum ihren L i e b l i n g e n , die die g e w a g t e B a h n durchlaufen haben, die

Zeichen des Sieges: die E i c h luid die P a l m e , die eine de?n vaterländischen, die

andre dem religiösen Dichter; vgl. Klopstoch, Die beiden Musen (17/2), 2. Strophe. 25

9—12 Der Dichter zitiert hier eine Strophe aus der Gedichtfolge auf Gustav Adolf

(v. 45—4S) — mit leichten Abwandlungen; vgl. die Lesarten.

10 h ö h n e t ] Dieses IVort wird in den großen Tübinger Hymnen zum Lieblingswort.

1 9 M a n a ] Vgl. {7.ornige Sehnsucht} v. 21 und die Erläuterimg z. St.

EINST UND JEZT 30

Aus dem handschriftlichen Zusammenhang geht hervor^ daß der erste Entwurf zu

diesem Gedicht nach der Ode An die Ehre entstanden ist, darauf Die IVeisheit des

394
Einst und Jezt 9S-96

Traurcrs (oder doch deren erster Entwurf) und dann erst die endgültige Fassung

Einst und Jezt (vgl. die Bemerkung am Schluß der Lesarten).

Überlieferung

H: Stuttgart I H S.6 (v. 1-16), 3 (v. 17-32) und 4 (u. 33-36). Flüchtiger

5 Entwurf (s. die Beschreibung S. 393 An die Ehre).

Erster Druck: Karl Müller- Rastatt: Jus dem Nachlasse von Friedrich Hölderlin.

Blätter für liteiarische Unterhaltung 1893 Nr. 27 (6. Juli) S. 41S-419.

Lesarten

Überschrift: Ti.inst u. Jczt. H 1 so später eingefügt H 2 Einst nws U ("?}

10 e m p ö r t e s ] ( l ) s o (2) gepreßtes (5) so still (4) ("s/jüfcr.-} empörtes II 4 Ge-

stada aus dem Ansatz zu Geh oder Geh H 5 . 6 liebenden Geliebten s/)nt<r/ü/-:

(1) [lieb] (3) zärtlichen E n t r i ß n e n II 6 Vaters aus Vartc II

6 a b e r d e r W ü r g e r bis 8 Stüze! ]

I: a c h u. so lange schon

15 Entrissen! V a t e r ! V a t e r ! schon d e m

(1) S t a m m e l n d e n Knaben

(2) Knaben, dem s t a m m e l n d e n a r m e n Knaben!

I I t später am unteren Rande:

a b e r der W ü r g e r k a m

aO (1) Die schöne G r u p p e r ü h r t i h n nicht er / D r ü k t '

(2) wir weinten (a) flelitete (Schreibfehler)

(b) flehten doch der W ü r g e r

Schnellte den P f e i l ; n. es sank die Stüro! H

9' (1) So (2) H a ! (a) xürne n i c h t (b) du g e r e c h t e Vorsicht! so bald be-

25 gann II 1 0 Dach iis I I Stunden] Doch (1) nein i h r entwölktoren / Be-

gliiktcn Stunden (2) — straft m i c h dos Undanks / I h r Stunden II Cnicht,

fehlt also in der Handschrift; 'Zinkernagel ergänzt: Undanks ( - nein .')) 1 1 Kna-

b o n f r e u d e ] (1) S (2) Knabenspiele (5) Te.rt Irl 12 Stunden des Spiels

u. des Ruhßlaclielns später unter urspr.: Stunden der E i n f a l t ! beglükte Stun-

50 den! II 1 4 füttert'.t/wtcr «ui f ü t t o r ' II p f l a n z t ' ] pflairi II (Das Prä-

teritim ist entsprechend der vorigen Lesart und den Ferbesserungen v. 19 u. 20 zu

setzen; auch v. 17 u. iS sind versehentlich die Präsentia stehen geblieben.)

15 f r e u t e ] freue II 16 Horbstgewimmcls aus H e r b g e w i m m e l s H

395
9)-9 6 Einst undJezt

17 s u c h t ' ] s u c h ' II mir,] mir H 18 w ä l z t ' ] w ä l z ' II umher,] um-

h e r II 1 9 b r o k t ' später aus h r o k ' H 20 S c h l e u d e r t ' später aus S c h l e u -

d e r ' II 23 o f n e r nac/i g'fstr. l a u t e r II F e l d s c h l a c h t ] (1) S c h l a c h t , wie

(2) F e l d s c h l a (5) F e l d s c h l l a c h t (Schreibfehler) H 2 4 S t r u d e l am D (?) II

25 w a n d l ' aus w a n d l e H ich fehlt II 27 w e h dir bis 2 8 vorüber!] 5

(1) siehe / S i e h e ! (2) a c h ! i h r / (a) F e m e n G e l i e b t e n , sie g e h n v o r ü b e r !

(b) F r e u d e n d e r L i e b e ! (5) w e h d i r / S e h n e n d e r J ü n g l i n g ! sie g e h n vor-

über! H

30—32 später am unteren Rande für:

Z u r ä k z u r s c h w a r z e n S t ä t t e , wo (1) M e n s c h e n d r u k 10

(2) [ M e n s c h e n h a ß ]

(5) [Scl]<«t.'cn . . .)

W o S c h u r k e n b l i k (1) des (a) J ü n g s

(b) J ü n g l i n g s Fall (?)

(2) T r i b u t 15

(3) den d e u t s c h e n J ü n g l i n g s (verschrieben statt Jüngling)

Nieder zur mönchischen Schlange drüken. II

33 i h r g ü l d n e n S t u n d e n v e r g a n g n e r Zeit später über: l e b t (wohl} i h r F r e u d e n

der Jugendzeit, H v e r g a n g n e r ] über der zweiten Silbe Jnsatz zu schv.'{und-

ner) H 34 l i e b e n ] (1) g (?) (2) schöne (5) lieben H 20

35.36 später am unteren Rande für:

(1) L e b t (a) Genossen

(b) wol Genossen m e i n e r E i n f a l t ,

(2) U n d i h r — des (a) K n a b e n F r e u n d e — w e i n e t

(b) K n a b e n f r o h e F r e u n d e — 25

(c) f r o h e n K n a b e n Frevmde —

W e i n t u m den J ü n g l i n g — er ist ein Sclave. I'I

Die letzte Strophe und ihre späten Varianten stehen in verkehrter Schriftrichtung

auf S. 4 der Handschrift, die außerdem am oberen Rande die Schlußstrophe des

Gedichts An die Ehre enthält. Die Lücke zwischen den beiden Strophen wird später 30

durch den Entwurf der ersten drei Strophen der Weisheit des Traurers ausgefüllt,

in der Schriftrichtung des Gedichts An die Ehre. Da nun die späte Variante der

beiden Schlußzeilen von Einst und Jezt nicht unmittelbar unter ihrer ersten Fassung

steht, sondern am unteren (eigentlich: oberen) Rande unter der (umgekehrten)

Schlußstrophe des Gedichts An die Ehre, so lassen sich daraus Schlüsse auf die 35

396
Einst und Jczt 9!—96

relative Chronologie der Gedichte ziehen: Zuerst wird An die Ehre niedergeschrieben,

dann der erste Entwurf zu Einst und Jezt, darauf (mindestens der erste Entwurf)

Die fFeisheit des IVaurers und schließlich die späten l'^arianten zu Einst und Jezt,

und zwar nicht nur die zur Schlußstrophe, sondern auch die sich durch gleiche

5 (durxklere) Tintenfarbe als gleichzeitig ausweisenden Varianten zu den Versen 1, 2,

Sl6, 6-S (II), 12, 14, 19, 20, W-32; sie sind im Lesartenapparat als »später«

gekennzeichnet.

iSelbstquälerei} wird als letztes entworfen sein. Diese Ferse stehen auf S. 2 der

Handschrift, und zwar quer geschrieben. Offenbar sollte das umfangreicher geplante

10 Gedicht unmittelbar auf der mit dieser Seite korrespondierenden Seite 7 fortgesetzt

werden, die bei der regellosen Jnfüllung der übrigen Seiten mit den andern drei

Entwürfen auch zufällig leer geblieben war.

Erläuterungen

Alkäisches Silbenmaß.

15 Drei einleitende Strophen kündigen das Thema an (in den beiden ersten Strophen

beginnen drei Zeilen mit dem Wort Einst^; drei Kernstrophen führen den Rückblick

auf das E i n s t durch; die drei entsagenden Schlußstrophen setzen sich deutlich durch

das an den Anfang gestellte Wort J c z t ab.

2 E i n s t . . . r u h i g ] Vgl. den Beginn der vorangehenden Ode An die Ehre.

20 5-8 Vgl. Die Meinige v. 2S-40; ferner Die Weisheit des Traurerk v. 17: des

W ü r g e r s P f e i l . Kempter S. 93 weist auf Youngs Vorbild hin: Uriersuttlichor

W ü r g e r ! . . . D e i n P f e i l flog dreyrnal (Nachtgedanken, 1. Nacht, Eberls Über-

setzung 1768, S. 41); in der englischen Forlage steht »Insatiate Archer« — Ebert

setzt in einer Armerkung auseinander, warum er » Würger« für »Schütze« eingesetzt

25 luibe.

16 H e r b s t g e w i m m e l ] »Herbst« bedeutet in Schwaben in engerem Sinn die Wein-

lese. H c r b s t g c w i m m o l ist also das festlich-freudige Treiben der Lese, des H e r b s t e s

alte Sitte (Stutgard v. 27 f . ) .

17—20 Ebenso wie v. 15 f . Frühling, Ernte und Weinlese aufeinander folgen,

30 so werden auch in diesen vier Zeilen vier Abschnitte des Jahreslaufs bezeichnet:

Frühling ("Maienblümclicnj, Heuernte, Getreideernte, Weinlese.

20 S c h w ä r m e r ] PVenn die Trauben reifen, werden im Weinberg Schwärmer

(Feuerwerkskörper) geschleudert, um die Vögel zu verscheuchen.

597
97 — 99 Die Weisheit des Traurers

DIE WEISHEIT DES TRAURERS

Zur Datierung der ersten Niederschrift siehe die Bemerkung am Schluß der Lesarten

zu Einst undJezt. In der zweiten Handschrift steht unter der Überschrift von Hölder-

lins Hand die Jahreszahl 1789.

Überlieferung 5

H' (v. 1-40): Stuttgart I U S. 4, S, 8 (s. die Beschreibung S. An die Ehre).

H^ : Stuttgart I 2}: Doppelblatt 17 x 21 cm; die untere Hälfte des zweiten Blattes

ist (vor der Niederschrift des Schlusses) abgerissen; gelbliches, geripptes Papier

ohne TVasserzeichen.

Erster Druck: Carl Müller-Rastatt: Jus Friedrich Hölderlins Schülerjahren. Neues 10

Tagblatt, Stuttgart, SO. Jahrgang Nr. 140; 18. Juni 189i, Zweites Blatt, S. 9:

»Die Weisheit des Trauerns«.

Lesarten

Überschrift: fehhHl Gie MVeisheit des Tiauers. (Schreibfehler) H^ 1 Hin-

weg,] Hinweg W ü n s c h e aus E r d e n w ü H ^ 3 E m s t ] Still Emst 15

i'tber gestr. Still H^ Seele aus N ( . . . ?) H^ Seele! ] Seele H^ Ausrufzeichcn

aus Komma H^ 4 Heilig m e i n S a n g , ] E r n s t m e i n G e s a n g H^ Heilig

m e i n Sang, aus: E m s t m e i n G e s a n g , H ^ wie aus we H ^ Todtengloke]

S t e r b e g l o k e über gestr.: lezte S t u n d e IP 5 Du,] Du W Weisheit!]

S c h w e r m u t h H^ ö f n e aus ö f m e H^ 'tlei\igtam.'\ Der Punkt wird erst mit der 20

3. Fassung der nächsten drei Verse gesetzt. H^

6—8 : (1) D e m J ü n g l i n g d a ß er (a) s c h a u u . es p r e d i g e

D e m T h o r e n — was i h m R u h e s c h a f f e t —

E h es i h n l e h r e t d e r T o d t e n r i c h t e r .

(b) s c h a u u. sie p r e d i g e 25

Dem Troß

(c) wie an Narzissas G r a b

D e r V a t e r deine W e i s h e i t l e r n e

E h e sie p r e d i g t d e r T o d t e n r i c h t e r . H^

(2) D e m J ü n g l i n g , d a ß er, wie an Narzissas G r a b 30

D e r V a t e r , (a) deine S p r ü c h e l e r n e .

398
Die Weisheit des Traurers 97-99

(b) deine L e h r e n s c h a u e

(c) d e i n e r L e h r e lausche

E h ' d e r E n t s c h e i d u n g G e r i c h t sie p r e d i g t . H^

(3) Text, später nrn unteren Rand M^

J 9-11: (1) D a r e i ß e s t du die glänzende L a r v e w e g

T i r a n n e n f e s t e n , wo sich das Pürstloin k r i i m t

D o m (a) Könige

(b) S t o k d e r Könige zu g l e i c h e n , H^

(2) D a r e i ß e s t du die s c h i m m e r n d e L a r v e w e g

10 (a) T i r a n n e f e n (Schreibfehler, nur halb verbessert:)

(b) T i r a n n e f e s t e n - (a) h a !

(ß) da, wo der H ö f l i n g e

E n t m a n n t e s H e e r der M e n s c h h e i t l ä s t e r t H^

(5) später am unteren Rand:

15 D a imbestochne R i c h t e r i n r i c h t e s t du

T i r a n n e n f e s t e , wo sich sich (Schreibfehler) d e r H.

E n t m a n n t e s H e e r zu T r u g b e g e i s t e r t ,

12 des aus sich l'P Römers] Römlings I'P 13 stiehlt,] stiehlt I'P

s t i e h l t , 01« s t i c h t /"f® 1 4 tolle] wilde H ^ güldnen] goldnen t P güldnen

20 aus wi(lden.?) H^ schäumt,] schäumt I'P 15 Und nach gestr. I'P

Gxäuels] G r e u e l s if' G r ä u e l s aus G r ä u l e l s H^ g e t ü r m t e n vor gestr.

Silber H'

17-32 :1: Bleientwurf:

17: (1) Und

25 (2) E l e n d e r T h o r ! schon

(3) E l e n d e r ! schon — schon s c h l e i c h e t d e r T o d in dir,

18 : (1) T y r a n n , d e r T a g der f i i r c h t b a r e n R a c h e

(2) Es n a h t T y r a n n , d e r f u r c h t b a r e n R a c h e T a g ,

19 : E r n a h t m i t (1) f u r c h t b a r

30 (3) schröklich leisen S c h r i t t e n ,

20: D a ß er d i c h h i n vor den R i c h t e r s c h m e t t r e !

2 0 a : W i e da der g r o ß e Geist (1) unt

(2) an

(3) u m den T r o n sich k r ü m m t

399
97-99 Die Weisheit des Traurers

20b : Mit h e u l e n d e m Gewinsel E r b a r m u n g fleht!

20c : • H i n w e g ! T y r a n n e n keine G n a d e

20d: E w i g e R ä c h e (Schreibfehler) den V ö l k e r s c h ä n d e r n !

21: D o c h s i e h ' i c h b e b e , s i e h ' an d e m Saitenspiel

22 : H i n i m t e r w a n k t die z i t t e r n d e R e c h t e m i r —

23 : (1) E n t h ü l l e G ö t t i n ! s c h ö n r e S c e n e n

(2) I n [ e i n e ] l i c h t r e H a l l e n , g u t e G ö t t i n !

24 : S c h a u e r des T o d e s e n t ( l ) a t m e n

(2)strö<men>

(5)schweben dieser! 10

25: D a (1) schlingst d u liebevoll u m den W e i n e n d e n / D e m sein

(2) n a h m s t d u liebevolle! die W e i n e n d e

26: D e r i h r E r w ä h l t e r (1) in

(2) s t a r b in den t r a u t e n A r m ,

27: V o r M e n s c h e n t r o s t dein Kind zu s c h ü z e n , 15

28: S c h e n k e s t i h r T r ä n e n , u . lispelst leise,

29: W i e (1) i h r

(2) an d e r B r u s t d e r

(5) in den Schlaf die M u t t e r den S ä u g l i n g singt

30: V o m W i e d e r s e h n , vom seeligen E i n s t ins H e r z , 20

31: (1)Z
(2) Bis [zulezt] i h r (a) H e r z

(b) g e p r e ß t e s

(c) g e s t ä r k t e s H e r z g e n e s e t ,

32 : Und i h r g e l ä u t e r t e r G e i s t (1) h e r v o r g e h t 25

(2) sich a u f r a f t .

H'
I I : Tintenvarianten zu dem Bleientwurf (l):

1 7 - 2 0 : H a l t ein T y r a n n (1) ,

(2) ! es f ä r e t des W ü r g e r s P f e i l 30

D a h e r ! h a l t ein! (1) e

(2) d e r

(3) es n a h e t d e r R a c h e T a g

400
Die Weisheit des Traurers 91-99

D a ß er, wie Bliz die giftge Staude


Nieder den taumelnden Schädel s c h m e t t r e !
20a stolxe liier g^roße 20a.b Tron his Gewinsel] Iliclitcrs
Tron Sich k r ü m m t , m i t Angst Gewinsel 21 sieh' ich bebe,
5 sieh' an d e m ] acli a m (1) lauten (2) diistern zürnenden

3 2 : Dreimal geläutert i h r Geist hervorgeht. H'-


I I I : Text in vorläufiger Reinschrift H^

1 8 nahet aus nachet / i ^ 1 9 Staude aus rfem j^njati su G H^


21—24: tsingAlammert, doch ohne Ersatz H^ 21 richtenden
10 üier gestr. schmetternden H^ 24 Wandle der Sturm sich
unter; S t i m m e den Donner f f 25 Jammernde] Jammerde,
(Schreibfehler) IP 26: (,1) Der ihr Erwähhi (Schreibfehler)
(a) starb, in (vgl. Fassung I!) (b) welkte, den Muttorarm,
(2) Text I-F 29 Herz - ] Gedankenstrich aus Konuna II-
IS 30-32: (1) 0 Dank, du G u t e ! weinender heißer Dank! / Ge-
nesen ist Elisas S e e l e ! / A c h ! wie entsta (2) Text J/® 31 Dem
<juj Den H^ zerfleischet aus d I'I^ 32 i h r G e r i c h t unter
gertr.; der Despot H'^
33 Der blaiche Jüngling] (1) Da trinkt der Jüngling (3) Der müde Jüngling
20 {i) Text I:P 34 Felsenbahn nac/i. g'ertr. steiKen) 35 umsonst! ] um-
sonst! - H'' 3 6 Halle.] Halle! IP

37 Mit Brudersinn unter gestr.: 0 Jüngling! I P zu nach gestr. den FP


3 8 Gängelband,] Gängelband H^ 39". (1) Sein Feld zu pflügen, ((j)seine
Hütte ("tj frisch (2) Sein Haus zu bann sein (a) P ("ÄJ Feld zu pflügen - ii'
!2ä (3) Sein (a) S (h) Haus zu bau'n sein Feld zu pflügen H''^ 40 Beruf!]
Beruf! — 1:1' schweigen.] schweigen! H ^ schweigen H''^
4 0 a—d: 0 seelig wer geprüft in des (1) S
(2) Lebens Sturm,
In (1) deinen H»llon
30 (2) deinem Schooße (a) r u h e t
(b) ruhend hinüberschaut
(1) E r hört
(3) Nach [g'fstr. ohne Ersatz: e u c h ] Gefilden (: aus GefildeJ.
(a) undeutbarer Ansatz
5S (b) der Vollendung

401
97-99 Die Weisheit des Traurers

(c) wo d e m W a n d e r e r

(Schreibfehler statt W a n d r e r ^

R u h e , Vollendung; d e m K ä m p f e r w i n k e n . H^

41 — 56 : Diese Verse sind nur in H^ überliefert.

4 2 ich über gestr. mich H^ g l ü h e t ] (1) g l i m m e n (2) g l i m m e t (3) g l ü h e t 5

m i r ] m i r , H^ 43 r e i n über g r o ß H^ 49 A r m e aus M u t t e r a r m e H^

T r a u r e n d e n nach gestr. I r r e n d e n H^ 50 deines nach gestr. o f t m i c h H^

52 Stolz aus d H^ 54 f a l s c h e n G r u b e n viele unter: ( G r u b e n viele h a r -

ren) H^ W a n d e r e r s aus G r e ( i s e n auch?) H^ 5 6 s t ü z e n d e m ] stüzenden

(Schreibfehler) H' 10

Erläuierun gen
Alkäisches Silbenmaß.

1 Q u ä l e r des U n v e r s t a n d s ] Klopstockisch für »unverständige Quäler«. In dem

siebenten der (allerdings erst 1794 erschienenen) Grammatischen Gespräche, »Die

Kühr«, gibt Klopstock dazu die Regel: M a n b r a u c h t die B e n e n n u n g statt des 15

Beywortes. Grosch S. IS weist darauf hin. Vgl. Klopstock, Der Zürchersee (17SO)

V. S4: der E n t z ü c k u n g T o n ; Der Eislauf (1764) v. 24: des Krystalls E b n e ;

Unsre Sprache (1767) v. 14: W e n d u n g e n d e r K ü h n h e i t .

2 V e r g ä n g l i c h k e i t ] Trotz des fehlenden Kommas wohl als Anrede aufzufassen,

S t ä t t e als Dativ; denn die v. 1 zurückgewiesenen W ü n s c h e sind nicht etwa Ewig- 20

keitswünscke, sondern eben Vergänglichkeitswünsche, Erdenwünsche (vgl. die Les-

arten).

6—8 Cecilia] Die in der früheren Fassung hier genannte Narzissa (vgl. die Les-

arten) ist Youngs Stieftochter, deren Tod in der Dritten Nacht der Nachtgedanken

beklagt wird (in Eberts Übersetzung Band 1, Braunschweig 1768, S. 192-269). 25

Darin heißt es (S. 231): S a m m l e diese E r n t e von d e r G r u b e d e i n e r Narcissa.

G l e i c h w i e , n a c h d e r D i c h t e r Sage, aus des Ajax s t r ö m e n d e m Blute eine t r a u -

r i g e , m i t G r a m b e z e i c h n e t e B l u m e e n t s p r o ß ; also l a ß aus m e i n e r t ö d t l i c h e n

W u n d e W e i s h e i t h e r v o r b l ü h e n . U n d zuerst zeige die F r ü c h t e , die w i r von

s t e r b e n d e n F r e u n d e n e r h a l t e n , Sie b r i n g e n uns eine v i e r f a c h e H ü l f e ; sie 30

h e l f e n uns die G e d a n k e n l o s i g k e i t , d i e F u r c h t , den H o c h m u t h , u n d die Sünde

v e r j a g e n . — In der endgültigen Fassung tritt Cecilia wohl nur aus Gründen des

Silbenmaßes an die Stelle. Eine betonte Zurückhaltung gegen Young — dessen Nar-

cissa hieß mit wirklichem Namen Elizabeth, nicht Cecilia — braucht nicht angenom-

men zu werden (wie etwa in dem Gedicht Der Lorbeer v. 17—20 — vgl. dort die Les- 35

402
Die Weisheit des Traurers. Selbstquälerei 97-100

arten). — In der Weisheit des Traurers taucht v. S0—ß2 erster Fassung nochein

weiterer Eigenname ( E l i s a ) auf, der schnell wieder verworfen wird und also wohl

auch kaum eine besondre literarische oder historische Beziehung hat,

9 R i c h t e r i n ] Die Weisheit.

5 10.11 der Höflinge "Bnüxiaimtes liccr] Vgl. Horaz, carm. 1, 37, 9 f . : con-

taminato cum grege turpium morbo virorum.

17 des W ü r g e r s Pfeil ] Aus Youngs NacHtgedanken — vgl. Einst und Jezt v. 7 f .

und die Erläuterung z. St.

21-24 Diese Strophe ist zwar eingeklammert, doch ohne Ersatz — vgl. die Les-

10 arten. Sie ist aber (wie gegen Siegmund-Schultze S. 109 betont sei) unentbehrlich,

da sie den Szenen- und Stimmungswechsel motiviert. Ein unmittelbarer Übergang

von 20 zu v. 2S wäre unverständlich.

2 1 . 2 2 Ähnlich Die Ehrsucht v. 2L- D o c h es s t r ä u b e t sich des Jünglings R e c h t e .

- Vgl. Klopstock, Mein Vaterland (1768) v. 22: Es b e b t m i r die Hand die

15 Saiten h e r u n t e r ; Ihr Tod (17S0) v. 1! f . : vor W e h m u t h Sinket m i r die H a n d

d i e Saiten h e r a b .

32 G e w a h r s a m ] Es ist nicht unbedingt notwendig, diese Zeile, wie es Siegmund-

Schultze S. 110 will, mit einem Erlebnis Hölderlins, nämlich der am 10. November

17S9 über ihn verhängten Karzerstrafe, in Zusammenhang zu bringen.

20 45 die E h r e ] Vgl. die Ode An die Ehre.

46 So lang leitet einen adversativen Nebensatz ein: so lang (auch}, entflohn

dem . .. Knabenspiel,... verhöhnend die Taumelfreuden,... mein Herz ihr huldigt.

48 T r e u u n d w — w] Die metrischen Zeichen stehen so in der Handschrift. Die Er-

gänzung :^ergeben« läge nahe, Sie lag aber dem Dichter nicht minder nahe, schien

25 ihm also wohl zu billig; er suchte ein gehaltvolleres Wort und ließ deswegen die

Lücke offen,

<SELBSTQUÄLEREI>

Zur Datierung siehe die Bemerkung am Schluß der Lesarten zu Einst und Jezt,

Überlieferung

30 H: Stuttgart I H S, 2 ('s. die Beschreibung S, 393),

Erster Druck: Carl Müller-Rastatt: Friedrich Hölderlin. Sein Leben und sein

Dichten. Mit einem Anhange ungedruckter Gedichte Hölderlins, Bremen 1S94, S, 4S

403

1,26
100-103 Selbstquälerei. Burg Tübingen

(ohne die Überschrift, die von Berthold Litzmann stammt: Hölderlins gesammelte

Dichtungen, Stuttgart (1S96), I S7).

Lesarten

Überschrift: fehlt II 1 Ding später mit dunklerer Tinte durchden Schreibfehler

Herz hindurchgcschrichcn I~I 4 \vic<i€r nach gestr,:, weg II 6 freunde-

loser J u n g e ] (1) g u t e r J u n g e (2) gutes (5) f r e u n d e l o s e r J u n g e II

7 An unsre Seite s c h m i e g t aus.'An u n s e m A r m sich s c h m i e g t II schmiegt,

so] s c h m i e g t so II stolz aus k(aZt) II 9 D e n aus D e n n II beugt,]

bricht das Gedicht ab.


10
Erläuterungen

3 T o b i a s H ü n d l e i n ] Tobias 11, 9: D a lief d e r H u n d v o r h i n , w e l c h e n sie m i t

sich g e n o m m e n h a t t e n , und w e d e l t e m i t s e i n e m S c h w ä n z e , s p r a n g und stellete

sich f r ö h l i c h .

BURG TÜBINGEN

Dieses Gedicht leitet mit den folgenden stilistisch zu den Tübinger Hymnen über und 15

ist Ende 1789 oder Anfang 1790 entstanden.

Überlieferung

II: Zürich, Sammlung Martin Bodmer, Nr. 110: Doppelblatt 17,Sx21,4

(21,7) cm, alle Kanten unbeschnitten; bräunliches, festes, geripptes Papier;

Wasserzeichen: geflügeltes Herz unter einer Krone. 20

S.l: Strophe 1-3; S. 4: Str. 4-6; S. S: Str. 7-8; S. 2 (mit dunklerer Tinte):

Str. 9. Diese Schlußstrophe steht quer (von unten nach oben) etwa in der Mitte

der Seite; zwei Zeilen müssen gebrochen werden, um einigen Federproben und

dem dreimal (ebenfalls als Federprobe) untereinandergesetzten Namen Hölder-

lin. auszuweichen. Diese Namenszüge sind, ebenso wie die undatierte Echt- 25

heitshestätigung von der Hand Mörikes in der rechten oberen Ecke, im Sinne

der Strophen 1 — 8 geschrieben. Am linken, etwa 6 cm breiten Rande dieser

zweiten Seite finden sich noch, quer von oben nach unten, drei Zeilen Flüten-

noten, die M'örike ausdrücklich als Hölderlinisch beglaubigt; siehe das Faksi-

mile in diesem Band. 30

Faksimile der ersten Seite (Strophe 1—3): Auktionskatalog LXX, Karl Emst Hen-

rici, Berlin, 9.110. Mai 1921, Nr. S14.

• 404
Burg Tübingen 101-103

Erster Druck: (Christoph Theodor Schwab}: Neu aufgefundene Jugend gedieht c

Friedrich Hölderlins. Morgenblatt fi'ir gebildete Leser 1863 A r . 34 u. (20. u.

27. August) S. S2S.

Lesarten

5 2 Schwarz/ür Grau H 3 t r ü b e üicr eh'nie H 4 a gestr.:

Oer G c m a c h c H 7 Und nus S J^^ 8 W a f f e n s a a l aus Vfapipensaal} Jf

10 Lobzuprciscn aus Lop H 11 Siegsgoprängc aus dem Ansatz zu Sp II

1 7 H i e f h o n i s aus H ü f l h o r n s II s c h a l l c n d c m Ü6cr f r ö l i c h c m Irl 20 Um]

dieser Vers ist, ebenso wie v. 17, durch einen kurzen waagerechten Strich vor dem

10 Reginn angemerkt H 2 2 K n a b e n üicr gcstr. Söhne H s t o k e r nus k ( i i n c r ) / " /

23 verschiiniler über gestr. g e t r e u e r I I 24 B r ä u t e unter gestr. ursprüngl.

Mädchen// 26 Khcn (Schreibfehler) H 21 der fehlt H Väter

aus d c ( r ) II 2 9 — 3 2 J Diese Verse sirul durch eine geschlängelte Linie am

linken Hand als noch nicht endgültig gekennzeichnet II 37 Mier aus 11 II

15 Mier wo unterstrichen, ebenso v. 39 Wo den I'I Heldenscliatten aus

deister . .?) H 4 0 S p r e c h e aus Sch ("?; / / 4 3 W e n aus D Irl 45 von

aus Z H 47 z ä h l e t ] z ä h e t (Schreibfehler) II 48: Der Versanfang

CKoninie und gen) unterstrichen, zur Kennzeichnung des Jfypermetrons Irl

50 losem aus losen H 51 W e m ] (1) zu F (2) W e n (3) W e m H

20 A d e l t a l e n ] so (nicht: Adelthalen) II 53 n i c h t d i e ] n i c h t , die H 5 4 Die

aus dem Ansatz zu W II F u ß aus F u l t (?) H

5 6 a —d durch eine geschlängelte Linie am linken Rand getilgt:

D e n n (a), (b) d e r H e l d e n k i n d e r H e r z zu stählen

W e h t b e g e i s t e r n d (a) W (b) h i e r W a l h a l l a s L u f t ,

25 Und es w a c h e n h i e r d e r V ä t e r Seelen

(a) L o g (b) L o s g e w u n d e n von d e r (a) S c h l u m m e r g l u f t ,

(/?) S c h l u m n i e r g n i f t , II

58 Atmet aus WcQiet) Irl hier über der Zeile I I M ä n n e r m u t h aus m II

60 Sich aus Z<u?) I I Tliuiskons aus T h u i k II 68 höhnt.] hölmt H

30 69 E r n s t e s aus E r n s t e n Irl 70 E i n z u t r i n k e n ] t r i n k e n über a t m e n II

7 2 W a l h a l l a s aus J ( ? ) H

Erläuterungen

Als hauptsächlichstes Vorbild ist Friedrich Matthissons Elegie in den Ruinen eines

alten Bergschlosses geschrieben (1, 114—117 Bölsing) zu nennen; daneben attch

405
101-109 Burg Tübingen. Lied der Freundschaft

Thill: Stauffen .fm St'dudlins Schwäbischer Blumenlese auf das Jahr 178^,

S. 69-72) und Conz: Schloß fVürtemberg (in St'dudlins Blumenlese 1784,

S. 19-2}).

5 G e m a c h e ] Vgl. die Erläuterung zuv. 13 der Ode Die Unsterblichkeit der Seele.

1 0 Mans.]Vgl. {Zornige Sehnsucht) v. 21 und die Erläuterung z. St. 5

1 7 H i e f h o r n ] £ m e n c i m »Hifthorn« gleichberechtigte, jetztverdrängteForm. Der

Hift oder H i e f (von althochdeutschem »hiofan« = heulen, klagen) bedeutet den

»Stoß in das Jagdhorn bei der Hirschjagd« (Trübners Deutsches Wörterbuch, hg.

von Alfred Götze, 43S).

51 A d e l t a t e n ] Vgl. Lied der Liebe, I.Fassung, v. 47. 10

60 T h u i s k o n ] Der von Tacitus (Germania cap. 2) Tuisto genannte Vater des

Mannus CMana), des Stammvaters der Germanen. Vgl. (Zornige Sehnsucht) v. 21

und die Erläuterung z. St,

LIED DER FREUNDSCHAFT

Klopstochs Gelehrtenrepublih (1774) gab wohl die Anregung dazu, daß Hölderlin, 15

Magenau und Neuffer im Jahr 1790 einen Dichterbund in der Art des Göttinger

Hainbunds schlössen. (Karl Friedrich Reinhard erzählt in einem Brief an seinen

Bruder vom 4. Februar 1782 von einem ähnlichen Zusammenschluß Tübinger Stu-

denten; abgedruckt bei Wilhelm Lang: Graf Reinhard, Bamberg 1896, S. 23.) An

den »Aldermannstagen« lasen und beurteilten sie eigene und andrer Werke. Ihre 20

gemeinsam besprochenen Gedichte sammelten sie in einem besondern Bundesbuch

(Stuttgart I I ) . Magenaus Aufzeichnungen (im Hölderlin-Archiv — siehe Band 7

dieser Ausgabe) enthalten Näheres über diese »Anstalt«, die fortgewährt habe, so-

lange er und Neuffer in Tübingen gewesen seien, also bis zum Herbst 1791. Der

Zwang, jedesmal ein Gedicht in das Bundesbuch einzutragen, wird jedoch bald auf- 25

gegeben: von Magermu und Neuffer stehen nur vier Gedichte darin, von Hölderlin

nur drei.

Sein L i e d d e r F r e u n d s c h a f t ist A m T a g e d e r E i n w e i h u n g e i n g e s c h r i e b e n (vgl.

die Beschreibung der Handschrift und die Lesarten). Dieser Tag ist nicht genau

bestimmbar. Zwischen dem zweiten Aldermannstag (20. April 1790) und dem dritten 30

(I.Juni) liegen genau sechs Wochen. Vielleicht darf man den »Tag der Ein-

weihung «, den ersten Aldermannstag, sechs Wochen vor dem zweiten ansetzen: auf den

9. März — die Ostervakanz läge dann dazwischen. (Ostern war am 4. und S. April.)

406
Lied der Freundschaft 104-109

Neuffer datiert das Lied in beiden Drucken auf 1790.

Wann die zweite Fassung entstanden ist, läßt sich schwer sagen: möglicherweise

gleichzeitig mit der zweiten Fassung des Liedes der Liebe (S. 112—1 IS) und in der-

selben, dann aber nicht ausgeführten Absicht der Veröffentlichung.

5 Überlieferung
Erste Fassung:

I-P : Stuttgart 11 Bl. 7^-9^.

Beschreibung des Bundesbuchs: Lederband mit Rückenvergoldung und Gold-

schnitt; 182 Blätter 14, f x 22,S cm; starkes, gelbliches, geripptes Papier ohne

10 Wasserzeichen; von Bibliothekarshand foliiert bis Bl. 27 ;Bl. 1^: eigenhändige

Namenseinträge:

Rudolph Friederich Heinrich Magenau,

aus M a r c k - G r ö n i n g e n .

Christian Ludwig Neuffer,

15 von S t u t t g a r d t .

J o h a n n Christian F r i d r i c h H ö l d e r l i n ,

aus L a u f f e n .

Bl. 1" u. Bl. 2 leer; Bl. h Bunds-Licd, eingeschrieben a m Tage der

Einweihung, unterschrieben: Magenau.; Bl. 4—7'': R u n d g e s a n g für

20 Freunde, am Tage der Einweihung eingeschrieben unterschrieben:

N e u f f e r . ; Bl. 7®-?".-Lied d e r F r e u n d s c h a f t . A m T a g e d e r E i n w e i h u n g

e i n g e s c h r i e b e n , unterschrieben: WoXÖLexMn.; Bl. 10: hxi Norma, (als sie

ein Kind auf d e m Schoos hielt) unterschrieben: Magenau.; Bl. 11—12':

An M o r n a . d. 20. April. 1790. unterschrieben: N e u f f e r . ; Bl. 12^-lP:

25 Lied d e r L i e b e . A m zwoten A l d e r m a n n s t a g e . unterschrieben: Hölderlin.;

Bl. 14-1 f: M e i n W u n s c h , unterschrieben: R. Magenau.; Bl. lS^-16^:

A n die E i n s a m k e i t , d. 1. Jun. unterschrieben: Neuffer; Bl. 17—18':

Frage, unterschrieben: l\udo\t Magenau.; Bl. 18''-19'>: An die Stille.

Am dritten Aldermannstage. unterschrieben: H ö l d e r l i n . ; Bl. 20 u. 21:

30 leer; Bl. 22^-24^: An die W o l l u s t unterschrieben: N e u f f e r ; alle übrigen

Blätter sind leer.

J^ : Taschenbuch von der Donau Auf das Jahr 1824 Herausgegeben von Ludwig

Neuffer Ulm in der Stettin'sehen Buchhandlung. S. 193-196, unter-

schrieben: Hölderlin.

407
104-109 Lied der Freundschaft

Die Änderungen gegenüber H^ rühren vermutlich von Neuffer her. Ab-


weichungen in Rechtschreibung und Zeichensetzung sind bei den Lesarten
nicht verzeichnet.

J^ : (Ludwig Neuffer}: Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. II.


Zeitung für die elegante Welt 1829 Nr. 173 (4. September), Spalte 1380 5
bis 13 82.
Abdruck nach J^, mit Abweichungen in den Versen 27, 62, 64. (Vgl. die Be-
merkung zu dem Druck J^ des Liedes der Liebe, S. 411-413).

Zweite Fassung:
J-F : Zürich, Sammlung Martin Bodmer Nr. 114: Doppelblatt 17,4x21,4 cm; 10
bräunliches, festes, geripptes Papier; Wasserzeichen: LOEHLE
Alle vier Seiten beschriehen. Am Schluß undatierte Echtheitsbestätigung von
G. Schwab.

Daß es sich um die 2. Fassung handelt, beweist die Korrektur v. 70. Diese
Fassung ist bisher ungedruckt. 15

Lesarten
1) der ersten Fassung:
Überschrift: darunter: Am Tage der Einweihung eingeschrieben. H'
4 . 5 •• In der Abenddammrung: Hülle, Und i m Herzen ernst und stille, J
8 aus aui auch li^ 13-18: fehlt J 2 0 W a n n ] Wenn / 2 2 - 2 4 : Fest 20
in Preud' und Leid zu stehen, W i e im Sturm die Felsenhöhen, Ist des deutschen
Jünglings werth. J 2 7 der Freund H^ J^ ein Freund J^ 3 1 : Männerstolz,
wenn Lästrer schreien, J 3 3 M ä n n e r m u t h ] Seelenkraft J 3 9 Küliger]
Freundlicher J 4 0 . 4 1 : W e n n m i t offnem Sinn und Herzen, Unter E m s t
und muntern Scherzen J 41 hui nach gestr. mil H^ 44 Fürstengunst] 25
Gunst und Dunst J 45: W i e sie sammeln G u t und Geld; J 48: Ist
sein schönstes Glück der Welt. / 4 9 S c h m e t t e r t ] F ü h r t auch J 5 0 Auch]
Einst J 5 2 Schmerz] G r a m J 5 3 Nun] Oft J freundelosen] freude-
losen J 5 4 : Missend das verlorne Glück; J 5 6 : Einsam in Gewitter-
stürmen, J 5 8 abgeblaicht] schmerzerfüllt J 6 0 Ahndungsvoll] Sehn- 30
suchtsvoll J

61—66 Dann ercfuicken ihn die Stunden,


In der Freundschaft Arm versclivvoinden ("empfunden J ^ ) ,
Tröstend durch E r i n n e r u n g ;

408
Lied der Freundschaft 104-109

Das G e d ä c h t n i ß v o r ' g e r ("alter J ^ ) F r e u d e n

L a b t das H e r z in b a n g e n L e i d e n ,

G i b t d e r Seele n e u e n S c h w u n g .

D a n n g e d e n k t er r u h i g w i e d e r

5 M a n c h e r froligesungnen L i e d e r ,

Und d e r S c h w ü r e , t r e u u n d w a r m ;

U n d g e w c c k t von stillem S e h n e n

Quellen s c h w e r v e r h a l t n e T h r ä n c n ,

Und b e s c h w i c h t i g t ist d e r H a r m . J

10 69 sein B u n d ] d e r F r e u n d J 70: I n das H e r z d e r B u n d e s b r ü d e r J

72: Lebet wohl! Vergeßt mein nicht! J

2) der zweiten Fassung:

4 A r m in A r m ] a m in A r m (Schreibfehler) 1:1^ 15 unser aus uns Ii-

2 6 Tagc7] Fragezeichen aus Komma I'I^ b e u g t nus p<cm.^(?> H'^ 30 Bru-

15 der aus S(eegne) H^ 48 F l e u ß t aus F e oder F r I'P 60 E i n e r aus e i n e r

70 Still aus All LP (vgl. v. 64 der 1. Fassung!) 7 1 w i n k e n aus sinken Ii"

Erläuterungen

Bei den sich auf die zweite Fassung beziehenden Erläuterungen ist die Versnummer

eingeklammert.

20 8 (8) S c h l u m m e r g r ü f t e ] Grimms Deutsches Wörterbuch 9, SIS führt s. v.

Schiimmergruft als einzigen Beleg die Verse 7—9 des Liedes der Freundschaft an.

- Vgl. auch An die Stille v. 2L

17 E l y s e n ] Vgl. (An Lyda) v. Hymne an die Menschheit v. H. Diese Form

(statt: Elysium) verwendet auch Schiller, Laura am Klavier v. }9 f . : Ists die

25 S p r a c h e , l ü g m i r n i c h t . D i e m a n in Elysen s p r i c h t ?

2 1 (15) D e r f ü r unser H e r z g e l i ö r t ] Vgl. Heimkunft v. 96: W i e es g e h ö r t f ü r

sie; ferner Schiller an Körner, 1. März 1790: . . . eine Existenz, wie sie f ü r

mich gehöre . . .

29 Lyiius "[Inder späteren griechischen Dichtung (zumal in den Anakreontea) häufig

30 vorkommender Beiname des Bacchus: kvalog der Löser, Sorgenlöser. Vgl. Horaz,

epod. 9, }7 f . : curam metumque Caesaris rerum iuvat dulci Lyaeo solvere. Auch in

der Ode des Horaz, mit der sich Hölderlin später besonders angelegentlich beschäftigt

409
104-113 Lied der Freundschaft. Lied der Liebe

(carm. 21: Stuttgart I 33, S. 2 — vgl. Band S dieser Ausgabe), heißt Bacchus

(v. 16) Lyaeus; ebenso carm. 1, 7, 22.

38 d e r L i n d e D ü f t e ] Fgl. {Zornige Sehnsucht) v. 20.

( 4 5 ) W i e die P e r l e k l a r u n d h e l l ] Vgl. {An Lyda) v.l4: W i e die P e r l e schön

und ungetrübt. 5

(50) T r e n n u n g e n u n d T o d e ] Klopstockische Pluralia. Vgl. Messias 11,690:

S a h d e r T r ü m m e r n u n d T o d e n o c h m e h r ; 69S: U n d die T o d e der P e s t .

5 3 (58) f r e u n d e l o s ] Fgl. {Selbstquälerei) v. 6: ein f r e u n d e l o s e r J u n g e .

5 9 (65) Mittemachtsgeflüster] Fgl. Schiller, Laura am Klavier v. 36:

Schauemachtgeflüster. 10

6 7 (73) des Todes F l ü g e l ] Der Tod ist, wie in Klopstocks Messias häufig, als

Todesengel vorgestellt.

LIED DER LIEBE

Unter der Überschrift steht: A m zwoten A l d e r m a i m s t a g e . Das ist nach Neuffers

gleichzeitigem Eintrag der 20. April 1790. In dem Druck J^ der ersten Fassung 15

datiert Neuffer das Lied irrtümlich auf 1789.

Die zweite Fassung ist wohl nicht allzulange nach der ersten entstanden, aber dann

mit großer Ferspätung erst 1794 gedruckt (J^). Jedenfalls ist sie vor die 1793 er-

schienene Hymne an die Liehe (S. 166 f . ) , die dritte Fassung des Liedes der Liebe,

zu setzen, wie schon ein flüchtiger Fergleich lehrt. 20

Das Lied der Liebe ist also das früheste Gedicht, das Hölderlin (allerdings in einer

späteren Bearbeitung) in Druck gegeben hat.

Die Fassung der Handschrift, auf der auch J^ beruht, ist als »Erste Fassung« im

Text besonders abgedruckt, weil ihr als einem Stück des Bundesbuchs besondre Bedeu-

tung zukommt. Die Abweichungen der »Zweiten Fassung« (J^) sind zur besseren 25

Übersicht gleichwohl unter den Lesarten verzeichnet. Die dritte Fassung (Hymne

an die Liebe) steht nicht hier, sondern unter den in Stäudlins Jlmanachen veröffent-

lichten Hymnen S. 166 f . ) , aus deren Zusammenhang sie nicht gut j^elöst werden

kann; ihre (wesentlich stärkeren) Abweichungen sind in den Lesarten hier nicht

berücksichtigt. 30
Überlieferung

H: Stuttgart 11 Bl. 12^-13» (s. die Beschreibung S. 407).

J^ : Die Einsiedlerinn aus den Alpen. {Herausgegeben} von Marianne Ehrmann.

410
Lied der Liebe 110-11)

Zweites Bündchen, Zürich, bey Orell, Geßner, Füßli und Comp. 1794.

S. 22f-227, unterschrieben: Hölderlin.

Die Zeilen mit stumpfem Reim sind immer eingerückt.

J^: {Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. I.

5 Zeitung für die elegante Welt 1829 Nr. 172 (L September), Spalte 1371

bis 1372 (beruht auf der Fassung des Bundesbuchs).

Der Jahrgang 1829 der Zeitung für die elegante Welt bringt im ganzen 1S Gedichte

Hölderlins. Der nicht genannte Einsender schickt dem ersten folgendes Vorwort

voraus (Spalte 1369-1371):

10 E i n s e n d e r dieser G e d i c h t e g l a u b t sich die z a h l r e i c h e n V e r e h r e r H ö l d e r l i n ' s

d u r c h M i t t h e i l u n g derselben u m so m e h r v e r b i n d l i c h zu m a c h e n , als sie in der

S a m m l u n g , die bei Cotta ( S t u t t g a r t u n d T ü b i n g e n 1826) h e r a u s g e k o m m e n

ist, f o h l e n . E i n i g e dieser G e d i c h t e e r s c h e i n e n z u m ersten M a l e i m D r u c k e ,

a n d e r e s t e h e n in d e r p o e t i s c h e n B l u m e n l o s e von Stiiudlin ( J a h r g a n g 1 7 9 2

•15 u. 1795), die a b e r langst vergessen ist und die G r ä n z e S c h w a b e n s n i c h t ü b e r -

s c h r i t t . Diese G e d i c h t e , die E r s t l i n g e , die von H ö l d e r l i n i m P u b l i c u m e r -

s c h i e n e n , w e i h t e e r seiner v e r e h r u n g s w ü r d i g e n M u t t e r , d e r e n G e i s t u n d

G e m ü t h l i c h k e i t auf i h m r u h t e , m i t einer I n s c h r i f t in d e m E x e m p l a r e , das

e r i h r in k i n d l i c h e r L i e b e ü b e r g a b , von seiner H a n d g e s c h r i e b e n :

20 »Lassen Sie m i c h , liebste M u t t e r , das W e n i g e , das Sie h i e r von m i r

f i n d e n w e r d e n , I h n e n w e i h e n . Es sind J ü n g l i n g s v e r s u c h e . Sie w ü r d e n ,

w e n n a u c h diese A r t von G e d i c h t e n u n s e r m Z e i t a l t e r a n g e m e s s e n e r

w ä r e , w e n i g G l ü c k m a c h e n bei u n s e r n L e s e r n u n d L e s e r i n n e n . A b e r

vielleicht e i n m a l etwas Besseres! D a n n w e r d ' i c h stolz u n d d a n k b a r

25 s a g e n : Dies d a n k ' i c h m e i n e r M u t t e r , I h r e r E r z i e h u n g , I h r e r f o r t -

d a u e r n d e n M u t t e r l i e b e , I h r e r F r e u n d s c h a f t zu m i r . «

E i n i g e dieser G e d i c h t e sind in das T a s c h e n b u c h f ü r die Donau ( J a h r g . 182+

u . 1825) e i n g e r ü c k t , allein a u c h w e n i g b e k a n n t g e w o r d e n . » D i o t i m a « s t e h t

zwar in d e r C o t t a ' s c h e n S a m m l u n g , allein h i e r ist sie vollständiger i m d als

30 A r b e i t letzter H a n d m i t g e t h e i l t . O b g l e i c h an W e r t h imd G e h a l t s e h r u n -

g l e i c h , v e r r a t h c n diese G e d i c h t e doch alle den g r o ß e n D i c h t e r g e i s t , den ein

b e t r ü b e n d e s Schicksal n i c h t z u r vollen R e i f e wollte k o m m e n lassen, u n d

keines d ü r f t e o h n e t i e f e R ü h r u n g aus d e r H a n d g e l e g t w e r d e n . D i e m e i s t e n

m o c h t e n d a h e r , w e n n es k ü n f t i g zu einer zweiten u n d v e r m e h r t e n A u f l a g e

35 k o m m e n sollte, a u f n a h m s f ä h i g soyn, u n d vielleicht w ü r d i g e r als m a n c h e , die

411
110-113 Lied der Liebe

s c h o n d e u t l i c h e S p u r e n d e r K r a n k h e i t i h r e s Verfassers t r a g e n . Sie s t e h e n h i e r

in c h r o n o l o g i s c h e r O r d n u n g u n d k ö n n e n deswegen e i n e m k ü n f t i g e n Bio-

g r a p h e n w i c h t i g e F i n g e r z e i g e g e b e n , in H i n s i c h t d e r E n t w i c k l u n g u n d Bil-

d u n g seines T a l e n t s . D i e H y m n e n m a c h e n eine A r t von Cyklus. Sie sind h e r -

v o r g e g a n g e n aus e i n e m v i e l j ä h r i g e n S t r e b e n , a b s t r a c t e I d e e n , besonders von 5

P l a t o u n d K a n t , ins G e w a n d d e r D i c h t k u n s t zu h ü l l e n . Sie h a b e n d e m V e r -

fasser viel A n s t r e n g u n g gekostet vmd v i e l l e i c h t den ersten K e i m e i n e r psychi-

s c h e n Ü b e r s p a n n u n g e r z e u g t . Seine z a r t e O r g a n i s a t i o n w a r n i c h t f ü r s c h w e r e

Geistesarbeiten.

Es sind einige G e d i c h t e a n g e h a n g t , die d e m schönen p o e t i s c h e n D r e i b u n d e , 10

in w e l c h e m er, w ä h r e n d seiner a k a d e m i s c h e n L a u f b a h n , m i t N e u f f e r u n d

jNIagenau stand, i h r e E n t s t e h u n g v e r d a n k e n . Besonders w a r e r m i t N e u f f e r ,

dessen Stubengenosse er m e h r e r e J a h r e l a n g g e w e s e n , i n n i g v e r b u n d e n . D i e

Zugabe dieser j u g e n d l i c h e n H u l d i g u n g e n \ m d i n n i g e r F r e u n d s c h a f t d ü r f t e

m a n c h e n L e s e r n n i c h t u n w i l l k o m m e n seyn. 15

Die Vermutung, Neuffer möchte der Einsender sein (trotz der merkwürdigen Be-

hauptung am Schluß des vorletzten Absatzes), wird durch Neuffers Tagebuch (Stutt-

gart, Landesbibliothek, Hist, oct, 9S) zur Gewißheit. Am 1. Juli 1829 vermerkt er,

heute habe er an Hölderlins Gedichten, die noch nicht in seiner Sammlung (der Ge-

dichte von 1826) stünden, abzuschreiben angefangen, um sie an Voß in Leipzig zu 20

schicken. Vgl. Willy Bauer: Christian Ludwig Neuffer, Diss. Heidelberg 1931,

Anrn. 326. — Leopold Voß ist der Verleger der Zeitung für die elegante Welt, ihr

Redacteur K. L. Methus. Müller. — In der Einleitung zum ersten Druck der Hymne

an die Unsterblichkeit (Zeitung für die elegante Welt 1832 Nr. 220) schreibt

Neuffer: Sie m a g sich an d i e j e n i g e n seiner G e d i c h t e a n r e i h e n , die i c h vor 25

einigen J a h r e n in diesen B l ä t t e r n m i t g e t h e i l t h a b e .

