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1918 kanadische Truppen eines Freiwil­ den Rhein strömten. Küper zitiert aus Einheit einschließlich der Ausrüstung
ligenkorps in die Kreisstadt ein. 11 Die der Hangelarer Schulchronik, daß am transportierten Lastwagen."
Alliierten ·waren sich ihrer Sache so si­ 12. Dezember 1918 englische Kavalle­
cher, daß sie in Bonn mit klingendem rie- und Artillerie-Regimenter auf dem Nach dem Erreichen und Überschreiten
Spiel und wehenden Fahnen den Rhein Wege nach Siegburg durch Hangelar der deutschen Reichsgrenze galt der
überschritten. Die Vorhut der kanadi­ zogen, denen mittags 750 Mann kana­ Rhein als nächstes Etappenziel, wäh­
schen Pionierbataillone, die für Trois­ discher Art.illerie folgten, die im Ort rend Troisdorf die Endstation für die
dorf vorgesehen waren, erreichten die Quartier bezogen. Britische Einheiten Kanadier darstellte. ,.Continuing the
Industriegemeinde ebenfalls am 12. De­ waren es auch, die am 11. Dezember in march to the Rhine," ist deshalb in die­
zember und zwar im Laute des Nach­ Niederpleis einzogen, am 12. in Ober­ ser Zeit eine mehrfach gebrauchte For­
mittags, während sich die in der 2. Ka­ menden, am 13. in Holzlar, Niedermen­ mel in den Kriegstagebüchern.
nadischen Division zusammengefaßten den und Siegburg-Mülldorf sowie am
Verbände in Bonn und seiner nächsten 15. Dezember in Buisdorf." Das 4. Bataillon hatte Witterschlick als
Umgebung auf den feierlichen Augen­ Ausgangspunkt für die Rheinüberque­
blick der Rheinüberschreitung vorberei­ Küper nennt die 4. Kanadische Infante­ rung und den Marsch über die letzte
teten. Die Vorhuten der beiden Bataillo­ rie Brigade (Sie bestand aus dem 18., Etappe, die da Troisdorf hieß. Unter
ne aber belegten noch am 12. Dezem­ 19., 20. und 21. Bataillon sowie aus der dem 13. Dezember 1918 heißt es kurz
ber die ersten Quartiere im Troisdorfe1· 4. Schützengrabenmörserbatterie.), die und knapp: Das Bataillon wurde in
Raum. für Siegburg, Troisdorf, Hennef und neue Quartiere in Troisdorf verlegt. Das
Neunkirchen zuständig war. Das 4. und Bataillon überquerte um 12 Uhr den
Trippen sagt, daß wochenlang deut­ 5. Kanadische Pionierbataillon aber Rhein in Bonn und marschierte am
sche heimkehrende Soldaten Troisdorf gehörte zur 5. Kanadischen Infanterie Kommandierenden General des Kana­
in tadelloser Ordnung passierten, Teile Brigade.'" Beide Bataillone waren für al­ dischen Korps, Generalleutnant A. W.
von ihren Einheiten täglich in Massen­ le technischen Arbeiten im Bereich des Currie vorbei."'
und Privatquartieren untergebracht von dieser Brigade besetzten Gebietes
werden mußten, die dann schon am verantwortlich. Eingehendere Auskünfte gibt dagegen
13. und 14. Dezember von britischen das Tagebuch des 5. Bataillons. Diese
Besatzungstruppen übernommen wur­ Einheit, die über eine Sollstärke von 39
den.'" Er ergänzt, daß die englische Offizieren sowie 736 Unteroffiziere und
Vorbeimarsch auf der Mannschaften" verfügen sollte, aber in
Besatzung am 2. Februar 1920 aus
Troisdorf abgezogen und dafür am 19. Bonner Rheinbrücke diesen Dezembertagen nur eine „Ver­
und 20. Februar das 97. Französische pflegungs-Stärke" von 31 Offizieren
Infanterie-Regiment „Alpini" eingerückt Die beiden Pionierbataillone hatten und 560 anderen Dienstgraden aufwies,
sei." Es waren insgesamt acht Kompa­ sich nahezu parallel und nicht allzu war, wie wir sahen, in Dottendorf in
nien. Neben ihnen quartierte sich spä­ überhastet durch Mittelbelgien nach Quartier gegangen. Das Bataillon war
ter in Oberlar das Artillerieregiment 312 Osten in Richtung deutscher Grenze durch Befehl der 2. Kanadischen Divi­
ein, das bis 1926 blieb. 1•1 Es wurde am vorgearbeitet. Das 4. war von Havelan­ sion zusammen mit etlichen anderen
14. Januar nach Koblenz verlegt. 15 ge nach Durburg, Freimeux, Lamor­ kanadischen und britischen Verbänden
menil, Longchamps, Emmeles in den für den feierlichen Übergang über den
Auch Warning sagt für Siegburg, daß Grenzort Losheim20 gezogen, das 5. er­ Rhein und den Einmarsch in das
im Februar 1920 über 2000 meist farbi­ reichte von Cuesmes über La Louviere, Brückenkopfgebiet ausgewählt worden.
ge Franzosen aus den nordafrikani­ Gouy Les Pieton, St. Amand, St. Ser­ Den 12. Dezember verbrachten die Pio­
schen Kolonien die Briten abgelöst hät­ vais, Strud, Havelange, Barvaux, Frei­ niere deshalb mit dem Säubern von
ten. Die in Siegburg stationierten fran­ neux und St. Vith den Ort Losheim. Es Fahrzeugen und der Ausrüstung. Es
zösischen Truppen gehörten dem 28. zog dann ab dem 6. Dezember über herrschte gutes Wetter (Wheather: Fi­
Tirailleur-Regiment an. 1• Baasem, Holtzmülheim nach Rhein­ ne), während es am Tag zuvor, beim
bach und Dottendorf, das 4. Bataillon
Die vorliegenden Kriegstagebücher las­ nach einem Ruhetag in Losheim21 über
11 Ebenda.
sen jedoch keinen Zweifel daran, daß Schmidtheim, Münstereifel nach Wit­ 12 Trippcm, Peter Paul, Helrnat�Jeschlchte von Troisdort,
es Kanadische Einheiten waren, die terschlick. Köln 1940, S. 172.
13 A. a. 0., S. 173.
zunächst Besitz von Troisdorf ergriffen. 14 Küp0r, S. 149.
Sie stellten Teile der 2. Kanadischen Di­ Während der Chef des 4. Bataillons kei­ 15 A. a. 0„ S. 167.
16 Wi0 Anm. 10; Tirailleur= Scharfschütze.
vision dar, zu deren Befehlsbereich die ne weiteren Angaben zum Vormarsch 17 Wi0 Anm. 9; Lohmar, Neunkiwhen und Wahlseheid la�
.,Bürgermeistereien Siegburg, Troisdorf, durch Belgien und die Eifel nach Trois­ g(=m im B�rclch der 1. Kanadischen Division.
18Wi0Anm.9.
Sieglar, Niedercassel, Hennef, Lauthau­ dorf bietet, erklärt Oberstleutnant G. W. 1 O· Alle folgenden Angaben, die sich auf das 4. und 5. Ka­
sen, Oberpleis, Menden und Oberkas­ Allen als Kommandeur des 5. ·satail­ nadische Pionier 8at.:1illon beziehen, sind den Krieg­
lons, daß man vom 18. November an stagabüctiorn entnommen, wenn nicl1l ausdrücklich
sel" gehörten." Die kanadischen Trup­ anders vermorkt ist
penteile wa1·en jedoch der britischen 26 Tage nach Troisdorf unterwegs ge­ 20 In den gen;:mntcn Orten machte das Bataillon jeweils
Armee angegliedert und unterstanden wesen sei. 16 Tage davon habe man Quartier.
21 An der El ?.65, zwölf Kilometer weslllch von Stadti,yll
auch britischem Oberbefehl. Von daher auf Märschen zugebracht und dabei gelegen.
läßt sich die Feststellung Trippens ver­ insgesamt 345 Kilometer zurückgelegt. 22 In den Tag0sschllderungen werden Abm&schzeit, Mit­
tagspm.is0 und Ankunftsstunde im neuen Quartiersort
treten. Die Tagesdurchschnittsleistung liegt genannt und festgeh.3lten, daß Mannschaftsgepäck
damit für die Marschierer bei etwas und Kranl<o auf Lastwagen nachgebracht Nurden.
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2:l Tue Battalion moved lnto new Billets al TROISDORF.


Es waren in der Tat auch zumeist briti­ über 22 Kilometer. Das Gepäck der Pio­ ?4 Fiir die Gruppe wird die Abkürzung 0. R. = Olhor
sche Einheiten, die in dieser Zeit über niere und das benötigte Material der Rm,ks (andere Dienstgrade} benutzt.
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Pioniere konnten baden und mußten


zum Soldempfang antreten. Die Offi­
ziere der vier im Bataillon zusammen­
gefaßten Kompanien, die in der Rei­
henfolge mit jeweils einem der vier er­
sten Buchstaben des Alphabets ge­
kennzeichnet waren, unternahmen eine
Erkundigungsfahrt, um sich über den
Zustand der Straßen, Brücken und Ei­
senbahnen im Bereich des Bataillons
zu unterrichten. Die A- und B-Kompa­
nie wechselte im Verlauf des Tages in
andere Troisdorfer Quartiere.

Im 5. Bataillon verhielt man sich am i 5.


Dezember ähnlich: Man betrieb etwas
Leibesübungen und traf sich zum Ap­
pell. Im übrigen beschäftigte man sich
mit der Karte des Gebietes, für das die
Pioniere verantwortlich zeichneten. Sie
war ihnen von der 2. Brigade C. E:' zu­
gestellt worden. Nach dem Plan waren
die beiden Pionierbataillone für alle
Marsch von Rheinbach nach Dotten­ 2 Ein kanadischer Offizier auf dem Wege durch technischen Arbeiten im Bereich der
dorf noch geregnet hatte." Wie vom 4. die Schwarze Kolonie im Stadtteil Friedrich­ 5. Kanadischen Infanterie Brigade zu­
zog am 12. Dezember auch eine Vorhut Wilhelms-Hütte.
ständig.
des 5. Bataillons als Quartiermacher deur, Generalleutnant Currie und sa­
nach Troisdorf. lutierenden Truppenverbänden vorbei. In den nächsten Tagen - bis einschließ­
Die Bataillons-Musikkapelle, die sich lich 21. Dezember - betrieb das 4. Ba­
Dem Divisionsbefehl No. 34 entspre­ dem 4. Bataillon am Ausgangspunkt taillon Leibesübungen" und Gruppene­
chend sollte das 5. Bataillon am 13. des Vorbeimarsches angeschlossen xerzieren sowie Sport und zwar jeweils
Dezember nach Troisdorf marschieren, hatte, postierte sich auf der Brücke und nach vorliegendem Dienstplan. Beim
dabei aber - sozusagen unterwegs - spielte für jede Einheit der 2. Brigade, Nachbarbataillon ist für den 16. De­
am Vorbeimarsch auf der Rheinbrücke bis sie die Stelle, wo salutiert werden zember zunächst nur von den üblichen
teilnehmen. Statt eines Appells gab es sollte, passiert hatte. Kompanie-Übungen die Rede.Dann
um 11 .15 Uhr einen Vorbeimarsch in aber wird festgestellt, daß man das Ge­
Dottendorf (Er mußte wegen Regens Das 5. Bataillon machte nach der Para­ biet erkundet habe, das vom Bataillon
um eine halbe Stunde von 10.45 Uhr de um 12.50 Uhr auf dem Gelände des betreut werden soll. Als Ereignis beson­
auf 11.15 Uhr verschoben werden) Beueler Bahnhofs Mittagspause. An­ derer Art wird die Durchfahrt des Ober­
gleichsam als Inspektion für die Parade schließend erwies es sich jedoch als befehlshabers durch das Divisionsge­
im größeren Verband. unmöglich, vor 15 Uhr wieder in die Ko­ biet und zwar über die Straße Spich­
lonne der von der östlichen Brücken­ Troisdorf-Siegburg-Hangelar-Beuel be­
In Bonn muß es in diesen Stunden von rampe herabziehenden Soldaten hin­ zeichnet. In Spich habe der Truppen­
alliiertem Militär nur so gewimmelt ha­ einkommen zu können. Andere Einhei­ chef die Bataillonskommandeure um
ben. Eine geschickte Organisation war ten hatte auf eine Pause verzichtet, sich geschart. Während der Durchfahrt
erforderlich, um die von drei Seiten auf wohl, um möglichst schnell die Quartie­ sicherten drei Offiziere und 100 Mann
die Brücke zu marschierenden Solda­ re erreichen zu können. Das 5. Bataillon die Straße.
ten in die richtige Ordnung· zu bringen. mußte warten und erreichte deshalb
Troisdorf erst um 19.50 Uhr. Immerhin In den nächsten Tagen verhielt sich das
Um 11.30 Uhr marschierte das Batail­ hatte es auch an diesem Tage insge­ 5. Bataillon ähnlich wie das 4.: Man
lon mit fliegenden Fahnen - Leutnant samt 22 Kilometer zurückgelegt. trieb Leibesübungen und Sport und
G.C.P. Montizambert durfte die Stan­ führte die üblichen Appelle durch. Am
darte tragen - zum Startpunkt der Bri­ 17. Dezember wurde zudem die Erkun­
gade für die angesagte Parade. An die­ dung des Brigadegebietes abgeschlos­
sem Ausgangspunkt wurden die Bajo­
Entlausungsstationen sen und ein entsprechender Bericht der
nette aufgepflanzt. Im Verband der 2. eingerichtet 2. Kanadischen Pionier Brigade zuge­
Brigade der kanadischen Pioniere setz­ schickt. Um die Tätigkeiten des Batail­
te sich das 5. Bataillon mit „Gewehr Den ersten Tag ihres Troisdorf-Aufent­ lons für die Zeit bis zur erwartenden
über" und flatternder Fahne in Marsch haltes genossen beide kanadischen Demobilisierung zu reglementieren,
durch Bonn. Um 12.30 Uhr überschit­ Bataillone in weitgehender Ruhe. Das
ten die Pioniere im Gefolge des mit sei­ 4. trat lediglich zu einem Zählappell zu­ 25 Für die ?.? Kilometer brauchte das Bataillon inklusive
dor Pnusen etwas über acht Stunden,
nem Stabe die Einheiten anführenden sammen und auch das 5. wurde auf 26 l<üp�r, S. 142.
Generalmajors Sir Henry Burstall" den Vollständigkeit geprüft. Auch am 15. 27 SiohaAnm. ?-
28 In don Tagebuchberichten wird zwischen P. T. (Physl­
Rhein und marschierten auf der östli­ Dezember war für das 4. Bataillon �ol Training = 1 eibese12lel,ung, KörperertOchtlgung)
chen Brückenhälfte am Korpskomman- noch weitgehend Ruhe angesagt. Die und Sport unterschieden.
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wurde ein Offiziersausschuß gebildet.


Dazu gab es einen Sportausschuß, ei­
nen Kantinen- und Freizeit-Ausschuß
sowie schließlich einige „Spezial-Offi­
ziere" für das Kriegs- und das Untersu­
chungsgericht. Am 20. Dezember führ­
te das 5. Bataillon Gruppenunterricht
zu verschiedenen Themenbereichen
ein. Die Instrukteure werden ausdrück­
lich namentlich aufgeführt.

Den Sonntag (22. Dezember) nutzten


beide Bataillone zum ersten gemeinsa­
men Kirchgang in Troisdorf. Für das 5.
Bataillon gab es zudem um 17 Uhr ein
Konzert mit dem Bataillonsorchester im
Freizeitraum. In welchem Troisdorfer
Gebäude sich die Soldaten zur Unter­
haltung und Erholung trafen, geht aus
den Tagebüchern nicht hervor. Vermut­
lich handelt es sich jedoch um ein Ge­
bäude im Bereich der Rheinisch-West­
fälischen Sprengstoffabrik. Unter dem
23. Dezember erfahren wir, daß die Pio­
niere des 5. Bataillons Ihr Hauptquartier
in das Verwaltungsgebäude der Pulver
Fabrik (Powder Works) Troisdorf verlegt
habe. Ebenfalls an diesem Tage berei­
tete eine Gruppe von neun Mann der A­
Kompanie des 4. Bataillons in Sieg­
burg, 5. F. 5. 6 (approx.) Sheet 2 L Ger­
many" einen Platz zur Installation eines
Desinfektionsgerätes vor. In den näch­
sten Tagen -Weihnachten ausgenom­
men - wurde das Entlausungsgerät von
einigen Leuten der selben Kompanie in­
stalliert. Ebenfalls am 23. Dezember lud
eine Gruppe von drei Offizieren und 10
Mann ( O.R.) Pioniergerät auf dem Tro­
isdorfer Eisenbahngelände aus. Den
24. Dezember nutzte die C-Kompanie
des 5. Bataillons selbst gemalte Schil­
der an den Ein- und Ausfahrten der von
Lastwagen benutzten Routen in den
Städten des Brigadebereichs aufzustel­
len. Mit einer Mitternachtsmesse in der
Troisdorfer Pfarrkirche (Parish Church)'"
leitete Hauptmann Labonte das Weih­
3 Vater und Mutter Fritzen aus der Langenstraße
nachsfest ein. Das 4. Bataillon trat erst in Friedrich-Wilhelms-Hütte mff ihren beiden
kleines Konzert und um 17 Uhr ein wei­
am 25. Dezember zum Kirchgang an. Töchtern und der kanadischen Einquartierung vor teres für das gesamte Bataillon mit
der Haustür. dem Bataillons-Orchester (Band) und
Ansonsten war für den Tag Ruhe ange­
sagt. eiher Orchester-Gruppe, die Leutnant
Stühlen und entsprechendem Geschirr Harris und Hauptmann Labonte zu­
ausgestattet war. Der (obligatorische) sammengestellt hatten. Ihr Musizieren
Puter für das Festmahl sollte von der wurde als sehr erfolgreich und unter­
Weihnachtsfest Divisionskantihe geliefert werden, aber haltsam dargestellt. Leutnant Harris
in der Fremde das gebratene Geflügel kam nicht gehörte zur D-Kompanie, Hauptmann
rechtzeitig an. Deshalb mußte Büch­ A. J. Labonte zum Stab. Er wird als
Kirchgang am Morgen und Weihnachts­ senwurst und Konservenfleisch aus Hon.-Captain bezeichnet, war also
essen für alle Männer am Mittag, so lei­ den üblichen Zuteilungen als Ersatz ,,Ehrenhauptmann." Er scheint Feld­
tet der Bataillonskommandeur der 5. herhalten, sicherlich kaum zur Freude geistlicher und sehr musisch begabt
die Schilderung des Weihnachtsfestes der Soldaten. Entschädigt wurden sie gewesen zu sein.
in Troisdorf ein. Jede Kompanie hatte durch viel frisches Gemüse, Obst,
?.9 Die Ang.Jben beziehen sich �uf eine Karte, dfe allen
für diesen Tag ein eigenes Haus zuge­ Süßspeise und viel Bier. Ortsbestimmungen zugrum.legete_gl wurde und die in
wiesen bekommen, das mit Tischen, Im Anschluß an das Essen gab es ein den Tagebüchern enthalten ist.
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Den Weihnachtstag beschlossen die


Bataillons-Offiziere mit einem gemein­
samen Essen im Hotel Zum Kronprinz
in Troisdorf. (Crown Prince Hotel).
An diesem Feiertag hatte es am Mor­
gen Schnee gegeben, der im laufe des
Tages jedoch in Regen überging.

Die Kanadier kennen keinen zweiten


Weihnachtsfeiertag. So wurde am 26.
Dezember Dienst wie üblich gekloppt.
Das bedeutet üben, exerzieren und Vor­
träge hören nach Dienstplan. Die A­

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Kompanie des 4. Bataillons setzte mit
sieben Mann die Arbeiten an der Sieg­
burger Entlausungsstation fort. Eine
Gruppe der B-Kompanie mit einem Of­
fizier und 20 Mann richtete in Neunkir­
chen „4 H, 6 H, Sheet 2 L Germany" ei­ 1::i!\i"I l{,1,bf!1t,h,jll.i' - Pu lvt,rPj\\11111
ne Desinfektionsstube ein. Das 5. Ba­ 4 Besatzungssoldaten vor dem ehemaligen
taillon unternahm zusätzlich zum übli­ setzten ihre Arbeiten in Siegburg, Verwaltungsgebäude der Rheinisch-
chen Trainung und dem Gruppenunter­ Neunkirchen und Hennef fort. Vom 5. Westfi:illschen Sprengstoff AG.

richt Erkundigungsfahrten zur Informa­ Bataillon erfahren wir, daß sich im Zuge
tion über die Wasser- und Stromversor­ der Unterrichtung der Pioniere in „Edu­ die 5. Kanadische Infanterie Brigade
gung und die Industriebetriebe im Be­ cational classes" oder „Educational einzurichten.
reich der 5. Kanadischen Infanterie Bri­ lectures" gezeigt habe, daß Anschau­
gade. ungsmaterial und pädagogische Hilfs­ Das Orchester des 5. Bataillons gab am
mittel bitter vermißt wurden. Es gelang Abend ein Konzert im Erholungsraum.
In regelmäßigen Abständen erhielten in Verhandlung mit Deutschen, zwei
die beiden Bataillone Dienstpläne, nach Benzinmotore zu bekommen, die zur Auch am nächsten Tag, dem vorletzten
denen das Fitnesstrainung, das Grup­ Unterrichtung in Kraftfahrzeugtechnik des Jahres 1918, setzten die verschie­
penexerzieren, der Unterricht und der dienen konnten. Einer der Motore wur­ denen Gruppen aus den Kompanien
Sport ausgerichtet werden mußten. Die de in einer Fabrikhalle in der Nähe der des 4. Bataillons ihre Tätigkeiten in
Erfüllung dieser Dienstpläne stand des­ Quartiere der D-Kompanie aufgestellt. Siegburg, Neunkirchen und Hennef fort.
halb für das Gros der Soldaten im Vor­ Er diente der Demonstration für eine 125 Mann entluden auf dem Troisdofer
dergrund des Tagesprogramms. Die interessierte Gruppe, die jeweils über · Bahnhof Versorgungs- und Ausrü­
Nachrichten über diese befehlsgemä­ 60 Mann umfaßte. Auch die anderen stungsmaterial. An diesem Tage nahm
ßen Aktivitäten stehen deshalb auch Gruppen, die in einem Schulhaus unter­ man auch in den Kompanien des 4. Ba­
am Beginn jeder Tageseintragung. Sie wiesen wurden, verzeichneten hohe An­ taillons die Unterrichtsarbeit auf, so wie
wiederholen sich fast wortgetreu in wesenheitsquoten. Ausdrücklich stellt es das Nachbarbataillon schon seit Ta­
nicht zu übersehender Regelmäßigkeit. der Batailloner fest, daß die teilnehmen­ gen praktizierte.
Wir können sie deshalb für die folgen­ den Männer sich an der Arbeit sehr in­
den Tage übergehen. teressiert zeigten. Auch das 5. Bataillon ordnete 150
Mann und drei Offiziere zum Entladen
Die. Trupps der A- und B-Kompanie Die Gruppe, die sich mit den Wasser­ auf dem Troisdorfer Bahnhof ab. Die B­
des 4. Bataillons setzten am 27. De­ versorgungs- und Stromerzeugungsein­ Kompanie baute Schilderhäuser (Sentry
zember ihre Arbeiten an den Desinfek­ richtungen sowie der Industrie beschäf­ boxes) für die Außenposten, die C­
tionseinrichtungen in Siegburg und tigt hatte, schloß ihre Erkundigungszü­ Kompanie markierte weiter die Lastwa­
Neunkirchen fort Eine Einheit der D­ ge an diesem 28. Dezember ab. Sie genrouten im Brigadebereich und der
Kompanie in der Stärke von einem Of­ schickte der 2. Brigade einen entspre­ Trupp der D-Kompanie setzte seine Ar­
fizier und 20 anderen Dienstgraden be­ chenden Bericht. beit am Bad in Hangelar fort.
gann in Hennef „6 G, G 7, Sheet 2 L
Germany" mit dem Aufbau einer dritten Am Sonntag, 29. Dezember stand für Der Dienstplan des letzten Tages im
Entlausungsstation in der nächsten beide Bataillone am Morgen Kirchgang Waffensüllstandsjahr unterschied sich
Umgebung. Das 5. Bataillon setzte die auf dem Programm. Die an den Entlau­ kaum von den Vorgängern: Es wurde
Rekognoszierungsfahrten fort, um ei­ sungseinrichtungen in Hennef und trainiert und in der Gruppe exerziert,
nen kompletten Überblick über die Neunkirchen arbeitenden Pioniere die Arbeiten an den Entlausungsstatio­
Wasser- und Stromversorgungseinrich­ setzten ihre Tätigkeit fort. Die Offiziere nen in Hennef und Neunkirchen fortge-
tungen und die Industriewerke im Be­ aller vier Kompanien des 4. Bataillons
reich der 5. Kanadischen Infanterie Bri­ unternahmen eine Informationsfahrt, 30 Für dt1s in oberlnr s,ntionicrtc 5. Bat.::lillon dürfte die
gade zu bekommen. die der Inspektion der Brücken Im Be­ Kirche Hoilige Fa.milie dar Gottesdienstort gewesen
seln, für das 4. Bo.taiilon St. Hippolytus. Die Oborforer
reich des Bataillons dirmen sollte. Von Teilk.\rche wurde am 5. September 19 □9 eing8wciht.
Am 28. Dezember bleiben sich die der D-Kompanie des 5. Bataillons fuh­ Sie wurde später orwoitort. Vgl. Müllr.r, Hermann,
Schul-Chronik für die zw0il�la;5---;ige Schulo z.u Obcrlar,
Nachrichten in den Tagebüchern ren zehn Mann nach Hangelar, um ein In: Veröffantfü;hung da_s Hcim.Jt- und Goschlchtsvor­
gleich: Drei verschiedene Gruppen Bad mit einer Entlausungsstation für ains Trolsdor1 e. V. Hefts, 1991, S. 2:l, 25.
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setzt. Ebenso der Unterricht in den ein­
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zelnen Klassen. Das war auch - jeden­ (1,,,,., 1,,�•"•'••�·•· .., .,,,,,.J-1:t:1t1 fl.� <.,q.�,a,.,(,"'-:.. , •�1.7•-��;_ ,,..,.r:
falls beim 4. Bataillon - am Neujahrstag L� )'l!i"I . Y�, ..·�•1 •,1:,,ft,• .,,,:.1.,.,,.;.,,
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kaum anders. Es gab lediglich ein Kon­
zert des Bataillonsmusikkorps unter
Leutnant V.A.E. Stede vor dem Batail­
lons-Hauptquartier.

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Getrennte Gottesdienste

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Mit Beginn des neuen Jahres begann
der Chef des 5. Bataillons, Oberstleut­
nant Allen, ein weiteres Kriegstage­
buch. Die Sollstärke des Bataillons
hatte sich zum 1. Januar 1919 auf 36
Offiziere und 698 andere Dienstgrade
,......,•• �.�s.. --··-···=•-... - ,.J .,.. ,,_.,!, .;,..J„Jr-.Cl;..ii;_,J��-,.,,-•;i<lf&'�
reduziert, die Iststärke auf 25 Offiziere
und 558 Unteroffiziere und Mannschaf­ Wahn ab. Die Pioniere sollten dort Ba­ 5 Ein Blatt aus oin©m der beiden Kriegstage•
bücher des 4. B ·ataillons Kanadischer Pioniere1
ten. racken aufstellen. Männer der C-Kom­ das den Zeitraum vom 11. Bis zum 15. Dezember
panie brachten Markierungen zur Kenn­ 1918 umfaßt.
Um das Besondere des Tages zu unter­ zeichnung der Grenzen des Kölner
streichen, gab es im 5. Bataillon um Brückenkopfes an. Am Morgen dieses Troisdorfer Kirche und einen Protestan­
10.30 Uhr einen Vorbeimarsch auf dem Tages bot sich dem gesamten 5. Batail­ tischen Gottesdienst im Lichtspielthea­
Schulhofgelände" mit anschließendem lon die Möglichkeit Bäder zu nehmen. ter Troisdorf." Der Zug unter Leutnant
Appell durch den kommandierenden Für die nicht außerhalb tätigen Pioniere Alexander kehrte an diesem Sonntag
Offizier. Nach der !<leinen Parade wurde gab es am Nachmittag die Möglichkeit bei schönem Wetter aus Wahn zurück.
ein Foto des gesamten Bataillons auf­ zu sportlicher Betätigung.
genommen. Der Rest des Tages galt In Troisdorf setzten die Pioniere am
der Ruhe und Entspannung, es gab kei­ Auch am 3. Januar arbeitete ein Zug 6. Januar die Arbeit an der Entlau­
ne weiteren Appelle. Da schönes Win­ des 4. Bataillons in Wahn. Der Trupp sungsstation fort, die Hennefer Gruppe
terwetter herrschte, dürfte mancher Ka­ aus Neunkirchen kehrte nach Troisdorf kehrte nach Beendigung des Aufbaus
nadier die Gelegenheit zu einem Bum­ zurück, der Hennefer setzte seine in die Troisdorfer Quartiere zurück.
mel durch Troisdorf genutzt oder ein Arbeit fort. Der 4. Januar brachte für Vom 5. Bataillon ging eine Gruppe der
Beisammensein mit den Quartiergebern beide Bataillone Training und Unter­ A-Kompanie mit einem Offizier und
arrangiert haben. Von der Friedrich­ richt nach Dienstplan. Der Wahner Ar­ zehn Mann nach Buisdorf, um im Ma­
Wilhelms-Hütte, wo kanadische Solda­ beitszug kehrte aus dem Rückfüh­ teriallager der 2. Kanadischen Division
ten u.a. in den Arbeiterhäusern der rungslager zurück. Vor dem 5. Bataillon zu helfen. Für die Daheimgebliebenen
„Schwarzen Kolonie" wohnten, wird hielt Hauptmann Stuart vom 7. Ge­ gab das Orchester der 2. Kanadischen
von einem angehmen, teilweise sogar schwader der Royal Air Force (RAF) ei­ Division im Troisdorfer Lichtspielhaus
freundschaftlichen Nebeneinander von nen Vortrag über die Luftfahrt, der von ein Konzert, das 300 Angehörige des
Hütter Bürgern und kanadischen Solda­ Offizieren, Unteroffizieren und Mann­ Bataillons besuchten. Unter den Batail­
ten gesprochen. Das gute Verhältnis soll schaften wohlwollend aufgenommen lonsbefehlen führt der Chef des 5. ei­
nicht zuletzt auf die Gebefreudigkeit der wurde. Die Pioniere der D-Kompanie nen Auszug aus dem Londoner Amts­
Soldaten zurückzuführen gewesen sein: kehrten nach Abschluß ihrer Arbeiten blatt (Staatsanzeiger) an, in dem unter
denn die hatten schon bald erfahren, in Hangelar nach Troisdoti zurück. dem 31. Dezember 1918 die Hauptleu­
daß es mit der Versorgung der einhei­ te Duff und Bollin von der A - und B­
mischen Bevölkerung nicht gerade zum Am 5. Januar stand Kirchgang auf dem Kompanie und Unteroffizier Fletscher
Besten bestellt war. Eine Reihe von Fo­ morgendlichen Dienstplan. Wir wissen von der C-.Kompanie rühmend im
tografien legt Zeugnis für die Bindun­ nicht, ob Teilnahmepflicht herrschte Kriegsbericht erwähnt werden.
gen ab, die sich zwischen Gastgebern oder ob man den Gottesdienst freiwillig
und Besatzern entwickelten. besuchen konnte. Die C-Kompanie des Die nächsten Januartage bis einsch­
4. Bataillons stellte acht Männer zur ließlich 11. vergingen weitgehend im
Der 2. Januar brachte den üblichen Ta­ Einrichtung einer Entlausungsstation in dienstlichen Einerlei und mit Fortset­
gesablauf mit Training, Exerzieren und Troisdorf"' ab, der Zug der D-Kompa­ zung der begonnenen Arbeiten. Am 8.
Unterricht. An den Entlausungseinrich­ nie setzte, wie schon am Tage zuvor, Januar gab das Musikkorps des 4. Ba­
tungen in Hennef und Neunkirchen die Tätigkeit in Hennef fort. taillons ein Konzert beim 6. Bataillon
wurde weiter gearbeitet und ein Zug
mit einem Offizier und 50 Mann wurde Vom 5. Bataillon erfahren wir erstmals 31 Leider erfahren wir nicht, um werche Schule es sich
nach Wahn zur Arbeit im Rück­ etwas über getrennte Gottesdienste. handerL
führungslager für deutsche Kriegsge­ 32 Auf dern Lageplan Bl�tt 2 L Deutschland mit 5 E 8.9.
Der Bataillonschef schreibt nach der angegeben.
fangene abgeordnet. Auch das 5. Ba­ Feststellung, daß man den üblichen 33 Es handelt sich vermutlich um ein Betriebsgebäude
taillon stellte unter Leutnant 8. M. Alex­ Gottesdienst gehalten habe, über eine der· RWS, das entsprechend umfunktioniert worden
war.
ander einen gleich starken Zug nach Römisch-katholische Messe in der 34 Vgl. Küper, S. 142H und 146H.
9

Kanadischer. Pioniere und am 11. eines Man geht wohl nicht fehl in der Annah­ stattliche Menge Soldaten aller Dienst­
vor dem 5. Bataillon. me, daß auch die zuvor genannten pro­ grade des Bataillons nach Bonn
testantischen Gottesdienste innerhalb bemüht hatte.
Vom 5. Bataillon ging ein Zug mit Leut­ des nachmaligen ON-Geländes gefeiert
nant Clifford und 30 Mann, die sich aus wurde und unter Troisdorfer Lichtspiel­ Eine „Y-Emma" genannte Musikgruppe
den A- und B-Kompanien rekrutierten, haus ein Gebäude auf dem Werksgelän­ spielte am 20. Januar um 14 Uhr im
nach Hangelar, um Baracken für die 5. de zu verstehen ist. Lichtspieltheater der Pulver Fabrik auf.
Staffel der RAF zu errichten." Einen Tag Rund 300 Soldaten aller Dienstgrade
später, also am 8. Januar, gab das Ba­ Schon am 13. Januar hatte sich beim 5. wohnten dem Konzert bei. Eine Gruppe
taillonsorchester ein Konzert im Frei­ Bataillon ein baldiger Stationierungs­ von fünf Offizieren und 34 Mann fuhr
zeitraum des Bataillons, das sehr gut wechsel angedeutet. An diesem Tag derweil nach Neuenahr, um auf Einla­
von allen Dienstgraden besucht war. stieß nämlich Leutnant Bowes von der dung der Amerikaner Zeuge eines Box­
Unter dem 10. Januar wird mitgeteilt, 208. Feldkompanie zum 5. Bataillon. Er und Ringerturniers zu werden. Die ka­
daß der Kompanie-Quartiermeister, übernahm die Vorbereitungen für die nadische Gruppe wurde - wie aus­
Feldwebel Goucher von der C-Kompa­ Übernahme der Quartiere und die Ein­ drücklich vermerkt ist - von den Ameri­
nie, entsprechend einem Auszug aus führung in die von der nachrückenden kanern willkommen geheißen und über
der Neujahrs Ehrenliste den Verdienst­ Einheit zu übernehmenden Arbeiten, Nacht auch in Neuenahr behalten. Die
orden empfangen habe. wenn die 2. Kanadische Division abzie­ Kanadier kehrten erst am 21. Januar
hen würde. Tatsächlich traf einen Tag wieder nach Troisdorf zurück.
Das schon vermerkte Konzert mit dem später von der 2. Brigade Kanadischer
Musikkorps der Nachbareinheit wird Pioniere die Ankündigung ein, das Ba­ Der Morgen des 21. Januars stand
auch im Tagebuch der 5. erwähnt und taillon werde den jetzigen Standort im beim 5. Bataillon im Zeichen des Sold­
festgestellt, daß der Zug unter Leutnant laufe des Monats verlassen. Am frühen empfangs. Im übrigen führten die ein­
Clifford von den Arbeiten auf dem Flug­ Abend des 14. Januar gab das Batail­ zelnen Kompanien bestimmte Trai­
platz Hangelar zurückgekehrt sei und lonsorchester im Freizeitraum des Ba­ nings- und Lehrprogramme durch. Ähn­
eine Gruppe acht zusätzliche, von der taillons, der sich mit an Sicherheit gren­ lich wurde am 22. verfahren. Für eine
5. Kanadischen Infanterie Brigade ge­ zender Wahrscheinlichkeit auch auf Gruppe des Bataillons stand jedoch ein
lieferte. Schilder an der Grenze des Köl­ dem Werksgelände der RWS befand, Schiffsausflug auf dem Rhein auf dem
ner Brückenkopfes aufgestellt habe. ein weiteres, als „ausgezeichnet" apo­ Programm. Der Dampfer verließ um
strophiertes Konzert, ,,das sehr gute 9.30 Uhr Bonn, fuhr über 30 Kilometer
Aufnahme fand." Den Tag darauf unter­ stromaufwärts und kehrte um 16.30
hielt Hauptmann Tom. Best Offiziere Uhr nach Bonn zurück. ,,Es war ein
Musik zur Unterhaltung und Mannschaften des Bataillons im sehr erfreulicher Ausflug ," vermerkt
Freizeitraum mit einem Vortrag, den die das Kriegstagebuch ausdrücklich.
Nach dem Kirchgang galt der 12. Janu­ Bataillons-Band mit einigen Musik­
ar für das 4. Bataillon als Ruhetag. Das stücken umrahmte.
5. zog wieder getrennt zu Gottesdien­
sten: Die Katholiken in die Pfarrkirche Am 16. Januar trat außerhalb der übli­
Aufbruchstimmung
und die Protestanten in das Lichtspiel­ chen Dienstplanaktivitäten die 2. Bri­
haus. In den Tagen bis zum 22. Januar gade Kanadischer Pioniere mit Spielern Zwar wurde in den beiden in Troisdorf
übte das 4. Bataillon nach Dienstplan, aller Bataillone dieser Brigade zu einem stationierten kanadischen Pionier-Ba­
d.h. neben dem allgemeinen Training, Footballspiel·" gegen das 27. Kanadi­ taillonen weiter nach Dienstplan trai­
das der körperlichen Fitness der Solda­ sche Infanterie Bataillon an, das vom niert und exerziert, aber man spürte
ten dienen sollte, gab es Exerzieren in letztgenannten Bataillon mit 7:0 gewon­ deutlich: Krieg drohte keiner mehr und
verschiedenen Verbänden und Unter­ nen wurde. Das Orchester des 6. Ba­ entsprechender Vorbereitungen bedurf­
richt sowie Sport. Die Arbeit an der Tro­ taillons gab am Abend ein Konzert im te es keiner. Die Kanadier - Freiwillige
isdorfer Entlausungsstation konnte am Lichtspielhaus und das Musikkorps des und keine Längerdienenden - dachten
13. Januar abgeschlossen werden. Am 5. Bataillons gastierte bei den Nach­ wohl immer mehr an die bevorstehende
Abend des 14. gab das Bataillonsor­ barn vom 4. Bataillon. An den folgen­ Abreise und die Heimkehr nach Hause.
chester ein Konzert. Zwei Tage später den Tagen ist in den Befehlen des 5. Die in diesen letzten Januartagen zu­
musizierte es erneut beim 6. Bataillon Bataillons unter der Rubrik Ehrungen sammengestellten Programme standen
Kanadischer Pioniere und das Musik­ und Beförderungen von Ordensverlei­ deshalb auch weitgehend unter dem
korps des 5. Bataillon kam zu einem hungen vornehmlich belgischer Her­ Aspekt Unterhaltung. Ihr widmete man
Gegenbesuch und spielte für die Ka­ kunft die Rede. sich verstärkt, wenn nicht Verlegevor­
meraden vom 4. Bataillon auf. Am 19. bereitungen die Truppe forderte.
Januar stand wieder der obligatorische Im Mittelpunkt des 18. Januars stand
Kirchgang auf dem Plan. Ebenso beim ein Hallen Baseball-Spiel des Teams Am 23. Januar stellte die B-Kompanie
Nachbarbataillon. Diesmal erfahren wir der Kanadischen Pionier Brigade gegen des 4. Bataillons einen Offizier und fünf
aus der Niederschrift jedoch, daß der die C.M.G.C-Mannschaft in Bonn, das Mann zur Bewachung von Material in
Protestantische Gottesdienst um 10 Uhr mit 3:1 zugunsten der C.M.G.C.-Spieler Siegburg ab. Die D-.Kompanie schickte
im Lichtspielhaus der Pulver Fabrik, al­ endete. Das Treffen fand im Rahmen ei­ 32 Pioniere zum Verladen von Ausrü­
so im Bereich der damaligen Rheinisch nes internationales Sportfestes zwi­ stungsmaterial nach Bonn. eine Gruppe
Westfälischen Sprengstoffwerke, abge­ schen der 42. Rainbow (Regenbogen)
halten wurde und die Römisch-katholi­ Divison aus den USA und der 2. Kana­ 35 Es mu[J offen bleiben, ob es sich beim Football u,n
d;3s cumpfü�che Fufiballspiel oder cf&s arnerikanische
sche Messe in der Troisdorfer Kirche. dischen Division statt, zu dem sich eine Football handelt.
10 ============---=======

von einem Offizier und 16 Mann wurde


in Hennef eingesetzt. Das 5. Bataillon ��.,.'Ut-� · :. ..
führte am selben Tag mit der B-, c- und J{:';·.: ·:·": W/J'. DIARY

D-Kompanie einen Transport-Appell mit


Inspektion durch den kommandieren­ \s;��:��.:i-.�1::i{·�•ri?\:::�
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den Offizier durch. ·1'


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Diese Aufbruchvorbereitungen und Ap­ CIIRISfliAs· D�Y.
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CHliXfl:t.lU..8�·01NN&H. tor th• Ci!.•• at mi�d.•7• •""" Co•1>a•l'
pelle wurden durch das seit dem 1. Ja­ °i2i•4 cbtalied •. bu..l!dlng r,>r thi" purpo,:,e 'lfU,t, tahles,
nuar herrschende schöne Winterwetter at1.••--•, _p1&t•e eta „ 'l'he furl(eytJ tu be oupplied throuth
th•--Dly.1.sJ.u•&l Ca•teen cU,l -•ot &l":r-ive. r11u1•d 6ausagto
erleichtert. aitd ■e.a.t tro.111 the-lh1,t1o•e 11&4 to be used l11. p.lao• oL
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•t�,-.-•a o.bta1Jie4 1 &loo ple•t7 o.C 11 •• ,... S111!\.ll C<.Jwpanl'.'
Co11oe"i-ts, were fl.eld 1 ,._ t:h•S• Qoonn o.!te 1� th• Vlnner � �nd
Am 24. Januar fuhren Teile der D-Kom­ '
&t·:'1700'h0Ul9a A-Battallo 'A C:0110:•rt ll'l\6 slv•n in th•
panie des 4. Bataillons zum Baden ,Re'._i°�e&t�Oa':HoÜ... bJ lh&11 ]Ja.ad &lld the,Battalloa -Coaoert
-��!,7.·· r',!'.Ji1,.�_. '·_coJ11:el'.t Part�,. 1th.1oh had beu1 �r.ra•s:•4 .bY
nach Hennef. Am nächsten Tag folgte . "'°"'·
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1u�oo.e�n,t_ul-'.�d,_aan_�lng C9111o_ •Pt. During th• J:v•nl•s
der Rest Eine Gruppe der C-Kompanie
- ein Offizier und 50 Mann - wurden :�::- �:=J����if�O;�z,.
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zum Eisenbahn-Gelände Troisdorf ab­ (;


i: -�Aiß�e. ß�o•· 1A th• morni•g w�ioh ch4ag•d to
kommandiert. Sie verstärkte die Mann­ : ,'_.�·--- -�•_1:ä." lat.r in th• d�::,.· .