Erstmals im Druck erschien hier von den IS Gedichten Hölderlins tatsächlich nur das

An die Stille aus dem Bundesbuch, das Neuffer — nach Magenaus Bericht — damals

besaß, soiüie die erste Fassung des Liedes der Liebe und die mittlere Fassung (nicht

»Arbeit letzter Hand«! — vgl. S. S29) des Gedichts Diotima. — Alle andern Texte 30

gehen also wahrscheinlich auf Drucke zurück, nicht auf Handschriften Hölderlins,

so daß ihre Abweichungen dem Einsender zuzuschreiben wären. Die Widmung an

die Mutter ist auf keitien Fall auf dem ersten Blatt einer etwa von Hölderlin her-

gestellten Sammelhandschrift zu denken, wie Neuffers unklarer Ausdruck »von seiner

412
Lied der Liebe 110-llS

Hand geschriebene vermuten lassen könnte (er ist auf die »Inschrift« zu beziehen),
sondern in einem Exemplar eines der beiden Stäudlinschen Almanache; denn Neiiffer
spricht von den Erstlingen, »die von Hölderlin im Publicum erschienen«, und Hölder-
lin selbst noch deutlicher von dem Wenigen, das die Mutter hier von ihm finden
5 werde, das heißt: unter den Arbeiten der übrigen Beiträger.

Lesarten

Überschrift: darunter: Am zwotoii Aldormannstage. H


1 alindcncl] ahndend, J' ahnend J^ 2 FiurJ Flur, J' 3 "Wo die]
DaD von J^^ 4 In dem T e m p e l ] Hüh'n und Tiefen J' N a t u r ; ] Natur. J'
10 6 Sorge] Klage J^ sein] seyn J'-^ 8 Wonniglich] Frei und froh J'
freu'ii.] vveih'ii! J^ 9 Schwestern! B r ü d e r ! ] Schwestern, Brüder, J'
1 0 Vestgeschlungen!] Fest g e s c h l u n g e n , F e s t g e s c h l u n g e n , 1 1 Singt
das heiligste] Hand in Hand das Lied J' Lieder] Lieder, J' 12 Von
d e m h o h e n W o s e n b a n d ! ] Seelig an der Liebe Band! J ^ Von dem hohen
15 Wesenband!/® 1 6 Wonnerauschend] Hold und herrlich J^ 19 Frii-
lingsrosen] Friihlingsrosen 2 0 M e r g e n t h a u ] Mergenthau, Morgen-

t h a u ; J^ 2 2 Freundlichmurmelnd] Freundlich m u r m e l n d J'-^ 2 3 Kluft


aus Gruh (am Rande verdeutlichend wiederholt) H 25 eh'rner] ehr'ner/"f
ehrner/' 2 7 D o n n e r a u ^ L / J Stätte] Stätte, J^ 2 8 brennt,] brennt. J'
20 b r e n n t ; 2 9 h e h r e ] hohe J® 3 0 Sterne aus S t e r n e n / / 3 3 in Wüste-
neien] durch Ozeane J' 3 4 . 3 5 : Durch der dürren Wüste Sand Blutet an
der Schlachtenfahne, 3 6 Todtenland;] Todtenland! 37 nieder]
nieder, 39 wieder] w i e d e r - J^ 41 den] der (Druckfehler) J'

42 wolint] thront, J' 43 den Scliweis] die Tlirän' Felsenhügel]


25 Felsenhügel, - 4 4 W a n n ] Wenn J^ Richter aus d Ii 46 Scheide-
wand] Scheidewand, J^ '^ 4 7 Adelthaten] Biedre Herzen J' Edel-
thatcn J^ 48 Krone] Kronen J^ 49.50: Laßt die Scheidestunde
schlagen. L a ß t des Würgers Flügel wehn! 50 O t h e m ] Odem J~

5 1 B r ü d e r ! ] Brüder, tagen,] tagen! J'-^ 52 Schwestern!]Schwe-


30 Stern, J'-^ 'Wicdcrsehn;] Wiedersehn! J' Wiederseli'n! J'^ heiligsten]
Heiligsten J' 54 Die] Den J' 55 Brüder! Schwest ;ern!] Brüder,
Schwestcrn, Liebe!] Liebe, 56 Grab!] Grab. J-

413
110-11! Lied der Liebe. An die Stille

Ii, r läute run gen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in Schillers Lied An die Freude.

Überschrift: A m zvvoten A l d e r m a n n s t a g e ] Das Masculinum zwo (statt: zween)

hat eine Parallele im ersten Druck der Schillerschen Ballade Der Gang nach dem

Eisenhammer (1798) v. 97: Und zwoen K n e c h t e n w i n k e t e r . 5

12 Von d e m h o h e n W e s e n b a n d ] Von der Liebe, dem Band, das' alle Wesen

vereinigt, dem Zaubergürtel, womit die Mutter der Liebe, Urania, das Weltall in

tobendem Entzücken zusammenhält (siehe das Motto zur Hymne an die Göttin der

Harmonie),

29.30 (29.30) U m die h e l i r e Sonne leitet Sie die t r e u e n S t e r n e h e r ] Vgl. 10

Schiller, Fantasie an Laura v. / / . ; S i e h ! er (der Wirbel der Liebe) l e h r t die

s c h w e b e n d e n P l a n e t e n E w g e n R i n g g a n g s u m die Sonne f l i e h n .

3 6 (36) Steigt h i n a b ins T o d t e n l a n d ] Kempter Anm. 6S weist auf Orpheus hin.

4 2 (42) d e r G o t t d e r G ö t t e r ] Vgl. v. S4 (S4) und Männerjubel v. 26 f .

47 A d e l t h a t e n ] Fgl. Burg Tübingen v. Sl. — Grimms Deutsches Wörterbuch ver- 15

zeichnet das Wort nicht.

(50) des W ü r g e r s F l ü g e l ] Gemeint ist der Flügel des Todes, des Todesengels

— vgl. Lied der Freundschaft v, 67 (7)); der Tod wird hier W ü r g e r genannt in

Anlehnung an Eberts Young- Übersetzung — vgl. die Erläuterung zu Einst und Jezt

v. S-8. 20

5 6 (56) Zeit u n d G r a b ] Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. i2; Hymne an die

Göttin der Harmonie v. 8; auch (An Lyda) v. 8 ("Geschik u n d Z e i t ^ ; Hymne an die

Muse v. 96; Hymne an die Freiheit (Wie den Aar . . .) v. 92 ("Glük u n d Zeit).

AN D I E STILLE

Unter der Überschrift steht: A m d r i t t e n A l d e r m a n n s t a g e . Das ist nach Neujfers 25

gleichzeitigem Eintrag der 1. Juni. Im ersten Druck datiert Neuffer das Gedicht

auf 1790.

Überlieferung

H: Stuttgart 11 Bl. 18^-1('s. die Beschreibung S. 407).

Faksimile der beiden ersten Strophen: Hölderlin, Sämtliche Werke, historisch- 30

kritische Ausgabe . . . besorgt durch Norbert v. Hellingrath, 1. Band, Mün-

chen und Leipzig 19U, nach S. 96 (2. Auflage, Berlin 1923, ebenda).

414
An die Stille. Hymne an die Unsterblichkeit 114-119

Brster Druck: (^LudwigNeuff er): Nachtrag einiger Gedichte^ von Friedrich Hölder-

lin. III. 'Leitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 174 September), Spalte 13S7

bis liSS. — Abweichungen: 16 w o h n e s t 46 N i c l i t u m d ü s t o r t 47 Traum

entlliclicn

5 Lesarten

Überschrift: darunter: Anv d r i t t e n Aldcrrnannstago. Ii

4 Licljesliauch aus L I e b c s h a u c l i e I i 2 0 kalten nach gcstr. kl H 22 den

ni« dorn FI 30 d e r ] des (Schreibfehler) II 31 Scliattcnquelle aus

Scliattoqiiollc II 46 Scliwarm;] Scliwarm H

10 Erläuterungen

Vgl. Die Stille S. 42-4! und An die Ruhe S. 92-93.

9-12 Crosch S. 9 weist auf Psalm 139, S hin: Püliro ich gen H i m m e l , so bist:

du da. Bettfite ich m i r in die H ü l l e , s i e b e , so bist du a u c h da.

16 I n des Chaos T i e f e n wohntest d u ] Elicruo wohnt die Stille auch in der

15 T i e f e des Meeres — vgl. den Schluß des Archipelagus.

23 S c h l u m i i i e r g r ü f t e ] Vgl. Lied der Freundschaft v. S.

44 Maigesäusel wird G o w i t t c r f l u c h ] Subjekt ist G e w i t t e r f l u c h .

H Y M N E AN D I E UNSTERBLICHKEIT

In der undatierten verspäteten Antwort auf Neuffers Brief vom 24. Oktober 1790,

20 die mit den Worten: W a r u m i c h D i r so lange n i c h t g e s c h r i e b e n h a b e . . . be-

ginnt, heißt es: Hältst D u es d e r M ü h e wertli, so ^vill ich den G e s a n g an die ü n -

s t e r b l i c b k e i t u m a r b e i t e n . Es ist nicht ausge.Khlossen, daß Neuffer dem — irrtüm-

lich auf 17S9 datierenden — ersten Druck ( J ) eine Reinschrift des ganzen um-

gearbeiteten Gedichts zugrwule gelegt hat; ebenso aber nicht unmöglich, daß ihm

25 lediglich der vollständige Entwurf vorlag, wovon heute nur noch das eine Stuttgarter

Blatt (I'I) erhalten ist. In diesem zweiten Fall wäre also die geplante Umarbeitung

nicht ausgeführt worden und alle in den letzten fünf Strophen (v. 73—112) fest-

gestellten Abweichungen gegen I i als eigenmächtige Änderungen Neuffers anzu-

sehen; auch mi'ßte dann der Wortlaut der ersten neun Strophen (v. 1—72) als

30 ungesichert gelten.

415
116-119 Hymne an die Unsterblichkeit

Überlieferung

H (v. 73-112): Stuttgart 1 26: Einzelblatt 21Jx32cm, untere Kante be-

schnitten; gelbliches, geripptes Papier; Wasserzeichen: Wappen. Rückseite

nur etwas über die Hälfte beschrieben.

J: Zeitung für die elegante Welt 1832 Nr. 220 (9. November), Spaltel7S3 5

bis 17 S6.

Fußnote zur Uberschrift: D e n vielen V e r e h r e r n d e r H ö l d e r l i n ' s c h e n G e -

d i c h t e w i r d , wie i c h v e r m u t h e , d i e M i t t h e i l u n g dieser b i s h e r n o c h u n g e -

d r u c k t e n H y m n e n i c h t u n w i l l k o m m e n seyn. So wenig-sie a u c h eine s t r e n g e

K r i t i k e r t r a g e n k a n n , so b e u r k u n d e t sich doch a u c h in i h r ein G e n i e , das 10

uns m i t S c h m e r z e r f ü l l t , weil ein neidisches Schicksal i h m n i c h t e r l a u b t

h a t , in seiner ganzen G l o r i e a u f z u b l ü h e n . Diese H y m n e ist e i n e r seiner

f r ü h e s t e n p o e t i s c h e n V e r s u c h e . I c h h a b e sie erst k ü r z l i c h u n t e r alten

P a p i e r e n g e f u n d e n , die sich aus e i n e r längst h i n g e s c h w u n d e n e n Zeit

h e r s c h r e i b e n , als i c h m i t H . in i n n i g e r J u g e n d f r e u n d s c h a f t m e h r e r e 15

J a h r e zu T ü b i n g e n auf d e m Musensitze v e r l e b t e . I c h ü b e r g e b e sie auf

d i e s e m W e g e d e m P u b l i c u m . Sie m a g sich an d i e j e n i g e n seiner G e -

d i c h t e a n r e i h e n , die i c h vor einigen J a h r e n in diesen B l ä t t e r n m i t -

getheilt habe.
Neuffer. 20

Eigentümlichkeiten der Schreibung: beglücken, blicken, schrecklich,

S c h i c k s a l ; S t r a h l , G e f a h r ; H e i l i g t h u m ; Blitz, G e s e t z ; E r n t e ; S c h o o ß e ;

O c e a n ; S a m e , Schale, S e g e n ; D u , D i r , D i c h , D e i n ; h e i l uns.

Auf diesen bis dahin unbekannten Druck hat 1924 Hans Halm in seiner un-

gedruckten Münchner Dissertation über Die Zeitung für die elegante Welt 25

hingewiesen (Bibliographischer Anhang S. 4).

Lesarten

73 Wenn] Wann H S t a r k e n ] (1) H e l d e n (2) L ö w e n (3) S t a r k e n H den

D e s p o t e n w e k e n , ] vor D e s p o t e n t r o t t e n H 7 4 I h n ] Sie H das M e n s c h e n -

r e c h t , ] der Menschheit R e c h t H 75: H i n z u s c h m e t t e r n die T i r a n n e n - 30

ketten H 7 6 M u t h zu p r e d i g e n am Rande für: F l u c h zu d o n n e r n H dem

feilen Knecht!] jedem Fürstenknecht, H 7 7 Schlachtgewittern,] Schlacht-

gewi t t e m H 7 8 d e r F r e i h e i t H e l d e n f a h n e ] die V a t e r l a n d e s f a h n e H 79

416
Hymne an die Unsterblichkeit 116—119

müden Arme] llcldenarrne J[ s p l i t t e r n , ] s p l i t t e r n (aus s p i j H 80:

T a u s e n d e n die kleine R e i h e stellt. ]l

8 0 a — d (durch senkrcchte Wellenlinie am linken Rand als ungültig bezeichnet):

a : (1) H e m m e t

5 (2) [ H e m m t d e r Pole D o n n e r ] O r i o n e !

(5) l l a r r t

(4) H a r r e t eine W e i l e , O r i o n e !

b : Lisple D o n n e r (1)! (2) der P l e j a d e n b a l i n !

c : Hülle Plioebos deine S t r a l e n k r o n e !

10 d : (1) An

(2) A t m e t leise! S t u r m u n d O z e a n ! II

81 Allgewaltig] Allgewaltig II Gräberthale,] G r i i b e r t a l e aus E r d e n -

talo H 8 2 : Schon die Fülle g r o ß e r A h n d m i g e n II 83 zauberischer

S c h a a l e am liandc für: m i l d e m Secgensstrale II 84: Trinken Heiden-

ds k r a f t die E n d l i c h e n , II

8 5 —87 : A b e r h a ! wie seil w i n d e t E r d e l e b e n

G e i s t e r m u t t e r (1), (2)! w e n n an d e i n e r H a n d

(1) Siegcstruk (2) S i e g e s t r u n k e n w i r h i n ü b o r s c h w e b e n H

88 Vaterland:] Vaterland. J 89 T u g e n d rwc/i g-estr. W II 90 dem

20 W u r m e ] d e m ' W u r m e , niK.-den W ü r m e r n , II b l ü l i t , ] b l ü h t II 91 der

D e n k e r ] d e r d e r D e n k e r (Sc/ircii/fWcrj II in d e m ] n u n i m II 92 alle]

all die i : / 9 3 Wo aus Wein (Schreibfehler) II auf T r ü m m e r n kein T y r a n n

m e h r t h r o n e t , ] auf T r ü m m e r n kein T y r a n n e t r o n e t , am Bande für: der

M e n s c h h e i t kein T y r a i m e h ö h n e t II 94 Keine Fessel m e h r die S e e l e ]

25 (1) Keine K e t t e m e r die Seele (2) am untern Rand: Wo die Seele keine Fes-

sel // 95 den H e l d e n t o d ] den H e l d e n T o d H dem Heldentod J

lohnet,] lohnet / / 9 6 E n g e l k u ß ] Gottes Lob II 9 7 Weile,] Weile 7/

O r i o n e ! nui Orionen II 9 8 P l e j a d e i i b a h n ! ] P l e j a d e n b a h n II 99 Sonne,

d e i n e ] Sonne diese am Rand für: Phoebos deine II Stralenkrone,] Stralen-

30 krone 7 / 1 0 0 A t h m e leiser,] A t m e t leise! II 1 0 1 H u l d i g u n g e n , ] Hul-

diguiigen II 102 A l l ] AH' II g r o ß e n S c l i ö p f u n g e n ] (1) Riesenschöp-

fungen (2) (a) d (b) g r o ß e n unter gestr. Riesen II Z e i t , ] Zeit 11

103 Denn,] Den II Begeisterungen,] Begeisterungen H 104 der

Seller unter gestr. ursprüngl.: die Seele Ii 105 : (1) Sinke, sinke stralendes

35 Gefieder / W o (2) Text II 105 Siehe!] Siehe, J Menschenlieder,]

417
116-119 ' Hymne an die Unsterblichkeit

Mensclicnlicder H 106 L u s t über nicht gestr. Scliwung H (neben L u s t

steht noch einmal deutlicher Lust) unnennbar] unncnbar H ist,] ist! J

107 L o b g e s a n g s ] Hocligesangs H Gefieder,] Gefieder H 108 ver-

gißt.] vergißt, H 109: statt des einen Verses zwei verschiedene Fassungen

untereinander, am Beginn durch eine Klammer verbunden: 5

W e n n vor G o t t sicli einst die G e i s t e r s a m m e l n

E i n s t w e n n (1) M i t t (2) M i l l i o n e n sich v e r s a m m e l n II

110 A u f z u j a u c h z e n aus Do H Seele aus de N S i e g , ] Sieg H III

stammeln,] stammeln H

Erläuterungen 10

Dieser Gesang, dessen Stil durch Schillers Vorbild bestimmt wird, ist ein Vorläufer

der in Stäudlins Almanachen und Schillers Neuer Thalia veröffentlichten tfymnen.

1—8 Diese Strophe wird später mit einigen Änderungen als Jnfangsstrophe der

Hymne an die Göttin der Harmonie (S. IW) verwendet.

10.12 Stolz e r t ö n e t d e r P l e j a d e n G a n g — D o n n e r k l a n g ] Vgl. Hymne an die 15

Schönheit v. 12 und 1S1; Hymne an die Freiheit (Wonne säng' ich . . .) v. 127f.;

Hymne an die Freundschaft v. 102. Die pythagoreische Lehre von den tönenden

Himmelskörpern, von der Harmonie der Sphären, findet sich hei Aristoteles, de

coelo 2, 9; ferner hei Cicero, de re publica 6, 18 (somnium Scipionis); Wicland

referiert sie in den »Vorläufigen Anmerkungen« zu seinem Lehrgedicht Die N'atur 20

der Dinge (Akademie-Ausgabe I. Abt. I.Band S. 11 f.); in dichterischer Gestalt

konnte sie Hölderlin begegnen in Klnpstocks Odenkreis Auf meine Freunde (der

ersten Fassung des Win golf) v. 301—304:

Natur, dich hört ich durchs Unermeßliche

W a n d e l n , so wie m i t s p h ä r i s c h e m Silberton 25

Gestirne, Dichtern nur vernommen.

Niedrigen Geistern unhörbar, wandeln.

Der Messias S, 460: d e r Pole D o n n e r n . (Goethes Prolog im Himmel zum Faust

- vgl. dort V. 243 f . - ist erst 179719S entstanden und ISOS erschienen.)

17 G r ä b e r l a n d ] So heißt im Gegensatz zu den kosmischen, unendlichen Regionen 30

des gestirnten Himmels die Erde, das Land, dessen Endlichkeit durch die Gräber der

sterblichen Menschen vornehmlich bezeichnet wird. Gleichwohl gibt es in diesem

Gräberlande Riesen, die dem allgemeinen Tod nicht unterworfen zu sein scheinen:

F e l s g e b i r g ' u n d S t u r m u n d Ozean.

418
Hymne an die Unsterblichkeit. Meine Genesung 116-121

29 s c h m e t t e r n ] Intransitiv in der Bedeutung »zerschmettert werden, zerschellen«


— vgl. Die Unsterblichkeit der Seele v. 72 und die Erläuterung zuv. 40 derselben Ode.
32 G r a b und Zeit] Kg-/. Lied der Liebe v. S6 und die Erläuterung z. St.
41-56 Dieser Gedanke der Theodi zee (Leibniz) liegt auch Schillers Gedicht
5 Resignation (1786) zugrunde.

89.90 Vgl. Schiller, Freigeisterei der Leidenschaft (1786) v. 2S: Sie sieht den
W u r m an meiner Jugend Blume nagen. (Diese Parallele darf indessen nicht der
Anlaß sein, Tugend in Jugend zu ändern, wie es Zinkernagel getan hat: die Hand-
schrift hat unverkennbar Tugend, ebenso der Druck.)
10 97—104 Diese vorletzte Strophe des Gedichts entspricht genau der zweiten: der
begeisterte Seher gedenkt der Unsterblichkeit der Seele; deshalb müssen die kosmische
Sphärenharmonie und die Riesen im Gräberlande schweigen. Unsterblichkeit ist
in beiden Strophen das letzte Wort, aber unterschiedlichen Sinnes.
1 0 0 A t h m e ] Möglicherweise Druckfehler bei Neuffer — vgl. die Lesarten. Doch
15 läßt sich der Singular auch rechtfertigen, wenn man Sturm und Ozean als eines
(»stürmischer Ozean«) auffaßt. Vgl. v. 2} dieses Gedichts: E r d ' und H i m m e l ist
dahin geschwunden.

1 0 7 dos Lobgesangs Gefieder] Das Gefieder, die Fittiche des Gesangs, womit er
sich zu 'seiner erhabenen Höhe schwingt. Vgl. Melodie an Lyda v. SS.

20 MEINE GENESUNG

AN LYDA.

Neuffer (J^) setzt das Gedicht in das Jahr 1790. Es ist wohl gegen Jahresende ent-
standen. Stäudlins Musenalmanach ist schon im September 1791 erschienen, wie aus
Schubarts Anzeige in seiner Chronik (Vaterlandschronik) Nr. 7S (20. September
25 1791) S. 621 hervorgeht. Schubart schreibt, kurz vor seinem Tode (10. Oktober):
Unser S t ä u d l i n tritt nach einer langen Pause wieder m i t einem Musen-
almanach hervor, der sich an der Seite keines vorigen schämen darf. Es haben
sich da wieder junge Dichter entfaltet, die schöne Hofnungen duften. H ö l -
d e r l i n s Muse ist eine ernste Muse; sie wählt edle Gegenstände; nur fast
30 i m m e r in gereimton zehenfüßigen Jamben, wodurch seine Gedichte sehr ein-
tönig werden.
Hölderlin wartet sehr gespannt auf die, ersten Rezensionen. Am 28. November 1791
schreibt er an Neuffer: Der schwäbische Allmanach ist noch nicht recensirt. —

419

1,27
120-121 Meine Genesung

Die Tübingischen gelehrten Anzeigen auf das Jahr 1791 besprechen den Almanach

im 10h Stück (26. Dezember); auf Seite S20 wird Hölderlin als erster der fünf neu

hinzugekommenen M i t a r b e i t e r o d e r E i n s e n d e r genannt: Hölderlins Muse h a t

v i e l e K r a f t - des G e d a n k e n s u n d A u s d r u k s . W i r e m p f e h l e n v o m e m l i c h d i e

b e y d e n H y m n e n S. 1 ( a n die Muse) u n d S. 1 1 2 {an die Freiheit: JVie den 5

Aar . . .). W e n i g e r h a t u n s d i e a n d i e H a r m o n i e , d i e v o n 2u u n b e s t i m m t e n

B e g r i f f e n s i c h t b a r a u s g i e n g , u n d a u c h d a s L i e d c h e n S. 1 6 3 {Meine Genesung}

gefallen.

Uberlieferung

J' : Musenalmanach fürs Jahr 1792. Herausgegeben von Gotthold Friedrich 10

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers. Gedrukt in der Akademi-

schen Buchdrukerei. S. 16)—16S, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Blüte, G ö t t e r m a l , selig, seyn, bleich.

J~ : {Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. IV.

Zeitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 17 S (7. September), Spalte 1) 9) bis 15

1394.
Lesarten

Überschrift: M e i n e G e n e s u n g / an Lyda. J1 4 erschlafft; ] erschlaft. J'

erschlafft, J~ 5 Leben,] Leben! 6 Ruh;] Ruh J^ 10 rang,]

rang! J' 11 g e t ä u s c h t d e s ] g e t ä u s c h t , des J^ Erdelebens] Erden- 20

lebens J- 12 umschlang!] umsclilang. J^ verschlang! J- 14 Na-

tur!] Natur, nur.] nur! J~ 18 Vergessenheit,] Vergessen-

heit! J- 22 Verwandlung] Umwandlung J^ a n ! ] a n . J^ 24 heran.-]

heran. J^ 28 Retterin!] Retterin, J^ 31 M u t h , wie du] M u t h wie

du, J^ 37 gelingen!] gelingen, J^ 39 schwingen!] schwingen, J' 25

40 Lyda!] Lyda, mich!]micli. J-

Erläuterungen

L y d a ist Marie Elisabeth (Elise) Lebret, geboren am 7. Januar 1774 zu Stuttgart,

Tochter des Tübinger Theologieprofessors, Historikers und Universitätskanzlers Jo-

hann Friedrich Lehret (1732—1S07). Wie Hölderlin seine L y d a kennengelernt hat, 30

berichtet er in der undatierten verspäteten Antwort auf Neuffers Brief vom 24. Ok-

tober 1790, die mit den Worten beginnt: W a r u m i c h D i r so l a n g e n i c h t g e s c h r i e -

b e n h a b e . . . - l'gl. im übrigen Betzendörfer S. 121-124; 137 f . ; S 2 f .

Meine Genesung ist in der nicht eigentlich hymnischen Haltung iveniger den

420
Meine Genesung:. Melodie an Lyda 120—124

Hymnen in Stäudlins Almanachen als schon den Gedichten An die Natur (S, 191

bis 19i) und Diotima (S. 212-222) verwandt.

17.18 Angeredet ist noch die N a t u r . Selbstverständlich ist Vergesseiilieit Objekt

zu T r i n k ich — Christoph Schwab dagegen macht es in seiner Ausgabe von 1S46

5 (II 1S6) :iyn Vokativ: ^'Trink ich nun, Vergessenheit Ik

MELODIE

AN LYDA

IVohl bald nach dem vorigen Gedicht entstanden.

Überlieferung

IM B' : Friedrich Hölderlin's sämmtliche Werke, hg. von Christoph Theodor Schwab,

Stuttgart und Tübingen 1846, 11171-173.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: L i d a , F r ü h l i n g , S c h r e c k c n b a h n , W o g e ,

Thriinen, Ungestüm.
Lesarten

15 Überschrift: Melodie an Lida. B^ 12 Käferlcin;] Käferlein: B'

20 klagt;] klagt: B' 68 N ä h e r ] N a h e r (Druckfehler, im Druckfehler-

verzeichnis berichtigt) B^
Erläuterungen

1.2 Diese Verse werden in den beiden Schlußzeilen (v. 71.72) wiederholt, gewisser-

20 maßen als ein »Quod erat demonstrandum«.

4 Als Thema des Gedichts wird dieser Vers hervorgehoben — wie v. 12 des Liedes

der Liebe (1. Fassung). — Man könnte beim ersten Lesen meinen. L a u t sei ein

Druckfehler statt Leib. Der leitende Gedanke des Gedichtes ist indessen eben der, daß

der L a u t , der Ton, die Melodie, durch die transzendierende L i e b e die Seele vom

25 Leibe löst und zu sich in ein körperloses, freieres Reich des Geistes herüberzieht; vgl.

vor allem die Schlußstrophe. — Hölderlins Melodie an Lyda steht also in genauem

Gegensatz zu Schillers Fantasie an Laura (17S2) — trotz der Ähnlichkeit in der

Fassung der Überschrift und in der Hinwendung zur Geliebten ("Lyda, s i e h e ! —

M e i n e L a u r a ! N e n n e m i r . . . S i c h ! j ; denn Schiller, der Verfasser des Versuchs

30 über den T-usammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen,

besingt die Fc(einigung des Körpers und der Seele durch, die Liebe: K ö r p e r will in

K ö r p e r ü b e r stürxcn, Seelen ivv v e r e i n t e r G l u t (v. 31 f . ) . Merkwijrdig

421
122—127 Melodie an Lyda. Hymne an den Genius Griechenlands

an dieser gegensätzlichen Beziehung ist der Umstand, daß Lyda ein Mensch von

•Fleisch und Blut ist, Laura aber wahrscheinlich nicht.

11.12 Temporale Nebensätze.

15 H i n z u s c h m e t t e m die T y r a n n e n k e t t e ] Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit

v. 7S des Entwurfes. ^

16 die t r a u t e S c l i r e k e n b a h n ] Oxymoron: die H e l d e n fürchten die S c h r e k e n so

wenig, daß sie ihnen sogar lieb und traut sind. Ebenso empfindet das f l i e s e n h e r z

in der übernächsten Strophe (v. 2S—32) die wilden Laute als S c h m e i c h e l t ö n e .

1 8 Hier ist für einen Augenblick das sonst streng durchgeführte Thema außer acht

gelassen — oder man müßte diese Zeile, trotz des gleichlautenden Anfangs, der vori- 10

gen nicht gleich-, sondern unterordnen: der L a u t , der die Seele Sympathien wider-

tönen (v. 2J) läßt, wäre also das Flüstern des Totenkranzes a m G r a b e , und dieser

Ort der Verwesung würde nur v. 18 noch deutlicher in seinen Schauern gemalt, wie

ja auch die folgende Klage des Raben zwei Zeilen beansprucht.

55 des H o c h g e s a n g s G e f i e d e r ] Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. 107: des 15

Lobgesangs G e f i e d e r ; im Entwurf: des H o c h g e s a n g s G e f i e d e r - siehe die Er-

läuterung z. St.

56 Temporaler Nebensatz.

7 0 H i n z u j a u c h z e n ] Vgl. Der Einzige (dritte Fassung) v. 71 f . : N e m l i c h i m m e r

j a u c h z e t die W e l t / H i n w e g von dieser E r d e . 20

71.72 Vgl. die beiden Anfangsverse des Gedichtes.

H Y M N E AN DEN

GENIUS GRIECHENLANDS

Der handschriftliche Zusammenhang wie auch der dann wieder aufgegebene Versuch,

die eigenrhythmischen Verse in (vorerst noch nicht ganz gewohnte) Reimstrophen 25

umzugießen, lassen als Entstehungszeit das Ende des Jahres 1790 vermuten. (B. Litz-

manns Datierung auf 1789 ist nicht gutzuheißen, da das — von Litzmann ebenfalls

auf 1789 und damit offensichtlich zu früh datierte — Gedicht {An Lyda}, das freilich

beliebig spät nach der Hymne auf der letzten Seite des Doppelblatts niedergeschrieben

sein könnte, sich doch in den Schriftzügen so wenig abhebt, daß ein großer zeitlicher 30

Zwischenraum unwahrscheinlich ist.)

422
Hymne an den Genius Griechenlands 12S—127

Überlieferung

Ii: Stuttgart 119: Doppelblatt 20 x J J cm, obere Kante beschnitten; festes, gelb-

liches, geripptes Papier; IVasserzeichen: ein Hirsch, auf dem andern Blatt

Buchstaben, wahrscheinlich P E T ; stark stock- und wasserfleckig. S. l — h

5 Hymne an den Genius Griechenlands; S. 4: {An Lyda).

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart {1S96), I9J-94.

Lesarten

1 - 8: (1) Da steigst du h e r a b

10 Aus Kronos Halle

Du Erstgeborner

Der hohen Natur!

Hieran unmittelbar anschließend zunächst v. 9 f f .

(2) J u b e l ! Jubel dir in d e r H o h e

Du Erstgeborner der hoben Natur

[Daher] [Da]

D a steigst du h e r a b

Aus Kronos Halle

Zu n e u e n , (a) h e r r l i c h e n

20 (b) g e h e i l i g t e n S c h ö p f u n g e n

(a) M a j e s t ä t i s c h u. f r e u n d l i c h

(b) Hold u M a j e s t ä t i s c h h e r a b

(5) später, mit hellerer Tinte: Text der Verse 1—6 H

6 herab,] herab. H 9 d e r aus Un I i 1 3 V ö l k e r b e h e r r s c h e r n ] Völker-

25 beherrscherrn Ii

15-27: Erster Ansatz, gleichzeitig mit 1 - 8 (1) und (2):

D u s p r a c h s t in d e r AViege

Zur heiligen Freiheit:

»Du bist m e i n e S c h w e s t e r !

30 Z u r ernsten k r i e g e r i s c h e n G e f a r

»iM'eine Gespielin d u !

Von F r e u d e gliiliten

Von z a u b r i s c h e r L i e b e die S c h l ä f e dir,

D i e goldgelokton S c h l ä f e .

423
12S—129 Hymne on den GeniusGriechenlands.AnLyda

Jahrtausende schwanden dahin.

N o c h s ä u m t e s t du u n t e r den G ö t t e r n

U n d d a c h t e s t die S c h ö p f u n g e n .

W i e Silbergewölk a m O l y m p o s

So s c h w e b t e n v o r ü b e r d i r 5

(1) D e i n e K i n d e r das

(2) F r e i

(5) Stolz und l i e b l i c h deine K i n d e r

Das seelige G e s c h l e c h t .

Ehe nun zu diesen beiden Strophen zum zweiten Mal angesetzt wird, schiebt sich der 10

Versuch dazwischen, die beiden ersten Strophen (v. 1—14) in Reimstrophen umzu-

gießen. Dieser Versuch zeigt andern Duktus und hellere Tinte als das Voran-

gegangene; er ist vermutlich auch später als die dritte, in den Text gesetzte Fassung

der Verse 1-6 niedergeschrieben:

J u b e l ! aus Kronions H a l l e n

S c h w e b s t auf Aganippens F l u r

D u i m stralenden Gefieder

Hold u n d m a j e s t ä t i s c h n i e d e r

5 Erstgebomer der N a t u r

S c h ö n s t e r von den B r ü d e r n a l l e n !

Bei O l y m p o s g ü l d n e n T r o n e n !

Bei d e r G ö t t l i c h e n , die d i c h g e b a h r

W a s a u c h H o h e s ist u n d w a r

10 In der Menschheit weiten Regionen,

W a s a u c h ie e r s t a r k t u n d s i e g e s r e i c h

A n g e b e t e t von d e r Völker Z u n g e n

D e i n e r B r ü d e r sich emporgeschwxingen

K e i n e r , k e i n e r ist d i r g l e i c h .

Lesarten zu den Reimstrophen: 2 Schwebst] Schwebtst H auf A g a n i p p e n s

eingeklammert unter: mxn sali'üamos H 3 i m uor (in d e m ) I i 5 . 6 : zuerst 30

in umgekehrter Reihenfolge, dann durch Nummern vor den Zeilen umgestellt H

5 E r s t g e b o m e r aus E r s t g e s t H 7 zuerst: Bei des g ü l d e n e n Olympos T r o -

nen! H 9: (l)Nah (2) W a s a u c h f a ; h e r r l i c h f i ) H o h e s ist u n d w a r H

424
Hymne an den Genius Griechenlands 12S—127

1 0 d e r fli/s den H M e n s c h h e i t w e i l e n / ü r g-cifr. G e i s t e r H 11: {l)An.

Satz zu F (?) (2) W a s a u c h (a) f r o h und (b) - w - und tliatcnrcicli (c) Text H

12: am Rande für urspriingl.: Zu d e r Volker H u l d i g u n g e n H

Unter den Reimstrophen^ am rechten Rand^ wird ein metrisches Schema aufgezeich-

5 net^ das wohl der endgültigen Ausführung zugrunde liegen sollte:

_ ^ _ _ ^ _ w _ ^ / _ _ ^ _ ^ _ ^ _ ^

5 Sp. / 5 T r . / 4 Spond. / 4 Sp. / 4 T r . / 4 Sp. / 4 Sp. / 4 T r .

Diese herabragende Aufzeichnung stand früher auf dem Papier als der zweite Ansatz

zu den Fersen 1 5 — 2 7 , der durch Zcilenbrechung davor ausweichen muß. Der Plan

10 einer Heimfassung wird also wieder aufgegeben.

1 5 — 2 7 : Zweiter Ansatz, wieder mit dunklerer Tinte: Te^tmitfolgendenVarian-

ten: 1 5 D i r riac/i g'csfr.; In der / / 16: am Rande für urspriingl.:

D i e ernste G e f a r H 17 Zu g e r e c l i t e m S i e g e ] (1) Z u m [ r e c h ]

gerechten Siege (2) Text H 20 L i e b e a m V{reude?) H

15 2 2 L a n g e s ä u m t e s t aus; L a n g ' h a ( ä t rfu . . .gesäumet?} H 2 5 lie-

b e n d e n ] liebende H

27a —0: gestrichen:

a : N u n fleugst (1) h e r (2) du h e r a b

Zu h i m l i s c h e n W i m d e r n

20 Hold und majcstiitisch h e r a b ! —

d : Schon m i l d e r t den t ö t d e n d e n Blik

D e r Heroü.

Schon s t a u n t e r die M ä d c h e n a m Feste

g : T r u n k e n e r an.

23 I h n (: aus In^ spornt in S c h l a c h t e n die L i e b e

Ihn zieht l u m lokichten Naken

k : D i e z a u b r i s c h e L i e b e zuriik.

M i t d e m S c h w e r d t e g r ä b t d e r HeroB

Das goldne Gelok in den Schild.

30 n : [ U n d ] Sein Siegeslohn ist L ä c h e l n d e r Holdin

Und (1) seine S t i m m e G e s a n g .

(2) seiner S t i m m e D o n n e r G e s a n g . H

28 I m aus einem andern Ansatz (A?) H A n g e s i c h t e aus A n g e s i c h t H

29 Beschloß] (1) Bei (2) B e s c h n (3) B e s c h l o ß H 30 dein aus zu H

35 33 k ö n i g l i c h ] (1) s (2) H a u (5) lok (4) Text U 35 dein aus zu H

425
12S—129 Hymne on den GeniusGriechenlands.AnLyda

36-39: (1) A m A c h e r o n

(2) Es t ö n e t a m A c h e r o n

Orpheus Zauberlaut.

Es s c h a u e t Mäons Sohn

Des (Schreibfehler) güldenen Aphrodit(ä) 5

(5) D u g e b e u t s t u. es t ö n t

A m A c h e r o n O r p h e u s (a) Z a u b e r l a u t

(b) G o t

(c) L i e b e .

Anschließend zunächst die Verse 40—4h 10

(4) (a) D u g e b e u

(b) D u k o m m s t u. O r p h e u s L i e b e

S c h w e b e t (a) e m p o r

(b) wie O

(c) e m p o r z u m Auge d e r W e l t 15

("Auge der W e l t unterstrichen)

Und Orpheus Liebe

Wallet nieder zum Acheron H

40 D u aus S (?) H Z a u b e r s t a b aus Zu H 41 ersieht] ersieht, H

4 4 - 5 1 ( 1 ) : mit hellerer Tinte H 20

4 6 : mit schwärzerer Tinte später neben gestr.: U n d T h a t e n T h a t e n u. H e l d e n II

47 U m f a s s t e aus Umfassest II 48 Und später mit schwärzcrcr Tinte vor-

8''fi'gt 5].: mit schwärzerer Tinte später unter gestr.: Liebte dieses

Herz, II

52 —6 1 : wieder mit schwärzerer Tinte II 25

5 2 — 5 7 : durch einen senkrechten Strich am linken Rand angemerkt H

55 scholl aus S II 5 6 : mit hellerer Tinte am rechten Rand nachgetragen II

57 L i e d ncc^igcsfr. u n s t e r b l i c h II 6 0 D i c h , d e r d u ] (1) D e r , du (2) D i c h

vorgefügt II 61 G e s a n g ] anscheinend nicht fortgesetzt; auf der Rückseite des

Blattes, auf der die Fortsetzung stehen müßte, findet sich das Gedicht {An Lyda) 50

( T r u n k e n , wie i m h e l l e n M o r g e n s t r a l e . . .).

Erläuterungen

Die metrische Form ist zunächst nicht endgültig gemeint, sondern als Entwurf für

die durch Schillers Vorbild angeregten Reimstrophen, die dann versucht werden

426
Hymne an den Genius Griechenlands 12S—127

— siehe die Lesarten S, 424 Zeile 1S—2S; dieser Versuch wird jedoch bald aufgegeben

und die Form der kurzen eigenrhyihmischen Verse festgehalten. Damit greift Höl-

derlin auf die Form des Gedichts Am Tage der Freundschaftsfeier zurück, nicht etwa

ist die Hymne an den Genius Griechenlands formal als Vorläuferin der späten

5 Vaterländischen Gesänge aufzufassen; denn die Hymne ist noch unstrophisch ge-

baut, sie gliedert sich inhaltlich-syntaktisch in ungleichartige Abschnitte, nicht

formal-metrisch in korrespondierende Strophen.

2 (Reimfassung, S. 424 7Mle 16) Aganippens F l u r ] A g a n i p p e , Tochter des

Flußgottes Termessos (oder Permessos), ist die Nymphe einer Quelle an dem Musen-

Mi berg Helikon in Böotien (Ovid. met. S, 312; Vergil, ecl. 10, 12). Vgl. auch Klop-

stocks Ode Aganippe und Phiala (1764).

1 5 — 2 7 Erster Ansatz (siehe die Lesarten): Hölderlin ist hier deutlich von Friedrich

Leopold Grafen zu Stolberg abhängig — so deutlich, daß wohl deswegen der erste

Ansatz wieder verworfen wird. Vgl. den Aufsatz Über die Fülle des Herzens (1777)

15 in den Gesammelten Werken der Brüder Chr. u. F. L. Grafen zu Stolberg, Ham-

burg 1S27, Bd. 10 S. 3S6: er wird sagen zur W e h m u t h : du bist m e i n e S c h w e -

s t e r ! u n d zur W o n n e : du bist m e i n e B r a u t ! ; Theseus (Bd. 4 S. 4}): F r ü h schon

sagte d e r H e l d zu d e r G e f a h r : D u bist / M e i n e S c h w e s t e r ! du bist, rief e r

d e m Siege zu, / M e i n e B r a u t ! — Siehe auch die Verse, womit Christian die Dich-

20 tung seines Bruders rühmt: An d e r B e g e i s t r u n g u n d d e r M u s e H a n d , / D e i n e r

V e r t r a u t e n , zu d e n e n du s p r i c h s t : / » D u bist m e i n e S c h w e s t e r ! und du / Bist

m e i n e B r a u t ! « (Bd. 1 S. 221. — Diese Hinweise werden Adolf Beck verdankt.)

20 S c h l ä f e ] Vgl. An die Unerkannte v. 20. - »Der Schlaf« ist die alte Form,

die von dem aus dem Plural (»die Schläfe«) entstandenen Femininum »Schläfe«

25 (dazu dann der schwache Plural »Schläfen«) verdrängt worden ist. Die alte Form

hat auch Schiller noch, z. B. Das Glück v. 6: . . . sind i h m die S c h l ä f e b e k r ä n z t .

27 a - c (S. 42S) Die Wiederholung des Wortes h e r a b nimmt das Motiv der

Verse 6—S auf. ( 2 7 d : t ü t d e n d e n steht so in der Handschrift — kein Druckfehler.)

3 0 Auf L i e b e dein R e i c h zu g r ü n d e n ] Thema der Hymne an die Göttin der Har-

30 monie — vgl. dort v. SS: der L i e b e g r o ß e n Bund zu s t i f t e n .

36—39 O r p h e u s ] v. 37 ist vielleicht eine Anspielung darauf, daß Orpheus nach

der Sage von Apollon selbst im Lyraspiel unterwiesen worden ist (siehe Konrat

Ziegler in Pauly-Wissowas Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissen-

schaft IS, 1 Spalte 1300); zum A c h e r o n , das heißt in die Unterwelt, ging er, wn

35 seine verstorbene Gattin Eurydike loszubitten.

427
12S—129 Hymne on den Genius Griechenlands. An Lyda

41.42 U n d Apliroditüs G ü r t e l e r s i e h t D e r t r u n k e n e M ä o n i d e ] Der M ä o n i d c ,

das bedeutet: Müons Solni (vgl. Dem Genius der Kühnheit v. 34), ist Homer. Sein

Vater Matcov soll nach der Überlieferung aus Smyrna stammen und ein Bruder des

Dios (des Vaters des Hesiod) sein. Vgl. Fauljr-Wissowas Real-Encyclopädie 14,

SSI. — Aphrodhäs Gürtel erlistet sichinderllias (14, 187-224) Here: cpiXörrjXa 5

xai LfiEQOv, d) re av ndvrag öajuv^ ä&avdrovg rjöe •&vriTOvg äv&Q(I)7iovr (Liebe

und Verlangen, womit du alle bezwingst. Unsterbliche wie auch die sterblichen

Menschen 19S f.); der bunte Gürtel, worin alle Zauberreize eingewebt sind, wird

dann noch näher beschrieben (216 f.): ev&' evi /lev qiMTr]Q, ev ö' l/UEQO^, iv

ö'oaQiarvg mQcpaaig, t' sx^eyie vöov nvxa tieq rpQOVEÖvxiav (darin Liebe, 10

darin Verlangen, darin betörendes Liebesgespräch, das die Besonnenheit raubt selbst

denen, die sich hinter dichter Klugheit verwahren). — Die Beschreibung des Gürtels

und die vorangehende Schilderung der sich schmückenden Göttin rechtfertigen in

Hölderlins Gedicht die Bezeichnung d e r t r u n k e n e M ä o n i d e . Das Beiwort ist mit-

hin ganz aus dem hier gemeinten besondren Zusammenhang zu verstehen: keines- 15

wegs hat Hölderlin hier, wie Kempter S. 77 durchblicken läßt, dem Homer das

Feuer »eingebildet«, im Widerspruch also zu seiner späteren Auffassung, derzufolge

Homer die abendländisclie J u n o n i s c h e N ü c h t e r n h e i t f ü r sein Apollonsrcieh

erbeutet hat. (Brief an Böhlendorf vom 4. Dezember 1801). - Vgl. das Motto zu

der Hymne an die Göttin der Harmonie. 20

50 die B i e n ' auf d e r B l u m e ] Nur zu beziehen auf Ilias 2, 87—89; in Hölderlins

wahrscheinlich zu Maulbronn entstandener Übersetzung: W i e Haufen unzähliger

B i e n e n , w a n n von h o h l e n Felsen i m m e r n e u e k o m m e n , u n d wie T r a u b e n u m

die F r ü h l i n g s b l u m e n fliegen . . .

<AN L Y D A ) 25

Vermutlich Ende 1790 oder Anfang 1791 entstanden. Vgl. die Bemerkung über die

Entstehungszeit des vorigen Gedichts.

Überlieferung

H: Stuttgart 119 (s. die Beschreibung S. 423), ohne Überschrift, quer in zwei

Spalten auf der vierten Seite des Doppelblattes. 30

Erster Druck: Karl Müller-Rastatt: Aus dem Nachlasse von Friedrich Hölderlin.

Blätter für literarische Unterhaltung 1893 Nr. 27 (6. Juli) S. 419-420.

428
v\ti Lydo. I l y m n c an die Göttin der H a r m o n i e '12S—1>4

Lesarten

I Morgciislralc] Morgcrnstrale H 5 ! »n/tr Siehe T h a l ' u n d Main

u-ar H hichlon] liicliten II 6 u-allte «i« walte II 8: (1) [ H ö h n t ]

[icli] Zukunft und Vergangenlieit ("; fius VcrganhJ (2) Text II 9 Stolxor]

5 (1) JVciner (2) Hi.ihcr (5) Stolv.cr II 10 m e i n ] meine II 1 2 AVcnu]

(1) Als mein (2) AVenn II 13 F r ü l i n g s h i n u n e l ] Friilinghimmel II

14 die aus dem Ansatz zu V{erle) II 1 5 AVeisIieit aus Wes II

17—36^ i'iit feinerer F^tler in schrägerem Duktus, v. 17—>2 rechts neben den

beiden Anfangsstrophen, der Hest wieder in der linken Spalte. II 1 7 h a l t ' aus

10 h a b ' II 1 8 l l e r t v e r e i n ] llorvcrcin II 2 6 icli dich u n d ] ich und II

2 7 AVu aus dem Ansatz zu ü II 3 0 O du aus 0\ H 3 1 Deinen aus dem

Ansatz zu M (?) II sie aus d II 3 3 : (1) Als ich dort im Za (2) Text

II
Erläuterungen

15 Oas Gedieht setzt keineswegs die tatsachlich erfolgte Trennung von Lyda'lClise

Lebret voraus. Bezeichnenderweise regt sich auch in der Beziehung zu Lj-da der

Gedanke des Verzichtes schon sehr früh — vgl. die Ode An die Nachtigall S. 22.

1-4 Fast wörtlich wiederholt in der Hymne an die Freiheit (Wonne sang' ich . . .)

V. f-S.

20 2 Der Pilote seinen Ozean] Dieses Bild mag dem Dichter, der die See.damals

noch nicht aus eigener Anschauung kannte, nahegelegt sein durch Klopstocks Ode

Die l Velten (1764).

3 Elyson ] Vgl. Lied der Freundschaft 1. Fassung v. 17 und die Erläuterung z. St.

8 Geschik und Zeit] Vgl. die Erläuterung zum Lied der Liebe v. 56.

25 13 W i e der Frülingshirnmel, weit und helle] Vgl. Hymne an die Göttin der

Harmonie v. 91 des Entwurfes: AVie der Friilinghimmel froh, und helle.

30-32 J'gl. das Gedicht Abbitte S. 2U.

H Y M N E AN D I E G Ö T T I N D E R HARMONIE

In der undatierten verspäteten Antwort auf Neuffers Brief vom 24. Oktober 1790

30 ( W a r u m icli Dir so lange n i c h t geschrieben habe . . .), worin Hölderlin eine

Umarbeitung der Hymne an die Unsterblichkeit erwägt, ist auch von dem Hymnus

auf die W a r h e i t — der Vorstufe der Hymne an die Güttin der Harmonie — die

Rede. Die endgültige Fassung wird bald darauf, spätestens aber in der ersten Hälfte

429
j _ ) 0 - ~ 1 3 4 H j ' m n e an die Göttin der H a r m o n i e

des Jahres 1791,entstanden sein: der Musenalmanach fürs Jahr 1792 (J^) ist schon

am 20. September 1791 von Schubart in seiner Chronik besprochen (vgl. S. 419).

- Neuffer (J^) setzt die Hymne in das Jahr 1790.

Überlieferung

Ii: Stuttgart IIS: Doppelblatt 21 (19) x H cm, alle Kanten unbeschnitten; 5

von Bl. 2 ist die rechte untere Ecke (etwa 11 xll cm) vor der Niederschrift des

Entwurfs herausgerissen; festes, gelbliches, geripptes Papier; Wasserzeichen:

Hirsch, auf dem andern Blatt Buchstaben, wahrscheinlich PET.

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

zessin Auguste von Homburg, Lage 14 Blatt l'-S'' (s. die Beschreibung 10

S. 324-326).

J^ : Musenalmanach fürs Jahr 1792. Herausgegeben von Gotthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers. Gedrukt in der Akademi-

schen Buchdrukerei. S. 1S3—161, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und h): k ü h n , V e r m ä h l u n g , ungezählt, 15

W a h r h e i t ; H e i l i g t h u m , P r i e s t e r t h u m ; W o g e , selig, S a m e ; seyn; schuf.

J^ : {Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin.

VI. Zeitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 17S u. 179 (11. u. 12. Septem-

ber), Spalte 1419-1420; 142S-1430.

Lesarten 20

Überschrift: H y m n e an die W a r h e i t . H H y m n u s an die Göttin der H a r -

monie. J^ h Motto: fehlt H Urania] Uranie J^ h

1-8 : I: Endlich, endlich (1) m a g (2) soll die Saite künden

W i e von Liebe m i r die Seele g l ü h t ,

Unzertrennbarer den Bund zu binden 25

Soll i h r huldigen m e i n Feierlied;

W i e der Riese sich des Sieges f r e u e t .

W i l l ich dein m i c h f r e u e n , schönes Ziel!

Aber s c h m e t t e r n , so es dich e n t w e i h e t .

S c h m e t t e r n will ich dieses Saitenspiel. 30

Am linken Rand durch eine Schlangenlinie als cinderungshedürftig gekenn-

zeichnet. Quer, über und unter der Schlangenlinie, Federproben mit blasser

Tinte: H y m n e H y m n e an die H y m n e an

I I : Am rechten Rand, quer (später als die erste Niederschrift der auf S. 1

430
H y m n e on die Göttin clor Harmonie 1 30—134

der Handschrift stehenden vier Jnfangsstrnphen):

1 : F r o h , als k ö n n t icli S c h ö p f u n g e n b e g l ü k e n

2 : K ü n , als h u l d i g t e n die G e i s t e r m i r

3 : (1) Fleugt, (a) de<m>

5 (b) ins G ö t t e r a u g e d i r (zu) bliken

(2) S c h i n g t

(3) S c h w i n g t sich

(+) N a h e t in dein H e i l i g t u m zu b l i k e n

4 : IMit d e r L i e b e (1) K r a f t (a) m e i n

f i j d e r Geist zu d i r

(2) M u t h die Seele d i r

5 : (1) Schon e r b e b t d e r t(runkne}

(2) Schon (a) e r b l

(b) e r b e b t dein w o n n e t r u n k n e r S e h e r

(c) g l ü h t d e r (: über b e b t d e i n j

6 t Von den A h n d u n g e n d e r (1) Seeligkeit

{2) Herr über der 1. Silbe

7 : H a ! u n d d e i n e m Götterschoose n ä h e r

8 : H ö h n t des (1) K ä m p f e r s

20 (2) Siegers F a h n e G l ü k und Zeit H

2 K ü n , als] K ü h n als J^ h 6 Ahndungen] Ahnungen J^ 7 Götter-

schoose] G ö t t e r s c h o ß e J^ h Götterschooße J^

9 Wille,] Wille Ii 1 0 a n , ] an H 1 1 F ü l l e , ] Fülle Ii 1 2 Ozean.]

Ozean (1), (2); I i 13 A l l e m ] a l l e m (aus allen) I i hab] hab' H er-

25 koren,] erkoren Ii

14-16:1: (1) St

(2) Königin d e r h e r r l i c h e n N a t u r !

Bebend hab' ich Liebe dir geschworen

G l ü k u n d Zeit v e r h ö h n t d e r g r o ß e S c h w u r .

30 I I : Später am linken Rand:

B e b e n d , (1) ich (2) als ich f e r n e dich e r s a h ,

B e b e n d h a b ' ich L i e b e dir g e s c h w o r e n ,

Königin der W e l t ! U r a n i a ! Ii

18 T i e f e n u n d ] T i e f e n , in e r z i e l t , ] erzielt H 19 Hab] Hab' Ii

35 empfangen,] empfangen Ii 20 S i n t ] Seit J^ ahndend] ahnend J^

431
j_)0-~134 H j ' m n e an die Göttin der H a r m o n i e

fühlt,] fühlt / / 2 1 D i r aus S II entsprossen] e n t ( l ) s c h e b (2) schweben

(3) sprossen II Leben nach gcstr. W e s e n H 2 3 W e n d e s t ] (1) Birgest

aus Bergest (3) später, am linken Rand: W e n d e s t H b e b e n ] beben, J^ h

2 4 v e r g e h ' n ] vergehn II die aus W{elt) II

2 5 — 2 8 : I : Vorentwurf am unteren Rand, durch Schlangenlinien links und rechts 5

eingeklammert:

2 5 : (1) Auf des (a) Chaos g

(b) alten Chaos Woogen

(2) Tronend vorgefügt

2 6 : Majestätisch lächelnd winktest du 10

2 7 : Und die wilden E l e m e n t e (1) fo (2) flogen

2 8 : (1) Lächelnd

(2) Liebend sich auf deine W i n k e zu.

I I : Oben, an gehöriger Stelle unter der 5. Strophe:


Text ("25 Tronend I I ; hinter allen vier Zeilen keine Interpunk- 15

tion) H

2 9 — 3 2 : In kleinerer Schrift und mit engerem Zeilenabstand in die Lücke zwischen

Vorentwurf und Reinschrift der ersten Strophenhälfte gedrängt. I'I

29 seeligen] zaubrischen II 30 u m fehlt II W e s e n sich aus

dem Ansatz zu u m (beim eiligen Schreiben wird das davorstehende nun 20

für um angesehen) II 3 1 den H i m m e l n , ] d e m H i m m e l n ("Sc/irciZ)-

fehler) II auf d e m ] dem aus die H 3 2 Sahst ous Sast II du,

Meisterin!] du Meisterin II d i c h . - ] dich. H

3 3 — 3 6 : I : Vorentwurf am oberen Rand der zweiten Seite:

Jubel ward die lange Todtenstille 25

Bächlein (1), (2) - Sonnen t r a t t e n in die Bahn

So ergössest du der Schönheit Fülle

So entsprang der Hoheit Ozean.

I I : Darunter, ohne Interpunktion hinter den Zeilen: Text II (34 Bäch-


lein, Sonnen t r e t e n ] Bächlein - Sonnen t r e t t e n II 3 5 Liebe- 30

t r u n k e n aus Liebes(4cunicn) H)

3 7 - 4 0 : I : Von der M e e r e (1) Riesenarm

(2) r a s c h e m

(3) wildem A r m u m f a n g e n

432
H y m n e an die Güttin der H a r m o n i e 1SO—1 }4

Bebt das Land in iiiegcfülter Lust,

(1) Wie

(3) Scliün und stolx, wie (a) Ilicsenkiiidor,

(b) Göttersöhnc, hangen

5 Felsen an der (1) treuen (a) Mutterst

(b) Mutterbriist.

(2) nuitterlichen Brtist.

I I : Durch die vnrgefügten Nummern 2) iind 1) werden die beiden Vers-

paare umgestellt. 11

10 4 1 Lüfte,] Lüfte / / 4 2 Tl.al: ] Tal, / / 4 3 atUiber gestr. awi H Fels-

g e l d ü f t e , ] Felsgeldüfte H 44 Stral.] Stral, H

4 5 - 4 8 : I : 4 5 : (1) z
(2) Freuden

(3) Freudetaumelnd winden (a) von dem (a) Hügl

15 [ß) Hügel

(b) sich vom Hügel

4 6 : Von dem Tale, von des Meeres Schoos

4 7 : Prangend m i t der Göttin Meistersiegel

4 8 : (1) Myriaden

20 (2) Heere liebender Geschöpfe lüs.

I I : An den linken Rand eine Schlangenlinie^ hinter v. 4S das Wort

Meere hinter v. 47 den Reim Heere

I I I : S/iäter, am linken Rand und in der Fuge zwischen dieser und der

nächsten Strnphe:

25 Siehe! siehe! vom empörten Meere,

Von den Hügeln von der Thale Schoos,

Winden sich die ungeziilten Heere

F r e u d e t a u m e l n d e r Gescliopfe los. H

5 0 : I : In der ersten Niederschrift mehrere Versuche unter- (und, in der 2. '/.eile,

30 neben-) einander, ohne Tilgung der vorangehenden; am linken Rand

eine Schlangenlin ie;

Nun (1) der (2) m i t Ilir der Herrliche hervor

Mit der Schöpferin (Meisteroit (ihr Sohn (der Held hervor

Mit der Meisterin der Mann liervor

35 (Meisleren in der 2. Zeile Schreibfehler statt MeisterinJ

453
130—134 H y m n e an die Göttin der H a r m o n i e

I I : Später, am linken Rand:

(1) Schön, wie sie,

(2) H i m m l i s c h s c h ö n der Göttin Sohn hervor H

5 1 zum königlichen] zum königlichem H 52 erkor:] e r k o r / / erkor. J^

53-56: I: 53: (l)W 5

(2) Siehe! m i t {a) der Liebe Götterbliken

{h) den t e u e r n Götterbliken

{c) der Liebe Götterbliken

5 4 : Die den Staub zum Engel auferziehn,

5 5 : (1) Die den E n d l i c h e n zum Gott entzüken, 10

(2) durch Nummern umgestellt:

Die zum Gott den E n d l i c h e n entzüken,

5 6 : Spricht zum Lieblinge die Königin:

(Links neben den 4 Zeilen zwei Schlangenlinien, rechts eine.)

I I : Links vor V. S3: 15

I h n u m f a n g e n d m i t der Liebe {Bliken}

5 4 : bleibt unverändert.

5 5 . 5 6 : am rechten Rand:

Die m i t Gotterlust den E n d l i c h e n beglüken

M i t Unendlichkeit den Sterblichen 20

I I I : Später rechts gegenüber auf S. 3 der Handschrift:

Von der M u t t e r t r e u e m A r m u m s c h h u i g e n

Steht er wonniglichen Staimens da.

Und in (1) liebenden

(2) göttlichen Begeisterungen 25

Singt dem T r u n k e n e n Urania. H

5 7 — 6 0 : I : 5 7 : (1) »Sohn! der liebetrunknen Schöpfungsstunde

(2) »Sohn der w o n n e t n m k n e n Schöpfungsstunde!

5 8 : Auserwählter! k o m m ' und liebe m i c h !

5 9 : Sieh! ein Kuß von deiner Göttin M u n d e 30

6 0 : H a u c h t e Geist von i h r e m Geist in dich!

(59 ein Kuß gestr., dafür am rechten Rand der Ansatz: ein t )

I I : Spätere Änderungen:

5 7 : am linken Rand:

K o m m o Sohn, der süßen Schöpfungst{un<ie) 35

434
H y m n e a n die Göttin der H a r m o n i e 130-134

5 8 ; bleibt unverändert.

59 J unteren Rand:

(1) Götterküsse

(2) Meine Küsse (a) Ansatz zu h (?)

5 (b) weihten dich (a) zum

(/?) d e m Bunde

6 0 : in der ersten Niederschrift geändert:

H a u c h t e n Geist von m e i n e m Geist in d i c h ! H

5 7 Schöpfungsstunde] Schöpfungsstunde, J^ h

10 6 1 - 6 4 : I : Diese W e l t ist deiner Seele (1) Spiel (2) Spiegel,

Deiner Seele Sohn ist Harmonie (1), (2)!-

Freue d i c h ! zum klaren Meistersicgel

M e i n e r Schöpfungen e r s c h u f f i c h sie.

(61.62: unterstrichen)

15 I I : Später:

Diese W e l t ist deiner Seele Spiegel,

Diese W e l t o Sohn ist H a r m o n i e ! -

Freue dich! zum offenbaren Siegel

M e i n e r Liebe schuff ich dich und sie. H

20 63 Siegel] Siegel, h 64 M e i n e r ] Meine J^ (Druckfehler) h sie.]

sie.« J' h

65 T r ü m m e r ] » T r ü m m e r / j H ü l l e , ] Hülle H 6 6 meiner Rechte

K r a f t ] m e i n e r A l l m a c h t Hand H meine starke Hand J^ a n . ] an H

67 ew'ge Fülle,] ewge Fülle H 68 Ozean.] Ozean H 69 mir]

25 M i r (aus m i r ) H L i e b e , ] Liebe H 7 1 T h r ä n e n , ] T r ä n e n (1), (2) - H

Triebe] Triebe, h 72 S o h n ! ] Sohn, H K u ß . ] Kuß.« J ' h J^ 73

H e r r l i c h e r ] »Herrlicher J^ h J^ m e i n Bild in d i r ] (1) in dir m e i n

Bild {2) durch Nummern umgestellt H finden,] finden H 7 4 ein,] ein H

7 5 e r g r ü n d e n , ] ergründen H 7 6 sein.] sein; H 77: (1) M ü h s a m

30 wirst du m e i n e n Stral erspähen (2) später, am linken Rand: N u r i m S c h a t t e n

wirst du m i c h {erspähen,) Ii 78 A b e r ] Aber, H mich,] mich I i

8 0 ^T\jihea]Yii'ukEn (Schreibfehler durch Vorwirkung des Anlauts in kostenj H

81 0 über nicht gestr. ihr H Geister!] Geister, i ? Namen,]Namen H


82 uns über nicht gestr. ia H Zeit,] Zeit iif 83 Uns, die] Uns die fous;
35 Und die a m / m A m i^aW vor; All ihr^ I i Saamen,] Saamen! H 84 Uns,

435

1,28
I SO—134 H y m n e an die Göttin der H a r m o n i e

die] Uns die (am linken Rand vor: AU' ihr_) H i h r e r H e r r l i c h k e i t , ] ilirer

Seeligkeit (üher nicht gestr.: der Unsterblichkeit!^ II 86 Götterkraft,]

G ö t t e r k r a f t ! (Ausrufzcichen aus Semikolon oder umgekehrt) II 8 9 Frei und

mäclitig-] Frei. ii. m a c h t i g (über gestr.: Unbezwinglichj) II Welle,]

Welle// 9 0 Rein wie] Kein, wie /i^ Elysium] Elisium / / 9 1 : Wie 5

der F r ü l i n g h i m m e l f r o h , und helle II 92 der W a r h e i t ] unterstrichen II

P r i e s t e r t u m . ] P r i e s t e r t u m ! — II 93 v e r j ä h r t e m W a h n e ! ] verjärteni

Wahne H 94 Stolzer Lüge später aus: Stolzem Spotte II 95 un-

heflekter] unheneckten J- F a h n e , ] Fahne II 9 6 Siegsgesang!] Siegs-

gesang! — II 97: (1) Stolze L e h r e schleichet Tod und trübe, {2) später, 10

üher den ersten drei Wörtern: Ha der Lüge Quell w ie II 98: (1) Süß und

k r ä f t i g ist der W e i s h e i t Quell; (2) später, unter der Strophe: K r ä f t i g ist der

W e i s h e i t Quell und süß II 9 9 Geister! B r ü d e r ! aus; Geister, Brüder, I[

1 0 0 : (1) R u h t im Herzen (a) f r (b) still und spiegelhell; (2) später, unter der

Strophe: (n) I h m (b) Hm umgrihit der Freuden Paradies II 1 0 1 des aus 15

der II Erdelebens] Erdenlebens J^ g e l ä u t e r t , ] geläutert (aus geläutelj / /

102 A h n d e t ] Ahnet J- Götterlust nus Göttlichkeit II 104: Schaut

der stille Geist die S c h ö p f e r i n . H

105—112 : Diese Strophe steht, quer, unten auf der 4. Seite der Handschrift, auf

dem schmalen Rest neben der herausgerissenen Ecke. II 20

105 unser Bund e r g l ü h e ] unsre Seele glühe H 106 gött-

licher später links vor der Zeile für gestr. h e i l i g e r H göttlichen

J" Magie.] Magie, H 1 0 7 Unbegränzte, r e i n e ] Unbegränzte

reine (später links vor der Zeile für nicht gestr.: Ungetrübte, stille)

H 1 0 8 Freundlicli] n!c/it ges/r.; späte/-, ^i'nAs rfancJcn.- M ä c h t i g 25

H h o h e n ] cw'gen H 109 Sohne,] Söhne! H

110-112: (1) I n d e n

(2) Unter Sternen auf der Abendflur

In des Mädcliens, in de.s Mannes T r ä n e

Zeige sie der W a h r h e i t hohe Spur. 30

(3) am linken Rand der Seite, quer neben der vorigen

Strophe, wollin ein Kreuz verweist:

S c h a f f in ihnen Kuhe M u t h und T h a t

Und der heiligen Entzükung T r ä n e

\V'cnn Urania der Seele n a h t . II 35

436
H y m n e an die Güttin der H a r m o n i e 1SO—1 }4

113-132 •. fehlt H
1 1 9 Und die] Und den J^ Huldigungen] Huldigimgen, J' h 1 2 3 Schnell]

Schnell, Seraphin] S e r a p h i m J^ 1 2 7 W o l k e ] Wolken J- 1 3 1 eni-

porv-uringen] e m p o r zu ringen J'^

5 1 3 3 —136 : Diese Verse stehen, unverkennbar im DiAtus der späteren Änderungen,

am linken Rand der 4. Seite der Handschrift, quer neben der

Strophe S9-96. H

1 3 3 n i e d e r ! ] nieder. H 1 3 4 Jubelt Millionen] R u f e t , Mil-

lionen, II 135 Orione] Or.eane II w i e d e r : ] wieder II

10 136 Heilig, heilig] (1) Herlich (2) H e r r l i c h ! Herrlich II

Krläuterungen

Mit diesem Gedicht beginnt rccht eigentlich der durch einige frühere Versuche in

gereimten Strophen vorbereitete 2.ykhis, der seit Wilhelm Dilthcy (Das Erlebnis und

die Dichtung, 1. Auflage Leipzig und Berlin 1906) oft als »Hymnen an die Ideale

15 der Menschheit« bezeichnet wird. Trotz aller motivischen Verklammerungen, her-

übergenomrncner IVendungen und Verse aber wird der 7,usammenhang unter den

(.ledichten weniger durch ihre Gegenstände gestiftet als durch ihren hymnischen Stil.

Dillheys nicht eben glücklichc Bezeichnung läßt ein System und systematische Voll-

ständigkeit erwarten, und gerade daran ist dem Dichter nicht gelegen. Aitch können

20 die Ahise, die Menschheit, die Genien der Jugend und der Kühnheit und streng

genommen auch die Göttin der Harmonie nicht gut »Ideale der Menschheit«

heißen.

Die äußere Form ist angeregt durch das Vorbild, das Schiller in seinen »Göttern

Griechenlandcs« (17SS) und vorher schon in einigen Gedichten der Anthologie auf

25 das Jahr 17S2 (etwa »Die Freundschaft« oder »Rousseau«) gibt. Doch ahmt

Hölderlin außer dem Lied »An die Freude« keine Strophe genau nach. (Schillers

»Ideale« sinricrst 179S und also später entstanden als Hölderlins in Schillers Thalia

179) veröffentlichte Hymne Das Schiksaal, die metrisch genau mit Schillers Gedicht

übereinstimmt.) Seckel S. lOS—lil macht die zunächst überraschende, aber richtige

30 Beobachtung, daß Hölderlins Hhythmus härter und fester klingt als der Schillers,

"daß gerade der scheinbar so viel zartere, weichere, lyrischere Hölderlin in diesen

Dichtungen sich als der Lautere, Robustere, Steifere erweist« (S.llO). Trotz Seckeis

Abwehr (ebenfalls S. 110) wird der Grund für diese bei aller Ähnlichkeit der Ober-

fläche tiefreichende Verschiedenheit in dem Gatlungsunterschied zwischen Hölderlins

437
H y m n e an die Güttin der H a r m o n i e1SO—1}4

Hymnen und Schillers elegischer empfundenen Gedichten zu suchen sein. Hölderlin

nähert sich von selbst dem weicheren Stil Schillers in den elegischen Gedichten Grie-

chenland (S.179 f . ) und An die Natur (S.191-19)), die aber auch schon vor

Schillers Idealen entstanden sind. Vgl. Friedrich Beißner, Geschichte der deutschen

Elegie, Pauls Grundriß der germanischen Philologie Bd. 14, Berlin 1941, S. 139 f . 5

Inhaltlich haben neben Schiller, dessen Gedichte An die Freude und Die Künstler

hier vor allem zu nennen sind, besonders Plato, Leibniz und Rousseau, mittelbar

auch Shaftesbury, auf die Hymnen eingewirkt. Es sei hier ein- für allemal

hingewiesen auf die Deutungen der Hymnen bei Böhm I SS—91 und Böckmann

S. 44-61. 10

Das Silbenmaß der Hymne an die Göttin der Harmonie ist das in den Gedichten

Burg Tübingen, An die Stille, Hymne an die Unsterblichkeit, Melodie an Lyda

und {An Lyda) bereits erprobte und wird auch später noch verwendet in der Hymne

an die Muse, in beiden Hymnen an die Freiheit und in den Gedichten Griechenland

und An die Natur. Es stellt also eine ausnehmend bevorzugte Strophe dar: achtmal 15

fünffüßige Trochäen, klingende und stumpfe Ausgänge in regelmäßigem fVechsel,

Reimordnung: ab ab, c d c d.

In dem S. 429 angeführten Brief an Neuffer schreibt Hölderlin: Leibniz und m e i n

Hymnus auf die W a r h e i t Kaußen seit einigen T a g e n ganz in m e i n e m Capi-

tolium. Jener h a t Einfluß auf diesen. 20

Kurt Hildebrandt (Hölderlin. Philosophie und Dichtung, Stuttgart und Berlin

1939, S. 33—41) trifft wohl das Richtige, wenn er annimmt, Hölderlin habe, nach-

dem er einen Hymnus auf die W a r h e i t begonnen, unter dem stärker werdenden

Einfluß Leibnizens und seiner Lehre von der prästabilierten Harmonie den ur-

sprünglichen Begriff der bloßen Wahrheit zu neutral und zu eng gefunden und ihn 25

deshalb durch die Harmonie ersetzt, worin Wahrheit und Schönheit verbunden seien.

Auch in der endgültigen Fassung (v. 92 und 116) wird ja noch die W a r h e i t ge-

priesen; doch unter dem Namen der Urania begreift Hölderlin die Göttin der H a r -

monie, eine wirklich göttliche, als göttlich geglaubte Macht, mit ernsthafterem und

frommerem Sinn als Schiller, dessen »Künstler« zwar auch von der Urania 30

sprechen, sie aber in bezeichnender Weise auseinandersehen in eine Cypria (v. 433)

als mythologische Personifikation der Schönheit und eine Urania (v, 436) als Per-

sonifikation der Wahrheit — wobei an eine zeitliche Stufenfolge in der Herrschaft

der beiden Göttinnen gedacht wird: die f u r c h t b a r h e r r l i c h e Urania legt im Anfang

438
H y m n e an die Güttin der H a r m o n i e 1SO—1 }4

der Zeilen ihre Feuerkrone ab und stellt nls Schönheit (Cypria) vor dem Menschen

einer noch kindlichen Kulturstufe; aber was wir als Scliönheit liier e m i j f u i i d e n ,

wird einst a l s A V a h r h e i t uns e n t g e g e n g e h n (v.S4-6S — W a h r h e i t im ersten

Druck gesperrt); und so steht dann (v. 433—436) die satiCte Cypria, nun luicder

5 u m l e i i c h t c t von der F e u e r h r o n c , mr dem Menschen einer fortgeschritteneren Stufe:

e n t s c h l e i e r t - als Urania.

Hölderlins Msicht einer Erweiterung in Leibnizens Sinne gegenüber der ersten

Schillerischen Konzeption ist deutlich erkennbar an der Änderung, die die Verse 110

bis 112 erfahren (vgl. die Lesarten). Es ist denn auch zu beachten, daß der Name

10 Urania in der ursprünglichen Fassung, die die W a r h e i t besingen wollte, nicht vor-

kommt (vgl. wieder die Lesarten v. 16, 56, 112, 126, 136). Er wird mithin, als

einer bloßen kulturgeschichtlich verstandenen Personifikation gehörig, nicht aus

Schillers »Künstlern« übernommen, sondern, sinnlicher und Hölderlin gemäßer, aus

Heinses Ardinghello, dem das Motto entstammt. Es ist demnach nicht als bloße

•15 Zierde aufzufassen: dieses Wort, in einem schöpferischen Augenblick gefunden oder

erinnert, gibt erst dem werdenden Gedicht den gestalthaflen Einschlag.

Leibnizens E i n f l u ß hat indessen nur zeitweilig auf Hölderlin gewirkt. Es ist gewiß

kein Zufall, daß der Name Leibniz in allen überlieferten Schriften nur zweimal

vorkommt, in jenem Brief Ende 1790 an Ncuffer und in den Exzerpten aus Jacobis

20 Briefen über Spinoza (17S9).

Das Motto steht bei Wilhelm Heinse, Ardinghello und die glückseeligen Inseln,

(herausgegeben von Carl Schüddekopf,) 4. Auflage Leipzig 1924, S. 2S3 in dieser

Form: U n d die L i e b e w a r d g e b o h r e n , d e r süße G e n u ß aller N a t u r e n f ü r

e i n a n d e r , d e r schünste, älteste u n d jüngste d e r G ö t t e r , von U r a n i e n d e r

25 glänzenden J u n g f r a u , d e r e n Z a u b o r g ü r t c l das W e l t a l l in t o b e n d e m E n t i ü c k c n

Zusammenhalt.

Theodor Reuß (Heinse und Hölderlin, Dissertation Tübingen 1906, S. 3) ver-

mutet sicherlich zu Unrecht, Hölderlin habe den 17S7 erschienenen Ardinghello erst

kennengelernt, als er die Hymne an die Göttin der Harmonie »neben andern noch-

30 mals durchsah, um sie in den Musenalmanach einzusenden«, und habe also nach-

träglich noch das Motto eingefügt.

1—8 Die 1. Strophe wird bei der Umarbeitung aus der nicht veröffentlichten Hymne

an die Unsterblichkeit (v. 1—S) mit einigen leichten Änderungen herübergenommen.

Die ersten vier Zeilen der verworfenen Anfangsstrophe werden später in der Hymne

35 an die I\hise (v. S S ) verwendet.

439
I SO—134 H y m n e an die Göttin der H a r m o n i e

11.12 Vgl. V. 67 f .

2 0 Sint] So auch in der Handschrift. Das altertümliche IVort (in der Bedeutung

»seit, da>') kommt ein zweites Mal in der Hymne an die Freiheit (Wie den Aar . . .

S.1}Q) V. 9 vor. Nach Grimms Deutschem Wörterbuch 10, 1 Spalte 120S »bei den

Autoren des 16. —t S.Jahrhunderts überaus häufige. Es begegnet sowohl bei nieder- 5

deutschen Dichtern, wie Claudius und Bürger, als auch im oberdeutschen Sprach-

gebiet, außer bei Hölderlin z.B. auch bei Schubart.

2 5 Jes alten Chaos W o o g e n ] Vgl. Hymne an die Freiheit (Wonne sang' ich . . .)

V. 2S.

34 Biichleiii, Sonnen] Polarer Ausdruck für die gesamte Schöpfung, Erde und

Weltall.

5 0 cler Göttin Sohn] Nach dem Zusammenhang, dem das Motto entnommen ist,

iväre an Eros zu denken. Doch deuten die auf die Anrede der Göttin folgenden Stro-

phen darauf hin, daß der Mensch gemeint ist. Ganz ähnlich wird in der Ode Der

Mensch (S. 26 S f . ) die Geburt des Menschen, des Sohnes der Mutter Erde und des ^^

Vaters Helios, geschildert.

55 der Liebe großen Bund zu s t i f t e n ] Vgl. Hymne an den Genius Griechen-


lands V. W: Atif Liebe dein R e i c h zu gründen.

57 Die dreistrophige Ansprache der Göttin ist von je genau sieben Strophen um-

rahmt. 20

6 2 . 6 3 Jn der ersten Fassung (vgl. die Lesarten) scheinen diese beiden Zeilen durch

Bürgers Hohes Lied, und zwar durch den Anfang der letzten Strophe angeregt zu

sein: N i m m , o Sohn, das Meistersiegel D e r Vollendung an die Stirn! (Hölderlin

spielt im Frühjahr 1794 auf Bürgers Gedicht an in dem an Neuffer gerichteten Be-

gleitbrief des Gedichts Freundeswunsch — vgl. S. 486 Z. 3L) ^^

9 4 Stolze L ü g e ] Vgl. Hymne an die Freundschaft v. 71 f . : Über Stolz und L ü g e

siegen Deine Auserwählten n u r ; Hymne an die Muse v. 7 7 : Stolze L ü g e ; in der

Hymne an die Göttin der Harmonie v. 113 f . sind außer Stolz und Lüge noch

Hader und T r u g als Feinde genannt; Hymne an die Freiheit (Wie den Aar . . .)

D. 7 . - W a h n nnd Stolz. 30

1 0 1 Von des Erdelebens T a n d g e l ä u t e r t ] Vgl. Hymne an die Muse v. IS: des

Erdetands entladen.

440
Hymne on die Muse lSS-138

H Y M N E AN D I E M U S E

Ncujfcr (J~) setzt diese Hymne ebenfalls noch in das Jahr 1790. Das frühe Er-

scheinen des Stiiudlinschen JMusenabnanachs (rgl. die Benierhmg zur vorigen

Hymne) verbietet jedenfalls die Annahme einer Entstehung nach demFrühjahr 1791.

5 Die l^rinzessin Auguste von Homburg hat über ihre Abschrift (h.) den Vermerk

im Jiilir 1792 gesetzt; es braucht nicht gesagt zu werden, daß dieses Datum nach

dent Titelblatt des Musenalmanachs (J^) nur vermutet ist.

Überlieferung

k : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

'0 Zessin Auguste von Hornburg, Lage 12 Blatt — Lage 13 Blatt fs. die

Beschreibung S. 324-326).

Eigentümlichkeiten der Schreibung: siehe J^; außerdem: H e i l i g t l m m , P r i e -

s l e r l l i u m , Gesetz, H o f f n u n g (auch H o f n u n g j .

J' : Musenalmanach fürs Jahr 1792. Herausgegeben von Gotthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers. Gedrukt in der Akademi-

schen Buchdrukerei. S. 1—S, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Königinn, S c h ö p f e r i n n , G ö t t i m i (auch

G ö t t i n ) , Schaft (auch schafft), k ü h n , b l e i c h , selig.

J^ : (Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. V.

20 Zeitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 17S u. 176 (7. u. S. September),

Spalte 1394-1396, 1403-140S.

Lesarten

3 Pieridc!] Pieride, J- 4 H e i l i g t u m ; ] Heiligtluim!. /- 8 diß]

dies J' h J^ Fcierlied.] Feierlied! J^ 12 O t h e m ] O d e m . J' h J-

25 a n ; —] an. J- 13 Göttergnaden?] Göttergnaden, J^ 15 Erdetands]

E r d e n t a n d s J~ 16 e h r t ? - ] e h r t ? T^ 17 H a ! ] Ha, i c h ] ich's J^

18 K ö n i g i n ! ] Königin, G ö t t e r k r a f t ] G ö t t e r k r a f t , J- 20 s c h a f f t ! - ]

schafft! 2 1 S i e h e ! ] Siehe, J^ 2 2 O t h e m ] O d e m J ^ i J^ 23 Dei-

n e m ] Deinen h Zauber] Scepter J- 25 A d l e r s b l i k e ] A d l e r b l i c k e J^

30 38 V ä t e r ] M u t e r (Druckfehler) J' 41 S i e h ' ! ] Sieh, J^ 42 So]

Wenn J^ e r g l ü h t ; —] e r g l ü h t , J'^ 51 r n o r g e n r ö t h l i c h e n ] m o r g o n r ö t h -

441
liS-l'iS H y m n e an die Muse

Ilgen h 65 gefallen!] gefallen, 67 überwallen!] überwallen, J'^

6 8 G ö t t i n ! ] Güttin, huldigen! - ] huldigen! J^ 6 9 S i e h e ! ] Siehe,

70 Othem]Odem J ' h J^ 7 1 D ä m o n e n - ] Diimonen, J^ 80 Liebe!-]

Liebe, 8 4 a u f ; - ] auf. J^ 85 Wehe!] Wehe, J^ 89 Pieride!]

Pieride, J 2 QQ Pilgerstab,] Pilgerstab! J^ 9 2 a b ; ] ab. J- 9 4 Aus- 5

erkornen] Auserwählten J^ 9 7 Siegesliede] Siegeskleide (Schreibfehler) h

98 edeln] edlen J^ B a h n , ] Bahn. 99 P i e r i d e ! ] Pieride,

100 a n ; - J a n ! J- 1 0 1 e r s p ä h e n ! ] erspähen, J^ 1 0 2 L a ß t sie] L a ß

sie h 1 0 4 den E d l e r e n ! ] dem Edlereu. P 1 0 5 H a ! ] Ha, J" 1 0 6 2u

d e r ] XU, der h S i n n - ] Sinn! J^ 107 Himmel!] Himmel, J^ gc- 10

loben,] geloben J^ III Erdenrunde!] Erdenrunde; J^ 115 ermes-

sen! —] ermessen! J^ 118 t r e u e n ] t r e u e r J^ 1 2 0 V a t e r l a n d ! ] Vater-

land.
Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Göttin dei- Harmonie: siehe dort 15

die Erläuterung.

Es ist eine müßige Frage, an welche der neun Musen der Dichter sich wende. Zwar

heißt Kalliope die ngoqiEQEardTr] von allen (Hesiod, Theogonie v. 79), die An-

führerin, wahrscheinlich als die eine ursprüngliche Muse, aus der dann zuerst drei

und schließlich neun geworden sind. Schon im Altertum wurde hei der Anrufung 20

einer Muse (ohne Nennung des Namens) selten individualisiert. Bei Roscher (Lexi-

kon der griechischen und römischen Mythologie 2, ist ein Scholion zu

Apollonius Rhodius S, 1 mit einem Vers des Rhianos angeführt: /iirjösv diacpeQSiv,

et ßiav Imxa^elrai Movamv TIQ- näaai ö'elaatovai /utjg ore rovvo^a Asfeig.

3 P i e r i d e ] JJieQiQ, »die Pierische«, aus der thrakischen Landschaft Pieria Ge- 25

hurtige. Die Musen heißen Pierides, weil, wie Hesiod (Theogonie v. S3 f . ) -lingt,

Mnemosyne sie dem Vater Zeus in Pieria geboren hat (ev IltEQir] Kgovidr] rexe

TiaTQi fiiyetaa Mvrj/ioavvr]). — Auch in der von Hölderlin verdeutschten Ode des

Horaz Quem tu, Melpomene, semel (4, 3, 18) kommt die Anrede Pieri vor; Höl-

derlin übersetzt: Pieride. 50

5—8 Diese Verse sind herübergenommen aus dem Entwurf zu der Hymne an die

Göttin der Harmotiie (Hymne an die PVarheit) v. 1—4 — vgl. dort die Lesarten.

11 die f r ü h e Knabenwange] Schon sehr früh die Wange des Knaben. — Neuere

Ausgaben haben hcfremdlichcrweise gegen die einhellige Überlieferung die Konjektur

»frohe« aus Chr. Schwabs Druckfehlerliste (1846) übernommen, ohne des schroffen 35

442
H y m n e on die Muse 1U-1J8

Widerspruchs zu achten, worin »frohe« zu v. 10 stehen müßte: die a m ernsten

Fclscnhange geweinte Tliräne ist gewiß eine Träne des Schmerzes oder der Weh-

mut, keinesfalls der Freude. Der zaiiberisclie O t h e m der Muse bringt dem Leiden-

den Trost. — Eine proleptischc Deutung des Beiwortes »frohem erschiene zu ge-

5 zwungen, als daß sie die Überlieferung unistoßen hannlc. Der Schweriner Ab-

schrift (h.) kommt überdies besondres Gewicht zu, da ihr höchstwahrscheinlich Höl-

derlins eigenes durchkorrigiertes Exemplar von J^ zugrundeliegt (vgl. S.

15 des Erdetands entladen] Vgl. Hymne an die Göttin der Harmonie v. 101:

von des Erdelebens Tand geläutert.

10 24 Staub und A e t h e r ] Polarer Ausdruck für »Alles«; vgl. die Erläuterung zu

V. 99—102 der Bücher der 7Mten (S. 37S). Siehe auch v. i 7 ; in H ü t t e n und in

Heldenstaaten.

25-32 ViStor S.4} Anm. 2 weist hin auf Schiller, Die Künstler v.402 f . : Der

Schütze, die der Denker a u f g c h ä u f e t , AVird er in euren (der Künstler) A r m e n

15 erst sich f r e u n . — Bei Hölderlin hat jedoch die Kunst nicht nur eine (auf der Stufe

des Denkers beharrende) dekorative Funktion, sondern sie dringt dort schöpferisch

weiter vor, wo der Denker zurückbleiben muß. Auch bedeutet es mehr als eine bloß

poetische Einkleidung, wenn er nicht vom Individuum des Künstlers, sondern von der

Schöpferin, der Güttin spricht.

20 34 W a a r e bedeutet in der schwäbischen Mundart »die Kinder, die, Jugend^, aber

nur mit scherzhaft-verächtlichem Ton« (Fischer, Schwäbisches Wörterbuch 6, 410).

Die Enkel selbst werden also als eitle W a a r c bezeichnet, die den Vordergrund breit

und anspruchsvoll ausfüllt, so daß die Verdienste der göttergleichen Väter dadurch

verdeckt und vergessen werden.

25 57.58 Vgl. Hyperion 1, SS f .

61 schwelgerisch und kün die Saaten] Vgl. die nächste Hymne v. 2S. zu

schwelgerischer Saat.

69—12 Diese leicht abwandelnde Wiederholung der Verse 21—24 verdeutlicht die

Gliederung der Hymne in 1 + 6 + 6 Strophen: die i Anfangsstrophen sind Anruf

3Q und Preis der Königin der Geister (v. 14); die S nächsten Strophen (v. 25—64) be-

singen ihren vielfältigen Zauber; 1) sie belebt, 2) sie verewigt, }) sie veredelt, 4) sie

heiligt, f ) sie befruchtet; die 6. Strophe (v. 6S—72) dieses den Anruf und den Preis

des Anfangs ausführenden und begründenden Teils lenkt mit der betonenden Wieder-

holung zum nunmehr beiuiesenen Ausgangspunkt zurück und leitet zugleich mit dem

35 neuen auch ich der letzten Zeile (v. 72) über zu dem wieder persönlicheren zweiten

443
H y m n e an die M u s e . H y m n e a n die F r e i h e i t

Hauptteil (in den 5 begründenden Strophen kommt das ll'vrt »ich« nicht vor!): nun

wächst aus der Erwägung der Macht der Dichtkunst statt der anfanglichen Verzagt-

heit und Schwäche der starke Entschluß zu bekennerischer Huldigung.

7 7 Stolze L ü g e ] Vgl. Hymne an die Göttin der Harmonie v. 94 und die Erläute-

rung z. St. 5

9 1 Aegide] Die Aegide oder Aegis (aiyiq, aiyiSog) ist der von Hephaistos für

seinen Vater Zeus geschmiedete Schild^ durch dessen Schütteln Sturm und Schrccken

erregt werden. Zeus überläßt ihn aber auch andern, z. B. in der Hins IS, ^07 f f .

dem Apollon. Doch auch Pallas Athene trägt eine Aegide, die von der des Zeus

verschieden ist (vgl. Jlias S, 7S2 f f . ) und die, mit Quasten verziert, ursprünglich 10

ein Ziegenfell ist (ai^ die 'Ziege). Herodot 4, 189 meint, die Aegide der Athene,

wie sie an den Palladia (den Pallas-Bildern) dargestellt werde, sei einem Kleidungs-

stück der Libyerinnen nachgebildet, das aus einem Ziegenfell mit Quasten bestehe.

Auch der Aegide der Athene eignet abwehrende und schirmende Kraft.

96 Glük ^iiid Zeit] Vgl. die Erläuterung zu v. S6 des Liedes der Liebe. 15

107 H ö r ' es, E r d ' und HimJiiel!] Vgl. Die Bücher der Zweiten v. 112: Hörs

H i m m e l und Erde!,- Kanton Schweiz v. S2: da lächelt H i m m e l und E r d ' .

Uberall sind beide als eines aufgefaßt.

110 Denen sie den Adel a n e r s c h u f ] Vgl. v. 44.

1 1 3 e r g r a u t e r W a h n ] Vgl. die nächste Hymne v. S2: g r a u e m AValin, 20

1 1 5 Spanne] Kleines Längenmaß; Subjekt des Satzes. — Vgl. Diotima, mittlere

Fassung, V. 103; Der Wanderer, 2. Fassung, v. IS.

H Y M N E AN D I E FREIHEIT
W i e den Aar i m grauen Felsenhange . . .

Auch diese Hymne setzt Neuffer (J^) noch in das Jahr 1790 — vgl. die Bemerkungen 25

zu den beiden vorigen Hymnen. Die Prinzessin Auguste von Homburg schreibt in die

obere rechte Ecke des ersten Blattes (h) nach dem Titelblatt des Musenalmanachs ( J ' )

die Jahreszahl 1792.


Überlief erun g

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin- 50

Zessin Auguste von Homburg, Lage 13 Blatt (s. die Beschreibung


S. 324-326).
J^ : Musenalmanach fürs Jahr 1792. Herausgegeben von Gotthohl Friedrich

444
H y m n e an die Freiheit 1)9-142

Stüudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers. Gedrukt in der Akademi-

schen Buchdrukerei. S. 112—118, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J' und h): kühn, selig, Göttinn, Königinn,

Ernte.

5 J^ : {Ludwig Neuffer}: Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. /'.

Zeitung für die elegante Welt 1829 Nr. 177 (10. September), Spalte 1409

bis 1412.

Die Nummer V, die schon, in Nr. 17S u. 176, die Hymne an die Muse

trägt, ist hier irrtümlich noch einmal gesetzt.

10 Lesarten

2 S t e r n e ] Sternen h 9 Sint] Seit 10 i h r nach gestr. m i r h, h

2 3 T a u s c h t ' ich gerne unterstr. Ii 3 4 Meinen] Deinen a u j M ]i 4 1 mein]


dein h 47 Welke, B l u m e ] AVolke Blume J^ h 53 Geist] G i f t
73 wieder,] wieder; h 84 S c h m i e g t ] Schwingt J- 90 niedre]
15 nieder h 91 A h n d u n g e n ] Ahnungen J^ 93 getilget nach gestr.
gethei h

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Göttin der Harmonie: siehe dort

die Erläuterung.

20 7 AVahn und Stolz] Fgl. v. Slf.; ferner Hymne an die Göttin der Harmonie V. 94:

SI0I7.0 Lüge und die Erläuterung z. St.

9 Sint] Handschriftlich als Hölderlinisch bezeugt in der Hymne an die Göttin der

Harmonie (Hynme an die Warheit) v. 20.

1 0 Mein Herz schlägt ihr, das heißt: für sie.

25 1 7 Eine Ansprache der Göttin steht auch im Mittelpunkt der Hymne an die Göttin

der Harmonie und der Hymne an die Freiheit (JVonne säng ich . . .).

2 8 V.U schwelgerischer Saat] Fgl. Hymne an die Muse v. 61.

49-50 y^gl. Hymne an die Muse v. S7 f . und die Erläuterung z. St.

6 9 W a n d e l s t e r n e ] l^gl. Hymne an die Muse v. 62.

30 7 2 Hier erst kommt das Adjektiv frei vor, ein zweites Mal v. 82; das Wort Freiheit

sieht nur in der Überschrift.

92 Glük und Zeit] Vgl. die Erläuterung zu v. S6 des Liedes der Liebe.

9 4 das a n g e s t a m m t e G u t ] Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. 48: ihr ererb-

tes G u t .

445
143-14S Kanton Schweiz

KANTON SCHWEIZ

Das Gedicht ist entstanden aus der frischen E r i n n e r u n g (v. S) an eine in der Oster-

vakanz 1791 mit Chr. Fr. Hiller unternommene Reise in die Schweiz. Nach dem

kurz vor dem Aufbruch an die Mutter gerichteten undatierten Brief ("Der Überrok ist

wirklich r e c h t gut ausgefallen . . .) war Memminger der dritte Reisegefährte. Jus 5

dem Gedicht geht das nicht hervor. Möglicherweise hat er sich dann doch nicht betei-

ligt. Wer dieser Memminger war, ist zweifelhaft: vielleicht J. D. G. Memminger

(geb. 1773), der spätere Geograph und Statistiker, der allerdings erst im Herbst 1794

in Tübingen sein Studium begann; doch wohnten seine Eltern dort, so daß er in den

Ferien wohl mit Hölderlin und Hiller hatte bekannt werden können. Vgl. Betzen- 10

dörfer S. lU Anm. 79.

Neuffcr (J^) setzt das Gedicht in das Jahr 1792. Es müßte dann aber in den ersten

Monaten entstanden sein, da Stäudlins Blumenlese (J^) ebenso wie der vorjährige

Almanach schon sehr früh erschienen ist. Der Herausgeber zeigt selbst das Erscheinen

an in der Fortgesezten Schubart'sehen Chronik für 1792 Nr. 76 (21. September) 15

S. 614. Die Anzeige ist datiert: Stuttgart, den 14ten Sept. 1792.

Überlieferung

h' (v.l-S): Stuttgart cod. poet. 4" Nr.196 (Nachlaß Gustav Schlesiers)

Bl.lll: »Varianten zu dem Gedicht in Stäudlins Almanach f. 179h

S. 79—8S, aus einem Ms. von Hölderlin, das aber nur bis v. 20 ging.«

: Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

zessin Auguste von Homburg, Lage 18 Blatt (s. die Beschreibung

S. i24-326). Siehe besonders die Lesarten zu den Fersen 24, 34, 48, 79.

J^ : Poetische Blumenlese fürs Jahr 1793. Herausgegeben von Gotthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers gedrukt bei den Gebrüdern 25

Mäntler. S. 79—SS, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und h^): seyn, Heide, bleich, gebar, k ü h n ,

Heiligthümer.

J^ : {Ludwig Neuffer}: Nachtrag einiger Gedichte vonFriedrichHölderlin. XHI.

Zeitung für die elegante Welt 1829 Nr. 210 u. 211 (26. u. 27. Oktober), 30

Spalte 167 3-167S, 1683-1684.

446
Kanton Schweiz • 143^14S

Lesarten

Überschrift: W a l d s t a t t Schwj-z. /, An m e i n e n F r e u n d H i l l e r . / t ' D e r Kan-

ton Schweiz. / An m e i n e n lieben H i l l e r . h^ Canton Schvvytz. / An m e i n e n

lieben H i l l e r . J^

5 1—3: H i e r , i m e i n s a m e n Schoos d e r stillen d ä m m e r n d e n Halle

W o in e r m ü d e n d e r R u h e d e r G e i s t e r k r a n k t , wo die F r e u d e

A c h ! so k a r g m i t L a b u n g b e t r ä u f t die l e c h z e n d e Seele,

R e i c h e t doch E r i n n e r u n g m i r den zaubrisclien B e c h e r h}

Daran anschließend bemerkt Schlesier: NB. S p ä t e r w e n i g A b w e i c h u n g e n , die

10 ich a u c h n i c h t n o t i r t h a b e , weil das S p ä t e r e das C o r r e k t e r e schien, —v. 1 6 :

i m s a n f t h i n g l e i t e n d e n (unier dem letzten Buchstaben zwei Punkte) 3 doch

E r i n n e r u n g ] docli die E r i n n e r u n g J^ 16 den S c h e i d e n d e n ] d e m S c h e i -

denden J^ im sanfthingleitenden i m sanfthingleitendem J^ h^

i m s a n f t h i n g l e i t e n d e n J^ 18 glühend und ernst] ernst und glühend J^

15 an i m ] an a m J^ 19 du, o T a g a m Q u e l l e ] du, T a g an d e r Quelle J^

2 1 Ahndung] Ahnung UostcTs*)] Fußnote fehlt P 2 4 Fichten h^

T r i f t e n J^ J^ 27 furchtbarherrlichen H a k e n ] furchtbar herrlichen

Hacken J^ 28 Riesengebiirge.] Riesengebirge, J^ 30 d o n n e r t ] don-

nert' J' 31 berauscht] betäubt J^ 34 wie H e l d e n g e i s t e r /i® und

20 H e l d e n g e i s t e r J1 u n d , H e l d e n g e i s t e r J^ 37 Thale]Thal h^ 3 9 maje-

stätische] majestätischen h^ Mytcn.**)] Fußnote fehlt J^ (h^ setzt zu-

nächst ein: D e r W vgl. die nächste Fußnote) 40 F r e i e n ! nach gestr. F r e u -

d e n ! h^ 41 hinab, u n d ] hinab und h^ 42 Ahndungen] Ahnungen J^

43 lehrt'] lehrt h^ 44 Mamre's] Mam're's h^ L a b a n , h^ La-

25 ban. J^ J^ 46 du, a l l h e i l i g e ] du allheilige h? 47 anders b l ü h t ]

a n d e r s doch b l ü h t J^ F r e u d e ! - ] F r e u d e ! lianra J^ 48 Sitte h^

Stätte J^ J- 51 See*)] Fußnote fehlt J^ 5 7 erfrischender Ampfer]

erfrischenden Ampfers J^ 60 G l ä s e r ] Gläser, J^ h^ 61 erklangen,

z u r ] e r k l a n g e n zur J^ E l i r e ] E r d e (ßrucA/cWerJ J^ 6 7 H e r z , u n d ] Herz

30 u n d J^ Seegnoten t)or g-cjtr. sich h^ sie, u n d ] sie und J^ 69 Schwixrs!*)]

Fußnote fehlt J^ f R ü t l i ] Stütli DrucA/c/iZcr J^) j a u c h z ' t e n aus j a u c h t ' z e n h^

j a u c h z t e n J^ 7 4 G e b i r g . • • ) ] Fußnote fehlt J^ Freien] freien /r

76 Schlummre] Schlummere 77 V a t e r l a n d e ] V a t e r l a n d h^ 7 9 Land,

der h^ Land. Der L a n d , u n d d e r J^ 84 Doch ich] Doch, ich J^

447
141-141 Kanton Schweiz

Erläuterungen

Die Gewandtheit in der Handhabung des hexametrischen Silbenmaßes hat sichtlich

zugenommen. Merkwürdig ist, daß Hölderlin sich zur Gestaltung eines eigentlich

elegischen Vorwurfs (vgl. die Anfangsverse) noch nicht an das elegische Distichon

wagt, das Magenau ihm schon für die Hera empfohlen hatte. Eine »Idylle« kann 5

man das Gedicht schwerlich nennen; auch läßt sich der Hexameter kaum aus einem

epischen Einschlag erklären, auch nicht aus einet Hinneigung zum Hymnus (wie

später etwa Der Archipelagus) — vgl. Friedrich Beißner: Geschichte der deutschen

Elegie, Pauls Grundriß der germanischen Philologie 14, Berlin 1941, S. ISl.

Emil Jenal: Das Vorbild von Hölderlins Idylle »Kanton Schwyz«, Euphorion 30 10

(1929) S. 289-294, will beweisen, die 1787 im Göttinger Musenalmanach erschie-

nene »Elegie an mein Vaterland« von Joh. Gaudenz von Salis-Seewis habe Hölderlins

Gedicht beeinflußt.

Widmung: Hiller] Chr. Fr. Miller - nach Betzendörfer S. 11 f f . Anm. 7S - ge-

boren am 27. Mai 1769 in Nordheim, kannte Hölderlin schon von Maulbronn her, 1.)

wo Hiller »Hospes« war. In Tübingen war er »Oppidanus«, das heißt er gehörte

nicht dem Stift an. Er erwarb gleichzeitig mit Hölderlin die Magisterwürde; das

eine seiner Specimina behandelte »Ideen über einen ewigen Friedende. — Ihm ist auch

das Gedicht An Hiller (S. 171—17S) gewidmet.

6-8 Vgl. An Hiller V. 1-22. 20

1 5 . 1 6 Die gleiche Situation einer Bootsfahrt unter Gesiingen von Zürch aus ist

vorgebildet in Klopstocks Ode Der yÄirchersee (17SO).

1 8 Khcinsturz] Vgl. An Hiller v. 2S—27. — Gemeint ist sicherlich der Rheinfall

bei Schaffhausen, das nach dem oben angeführten Brief an die Mutter zu Beginn

und zum Schluß der Reise berührt werden sollte. Bis ins obere Rheintal sind die 25

Wanderer wohl nicht gelangt.

1 9 T a g a m Quelle der Freilieit] Der im Folgenden allein ausführlicher erinnerte

Höhepunkt der Reise, secliger noch und festlicher als die nur kurz erwähnte Fahrt

auf dem Zürchersee und das Erlebnis i m donnernden Rheinsturz. Der Quell der

Freilieit ist — laut v. SO — das heilige T h a l des Vierwaldstättersees, in das die 30

Wanderer hinunterblicken, nachdem sie früh vom Kloster Einsieddn (v. 21), das

zwischen dem Zürchersee und dem Waldstättersee liegt, aufgebrochen sind und den

Haggenpaß ("Haken v. 27) erstiegen haben.

3 1 N u r sein Donner b e r a u s c h t den Sinn. ] Er ist nur hörbar, nicht sichtbar.