schaft der A-Kompanie des 5. Batail­


lons, die mit einem Offizier und 30
Mann mit dem Verladen von techni­
schem Gerät im Bereich des Troisdor­
fer Bahnhofs beschäftigt war. Ein zwei­
tes Team unter Leutnant Alexander half
beim Verladen von Material des Divi­
sions-Hauptquartiers in Bonn aus.
'
. .
·211)i>1st"W
Erstmals seit der Quartiernahme in
6 Ein Tagebuchblatt des 5. Bataillons
Troisdorf unternahm das 5. Bataillon vorn Musikkorps des 4. Bataillons im Kanadischer Pioniere, das über den
am 25. Januar einen Übungsmarsch. Kino wird vermerkt, es sei gut aufge­ Weihnachtsfeiertag und die erwarteten aber nicht
angekommenen Turkeys berichtet.
Abmarschiert wurde um 9.45 Uhr. Die nommen worden und habe alle Dienst­
Strecke führte von Oberlar - dem Stan­ grade erfreut. Um 1 D Uhr trat die Hälfte des Batail­
dort der Einheit - über Sieglar und lons-Stabes mit der D-Kompanie an,
Spich nach Oberlar zurück. .Am selben Am 27. Januar richteten ein Offizier und um 11 Uhr die zweite Hälfte des Stabes
Tag gab es einen weiteren Transport­ 16 Mann der D-Kompanie des 4. Batail­ mit der C- und A-Koinpanie. Für die B­
Appell, der diesmal dem Bataillons­ lons in Hennef ein Bad ein. Das Batail­ Kompanie wurde kein Appell angesetzt.
Stab und der A-Kompanie galt. Er gip­ lonsorchester spielte am Abend beim 6. Sie war in Verladegruppen eingeteilt,
felte in einer Inspektion dl.lrch den kom­ Bataillon Kanadischer Pioniere auf. die am Bahnhof Troisdorf aktiv werden
mandierenden Offizier. Auch am 28. und 29. Januar setzte der sollten.
nach Hennef abgeordnete Trupp seine
Arbeit fort, kehrte an diesem 29. aber Schließlich gab das Battaillon den Be­
Packen und Abreise w·ieder nach Troisdorf zurück. 50 Mann fehl No. 35 aus, durch den der Wechsel
und 1 Offizier der B-Kornpanie verluden nach Belgien am 31. Januar offiziell be­
Für den 26. Januar war ein Ruhetag für am 28. Ausrüstungsmaterial auf dem kanntgemacht wurde.
das gesamte Bataillon angesetzt. Das Eisenbahngelände von Troisdorf.
Musikkorps des 4. Bataillons gab bei Während das 4. Bataillon sein Übungs­
der Nachbareinheit, dem 5., ein Kon­ Zum zweiten Übungsmarsch brach das und Trainingsprogramm am 30. Januar
zert. 5. Bataillon am 28. Januar um 9.45 Uhr - wohl unter dem Aspekt einer Be­
auf. Die Route: Oberlar-Spich-Wahn­ schäftigungstherapie - fortsetzte, mar­
Wie auch das Nachbarbataillon verzich­ Oberlar. Um 19.30 Uhr trat die Batail­ schierte das 5. Bataillon - wohl vom
teten die Pioniere des 5. auf den Kirch­ lons Football-Mannschaft gegen ein Gedanken bewegt, wann kommt schon
gang. Es wurde lediglich der Dienstplan Team der 208. Feld-Kompanie König!. wieder eine solche Gelegenheit - ge­
für die nächste Woche zur Kenntnis ge­ Pioniere in Troisdorf an. Das Spiel en­ schlossen zum Baden. Der Rest des
bracht. dete mit 2:1 zugunsten der Gäste. Die Tages diente dem Säubern und Wa­
Mitwirkenden an diesem sportlichen Er­ schen der Fahrzeuge „im Hinblick auf
Als erste Mitglieder der beiden Pionier­ eignis wurden nach dem Match im Ba­ den Wechsel", wie im Tagebuch festge­
Bataillone verließen am 26. Januar taillons-Erholungsheim unterhalten. stellt wird. Das Orchester des 6. Batail­
Hauptmann J. A. Fournier mit 15 Un­ Das Bataillons-Orchester spielte ab lons gab im Lichtspielhaus ein Konzert,
teroffizieren und Mannschaften der D­ 17.30 Uhr beim Nachbarn vom 4. Ba­ das „als ausgezeichnet (excellent)" be­
Kompanie Troisdorf und setzten sich in taillon auf. zeichnet wurde und „bei allen Dienst­
Richtung Namur ab, von wo sie zur Be­ graden große Aufmerksamkeit erregte."
wachung von Ausrüstungsgegenstän­ Zur Vorbereitung auf den Standort­
den ih Auvelais-Tamines eingesetzt wechsel gab es beim 5. Bataillon am Bis zum 29. Januar herrschte in Trois­
wurden. Zum Konzert der Kameraden 29. Januar in Oberlar mehrere Appelle: dorf durchweg kaltes aber schönes
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Winterwetter. Für diesen Tag hält der Um 18 Uhr begann das Verladen der RWS untergebracht, die Offiziere - viele
Tagebuchschreiber fest, daß es ausge­ Kompanien in geschlossenen, dick mit von ihnen mit Familien - fanden in be­
sprochen kalt war. Ebenso am 30. Dazu Stroh belegten Güterwagen. Der Zug schlagnahmten Privatunterkünften
schneite es an diesem vorletzten Trois­ verließ um 18.40 Uhr den Troisdotier Quartier. Ihre Zahl belief sich auf 150
dorf-Tag der Kanadischen Pioniere. Bahnhof. Zimmer. Für die Offiziere der Besat­
zungseinheiten ließ die Gemeinde an
Wie auch bisher schon, faßt der Batail­ der Emil-Müller-Straße sieben Häuser
lonschef des 4. die Ereignisse des letz­ mit zwölf Wohnungen bauen. Die Ge­
ten Januartages 1919 in einem Satz zu­
Epilog samtkosten der Besatzung beliefen
sammen: Das Bataillon wurde um 16 sich bis zum 1. April 1920 auf mehr als
Uhr In Troisdorf verladen, um Namur in Die Quartiere des 5. Kanadischen Pio­ 1,5 MIiiionen Goldmark, wozu noch
Belgien anzusteuern und von dort aus •nier0Bataillons wurden vom X. Somer­ rund 1, 350 Millionen für Bauten, Re­
sich in das Gebiet um Dinant zu bege­ set Pionier-Bataillon übernommen. Die quisitionen, Quartierentschädigungen
ben. Übernahme erfolgte fließend. Es trat und Flur- und Quartierschäden kamen.
keine Unterbrechung In der Belegung Noch 1921 blieben 35 Privatwohnun­
Der Kollege, In diesem Fall Major Mor­ ein und auch die Kontinuität der von gen mit 84 Zimmern für die Besatzung
phy, der Oberstleutnant Allen vertrat,'• den kanadischen Pionieren eingeleite­ beschlagnahmt.
unterrichtet uns etwas ausführlicher. ten Aufbau- und lnspektionsarbeiten im
Morgens gab es keinen Dienst. Man betreuten Bezirk erwies sich als gesi­ Erst am 31. Januar 1926 um Mitter­
bereitete sich auf das Verladen im chert. Sie wurden von der 32. und der nacht war der Kölner Brückenkopf von
Bahnhof Troisdorf zur Fahrt nach Na­ 34. Imperial Division übernommen und den Besatzungstruppen endgültig ge­
mur vor. Der Transportzug sei um auch die Frontbreite, die im Dezember räumt. Schon Mitte Januar hatten die
15 Uhr in den Bahnhof eingefahren. von der 2. Kanadischen Division be­ Franzosen aber den Rückzug aus Trois­
Um 16 Uhr habe das Beladen begon­ setzt worden war und die man mit dem dorf angetreten.
nen, das um 17 Uhr als abgeschlossen Wechsel Jetzt verlassen hatte, belegte
gemeldet wurde. Das Bataillon mar­ die neue Einheit in der gesamten Aus­ :l6 Allon begab sich am 5. ,Jnnuar 1919für 14 Tage in Ur­
schierte um 16.30 Uhr in Oberlar ab. dehnung. Neben den Privatquartieren laub. Sein Stallvertrotor, Major Morphy, führte während
dieser Zelt dos Bataillon. Während dle Kriegstage­
Da zwar kaltes aber schönes Wetter belegte man vor allem auch die Mas­ bücher stets mitteilen, wann Offiziere vom Urlaub zum
herrschte, kam die Truppe durstig auf senunterkünfte bei der RWS weiter be­ Bataillon ,urücl<l<ehrten, gibt es eine solct1e Nachric!1t
von Oberstleutnant Allen nicht. Es muß dest1alb offen­
dem Troisdorfer Bahnhof an. Die Feld­ legt. Wie Trippen mitteilt," wurden die bleiben, ob er nach dem Urlaub, den er im Vereinigten
küche zeigte sich jedoch auf diesen auf die Briten im Februar 1920 folgen­ Könfgreich verbrachte, wieder in Troisdorf zu seiner
Einheit gestoßen ist.
Tatbestand vorbereitet: Die Pioniere den französischen Truppen mit ihren
konnten ausreichend Tee empfangen. Pferden in den Arbeiterheimen der 37 s. 173!,

Fritz Schoenen
Die Kriegserlebnisse eines Troisdorfer Arztes (II)
Von Straßburg im Warthegau nach Danzig.
Das Kriegsende (8.5.1945) auf Heia und die Kriegsgefangenschaft

Wegen der engen Straßen und der vie­ die Schränke waren gefüllt. Bis auf un­ nenraum. Auf dem Ofen konnte auch
len Straßenkreuzungen gab es ein sere Wachen haben wir alle gut ge­ gekocht werden, so war die Fahrt ganz
ziemliches Durcheinander. Nur durch schlafen und wurden in der Nacht auch erträglich. Bei einer Fahrtpause in Ro­
den Einsatz unseres Personals und den nicht gestört. Am Morgen des senberg am Bahnhof erfuhren wir, daß
Hinweis auf ein Sanitätsfahrzeug, konn­ 20.1.1945, nach erneuter Rücksprache der letzte Zug zusammengestellt wurde
ten wir unser ungelenkes, langes Fahr­ des Hauptfeldwebels mit der Abteilung, und sofort nach Mittag abfahren würde.
zeug durch die Stadt bringen. Auf ei­ setzten wir uns nach Riesenburg in Zum Schutz der Lokomotive waren ei­
nem Platz machten wir Halt. Unser Te­ Marsch. Nach einem heißen Getränk nige Rungenwagen vor die Lokomotive
lefonist hatte bald eine Telefonverbin­ und der Überprüfung des Fahrzeugs gekoppelt, in der Mitte befanden sich
dung nach Thorn bekommen. Über ging die Fahrt weiter. Das Wetter war die Personenwagen und auf den hinte­
Thorn erhielten wir von unserer Abtei­ unverändert kalt und der Verkehr ge­ ren Güterwagen war Reparaturmaterial
lung den Befehl, in Straßburg zu über­ nauso stark wie am Vortag. Obwohl un­ aufgeladen. Mir gelang es noch, den
nachten und uns am nächsten Morgen ser Fahrzeug wegen seiner Länge ein Standortarzt zu benachrichtigen, um
nach Riesenburg zu begeben. Quartiere Ungetüm war, hatte es auch Vorteile, ihn von der Möglichkeit des Abtrans­
zu finden war leicht, denn die Bevölke­ denn unsere gesamte Einheit fuhr in ei­ portes von Verwundeten mit dem be­
rung hatte die Stadt bereits fluchtartig nem Auto. Im Vorderteil unseres Fahr­ reitstehenden Zug zu unterrichten. Bei
verlassen. loh zog in das Haus eines zeugs war ein Eisenofen eingebaut. unserer Weiterfahrt kamen wir an einem
Lehrers. Auf dem Tisch standen noch Das Ofenrohr führte durch den ganzen großen Lazarett vorbei, an dem wir an­
die Gedecke der letzten Mahlzeit und. Wagen und heizte so den gesamten In- hielten und dem scheinbar ahnungslo-
======= ============== 12 ==---=================

sen Chefarzt den Ernst der Lage schil­ sollte. Das Sanitätspersonal für diesen lag direkt am Freihafen. Im Kasernen­
derten. Erst durch das deutlich hörbare Zug hatte meine Einheit zu stellen. zu­ bereich, gleich neben unserem Sam­
Grollen des Artilleriefeuers in der Ferne geteilt wurde uns eine Chirurgengrup­ melstellengebäude mit etwa i300 Bet­
wurde er von der drohenden Gefahr pe, bestehend aus einem Chirurgen ten befand sich der Verwaltungskom­
überzeugt. Eine Telefonanfrage beim und 3 Mann Sanitätspersonal. Es war plex, in dem die Kommandantur unse­
Bahnhof bestätigte ihm die baldige Ab­ eine bestens eingespielte Gruppe, wie rer Abteilung und auch die Geschäfts­
fahrt des Zuges. Kurz darauf eilten sich später herausstellte. Draußen war räume unseres Kompaniechefs unter­
schon die ersten Verwundeten vom La­ es an diesem Tage -20"C kalt. Proble­ gebracht waren. Mit Verwaltungsarbeit
zarett zum Bahnhof. Wir fuhren weiter me gab es da mit den Weichen, denn hatte ich nicht viel zu tun. Dies erledigte
nach Riesenburg. Bei unserer Meldung diese Strecke in Richtung Front wurde die Schreibstube des Kompaniechefs.
bei der Abteilung erhielten wir gleich ei­ normalerweise schon nicht mehr befah­ Dafür oblag mir die Betreuung der chir­
nen neuen Auftrag zur Errichtung einer ren. Am Zielort, dessen Name mir ent­ urgisch zu versorgenden Patienten. Ein
Krankensammelstelle in Marienwerder. fallen ist, wurden die Verwundeten Kollege, Stabsarzt Müller, versorgte die
Am 21.i.i945 gegen 20 Uhr haben wir aufgenommen. Dabei war es notwendig wenigen internistisch zu behandelnden
Riesenburg wieder verlassen. einen Soldaten mit Bauchschuß sofort Patienten.
zu versorgen. Stabsarzt Dr. Kößler, ein
Marienwerder erreichten wir am späten österreichischer Kollege, führte die Im Keller befand sich eine Entlausungs­
Nachmittag des 22.1.1945. Hier erwar­ Operation trotz der ungünstigen Bedin­ anstalt. Die Kleidung und die ganze Ha­
tete uns der Kommandeur der Abtei­ gungen in einem Keller ohne Fenster bei be der Soldaten wurde entlaust. Ne­
lung, Oberfeldarzt Dr. Montag und unser einer Beleuchtung durch nur 3 Talglich­ benan war ein Duschraum, in dem sich
Kompaniechef Stabsarzt Dr. Schröder. ter bestens durch. Ich empfand es als gleichzeitig 36 Soldaten einer gründli­
Als Krankensammelstelle war ein großer eine Meisterleistung chirurgischen Kön­ chen Reinigung unterziehen konnten.
Schulkomplex vorgesehen. Die Ereig­ nens. Die Rückfahrt nach Preußisch­ Daneben war ein Sanitätsraum, in dem
nisse an der Front machten aber eine Stargrad verlief ohne Störung. die ärztliche Versorgung der neu an­
weitere Verlegung erforderlich. So er­ kommenden Patienten erfolgte. Der
hielten wir den Befehl, einen ärztlichen Der Druck der Russen ließ nicht nach. Hauptverbandsraum befand sich im
Versorgungspunkt auf dem Bahnhof in Die Zahl der Verwundeten stieg an. Erdgeschoß. An einem langen T isch,
Dirschau zu errichten. Nach der Inspek­ Schließlich war die Krankensammel­ mitten durch den Raum gehend, konn­
tion unseres Fahrzeugs, sowie einer stelle belegt. Auch unser Versorgungs­ ten zu beiden Seiten jeweils 6 Sanitäts­
kleinen Ruhepause fuhren wir noch am punkt konnte keine Verwundeten mehr dienstgrade die Verbände anlegen.
22.1.1995 gegen 23 Uhr weiter. Dir­ unterbringen. Die Nachrichten von den Mein Platz war am Kopfende dieses Ti­
schau erreichten wir am 23.1.1945 ge­ ankommenden Verwundeten aus der sches. Den hereintretenden Patienten
gen Mittag. Bereits am nächsten Tag Frontlinie stimmte uns bedenklich. So wurden die Verbände entfernt. Danach
wurden wir nach Preußisch-Stargard in entschloß ich mich, bei der Transport­ wurden sie von mir untersucht, und auf
Marsch gesetzt. Wie wir später erfuh­ kommandantur der Armee in Danzig ei­ dem Krankenbegleitzettel wurden die
ren, wurde mein Nachfolger auf dem nen Lazarettzug anzufordern. Dieser notwendigen Anweisungen sowie der
Bahnhof in Dirschau, der den ärztlichen wurde mir prompt zugesagt. Vom Leiter nächste Untersuchungstermin ver­
Versorguhgsstützpunkt übernahm, eine der Krankensammelstelle, einem lang­ merkt. Diese „Laufzettel" dienten auch
Stunde nach meiner Ablösung bei ei­ gedienten Stabsarzt wurde ich wegen zur Kontrolle bei der Essensausgabe
nem Fliegerangriff getötet. Die Nach­ meines eigenmächtigen Handelns mit und anderen Überprüfungen. Die Kon­
richt hat mich sehr betroffen gemacht. dem Hinweis gerügt, daß es mir nicht trollen waren notwendig, um Unbefugte
zustehe einen Lazarettzug anzufordern von der Krankensammelstelle fernzu­
In Preußisch-Stargard richteten wir eine und daß darüber eine Meldung zur vor­ halten.
Krankensammelstelle in einem großen gesetzten Dienststelle gemacht werden
Pflegeheimkomplex ein. Es wurde noch würde. Konsequenzen hatte es später
ein weiterer Zug unserer Einheit einge­ keine. Schon gegen Mittag kam der
setzt. Der Stabsarzt dieser Einheit er­ Zug und kein Platz blieb unbesetzt.
Die Einkesselung
hielt das Kommando über diese Kran- Noch am Abend des 9.2.1945 erhielt Ostpreußens
kensammelstelle. Dann wurde im Bahn- ich den Befehl zur Abfahrt und Errich-
hof ein ärztlicher Versorgungsstütz­ tung einer Krankensammelstelle in der War zunächst der Abtransport der Ver­
punkt eingerichtet, dessen Leitung man Hindersinnkaserne in Danzig-Neufahr­ wundeten aus Danzig noch mit dem
mir übertrug. Der Bahnhof war ein wasser. Der Sattelschlepperomnibus, Lazarettzug möglich, so wurde bald in­
natürlicher Anziehungspunkt für die der, wie mir meine Leute sagten, sie auf folge der Einkesselung Ostpreußens
Verwundeten bei der unübersichtlichen dem Rückzug aus Rußland bisher nicht dies nur noch per Schiff möglich. Die
Frontlage zu dieser Zeit. Die Stadt in Stich gelassen hatte, stand auch Art unserer Versorgung war offenbar
Graudenz wurde in diesen Tagen von jetzt abfahrbereit. Unser kleinstes positiv aufgefallen. Es erschien unan­
russischen Truppen eingekesselt. Un­ Handgepäck-, unsere notwendigen gemeldet Dr. Bergmann, der Adjudant
seren Verbänden war aufgetragen, in Dienstsachen und etwas Marschver­ des Armeearztes. Er gab mir die Anord­
Verbindung mit der Besatzung von pflegung, waren schnell verladen. Für nung, beim Erscheinen des Armeearz0
Graudenz die Umklammerung aufzu­ mich war die Fahrt die Zeit zum Ausru­ tes Dr. Oehlmann mit seinem Begleiter­
brechen. Dies gelang auch. Zum Ab­ hen, denn Pausen gab es während des stab, nur eine kurze Meldung zu ma­
transport der Verwundeten wurde bei Einsatzes nur wenig. chen und wie gewohnt weiterzuarbei­
dieser Aktion ein Zug aus Personen­ ten. Diese Inspektionen wiederholten
und Güterwagen zusammengestellt, Unsere neue Einsatzstelle, die Hinder­ sich in kurzen Abständen. Mir kam
der bis zur Aufbruchstelle heranfahren sinnkaserne in Danzig-Neufahrwasser, dann zu Ohren, daß der Armeearzt sei-
=�------============= 13 ===========-----========

ner Begleitung unsere gut funktionie­ von der Front machte die Hilfe eines schosse über uns und sahen den Feu­
rende Sammelstelle vorführte. Zu die­ Chirurgen erforderlich. Dazu wurde uns erschein der explodierenden Granaten
ser Zeit gab es auch einen Befehl, daß wieder die Chirurgengruppe mit Stabs­ auf den Höhen um Öxthöff. Etwas spä­
alle jüngeren Kollegen als Truppenärzte arzt Dr. Kößler und seinen drei Sa­ ter erfolgten die Erschütterungen des
zu den Kampftruppen abzustellen sei­ nitätsdienstgraden zugeteilt. Ihre ge­ Erdbodens und der Explosionsknall.
en. Mir ist aber die Versetzung glückli­ samte Ausrüstung war in einem Kran­ Dieser Angriff unserer Flotte war für uns
cherweise erspart geblieben. kenkraftwagen verstaut. Dazu gehörte nicht nur ein unvergeßliches Schau­
ein leichter zusammmenlegbarer Ope­ spiel, es zeigte vor allem den Ernst der
Während der morgendlichen Revier­ rationstisch, eine Stehlampe, Operati­ Lage, in der wir uns befanden.
stunde wurden 300 - 400 Verwundete onsbesteck und einen für die Ablage
versorgt, manchmal auch mehr. Am der sterilen Instrumente bestimmten
Nachmittag wurden kleine chirurgische Ablagetisch, Naht- und Verbandsmate­
Eingriffe vorgenommen und Gipsver­ rial. So oft es meine Zeit zuließ, habe
Die letzten Tage in Danzig
bände angelegt. In der ersten Zeit un­ ich dem Kollegen bei den Operationen
seres Einsatzes in Danzig hatte ich eine zugesehen. Die Ruhe und Sicherheit Die hoffnungsfrohen Gesichter der Sol­
lange Mittagspause. Bei gutem Wetter bei der Versorgung verletzter Gefäße daten beim Verlassen der Sammelstelle
habe ich Spaziergänge am Strand der oder Gelenke, sowie die Versorgung weckten in uns auch den Wunsch,
Ostsee gemacht oder sonst meine Pri­ von Bauchschußverletzungen, haben schließlich ein Schiff besteigen zu kön­
vatpost erledigt. mich sehr beeindruckt. Und schließlich nen, um der drohenden Gefangennah­
die Geschicklichkeit im Umgang mit me durch die Russen entgehen zu kön­
Am 14. Februar 1945 erhielt ich einen den Instrumenten, sowie die Fingerfer­ nen. Der Gegner rückte entlang der
Brief aus Troisdorf, in dem mir der Tod tigkeit beim Knüpfen der Nähte lassen Bucht aus Richtung Gotenhafen, Zop­
meiner Mutter und meines Bruders Hu­ mich noch heute von seiner T ätigkeit pot und Oliva an. Am 25.3.1945 gab es
bert mitgeteilt wurde. Sie waren bei ei­ schwärmen. einen massiven Luftangriff auf Danzig
nem Bombenangriff in Troisdorf am und Neufahrwasser. Auch auf unsere
29.12.1945 umgekommen. Das Haus Im Verwaltungsgebäude der Sanitäts­ Sammelstelle fielen Bomben. Zum
Hamacher auf der Kölner Straße 83, in abteilung war auch ein Kasino für die Glück war das alte Kasernengebäude
dem sich alle Hausbewohner bei einem Sanitätsoffiziere der Krankentransport­ massiv und hielt den Bomben stand.
Fliegeralarm in einem fest ausgebauten abteilung nebst ihren Gästen eingerich­ Lediglich eine Bombe fiel in den
Luftschutzbunker befanden, wurde tet, in dem wir uns zu den Mahlzeiten Küchenschornstein und unsere Leute in
durch einen Volltreffer restlos dem Erd­ und einem Gespräch am Abend trafen. der Küche, sowie diejenigen, die sich
boden gleichgemacht und tötete alle Auf Grund der schon über Jahre beste­ bei dem Angriff dorthin geflüchtet hat­
Bewohner im Bunker. Dabei wurde auch henden Kontakte zwischen den zustän­ ten, erschienen nach dem Angriff zum
das Haus meiner Tante und meines On­ digen Dienststellen und dem Personal Teil rußgeschwärzt, aber im übrigen
kels Dr. Anton Schoenen, Kölner Straße der Verpflegungslager, erhielten wir Zu­ wohlauf. Nach diesem Angriff kamen
78 stark beschädigt, jedoch wurde dort teilungen von besonderen Speisen und viele Verwundete zur Behandlung, um
niemand verletzt. Auf Grund des Todes auch Getränken. Trotz der Tatsache, anschließend wieder in den Einsatz zu
meiner nächsten Angehörigen hätte mir nun eingeschlossen zu sein und nur die gehen.
ein Heimaturlaub zugestanden, aber Fluchtmöglichkeit über das Wasser zu
wegen der unübersichtlichen Lage haben, war mir diese Lage angeneh­ Am nächsten Morgen habe ich
konnte ich den Urlaub nicht antreten. mer, als die Wochen vorher auf dem zunächst einen Rundgang durch den
Rückzug. Ohne Kriegserfahrung und Ort gemacht, um mir ein Bild von den
Die Aufgabe unserer Sammelstelle be­ ohne Verbindung zur vorgesetzten Stel­ Zerstörungen durch den Fliegerangriff
stand darin, die gehfähigen Verwunde­ le empfand ich die Situation als Führer zu machen. Mein besonderes Interesse
ten aus den Kriegslazaretten am Ort so einer Einheit sehr belastend. Die einge­ galt dem Hafengelände, um festzustel­
zu versorgen, daß sie unverzüglich von henden Nachrichten ließen jedoch kei­ len, ob noch Schiffe anlegen könnten.
heimfahrenden Schiffen mitgenommen nen Zweifel daran, daß sich die Verhält­ Dabei bot sich mir ein grausames, un­
werden konnten. Häufig bekamen alle nisse verschärften. Der Kessel Ost­ vergeßliches Bild der Vernichtung. Eini­
Verwundeten einen Platz auf den Laza­ preußen wurde immer kleiner. Die Front ge der Lagerhallen am Hafenbecken
rettschiffen. Unter dem Druck der rückte immer näher und auch in Neu­ waren bei dem Angriff getroffen worden
Kampfhandlungen, kamen die Verwun­ fahrwasser gab es einzelne Artillerie­ und eingestürzt. Einige hundert Solda­
deten direkt von den Feldlazaretten, treffer von einem ?;s cm-Geschütz aus ten nebst den Männern der sie versor­
den Hauptverbandsplätzen oder sogar etwa 15 km Entfernung. In einer Nacht genden Feldlazaretteinheit waren unter
unversorgt von der Front. Der Ver­ krepierte ein solches Geschoß an unse­ den Trümmern begraben worden. Auf
brauch an Verbandsmaterial mag in et­ rer Hauswand, nicht weit von meinen der Kaimauer standen dichtgedrängt
wa unser Arbeitspensum erkennen las­ Zimmer entfernt. Fahrzeuge aller Art, auch einige Pferde­
sen. Es wurden jeden Tag 100 bis 120 fuhrwerke, bei denen die Pferde noch
Cramerschienen umwickelt. Meinem Eines Nachmittags meldete unser in den Geschirren standen. Sie stamm­
ehemaligen Schulkameraden H. Mal­ Dachbeobachter den Aufmarsch unse­ ten von der Bevölkerung aus der Um­
medie, Stabsapotheker im Sanitätspark rer Kriegsschiffe in der Danziger Bucht. gebung, der womöglich noch die Flucht
der Armee, habe ich es zu verdanken, Mit beginnender Dämmerung setzte ein mit dem Schiff gelungen war.
daß ich zweimal pro Woche 1000 Gips­ Artillerieangriff ein. Durch das Mün­
binden zugeteilt bekam. dungsfeuer der Geschütze war die Kampftruppen informierten uns gegen
Bucht wie von einem Feuerwerk erhellt; Mittag, daß sie nur noch hinhaltenden
Die Zunahme der Verwundeten gleich dann hörten wir das Rauschen der Ge- Widerstand leisten könnten und der
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Gegner sich von Brösen aus Neufahr­ richt. Der Frontverlauf war nicht be­ Krankenkraftwagen unserer Einheit. Der
wasser nähere. Wir erhielten noch die l<annt, die Festung als Lazarett markiert Fahrer wußte, daß unser Stab Heubude
Telefondurchsage, daß das Fort Weich­ und auf dem Turm wehte die Rotkreuz­ verlassen hatte, aber wir sollten den
selmünde als nächste Krankensammel­ flagge. Im Verlauf des Gesprächs, zeig­ Weg Westlich-Neufähr nehmen. Auf
stelle benannt sei, und man solle sich te sich, der Verbleib in der Festung be­ dieser Strnße überholten wir als
dorthin zurückziehen. Die gehfähigen deutete Schutz vor Feindeinwirkung, Fußgänger noch mehrere Fahrzeuge
Verwundeten waren schnell zu Fuß In aber letztlich russische Gefangen­ unserer Einheit und erfuhren von einer
Marsch gesetzt, sofern sie sich nicht schaft. Andererseits blieb nur der Ver­ Sammelstelle in Bohnsack. Wir erreich­
schon selbst abgesetzt hatten. Das such, einen Ausweg zu erkunden. Bei ten den Weichseldurchstich, setzten
Problem waren die nicht gehfähigen der Abstimmung entschied sich eine mit der Fähre über und erreichten ge­
Verwundeten. Unser alter Sattelschlep­ kleine Mehrheit für den Versuch, sich gen Mittag die Sammelstelle in einem
peromnibus war nicht mehr einsatz­ der drohenden Gefangennahme zu ent­ Waldstück. Sie hatte sich komplett im
fähig. Unsere Krankenkraftwagen wa­ ziehen und einen möglichen Ausweg zu Wald eingegraben. Hier konnte ich
ren unterwegs und kehrten nicht erkunden. So wurde beschlossen, ei­ Stabsarzt Dr. Ennet, einen schon älte­
zurück. Inzwischen meldeten unsere nen Sanitätsoffizier, e.inen Feldwebel ren Kollegen, begrüßen. Ihm trug ich
Soldaten, daß sich die gegnerischen und einen Unteroffizier zur Erkundung meinen Auftrag vor, aber er wollte keine
Truppen bis auf wenige Hundert Meter der Lage und der Möglichkeit des Ab­ Entscheidung treffen, obwohl er nach
genähert hätten. Da erinnerte ich mich transportes von Verwundeten zu be­ dem Ausfall des gesamten Abteilungs­
an die Pferdewagen am Kai. Mit einigen stimmen. Als jüngstem Sanitätsoffizier stabes zur Führung der Abteilung be­
meiner Leute habe ich am Hafen­ wurde mir der Auftrag erteilt, die Erkun­ auftragt war. Der Abteilungskomman­
becken etwa 10 - i 5 Pferdewagen ge­ dung zu leiten. Ich erhielt eine Aufstel­ deur mit seinem Stab hatte in Heubude
holt, mit denen wir unsere letzten Ver­ lung über die Sanitätseinheiten in der den Fliegerangriff überlebt und war
wundeten durch Neufahrwasser ab­ Festung und das Stück eines Meßtisch­ aber aus dem Kessel herausgenommen
transportieren konnten, um dann mit blattes mit dem Küstenstreifen von und nach Heia verschifft worden. Mein
der Fähre in Richtung Fort Wechsel­ Danzig bis Schnakenburg. Kollege Ennet fuhr mich in seinem Wa­
münde überzusetzen. Nachdem ich so gen zum Armeearzt Dr. Oehlmann in
meine Verpflichtung den Verwundeten Noch in der Nacht gegen 2.30 Uhr am seinen etwa 7 km entfernt liegenden
gegenüber erfüllt hatte, ging ich selbst 27.3.i 945 entließ uns die Wache aus Befehlsbunker. Nach Feststellung der
zu Fuß den Weg zur Fähre und weiter dem Fort. Es war dunkel und still. Zu­ Lage und Abwägung der Möglichkei­
zum Fort mit der Rotkreuzflagge. erst ging es über einen Steg des Was­ ten, noch Verwundete abtransportieren
Während ich noch dastand, näherten sergrabens, der aber von den Russen zu können, erhielt ich vom Armeearzt
sich zwei Kampfflugzeuge im Tiefflug. eingesehen werden konnte. Bei aller den Auftrag in das Fort zurückzukehren
Ich sah, wie aus geringer Entfernung Vorsicht hatten die Russen doch etwas und den Abtransport der Verwundeten
vor mir zwei Bomben herunterfielen bemerkt. Wir hatten gerade den Erdwall einzuleiten. Dabei trug er mir auf, dar­
und explodierten. Beim Sprung in ein überstiegen, als ein paar Gewehrschüs­ auf zu achten, daß entsprechend der
neben mir befindliches Deckungsloch se fielen und einige Granateinschläge Zahl der zurückbleibenden Verwunde­
rief ich einem jungen, neben mir ste­ hörbar wurden. Als Empfehlung hatte ten auch eine nötige Zahl Sanitätsper­
henden Soldaten zu, Deckung zu neh­ man uns noch mitgegeben, möglichst sonal zurückbleiben müsse. Bei der
men. Der Aufschlag der Bomben konn­ in Richtung Ostsee zu gehen, um eine Frage, wer denn zurückbleiben solle,
te nicht weit weg gewesen sein, denn Orientierung zu haben. Vorsichtig, im­ wollte er mir die Entscheidung überlas­
ich sah noch, wie die Splitter und der mer wieder Deckung suchend, kamen sen. Dies habe ich abgelehnt und so
Dreck auseinanderstoben. Als ich mich wir zunächst nur langsam voran. Un­ wurde auf einem Zettel vermerkt 1 wer
aufrichtete, stand der Soldat im Gesicht vermittelt wurden wir angerufen und zuerst abziehen solle und welche Ein­
blutend da. Ein Bombensplitter hatte sollten die Parole nennen, die wir aber heit notfalls zurückbleiben müsse. Die­
ih'm ein Stück aus der Oberlippe geris­ nicht kannten. Aber an der Sprache ser Vermerk wurde mit seiner Unter­
sen. Ich habe ihn zur Versorgung Ins wurden wir erkannt. Ein Artilleriebeob­ schrift versehen.
Fort geschickt. Dann habe ich mich achter hatte uns ausgemacht. Nach
auch langsam zum Tor der Festung be­ kurzer Begrüßung half er uns weiter. Wir fuhren zur Krankensammelstelle
geben. Bald darauf hielten uns zwei Infanteri­ zurück. Dort verabschiedeten wir uns
sten an. Sie wiesen uns den Weg zum von unserem Kollegen Ennet und traten
Ich betrat die Festung durch eine kleine Wasser. Der Anblick der See bewegte den Rückmarsch an. Zunächst kamen
Tür im Eingangstor. Man verwies mich uns, die Weite des Wassers und das wir gut voran. Wegen häufiger Störun­
zur Kommandantur im Turm der Fest­ leise Rauschen der See zwangen uns gen durch Schlachtflieger, die die ver­
ung. Ich erinnere mich gut an die lange eine kleine Pause ab. Die Beobach­ stopften Straßen bombardierten und
gewölbte Eingangshalle und meine hal­ tungsposten hatten uns nach rückwärts mit Bordwaffen beschossen, suchten
lenden Schritte im Festungsinnenhof. gemeldet. In einem Gefechtsstand wur­ wir uns abseits der Straße einen Rast­
Für den Abend war eine Zusammen­ de uns ein Telefonkontakt zu unserer platz in einem Waldstück aus. Aber
kunft der Mediziner zur Lagebespre­ Einheit vermittelt. Unser Stab lag in schon nach kurzer Zeit wurden wir von
chung in einem der Kellergewölbe des Heubude, nicht weit entfernt. Als wir einem plötzlich einsetzenden Rauschen
Forts festgesetzt. Der fensterlose, von uns dem Ort näherten, standen viele aufgeschreckt. Wir hatten uns dicht ne­
dicken Quadersteinen umgrenzte Raum Häuser nach einem Bombenangriff der ben einer Raketeneinheit niedergelas­
wurde nur spärlich von einer Kerze er­ Russen in Flammen. Inzwischen hatten sen. Deshalb zogen wir weiter bis in die
hellt, die auf einer leeren Kiste stand. wir eine Fahrstraße erreicht, die von Nähe des Forts. Mit Einbruch der Dun­
Etwa 25 - 30 Mediziner fanden sich ein. Fahrzeugen blockiert war. Unter diesen kelheit erreichten wir ungehindert die
Ein älterer Kollege gab einen Lagebe- Fahrzeugen erkannte ich auch einen Festung. Unsere Rückkehr mit der gut-
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en Nachricht löste allgemein Freude Neuer Auftrag in der zur Fähre nach Pasewark gebraucht.
aus. Vor allem waren auch alle erleich­
tert, daß keiner von uns zu entscheiden
Weichselniederung Am 30.3.1945 begannen wir mit der Er­
hatte, welche Sanitätseinheit notfalls richtung der Krankensammelstelle in
zurückbleiben müßte. Die Lage im Fort Wie schon am Vortag, ging mein Weg Pasewark. Der Beginn war schwierig,
hatte sich inzwischen verschlechtert. Im entlang der Straße in Richtung West­ weil es an allem fehlte. Zwei Tage gab
Turm des Forts waren Kampfbeobach­ lich-Neufähr. Von den Fahrern der es keine Verpflegung. Auf der Suche
ter eingezogen. Daher mußte die Rot­ Krankenkraftwagen auf dem Weg erfuhr nach etwas Eßbarem hatten unsere
kreuzflagge vom Turm eingeholt wer­ ich, daß ein Teil unseres Sanitätsperso­ Leute eine Kartoffelmiete entdeckt. Ob­
den. Wenn man auch in den Mauem der nals nach Westlich-Neufähr unterwegs wohl es strengstens verboten war zu
Festung sicher war, im Innenhof krepier­ sei. Entlang der Straße beobachtete ich „organisieren", wie es bei den Soldaten
ten jetzt immer wieder Granaten. zahlreiche von der Flak gebaute Erd­ hieß, wurden in der Nacht Kartoffeln
Während der Vorbereitungen zum Ab­ bunker. In sie waren viele Zivilisten ein­ besorgt, so daß am 3. Tag jeder einige
marsch der Verwundeten habe ich noch gezogen, die aus der Stadt geflohen Pellkartoffeln erhielt. Am 4. Tag beka­
einen Besichtigungsgang durch das waren. Feldgendarmerie kontrollierte men wir eine erste Verpflegungsration
Fort gemacht: Auf der anderen Seite der überall, um den Soldaten den Weg zu aus Heia. Der Fährverkehr mit Heia gab
Nogat sah ich die Russen beim Lager­ ihren Einheiten zu weisen oder Einsatz­ uns auch wieder die Möglichkeit für
feuer. Der gedämpft herüberkommende kommandos zusammenzustellen. Ich den Abtransport von Verwundeten. Die
Gesang ließ mir ein Frösteln über den erreichte Westlich-Neufähr und setzte Verwundeten waren in einer Scheune
Rücken laufen. Aber bald würde ich ja mit der Fähre über. Wir wurden beson­ und einer Lagerhalle auf Stroh unterge­
die Festung verlassen dürfen, dies ders vor den überfallartigen Attacken bracht. Es war schönes Wetter, und ein
stimmte mich wieder zuversichtlicher. der Kampfflieger gewarnt. In Östlich­ Teil der Verwundeten ging nach der
Neufähr erreichte ich schnell die Kran­ Mittagessenausgabe in den Park des
Es war inzwischen Nacht und es herr­ kensammelstelle vom Kollegen Ennet in Gutshofes. Ausgerechnet zu diesem
schte Kampfpause. Am Tor des Forts einem Erdbunker. Ich erfuhr, daß der Zeitpunkt fiel bei einem Fliegerangriff
unterhielt ich mich mit dem Festungs­ Abtransport der Verwundeten mittels eine Bombe in den Park. Es gab Tote
kommandanten, Hauptmann Müller. Er Booten nach Heia zügig verlief. Mein und Verletzte. In Pasewark erschien
hatte die Aufgabe, mit seiner Einheit nächster Auftrag war die Errichtung ei­ Willi Patt aus Troisdorf, der als Soldat
den Rückzug der Kampftruppen zu si­ ner Krankensammelstelle in Pasewark. bei der Feldpost diente. Wir haben zu­
chern. Seine Ruhe und Gelassenheit Am 29.3.1945 verließ ich Westlich­ sammen zu Mittag gegessen und uns
bewunderte ich. Darauf angesprochen, Neufähr über Schnakenburg und Schie­ über unsere Lage unterhalten. Von Pa­
erklärte er, darin habe er Erfahrung, wenhorst mit dem übriggebliebenen sewark ist er dann mit einem Kranken­
denn er habe schon auf dem ganzen Teil der Kompanie, einschließlich Kran­ transporter von Heia nach Stettin ver­
Rückzug diese Tätigkeit ausgeübt. Für kenkraftwagen und Lastwagen nach schifft worden und dort in russische
23 Uhr war der Beginn des Abmar­ Pasewark. Den ersten Tell des Weges Gefangenschaft geraten. Er ist erst als
sches angesagt. Schon frühzeitig sam­ habe ich auf einem Krankenkraftwagen Spätheimkehrer nach Hause gekom­
melten sich die Verwundeten in der Tor­ verbracht. Die Allee war von dicken, al­ men. Später habe ich Ihn als Patient
bogenhalle. Den Soldaten war ange­ ten Bäumen gesäumt und sie war, wie behandelt.
ordnet worden, den ersten Teil des die anderen Straßen, total verstopft.
Weges bis zur Ostsee geräuschlos Die Fahrzeuge bewegten sich in Dop­ Am 9.4.1945 wurde unsere Sammel­
zurückzulegen. Pünktlich um 23 Uhr pelreihen und kamen nur schrittweise stelle von Pasewark nach Nickelswalde
verabschiedete ich mich von meinen voran. Immer wieder wurde die Straße in ein Schullandheim und einige Fi­
Kollegen und von Hauptmann Müller. von Kampffliegern mit Bomben und scherhäuser verlegt, weil so die Ver­
Im Gänsemarsch verließen wir die Fe­ Bordwaffen angegriffen. Ich hielt es wundeten leichter abtranspo1iiert wer­
stung über den schmalen Steg des Fe­ nicht lange in dem Wagen aus, weil mir den konnten. Die Fährprahmen legten
stungsgrabens, dann über den Wall dies zu unsicher erschien. Als Fußgän­ in der Weichselmündung an, brachten
und ein Stück freies Gelände bis zum ger mußte man hingegen beim Heran­ Verpflegung und Munition und nahmen
schützenden Wald. Die vorgeschobe­ nahmen eines Flugzeugs hinter einem auf der Rückfahrt Verwundete und
nen Posten unserer Kampftruppen wa­ Baum Schutz suchen und den Ge­ Kranke mit. Durch den Verlust von Kö­
ren informiert. Schließlich hatte man schoßgarben durch Umgehen des Bau­ nigsberg und dann auch den Rückzug
sich an die Dunkelheit gewöhnt. Es mes ausweichen. Auf Gebäude an der aus dem Samland ergoß sich ein Strom
konnte nun auch gesprochen werden. Straße wurden Kisten mit Brandbom­ von Verwundeten und Flüchtlingen über
Erleichterung war bei allen zu spüren. ben abgeworfen. Ich sah, wie nahebei die Nehrung in die Weichselmündung.
Es bildeten sich kleine Trupps. Wir er­ ein Haus in Flammen aufging und die Dazu kamen Soldaten aus Heiligenbeil
reichten Heubude, das nicht mehr Bewohner fluchtartig das Haus ver­ und Rosenberg, die sich über das zum
brannte. Weiter ging es über die immer ließen. Einen Verletzten konnten wir Teil noch zugefrorene Frische Haff hat­
noch verstopfte Straße nach Westlich­ gleich versorgen und aufnehmen. Beim ten retten können. Wegen der be­
Neufähr. Mein Auftrag war nun erledigt. Abwurf voh zwei Bomben sah ich eine schränkten Anlegemöglichkeiten der
Von der ersten Gruppe, die mich be­ Bombe genau auf mich zukommen. Als Boote von Heia in den Orten Kahlberg,
gleitet hatte, verabschiedete ich mich. ich ungefähr die Einschlagstelle ab­ Stutthoff und Steegen, konnten dort
Ich blieb noch eine Welle stehen, um schätzen konnte, bin ich in ein nur die nicht gehfähigen Verwundeten
die in kleinen Gruppen vorbeiziehenden Deckungsloch neben der Straße ge­ von wenigen Booten übernommen wer­
Verwundeten zu beobachten. Wie viele sprungen. Die Bombe fiel etwa 8 m vor den. Es wurden daher bei uns in diesen
so die Festung verlassen konnten, ist mir in ein anderes Deckungsloch und Tagen täglich über tausend Verwundete
mir nicht bekannt. krepierte nicht. Zwei Tage haben wir bis versorgt und nach Heia weitergeleitet.
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Nach dem Abtauen der großen Eis­


flächen in der Weichselniederung konn­
'.
:l,/K.r,Tr11p._Abt. 58i 0. TJ,, den 14-. P.pril 19�5
ten große Landflächen durch Stauen der
Flüsse, Öffnen von Schleusen und Ein­
reißen von Dämmen unter Wasser gec
setzt werden. Dadurch war im Abschnitt
B e ß c' h e III. n i g u. n g • · ·
Nickelswalde nur geringe Kampftätig­
keit, bis auf gelegentliche Bombenab­
würfe durch Ratas. In Nickelswalde wa­ '1
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Asa,.:.Arzt. . � c,.h o: e '. :a · • · • ,.·. 1./K.r ,Trlllp .Abt,.'. 581,
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Häusern sehr beschränkt. Daher waren
Erdlöcher in einem Kiefernwald ausge­ ' . ' . '
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hoben worden. , ai11gea1t_tzt. ua_d b_erec}1t;i.gt .·sich im Raum i,11>.ckebwalde ,-