3 4 Heldengeister am Lego] Lego heißt ein beiOssian häufig vorkommender See. 35

448
Kanton Schweiz 14i-14!

Vgl. Die Gedichte Ossians neiivertcutschel (von Johann Wilhelm Petersen), Tübingen

17S2, S. 401 (Temora, Siebentes Buch): Von Lcgos waldbesaumten Wassern

steigen 7,ii Zeiten graue Nebelgewölke auf, wenn ü b e r m Adleraug der Sonne

des Abends P f o r t e n luin versclilossen sind. W e i t über den Strom L a r a spriilit

5 der dichte finstre Dunst hin; der IVTcnd s c h w i m m t durch seine Streiffen dann,

wie ein diinimcrnder Schild. In diesen kleiden der V o r u e l t Geister ihre

wilden Gebilde, wenn sie von W i n d w i r b e l zu AVindwirbel über die schwarze

N a c h t daherschreiten. O f t m e n g e n sie ihn m i t dem L u f t s c h a u e r , und wälzen

die Nebelwolke zum G r a b eines Kriegers., dem dunkeln Hause eines Geistes,

10 bis die Lieder ihn erheben. - Auch das Gedicht Der Tod Kuchullins (S. 2S9-300)

spielt am See Lego.

4 0 - 5 0 Als die IVanderer endlich von der Paßhöhe hinabschauen in das heilige

T h a l (v. SO), das eigentliche 7Jel ihrer Reise, da rufen sie zunächst begeistert die

Väter der Freien an, das sind die Eidgenossen vom Rütli; mit denen ist der Ahn-

15 düngen kü<'./i)nstc (v. 42) jedoch nicht in Zusammenhang zu bringen, sondern mit

den IVanderern selbst: was sie in der kühnsten ihrer Erwartungen sich von dem An-

blick der Quelle der Freiheit (v. SO) versprochen haben, das ist ihnen nun erfüllt.

Der folgende Relativsatz (was süße Begeist'rung . . .) ist dem Satz W a s der

Ahndungen künste versprach nicht gleichgeordnet, er ist vielmehr mit dem

20 Jlauptsatz es k e h r t so w a r m in die Brust (v. 4S) zu verbinden. Mit dem hohen

f lirten in M a m r e ' s Ilain' ist der Erzvater Abraham gemeint (1. Mose 13, IS);

Labans schöne T o c h t e r ist Rahel; deren Schwester Lea »hatte ein blödes Gesicht«.

(1. Mose 29, 17); beide sind Gattinnen Jacobs, der Isaaks Sohn und Abrahams

Enkel ist. Die Erzählungen des einfältigen und friedlichen, patriarchalischen

25 Lebens, das Abraham mit seiner Sippe in M a m r e ' s Hain'/ii/ir(e, haben den Dichter

in der Jdndheit mit süßer Begeist'rung erfüllt. Daran erinnert ihn jetzt der Anblick

des Tals, dem der in der Parenthese v. 4S—47 gepriesene arkadische Friede und die

allheilige Einfalt in voller Ursprünglichkeit erhalten geblieben sind, weil es von

den Bergen, den ewigen W ä c h t e r n , vor den v. 4S aufgezählten verderblichen Ein-

30 flüssen geschirmt wird. — Der von den bisherigen Ausgaben aus J^ übernommene

Absatz nach v. 47 zerreißt also den Zusammenhang; auch ist die Berichtigung der

Interpunktion nach v. 44 durch wesentlich für das Verständnis.

4 5 Arkadiens F r i e d e ] Vgl. An Hiller v. 29.

5 1 L a g e r l Der See ruht zwischen den Bergen wie auf einem Lager.

35 51.52 die Schreken Seiner A r m e ] Der See selbst ist zwar freimdlich (v.Sl);

449
143—148 Kanton Schweiz. H y m n e an die M e n s c h h e i t

doch bergen seine A r m e , die Zipfel, Schreken — vielleicht durch Klippen, die be-

sonders bei Unwetter gefährlich sind, wie an dem Tag, als Teil sich aus Geßlers

Boot rettete. Ausdrücklich wird im folgenden V:rs das den Schauenden zunächst

liegende Tal von Schwyz, das dem Gedicht den Namen gibt, f r e u n d l i c h e r genannt.

53 blühende Zweige] Die Reise darf also nicht, wie bisher, in die Herbst- 5

Vakanz verlegt werden. Das beweisen auch die von der Mutter verzeichneten Aus-

lagen vor den L. F r i t z ; d 15 Appril r e i ß geld in die schweitz 40 fl.

5 7 erfrischender A m p f e r ] Ungewöhnlicher Plural.

58 Sohn der schwarzen italischen T r a u b e ] Klopstocks Ode Der Rheinwein

(17Si) beginnt: O du, der T r a u b e Sohn, der i m Golde blinkt. 10

68—78 Die in diesem Absatz begrüßten beiden Stätten, das Rütli (v. 69 f . ) und

das Schlachtfeld von Morgarten (v. 71—7S), wo die Schweizer im Jahre 13IS gegen

den Herzog Leopold von Osterreich, den Bruder Friedrichs des Schönen, siegreich

blieben, sind nicht gleichbedeutend mit den v. 6S genannten H e i l i g t ü m e r n der

F r e i h e i t ; sie hätten am selben Tage nicht mehr aufgesucht werden können. 15

7 6 - 7 8 Vgl. Griechenland (S. 179f.) v. S1 f .

7 7 Deinen eisernen S c h l a f ] Vgl. Der Wanderer v. 22 (beide Fassungen); Elegie

v. 22 (Menons Klagen wn Diotima v. 24). — Ein seit Homer häufig vorkommender

Ausdruck: Ilias 11, 241: xoiß'^aaro vnvov; Virgil, Aen. 10, 74S f . :

olli dura quies oculos et ferreus urget somnus (wörtlich wiederholt Aen. 12, 309 f.); 20

Klopstock, Der Messias 6,287 f . : Schlaf dort, D o r t den eisernen S c h l a f ;

Schiller, Die Räuber S, 2: Aber er liegt f e m i m engen Hause, schläft schon

den eisernen Schlaf, höret n i m m e r die S t i m m e meines J a m m e r s .

H Y M N E AN D I E MENSCHHEIT

Hölderlin an Neujfer, Tübingen, den 28. November 1791: M i t dem H y m n u s an 25

die M e n s c h h e i t bin {ich) bald zu E n d e . Aber er ist eben ein W e r k der hellen

Intervalle, und diese sind noch lange n i c h t k l a r e r H i m m e l ! Sonst h a b ' ich

noch wenig g e t h a n : Vom g r o ß e n JeanJacque m i c h ein wenig über Menschen-

r e c h t belehren lassen, und in hellen N ä c h t e n m i c h an Orion und Sirius, und

dem G ö t t e r p a a r Kastor und Pollux gewaidet, das ists all! I m E m s t , L i e b e r ! 30

ich ärgre m i c h , daß ich n i c h t b ä l d e r auf die Astronomie g e r a t h e n bin.

Diesen W i n t e r soll's m e i n angelegentlichstes sein.

450
H y m n e nn die Menschheit 146^143

Überlieferung

I:P : Homburg U 34: Einzclblatt 20J (19,S) x JJ cm, linke Kante abgerissen;

rauhes, bräunliches, geripptes Papier; Wasserzeichen: Gehendes Tier (Paß-

gänger). In zwei Spalten beschrieben; in der rechten Spalte der Vorderseite steht

5 mir das Motto.

J:P (v. 9—16): Basel, Sammlung Karl Geigy-Hagenbach. Stammbuchblatt für

Lea van Seckendorf, Tüb(!ng'(!/i). im Sept. 1792. Fgl. auch Band 2, Abt.

yStarnmhuchbiülter und fPidinungen«.

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

10 Zessin Auguste von .Humburg, Lage 9 Blatt bis Lage 10 Blatt (s. die

Beschreibung S. ?24-326).

J' : Poetische Blumenlese fürs Jahr 1793. Herausgegeben von Gotthold Friedrich

St'dudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers gedrukt hei den Gebrüdern

A'läntler. S. 1—J, unterschrieben: Hölderlin.

15 Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und h) : fühlen, külin, gros, Blüte.

J^ : (Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte, vonFriedrichHölderlin. VHL

Z,eitungfiir die elegante PVelt 1S29 Nr. 1S7 (24. September), Spalte 14S9

bis 1492.

Lesarten

20 In H' fehlt die Interpunktion am Schluß der folgenden Verse: 1, 3, S, 12, 14,17,

19, 21, 22, 27-30, 37, 3S, 41, 43, 46, 47, 49, SO, S2-S4, f S , 60, 62, 63,

6S-6S, 70, 71, 7f-7S, Sl, S2.

Motto: Ce sont bis rilrdcissent.] fehlt J^ k J^ Ce] Ccs IP vils aus

viles H' csdavcs] sclaves I-P ce] cet IP mot aus ou{. . .?) IP
25 3 Die Wollte flcuclit untcrsfr. IP n e u c h t ] n i c h t J^ 4 a n ! ] an; IP

7 d i r ; ] Semikolon aus Ausrufzeichen I'P 8 B e i m nahen Heil] Bei deiner

K r a f t ("deiner i/mcrs/r.^ IP

8a-y:
a unterstr.: 0 du der königlichen Stunden
•'>0 unterstr.: Entschlafnes H e e r ! heran im Siegspanier!
C (1) D (2) Vom öden Schoos der Niichte losgewunden
Verjünge sich die Zeit, und zeuge m i r !
e Sic zeuget m i r ; die (1) Stärke (2) Schöne der Kolossen
D e r h e r r l i c h e n Herofin L i e b ' und iSIacht
35 g (1) Der (2) Des G ö t t e r s t a m m e s Blüten all entsprossen
In stiller Heiligkeit des Grabes N a c h t .

451

1,29
146—148 H y m n e a n die M e n s c h h e i t

i W i e sicli i m u n g e h e u r e n Kriejje

M i t der N a t u r der küne (1) J f ? ; (2) Riese m i ß t (o;, (/ij)!

1 D e r Löwe fällt! (1) d (2) sie f ü h l t i m wilden Siege,

Des Helden Seele, daß sie göttlich ist;

n Doch göttlicher entrief d e m Rosenstrauche 5

Der Muse Z a u b e r ( l ) w o r t (2)spruch den Rosonliain,

p Den Felsen blies m i t s a n f t e m Liebeshauche

(1) Des (2) D e r holde T h r a z i e r (a) c n t i ü k e n (b) Entzüken ein.

r unterstr.: Orion lacht in Liebe nieder

unterstr.: Es wallt der E r d e Sohn a m Ocean 10

t W i e tönt in i h m der Schöpfung H y m n e wieder

W i e staunt er sich i m neuen T a u m e l an

V Der A h n d u n g heiligstes, der K r ä f t e Fülle

Die leisgefühlte Seele der N a t u r

X E r kleidet sie in b r ü d e r l i c h e Hülle 15

Denn G ö t t e r n gleicht der G ö t t e r Sprosse n u r .

Hl

9 Schon] Es H" 10 Auge] D i c h t e r IP Schönheit] Scliönheit IP

H e i l i g t u m ; ] H e i l i g t u m , IP 1 1 W i r kosten] E r kostet IP 12 Geläu- 20

t e r l ] geläutert IP 1 3 sie, zu] sie zu IP f ü l e n , ] lülen IP fühlen h

1 8 versteli'n,] verstehn IP 2 0 geh'ji;] g e h n IP 22 Scheidewand,

von] Scheidewand von H^ 2 3 H e e r d e ] Heerde. J^ h 2 5 der F r e i h e i t

F a h n e n ] den Freiheit F a h n e n J^ ]L 26 Jünglinge aus dem Ansatz zu G IP

2 7 Und, h a ! die stolzen] Und h a ! die geilen über gestr.: Die f ü r c h t e r l i c h e n I-P 25

32 k ü n d e t ] kündigt J^

33-36: (1) So w a h r der Sonnen keine rastet

Und Niagara n i c h t im Sturze weilt

Und von der E r d e G i f t e n unbelastet

Elysens Blüthe zur Vollendung eilt, 30

(2) am oberen Rand:

So war von G i f t e n unbetastet

Elysens Blüthe zur Vollendmig eilt

452
H y m n e an die Menschheit 146—14S

Der Heldinnen, der Sonnen keine rastet

Und Niagara ö i m Sturze weilt H^

("ö- Jbkiirzun^ für »nicht«)

38 Gcdeih't] Gedoiht IP 39 Ilaer fehlt LP der E r n d t o W o n n e n ; ]

ä der Eriidtewonnon H^ 4 3 b e t h a u t a u j b e t r a u f t J-P 4 4 R u l l ' ] liuli I'P

Imrrt!] harrt, i i ^ 4 5 geh't] geht verherrlichter] verherrlichet

48 Göttliclicm] göttlichem J^ h 52 Grazie ans G r a t i e H' 54 Be-

geisterung,] Begeisterung! Secgenshorne] Segensborne J® 5 6 Ver-

h ö h n t ous V e r h ö h n e t J-P 6 4 kün, wie] kün wie I'P 6 6 eig'ner K r a f t ]

10 eigner M a c h t JP 71 Stolz u n d ] Stolz, und H^ 78 furchtbarherrliche]

furchtbar herrliche h J'^ 7 9 h o h e aus s\.(<)lze) H' Ruh'] Ruh H'

vom Hcldenangesichte —] in s. Angesichte I'P 80: (1) Und (2) Z u m

(a) stillen (b) ewgen H e r r s c h e r ist (a) sein {ß) der Geist geweiht. IP

• 8 1 jubelt] tönet IP 8 2 L i p p ' ] Lipp IP

15 8 3 ! unterslr.: Der königliche S t a m m , er h a t erschwungen H^

83 a h n d e t e n ] ahne ten J^ 84 keiner K r a f t gelang—] keine K r a f t er-

schwang IP 8 5 V o m aus G FP G r a b ' ] Staub' J^ G r a b ' aus G r a b e h

c r s t c h ' n ] crstehn aus ersteht IP 86 königlichen] göttergleichen IP

f r c u ' n ; ] freun IP 87 E h r e , ] mit einer Ecke des Blattes abgerissen H^

20 8 8 : ü . 7.. V. g. d. (hart an den schmalen unteren Rand gedrängt) IP

Erläuterungen

Das in dem Gedicht Dem Genius der Kühnheit (S. 176—17S) ein zweites Mal vor-

kommende jambische Silbenmaj3 erhält dadurch seinen besondren Klang, daß von

den acht in regelmäßigem Wechsel klingend und stumpf ausgehenden Zeilen (mit

25 der Reimordnung a b a b, c d c d) die erste immer vier Hebungen zahlt, alle

übrigen f ü n f .

Das Motto findet sich bei Juin Jacques Rousseau: Du contract social^ ou principes

du droit politique, Amsterdam 1762, S. 1^2f. (Buch i Kapitel 12); zu deutsch:

»Die Grenzen des Möglichen in der moralischen Welt sind weniger eng, als wir

30 meinen. Unsere Schwachheiten nur, unsere Laster, unsere Vorurteile ziehen sie TU-

lammm. Die niedren Seelen glauben nicht an große Manner: gemeine Sklaven

lächeln mit spöttischer Miene bei dem PVort Freiheit.« — Die Beschäftigung mit dem

großen Jean Jacquß, von der in dieser I-fymne mehrere Spuren zu beobachten sind,

ist durch die eingangs angeführte Brief stelle ausdrücklich belegt.

453
146-148 H.vmne an die M e n s c h h e i t

4 Hesperidenwonnc] Die Hcsperidon hauachen jenseits des Okeanos im fernen

iVesten die goldnen Apfel des Lehenshawns^ Sinnbilder der Fruchtbarkeit und der

Jugend wie die Apfel der Huna im nordischen Mythus. Sie sind nach Hesiod

(Theogonie v. 211—216) Töchter der Nyx (der Nacht), alg ßfjla NEQRJV X?.VTOV

'ÜHeavolo xQvaea xaXä ßi^ovai (pEQOvtd re öevögea xagnöv. Dem Herakles 5

war als zwölfte und letzte Arbeit auferlegt, diese Apfel und mit ihnen die Unsterb-

lichkeit zu erlangen. — Vgl. Dem Genius der Kühnheit v. 47; Griechenland v. }1;

An die klugen Rathgeber v. 10.

9—16 Diese Strophe schreibt Hölderlin, mit einigen Änderungen (vgl. die Les-

arten), im September 1792 dem Freund Leo von Seckendorf ins Stammbuch. 10

9—32 Jede dieser drei Strophen, die alle mit dem Wort Schon beginnen, rühmt

eine der Mächte, die der M e n s c h h e i t (das ist dem Menschentum, dem Menschsein,

nicht etwa der Gesamtheit der Menschen, dem kosmopolitischen Sammelbegriff) die

Möglichkeit geben, sich über das Kreatürliche zu erheben und zur Vollendung ein-

zugehn (vgl. v. SS): Schönheit (v. 10), Liebe (v. 18), Freiheit (v. 2S). 15

33—48 Diese beiden Strophen bekräftigen die Gewißheit, daß aus nnsern G r ü f t e n

die Glorie der Endlichkeit (v. 4S f . ) hervorgehn wird: Vollkommenheit (v. SS)

und Unsterblichkeit (v. 40).

3 4 Elysen] Vgl. Lied der Freundschaf11. Fassungv. 17 und die Erläuterung z. St.

3 6 Orellana] So hieß man, nach seinem Entdecker Johannes Orellana, den Ama- 20

Zonenstrom. Friedrich Leopold Graf zu Stolberg ruft ihn an in seiner Hymne an

die Erde v. 87 f . : . . du m ä c h t i g s t e r Orellana! du Riese Unter den Flüssen!

— Hölderlin scheint sich einen Wasserfall vorzustellen; anfangs hatte er den Nia-

gara genannt (vgl. die Lesarten).

49—72 Diese drei Strophen^ die der zweiten, dritten und vierten (v. 9—S2) genau 25

entsprechen, zeigen die Wirksamkeit der drei Mächte: Schönheit (v. SS), Lieb'

(v. S7) und Freiheit f D e n R ä u b e r n ist das Vaterland entwunden — v. 67).

53 lesbische Gebilde] Die Insel Lesbos im Agdischen Meer, der Geburtsort des

Alkaios, des Arion und der Sappho, galt als Heimat des Dichterischen schlechthin,

lloraz ruft (carm. 1, 26, 11 f . ) die Muse an: hunc Lesbio sacrare plectro teque 3Ü

tuasque decet sorores (y>diesen mit lesbischem Plektron (Stäbchen, womit die Saiten

der Kithara angeschlagen werden) zu feiern, geziemt dir und deinen Schwestern«),

und Ovid nennt (fast. 2, 82) die Lyra des Arion eine Lesbierin (Lesbida). Die

lesbischen Gebilde, die aus dem Füllhorn der Begeisterung herniederschweben,

sind also Lieder. Vgl. Hymne an den Genius der Jugend v. SS. 35

454
H y m n e an die Menschheit. H y m n e an die Schönheit 146—1S6

59 T y n d a r i d c n ] Vgl. Hymne an die Freiheit (Wonne sang' ich . . .) v. St;

Hymne an die Freundschaft v. 13 und S7. — Kastor und Polydeuk.es (Pollux),

Söhne des Tyndareos (und des Zeus), die Dioskuren, als Sinnhild brüderlicher

Freundschaft im Sternbild verewigt (siehe die eingangs angeführte Brief stelle, auch

5 die Frläuterung zu v, 47 f . der Hymne an die Freundschaft). ^ .Der Bereich der

Ltiebe wird in dieser Strophe um den der Freundschaft erweitert: so rühmen die in

der Blurnmlue folgenden Hymnen nicht nur die Schönheit, die Freiheit und die

Liebe, sondern auch die Freundschaft.

H Y M N E AN D I E SCHÖNHEIT

10 Die erste Fassung dieser Hymne wird verhältnismäßig früh versucht, wie der Ver-
merk von Hölderlins Hand unter der Überschrift bekundet: Jim. 91. Auch die zweite
Fassung wird von Neuj^er (J^) noch in das Jahr 1791 verlegt.

Überlieferung

Erste Fassung: H: Marbach 19)2: Doppelblatt 21 ,S x 34,.f cm, alle Kanten un-

15 beschnitten; starkes, bräunliches, geripptes Papier (sehr stock-

ßeckig); Wasserzeichen: Doppeladler unter einer Krane, in

beiden Fängen je ein Krummschwert IM. Es ist nur die

Vorderseite des ersten Blattes in zwei Spalten (4 und 3 Stro-

phen) beschrieben; die übrigen drei Seiten sind leer.

20 Zweite Fassung: h: Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsamm-

lung der Prinzessin. Juguste von Homburg, Lage 7 Blatt 1 —S

(j. die Beschreibung S. 324—326). Siehe die Lesart su v. 126.

</' ; Poetische ßlumenlese fürs Jahr 1193. Herausgegeben von

Gatthold Friedrich Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Her-

23 ausgebers gedrukt hei den Gebrüdern Mäntler. S. 2.2—2'S,

unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und Aj: külvn, erkohren,

erbleicht, P r i e s t e r t h u m , H e i l i g t h u m .

J'^ : (^Ludwig Neuffer): Ntichtrag einiger Gedichte, von F'ri.ed-

SO rieh Hölderlin. l.X. Zeitung für die elegante Welt 1S29

Nr.lSS-189 (2S. u. 26. September}, Spalte U01-lf02,

ISOZ-ISIO.

455
149—1S6 H y m n e on die Schönheit

Lesarten

Erste Fassung: 6 Ha!] rechts ncien der Zei/e für: Nun, II 7 D u r c h die

Liebe f r o h ] rcchts neben der Zeile für: W a l l ' ich u n g e s t ü m m {'; aus unst; H

10 schien aus g](ähn?} II 17 D e r aus E II 26 schrekenden aus

schren II 29 i h r e m aus I h r e m H' 3 5 üppig] rechts neben der Zeile für: 5

blühend II 36 Von aus Vom H 3 9 heWvor gestr, oi(fen) H 40 Wahn

u. Irre rcchts neben der Zeile für: Kerlierwände II 41.42: (1) F r ü h '

erzog zu s ü ß e m Bunde M i c h der h i m m l i s c h e G e n u ß (2) (a) Dort (b) Schon

im (a) schonen {ß) grünen E r d e n r u n d e S c h m e k t (a) h (b) ich h o h e n Vor-

genuß II 43 dir a m über: an dem II Göttermunde] Götterbunde lo

(Schreibfehler) II 4 7 Folgte aus Fl II 5 0 Ihres aus I h r e r H Zau-

bers aus A II 5 1 T i e f e n aus d II 5 6 T h a l aus da<s> H 59 klaren

nachgestr.sü\\{en) H 6 2 Saxitt] S&ai (Schreibfehler) II 6 3 Aer fehlt H

66-70: (1) Ach ! in f«; der

(b) all der Meisterzüge 15

Zauberischer H a r m o n i e

(a) In

(b) In der S t i m m e Melodie

Fand beglükt in i h r e m Siege

(a) Die 20

(b) Fand die t r u n k n e Liebe sie.

(3) Text II

67 W o n n i g l i c h e r aus K{öniglic}u:r?} II 70 S i e . ] Sie (in Zierschrift,


unterstr.) II

Zweite Fassung: 7 k ü n , ] k ü h n J^ kühn, h 1 8 F l a m m e t ] F l a m m t e J' 25

2 9 Angesichte] Angesicht (Druckfehler) J^ Angesichte h 32 Königin

i m ] Königin, i m J^ 3 7 Freut'und küßte] Küßt'und freute 3 8 : Alter

Groll und H a d e r sich, J^ 51 Tiefen und] Tiefen,.in 54 Holdin]

Holden 5 5 t r u n k e n ] selig 56 d e r ] den 77 Jachus]

Jacchus 8 1 künem] großem J~ 8 2 Still] Still' J' h 8 4 güld- 30

n e r ] gold'ner 95 ahndet'] ahnet' J^ 111 seeligen] seligsten J~

112 a m I n n e r n ] so J^ h J^ 113 Nachzubilden, jede] Nachzubilden

jede h 116 w e m ] wenn J^ 125 So] W e n n J- a n ' s ] ins J^

126 gedungen h gedrungen 139 Schoose] Schooße h

456
H y m n e a n die Schönheit 149-IS6

Erläuterungen

Bei den sich auf die erste Fassung beziehenden Erläuterungen ist die Nummer des

Verses eingeklammert.

Das Silberunaß begegnet nur in dieser Ifymne: 10 vierfilßige Trochäen mit kunst-

5 voller Reimordnwig: abaab, cddcd(ac klingend; b d stumpf).

Das Motto ist frei geformt nach einem Satz aus Kants 1790 erschienener Kritik

der Urteilskraft § 42: M a n wird sagen: diese Deutung ästhetischer Urtheile

auf Verwandtschaft m i t d e m moralischen G e f ü h l sehe gar zu studirt aus,

um sie f ü r die wahre Auslegung der Chiffernschrift zu halten, wodurch die

10 N a t u r in i h r e n schönen F o r m e n figürlich zu uns spricht.

2 (2) Muse] Die Schönheit wird hier als Muse angeredet, v. 70 (nur in der

zweiten Fassung) als Urania. Doch ist keine von den neun JVIusen gemeint, deren

eine ja auch Urania heißt, sondern Jphrodite Urania, die als Göttin der Harmonie

IVahrheit und Schönheit verkörpert. Vgl. die Erläuterungen zur Ifymne an die

15 Göttin der Harmonie (S. 4}8 f.). Muse und Göttin sind ganz in eins gesehen im

Cresang des Deutschen v. f . : Du leite und du erste aller Musen, Urania!

Gewiß ist hier auch und sogar ganz besonders an die G ö t t i n der H a r m o n i e zu

denken, trotz der ausdrikklichen Jnrede als Muse.

5 Bemerkcnsu/erte Änderung des Ausdrucks gegenüber v. 4 und f der er.sten Fassung.

ao 12 ( 1 2 ) Vgl. V. 1H und Hymne an die Unsterblichkeit v. 10-12 und die Erläu-

terung z. St.

15 (15) Schönheit in der Urgestalt] Sie wird an der erhabensten Stelle des

PVeltalls luirklich in der Urgestalt geschaut, nicht ivie bei Schiller (Die Künstler

V. S4—6S) als zweite und mindere Gestalt der Wahrheit, als Cypria, in die sich die

25 als f u r c h t b a r h e r r l i c h e Urania personifizierte IVahrheit, die verzehrend ü b e r

Sternen gehl;, verwandelt. Dieser PViderspruch gegen Schiller wird dadurch noch

verstärkt, daß aus der angeführten Strophe der y>Künstler« der Reim Orionen / Dä-

monen übemonunen ist. Die von Schiller eindringlich betonte Unnahbarkeit der

Urania in ihrer Urgestalt ist bei Hölderlin nicht vorhanden, wie die folgende

30 Strophenhälfte (v. 16—20) deutlich zeigt. Vgl. die Erläuterungen zu der Hymne an

die Göttin der Harmonie S. 4}S f .

1 6 — 2 0 Diese Verse werden in der zweiten Hälfte der Hymne (v. 96—100) wieder-

holt, wobei es bedeutsam Hier jfatf Dort heißt und F l a m m t e statt F l a m m e t .

65 Meiner Antiphile Bild] Wohl als Anrede aufzufassen: Urania ist, wie in

35 &T zweiten Strophenhälfte noch deutlicher wird, das Bild, das Urbild der Antiphile.

457
149-IS6 H y m n e an die Schönheit

Vgl. V. 116. — Möglicherweise ist, worauf Böhm 186 hinweist, der Name Antipliile

durch Hemsterhuis angeregt, der ihn in seinem »Jriste'e« beiläufig verwendet (Oeuvres

philosophiques, Paris 1792, II SO). Ebensogut aber kann er aus dem Heauton-

iniorumcnos des Terenz stammen, worin eine handelnde Person so heißt. (Böhms

Angabe, der Name komme auch in Piatos Phddrus vor, beruht wohl auf einem Irrtum.) 5

70 Urania] Der Name der Göttin steht hier am Schluß der siebenten Strophe, also

genau in der Mitte der vierzehnstrophigen Hymne. Bisher war vom Naturschönen

die Rede, dem nun das Kunstschöne zur Seite gestellt wird, wie es in den Schöp-

fungen rfer Söime (v. IS) Uraniens erscheint. Urania wird schon v. 66 als M u t t e r

ihrer schöpferischen Söhne angeredet. 10

77 J a c h u s ] .lacchus, griech. "laxxOQ, Kultnamc des Dionysos (Bakchos), ent-

standen aus dem eleusinischen Kultruf lax^og, worunter auch ein jubelnder Fest-

gesang verstanden ^vird.

84 H ö r e n ] Die drei güldnen Töchter des Zeus und der Themis: EvvoßCa,

AtJi'Tj, ElQTjvr] (Ordnung, Gerechtigkeit, Friede), die Pindar zu Beginn des 15

13. Olympischen Siegeslieds anruft. (Vgl. die Erläuterungen zu dem Gedicht

Männerjubel S. 37h) Die Hören (^ÜQai) sind auch vor allem die anmutigen,

jugendlichen Göttinnen der Jahreszeiten und ihrer Gaben wie auch der Witterung.

Bei Homer (Ilias S, 749-7Sl; 8, 39U39S) öffnen und schließen sie mit einer

Wolke das Tor des Himmels. 20

96-100 Vgl. V. 16-20 und die Erläuterung z. St.

111—140 Mit der Ansprache der besungenen Göttin, wie sie auch in der Hymne

an die Göttin der Harmonie v. S6—S0, in der Hymne an die Freiheit (Wie den

Aar . . .) V. 17—64, in der gleichnamigen späteren Hymne v. 2S—72 vorkommt,

klingt hier das Gedicht aus — ähnlich wie später der vaterländische Gesang Ger- 25

manien (v. 62-112).

III irn seeligen G e n i e ß e ] Im Mittelhochdeutschen heißt es nur der g e n i e j .

Diese Form wird von dem jüngeren »Genuß« verdrängt. Die dritte Strophe des

Chorals Eins ist not . . . vonJ. H. Schroeder (gest. 1699) beginnt: W i e Maria war

beflissen Auf des Einigen Genieß (Reimwort: niederließ^. Auch bei G.A. Bür- 30

ger findet sich die Form noch, z. B. im Schwanenlied (1776) v. IS f . : Doch h ä t t '

i c h des Genießes, Nie h ä t t ' ich dennoch satt. Jean Paul verwendet sie noch im

Jahre 1799 (Briefe und bevorstehender Lebenslauf): D e r einzige schwarze Harn

h a t t e von der vorigen und k o m m e n d e n Lust schlechten G e n i e ß (Akademie-

Ausgabe Abt. I Bd. 7 S. 4U f.). 35

458
I-Iyniiic an die Schönheit. H y m n e an die Freiheit 149—161

111—120 Diese Strophe betont die Verbindung zwischen Naturschonem und

Kimstschönem, zugleich auch, in der zweiten Hälfte, die von Kant gelehrte Ver-

wandtschaft des ästhetischen Urteils mit dem moralischen Gefühl (vgl. das Motto

der Hymne), wie sie schon in den Versen S6—90 angeklungen ist.

5 123 Hesperidenblüthe] Vgl. Hymne an die Menschheit v. 4 und die Erläute-

rung z, St.

H Y M N E AN D I E F R E I H E I T
AVonne siing' ich an des Orkus Tliorcn . . .

In dem vermutlich Anfang 1792 geschriebenen Brief an Neuffer ( W a r icli doch

10 nocli lici Dir . , .) erwähnt Hölderlin das Gedicht, das er damals schon Stäudlin

Cdeiu lieben D o k t o r ^ / ü r die Blumenlese zugesandt hatte: In meinem Hymnus

an die Freiheit sozt' ich aus Nachlässigkeit in eine Strophe ein W o r t , das

n i c h t hingehört, es h e i ß t »um der G ü t e r , so die Seele füllen

Um der a n g e s t a m m t e n G ö t t o r m a c h t ,

15 B r ü d e r ach ! u m imsrer Liebe willen


B r ü d e r ! Könige der Endlichkeit! erwaclit!

Das »Brüder!« in der leiten Zeile m a c h t 2 Sylben zu viel. Sage doch dem

lieben Doktor, daß er es wegstreicht. W a r s c h e i n l i c h ist der Druk des Ge-

dichts noch nicht im reinen. Es liegt m i r viel daran, eine solche gemeine

20 politische Sünde nicht vor die Augen des Publikums k o m m e n zu lassen.

Überlieferung

k : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

zessin Auguste van Homburg, Lage S Slatt /" bis Lage 9 Blatt >'' (s. die

Beschreibung S. S24-326). Siehe besonders die Lesarten zu den Versen 1,10,

25 27, 46 (vgl. fS), 103. — Die Schreibung stimmt mit J^ Hierein, außer

V. 91: ZerstÖhrung.

J': Poetische Blumenlese furs Jahr 179L Herausgegeben von Cotthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers gedrukt bei den Gebrüdern

Aläntler. S. 98-103, unterschrieben: Hölderlin.

30 Eigenliimlichkeilen der Schreibung: selig. W o g e n , Los, bleich, Hcilig-

thum.

y .• {Ludwig Neuff er): Nachtrag einiger Gedichte vonFriedrich Hölderlin. XH.

459
1S7-161 H y m n e an die Freiheit

Zeitung für die elegante Welt 1829 Nr. 208 u. 209 (23. u. 24. Oktober),

Spalte 1661-1662, 1668-1670.

Lesarten

1 s ä n g ' ] saug J^ sang J^ 3 s a h ' ] sah J^-^ 8 d i c h ] die (Schreib-

fehler) h 1 0 R a u b s ] Raubs aus Raubes }i Staubs J^-^ vergessen] 5

vergessend J^ 22 dieser] meiner J^ 27 Jugend] Tugend

41 — 48: Diese Strophe steht versehentlich nach der folgenden; durch

Verweisungszeichen berichtigt h 4 3 Kann T y r a i m e n s p r u c h ] Kann Despoten-

sprucli J" 46 Unzerbrüclilich] Unzerbrechlich J^-^ 50—52: keine

Sperrungen J^ 57 selbsterwähUen] selbsterwähten (Schreibfehler) h 10

5 8 U n z e r b r ü c h l i c h ] Unverbrüchlich 6 4 trägen] trage (Schreibfehler) h

70 güldne] gold'ne J^ 71 schöner'n, unverlezten] schönen, ungetrenn-

ten willen] willen, J^-^ 80: Dieser Fers lautete in der Druck-

vorlage: B r ü d e r ! Könige der E n d l i c h k e i t ! e r w a c h t ! vgl. den eingangs angeführ-

ten Brief an Ncujf er. 8 3 rosige] rosichte J^ 8 5 : fehlt h 9 4 Helden- 15

l a u f - ] Heldenlauf. - J^ 9 7 ernsten nacA erste h 103 Tugend]

Jugend J^-^ 1 0 9 R e b e n h ü g e l ] Regenhügel J^

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Göttin der Harmonie: siehe

dort die Erläuterung. 2ü

Die Hymne ist nicht etwa eine zweite Fassung der gleichnamigen Hymne des Vor-

jahrs (S. 139—142), sondern ein durchaus neues Gedicht. Gleichwohl sind einige

Ähnlichkeiten vorhanden: beide Hymnen haben dasselbe Silbenmaß, beide haben,

durch einleitende und abschließende Strophen eingerahmt, eine sechsstrophige An-

sprache der Göttin, auch finden sich (selbstverständliche) motivische Berührungen. '25

— Ein nicht unwesentlicher Unterschied jedoch besteht darin, daß in der jüngeren

Hymne die Freiheit mehrmals ausdrücklich genannt wird (v. 2S, 86, 126), loährend

die ältere sie nur in der Überschrift erwähnt (vgl. dort die Erläuterung zu v. 72).

Dementsprechend sind auch in der jüngeren Hymne Beziehungen zum Freiheitsideal

der französischen Revolution sichtbarer als in der älteren (die Strophe 1 Of—112 z.B. 50

spricht von der »Aufhebung der Privilegien« - Lehmann S. 67). Zugleich aber er-

scheint auch das Gesetz der Freiheit (v. 32 f . ) , als (Kantisches) Sittengesetz und als

die das IVeltall ordnende Macht. Die ältere Hymne (v. 49) kennt dagegen nur das

460
H y m n e an die Freiheit 1S7-161

iiußere Gesetz des Zwanges, der das zarte Leben töten muß, ebenso die Hymne an

die Muse (v. S7 f . ) . Geblieben ist das vaterländische Ideal (v. 119 - vgl. in der

älteren Hymne v. 7}-S0). Von hier aus ist die Revolutionsbegeisterung Hölderlins

und seiner Freunde zu verstehen, auch seine verschiedentlich brieflich (vor allem

5 im Juni 1792 an die Schwester) bezeugte Parteinahme dann für die V e r f c c l i t e r

d e r nienscliliclien R c c l i t e in dem Krieg gegen Osterreich und Preußen und dem

folgenden Ersten Koalitionskrieg.

1 Wornie süng' i c h ] Der von den bisherigen Ausgaben beibehaltene Textfehlcr des

Neufferschen Druckes, der hier nach der Abschrift der Prinzessin Auguste berichtigt

10 worden ist, ergab ein falsches Bild. Stünden die Verben in den beiden Anfangsversen

im Indikativ, so mißte der Dichter wirklich, ein zweiter Orpheus, in der Unterwelt

gewesen sein und dort die ganze G ö t t l i c h k e i t der Freiheit erlebt haben, und das

wäre unsinnig. Der Beginn der Hymne ist vielmehr so zu verstehen: Das große

Erlebnis, das dem Dichter, vor lausenden e r k o h r e n , zuteil geworden ist, hat ihn

15 so erhoben, daß er selbst im finstren O r k u s , käme er je dorthin, W o n n e singen und

die S c h a t t e n , die dort ein freudloses Dasein führen, rfic T r u n k e n h e i t der Freude

lehren würde.

5—8 Vgl. {.4n Lydu) v. 1—4 und die Erläuterungen z. St.

1 0 Hires R a u b s vergessen] Ohne an ihren Raub zu denken und damit ihr eigen-

'.'0 tümlichstes l^Vesen als Raubvögel verleugnend. — Die heute seltene »deponentische«

Verwendung des Partizips vergessen (wie latein.: obliti) begegnet z. B. auch bei

Schiller (Die Kindsmörderin v. 3) f.): A c h , vielleicht u m f l a t t e r t eine a n d r e /

M e i n vergessen dieses S c h l a n g c n h c r z .

15 Boreasse] Der Boreas, der Nordwind, wird bei Homer (in der Odyssee) im

25 Gegensatz zu den andern Winden oft durch besondre Epitheta als unfreundlich

gekennzeichnet, z. B. als >frostentstammtk (al&Qr]yBvhrji; S, 296) oder »herbst-

lich« (dno>otv6<; S, 12S); vgl. vor allem auch 14, 47S—477 die Stelle, die später

die 3. Strophe der Ode Vulkan (s. Band 2) deutlich beeinflußt — Hölderlin namt

dort den i m m e r z ü r n e n d e n Boreas seinen E r b f e i n d . Auch in dem Ovidischen Brief

30 Leanders an Hera kommt (v. 37) der u n f r e u n d l i c h s t e u n t e r den r e i ß e n d e n W i n -

den vor; V. 40 übersetzt Hölderlin: W e i s t du es n i c h t , so wisse, du feindest das

M e e r n i c h t , Boreas, m i c l i feindest d u a n . Der N o r d heißt in der Elegie (v. 46):

d e r L i e b e n d e n F e i n d , s o r g e n b e r e i t e n d (in Menons Klagen wn Diotima v. 48:

. . . klagenbereitend).

35 18 Dieser Vers verhält sich zu v. 11 f . der gleichnamigen Hymne des Vorjahrs

461
1S7—161 yiymne an die P r e i h e i t

ebenso tuie in der Hymne, an die Schönheit v. S der zweiten Fassung zu v. 4 f . der

ersten.

25 cles alten Chaos W o o g e n ] Vgl. Hymne an die Göttin der Harmonie v. 2S.

26 E v a n ] Kultname des Dionysos, entstanden aus dem Kultruf evdv. (Danehen

Evol, eia, evte — von dem zuletzt genannten Ruf leitet sich der von Hölderlin 5

in der Hymtu: Der Einzige v. fS gebrauchte Name Evicr her.)

46 Unzorbrüclilicli ] Vgl. v. SS. — Belegt in Grimms Deutschem Wörterbuch XI

22S7; dort als »veraltet« bezeichnet.

50—52 Die drei Sternbilder, Orion, die Tyndariden (vgl. Hymne an die Mensch-

heit v. J9 und die Erläuterung z. St.) und der Lüwc, z-u denen sich v. S4 noch 10

Helios, der Sonnengott, gesellt, sind die kosmischen Sinnbilder für die geordnete

UiiermcßlicJjlicit (v. }2 und 72), die das Cesez der Freiheit zn briiderlicliem

Bunde berief: so wurde aus dem Chaos (v. 2S) der Kosmos, die gefahrdrohende

Vernichtungsstunde (v. 29) ist nicht erschienen.

57—60 Steigernde Wiederholung der Verse 4S—4S, nachdem die vorangehende 15

Strophe das nach der Liebe seeligen Gcsc7.cn frei gelehte heilige Leben des Weh-

alls gerühmt hat; der Abfall des Menschen (v. 61—64) erscheint nun desto eindring-

licher.

81 Gott der Zeiten!] Vgl. Der Zeitgeist v. 2: du G o t t der Zeit! Jn Eduard

V. ^S f . : die / M a h n e n d e F l a m m e des Zeitengottes. 20

9 1 Ein Kerngedanke der reifen seherischen Dichtung Hölderlins, unter demselben

Bilde gestaltet z. B. in der Ode Ermunterung.

9 2 Urania] Aphrodite Urania, die Schaumgeborene; vgl. die Hymne an die Göttin

der Harmonie.

9 4 Hyperion] Beiname des Helios - vgl. Homer, Odyssee 1, 8. Die Stelle ist in- 25

sofern wichtig, als das Silbenmaß verrät, wie Hölderlin den Namen betont hat: auf

der zweiten Silbe nämlich. Im Griechischen trägt die dritte Silbe den Akzent, die auch,

da sie lang ist, im lateinischen betont werden muß. Hölderlins >yfalsche« Betonung

entspricht jedoch dem Gebrauch seiner Zeit: vgl. Wieland, Zweyerley Götterglück

V. 8 S f . erster Fassung (Akademie-Ausgabe Abt. I Bd. 12 S. 2S1 u. 92A): zum 50

Glück entfloli der Selm' — ein sanfter T o n . / E r stuzt — »Wohin, Hyper-

ion? . . .«; Schiller, Semele v. 133: Hyperions, wenn Köcher, Pfeil und Bo-

g e n ; V. 209: E h noch Hyperion i n T l i e t i s B e t t e steigt; Die Götter Griechenlandes

V. 36 erster Fassung: n a h m Hyperion den Hirtenstab. — Wer durch »korrekte«

Aussprache des Namens Hyperion (wohlverstanden: des Hölderlinischen Hyperion) 35

462
H y m n e an die Freiheit 1S7—161

bekunden rnikhte, er könne besser Griechisch und Latein als Höhlerlin und seine

Zeitgenossen, der sollte bedenken, ob dann nicht Goethes »Iphigenie« (in der latini-

sierten Form — statt Iphigeneia — doch wohl nach lateinischer Regel auf dem

langen i zu betonen) das billig sein müßte, was Holderlins yUyperion« recht wäre.

5 97 zu Minos ernsten Hallen] In den Hades, wo Minos den Toten Recht spricht;

vgl. Homer, Odyssee 11, S6S—S71: . . Mivwa löov . . •&enWTevovTa vexvaaiv . .

101 der göttlichen Catone M a n e n ] Die Schatten, die abgeschiedenen Seelen

solcher Männer, wie Marcus Porcius Cato Censorius (geb. 234 v. Chr.) einer war:

sein eigentümliches fVesen zeigt sich in seinem starr und heftig geführten Kampf

10 seine Zeit, vor allem auch auf sittlichem Gebiet, für das Alte, für alte Tugend

und Tüchtigkeit. Von Horaz wird in der Ode 3, 21 (mit der sich Hölderlin später

angelegentlich beschäftigt - vgl. Band S) die prisci Catonis . . virtUS (v.ll f.)

erwähnt. Er ist die Hauptperson in Ciceros Cespriich de senectute (Cato Maior). —

Der göttlichen Catone Manen triumphieren nun, weil die G e r e c h t i g k e i t (und

15 mit ihr die alte T u g e n d einer besseren Zeit — v. 103) aus der Unterwelt zu den

Menschen zurückgekehrt ist.

103 Zahllos w e h ' n der Tugend stolze F a h n e n ] Die Richtigkeit der Lesart

Tugend (h) gegen den Druckfehler Jugend ( J ) wird begründet durch die nur so

sinnvolle Beziehung zu den beiden vorangehenden Fersen. — Dasselbe Bild findet

20 ^ieh in Schillers Lied An die Freude v. S3 f . : Auf des Glaubens Sonnenberge

sieht m a n i h r e (der Freude) F a h n e n wehn.

121 vom engen Haus umschlossen] Fgl. Griechenland (S. 179 f . ) v. 51. — Ein

Ossianisches Bild: vgl. Die Lieder von Selma (in Goethes Übertragung, IVenhcr,

Weimarer Ausgabe Abt. 1 Bd. 19 S. 170 Z. 27 f.): Eng ist nun deine W o h n u n g !

25 finster deine Stätte! m i t drei Schritten mess' ich dein G r a b ; Fingal (in Johann

Wilhelm Petersens Übersetzung, Tübingen 17S2) S. 17S: . . was stürzte die F ü h -

r e r vom Kromlach ins eng' und dunkle Haus? S. 190: E r kam ein Bote des

Todes; er spricht vom engen dunklen Hause. - Fgl. auch Schiller, Die Räu-

ber S, 2: Aber er liegt fern im engen Hause; Goethe noch im 2. Teil des Faust,

30 V. 11S29 f . : Aus dem Palast in's enge Haue, So d u m m läuft es am E n d e doch

hinaus.

127.128 Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. 10-12 und die Erläuterung z. St.

463
162-16S H y m n e an die F r e u n d s c h a f t

H Y M N E AN D I E FREUNDSCHAFT

Magenau schreibt am 6. März 1792 an ITüldcrlin: D a ß Du uns eine H y m n e

widmen willst, ist bider gedacht. Demnach setzt Neuffer (J^) die Entstchungszeit

mit dem Jahr 1791 wohl zu früh im.

Überlieferung 5

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der l'rin-

zcssin Auguste von Hontlmrg, Lnge 10 Blatt bis Lage 11 Rlatt 1" (s. die

Beschreibung S. S24—326). Siehe besonders die Lesart zu v. 61.

; Poetische Blwnenlese fürs Jahr 1793. Herausgegeben von Cwtthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgehers gedrukt bei den Gebrüdern 10

Müntler. S. S7—61, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und Ii): k ü h n , fcyerlicli, Schale.

J" : (Ludwig Neuffer}: Nachtrag einiger Gedichte, von Friedrich Hölderlin. X.

Zeitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 190 (2S. September), Spalte ISIS

bislSlS.
Lesarten

3 k ü n e n ] tiefen J' 7 liöJirem] h e h r e m J^ 1 0 SauseU h i e r ] Schwebt

u m uns 15 Froh] Froh' /i 2 3 Olympos] Olimpos 3 6 Kraft

und L i e b ' ] Lieb' und K r a f t .P 38 Rosiger] Segnender J^ 39-40:

Jauchzend g r ü ß t ' a m Blumeiihügel Die versöhnte Sorge dicli. 4 1 Blu- 20

t e n d ] Siegend J'^ Siegesfalme] H e l d e n f a h n e J^ 42 Donner] Brausen J-

4 4 : W e r von deiner W e i h e k a m . J^ 4 5 Biesen] Starken 47 Ha!]

Selbst J- s p r a n g e n , ] sprangen J^ 50 Kos'ten] Koßen 52 Tage

Last] Tage-Last J^ 5 4 die ni-ic/i g-csfr. er ]i 5 9 göttlichen aus götter }i

6 0 S c h ä f e r ] Hirten J^ 61 M u t t e r ! Herz h M u t t e r - H e r i J1 Mutter- 25

herz J ^ 68 wilde] a r m e 91 ahndimgsvoller] ahnungsvoller J^

Erläuterungen

Das Silbenmaß (S vierfüßige Trochäen, in regelmäßigem IVechsel klingend und


stumpf ausgehend, Reimordnung: a b a b, c d c d), das Silbenmaß des Schillcri-
schen Liedes An die Freude, ist im Lied der luiebe und in dem Gedicht Meine Gc- 50
nesung (An I-,yda) schon versucht worden und kehrt wieder in den Hymnen an die

464
H y m n e on die F r e u n d s c h a f t 162-16S

Liebe und den Genius der Jugend, in den Gedichten Freundeswunsch, (An Herkules}

und Diotinia (allere und mittlere Fassung).

Die Hymne an die Freundschaft ist gegenüber dem Lied der Freundschaft (S. 104

bis 109), obwohl dieses durch die Eintragung in das Bundesbuch denselben Freunden

5 geweiht ist, ein durchaus neues Gedicht, was schon an der Strophenform offenbar

wird.

4 dos Bundes Stiniiiie] Der Bund ist schon im Lied der Freundschaft v. 69

(2. Fassung V. 7S) genannt.

13 T y n d a r i d c n ] Fgl. v. 47 f . und die Erläuterung z. St., v. S7; ferner Hymne

10 an die iMenschheit v. J? und die Erläuterung z. St.

2 3 Mocro ] Fgl. Jfymne an den Genius der Jugend v. 6S und die Erläuterung z. St.

27—32 Die Freundscliaft erscheint hier in einem von Hölderlin gedichteten

Mythus als Tochter des Ares und der Aphrodite. fCytlicrea heißt Aphrodite nach

der Insel Kj'thera vor der östlichen Si'tdkiiste des Pcloponnes, wo sie nach ihrer

15 Schaumgeburt zuerst das Land betreten haben soll; vgl. Hesiod, Theogonie v. 19S.

Jlomer nennt die Göttin nur in der Odyssee Kv&eQBia. Ihr Tempel auf ]\ylhera

war — nach Pausanias 3,2^,1 — der älteste und ehrwürdigste seiner Art.) Die

Freundschaf t erbt von Vater und Mutter die höchsten Eigenschaften (über den G iirtel

der Aphrodite vgl. die Erläuterung zu v. 41 f . der Hymne an den Genius Griechen-

20 lands), steigt, eine Heldin oline Tadel, zur Erde hinunter und wird dort vom Men-

schen, der Erde Sohn, staunend erblickt. IVas sie unter ihren Auscrwälilten (v. 7'2)

wirkt, ist in den nächsten fünf Strophen (v. 31—72) gestaltet.

39.40 IFii früher G r a m und Sorge herrschte, erscholl nun, da die Freundschaft

tiahte. Jauchzen um die Hügel, die sich für die Menschen, die die Segnungen der

25 Freundschaft erfahren, erst jetzt mit Rlumen zu schmücken schienen.

4 7 . 4 8 Füll den beiden Heroen der brüderlichen Freundschaft, den Söhnen der Ledd,

gilt in der Sage, obwohl beide gemeinsam 'Tyndaridcn (Söhne des Tyndareos) oder

auch Diuskuren (Söhne des Z,eus) heißen, Kastor als der sterbliche Sohn des Tyn-

dareos, Polydeukes (l^ollu.v) als der unsterbliche Sohn des Zetis. Als Kastor im

50 iwimp/c fällt (Pindar, Nein. 10, 73-90; Omd,fasl. S, 709-720), soll Polydeukes

auf Geheiß seines Faters Zeus wählen, ob er tum das Leben der unsterblichen Götter

auf dem Olymp genießen oder dem toten Bruder einen Teil der eigenen Unsterblich-

keit opfern wolle. Ohne Zögern wählt Polydeukes das zweite: und so folgt er dem

Toten zeitweilig in den Orkus, darf ihn aber dafür zeitweilig wieder hinauf geleiten

55 und an dem ewigen Leben der Götter teilnehmen lassen. (Fgl. Homer, Odyssee 11,

465
162—167 H y m n e an die F r e u n d s c h a f t . H y m n e an die Liebe

300—W4.) Das meinen auch die Verse SS—SS, die die T y n d a r i d c n ausdrücklich

anreden: was h i e n i c d e n v e r b l ü h t und stirbt, wird, wenn es schön und göttlich ist,

bestehen (vgl. Das Schiksaal v. S6) und im Lichte, wo die r e i n e F l a m m e g l ü h ' t ,

leben. So hat die Z a u b e r m a c h t (v. 4S) brüderlicher Freundschaft des O r k u s T h o r e

zu dem sonst streng verwehrten Weg hinauf und zurück ins Leben gesprengt. Vgl. 5

Das Schiksaal v. S3—40; ferner Hymne an die Menschheit v.f9 und die Erläute-

rung z. St.; Hyperion 1, 61.

49 H e b e ] Die Güttin der Jugend, Tochter des Zeus und der Hera (vgl. Hesiod,

Theogonie v. 922 und 952 = Homer, Odyssee 11, 604), reicht den Göttern beim

Mahl den Nektar (Homer, Ilias 4, 2 f . ) . 10

71 Stolz und L ü g e ] Vgl. Hymne an die Göttin der Harmonie v. 94 und die Er-

läuterung z. St.

73 S e e g e n s r e c h t e ] Die Rechte, d.ie Hand, die Segen spendet.

80 W e i n e n d e n e n t f l a m m t e n D a n k ] Vgl. 401, IS. - Klopstock, Der Messias

11, 309: Also rief er, u n d w e i n t ' , e n t f l a m m t von D a n k u n d von AVonne. 15

Friedrich Leopold Graf zu Stolbcrg, Homer (177S) v. 2 f . : F r e u d i g e r , ent-

f l a m m t e r , w e i n e n d e r Dank / B e b t auf d e r L i p p e .

83 iVIinos H a l l e n ] Vgl. Hymne an die Freiheit (Wonne sang'' ich . . .) v. 97

und die Erläuterung z. St.

102 d e r Pole K l a n g ] Vgl. Hymne an die Unsterblichkeit v. 10-12 und die Er- 20

läuterung z. St.

H Y M N E AN D I E LIEBE

Dritte Fassung des Lieds der Liebe, wohl im Frühjahr 1792 entstanden.

Überlieferung

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin- 25

Zessin Auguste von Homburg, Lage 8 Blatt 4^—S'' (s. die Beschreibung

S. 324-326).

J: Poetische Blumenlese fürs Jahr 1793. Herausgegeben von Gotthold Friedrich

Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers gedrukt bei den Gebrüdern

Mäntler. S. 117-119, unterschrieben: Hölderlin. 30

Eigentümlichkeiten der Schreibung (Jund Ii): A u g e n w e i d e , P r i e s t e r t h u m , seyn,

kühn.

466
H y m n e on die Liebe. Tlymne an den Genius der J u g e n d 166—171

Lesarten

6 soyn öui sein Ii 12 Vcstgcschlungcn] Vestgeschlungen! Ii

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Freundschaft; siehe dort die

5 Erläuterung.

3 P r i c s t o r l u m ] Dieser Gedanke, der im Lied der Liebe noch nicht vorhanden ist,

findet erst in den Hymnen seine Ausprägung: vgl, Hymne an die Göttin der Har-

monie V. 92; an die Muse v. lOS; an die Schönheit v. S2 und 92.

29-32 Vgl: An den Frilling v. 17-26; Virgil, Georgien 2, S2S- S27: tum pnter

10 oinnipotens fccundis imbribus aether coniugis in gremium laetae descendit et omnis

magnus alit magno commixtus corpore fetus. — Friedrich Leopold Graf zu Stolberg,

Hymne an die Erde (177S) v. 14—20: Sprich, o Erde, wie war dir, als du a m

ersten der Tage Deinen heiligen Schooß dem buhlenden H i m m e l enthüll-

test? Dein E r r o t h e n war die erste der Morgenröthen, Als er, im blendenden

15 Belle von weichen scUwellcnden Wolken, Deine gürtende Binde m i t siegen-

der Stärke dir lößte! Schauer durchbebten die stille N a t u r , und tausend m a l

tausend Leben keimten e m p o r aus der m ä c h t i g e n L i e b e s u m a r m i m g .

36 Vaterland] Auch dieser erst in den Hymnen sich entwickelnde Gedanke ist

neu gegenüber dem Lied der Liebe.

20 HYMNE ANDEN GENIUSDER JUGEND

Neuffer (J^) setzt die Hymne in das Jahr 1792. Sie ist wohl schon im Frühjahr

entstanden. Die bloße Erwähnung der Eos und des Tithonos (v. S9—92) muß nicht

unbedingt auf Herders im Mai 1792 erschienenen Aufsatz über Tithon und Aurora

zurückgeführt werden, woraus Hölderlin gut zwei Jahre später in VValtershausen für

25 Neuffer CiMit jedem Briefe von Dir , . .) einige Sätze abschreibt. (Vgl. Böhm 1

62 f . ) - Am lO.Oktober 1794 schreibt Hölderlin an Neuffer: Jezt bin ich an einer

U m a r b e i t u n g meines Gedichts an den Genius der Jugend. Es handelt sich nicht

etwa um eine zweite Fassung, sondern um eine wirkliche U m a r b e i t u n g , die dann

Der Gott der Jugend überschrieben wird (S. 1S9 f.).

30 Überlieferung

h : Schwerin, Mecklenburgische I^andesbibliothek: Gedichtsammlung der Prin-

467

I, 30
16S—171 l l j m n e an den Genius der J u g e n d

Zessin Auguste von Homburg, Lage 7 Blatt bis Lage 8 Blatt (s. die
Beschreibung S. 324—326). Siehe besonders die Lesart zu v. S2.
J^ : Foctische Blumenlese fürs Jahr 1793. Herausgegeben von Gotthold Friedrich
Stäudlin. Stuttgart, auf Kosten des Herausgebers gedrukt bei den Gebrüdern
Mäntler. S. 46—iO, unterschrieben: Hölderlin. 5

Eigentümlichkeiten der Schreibung (J^ und h): k ü h n , Frühling, erkohren,


Strahl; Name.

J^ : (^Ludwig Neuffer}: Nachtrag einiger Gedichte von Friedrich Hölderlin. XL


Zeitung für die elegante Welt 1S29 Nr. 207 (22. Oktober), Spalte 1649
bis 16S2. 10
Lesarten

1 Heil!] H e i l , 4 stolze] freie J^ Geistesmacht;] Gcistesmacht! J^

5 S i e h e ! ] Siehe, J^ 7 Stamme.'] Stamme, J^ 8." B r i n g ' i c h dir des

Herzens Zoll. P 9 H a ! ] Ha, 10 So] Die nicht;]

nicht. J^ 14 weht! - ] weht! J^ 16 M a j e s t ä t ? ] IMajestät! 15

1 8 winterliche] abgestorb'ne P 2 1 Thale]Thale, P h P 25 Ha!]

Seht, P 2 8 E i n e ] Eine P 31 Und,] Und P 3 4 s i c h ; ] sich, ß

43 Stamme!] Stamme, P 44 sie;] sie! P 49 0!]Ü, P lohnst

aus lohnest h 52 Freude }i Freunde J^ P 53 der B a l s a m t r o p f e ]

den Balsamtropfen P külilen] kühlen, J^ h. 6 0 Allgewalt;] All- 20

gewalt. P 6 1 Thörig] Thöricht P 6 3 Peinigungen] Peinigungen,

6 4 noch, in] noch in P 6 6 sich.]sicli, P 6 7 H a ! d e r ] Und der

68 mich;] mich. J^ 69 Plutons] Pluto's J" 75 Aar, von] Aar

von J^ h P 76 berauscht,] berausclit', J^ )i (das Korrmta nach dem


darüber stehenden Aar als Apostroph mißverstanden) heTioischt J^ 7 9 von d i r ] 25

durch dich J^ 8 1 Schönster] schönster P Dämonen!] Dämonen, J^

84 n u r ; ] nur. P 86 A n g e s i c h t - ] Angesicht, P 87 ]la!]Ha, P

91 T i t h o n s ] Titons J^ h Tithon's P 9 7 lieben, u n d ] lieben und P

9 8 Ganz, von] Ganz von P 1 0 0 B r u s t ; ] Brust. P 1 0 1 H a ! ] Ha, .P

102 Macht! - ] Macht; 1 0 7 Stralen] Strale h 1 0 8 s i c h ; - ] sich - A 30

sich. P 110 mir] mir, k 111 veralten,] veralten. J^ h ver-

alten, - P
Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Freundschaft: siehe dort die
Erläuterung. 35

468
H y m n e nn den Genius der Jngcrid 16& — 171

Überschrift: Christoph Schivah setzt in seiner Ausgabe von 1S46 (2^ 206) Tugend

statt Jugoiul. Das widerspricht dem Inhalt des Gedichts.

7 Hurrsclicr in der G ü l l e r S t a m m e ] Fgl. v. 4). — Dieser Oedanke wird in den

vier letzten Strophen ausgeführt und begrimdet.

5 38 Tellus] Lateinisch: die Erde, als nährende Gottheit von den Römern verehrt;

vgl. Horaz, epist. 2, 1, 14}; Cicero, de natura deorum 3, 20, 52.

41—48 Diese Strophe leitet über zum persönlichen Mittelstück der Hymne (v. 49

bis SO).

49—'80 Diese vier Strophen schließen sich zusammen durch die Melodie des oft

10 (mit leise elegischem Unterton) wiederholten noch; v. SO, Sl, 56, 60, 64, 66, 6S,

72, 79; dieselbe Melodie, welche auch das Gedicht An Neuffer (S. lSl)j<A-mt. Fgl.

auch die U m a r b e i t u n g dieser Hymne (Der Gott der Jugend, S. 1S9 f.).

5 3 M i t der Balsam tropfe] Das Femininum die Tropfe kommt bei Hölderlin mehr-

fach vor, z.B.: An Diotima (S. 210 f . ) v.ll: m i t der silbernen Tropfe und Elegie

15 (Meiwns Klagen um Diotima, 1, Fassung) v. 60: D a ß , , . vom Auge m i r kalt

öfters die Tropfe nocli sclilciclit. In der schwäbischen Mundart ist das nicht

begründet. Grimms Deutsches Wörterbuch (XI j, 2, S59) vermutet wohl mit Recht

bei Hölderlin wie auch bei Srhtibart (Der Frühling, 177S, v. 46: Die lichlcre

TropfeJ literarische Anlehnung an Klopstock, wo sich das Femininum aus der

20 Mundart erklärt. Es findet sich in der 17 ! 2 entstandenen, 1771 erstmals gedruckten

und »Cidli". überschriebenen ersten Fassung der Ode Ihr Schlummer, v. 4: die

Hellte, hryslalleue Tropfe, wird aber in der endgültigen Ausgabe durch das Mas-

culinum ersetzt.

5 8 Jeder lesbisclien G e s t a l t ] Vgl. Hymne an die Menschheit v. 5} und die Er-

'25 läuterung z. St.

6 5 der allen T h a t e n Meer] Das Wort Heer ist hier nicht in der engeren Bedeu-

tung » Kriegsheer« gebraucht, sondern in der weiteren »große ScJmr«, wie schon in

der Hymne an die Freundschaft v. 2h Scliöi.ste von Olympos Heeren. Die von

Lessing (16, 20 Lachmann-Muncher) getadelte Ceßnersche Wendung Meere von

30 Blumen (das Wort Heer könne nur von eigentlichen belebten Geschöpfen

g e b r a u c h t w e r d e n j erscheint weniger kühn als der alten T h a t e n Meer, weil hier

nicht einmal von konkreten Dingen die Bede ist. Vgl. aber Friedrich Leopold Graf

zu Stolberg (Gesammelte Werke der Brüder Chr. u. Fr. L. Grafen zu Stolberg,

1. Band, Hamburg 1S27, S. 415): Die leichten Meere schöner Empfindungen

35 und weitere Belege in Grimms Deutschem Wörterbuch IV 2, 751.

469
168—172 H y m n e an den Genius der J u g e n d . An eine Rose

69 Plutons Hallen] Die Unterwelt, deren König Pluion (Hades) ist; vgl. die

Hymne Dem Genius der Kühnheit v. 4; Plutons dunkles Haus.

75.76 Vgl. Pindar, Pyth. 1, 6-10 (in Hölderlins Übersetzung v. 9-17); ferner

Hyperion 1, 85: W i e Jupiters Adler dem Gesänge der Musen, lauscli' ich d e m

wunderbaren unendlichen W o h l l a u t in m i r . 5

89-92 Vgl. Der Wanderer I.Fassung v. 4S. - Eos (Aurora), die Göttin der

Morgenröte, raubt den troischen Königssohn Tithonos um seiner Schönheit willen

und macht ihn zu ihrem Gemahl. Zeus verleiht ihm Unsterblichheit; doch vergißt

Eos, auch t wige Jugend für ihren Geniahl zu erbitten. So welkt er dahin (longa

Tithonum minuit senectus: Horaz, carm. 2,16, W), während der Göttin die Jugend 10

erhalten bleibt. Wäre der Genius der Jugend nicht H e r r s c h e r in der G ö t t e r

S t a m m e , so müßte sie, alternd und v e r k ü m m e r t , das Los des Gatten teilen. (Der

Mythus ist am ausführlichsten erzählt in dem Homerischen Hymnus auf Aphrodite

V. 21S-240.)

III Jede süße K r a f t veralten] Vgl. An denFrüling (S. 202 f . ) v. 1: die K r a f t 15

der A r m e veralten.

AN E I N E ROSE

Da das Gedicht im 4. Bändchen des Jahrgangs 1793 der »Einsiedlerinn« gedruckt

ist, muß es spätestens im Sommer dieses Jahres entstanden sein — das bedeutet: mehr

als ein Jahr später als das vorige Gedicht. Die Zwischenzeit hat ausschließlich dem 20

Hyperion gehört. In der undatierten Antwort auf Neuffers Brief vom 20. Juli 1793

schreibt Hölderlin: I c h fand bald, daß m e i n e H y m n e n m i r doch selten in dem

G e s c h l e c h t e , wo doch die Herzen schöner sind, ein Herz gewinnen werden,

und diß bestärkte m i c h in m e i n e m E n t w ü r f e eines griechischen Romans.

Überlieferung 25

J^ : Die Einsiedlerinn aus den Alpen. (Herausgegeben) von Marianne Ehrmann.

Viertes Bändchen. Zürich, bey Orell, Geßner, Füßli und Comp. 1793. S. 220,

unterschrieben: HÖlderlinn.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Mutterschosse, Königinn, entfalltet,

süsse, grosse, S c h m u c k . 30

J^ : Taschenbuch für häusliche und gesellschaftliche Freuden von Carl Lang.

Heilbronn am Neckar heim Verfasser. 1797. (Der gestochene Titel vor dem

Kalendarium lautet »Almanach und Taschenbuch . . .« usw. und gibt im

470
An eine Rose. An Hiller 172-17!

Verlagsvermerk, an erster Stelle, noch an: »Frankfurt am Mayn hei Guilhau-

mann«.) S. 17S, unterschrieben: Hölderlin.

Die Verse 2,4,6,8 sind eingerückt.Eigentümlichkeit der Schreibung: Schmuck.

P: Taschenbuch von der Donau Auf das Jahr 1824 Herausgegeben von Ludwig

5 Neuffer Ulm in der SteUin'sehen Buchhandlung. S. 1S2, unterschrieben:

Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Muttcrschooße, S c h m u c k .

Lesarten

2 F l u r ! ] Flur, J^-^ 4 Natur;] Natur; Natur! J^ 5 Röschen!]

10 Kösgcn, J ^ Röschen, 6 S t ü r m ' e n t b l ä t t e r n ] S t u r m entblättert J^

mich,] mich; J^ 7 ewge] ew'ge J^-^ 8 Bald] Stets P sich.]

sich! Erläuterungen

In dem undatierten Brief Clch versprach Dir, lieber B r u d e r ! . . ,,1, den Neuffer

15 am 20. Juli 179} beantwortet, spricht Hölderlin von Neuffers Braut Busine Striudlin,

der Schwester Gotthold Friedrich Stäudlins, des lieben Doktors, noch in einem Ton,

der nicht auf nähere, vertrautere Bekanntschaft schließen läßt. Die Annahme, die

Verse An eine Bose seien ihr gewidmet (wie später das Gedicht Freundeswunsch,

S. 187 f . ) , ist darum nur schwach gegründet. Die Verse sind ja auch zu einer Huldi-

20 g^'ng für eine schöne Frau nicht eben gut geeignet.

6 Vgl. Lessing, Emilia Galotti S, 7 (Schluß): Eine Rose gebrochen, che der

S t u r m sie entblättert.

AN H I L L E R

Im Sommer 179} entstanden (vgl. die Erläuterungen).

25 Überlieferung

h : Stuttgart Va 1 Beilage L.

Abschrift von Schreiberhand, Druckvorlage für .A^.

yl' : Gedichte von Friedrich Iloelderlin, (hg. von Ludwig Uhland und Gustav

Schwab,) Stuttgart und Tübingen 1S26, S. 114-116.

30 Eigentümlichkeitender Schreibung: selig, Stab,Friililing, vielleicht;glück-

licli; Anredepronoii}ina sind groß geschrieben.

471
17^-17! An Hiller

Lesarten

16 e d l e m ] e d e l m yY' 20 R e i z ] R e i U nus Reiz k R e i t z A' 25 frei

aus {rcy h 2 9 G e b i r g ai« G c b i i r g h 3 1 k r ä n z t aus gräiizt Ii 34 Wal-

thers] Walters Ii yl^ 36 Schoose] S c h o o ß e aus Schooso h 40 dir,]

Dir h A' 45 schliff] schuf aus schuff h schuf ihrem h dei- 5

u e m A^ 46 scelig] selig aus seelig Ii 4 8 m a h n t , d i e ] m a h n t die A^

5 0 Elysium «US E l i s i u m h 5 2 S e e g e l ] Segel aus Secgel k Segel A^ 57

s e e l i g e r e n ] seligeren aus seeligeren h seligeren A^ 6 5 im engbeschränk-

ten] im engbeschränktem Ii

Erläuterungen. 10

Das Gedicht ist Chr. Fr. Ililler (demselben^ an den sich auch Kanton Schweiz

richtet) zum Ebschied gewidmet. Hiller trug sich mit dem Gedanken^ nach dem Ab-

schluß seines Studiums (1793) nach Amerika auszuwandern. Sein Stammbuch (im

Besitz der Altertumsgesellschaft Prussia zu Königsberg i. Pr.) enthält viele Wünsche,

die diesem Plan gelten. Vgl. l'Vilhelm Ungewitter: Ein Stammbuch aus Hölderlins 15

Freundeskreis. Sitzungsberichte der Altertumsgcscllschaft Prussia zu Königsberg i.Pr.

im 44sten Vereinsjahr. November 1S87ISS. Königsberg 1S89, S. 1S9-1S0. - Bis

zum Juli 179S sind Stammbuchblätter in ununterbrochener Folge datiert, woraus man

schließen darf, daß der Plan doch nicht ausgeführt worden ist. Oder Hiller ist nach

dem Juli 179S noch abgereist; doch muß er bald enttäuscht zurückgekehrt sein, da die 20

Stammbuchblätter im Februar 1797 wieder einsetzen. Am 10. Oktober 1794 fragt

Hölderlin in der Nachschrift des Briefes an Neuffer: Ist H i l l e r n a c h A m e r i k a ?

— Ungewitter S. 14S vermutet, Hölderlin habe in seiner Abschiedsepistel v. 60—67

den Grund für die Aufgabe des Plans vorausgesehn.

Die Schreibart der plaudernd-reihcnden Blankverse ist vielleicht angeregt durch Wie- 25

lands Übersetzung der Horazischen Episteln (17S2). Vgl. Einladung (an Neuffer)

und Emilie vor ihrem Brauttag.

22 A u g e ] Ililler war zeichnerisch begabt, wie der großenteils von ihm selbst her-

rührende Schmuck seines Stammbuchs beweist.

24 H e l v e t i a ] Erinnerung an die zwei Jahre zuvor gemeinsam unternommene 30

Schweizerreise.

25-27 Vgl. Kanton Schweiz V. 17 f .

29 A r k a d i e n ] Vgl. Kanton Schiueiz v. 4S.

31 des G r e i s e n ] Vgl. An Thills Grab v. 24 und die Erläuterung z. St.

472
An llillcr. D e m Genius dor K ü h n h e i t 173 — 173

34-36 Teil und "Wakhcr] Fgl. Kanton Schwciz v. 76-7S.

46 Erinnerung] Kanton Schweiz v. S.

5 5 P e p r o m e n c ] f^'gl. Das Schiksaal v. 66. — Das griecli. pcrf. pass. TidjiQCOTaL

bedeutet: es ist (schicksalhaft) bestimmt, beschieden, verhängt. Zu dem Partizipium

5 gibt es ein substantiviertes Fenuninwn Tj TiETiQWßivi], wozu alaa oder /lotna (das

Schicksal) zu ergänzen ist. Eine genau entsprechende Bildung ist el/iaofievi] (vgl.

(las Motto zu dem GcdicJit Das Schiksaal). Pcpromcne und Heim arme ne sind also

andre Namen für das Schicksal.

58 Philadelphicr] Die Amerikaner werden hier so genannt., weil in der Stadt

10 Philadelphia (1774) der Kongreß getagt hat^ der die Los Iiis ung der nordamerikani-

sehen Kolonien von England beschloß.

DEM GENIUS DER KÜHNHEIT


EINE HYMNE

In einem undatierten Brief an Neuffer ("IDa hast Du den Brief . , .), der vielleicht

15 schon im Herbst 1792, spätestens aber im Frühjahr 1791 geschrieben ist, erwähnt

Hölderlin erstmals den Plan zu diesem Gedicht: Du wirst lachen, daß m i r in

diesem m e i n e m Pflanxenleben neulich der Gedanke k a m , einen Hymnus an

die K i i n h e i l zu machon. In der T h a t , ein psychologisch Räthsel! — Ende

Juni 1793 liest Hölderlin den in Tübingen weilenden Matthisson, Neuffer und

20 Stäudlin den Hymnus vor. Magenau berichtet darüber in seinen Aufzeichnungen

(s. Band 7 dieser Ausgabe).

Am 20. Juli schreibt Neuffer an Hölderlin: Thoile m i r Deinen Hymnus an die

K ü h n h e i t m i t . Ich bins gewiß, daß Du es thun wirst, weil ich in d i e ß e m Fall

auch nicht vergebens Dich bitten ließe. Ich will ihn einigen Freunden und

25 Freundinnen lesen lassen, die ein großes Verlangen darnacli tragen: Beson-

ders ist Eine, die ich n i c h t nenne {seine Braut Rosine Stäudlin oder deren

Schwester Lotte}, d a r u m begierig, weil Dich Matlhison deßwegen u m a r m t e ,

ob er gleich zu seiner E m p f e h l u n g keiner solchen Folie bedarf. I c h will ihn

datm in Stäudlins Registratur zu seinem weiteren G e b r a u c h e {d. h. zur Ver-

3U mittlung des Druckes} niederlegen. —

In Hölderlins undatierter Antwort auf diesen Brief ("Du hast R o c h t , Herzens-

bnider! , . /ici/?( es.-Ich schikte meinen Hymnus unsrem Stäudlin. Daszaub-

473
176-178 D e m Genius der K ü h n h e i t

riscKe L i c h t , in dem icli ihn ansah, da ich m i t i h m zu E n d e war, und noch

m e r , da ich ihn euch mitgeteilt h a t t e an dem unvergeßlichen N a c h m i t t a g e ,

ist nun so ganz verschwenden, daß ich m i c h nur m i t der Hofnung eines baldi-

gen bessern Gesangs über seine Mängel trösten kann. - W i e stehts dann

eigentlich m i t dem JoiUTiale? (Dies Journal war von Stäudlin als Fortsetzung 5

seines Musenalmanachs geplant und sollte wohl Hölderlins Hymne aufnehmen.)

Am 21. November 17besucht Hölderlin von Nürtingen aus in Vaihingen a. d. Enz

Magenau und deklamiert dem kranken Freunde, wie dieser am 2h November an

Neuffer schreibt, vor dem Bette sizend, ohne W e s t e und Stifel . . . seine Ode

»Kühnheit«. 10

In dem undatierten Brief ("Mit j e d e m Briefe von Dir . . .), den Neuffer am

16. August 1794 beantwortet, fragt Hölderlin: W e i s t Du n i c h t ob Stäudlin m e i n

G e d i c h t an die Künheit in die Urania geschikt h a t ? Ich wünschte es zu wis-

sen, u m vieleicht andern G e b r a u c h davon zu m a c h e n . Neuffer erwidert:

Stäudlin h a t Deine H y m n e an die K ü h n h e i t längst in die Urania geschickt. 15

I c h weiß aber n i c h t , ob sie schon g e d r u c k t ist.

Die Urania ist die vonJ. L. Ewald herausgegebene Zeitschrift, die im April 179! Höl-

derlins Gedicht Griechenland, wahrscheinlich ohne Vorwissen und Billigung des Dich-

ters, sehr verspätet brachte (vgl, die Entstehungsgeschichte des nächsten Gedichts).

Gegen Jahresende 1794 fordert Schiller in einem undatierten Billett Hölderlin auf, 20

ihm für das letzte Stück der Thalia, das trotz der Jahreszahl 179) auf dem Titel-

blatt erst um Neujahr 179S erschienen ist, Manuskript zu schicken: Sie sagten m i r

neulich von einer kleinen Arbeit, die Sie f e r t i g h ä t t e n und m i r zeigen woll-

ten. Da ich dieser T a g e das lezte Stück der Thalia schließe, und f ü r einige

Blätter noch R a u m darinn ü b r i g ist, so ist es I h n e n vielleicht n i c h t unan- 25

g e n e h m , diesen R a u m zu besetzen. Aber es m ü ß t e zwischen Morgen und

UeberMorgen seyn, weil das Stück diese W o c h e zu E n d e g e h t . Sch.

Hölderlin schickt ihm nicht die erste Fassung, sondern eine Umarbeitung, wie aus

einem Brief an Neuffer vom 26. Januar 179S hervorgeht: Den G e n i u s der

K ü h n h e i t , dessen Du Dich vieleicht noch erinnerst, h a b ' ich, u m g e a r b e i t e t , 30

m i t einigen andern G e d i c h t e n in die T h a l i a gegeben. Das Verhältnis dieser

Umarbeitung zur ersten Fassung hat man sich wohl so vorzustellen wie das der

gleichzeitig gedruckten Fassung des Gedichts Griechenland (S. 179 f . ) zu der wider

Erwarten ein Vierteljahr später doch noch erscheinenden, aber früher entstandenen

Urania-Fassung. 35

474
D e m Genius der K ü h n h e i t 176-17S

Überlief erung

h : Scliwerin,MecklenburgischcLandcsbibliüthek: Gedichtsammlung der Prinzessin

Auguste von Homburg, Lage 12 Blatt S'-S' (s.dieBeschreibung S. }24-}26).

J: (Neue) 7'halia. herausgegebenvonF. Schiller. Vierter Theil. Sechstes Stück des

5 Jahrganges 179h Leipzig, bey Georg Joachim Göschen. S. S34—i}6, unter-

schrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (Jund h): Meistcrinn (aber: Königin), Horöcn-

Itrafl, enUiickcnd, schrecklich, Hofrnung;, namenlos, HeiligÜuim, AVahrheit,

Blitz.
10 Lesarten

Überschrift: E i n e ] eine h 14 schwang,] schwang, h 18 maß!]

maß. J h 21 die küUncii] Berthold Litzmann 1S96, 1136, ergänzt um des

Silbenmaßes willen: die {hohen) k ü h n e n 3 3 Fülle] Fülle, Ii, 4 7 der Hes-

periden F r ü c h t e ] der Hestariden Kriifto J der Hesperiden F r ü c h t e spater

15 aas: der Hestariden Kriifte h 50 S c h l a f ] Schlaf, h 5 4 Donnerer]

Donner h 5 9 w a n k t e n , ] wankten J h 6 0 berauscht;] belauscht: h

6 1 s c h r ö k t ' ] schröckt J h 6 4 Nemesis ni« Nerusis C.'; Ii 66 Verlaß,]

Verlaß J k

Erläuterungen

20 Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Ilymne an die Menschheit: siehe dort die

Erläuterung.

3 mein Saitenspiel geleilet] Vgl. die Oden An die Parzen v. 10 f . und An Eduard

V. 10—12. — Der Gedanl:e berührt sich mit dem Beginn der Ifymne an die Freiheit

(PVonne säng^ ich . . .).

25 4 Plutons dunkles Haus] Die Unterwelt: vgl. Jfymne an. den Genius der Jugend

V. 69: Plutons Hallen.

5 auf Ortygias Gestaden] Die Insel des Dionysos, Naxos, ist hier vermutlich mit

der Insel Delos verwechselt worden, die auch Ortygia hieß, aber keine Beziehung

zu dem Rebengott hat.

3ü 16 I-öwenhaut] Deutlicher Hinweis auf den Bezwinger des nemiischen Löwen,

Herkules, der damit die erste der ihm gestellten zwölf Aufgaben erfüllte.

2 5 r a u s c h e n ] Vgl. {Die heilige Bahrt) v. 19 und die Erläuterung z. St.

2 9 L a r e n ] Vgl. Am Tage der Freundschaftsfeier v. SO und die Erläuterung z. St.

3 4 Mäons S o h n ] Vgl. Ifymne an den Genius Griechenlands v. 41 f . und die Er-

35 läutenmg z. St.

475
176—ISO D e m Genius der K ü h n h e i t . Griechenland

47 Hesperidcn] Vgl. Hymne an die Menschheit v. 4 und die Erläuterung z. St.

55 entarteten G e s c h l c c h t e n ] Fgl. Die Unsterblichkeit der Seele v. 13 und die

Erläuterung z. St.

5 9 Sardanapale] Snr</nna;5o//os, König von Ninos (Ninive), war durch verweich-

lichte. Genußsucht berüchtigt. 5

60 T a i i m e l k c l c h ] Fgl. An Neuffer (S. 183) v. 7: T a u m e l k e l c h der Freude.

Klopstnck, Der Messin.': 11, 620: von dem T a u m e l k e l c h e des R ä c h e r s ; 12, 324:

der R a c h e Taumelkelcli. - Eine von Luther gebildete Zusammensetzung; vgl.

•Jesaia Sl, 17 u. 22 (Trübners Deutsches Wörterbuch, hg. von Alfred Götze, Bd. 7

S. 34). ' 10

6 4 Nemecis] Die Göttin der strafenden Gerechtigkeit, für die Menschen ein Un-

heil, wie Jlesiod sie in der Theogonie nennt (ni^/ia •&VTjTolat ßQOrolaiv

V. 223; anders Erga v. 200). - Das Beiwort heil'ge, das Hölderlin hier setzt,

scheint darauf hinzudeuten, daß er Herders in den Zerstreuten Blättern 17S6 er-

schienenen Aufsatz über die Nemesis kannte, in dessen Vorerinncrung es heißt: I h r 15

f u r c h t b a r e r N a m e ist nur durch Mißverstand f u r c h t b a r geworden; und eben

u m diesen Mißverstand zu heben und die ernste Göttiiui in i h r e r wohlthäti-

gen, schönen Gestalt zu zeigen, ist die kleine Abhandlung geschrieben.

GRIECHENLAND
AN ST, 20

In Hölderlins undatierter Antwort (Du hast R e c h t , Herzensbruder! . . .) auf

Neuffer.^ Brief vom 20, Juli 1793 findet sich zu dem Gedicht Griechenland das

Gegenstück in Prosa: Zwar schrieb ich an Stiiudlin: N e u f e r s stille F l a m m e wird

i m m e r h e r r l i c h e r leuchten; wenn vieleicht m e i n Strohfeuer längst v e r r a u c h t

ist; aber dieses vieleicht schrekt m i c h eben n i c h t i m m e r , a m wenigsten in 25

den Götterstundeu, wo ich aus dem Schoose der beseeligenden N a t u r , oder

aus dem Platanenhaine a m Ilissus zurükkehre, wo ich, unter Schülern Piatons

hingelagert, dem Fluge des Herrlichen nachsah, wie er die dunkeln Fernen

der Urwelt d u r c h s t r e i f t , oder schwindelnd i h m folgte in die T i e f e der T i e f e n ,

in die entlegensten E n d e n des Geisterlands, wo die Seele der W e l t i h r Leben jo

versendet in die tausend Pulse der N a t u r , wohin die ausgeströmten K r ä f t e

zuriikkehren nach i h r e m u n e r m e ß l i c h e n Kreislauf, oder wenn ich t r u n k e n

476
Griechenland 179-1 SO

vom Sokratisclion Bcclicr, und sokratisclicr geselliger Freundscliaft am Gast-

malile den begeislerten Jünglingeji laiiselite, wie sie der lieiligen Liebe hul-

digen mit süßer feuriger Rede, imd der Scliäker Aristophanes d r u n t e r hiiiein-

wi'/.ell, und endlich der Meister, der gültliche Sokrates selbst m i t seiner

i himmlisclien W e i s h e i t sie alle l e h r t , was Liebe sei — da, Freund meines Mer-

y.ens, bin ich dann freilich nicht so vertagt, und meine m a n c h m a l , ich mül.jLe

doch einen Fuiiken der süßen F l a m m e , die in solchen Augenbliken m i c h

w ä r m t , und e r l e u c h t e t ineincm W e r k c h e n , in dein ich wirklicli lebe und

webe, meinem l-lyporion mitteilen können, und sonst auch noch, -iur Freude

10 der Menschen zuweilen etwas an's L i c h t bringen.

In demselben Brief meldet Hölderlin^ er habe den Hymnus Dem Genius der Kühn'

heit, worum Neujfer ihn gebeten hatte, schon an Stiiudlin geschickt. Vermutlich hat

er auch die erste Fassung des Gedichts Griechenland (J^) beigefügt. Stäudlin wird

beide Gedichte an Eumldfür die Urania weitergegeben haben. Auffüllig ist nun, daß

15 Hölderlin sich in dem undatierten Brief ("Mit jedem Briefe von Dir . . .). den

Neuffer am 16. August 1794 beantwortet, nur nach dem G e d i c h t an die Künlieit

erkundigt, w(wan er viellcicttt andern Gebrauch machen wolle. Man muß daraus

schließen, daß Stäudlin das Gedicht Griechenland ohne JVissen des Verfassers in die

Urania gegeben hatte. Denn inzwischen hat Hölderlin das Gedicht überarbeitet. Auf

diese zweite Fassung werden sich Neuffers Worte vom .luni 1794 beziehen: Dein

G e d i c h t an Gotthold h a t meinen ungetlieilteu Beifall.

Die zweite Fassung (h') überläßt Hölderlin dem Buchhändler Mücken für eine

geplante (luahrscheinlich nicht zustandegekommene) Anthologie. Es handelt sich uin

den Verlag Jacob Ulrich Mücken & Comp, in Reutlingen, der sich sonst in der

25 Hauptsache mit »Nachdrücken«, befaßte, wie aus einem Avertissement vom Oktober

1798 hervorgeht (vgl. Friedrich Kapp und .Johann Goldfriedrich: Geschichte des

l'Je.utschen Buchhandels, 3. Band, Leipzig 1909, S. 104. — .lohann Jacob Mücken,

der Sohn Jacob Ulrichs, gründete im Dezember ISOO ein eigenes Nachdruck-Unter-

nehmen. Jacob Ulrich A'lückcn (fc Comp, dagegen werden nicht erst, wie Goldfriedrich.

50 aus dem angeführten Auertissement schliißt, im Oktober 179S begonnen haben.) —

Eine Abschrift der zweiten Fassung hat sich erhalten in einem Brief Karl 'Millers

vom IS. April 1S22 an Carl Gock. '/filier schreibt über das Gedicht: Dasselbe war

urs]")riinglich b e s t i m m t in eine S a m m l u n g von G e d i c h t e n eingerükt zu wer-

den, u wurde deslialb von Möldorlin selbst an l l e r r n Mäken in Reutlingen

35 überschikt (wahrscheinlich als er noch in Tübingen studirte). (Randbemer-

477
17 9-ISO Griechenland

kung: W e g e n unleserliclier Handschrift aber unterblieb es, wie m i r HE


IN'Iaken treuherzig qfferirlc) Auf meiner Reise nacli Steinheim am Albuch
kam ich über Reutlingen, u dort wurde es m i r von iNId. Mäken eingehändigt.
Mad. iN'Iäken sagte m i r als ihre subjective iVleinung, sie halte es für ein W ü r -
d i g e s S e i t e n s t ü k zu Schillers Götter Griechenlands. Ich sclireibe es hier ab 5
damit sie einer IMühe überhoben sein mögen, besonders da es, i m n i c h t g a n z
reinlichen Pulte der JVIad. Mäken sehr übel m i t gelehrten Zeichen über-
tüncht ist.

Daß Zillers Abschrift eine selbständige Fassung überliefert^ die zwischen J^ und J^
stehen muß, wird durch folgende Beobachtungen erwiesen: Das Fehlen der Strophe 10
32a—h schließt eine Abschrift nach J^ aus. Die selbständigen Lesarten v. 13, 2},
29, SO, n , 39, 40, S2, SS machen P als Vorlage unmöglich. Die Übereinstim-
mung der Schreibfehler v. IS und 4S (letzterer sogleich verbessert!) mit den Druck-
fehlern der Thalia (J^) beweist nichts: sie können durchaus unabhängig entstanden
sein wie die zahlreichen andern Versehen. 15

Die dritte Fassung wird dann wohl zusammen oder ungefähr gleichzeitig mit der
Hymne Dem Genius der Kühnheit gegen Ende des Jahres 1794 für Schillers ^
Thalia (J^) bestimmt. Vielleicht hatte A'Iäcken schon vorher wegen des aufgegebenen
Plans Mitteilung gemacht, oder aber Hölderlin hat das Gedicht selbst zurückgezogen,
das jetzt an wesentlich sichtbarerer Stelle erscheinen konnte. Von Ewald wird er nur 20
die schon länger als ein Jahr dort liegende Jlymne Dem Genius der liühnheit zurück-
verlangt haben. Dadurch hat er den Herausgeber der Urania an das andre Gedicht
erinnert, von dem ihm selbst nicht bewußt war, daß Stäudlin es auch weitergegeben
hatte. Diese erste Fassung erschien dann noch, wohl zu seiner großen Überraschung,
bald nach der zweiten (um Neujahr 179S ausgegebenen), im April-Stück des Jahr- 25
gangs 179S der Urania.

Überlieferung

/t' .• München, Landgerichtsdirektor Dr. Arnold: in einem Brief des cand. theol.
Karl Ziller vom IS. April 1S22 sehr wahrscheinlich an Carl Gock, nach einer
eigenhändigen Handschrift. 30

/r : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prinzessin'


Auguste von Homburg, I^age 12 Blatt P-2^(s. die Beschreibung S. 324-326 j:
Abschrift nach J'. j
J^ : Urania Herausgegeben von J. L. Ewald. Dritter Band. Leipzig, hey VoJ, und

478
Griechenland 179-1 SO

Compagnie. 179S. Viertes Stück. April, 1795. Nr. III. S. Ui-HS, unter-

schrieben: Hölclerliii.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Bcscliützcrinn, Riesinn, Heroen, Siegs-

gefiile, füllest, sey.

5 J^ : (Neue) Thalia, herausgegeben von F. Schiller. ViertcrTheil. Sechstes Stück des

.Jahrganges 179h Leipzig, bcy Georg Joachim Göschen. S. 3)1—unter-

schrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Beschützerin, letzte, Heroen, sey.

Lesarten

10 Überschrift, Zeile 2: An St. J^ h^ An Gotthold Ständlin (Druckfehler, auch

im Kolumnentitel, statt Stüiidlinj J^ fMt h^

2 Ccphissiis] Ilissus J^ Cepliyssus h^ 6 der brüderliclien Freude R u f ]

der b r ü d e r l i c h e Freudenruf / i ' 9 würzten,] würzten I t ' J ^ h^ lOStröme]

Fluten J' 1 1 h e i l ' g e m ] heiTgen J' 1 3 tausend] h u n d e r t h' 1 4 das

15 Alter] das Alte h' 15 G e l i e b t e r ! d i c h ] Geliebter, dich J^ Geliebte!

dich /i' G e l i e b t e r ! Dich J^ h^ 16 f a n d ; ] fand! J'h' 17 Ach!

wie] Ach wie /t' u m s c h l u n g e n ! —] umschlungen /i' 18 sangst]

sangst / t ' J" h^ 20 d i r , ] dir; J' 22 Deinen Geist,] Und dein

Haupt J' Deinen Geist h' 2 3 D r ü k t e ] F ü l t e J' s t u m p f e ] d u m p f e J' h'

20 d u m p f e aus s t u m p f e h^ 25 verschwunden?] verschwunden, J' ver-

schwunden h' 27 Stunden,] Stunden J^ h^ 28 nicht,] nicht;

n i c h t /i^ 29 Ewig,] Frühe h' Flamme,] Flammen h^ 3 0 dort i n ]

da aus / t ' 32 der J u g e n d ] die Jugend J ' stolze] süße J'

32a-li: Hatte doch von diesen goldnen J a h r e n

25 Einen Theil das Schiksal dir bescheert;

Diese reizenden Athener waren

Deines glühenden Gesangs so w e r t h ;

Hingelehnt a m f r o h e n Saitenspiele

Bei der süßen Chiertraube Blut,

30 Hättest du vom stürmischen Gewühle

Der Agora, glühend ausgeruht. J'

3 3 bessern] goldnen h' 3 5 Für das] Für ein J' biedres h' (Lesefehler

statt: Für das Der Abschreiber merkt zu dieser Stelle an: ich war da im Zweifel

dieO scheint aber ds wahrscheinlichste) liebend] liebes /t' 36 der

479
17 9-ISO Griechenland

F r e u d e ] des Dankes J ^ noß!-]noß;- J^ Hoß Ä' 3 7 n u n ! ] nur, 1,}

k ö m m t ] k o m m t J^i^ gewiß die] gewiß, die J' 3 8 K e r k e r ] Staube J^

trennt - ] trennt! J ^ trennt /j^ 3 9 Stirb !] Stirb, h^ suclist auf die-

s e m ] sucliest auf dem /j' 40 E d l e r G e i s t ! ] Adler Geist h^ Element.]

Element! J^ 41 Heldin] Riesinn J' g e f a l l e n : ] gefallen, J^ ge- 5

fallen Ii' 42 die alten Göttersühne] die alten G ö t t e r Söhne A' ruhn]

r u h ' n J' 4 3 der schönen] gestürzter J^ 44: Brütet ew'ge Todesstille

mui; trauernd] traurend Ii' 4 5 k e h r t ] steigt J' holde] süße J'

nieder,] wieder, J^ }l? nieder nach gestr. wic(r/t-r) Ii' 47 Ilissus]

Abyßus Ii' (Lesefehler statt llyssus Der Abschreiber merkt zu diesem J'Vort an: 10

AbyßusVValirschl. E i n e C a p e Z / e AcrProserpina odnPcrscp/ione. sonstlieißt

es noch eine T i e f e Abgrund, auch bei Vergleichung der Buchstaben wird es

wahrscheinlich u dem Sinne ist es a n g e m e ß e n j 4 7 beilgem] beirgem J'

wieder—] wieder, J' wieder h' 4 8 : E w i g dekt die bange W ü s t e sie. J'

4 9 ins] in's J' ferne L a n d ] b e ß ' r e Land J' Ferneland nus Feenland h' '^

5 0 Alcäus] Alkmaon h' 5 1 s c h l i e f ] schlief h' J" h^ 52 Heiligen]

Secligen }i' Marathon;] Marathon! J' Marathon h' 53 A c h ! es]

A c h e s h' Thr'ancn]'rUr'i\nc (Dnwkfelder) J^ h^ 5 4 lieben] heil'gen J'

5 5 L a ß t , o Parzen, l a ß t ] L a ß 0 Parze laß h' tönen,] tönen! J' tönen Ii'


20
56 m e i n ] Mein h' a n ! ] an. J'

Erlauterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Göttin der Harmonie: siehe dort

die Erläuterung.

Neben den Göttern Griechcnlandes von Schiller ist auch, worauf Betzendörfer S. 22f.

hiruvcist, das Gedicht Phantasießug nach Griechenland (1782) von Conz in ge- 25

wissem Sinn vorbildlich für Hölderlins Gedicht gewesen, das jedoch eine durchaus

eigene innere Haltung zeigt. Schon die Hinwendung zu dem älteren Freund verleiht

dem Gedicht einen andern Ton, wie es sich vor allem auch durch das Fehlen jcg-

licher Polemik gegen das Neue und gegen die christliche Religion von Schillers Ge-

dicht unterscheidet, das andrerseits doch das Alte nicht wirklich ernst nimmt, son- 50

dem in Griechenland ein xFabelland« erblickt (v.4), keine von ihm selbst fromm ge-

glaubte und ernsthaft ersehnte l'Virklichkeit, sondern eine Täuschung letztlich: Da

der D i c h t k u n s t malerische Hülle Sich noch lieblich u m die W a h r h e i t wand!

(v. 9 f . ) — Conz hat nur einige äußere Motive hergeliehen: s. die Einzelerläuterungen.

480
Griechenland 179-1 SO

2 Ccpbissus] hl der ersten Fassung: Ilissus. Vgl. Der Gott der Jugend v. S9 und

die Erläuterung z. St.

4 SoUratL's] Vgl. Conz v. 67—69: Oder wamU' ich lieber in den Schulen,

W o um A'Veisheit cdlc Seelen buhlen, Unjjefiirbter Sokrates sie lehrt . . .?

5 5 AsjKisia ] Zweite Gattin des Perikles, Tochter des Axiochos aus Milet. — Vgl. Conz

V. 73—7S: O d e r m e n g ' ich m i d i in eure Tänze Uni die Schläfe junge

iVlyrllienkrän7,c, llir Aspasien der bessern Zeit!

7 Agora] Criech. äyOQ(i, der Marktplatz als Mittelpunkt des öffentlichen Lebens,

auch die Volksversammlung.

10 9 Festgesänge] Vgl. Conz v. 49f.: Heben m i r der blondgelockten Musen

Festgesängo den cntbundnen Busen!

1 1 Der heilige Berg der Minerva (Pallas Athene) ist die Akropolis von Athen.

2 8 Fühltest] Konjunktiv.

29 Vesta] Der römische Name für Hestia, die Göttin des Ilcrdfeuers, des häus-

15 liehen und staatlichen Friedens, Tochter des Kronos und der Rhea (Jlesiod, Thco-

gonie V. 4S3 f . ) .

31 Mcsperidcn] Vgl. die Erläutcrimg zu v. 4 der Jfymne an die Menschheit. —

Conz V. 62 f . : E u r e Mesperidcnfriiclito glühten Nie in solcher Schönheit noch

so rein.

2ü 3 6 flolj] = geflossen wäre. (Im Griechischen steht zum Ausdruck eines unerfüll-

baren JVunsches in der Vergangenheit der Indikativ des Aorists.) »llättest du doch

über das Glück des geliebten Volkes Freudentränen weinen können l In Ifahrheit be-

kümniert dich der Niedergang.«

41 Attika] Die Landschaft, deren Hauptstadt Athen ist.

25 4 2 W o die alten Göttersöhnc r u h n ] Vgl. Der Main v. 7 f . : wo die Gottcr-

söhne / Sclilafon.

44 K r a n i c h ] Dieses Motiv findet sich noch in dem sehr späten Vatikan-Bruchstück

(Band 2): Der Kranich liält die Gestalt a u f r e c h t / Die Majestätische, kcusche,

drüben / In Patmos, Morea (das ist der l'eloponnes), in der Pestluft. / Türkisch

30 {Griechenland slatul unter türkischer Ilerrschafl).

4>7 Ilissus] Vgl. die Erläuterung zu v. )9 des Gedichtes Der Colt der Jugend.

50 Alcäus] Alkaios, griechischer Lyriker aus Mj'tilene auf Lesbos, um 600 v.Chr.

Aiiaiireon] Dichter der Liehe und des heiteren Genusses, aus Teos in Lydien,

um S20 V. Chr. — Später wurden seine Lieder viel nachgeahmt ("Anakreontea«) und

35 sind lange für echt gehalten worden, auch rwcli zu Hölderlins Zeit.

481
179-183 Griechenland. An N e u f f e r

5 1 i m engen H a u s e ] Vgl. Hymne an die Freiheit (Wonne sang'' ich . . .) v. 121

und die Erläuterung z. St.

5 5 Parzen] Parcae, römische Schicksalsgöttinnen, entsprechend den griechischen

Moiren., die den Lebensfaden des Menschen spinnen und beim Tode abschneiden. —

Vgl. die Ode An die Parzen. 5

AN NEUFFER
IM M E R Z . 1794

Das Gedicht ist handschriftlich überliefert in dem undatierten Brief an Neuffer ("Ich

glaube die Stunde . . .J, der wohl bald nach der Entstehung des Gedichts (Tm

Merz. 1794.^ geschrieben worden ist. Aus den einleitenden Worten geht hervor, daß 10

Neuffer es zum Druck befördert hat: Hier inzwischen eine Kleinigkeit f ü r Dich.

Sie ist das Produkt einer frölichen Stunde, wo ich an Dich dachte. Du sollst

einmal etwas besseres haben. D u kannst das kleine D i n g ja m i r halb zur

Straffe halb zum L o h n in die E i n s i e d l e r i n transportiren, oder wohin Du

willst. — Textgrundlage ist also die Handschrift. An den Abweichungen der Drucke, 15

zumal des dritten (J-^) hat der Dichter gewiß keinen Anteil.

Uberlieferung

H: Stuttgart IV 3a Nr. 12 (Brief an Neuffer vom April 1794): Doppelblatt

18,S X 2S,6cm, alle Kanten beschnitten; gelbliches, geripptes Papier; Wasser-

zeichen: Posthornwappen K U E H N E R , beide Blätter mit Rahmenornamenten. 20

Am Schluß des Gedichts: Hölderlin.

J^ : Die Einsiedlerinn aus den Alpen. (Herausgegeben) von Marianne Ehrmann.

Drittes Bändchen. Zürich, bey Orell, Geßner, Füßli und Comp. 1794. (Das

Titelblatt des Heftes — HI. Band. 7. Heft. — hat noch den Untertitel: »Zur

Unterhaltung u. Belehrung für Deutschlands und Helvetiens Töchter.«) S.3 S, 25

unterschrieben: Plölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: F r ü h l i n g , Hoffnung.

J~ : Taschenbuch für häusliche und gesellschaftliche Freuden von Carl Lang.

Heilbronn am Neckar beim Verfasser. 1797. (Der gestochene Titel vor dem

Kalendarium lautet »Almanach und Taschenbuch . . ,« usw. und gibt im Ver- 30

lagsvermerk, an erster Stelle, noch an: »Frankfurt am Mayn bei Guilhau-

mann«.) S. 223, unterschrieben: Hölderlin.

482
AnNeuffer ISi

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Frühling:, Hoffnung, Augenweide. Die

zweite und vierte Zeile jeder Strophe ist eingerückt.

J^ : Taschenbuch von der Donau Auf das Jahr IS2S Herausgegeben von Ludwig

Neuffer Ulm in der Stettin sehen Buchhandlung. S. 222, unterschrieben:

5 Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Frühling, Ifoffnung, Augenweide.

Lesarten

Überschrift: An N e u f f e r , I m (1) A(;)n;>(2)Merx. 1794. I i An N e u f f e r /

iniMcril794. J' L e b e n s g e n u ß . / An Neuffer. / 1794. J" Trost./An

10 NciifCcr / im März 1794. J^

1 siiOe] schone J^ 2 n i c h t ] danach ein Komma getilgt Ii kindisch-

f r ü l i c h ] kindisch fröhlicli kindlich f r o h e s / ' ' 3 der T h a u der L i e b e ]

der W c h m u t h Balsam J^ 5 Noch tröstet m i c h ] Noch labt m i c h oft J^

m i t süßer Augenwaide] m i t süssen Augenwinken J^

15 6—8: Ein holder Blick, noch lächelt m i r die Flur,

Noch r e i c h t die F r e u n d s c h a f t m i r den Kelch der reinsten Freude,

Nocli lieg' ich f r o h a m Busen der N a t u r . J^

7 M i r ] Noch J^ 8 jugendliche] jugendliche, ~ 9 Getrost! es]

Getrost, es / ' Getrost! Es Schmerzen] Thränen P w e r t h , diO]

20 Werth, dies J^ w e r t h dies P w e r t h dicD P Lehen,] Konuna aus Aus-

rufzeichen Ii 1 0 A r m e n ] Pilgern P 1 2 Und a c h ! ] Und, ach, P P

f r e u n d l i c h ] treues J ' - ^ weint.] weint! P-^

Erläuterungen

Die Melodie dieser Strophen wird wesentlich bestimmt durch das anaphorische Noch

25 der ersten fünf '/.eilen, das angeregt ist durch Jlöltys Aufmunterung zur Freude

(1, 209 Michael). Die erste Strophe des JTöltyschen Liedes war in Hölderlins Ge-

burtshaus in eine Fensterscheibe eingeritzt, und die Ortsüberlicferung führt diese

Inschrift wie auch eine zweite (auf einer andern Scheibe) auf Hölderlin selbst zurück.