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•P.amew11.rk, St�egeJI. und Stut_thof frei 2i1;l bew�gen.
Die Verwundeten erhielten bei ih1·er An­
kunft zunächst belegte Brote und Ge­
tränke. Danach wurden sie ärztlich ver­
sorgt und registriert. Diese Reihenfolge
der Versorgung war den Soldaten neu, · .
, .. 'i • ·· · Stabrarzt. und ·ifom/.-Chef,
1\l 7
' - tJ •f
führte aber zu einer merklichen Verbes­
serung der Stimmung. Bei der ärztlichen
" •.·
;
.,: .
Versorgung wurden gleichzeitig die Kar0
ten ausgegeben, die zu einem nächtli­
chen Abtransport mit einem Prahm Fahrern beim Verlassen unbrauchbar Passieschein für Ass.-Arzt Schoenen kurz vor
Kriegsende ausgestell(.
nach Heia berechtigten. Diese Kärtchen gemacht. Andere Fahrzeuge blieben
waren mit Stempel und meiner Unter­ einfach stehen. Auch Pferde blieben in an Bord und mit einer kleinen Leiter hin­
schrift in grüner T inte versehen. Beim großer- Zahl zurück. ab in die Ladeluke. Einige andere Ein­
Besteigen des Bootes wurden diese heiten stiegen zu. Der Kahn war schnell
Kärtchen wieder eingesammelt. Über die Gesamtlage wurden wir lau­ beladen. Es wurde nicht viel gespro­
fend informiert. Über unsere eigene La­ chen. Dann kam ein kleines Motorboot
Natürlich kam es gelegentlich vor, daß ge wagten wir jedoch kaum miteinander und der Schleppkahn wurde angehan­
ein Soldat zweimal zur Untersuchung zu sprechen. Solange noch Verwundete gen. Mit meinem Kollegen Frey und drei
erschien, um ein Kärtchen für einen Ka­ abtransportiert wurden, blieb auch für weiteren Kollegen von anderen Einhei­
meraden zu bekommen. Wenn es be­ uns noch eine kleine Hoffnung, der Ge­ ten konnten wir in das Motorboot ein­
merkt wurde, wurde er abgewiesen, es fangenschaft zu entgehen. Dann er­ steigen. Gegen 19 Uhr begann unsere
wurde aber nicht geahndet. Schwerwie­ reichte uns überraschend am 6.5.1945 Fahrt weichselabwärts. Wir haben erst
gender war es mit einigen wenigen Sol­ die Meldung, daß unsere Sammelstelle noch eine Weile an der Reeling des klei­
daten, die sich eine Schußverletzung vom Korps abgelöst würde. Wir sollten nen Bootes gestanden. Aber es wurde
z. B. an der Hand oder dem Fuß beige­ uns um 17 Uhr des Tages an der Boots­ doch feucht-kalt und deshalb begaben
bracht hatten. Wenn dies festgestellt anlegestelle zum Abtransport bereit­ wir uns in das Innere des Bootes. Dort
wurde, hatte der Soldat 1 O Minuten Be­ halten. Die Genehmigung zur Einschif­ saßen bereits die Frau des Schiffseig­
denkzeit. Entweder er kehrte zur Truppe fung mußte ich persönlich bei der Tt·ans­ ners und die Frau des Steuermanns mit
zurück, oder wir hätten ihn der Feldgen­ portkommandantur vor dem Weichsel­ ihren Kindern. Wir fünf Mediziner hatten
damerie übergeben müssen, was uns damm in Empfang nehmen. Die Vorbe­ auf der gegenüberliegenden Bank Platz
zum Glück erspart blieb. reitungen zur Übergabe waren schnell genommen. Es wurde wenig gespro­
getroffen. Vor dem Weichseldamm, in chen. Jeder mußte wohl zunächst seine
Über die Nehrung kamen zunächst der Umgebung der Schiffsanlegestel­ Gedanken ordnen. Die Erlebnisse der
noch Flüchtlinge zum Teil mit Pferd und len, hatte sich eine große Zahl von Sol­ vergangenen Tage und die unsichere
Wagen. Da jeder nur 15 kg Gepäck mit­ daten eingefunden, die alle eine Mög­ Zukunft beschäftigten uns. Nach Verlas­
nehmen durfte, blieb Einiges zurück. lichkeit zum Abtransport suchten. Die sen der Weichsel ging die Fahrt auf der
Von diesen Sachen durften wir vor allem Transportkommandantur war in einer Danziger Bucht bei der nun gröber wer­
Wäsche an die Verwundeten verteilen. kleinen, von Soldaten dicht umlagerten denden See weiter. Unser kleines Boot
Holzbude untergebracht. Feldgendar­ schaukelte. Mit der Dämmerung wurde
merie versuchte, Ordnung zu halten. es kalt, und Wind kam auf.
Obwohl ich keine Papiere besaß, ver­
Das Ende unseres schaffte mir die Feldgendarmerie Ein­ Es dauerte nicht lange, und die beiden
Kriegseinsatzes laß. Der General händigte mir persön­ Frauen, ihre Kinder und meine Kollegen
lich das Transportpapier aus, und wir wurden seekrank. Mir blieb die Übelkeit
Der Abtransport der Verwundeten voll­ verabschiedeten uns mit einem festen erspart. Ich bin nach einiger Zeit zum
zog sich reibungslos. Es wurden mehr Händedruck. Diesen Augenblick werde Steuermann an Deck gegangen. Plötz­
und mehr Kampfverbände und Stäbe ich nicht vergessen. lich stellte der Steuermann den Motor
aus unserem kleiner werdenden ab, wie er es schon einige Male getan
Brückenkopf abgezogen. Um uns her­ Für unseren Abtransport war uns ein hatte. Auf meine Frage, warum er dies
um sammelten sich herrenlose Fahr­ großer Schleppkahn zugewiesen wor­ tue, gab er an, nur so könne er feststel­
zeuge aller Art. Viele wurden von den den. Über eine breite Holzbohle ging es len, ob ein anderes Schiff in der Nähe
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sei. Gegen Morgen begab ich mich sten Schiffes ernennen würde, falls schienen zwei deutsche Kriegsschiffe in
noch einmal zum Steuermann nach noch ein Schiff zum Abtransport von der Danziger Bucht und hielten dort an.
oben. Es war dichter Nebel. Nach einer Verwundeten von Heia abgehen würde. Bei Sonnenschein und klarer Sicht sa­
Weile stoppte der Steuermann wieder Kurz nach Mitternacht, als die Tafel hen wir, wie eine Reihe von Landungs­
das Schiff. Er meinte, wir könnten nicht aufgehoben war, verließ ich mit dem booten von Heia aus an diese Schiffe
mehr weit vom Land entfernt sein und Adjutanten den Raum und folgte ihm heranfuhr. Über Strickleitern wurde eine
wegen fehlender Navigationsmöglich­ auf sein Arbeitszimmer. Ich bat ihn, große Zahl Soldaten von diesen beiden
keiten müsse er jetzt auf bessere Sicht mich in einem Sessel niederzulassen Schiffen übernommen. Auch diese
warten, um sicher in den Hafen von zu dürfen, um die Ankunft eines Schif­ Übernahmeaktion wurde durch einige
Heia einzulaufen. Noch während ich fes nicht zu verpassen. Meine Unruhe Granatsalven von Gotenhafen aus ge­
fröstelnd neben dem Steuermann war so groß, daß ich keinen Schlaf fin­ stört. Nach etwa 30 Minuten drehten die
stand, erklang aus der Feme eine den konnte. Wir unterhielten uns über beiden Schiffe wieder in Richtung Ost­
Glocke. Befriedigt stellte der Steuer­ unsere Zukunftsaussichten. see ab. Um 12 Uhr legte unser Schiff
mann fest, daß dies die Glocke von ab. Bei Sonnenschein und herrlich kla­
Heia sei. Er stellte den Schiffsmotor Gegen 2 Uhr am 8.5.1945 schreckte rem Wetter fuhren wir durch die Danzi­
wieder an und es dauerte nicht mehr uns das Telefon auf. Die Hafenkomman­ ger Bucht zur Außenreede von Heia.
lange, bis mir der Steuermann im Dunst dantur kündigte mehrere kleine Schiffe Hier blieben wir liegen. Oben auf dem
das Land zeigte. an, die am frühen Morgen einlaufen soll­ Deck auf einer der Ladeluken hatte man
ten. Eines davon war für den Transport mir eine kleine Liegestatt zwischen den
In der Frühe des 7.5.1945 liefen wir in von Verwundeten vorgesehen. Ich wur­ Verbands- und Verpflegungskästen mit­
den Hafen von Heia ein. Boot und de auch sogleich zum Chefarzt dieses tels Decken eingerichtet. Dort habe ich
Schleppkahn wurden festgemacht. Sei­ Schiffes ernannt. Das 950 BRT große dann auch etwas geruht. Auf dem ver­
ne Stimmung in einem solchen Augen­ Schiff mit dem Namen „Johann" war mit hältnismäßig kleinen mit 1600 Passagie­
blick zu beschreiben, ist nicht einfach. Hafer beladen. Einen der beiden Leute, ren beladenen Frachtschiff gab es für
Wir hatten das Gefühl, einem schweren die ich vorsorglich angewiesen hatte, jeden nur wenig Platz, worüber sich je­
Los entronnen zu sein. Wir verließen sich im Gebäude bereitzuhalten, schick­ doch keiner beklagte. Es konnte sich je­
das Boot und nahmen in der uns zuge­ te ich sofort los, um die Nachricht von weils nur die Hälfte der Passagiere zum
wiesenen Lagerhalle Quartier. Mein der bevorstehenden Abreise zu über­ Schlafen hinlegen, obwohl auch die
nächster Weg führte zur Kommandan­ bringen. Der Aufbruch sollte lautlos Gänge belegt waren. Die Liegendkran­
tur des Armeearztes. Auf dem Weg vonstatten gehen, um andere Soldaten ken waren im Laderaum des Schiffes
dorthin lagerten überall Soldaten. Ein nicht aufmerksam zu machen. auf Stroh untergebracht.
Heerlager. Dr. Borgmann, Adjutant des
Armeearztes begrüßte mich freundlich. Auf der Außenreede von Heia hatten
Die letzten Erlebnisse wurden ausge­ sich im laufe des Nachmittags 10
tauscht, und es wurde von der Zukunft
Flucht über die Ostsee Schiffe angesammelt. Gegen 19 Uhr
gesprochen. Auf der Halbinsel Heia be­ setzte sich der Schiffskonvoi in Bewe­
fanden sich schätzungsweise 50 000 Ich erhielt einen Lageplan der Halbinsel gung. Der Krieg war ja nun zu Ende.
Soldaten, und nur wer mit einem Schiff Heia, auf dem der Liegeplatz des Schif­ Sollten wir unbehelligt den Russen ent­
die Halbinsel verlassen konnte, hatte fes verzeichnet war. Damit schickte ich kommen können, oder würden sie uns
Aussicht, der russischen Kriegsgefan­ den zweiten Melder los. Ich verabschie­ doch noch auf See aufhalten? Die Ab­
genschaft zu entgehen. Von Dr. Borg­ dete mich auch bald von Kollegen fahrt brachte Bewegung in die Men­
mann wurde ich zu einem Abendessen Bergmann. Er deutete an, daß er Heia schen auf dem Schiff. Der Blick zurück
in die Kantine mit dem Armeearzt ein­ auch mit einem kleinen Motorboot ver­ auf das Festland und auf die offene See
geladen. Zum Essen wurde mir ein lassen werde. Ich erreichte die Anlege­ löste unterschiedliche Gefühle bei den
Platz neben dem Armeearzt zugewie­ stelle gegen 5 Uhr. Meine gesamte Passagieren aus. Die Soldaten fühlten
sen. Links neben mir saß Dr. Sorg­ Mannschaft war schon da und begrüßte sich als Heimreisende, die Flüchtlinge
mann. Zu Beginn des Essens wurde ich mich freudig aber lautlos. Wir zitterten verließen ihre Heimat und fuhren einer
vom Armeearzt mit der Bemerkung be­ teils vor Kälte, teils vor Aufregung. Das ungewissen Zukunft entgegen.
grüßt, daß ich mit meiner Krankensam­ Schiff legte an, die kleinen Hafersäcke
melstelle die letzte Armee-Einheit ge­ wurden schnell entladen. Nach etwa ei­ Als es dunkel wurde, begab ich mich
wesen sei., die den Brückenkopf Weich­ ner Stunde konnte ich melden, daß die zur Kommandobrücke, wo mich der
selniederung verlassen habe, worauf Ladung gelöscht sei. Dann kamen 1200 Kapitän, der Steuermann und der das
wir mit einem Glas Sekt anstießen. In verwundete Soldaten auf das Schiff, da­ Schiff begleitende Marine-Oberleutnant
den Gesprächen bei Tisch ging es um zu noch 400 Flüchtlinge. Eine Kiste mit begrüßten. Der Marine-Oberleutnant
unsere Aussichten für die kommenden Medikamenten und Verbandszeug wur­ hatte den Auftrag, das Schiff nach
Tage. Wir sprachen von dem bevorste­ de aufgeladen. Schon bald nach 8 Uhr Bornheim zu bringen. Der Kapitän er­
henden Kriegsende, am kommenden war das Schiff abfahrbereit. Während klärte mir auf der Seekarte die Fahrt­
Tag sollte die Kapitulation erfolgen. der Ent- und Beladung war uns warm route, die wegen der vorhandenen Mi­
Diese Nachricht wurde unter vorgehal­ geworden. Jetzt, wo wir auf die Abfahrt nenfelder genauestens einzuhalten war.
tener Hand geäußert. Sie kam von Kol­ warteten, packte uns wieder die Mor­ Bojen der verschiedensten Art grenzten
legen, die verbotenerweise Feindsen­ genfrische am Wasser. Die Sonne zer­ die Minenfelder ab und durften nur auf
der abgehört hatten. Bel der Unterhal­ streute nur langsam den Nebel. Dann der vorgeschriebenen Seiten passiert
tung war es mir gelungen, dem Adju­ wurde die Küste in Richtung Gotenha­ werden. In der Dunkelheit waren sie nur
tanten das Versprechen abzunehmen, fen sichtbar. Die Russen schossen noch schwer zu erkennen. Vor Treibminen
daß er mich zum Chefarzt des näch- einige Granaten ab. Gegen 10 Uhr er- war man aber trotzdem nicht sicher.
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Nach Mitternacht, wurde gemeldet, daß ten uns in die große Zahl der vor Anker schienen ihnen jedoch nicht so pflege­
russische Truppen auf Bornholm gelan­ liegenden Schiffe ein. Die Schiffe, - bedürftig, so daß wir sie auf das Schiff
det seien. - Und wir sollten am Morgen große und kleine Kriegsschiffe aller Art, zurückholen mußten.
den Hafen von Bornholm anlaufen -. Truppentransporter, Frachter, kleine
Der Kapitän und ich waren der gleichen Boote und auch die Fähre von Pillau, Zu Beginn der Übergabe forderten mich
Meinung, Bornholm nicht anzulaufen, lagen kaum einen Steinwutf voneinan­ die englischen Kollegen auf, ihnen den
sondern die Insel in einem Bogen zu der entfernt. Inhalt meiner Manteltasche, die sich et­
umfahren. Der Marine-Oberleutnant wi­ was vorwölbte, zu zeigen. Sie enthielt
dersprach unserem Vorschlag mit der die Kapuze meines Mantels, die ich
Begründung, daß er beauftragt sei, das vorzeigte. Der Offizier bedankte sich
Schiff nach Bornholm zu begleiten. Als
Englische mit einem Lächeln. Übrigens wurden al­
Chefarzt des Schiffes stand mir zwar Kriegsgefangenschaft le Soldaten, die an Land gesetzt wur­
die Entscheidung über die Reiseroute den, auf Waffen untersucht. Nach Be­
des Schiffes zu, der Krieg war jedoch Englische Soldaten waren zunächst obachtung dieser genauen Inspektion,
zu Ende und welche G.esetze nun gal­ nicht zu sehen. Wir waren weiterhin mit hatte ich angeordnet, daß alle Patienten
ten, war weder mir noch den anderen der Betreuung der Verwundeten be­ vorab zu kontrollieren seien, um unnöti­
bekannt. Deshalb habe ich alle 35 Sa­ schäftigt. Auf den Schiffen der Kriegs­ ge Schwierigkeiten zu vermeiden. Dies
nitätsoffiziere und den Marine-Ober­ marine wurde klar Schiff gemacht, Waf­ erwies sich auch als sinnvoll. So wur­
leutnant zu einer Besprechung auf die fen, Munition und sonstiges Gerät wur­ den die verschiedensten Sachen kur­
Kommandobrücke gebeten. Die Medi­ de über Bord geworfen. Am Abend er­ zerhand ins Wasser geworfen. Auf die­
ziner haben sich sehr schnell für das klangen von einigen Schiffen See­ se Welse verschwand auch das Buch
Umfahren der Insel entschieden, um mannslieder. Ein überwältigendes Feu­ ,,Hitler, Mein Kampf", das einer der Ver­
den Russen auszuweichen. Der Kapitän erwerk durch das Abschießen von Sig­ wundeten in seinem Brotbeutel mitge­
war mit diesem Plan einverstc!nden. Der nalraketen und Leuchtkugeln erhellte führt hatte in einem unbewachten Au­
Marine-Oberleutnant fühlte sich zwar die Förde. Dies wiederholte sich am genblick zwischen Bordwand und Kai­
an seinen Auftrag gebunden, beugte nächsten Abend, dann wurde es verbo­ mauer. Nach Beendigung der Ausla­
sich dann aber unserem Beschluß. Um ten. dung mußten wir an unseren Ankerplatz
sicher zu sein, daß der Beschluß einge­ zurück.
halten wurde, wies ich die beiden älte­ Nach zwei Tagen ging unsere Verpfle­
sten Sanitätsoffiziere an, den Kapitän gung zu Ende. Wir erhielten über Funk Am nächsten Tag erhielten wir den Be­
auf der Kommandobrücke zu begleiten. die Erlaubnis, von einem in der Nähe fehl nach Heiligenhafen auszulaufen.
Die Fahrt verlief ohne Störung. Am liegenden Versorgungsschiff Verpfle­ Am frühen Nachmittag legten wir dort
Morgen passierten wir Bornholm in an­ gung aufzunehmen. Da wir am an. Beim Verlassen des Schiffes wur­
gemessener Entfernung. Auf der ande­ 14.5.1945 noch keinerlei Bewegung bei den wir von zwei englischen Soldaten
ren Seite lag die Küste von Schweden den Schiffen sahen und wir einige Tote kontrolliert. Dabei wurden uns Ringe,
im Sonnenlicht. und Schwerverwundete an Bord hatten, Uhren und sonstige Wertgegenstände
entschlossen wir uns, einen Kollegen abgenommen. Entlang einer Lagerhalle
Unser nächstes Ziel war Kopenhagen. mit unserem Rettungsboot nach Laboe mußten wir uns aufstellen. Für je etwa
Am zweiten Tag unserer Reise fuhren zu schicken, um mit den Engländern 250 Mann erhielt ich von einem engli­
wir durch eine Gewitte1front mit Sturm über eine mögliche Ausladung unserer schen Offizier einen Marschbefehl.
und Regen. Die rauhe See führte dazu, Schwerverwundeten zu verhandeln. Es
daß viele an Bord seekrank wurden. wurde uns zugesagt, die Toten und Da das Sanitätspersonal bei der Entla­
Nicht alle hatten leere Konservenbüch­ Schwerverletzten bald ausladen zu dür­ dung des Schiffes den Soldaten Hilfe
sen oder einen Stahlhelm zur Hand fen. Am 15.5.1945 konnten wir mit un­ leistete, konnte es erst zuletzt das Schiff
oder erreichten die Reling rechtzeitig. serem Schiff durch die Förde bis in verlassen. Dadurch blieb das Sanitäts­
Auf dem Schiff gab es nur zwei Toilet­ Höhe des Kieler Hauptbahnhofs fahren. personal in dem letzten Marschblock
ten. Im günstigsten Fall betrug die War­ Es ging vorbei an versenkten Schiffen zusammen. Wir erhielten als Marschziel
tezeit in der Nacht 30 Minuten. Wesent­ und den zerstörten Werftanlagen. Dort den Gutshof des Bauern Klinkhammer
lich schlechter war es bei dem Gewitter wurden wir von englischen Soldaten er­ in Bankendorf, etwa 5 km von Heiligen­
den Soldaten auf der Pillaufähre ergan­ wartet. Der Anlegeplatz war von engli­ hafen entfernt. Ein Angehöriger meiner
gen, die auch zu unserem Konvoi schen Panzerwagen umstellt, in einiger Einheit war Besitzer des Nachbarhofes
gehörte. Die Wellen hatten die Lade­ Entfernung standen englische Kranken­ in Bankendorf, und .er führte uns zu
fläche des Schiffes überschwemmt. Sie kraftwagen. Zwei englische Sanitätsof­ dem Gutshof. Danach tauchte er sofort
mußte mit Stahlhelmen leergeschöpft fiziere erwarteten uns am Landungs­ zu Hause unter. Auf dem uns zugewie­
werden. Die Soldaten zogen ihre Klei­ steg. Ich mußte mich als Chefarzt des senen Gutshof war der Kuhstall sauber
dung aus und hielten sie zum Trocknen Schiffes melden und mein Kollege, gefegt, und in die Boxen war frisches
in den Wind. Trotzdem erscholl auch Stabsarzt Dr. Thallmayer, begleitete Stroh geschüttet. Die Kühe mußten
jetzt wieder der Gesang ihrer Soldaten­ mich als Dolmetscher. Die zur Übernah­ wohl schon eine Weile auf der Weide
lieder zu uns herüber. Ihre Zuversicht me in ein Lazarett vorgesehenen Ver­ stehen, denn im Stall gab es keinen
hob auch unsere Stimmung. Inzwi­ wundeten mußten an Land gebracht Viehgeruch. Unseren Platz haben wir
schen waren wir in den Einflußbereich werden. Die Verbände wurden geöffnet, mit unseren Habseligkeiten belegt. Er­
der englischen Truppen gekommen und und die englischen Kollegen ließen sich leichterung war am Abend das Lo­
wurden durch Funk aufgefordert, Kiel den Grund für Aufnahme in ein Lazarett sungswort. Das abendliche Gespräch
anzulaufen. Am Mittag des 10.5.1945 erklären. Die Übergabe vollzog sich drehte sich um die Ereignisse der letz­
erreichten wir die Kieler Förde. Wir reih- ordnungsgemäß. Einige Verwundete ten Tage, insbesondere, das Glück, so
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knapp der russischen Kriegsgefangen­ macht, z.T. um uns zu bewegen, aber Erst als ich mich weigerte, den Laza­
schaft entkommen und nun in engli­ auch um die Möglichkeiten zu erkun­ rettzug abfahren zu lassen, wozu ich
scher Kriegsgefangenschaft zu sein. den, wie wir das Gefangenenlager ver­ als Chefarzt des Zuges berechtigt war,
Geschlafen haben wir alle im Kuhstall lassen könnten. Nach 8 Tagen erschien wurde das Rote Kreuz eingeschaltet.
wider Erwarten gut. erstmals ein deutscher Offizier auf ei­ Auf einer Rotkreuzstation in der Nähe
nem Motorrad, um festzustellen, wer des Bahnhofs konnten daraufhin einige
Am Morgen des 16.5.1945 war sich hier am Ort aufhielt. Wir wurden Körbe fertiger Butterbrote abgeholt
zunächst Körper- und Kleiderpflege als untätige Sanitätseinheit entdeckt. werden. Danach fuhr der Zug ab. Ge­
notwendig, so gut dies hier möglich Tags darauf erschien im Auftrag der gen Mitternacht erreichten wir unser
war. Meine T ätigkeit als Chefarzt des Engländer ein deutscher Armeearzt. Er Fahrtziel, das große Kriegsgefangenen­
Lazarettschiffes war mit dem Verlassen war .sehr ungehalten über unsere lager und Lazarett Munsterlager in der
des Schiffes beendet. Von den 35 Sa­ Untätigkeit, weil überall zur Betreuung Lüneburger Heide.
nitätsoffizieren wurden einige ausge­ unserer Soldaten in den verschiedenen
wählt zur Regelung der nun anstehen­ Lagern Sanitätspersonal gebraucht Die englischen Offiziere waren reser­
den Fragen. Von den Engländern erhiel­ würde. Vom nächsten Tag an wurde viert aber freundlich. Sie ließen uns
ten wir pro Tag und Person 7 Kekse laufend Sanitätspersonal abgeholt zur Decken auf den Zug bringen. Noch in
und einige Konserven zur Herstellung Einrichtung von Verbandsstuben. Wir der Nacht fuhren wir zurück zum Bahn­
einer Suppe. Die Verpflegung wurde sahen darin zwar eine nützliche T ätig­ hof Hamburg-Lockstedt. Dort stand be­
von uns an einer nahegelegenen keit, aber auch die Gefahr, daß sich un­ reits ein Lazarettzug. Die Kollegen die­
Straßenkreuzung in Empfang genom­ sere Kriegsgefangenschaft dadurch ses Zuges waren uns behilflich und ha­
men. Einen Engländer haben wir in den verlängern könnte. ben uns sogar mit Verpflegung ver­
ersten Tagen, außer bei der Entladung sorgt. Sie waren erfahrene Lazarettzug­
des Schiffes, nicht gesehen. Am 28.5.1945 erschien ein Kradmelder, fahrer und bereits seit Beginn des Krie­
um uns anzuzeigen, daß in einer Stunde ges auf dem Zug, der auch nicht aus­
Der Gutsbesitzer hatte viel Verständnis ein Lastwagen das Personal für einen geplündert worden war. Auf ihren Rat
für unsere Lage. Wir erhielten von Ihm schon abfahrbereiten Lazarettzug abho­ hin haben wir uns beim Generalkom­
jedertäglich einen halben Liter Mager­ len würde. Unsere dienstältesten Kolle­ mando in Hamburg gemeldet und er­
milch und etwas Weizen. Mangels an­ gen waren mit einem Pferdewagen des hielten dort Bargeld und Bescheinigun­
derer Zutaten wurde daraus von unse­ Gutsherrn fortgefahren, um Kollegen zu gen zum Empfang von Verpflegung und
rem Küchenpersonal ein Brot ge­ besuchen, die sich an einem Ort an der Ausrüstung für den Zug. Auf Grund die­
backen, das zwar ohne Salz und Hefe Ostsee aufhalten sollten. Daher war kei­ ser Bescheinigung teilte uns das unter
etwas hart war, aber trotzdem gut eß­ ner gleich bereit, eine Abordnung zum englischer Aufsicht stehende Heeres­
bar. Als Gegenleistung wurden unsere Lazarettzug zu entsenden. So habe ich verpflegungslager 5000 Portionen Ver­
Handwerker, vom Schuster bis zum mich sofort bereiterklärt, den Lazarett­ pflegung zu. Zum Transport vom Lager
Schreiner, auf dem Hof zur Arbeit ein­ zug zu übernehmen. Die anderen Kolle­ auf unseren Zug mußten wir beim Ro­
gesetzt. Innerhalb weniger Tage war gen waren froh, nicht aufgefordert wor­ ten Kreuz einen Lieferwagen erbitten.
der Hof bestens aufgeräumt und herge­ den zu sein. Meine Leute waren Brot erhielten wir bei einem Hamburger
richtet, ebenso die Schuhe und die zunächst auch nicht zum Mitfahren be­ Großbäcker. Als nach einigen Tagen
Kleidung der Gutsbesitzerfamilie. Unse­ reit. erst nach meiner Bemerkung, auf nichts darauf hindeutete, daß unser
re Bewegungsfreiheit nutzten wir zu Er­ diese Art wenigstens hier fortzukom­ Zug zum Einsatz kommen würde, ver­
kundigungen einer möglichen Flucht, men, erkannten auch sie die sich bie­ einbarten wir mit dem Großbäcker die
denn nun wollten wir sobald wie mög­ tende Gelegenheit. Vom Feldwebel bis Rückgabe eines Großteiles des Brotes,
lich in die Heimat. Aber die Engländer zum Koch war meine Mannschaft um bei Bedarf frisches Brot erhalten zu
hatten weiträumig einen Sperrgürtel an­ schnell aufgestellt. Dazu kam als zwei­ können. Die Tage auf dem Bahnhof
gelegt, um ein Entkommen aus Schles­ ter Arzt Kollege T hallmayr aus Wien. Ei­ nutzten wir, um den Zug und unsere ei­
wig-Holstein zu verhindern. In einiger ne Stunde später fuhr uns ein Lastwa­ genen Sachen in Ordnung zu bringen.
Entfernung vom Kuhstall entdeckte ich gen nach Heiligenhafen. Wir stiegen in In den ersten Tagen benutzten wir man­
einen kleinen leerstehenden Stall. Mit den bereitstehenden Zug und die Fahrt gels anderer Dusch- und Bademöglich­
drei weiteren Kollegen richteten wir uns ging gleich los. Erst als wir unterwegs keiten eine Gießkanne, die wir auf dem
darin eine Bleibe ein. Wir bastelten aus waren, mußten wir feststellen, daß Bahnsteig an einen Lampenständer
Stangen eine Lagerstatt, deckten diese außer Patienten und Betten nichts vor­ hingen. Die Kollegen vom Nachbarzug
mit Stroh und hatten ein ruhiges Nacht­ handen war. Es gab weder Decken, rieten uns dann, die Wassertanks der
lager. Ein Autositz diente mir als Sessel, noch Verpflegung oder Wasser im Zug. Wagen auffüllen zu lassen. Wir melde­
denn unbrauchbar gemachte Autos Auch war uns nicht bekannt, wohin die ten dies bei der Bahn. Nach zwei Tagen
standen überall herum. Reise gehen sollte. Der erste Tag und wurde unser Zug zum Wasserauftanken
auch die Nacht verliefen störungsfrei. auf den Güterbahnhof Hamburg-Altona
Wir kamen nur langsam vorwärts. Der gezogen.
zweite Tag wurde schwieriger. Die Ver­
Fahrt mit dem Lazarettzug wundeten hatten Durst und Hunger. Während des Wassertankens hielt auf
Gegen Mittag erreichte der Zug den dem Nebengleis ein Güterzug, der von
Unsere Lage auf dem Gutshof war er­ Hamburger Hauptbahnhof. Der Ver­ Engländern streng bewacht wurde. In
träglich. Wir wurden nicht beaufsichtigt such, hier etwas Verpflegung für die La­ offenen Rungenwagen lag Salz, das
und auch sonst nicht behelligt. Für uns zarettzugbesatzung zu erhalten, gelang von Celle nach Dänemark gebracht
Sanitätsoffiziere gab es nichts zu tun. weder bei der deutschen, noch bei der werden sollte. Meine Leute erkannten
Wir haben weite Spaziergänge ge- englischen Militäraufsicht im Bahnhof. schnell die Möglichkeit, an Salz zu
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kommen, das zu dieser Zeit sehr be­


gehrt war. Während einige von uns sich
mit der englischen Wachmannschaft Eil)• ,i\lti• bin• �u.,,
f11lh11.um gi.l1en 1ml111,1i11 4"1d1,\11
unterhielten, ,,besorgten" die anderen
das Salz. Damit hatten wir nun ein gut­
es Tauschobjekt. Die beiden Küchen­
leute unserer Einheit waren vor dem
Krieg Gemüsehändler und kamen da­
her auf dem Hamburger Großmarkt gut ✓.)', .
I
zurecht. Sie brachten vom Großmarkt
, ..
/.'1,
..
u.a. ein 200 Kilo-Faß Heringe mit. l1,r:
Fortan gab es bei uns zum Mittagessen
frisches Obst und Gemüse direkt vom
Hamburger Großmarkt. Dies war im Ju­
ni 1945 etwas ganz besonderes. Auch
während dieser Zeit wurden wir weder
registriert noch von englischen Solda­
ten bewacht. Der für uns zuständige
englische Transportkommandant ver­
langte nur, daß wir uns bereithielten,
um jederzeit abfahren zu können.