Vgl. Bd. 2 nZweifelhaftes«. — Jlültfs Einfluß auf Hölderlin ist auch sonst spürbar:

30 vgl. An die Ehre, Beschreibung der Handschrift (S. ^93), und die Erläuterungen

zu der Ode An die Ruhe (S. 392 Z. 17). — Zu dem wiederholten Noch vgl. auch

die Jfymne an den Genius der Jugend v. 49—SO und die Erläuterung z. St.

7 T a u m e l k e l c h ] Vgl. Dem Genius der Kühnheit v. 60 und die Erläuterung z. St.

483

1,31
1S4-1S6 DasSchiksaal

DAS S C H I K S A A L

Magcnau i;clircibt am 23. November 179} an Ncujfer in dem Brief, worin er über

Hölderlins Besuch ("vorgestern) in Vaihingen an der Enz berichtet: E r luit luanchc

Plane, doch keine u n a u s f ü h r b a r e , das f r e u t m i c h . E i n Hymnus an das Scliik-

sal soll seine nächste Arbeit werden, darinn ihn der Kampf der Menschen 5

N a t u r m i t der Notwendigkeit a m meisten beschäftigen wird. Icii wünsche

i h m ein os magna sonatur 'um. - Hölderlin selbst an Neuffer, ungefähr gleich-

zeitig, in dem undatierten Nürtinger Brief f D u scheinst m i c h vergessen zu

haben . . .): In m e i n e m Kopf ists bälder ^Vinter geworden, als d r a u ß e n . D e r

T a g ist ser kurz. U m so länger die kalten N ä c h t e . Doch h a b ' ich ein G e d i c h t !0

an »die Gespielin der Heroen

Die e h e r n e N o t w e n d i g k e i t

angefangen. — Im l'ostscriptiim des IValtershäuser Briefs vom W. Dezember 1793

an die Stuttgarter Freunde: Das G e d i c h t an das Schiksaal h a b ' ich.beinahe zu

E n d e g e b r a c h t ^värend der Keise. — Das vollendete Gedicht wird einem un- l:>

datierten Brief an Schiller ("In einer Stunde, worin die N ä h e eines großen Man-

nes . . .) beigelegt, vermutlich im April 1794: Ich n e h m e m i r die F r e i h e i t , ein

Blatt beizulegen, dessen Unwerth in meinen Augen n i c h t so entschieden, daß

ich es m i r z u r offenbaren Insolenz anrechnen könnte, Sie damit zu belästigen,

dessen Schäzung aber eben so wenig h i n r e i c h t , m i c h aus der etwas bangen -O

S t i m m u n g zu sezcn, womit ich dieses niedei-schreibe. / Sollten Sie das Blatt

würdigen, in I h r e r T h a l i a zu erscheinen, so würde dieser Reliquie m e i n e r

Jugend m e h r Ehre; w i e d e r f a h r e n , als ich hoffte. — In dem wenig späteren, un-

datierten Brief an Neuffer ("Hier, lieber B r u d e r ! hast Du das Kind des Frü-

lings . . :), dem das folgende Gedicht (Freundesimmsck) beigeschlossen ist, heißt 25

es: Mein G e d i c h t an das Schiksaal wird vvarscheinlich diesen S o m m e r in der

T h a l i a erscheinen. I c h kann es jezt schon n i m m e r leiden. Ü b e r h a u p t hab'

(ich} jezt nur noch meinen R o m a n (den Hyperion) im Auge. — Am 10, Oktober

1794 an Neuffer: Lyrisches hab' ich seit dem Früling noch wenig g e d i c h t e t .

Das G e d i c h t an das Schiksaal, das ich noch zu Hause anfieng, vorigen W i n t e r 5ü

beinahe ganz u m ä n d e r t e und u m Ostern in einem Briefe anSchillereinschlos,

scheint dieser ser gut a u f g e n o n u n e n zu haben, n a c h d e m , was er m i r sagte

in der Antwort auf meinen lezten Brief, wo ick i h m das F r a g m e n t von

484
:3as Schiksaal 1S4-1S6

]lypcrioii schilite. E r h a t es f ü r einen Allnumacli b e s t i m m t , wovon er k ü n f t i g

clor I-Iernusgeber sein wird, und icli will ilim auf sein Begehren noch einiges

dav,u scliilten. (Scliiltcrs Brief ist nickt crtinUcn; es scheint derselbe zu sein, auf den

Hölderlin am 20. November 1796 itn Brief an Schiller anspielt: Sie haben m i r

5 auch, da ich noch in Franhen lebte, einmal ein paar W o r t e geschrieben, die

icli i m m e r wiederhohlc, so oft ich verli/uuit b i n j — Das Gedicht erschien dann

dach nicht in Schillers Musenalmanach, sondern im vorletzten Stück der Thalia

(S. Stück des Jahrgangs 179}), das im November 1794 ausgegeben wurde, zu-

sammen mit dem »Fragment von Hyperion«. Schiller übergibt Hölderlin bei seinem

1 II Besuch in Jena ein Exemplar des eben angekommenen Heftes, in Gegenwart Goethes,

den Hölderlin nicht erkennt (vgl. Hölderlin an Neuffer, November 1794).

Überlief eru tig

J: (Neue) Thalia, herausgegeben von F. Schiller. Vierter Theil. Fünftes Stück

des Jahrganges 179). Leipzig, -ber Georg Joachim Göschen. S. 222~224,

15 unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Schicksal, Gabe, E r n t e , seyn, frey

(daneben auch f r e i j , Heroen, loß. Wogen, Blitz, Heiligthuni, Glück.

Lesarten

7 übermächtigen] übernächtigen (Druckfehler) J 21 .die] Die J

20 2 9 stieg, i n ] stieg in J 6 0 n u r . ] nur; J 6 1 entflohen;] entllohen. J

83 walle] walle, J

Erläuterungen

Das Silbenmaß, 8 vierfüßige Jamben, in der Reimordnung a b a b, c d c d, klingend

und stumpf in regelmäßigem Wechsel, verwendet auch Schiller, abhängig von Höl-

25 derlin oder nicht, in seinem 179S entstandenen Gedicht Die Ideale.

Das Motto (zu deutsch: Die das Schicksal fußfällig verehren, sind weise) ist frei

geformt nach einem Fers (9)6) aus dem Prometheus des Aeschylus: oi nQoaxvvovv-

reg r^v 'AÖQdaretav aoipol — vielleicht von Hölderlin selbst; doch ist nicht aus-

geschlossen, daß er dem Zitat eines andern folgt. Die Lesart einer Ausgabe des

30 l'rometheus kann nicht zugrunde liegen, da das 7,ilat das originale Silbenmaß (den

jambischen ^Trimeter) nicht nur durch PVeglassinig des Artikels aufgibt, sondern vor

allem dadurch, daß die erste Silbe des IVortes Ei/iaQ/ihi]V eine Länge an die Stelle

einer unbedingt geforderten Kürze setzt.

485
1S4-18S Das Schiksaal. Freundeswunsch

9—16 D e r Sohn der heiligen N a t u r trägt die Züge des Herakles, wie besonders

aus der zweiten Strophenhälfte hervorgeht.

3 2 Cypria] Beiname der Aphrodite Anadyomene, der Schaumgeborenen, nach ihrer

vorjiehmlichsten Kultstätte Paphos auf der Insel Cypern.

3 5 Dioskurcn] Fgl. die Erläuterungen zu v. S9 der Hymne an die Menschheit und 5

zu V. 47 f . der Hymne an die Freundschaft.

4 7 Und t r ü m m c r t Felsenberge n i e d e r ] Fgl. Lied der Liebe v. S7: Liehe t r ü m -

m e r t Felsen nieder (— Hymne an die Liebe v. ^7).

66 P e p r o m e n e ] Vgl. An Hiller (S. 173-17S) v. iS und die Erläuterung z. St.

7 3 — 8 0 Diese Strophe entspricht der dritten (v. 17—24), als heroisches Bekenntnis 10

des Dichters selbst ("dieses Herz!) zu der dort allgemein hingestellten Notwendigkeit

des Sonnenbrandes und des Kampfes, als heroisches Bekenntnis zum Schiksaal bei

k a r g e m Glüke.

76 Sprosse Gottes] Vgl. Hymne an die Menschheit v. 8y (s. die Lesarten): der

G ö t t e r Sprosse. 15

81—84 Hölderlins Grabschrift, von seinem Halbbruder Carl v. Gock ausgewählt.

8 5 Hier blutet oft der Adler S c h w i n g e ] Vgl. Elegie v. 103 f . : K o m m ! es war

wie ein T r a u m ! die blutenden Filtige sind ja Schon genesen ("= Menons Kla-

gen um Diotima v. IIS f.).

PREUNDESWUNSCH 20

In dem undatierten, vermutlich Anfang April 1794 geschriebenen Brief an Neuffer

("Ich glaube die Stunde . . .), der am Schluß das Gedicht »An Neuffer. Im Merz.

1794« enthält, schreibt Hölderlin: M i c h b e s c h ä f t i g t jezt beinahe einzig m e i n

R o m a n {der Hyperion') . . . Das G e d i c h t f ü r Deine Selma schik' ich war-

scheinlich ü b e r 8 T a g e . D e r Botentag übei-raschte m i c h , ehe (ich) eine kleine 25

Verbesserung d a m i t vornemen konnte. I c h m u ß Dicli zum voraus u m Deine

N a c h s i c h t b i t t e n , lieber B r u d e r ! Es wird Dir u n b e g r e i f l i c h scheinen, daß

m a n Deine Selma so schlecht besingen könne, oder doch so m i t t e l m ä s i g . —

Dem nächsten, ebenfalls undatierten Brief, der geschrieben wird, nachdem Das

Schiksaal an Schiller abgesandt ist, liegt dann das vollendete Liedchen bei: H i e r , 50

lieber B r u d e r ! hast Du das Kind des Frülings und der F r e u n d s c h a f t , das

Liedchen an Deine Selma. Freilich sollte ein solcher Vater und eine solche

M u t t e r e h e r einen Adon, wie Bürgers hohes Lied, als einen solchen a r m e n

486
Freundcswunsch 1S7-1SS

Schelm erzeugen. Übrigens bin ich zufrieden, wenn n u r eine ganz kleine

Spur seines Vaters und seiner M u t t e r m e r k b a r ist in ilim. — j^m Schluß des

Briefes: Introduzire mein Liedchen so gut als möglich bei Deiner Sclma, daß

sie nicht zürnt. - NeuJJcr an Hölderlin, hJuni 1794: Für das kleine G e d i c h t -

5 d i e n an m i c h {An Neujfcr. Im Merz. 1794) danke ich Dir herzlich. E r f ü l l '

einmal Dein Versprechen und weihe m i r ein größeres. Selma wird f ü r das

I h r i g e selbst danken.

Überlieferung

J^ : Taschenbuch für häusliche wid gesellschaftliche Freuden von Carl Lang.

10 Heilbronn am Neckar beim Verfasser. 1797. (Der gestochene Titel vor dem

Kalendarium lautet »Almanach und Taschenbuch . . .« usw. und gibt im Ver-

lagsvermerk, an erster Stelle, noch an: »Frarxhfurt am Mayn bei Guilhau-

mann«.) S. ISS—186, unterschrieben: Hölderlin. — Die Verse mit stumpfem

Reim sind immer eingerückt.

15 J'^ : 'Taschenbuch von der Donau Auf das .Jahr IS 24 Herausgegeben von Ludwig

Neuffer Ulm in der Stettin^sehen Buchhandlung. S. 227—22S, unter-

schrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: F r ü h l i n g (J'-^), Strahl (J^).

Les arten

2U Überschrift: Freundes W u n s c h . AnRosine St. — (im Inhaltsverzeichnis :Frcun-

des-Wunsch. An Rosine St. —) J^ E i n e r abwesenden Freundin (1794.) J-

8 E r d e n k i n d e r ] Erden Kinder J^ 14 Mondensclummer] Mondeii-

scheine J'^ 19 deO] es J^ 20 d i r ] uns J^ 21 Sieh,] Denn J^

2 2 Schöner die Erwiihllen] Schönes Auserwahlte J^ 34 Webe] Wehe J'

25 3 7 Sorge] Sorgen J^

Erläuterungen

Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Freundschaft: siehe dort die

Erläuterung.

Das Lied ist Rosine Stäudlin, der Schwester Gotthold Friedrich Stäudlins, gewidmet,

30 der Braut Neuffers, der ihr den poetischen Namen Sehna beigelegt hat. — Bürgers

Lied, worauf Hölderiin im Begleitbrief anspielt, ist überschrieben: Das hohe Lied

von der Einzigen, im Geist vnid Herzen e m p f a n g e n am Altare der V e r m ä h -

lung. In der }. Strophe gebietet der Dichter: Schweig', o Chor der Nachtigallen!

M i r nur lausche jedes O h r ! . . in der vorletzten von 42 zehnzeiligen Strophen

35 begrüßt er seinen schönsten Sohn, eben das hohe Lied; Ah, nun bist du m i r

487
187—190 Freundeswunsch. D e r Gott der J u g e n d

geboren, Schön, ein geistiger Adon! (In der verkürzten Form des übrigens sehr

wahrscheinlich semitischen Namens klingt vielleicht absichtlich griech. ädcbv oder

ärjödiv — Nachtigall, Lied an.)

DER GOTT DER JUGEND

Hölderlin an Neuffer, Waltershausen, den 10. Oktober 1794: Jezt bin ich an einer 5

U m a r b e i t u n g meines Gedichts an den Genius der Jugend. — Das vollendete

Gedicht scheint dem Nürtinger Brief vom 4. September 179S an Schiller beigelegt

worden zu sein, der es zur Prüfung für den Almanach sogleich an i'Vilhelm von Hum-

boldt weitergibt (vgl. desseti Brief an Schiller vom 28. September 179}).

Überlieferung ^Q

H: Stuttgart I 20: Einzelblatt 19 x 26,S cm, nur die linke Kante unbeschniUen;

gelbliches, feingeripptes Papier; J-Vasserzeichen: in der Mitte kleines Post-

hornwappen, das ganze Blatt mit Ranken umrahmt.

Entwurf, auf beiden Seiten in zwei Spalten niedergeschrieben.

J: Musen-Almanach für das Jahr 17 96. Herausgegeben von Schiller. Neustrelitz, 15

bei dem Hof buchhändler Michaelis. S. 1S2—1SS, unterschrieben: Hölderlin.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: selig, Melodieen, Frühling, kühlte,

Flut, Myrtensträuche.
Lesarten

1 —8: Statt dieser einen Strophe werden zunächst drei entworfen: 20

Ist dir in goldnen Stunden

N o c h oft, als bebtest du

Vom (1) Staube losgewunden

(2) S t u r m e weggeschwunden

D e m (1) stillen Haine zu, 25

(2) Friedenshaine l u ,

W o , von der E r d ' entflohen

(unterstr.:) M a n c h h i m m l i s c h e Gestalt

M i t seeligen HeroSn

I m Rosenlichte wallt. 30

E n t f a l t e n dir die Keime

D e r Lieb' im Lenze sich

488
D e r Gott der Jugend 1S9-190

Umwallen (1) goldiicii

(2) goldnc T r ä u m e ,

W i e (1) Morgciiwölkle

(2) Morgcnwöikchen, dich,

5 (imlcrstr.:) Fiilst du mit Irunkncm Ahnen

(untcrstr.:) Der Schönheit tiefsten Sinn,

(imterstr.:) Das Liicheln und das M a h n e n

(untcrstr.:) Der hohen Zauberin;

G e h n oft im D ä m m e r l i c h t e ,

10 W e n n in der Frülingsnacht ("Frülings untcrstr.)

Für friedliche Gesichte

Dein liebend Auge w a c h t

Vor dir der Freunde Manen

Und, wie der Sterne Chor,

15 Die Geister der Titanen

Des (1) At

(2) Altertums empor, H

9-12: Diese vier Verse werden in der rechten Spalte der Vorderseite, unter der

(endgültig) dritten Strophe (v. 17—24), in weitem Abstand von ihr und

20 wohl später als sie, in zwei Ansätzen entworfen:

I : (1) W i r d da, wo sich im Schönen

Das Heilige verhüllt,

(a) Das ewig rege Sehnen

(a) Dir f r e u d i g oft gestillt,

25 (ß) Der Liebe dir gestillt,

(b) Dir oft das rege Sehnen

Der Endlichkeit gestillt,

(2) W i r d oft

I I : W i r d oft, wo sich i m Schönen

30 Das (1) d

(2) Heilige verhüllt

Das ewig rege Sehnen

(1) M i t

(2) D e r Freude dir gestillt, H

489
1S9-190 Der Gott der Jugend

13-16: fehlt H 18 blüthenrcichstcnjblütereiclisten/:/ Hain,] Hain / /


20 O p f e r w e i n ! ] Opferwein H

21.22: M a n c h ' liebend Herz veraltet, N o c h schlägt es heilig dir, H

23 Gott aus ^(u^cnti) H 24 dir und m i r ] (1) m i r und dir (2) Text, durch

Nummern umgestellt il ^

-Z2: fehlt, statt dessen:

(1) In (2) Ihn feiert nah und ferne.

A u f g o l d b e b l ü m t e r Flur,

I m stillen Piaum der Sterne

D i e seelige Natur;

N o c h schwand von i h r e m Bilde

D e r Jugend Blüte n i c h t .

So wahr ihr Freud' tmd Milde

Aus j e d e m Zuge spricht,

(Zwischenraum für etwa vier Zeilen) ^^

N o c h kehrt des Friedens Bogen

Und heute, wie zuvor.

F l a m m t aus den Meereswoogen

(1) Der

(2) Das Morgenroth e m p o r . Ii 20

33-40: Zwei Ansätze:

I: (l)Ist

(2) N o c h wie (a) Ansatz zu d ( ? )

(b) in Piatons Hallen

Ist (1) wieder, ^^

(unterStr.:) (2) von (a) Ansatz zu d

(b) Ansatz zu W ( ? )

(c) des Winters Nacht

M i t (1) B1

(2) ihren Blüten allen ^0

(unterstr.:) Zu s ü ß e m Spiel erwacht

M i t allen Seeligkeiten

Der holden Cypria,

Die Glorie der Zeiten,

D i e Zeit der L i e b e da.

490
D e r Gott der J u g e n d 1S9-190

II: Text, wahrscheinlich spater als die Schlußstrophe I'I

33 Und] Noch, H 3 5 Bcg^-iiDt] Begriist H 3 6 Liebe aus dem Ansatz

zuS(?) H 37 a\\c]a\\cr (Schreibfehler) H 38 Und,] Und H sanft]

sunt (Schreibfehler) PI Schwan,] Schwan H 39 Cephissiis] Ilissus H

5 Ccpliisus J Oliven] Oliven, H 4 0 iVIyrthenstrüuche] Rosensträuclie H

r a n n ; ] rann, (Komma aus Punkt) H

4 1 - 4 8 : fehlt Irl
5 1 gieO'] gieß H Schaale nus Schalle II 54 Das Bild der E r d e ] Des

Friilings W o n n e II dir,] dir II 5 5 Tier aus dem Ansatz zui II Jiigend

10 aus dem Ansatz zu G II


Erläuterungen

Das Gedicht ist nicht etwa eine zweite Fassung der Jfymne an den Genius der Jugend,

sondern wirklich eine U m a r b e i t u n g von Grund aus. Der sich nun allmählich voll-

ziehende Stilwandcl, die »Dämpfung, Milderung, Erweichung« (Seckel S. 114) des

15 hymnisch harten Tons, wird daran besonders deutlich. Die elegische Melodie des

wiederholten Nocli (vgl. die Erläuterung zu v. 49—SO der Ifymne an den Genius

der Jugend) fügt sich leichter zu der Grundmelodie, welche auch ein andres Silben-

maß verlangte als die hymnische Behandlung des Gegenstands.

Das Silbenmaß, S dreifitßige Jamben in der Reimordnung a b a b, c d c d, klingend

20 und stumpf in regelmäßigem IVeclisel, kommt bei Hölderlin nur in diesem Gedicht

vor, in Matthissons Gedichten aber sehr häufig.

Schillers Rezension der Gedichte Matthissons, die am 11. und 12. September 1794

in der (Jenaischen) Allgemeinen Litcratur-'Aeitung erschienen war, mag Hölderlin

ernuuigt haben, in dem neuen Ton fortzufahren: keinesfalls hat sie den Stilwandel

25 veranlaJJt; denn daß schon das Liedchen An eine Rose und noch andere Gedichte

an Matthisson anklingen, ist längst bemerkt worden (vgl. Grosch S. 40 f.). — Die

Nachahmung beschränkt sich jedoch auf einige äußerliche Requisiten und das

Silbenmaß. Ein wesentlicher Unterschied, wodurch Hölderlin seine Eigenart be-

hauptet, liegt darin, daß bei Matthisson in den dreifißigen Jamben allermeistens

50 zwei Silben stark betont sind, während bei Hölderlin die Verse mit einem einzigen

Gipfelton überwiegen.

21 N o c h ] Das IVort wird wiederholt v. 24, 41, 4S, 46, S^, S6 (siehe oben

Zeile IS f.).

25 T i b u r ] Heute: Tivoli, an eine/n Nebenfluß des Tibers, dem Anio (v. 32), ge-

55 legen, der dort in den berühmten IVasserfällen herniederstürzt; Lieblingsaufenthalt

491
189-193 D e r Gott der J u g e n d . An die N a t u r

des Horaz^ der Tibur in seinen Oden immer wieder erwähnt, auch in den beiden von

Hölderlin übersetzten: . . wann m i r n u r eijist T i b u r / E r b a u t von Argiver Colo-

nion / Die R u h e s t ä t t e meines Alters ist, / Das Ziel des Manns, den M e e r und

Straßen / Müde g c n i a c h t und der Kriegsdienst (carm. 2, 6); Aber die das

f r u c h t b a r e T i b u r vorüber fließen, / Die Wasser und die dichten Loken der S

Maine, / W e r d e n ihn treflich bilden zum Aeolischen Liede (carm. 4, i).

3 9 Cophissus] Hwnholdt an Schiller, 2S. September 179S: . . das Hölderlinsche

(Gedicht Der Gott der Jugend) h a t ein sehr a n g e n e h m e s Silbenmaaß. Eine

Stelle darin habe ich vorläufig geändert. Es h e i ß t , daß der Cephissus u m

P i a t o n s Hallen, und durch O l i v e n floß; beides kann er n i c h t , da er ein 10

B ö o t i s c h e r Fluß war. Ich habe Ilissus gesetzt, doch warte ich vor dem Ab-

druck erst I h r e Antwort ab, ob Sie etwas dagegen haben. — Es gab zwar in

Böotien auch einen Kt](pt.(7ÖQ, in Jttika jedoch — was Humboldt nicht gegenwärtig

ist — sogar zwei Flüsse desselben Namens. Hölderlin meint den größeren von beiden

(heute: Podoniphti), der bei Munychia in die Bucht von Phaleron mündet. Er fließt 15

nördlich und westlich von Athen und nimmt den südlich der Stadt fließenden Bach

Ilissus als Nebenfluß auf. — Übrigens hat Hölderlin selbst zuerst den Ilissus setzen

wollen — vgl. die Lesarten.

49-56 Wiederaufnahme der }. Strophe (v. 17-24).

AN D I E N A T U R 20

Das Gedicht ist, wie aus Wilhelm von Humboldts Brief an Schiller vom 2. Oktober

179S hervorgeht, auf demselben Blatt (wohl Doppelblatt) wie Der Gott der Jugend

an Schiller gesandt worden, vermutlich am 4. September 179S. Humboldt schreibt:

. . Dasselbemal (in Ihrer vorletzten Lieferung) schickten Sie m i r zwei Stücke

von Hölderlin: d e r G o t t d e r J u g e n d und a n die N a t u r . Das E r s t e r e h a t t e 25

ich schon f r ü h e r b e k o m m e n , und das Letztere h a t t e n Sie durclistrichen. Ich

bin nun in Ungewißheit, ob Sie es f r ü h e r d u r c h s t r i c h e n h a t t e n , und nun doch

g e d r u c k t wissen wollen, oder ob Sie vergessen h a t t e n , daß Sie m i r den Gott

der Jugend schon geschickt h a t t e n (wohl eine Abschrift} und jenes n u r m i t -

geschickt h a t t e n , weil es auf demselben Blatt stand. I c h behalte es, bis ich. 30

Antwort erhalte, u m so m e h r zurück, als es m i r , ob es gleich gewiß n i c h t

ohne poetisches Verdienst ist, doch im Ganzen m a t t scheint, und so sehr an

492
An die N a t u r 191-19J

die G ö t t e r Gricclienlaiids e r i n n e r t , eine E r i n n e r u n g , die ilim selir nach-

theilig ist.

Hölderlin an Neujfcr, im März 1796: D a ß Scliiller den PliaBton {Übersetzung

aus Ovirli Metamorphosen in Stanzen} niclit a u f n a h m , daran liat er niclit Un-

5 r e c h t getlian, und er h ä t t e noch besser getlian, wenn er m i c h gar nie m i t dem

albernen Probleme geplagt hiittc; daß er aber das G e d i c h t an die N a t u r niclit

{aufnahm,} daran liat er, meines Bedünkens nicht r e c h t g e t h a n . Übrigens ist

es ziemlich unbedeutend, ob ein G e d i c h t m e h r oder weniger von uns in

Schillers Allmanaclie steht. W i r werden doch, was wir werden sollen.

II) Überlieferung

h : Stuttgart Landesbibliothek cod. poet. 4" Nr. 196 (Gustav Schlesiers Nachlaß)

ßl. 114^: V. 2S—S2, von Schlesier aus einer eigenhändigen Handschrift

— wohl vor 1S46 — abgeschrieben, die sicherlich auch Christoph Schwabs Ab-

druck zugrunde liegt. Schlesier nennt auf dieser Seite drei Handschriften

15 ("Unter Hölderlin's G e d i c h t e n fand ich auch:), darunter als zweite: A n

d i e N a t u r . - »Da ich noch u m deinen Schleier spielte« - 8 Verse

k 8 Zeilen. / Das G e d i c h t ist noch m a t t e r , als ich n a c h H u m b o l d t ' s

Ä u ß e r u n g m i r gedacht. Der 4 l e Vers jedoch ist k r ä f t i g ; er h e i ß t : . . .

es folgt die Abschrift der 4. Strophe.

20 Zu Schlesiers Nachlaß vgl. IVilhelm Böhm: Hölderlin. Aus Gustav Schlesiers

Nachlaß. Deutsche Rundschau 49 (192}) S. 6S-S4; 177-197.

B' : Friedrich Hölderlin's sämmtliche PVerke, hg. von Christoph Theodor Schwab,

Stuttgart und Tübingen 1S46, I I , 14-16.

Hölderlins Schreibung ist gegen B^ wiederhergestellt worden: hieng, u m f i e n g (statt

25 hing, umfingt, O t h e m (statt O d e m J , naltt (statt nackt), Haide (so auch Schle-

sier, statt Heide), Schoos (so auch Schlesier, .<:tatt Schooß), AVooge (statt Woge),

Oiean (statt Ocean), seid (statt seyd), E r n d t e (statt E r n t e ) ; / e r n c r sind die

Anredepronomina klein geschrieben (in B' groß).

Erläuterungen

30 Das Silbenmaß ist dasselbe wie in der Hymne an die Göttin der Harmonie: siehe dort

die Erläuterung.

Am Schluß der vierten von acht Strophen, also genau in der Mitte des Gedichtes, steht

bedeutsam der Anruf: Seele der N a t u r ! In Jena, wo Fichte die Natur als bloßes

493
191-198 An die N a t u r . An die U n e r k a n n t e

Nicht-ich aufzufassen lehrte, hatte Hölderlin, auch unter dem Einfluß des natur-

fremden Schiller, seine ursprünglich innige Beziehung zur Seele der N a t u r ver-

loren. — Unschuldiger W e i s e h a t t e m i c h die Schule des Schiksaals und der

Weisen u n g e r e c h t und tyrannisch gegen die N a t u r g e m a c h t . So beginnt der

Prosa-Entwurf zu der wahrscheinlich noch in Jena entstandenen metrischen Fassung 5

des Hyperion. — Am 20. November 1796 schreibt Hölderlin aus Frankfurt an Hegel:

Es ist r e c h t g u t , daß m i c h . . . die Luftgeister m i t den metaphysischen Flü-

geln, die m i c h aus Jena geleiteten, seitdem ich in F r a n k f u r t bin, verlassen

haben. — Das Gedicht An die Natur ist der Anfang dieser Genesung. In der Klage

um die scheinbar unwiederbringlich Verlorene wird er ihres Wertes eigentlich inne. 10

Die folgenden Gedichte gewinnen die jugendliche W e l t mehr und mehr zurück, bis

es in dem Gedicht Diotima heißt: W i e so anders ists geworden!

Vgl. Böhm 1169—171 und, besonders über das Verhältnis dieses Gedichtes zu Schil-

lers Göttern Griechenlandes, Michel S. 1SS—U7.

37-40 da stürzt' ich . . . In die A r m e der Unendlichkeit] Vgl. Hyperions 15

Jugend, S. Kapitel: a c h ! wenn m a n so Hand in Hand hinaneilte in die A r m e

des Unendlichen — Das Gedicht An die Natur ist gleichzeitig mit dieser Fassung

des Hyperion entstanden.

AN D I E UNERKANNTE

Außere Anzeichen der Entstehungszeit sind nicht vorhanden. Das Gedicht wird hier 20

aus inneren Gründen an den Anfang der Frankfurter Zeit gesetzt (vgl. die Erläute-

rungen). Es gehört wohl, wie auch Zinkernagel (in den ungedruckten Anmerkungen

zu seiner Ausgabe) vermutet, zu den unglüklichen Versen, die keinen Plaz finden

konnten in Schillers Almanach, und die Hölderlin, nach der Übersendung am

24. Juli 1796 ohne jede Nachricht gelassen, am 20. November 1796 schmerzlich 25

enttäuscht zurückerbittet.

Überlieferung

II: Stuttgart 131: Einzclblatt 17,7 x 21,S cm, obere und linke Kante beschnit-

ten; festes, gelbliches, geripptes Papier ohne Wasserzeichen; beide Seiten be-

schrieben. 30

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart {1596), 17S-76.

494
An die U n e r k a n n t e 197-19S

Lesarten

4 löwcnkühnc] (1) königlich (2) löwcnküline (3) riesen über gcstr. löwen

ricscn wieder gestr, H 5 Flüge aus Siege H 6 der T a g ü/jcr ^«(r.;

sein Liclit H überschwebt?] überschvvebt. H 12 b l i k t ? ] blikt. H

5 1 3 Die aus Der LI 15 sein aus dem Ansatz zu cl(as) I'I

16-18: (1) Die dem Lebensliede seine Weise

Die sein T a g e w e r k dem BienenfleiDe

Und der R u h ' ihr volles Maas b e s t i m m t .

(2) W e n n er uns des Lebensliedes Weise

10 Und das T a g e w e r k dem Bienenfleiße

Und der R u h ' i h r volles Maas b e s t i m m t .

(3) später ah die folgenden Verse (v. 17 am rcchten Rande, v. IS in der

Lücke zwischen den Stropheil):

Die dem Lebensliede seine Weise

15 Die das Maas der R u h e , wie dem Fleiße

(a) D u r c h den Götterboten u n s e m Geist bestirnt.

(b) das H/permetron wird durch Abtrennung der Fersfüße und Strei-

chung des überflüssigen gekennzeichnet:

D u r c h den | G ö t t e r | [boten] | u n s e m | Geist be | stimt.

20 (c) am rechten Rand das PFort M i t t l e r (wohl für Götterboten ein-

zusetzen) I'I

2 4 b r i n g t ? ] bringt. / / 26: (1) M i t (2) Die m i t Freude L C?) (3) m i t

der Freude b c ß r e r Regionen H 30 im Augenblik über gestr.: vollendet

und II e r f ü l l t ? ] erfüllt. H 35 Und über gestr. Die H 36 löst?]

25 löst. II 39: (1) I n d e r s {2) Text II 42 b e w a h r t ? ] bewahrt. H

Erläuterungen

Das Silbenmaß, 6 fünffüßige Trochäen, in der Reitnordnung a a b c c b (a und c

klingend, b stumpf), kommt nur in diesem Gedicht vor.

Die Frage, wer mit der Unerkannten gemeint sei, wird von den Erklärern verschieden

30 beantwortet: Marie Joachimi-Dege (in den Anmerkungen zu ihrer Ausgabe 1909)

nennt die Poesie, Lehmann (S. 91 f . ) die Seele der Natur, Böhm (1176) die ästhe-

tische Idee der Schönheit, Zinkernagel (in den ungedruckten Anmerkungen) die

Vernunft im kritizistischen Sinne, Michel (S. 12S f . ) die Schönheit, jedoch der-

495
197—200 An die U n e r k a n n t e . An Herkules

gestalt, »daß sich andre Ideen, Geister und Mächte, wie die ,Harmonie' (Urania)

oder die ,Eine allumfassende Gottheit', liebend um sie drängen«.

Man muß wohl, wie es Lehmann richtig tut, von der Überlegung ausgehen, von

welcher göttlichen Macht Hölderlin in und besonders nach der Jenaer Zeit glauben

konnte, sie sei von den Menschen und auch von ihm selbst »unerkannt •.<, ja verkannt. 5

Das kann die Poesie so wenig sein wie die Vernunft; auch die Schönheit ist, gerade

im Hinblick auf den damals entstehenden Hyperion, nicht verkannt. Es ist wirklich

die im vorigen Gedicht wehmütig angerufene, als verloren beklagte Seele der N a t u r ,

deren heilende Macht der Dichter, schiffbrüchig geworden wie Odysseus (v. 22—24),

nun wiederzuerkennen beginnt: sie lebt wandellos in stiller Schöne (v. 1-^), sie 10

ist höher als menschliches Fühlen und Denken (v. 4—6), sie ist die Richtschnur für

menschliches Handeln (v. 7—9), sie gibt den PVeisen, die in der Spekulation den IVeg

verlieren, sogleich wieder die gemäße Orientierung (v. 10—12), sie bestimmt dem

Willen wie dem Urteil, der Ruhe wie dem Fleiße letztlich das Maß (v. 13 -IS), sie

verjüngt den in des Lebens Leere ertöteten Sinn mit Hoffnungen (v. 19—21) und 15

bringt den, der im Sturm des Lebens Schiffbruch erlitten hat, wieder zur inneren

Ruhe — wie Odysseus in Alcinous Gefilde, ins Land der Phüaken, gebracht wird

(v. 22—24), sie verleiht dem, der sie fromm verehrt, schon in diesem Leben die

F r e u d e b e ß r c r Regionen und erfüllt die Wünsche seiner Liebe und seines Strebens

(v. 2S-30), sie bringt die Kindheit zurück (v. 31; vgl. An die Natur v. 41-4S), 20

sie hält trotz aller selbstherrlichen Irrungen des Geistes die Verbindung mit den Göt-

tern aufrecht (v. 32 f . ) und tröstet den vom Schicksal hart getroffenen Kämpfer, dem

ohne sie das Herz verwildern müßte (v. 34-36), mit ihrem Frieden, den sie unzer-

störbar bewahrt (v. 37—42).

2 0 die welken S c h l ä f e ] Vgl. Hymne an den Genius Griechenlands v. 20 und die 25

Erläuterung z. St.

<AN H E R K U L E S )

Den Anstoß dazu, dem in den Hymnen Dem Genius der Kühnheit (v. 13—16) und

Das Schiksaal (v. 9—16) schon bedeutsam erwähnten Halbgott eine eigene Hymne zu

weihen, gibt die wohl in der ersten Frankfurter Zeit entstandene Übersetzung aus 30

Ovids Heroiden: Dejanira an Herkules, von deren Niederschrift die (die Übersetzung

unterbrechende) Hynme, außer der letzten Strophe, eingeschlossen wird — vgl. die

Beschreibung der Handschrift. — Auch dieses Gedicht gehört wahrscheinlich zu den

496
An H e r k u l e s 199-200

von Schiller zurückgewiesenen (vgl. die einleitende Bemerkung zu dem vorigen Ge-

dicht).

Uberlief erun g

H: Stuttgart I 32 ßl. 32, 1 u. 32,

5 Beschreibung der Handschrift: Ein Heft, 18 x 22,S cm; 19 Blatter. Das erste

Blatt ist einzeln, auch (an der oberen Kante) anders beschnitten als die. übri-

gen 9 ineinandcrgelegten Doppelblälter, die neuerdings foliiert sind: S2, 1 bis

32, 18. Das gelbliche, feingerippte Papier zeigt (in den Forder- und Hück-

blättern der S ursprünglichen Foliodoppelblätter, aus denen das Heft gewonnen

10 ist) zwei verschiedene Wasserzeichen: 1. zwei gekrönte, aufrecht stehende

Löwen halten eine große Krone über eine Lilie; H. If M, dazwischen Doppel-

kreuz, aus einem Herzen aufsteigend. Die IVasserzeichen verteilen .fich fol-

gendermaßen: Das Einzelblatt zeigt einen geringen Rest von II (Herz);

Bl. 1118,2117, 3ll6,4jlS tragcndas'LeichenNr. I;Bl. S jlA, öj! >: Nr. H;

15 bis hierher ist (nur) die obere Kante der Doppelblätter mit einem und demselben

Schnitt beschnitten; die drei inneren Doppelblätter sind (nur) an der unteren

Kante, ebenfalls mit einem und demselben Schnitt, beschnitten; Bl. 7112:

IVasserzeichen Nr. 1; Bl. 8lll, 9110: Nr. H.

Das Einzelblatt enthält (auf beiden Seiten) Dejanira an Herkules v. 1—26.

20 Inhalt des übrigen Heftes: Bl. i ' " ; (An Herkules) v.'l-40; Bl. 2: Dejanira

an Herkules v. 27—42 (auf der Rückseite stehen nur 2 Zeilen, sonst'nichts);

Bl. 3'": Nisus und Euryalus v. 1-2S; Bl. 4^ (oberes Drittel): (.'In Herkules)

v. 41—4S; darunter: Die Eichbäume v. 1—8; Bl. 4®; Nisus und Eurj-alus

v. 26-3 f ; Bl. S': Die Eichbäume v. 9-12; Nisus und Euryalus v. 36-47;

25 Bl. Nisus und Euryalus v. 48-1S3 (auf Bl. 9, von v. 140 an, Blei-

schrift); auf Bl. 9" nur ein Vers, das übrige ist leer, auch die folgenden Blätter

bis 13". — Oie-Blätter 14-18 sind umgekehrt, von hinten herein, beschrieben,

und zwar steht auf Bl. 18" der Bleistiftentwurf einer Forrede: Meist haben

sicli Diclitcr zu Anfang . . . (dieses Stück ist in der Schriftrichtung der

30 Blätter 1-9 geschrieben!); BL 18': leer; Bl. 17»-14': (Aus der Hckuba des

Euripides} (auf Bl. 14' nur noch S Ferse, sonst nichts; v. 3S—40 mit Blei

geschrieben).

Erster Druck: Karl Müller-Rastatt: Aus dem Nachlasse von Friedrich Hölderlin.

Blätter für literarische Unterhaltung 1893 Nr. 27 (S.Juli) S. 417-420, ins-

35 besondre S. 420.

497
199-200 An H e r k u l e s

Lesarten

Überschrift: fehlt H 3: (1) Habe D a n k ! du hast den Knaben (2) r e i t //

5—8 '• am rechten Rand für gcstr. urspriingl.:

Und m i r b r e c h e n , stark und groß

W i e die "Wetterflamine, T h a t e n 5

Aus der (1) W (2) Jugend Wolke los. H

7 Blize,] Blize H 9 Adler aus Ale H

10-12: (1) W e n n i h r blixend Auge t a g t

Auf die k ü h n e n W a n d e r u n g e n

aus d e m Neste jagt, 10

(2) funkelnd über gestr. blixend

[freien] über nicht gcstr. kiilinen

Zürnend, in die Liücke eingesetzt

(5) am rechten Rand;

W e n n der Funk' i m Auge k l i m m t . 15

In den f r o h e n A e t h e r n i m m t , H

1 3 Nimmst über gestr. Treibst H 1 4 der M u t t e r ] (1) des Vaters (2) M u t -

t e r über gestr. Vaters H 1 6 Halbgott aus Habl H

17—24: in einem späteren Ansatz für die folgenden anderthalb Strophen, mit

denen der Entwurf zunächst geschlossen hatte; die zuerst nicdergeschrie- 20

henen Verse sind gestrichen, 17e—h mit fast tintenleerer Feder:

1 7 a : Höre was ich nun beginne (1), (2)!

W i e der Pfeil i m Köcher liegt

c : M i r ein stolxer Jlath i m Sinne,

Der m i c h tödtet oder siegt, 25

e : W a s du, glüklicher geschaffen,

Als der Göttersohn vollbracht,

g : F ü h r ' icli aus m i t eignen W a f f e n ,

M i t des (1) Menschen M u t h

(2) Herzens Lust und M a c h t . 30

i : Blin (: verschrieben statt Bin) ich gleich, wie du, in Freude

N i c h t von Jupiter erzeugt.

498
An Herkules. Die Eichbaume 199-201

1 : Dcnnoch krönt ein Sinn uns beide,

Den (1) der H i m m e l selbst n i c h t beugt,

(2) kein Atlas niederbeugt. H

1 8 Ohr?] Fragezeichen aus Änrnrna I i 2 8 erzog dem Siege m i c h ?] (1) er-

5 'JOg >md ( L M c ; m i c h ? {2) Text Ii 3 0 saß für gestr. lag I i 32 maß

aus niaa I i 33 Wiis aus W e { r ) I i 3 5 bewog aus beg I i 36 Nach

aus 7i I i e m p o r ? ] empor, I i H—^Ql quer am linken Rand Ii

Erläuterungen

Das Silbewnaß ist dasselbe wie in der Ifyrnne an die Freundschaft: siehe dort die

10 Erläuterung.

Das Gedicht bezeugt, in der Gewinnung eines tatigen Selbstbewußtseins, einen

weiteren Fortschritt der inneren Genesung.

1 In der Kindheit Schlaf b e g r a b e n ] Einfluß der gleichzeitigen Virgil-Über-

setzung (Nisus und Euryalus — s. die Beschreibung der Handschrift); j^eneis 9,1S9:

15 somno vinoque sepulti — Hölderlin v. begraben vom W e i n und dem Schlafe;

9, 2S6 (67): begraben in W e i n und S c h l u m m e r . Kg/, auch Aen. 2, 26S.

7 Kronion] Sohn des Kronos: Zeus.

1 0 k l i m m t ] Grimms Deutsches M^örterbuch IV1, / Sp. S6 f . verzeichnet Belege

für vereinzelt begegnendes k l i m m e n (statt glimmen^ aus Fleming, Musüus und

20 IVicland. — Dazu kommt noch Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Ge-

sammelte Werke, Neue wohlfeile Ausgabe, Stuttgart und Berlin-Grunewald o. J.,

H 2,190: das A u f k l i m m e n und Vcrloschen (andre neuere Ausgaben ändern:

A u f g l i m m e n — wahrscheinlich ohne Berechtigung).

1 7 K ä m p f e r w a g e n ] Dasselbe Wort indem Gedicht An die klugen Rathgeber v. 24.

25 36 des Aethers T a g ] Vgl. das Gedicht An den Aether.

D.TE E I C H B Ä U M E

Die zeitliche Einordnung ergibt sich aus der handschriftlichen Oberlieferung — siehe

die Beschreibung der Handschrift II' (Stuttgart I ^2) S. 497.

Überlieferung

30 Ii' (v. 1-12): Stuttgart I J2 Bl. 4^ und (s. die Beschreibung 5. 497).

IP : Homburg B 19-20 (s. die Beschreibung S. 324).

IP : Stuttgart I 6 Bl. 4 (s. die Beschreibung im 2. Band, zu Beginn der Lesarten

und Erläuterungen).

499

1,32
201 Die E i c h b ä u m e

Diese Handschrift ist eine Abschrift aus den Hören ( J ) — wie die voran-

gehende Abschrift der Elegie Der Wanderer — zum Zweck einer Erweiterung,

wie der Vermerk unter der Überschrift (als P r o e m i u m zu gcbrauclien) ver-

muten läßt. Am Schluß findet sich denn auch der Versuch einer Änderung und

Fortsetzung, von der aber nur ein einziger Satz zunächst in Prosa entworfen 5

wird (vgl. die Lesarten).

J: Die Hören (hg. von Schiller) Jahrgang 1797 Zehntes Stück. Tübingen in

der J. G. Cottaischen Buchhandlung 1797. Nr. IX. S. 101, ohne Nennung

des Verfassers.

Eigentiimlichkeit der Schreibung: gebohren. lO

Lesarten

Überschrift: Die (1) Eiclien. (2) E i c h b a u m e . H^ (In dieser Handschrift ist die

Überschrift später gesetzt als der erste Ansatz zum 1. Vers) Unter der Überschrift:

als P r o e m i u m (1) g (2) 2u gebrauclicn. IP

1-3: (1) Sohn des G e b i r g s ! 15

(2) So(e)hne des Bergs

(3) S cm tiefer:

Aus (a) d e m

(b) den G ä r t e n k o m m ich h e r a u f , i h r Söhne des Berges

Aus den Wiesen, 20

(4) 1 : Von den (a) Wiesen

(b) Dörfern k o m m icli zu euch, i h r Söhne des Berges

2 : Aus den G ä r t e n , da (a) hcu{t?}

(b) lebt die N a t u r gefällig und häuslich

3 : (a) N ä h r e n d und wieder g e n ä h r t , 25

(b) Pflegend und wieder gepflegt m i t den (a) r e g s a m e n

(ß) fleißigen Men-

schen zusammen,

(5) Varianten mit blasserer Tinte, womit auch die Verse 4—12 nieder-

geschrieben sind: v. 1 Aus den G ä r t e n unterpunktet; v. 2: Von den 30

Wiesen geduldig aus gefällig I'I^

1 Berges!] Berges, I'P Berges IP 2 Aus den G ä r t e n ] Von den W i e -

sen H^ und aus ung IP häuslich,] häuslich II" 3 mit dem] mit

den

500
Die E i c h b ä u m e 201

4 H e r r l i c h e n ! ! Hcrrlichcn, I - P Herrlichen I ' P steht, wie] steht wie I ' P

5 W e l t und] W e l t , und H'-^ cuch fehlt IP Himmel,] Himmel W TP

6 niihrt'] n ä h r t I'P erzog u n d ] erzog, und I'P 7 'fon über der Zeile II'

cuch fehlt IP die Schulo der M c n s c h e n ] der M c n s c h c ( n ) Schvile über: dio

5 Schulo der Schule CScÄrcÄ/eWcr; IP

8: (1) U m

(2) Und (a) i h r driingt euch

(b) noch drängt i h r euch (a) trozig

iß) {röQilich}

lü (y) mutliig und frei aus der kräftigen

Wurzel IP

8 frei, aus] frei aus IP aus der k r ä f t i g e n W u r z e l , ] aus der kräftigen

W u r z e l IP aus k r ä f t i g e r Wurzel, IP

9 Unter einander bis 1 2 von e u c h , ]

15 (1) Nebcinander (Schreibfehler)

(2) Untereinander h e r a u f , und des G ä r t n e r s Linie scheidet

Und gesellet euch nicht in [den] allzufriedlichen Reilien.

E i n e W e l t ist jeder von cuch,

damit bricht die Handschrift ab IP

20 9.10: Unter einander h e r a u f , (1) und breitet die hcrrlichcn A r m e

(2) e r g r e i f t m i t den h e r r l i c h e n Armen

W i e (a) der (a) AI

{ß) Adler die Beute, den R a u m

(h) die Beute der Adler

25 (5) e r g r e i f t , wie der Adler die Beute,

M i t (a) dem

(h) g e w a l t i g e m A r m e den K a u m , und (a) hocli in den Wolken

iß) ('^it') Wolken

IP

30 9 herauf und] h e r a u f , und IP B e u t e , ] Beute IP 1 0 g e w a l t i g e m ] ge-

waltigen (Schreibfehler) IP B a u m , u n d ] B a u m imd IP 11 Krone]

Stirne IP 12 euch aus w IP wie nach gestr.: euch joclie die Notii

nicht, IP des aus dem Ansatz zu T (?) IP

14-17: 1: E n g e r vereint ist unten im (1) T h a l c ge

35 (2) Thal das gesellige Leben,

501
201-203 Die Eichbaume. A n den F r ü l i n g

2; (1) Stolzer steht es und

(2) Vester (a) stehet

(b) bestehet es h i e r und sorgenfreier und stolzer,

S: Denn so will es der ewige Geist, H^

14—17 eingeklammert H^ 1 4 Könnt' ich die] Könnt die H^ erdulden, 5

i c h ] erdulden ich H^ 15 W a l d u n d ] W a l d , und H^ mich fehlt H^

16 mich,] mich H^

17 wie gern würd' ich u n t e r euch w o h n e n ! ] (1) nicht gestrichen: wie g e r n

w ü r d ' ich u n t e r euch wohnen (2) darunter: wie gerne würd ich zum E i c h -

baum. H^ 10

17 a : in breitem Abstand (>,S cm) unter v. 17 steht ein Entuurf in Prosa, wahr-

scheinlich statt der eingeklammerten Verse 14-17: O daß m i r nie n i c h t altere,

d a ß der F r e u d e n daß der Gedanken u n t e r den Menschen, des (Schreibfehler

statt der ?) Lebenszeichen (1) keine (2) keins (über der Zeile: m i r j unwer(()h

werde, daß ich seiner m i c h s c h ä m t e , (1) daß (2) denn alle b r a u c h e t das 15

Herz, d a m i t es Unaussprechliches nenne. H^

Erläuterungen

Der Hexameter wird hier und in den folgenden Gedichten nach längerer Pause

wieder aufgenommen.

Schon in der Hymne an den Genius der Jugend (v. S1 f . ) erscheinen Eichbäume: 20

Und, von gleicher K r a f t (der Jugend} d u r c h d r u n g e n . Strebt und r a u s c h t der

E i c h e n h a i n . Vgl. auch Auf einer Haide geschrieben v. 9, 11, 12, 2S; DieTeh

v. 29, 39.

16.17 Fgl. die Ode Empedokles (S. 240) v. 11 f .

AN D E N F R Ü L I N G 25

Unvollendeter Entwurf, vermutlich im Frühling 1797 entstanden.

Überlieferung

H: Stuttgart 129: Einzelblatt 20 x 32,S cm, obere und untere Kante beschnitten;

gelbliches, feingeripptes Papier, sehr stockfleckig; Wasserzeichen: PEL.

Vorderseite zu gut drei Vierteln beschrieben, bis auf einen etwa 8 cm hohen 30

Streifen am unteren Rand, v. 1—26; auf der Rückseite die übrigen Verse im

unteren Viertel (auch etwa 8 cm hoch), darüber nichts.

502
An den F r ü l i n g 202-203

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart {1896) I1S2-1SL

Lesarten

la: pp. II (Dieses Zeichen für »usw.« am /Infang der Zeile deutet darauf hin,

5 daß der im Artfangsvers ausgedrückte Gedankenochweiter ausgeführt werden sollte.)

3 W c k t e aiij \Vi<rt/cr) H 4 Sie aui s i e / / 7 V o g c l g c s a n g s n u s V o g e l s n n g s / /

11 Er(j()gel'Oi""er l^is d i r ] über nicht gestr.: Auferwcker der süßen N a t u r !

Alliebender! Heil dir H 12 Heil! üicr Sielie! H tout iiier jauchzt H

1 4 wo der Strom dich p r e i ß t , ] (1) an die Blunicngcstad' (2) wo der Strom

10 ("«; dir (a) jauclr/.t (/?) tont ( i ; dich p r e i ß t / / 1 4 . 1 5 wir enthüllen du Holder

D e i n e m Liebcshauclie] (1) und (2) wir entliültcn (Schreibfehler) (a) dem

W e h e n Deines Othcnis (b) E r f r e u e r (c) du (?) Holder Deinem Liebes-

liauche H 2 0 m i t vor gcstr. m i t H nalitest] (1) nat (2) nahst (3) n a h -

test // liiminlischcr aus dem Ansatz zu d H 21 f r e u n d l i c h e r aus

15 freundicher H 22 kün aus st(o/z?) I'I Siege nach gestr. Schu H

23 f l a m m t ! ] f aus dem Ansatz vermutlich zu der DittographieB(,ergc}; Ausruf-

zeichen aus Komma H sanfterrötend aus sanfe I i 2 6 Saaten] (1) Ansatz

zu Sat (2) Saatt (3) Saaten H und sprossende R e b e n , ] (1) duftende Sträu-

c h c r (2) d u f t i g (3) u. sprossende Reben, H 2 9 gelenkt aus gelek H 32

20 f e r n h e r ] forlier H 3 3 Lispeln aus S H

Erlauterungen

1 Der in diesem Fers angedeutete Gegensatz zur eigenen Lage sollte noch weiter

ausgeführt werden: siehe die Lesarten.

die K r a f t der A r m e veralten] Vgl. Hymne an den Genius der Jugend v. I I I :

25 Jede süße K r a f t veralten.

2 E u n a l Luna, die Göttin des Mondes, liebt nach dem Mythus den schönen Jüng-

ling Endymion, dem Zeus auf seine Bitte ewigen Schlaf und ewige Jugend gewährt

hat. Allnächtlich besucht sie den Liebling in einer Höhle des karischen Berges Lat-

mos. Vgl. Apollodor. 1, 7, S; Cicero, deßnib. S, 20, SS; Tusc. disput. 1, 38, 92. -

30 Siehe auch: {Da ich ein Knabe war . . .) v. 13—IS.

5 die süße N a t u r ] Der Dichter nennt sie hier bezeichnenderweise seine Schwester,

wie er den Frühling v. 16 und 17 seinen Bruder nennt. Die Krise, die die Klage

An die Natur verursacht hatte, ist nun überwunden.

8 der freundlichen G r u ß ] Kein Schreib- oder Druckfehler: das Adjektiv ist Attri-

35 but der Natur, also: 4er f r e u n d l i c h e n {Natur) Gruß.

503
202-20S An den F r ü l i n g . An den A e t h e r

12 die Fessel] die das Eis während des Winters dem Strom angelegt hatte — vgl.

die Ode Der gefesselte Strom im 2. Band.

und t ö n t ] Damit beginnt ein konditionaler Nebensatz, dessen Subjekt der Strom

(v. IS) ist. Der unmittelbar anschließende zugehörige Hauptsatz ist nach alter

Zeichensetzung durch ein Semikolon abgetrennt. 5

1 7 — 2 6 Vgl. Hymne an die Liebe v. 29—32 und die Erläuterung z. St.

22 vom Siege der S c h a t t e n ] vom Siege über die Schatten — genetivus objectivus

wie z. B. auch in der Weisheit des Traurers v. 8: der T o d t e n Gericlit, das ist:

das Gericht über die Toten.

2 6 Nach diesem Vers wird eine ganze Folioseite leer gelassen (siehe die Beschreibung 10

der Handschrift); dann wird zu dem Schluß des Hymnus angesetzt, der aber auch

nicht ganz ausgeführt wird,

28 Helios] Der Sonnengott.

30 Perseus dort, und Herkules dort] Sternbilder.

AN D E N A E T H E R 15

Der Hymnus An den Aether und die Elegie Der Wanderer werden zusammen mit

dem eben erschienenen ersten Band des Hyperion am 20. Juni 1797 dem Brief an

Schiller beigeschlossen: M ö c h t e n die G e d i c h t e , die ich beilege, doch einer

Stelle in I h r e m Musenallmanache gewürdigt werden können! — Schiller gibt

am 27. Juni 1797 die Handschriften an Goethe weiter. Vgl. Goethes ausführliche 20

Antwort vom folgenden Tage und Schillers Brief vom 30. Juni; auch Christian

Gottfried Horner in seiner Beurteilung des Musenalmanachs für 1798 (im Brief

an Schiller vom 2S. Dezember 1797).

Überlieferung

JrP : Homburg B 12-1 f (s. die Beschreibung S. 324). 25

H^ : Homburg B lS-17 (s. die Beschreibung S. 324).

IP (v. 1-22): verschollen mit der Handschrift H^ des Gedichts Diotima (vgl.

S. S29). Gustav Schlesier hat das Blatt noch gesehen und die

Varianten verzeichnet: Stuttgart, Landesbibliothek cod. poet. 4"

Nr. 196 (Schlesiers Nachlaß) Blatt 112^. In unserm Apparat ist 30

bei diesen Varianten die Sigle eingeklammert: (li^).

504
An den Aelher 204-20S

(V.23-S2): Stuttgart U S. 1-2: Zwei Doppelblatter IS,7 (IS) x 22,S

(22,2) an, alle Kanten beschnitten; gelbliches, feingeripptes Pa-

pier; IVasserzeichen: Gekröntes Wappen mit aufgehiingtan Post-

horn C & I H O N I G

5 5. 1-2: An den Aether (v. 2>-S2); S. 2 unten (Überschrift und

4 Ferse) bis S. 7 oben (6 Ferse): Der Wanderer; S. 7 (untere

Hälfte): Buonaparte; S. S: Diotima ( D i e H e l d e n k ö n n t ' ich

n e n n e n . .); Empedokles (Ode),

h : Schwerin, Mecklenburgische Landesbibliothek: Gedichtsammlung der Prinzes-

•10 sin Auguste von Homburg, Lage 14 Blatt S''—Lage IS Blatt 2' (s. die Be-

schreibung S. 324—326); genau seitengleichc Abschrift nach J mit folgenden

Abweichungen: v. 11 W a c l i s t u h m v. 13 S t r e k t v. 30 K l e i n e n , (Komma statt

des Punktes).

J: Musen-Almunach für das Jahr 1798. herausgegeben von Schiller. Tübingen,

15 in der J. G. Cottaischen Buchhandlung. S. 131—136, unterschrieben: D.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Wachslhmw, s t r e c k t , gliicklicli, froli-

locken, i r d i s c h , r e i t z t , frey (aber f r e i e r e n ^ .

Lesarten

Überschrift: fehlt I'P-^ wahrscheinlich vorhanden I'P

20 1-11:
I: mit blasser Tinte:

u n d überall noch geleitest

H o h e r Gespiele des G o t t e s in uns, des m i i c h t i g e n Geistes

Stolz und F r e u d e d e r f r ö h l i c h e n W e l t , i m s t e r b l i c h e r A e t h e r . . I ' U

25 II: mit dunkler Tinte wird die erste Zeile des I. Ansatzes ergänzt und

gleichzeitig die Fortsetzung niedergeschrieben (die zweieinhalb Zeilen

des 1. Ansatzes werden hier nochmals abgedruckt):

1: D e r du m i c h auferzogst

u n d überall noch geleitest

30 2 : H o h e r Gespiele des G o t t e s in uns, des m ä c h t i g e n Geistes

3: (1) Stolz und F r e u d e der f r ö h l i c h e n W e l t , u n s t e r b l i c h e r A e t h e r . .

(2) Seele d e r (a) e (b) W e l t !

(5) E l e m e n t der (a) d (b) l e b e n d i g e n W e l t , u n s t e r b l i c h e r


Aether . .

505
204-205 An den Aether

4: Sieh! es r u h t , wie ein Kind, in deinem Schoose die E r d e ,

5: Süßbelebend hauchst du (1) d

(2) sie an, m i t schmeiclielnden zarten

6: Melodieen umsUusel/b/st du sie, m i t Stralen der Sonne

7 : T r ä n k e s t du sie, m i t Reegen und T h a u aus goldener Wolke. 5

8 : Und es (1) g e h e i h t (2) gedeiht vor dir ihr tausendfältiges Leben,

9: Leicht und üppig b r e i t e n vor dir, wie die knospenden Rosen

1 0 : I h r e (1) Kräfte

(2) verschloßnen K r ä f t e sich aus, und ringen und streben


11: (1) Alle nach dir e m p o r in u n a u f h a l t s a m e m W a c h s t u m . 10
(2) U n a u f h ö r l i c h hinauf nach dir in f r e u d i g e m W a c h s t u m . H^

III: in unmittelbarem Anschluß an v. 12 der ersten Fassung (S. 1) der

Handschrift, unten):

T r e u und (1) freundlich erzog

(2) zärtlich (a) u m f i e g 15

(b) u m f i e n g der G ö t t e r Pflege m e i n Leben,

Aber vor allen (1) erg (2) erzogst doch du m i t f r e u n d l i c h e r Liebe

Vater A e t h e r ! m i c h auf — (1) noch

(2) selbst ehe die freudige M u t t e r

In die A r m e m i c h n a h m und ihre Brüste m i c h tränk(£)en, H' 20

IV: auf S. 16 der Handschrift neu einsetzend:

1.2: (1) Zärtlichpflegend erzogst vor allen G ö t t e r n und Menschen

D u , o Vater A e t h e r m i c h auf;

(2) Zärtlichpflegend erzog

(5) T r e u u . f r e u n d l i c h w i e ( ( i u ) e r z o g d c r G ö t t c r / n / u n d M e n s c h e n 25

Keiner, o Vater A e t h e r m i c h auf; (a) selbst

(b) noch ehe die M u t t e r

3 : In die A r m e m i c h n a h m und i h r e Brüste m i c h t r ä n k t e n ,

4: (1) Fäßtest

(2) Faßtest du zärtlich m i c h an, und gössest (a) h i m m l i s c h e Kost 50

(b) h i m m l i s c h e n

Trank mir

5 : (1) Gössest den heiligen O t h e m m i r

(2) M i r den heiligen O t h e m zuerst in den keimenden Busen

506
An den A e l h e r 204-20S

6: N i c h t von irrtlisclier Kosl (1) g e d e i h e t e i n i i g das L e b e n

(2) g e d e i h e n einzig die W e s e n ,

7: A b e r du (1) n ä h r s t

(2) n ä h r e s t sie a l l ' m i t d e i n e m N e c t a r , o V a t e r !

5 8: (1) Alle tri<nAcn>

(2) U n d es d r i n g t sich und r i n n t (a) d u r c h alle

(b) aus d e i n e r ewigen Fülle

9 : Die beseelende L u f t (1) in

(2) d u r c h alle R ö h r e n des Lebens

10 10: D a r u m lieben die W e s e n dich (1) a l l '

(2) auch und (a) r i n g e n

(b) s u c h e n

(c) bliken und streben

11: U n a u t h ö r l i c l i liinauf n a c h (rfiV) in f r e u d i g e m W a c h s t u m .

15 W

V: 3 n a h m u n d ] n a h m , und (I'P) 7 nährst (H^) g<-'gc'i

nährest I ' P 8 drängt] dringt (H^) 1 0 r i n g e n ] bliken f / ^ ' ' ;

1 1 in f r e u d i g e m ] im f r e u d i g e n ( f P )

VI: Text C5 O t h e m ] O d e m ; J

20 12-23: fehlt IrP

12 H i n \ m l i s c h o r Uber L i e b e n d e r IP P f l a n z e , ] Pflanze //' 13 die

s c h ü c h t e r n e n ] die s c h ü c h t e r n e I'P n i e d r i g e ] knospende I'P nicht?]

nicht / / ' 14 finde, z e r b r i c h t ] finde z e r b r i c h t , z e r b r i c h t « u i zerz

15 er b e l e b t von d i r ] er, b e l e b t von dir, Ii' Welle] Wooge H' (I'P)

25 17 h ü p f e n ] h ü p f e n d CSc/irciA/c/i/er^ I'P 1 8 . 1 9 als b e g e h r t e n a u c h diese /

Aus d e r W i e g e zu d i r ; ] (1) als (a) b e g e h r t e n (b) s u c h t e n a u c h sie d i c h , / G o t l -

l i c h r e i n E l e m e n t ! (2) als (a) s t r e b t e n (b) v e r l a n g t e n (5) als b e g e h r t e n a u c h

diese / Aus d e r W i e g e zu dir IP 19 Wiege] Wooge (I'P) a u c h Uber

gestr. und IP 20 S c h r i t t , w e n n ] S c h r i t t wenn H' gewaltige aus ge-

30 waltigen IP

21: (1) N a c h d<i>>

(2) D i r ei\\.{gcgcit}

(3) Auf n a c h d i r sie e r g r e i f t

(4) Die g e h e i m e L i e b e zu d i r sie e r g r e i f t sie h i n a u f z i e h t - IP

507
204-20S An den A e t h e r

22 Stolz v e r a c h t e t ] (1) Sieh! es v e r a c h t e t (2) Und es v e r a c h t e t (3) Seinen

(4) Es verachtet H ^ Es v e r a c h t e t ( H ^ ) wie nacfc g'cifr.; es strebt wie ein

Sprin^gcr") H^

2 4 - 2 6 : fehlt Hl
24a: (Wo sie vorübergehn, wird keine Pflan) H^ 24b: (Leicht, wie die 5

Ploke des W i n t e r s , durchstreift) H^

25.26: (1) H ü p f t h i n ü b e r ü b e r den Bach, (a) wo er

(b) der r e i ß e n d hinab s c h ä u m t ,

H ü p ( / ) t h e r ü b e r und schweift, wie ein (a) Zepy

{ß) Zephyr Zephyr, d u r c h 10

die G e s t r ä u c h e .

(2) H ü p f t wie ein (a) Zepy

(h) Zephyr ü b e r den Bach, der r e i ß e n d hinab

schäumt.

H i n und wieder und schweift, k a u m sichtbar d u r c h die Ge- 15

Sträuche. H^

2 6 schweift k a u m ] schweift, k a u m IrP J

2 7 - 3 6 : fehlt H^
27 A b e r ] (1) Und (2) Aber H^ Kein Absatz H' J 28 W o h n e n nach

gestr. Se H^ ewigen] blauen über nicht gestr. ewigen F P V a t e r s ! ] Va- 20

ters. H^ 2 9 bezeichnet,] bezeichnet. H^ 3 0 i m H a u ß e üicr.-in der

Hohe H^ H a u ß e ] Hause J 31: (1) E n g ' i s t die E r d e . (2) Te^-t ("fro-

loken; W 32 W u n d e r b a r ] darüber: (Thöricht) oft W h i n a u f ; ] hin-

auf - H^ 3 2 . 3 3 wie die freundliche H e i m a t h W i n k t es von oben h e r a b ]

am Rand eingefügt Ii' 32 Heimath] Heimath, 3 3 h e r a b ] h e r a b , //'S 25

33.34 und auf die Gipfel der Alpen / M ö c h t ' ich w a n d e r n ] (1) und die

Gipfel des (a) Adl (b) Atlas / M ö c h t ich suchen (2) au (3) a c h ! auf die Gipfel

der Alpen / M ö c h t ich wandern H' 3 4 dem vor gestr. de H^ eilenden]

flüchtigen H' kdler,] kXder (Schreibfehler) H' 3 5 einst i n ] einst, in J

die aus den H' Knaben,] Knaben Ii' 36 Aus der G e f a n g e n s c h a f t ] 50

darüber: Von dem d ü r f t i g e n Stern H' des Aethers Halle aus: den heiligen

Aether H'

37-47: I:
1 : Zwar, (1) wie Götterhallen, umwölben uns g r o ß die erwachs{n)cn

508
An den Aelher 204-20S

(2) es umwiilbcn uns (n) groß

(b) lioh

(c) hoch und (a) frei

{ß) leicht die heiligen alten

5 2: W ä l d e r der (1) E r d e ,

(2) E r d , (a) und uns g e h ö r t das unendliche M e e r an.

(h) und klein ists nicht, in ihnen zu wohnen.

) : (1) Dennoch wohnen wir a r m . (a) Die (a) stolze

(ß) Gestirne des hohen

10 (y) seeligen hohen Gestirne

(b) Die Helden (a) des H i m m e l s

iß) der N a c h t die Gestirne

(2) Aber über gestr. Dennoch Die Ster(nc) unter: Die Helden

4: (1) Die (a) den Aether

15 (b) des Aethers Halle bewohnen,

(2) Die zufrieden und frei (a) in des Aethers Halle sich regen,

(b) des Aethers G ä r t e n durchwandeln

; ; . ( 1 ) Fi

(2) W o h n e n h e r r l i c h allein, (a) 7i\v{ar}

20 (b) Es

(c) Auch gehört uns der (— ^—

6 : Ozean, aber was ist der Ocean gegen den A e t h e r ?

7 ; (1) Schiffe trägt

(2) Wandelnde Städte t r ä g t , (a) wie leichte Blätter die Meersfluth

25 (b) weither (a) die dienstbare

(ß) des Ozeans Wooge


S : Auf dem Rüken und b r i n g t ein Indien uns zum Genüsse
9.10: Aber der Aether (1) trägt die unendliche Wettergewölke
W i e ein G e f ä ß u m h e r
30 (2) h ä l t ('0 die (a) heiligen Wettergewölke
W i e ein häuslich G e f ä ß e m p o r
{ß) unendlichen Wettergewölke

W i e ein heilig G e f ä ß und g i e ß t in F l a m m e n und Wassern

(b) (wie ein heilig G e f ä ß )

35 (c) (das Gc)(ßß)


(d) die heiigen Gefäße, die Wolken

509
204-205 An den A e t h e r

W o er die Blize b e w a h r t , u n d g i e ß t in F l a m m e n und Wassern

11: (1) Leben ins Herz der (a) I (?)

(b) W e l t aus der unerschöpflichen Urne

(2) Göttlich Leben ins Herz der W e l t aus der g ä h r e n d e n Urne

12: Reich m i t Inseln g e s c h m ü k t ist das M e e r ; die Tnsels (Schreibfehler statt 5

Inseln_) des Aethers

I J : Sind die Sonn' und der Mond, O (1) wer an diese Gestade

(2) glüklich wer an die goldnen

14: (1) Gcs(tade}

(2) Küsten das weltumwandelnde Schiff zu t r e i b e n v e r m ö c h t e . — H^ 10

37-47: II:
3 7 : (1) Rastlos werfen

(2) T h ö r i c h t treiben wir ims u m h e r , wie die i r r e n d e R e b e / n /

3 8 : W e n n i h r der Stab g e b r i c h t , woran zum H i m m e l sie (1) a u f w a c h t

(2) aufwächst, 15

3 9 : Breiten wir ü b e r dem Boden uns aus, und wandern (1) und suchen,

(2) 0 A e t h e r !

4 0 : Durcli die (1) Conen

. (2) Zonen der E r d ' , (a) und suchen die R u h e vergebens,

(h) 0 Vater . . vergebens, 20

(die Punkte so in H^)

4 1 : Denn es treibt uns die Lust, in (1) des Äthers

(2) deinen G ä r t e n zu wandeln.

("Äthers gestr. u. unterpunktet; deinen nicht gestr.)

4 2 : (1) D u r c h 25

(2) In (a) den Ozean

(b) (die) Meersfluth werfen wir uns, in den f r e i e r e n E b n e n

4 3 : Uns zu sättigen, (1) aber, was

(2) und es umCaJrauscht

einspielt die (a) gewaltige 30

{ß) unendliche Wooge

4 4 : Unsei-n Kiel, (1) und hinab (a) sank

(b) sinkt d ä m m e r n d jedes Gestade

(2) und es schwelgt das Herz (a) a m

(b) an dem kräftigen G a s t m a h n , 35

(Schreibfehler statt G a s t m a h l , )

510
An den Aelher 204-20S

45 : [Dennoch genügt ihm nie], denn der (1) alte


(2) tiefere Ocean reizt uns

4 6 : W o die leichtere Wooge sich r e g t , durch den der P l a n e t schifft,

4 6 a : Der die Sonnen der W e l t , die ewig blühenden Inseln

5 4 6 b : W i e die Perle das Gold, u m f a ß t - o wer (1) an

(2) die (a) lichten

(b) hellen durch ( . . . )

(5) an die lichten

("die Perle das unterstrichen)

10 4 7 : (1) Ufer

(2) Küsten das weltumwa[l]ndelnde Schiff zu treiben vermöchte. — H'^

37-47: III:

3 9 uns fehlt I'P aus u n d ] aus, und H^ 41 Lust i n ] Lust, in H^ woh-

n e n ] wandeln I'P 44 Kiel, es] Kiel und es I'P 45 ihm nicht:] uns

15 nie, I'P Ozean] Ocean I'P uns,] uns IP 4 6 Welle] Wooge IP

46.47 wer dort an jene / Goldncn Küsten das] wer an die goldnen / Küsten

dort oben das IP

37-47: IV: Text J ("37 Thöncht] kein Absatz J)

48-52: fehlt IP

20 4 8 A b e r a u j A f IP i c h / c W t IP hinauf a u j in IP sehne,] selmte IP

49 du f r e m d e Gestad' u m f ä n g s t ] du die f r e m d e n Ufer u m f ä n g s t H ^ I P

W o o g e , ] Wooge IP IP 50 K ö m m s t ] Kömst aus Kamst IP säuselnd

aus h IP Wipfeln,] Wipfeln IP

5 1 . 5 2 : (1) Vater A e t h e r und (a) tränktest m i c h m i t verjüngendem O t h e m

25 Und der O t h e m e r w ä r m t in m i r und ward zum Gesänge.

B l u m e n d ü f t e b r i n g t die E r d , und Stralen die Sonne

Aber die L e r c h e des Morgens und ich, wir (a) b r i n g e n

{ß) b r a c h t e n ein Lied

dir.

30 (b) sänftigest selbst das strebende Herz m i r

Und ich wandle nun g e r n auf m e i n e m blumigen Boden. H^

(2) Vater A e t h e r ! und sänftigest selbst das strebende Herz m i r .

Und ich lebe nun gerne, wie sonst, m i t den Blumen der E r d e . IP

(3) Text V

511
204-208 An den Aether. Der Wanderer

Erläuterungen

Derselbe Gegenstand ist im Hyperion i , S7 f . gestaltet (doch heißt es dort noch L u f t

statt Aether, obwohl das IVort A e t h e r schon im Thalia-Fragment^ im letzten

Brief, gebraucht wird; vgl. auch An die Natur v. 20; (An Herkules') v.

Die Bedeutung des Aethers für Hölderlin nach Herkunft und Wirkung ist umsichtig 5

dargestellt von ViUor S. S2-SS. - Vgl. auch Lehmann S. 106-110; Böhm I

221-224; Böckmann S. 162-16S.

1 3 Vgl. {An Herkules) v. f.

22 wie gebogener Stahl] Vgl. Hyperion 1, S6: Alabanda sprang auf, wie ge-

bogner Stahl, bei i h r e m E i n t r i t t . 10

3 5 den seeligen Knaben] Ganymed. — Vgl. die so überschriebene Ode im 2. Band.

— Goethes Ganymed war 1789 im S. Band der »Schriften« erschienen.

37 die irrende R e b e ] Vgl. Hyperion 1, 18: I c h war aufgewachsen, wie eine

R e b e ohne Stab, und die wilden Ranken breiteten richtungslos ü b e r dem

Boden sich aus; Gesang des Deutschen v. 7 f . 13

45 Dennoch genügt i h m n i c h t ] Für das fehlende grammatische Subjekt (»es«)

führt Grimms Deutsches Wörterbuch IV 1, 2 Sp. 3S08 unter andern Belegen an:

Luther, Joh. 14, 8: Spricht zu i h m Philippus: Herr, zeige uns den Vater, so

genüget u n s ; Schiller, Kabale und Liebe 1,3: D a m i t genügte m i r , Vater.

DER WANDERER 20
Erste Fassung

Hölderlin legt diese seine erste Elegie zusammen mit dem Hynmus An den Aether

am 20. Juni 1797 dem Brief an Schiller bei (vgl. S. S04 und den dort zitierten

Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller über die beiden Gedichte). Der Plan zu

der Elegie wird schon sehr Jrüh gefaßt, wenn man die Ankündigung am Schluß

des undatierten, wohl Anfang Dezember 179S geschriebenen Nürtinger Briefes an

Neuffer f G e r n e h ä t t ' ich Dir neulich auch geschrieben . . .) auf den Wande-

rer beziehen darf: W o möglich, schik' ich D i r die versprochne Elegie in ein

paar W o c h e n .

Im Jahr 1800 wird die Elegie ganz neu gefaßt, und zwar auf der Grundlage einer 30

Abschrift (H^) aus den Hören (J). Eine Trennung der beiden Fassungen von-

einander (die zweite steht im 2. Band) rechtfertigt sich durch den verhältnismäßig

großen zeitlichen Abstand und besonders durch die Erwägung, daß in der Zwischen-

512
Der Wanderer 206-20S

zeit eine bedeutsame l'Fandlung in Hiilderlins Dichtertum eintritt. Auch kommt der

ersten Fassung deshalb eine selbständigere Stellung zu^ weil sie vom Dichter ver-

öffentlicht worden ist.

Die Druckvorlage dieser ersten Fassung ist nicht erhalten. Das darf jedoch nicht der

5 Anlaß sein, einer handschriftlich überlieferten früheren Gestalt (H'^) den Vorzug

zu geben vor der vom Dichter zum Druck beförderten Fassung, wie es Seebaß im

2. Band der Hellingrathischen Ausgabe tut in der unbegründeten Annahme, alle Ab-

weichungen der gedruckten Fassung ( J ) von der vorläufigen (I'P) seien auf »will-

kürliche« Änderungen durch Schiller zurückzuführen. Vgl. dazu im einzelnen die

10 Erläuterungen S. S21 f .

Überlieferung

H' : Homburg B 1-S (s. die Beschreibung S. 324).

H^ : Stuttgart I 3 (s. die Beschreibung S. SOS).

H^ : Stuttgart I 6 Blatt 2'-4' (s. die Bes<.hrcibung im 2. Band, zu Beginn der Lcs-

15 arten und Erläuterungen).

Diese Handschrift ist eine Abschrift aus den Hören ( J ) und dient als Grund-

lage der zweiten Fassung. Ihre Lesarten sind hier ebensowenig verzeichnet wie

die des in H^ (Stuttgart 128) überlieferten Schlusses der 2. Fassung

(v. SS—IOS): siehe die 2. Fassung im 2. Band.

20 J: Die Haren eine Monatsschrift herausgegeben von Schiller. Zehnter Band.

Tübingen in der J. G. Cottaischen Buchhandlung 1797. Sechstes Stück,

S. 69—74, ohne Nennung des Verfassers.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: regnete, Regen, hagre; blickte,

Sonnenblickc (doch v. 4: blikt'J, Locken, s t r e c k t ; W i t t w e , vielleiclit;

25 g e s c h ä f t i g ; bleichte.

Lesarten

1 . 2 : I : 1 : (1) Süd und Nord (a) in (b) ist in m i r . M i c h erhizt der Aegyp-

tisclie S o m m e r

(2) Süden kenn ich und Nord. Mich crhizte der S o m m e r Aegyptens

30 2: U n d d e r W i n t e r d c s P o l s ( l ) t ö d t e t das Leben in m i r

(2) hauchte versteinernd m i c h (an)

Dieser erste Ansatz wird eingeklammert.

I I : 1: (1) O f t ist m i r ,
(2) O f t m a l s ist mir, als stiind' ich verirrt in Arabiens Wüste,

513
206-20S Der Wanderer

2: Und aus einsamer L u f t r e e g n e t e Feuer h e r a b .

Dieser zweite Ansatz wird gestrichen.

III: 1 : (1) G l ü h e n d stand i c h und sali in {die) Afrikanischen E b n e n

2 r (a) Dürstend hinaus;

(b) Ein(sa/n) hinaus; ®

(c) G l ü h e n d hinaus;

1 : (2) E i n s a m stand i c h

(5) G l ü h e n d stand ich und sah in (die) Afrikanischen dürren

2: E b n e n hinaus; vom Olymp reegnete Feuer h e r a b . H^

2a-d:a:(l)Ut lo
(2) Unter d e m (siehe C (2);

(3) Und ich h ö r t aus der T i e f e herauf (a) die Seufzer

(b) das Seufzen der E r d e ,

b : (1) [Denn sie t r a f , wie ein P f e i l ]

(2) Und i h r Angesicht b a r g unter die Wolke sie gern, 15

c : (1) Denn

(2) [Unter dem Sträuche (Schreibfehler) saß der scheue Vogel

gesanglos,]

vgl. V. 11

(3) ( N i c h t w i e d e r f « ) freundliche P f e i l i m Auge de 20

f i j Liebesgott m i t l i e b l i c h s c h m e r z l i c h e m P f e i l e ,

d : H a r t , wie ein Zepterschlag, traf sie der brennende Stral.) IP

3 F e r n h i n ] (1) Schreklich (2) F e r h i n (3) F e m h i n H^ schlich aus schat W

h a a g r e ] darüber gestr. Ansatz: e H^ wandelnd G e r i p p e , ] (1) wandelnder

Nachtgeist (2) G e r i p p e über Nachtgeist H^ (3) wandernd G e r i p p e H^ 25

(4) Text J 4 Hohl und einsam und k a h l ] (1) Kahl (2) Hohl (a) und k a h l

(b) u. einsam u. k a h l H^ (3) D ü r ( r ) (4) Hohl und einsam und k a h l H^.

b l i k t ' ] blikt I-P

5 : A c h ! h i e r sprang, wie ein sprudelnder Quell, der unendliche W a l d

nicht H^-^ der schattende W a l d ] (1) der (2) kein (3) der unendliche 30

W a l d H^ (4) der unendliche W a l d H^ (5) vielleicht stand in der Druck-

vorlage für J ursprünglich: der quellende W a l d (vgl. Goethes Brief an Schiller

vom 28. Juni 1797: . . ob ich gleich den quellenden W a l d , als negierendes

514
Der Wanderer 206-20S

Bild gegen die Wüste, nicht gern stehen sehe . .); oder die Druclworlage bot
diesen Vera so oder ähnlich gestaltet wie die beiden erhaltenen Handschriften und
Goethe hätte die Worte wie ein sprudelnder Quell, der unendliche (oder: schat-
tende) Wald verkürzend zu einem queljendcn Wald zusammengezogen — in diesem
5 Fall hätte Schiller die Lesart m i t erfrischendem Grtiu eingesetzt, um das für
Goethes Empfinden anstößige Bild des quellenden Waldes zu beseitigen. (6) der
schattende W a l d J
/

6 säuselnde] tönende I ' P - ^ empor,] empor. I'P-^

7 . 8 : Hier frolokten die Jünglinge nicht, die stürzenden Bäche,


IQ Ins jungEräuliche T h a l hoffend und liebend hinab,
Freundlich bliltte kein Dach aus der Blüthe geselliger Biiume,
W i e aus (1) dem
(2) silbernem zartem Gewölke
(3) lieblichem
IJ (4) dem {lieblichen} Silbergewölke der Mond. H^

Hier frolokten die Jünglinge nicht, die stürzenden Bache


Ins jungfräuliche Tlial hoffend und liebend herab.
Freundlich blikte kein Dach aus der Blüthe geselliger Bäume,
So, wie aus lieblichem Silbergewölke der Mond. H^

20 9 M i t t a g , ] Mittag /:/-' 10: (1) Keinem (2) Und dem Hirten entlief
nirgend das lustige Roß H'-^ (5) Text J H ein ernster] der scheuc M^
ein scheuer aus: der scheue H'^

1 2 : (1) Angstig und (a) eilig


(b) eilend flohn wandernde Störche vorbei. I'P
25 (2) Ängstig eilte das Chor wandernder Störche vorbei. li^
(3) Ängstig und eilend flohn wandernde Störche vorbei. J

13: (1)D
(2) Aber der wilde Scherz der Natur,
(3) Was hier lebt, ist Scherz der Natur
SO (4) Wilder Scherz der Natur (a) ist das Leben der T h i e r e und
(b) sind hier die Pflanzen und Thiere, H'
(vgl. v. 17. IS in der Fassung der Handschriften)
(5) Nicht um Wasser rief ich dich an, N a t u r ! in der Wüste, I'P-^

515

:r,33
206 - 20S Der Wanderer

N a t u r ! ] Natur, J 1 4 : Wasser fand ich (1) zur N o t h (3) im Baucli m e i n e r

Kaineele zur Noth. H^ 1 5 Gesang- aus Gesänge Hl 1 6 Bat] Bat' IP

ich, v o m ] ich vom H ^ lieblichen Glanz h e i m i s c h e r F l u r e n ] (1) f r e u n d -

lichen Vaterlandsboden (2) lieblichen (3) f r e u n d l i c h e n Vaterlandsbodcn H^

(4) lieiligen Vaterlandsboden H^ (5) Text J verwöhnt.] verwölmt; H^ ^

verwöhnt! IP

1 7 . 1 8 : (1) Freund

(2) Schönheit wollt' ich (a) von dir, und du gabst m i t

(h), du gabst m i r wilde Scherze zur Antwort,

Schönheit - aber du gabst kaltes (1) E n t f e r

(2) Entsezen dafür. H'

(5) Auch den Eis (Schreibfehler; vgl. das nächste Distichon!)

(4) Schönheit wollt' ich; es gab die N a t u r m i r Scherze zur Antwort,

Schönheit — a b e r sie gab fast m i r Entsezen d a f ü r . — H^

(5) Text J 15

19.20: I: (1) Affen u. T y g e r sandtest du m i r ,

(2) T y g e r u. Affen sandtst du m i r nur, da schied ich und schiffte.

Bis in des äußersten Nords (a) starrend

(b) frierendes

(c) frostiges Dunkel hinauf, IP 20

I I : Zürnend schied ich von dir (1) so

(2) und schiffte weiter und s c h i f f t e / / - '

I I I : und m i r warf in den W e g sich des Eismeers starrendes Chaos,

Und, wie W ä l d e r von E r z t t h ü r m t e n die G l e t s c h e r s i c h auf. l i ^

I V : Auch den Eispol h a b ' i c h b e s u c h t ; da t h ü r m t e n , chaotisch 25

Untereinandergewälzt, schröklich die Gletscher sich auf. H'

V: Text J

19 hab'] hab J 20 s c h r ö k l i c h ] schreklich J 21 gefesselte aus

gefa<«^ene> IP 22 S c h l a f ] Schlaft (Schreibfehler) IP

2 3 : (1) A c h ! h i e r ("o) schlag forfc?-schlug oAne 30

(b) schlang um. die E r d e den (die beiden letzten

Silben unterstr.) w ä r m e n d e n A r m der Olymp n i c h t , H^

(2) A c h ! h i e r schlang u m die E r d e den w ä r m e n d e n A r m der O l y m p

nicht,

516
Der Wanderer 206-20S

24 Geliebte nach gestr. sich H^ 25 H i e r bis m i t ] Hier bewegt e r i h r

nicht m i t unter gestr.: Und (1) er regte (2) es r e g t ' i h r n i c h t m i t I'P ihr]

ihm (Druckfehler) J 2 7 W i t w e ] W i r t w e CScÄmVrfcWcr; H^ geworden,]

geworden H^ 28 du aus dem AnsMz zu in LP in nach gestr. in W

5 Z e i t . ] Zeit H'

2 8 a - d : eingeklammert und zum Teil gestrichen:

a : (Sonstwo neidetest du das herrliclie L i c h t des (1) Olyms

(2) Olymps nicht,

b: (1) Das im

10 (2) D e m sein Feuer und Geist

(5) Das (a) kein W i n t e r belierrscht,

(h) im Herbste nicht wellit,

(c) d e m (a) Zepter

(/3) Stabe der (-Lücke) n i m m e r

13 (4) D e m der (a) gewaltige

(b) feurige Geist (a) n i m m e r im W i n t e r

(ß) nie u m den Abend entschläft,

C: (Dom (1) im W i n t e r kein S t u r m die Krone der Jugend vom H a u p t r e i ß t ,

(2) im Herbste kein S t u r m die Krone der Jugend in Staub w i r f ( t )

20 (3) kein Herbst in den Staub die Krone der Jugend h e r a b w e h t

d: D e m das gewaltige Streben der W i n t e r n i c h t weh<r)t.) I'P

2 9 Niehls nach gestr. Is</> H' sorgender nach gestr. eifriger H^ Liebe, ]

Liebe J 30: (1) M ü ß i g (2) W o sich das Alte verjüngt, (5) Text I'P

31 e r w ä r m s t ] e r w ä r m s t I:P H i m m e l s , ] Himmels I'P

25 3 2 : (1) Und es erwekt vom Schlaf zärtlich sein O t h e m (a) sie

(b) dich auf.

(2) Aus dem (a) d ä m m e r n d e n

(h) dürftigen Schlaf s c h m e i c h e l t sein O t h c m dich auf. H'

O t h e m ] Odem J a u f ; ] auf. I'P 33 Und, wie ein S a a m e n k o r n , ] Und

30 wie ein Saamenkorn H' 341 (1) Und es blikkcn aus dir s c h ü c h t e r n e

Knospen hervor (2) Und die (a) ko (b) knospende Welt windet sich schüch-

tern heraus. I'P 35 Deine gesparte K r a f t ] (1) Und die gesparte K r a f t

(2) Deine über gestr. Und (3) in der folgenden Zeile: Die g e s a m m e l t e K r a f t , IP

3 6 Rosen vor gestr. und H'

517
206 - 20S Der Wanderer

36a.b:
I : a : Aber es schwieg der Nord (1).

(2), zu alt f ü r die f r e u n d l i c h e Hofiiung,

(5), er hörte, (a) was ich geweissagt

(b) zu alt f ü r die Hoffnung / ^

Was

(4) zur F r e u

(5) zur Freude, (a) die

(b)so i c h

(a) geweissagt, 10

{ß) verheißen

(y) versprochen

b : (1) Und m i r (a) war


(h) schien er wie taub (a) und,

{ß) schien f ü r die Hoffnung zu alt. 15

(2) F ü r die Hoffnung zu (a) taub

(b) alt schien er f ü r W o r t e zu taub.

I I : (1) Zu Beginn des I. Ansatzes: die E r d e über es

darunter: Und vergebens gesagt

war das belebende W o r t 20

(2) Unter dem I. Ansatz neu beginnend;

Aber (a) es schwieg der Nord

(b) die E r d e schwieg zur Freude so i c h v e r h e i ß e n

Und vergebens gesagt (a),

{ß) war das belebende W o r t . IP 25

I I I : Aber die E r d e schwieg zur Freude, so ich verheißen,

Und vergebens gesagt war das belebende W o r t . H^

(Diese beiden Verse fehlen in J)

3 7 : (1) N a c h Ausonicn (a) k e h r t '

(b) k e h r ich zurük in die f r e u n d l i c h e H e i m a t h , 30

(2) Und nun

(3) D a r u m k e h r ich zurük, an den Fuhein in die glükliche H e i m a t h , H^

(4) D a r u m k e h r ' ich zurük an den R h e i n , in die glükliche H e i m a t h , H-

(5) Aber jetzt k e h r ' ich zurück an den R h e i n , in die glückliche Hei-

math, J 35

518
Der Wanderer 206-20S

3 8 'iärUiclie üiern-cstr. mildere 3 9 strobenclc] (1) ldo(/)/c;!c/c) aus t (.''J

(2) gUiliende (5) strebende I'P vertraulcii] vertrauten, H~ 41 ewigen,

schöiica] ewigc(n,) [Lebens] sclioncti / i ' ewigen schönen H^ 42 er-

frischt aus crsclir H^ 43 blaiclite der Eispo[o]l nach gcstr.; verbrannte

3 der S o m m e r Aegyptens / Und der W i n t e r des Pols hauolite versteinernd m i c h

an. Ii' 44 aus.] aus, H' 45 Doch, wie] Doch wie H'^ Tithon,]

Thiton, Titon, Aü aus'in I'P 4 6 W a r m und f r ö h l i c h ] (1) Lieb-

lich und fröhlich (2) fröhlich untcrstr. (5) Reich und (a) lieb(/ic/i) (b) üppig

(4) Lieblich und üppig (5) ^\'•arm und fröhlich H' 47 Hügel nach gcstr.

10 Ekchen I'P wächst ohne den AVeinstok,] (1) ist d ü r f t i g (a) 1 (b) ge-

lassen (2) lebt ohne den 'VVeinstolt, H^ (5) Text I-P 48 schwellende

über gcstr. üppige H' Herbste über gestr. G a r t e n Ii' Obst.] Obst Ii'

49 die glühenden B e r g e , ] (1) die (a) f r u c h t b a r e n Borge (h) gea\{terim}

(2) die (a) alten Gebirge (b) glülienden Berge IP 50 Moos aus brei

15 (? Jnsatz zuhTci(tcn sich . . . m/s) iirttt kühlen.'^ Ii' k ü h l e n ] kühles fSc/ircii-

fchlcr) Ii' sonniges/ür heiliges Ii' 51 Und, wie] Und wie Ii'

h e r r l i c h e n ] (1) scherzenden (2) traulichen (3) h e r r l i c h e n Ii' Ahnherrn]

Ahnherrn, IP 52 dunkeln] (1) grünen (2) dunkeln (5) blauen IP

(4) dunkeln IP Vesten und H ü t t e n über gestr.: Hirten und Heerden IP

20 53 Friedsam g e h t ] (1) S c h ü c h t e r n sehn (2) Friedl(ic/i-) (3) Friedsam

g e h t Ii' hcundüchc] die erste SiWc unterstrichelt Ii' TagslicVit;] Tags-

liclit, IP-^ 54 h e i t e r e r i'ibcr gestr.: der heiligen IP 55 Quelle,]

Quelle IP 5 6 aus.] aus IP 5 7 h i e r : uor gestr. es Ii' k a u m uor g-tistr.

vo(n) IP rauschet nus rausclien Ii' 58 vom Berge h e r a b üicr gcstr. :

23 die S t r a ß e IP 6 0 D e r üier W e n n er Ii' lenkend aus licm j'/risofi

zu lek I-l' 61 Lieblich der M u t t e r Gesang] (1) Still ists hier: (2) Und

der M u t t e r Gesaug (5) Text Ii' sizt] sich (Druckfehler) J

62: (1) Das C«; im seeligen Schlaf lächelt

(b) in der Sonne des [Ansatz zu 1] Mais (a) lächle

30 iß) seolig

(2) Das (a) von der

(b) die Sonne des M!ais schmeichelt in lächlenden Schlaf. — II'

(5) Das die Sonne des Mais schmeichelt in seeligen Schlaf. H^

(4) Das die Soiuie des Mais schmeichelt in lächelnden Schlaf. J

519
206 - 20S Der Wanderer

63: (1) H ü h n e r

(2) A c h ! und

(3) A b e r d r ü b e n a m (a) B a c h

(b) See, wo die (a) alten U l m e n u n d P a p p e l n

{ß) U l m e n das a l t e r n d e Hofthor / 5

Übergrünen

(y) U l m e das alternde Hofthor /

Übergrunt H^

6 5 h e i m l i c h e s iiier f r e u n d l i c h e s H^ 6 6 m i t noc/ig'cst/-. i c h W 6 7 Eich-

horn,] Eichhorn H^-^ l i s p e l n d e n ] (1) lokenden (2) lispelnden H ' (5) lo- 10

k e n d e n H^ (4) lispelnden J 6 8 O d e r üier g-esfr.; W o ich H^ i n ' s ] ins

aus i m H^ t r ä u m e n d die S t i r n e v e r b a r g . ] (1) t r ä u m e n d die (a) Loken

(b) S t i r n e v e r b a r g . (2) m i c h , wie i m N e s t e , b e g r u b . H^ (3) t r ä u m e n d die

S t i r n e b e g r u b . H^ (4) t r ä u m e n d die S t i r n e v e r b a r g . J 69 geblieben!]

geblieben. H' Ausrufzeichen aus Komma H^ 70: (1) N o c h g e d e i h e i t 15

(Schreibfehler) m e i n Kohl, (2) Text H' 71: (1) M a n d e l n b l ü h n und P f i r -

s i c h e n o c h , n o c h w a c h s e n g e f ä l l i g (2) Text H^ g e f ä l l i g ] danach ein Komma

gestr. I-p 72 a n ' s ] ans H^-^ 73 L o k e n d aus S H^ Kirschbaums,]

Kirschbaums H^

7 5 : (1) Aus d e m G a r t e n winden sich n o c h zu den (a) f r e i e n 20

(b) heiligen B e r g h ö h n ,

(2) S c h m e i c h e l n d z i e h t m i c h , wie sonst in des W a l d s u n e n d l i c h e L a u b e


Hl

7 6 a . b : (1) W o ich fa) u m s c h i r m t (a),

{§) vom 25

(b) einst i m k ü h l e n G e b ü s c h , in d e r Stille des M i t t a g s

Von O t a h i t i s G e s t a d ' , oder von T i n i a n las. //-'

(2) W o i c h einst i m k ü h l e n G e b ü s c h , in d e r Stille des M i t t a g s

Von O t a h i t i s Gestad oder von T i n i a n las. FP

(Diese beiden Verse fehlen in J) 30

77: I : ( l ) Mild e r w ä r m t

(2) Leise b e r ü h r t m i c h , wie sonst, die alte Vaterlandssonne

Aus d e m Kelche des L i c h t s t r i n k ' ich (a) B e g e i s t e r u n g m i r

(b) den f r ö l i c h e n Geist

Und ein j u g e n d l i c h A l t e r g e w ä h r t H^ 35

520
Der Wanderer 206-20S

I I : Und die P f a d e rötliest du m i r , es w ä r m t mich und spielt m i r Ii'

78 Vatcrlandssonne!] Vatcrlandssonne,/f-'-2 L i c h t ; ] L i c h t , H ' Licht.

7 9 : (1) Leben s t r ö m t m i r und Geist (a),

(b) aus deiner ewigen Fülle,

5 (2) Feuer trink ich und Geist aus deinem freudigen Kelche, Ii'

t r i n k ] trink' LP 81 Die du einst m i r die Brust e r w e k t e s t ] O, die einst

m i r die Brust erwekte IP-^ (0 über gestr. Du H') K i n d h e i t ] Kind-

heit, H'-^ 82 U n d ] und iiier Die H' t r i e b s t , ] trieb IP trieb, H^

8 3 I Mildere Sonne! (1) bleibe (a) mm auch d e m

10 Cy m i r auch i m Alter

(2) zu dir k e h r ' ich g e t r e u e r und (a) f r o h e r ,

(b) weiser, IP
Erläuterungen

Silbenmaß: elegische Distichen.

15 Die beiden einleitenden Abschnitte, die die Gegensätze der Wüste und des Eispols

darstellen, sind in der Überlieferung nicht abgesetzt. Sie sind genau gleich lang:

je IS Zeilen. Die Symmetrie wird dadurch noch verstärkt, daß beide Male vier Zeilen

objektiv berichtend vorangehen und die fünfte (v. S und 2}) mit einem gefühls-

betonten A c h ! fortfahren. Diese fünften Zeilen sind überdies ganz gleich gebaut,

20 sie »reimen« aufeinander:

A c h ! n i c h t sprang . . . h i e r

A c h ! n i c h t schlang . . . h i e r

Die vorläufige Fassung (li^) unterscheidet sich insofern von der endgültigen, als

die beiden Abschnitte je 20 Verse zählen und die »reimenden« fünften Zeilen so

2J lauten:

A c h ! h i e r sprang . . . n i c h t

Ach I h i e r schlang . . . n i c h t

Hätte nun Schiller, wie Seebaß annimmt, alle Abweichungen der gedruckten von der
handschriftlichen Fassung verursacht, so müßte er die (in der äußeren Einrichtung
30 der Druckvorlage sicherlich nicht gekennzeichnete) Symmetrie erkannt und bei seinen
/Änderungen berücksichtigt haben. Das ist sehr unwahrscheinlich. Er müßte außer-
dem zu den Versen 3,12, 62, 67und 68 Hölderlins Entwurf (IP) eingesehen haben,
der hier mit J übereinstimmt. Das ist ganz ausgeschlossen. — Gleichwohl bleibt die
Möglichheit, daß er an einigen Stellen geändert hat: vgl. die Lesarten zu v. 5. Bei
35 der Abschrift der Haren-Fassung (H^) schreibt Hölderlin in v. 6 sogleich (das heißt:

521
206 - 20S Der Wanderer

mit Tinte, Feder und Duktus der Abschrift, nicht der späteren, deutlich unter-

schiedenen Varianten, aus denen die 2. Fassung hervorgeht) tönende über siinselnde

und stellt damit, offenbar aus dem Gedächtnis, die ursprüngliche Fassung (H^ und

H^) wiederher: vielleicht hat Schiller hier geändert. Dasselbe möchte man annehmen

von den beiden nächsten Versen (7 f.); aber beweisen läßt sich das nicht. 5

Der hier entwickelte Umfang der beiden einleitenden Absätze (9 Disticheii) gibt den

Strophen der späteren Elegien das Maß.

Zu der Entgegensetzung der beiden Landschaften verweist Lehmann S. 100 auf das

(Dankgedicht an die Lehrer) v. 4-8 und das Gedicht An die Stille (S. 114 f . )

v. 17-20. 10

2 O l y m p ] Der Himmel wird auch v. so genannt. Dieselbe Metonymie begegnet

auch in griechischer und römischer Dichtung.

3 schlich das . . . Gebirg, wie ein wandelnd G e r i p p e ] Der Zug der Berge wird

dichterisch als Bewegung erlebt z. B. auch in der Elegie Stutgard u. 17 f . und in der

Hymne Der Rhein v. 74 f 15

14 Vgl. Z^edlers Universal-Lexicon, S.Band, Halle und Leipzig 17}), Sp. S71:

Einige versichern, wenn die T ü r c k e n in denen Libyschen Wüstencyen sich

befinden, und allda an Wasser Mangel leiden, daß sie auf den Fall der N o t h

i h r e Cameele niederstechen, und den Leib öffnen, d a m i t sie das Wasser, das

in i h r e n Magen ist, b e k o m m e n mögen, das trincken sie, d a m i t sie nicht Durst -0

sterben dürffen. — Siehe auch die Lesart des Entunirfs (H^)!

1 6 Ob nicht auch hier Schiller eingegriffen und für den heiligen Vaterlandsboden

den lieblichen Glanz h e i m i s c h e r Fluren eingesetzt hat? Er hätte dann metrischen

Anstoß an der Betonung heiligen genommen, die Hölderlin auch in den späteren

Elegien an dieser Stelle des Pentameters häufig zuläßt, z. B. Stutgard v. S: Rings 25

von zufriedenen Kindern des H i m m e l s erfüllt. Die schwäbische Mundart be-

günstigt solche Betonungen ebenso wie den Schillerischen Reim Segnungen /

W i e d e r s e h n (vgl. die Erläuterung zu v. 24 des Gedichts Der Lorbeer). — Das l'Vort

Vaterlandsboden hat auch im ersten Satz des Hyperion einen besondren Klang.

22 der eiserne S c h l a f ] Vgl. Kanton Schweiz v. 77 und die Erläuterung z. St. 50

2 4 Pj'gmalion] Ein Bildhauer, der sich in eine von ihm gebildete weibliche Statue

verliebte^ Venus belebte sie auf sein Bitten (Ovid, met. 10, 24S—297).

3 7 Ausonien (vgl. die Lesarten)] Poetischer Name für Italien, von den Ureinwoh-

nern abgeleitet. Die römischen Dichter, zumal Virgil in der Aeneis, gebrauchen ihn

mit einem gewissen Heimatstolz. 35

522
Der Wanderer. An einen B a u m 206-209

39 ygl. An den Aether v. 51; {Wohl geh' ich täglich . . .) v. 12 f . ; Pindar- Über-

setzung: lyth. 1, 20-22.

45 A u r o r a ] Kg-/. Hymne an den Genius der Jugend v. S9-92 und die Erläute-

rung z. St.

5 49 f'^gl. Hyperion 1, 7; . . zwischen den M e e r e n , die zur R e c h t e n und zur

Linken meinen glühenden Bergen die F ü ß e k ü h l e n ; Klopstock, Der Rhein-

wein (17f}) v. 6—S: Dem R h e i n e . . ., der . . . deiner heißen Berge Füße

Sorgsam mit g r ü n l i c h e r W o g e kühlte.

7 6 b Otahiti (vgl. die Lesarten)] Auch in dem Brief an Böhlendorf vom 4. Dezcm-

10 her ISOl mveihnt. — Tinian ist die Überschrift eines hymnischen Bruchstiicks

(siehe (kn 2. Band). Der Name bezeichnet eine paradiesische Südseeinsel und wird

von den Dichtern nicht selten appellativ gebraucht — vgl. PFieland, Pervonte oder

die l¥ünsche: . . ein Sitz der Frühlingsgölter, ein Zaubergrund, ein wahres

T i n i a n (Akademie-Aus gäbe Abt. I Bd. 12 S. U&).