Vorläufiges Ende der


Lazarettzugbegleitung rer Abwesenheit doch nicht benutzt Ein kleiner roter Kalender diente Dr. F. Schoenen
als Tagebuch.
worden sei. Wir mußten den Zug wie­
Am 16.6.1945 wurde unser Zug vom der fahrbereit machen und Verpflegung burg war Grenzstadt, seit die Englän­
Bahnpersonal inspiziert und nach Fal­ aufnehmen. Zusätzlich erhielten wir 500 der und Amerikaner das Gebiet zwi­
lingbostel gefahren. Dort ertuhren wir, englische Rotkreuzpakete. In Munster schen Harz und Elbe geräumt und den
daß der Zug ohne uns zum Einsatz herrschte ein reger Fremdenverkehr. Russen üb'erlassen hatten. Bei unse­
komme, und danach würden wir den Das große Kriegsgefangenenlager mit rem ersten Rundgang um den Bahnhof
Zug wieder übernehmen. Wir wurden Lazarett zog viele Deutsche an, die mit sahen wir viele Flüchtlinge mit ihrer
mit einem Lastwagen nach Walsrode umgehängten Bildern Feldpostnum­ letzten Habe auf dem Bahnhofsvor­
gefahren und dort in einem leeren La­ mern oder Bezeichnungen der Einheit platz und in den Wartehallen. Sie
zarett untergebracht. Dort erhielten wir nach ihren Angehörigen suchten und stammten zumeist aus dem Gebiet,
Verpflegung und sogar einen Passier­ hofften, sie hier zu finden oder zumin­ das nun von den Russen besetzt wor­
schein, so daß wir uns in der Stadt frei dest weitere Auskünfte über ihren Ver­ den war. Solche Bilder kannten wir be­
bewegen konnten. Doch nach wenigen bleib von den hier untergebrachten Ka­ reits aus Ostpreußen.
Tagen sollten wir in einer Munitionsfa­ meraden zu erhalten. So erfuhren wir
brik Aufräumungsarbeiten leisten. Eini­ aber auch von .den Schwierigkeiten Hier in Bad Harzburg stieg ein engli­
ge der Offiziere hatten sich schon mit durch die vielen Kontrollen überall und sches Begleitkommando - ein Ober­
Erfolg gegen diese Arbeiten gewehrt. auch zu Hause, wenn man ohne Entlas­ leutnant, ein Feldwebel und zehn Sa­
Nach der Genfer Konvention brauchten sungspapiere angetroffen wurde. Wir nitätssoldaten - auf unseren Zug. Der
Offiziere in Gefangenschaft nicht zu ar­ entschlossen uns daher, zunächst von Oberleutnant war Apotheker aus Lon­
beiten. Die Mannschaftsdienstgrade einer Flucht abzusehen. don. Sie belegten unseren Mann­
gingen aber tagsüber zu Aufräumungs­ schaftswagen und der Oberleutnant
arbeiten. Wir konnten Spaziergänge in bezog die Kabine unseres Feldwebels.
die Umgebung unternehmen, wobei ein Sie brachten ihre Verpflegung mit. Das
junger Kollege von einem anderen La­
Drei Lazarettzugeinsätze Zusammenleben mit unseren ehemali­
zarettzug, der sich in Botanik gut aus­ von Bad Harzburg aus gen Gegnern war schnell einvernehm­
kannte, meine Botanikkenntnisse sehr lich. Es gab nur eine Küche auf dem
aufgebessert hat. Natürlich haben wir Am 13.7.1945 fuhren wir aus Munster Zug, und man war sich schnell einig,
auch versucht, Kontakt mit zu Hause ab. Die Fahrt ging über Uelzen, Lehrte daß es an einem Tag englische Küche
aufzunehmen oder Fluchtmöglichkeiten und Goslar nach Bad Harzburg. Unser und am anderen Tag deutsche Küche
zu erkunden. Post und Telefon funktio­ Zug mit zweiundzwandzig D-Zug-Wa­ für alle geben sollte. Sogar die Zigaret­
nierten aber noch nicht, und die Flucht­ gen schlängelte sich durch die Land­ tenportionen der Engländer wurden an
möglichkeiten wurden als schlecht be­ schaft, vorbei an grünen Feldern und alle ausgeteilt. Die perfekten Englisch­
zeichnet. Wäldern in dieser Jahreszeit. Aber es kenntnisse meines Kollegen Thallmayr
ging auch durch Städte und Dörfer, die erwiesen sich als gute Brücke zu dem
Am 12.7:1945 konnten wir unseren Zug der Krieg stark zerstört hatte, vorbei an englischen Oberleutnant. So erfuhren
wieder übernehmen. Wir wurden von Gleisanlagen, auf denen massenweise wir auch bald den Grund unseres Laza­
Walsrode abgeholt und mit einem Last­ zerstörte Eisenbahnwagen standen. rettzugeinsatzes. Durch die schnelle
wagen nach Munsterlager gebracht. Auf dem Bahnhof von Bad Harzburg Änderung der Einteilung der Besat­
Dort erfuhren wir, daß der Zug in unse- wurde unser Zug abgestellt. Bad Harz- zungszonen der Alliierten hatten die
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Engländer und Amerikaner in dem Ge­ gen T hallmayr, und einige Gläser Cog­ staltete sich der Abtransport schwierig.
biet zwischen Harz und Elbe die dort nac bevor der englische Offizier und Schließlich bot er uns an, die Lazarette
vorhandenen Lazarette mit deutschen sein Feldwebel die Erlaubnis zur Be­ zu besichtigen, was wir gerne taten. Bis
Kriegsgefangenen nicht geräumt, aber sichtigung des Lazaretts erhielten. Sie wir abfuhren kamen immer wieder
vereinbart, die Insassen dieser Lazaret­ schmuggelten eine englische Uniform weibliche russische Offiziere herein, um
te nachträglich zurückzuholen. in das Lazarett und spielten sie der den englischen Soldaten in seiner Uni­
Rotkreuzschwester zu. Diese konnte form zu sehen, wie der Kommandant
Am 16.7.1945 erfolgte unser erster Ein­ damit das Lazarett verlassen und uner­ lächelnd bemerkte.
satz. Wir fuhren von Bad Harzburg über kannt unseren Zug erreichen. Dort wur­
Wernigerode und Halberstadt nach de sie im Spind des englischen Feld­ Dann wurden wir verabschiedet und mit
Schönebeck an der Elbe. Dort, auf dem webels versteckt. Als das Verschwin­ einem alten Opel-Personenwagen zu
Güterbahnhof, wurde unser Zug abge­ den der Rotkreuzschwester aus dem den Lazaretten gefahren. Wir wurden
stellt. Zwei russische Offiziere erschie­ Lazarett bemerkt wurde, forderten die zumeist von den gut deutsch sprechen­
nen an unserem Zug. Bei der Be­ Russen eine Durchsuchung des Zuges, den Chefärzten der Lazarette begrüßt
grüßung gab es gleich Probleme, denn und er wurde von Soldaten mit Maschi­ und rundgeführt. Auch hier erschienen
der englische Offizier sprach kein Wort nengewehren umstellt. Nach langwieri­ immer wieder Russinnen in Uniform.
russisch und die beiden russischen Of­ gen Verhandlungen, wieder unterstützt Dabei habe ich mich einige Male nach
fiziere sprachen kein Wort englisch. durch Cognac und Zigaretten, wurde in den Orden der Russinnen erkundigt,
Mein Kollege Thallmayr wurde als Dol­ die Durchsuchung des Zuges zwar ein­ die mir der Kollege erklärte, worauf die
metscher tätig, weil er fließend Englisch gewilligt, allerdings sollte der Wagen Russinnen dann eine stolze Miene
und Russisch sprach. der englischen Zugbegleitung nicht machten. Schließlich wurden wir zum
durchsucht werden, mit dem Argument; Bahnhof zurückgefahren. Dort war der
So waren auch wir über alle Gespräche die Engländer seien Freunde und Abtransport der Verwundeten mit Last­
und Verhandlungen informiert. Der gute Kriegskameraden. Weil die Rotkreuz­ wagen schon im Gange.
Kontakt zur englischen Zugbegleitung schwester nicht gefunden worden war,
erleichterte es uns auch, die Bitte eines waren die Russen sehr verärgert, und Auf dem Bahnhof meldete sich ein Zi­
Hamburger Kollegen vorzutragen, des­ nur der Festigkeit des englischen Feld­ vilist und berichtete mir, daß er aus
sen Tochter als Rotkreuzschwester in webels war es zu verdanken, daß wir dem Kölner Raum komme. Er sei kurz
Schönebeck im Lazarett tätig war, auf schließlich doch abfahren durften. Un­ vor Kriegsende noch evakuiert worden,
unserem Zug mitzunehmen. Eigentlich gehindert haben wir dann die Zonen­ und nun wohne er mit seiner Familie
hätte dies kein Problem sein sollen, grenze passiert. Die weitere Fahrt ging auf dem Bahnhof in einem Güterwa­
denn es war vereinbart, daß außer den über Peine nach Bulten. Von dort kehr­ gen. Er wollte gern mit dem Güterwa­
Verwundeten auch das gesamte Perso­ ten wir anderentags nach Bad Harzburg gen über die Grenze gezogen werden.
nal der Lazarette mitfahren sollte. Bevor zurück. Bei der Unterhaltung erfuhr ich, daß er
die ersten Verwundeten übernommen aus Troisdorf stammte. Ich habe mich
wurden, kam es zu einer Begegnung Am 18.7.1945 war unser nächster Ein­ mit dem deutschen Bahnhofsvorsteher
zwischen den russischen und engli­ satz. Die Fahrt ging wieder über Werni­ unterhalten und mich bereit erklärt, sei­
schen Offizieren. Zunächst unterhielten gerode nach Halberstadt. Hier wurde min Güterwagen und noch zwei weite­
sie sich über allgemeine Dinge, wobei der Zug geteilt. Ich blieb mit dem engli­ re Güterwagen, auch mit Familien be­
sie sich gegenseitig kritsch mustern schen Feldwebel und einer Hälfte des wohnt, mitzunehmen. Als dann am
konnten. Als ein Russe in seine Rockta­ Zuges in Halberstadt, und der engli­ Spätnachmittag die andere Hälfte des
sche griff, ein Stück von einer Zeitung sche Oberleutnant und mein Kollege Zuges aus Staßfurt zurückkehrte, wur­
abriß und dann aus einer anderen Ta­ T hallmayr fuhren mit der anderen Hälfte den bei der Zusammenstellung unse­
sche etwas Tabak nahm, um sich so ei­ des Zuges nach Staßfurt weiter. Der res Zuges auch die drei Güterwagen
ne Zigarette zu drehen, staunten die russische Bahnhofskommandant in mit den Flüchtlingen angehängt. Dies
Engländer nicht schlecht. Bei nächster Halberstadt sprach weder Deutsch wurde von den Russen nicht bemerkt.
Gelegenheit bot dann der Engländer noch Englisch. Der deutsche Bahnhofs­ Bei den Troisdorfern handelte es sich
den russischen Kollegen Zigaretten an, vorsteher begleitete uns zum russi­ um die Familie Erich Stein, die später
die sie gerne nahmen. Von den ersten schen Stadtkommandanten. Auf dem in der Nordstraße wohnte. Außerdem
Verwundeten, die aus dem Lazarett ge­ Weg zur Kommandantur wurden wir gelang es uns, neben den Verwunde­
bracht wurden, erfuhren wir, daß das von einer Schar Kinder begleitet, die ten, eine größere Zahl von Flüchtlingen
männliche Personal des Lazarettes mit wissen wollten, was der englische Sol­ mit über die Zonengrenze zu nehmen.
Lastwagen abtransportiert und die Rot­ dat hier tue. Von der russischen Wache
kreuzschwestern im Keller des Laza­ am Eingang der Kommandantur wur­ Am 19.7.1945 haben wir eine dritte
retts eingesperrt worden waren. Die den wir begrüßt und gebeten, in der Fahrt nach Schöningen an der Elbe ge­
Bitte des englischen Oberleutnants, Halle Platz zu nehmen. Nach kurzer macht. Wieder meldeten sich zahlrei­
auch das Lazarettpersonal auf den Zug Zeit wurden wir zum Kommandanten che Flüchtlinge, die über die Zonen­
zu übernehmen, wurde von den russi­ Im Rang eines Hauptmanns vorgelas­ grenze mitgenommen werden wollten.
schen Offizieren rundweg abgelehnt. sen. Er sprach gut Deutsch. Ich habe Zunächst haben die russischen Offizie­
Danach wurde geplant, daß die engli­ ihm unseren Auftrag vorgetragen. Er re nach Verhandlungen der Mitnahme
schen Offiziere das Lazarett besichti­ wußte von dieser Aktion, war aber zu der Flüchtlinge zugestimmt. Später
gen sollten und dabei die Tochter des dem Zeitpunkt nicht auf unsere Ankunft wollten sie es uns dann nicht mehr ge­
Kollegen aus dem Lazarett mitbringen vorbereitet. Er ordnete den Abtransport statten. Mit der Hilfe unserer englischen
sollten. Es erforderte große Überre­ der Verwundeten zum Bahnhof an. Auf­ Begleiter und einiger Flaschen Cognac
dungskünste, gedolmetscht von Kalle- grund des Mangels an Fahrzeugen ge- konnten wir unsere Rückreise dann
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doch mit den Flüchtlingsfamilien antre­ aus Troisdorf. Ich war sehr erleichtert Lazarettzugeinsatz
ten. Unterwegs mußten wir feststellen, und schrieb sogleich einen Antwort­
daß mehr Zivilisten im Zug waren als brief. Danac.h konnten wir uns regel­
nach Frankfurt/Oder
Verwundete. Die Betten waren mehr als mäßig schreiben.
doppelt belegt. Sorge bereiteten uns Am 1.10.1945 übernahmen wir 420
die vielen Kinderwagen in den Gängen, Russen und Russinnen auf dem Bahn­
die wir auch bei einer oberflächlichen hof des ehemaligen Konzentrationsla­
Kontrolle nicht hätten verbergen kön­ Fahrten nach Cuxhaven gers Bergen-Belsen zum Transport
nen. Auch diese Fahrt verlief ohne Zwi­ nach Frankfurt/Oder. Dte Russen wur­
schenfälle. Nachdem die Verwundeten Am 30.7.1945 fuhren wir mit dem Laza­ den mit englischen Krankenkraftwagen
und Flüchtlinge den Zug verlassen hat­ rettzug über Uelzen und Bremen nach zum Zug gebracht. Als der englische
ten, fuhren wir wieder nach Bad Har z ­ Cuxhaven, um die Verwundeten und Begleitoffizier mir die Krankenpapiere
burg zurück. Kranken von einem Schiff zu überneh­ übergab, verlangten die russischen Of­
men. Am 1.8.1945 ging es zurück über fiziere, ihre Papiere selbst in Empfang
Rotenburg in das Kriegsgefangenenla­ zu nehmen. Nach einer heftigen Aus­
zarett Munsterlager in der Lüneburger einandersetzung wurden die Papiere
Schicksale Heide. Eine zweite Fahrt nach Cuxha­ dann doch mir übergeben. Wie auf un­
an der Zonengrenze ven und zurück nach Munster, die auch seren letzten beiden Fahrten nach Cux­
ohne besondere Zwischenfälle verlief, haven, hatten wir kein englisches Be­
Unser Zug stand auf dem Bahnhof Bad führten wir am 4.8.1945 durch. gleitkommando mehr im Zug.
Harzburg, dem Grenzbahnhof zwi­
schen Ostzone und Westzone, also Von Bergen-Belsen ging die Fahrt nach
russisch besetzter und amerikanisch­ Helmstedt. An der Zonengrenze wurde
englisch-französisch bes.etzter Zone. die Lokomotive gewechselt. Neben un­
Im Bahnhof und auf dem Bahnhofsvor­
Ferien serem Zug hielt ein Lastwagen mit einer
platz saßen und standen die Menschen auf dem Lazarettzug deutschen Musikkapelle, die zur Be­
mit ihrem Gepäck in kleinen Gruppen grüßung der Russen die „Internationa­
herum. Sie alle waren auf der Flucht. Nachdem die Verwundeten entladen le" spielte. Außerdem wurden russische
Die einen kamen aus dem Osten, die waren, wurde der Zug auf dem Bahnhof Zeitungen verteilt. Danach ging die
anderen wollten in den Osten, mußten Munster abgestellt. Ein neuer Einsatz Fahrt ungehindert bis Berlin. Weil die
aber noch die Sperren der Zonengren­ stand nicht in Aussicht. Aufgrund der Bahnstrecke von Celle über Helmstedt
ze überwinden. Jeder versuchte, Neu­ großen Zahl von Kriegsgefangenen in nach Berlin von den Amerikanern,
igkeiten aus der Heimat oder über An­ Munsterlager kamen viele, um nach Engländern und Franzosen als Transit­
gehörige zu erfahren. Auch wir haben ihren Angehörigen zu suchen. Da es strecke nach Berlin genutzt wurde,
immer wieder versucht, jemanden zu aber in Munster nur wenige Unterkünfte dauerte die Fahrt nach Berlin einen
finden, der uns Auskunft geben konn­ gab, entschlossen wir uns, den Zug für ganzen Tag.
te. Übernachtungen zur Verfügung zu stel­
len. Nach ca. 1 Monat wurde der Zug Das Personal hatte inzwischen Kontakt
Ab Anfang Juli war die Post wieder von Munster nach Emmendingen ver­ mit den uns anvertrauten Russen und
tätig. Ich hatte auch nach Hause ge­ legt. Russinnen aufgenommen, sie waren bei
schrieben, aber infolge unserer Stan­ Kriegsende krank und nicht transport­
dortwechsel mit dem Zug erreichte uns In Emmendingen überraschten mich fähig gewesen. Viele hatten an Infekti­
keine Post. Ich machte mir zu der Zeit dann eines Tages meine Frau und un­ onskrankheiten gelitten. Nach ihrer Ge­
große Sorgen, weil ich nicht wußte, ob ser Sohn. Meine Frau hatte sich ent­ nesung waren sie in Bergen-Belsen zum
meine Frau mit unserem Sohn bereits schlossen, trotz der schlechten Zug­ Abtransport gesammelt worden. Die
wieder zu Hause in Troisdorf war oder verbindungen, von Troisdorf aus in die Männer waren teils als Soldaten, gesund
ob sie sich noch in Asbach in Thürin­ Lüneburger Heide zu kommen, um oder verwundet, in deutsche Gefangen­
gen aufhielt, wohin sie evakuiert wor­ mich zu besuchen. Mein Bruder Franz, schaft geraten, oder auch, wie die Frau­
den war. der zu dieser Zeit bereits in Troisdorf en, nach Deutschland zwangsverpflich­
war, konnte sie begleiten. Die Wieder­ tet worden, oder hatten als Hilfswillige in
Wir hatten unsere erste Post am sehensfreude war unbeschreiblich. Deutschland gearbeitet. Jetzt konnten
2.7.1945 in Walsrode geschrieben, Meine Kabine war wie das beste Hotel­ sie ihre Heimreise antreten.
während unseres Aufenthaltes im dorti­ zimmer. Wir haben sehr schöne und
gen Lazarett, und nun waren wir unter­ glückliche Tage verlebt. Die Zugbesat­ Die Verständigung mit den Russen war
wegs. Am 26.7.1945 erreichte uns die zung hat nach Kräften dazu beigetra­ nicht schwer, denn die meisten hatten
Post aus Walsrode. Die Frau eines Sa­ gen, unseren Aufenthalt zu verschö­ inzwischen ausreichend Deutsch ge­
nitätssoldaten von unserem Zug hatte nern und nahm Anteil an unserem lernt. Schon bald nach der Abfahrt gab
die erste Post von ihrem Mann erhalten Glück. Das Wetter meinte es gut mit es jedoch Beschwerden seitens der
und war gleich nach Walsrode gereist. uns, und wir konnten täglich Spazier­ russischen Offiziere. Als die Russen
Dort hatte sie von dem Aufenthalt un­ gänge in die blühende Heide machen. dann auf den Bahnhöfen, auf denen wir
seres Zuges erfahren, war nach Bad Nach drei unvergessenen Wochen anhielten, von ihren Landsleuten etiuh­
Harzburg gekommen und hatte auch kam unser Zug wieder zum Einsatz. ren, daß sie nach Sibirien verfrachtet
unsere Post mitgebracht. Am 26.7.1945 Mein Bruder Franz kam aus Troisdorf, werden sollten, weil sie sich nicht „hel­
erhielt ich das erste Lebenszeichen von um meine Frau mit unserem Sohn wie­ denhaft" verhalten hatten, war dies für
meiner Frau seit Anfang Januar 1945 der abzuholen. sie ein großer Schock. Danach nahm
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die Unruhe und Unzufriedenheit weiter dem Abteil unseres Feldwebels. Merk­ Weil die Strecke nur eingleisig war, wa­
zu. Besonders unangenehm war ein Ar­ würdigerweise hielt er sich nur bei uns ren die Signalanlagen nicht zu benut­
menier, der sich seiner Untaten, die er auf und nahm keinen Kontakt mit sei­ zen. Die Lokomotivführer waten auf die
nach der Befreiung aus der Gefangen­ nen Landsleuten im Zug auf. Er schriftliche oder auch nur mündliche
schaft begangen hatte, rühmte. Er hat­ wünschte mit uns zu essen, und am Fahrerlaubnis der Bahnhofsvorsteher
te, mit einer Pistole bewaffnet, alle se. i­ Abend saß er auch mit uns in unserem angewiesen. Die Bahnschranken funk­
ne Wünsche durchgesetzt und dabei Aufenthaltsraum. Er sprach fließend tionierten auch nicht und so stand an
auch Deutsche erschossen. Er war Deutsch und kannte sich auch sehr gut jedem Bahnübergang eine Frau mit ei­
ebenso fest entschlossen, während der in Deutschland aus. Am ersten Abend ner roten Flagge, um die Fußgänger und
Fahrt eine Gelegenheit zu suchen, um fragte er, ob jemand ein Instrument bei Fahrzeuge beim Herannahen eines Zu­
unterzutauchen. sich habe. Als dann eine Laute geholt ges zu warnen. Nach drei Tagen er­
wurde, nahm er diese und spielte dar­ reichten wir nachmittags Frankfurt/Oder.
Auf der Fahrt durch Berlin bot sich ein auf deutsche Volkslieder. Eigentlich Die Russen hatten den Zug, teilweise
trostloser Anblick. Der Zug fuhr ganz war uns dieser Gast unheimlich. Bald mit viel Gepäck, bald verlassen. Jetzt
langsam, als sollte uns das Ausmaß der jedoch mußten wir feststellen, daß er mußten sie ihr Gepäck selbst tragen,
Zerstörung besonders einprägsam ge­ uns sehr nützlich war. Da sich die Fahrt weil keine Autos bereit standen. Noch
zeigt werden. Man sah eigentlich nur durch die Aufenthalte verlängerte, während unseres einstündigen Aufent­
Trümmer. Vor jedem Signal hielt der machten uns die Russen immer mehr haltes sahen wir sie zu Fuß den Bahn­
Zug an. Auch mit Verlassen der Stadt Schwierigkeiten. In diesen Situationen hof verlassen.
Berlin änderte sich unsere Reisege­ schaffte der Kommissar dann schnell
schwindigkeit nicht. Wir stellten bald wieder Ordnung. Eines nachts drangen
fest, daß die Strecke in Richtung Frank­ drei Russen auf den Zug und forderten
furt/Oder für unsere Spur nur eingleisig mich auf mitzugehen. Sie waren be­
Auf dem Bahnhof
war und die zweite Spur umgenagelt waffnet und angetrunken. Es war eine Frankfurt/Oder
worden war auf die breitere Spur für die bedrohliche Situation. Vom Lärm auf­
russischen Schienenfahrzeuge, die so geweckt, erschien einer der Sanitäts­ Während des Aufenthaltes auf dem
bis Berlin fahren konnten. Auf jedem soldaten im Gang des Zugs. Als die Bahnhof sprachen wir mit deutschen
Bahnhof blieb unser Zug auf einem Ab­ drei Russen aber keine Anstalten Frauen, die den Bahnsteig säuberten.
stellgleis stehen, um einen Zug aus der machten, sich zu entfernen, forderte Sie berichteten uns von einem Lager
Gegenrichtung vorbeifahren zu lassen. ich den Sanitätssoldaten laut auf, den für deutsche Kriegsgefangene aus dem
Dies geschah auch auf freier Strecke, Kommissar zu holen. Daraufhin ver­ auch täglich Soldaten entlassen wür­
wenn es dort Ausweichmöglichkeiten schwanden die Russen sofort. Wäh­ den. Eine Frau wollte uns für ein kleines
gab. Die langsame Fahrt und das War­ rend unserer Aufenthalte kamen häufig Entgelt am nächsten Tag Entlassungs­
ten überall brachte zuerst für unsere Russen auf den Zug, nachdem sie das scheine mitbringen. Daraus wurde leider
Lokomotivbesatzung Probleme. Der Rote Kreuz auf den Waggons gesehen nichts, da wir schon nach einer Stunde
Wasservorrat für die Lokomotive ließ hatten „ und baten um ärztlichen Rat wieder abfuhren.
sich nicht einmal auf allen Bahnhöfen und Hilfe. Diese gewährten wir ihnen
ergänzen. Dann wurde auch noch der auch, wofür sie sich gewöhnlich be­ Ein Erlebnis besonderer Art sei aber
Kohlevorrat knapp. dankten. noch vermerkt. Während unseres Auf­
enthaltes hier auf dem Bahnhof lief auf
Um unseren Kohlevorrat zu strecken, Mehrmals begegnete uns beim Aufent­ dem Nebengleis ein Güterzug ein. Er
sah sich der Lokomotivführer nach halt auf einem Bahnhof der Moskau­ war mit Beutesachen verschiedenster
Brennmaterial für die Lokomotive um. Berlin-Express. Die Lokomotive war mit Art beladen. Dabei war auch eine Reihe
So wanderte jegliches Holz an der russischen Hoheitszeichen angemalt gedeckter Güterwagen, an denen die
Strecke auf den Tender und auch her­ und teppichartige Decken hingen unter Türen wenig geöffnet waren. Darin
umliegende Bahnschwellen wurden den Seifenfenstern der Lokomotive. Es stand Vieh, aber über dem Vieh war ei­
kurzerhand verfeuert. Das häufige War­ gab drei Wagenklassen. In der 3. Klasse ne Holzzwischendecke eingezogen und
ten löste auch bei unseren Zuggästen saßen Soldaten auf Holzsitzen, die darauf lagen deutsche Frauen. Sie wa­
Ungeduld und Unzufriedenheit aus, ob­ Rückwände konnten als Schlafstätte ren, wie wir sehen konnten, zumeist gut
wohl für eine ausreichende Verpflegung heruntergeklappt werden; in der zweiten gekleidet, teilweise mit Pelzmänteln.
gesorgt war. Klasse saßen Offiziere niederen Ranges Diese Frauen konnten aber nur liegen,
und einige Zivilisten auf gepolsterten denn mehr Platz war nicht vorhanden.
Sitzen mit Rückenlehne und Kopfstüt­
zen, auf denen weiße Deckehen lagen. Die Türen waren nur einen kleinen Spalt
Der Kommissar Die 1. Klasse�Abteile waren geräumig, weit geöffnet und mit Seilen so gesi­
die Sitze mit Plüsch bezogen, und auf chert, daß keine der Frauen aus diesen
Schon bald nach dem Verlassen Ber­ den Tischen lagen weiße Decken. Ent­ Waggons flüchten konnte. Außerdem
lins, als wir auf einem kleinen Bahnhof sprechend vornehm und gepflegt waren wurden sie besonders bewacht, so daß
warteten, erschien ein Russe in Zivil die Fahrgäste, - höhere Offiziere, gut ge­ z.B. nicht einmal eine kurze Unterhal­
auf unserem Zug. Er gab sich als Kom­ kleidete Zivilisten und Frauen. Klassen­ tung mit diesen Frauen möglich war.
missar aus. Er gab an, nur mit unserem unterschiede gab es also auch im kom­ Auch die deutschen Frauen der Putzko­
Zug fahren zu wollen, um so schneller munistischen Rußland. Auf den Wag­ lonne durften sich diesen Wagen nicht
nach Frankfurt/Oder zu kommen. Dann gondächern saßen heimreisende deut­ nähern. Die Ereignisse der letzten Mo­
beanspruchte er mein Abteil, ließ sich sche Landser, die so eine schnelles nate des Krieges hatten uns einiges er­
aber überreden und begnügte sich mit Fortkommen hatten. leben lassen; auf dem Rückzug durch
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Polen erhängte - Kollaborateure auf ben wir uns dann auch gegenseitig Ur­ Hoff schwere Kämpfe mit den Russen, die
den Marktplätzen, und jetzt mußten wir laubsscheine ausgestellt und sind mit unter starkem Schlachtfliegereinsatz an der
erschüttert und ohnmächtig die Ver­ normalen Fahrkarten gemeinsam nach Straße Nordenburg-Gerdauen und östlich
Königsberg Boden gewinnen konnten."
schleppung der Frauen mit ansehen. Troisdorf gefahren.
29. Jan. 1945. ,,Ein deutscher Gegenangriff
Nach einer Stunde Aufenthalt begann Ich sehe mich noch heute auf dem Weg aus dem westlichen Ostpreußen in die
die Rückfahrt. Der Zug war leer. Wir vom Bahnhof Troisdorf über die Post­ Flanke der auf Elbing vorgestoßenen russi­
waren froh, jetzt wieder zurückfahren zu straße in Richtung Oberlar zurück zu schen Panzerarmee drang bis in die Nähe
können. Der Lokomotivführer hatte je­ meiner Familie gehen. Die Freude zu von Pr.-Holland durch."
doch große Sorge, ob der knappe Hause war sehr groß.
5. Febr. 1945. .,Um die Stadt Marienburg
Kohlevorrat bis Berlin reichen würde. und die Stadt Elbing erbitterte Kämpfe."
Wir haben dann wieder mitgeholfen
und bei jeder Gelegenheit schnell et­ Auszüge aus deutschen und 8. Febr. 1945. .,An der Abwehr der auf El­
was Holz aufgeladen. Auch auf dieser russischen Wehrmachtsberichten bing gerichteten Angriffe des Feindes nah­
Fahrt kamen immer wieder Russen auf men Verbände der Luftwaffe und der See­
streitkräfte wirkungsvoll teil."
den Zug, um sich behandeln zu lassen. Aus dem Buch „Der Kampf um Ost­
Unliebsame Eindringlinge brachten wir preußen" von Major Dieckert und Ge­ 12. Febr. 1945 „Die Besatzung von Elbing
mit dem Ruf nach dem jetzt nicht mehr neral Grossmann aus dem Jahre 1965 ist der Übermacht erlegen."
anwesenden Kommissar schnell zum entnehme ich einige der dort aufgeführ­
Verlassen des Zuges. ten russischen und deutschen Wehr­ 10. März 1945. ,.In Westpreußen wurde In
machtsberichte zur Bestätigung meiner verkürzten Stellungen der in Richtung Dir­
schau-Danzig erstrebte Durchbruch verei­
Daten in meinen Ausführungen.
telt."
Heimkehr nach Troisdorf
11. März 1945. ,, ...Durchbruchversuche ge­
gen Gotenhafen und Danzig zum Scheitern
A Aus deutschen Wehrmachts- gebracht."
Auf der Rückfahrt wuchs in uns der berichten.
Wunsch, nach Hause zu der Familie
19, März 1945. ,.Seestreitkräfte griffen in
zurückzukehren. Auch dieses Mal ging 13. Jan. 1945. .,An der Weichselfront hat
die Kämpfe westlich Gdingen (Gotenhafen)
die Fahrt durch Berlin nur im Schrittem­ die lang erwartete Winteroffensive der Rus­
und südwestlich Königsberg ein."
po. Bei einem Halt in der Stadt kaufte sen begonnen."
ich an einem Kiosk gleich neben dem 23. März 1945. ,,Während der Gegner mit
15. Jan. 1945. ,,Die Russen eröffneten ihre
Bahngleis eine der jetzt wieder erschei­ überlegenen Kräften nordwestlich Zoppot
Offensive nach mehrstündigem Trommel­
nenden Tageszeitungen. Dabei warnte und bei Praust örtlich weiter vordringen
feuer nun auch aus dem Weichsel-Bug­
konnte, errangen die deutschen Verbände
mich der Verkäufer, mich so in Uniform Dreieck nördlich Warschau sowie aus den
in Ostpreußen zusammen mit leichten See­
in Berlin sehen zu lassen. Dies wäre ge­ Narewbrückenköpfen beiderseits Osten­
streitkräften beiderseits Heiligenbeil einen
fährlich, meinte er. Daraufhin kehrte ich burg (Pultusk)."
Abwehrerfolg. Schwere Seestreitkräfte zer­
rasch zum Zug zurück. Die Fahrt von schlugen starke Bereitstellungen westlich
16. Jan. 1945. ,,Im Weichsel-Bug-Dreieck
Berlin bis zum Heimatbahnhof Emmen­ Danzig."
und im Narewbrückenkopf beiderseits
dingen in der Lüneburger Heide wurde Ostenburg konnten die mit überlegenen
24. März 1945. ,,Der Feind ... erzielte im
in einem Tag absolviert. Kräften angreifenden Russen tiefere Ein­
Raum von Zoppot und Praust Einbrüche."
brüche in die deutschen Linien erzielen."
Wir hatten uns vorgenommen, nach­ 25. März 1945. ,,Bei Gotenhafen und Dan­
17. Jan. "1945. ,,Nördlich Warschau erzielte
dem außerhalb der Lager so gut wie zig und an der Küste des Frischen Haffs
der Feind mit 40 Schützendivisionen und
keine K.ontrollen mehr vorgenommen bei Heiligenbeil dauern die Kämpfe an."
mehreren Panzerkorps im Angriff nach We­
wurden, so schnell wie möglich den sten tiefe Einbrüche. Der feindliche An­
27. März 1945. ,.An den Stadträndern von
Zug zu verlassen, um nach Hause zu sturm wurde bei Modlin, westlich Nasielsk
Gdingen und Danzig sowie an der Küste
fahren. Auch unserem Begleitpersonal und südlich von Zichenau aufgefangen."
des Frischen Haffs, nordöstlich Heiligen­
hatten wir unser Vorhaben mitgeteilt beil, Kämpfe gegen feindliche übermacht."
18. Jan. 1945. ,,Die Einnahme von War­
und ihnen freigestellt, auch den Zug zu
schau wird bestätigt. zrchenau ging verlo­
verlassen oder auf dem Zug zu bleiben 28. März 1945. ,,Im Südteil von Gdingen
ren."
wenn sie ihre Heimat nicht erreichen und Danzig Straßenkämpfe."
konnten, wie z. B. die Leute aus der 19. Jan. 1945. ,.Nördlich der Weichsel ste­
30. März 1945. ,.Nach erbitterten Häuser­
Ostzone. Bei dem Empfang des hen die deutschen Verbände bei Plonsk,
kämpfen und gründlicher Zerstörung der
Wehrsoldes, den wir während der Mlawa (Mielau), Krasnosielsk und Ostrolen­
Hafenanlagen fielen Gdingen und Danzig in
ka (Scharfenwiese) in heffigen Abwehr­
ganzen Zeit erhielten, habe ich mich im die Hände des Feindes."
kämpfen mit dem nach Westen dringenden
Lazarett um Ersatzpersonal für den La­ Gegner."
zarettzug bemüht. 8. April "1945 . .,An der Danziger Bucht ver­
eitelten deutsche Truppen Versuche des
20. Jan. 1945. Im südlichen Grenzgebiet Gegners, sich den Zugang zur Putziger
Nachdem das Sanitätspersonal aus Ostpreußens toben heftige Kämpfe gegen Nehrung zu öffnen. Angriffe des Feindes in
dem Kriegsgefangenenlazarett auf die Russen, die trotz erbitterter Gegenwehr der westlichen Weichselniederung gegen
Gilgenburg, Neidenburg und Chorzele er­ Königsberg und gegen die Samlandfront
Schleichwegen während der Nacht zu
reichen," wurden abgewiesen."
uns auf den Zug gekommen war, haben
Kollege Thallmayr und ich denjenigen, 27. Jan. 1945. ,,In Marienburg und Elbing 9. April 1945. ,,In Königsberg ist der Feind
die den Zug verlassen wollten, Urlaubs­ erbitterte Straßenkämpfe. Nördlich der Ma­ bis zum inneren Festungsrlng vorgedrun­
scheine ausgestellt. Anschließend ha- surischen Seenplatte bis zum Kurischen gen. Schwere Angriffe an der Samlandfront
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wurden abgewiesen." 23. Jan. 1945. ,,Truppen der 2. weißrussi­ der Stadt weht die polnische Nationalflag­
schen Front haben die ostpreußischen ge."
12. April 1945. ,,Die Festung Königsberg Städte Allenstein, Osterode und Deutsch
wurde nach mehrtägigen starken Angriffen Eylau „besetzt." 2. April „Truppen der 3. weißrussischen
durch den Festungskommandanten, Gene­ Front führen südwestlich Pillau Kämpfe zur
ral der Infanterie Lech, den Russen überge­ 27. Jan. 1945 . ., .... eroberten die Städte Säuberung der frischen Nehrung durch."
ben." Mühlhausen, Marienburg und Stuhm und
brachen bis zur Küste an der Danziger
18. April 1945. .,Am frischen Haff drangen Bucht durch, wo sie die Ortschaft Tolkemit
die Sowjets bis in den Raum nordöstlich besetzten„ durchbrachen die starke und Namensliste
Pillau vor." tiefe Verteidigungslinie im Umkreis der Ma­
surischen Seen..." unseres Personals beim letzten Einsatz un­
19. April 1945 „Bei Pillau wurden fortge­ serer Krankensammelstelle bei der Kran­
setzte Angriffe des Feindes, durch schwere 30. Jan. 1945. ,,In Ostpreußen besetzten kentransportabteilung 581 in Nickelswalde
Artillerieträger der Kriegsmarine unter­ die sowjetischen Truppen neuerdings über im Restkessel Weichselniederung und Ab­
stützt, zerschlagen oder abgewiesen." 100 Ortschaften und liegen in harten fahrt über die Danziger Bucht am 6.5.1945.
kämpfen rings um Königsberg."
25. April 1945. ,,An der Landzunge von Pil­ 1. Ass. -Arzt Schoenen
lau schwere Waldkämpfe." 26.April 1945. 31. Jan. 1945. ,,In Ostpreußen besetzten 2. Feldw. Wilmers
„Bei Pillau schwere Kämpfe mit dem in die die sowjetischen Truppen Bischofstein und 3. Uffz. Butting Verbandraum
Stadt eindringenden Feind." Wartenberg.... und schlugen nordwestlich 4. " Möhlen Schreibstube
Allenstein deutsche Infanterie- und Panzer­ 5. " Orth Transport
27. April 1945. ,.Nach harten Straßenkämp­ kräfte, die nach Westen in Richtung auf El­ 6. Heinthaler Stationsaufsicht
fen ging Pillau verloren." 29.April 1945. bing durchzustoßen versuchten." 7. " Werner Außendienst
.,Der Feind konnte an der Ostküste des Fri­ 8. Sold. Andrejewski
schen Haffs Fuß fassen." 5. Febr. 1945. ,,Die Kurischen Nehrung in 9. Ogfr. Arndt
Ostpreußen wurde vollständig besetzt, hef­ 10. Gfr. Borries Schreibstube
3. Mai 1945. .,Schwere Kämpfe auf der Fri­ tige Kämpfe um die Samlandhalbinsel 11. Sold. Fuchs Handwerker
schen Nehrung." nördlich Königsberg." 12. Ogfr. Gerkens
13. " Held Pfleger
7. Mai 1945. ,,Auf der Frischen Nehrung 10. Febr. 1945. ,,Die Stadt Frauenburg ... 14. " Hentschel
drängte der Feind eigene Kräfte bis nach besetzt." 15. " Katzer Verbandraum
Vogelsang zurück." 16. " Kernebeck Handwerker
11. Febr. 1945. .,Elbing wurde von den 17." Koob Handwerker
8. Mai 1945. .,Mit Wirkung ab 0.01 Uhr am Truppen der 2. weißrussischen Front er­ 18." Lenz Maler
stürmt. Truppen der 3. weißrussischen 19." Memmen Verpflegung
9. Mai haben alle Wehrmachtsteile auf allen Front eroberten der Stadt Pr.Eylau ..." 20." Meyer Handwerker
Kriegsschauplätzen ihre Kampfhandlungen 21. " Oberbostel Pfleger
einzustellen." 5. März 1945. .,Truppen der 2. weißrussi­ 22. II Ollrichs Kraftfahrer
schen Front haben die Ostseeküste er­ 23." Raug
reicht und Köslin erobert." 24. Gfr. Seidler Küche
25. Ogfr. Sievert Pfleger
B Aus russischen Wehrmachtsberichten. 11. März 1945. ,,Truppen der 2. weißrussi­ 26. " Solty Pfleger
schen Front haben im Angriff auf Danzig, 27. Gfr. Sehwartmann
17. Jan. 1945. ,,Einnahme der polnischen Lauenburg und Karthaus genommen." 28. Sold. Stöhr
Hauptstadt Warschau durch die 1. 29. Gfr. Taggruber
weißrussische Front (Marschall Schukow). 13. März 1945. ,, .... haben im Angriff auf 30. Ogfr. Thiel Pfleger
Überquerung der Weichsel nördlich War­ Danzig die Städte Dirschau und Neustadt 31. " Thorde
schau." erorbert und die Küste der Danziger Bucht 32. Stgfr. Untersberger Küche
erreicht." 33." Wichmann Wagenpfleger
18. Jan. 1945. ,,Die Truppen der 2. weißrus­ 34. Sold. Wulf
sischen Front haben am 14. Januar von 21. März 1945. ,, ... haben die Stadt Brauns­ 35. Gfr. Heuten Schreibstube
zwei Brückenköpfen auf dem Westufer des berg am Frischen Haff genommen." 36." Rumpe
Narew nördlich Warschau die Offensive er­
griffen und die tiefgestaffelten deutschen 24. März 1945. ,, .... haben die Stadt Zoppot
Verteidigungsstellungen durchbrochen. Es erobert und die Küste der Danziger Bucht
wurden die Städte Makow, Ciechanow, Pul­ erreicht"
tusk, Nowe Miasto und Nasielsk sowie mehr
als 500 Ortschaften genommen." 25. März 1945. ., ....eroberten die Stadt
Praust, südlich Danzig."
20. Jan. 1945. ,,Eroberung von Mlawa,
Soldau, Plonsk. Die Truppen der 3. weißrus­ 26. März 1945. ,,....eroberten die Stadt Hei­
sischen Front eroberten Tilsit, Gr.Skaisgirren ligenbeil in Ostpreußen, den letzten Stütz­
(Kreuzingen), Aluwöhnen (Aulenbach), Scil­ punkt am Frischen Haff südwestlich Kö­
len (Schillen) und Kaukehmen (Kukernese) in nigsberg. Nördlich von Danzig wurde Oliva
Ostpreußen." erstürmt."
22. Jan. 1945. ,,Truppen der 3. weißrussi­ 28. März 1945. ,, .... kämpften im Stadtin­
schen Front erstürmten die ostpreußische nern von Danzig. Gleichzeitig sind sowJetl­
Stadt lnsterburg Truppen der 2. weißrussi­ sche Truppen in Gdingen eingedrungen."
schen Front durchbrachen die stark befe­
stigte Front der südlichen Grenze Ost­ 29. März 1945. ,, ... erstürmten Gdingen,
preußens, drangen in einer Breite von 80 gleichzeitig wurde der westliche Stadtteil
km auf eine Tiefe von 25 km ins Land und von Danzig besetzt."
besetzten Neidenburg, Tannenberg, Allen­
dorf und Jedwabno." 31. März 1945. ,, ...eroberten Danzig. Über
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Matthias Dederichs
Spicher Musikgeschichte II
Zum 60. Todestag von Felix Krakamp

Am 25. Januar 1998 sind 60 Jahre nach Darin kam mit einem Schlage eine Aen­
dem Tode des Königlichen Musikdirek­ derung durch den Einzug des Pfarrers
tors, Organisten, Komponisten und Mu­ Barth. Selbst ein guter Sänger, gründe­
sikpädagogen Felix Krakamp aus Spich te er einen Kirchenchor. Sein Streben
vergangen. Dies ist der Anlaß, ihm die nach musikalischer Betätigung fand
nachfolgende Biographie aus der Sicht darin noch nicht Genüge; er pflegte da­
der Heimatforschung zu widmen. Mu­ neben noch den Gesang wöchentlich 2
sikwissenschaflliche Untersuchungen mal mit etwa 30 Knaben. Die Proben
müssen, wie auch bei meiner Arbeit waren im Pfarrhause. Damit war die
über Condi Fllersbach in der letzten Auswirkung des Gesanges vom Lehrer
Ausgabe dieser Jahreshefte,' hier un­ zum Pfarrer übergegangen. Wenn somit
terbleiben. Ich werde mich darum Lehrer Lindlar die Keime und die Dispo­
bemühen, nach Fertigstellung des III. sitionen grundgelegt hat, ein Musik­
Teiles der Spicher Musikgeschichte ei­ freund wie Pfarrer Batth hat die junge
nen Musikwissenschaftler zu finden, Saat lebensvoll gestaltet.
der sich dieses Anliegens annimmt.
Er hatte auch die genugtuende Freude,
Felix Krakamp entstammte einer Spi­ daß sich aus seinen Musikschülern ein
cher Familie, die ihre W urzeln in Köln Talent in dem Herrn Felix Krakamp ent­
hatte. Der dritte Urgroßvater (Ur-Ur-Ur) wickelte, in dem die Saat zu einem
Christian Krakarnp war Handelsmann 1 Felix Krakamp als Dirigent beim BMGV. stärkeren Musikleben emporwuchs.
und lebte mit seiner Frau Catharina Bald wurde seinen jungen Händen
Etzweiler in Köln. Beider Sohn Martin statt. Erst danach konnten alle Sakra­ schon Orgel und Dirigentenstab des
wurde 1764 in Köln geboren; er war mente in der K'irche gespendet werden. Kirchenchors anvertraut und Ostern
verheiratet mit Anna Luise Ruez und 187 4 erfreute der Chor die Gemeinde
starb in Spich am 8.9.1818. Seine Frau Ich konnte nicht feststellen, aus wel­ mit der leichten dreistimmigen Messe
muß dann wieder nach Köln zurückge­ cher Generationenlinie die Musikalität von Piel.
gangen sein, denn sie verstarb dort. auf Felix Krakamp jr. biologisch vererbt
Das Todesjahr konnte ich bis zur Abfas­ wurde. Fest steht aber, daß er schon Die Freude am Gesang erstreckte sich
sung des Manuskripts nicht ermitteln. mit 10 Jahren (187i) als Organist an inzwischen auch auf weltliche Lieder.
der neuen Kirche in Spich von 1860 Da wurde 1874 mit Unterstützung des
Martin Krakamp betrieb in Spich, etwa tätig war. Pfarrers ein weltlicher Gesangverein
von der Jahrhundertwende ab, eine gebildet. Er ist der Ursprung des jetzi­
Gaststätte, den heutigen Dorfkrug. In Das Festbuch zum 50jährigen Jubiläum• gen Männergesangvereins Spich, der
diesem Haus ist Felix Krakamp geboren. des Männer-Gesangvereins Spich vom sich bis 1908 Pfarrcäcilienchor nannte".
Jahre 1924 teilt zur Musikgeschichte
Die Generationenfolge habe ich in einer Spichs und zu den Anfängen der Musik­ Felix Krakamp hat diese Ausführungen
Ahnentafel zusammengestellt, die die­ ausübung von Felix Krakamp folgendes bei der Feier seines 50jährigen Musi­
sem Aufsatz beigefügt ist. mit: kerjubiläums 1921 in Spich' bestätigt
und ausgeführt, daß er von dem Spi­
„Das Jubelfest des M.-G.-V. Spich lenkt cher Pfarrer Johann Adam Hubert Barth
unseren Blick 50 Jahre rückwärts in die (Pastor in Spich von 1870-1886) und
Die Kinder- und Zeit, in der die jetzige Pfarre noch Rek­ von dem Privat-Lehrer von Ritterguts­
Jugendjahre in Spich torat war. Wenn der Verein 1874 ge­ besitzer Renner auf Haus Broich, Josef
gründet wurde, so liegen seine ersten Kircherts, in die Grundlagen der Musik,
Nach dem Taufbuch" der Pfarrkirche St. Keime noch weiter zurück. Sie sind in insbesondere die Kirchenmusik, einge­
Johannes Sieglar wurde Felix Krakarnp dem Lehrer Lindlar zu suchen, der 1832 führt worden sei. Das Lernen habe viele
am 12.11.1861 in Sieglar getauft. Tauf­ nach Spich kam und Liebe zu Gesang Mühe und die Ueberwindung mancher
paten waren sein Großvater Felix und und musikalischer Betätigung mit­
Frau Christina Schüller aus Siegburg. brachte. 1 TJH XXVl/1996. $. 98· 106;
Er erhielt also den Vornamen von sei­
2 Mitteilung von Herrn Archivar Hemiann Müller, Kriegs­
nem Großvater. Die Taufe nahm Pfarrer Er gründete einen gemischten Chor, dorf:
Sternenberg vor, da zwar die Spicher sang neben Volks- und Kunstliedern
3 A1ehiv Matthias Dederichs (AMD): Festbuch zur Feier
neue Kirche St. Maria Himmelfahrt fer­ auch Motetten. Der Chor hatte trotz eif­ des Goldenen Jubelfestes am 28 „ 29. und 30. Juni
tiggestellt und benediziert war, aber die rigstem Bemühen nicht lange Bestand 1924, s. 3/4:
Pfarrerhebung fand erst am 12.11.1861 und mit ihm hörte auch der mehrstim­ 4 Archiv und Wissenschaftlicha Bibliothek Bonn (SIAB),
und die Pfarreinführung am 30.4.1862 mige Kirchengesang auf. Generalanzeiger für Bonn Nr. 30/61/1921;
===============---�== 27 ====================
.---:--- --.--.--�-,-��Ahnentafel.� ....,....----�-------
Hindernisse erfordert, ehe er die künst­
lerische Leiter erklommen habe. Es wa­
ren also das Orgelspiel und die Dirigen­
tentätigkeit, die seinen Weg in jungen
Jahren bestimmten.

Er übernahm dann auch schon 187 4,


mit 13 Jahren, die Leitung des neuge­
gründeten Pfarr-Cäcilien-Chores an St.
Maria Himmelfahrt in Spich. Dieses Amt
übte er auch während seiner Ausbil­
dung als Organist an der Musikschule
des Cäcilien-Vereins der Erzdiözese
Köln aus.

Die Dirigententätigkeit in Spich wird be­


stätigt in der Statistik der Cäcilien-Ver­
eine der Erzdiözese Köln für das Deka­
nat Siegburg. Das Gregoriusblatt• vom
April 1884 weist für die Spicher Pfarrei
unter Nr. 311 den Dirigenten F. Kra­
kamp und die Stärke des Chores mit
zusammen 42 Personen nach.
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und erste Anstellungen
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Felix Krakamp erhielt seine Ausbildung .,
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beim Cäcilien-Verein für die Erzdiözese @� h�"


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Köln mit Sitz in Aachen. Das Abgangs­ ·, v;11t1:-,
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zeugnis vom 20.8.1883 bescheinigt ihm
in allen Studienfächern recht gute und 2 Ahnentafel Krakamp

gute Kenntnisse und Fähigkeiten. Er sieht höchst anerkennenswert(h)e Fort­ horstimme am 10. Juli 1891 zwei Chor-
muß eine gute Stimme besessen ha­ schritte gemacht, namentlich hat er lieder:
ben, die als Einzel- und Choralstimme Verständnis von dem System des Gre­ a) Frühlindsaugen und
bestens eingeübt war. Weitere Prüfge­ gorianischen Chorals; er weiß densel­ b) Heimweh;
biete waren die Harmonielehre, die Li­ ben auf der Orgel harmonisch richtig zu
turgik und natürlich das Orgelspiel behandeln und besitzt eine gewisse am 30. Juni 1892 drei Lieder:
selbst. Auch in diesen Fächern zeigte Fertigkeit im Transponieren der alten a) Frühlingstraum
Felix Krakamp gute oder im ganzen Choralgesänge auf die angemessenen (F. Schubert),
gute Prüfungsergebnisse. Er erhält von Tonarten. Sein Orgelspiel zeichnet sich b) Es blinkt der Tau
der fünfköpfigen Prüfungskommission ebenfalls durch Correctheit und kirchli­ (A. Rubinstein) und
die Befähigung zum Organisten und che Haltung aus, so daß er in jeder Be­ c) Der Hildalgo
zum Chordirigenten. Das Abgangs­ ziehung den Anforderungen entspre­ (R. Schumann);
zeugnis ist hier abgedruckt.6 chen kann, die man an den kath. Orga­
nisten zu stellen berechtigt ist. Ich halte am 18. Juli 1892 die Arie des Steuer­
Seine erste Organistenstelle übernahm denselben für durchaus befähigt, eine manns Daland0 aus dem
Felix Krakamp an St. Martinus in Zons Organisten- und Chorregentenstelle mit ,,FliegendenHolländer"
am Niederrhein. Hier war er von 1883 Ehren zu verwalten und ermangele (R.Wagner);
bis 1885 als Organist und Küster tätig. nicht, zu diesem Zweck ihn bestens zu
Wahrscheinlich behagte ihm eine Stelle empfehlen".' am 28. Juli 1892 mit seiner Tenorstim­
nicht, die mit dem Küsteramt verbun­ me im Quartett zwei Lieder aus dem
den war. Schon am 15.8.1884 gab ihm Er übernahm den Organistendienst Spanischen Liederspiel (R.Schumann)
Domorganist J. Rodenkirchen ein Emp­ 1885 und blieb hier bis 1892. In dieser a) Es ist verraten und
fehlungsschreiben für die Bewerbung Zeit bildete er sich weiter aus und be­ b) Ich bin geliebt sowie
als Organist an St. Kunibert in Köln. suchte von 1886 bis 1892 das Conser­ c) als Duett mit einer Sopran­
Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: vatorium Köln. In Unterlagen des Stadt­ stimme „In der Nacht".
„Dem Herrn Felix Krakamp, Organist archivs Bonn liegen verschiedene Prü­
und Chorregent in Spich bei Wahn, fungs-Aufführungen mit Beteiligungen 5 Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliot11e1< Köln,
von Felix Krakamp aus den Jahren Gregoriusblatt-Zeltschrift der Cäcillen-Vereine Deutsch­
stelle ich hiermit mit Vergnügen folgen­ lands, 9. Jahrgang, Nr. 4 vorn April 1884, S, 28;
des Zeugniß(s) aus: ,,Derselbe erhielt 1891-1892.• Aus ihnen ergibt sich, daß El SIAB, Akte 1 1251 (ohne Seitenzahlen);
bei mir seine Ausbildung und hat In ver­ er sich im Gesang- und Dirigentenfach 7 wie vor;
hältnismäßig kurzer Zeit in jeder Hin- weiterbildete. So sang er mit seiner Te- 8 wie vor;
=========-=========28 ======-=============

Die Dirigentenaufführungen fanden statt ,-· -- - ._ _.,. ...---

--- ---
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am 7. Juli 1892 .... - ,,,-,,.
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a) mit dem „Konzert für zwei
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Klaviere" - 1. Satz - ----- .::..�.:.:--:.::.� _,-

(W.A. Mozart),
b) mit der „Serenade und
Allegro giocoso" für Klavier
(F. Mendelssohn) und
c) mit dem „Klavierkonzert
A-dur" - I.Satz - (W.A.
Mozart).

Bei dieser Aufführung sang Felix Kra­


kam p außerdem eine Arie aus der
.,Schöpfung" von Joseph Haydn.

Am 12. Juli 1892 dirigierte Felix Kra­ 1"1t01S-DORF- Sl'lr.:H, 1(Q(IPT.ST'11'�<St:


kamp tJt;.c;rsrR1·t1. H/IRH#MP

a) das Klavierkonzert Amoll - - ·-------- -----------


1. Satz - von J.N. Hummel, geeignet ist, eine Stelle als Musikdirek­ 3 Gaststätte Krakamp, Spich um 1880.

b) die Arie der Gräfin aus dem tor und Chordirigent in der allervorkom­
,,Figaro" von W.A. Mozart, mensten Weise auszufüllen. vorgeführt; derselbe bietete nach jeder
c) das Klarinetten-Konzert Seite hin sehr Tüchtiges. Seit einiger
A-dur - 1. Satz - von W.A. Köln, 26.2.1890 P.Höveler Kaplan an St. Zeit hat er mit günstigstem Erfolge die
Mozart. Das Prüfungs­ Kolumba, früher Prä­ Männergesangvereine in Kalk und Sieg­
ergebnis ist nicht bekannt. ses des Kirchenchores burg dirigiert und mit denselben bei
an St. Kunibert" 11 verschiedenen Anlässen (zuletzt noch
Es scheint, daß Felix Krakamp zur Vor­ bei dem großen Wettsingen im verflos­
bereitung seiner Prüfung am Kölner Eine neue Bewerbung ergibt sich auf senen September hier in Köln) Preise
Musik-Konservatorium aus dem Orga­ die Antwort zu einer Anfrage des Kir­ errungen.
nistendienst an St. Kunibert Mitte 1892 chenvorstandes von St. Martin in Bonn
ausgeschieden ist. Hierauf weist ein (Münsterbasilika). Der Brief des „Con­ Als Organist kenne ich ihn in seinen au­
Zeugnis hin, daß Pfarrer Anton Ditges servatorium der Musik Köln, Wolfs­ genblicklichen Leistungen weniger, da
von St. Kunibert am 19.6.1892 ausstell­ straße 3-5" (Briefkopf) vom 25.6.1892 ich ihn seit einigen Jahren nicht habe
te.'" Außerdem gibt es aus der Kölner an den Kirchenvorstand von St. Martin Orgel spielen hören. Auf dem Conser­
Zeit noch das Zeugnis vom 26.2.1890 hat folgenden Wortlaut: ,,dem verehrli­ vatorium hat er das Orgelspiel tüchtig
mit folgendem Wortlaut: ,,Herr Felix chen Kirchenvorstand von St. Martin, studiert und ist bis zum Vortrag schwie­
Krakamp ist seit 5 Jahren an der Pfarr­ gestatte ich mir, auf das geehrte riger Bach' scher C(K)ompositionen ge­
kirche St. Kunibert in Köln als Organist Schreiben vom 23.3. d.J. ergebenst langt. Im kirchlichen Orgelspiel wird er
und Chordirektor t(h)ätig gewesen. Er Nachstehendes zu erwidern. sicherlich ganz bewandert sein.
hat in diesen beiden Stellungen eine
vorzügliche Befähigung an den Tag ge­ Herr Krakamp scheint mir für die in Fra­ Krakamp besitzt ein ganz hübsches
legt. Eine reiche musikalische Phanta­ ge stehende Stelle in jeder Hinsicht C(K)ompositionstalent für kleinere ein­
sie, ein feiner ästhetischer Sinn und ei­ empfehlenswert zu sein. Vor einigen stimmige geistliche und weltliche
ne hochausgebildete Technik qualifizie­ Jahren bereits hat er bei seinem dama­ Stücke, von denen er mir mehrere vor­
ren ihn zum ganz vorzüglichen Spieler. ligen Auftritte auf dem Conservatorium gelegt hat und dann einige mit bestem
Das Transponieren selbst größerer Ton­ ein sehr gutes Reifezeugniß(s) erhalten, Erfolg im Conservatorium aufgeführt
kompositionen macht ihm keine welches er recht gut hätte einsenden worden sind.
Schwierigkeit. Als Chordirigent gebührt können.
ihm ganz besonderes und uneinge­ Krakamp ist - ohne genial veranlagt zu
schränktes Lob. Ein vorzügliches Er hat nach einer kurzen Unterbrech­ sein - ein tüchtiger auch persönlich eh­
Gehör, dem die kleinste Tonschattie­ nung die Anstalt von neuem besucht, renwert(h)er und zuverlässiger Mensch,
rung nicht entgeht, ein vortreffliches weil er das Bedürfniß(s) fühlte, beson­ der sich für die bei Ihnen erledigte Stel­
Verständnis für edle Tonbildung, ders im Klavierspiel und im Sologesang le wohl eignen dürfte.
schnelle Auffassung der musikalischen (er besitzt eine hübsche Tenorstimme)
Schönheiten eines Gesangstückes, ein sich weiter auszubilden, und es mit Er­ In vorzüglicher Hochachtung
großes Geschick, dieselben bis ins Ein­ folg getan hat. Meines Wissens ist er und Ergebenheit Dr. Wüllner"12
zelne im Chore zu gesanglicher Darbie­ seit dem 4.Jahre Organist und Dirigent
tung zu bringen. all' dieses hat ihn be­ des Kirchenchores in St.Kunibert hier­
fähigt zur Freude Vieler den Knaben­ selbst Der dortige Kirchenchor genoß
9 F. Kr.::ikamp hat später in Konzerten immer wieder ähn­
und Männerchor von 70 Stimmen auf von früherher einen gewissen Ruf. Kra­ liche Tenorsoli .::1us Oporn vorgetm.gan;
eine nicht ungewöhnliche Höhe zu brin­ kamp hat sich dort als Dirigent trefflich
10 StAB, wie Anm. 6;
gen und unsere Ueberzeugung geht bemüht; - im Sommer 1889 hat er mir
dahin, daß er in ausnehmensten Maße in einer Probe in der Kirche den Chor 11 vvle vor;
==================== 29 ================,------

Bei dem o.g. großen Wettsingen han­ heimer Straße 57 gemeldet. Der erste Das erste öffentliche Konzert des Mün­
delt es sich um den Internationalen Ge­ Sohn Felix, der am 16.3.1892 in Köln sterchores unter Leitung von Felix Kra­
sangswettstreit vom 12. bis 16. Sep­ geboren wurde, war am 21.7.1893 ver­ kamp war am 12.11.1893 in der
tember 1891 in Köln anläßlich des 25 storben. Sohn Guido starb ebenfalls im Beethovenhalle. Das Programm lautete
jährigen Bestehens des Kölner Sänger­ Kindesalter von noch nicht 10 Jahren wie folgt:
kreises. Felix Krakamp war zu dieser am 25.6.1904.'"
Zeit Dirigent des MGV I Kalk. Mit die­ 1. Abteilung.
sem Chor errang Krakamp Aus der Festschrift zur Feier des 25-
jährigen Jubel-Festes des Kirchlichen 1. Tibi laus, Mänherchor von 0. Lassus
• in der 1. deutschen Klasse den zwei­ Gesangvereins „Münsterchor" Bonn (gest. 1 520 in München).
ten Preis, der mit 600 RM und einer vom 12.-15.5.1898 erfahren wir über die 2. Oomine Deus, gemischter Chor
Medaille ausgestattet war, Tätigkeit von Felix Krakamp Einzelhei­ (5stimmig) mit Orgelbegleitung von
ten.'" Sie werden hier in Auszügen wie­ F. Koenen (gest. 1887 in Köln).
• in der 1. deutschen Ehrenklasse den dergegeben.
1. Ehrenpreis, der mit einer Ehrenga­ 3. O sacrum convivium, Männerchor
be der Kaiserin Auguste Victoria, ei­ Die erste Nachricht über Felix Krakamp (8stimmig) von M. Haller (in
ner großen Medaille und einem silber­ steht auf Seite 23. Danach war am Regensburg).
vergoldeten Pokal ausgestattet war. 27.5.1892 der Organist und Chordiri­
gent an der Münsterbasilika, Scharren­ 4. a) Et in carnatus est, gern. Chor von
Nach den Kritiken sang der Kalker-Ver­ broich, verstorben. Auf die ausge­ F. Krakamp.
eln vorzüglich und vortrefflich." Der schriebene Stelle meldeten sich viele b) Altböhmisches Weihnachtslied,
Wettstreit war für Krakamp ein hervorra­ Bewerber, von denen 2 in die engere gern. Chor, 6stimmig, gesetzt
gendes Ergebnis, mit dem er seine künf­ Wahl kamen. Felix Krakamp, früherer von F. Riede! (gest. 1888 in
tige Laufbahn gut gestalten konnte." Organist und Chordirigent an St. Kuni­ Leipzig).
bert, wurde nach der Vorstellung ein­
stimmig vom Kirchenvorstand ge­ 5. Sanctus, Männerchor mit Orgel­
wählt.11 begl. aus „Missa St. Raphael" von
Am Bonner Münster P. Piel (in Boppard).
Auch der Münsterchor schloß sich die­
Das Empfehlungsschreiben von Dr. sem Votum an. Dazu schreibt der Autor 6. Hagios o Theos, Männer- und
Franz Wüllner, Direktor des Kölner Kon­ in der Festschrift: gemischter Chor, 5stimmig, mit
servatoriums und Dirigent des Gürze­ Hornbegleitung von F. Koenen.
nich-Orchesters, gibt einen Einblick in „Einen Ersatz für diese Einbusse fand
das Bestreben von Felix Krakamp, sei­ sich in dem Organisten Herrn Felix II. Abteilung
ne Kenntnisse und sein Wissen zu er­ Krakamp. Da die vielen, warmen Emp­
weitern und, soweit möglich, zu vervoll­ fehlungen, die diesem zur Seite stan­ 7. Eine Maiennacht, Männerchor mit
kommnen. Er hatte zunächst die Reife­ den, zu der Hoffnung berechtigen durf­ Tenorsolo (Herr Jacobs) von F. Abt
prüfung nachgeholt und diese mit ei­ ten, dass auf dem gesunden, durch die (gest. 1885 in Wiesbaden).
nem sehr guten Ergebnis abgeschlos­ Hand des Herrn Kaplan Frischen so
sen. Es ist wohl anzunehmen, daß das eifrig geflegten Baume neue Blüten 8. 3 Kinderlieder mit Klavierbegleitung,
Abitur Voraussetzung für das weitere spriessen würden, wurde ihm die Lei­ gesungen vom Knabenchor:
Studium am Kölner Konservatorium tung übertragen! Die Wahl war eine
war. Danach nahm er das Klavier- und glückliche! Dank dem tüchtigen Wissen a) Der Vöglein Abschied, von W.
Gesangsstudium auf und bildete sich und Können unseres nunmehrigen Diri­ Taubert (gest. 1891 in Berlin);
auch weiter im Orgelspiel und in der Di­ genten, Dank seinem hervorragenden b) Häschen, von W. Taubert;
rigententätigkeit aus. Die Prospekte der Direktionstalente, Dank seinem uner­
Prüfungskonzerte enthalten hierzu die müdlichen, begeisterten und begei­
Angaben. Das Empfehlungsschreiben sternden Eifer hat der Verein in den 12. wie vor; Dr. Franz WOllner war seit 1884 Direktor des
Kölner Kontervatorlums und Leiter der Güaenich­
weist dann auch sein Talent zum Kom­ letzten fünf Jahren eine Höhe der Lei­ konzerte;
ponieren für geistliche und weltliche stungen erreicht, die insbesondere
13. AMD: Stadtanzeiger der Kölnischen Zeitung vom
Lieder nach. So war das Empfehlungs­ dem Dirigenten allseitige rühmliche An­ 4.9.1891, 8.9.1891, 10.9.1891, 14.9.1891, 15.9.1891
schreiben sicherlich der Hauptgrund für erkennung verschafft hat. Grosses Lob und 16.9.1891;
die Entscheidung des Kirchenvorstan­ verdient Herr Krakamp auch dafür, 14, Mit dem MGV Siegburg, den er von 1891-1893 diri­
des an St. Martin zu Bonn, Felix Kra­ dass er es stets verstanden hat, die gierte, hat er 3m Wettstreit In Köln nicht teilgenom­
kamp zum Organisten und Dirigenten Herzen der Knaben für sich zu gewin­ men. Ich dsnke Herrn Htms�Josef Bargon, Siegburg,
für die Möglichkeit der Einsichtnahme in das Festbuch
des Kirchenchores an der Münsterbasi­ nen und sie so zu eifriger T(h)ätigkeit 1867-1927 des MGV Siegburg;
li ka zu bestellen. Und so war es auch. anzuspornen"."
15, Einsichtnahmo in dio Meldeunterlagen der Stadt
Felix Krakamp erhielt die hauptamtliche Bonn;
Stelle als besonders hierfür geeigneter Schon am 19.2.1893 mußte Felix Kra­
16, SIAB, 1 K 544, und Theodor Anton Honsclor: - Da,s
Organist und Chordirigent. Er war am kamp sein Können in der Beethoven­ musrl<olisc:::he Bonn im 19. ,Jahrhundert, in: Bonnnr Ge�
15.11.1892 nach Bonn, vorerst in die halle unter Beweis stellen. Zum 50jähri­ schichtsblättar, Band XIII, Bonn 1959;
Bahnhofstraße, umgezogen und trat am gen Bischofsjubiläum des Papstes san­ 17. wlsvor, S. 23;
1.1.1893 seine Stelle an. Seine Frau gen die Vereinigten Bonner Kirchenchö­
18, wia vor, S. 24;
und der zweite Sohn Guido sind seit re unter seiner Leitung die Papsthymne
dem 7.5.1896 für Bonn in der Mecken- mit Orchesterbegleitung." lR, wie vor; s, 25;
==================--= 30 ====================

c) Tanzlied, von C. Reinecke (in


Leipzig).

9. Gegrüsst seid Brüder, Chor der


Jünger (Männerchor) aus „Das
Liebesmahl der Apostel" von R.
Wagner (gest. 1885 in Venedig).

1 o. Lebenslust, Männerchor mit So.listien mit OrchA-star.

Sopran-Solo von F. Hiller (gest.

-� !:, � : :: ..-:�.',�:· ;,��:�sL. :::, : :


PRO(füAfüL
1885 in Köln), (das Solo gesungen ·f
vom Knabenchor).
:
�I L Oh•�-i„NX.>U.;ior� A !Jl{,11 ;.���::; ••...•... 1, rl, ttU\lllltt1.

11. Zwei Männerchöre im Volkston:


i E 1 /·�-1. c:J.i�·i<1rcon�crt.!.f�:,'�'1l' ';1'.
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a) Es ist ein Schnee gefallen, von M.


,j.i:
' ' ,..;•,�•: _c_�:'!'-'·_ ,i_ H"�!tl!.
{ :i ll,,I::�·, �:.:tt��:::�;�;:�'ff•
Zenger (in München); 1t. VJoll.J.cu-Dutirt. '\;�;\�: �\ r:: · ... H. \'IC11)'1001N,
� i„ n,Jvb,.

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Schwarz (in Köln).
ZJ).:"�"J.IJCTWl'!l!:.t:?1
,,,,fo,:nfi •..,A,.Eilumk:l,iil•.
1•,� tiilw.�,e�� Wtl>N.
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�. ,!.cmir.m,i,'" ........•....•.... i. ltnnlnl,
r,t J�lln.l:illl �...�.

12. Vier Kinderlieder mit


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:i :,:, ni.,:nru,.-.,r fll:.- rinl,,,, ... . .... lilt, S.1•�11iH11,
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Klavierbegleitung:
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a) Herr Karlmann, von W. Taubert;


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b) Ratsplan, von C. Reinecke; w1.11;... ..
.,;__,;.,,.;;;{�-,;.;.,,.."'<.( }.;,�,:.,.;,';Joo.,-;Jt,;:,.,._�x�-.:,.;;.r.,:.'if:•'"-'•;:.i..:--�V,,J.;,•

c) Der Besen und die Ruthe, von


C. Reinecke;
4 Erste Prüfungs-Aufführung am 7.7.1892. 5 Zweite Prüfungs-Aufführung am 12.7.1892.

d) Wie es in der Mühle aussieht, wunderbares Pianissimo, virtuos an­ Bei späteren Auftritten des Chores wer­
von C. Reinecke. schwellend und leise verhauchend ent­ den in den Zeitungen immer wieder die
wickelten die Sänger in dem Liede „Der Leistungen des Chorleiters hervorgeho­
13. Doppelständchen, Männerchor schönste Klang" von J. Schwarz! Wahr­ ben. So
(Doppelchor) von C. Zöllner (gest. lich unter F. Krakamp's Leitung muss in der Bonner Zeitung
1860 in Leipzig). mit eisernem Fleisse gearbeitet worden ,,Dem Dirigenten Krakamp ge­
sein, um so Vorzügliches mit einer ver­ bührt Dank für die geradezu
14. Weihnachtsgesang, Bass-Solo (Herr hältnismässig kleinen Sängerscha(a)r mustergültige Aufführung",
Bieberstein) mit Klavier- und Orgel­ zu erzielen. Und zu diesem verständ­
begleitung von C. Adam (gest. 1856 nisvollen Vortrag besitzt der- Verein ein in der Deutschen Reichszeitung
in Paris), gesetzt für gern. Chor und musterhaft geschultes, prächtiges ,,... der Bonner Münsterchor
Hornbegleitung von F. Krakamp.20 Stirnmaterial. Der hellen, reinen Frische ... unter der Leitung seines
;._-
der Tenöre, denen wir ein extra Lob für jetzigen Dirigenten Herrn Kra­
Ich teile hier den Bericht eines Teilneh­ die Wiedergabe der ersten Worte in kamp, in mustergültiger Weise
mers mit, der in einer Zeitung abge­ „Gegrüsst seid Brüder'', in denen man zum Vortrag und trug dabei
druckt war: nur eine Stimme zu vernehmen glaubte, nicht wenig zur Hebung der
spenden müssen, stehen Bässe von schönen und erhabenen Feier
„Es dauerte nicht lange, da glättete imponierender Fülle und Rundung ge­ bei",
sich unsere streng richterliche Miene, genüber,wie auch die Mittelstimmen
um einer solchen des reinsten Ent­ ungewöhnlichen Wohllaut entwickelten. im Bonner Generalanzeiger
zückens Platz zu machen. Die gespitzte Und nun diese Knaben! Herr Krakamp .,Der Dirigent des Vereins,
Bleifeder verschwand in der Westenta­ verstand es, vermittelst dieser wacke­ Herr Felix Krakamp, zeigte
sche, der Kritiker packte ein und der ren Scha(a)r,die mit geradezu rührender sich hierbei als gediegener
Bewunderer blieb zurück. Nur als sol­ Aufmerksamkeit seinen dirigirenden Kenner des a capella-Stils,
cher heben wir also hiermit den nach­ Bewegungen folgte, die ganze Jugend­ legte außerdem geradezu
haltigen Eindruck hervor, den das Kon­ zeit in ihrem goldenen Schimmer wie­ glänzende Proben einer treffli­
zert auf uns und auch, wie man wohl der vor uns heraufzubeschwören. chen Direktionsbegabung ab
bemerken konnte, auf das Publikum Gleich der Lerche Schlag wirbelten die und bewies, mit welcher
machte, das dichtgedrängt den Saal in ihrer Naivität entzückenden und _be­ Sorgfalt er jeden einzelnen
und die Gallerie füllte. Aus den einzel­ wunderungswert einstudierten Kinder­ Chor einstudiert hat"."
nen Nummern einige als besonders ge­ lieder in die Luft, die Zuhörer zu lautem
lungen hervorzuheben, ist unmöglich, Jubel hinreissend. Das war einmal et­ Bei verschiedenen Konzerten läßt Kra­
alles war vollendet. Rein und sicher er­ was ganz Apartes! So hörte man übe­ kamp eigene Kompositionen durch
klangen die heikelen Akkorde in Rich. rall und nur eine Stimme des Lobes
Wagner 's „Gegrüsst seid Brüder", wie vernahm man für den energischen Diri­
lind und süss, weich und warm sich genten und seine braven Sänger, die so
20. v,.rle vor, s, 26/27;

einschmiegend ertönte das Zenger'­ verständnisinnig den Intensionen ihres


21. wie vor. S. 27128;

sche „Es ist ein Schnee gefallen", ein Meisters folgen". 21 22. wie vor, S. 29-31;
===============----=== 31 =====================
----- ·-- - -
- -- - ---
- - - -------
den Münsterchor" vortragen, u.a. am
12.11.1893:

• Et in carnatus est für gemischten


Chor,
• Weihnachtsgesang, Bass-Solo mit
Klavier- und Orgelbegleitung von C.
Adam, gesetzt für gemischten Chor
und Hornbegleitung;

beim 300 jährigen Palestrina- und Or­


lando-Jubiläumskonzert 1894:
• den Chor „Mutterherz" mit Sopranso-
lo (später Opus Nr. 18);

am Gründonnerstag/Ostersonntag
1896:
• Offertorium „Dextera Domini",
• Christus ist auferstanden; r,;•o,�,;..i)C,IJF -,:!;,PICH, .Nt!/Ul1f.SrR,
(>.<f�r1.IJi:>T!�C.rlOFT l'fR4J(qMP,

im Januar 1897:
• Winters Einzug (später Opus Nr. 29), Es zeigt sich hier eine enge Zusam­ 6 Gaststätte Krakamp, Spich um 1910.
• Das kleine Fräulein (später Opus Nr. menarbeit zwischen dem Leiter des
27); Konservatoriums und seinem Schüler. nahm, weil der bisherige Chordirigent,
Ottomar Neubner, am 7.4.1899 ganz
bei den Feierlichkeiten zum 25 jähri­ Die Zusammenarbeit blieb auch in den plötzlich sein Amt niederlegte. Dazu
gen Ju bettest vom 12.- 15. Mai 1898: späteren Jahren bestehen. Die Bonner sagt der Bericht über die Vereinsge­
• 10 geistliche Orgelcompositionen Akte enthält hierzu zwischen 1893 und schichte des BMGV für die Zeit vom
rheinischer Kirchenkomponisten für 1899 mehrere Schriftstücke von Dr. 1.1.1897 bis 1.1.1905:
4-, 5- und 6stimmigen Chor." Wüllner, in denen er Krakamp bittet, an
verschiedenen Konzerten unter seiner, „Gerade in der Vorbereitung zu einem
Am Ostersonntag 1898 nahmen am Dr. Wüllners Stabführung, teilzunehmen grossen Konzert für das städtische
Gottesdienst in der Münsterkirche die und die Tenorstimmen zu verbessern Not- und Hülfshospital, welches am 16.
Kaiserin Friedrich mit Prinz und Prin­ oder die Solopartien übernehmen.,. In April In der Beethovenhalle stattfinden
zessin Schaumburg teil. Kaiserin Frie­ einem anderen Fall, am 28.3. 1895, bat sollte, traf uns diese Nachricht und galt
drich war die Frau des 1888 verstorbe­ Dr. Wüllner, Krakamp möge doch die es schleunigst Umschau zu halten,
nen deutschen Kaisers Friedrich, der Tenorpartien seines, Wüllners, Stabat wem nunmehr das Steuer des Schiff­
nu1· 99 Tage regierte und vordem als Mater (Die Mutter Jesu stand unter leins unseres Bonner Männer-Gesang­
König Friedrich III. von Preußen betitelt dem Kreuz) übernehmen. Krakamp hat, vereins in die Hand gelegt werde. Eine
Ist; sie war die Prinzessin Viktoria von soweit möglich, seinem Lehrer die Bit­ folgenschwere Entscheidung! Doch
England und älteste Tochter Königin ten erfüllt. Die Akte enthält auch schnell und gerne fand sich der Orga­
Viktorias von England. Prinz und Prin­ Posttelegramme, die auf die notwendi­ nist und Chordirektor an der Münster­
zessin Schaumburg waren Adolf zu gen Proben oder Aenderungen dersel­ kirche, Herr Felix Krakamp, bereit, inte­
Schaumburg-Lippe und seine Frau Vik­ ben In Köln hinweisen. Am 12. Mai rimistisch die Führung der Sänger zu
toria, die Schwester Kaiser Wilhelms II; 1899 schreibt Dr. Franz Wüllner, daß es übernehmen. Es war ein glücklicher
sie wohnten im Palais Schaumburg in ihn dränge, mitzuteilen, daß er am Griff und der Erfolg des Konzertes, wel­
Bonn, dem heutigen Bundeskanzler­ 11.5.1899 in der Münsterkirche das ches auf das glänzendste verlief, liess
amt. Sie ließen sich nach dem Gottes­ Hochamt besucht habe und sich „sehr in allen Sängerherzen schnell den Ge­
dienst den Dirigenten, Felix Krakamp, erfreut habe an den trefflichen Leistun­ danken reif werden - das ist unser neu­
vorstellen und drückten ihm „Ihre hohe gen Ihres Chores, zu dem ich Ihnen von er Dirigent, der muss der unsrige wer­
Anerkennung über die vorzüglichen Lei­ Herzen Glück wünsche" (Zitat)" den! Und wirklich, Herr Krakamp hatte
stungen des Chores aus". 25 sich Im Sturm alle Herzen erobert, freu­
dig folgten alle seinem Winke und ihm
Die künstlerischen Fähigkeiten von ist es zu danken, dass die Bonner Ta­
Felix Krakamp blieben nicht verborgen.
Die Dirigententätigkeit gesblätter wie nachstehend berichte­
Schon 1891 bemühte sich sein Lehrer beim Bonner ten".
am Kölner Konservatorium, Dr. Franz Männer-Gesang-Verein
Wüllner, um Benennung von guten
Tenören, die im Chor des Konservatori­ Das Talent und die künstlerischen
23. wie vor, S. 26-29 un<I 33-36;
ums singen sollten. Obwohl Krakamp Fähigkeiten unseres Dirigenten und Or­
zu dieser Zeit - 4.3.1891 - das Studium ganisten waren in Bonn nicht unbekannt 24. StAB, 1 K 1154, S. 14:
noch nicht beendet hatte, traute ihm geblieben. So kam es, daß Felix Kra­ 25. StAB, 1 K 544, S. 38:
Wüllner zu, aus dem Kirchenchor von kamp ganz plötzlich die weiteren Vorbe­
26. StAB, Akte I i 251;
St. Kunibert entsprechende Sänger reitungen eines Konzertes des Bonner
auszuwählen, die den Chor verstärkten. Männer-Gesang-Vereins (BMGV) über- 27. wievo,;
===================== 32 =========-----=========

Die „Reichszeitung" schreibt: Stiftungsfest des Vereins am 12.11,, ein sangsvereins „Münsterkirche" zu Bonn
Wohltätigkeitskonzert des städtischen aufzugeben. Der Oberpfarrer an St.
„Der Bonner Männer-Gesang-Verein Frauenvereins vorn 15.-19,11. und ein Martin, August Nennicken, schrieb im
hat allen Grund, mit seinem gestrigen Abschlußkonzert des 19. Jahrhunderts April 1903 im Auftrage des Kirchenvor­
Konzert, das ein stattliches Publikum in am 26.12. (11. Weihnachtsfeiertag) vor­ standes das hier abgedruckte Zeugnis:
der Beethovenhalle versammelte, zu­ bereitet werden. „Der Kirchenvorstand an St. Martin in
frieden zu sein. Das Programm war Bonn stellt hiermit dem Herrn Musikdi­
ausserordentlich reichhaltig und vielsei­ Diese nur beispielhaft aufgeführten Auf­ rektor Felix Krakamp das Zeugnis aus,
tig, wurde aber erfreulicherweise glatt tritte des Chores zeigen die Verpflich­ daß derselbe zehn Jahre lang (1893-
hintereinander abgewickelt. Im Vorder­ tungen eines weltlichen Männerchores, 1903) das Amt eines Organisten und
grunde standen natürlich die Leistun­ dessen Protektor Prinz Heinrich von Chordirigenten an der Münsterkirche
gen des Chores, auf die man um so bekleidet und sich während dieser Zeit
neugieriger war, als der Verein unter sowohl im Orgelspiel, als auch in der
neuer Direktion an die Oeffentlichkeit Leitung des kirchlichen Gesangchores
trat. Und das können wir gleich von als einen tüchtigen Fachmann bewährt
vornherein sagen, unsere Hoffnungen,, hat" .32
die wir nach den bisherigen Erfahrun­
gen zu machen uns berechtigt glaub­ In den nächsten Jahren erlebt der
ten, sie wurden nicht enttäuscht Herr BMGV mit Felix Krakamp eine grandiose
Felix Krakamp erwies sich auch hier als Aufwärtsentwicklung. In einem Buch,
temperamentvoller feinfühliger Musiker, das den Bericht über die Vereinsge­
der es versteht, seinem Chor seine schichte für die Zeit vom 1.1.1897 bis
Ideen zu inspirieren, kurz, ein Chorlei­ 31.12.1904 enthält und in dem Felix Kra­
ter, wie wir ihn dem Männer-Gesang­ kamp zum 1. Mal auf S. 47 genannt
verein nur von Herzen wünschen, So­ wird, ist er fast 100 Mal auf den weiteren
wohl die a capella-Chöre (,,Waldweben" Seiten bis 291 erwähnt. Es sind mei­
von Weber und „Morgenlied" von Jul. stens zustimmende Berichte aus Zeitun­
Rietz), als auch die mit Orchesterbe­ gen über einzelne Konzertveranstaltun­
gleitung (.,In einer Sturmnacht von At­ gen oder Hinweise zur Programm­
tenhofer und das bekannte Volkslied auswahl und Auszüge aus seinem Pro­
,,Prinz Eugen" von Kremser in originel­ bebuch. Ich lasse hier nur einzelne
ler Weise mit Blasmusik und Schlag­ Passagen folgen, die die Begeisterung
zeug- behandelt) mussten verwöhnte für seine Arbeit beim BMGV bestätigen.
Ansprüche zufrieden stellen"-"
So gab es am 9.6.1903 zu seinem Na­
Nach dem Konzert stellte der Vereins­ 7 Felix Krakamp nach einer Karikatur.
menstag einen Serenadenabend, über
vorstand eine Findungskommission zu­ den der Vereinschronist wie folgt be­
sammen, um sich nach einem neuen Preussen, Bruder Wilhelm II. war, der in richtet: ,,Nachdem wir unserem lieben
Dirigenten umzusehen. Schon in der Bonn studiert hatte. In allen kritischen Dirigenten am 9. Juni in einer Serenade
Sitzung am 2, Juni 1899 tagte die Fin­ Pressemitteilungen wird Felix Krakamp den Liedergruß zu seinem Namensfeste
dungskommission mit dem Vereinvor­ als hervorragender Dirigent, sachver­ dargebracht und die warmen Worte un­
stand und beriet das Ergebnis, Einstim­ ständiger Leiter des Chores, und stilvol­ seres Herrn Präsidenten mit einem
mig wurde der Beschluß gefaßt, Herrn ler Interpret der jeweiligen Chorwerke „Hoch" auf Krakamp ausklangen, da
Musikdirektor Felix Krakamp zum Diri­ bezeichnet. Er brachte den BMGV zur stimmten nicht allein die Sänger ein, die
genten des Vereins zu bestellen. .,Ein vollsten Höhe seines Könnens und be­ ganze Zuhörerschaft beteiligte sich an
echter Mann für den BMGV, den alle geisterte die Sänger zu Feuer und Fri­ dem Rufe. Dann aber erst der Abend im
schnell lieb gewannen" (Zitat). Der Ver­ sche, daß sie Höchstleistungen erbrach­ „Hähnchen". Er glich einem Triumphzug
trag selbst wurde am 2, August 1899 ten und die Zuhörer immer wieder Zuga­ für unsern Führer. Das jauchzte und
vollzogen. " ben verlangten."" sang, als wenn Sieger heimziehen. Wir
wollten ihn die harten Tage vergessen
Krakamp übernahm damit, neben sei­ Auch Gastdirigenten lobten die Qualitä­ machen. Nochmals ergriff Herr Justizrat
nem Amt als Organist und Münster­ ten des BMGV, z.B. Prof. Dr. Franz Wüll­ Meyer das Wort. Auch er war in heller
chordirigent, diese Tätigkeit in dem Be­ ner, der beim Jahrhundert-Abschlußkon­ Begeisterung, auch er riss uns mit sich
wußtsein, sein bestes für den Chorge­ zert am 26.12.1899 das Dirigat seines fort und als er Herrn Krakamp zum
sang und den BMGV zu leisten. Er hat­ komponierten Werkes „Heinrich der Dank für seine Mühen den Sängerring in
te gleich in den ersten Monaten des Finkler " übernahm, das Krakamp einstu­ Brillianten an die Hand steckte, da nah­
Jahres 1899 ein großes Pensum zu er­ diert hatte. Er zollte dem Chor und Felix men die „Hoch"-Rufe kein Ende mehr,
ledigen; es mußten das Frühlingsfest Krakamp aufrichtigen Dank und be­ So schlugen die Sängerherzen dem Diri-
für den 1, Juni, ein Jubelfest mit dem scheinigte ihm den Mut, auch schwieri­
Poppelsdorfer MGV am 17. und 18.6., ge Werke aufzuführen."' 28, StAB, 1 K 146, S. 47/48;
ein Gartenfest am 2.7., ein Partner­ 29. wie vor, $_ 51, 67;
schaftsfest mit dem Wiener Männer­ Die Vielzahl der Verpflichtungen beim
30. wie vor, S. 50-69, 278-279;
Gesang-Verein vom 27. bis 31. Juli, ei­ BMGV zwangen ihn schließlich dazu,
ne Tanz- und Liedertafel am 15.10., ein sein Amt als Organist an der Münster­ 31. wie vor, S, 72-73;

Goethefest am 4.11., das 40 jährige basilika und als Chordirigent des Ge- 32, StAB, Akte 11 251;
==----================ 33 ===================

genten entgegen. Manch Glas war auf sterprobst Dr. Freiherr von Liliencron in für die vielen Beweise aufrichtiger Zu­
sein Wohl getrunken worden. Mehr als Schleswig bestimmt worden. neigung und Ihres Interesses an unse­
sonst". rem Verein, ganz besonders für Ihre
Ew. Hochwohlgeboren würde ich sehr selbstlosen Bemühungen anläßlich des
Am 18.11.1903 stand am Schluß auf verbunden sein, wenn Sie mir Ihre Be­ Bonner Gesang-Wettstreits, Ihnen ihren
dem Programm der „Deutsche Gesang, reitwilligkeit zum Eintritt in die Kommis­ wärmsten Dank auszusprechen, und
vierstimmiger Chor mit großem Orche­ sion baldgefälligst mitteilen wollten"." handeln wir im Sinne eines jeden Ein­
ster, Opus 14" von F. Krakamp kompo­ zelnen, wenn wir hiermit die Gefühle
niert. Dazu schrieb die Reichszeitung: Damit wurde von höchster Stelle die der Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.
„Einen würdigen Schluss bildete der künstlerische Befähigung unseres Diri­
von dem Dirigenten Herrn Krakamp genten anerkannt. In Anerkennung Ihrer vielen Verdienste
selbst komponierte Chor mit grossem um den Verein und in der Vorausset­
Orchester „Deutscher Gesang". Alle Die Mitarbeit erfahren wir auch bald zung Ihres Einverständnisses hat die
Laute, die wir als schön zu bezeichnen aus einem Kurzbrief vom 30.03.1904, General-Versammlung einstimmig den
Beschluß gefaßt, Sie zum Ehrenmitglie­
de unseres Vereins zu ernennen, und
würden Sie uns sehr verbinden, wenn
Sie uns durch die Annahme dieser Eh­
rung beehren wollten.

In dieser Erwartung zeichnet mit Sän­


gergruß,

Hochachtungsvoll
und ergebenst
Der Pfarr-Caecilien-Gesang­
Verein Spich
I.A.

Schmitz (Praesident), Johann Siefener


(Dirigent), 0. Stang (Vize-Praesident),
W. Graf (Schriftführer), J. Kellershohn
(Kassierer) sowie die Beisitzer Mandt
und Kellershohn""

Im Jahre 1906 übernahm Felix Kra­


8 Felix l<rakamp in der Mitte seiner Sänger.
gewohnt sind, sind in die Musik hinein­ kamp zu seiner Verpflichtung beim
gelegt. Glocken, Waldesrauschen, Vo­ daß er bei der Herausgabe eines Deut­ BMGV auch die Dirigentschaft beim
gelsang, aber der deutsche Sängerchor schen Volksliederbuches tätig war. Der Stifts-Chor an der Stiftskirche „St. Jo­
tut es zum Schluss allen zuvor in sei­ Vorsitzende der Arbeitskommission des hann-Baptist und Petrus" (Kuhle Dom)
nem mächtigen Klingen fürs Vaterland. Volksliederbuches, Max Friedlaender, in Bonn, ohne gleichzeitig Organist zu
Das Orchester wurde ebenfalls in dem dankte ihm für die Hinweise und Zusät­ sein."
Liede sowohl wie in den vorausgegan­ ze am Entwurf des Buches, und daß
genen andern recht schwierigen seine Vorschläge für die Arbeitskom­ Einen weiteren Höhepunkt gab es beim
Stücken in vollstem Masse gerecht". mission „ganz besonders wertvoll sind" 50jährigen Jubelfest des BMGV, das
(Zitat). Max Friedländer (1852-1934) vom 22.-28. Juni 1909 gefeiert wurde.
Felix Krakamp erhielt vor Weihnachten war deutscher Musikforscher und Prof. In allen Zeitungen gab es hervorragen­
1903 einen Brief des Ministers der für Musikgeschichte in Berlin. Er hat de Anerkennungen für die Programme
geistlichen, Unterrichts- und Medizinal­ 1902 das zweibändige Werk „Das deut­ und deren Aufführungen.Ich teile hier
Angelegenheiten vom 18.12.1903 mit sche Lied im 18. Jahrhundert" heraus­ nur den Schlußsatz einer Veröffentli­
folgendem Wortlaut: gegeben, das seit 1962 in einem Nach­ chung des Bonner Generalanzeigers
druck vorliegt." vom 28.6.1909 mit:
„Seine Majestät der Kaiser und König
haben anlässlich des diesjährigen Ge­ Sein musikalisches Schaffen blieb auch ·33, wie vor;
sangwettstreits in Frankfurt a.M. die in seinem Heimatort Spich nicht unbe­ 34. Meyers Enzyldopädisches l.exil<on. ßand 9, 1973, s,
Veranstaltung einer Sammlung deut­ kannt. So ernannte ihn der Pfarr-Caeci­ 442, linl<e Spalte;
scher Volkslieder und zur Durchführung lien-Gesang-Verein Spich am 5.6.1904
35.SIAB, Akte I i 251;
dieser Aufgabe die Einsetzung einer Ar­ mit nachstehendem Wortlaut zum Eh­
beitskommission sowie einer beraten­ renmitglied: 36. StAB, 1 K 931 „Jubiläumstestschrift 75 Jahre Stifts•
Cl1or Bonn am 22.2.1970", ohne Seitenzahl. Einer hier
den grösseren Kommission ins Auge zu angegebenen Textstelle wtolge besaß der Cnor „in
fassen geruht. Zum Mitglied der bera­ .,Sehr geehrter Herr Direktor! selnern Archiv riech manche Korr,positionen" {Zitat).
Diesem Hinweis bin ich mit Hilfe der Präsidentin des
tenden Kommission haben Seine Maje­ Stifts-Chores. Frau Heidi Schwill, nachgegangen. Bis
stät Ew. Hochwohlgeboren ernannt. Die heute tagende General-Versamm­ zur endgültigen Abfassung .des Manusl<ripts waren die
Kompositionen nicht greifbar; sie werden bei Auffin­
Zum Vorsitzenden beider Kommissio­ lung des Pfarr-Caecilien-Gesang-Ver­ den ln das Werksverzeichnis übernommen. Ich danke
nen ist der Wirkliche Geheimerat Klo- eins Spich empfindet es als ihre Pflicht, Frau Schwill für die freundliche Unterstützung:
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Bonner Männer-Gesang-Verein
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9 Programm BMGV vom 15.10.1899 10 Programm BMGV vom 23.11.1908 11 Programm BMGV vom 9.5.1912

„Zuletzt sei noch erwähnt, daß Herr Bonner Musikwelt und vor allem gegen Eine mehr zweifelnde Meinung äußert
Krakamp vor der Schlußnummer durch einige Kritiker der Musik des Komponi­ die Zeitschrift „Volksmund":
eine Kranzspende .,(an anderer Stelle sten überhaupt. Das Werk wollte ei­
steht Lorbeerkranz) ausgezeichnet wur­ gentlich der Männer-Gesangverein „Eine schöne getragene Kantilene, wie
de. Er hat diese Ehrung in vollstem „Concordia" Bonn unter Leitung von sie das ergreifende Gedicht von Hebbel
Maße durch seine Leitung, noch mehr Prof. Grüters aufführen. Dieser mochte gebieterisch verlangt, gibt es nicht..
wohl durch die vielen Mühen der Vor­ aber die an das Werk zu stellenden Ein ständiges Durchpeitschen aller
bereitungen des ganzen Festes reich­ künstlerischen Leistungen zur Auf­ Stimmen durch die verschiedensten
lich verdient". führung seinem Chor nicht zumuten. Tonarten ... Unbegreifliche Unbeholfen­
heit in der Behandlung der Singstim­
Bei der eigentlichen Stiftungsfeier am Und so übernahm Krakamp das über­ men. Orchester grau in Grau. Trotzdem
27.6.1909 wurde ihm der Titel „Königli­ aus schwierige Werk zur Aufführung Achtungserfolg wegen der glänzenden
cher Musikdirektor" verliehen. Das Ver­ durch seinen BMGV beim Buß- und Leistungen der Solistin und der Sänger,
leihungspatent des Ministers der geistli­ Bettagskonzert. die Musikdirektor Krakamp mit gren­
chen Unterrichts- und Medizinal-Ange­ zenloser Hingabe vorbereitet hatte."
legenheiten ist hier abgedruckt. Antrag­ Hierdurch, so bemerkt Th. Anton Hen­
steller der Verleihung war der Oberbür­ seler in seinem 1956 erschienen Auf­ Henseler schreibt dann abschließend:
germeister der Stadt Bonn, Spiritus." satz „Max Reger und Bonn" 88, drang
erstmalig der Name Regers in weitere ,,So war denn in Bonn der Boden für Re­
Für Felix Krakamp waren die folgenden Kreise, mochten diese auch nicht ganz gers Kunst so aufgelockert, daß der Ge­
Jahre überaus reich an künstlerischen die „Melancholie" des Werkes erfassen, danke entstehen konnte, als Krönung
Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit von der Reger in einem Brief an die der bisher in einem Crescendo verlau­
dem BMGV. Ich kann hier nicht alle Widmungsträgerin, Frau Fischer-Ma­ fenden Bemühungen dem Meister ein
Konzerte und Begebenheiten aufführen retzki spricht, die auch in Bonn das Alt­ mehrtägiges Musikfest zu widmen"."
die zu einer künstlerischen Blüte des solo sang".
Vereins führten und die es nie zuvor in Max Reger'° hat Krakamp am 9.12.1911
der Stadt gegeben hatte. In den 10 Das Konzert mit diesem Werk wurde in eine Postkarte aus Meiningen mit fol­
Jahren (1899-1909) seines Wirkens gin­ der Bonner Beethovenhalle als „beson­ gendem Wortlaut geschrieben:
gen von ihm wichtige Impulse des Mu­ deres Massenmagnet" vor überfülltem
siklebens in Bonn aus. Er stand im Mit­ Konzertsaal aufgeführt. Ein Kritiker ,,Sehr geehrter Herr Kollege!
telpunkt dieses Geschehens. Die Erfol­ schreibt zu der Aufführung:
ge für den BMGV und die Stadt Bonn in Von Frau Dr. Fischer-Maretzki hörte Ich
diesen Jahren wären ohne ihn nicht ,.Nach der Uraufführung in Berlin die er­ von der ausgezeichneten Aufführung
denkbar gewesen. ste Wiederholung im Reich. Für den
Verein ein Triumph. Eine Leistung, die 37. SIAB,.Akte Pr. 42/25;
Ein letztes Konzert des BMGV möchte höchste Anerkennung verdient. Die
38. Bonner Geschichtsblätter, Jahrbuch des Bonner Hei·
ich hier erwähnen, das am 21.11.1911 schwierigsten Intervalle überwanden die mal- und Geschichtsvereins, Band 1, 1956, S. 42/43;
stattfand. Krakamp führte hierbei das Sänger spielend... Ob wir heute imstan­
39. Dazu kam es nicht. Nach längerer Vorbereitungszeit
Max-Reger-Werk „Weihe der Nacht" de sind, Reger abschließend zu würdi­ sollte das Regerfest endgültig 1913 stattfinden. Max
auf, gegen manche Widerstände der gen? Vielleicht, vielleicht auch nicht." Reger sagte es dann auer ab (Anm. 38, S. 53);
==================== 35 ====================

meiner „Weihe der Nacht" unter Ihrer


Leitung; ich beeile mich Ihnen hierfür
meinen besten wärmsten Dank zu sa­
gen.