,5 (AN E I N E N B A U M )

ycrmullich 1797 entstanden — vgl. Böckmann, Anzeiger für deutsches Altertum 49

(19W) S. 4S f . (gegen Böhm 1 101). An der Echtheit des Bruchstücks ist nicht zu

zweifehl.
Überlieferung

20 h : Stuttgart Vg Nr. 22": Abschrift von der Hand Christoph Schwabs. Die Ab-

schrift läßt, wohl getreu nach der Forlage, in der oberen Hälfte der Seite

einen verhältnismäßig großen Rawn (12,S von ^ 2 cm) leer und setzt die

letzten 4 Ferse quer an den rechten Rand. Ob alle Korrekturen der Abschrift

solche der Forlage wiedergeben und ob die Abschrift alle Korrekturen der Vor-

25 läge nachahmt, ist zweifelhaft, wie ein Vergleich der Schwabschen Abschrift

der »Einladung an Neuffer« mit ihrer erhaltenen Forlage lehrt.

Eigentümlichkeiten der Schreibung: Blitz, jetzt, Augenblick, glücklich,

W o g e n , selig, vielleicht.

Erster Druck: Friedrich Seebaß: Neues von Hölderlin. PFissen und Leben IS

30 (1922), S. 760-770, insbesondre S. 764.

Lesarten

Überschrift: fehlt h (Böhm: An einen Bawn; 7Jnkernagel: Auf einen Baum;

525
209 An einen B a u m

Seebaß: An Diolirna) 1 0 das Abendroth aui; des Abendroths h 1 1 leb-

ten nach gestr. so h 14 Innersten doch Hier: innersten (: aus innerster)

Mark h 15 B a u m aus T r a u m h 21 dich will ich nach gestr.: ich

m{mmer) h 2 2 Bild.] Bild h 2 3 ein über gestr. Aer h diemeinige

wäre aus: zur meinigen würde h 2 4 r u h t ' aus r u h ' H 5

Erläuterungen

Silbenmaß: elegische Distichen.

Das Bruchstück ist der Schluß einer noch nicht strophisch gegliederten Elegie.

Böckmann (Anzeiger für deutsches Altertum 1930, S. 4!) möchte es »fast als eine

untragische Vorstufe zu Menons Klagen ansehen«. 10

1 0 Seckcl S. 178 nennt »die zweimalige Hochtonigkeit von .,und^« in diesem Vers

eine »metrische Unebenheit«. Wird aber nicht gerade dadurch das »überströmende«

Gefühl glücklich ausgedrückt, das schon v. 8 f . den erst in den späteren Elegien

häufiger vorkommenden Sinnübergang von einem Distichon ins andere bewirkt? Tag

und Abend und Nacht werden von dem überströmenden Gefühl der reinen, heiligen 15

Seele erfüllt. — Ein gelegentlicher Spondeus am Schluß des Hexameters wie in v. 9

ist durchaus legitim. Auch fehlt im richtig gelesenen v. 8 (Frühlinges — nicht:

Frühlings) die Zäsur nicht. Zur Betonung Frühlinges vgl. die Erläuterung zuv. 16

des vorigen Gedichts.

1 8 m e i n M ä d c h e n ] Diese dem heutigen Sprachgefühl in elegischem Stil vielleicht 20

befremdliche Bezeichnung ist in demselben hohen Sinne zu verstehen, wie sie im

Hyperion oft der Diotima, zumal in pathetischer Anrede, beigelegt wird — vgl.

Seckcl S. 179.

22 E w i g ] Als Adverb aufzufassen, nicht als Adjektiv und Prädikat. Böckmann

(Anzeiger S. 4S) geht von der jalschen Auffassung aus, wenn er meint, Hölderlin 25

würde sich einem Baum nicht mit diesem Wort nahen. Er möchte deshalb der von

Seebaß ausgesprochenen Vermutung, der Aether werde hier angeredet, zustimmen und

erwägt ferner, ob nicht auch an den Taunus gedacht werden könne. Seehaß ist

jedoch nur deshalb zu seiner Vermutung gelangt, weil er v. IS fälschlich Traum

statt Baum liest, und gerade vom Aether kann nicht gut gesagt werden, er gieße 30

Schalten aus (v. 2S). Schatten und D ü f t e / Und ein rauschendes L i e d ; diese

drei Gaben kann nur der Wipfel, das erbebende H a u p t des glüklichen, guten,

freundlichen Baumes gewähren.

524
AnDiotima 210-211

AN D I O T I M A

K o m m und siehe die F r e u d e . . .

Wohl 1797 entstanden.


Überlieferung

5 H: Jena, Frau Helene Voigt-Diederichs: Doppelblatt 19,2x 1},2 cm, alle Kanten

beschnitten; bräunliches, feingeripptes Papier; fVasserzeicheJi: Posthorn mit

Schleife (KiJiJ E/V>NEH & COMP I N B A S E L Die 4. Seite ist leer.

Faksimile: Friedrich Eiilderlin: Gesammelte Werke, Herausgegeben von Wil-

helm Böhm, Band II, Zehntes bis dreizehntes Tausend, Verlegt bei Eugen

10 Diederichs in Jena 1924, nach S. 204. (Durch die Retouche, die die von der

Rückseite durchgeschlagene Schrift beseitigen sollte, sind im Faksimile irr-

tümlich auch die beiden letzten (etwas blasseren) Zeichen des Wortes scliiittet

(v. 1^) ausgelöscht worden.)

Erster Druck: Jena und Weimar Ein Almanach des Verlages Eugen Diederichs in

15 Jena 1908, S. 121-122 (dort auch ein Faksimile).

Lesarten

6 liebendem aus liebenden I i 7 Sailenspiel' aus Saitenst H 9 süß-

mclodiscbem aus süßmelodisclien H 1 3 Nah aus Nun / / 15 Strom,

u n d ] danach eine Li'icke H 19 im nach gestr. Felsen (zum vorigen Vers

20 gehörig, zuerst versehentlich zu weit nach links gerückt) H 22 klaren] kliiren

(Schreibfehler, verursacht durch das vorangehende nähren_) H 3 2 funkeln aus

h(?) H 32a: Lücke I'I 3 3 gcworkn,] damit bricht die Handschrift ab.

Erläuterungen

Das (»archilochische«) Silbenmaß, das bei Hölderlin sonst nicht vorkommt, läßt den

25 daktylischen Hexameter mit der daktylischen Penthemimeres, dem halben Pentameter,

regelmäßig wechseln. Horaz verwendet es nur in einer einzigen Ode (4, 7). Ent-

gegen diesem Vorbild ist bei Hölderlin die erste Senkung der Penthemimeres gelegent-

lich auch einsilbig, ebenso wie bei Klopsiock in den Oden An Giseke (1747), An

Ebert (174S) und Friedrich der Fünfte (17SO) oder auch bei Conz in der Elegie

50 am Grabe des J. J. Rousseau (Gedichte, 2. Band, Stuttgart 1791, S. 10-37).

3 Loken] Dieselbe Metapher bietet Horaz zu Beginn der in demselben Silbenmaß

gedichteten Ode (4, 7): Diffugere nives, redeunt iain gramina campis / arboribusque

525
210-222 AnDiotima. Diolima

cnrnae. — Sie kommt auch sonst hei Hölderlin vor, z. B. Die Muße v. 14. In der

Antigon'd v. 43S f . übersetzt er: . . und r e i ß t Die ITaare rings vom W a l d ent-

sprechend dem griechischen q;6ßrjv (v. 419). Vgl. auch Goethe, Die natürliche

Tochter v. IS SS f . : M a g . . . D e r Birlic hangend Haar den Boden schlagen;

Faust V. 11S91: . . der T a n n e n schwankend H a a r . 5

6 in liebendem Streit] Vgl. den Schluß des Hyperion (2, 124): W i e der Zwist

der Liebenden, sind die Dissonanzen der W e l t . Versöhnung ist m i t t e n i m

Streit und alles G e t r e n n t e findet sich wieder.

1 1 m i t der silbernen T r o p f e ] Vgl. Hymne an den Genius der Jugend v. S3 und

die Erläuterung z. St. 10

1 5 Es fehlen vermutlich nur anderthalb Verse.

3 2 a Es fehlt vermutlich nur ein Vers.

DIOTIMA

Die aus Briefen zu gewinnenden Grundzüge der langen und verwickelten Ent-

stehungsgeschichte dieses Gedichts werden ergänzt durch die Aufzeichnungen Gustav 15

Schlesiers, über die Wilhelm Böhm in der Deutschen Rundschau 1923, S. 6S—84

und 177—197, berichtet hat. (Die auf »Diotima« bezüglichen Vermerke sind dort

S. 70 f . teilweise abgedruckt.)

Die früheste Fas sung ist anscheinend bald nach Hölderlins Begegnung mit Susette

Gontard entstanden, in den ersten Monaten des Jahres 1796. Sie ist Atheniia über- 20

schrieben. Der Name steht also nicht von vornherein fest, wie ja auch die Geliebte

Hyperions im Thalia-Fragment (im Sommer 1794 zu Waltershausen entstanden)

noch Melite heißt. Daneben wird, nach Schlesiers Zeugnis (Stuttgart, Landesbiblio-

thek cod. poet. Nr. 196 Bl. 114), in den Anfängen des Romans auch noch der

Name Panagia (so zu lesen statt Schlesiers Lesefehler Pomagia_) erwogen — wenn 25

nicht überhaupt ein Mißverständnis Schlesiers vorliegt: Panagia ist der griechische

Name der Muttergottes und kommt in dieser Bedeutung sowohl in der metrischen

Fassung des Hyperion vor (Stuttgart I 3Sc: Von dem Altare, wo ich weilte, sah /

Panagia m i t W e h m u t h und m i t Liebe / Zu m i r h e r a b j als auch in »Hyperions

Jugend«, S. Kapitel, 3 .Absatz:. . das Fest der Panagia, und a n d e r e r Seeligen. — 30

Das Gedicht Jthenäa umfaßte S Strophen zu 8 Zeilen und begann mit dem Vers:

Da ich noch in K i n d e r t r ä u m e n , der in der auf die verschollene früheste Fassung

folgenden »älteren« Fassung die S. Strophe eröffnet, in der »mittleren« die

526
Diotlraa 212-222

4. Strophe^ während er in der gänzlich umgewandelten »jüngeren« Fassimg, in ver-

iinderter Form, seinen Platz mitten in der 2. Strophe findet. — Jthenäa begann also

mit derselben Gebärde wie das im Sommer 1795 entstandene Gedicht An die Natur

(Da ich noch, . . .).

5 Die Bruchstücke einer älteren Fassung (16 Strophen zu S Zeilen) sind nur in

Abschriften überliefert. Die drei von Schlesier abgeschriebenen Strophen sind wohl

mit der Abschrift von der Hand Susette Gontards zusammenzubringen und nicht mit

der »mittleren« (überdies 1S strophigen) Fassung, von der die Strophen 1—8 in fast

korrektitrloser eigenhändiger Reinschrift vorliegen, während Schlesier aus einer Hand-

10 Schrift abschreibt, die viele Korrekturen aufweist. Die Reinschrift, auf der Susette

Gontards Abschrift der Ferse 1—77 beruht, wird also später stark umgeformt zur »mitt-

leren« Fassung, und diese korrigierte Handschrift ist Schlesiers »2. Redaktion«,

Die mittlere Fassung (IS Strophen zu S Zeilen) schickt Hölderlin vermutlich arn

24. Juli 1796 von Kassel aus an Schiller, zusammen mit dem Gedicht An die klugen

Raihgeber (1. Fassung) und andern. Am 20. November 1796 bittet er, t r a u r i g über

Schillers gänzlich V e r s t u m m e n , um Rücksendung der unglüklichen Verse, die

Schiller nicht in seinen Musenalmanach aufgenommen hatte. Schiller antwortet

postwendend am 24. November, die Gedichte seien für den Almanach um mehrere

M^ochen zu spät gekommen; an dem Gedicht Diotirna tadelt er die Wcitschweifig-

20 kei t; die Manuskripte behält er aber zurück, da er noch seine Bemerkungen beischreiben

mächte, wozu es ihm im Augenblick an Muße fehle. — Doch scheint er sie auch später

nicht zurückgeschickt zu haben: die ältere Fassimg des Gedichts An die klugen Rath-

geber hat sich, mit Schillers Änderungen, in dessen Redaktionsnachlaß gefunden,

und es ist nicht anzunehmen, daß Hölderlin mit der zweiten Fassung dieses Gedichts,

25 die er im August 1797 seinem undatierten Brief an Schiller ("Ihr Brief wird m i r

unvergeßlich soyn . . .) beifügt, auch die unglückliche erste Fassung wieder ein-

gereicht hätte. In demselben Brief, der auch das u m g e a r b e i t e t e und abgekürzte

Lied an D i o t i m a enthält, sagt Hölderlin ausdrücklich, Schiller besitze dessen

frühere Fassung schon: also hatte er sie nicht zurückgegeben. Doch befindet sie sich

30 auch nicht in Schillers Redaktionsnachlaß. Ob die beiden in Bremen und Frank-

furt a. M. verwahrten Blätter (H^), die Christoph Schwab noch 1S72 in der Hand

gehabt hat und die zusammen mit den handschriftlich heute nicht mehr vorhandenen

7 Schluß Strophen schon IS 29 wahrscheinlich die Druckvorlage für J^ (Neuffer) und

1S46 für Christoph Schwabs Ausgabe (B^) abgegeben haben, ursprünglich aus

35 Schillers Nachlaß stammen, läßt sich nicht sagen.

527
212- 222 Diotima

Die jüngere Fassung (7 Strophen zu 12 Zeilen) entsteht, nach Schlesiers Zeugnis,

durch Umarbeitung einer späteren Stufe der mittleren Fassung, deren Anfangszeile

lautete: Lange still u n d .ticfverschlossen, {H^). Die Neugestaltung wird genau

ein Jahr nach der frühesten Fassung vorgenommen und am 16. Februar 1797 dem

Brief an Neuffer beigelegt. Am 20. Juni 1797 fragt Hölderlin bei Schiller an, ob 5

er den beigefügten Manuskripten (Der Wanderer und An den Aether) noch eines oder

zwei der Gedichte, die voriges Jahr zu spät gekommen seien, umgearbeitet nach-

schicken dürfe. Als Schiller zustimmt, erbittet er »Diotima« am 10. Juli 1797 von

Neuffer zurück und schickt dann gleich mit dem S. S27 Z. 2S erwähnten Brief

das G e d i c h t an die klugen Ratligeber, g e m i l d e r t und gefeilt, sowie das u m - 10

gearbeitete und abgekürzte L i e d an D i o t i m a nach Jena. — Schiller hält auch

die veränderten Fassungen eines Abdrucks nicht für würdig. Hölderlin wartet nahezu

zwei Jahre ab und gibt das Gedicht Diotima dann seinem Freund Neuffer für dessen

Taschenbuch auf das Jahr 1800 (J'): am 3. Juli 1799 kündigt er das Manuskript

an, das er seinem nächsten (undatierten) Briefe (Ich schike Dir hier einige Gc- 15

dichte, lieber NeuiTer! . . beifügt. In der Zwischenzeit mußte er nach dem ersten

Entwurf der jüngeren Fassung {H*) eine neue Reinschrift anfertigen, wobei die

Varianten entstanden sein mögen, die J^ gegenüber dem. Text vonA^ und B^ bietet.

Überlieferung

Früheste Fassung: 20

{!'!') : verschollen; bezeugt durch Gustav Schlesier (Stuttgart, Landesbibliothek

cod. poet. 4» Nr. 196 Blatt 112), der die Überschrift (Athenäa;, die An-

fangszeile (Da ich noch in K i n d e r t r ä u m e n , j und den Umfang (S Stro-

phen zu 8 Zeilen) vermerkt.

(Vgl. Christoph Schwab B^ 2, 287 Anm.: Das g e r e i m t e G e d i c h t »Dio- 25

t i m a « h a t t e anfangs die Ü b e r s c h r i f t » A t h e n ä a « g e h a b t j

Bruchstücke einer älteren Fassung:

.• verschollen; bezeugt durch Gustav Schlesier (s. oben), der die Überschrift

("Diotima^, die Anfangszeile ("Lange todt u. tief verschlossen,) und den'

Umfang (16 Strophen zu 8 Zeilen) vermerkt. Schlesier kennzeichnet diese 30

Handschrift als stark durchkorrigiert zur dritten Fassung und schreibt die

Strophen 13—IS (h^) ab. Auf (H^) geht wahrscheinlich, vor der Um-

gestaltung, auch die Abschrift von der Hand Susctte Gontards zurück (h^).

528
Diotlraa 212-222

h^ (v. 1-77): München, Landgerichtsdirektor Dr. Arnold (Nachlaß Carl

Gochs): Ahschrijt von der Hand Susette Onntards.

H-' (v. 97-120): Stuttgart, Landesbibliothek cod. pact. 40 Nr. 196 Blatt 112.

Abschrift von der Hand Gustav Schtesiers.

5 Mittlere Fassung:

H^ (v.1-32): Bremen, Bibliothek der Hansestadl: EinzelblaU 17,} (17,!)

X 22,4 (22,9) cm, alle Kanten beschnitten; gelbliches, feingeripptes Pa-

pier; }(Wasserzeichen: aufgehängtes Posthorn.

Am oberen Rand der Vorderseite undatierte Echtheitsbestiitigung von Chr.

10 Th. Schwab.

(v. 33-64): Frankfurt a. M., Freies Deutsches Hochstift 6170: Einzel-

blalt 17,3 (17,6) X 21,S cm, alle Kanten beschnitten; gelbliches, fein-

geripptes Papier; Wasserzeichen: E B R E N N E R & C O M P IN BASEL

Am unteren Hand der Rückseite Echtheitsbestätigung von C. T. Schwab

15 (14. Januar 1872).

(v. 6S-120): verschollen; der Text ist erhalten in BL

(FP hat Schlesier nicht vorgelegen.) — Siehe den Nachtrag im 2. Band!

]P: Friedrich Hölderlin's sämmtliche JVerke, hg. von Christoph Theodor

Schwab, Stuttgart und Tübingen 1S46, H 213-222; beruht auf IP.

20 J- : (Ludwig Neuffer): Nachtrag einiger Gedichte von Friedrich Hölderlin.

XV. 'Leitung für die elegante. JVelt 1829 Nr. 24S-246 (14. u. IS. De-

zember), Spalte 19SS-19S6 u. 1964-1966; beruht wohl ebenfalls auf IP,

die Varianten sind vermutlich eigenmächtige Änderungen Neuffers.

Eigentümlichkeiten der Schreibung (B^ und J^): selig, W o g e , bleich,

25 Icl/.te, Blicli, fi-ohlockend. Accord.

{H^) : verschollen; bezeugt durch Gustav Schlesier (s. oben), der die Überschrift

(•Diotima^, die Anfangszeile CLange still u. tief verschlossen,J und den

Umfang (15 Strophen zu 8 '/.eilen) vermerkt. (Auf Blatt 113 gibt Schlesier

die Anfangszeile in der Form: Lange still u. tiefverschlossen wieder.)

30 Jüngere Fassung:

Sie entsteht, nach Schlcsiers Zeugnis, am Rand und zwischen den Zeilen

von {I'P). Varianten dieser erstcnStufe der jüngerenFassung gegenüber J'

verzeichnet Schlesier auf Blatt 113; sie sind unter den Lesarten mit der

Sigle {H^) versehen.

529
212- 222 Diotima

( / / ' ' ) ; verschollen; Reinschrift nach {H^), an Schiller gesandt.

( H ^ ) : verschollen; zweite Reinschrift nach [11^), Druckvorlage für JK

J^ : Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1800. heraus-

gegeben von C. L. Neuffer. Mit Jiupfern von Chodowiecki, liüfj'ner und

d'Argent. .Stuttgart, beyj. F. Steinkopf. S. 114-118, unterschrieben: Hül- 5

d erlin.

an mehreren Stellen von J^ abweicht und nicht anzunehmen ist, dciß

Uhland und Gustav Schwab willkürlich geändert haben, SÜ ist es wahr-

scheinlich, daß ihnen entweder { l i ^ ) , {H'') oder noch eine weitere (frühere

oder spätere?) Fassung in eigenhändiger Reinschrift vorgelegen hat. Auf 10

eine solche Handschrift wären also zurückzuführen A^ und dessen Druck-

vorlage /i';

h': Stuttgart Va 1 S. W-3L

: Gedichte von Friedrich Hoelderlin. {Hg. von Ludwig Uhland und Gustav

Schwab.) Stuttgart und Tübingen 1826, S. 19-22. 15

Ahnlich erklären sich vielleicht auch die Abweichungen in dem Zitat der

2. Strophe durch W. S. Tcuffel:

P : Deutsche Vierteljahrs-Schrift 29 (1866) Heft S. 278-279; in dem Vor-

trag von W. S. Teuffei: Zur Vergleichung antiker und moderner Lyrik

(S. 2S9-281). 20

B^ : Friedrich Hölderlin^s sämmiliche kVerke, hg. von Christoph Theodor

Schwab, Stuttgart und Tübingen 1846, II, 16—18.

Früluste Fassung: {Ii')

Altere Fassung: { W ) ^ _i20)

Mittlere Fassung: I P
^ BUH 218)

(H^) Schlesier, Blatt 113 (Varianten gegenüber J')

Jüngere Fassung:

{iP) (IP) P

h^ A' BUI1,16)

530
Diotlraa 212-222

Lesarten

1) der älteren Fassung (v. 1-77: h'; v. 97-120: h^):

1 0 liebczürnond] liobzüniend h^ 1 9 Akkorden] Ackorden li^ 29 be-

stellen,] bestehen / i ' 3 3 ; Mit diesem Vers begann die früheste Fassung unter

5 der Überschrift Mhcnaa. siehe {I'P) 4 0 Säuselte] säuselte II' 4 8 zuriik]

zurück h' 6 3 n i e d e r ] wieder (Schreibfehler) /i' 7 3 Bogen] bogen k^

7 6 n i e g t , ] fliegt h^

100 s t e h t , ] steht, h^ 101-104: eingeklammert h^ 101 Schlaken]

Schlacken h^ 1 0 4 b l ü h t ; ] blüht, h^ 106 Blik] Blick h? 120: in

10 der eigenhändigen Handschrift folgte hier noch eine 16. Strophe, laut der An-

merkung Schlesiers h^

2) der mittleren Fassung (v. 1-64: I'P; v. 1-120: B' J^; v. 1 in späterer

Form: {IP)):

1 t o d t ] still {IP) tiefverschlossen] tiefverschlcssen oder tief verschlos-

15 sen ( H ^ ) 2 Welt;] Welt, PJ 3 blühn] blüh'n i J ^ 4 geschwellt;]

geschwellt. B^ J'^ 5 0!] 0, B^ J^ i n ' s ] ins B^ J^ 8 bricht.]

bricht: J® 9 ists] ist's B^ J^ 1 2 L i e d , ] Lied; B^ J^ 17 Diotima!]

Diotima, B' J^ W e s e n ! ] Wesen, 18 Herrliche,] Herrliche I B^

2 1 b e s t e h e n , ] b e s t e h e n ! B'J^ 2 3 e h ] eh' B'J'^ 26 F r i e d l i c h nac/i

20 gestr. Seol(ig) IP 31 Säuselte, wie Zephirstöne,] Säuselte wie Zephyrs-

töne IP Säuselte, wie Zephyrstöne, J^ 32 D i o t i m a s ] Diotima's J^

33 Ach!] Ach, 35 i c h ] ich, B^ 36 B l i n d e r , ] Blinder B^

38 L e b e n , ] Leben B^ 40 R e i c h ; ] Semikolon aus Doppclpunkt IP

Reich: JS' J^ 41 v o m ] vo'm IP 42 v o m ] vo'm IP Himmel,]

25 Himmel B^ 43 erscheinst] erschienst B^ J^ deinem] Deinem J^

S t r a h l e ] Strale B' 44 Götterbild!] Götterbild, B^ P Nacht;]

Nacht! B^ J'' 47 todten] s t u m m e n B^ J^ 49 Nun!] Nun, B^ J-

dich]Dich 5 0 a h n d e n d ] ahnend sah]sah, . B ^ 5 1 Peier-

stvinden,] Feierstunden — B^ Feierstunden 52 H o h e ! ] Hohe, B^

30 d u ] Du d a ; ] da. B ' 53 0 ] 0, B' Phantasien] Phanta-

sieen B' P 55 D u , ] Du B^ P Harmonien] Harmonieen, B^ P

56 Prohvollendete] F r o h vollendete B^ Frohvollendende P 60 blüht

aus blühl H^ 6 3 göttlich nach gestr. gottrein IP

65-120: nur in JS' und P überliefert. - Siehe den Nachtrag im 2. Band!

531

I, 34
212- 222 Diotima

67 fassen] fassen, 71 schönen] stillen J^ 74 ihr] Ihr

77 H a b ' , ] Hab' J^ 80 eigner] eig'ner B^ 82 Wenn] Wenn, J^

L a u t ] Laut, J- 87 B e u i m d r u n g ] Beivund'rung J^ 101 vergessen,]

vergessen J- 1 1 2 liinuntersinkt] hijninter sinkt J^ 115 schwinden,]

schwinden J^ 1 1 6 frohlokend,] frohlockend J^ 119 wiederkehren] .5

wiederkehren J^

5) der jüngeren Fassung (v. 1-S4: {I'B) J1 A^ B'; v. li-24: J^):

1 d u ] Du h^A'B' 4 d i r ] Dir h^ A'B^ 5 ist's] i s t s / ^ 6 trau-

ernd] traurig /i^ A'B' 7 Akkorden] Accorden h^ 8 i n ] zu (7:/^)

Lied,] Lied; J' 12 Sie] sie li^ A'B' 13 D i o t i m a ! ] Diotima, J^^ 10

edles] schönes {H^) L e b e n ! ] Leben, J^ 1 4 v e r w a n d t ! ] verwandt, J^

15 Eh'] Eh J' d i r ] Dir h^ A'B^ 16 f e r n e ] lange J^ dich]

Dich h^A'B' 17 schon, da] sclion als J^ T r S u m e n , ] Triiumen B'

1 8 M i r entlokt vom h e i t e r n ] Sanft umspielt vom goldnen J ^ Tag] Tag' J ^

2 0 Knabe lag, Knabe, lag, J - ' / i ' ' Knabe lag; 2 2 Mei- 15

n e r Seele] Meines Lebens J ^ M a i ] May J^ Mai ßi/s May Ii^ begann,]

begann: h^ A^ B^ 23 Zephirstöne] Zephyrstiine aus Zephirstöne h^

Zephyrstöne A^ B^ Zephyrtöne J^ 24 G ö t t l i c h e ! ] ^usru/zcic/?c;i aus

Komma h^ Göttliche,/'' dein] Dein / i ' ' ^ ^ Geist] Hauch /i^

29 b e u g t e , ] beugte 30 b l a i c h ] bleich 34 dies 20

dieß J1 mir, nach gestr. T^ur, h^ 36 Bei]Bey

37 d i c h ] Dich h^ A'B' g e f u n d e n ! ] gefunden, (/7<) 38 Schöner,

als] Schöner als B' ahndend ahnend J'h^ A'B' 39 Feier-

stunden] Feyerstunden J^ Feierstunden aus Feycrstunden /i^ 40 du]

Du h^A'B^ il den über gestr.äcT h^ 4 2 Freude] F r e u n d s c h a f t 2 5

43 W o des] W o , des h^ (Komma später eingefügt) A^ B^ Alterns] Alterns

(JUS Alters Alters li^ A^ B^ 4 4 I m m e r h e i t r e aui I m m e r heitre h^

4 5 d u ] Du h^A'B' 4 6 Gotterbotin (H^) A'B' m« Götterbotinn h'^

Götterbotinn J^ weiltest J^ li^ A^ B^ (hätte in (H*) Weiltest gestanden,

wie Robert JVirth in seinen »Vorarbeiten und Beiträgen zu einer kritischen Ausgabe 30

Hölderlins«, Programm Plauen i. V. I S S f , S. 23 vermutet, so hatte es Schlesier

bemerkt; nach herabgestiegen im vorigen Vers steht auch in J^ nicht, wie Wirth

angibt, ein Punkt, sondern ein Komma) 46 d u ] Du h^ A^ B^ 48 Bei]

Bey J^ i m m e r z u . ] i n m i e r z u ! li^ A^ B' 4 9 - 5 2 : Diese Verse stehen hinter

532
Diotlraa 212-222

in {H^). Schlesiers Vermerk lautet: Zeile 1 - 4 {der S.Strophe) stehen

vor (; verschrieben statt h i n t e r ) Z. 5—8, doch, s i c h t b a r l i c h , nur, weil es im

friiliern Text so stand u. der D i c h t e r es n u r b e i m schnell Corrigiren niclit

umschrieb. 50 Frieden J^ Friede aus Frieden Friede A^ B'

5 5 3 Huldifrungen] Huldigungen, h^ A'B' 5 4 H a b ' ] Hab h^A^ B' oft,

beschämt {Irl')!' oft b e s c h ä m t A ^ B^ besiegt,] besiegt; (Druc/t-

fehler) A^ 55 fassen,] fassen 2?' 58 darob über gestr. herab h^

61 A c h ! an J ^ h^ B ' Aclilund A^ deine nus Deine h^ Deine B'

62 Seelig holdes {H^) (Schlesier merkt da zu an: vorher h a t t e er corrigirt,

10 aber durchgcstriclien: heilig h.J Seligholdes J^ Heilig holdes Ii^ A ' B ^

63 deine oi/s Deine Ii^ Deine B' 64 g e w o h n t ] gewohnt h^ A'B'

n i c h t ; ] nicht, {J:P) 65 deine aus Deine h^ Deine B^ Melodien]

Melodieen J'A^ B^ Mclodiecn ouj Melodien h^ 6 6 miihlig] m ä l i g

mülilig über gestr. m ä c h t i g h^ 68 andrer] Andrer h^ A^ B^ bin;]

15 bin! B^ 69 erkoren iiZii-)-g-cjtr. geboren h^ 70 deiner] solcher

Deiner h^i' I V u h , ] I l u h ' ? h^ A'B' (Fragezeichen für gcstr. Komma h^)

72 Giittlichglükliche] Heiligglükliche (11^) Göttlichglückliche J'

Göttlich GUicklicho li^ yP B' (•GliicklicVio aus glückliche h^) du?-]

Du? h^A'B' 73 dein] Dein h^ A^ B^ 7 7 Meereswoogen] Meeres-

20 wogen J^ h^ A^ B^ 7 8 b l a u t ] baut A^ 7 9 von] an W A^ B^ (zu

der Lesart von J' bemerkt Schlesier in {H'^) keine Abweichung!) 80 Still]

stillt (Druckfehler) A' heruiiterschaut:] herunterschaut, h^A^ hin-

unterschaut: B^ (durch die verderbte Lesart an im vorigen Fers hervorgerufene

Konjektur Christoph Schvabs) 81 —84 Anmerkung Schlesiers: Die 4 letzten

<25 Zeilen des 7. Verses waren nur schwor zu lesen, n a m e n t l i c h Z. 10. zweifel-

h a f t , ob es » h o h e m « , »schönem« oder wie sonst zu lesen. Das Ganze aber

s t i m m t e doch m i t dem Neufferschen u. jetzigen Texte. {H^) 82 Neu

liier g'citr. Nun h^ Neu g e w e i h t ] Ncugewcibt J ^ s c h ö n ' r e m ] scliönem J ^

G l ü k ] Glück J'h^A'B^ 83 s e h e n , ] sehen h^ A^ B' 84 zurük]

30 -/.nrück J'h^A'B'
Erläuterungen

Das Silbenmqß der alteren und der mittleren Fassung ist dasselbe wie in der Hynmc
an die Freundschaft: siehe dort die JCrläuterung. — In der jüngeren Fassung wird
die ursprüngliche achtzeilige Strophe um vier gleichartige Ferse erweitert (Rcirri'
35 Ordnung: e f e f , abwechselnd klingend und stumpf). Es entsteht so die. Strophe der

533
212- 222 Diotima

Klage der Ceres, die Schiller im Musenalmanach für das Jahr 1797 veröffentlicht

hatte. Diese anscheinend bewußte Angleichung verleiht dem Satz des undatierten

Begleitbriefs ("Ilir Brief wird m i r unvergeßlich seyn . . ._) eine besondere Be-

tonung: I c h n ä h r e die Hoffnung, daß es in dieser Gestalt wohl eine Stelle in

I h r e m Allmanache finden d ü r f t e . 5

Ältere Fassung:

2 4 f a n d ] In der schwäbischen Mundart ist der Vokal lang. Der Reim auf g e m a h n t

ist also rein. (Vgl, die mittlere Fassung v. 16, die jüngere v. 12.)

3 0 — 3 2 Vgl. Hyperion 1, 109: E h ' es eines von uns beeden wußte, g e h ö r t e n

wir uns a n ; Emilie vor ihrem Brauttag v. 417—420. Es liegt der Gedanke der Fla- 10

tonischen Anamnesis zugrunde, wie z. B. auch dem Schillerschen Gedicht Das Ge-

heimniß der Reminiszenz, an Laura (1782). — (Vgl. die mittlere Fassung v.22—24,

die jüngere v. 14—16.) — Goethes Verse an Charlotte v. Stein: Ach, du warst in

abgelebten Zeiten / Meine Schwester oder meine F r a u (Weimarer Ausgabe

Abt. I Bd. 4 S. 97) sind erst 1S4S gedruckt worden. 15

7 0 —72 Der Ausdruck in deinen H a r m o n i e n ist, wie die 7^eichensetzung der mitt-

leren Fassung (v. S f ) lehrt, zu dem Attribut Frohvollendete im nächsten Vers zu

ziehen, nicht zu dem Prädikat bildest.

73—77 Vgl. Hyperion 1, 109: . . wenn ich oft, b e g r a b e n in Lust und Schön-

h e i t , bei einem reizenden G e s c h ä f t e sie belauschte, und u m die leiseste Be- 20

wegung, wie die Biene u m die schwanken Zweige, meine Seele s c h w e i f t '

und flog . . .

Mittlere Fassung:

Die zweite Strophe der älteren Fassung ist getilgt, die sechste und siebente zu einer

zusammengefaßt und umgestaltet (v. ^3—40). 25

5 5 Indem hier die N a t u r angeredet wird, wechselt die Blickrichtung: in den näch-

sten fünf Strophen (v. 57—96) ist von Diotirna nicht mehr in der zweiten, sondern

in der dritten Person die Rede. In den drei letzten Strophen vereinigt sich das Ich mit

dem Sie zu einem Wir, das zugleich nach umfassenderer Allgemeinheit zu streben

scheint. — Der Wechsel der Blickrichtung war schon in der älteren Fassung vor- 30

gebildet. In der jüngeren Fassung erscheint Diotima nur in einer Strophe (v. 49—60)

in dritter Person, in den beiden folgenden Schlußstrophen wird sie wieder angeredet.

62 Urania] Vgl. die Hymne an die Göttin der Harmonie.

534
Diotlraa 212-222

103 Spanne] Fgl. Hymne an die Muse u. IIS; Der Wanderer, 2. Fassung, v. IS.

105 Tyndnridcn] Vgl. die Erläuterungen zu v. S9 der Hymne an die Menschheit

und zu V. 47 f . der Hymne an die Freundschaft. — Das Sternbild der Tyndaridm

(Dioskuren) wird auch in der Jlymne an die Freiheit (Wonne sang' ich . . .) u. S1

5 erwähnt.

117 l l o r c ] Vgl. Hymne an die Schönheit v. 84 und die Erläuterung z. St.

Jüngere Fassung:

In seinem Brief vom 24. November 1796 warnt Schiller, nach einigen allgemeinen

Hatschlägen, vor der Wcitscliweifigkeit . . ., die in einer endlosen Ausführung

10 und unter einer Flutli von Strophen oft den glücklichsten Gedanken erdrückt.

Dieses t h u t I h r e m G e d i c h t an Diotima n i c h t w e n i g Schaden. W e n i g e bedeu-

tende Züge in ein einfaches Ganzes verbunden würden es zu einem schönen

G e d i c h t e g e m a c h t haben. D a h e r e m p f e h l e ich I h n e n vor allem eine weise

Sparsamkeit, eine sorgfältige W a h l des Bedeutenden und einen klaren ein-

15 f a c h e n Ausdruck desselben. (Vgl. Michel S. 209-214.)

Nach diesen Anweisungen kürzt Hölderlin sein Gedicht: es entsprechen sich v. 12

der jüngcrn Fassung und v. 16 der mittleren, ferner: 24 und S2; und 40;

}7 und 49; 44 und 60; S2 und 72; (56 und 68!); ein Zwischenstück ist ohne ge-

naue Entsprechung; 73 und 10f.

20 7 3 dein Vater und der m e i n e ] Der Sonnengott, in lichter Höhe (v. 76); in der

mittleren Fassung steht hier ein Sternbild, am nächtlichen Himmel: in dunkler

H ö h e (v. lOS-lOS).

78 b l a u t ] Zu dieser Lesart (gegenüber baut A') merkt Schlesier (Stuttgart,

Landesbibliothek cod. poet. 4" Nr. 196 Bl. 201) am 18. Juni 1842 an: Diese Les-

25 a r t (blaut), auf die Schwab von seinem Sohne neuerdings a u f m e r k s a m ge-

m a c h t , h a t Jener, obwohl Uhland es n i c h t wollte, auf seine Hand in der d e m -

nächst erscheinenden neuen Ausg. {der Gedichte, 1843) drucken lassen.

8 1 — 8 4 Diese Verse bekunden am deutlichsten die innere Wandlung seit der mitt-

leren Fassung, deren letzte Strophe von der Rückkehr in das tätige Leben, nach

30 dem Untergang in der Begeisterung, nicht so bejahend spricht.

535
223 ^ 2 2 6 An die klugen R a t h g e b e r . D e r J ü n g l i n g an die k l u g e n R a t h g e b e r

AN D I E K L U G E N RATHGEBER

D E R J Ü N G L I N G AN D I E K L U G E N RATHGEBER

Am 24. Juli 1796 schickt Hölderlin vermutlich die erste Fassung dieses Gedichtes

(zusammen mit der mittleren Fassung des Gedichtes Diotima und andern) an

Schiller. Am 20. November erbittet er enttauscht die Handschriften dieser Gedichte 5

zurück, die Schiller nicht in seinen Musenalmanach hatte aufnehmen können. Schil-

ler behält jedoch die Handschriften, um später noch seine Bemerkungen heizuschrei-

ben. Diese Absicht hat er aber wohl nur bei dem Gedicht An die klugen Rathgeber

ausgeführt, ohne die Handschrift nun zurückzugeben. Am 20. Juni 1797 fragt Höl-

derlin, ob er eines oder zwei der Gedichte, die voriges Jahr zu spät gekommen seien, 10

umgearbeitet wieder vorlegen dürfe. Auf Schillers inzwischen erteilte Genehmigung

fügt er seinem nächsten (undatierten) Brief wohl im August 1797 (Tlir Brief wird

m i r u n v e r g e ß l i c h seyn . . .) das G e d i c h t an die k l u g e n R a t h g e b e r bei: I c h

h a b ' es g e m i l d e r t und gefeilt, so gut ich konnte. I c h h a b e einen b e s t i m m t e r e n

Ton hineinzubringen gesucht, soviel es der K a r a k t e r des Gedichts leiden 15

vioWie — außerdem das u m g e a r b e i t e t e und abgekürzte Lied an D i o t i m a (die

jüngere Fassung). Hölderlins Hofftmng, die Gedichte möchten in dieser neuen Ge-

stalt doch einen Platz in Schillers Almanach finden, luird abermals enttäuscht. (Vgl.

die Entstehungsgeschichte des Gedichtes Diotima.)

Überlief erung 20

H^ : Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv (Schillers Redaktionsnachlaß): An die

klugen R a t h g e b e r , unterschrieben: Hölderlin. Doppelblatt 19x23 cm, alle

Kanten beschnitten; gelbliches, geripptes Papier; Wasserzeichen: lA

Von Schiller mit Tinte (s^) und Rötel (s^) durchgesehen,

hp : Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv (Schillers Redaktionsnachlaß): Der 25

Jüngling an die klugen R a t h g e b e r , unterschrieben: Hölderlin. Doppelblatt

18 (18,3) X 22,4 cm, alle Kanten beschnitten; gelbliches, feingeripptes Pa-

pier; Wasserzeichen: C & I HONIG

Erster Druck: Bernhard Seuffert: Gedichte Hölderlins. Vierteljahrschrift für Lit-

teraturgeschichte, hg. von Bernhard Seuffert 4 (1891) S. S99—609, insbesondre 30

S. 601-60S.

536
223 ^226 An die klugen R a t h g e b e r . D e r J ü n g l i n g an die klugen R a t h g e b e r

Lesarten der ersten Fassung

1 i m ] i'in LP L c b c n s f c l d c untcrstr. s^ i ' m L e b e n s f e l d e gestr., als Ersatz

rfnri/icr; m i t allen K r ä f t e n i ' 2 n a c h h ö c l i s t c r S c h ö n e s t r e b t , ] das liöclislc

S c h ö n e liebt, i'' 3 am] a'm I'P 4 begräbt] begrübt s^ 11 im]

5 i'in H' 13 UMgeschändet untcrstr. s' 14 Des M e n s c h e n H e r i ] Das

Hei'z s^ k ü h n e m ] kiilmer s^ Zorn gcstr. ohne Ersatz s^ (vermulUcli hat

Schiller L e i d e n s c h a f t einsetzen wollen) 15 der n u r i m K a m p f vollendet

unterstr. (zunächst nur vollendet, dann das Ganze) s' 1 8 R i c h t e r untcrstr. s'

1 9 '/.lim] y.u'm H' 2 1 — 2 8 : am vorderen Rand mit einem senkrechten Strich

10 angemerkt s'^ 21-24: gestr. s^ 23 Bis aus dem Ansatz zu B i ß /-/^

24 im] i'm I'P 25 K ä c h e r s ] (1) das K durch einen bezeichnend Schilleri-

schen, unter die Zeile geschwungenen Schlußschnörkel verdeutlicht (2) S c h ö p f e r s

iiier nic/u g-ci(r. R ä c h e r s i ' 2 6 g e b e u t , ] (ianoc/i: z e r s t r e u t i ' 28 Pöbels

U n e r b i t t l i c l i k e i t unterstr. i' danach: D ü r f t i g k e i t 31 zum] zu'm i/'

15 3 2 z u m ] z u ' m H^ 3 3 — 4 0 : mit einem diagonalen Stric}i getilgt 3 3 der

fli/s des I'P ans] an's 34 in üier ^esir. m i t IP 3 7 zur] zu'r I'U

3 9 m o r g e n r o t l i c h «US m o r g e n r ö t h l i c h IP 4 1 J e z t b l ü h t d i e ] linrüicr; l l i r

lehrt die 5' 42 Zum] Zu'm I'P Todesdolch in me\ichlerischer

unterstr. s'' 43 RaÜi] das JS. mit Schillerischem Schlußschnörkel verdeutlicht s^

20 R a t h des k l u g e n M a n n s unterstr. 44 f u r c h t b a r , wie ein Scherge,

unterstr. (zunächst nur f u r c h t b a r , dann das Ganze) s^ dann gestr., darüber: m i t

V e r n u n f t e n t z w e i h t sich 4 5 - 4 8 : gestr. s^ 4 8 kus nach gestr. In I'P

53 TodU;t\,] Komma aus Ausrufzeichen I'P 54 h ä l t , untcrstr. s^ danach:

schwingt i ' 5 6 herein vor gestr. Äomma I'P 5 6 : Der Fers wird geändert

25 in: W i r d schon die n e u e b e ß r e W e l t v e r j ü n g t .

Lesarten der zweiten Fassung

3 am] a'm H » 6 M u ß ausMa<^> 7 B e t t e ] B e e t e 12 dringt.]

d r i n g t IP 1 4 e n t b r e n n t ] e n t b r e n t LP 1 9 Z u m ] Z aus I H" 12 Scher-

b e n ! ] S c h e r b e n , ! I-P 2 9 l ä h m e n ! ] l ä h m e n , ! IP 3 3 könnt] könnt' IP

30 37 z u b e r e i t e t ] danach Ausrufzeichen gestr. IP

Erläuterungen

Das in beiden Fassungen gleiche Silherunaß, S fünffüßige Jamben in der Reim-

ordnung a b a b, c d c d, klingend und stumpf in regelmäßigem IVcr.hsel, kommt

in andern Gedichten nicht vor.

537
223 ^226 An die k l u g e n R a t h g e b e r . D e r J ü n g l i n g a n die k l u g e n R a t h g e b e r

Bei den Erläuterungen, die sich auf die zweite Fassung beziehen, sind die Nummern

der Verse eingeklammert.

4 (4) b e g r a b t ] Mundartliche Form, noch heute durchaus gebräuchlich — ebenso

V. IS (IS) n i m m t und v. S4 hält.

7 Ärxte] Vgl. Hyperion 1, 72: O i h r Genossen m e i n e r Zeit! f r a g t eure Ärzte 5

niclit und n i c h t die Priester, wenn i h r innerlich v e r g e h t !

9 - 1 2 ( 9 - 1 2 ) Vgl. Das Schiksaal V. 17 f .

1 0 ( 1 0 ) Hesperien] Das Abendland, ein für Hölderlin später bedeutsam werdender

Begriff (siehe Brod und Wein v. ISO), hier mit den Äpfeln der Hesperiden in Zu-

sammenhang gebracht (vgl. die Erläuterung zu v. 4 der Hymne an die Menschheit). 10

( 2 3 ) N a j a d e ] Griech. Naiag = die Fließende, Schwimmende: Fluß- oder Wasser-

nymphe. Der Name wird von den Dichtern auch für das Wasser überhaupt ge-

braucht. — Hier ist mit der N a j a d e den des J ä h r h u n d e r t s Strom gemeint, in den

sich der aus dem Aether stammende Genius taucht, jedoch nur auf eine begrenzte

Zeit: dann erhebt er sein Haupt über das J a h r h u n d e r t . 15

24 K ä m p f e r w a g e n ] Vgl. {An Herkules) v. i7.

(27) S c h e r b e n ] Süddeutscher Ausdruck für Blumentöpfe (vgl. Goethe, Faust

V. 3608); der Cedernbaum ist um seiner mächtigen Größe willen genannt.

3 1 Scandal] Griech. axdvöaXov = der Fallstrick; im Neuen Testament: Anstoß,

Ärgernis — z. B. Matthäus 18, 7; Lukas 17, 1. — In einer Fußnote zum Hyperion 20

1,16 gebraucht Hölderlin das Verbum skandalisiren (axavdaM^Eiv) im gleichen

Sinne.

35 an d o n n e r n d e n Entscheidungstagen] Vgl. Das Schiksaal v. 49-S2.

36 das k ü h n e R e c h t ] Subjekt; der Kämpfer, der im Bewußtsein seines R e c h t s

und seiner guten Sache k ü h n den Kampf aufnimmt gegen die Ubermacht des Jahr- 25

Hunderts, die nur auf Glük, auf bloßem 'Zufall, und auf tyrannischer W u t h der

Unterdrücker beruht.

4 0 Lieblinge] Im Empedokles, schon in dem Frankfurter Plan, wird Pausanias der

Liebling des Empedokles genannt.

(41) die d ü r r e Zeit] Vgl. Brod und Wein v. 122: wozu D i c h t e r in d ü r f t i g e r 30

Zeit?

(42) Vgl. den undatierten Tübinger Brief an den Bruder CDas war brav, lieber

Karl . . . ) : I c h liebe das Geschlecht der k o m m e n d e n J a h r h u n d e r t e .

53 (45) Vgl. Matth. 8, 22; Luk. 9. 60: L a ß die T o t e n i h r e Toten begraben.

538
S ü m m c r i n g s Seelenorgan 227

SÖMMERINGS SEELENORGAN

Die beiden Epigramme sind wohl, ebenso wie die folgenden (S. 228 f.), erst nach

dem Erscheinen des Schillerschen Musenalmanachs für das Jahr 1797, der die

Xenien bringt, entstanden: frühestens also Ende November 1796 (Hölderlin

5 schreibt am 20. November enttäuscht an Schiller, als er keines seiner Gedichte im

Almanach findet), wahrscheinlich aber erst im Jahr darauf.

Überlieferung

II: Bad Nauheim, Dr. med. Carl Haeberlin (Sömmerrings Ururenkel): Einzel-

blalt, eingeklebt in Sömmerrings Handexemplar (am Schluß) des Buches:

10 S. Th. Sönunerring / über das / Organ der Seele, j Mit Kupfern. / Königs-

berg, 1796. I her Friedrich Nicolovius. VIH, S6 Seiten 4".

Erster Druck: Carl C. T. l^itzmann: Höldcrlinstudien. Vierteljahrschrift für Litte-

ralurgeschiehte, hg. von Bernhard Seuffert 2 (1SS9) S. 407—440, insbesondre

S. 421.
15 Lesarten

Die Überschrift des ersten Epigramms lautete zunächst nur Sömmerings Scelen-

organ. (mit einem Punkt dahinter) — und das Publikum, ist erst später als zweite

Zeile in. den etwas engen Zwischenraum eingefügt, nachdem das erste Epigramm

schon auf dem Papier stand. Das Gegenstück war also nicht vnn vornherein beab'

20 sichtigt.

Unter dem zweiten Epigramm die Unterschrift: Hölderlin.

Erläuterungen

Über Söminerring s. Rudolph Wagner: Samuel Thomas von Sömmerring's Leben

und Verkehr mit seinen Zeitgenossen, Leipzig 1S44. — Sömmerring war ein Freund

25 Jleinses, dessen Hildegard von Hohenthal er im »Seclenorgan« S. 48 f . ausgiebig

zitiert (über das Ohr als den »richtigsten« Sinn). Der Kurfürst und Erzbischof

Friedrich Carl Joseph von Mainz soll von Sömmerring zu Heinse gesagt haben: »Das

ist ein Patriot, wie alle Deutsche sein sollten« (Wagner H lOS). In seiner Frank-

furter Zeit verkehrte er auch im Hause Gontard. Hölderlin hat Sömmerring, wie

30 dessen noch (im Besitz Dr. Haeberlins) erhaltenes Notizbuch zeigt, am 2. Mai 1796

ärztlich zu Haie gezogen (Vermes). Am 28. Mai 1796 trägt Sömmerring ein:

Gontards Kinder vier. Inoculatio Variolar {um).

539
228-229 Gebet f ü r die U n h e i l b a r e n . G u t e r Ralli

G E B E T FÜR DIE UNHEILBAREN

JVohl auch 1797 entstanden.

Überlieferung

H: Homburg B 18 (s. die Beschreibung S. 324).

Erster Druck: Friedrich Seebaß: Unbekannte Gedichte von Hölderlin. Der grund- 5

gescheute Antiquarius 1 (1920-22) Heft 6 (März 1922) S. 162-163.

Lesarten

2 : (1) D e n n sonst g l a u b e n sie n i c h t ,

(2) D a ß sie s e h e n , wie ganz u n v e r s t a n d i g sie s i n d .

(3) Anders b e l e h r e s t du sie nie (a) vor 10

(b) wie v e r s t ä n d i g sie sind. H

3 Dieser Vers wird gleich nach der Niederschrift des ersten weiter unten entworfen

(•ganz u n d f ü h r statt: ganz, u n d f ü h r ' ^ und im Weiterschreiben, nachdem er unter

dem indessen entstandenen Fers 2 noch einmal gesetzt ist, gestrichen H 5 be-

k e h r e n aus b e b H nie aus n i c h t H 6 D i e s e ] danach eine Lücke H ^^

GUTER RATH

Vermutlich 1797 entstanden.

Überlieferung

H: Stuttgart 127'': Einzelblatt 19,2x23,7 cm, alle Kanten beschnitten; gelb-

liches, feingeripptes Papier; Wasserzeichen: B R E N N E R COMP BASEL 20

Inhalt: Vorderseite: Übersetzung des Chorlieds aus dem Oedipus Coloneus

des Sophokles, die letzten 6 Verse oben auf der Rückseite (die letzten 7 Verse

mit dunklerer Tinte, ebenso die Epigramme am Rande); Rückseite (unmittel-

bar an das Chorlied anschließend): O S c h l a c h t f ü r s V a t e r l a n d , . . . (erster

Entwurf der Ode Der Tod fürs Vaterland); an den Rändern: Epigramme; 25

Vorderseite oben: Guter Rath; links: Advocatus diaboli; rechts: (DieVortref-

licheri); Rückseite oben: Falsche Popularität; links: Die beschreibende Poesie.

Erster Druck: Hölderlins gesammelte Dichtungen, hg. von Berthold Litzmann,

Stuttgart (1896), I1S4.

540
Guter Rath. Advocatus diaboli 229

Erläuterungen

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieses Epigramm wie auch {Die Vortref liehen)

, und Die beschreibende Poisic, vielleicht auch gar Advocatus diaboli, aus dem tiefen

Unmut hervorgegangen ist, den die abermalige Ablehnung der Ccdichtc