Mit höflichsten Empfehlungen41


Ihr ergebenster Dr. Max Reger"

Zwei Jahre später, am 6.1.1914, erlitt


Felix Krakamp, im 52. Lebensjahr ste­
hend, einen Schlaganfall. Hiervon er­
holte er sich nur langsam. Seinen Bon­
ner Männer-Gesangverein verließ er nur
ungern. Er mußte sich aber seinem
Schicksal beugen und den Dirigenten­
stab niederlegen. Im Sommer 1914
wählten die Mitglieder den schon seit
1913 tätigen Interimsdirigenten Hein­
i
r ch Sauer zu seinem Nachfolger. Im
gleichen Jahr legte Krakamp auch das
Dirigentenamt beim Stiftschor nieder.
12 Felix Krsksmp mit dem BMGV
sein 50 jähriges Musikerjubiläum, an
dem Ort, an dem er am 30.11.1871 als
Der Musiklehrer Organist angestellt wurde, der Spicher und überreichte eine wundervolle Blu­
und Komponist St. Maria Himmelfahrtkirche. Über das menspende. Die Glückwünsche der
Ereignis berichtete der Bonner Gene­ Pfarrgemeinde übermittelte Pastor
In die Zeit seiner Dirigententätigkeit ralanzeiger' wie folgt: Kreuer in schlichten Worten. Voll tiefer
beim BMGV fällt auch die Gründung ei­ Freundschaft und Verehrung beglück­
nes Bonner A-capella-Chores im Jahre ,.Felix Krakamp feierte das goldene Ju­ wünschte namens des Stifts-Chores
1913. Es war ein gemischter Chor, der biläum seiner Künstlerlaufbahn in Herr Zerkaulen-Bonn seinen Ehrendiri­
die besten Stimmen Bonns in sich ver­ Spich. Das Kirchlein in Spich war baß genten. In rührenden und tiefdurch­
einigte. Felix Krakamp war der Initiator erstaunt, an einem Werktage eine dachten Worten schilderte Pastor Ra­
und sein erster Dirigent. So war es christliche Gemeinde im Festsaal ver­ dermacher das stille und doch heitere
nicht verwunderlich, daß er diesen sammelt zu sehen. Noch größer war Wesen Krakamps. Innige Glückwün­
Chor „schnell zu Höchstleistungen" (Zi­ sein Erstaunen, als ein Hirt, Pastor sche überbrachte Dr. Vetten namens
tat) führte. Kreuer, mit den Herren Pastor Rader­ des Liebfrauenlyzeums dem begeister­
macher-Bonn, Pastor Kamp-Köln und ten Kindererzieher. Der Bonner Männer­
Vom A-capella-Chor trennte er sich Dr. Vetten-Bonn unter mächtigem Or­ gesangverein hatte seinen Präsidenten,
zunächst nicht. Nach langsamer Gene­ gelgebraus den Altar betrat. Als dann Rechtsanwalt Mandt, mit einer Abord­
sung übernahm er weiter die Ausbil­ der Bonner Stifts-Chor eine Messe von nung entsandt und ehrte so seinen Eh­
dung der Stimmen im gemischten Chor. Stein intonierte.da wußte es, daß einer renchormeister. Rechtsanwalt Carthaus
Aber dann machte der 1. Weltkrieg sei­ seiner Söhne zurückkehrte, um hier in brachte vom Bonner A-capella-Chor
nem Bemühen ein zusätzliches Ende. der Einsamkeit seinen Jubeltag zu fei­ die besten Wünsche. So war diese
Nach dem Krieg konnte der Chor, be­ ern. Als am Schlusse der Messe das schlichte Feier ein Bekenntnis zu hohen
dingt durch gefallene Sänger, nicht Lied „Großer Gott, wir loben Dich", von Idealen, zu allem Großen und Schö­
mehr an seine früheren Leistungen an­ kräftigen Männerkehlen gesungen, ver­ nen."
knüpfen, auch nicht nach vollständiger klungen war, durchjubelten Orgeltöne,
Genesung Krakamps von seiner Krank­ von Meisterhand hervorgezaubert, die 40. Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 19, 1977,
s. 719;
heit. stillen Mauern. Ein Schüler Krakamps,
Edmund Siefener, Organist an St. Co­ 41.StAl3, Al<1e I i 251;
Während des Krieges hatte Felix Kra­ lumba in Köln, auch ein Spicher Sohn, 42. Nach einer Mitteilung von Sdwvester Lioba Micheles
kamp schon mehrmals Musikunterricht huldigte seinem Meister und Lehrer. von der Ursullnensc;hule Hersel Hegen Uber den Zeit­
raum der Tätigkeit als Musiklehrer sm Oberlyzeum
an städtischen Schulen und Einrichtun­ Anschließend an das Hochamt brachte keine Unterlagen mehr vor. In den Schulji3hresberich­
gen übernommen. Die Genesung er­ Krakamp mit seiner Sängerschar im ten 1928 und 1929-ist er mit jeweils 4 Stunden Unter­
richt aufgeführt. In einer Erläuterung iluf Saite 1 O dos
laubte es ihm, diese Arbeit nach dem Pfarrhause der Geistlichkeit eine Se­ Berichts vom Jahre 1929 steht: Der Musjkuntmricht
Krieg zu verstärken und so sehen wir renade. Voll tiefen Empfindens übertrug suchte den Sinn für wertvolle und edle Musik zu bil·
den. Wie empfänglich dio Schülerinnen diesem Stre-
ihn als Musiklehrer am Bonner Lieb­ Pastor Kreuer diese Huldigung seinem . be:m entgegenkamen, zeigten verschiedene Veranstal­
frauen-Oberlyzeum und am Ursulinen­ seligen Amtsvorsänger, der an dieser tungen boi fe.stlichon Anlässen, .sowie nm 16. Mfü7.
oinc musik�lische Darbiotung, bei dar u.a. Chöre von
Oberlyzeum In Hersel:'' Beide Tätigkei­ Stätte den Jubilar mit der Musik be­ Brahms, Haydn, Händel, Mozart, Cheruhini, Beetho­
ten übte er bis kurz vor seinem Tode kannt machte. Darauf fand im Saale vcm mit viel Vorständnis vom Schulchor vqrgetragan
aus. von Lohmar ein Festbankett statt. wt1rden. In allen Klnsson wird das Volkslied bason­
dr.r.s gepftc:igt, und dio oh0rnn l<lm,son 7eigen viel ln­
Zunächst überraschte der Männerge­ tomsso für Chorgosang;
Am 30. November 1921 feierte Felix sangverein Spich seinen Gründer und 43. Generalanzeiger ror Bonn und Umgebuny 1921 (AWB
Krakamp in seinem Geburtsort Spich ersten Dirigenten durch eine Huldigung Bonn 30/61/1921);
----------------:======= 36 ====================

l�i.f,�I Op. 13, Männerchor: Freies Land und


f/1445.
� freies Lied.
- Die Komposition ist dem
D,m M;,Ti-.-�1:.•�,;ru;4(J�1111�rii�in Hhr.v;lt Kölner MGV zum 50jährigen
und �(in{'r,-,f)1•i";1r;1lr11fü,,11 Harryl lcffmd:.t,r.
Jubiläum gewidmet-;
- <6'>-
10 geistliche
Originaicompositionen :; Op, 14, Männerchor: Deutscher Ge­
J sang (Begrüßungschor) mit
/'·,
roeiofar,ber KimJ1encom1onl1\ea Begleitung des Pianoforte.

li;
- Die Komposition ist dem
!� Siegburger MGV gewidmet,
Felix Krakomp,
a.,,...., �• e.,,.,oü. üo<- 11,,.,.,, ..1, 1, D,:;,,, j�
!./'"
dessen Dirigent Felix Krakamp
ig war-;
1�
[�
• l«�P'"'"'
Op. 18, Männerchor: Mutterherz;
FEux MAKAMP.
!
[ 1

! );
Op. 19, Männerchor: Festgesang;

!9tn1om ""' 1,1,.-,.,3 •"' Op. 25, Männerchor mit Sopran-Solo:


P.J.TONGE:R, KÖl N.
1v·,�1•••·�..,i,,n, �,..uni:�:�:! �.. Mm••• '"'" (,-9.,,r,,•, t Juchhe;

Op. 26, Gemischter Chor: Zwiegesang;

Op. 27, Gemischter Chor: Das kleine


Fräulein;

Op. 28, Gemischter Chor: Wiegenlied;

Op. 29, Gemischter Chor: Winters Ein­


zug;

Op. 30, Männerchor: Scheiden, Mei­


den. - Die Komposition ist
cornpnni1·L vo11 dem MGV I in Kalk gewidmet,
dessen Dirigent Felix Krakamp
war-;

Op. 32, Männerchor: In der Schenke


[31-,1.,, J,�\(;.�"!1''�I•�a'l, L,n:,r !:lflJ�"',I'" ,,. �..\'11 ti<$�1'<�:Y.
am Rhein. - Gewidmet dem
P, .J, TONGER1 KÜLN.
jlv(:�11:ibl,1,ti,,,füe\,1.,,l!�:!.ll lk,r.•.<>ri„<o;i-.i\l�fll'll,l-,1.
&:/i':'nlum Cr� l'�.efl'qrr.; liM--411: l,i.t,b·
MGV „Germania" in Rheydt-;
l'I?. Utw rn 1.0ou1•r,ßrn6 ,,,,,.
r,,t1.'.>lr•ve1•l.)!J Op. 33, Männerchor: Des Sternwirts
Töchterlein.
An diese großartige Veranstaltung hat 25 - auf einen Männerchor mit Sopran­
die Spicher Bevölkerung sich noch in Solo und auf einen Männerchor mit Or­ - ohne - Männerchor mit Orchester:
späteren Jahren erinnert. Sie war danl<­ chester. Die Partituren tragen zum Teil Mein liebes Bonn
bar, daß Felix Krakamp gerade dieses Widmungen. Verleger waren Tonger in - Die Komposition ist dem
Jubiläum in seinem Heimatort feierte. Köln, Ullrich in Godesberg und A. Henry BMGV gewidmet-.
in Bonn.
Ich habe schon auf den Seiten 31/32 Ich gehe davon aus, daß der weltliche
während seiner T ätigkeiten am Bonner Die mir bekannten Kompositionen gebe Chor „Mein liebes Bonn", die o. g. 4
Münster die vier geistlichen Komposi­ ich hierunter an: geistlichen Gesänge, 1 Orgelkompositi­
tionen (ohne Opus Nummern) erwähnt. Op. 7, Nr. 1, Männerchor: Durch den on und die Im Archiv des Stifts-Chores
Ohne diese habe ich von Felix Krakamp Wald; (noch) vorhandenen Kompositionen in
die Opus-Nummern bis 33 ermittelt. Im Nr. 2, Männerchor: Ständchen die fehlenden Nummern des Werksver­
Werksverzeichnis fehlen die Nr. 1 -6, 8- - Komm in die stille Nacht - zeichnisses einzureihen sind. Dann er­
11, 15-17, 20-24 und 31. Bei den Nr„ 3, Männerchor: Zum Rhein gäben sich insgesamt 37 Kompositio­
Opus-Nr. 7 und 12 gibt es jeweils 3 ei­ (Marschlied); nen. Die Texte in den mir vorliegenden
genständige Kompositionen, die mit Nr. Notenblättern stammen von:
1, 2 und 3 bezeichnet sind. Ob es ab Op. 12, Nr. 1, Männerchor: Frühlings­
Nr. 34 noch weitere Kompositionen gab, augen; - Paul Faust (lx)
war bei Abfassung des Manuskripts Nr. 2, Männerchor: Taschen­ - Emanuel Geibel (lx)
nicht bekannt. Die Kompositionen be­ und Flaschenlied (Marsch); - L. Kessing (lx) H. Langen (lx)
ziehen sich auf Männerchöre und ge­ Nr. 3, Männerchor: Nachtge­ - Heinrich Hubert Mönsch �x)
mischte Chöre sowie in einem Fall- Op. sang; - F.A. Muth (2x)
======- =============== 37 ====================--

Auch der Wind kann singen. Und be­


sonders der Märzwind hat seine eige­
ne, ihm von der Natur gesetzte Melodie

. :fi\trfittSffl!!)J
in kunstvoll geordneten, immer sich
wiederholenden achttaktigen Perioden.
Sie ist freilich keine solche im Volkston,
(ßqJl'llS?llE19_SCl)OI' \
denn er soll ja den Winter vertreiben,
__...--(- ". ;.,;::::_r.u�_:�$,-;.�...._ und dessen Krallen ist nicht mit liebli­

_ �:"]lij1���f�--
, · �i111_J3eLJ_lf ;iJu"n R dcs]_i�!!!.U{<ff��'.
chen Volksmelodien beizukommen. Es
müssen schon beziehungsreichere Ak­
,.;�-=�}�5�•fHl:\Z�:��?.>;:..--� korde sein, die ihn einlullen und seine

Ji-Hr Jr1ai ,iu1�p..


Kraft lockern. Darum bläst der Wind in
graudunkle Nebelhörner hinein, welche
--Op_l'r:-- auf den verminderten Sextakkord von
P,,r1i1111· 11.!-il!n111� Pr.J,\ b� Sfü1111l"'n allein Pr �l f''
C-Moll abgestimmt sind. Der oberste
0:,d,·t:�/t;</...J�/11•P1AA in ,ll,rd:rlü, Ton ist das zweigestrichene C. Der ein­
f.i1:n1Cm(e\�� rwdk-L:.,dl'I', i:.,,'J�_1_t1>Joi;.,,W\'r,�ll,3;:.-t.11·. zige Vokal, den der Wind gebraucht, ist
P.J."TONGER, KOLN.
ilol1>-l�""'I '.M:;10:f'�l;l�)'.,1,"" ,.,.!};,.·"•J< ,,u". Er kennt auch nur das Legato d.h.
t� ..1.... J," ··J •"'t',,··, t...,J,• U••v·'·•,.,-- ... "�'-" ,.,.,.,.. '
••••� �••••h•�,..,-,.�
P, J, TONGER., KÖt.N. den gebundenen, gedehnten Gesang.
Dabei singt er dreistimmig und zwar im
Dreiviertel-Takte. Und nun beginnt sei­
//4
ne Arbeit. Nachdem er den Anfangsak­
kord zwei Takte ausgehalten hat.rückt
er dem Winter zu Leibe. Er steigt im Al­
legrettozeitmaß in chromatischen Inter­
vallen sechs Stufen aufwärts bis zum
zweigestrichenen Fis, immer stärker
werdend bis FFF. Dann gleitet er, an
Stärke nachlassend, in derselben Weise
auf seinen Anfangsakkord zurück. Der
Vordersatz ist beendet. Den viertakti­
gen Nachsatz singt er gewöhnlich auf
dem klingenden Konsonanten „n",
schwächer anfangend und nicht so
groß steigernd. Wenn er dem Winter
besonders fest in die Rippen fahren
ITLIX KRAKAMP. will, hält er die obersten Töne im stärk­
OP-25-.
:,,,r, .LSI,,.. .� i«.
sten Fortissimo einige Takte an. Wer
il'f�\���11,eo : :1; ihm lauscht, hört und fühlt dann auch
� 3<·•�-, l,,•. i.N,�"1fu, ,;;. 1�,.4,,c l1• ::1�'"•,J'" '""�••·,,.,,,.,u,t,,
P. ,J.TuN ,� ER, KÜLN. ganz deutlich die gewaltige Kraft des
.....,.._.,.k.1,..,1,,,.,..,,.:.,,;,.,tt1,!�.eo1:.; ..,,,.,"�'<"·�•·�111 ,,1r..; l•�•"'""' llfta'Jc,l�
5-'. ,). TONGE�, KÖLN "'/RH.
t,.,i,-,,-,.l;/,,,.',oµl v �<"<'M.l;!�•lr.,t:.. c.<1��•drü,:;,W.I.Alot 1l
Märzwindes. Wenn ihn das FFF-Singen
müde macht, ruht er sich au.f dem
Grundton länger als zwei Takte aus,
13 a) b) Kompositionen vom Felix Krakamp
gleichsam nachsinnend und die Wir­
- Robert Reinick (9x) P. Saget (lx) kung seiner Arbeit beobachtend. Nun
- Ernst Zitelmann (lx). buch", Von ihm gibt es auch die „Lieder erscheint aber auch schon der Kobold,
eines Malers mit Randzeichnungen sei­ der als Wächter und Helfer dazu be­
Nicht einordnen konnte ich die geistli­ ner Freunde", weil er auch als Zeichner stimmt ist, in vier kurzen, gestoßenen
chen Kompositionen, die in der Beurtei­ und Graphiker tätig war.'' Warscheinlich Tönen auf dem kleinen a, immer mit
lung von Dr. Franz Wüllner vom gaben die spätromantischen Gedichte dem vollen Takt beginnend, den ruhen­
28.6.1892 erwähnt und von denen eini­ des Lyrikers Reinick dem Musiker Felix den Wind gleichsam ermahnt und auf­
ge im Abschnitt ,,Am Bonner Münster" Krakamp die Intentionen zur Vertonung. rüttelt zur weiteren Bestimmungsarbeit.
genannt sind (Seite 29 ff). Diese sind vielfach im volkstümlichen Endlich ist das Werk vollbracht: im fein­
Stil komponiert. Jahreszahlen sind auf sten Pianissimo verlöscht allmählich
Auffallend ist die Vertonung der Gedich­ den Notenblättern nicht angegeben, so der Gesang, um nach einigen Tagen
te von Robert Reinick, der in dieser Auf­ läßt sich auch nicht sagen, innerhalb aufs neue beim Winterkehraus zu hel­
stellung neunmal erscheint, während an­ welcher Schaffensperioden die Kompo­ fen. Diese Art der Beobachtung der Na­
dere Dichter nur ein- oder zweimal ge­ sitionen entstanden sind. tur und ihrer Töne hat bekanntlich Rich­
nannt sind. ard Wagner in ganz besonderem Maße
Seine Empfindungen und Vorstellungen geübt. Das Ohr eines jeden Hörers ist
Robert Reinick wurde 1805 in Danzig beim Komponieren und bei der Lehrer­ fein genug organisiert, um den Stirn-
geboren und starb 1852 in Dresden. Er tätigkeit erkennen wir am besten aus
war Erzähler und Lyriker. Die gesam­ einer Zeitungsmitteilung vom 3.3.1926
melten Dichtungen erschienen 1873 als - die überschrieben ist „Wie singt der 44. wie Anm. 41, S. 772, rechte Spalte;

,.Märchen-, Lieder- und Geschichten- Märzwind?"" 45. Külrolscl1e Vulkszeltu11y Nr, 1G4 vom 3_3.1926 (AMD):
==================== 38 ====================

men der Natur zu lauschen, mag es nun


das geschwätzige Murmeln der Quelle·,
das Waldwehen oder die singende
Sprache des Märzwindes sein. Schon Nachdem ich Uem Oe�ang- und Alu:li tklehrer Fel -J.x Krakamp in
unsere Schüler können wir in einer Art
von Arbeitsunterricht dazu führen, hier
Leii;tungen den Tft�l
Beobachtungen anzustellen. In den Mu­
sikstunden, die ich am Liebfrauenober­
lyzeum in Bonn und am Ursulinenober­ 1Jerlieh.en ha.be, "i:rtf!iJ.e tch ihm die6eö Patent in dem Ve,-tnli+e•1
lyzeum zu Hersel erteile, habe ich öfters aatJ r:r Sf!iner .Mo.Jaotiit ciem Ki.ini(Jt1 und ciem A11f:rhCiah6ten Kb'nio­
das Singen des Märzwindes herbeige­ lich.en Hau�e in unverbrU.'chltcher 1'reue df'geben blfiben ur,d dit
zaubert. Ich ließ die chromatischen
Kunlit zt, fi:irdern uuch ferner mt t 6 t.et6 re(lem Etfer bttmU.'ht c.,Jtr.
Uebungen in der oben beschriebenen
werr.J�.
Form dreistimmig ausführen, bemerke
dabei aber ausdrücklich, daß ich nie­ Urkur:tJJich iht CliitCeo Patqrit unt.1r dem bei9acirw:.ktt'n Jn­
mals die Schüler hermeneutisch in das si>J()fll dit.f> Kiiniglichen .fr'J.'lnfste1rtwr� a'ttr oeir.tlichcn, lfnt1Jr-
Wesen dieser Naturklänge einführte
oder auch nur darauf aufmerksam
machte. Ich wollte vorurteilsfrei erfah­ Be rlin d•n 9. J�ni 1909.
ren, ob auch schon die Kinder den Na­
turstimmen des Windes, wenn auch
zum Teil unbewußt, gelauscht
hätten.Und in der Tat fand ich bei fast
allen eine große natürliche Beobach­
tungsgabe. Fragte ich nach den Uebun­
gen in der oben beschriebenen Art:
„Habt ihr solche Klänge, solches Singen
schon irgendwo gehört?", so erhielt ich
stets die bestimmte Antwort der ganzen
Klasse: ,.So singt der März w i n d."

Nicht bekannt ist, ob Felix Krakamp


das Singen des Märzwindes in einer Der .Mtn ic; t er

Komposition eingearbeitet hat. Eine an­ der iJt!i6tlichen 1 Unt,:;rrt'chti;- uhd l.ladiztnal-Anf/alegFJnheit�n ...
dere Stimmung fand ich in einem Ge­ Jm Auftrage.
dicht, daß der Männer-Gesang-Verein
der früheren Rheinisch-Westfälischen­ Pa t � n t
Sprengstoffwerke AG 1926 veröffent­ ai.
lichte:'"
#KO"nigl /eher .UuEi ikdirt.Jkto;,.

Stimmungen und Beobachtungen Jiir

eines Bonner Tonkünstlers in Egern­ den OebUrl'1- tutci J.luc. ikl o•l':.rcr
Rottach am Tegernsee Peli.x Kr ak a m p in Ron.ri.
August 1926

Nun ruh'n die Noten alle, Und doch welch' frisches Leben 14 Patent als "Königlicher Musikdirektor"
Wie auch die Intervalle, Ist noch dem See gegeben
Die schönen Lieder auch. Durch Boote groß und klein.
Das war für mich das Zeichen Viele frohe Menschen fahren, Und willst du Dich erbauen,
Um auszuruh'n desgleichen Viel Nachen wir gewahren, Dem Bayer ins Innere schauen,
Zu stärken mich, wie's Ferienbrauch. Sie winken uns: Kommt steiget ein. Mußt du zur Kirche gehen.
Andächtig sie hintreten
Es schweigen die Tenöre, Die Perle hier von allen, Und knieend alle beten.
Wie auch der Baß, der schwere, Ja jedem wird 's gefallen, Demütig, fromm wir hier sie sehn.
Es singt auch kein Sopran. Nur Egern-Rottach ist.
So macht's der Alt, der Gute, Fabriken uns nicht stören Doch sieht man sie bei Tänzen,
Mir ist's so weh zumute Und keine' Bahn wir hören, Hei, wie da alle glänzen
Drum stimm ich auch kein Liedlein an. Ja selbst den Rhein man hier vergißt. In heimatlicher Tracht
Beim Schuhplatteln er springet,
Doch Tegernseeswellen, Die Bayern sind so freundlich, Die Liebste hoch er schwinget
Der Winde Frohgesellen, „Grüß Gott" grüßt man einheitlich Und Juchzer, Jodler, welche Pracht!
Sie singen fort ihr Lied. Als könnt's nicht anders sein;
0 mög das traute Singen Dabei auch so bescheiden,
46, Sänger-Warte des MGV der R.helnlsch-Westfällschen
Den Nerven wiederbringen Wie sind sie zu beneiden, Sprengstoff AG Troisdorf, 2. Jor,rgang Nr. 11, vorn
Den aufgeregten, Ruh' und Fried 0 wär es so doch auch am Rhein! 1.10.1926, S. 326 (AMD);
==================== 39 --�=================

Und wenn ich von hier reise, von seinem Taktstock geführt worden, Anmerkungen
Am Rhein ich auch noch preise gerne und ehrend gedenken werden".�
rch habe bei cien wörtlich übernommenen Textstellen
Das Tegernseertal. durch (Klammar�}7usatz auf die heutige Schreibweise
Dann denk ich auch noch gerne Die Erinnerung an sein Schaffen in oder avf notwAndig0 Erkförungon hingewiesen.

An euch in weiter Ferne, Bonn haben d.er Bonner-Männerge­ Die meisten lJnterlagc�n bofindon sich im Archiv und der
Ihr guten Leute allzumal. sang-Verein, der Münsterchor und der wissenschaftlichen Bibliothek Bonn. Ich dnnke 3n dieser
Stelle Frau Dorothea ZeipAl für freundllchc Hilfe.
Stiftschor in ihren späteren Chroniken
Felix Krakamp, zu Jubiläumstagen festgehalten."' Sie
Kgl. Musikdirektor, Bonn, gipfeln in der Feststellung, daß Felix
(geb. 11. Nov. 1861 zu Spich) Krakamp jahrzehntelang im Mittelpunkt
des Bonner Musiklebens gestanden
Wie aus weiteren Texten in der „Sän­ und es sehr befruchtet hat. So ist es
gerwarte" hervorgeht, war Krakamp nicht verwunderlich, daß die Musiklite-
vom Verein zu einer Sängerfahrt im
Sommer 1926 an den Tegernsee einge­
laden worden.

Tod und Erinnerung

Es scheint, daß Felix Krakamp in den


30iger Jahren im Bonner Musikleben
nicht mehr in Erscheinung getreten ist.
Jedenfalls liegen hierüber keine Nach­
richten vor, außer den oben schon er­
wähnten T ätigkeiten als Musiklehrer am
Liebfrauen-Oberlyzeum Bonn und am
Herseler Oberlyzeum. Unterlagen bei
der Familie sind nicht bekannt. Felix
Krakamp starb am 23.1.1938, im eben
vollendeten 76. Lebensjahr. Er wurde in
Bonn beerdigt. Die einzige Todesanzei­
ge die ich fand, ist hier abgedruckt.

Ueber seinen Tod berichteten 15 Felix Krakamp als 70jähriger

• am 26.1.1938 die Mittelrheinische Sto11 boorKI•,...,. Mul"-.


Al'/! ll hn1111r, •� 10'!1 lJh.r, .,.,uwd)t� Mdt l.mptu1 dn
Landeszeitung in einer Würdigung, bt. S�1" �l!o lt'W'III', ben�IUitlll« 0.111
X:6nl9I, Mu1Jli:dlraktot
die mit dem letzten Absatz schloß:
„Alle, die mit Felix Krakamp bekannt Felix Krakamp
br, ts.l)W Tranen fro1,,1 f•lix lvokci111p.
geworden sind, schätzten ihn als beg­
nadeten Musiker - er hat auch eine ��---••Mt""'no•�l"""a...-di.-,,-,.,,1...... ,w___..
.,_ T-----., l;a M.W 11a1i. u,;1,
f"\ooo 1. � 11'\ri Dl"l'.1'1-«, � 1, r,\_, 'f,I t:l,,, L. ,.._, �
Anzahl Kompositionen herausgege­ \.l,u.,puil-..
ben -, als befähigten Musiklehrer und
erfolgreichen Dirigenten; besonders 16 Todesanzeige Felix Krakamp

die alten Sänger des Bonner-Männer­ ratur ihn auch heute noch - 60 Jahre
gesangVereins erinnern sich noch seit seinem Tod - erwähnP" Aber auch
jetzt gern ihres Chorleiters aus der sein Heimatdorf Spich wird ihn in Erin­
stolzen Glanzzeit des Vereins und ge­ nerung behalten.
denken an seiner Bahre dankbar ihres
einstigen Singmeisters".47
47. StAB 108/320;

und 48. wie vor;


1l9. Festbuch 7,um 125jährigen Bestchon des Bonner-
• am 27.1.1938 der Bonner Generalan­ Männer-Gesang-Vereins 1859-1984,
zeiger, der eingangs, nach der Todes­ Festbuch _zum 100jährlgeo Bestehen des Bonner-MOn­
meldung, erwähnt, .,der als Musiker wie sterchores 1873-1973,
als Chordirigent weit über die Grenzen Festbuch zum 100jährlgen Bestehen des SUfts-Choros
seiner engeren Heimat hinaus bekannt Bonn 1894-1994;
war", und mit dem Schlußsatz endet 50. Lexikon des deutschen Chorwesens, 19541
,,Mit dem Verstorbenen ist eine in Musi­ Das musikalische Bonn irn 19. Jahrhundert (Band XIII der
kerkreisen geachtete und geschätzte Bonner Gescl1ichtsblätter, 1959),
Persönlichkeit dahingegangen, deren Kurzgefaßtes Tonkünstter-Lexikon von P. Frank - W. Alt­
vor allem diejenigen Sänger, die einst m.Jnn - H. Roesner1 1936 (Neudruck).
=================== 40 ===================

Klaus Schmitz
Eine griechische Prinzessin für Troisdorf
Die neue Partnerschaft mit Korlu

,,Eine griechische Insel und der schön­ den Menschen hat Gefühle freigelegt, 1 Eine der vielen lnselschönen: Olga ist
Mitarbeiterin von Bürgermeister Chrisanthos
ste Ort, den unsere Augen jemals für die weder Franzosen noch Briten noch Sar/is.
die Versenkung in ein einsames und Belgier, auch nicht Sachsen und Chine­
2 Die Arkaden von St. Michael und Georg. Der
kontemplatives Leben entdeckt ha­ sen wecken konnten. Es knistert und einstige Gouverneurspalast ist heute Museum.
ben ... Auf unseren Reisen sind wir im­ funkt. Rheinländer und Korfioten liegen
mer wieder in Gefahren geraten, an wi­ irgendwie auf gleicher Wellenlänge, 3 Die Ionische Universität gilt als älteste
Griechenlands. Hier studiert auch die Athenerin
drigen Orten zu verweilen. Diese Insel sind gerne fröhlich, gerne sentimental. Nadia.
ist unter allen der einzige Platz, an dem
4 Blick in eino der romantisch-verträumten
wir unser Leben zu beschließen wün­ Schon der alte Odysseus verfiel dem Altstadtgassen von Korfu-Stadt.
schen". Charme uhd der Herzlichkeit der „Prin­
zession der Ionischen Inseln": In grauer 5 Typisch ionische Glockenwand im Kloster
Panagia Theotokos, dem bedeutendsten der Insel.
Lawrence Durrell, mehtiach für den No­ Vorzeit hat Korfu (Kerkira). die üppig­
belpreis vorgeschlagener britischer Er­ grüne und sonnenüberflutete Insel die 6 Überall findet der Besucher kleine
Handwerl<sbetriebe. Hier eine O/ivenholzdreherei.
zähler und Lyriker, stellte die Zeilen von Weltbühne betreten, nämlich als Jason
Anthony Sherley (His Persian Adventu­ und die Argonauten auf ihrer Rückfahrt 7 Idylle und Farben allerorten: Die Korfioten
re, 1601) seinem vielleicht berühmte­ hier Zuflucht suchten. lieben Blumen über alles.

sten Werk voran. .,Schwarze Oliven" ist 8 Schatten spendender Arliadengang, wichtig in
eine einzige poetische Liebeserklärung Die Beschreibung der Insel der Phäa­ der Sommerhitze.
an Korfu, die berühmteste der Ioni­ ken im Gesang der Odyssee, der letz­ 9 Ob Regenschirm (manchmal regnet es
schen Insel. Und auch in Troisdorf hat ten Station des Odysseus vor der lan­ tatsächlich/ oder Schuhe, dieser Handwerker
die „Insel der Phäaken" Leidenschaft gersehnten Rückkehr nach lthaka (ltha­ repariert alles.

entfacht ki), gehört zu den schönsten Versen der 10 Natur pur überall. Korfu gilt als die schönste
Weltliteratur. der Ionischen Inseln.
Evry; einst als Trabantenstadt der fran­ 11 Vassia arbeitet in der Wirtschafts- und
zösischen Hauptstadt am Reißbrett Nach dem Trojanischen Krieg wollte Entwicklungsgesellschaft der Insel und rührt als
entstanden, mittlerweile aber eine Stadt Odysseus endlich wieder in seine Hei­ PR-Frau eifrig die Werbetrommel für Korfu.

mit mehr als 100 000 Einwohnern, die mat. Auf der Rückfahrt erlebte er Schiff­ 12 Eine der neun Museen im Park des AchUlio,
pulsierendes Eigenleben entwickelt und bruch, nackt und erschöpft und dem dem 1raumschloß von Österreichs Kaiserin
Elisabeth.
sich längst von Paris abgenabelt hat, Verdursten nah wurde er an den Strand
war die erste Troisdorfer Partnerstadt. der Insel Scheria (Kerkira) gespült. Wie Griechenlands beginnt 734 v. Chr. Um
Eine schwere Geburt. Lange war man Homer überliefert, fand ihn dort Nausi­ 3000 vor unserer Zeitrechnung war die
in Franl<reich und Großbritannien auf kaa (Nafsika). Sie verliebte sich in den Insel durch die Illyrer besiedelt worden.
Brautschau gewesen. Dann endlich Helden, und Odysseus {Ulysses) erwi­ 800 Jahre später gelangten griechische
„funkte" es, konnte vor 25 Jahren die derte die Gefühle. Doch die Liebe hatte Stämme (Ionier, Achäer) auf die Insel.
,,Jumelage" unterzeichnet werden. keine Zukunft, der Krieger und König 734 v. Chr. gründeten dann Menschen
wollte zu seiner Gattin Penelope zurück. aus Korinth erste Siedlungen auf Kotiu.
Heute hat sich Troisdorf im Kreis der Nausikaas Vater Alkinoos, der sagen­ Die Kolonie wurde bald zur Rivalin der
europäischen Städtepartner längst eta­ hafte König des Phäaken-Volkes, rüstet ,,Mutter". Die unvergleichliche Schön­
bliert, Kommunen, die um die Freund­ für Odysseus ein Schiff aus. heit der Insel weckte immer wieder die
schaft der größten Stadt im Rhein­ Begehrlichkeit vieler Herren. 431 v. Chr.
Sieg-Kreis buhlen, stehen fast Schlan­ Bis heute sind sich die Korfioten un­ beginnt der Peloponnesische Krieg, als
ge. Der französischen Stadt folgte eins, welches nun wirklich das durch Korfu mit Korinth um eine andere Kolo­
Genk (Belgien), Redear and Cleveland Poseidons Zorn „versteinerte Schiff" nie in Streit gerät. 38 v. Chr. fällt Korfu
in Großbritannien (eine aus mehreren der Phäaken ist. Die Menschen im Makedoniern in die Hände. Und bald
Orten gebildete Kunststadt, vormals westlichen Küstenteil der Insel behaup­ steht Rom ante portas. Für die Ioni­
Langbaurgh genannt), dann das sächsi­ ten, das Päakenschiff vor ihrer Küste zu schen Inseln beginnt eine Jahrhunderte
sche Heidenau bei Dresden. Und einen sehen, doch gleiches Recht nehmen währende Friedenszeit.
Tag, bevor am 22. Mai vorigen Jahres die Anwohner der südlich von Korfu­
die Freundschaft mit Korfu besiegelt Stadt gelegenen Kanoni-Halbinsel für Im 13. Jahrhundert dehnen die venezia­
wurde, vereinbarten Vertreter aus Trois­ sich in Anspruch. Sie behaupten fest, nischen Dogen ihr Reich aus, und 1386
dorf und der chinesischen Großstadt daß die winzigkleine Klosterinsel Ponte� hat der Löwe von San Marco Korfu fest
Nantong Zusammenarbeit auf den ver­ konisi (Pondikonissi) das Schiff sei, das in seinen Pranken. 1797 ergibt sich Ve­
schiedensten Gebieten. Odysseus in seine Heimat brachte und nedig napoleonischen Truppen, und
zur Strafe deshalb von dem Meeresgott auch Korfu fällt an Frankreich. Nach
Das Techtelmechtel mit der „Perle im in Stein verwandelt wurde. den Franzosen kommen die Briten und
Ionischen Meer" hat Emotionen ent­ bleiben bis 1864. Am 21. Mai gibt
facht, der Flirt mit der Insel, der Sonne, Die real nachvollziehbare Geschichte Großbritannien die lionischen Inseln an
==-==========-======== 41 ==--==========:-========

Griechenland zurück. Mit großen Fest­ poulos, der zur Feier eigens aus Athen Kourkoulos. Unter den mehr als 1500
en, Paraden und Musikveranstaltungen angereist war, am gleichen Abend Eh­ Griechen in Troisdorf ist er der einzige,
wird auf Kortu alljährlich an dieses Da­ renbürger der Inselhauptstadt wurde der von Korfu stammt. Der Berufsschul­
tum erinnert. und auch die Besucher aus dem Rhein­ lehrer fädelte die Partnerschaft ein.
land zum großen Empfang lud.
Als im vorigen Jahr dieser ionische Korfus Stadtoberhaupt Chrisanthos Sar­
,,Nationalfeiertag" begangen wurde, Am Tag darauf wurde dann die „Liebe lis war schnell zu begeistern, ebenfalls
standen Bürgermeister Uwe Göllner, auf den ersten Blic.k" im ehemaligen bri­ das Stadtparlament von Kerkira. In
Stadtdirektor Dr. Walter Wegener und tischen Gouverneurspalast besiegelt. Troisdoti dauerte es ein bißchen länger
andere Besu_cher aus Troisdoti auf der Zeugen waren neben viel Inselpromi­ - ,,die Kosten".
Ehrentribüne neben dem griechischen nenz mehr als 70 Troisdorfer, die mitge­
Staatspräsidenten Costis Stephano- reist waren. Mit dabei auch Georgios Dann aber ging alles rasch. Und
==========-======== 42 ========-==========-

schließlich war auch ein Datum zur fei­ die Arbeiten abgeschlossen. Sissi selbst 13 Filippos Tempaneras, ,,König" der kleinen Insel
Vidos, auf derzwei Troisdorfer Schüler in diesem
erlichen Erklärung der Partnerschaft ge­ kümmerte sich um die Gestaltung der Jahr auf Einladung von ProTroisdorf Urlaub
funden. Horst Rößler, Vorsitzender des Räume und der schönen Parks, für den machen konnten.
Partnerschaftsvereins: ,,Der Vertrag war sie von der Familie Borghese Statuen
14 Falirak/ - das hochmoderne Kultur- und
längst überfällig". Seit mehr als drei kaufte oder bei berühmten Künstlern in Tagungszentrum der Inselhauptstadt Korfu.
Jahrzehnten würden Griechen in Trois­ Auftrag gab. Dem Palast im pompejani­
dorf leben: ,,Die Urkunde soll dem Mit­ 15 Italienisches Flair durchweht die Ko/onaden an
schen Stil gab sie den Namen des Hel­ der Esplanade, dem größten {!) Platz
einander den Stellenwert geben, der den, den sie über alles liebte: Achill - Griechenlands.
ihm gebührt. Achilleion: ,,Ihm weihe ich meinen Pa­
16 Partner: Bürgermeister Chrisanthos Sarlis
last, da er für mich die griechische See­ (links). Bürgermeister Uwe Göllner und
Während die beiden Bürgermeister le, die Schönheit der Erde und der Men­ Stadtdirektor Dr. Waller Wegener (Mitte),
Georgoios Kourkoulos (rechts).
Chrisanthos Sarlis und Uwe Göllner schen dieses Landes verkörpert".
Freundschaft beschworen, waren etli­ 17 Korfu ist eine fruchtbare Insel. Beweise reifen
che Besucher aus dem Rheinland un­ Menschen aus aller Welt zog und zieht bereits früh im Jahr überall.
terwegs, die Insel und ihre Menschen es immer wieder nach Korfu. Mitte des 18 Kopf des sterbenden AchiW' im
11

zu erkunden. vorigen Jahrhunderts bereiste Armand märchenhaften Sissi-Schloß. Geschaffen wurde


die Figur von Ernst Herter, einst Professor der
Freiherr von Schweiger Lerchenfeld die Bildhauerei an der Berliner Akademie.
Was jedem Besucher sofort auffällt, ist Insel. Sein anschließend entstandener
das Grün. Neben den ehrenvollen n­ Bericht hebt sich angenehm ab von den 19 Der Vorstand von Pro Troisdorf und
Stadtdirektor Dr. Walter Wegener als Gäste von
teln, ,,Perle" und „Prinzessin" der (sie­ romantisch verklärten Beschreibungen Chrisanthas Sarlis im prachtvollen Rathaus der
ben bewohnten und sieben unbewohn­ vieler Zeitgenossen, die entweder im /nse/hauplstadt.
ten) Ionischen Inseln zu sein, wird Ker­ Sinne des Philhellenentums schwärm­ 20 Dauergäste auf Vidos, dem Korfu-Stadt
kira auch als „Sinfonie in Grün" besun­ ten oder sich überkritisch bezogen auf vorge/ag·erten Inselchen.
gen. Zypressen und Pinienwälder über­ die politischen Zustände im Land. Vor
all, vor allem aber die riesigen Haine allem der Süden der Insel veranlasste kenhauses, Erneuerung des Telefonnet­
mit tausenden uralter, silbern schim­ den deutschen Freiherrn zu Lobeshym­ zes (wenngleich auch auf Korfu die
mernder Olivenbäume. Ein wunder­ nen. So habe er im Fischerdorf Benizze Handy-Manie um sich greift). Vor allem
schöner Anblick. Kaum eine Insel im einen Orangenhain gefunden, wie ihn konnten viele der alten, im veneziani­
Mittelmeer ist von der Natur mit üppi­ selbst Italien nicht schöner vorweisen schen Stil errichteten Prachtbauten re­
gem Grün so reichlich bedacht wie könne. Malerische Orte, graugrüne Oli­ stauriert werden. Korfu ist eine der we­
Korfu. venhaine, eine idyllische Uferlandschaft, nigen Städte, in der die Mehrzahl der
durch die feuchte Luft wehe, die der Häuser aus dem vorigen Jahrhundert
Und dann das Licht. Man muß es erlebt Besucher „förmlich trinkt". stammt. Das Stadtbild zwischen den
und gesehen haben. Alle paar Augen­ beiden Festungen, die die Altstadt im
blicke wechselt das Licht, besonders Wie alle griechischen Inseln lebt auch Osten und Westen begrenzen, besteht
gut zu beobachten von dem Aussichts­ Korfu vom Tourismus, und in vielen der meist aus mehrgeschossigen Mietshäu­
punkt über den beiden kleinen Kloster­ früher beschaulichen Fischerdörfer vi­ sern an schmalen Gassen, während die
inseln Pandikonissi und Vlacherna - briert die Luft vom Discosound, zerren Hauptstraßen oft marmorgepflastert
übrigens meist fotografierteste Motive Andenkenshops nach Passanten und sind. Im alten Kern hängt die Wäsche
der Insel. Flaneuren. über der Straße wie in Neapel.

Meister der Feder wie Goethe, Oscar Doch Korfu hebt sich wohltuend ab Den eindrucksvollsten Anblick bieten
Wilde oder Lawrence Direll, Maler wie vom Tourismusgewimmel anderer In­ die drei-, viergeschossigen Häuser mit
Alfred Sisley und Edward Leer haben seln. Darüber wacht nicht zuletzt das schattenspendenden Kolonaden an der
dem Zauber der Insel, der auch Napo­ Stadtparlament uhd die Regierung der Esplanade, dem größten Platz Grie­
leon berührte, Denkmäler gesetzt. Ionischen Inseln, vor allem aber auch chenlands. Dieser Platz, auf dem heute
die Korfioten (manche nennen sich oft Kricket-Turniere stattfinden, war bis
Das berühmteste Denkmal der Insel auch Korfuaner) selbst, die den Schatz, ins 16. Jahrhundert noch dicht besie­
steht ein paar Kilometer außerhalb der auf dem sie leben, zu wahren wissen. delt. Die Venezianer ließen die Gebäude
Inselhauptstadt. Auf einem Hügel ließ Davon konnten sich auch· die abreißen, um Platz für die Kanonen ge­
Ende vorigen Jahrhunderts Sissi (Elisa­ Regierungschefs der Europäischen gen osmanische Angriffe zu schaffen.
beth von Österreich) ihr Refugium er­ Union überzeugen, die 1994 ihren Gip­ Schöpfer der Kolonaden-Gebäude -
richten,. das Achilleion. fel auf Korfu abhielten und die Insel in heute allabendlicher Treffpunkt und Fla­
diesem Zusammenhang mit 15 Milliar­ niermeile für Jung und Alt, für Touristen,
Bei ihrem ersten Besuch der Insel fuhr den Drachmen (etwa 100 Millionen die „VIP's" der Insel und die Beauties
Sissi mit der Kutsche am Land des Pe­ Mark) in Schwung brachten. Manches (die korfiotischen Frauen gelten als die
tras Vrailas Armenis in Gastouri vorbei. Geld, so sagen Einheimische, sei in ir­ hübschesten und aufgeschlossensten,
Die Landschaft wirkte wie ein Magnet gendwelchen Kanälen verschwunden. aber auch eigenwilligsten und selbstbe­
auf die Zeit ihres Lebens unstete Kaise­ Tatsächlich aber wurde viel Geld ausge­ wußtesten Griechenlands) war der Va­
rin. Fast drei Jahrzehnte später erwarb geben für Erneuerung des Flughafens ter des Erbauers des Suez-Kanals, Ba­
sie 1889 den Grundbesitz von Vrailas (Landungen erinnern an den Hong­ ron Mathieu de Lesseps.
und beauftragte die italienischen Archi­ konger Kai Tak-Airport, man landet fast
tekten Rafaele Carito und Antonio Ladi im, beziehungsweise startet beinahe Was die Ionischen Inseln nur wenig zu
mit dem Entwurf eines prächtigen Som­ aus dem Wasser), Ausbau einer bieten haben, sind Hinweise auf die
merpalastes. Zwei Jahre später waren Schnellstraße, Vergrößerung des Kran- Geschichte. Die Museen sind liebevoll,
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doch nur recht spärlich - im Vergleich burg - in venezianischen Diensten - die Universität auf Korfu gilt als die älteste
mit anderen griechischen Museen - ge­ T ürken von Kutiu vertrieb: griechische und genießt hervorragen­
füllt. Immerhin besitzt das sehr helle den Ruf), mit Vertretern von Wirt­
und modern gegliederte Archäologi­ „Chaireddin bereitete den Angriff auf schaftsverbänden kurz: Die ProTrois­
sche Museum (Archeologiko Musio) die Stadt vor und bezog -an der Küste doti-Delegation kam mit den Gastge­
zwei der bemerkenswertesten und des Festlands eine gute Stellung mit bern überein, im kommenden Jahr in
schönsten Relikte der Antike, die je­ Wällen und Kanonen. Er wartete nur Troisdorf eine Korfu-Woche zu organi­
mals ausgegraben wurden. Zum einen noch auf günstiges Wetter und sah zu, sieren. Ein Schwerpunkt dabei soll die
ist dies der Gorgogiebel eines einst 22 wie sich die Dinge entwickelten. Seine Musik sein. Kotiu war immer schon gei­
mal 48 Meter großen Artemis-Tempels übrigen Truppen setzten nach Kotiu stiger Mittelpunkt für Maler und Bild­
aus der Zeit um 590 v. Chr. Seinen Na­ über und verübten ihre Grausamkeiten hauer, hier fanden Dichtung und Litera­
men erhielt das Stück nach der Medu­ an jedem, der ihren Weg kreuzte. Sie tur viele neue Diener. Vor allem aber
sa als eine der Gorgonen. Der wahrhaft mordeten, nahmen Gefangene, plün­ wurde und wird auf der Insel Musik ge­
furchterregenden geflügelten Medusa derten, raubten und brannten auf dem pflegt, sie wird mehr als in jedem ande­
mit Schlangen um Hüfte und Haupt, lande die Dörfer nieder. Sie vergewal­ ren griechischen Landesteil gefördert.
stehen ihre Kinder Chrysaor und Pega­ tigten junge Mädchen und verheiratete Herausragend ist die Bedeutung Korfus
sus zur Seite, jenen Wesen, die sie im Frauen, mordeten Säuglinge und kleine für die Oper, und unter den Musikern,
Sterben zur Welt brachte. Daß der Gor­ Kinder in den Armen ihrer Mütter. Sie die die Insel hervorbrachte, sind der
go-Giebel gefunden wurde, ist übrigens entweihten Kirchen und machten sie zu Komponist der griechischen National­
Kaiser Wilhelm II. zu danken. Dieser Ställen, und das Blut und die Exkre­ hymne, Nikolaos Chalikiopoulos-Mant­
hatte nach Ermordung Sissis das dem mente der Menschen mischten sich mit zaros, ebenfalls Spiros Samaras, der
Achill gewidmete Sommerschloß er­ denen der Tiere. Sie taten alles, was Komponist der Olympischen Hymne.
worben (später diente der Palast als Barbaren im Krieg tun, und sie übersa­
Lazarett, war dann korfiotische Spiel­ hen nichts" ... ,,Entgegen allen Erwar­ Weit über Hellas Grenzen bekannt sind
bank und ist heute wieder Museum) tungen kam aus blauem Himmel ein auch die beiden philharmonischen
und unterstützte den auf Korfu tätigen schrecklicher Sturm, der die Zelte der Stadtkapellen. Griechische Musik - das
Archäologen Wilhelm Dörpfeld, der mit Feinde wegriß und sie in Schrecken sind nicht nur Bouzouki und Sirtaki.
der Freilegung des Artemis-Tempels versetzte, wie die Türken selbst sagten, Einmalig: Eine der beiden Philharmoni­
begonnen hatte. und zur gleichen Zeit wurde ein Mönch en schafft es, alle Verdi-Opern in einer
gesehen, der ein Licht hielt und ihnen halben Stunde „anzuspielen", und zwi­
Das zweite Prunkstück im Archäologi­ drohte." schendurch setzen die Musiker ihre In­
schen Museum ist der Löwe des Mene­ strumente ab und werden zum Verdi­
krates, geschaffen um 650 vor unserer Johann Matthias von der Schulenburg Opern-Chor.
Zeitrechnung. Diese Figur gehört ver­ ist ein großes Denkmal vor dem Alten
mutlich zu den wenigen Stücken aus Fort gewidmet, und Spiridons Knochen Musik ist für die Menschen auf Korfu
dem antiken Kerkira und krönte wahr­ ruhen in einem prachtvollen Silbersarg notwendig wie das tägliche Brot. Die
scheinlich eine zwei Meter hohe Säule in der Kirche Agios Spiridon. Musik ist ihnen wichtig wie Luft, die sie
am Grabmal des Konsuls von Kerkira. atmen. Die Korfioten beherrschen die
Korfu macht süchtig. Als erste Schul­ Kunst des Zuhörens, weil sie die Seele
Auch auf Korfu gehören Kirche und klasse nach Unterzeichnung der Part­ der Musik verstehen. Der große Platz,
Frömmigkeit zum Alltag. Die „Papas", nerschaft reisten Mädchen und Jungen die Esplanade (Spianada) ist ohne Be­
wie die Priester genannt werden, sind der Korzcak-Realschule im April dieses wegung, wenn das Orchester ein Kon­
allgegenwärtig, immer hochgeachtet. Jahres auf die 600 Quadratkilometer zert gibt. Tausende von Hörern verhar­
Oft arbeiten die Priester in der Land­ große Insel - und waren, trotz unge­ ren in fast religiöser Andacht. Das Her­
wirtschaft, die meisten haben Frau und wöhnlich ungünstiger Witterung, begei­ umspazieren hört auf, das Gespräch
Kinder. Kleine Klöster überall, auch der stert. Das silberne Schiff der Phäaken, wird unterbrochen, das Flüstern ver­
Tourist und Besucher ist gerne gese­ das ihnen Bürgermeister Chrisanthos stummt, die Menschen hören inbrünstig
hen. Die schönsten vieler Feste des Sarlis überreichte, hat nun in der Schu­ zu. Die Menschen lauschen und den­
griechisch-orthodoxen Jahres sind das le einen Ehrenplatz. ken und urteilen streng. Wenn der Aus­
Osterfest (dazu reisen auch viele Fest­ führende seiner Kunst untreu wird,
land-Griechenland an, selbst in Athen Familien, Reisegruppen, Pärchen - viele äußern die Hörer ihr Mißfallen deutlich
wird nicht so prachtvoll gefeiert) und Troisdorfer kamen und ließen sich vom und nennen den Verantwortlichen:
die Prozessionen zu Ehren des Inselhei­ korfiotischen Bazillus Infizieren. Minde­ .,Falsch, Klarinette".
ligen Spiridon. stens ein Troisdorfer ist nachgewiesen,
der in zwölf Monaten dreimal Wiederse­ Vielleicht könne� die Troisdorfer ja in ei­
Jahrhunderte nach seinem Tod gelang­ hen mit Kerkira feierte ... nem Jahr hier die Musikvirtuosen erle­
ten die Gebeine des auf Zypern wirken­ ben. Oder Louiza Kones, ausgebildete
den Bischofs nach Konstantinopel und Einmal im Jahr besucht der Vorstand Opernsängerin, die wunderschöne grie­
1456 in den Besitz einer hochrangigen der Wirtschafts- und Kulturinitiative chische Lieder singt, sehr leise, lyrisch,
Familie nach Korfu. Spiridon wird nach­ ProTroisdorf (auf eigene Kosten!) eine zum Dahinschmelzen.
gesagt, daß er die Insulaner 1550 von europäische Stadt. Diesmal, wen wun­
einer Hungersnot rettete, 1629 von der dert 's - Kotiu. Was eigentlich der Ent­ Vielleicht kommt auch ein Austausch
Pest erlöste (was ihm 1673 erneut ge­ spannung dienen sollte, artete in Arbeit zustande, Exponate aus dem Bilder­
lang) und daß er beistand, als der deut­ aus. Gespräche mit Bürgermeister, Pro­ buchmuseum im zeitweiligen Tausch
sche Feldmarschall von der Schulen- fessoren der Universität (die Ionische gegen Stücke aus dem Archäologi-
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sche11 Museum (es muß ja nicht gleich Sie lehnt alle Träumereien ab. Aber dar­ voll Anmut floß in den duftenden Brun­
das Medusenhaupt sein). Auch Lite­ über ist ein Licht, dessengleichen das nen und nahm den Duft und nahm die
raturabende sind vorstellbar, ebenso Auge nie zuvor erblickt hat". Kühle und floß in die Sonne und zeigte
Ausstellungen. Vor allem ein Muß ist den Reichtum der Quelle, floß hierhin,
das Kennenlernen der korfiotischen Hugo von Hofmannsthal floß dorthin und klang wie eine Nachti­
Küche. Auf Basis der „unersetzlichen gall".
Drei - Tomaten, Olivenöl, Oregano - „Alles erschien mir vollkommen. Aus
zaubern die griechischen Hausfrauen dem Meer tauchten, als hätte Homer Dionysios Solomos (Dichter der griechi­
Delikatessen, deren Duft schon das persönlich es für mich angeordnet, in schen Nationalhymne)
Wasser im Mund zusammen laufen läßt. dem schwindelnden Licht die Inseln
auf. Ich hatte alles, was ein Mensch ,,Die Schlichtheit, das Leben in Un­
Zu recht ist Bürgermeister Chrisanthos sich ersehnen kann". schuld sind die wahren Auszeichnun­
Sarlis stolz auf „sei11e" Insel: ,,Die Na­ gen, die wahren Ehren. Das ländliche
turschönheiten Korfus, die griechische Henry Miller Leben nährt alle diese Tugenden; die
Sonne und die reiche Geschichte ma­ Städte schwächen sie, und die Fürsten­
chen die Insel zu einem kostbaren „Da wachsen große Bäume, kräftig höfe ersticken sie. Glücklich, wer' wie
Schmuck des Ionischen Meeres, zu ei­ sprossend. Birnen und Granaten und der Weise des Horaz sein kleines Feld
nem Ort, an dem die Schönheit der Apfelbäume mit glänzenden Früchten, bestellt, in seinem kleinen schattigen
Landschaft im Einklang steht mit der und Feigen, süße. Und Oliven, kräftig Garten sitzt und das Wasser aus der
Schönheit und der Gastlichkeit seiner sprossend". Quelle seines kleinen Bachs trinkt. Ich
Menschen". hoffe, daß ich in meiner Heimat sterbe
Homer und mein letzter Blick auf die grünen
Blätter der Bäume fällt, die ich selbst
„Eros tanzte mit dem blonden April, die gepflanzt habe".
Menschen über Korfu Natur erlebte ihre schönste und süße­
ste Stunde. Und in dem Schatten, in loannis Kapodistrias (1827 wurde der
,,Der erste Eindrµck dieser Landschaft, dem Kühle und Düfte warten, war nie auf Korfu geborene Dichter und Politi­
von wo man sie betrete, ist ein strenger. gehörter, sehnsüchtiger Sang von Vö­ ker erster Präsident des befreiten Grie­
Sie ist trocken, karg und befremdend. geln. Klares und süßes Wasser, Wasser chenlands)

Heinrich Brodeßer
Die Sieglarer Wegkreuze

Über die Wegkreuze in Bergheim, Mül­ sie als Ausdruck der Gottesverehrung T heophorische Prozessionen sind Um­
lekoven und Eschmar wurde bereits be­ gedacht waren und daß sie bei theo­ gänge, bei denen Christus in der Ge­
richtet.' Hier nun möchten wir die phorischen Umgängen als Segensaltar stalt des Brotes in der Monstranz mit­
Sieglarer Kreuzmale am Wege vorstel­ dienen sollten. geführt wird!
len, fünf alte „Prozessionssegenskreu­ Feria sexta ante Cantate ist der 6. Wo­
ze" im Ort und das „Mordkreuz" in der Aus diesem Grunde zeigten sie einen chentag, also der Freitag, vor dem 4.
Siegniederung. bestimmten Aufbau: Auf einer Fußplatte, Sonntag nach Ostern, ein ungewöhnli­
einem zuweilen gegliederten Erdsockel, cher Termin innerhalb der Woche,
Diese Kultmale sind zum einen Zeichen stand der untere Schaft oder Stipes; er wahrscheinlich weil sich die kirchlichen
früherer Frömmigkeit, zum andern aber trug die Altarplatte, die oft von einer Umgänge im Frühjahr drängten.
auch zugleich Quelle zur Erforschung Konsole gestützt wurde; es folgte der
der örtlichen Familiengeschichte und obere Schaft, der meist mit einer Nische Der Umgang am Patroziniumstag fiel auf
des Dorfgeschehens. In ihnen spiegelt versehen war; er wurde von einem Ge­ den 6. Mai, den Festtag des Apostels
sich die Ortsgeschichte wider. Sie ver­ sims und der Dachplatte überdeckt; da­ Johannes, der seltsamerweise den ur­
merken das Motiv der Errichtung und rauf wurde ein Kreuzsockel angebracht, sprünglichen Patron der alten Taufkir-
die Namen der Stifter, die unter den der den Kreuzaufsatz trug. '
Sieglarer Bauern, den Halfen und wohl­
habenden Landleuten, zu suchen sind. 1 TJH IX, S. 98 ff, und X, S. 100 H
Die Altarplatte diente dem Abstellen der 2 Einzell1ell�n dazu in; ElrodolJer, Kulfmale am Wege, TJH
Sie verweisen uns auf die Bedeutung Monstranz bei den Segensprozessio­ IX,S. 99ft
3 Geschichte der Pfarreien des Dekanato.s Siegburg,
der Herrenhöfe und Bauerngüter, deren nen. Nach Delvos" ,,wurden im vorigen Köln 1896, S. 331
4 Die Bezeichmmg lmmmt aus dern Gried1ischen: Theos
Bewirtschaftung die Halbwinner und Jahrhundert (d.h. dem 18. Jahrhundert) - Gott, pl1erein - tragen - übersetzt .1ucn „Gottes­
tracht"
Bauern zu solch kostspieligen Stiftun­ 4 theophorische Prozessionen gehal­ 5 Der Patroziniumswecl1sal muß um 1700 erfol�Jl sein, da
gen befähigte. ten: die 1. feria VI ante Cantate; die 2. in der „Designj:\tio Anno ·1676" - in: Blnterirn und Moo•
ren, Die Erzdiözese Köln, Düsseldorf 189.:), S. 210 - es
am Patroziniumstage; die 3. am Feste noch heißt:,, ... Siiagl«r, Kiers pell, .. Patronus S. Joes
8.Jp t...", bei Delvos, a.a.O., S. 330, wlrd dagegen ein
Wenn die Kreuze zu „Ehren Gottes auf­ Christi Himmelfahrt und die 4. am rtem Apostel und Evangelisten Johannes goweihter
Hauptallar In der alten Kirche, d.h. der Kirche des 18.
gerichtet" wurden, bedeutet dies, daß Frohnleichnamsfeste." J3hrhundert� , orwähnt.
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ehe, St. Johann Baptist, Johannes der


T äufer, verdrängt hatte.' Zur Unterschei­
dung von letzterem erhielt die Kirche
den Titel „St. Johannes ante portam la­
tinam - St. Johannes vor der lateini­
schen Pforte". Damit soll auf dessen le­
gendäres Martyrium vor den Toren
Roms, eben vor der sogenannten lateini­
schen Pforte, unter Kaiser Domitian ver­
wiesen werden, das er unversehrt über­
stand und dem darum die Verbannung
auf Patmos folgte. Johannes starb in ho­
hem Alter zu unbestimmter Zeit in Ephe­
sus."

Solange das Kirchspiel Sieglar auch die


umliegenden Orte umfaßte, mußten die
Prozessionen diese mit einschließen.
So zog man einmal nach Eschmar, ein
andermal nach Kriegsdorf, zu Beginn
unseres Jahrhunderts von dort weiter
nach Spich - dort wurde eine Mittags­
pause eingelegt - und über Oberlar
nach Sieglar zurück.'

Nun, die Wege und Termine haben sich


im laufe der Zeit geändert. Heutzutage
finden noch zwei Prozessionen statt,
am Fronleichnamstag und am Sonntag
in der Oktav des Patroziniums, zu Kir­
mes. Der Prozessionsweg beschränkt
sich auf den Ort. Die Kirmesprozession
macht Station an der Küz, am Pastor­
1 Das Präsenzkeuz am Pastor•Böhm•Haus 2 Inschrift des Präsenzkreuzes von 1645
Boehm-Haus, am alten Friedhof und
am Schirmhof, hinter dem vergangenen ge in die Häuserfront der Pastor-Boehm­ Darunter folgt ein Zeichen, ein Mono­
Straße zwischen Haus Nr. 49 und 51 gramm: Auf einem M steht ein P, darin
i�
Rathaus.
versetzt, später in die Anlagen der ge­ ein S hineinverwoben Peter Me­
Die Fronleichnamsprozession zog alter­ genüberliegenden Straßenseite und rer, Sieglar.
nativ einmal durchs Oberdorf, zum an­ jüngst nach umfangreichen Straßenbau­
deren durchs Unterdorf. Weil in den ein­ arbeiten vor das Pastor-Boehm-Haus. Bei der jüngsten Restaurierung wurde.
zelnen Ortsteilen keine vier Kreuzmale die Inschrift in roter Farbe nachgezogen
zur Verfügung standen, wurden zur Er­ Das rund 2,80 m hohe Kreuzmal aus und dadurch besser lesbar gemacht.
gänzung Altäre vor Privathäusern aufge­ Trachyt ist von außergewöhnlich schlan­ Es scheint mir indessen, daß die
baut. Heute nimmt die Prozession, der ker Form, wie anderorts bei Basaltlava­ Schriftzeichen des Monogramms un­
sich die Gläubigen von Eschmar und kreuzen üblich ist, jedoch im Gegensatz vollständig erfaßt wurden. Das in das P
Friedrich-Wilhelms-Hütte anschließen, zu diesen von einem reichgestalteten verschlungene S wurde auf ein C redu­
einen festen Weg und macht Station am ungewöhnlichen Aufbau, alles in allem ziert und verändert dadurch den Sinn
„Fritzekreuz", am Schlagbaum, auf dem eine saubere Steinmetzarbeit. des Zeichens. Solche Lesefehler sind
Grend und auf dem Marktplatz. auf den Zustand des Gesteinsmaterials
Die Bodenplatte ist nach oben abge­ zurückzuführen. Aus vulkanischem Na­
Die alten Segenskreuze seien nun in rundet. Der folgende Schaft wirkt kurz, turstein herausgebrochene Kristalle,
der Folge ihrer Entstehung vorgestellt. obwohl er 72 cm hoch ist. Dieser Ein­ beim Trachyt vor allem die verwitte­
druck entsteht dadurch, daß aus ihm rungsempfindlichen Sanidine, führen
eine kleine Altarplatte, aus demselben leicht zur Fehlinterpretation der Texte.
Stein gemeißelt, vorragt, eine unübliche
Das Präsenzkreuz am Art einer Abstellfläche für die Mon­ Über der Inschrift hing ein gußeiserner
Pastor-Boehm-Haus stranz. Auf der folgenden Standplatte Corpus, der nun entfernt wurde, da er
erhebt sich bereits der im ganzen 180 bereits zu verrosten begann. Er soll
Es stammt aus dem Jahr 1645 und cm hohe Kreuzaufsatz. durch eine Steinmetzarbeit ersetzt w e r ­
stand ursprünglich auf der Ecke Rat­ den, ein sinnvolles Unterfangen. Erwäh-
hausstraße/Pastor-Boehm-Straße ge­ Im unteren Feld lesen wir die Inschrift:
genüber der Gastwirtschaft Beu „am 6 Vgl. Legenda aura.a dos Jacobus de Voraglne1 Gerlin­
Dorf auf dem Wege nach Kriegsdorf",' ,, i 645 / ZV.DE / R. EHRN / GOTES / gen, Schnelder-Ver1ag, 11. Auflage 1993, S. 358 ff, und
Korth, Leonarlh, Die Patrocinien der Kirchen und Ka­
damals also außerhalb des geschlosse­ PETRV / S. MER / ER. EVA / HASEN / pellen im ErzbislulJl Köln, Düsseldorf 1904, S. 97 ff.
7 Nach mündlicher Uberlicferung.
nen Ortskerns. Es wurde nach dem Krie- BERG/ HA-ER (haben errichtet?) 8 So Delvos, S. 334
==================== 47 ===---================

nenswert sind auch die durchgeglieder­


ten schmuckvollen Kreuzarme. Der ge­
samte Kreuzaufsatz scheint aus einem
Stück zu bestehen.

Das schmucke Kreuzmal, das älteste


im Kirchspiel, weicht in bezug auf seine
Form und Gliederung von der üblichen
Art vergleichbarer Segenskreuze unse­
res Stadtgebietes ab und nimmt somit
eine besondere Stellung ein.

Wenn die bei Delvos überlieferte Be­


zeichnung „Präsenz-Kreuz" zutrifft,
müßten die Stifter Peter Merer und Eva
Hasenberg die Halfleute des Präsenzho­
fes gewesen sein. Wir finden dazu leider
keine schriftlichen Belege. Die Kirchen­
bücher beginnen erst später, andere Ver­
weise in Urkunden und Akten auf Peter
Merer sind nicht bekannt, während vor
und nach ihm Präsenzhalfen in den
schriftlichen Quellen erscheinen.•

Der Präsenzhof, ein Fachwerkanwesen,


stand unterhalb der Kirche in der heuti­
gen Meindorfer Straße am Fuße des
Abhangs. Er wurde vor etlichen Jahren
abgerissen. Er gehörte zu den abteili­
chen Gütern in Sieglar.

Diese gehen auf Stiftungen des Kölner


Erzbischofes Anno II. und des deut­
schen Königs Heinrich IV. in der 2. Hälf­
te des 11. Jahrhunderts zurück. In die­
ser Zeit versuchte die Siegburger Abtei,
ihren Bannbezirk zur Landesherrschaft
auszubauen, was jedoch in bezug auf
Sieglar nicht gelang. Die Grafen von
Sayn, ehemals Untergaugrafen des Au­
elgaus, setzten sich gegen sie durch.
Diese bzw. ihre Nachfolger, die Herren 3 Luftbild vom Schirmhof-Bereich vor Errichtung wähnt, vermutlich dieses Kultmal, das
des Sieglarer Rathauses, mit Kirche, Müh/o und
von Löwenberg, blieben die Landesher­ Driesch im Hintergund nach der Wegnahme jenes Gutes an
ren. Immerhin gelang es der Abtei, den die heutige Stelle versetzt wurde.
Zehnt, die Kollatur und das Patronat Broeghe genannt von Spich für die Zeit
über die Kirche und die Gerichtsbarkeit vom 6. August 1334 bis 22, November Der Steinsehe Hof stand in Bereich der
mit den Löwenberger Landesherrn zu 1353 bezeugt. Der Präsenzmeister ver­ heutigen Raiffeisenbank und der dahin­
teilen und den abteilichen Hof, den pachtete den Sieglarer Hof an Bauern ter gelegenen Grundstücke. Er war der
Schirmhof, als einen der bedeutend­ des Kirchspiels, die ihn a1$ Halfleute, zweite große Hof in Sieglar, ein Herren­
sten Höfe zu behaupten. Indessen kam d.h. für die Hälfte des erzielten Ge­ gut, das von den Gaugrafen an die Her­
es im 12. bis 14. Jahrhundert innerhalb winns, bewirtschafteten und die zu den ren von Löwenberg und schließlich an
der abteilichen Besitzungen zur Auf­ gutsituierten Bauern zählten. Zu ihnen die Herren zum Stein bzw. die Grafen
splitterung zweckgebundener Vermö­ wird vorgenannter Peter Merer, der Stif­ von Nesselrode gelangte. Ihm gehörte
gensmassen, u.a. zur Vermögenstren­ ter des Präsenzkreuzes, zu zählen sein. die andere Hälfte des Zehnt, der Kolla­
nung zwischen Abt und Konvent.'" tur'" und des Patronates" zu. Und das
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen kam so:
wurde vermutlich der Präsenzmeister­ Das Steinsehe Kreuz
hof vom Schirmhof abgesplissen. Er Gegen Ende des 14. Jahrhunderts hat­
diente dem Unterhalt der im Kloster an­ Der gewaltige Bildstock an der Fried­ te Johann vom Stein durch Erbschaften
wesenden, der Chorpflicht genügenden hofshecke Ecke Steinstraße/Pastor­
Mönchen, also derer, die tatsächlich Boehm-Straße, 3,70 m hoch, 90 cm 9 Vgl. Schulto, Holmut, Kleina Geschichte der Stadt
anwesend waren - Nominalmönche breit und 50 cm tief, soll im Volksmund Troisdort, Troisdort 1990, S. 42 rr.
10 Wlspll11ghoff, Erich, Dle Benediktinerabtei Siegburg,
waren ausgeschlossen. Dieses Vermö­ als das Steinsehe Kreuz bezeichnet in: Gcrmania s�cra., Folge 9, Bertin 1975, S. 118 ff,
11 s. 334
gen wurde vom Präsenzmeister verwal­ worden sein. Bei Delvos11 wird ein 12 ;:,,;- Recht zur Besetzur,g einer Pfarrstelle_
13 = Ernennungsrecht und Unterhaltungspfllr.ht einer
tet. Als erster Amtsinhaber ist Engelbert ,.Kreuz hinter dem Steinsehen Hof" er- Pfarrkirche und -stelle.
==============--------===48 ====================

cm hohe Stipes. Dessen Vorderseite


---=-- -- __ z- -..- , trägt ein feingearbeitetes Hochrelief: Die
= Darstellung einer Engelsgestalt in wei­
--=- =- =..=- � ------,
tem Gewand, über der Brust gekreuzte
--::
Bänder, Flügeln an den Schultern. Der
-· ·
.--e,� _ _, � :_,:::.··::�- -

Engel hält ein gerafftes, nach vorne


-- - --.--�=-- - ._ -:.� - -- --:-:-_:_ ,,_. -- geöffnetes Tuch, das in der Mitte die
,,Mutter der sieben Schmerzen" zeigt,
Maria, die von sieben Schwertern (4:3)
durchbohrt wird. Auf beiden Flanken
Ziergehänge, Blumengebinde, die oben
von Ringen getragen werden und nach
unten in einer Doppelschleife enden.
Zuunterst findet sich ein Spruchoval, in
--=--- dem eine fünfzeilige Inschrift nunmehr
kaum noch zu entziffern ist. Bereits zu
Beginn unseres Jahrhunderts galten die
Schriftzeichen als erloschen.1•

Der Schaft wird abgedeckt von einer


massiven mehrstufigen, 42 cm vorkra­
genden Altarplatte.

Es folgt ein mittlerer Schaft von 55 cm


Höhe mit einer flachen rechteckigen Ni­
sche, die von einer geschlossenen Lei­
ste umrahmt und seitlich von Blattwerk
' (Palmzweig) begleitet wird, das unten
aus einer Volute hervorgeht, oben in ei­
ner kleineren Volute" ausklingt.

Die folgende mehrstufige Abdeckplatte


trägt in der Mitte ein Wappenzeichen,
vielleicht auch die Hausmarke oder ein
Monogramm des Stifters, aus dem man
evtl. ein doppeltes E lesen mag.

Darüber erhebt sich ein dritter Schaft,


84 cm hoch, mit dem Hochrelief einer
Kreuzigungsgruppe, eine eindrucksvol­
le Darstellung: Das Kreuz, dessen
Querbalken-Enden als Lilienblüte ge­
staltet sind, steht auf Totengebein und
Totenschädel, Zeichen für Christi Sieg
über den Tod. Der Gekreuzigte häng in
geneigter Haltung. Das Lendentuch ist
links verknotet. Der Kruzifixus wird von
zwei in einem Dreieck angeordneten
fast die Hälfte des löwenbergischen 4 Der Priisenzhof unterhalb der Kirche Lanzen - eine mit Essigschwamm - ge­
und der Kaplanei
Besitzes erlangt, und da er als löwen­ rahmt. Darunter links Maria in langem
bergischer Amtmann fungierte, nannte späteren Grafen, von Nesselrode vom gerafften Kleid gebeugten Hauptes.
er sich zeitweise „Herr von Löwenberg" Stein, d.h. von Herrenstein.'' Rechts Johannes in faltenreichem Ge­
und erstrebte die Landesherrschaft. Die wand, die Hände über der Brust gefal­
sich daraus entwickelnden Auseinan­ Auch der Steinhof wurde von Halfen tet, den Blick auf den Herrn gerichtet.
dersetzungen wurden 1396 dahinge­ bewirtschaftet, von denen wir anneh­ Seitlich „tragen" zwei gedrehte Säulen
hend beigelegt, daß Johann vom Stein men, daß sie jenes Segenskreuz bei mit jonischen Kapitellen, von Weinre-
den Johann II. von Loen als neuen ihrem Hof stifteten.
·14 Vgl. schulte, Helmut, Kleine Geschichte, s. 40 ff;
Herrn von Heinsberg und Löwenberg Herngesberg, Helga, Die Herr�n von Löwenberg, in:
anerkannte und dafür die löwenbergi­ Es ist ein ungewöhnliches Kultmal, eine Annalen 180, Bonn 1978; Ja .nzen 1 Hubert, Winter.­
scheid, Winterscheicl 1982, S. 165 ff; Müller, Her·
schen Besitzungen an der Sieg, darin reichgegliederte barocke Steinmetzar­ mann, Kriegsdoti-der domlnale Feldzehnt, TJrl XVIII,
S. 34 ff und Cramer/Thlebes, Die Honsc:hafl Ho1z.lar,
den Sieglarer Steinhof mit den anklebi­ beit des 17./18. Jahrhunderts. Der B0chlinghov0n L.Jnd Kohlkaul mit ihrem Weistum von
1646, Bonn 1994. S. 16-26.
gen Gerechtsamen, u.a. die Hälfte der mächtige Bildstock, zusammengesetzt 15 Bel Giemen, Paul/Renard, Edmund, Die Kunstden k ­
Sieglarer Kirche, zugesprochen bekam. aus Trachytquadern, wird von zwei al­ mäler dos Siegkreises, Düsseldorf 1907, S. 247, !esen
\'Vir:.,... eine K0rtusch13 mtt der f�st ganz ausgegange­
Der Hof zu Sieglar gelangte auf dem ten, hohen Platanen flankiert. Auf einer nen Sllftungslnschrift."
16 von tat. volutum :: das Gerollte. die Scl1necl<e,
Wege der Erbschaft an die Herren, die mehrstufigen Bodenplatte steht der 88 schneckenförmig gewundene Verzierung.
==================== 49 ====================

5 Das Steinsehe Kreuz

6 Deta/1s des Steinsehen Kreuzes

7 Schriftova/ mit einem Teil der entzifferbaren


Majuskeln

den Kreuzaufbaues, der hier durch die


Reliefdarstellungen überflüssig wird
und auch der Form widersprechen wür­
de, finden wir über dem Halbrund des
vorkragenden Daches eine Kugel -
Symbol für die erlöste Erde oder ledig­
lich eine optische Ergänzung.

Es bleibt ungewiß, wann dieser Bild­


stock aus dem Dorf an die heutige Stelle
versetzt wurde. Wir vermuten, daß dies
nach der Anlage des „neuen Friedhofes"

ben umrankt, das Gesims bzw. die in


- -- -- _,,.:-_

Gottvater, auf den Wolken sitzend, in ei­


(1891) gegen 1900 geschehen ist, da
1896 bei Delvos das Kultmal noch an
der alten Stelle beim Steinsehen Hof
der Mitte unterbrochene zweistufige Ab­ nem weiten unter der Brust gerafften mitten im Dorf angegeben wird.
schlußplatte. Den höchsten Punkt bildet Gewand, die Weltkugel in der linken
über dem Kreuz das INRI, Jesus Naza­ Hand, die Rechte zum Segensgestus Der schöne Bildstock sprengt den Rah­
renus Rex Judaeorum - Jesus von Na­ erhoben. Kruzifixus, Taube und Gottva­ men des Üblichen und ist für unser
zareth, König der Juden - das Christus­ ter im oberen Schaft und in der Giebel­ Stadtgebiet ein ungewöhnliches Kreuz­
zeichen. Es reicht in der Lücke im Ge­ nische bilden eine Einheit und erinnern mal, das besondere Beachtung ver­
sims ins Jenseits, in den Himmel, der in an die beliebte Darstellung der Trinität in dient.
der Giebelnische des halbrunden Da­ Form des „Gnadenstuhls".
ches dargestellt ist. Über einer Taube, Wer nun aber war sein Erbauer oder
Sinnbild des Heiligen Geistes, thront Anstelle des gewohnten abschließen- Stifter?
=================== 50 ========----==========

Leider ist die Inschrift im Fußoval heute sind, die übliche Art der Kreuze unseres
kaum mehr zu entziffern. 50 Jahre alte Stadtgebietes.
Fotos lassen indessen wenigstens ei­
nen Teil der in Majuskeln gehaltenen Auf dem Erdsockel bzw. der Fußplatte,
Schriftzeichen erkennen. die wieder in Naturstein nachgearbeitet
wurde, steht der 80 cm hohe Stipes, al­
Wir lesen in der Mitte so der Altarunterbau.
der i. Zeile: ... DRAGEN.HAT.ER Auf ihm lesen wir die Inschrift:
der 2. Zeile: ... SCHMERTZHAFTEN PET ER.OFERMAN
MUTTER... VND.SEBILLA
der 3. Zeile: ...DISEN FUSFALL BA... SCHEFERS.LASEN
der 4. Zeile: ...EREMUND.SIBILLA DIS.CRUETZ.IN
MARGARETA SCH ... GOTTES.EHREN
der 5. Zelle: ...ELEVTH.IN.SIGLOHR. AVFF.RICHTEN
GIP.O.JESV.GNAD ... 1734

Leider ist kein Datum zu erkennen. Wir Der untere Schaft ist durch die vorkra­
schätzen, daß der Bildstock Im 17.118. gende Altarplatte abgedeckt. Es folgt
Jahrhundert entstanden ist." der obere 82 cm hohe Schaft mit einer
60 cm hohen Muschelnische. Der Schaft
Wer aber war der Eremund und seine wird über der Nische durch ein dreistufi­
Ehefrau Sibilla Margaretha? ges Gesims gegliedert. Den Abschluß
bildet ein vierteiliges vorspringendes
Da der Vorname des Ehemanns der In­
8 Das Kreuz an der Küz von 1734
schrift nicht entnommen werden kann,
ist die Stiftung des Bildstockes schwie­ 9 Stifterinschrift des l(üz-Kreuzes
rig zuzuordnen. Um i 700 lebte in
Sieglar ein Peter Eremund, vermutlich
vor 1689 geboren. Er war vermählt mit
Katharina Weßeling. Am 25.5.1704 wur­
de eine Sibilla Margaretha Schmitz ge­
boren, die sich mit einem der Söhne
Eremunds vermählt haben könnte.
Wenn das zutrifft, kann das Steinsehe
Kreuz kaum vor i730 errichtet worden
sein. Nähere Einzelheiten sind nicht zu Pf.Tl r üf­
erfahren.
;VND-SEBILL A ,
Für diese Zeit geben die Kirchenbücher fiCl-flHR�t ASENl
nur unsichere Auskunft, da sie erst En­ DJ<;- CR VE TrtNI
de des 17., Anfang des i8. Jahrhun­ i GOTT[S·EHRENJ
derts angelegt wurden: das Taufregister
1689, das Heiratsregister i 708 und das j AVFT· RlCHTSNi
Sterberegister 1701.'"
I t7 3 4
Das Kreuz
an der Küz von 1734

Ursprünglich stand das aus Latit oder


latitischem Harttuff bestehende Kreuz­
mal mitten auf der Eintrachtstraße in
deren Einmündung in die Hauptstraße,
jetzt Larstraße, rechts und links davor Vor wenigen Jahren wurde es grund­ ,,Hauptgesims", darüber die hochge­
je eine 80 cm hohe Steinsäule, die auf legend überholt. Schadhafte Stellen wölbte Dachplatte, ein Haubenaufsatz,
dem pultdachförmigen Schluß einen wurden geflickt und der Sockel erneu­ auf dem der Kreuzsockel ruht.
Engelkopf zeigte, daneben die Dorf­ ert. Alles in allem wurde das Kreuz in
pumpe für die Nachbarn des Unterdor­ einer würdigen und ansprechenden Auf diesem steht der 1,60 m hohe Kreu-
fes. In der Nazizeit, kurz nach der Form wieder hergerichtet.
„Machtübernahme", ließ Bürgermeister 17 Vgl. Schulte, Helmtrt, Ein Bildstock in Troisdorf­
Sieglar, TJH XV, S. 129, und TJH XXIV, S. 193.
Hörsch das Kreuz von diesem Standort Es zeigt einen reichgegliederten Auf­ 18 Herrn Hermann Müller, Verwalter des Sieglarer Pfarr­
entfernen. Es wurde an der Ziegelstein­ bau; es ist ein Gliederkreuz, d.h. es be­ archivs, sei :m dieser Stelle für die Gewährung der
Einsichtnahme in die Register und für seine Mithilfe
wand der Gaststätte Küz, der jetzigen steht aus mehreren Einzelteilen, aus bei der Durchsicht der Bücl1er gedankt.
19 Nach freundlicher Mitteilung van KJ. Arnold und Jo­
Stelle, neu aufgestellt." Aufbauteilen, die ineinander verankert hann Harz. t.
================--=== 51 =====================

zaufsatz. Die Kreuzenden schließen in


einem Dreipaß. Über Totenschädel und -
knochen hängt der Kruzifixus, ein Hoch­
relief; der Kopf, gekrönt mit der Dornen­
krone, ist nach links geneigt, das Len­
dentuch ist rechts verknotet, eine beein­
druckende Steinmetzarbeit.

Der Kreuzaufbau hat eine Gesamthöhe


von 4 m. Dieses Kreuzmal ist das einzi­
ge in Sieglar, das der damals bei uns
üblichen Form entspricht.

Liebesvolles Bemühen, die verwittern­


de Inschrift auf dem unteren Schaft
durch Aufarbeitung der Schriftzeichen
10 Der alte Standort des
Missionskreuzes von 1763

11 Die Missionskreuzgruppe
von 1763 im K:alvarienhaus

mit dunkler Farbe wieder deutlich her­


vorzuheben, haben auch hier zu einem
Lesefehler bzw. zu einem Mißverständ­
nis geführt, indem der Frauenname des
Stifterpaares in SCHIFERS verändert
wurde. Da die Farbe inzwischen ver­
schwunden ist, kann statt des I ein in Li­
gatur dem SCH angefügtes E erkannt
werden. Die Frau hieß also SIBILLA
SCHEFERS bzw. Schäfer. Solches be­
stätigt das Kirchenbuch, das die Ehe­
schließung eines Peter Offermann und
einer Sibilla Schäfer auf den 26.2.1726,
also acht Jahre vor der Errichtung des
Kreuzes, datiert. Peter Offermann, der
am 23.7.1771 starb, gehört dem Siegla­
rer Bauernstand an und wird daher im
Sterberegister als „agricola" geführt.

Indessen muß dieses Kultmal an die


Stelle eines Vorgängerkreuzes getreten
sein.

In einem „Weistum" von 1652/54 heißt


es nämlich: ,,Die Flacht in Lair fahet an
in der gaßen (heute Eintrachtstraße,
früher Zänkgasse bzw. Senkgaß) vor
welcher daß Creütz stehe! hinder dem
Berge binnen Sieglar.""

Das „Missionskreuz"
von 1763
Gegen die Nordseite des Sieglarer
Kirchturms steht heute eine Kreuzi­
gungsgruppe, die der Volksmund „das
Mlssionskreuz" nennt und die etliche
Jahre als letzter Segensaltar in Ge­
brauch war.

20 HSTAD Siegburg Akten 312 - s. dazu TJH XXI, S. 16,


Helmut Schutte: Sieglarer Fluren 1 Sieglarer Naine,i.
==================== 52 ====================

Ursprünglich stand sie mitten auf dem Kauffmans


Kirchplatz zwischen Pastorat und Gast­ et
halls (später Kinsosaal) Gehlen. Sie war Catharina
als „Kalvarienberg" in einem halbrun­ Elisabetha
den, nach Süden offenen, gemauerten Kleins
Gebäude mit geschweiftem Dach auf­ Conjuges"
gestellt, das der Konche einer romani­ (= Eheleute)
schen Apsis nachgebildet war. Die Fi­
gurengruppe stand auf einem steiner­ Heinrich Kaufmann und Katharina Klein
nen „Altartisch". Die Nische wurde haben also dieses aufwendige Kultmal
durch ein meterhohes Eisengitter auf gestiftet.
der Südseite geschlossen.
Wir finden in den Kirchenbüchern des
Unter der Hitlerherrschaft wurde um Sieglarer Pfarrarchivs die Eintragungen
1940 der Kirchplatz neugestaltet und über die Geburt ihrer Kinder. Als erstes
u.a. gepflastert. Der Kalvarienberg galt Kind wurde am 24.6.1735 die Tochter
auf eihmal als Verkehrshindernis und Elisabeth geboren. Die Vermählung bei­
mußte abgebrochen werden, bei dem der wird zu Anfang der 30er Jahre an­
damaligen sehr geringen Verkehrsauf­ 12 Die Kreuzlgungsgruppe an der Südseite des zusetzen sein. Da sie in dem 1708 be­
romanischen Turmes
kommen bloße Schikane. Kreuze paß­ ginnenden Heiratsregister nicht er­
ten nicht in die ldiologie der National­ 13 Stifter-Inschrift Im Mlssionskreuz scheinen, mögen sie von auswärts zu­
sozialisten - in dieser Hinsicht waren gezogen sein oder auswärts geheiratet
die Nazigrößen der Großgemeinde haben, weil ein Ehepartner nicht aus
Sieglar linientreu. Schon vorher war, Sieglar stammte. Sicherlich sind sie
wie berichtet, das Kreuz an der Küz nach der Taufe ihres ersten Kindes im
versetzt worden. Kurze Zeit später wur­ Kirchspiel Sieglar seßhaft gewesen.
de in Bergheim das Kreuz vor der Kir­ Heinrich Kaufmann starb als „angese­
che entfernt. Es stand mitten auf der hener, frommer Mann am 11.11.1762 in
Straße unter einer Linde, daneben die Sieglar, gestärkt durch hl. Sakramente",
Dorfpumpe. Kreuz, Pumpe und Linde noch ehe die Kreuzigungsgruppe fertig­
sind spurlos verschwunden. - Heute ist geworden war. Vielleicht hat ein Ver­
dort wegen des hohen Verkehrsauf­ sprechen und die Bitte, ihn aus schwe­
kommens, wie an vielen anderen Stel­ rer Krankheit zu befreien, zur Stiftung
len In der Stadt, zur Verkehrsberuhi­ geführt. Er wird im Kirchenbuch u.a als
gung eine Verkehrsinsel angelegt wor­ „agricola", als Bauer, geführt, woraus
den. An anderen Stellen wurden die nicht zu entnehmen ist, ob und wo er
Fahrbahnen durch Baumpflanzungen auf einem Herrenhof als Halbwinner ge­
eingeengt. So ändern sich die Ansich­ wirtschaftet hat. Jedenfalls muß er
ten! - gemäß der aufwendigen Stiftung zu
den wohlhabenden Bauern Sieglars zu
Wie dem auch sei, der Kalvarienberg zu rechnen sein. Seine Frau Katharina
Sieglar hat neben dem Turm einen wür­ Elisabeth überlebte ihn um 18 Jahre.
digen Platz gefunden. Die Kirchenge­ Sie starb am 4.10.1780 als Witwe."
meinde hat ihn dort auf eigene Kosten
ohne die kapellenartige Umbauung neu
errichtet. Hier steht die steinerne Kreu­
zigungsgruppe wieder auf einem etwa
Das Kerpsche
einmeterhohen freistehenden Altartisch. Stationskreuz am
In der Mitte erhebt sich das Kreuz mit Schirmhof
dem Kruzifixus, einer im ganzen auf­ doch eine grob gestaltete Steinmetzar­
rechten Gestalt, den Kopf leicht ge­ beit, die eine feine Durchformung ver­ Es steht in der Larstraße gegenüber der
neigt, das Lendentuch an der linken missen läßt. Der Faltenwurf ist gerade­ Einmündung der Alemannenstraße. Ur­
Seite verknotet. Links Maria in langem, zu unsachgemäß gestaltet. Gleichwohl sprünglich befand es sich etwa 50 m
faltenreichen Kleid, die Hände gefaltet, vermittelt die Gruppe in ihrer Gesamt­ weiter in nördlicher Richtung an der
ihr Kopf ist nach rechts zum Kreuz hin heit einen würdevollen, ansprechenden, Ecke Kerpstraße/Larstraße unter einer
geneigt, der Blick gesenkt. Rechts un­ aussagekräftigen Eindruck.21 hohen Linde neben dem Brunnen für
ter dem Kreuz Johannes, der Apostel die Nachbarn des Mitteldorfes. Da das
und Kirchenpatron, den Kopf dem Ge­ Über die Stifter unterrichtet eine In­ dabeigelegene Fachwerkanwesen der
kreuzigten zugewandt, die Rechte auf schrift auf dem untersten Teil des Kreu­ Familie Over gehörte, die unter dem
die Brust gelegt, die Linke nach unten zes. Dort lesen wir: Beinamen „Fritze" bekannt war und die
ausgestreckt, er wolle er die Zuschau­ „Posuere (mit drüber geschriebenem
enden auf das Geschehen am Kreuze Kürzel = posuerunt, haben er­ 21 Vgl. Clemen/Renard, S. 247, und Oehio, Georg, Hand­
aufmerksam machen; auch er in lan­ richtet) buch der deutschen Kunstdenkmäler, Rheinland, be­
arbeitet von Ruth Schmitz-Ehmke, 1967, S. sa-1.
gem Gewand. Die lebensgroßen ba­ Henrics (mit angehängtem Kürzel = 22 Vgl. auch Qinen Bericht über die Kreuzigungsgruppe
von Pastor Heimers im „Pfarrgeme.indebrief St. Jo­
rocken Figuren aus Latitgestein sind je- Henricus, Heinrich) hannes Sieglari Heft Nr. 1 1 1975" .
=================== 53 ================,--==

„J. Gymnich in Cöln", so lesen wir am gotischen Säule gestalteten Konsole,


Fuße des Males. Es wurde in neugoti­ mit Blattwerk reich verziert.
schem Stil gestaltet und zeigt reichen
ornamentalen Schmuck: Darüber erhebt sich ein weiterer Schaft
von 70 cm Höhe. Einer Dreipaßverzie­
Auf der verhältnismäßig dünnen Fuß­ rung vorgestellt steht auf einer zweiten
platte, deren Kanten nach oben ge­ Konsole von gleicher Art wie vor be­
schrägt sind, steht ein 45 cm hoher schrieben eine Sandsteinstatue des hl.
Sockel mit einem schlichten Vierpaßor- Johannes; darunter in einem Schrift­
band des Gesimses die Inschrift:
14 Das Kerpsche Stationskreuz am Schirmhof
von 1859 H.JOHANNES BITTE FÜR UNS
Der Heilige, eine jugendliche Gestalt in
15 Inschrift der Stiher Kerp-Forsbach
langem geschürzten Gewand, mit
gelocktem Haar, zeigt keine Attribute.
Gemeint aber ist offensichtlich der
Sieglarer Pfarrpatron, der Apostel Jo­
hannes.

Auf dem kurzen geschrägten flachen


Dach steht der Kreuzsockel, darauf der
Kreuzaufsatz, etwa 1 ,90 m hoch, des­
sen Kreuzarme in Achteckpyramiden
enden. Der Kruzifixus, aus gleichem
Gesteinsmaterial vollplastisch gearbei­
tet, von würdevoller Haltung wurde be­
kannten älteren Vorbildern nachemp­
funden.
1, 111.,,m
1111 lnlu, ",•i Dieses monumentale Kreuzmal wurde,
wie die Inschrift sagt, von der Familie
Kerp und Forsbach gestiftet. Es handelt
sich hierbei um die Ehe- und Ackers­
leute Johann Adolph Kerp und Elisa­
beth Forsbach.

Allein, als das Stationskreuz errichtet


wurde, war Johann Adolph längst tot.
Auch sein Sohn Johannes Kerp, der
langjährige, verdiente Bürgermeister
der Gemeinde Sieglar, war bereits im
Alter von 47 Jahren auf dem Schirmhof
gestorben (1853). Jedoch sein Bruder
das Kreuz wohl - natürlich mit Hilfe der nament; darüber das Sockelgesims. Es Wilhelm Kerp amtierte damals als Bür­
übrigen Nachbarn - gepflegt hat, wurde folgt der 90 cm hohe Stipes. Darauf le­ germeister und hat dieses Amt 32 Jah­
in unserem Jahrhundert das Kreuzmal sen wir die Inschrift: re innegehabt. Er starb ??jährig auf
von den Sieglarer Einwohnern meistens dem Schirmhof zu Sieglar, also im
,,Fritze-Kreuz" genannt. Dieses Stations-Kreuz Schatten des Familienkreuzes, nach ei­
wurde errichtet nem erfüllten Leben als geachteter Vor­
Als im Zuge des Rathausbaues bzw. zur höchsten Ehre Gottes gesetzter der Gemeinde, in der er als
der Gestaltung der Außenanlagen der und Inhaber verschiedener Ämter (Kirchen­
alte Schirmhof und alle Häuser der dem zum christlichen Andenken vorstand, Schulvorstand, verschiedene
Rathaus zugewandten Seite der Lar­ an die Familie Ausschüsse, u.a. des Siegkreises,
straße abgerissen wurden, mußte auch Kerp und Forsbach u.dgl.), mit mehreren Ehrungen ausge­
das stattliche Stationskreuz seinen zu Sieglar zeichnet (Ritter des Rathen Adler Or­
Standort wechseln und wurde an der im Jahre 1859 dens), gewirkt hat."
heutigen Stelle aufgebaut.
Über der Inschrift im gotischen Spitz­ Standort und Stifter lassen dieses Kult­
Bald zeigte sich, daß eine Überarbei­ bogen finden wir die Symbole der „3 mal als „Schirmhofkreuz" erscheinen.
tung des stellenweise schadhaften göttlichen Tugenden", Glaube, Hoff­ Möglicherweise hat an dieser oder ei­
Kreuzes notwendig war. Daher wurde nung und Liebe, dargestellt durch ner benachba1ten Stelle ein Vorgänger­
es schon vor einigen Jahren restauriert. Kreuz, Anker und Herz. Im unteren Teil kreuz gestanden, vielleicht eine Stiftung
des reichgegliederten, etwa 65 cm ho­ eines früheren abteilichen Halfen.
Das etwa 5, 10 m hohe Kreuzmal be­ hen Hauptgesimses befindet sich die
steht durchgehend aus einem gelben 23 cm vorkragende, kleine Altarplatte
23 Vgl. Schulte, Albert, 150 Jahre Sieglarer Gemeindepo­
Sandstein. Hergestellt hat es die Firma auf einer in der Art eines Kapitells einer litik, Spich 1964, S. 40·49.
===================== 54 =====================

Das Mordkreuz lieh am 2 5. März 1990 neben dem


Meindorfer Weg, also durchaus noch
standortgerecht, das wiederholt restau­
Ein Wegekreuz ganz anderer Art ist das rierte Kreuzmal endgültig Aufstellung
„Mordkreuz" außerhalb des Dorfes in
der Verlängerung der Meindorfer­
Straße. Nach einer mehrjährigen Odys­
. j nr�
I\N NO I 8 D
SsEP1
l V LEY '
finden?'

Der Fuß ist offensichtlich erneuert bzw.


see hat es hier in einer kleinen gärtneri­ S ergänzt worden. Vermutlich fehlt daher
iSTCATHA� NAr f:GSGEN
schen Anlage am Wegrand Aufstellung die unterste Zeile des Texts. Im übrigen
gefunden.
ALLHiR!,E5 f��H s. t. WiS�HN sind die Schriftzeichen in Schwarz
IOVl\D !IVI-REr 1:j�(H il-MNflGEN deutlich nachgezogen. Der besseren
Das kleine Kreuz aus Sandstein hatte ENHM? NLRB1RI M.i<HIRMORO Lesbarkeit wegen wurden die Anfangs­
jahrzehntelang unbeachtet in der FT\rJORDEf\J�r CJEDAE(HTIWS buchstaben eines jeden Wortes in Rot
�ASEN • HEYDl:fl-E
Feldau der Niederung in der Stachel­ U\fTH\jt iJ l Ll,-ELtlM hervorgehoben, eine nützliche Hilfe, da
beerhecke eines Gartens gestanden. IS"�El\f.f Vf\Dr,IRD die durchgängigen Großbuchstaben
Die Inschrift war verwaschen, der Text D�DH: lU.<iERr ohne Zwischenräume in geschlossener
!AESES (ßl/'T-l
wurde kaum von jemand wahrgenom­ V(I-R El\l!E Folge aneinandergereiht sind.
,;,,.,. t'ARI
men. Man munkelte indessen, daß hier
f :, ._.
vor fast 250 Jahren, ein Ehemann seine In diesem Zusammenhang sei auf eine
Frau .auf dem Heimweg vom Pütz­ notwendige kleine Korrektur hingewie­
chensmarkt umgebracht habe. Mitte sen: In der 9. Zeile müßte das letzte M
der 50er Jahre nahmen sich die Siegla­ in Rot gefaßt, um ein E, das in Ligatur
rer Pfadfinder des verlassenen Kreuzes angefügt ist und darum übersehen wur 0
unter Karl-Josef Arnold, heute Stadtdi­ de, ergänzt und in der 10. Zeile das An­
rektor von Niederkassel a.D., und Heinz fangs I in Schwarz geändert werden.
17 Das Mordkreuz
Höngesberg, heute Pfarrer von Reichs­ Auch hier hat die Verwitterung des
hof-Eckenhagen, an. Vor allem wurde 18 Heinz Höngesberg versuchte die Schrift mit Steins bei der letzten Restaurierung zu
weiß9r Kreide zu entziffern.
damals das Kreuz vom Gestrüpp befreit Lesefehlern geführt. Auch sind die Li­
und die in den Stein gemeißelten gaturen zu beachten, vor allem wenn
Schriftzeichen zuerst mit Kreide hervor­ einem T ein E angeschlossen ist.
geholt und später mit schwarzer Farbe
nachgezogen und so wieder lesbar ge­ Unter Beachtung der vorgeschlagenen
macht. Korrekturen lautet die Inschrift in der
jetzigen Form:
Zehn Jahre danach war das kleine
Kreuzmal spurlos verschwunden. War IHS SEPTE
es gestohlen worden? Und wer hatte es ANNO 1748 D IVLEY
weggenommen? Die Umstände der Be­ IST CATHARINA MEYSGENS
seitigung wurden nie aufgeklärt. Es ist ALLHIR DES NACHS ZWISCHEN
durchaus möglich, daß ein Liebhaber 10 UND II VHRE DVRCH IHREN EIGEN
alter steinernen Kultmale das im Feld EN EHEMAN ERBÄRMLiCH ERMORD
liegende kleine Denkmal einfach mit­ ET WORDEN ZU GEDAECHTNVS
nahm, um es zu Hause aufzustellen dorf machte Eigentumsansprüche gel­ LASEN BEYDE EHE
oder auch um es einem Antiquitäten­ tend und konnte dazu entsprechende LEVTH WILELM ME
händler zu verkaufen. So wurde bei­ Eintragungen im Sterberegister der ISGENS VND GIRO
spielsweise etwa gleichzeitig in Berg­ Sieglarer Pfarrei und Fotos vom Kreuz DRVD HEILLGERS
heim das aus dem Jahr 1686 stammen­ vor der Entwendung vorlegen."" Am DIESES CRVTZ
de Schnickelkreuz gestohlen." 22.9.1986 gab der Kölner Oberstadtdi­ ZU EHREN IE
rektor Rossa gegen Erstattung der Re­ SVS MARIA /JOSEPH
Wie dem auch sei, 1977 kam das staurierungskosten von 3000,- DM und
Mordkreuz bei Ausschachtungsarbeiten nach Zustellung eines Repliks an den Darunter ist zu ergänzen AVFRICHTEN
in Köln-Dünnwald wieder zum Vor­ Hauseigentümer in Dünnwald die Rück­ Übertragen in eine zeitgenössische
schein. Es wurde unweit der Fundstelle gabe frei. Sieglar bekam das alte Stein­ Fassung:
in eine Hauswand eingemauert. Von der mal wieder zurück.
Denkmalpflege in Köln wurde der Ge­
denkstein registriert und in die Veröf­ Nun mußte zuerst der Standort aufbe­ 24 S. TJH IX, S. 101
25 Die Angelegent,elt wurqe durch den Leiter des Schul­
fentlichung „Wegekreuze und Bild­ reitet werden. Da inzwischen aber an verwaltungs- und Kulturamtes a.D. Georg Kern · bear­
beitet, der u.a. durch sein eigenes Foto von 1956 und
stöcke in Köln" von Christa Zingsheim der 1. Abzweigung des Weges zur den Auszug aus dem Sterberegister des Sieglarer
Pfarrarchivs die eindeutige HerkunH des Kreuzes aus
aufgenommen. Hierin fand 1983 Pastor Eschmarer Mühle von dem Meindorfer i;;ieglar nachweisen konnte.
Heinz Höngesberg per Zufall zu seinem Weg, der ursprünglichen Stelle, nach 26 Über das Sieglarer Gedenkkrauz, die Wiederent-
n f l 1
Erstaunen die Abbildung des verschol­ der Flurbereinigung nicht genügend ��i��;,9si u�a��� M���!�h�� ���� ig��j�����\i��
24.11.1989 und vom 12.7.1994 -darin ein Antrng von
lenen Kreuzes, das er in seiner Jugend Platz zur Vetiügung stand, stellten die Kurt Sclineider und Leo Overath, das Gedenkkreuz in
die 0enkmi311iste aufzunehmen. Ich danke Herrn Kur'!
mit betreut hatte. Nun setzten intensive Stadtwerke eine etwa 100 m2 große Schneider für c1io Zustellung der Akte über die Rück­
Bemühungen um die Rückführung an Fläche zur Verfügung, die wenige Meter fül1rung des KreuzlTials, die er mit Leo Ovorath durch
entspr.:,ci1ende Anträge bei der Stadtverwaltung un­
den alten Standort ein. Die Stadt Trois- siegwärts gelegen ist. Dort konnte end- terstUtzt hat..
=====----============---== 55 =========--==========:-,

via de mane sie inventum corpus eius


exanime."

Übersetzt: ., 1748... (Die am Rande ste­


hende Tagesangabe ist nicht lesbar)
September wurde Frau Katharina Meis
gewaltsam mit einem Messer niederge­
macht bzw. von einem Schwert durch­
bohrt, und zwar nachts, als sie von der
Quelle der hl. Adelheid zurückkehrte;
so wurde ihr entseelter Leib in der Mor­
genfrühe nahe unserer Gärten am We­
ge gefunden."

Im Gegensatz zu der Kreuzinschrift wird


hier eine Uhrzeit des Mordes nicht er­
wähnt. Ebensowenig ist die Sprache
von dem Ehemann der Ermordeten als
dem T äter.

Jedenfalls haben die auf dem Kreuzmal


vermerkten Eltern Genaueres gewußt
oder auch nur vermutet und aus Gram
über den Verlust ihrer Tochter durch
solch schändliche Umstände den Ehe­
mann als den (mutmaßlichen) Täter ge­
brandmarkt. Dessen Name ist bezeich­
nenderweise weder auf dem Kreuz
noch im Kirchenbuch ervvähnt.

Zudem gibt die Datumsangabe der


Kreuzinschrift Anlaß zur Verwirrung.
Dort ist vom Monat „Juley" die Rede,
also von einer Zeit, in der in Pützchen
nicht Wallfahrt noch Markt stattfindet.
Auch findet sich in der 2. Zeile hinter
dem D, das zu DEN ergänzt werden
könnte, eine Lücke, und seitlich darü­
ber wurde ein „SEPTE" gesetzt. Mir
scheint, hier handelt es sich um einen
späteren Nachtrag; denn es gab kei­
nen sichtbaren Grund bei der Angabe
des Datums die Zeile zu verlassen. Hat
der Steinmetz, der die Schrift ein­
meißelte, die Vorgabe falsch verstan­
den? Hat er vielleicht aus einem 7bris,
dem lateinischen „Septem"-bris, auf
den 7. Monat im Jahr, den Juli, ge­
schlossen? Wir müssen auf eine
schlüssige Erklärung verzichten. Auch
bleibt die Frage nach dem tatsächli­
chen Mordmotiv offen.
19 Eintragungen ;m Sterberegister

Zu den Familienverhältnissen der be­


troffenen Familie Meis - es gibt in
Sieglar mehrere Stämme Meis - finden
,,IHS (Jesus-Monogramm) ria , Josef aufrichten." wir in den Kirchenbüchern folgende An­
Anno 1748 d(en) ... Juli (darüber 7. oder gaben: Am 28.4.1721 heirateten Wil­
September) ist Katharina Meysgens (= Der Text wird durch die Eintragungen helm Meis und Gertrud Hilger in der
Meis oder Meisgens) allhier des Nachts im Kirchenbuch nur bedingt bestätigt. Pfarrkirche zu Sieglar. Am 2. Februar
zwischen 1 O und 11 Uhr durch ihren ei­ Im Sterberegister lesen wir: ,,1748 1729 wurde Katharina Meis als 4. Kind
genen Ehemann erbärmlich ermordet ...7bris violenter occisa fuit cultro e gla­ geboren. Als sie ermordet wurde, war
worden. Zum Gedächtnis lassen beide dio transfosha mutier Catharina Meys­ sie mit 19 Jahren jung verheiratet. Die
Eheleute Wilhelm Meis und Gertrud Hil­ gen et quidem de nocte rediens ex fon­ Eltern haben Ihre Tochter um 24 Jahre
ger dieses Kreuz zur Ehren Jesus, Ma- te S. Adelheidis prope hortos nostros in überlebt. Seide starben arm (er als
================-=== 56 ==================

mendicus bezeichnet) im Herbst 1772 2.10. und Gertrud Meis am 8.11.


kurz hintereinander, Wilhelm Meis am

Peter Haas
Geboren in Sieglar: Dr. Alfred Meier
In diesen Wochen erfolgt in Troisdorf - Sein zwei Jahre jüngerer Vetter Arnold
Bergheim der Endausbau einer Straße, erinnert sich, daß Alfred ein besonders
die gemäß dem Beschluß des Haupt­ sprachbegabter, guter Schüler und ein
ausschusses der Stadt Troisdorf vom ausgezeichneter Sportler war. Das dürf­
28. 2. 1996 „Alfred-Meier"Straße" heißt. te ihm die Achtung mancher Kamera­
Der Ausschuß folgte, was den Namen den eingebracht haben, wenn diese
der Straße betrifft, der Empfehlung des auch, da kann man gewiß sein, mehr
„Arbeitskreises Straßennamen", der als nur fragende Blicke hatten, wenn
sich einen Vorschlag von Matthias De­ Alfred abseits stand, während sich das
derichs, dem Vorsitzenden des Heimat ganze Dorf in der Kirche versammelte,
und Geschichtsvereins und spiritus rec­ und statt dessen mit seinen Eltern oder
tor des Stadtarchivs, zu eigen gemacht zweimal in der Woche alleine zum Reli­
hatte. Wenige Dokumente genügten, gionsunterricht bei Herrn Lachmann
um Arbeitskreis und Ausschuß davon aus Bonn die Synagoge in Mandorf be­
zu überzeugen, daß er die richtige Na­ suchte. Über diese Lebensumstände
menwahl traf. Wer war dieser Alfred Dr. Alfred Meier schreibt Arnold einsilbig: ,,Wir beide
Meier, dessen Ehrung alle Mitglieder hatten es nicht leicht." Doch erinnert er
der drei Fraktionen auf Anhieb zu­ und lebt heute als verheiratete Miriam sich auch, leider ohne Einzelheiten zu
stimmten? Katwan in Haifa. Sie gab brieflich und nennen: ,,Wir hatten ausgezeichnete
telefonisch wichtige Auskünfte über Lehrer und hilfreiche Nachbarn."
Alfred Meiers Großvater Benjamin, ge­ ihren Vetter Alfred. Das älteste Kind der
boren 1835, hatte mit seiner Frau Hen­ Spicher Familie Meier war Arnold'. Er Von 1913 bis 1922 besuchte Alfred das
rietta acht Kinder, 6 Jungen und zwei wurde 1904 geboren, absolvierte das Gymnasium in Siegburg und hatte da­
Mädchen, von denen drei Im Troisdorfer Gymnasium in Siegburg, studierte in durch nur noch über den Sport Kontak­
Stadtgebiet von heute ansässig Köln und an der Sorbonne Französisch, te mit der Dorfjugend. Der jedoch war
blieben': emigrierte im März 1933 und wurde wohl eng, denn er war ein ausgezeich­
Lehrer für Französisch in England, wo er neter Turner und Fußballer und später
Emanuel Meier wohnte mit seiner Frau heute noch - in Manchester - lebt. Er mehrere Jahre stellv. Vereinsvorsitzen­
Aegina in Troisdorf in der Poststraße 69. besuchte 1989 seinen Geburtsort Spich der. Der zunächst beschwerliche Schul­
Sie hatten zwei Söhne, die als Erwach­ und gab bei dieser Gelegenheit Mat­ weg wurde ihm ab dem 25. Mai 1914
sene „Im Grotten" wohnten. Während thias Dederichs einen Brief seines Vet­ erleichtert, als der „Rhabarberschlit­
die beiden Söhne dem Holocaust ent­ ters Alfred aus dem Jahre 1945, der ten", die Straßenbahn zwischen Zün­
kamen, Arthur starb 1982 in Dortmund ausschlaggebend dafür wurde, in Trois­ dorf und Siegburg, den Betrieb auf­
und Josef emigrierte 1939 über England dorf eine Straße nach ihm zu benennen. nahm.
nach Australien, starb Vater Emanuel
1942 im Internierungslager Much; Aegi­ Benjamin und Henrietta Meiers drittes Nach dem Abitur arbeitete Alfred zwei
na, ihre 1935 von Josef geschiedene Kind, das im heutigen Troisdorfer Jahre als Werkstudent bei den Klöck­
Schwiegertochter Selma und deren Stadtgebiet wohnen blieb, war Moses ner-Mannstaedt-Werken und studierte
Sohn Günther wurden 1942/43 in Trosti­ Meier, der in Sieglar die elterliche Metz­ anschließend zunächst in Köln und
nez bzw. Sobibor ermordet. gerei, die vermutlich schon der Groß dann in Bonn Jura. Nach der 1 . Staats-
und Urgroßvater betrieben hatten, wei­
Der zwei Jahre jüngere Bruder Emanu­ terführte und in zweiter Ehe mit seiner 1 Diese und die folgenden Angaben zur Familie Meier
els, Philipp, nahm mit seiner Frau Eva, Frau Mathilde drei Kinder hatte. Der äl­ sind der Ahnentafel von Miriam Katwan entnommen.

genannt Hanna, als Metzger seinen teste Sohn, Karl, emigrierte 1928 eben­ 2 Dr. Arnold Meier hatte 1989 die Einladung von Matthias
Wohnsitz in Spich. Sie hatten zwei so wie die Schwester ein Jahr zuvor in Dederlchs zur Jubiläumsfoier „850 Jahre Spich" ange­
nommen, Dazu brachte er den Brief seines Onkels Dr.
T öchter und einen Sohn. Die ältere die USA. Während Karl inzwischen ver­ Alfred Meier mit, den dieser am 5. Oktober 1945 an Ihn
Tochter, Erna, heiratete Martin Lesser, mutlich gestorben ist, lebt Ellen, verhei­ geschrieben hatte. Eine Kopie davon erhielt ich ein.lge
Jahre später von Herrn Dedl?richs. Diese und einige an­
wurde mit ihm 1941 ins Internierungsla­ ratete Zodikoff, noch in einem Pflege­ dere Unterlagen gab Ich Ende 1996 meiner Kollegin Mo­
ger Much verbracht und vermutlich spä­ heim in den USA. Von den drei Ge­ nika Möl!erJ die einen Kurs des Jahrgc1ngs 9 (Sozialwis­
senschaften) zu weiteren Recherchen anleitete. 1ch dan­
ter deportiert. Die jüngere Martha (Mi­ schwistern blieb einzig Alfred in ke allen für die Bereitschaft. mir ihr Material zur Ver1ü­
riam) emigrierte 1934 nach Palästina Deutschland. gung zu stellen.
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prüfung promovierte er und absolvierte anwaltschaft vom 7. April 1933 am 26. drei Monaten an Typhus, so daß er in
1930 in Berlin die 2. Staatsprüfung. Juni 1933 aus der Liste der Anwalt­ ein Behelfshospital in Perpignan verlegt
schaft gelöscht"". Was für Qualen wird, wo er nach sechs Monaten ge­
In seinen Studienjahren dürfte sich sei­ durchlebt ein Mensch, der seine Heimat nest. Im Umgang mit dort lebenden
ne Anschauung gefestigt haben, daß er verläßt, weil die politischen Umstände Spaniern lernt der Sprachbegabte in­
sich als „Deutscher mit jüdischer Kon­ ihm das Leben zur Hölle machen; um nerhalb kurzer Zeit Spanisch. Nachdem
fession" empfand. So jedenfalls äußer­ wieviel entsetzlicher ist es, unter diesen seine Frau ihm aus Brüssel nachgereist
te sich Arnold Meier in einem Brief vom Bedingungen zu bleiben, weil man El­ ist, macht er sich zusammen mit ihr aus
12. November 1996 an Schülerinnen tern, Freunde und alles von Kindheit an dem Staub und taucht in Marseille und
und Schüler der Gesamtschule Trois­ Vertraute nicht zurücklassen will. Alfred danach in Mittelfrankreich unter, bis er
dorf: ,.Alfreds Weltanschauung stand im Meiers Nichte Lillian Zodikoff erinnert Mitte des Jahres 1942 zum französi­
Gegensatz zu meiner, Jude sein bei ihm sich in einem Brief vom 12. Februar schen Arbeitsdienst eingezogen wird.
war eine Frage nur der Religion, 1997: ,,In dieser Zeit forderten meine In dieser Zeit schickt ihm sein Bruder
während für mich jüdisch sein auch ein Eltern Dr. Meier und seine Eltern auf, in Karl aus den USA 200 Dollar, ein letzter
ethnisches Element ist." Doch dürfte die USA zu emigrieren. Wegen ihres Al­ Versuch, ihm die Flucht aus Europa zu
Alfreds Weltbild Ende der zwanziger ters scheuten die Eltern die Anstren­ ermöglichen. Alfred flieht nicht, son­
Jahre mit dem zunehmenden Antisemi­ gung einer so langen Fahrt, und unter dern legt das Geld in eine Dose mit
tismus erschüttert worden sein. Zwar dem falschen Eindruck, es würde doppeltem Boden, in der er ansonsten
wissen wir nicht, ob der Beruf des nichts Schlimmes passieren, weigerten Papiere und Familienfotos aufbewahrt.
Rechtsanwalts sein originärer Wunsch sie sich, nach Amerika zu kommen. Al­ Dann geschieht, worüber er im Oktober
war, doch war es seit der Reichsgrün­ fred blieb, weil er sie nicht alleine las­ 1945 in einem Brief an seinen Neffen
dung von 1871 so, daß jüdischen Juri­ sen wollte." Arnold folgende ironisch distanzieren­
sten die Laufbahn des Richters und der den Worte findet: ,.Ich verfiel erneut der
Staatsdienst praktisch verschlossen Nach dem Berufsverbot zog Alfred zu magnetischen Anziehungskraft der
waren, so daß ihnen nur der Beruf des seinen Eltern nach Sieglar. Man kann deutschen KZ (und wurde) via Drancy
Rechtsanwalts blieb. Dies änderte sich nur ahnen, welche Hölle der in der Mit­ nach Oberschlesien deportiert."
zwar de iure in der Weimarer Republik, te seines Lebens Stehende und zum
doch de facto blieb es bei der über­ Berufsverbot Verurteilte, der gelegent­ Das nicht nur wegen seiner Größe
kommenen Rollenverteilung: Es gab lich Firmen der Umgebung beriet, in schrecklichste aller Konzentrationsla­
kaum jüdische Richter, dafür jedoch den nächsten fünf Jahren durchlebte. In ger, ein Synonym für die Schreckens­
unverhältnismäßig viele jüdische welche Höllen er ab 1938 hineingewor­ herrschaft der Nazis, ist zweifellos das
Rechtsanwälte. So wurde auch Alfred fen wurde, davon zeugen seine eigenen KZ Auschwitz. Es bestand 1943 aus
als „Dr. Meier III" am 27. Januar 1931 Berichte, die seiner Verwandten und ei­ drei Lagern: dem Stammlager (KZ 1),
zur „Anwaltschaft beim Amts- und ne Niederschrift, die der Niederkasseler Birkenau (KZ II) und dem Außenlager
Landgericht in Bonn zugelassen". Sei­ Gemeindedirektor erstellen ließ, als er (KZ 111). Diese lagen wie in einem zwei­
ne überwiegend zivilrechtliche Praxis 1974 von Alfred Meier Auskünfte über fachen Spinnennetz in einem Netz von
und seine Wohnung hatte er in der das Leben der Mondorfer Synagogen­ Verkehrswegen aus ganz Europa für die
Münsterstraße 24 in Bonn'. gemeinde erbat. Menschentransporte und einem Netz
von mehr als 40 Arbeitslagern in der
Es ist völlig undenkbar, daß Alfred zu Demnach kam Alfred Meier am 10. No­ näheren und weiteren Umgebung. Fast
Beginn des Jahres 1933 verborgen vember 1938 ins KZ Dachau. Weil er 100 000 Menschen konnten dort
blieb, was für eine ungeheuerliche Be­ nachweisen konnte, daß ihm von dritter gleichzeitig unter gebracht und so ge­
drohung in Gestalt der Nazis sich in Seite die Ausreise nach Shanghai er­ schunden werden, daß nur wenige
Deutschland etablierte. Dennoch mach­ möglicht werde, wurde er nach zwei überlebten•.
te er seinem Vetter, wie der sich erin­ Monaten entlassen. Als dieser Plan
nert, heftige Vorwürfe, weil er im März scheiterte, erhielt er die Vorladung zur In einem dieser Arbeitslager schuftet
Deutschland und damit seinen damals GeStaPo in Köln. Weiteren Nachstellun­ Alfred in den folgenden Monaten 12
immerhin 60jährigen Vater verließ. Dies gen entzog er sich, indem er 1938 ille­ Stunden am Tag: ,,Ein Essen, das von
teilte mir Arnold Meier am 3. Juni 1996 gal nach Belgien floh, wo er Asyl erhielt Schweinen bestimmt zurückgewiesen
brieflich mit. Auch seine Kusine Miriam und heiratete. worden wäre, bestialische Mißhandlun­
Katwan, Arnolds Schwester, konnte Al­ gen...Verlustquote in dieser Zeit: 60 %
fred nicht umstimmen. Sie besuchte Der „Blitzkrieg" der Wehrmacht ging durch mehr oder weniger natürlichen
1933 ihren Bruder in England, kehrte schneller vonstatten, als Alfred reagie­ Tod, Mißhandlungen, Selection für die
kurz nach Deutschland zurück und emi­ ren konnte. Am Tag der deutschen In­ Gaskammern", schreibt er in dem
grierte 1934, wie oben bereits mitge­ vasion, am 10. Mai 1940, wird er wie schon zitierten Brief. Er glaubt, daß er
teilt, endgültig nach Palästina. Anstatt viele andere deutsche Emigranten, dar­
3 Bonner Anwalt-Vereln{Hrg.): Das Schicksal der im Land­
in seiner Treue zur Heimat und in seiner unter auch der Troisdorfer Erwin gerichfsbczirk Bonn zugelassenen jüdischen Rechtsan­
Vorstellung, daß vielleicht alles nicht so Brünell", verhaftet und nach Frankreich wälte während der Zelt des Nationalsozialismus, Bonn
schlimm werde, wie es die Schreihälse an die spanische Grenze transportiert. 1992

auf der Straße, im Rundfunk und in Dort, in St. Cyprien, war im Jahr zuvor ders.: Jüdische Rechtsanwälte im Dritten Roich, Deut­
ihren Kampfschriften verkündeten, be­ ein republikanisches Lager des Spani­ scher Anwaltverlag, Bonn 1994

stätigt zu werden, statt irgendeines Zei­ schen Bürgerkriegs nach dessen Ende 4 Norbert Flörken, Troisdorf unter dem Hal(enkrauz, Atano
chens von Zukunftserwartung wurde geräumt worden. In diesem Lager, Al­ Aachen 1986

Dr. Alfred Meier III „aufgrund des Ge­ fred spricht schlichtweg von einem 5 Angaben 1.u Auschwitz nach: Auschwitz, 1aschistisches
setzes über die Zulassung zur Rechts- „Konzentrationslager", erkrankt er nach Vernichtungslager, Warschau 1978
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nur überlebte, weil er Vorarbeiter wurde reißt, glaubt der Junge sich erlöst, doch die Blätter von Sauerampfer u. Löwen­
und eine robuste Gesundheit hatte. die Henker vollziehen auf andere Weise zahn. Unmöglich wiederzugeben, wel­
ihr mörderisches Werk am Gerichtstag, che Methoden diese Unmenschen an­
Nach einigen Monaten wird Alfred Mei­ am Jom Kippur. Hilflos müssen die an­ wandten, um dem mit dem Genick­
er nach Auschwitz überführt. Er kam deren zuschauen. schuß beauftragten Kommando die
vermutlich ins KZ III in Monowitz, dem nötige Arbeit zu geben ... Am 23. April
die Fabrik zur synthetischen Herstel­ Bereits im August hatte die SS-Lager­ spürte ich, daß meine Kräfte mich zu
lung von Benzin zugeordnet war, in der leitung mit der Auflösung der Kzs In verlassen drohten, denn außer den all­
er in der nächsten Zeit arbeitet. Er er­ Auschwitz und hier vor allem mit der U­ gemeinen Beschwernissen litt Ich noch
hält hier leichtere Arbeitsbedingungen, quidierung „nichtproduktiver Elemente'' pardessus le marche an mehreren stän­
als er zum Lohnbuchhalter aufrückt und und der Vernichtung von Beweisen für dig blutenden, handgroßen Phlegmo­
- Sprachgenie, das er ist - auf der die Verbrechen begonnen. Bald wurden nen. Um nicht dem Genickschuß zu
Grundlage seiner Latein- und Spa­ die ersten Arbeitsfähigen nach Bu­ verfallen, machte ich mit meiner letzten
nischkenntnisse schnell soviel Italie­ chenwald, Sachsenhausen und Flos­ Kraftreserve einen Fluchtversuch. Ich
nisch lernt, daß er in den einfachen An­ senbürg verlegt. Im November ordnete reussierte und war gerettet. Zwei Stun­
gelegenheiten des Lageralltags als Dol­ Himmler die Zerstörung der Krematori­ den später wurde die Kolonne von
metscher fungieren kann. en an. Am 17. Januar "1945 traten 67 amerik. Voraustruppen erreicht, aber
012 Häftlinge zum letzten Appell an. noch in der allerletzten Minute richteten
Dennoch benötigt er weiteres Glück, die Verbrecher ihre Maschinengewehre
um zu überleben. In einem Brief an sei­ Für Alfred Meier beginnt nun ein Lei­ auf die spärlichen Reste einer vorher
nen Neffen David Zodikoff vom 12. densweg, der alles bisher Erlebte in starken Kolonne."
September 1975 berichtet er folgende den Schatten stellt. Mitten im Winter
Begebenheit: Eines Tages verließ er begeben sich die noch Arbeitsfähigen Alfred, der nur noch 42 kg wiegt, ver­
seine Baracke, um seinen Schwager zu mit dürftigem Schuhwerk und dünner bringt die nächsten vier Wochen im
besuchen. Als er zurückkehrte, waren Häftlingskleidung auf den langen Krankenhaus, wo der Erschöpfte sich
die Insassen seiner Baracke verlegt Marsch nach Buchenwald. Gemäß langsam erholt. Bald findet er seine Frau
worden und sein weniges Hab und Gut Himmlers Devise „Kein Häftling darf le­ wieder, die in Frankreich glücklich über­
verschwunden. Ein Kamerad erzählte bend in die Hände des Feindes fallen" lebt hat, und bezieht mit ihr eine Woh­
ihm, er habe vergebens versucht, sei­ und die heranrückenden Russen im nung in Nizza. Von dort aus schreibt er
nen Besitz zu verteidigen. Das einzige, Nacken, liquidieren die Aufseher jeden, am 5. Oktober 1945 den bereits erwähn­
was er gerettet habe, sei diese Büchse der erschöpft niedersinkt. Alfred rettet ten und zitierten Brief an seinen Neffen
mit dem Bild seiner Mutter. Was der sich, weil er sein letztes Ge.ld in Brot Arnold in Manchester, in dem er ihn um
nicht wissen konnte: Im doppelten Bo­ anlegen kann, denn ansonsten gibt es etwas warme Kleidung für den Winter
den der Büchse fand Alfred die 200 nur Körner, gefrorene Rüben und bittet. Zwar habe ihm sein Bruder Karl
Dollar wieder, die ihn in den folgenden Schnee. In seinem Brief vom Oktober bereits aus den USA ein Kleiderpaket
Monaten, nachdem er sie in deutsches 1945 schreibt er: ,,Etwa 50 % blieben geschickt, doch das sei auf dem Post­
Geld gewechselt hatte, vor dem Ver­ auf der Strecke, bevor wir Buchenwald weg, der damals vier Monate dauerte,
hungern retteten. erreichten, dessen Tore uns wie die To­ verloren gegangen, wofür Alfred den
re des Paradieses (sie) erschienen." „durch die Not bedingten Tiefstand der
Mit dem Näherrücken der Kriegsfront Moral" verantwortlich macht.
im Verlauf des Jahres 1944 widerfährt Das anschließende Geschehen berich­
Alfred und seinen Leidensgenossen ein tet am eindringlichsten derjenige, der In dieser Zeit trägt er sich mit dem Ge­
Erlebnis der besonderen Art. Mehrfach es selbst erlebt hat: ,.Hatten wir gehofft danken, selnen Lebensunterhalt durch
pro Monat fliegen alliierte Bomber über zu den wenigen Glücklichen zu Artikel über seine Gedanken zu dem
die 5 qkm große Benzinfabrik und wer­ gehören, denen die Befreiung in Bu­ Erlebten und den allgemeinen Ereignis­
fen an die 2000 Bomben ab, um die chenwald winken würde, so sollten wir sen zu verdienen. In welchem Umfang
Produktionsstätte zu zerstören. Die da uns grausam getäuscht sehen. Nach er das in die Tat umsetzte, ist nicht be­
kommen, um sie zu befreien, drohen dem Massensterben in Buchenwald kannt. Lillian Zodikoff berichtet, daß er
sie mit ihrem Bombenhagel umzubrin­ wurde der Rest erneut durch Fuß­ 1946 mit seiner Frau in die USA emi­
gen. Doch wieder einmal bleibt Alfred marsch mit Richtung Dachau in „Si­ grierte, sich zunächst in New York und
Meier verschont. cherheit" gebracht. Roheste Behand­ dann in Cleveland, Ohio, als leitender
lung, Begleitung und Bewachung durch Lehrer an der Berlitz-School niederließ.
Am jüdischen Versöhnungsfest hat er sudetendeutsche u. ukrainische SS, Es gibt keine Erklärung dafür, daß er
ein Erlebnis, das ihn so ergreift, daß er denen die berüchtigten Bluthunde von i 950 das Angebot eines Bonner
noch am selben Tag ein Gedicht nie­ Buchenwald in ihrer traurigen Aufgabe Rechtsanwalts annahm, bei ihm wegen
derschreibt, das er „Jom Kippur 1944 halfen, sorgten dafür, daß durchschnitt­ seiner brillanten Fremdsprachenkennt­
im KZ" nennt. Darin beschreibt er, wie lich täglich 5 % erschöpft zurückblie­ nisse insbesondere Wiedergutma­
sie abends von der Arbeit in Fünferrei­ ben und durch Genickschuß liquidiert chungsanträge juristisch zu bearbeiten.
hen ins Camp eimmarschieren und von wurden. Heute noch trage ich sichtbare
den Aufsehern mit Kolbenstößen ge­ Spuren von Hundebissen. 17 Tage dau­ Am 17. Mai 1950 ließ er sich erneut als
zwungen werden, sich vor einem dort erte dieser Marsch, nur drei Tage beka­ Anwalt in Bonn nieder. Seine Praxis
errichteten Galgen aufzustellen. Ein men wir eine Scheibe Brot (200 gr.), die richtete er diesmal in Pappeisdorf ein.
„Jüngling" wird herangeschleppt. Der übrige Zeit bestand die Nahrung in 46
Henker legt ihm das Seil um den Hals Kartoffeln, die häufig sogar roh geges­ Dr. Alfred Meier hatte nun noch 30 Le­
und stößt ihn in die T iefe. Als das Seil sen werden mußten; nebenbei aßen wir bensjahre vor sich, Jahre, in denen je-
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der Schreckenstag, den er hatte durch­ Nichte Lillian. Beide kommen zu dem stätigt, das Todesdatum nicht:
leben müssen, schwer auf seiner Seele Ergebnis, das Lillian im Februar 1997
lastete. Wie konnte er es überhaupt folgendermaßen zusammenfaßt: .,infol­ Im Sterbebuch des Standesamtes Ba­
verkraften, in einem Land zu leben, täg­ ge der Internierung und der Behand­ den-Baden ist unter dem 18. Februar
lich mit Menschen umzugehen, unter lung während der Kriegsjahre war er 1980 verzeichnet: .,Der Rechtsanwalt
denen auch die waren, die schuldig nicht bei guter Gesundheit. Er ver­ Dr. jur. Alfred Meier, israelitisch, ist am
oder mitschuldig am Tod seiner Ver­ schied 1978." Der schlechte Gesund­ 16. Februar 1980 um 22 Uhr 30 Minu­
wandten und Glaubensbrüder und an heitszustand wird von anderen be- ten in Baden-Baden verstorben."
seinem Leidensweg waren?

Er, der sich selbstverständlich als Deut­


scher fühlte, der die meisten seiner
Landsleute an Körper und Geisteskraft
überragte, Mitglied eines „rassisch min­
derwertigen Volkes", wie es die Nazi­ Winfried Heilmund
propaganda den Millionen weisge­
macht hatte oder machen wollte? Sein Zwei ,,unanständige" Pilze
Vetter Arnold Meier schrieb mir in ei­ Die Gemeine und die kleine Stinkmorchel
nem Brief am 3. Juni 1996: ,,Alfred war
sehr verbittert. Von Auschwitz und Bu­
chenwald kein Wort." Alfred schwieg
sich über das Erlebte aus. Die Ausnah­ Gestank bleichen Hutes an den Insektenbeinen
men bilden dabei der Brief vom Okto­ haftend oder im Magen-Darmtrakt da­
ber 1945 und wenige Bemerkungen ge­
und seine Folgen vongetragen ist. Bei der nächsten Lan­
genüber Verwandten, mit denen er be­ dung werden die Insekten einen Teil der
sonders vertraut war. Ganz gewiß hat er Man riecht sie, bevor man sie sieht. Sporen abstreifen oder im Kot absetzen
gegenüber seinen Bonner Anwaltskol­ wenn man sie überhaupt unter Ge­ und so den Pilz verbreiten.
legen eisern geschwiegen. Nur so ist sträuch, Laub oder Reisig ausmachen
folgende makabere Begebenheit erklär­ kann, die Stinkmorcheln.
bar: Die in Poppelsdorf lebenden An­ Recycling,
wälte trafen sich regelmäßig in kollegia­ Der Aasgeruch, den sie verströmen, ist
ler Runde. Aus einer Bierlaune heraus freilich nicht an unsere Adresse gerich­
eine Erfindung der Natur
nannten sie sich „Ortsgruppe Pappeis­ tet, sondern an Lebewesen mit weit
dorf", und als die Stimmung weiter an­ empfindlicherem Geruchssinn, für die Aus den Sporen keimen unter geeigne­
stieg, ernannten sie Alfred Meier zum der Gestank verheißungsvoll ist. Es ist ten Bedingungen Pilzfäden. Ob dazu
„Ortsgruppenleiter", weil er das in der dies ein Heer von aasliebenden Fliegen, die Darmpassage (endozoische Ver­
Nazizeit ja nicht habe werden können. die, einmal in den Dunstkreis des Pilzes breitung: STRASBURGER 1983) unab­
Es ist zu vermuten, daß kein noch so gelangt, zielsicher zu ihm hinfinden. dingbar ist oder auch die nur abge­
besoffener Anwalt sich einen derart streiften Sporen keimen können, ist
makaberen „Scherz" erlaubt hätte, Sie merken nicht, daß sie getäuscht nicht geklärt. Im Waldboden, unseren
wenn ihm Alfreds Leidensweg auch nur worden sind. Das vermeintliche Brut­ Blicken entzogen, bilden die Fäden
in Ansätzen bekannt gewesen wäre. substrat erweist sich nämlich in gewis­ schließlich ein Flechtwerk (Myzel), den
Welche Seelenqualen muß der erleiden, sem Sinne als eine „Geruchsmimikry" eigentlichen Pilz. Seine Energie gewinnt
der durch beharrliches Schweigen zu (Mimikry engl., von griech. mimesis das Pilzmyzel aus abgestorbenem
vergessen versucht und tagtäglich .,Nachahmung"; Täuschung), eine raffi­ Pflanzenmaterial (Saprophyt). Indem es
durch gewollte oder auch ungewollte nierte Strategie des Pilzes, seine eigene dieses wieder aufschließt, macht es die
Anspielungen an gerade mühsam un­ Fortpflanzung und Ausbreitung zu si­ in den toten Pflanzenteilen festgelegten
terdrücktes erinnert wird. chern. Bau- und Nährstoffe den übrigen Orga­
nismen wieder verfügbar. Dabei wirkt
Wegen einer Krankheit der Frau ziehen Während nämlich andere Ständerpilze sich der rasche Zerfall der später aus­
die Eheleute Meier 1970 nach Baden­ (Basidiomyceten) ihre Sporen trocken gebildeten Fruchtkörper beschleuni­
Baden. Als die Gemeinde Niederkassel abschleudern und dem Wind zur Aus­ gend auf diesen Prozeß aus.
das Schicksal der Synagogengemeinde breitung anvertrauen, bieten die Stink­
Mondorf zu erhellen sucht, kommt es morcheln ihre Sporen in einer dunkel­ Zusammen mit den anderen Pilzen
am 22. Mai 1974 zu einem Gespräch olivgrünen, schleimig-klebrigen Flüssig­ nehmen die Myzele der Stinkmorcheln
zwischen Gemeindedirektor Arnold und keit (Gleba, s. u.) auf ihrem „Hut" an. somit eine Schlüsselstellung im Kreis­
Alfred Meier, der gewiß einiges Neue Der widerliche Geruch, der von der Gle­ lauf der Stoffe in der Biozönose (Le­
dabei zu berichten wußte. Eines aber ba ausgeht, ist ein Signal aus dem Ver­ bensgemeinschaft) Wald ein. Neben
erwähnte er mit keiner Silbe, sein eige­ haltensmuster der Aasinsekten, beson­ Bakterien haben sie wesentlichen Anteil
nes Schicksal in der Nazizeit. Danach ders von Schmeiß- und Goldfliegen und an der Humusbildung.
befragt, antwortete er, er sei in Frank­ lockt diese in Scharen an (Abb. 13). Sie
reich auf dem lande untergetaucht. laufen auf dem klebrigen Hut herum,
tupfen die Sporenmasse auf (JAHN Verkümmertes Sexualleben
1977 besuchten ihn letztmalig seine 1949), bis auch der letzte Rest davon
Schwester Ellen Zodikoff und seine aus der wabigen Oberfläche des jetzt Die Sporen der Stinkmorcheln enthal-
===================== 60 =====================
Abb. 3 • 13: Entwicklungsphasen der Fruchtkörper
bei der Hundsrute (Mutlnus canlnus) und der
Gemeinen Stinkmorchel (Phallus impudicus);
Numerierung jeweils von unten nach oben:

3 (u. /.) .Hexenei" der Hundsrute zwischen Moos,


3_ Gras und Kräutern am späten Vormittag (Aufn.:
Garten von-Loe-Str., 6.7.91}

4 Aufgebrochenes „Hexenej" der Hundsrute am


späten Nachmittag, die Spitze des Hutteils ist
Kernverschmelzung 1 ___ ber9its sichtbar (Aufn.: Garten von-Loe-Str., ca.
17" Uhr, 6.7.91}

5 VoI1"ntwicke/t9r Fruchtkörper der Hundsrute am


Morgen des folgenden Tages, die Gleba ist noch
unversehrt (Aufn.: Garten von-Loe-Str., 7.7.91)

6 Hutteil einer Hundsrute, anderes Exemplar mit


angelocktem Insekt; teils ist die Sporenmasse
abgetragen und die rote, gekörnelte Oberfläche
sichtbar (Aufn.: Garten von-Loe-Str., 6.7.91}

7 (u, M,) Ein „Hexenei" der Gemeinen Stink­


morchel hat die Laub- und Nadelspreu
durchbrochen (Aufn.: Mischwald, Juli 1993)
Spore junger Fruc htk'o'rper
Paarke rnmy ze 1 8 Frischer Fruchtkörper der Gemeinen
Stinkmorchel; .,,kennbar sind die Porösität des
Abb. 1: Lebenszyklus einer Stinkmorchel Stiels, die noch unversehrte Gleba des Hutes, die
ten, wie es sich für Bauchpilze (s. u.) (schematisiert); links im Fruchtkörper die rechts abzutropfen beginnt, und der Wulst der
gehört (STRASBURGER 1951), zwei Sporenblldung, rechts der Zerfall der Öffnung an der Hutspitze (Aufn.: 1958)
Zellkerne (Abb. 1). Das gleiche gilt für Sporenständer zur Sporenmasse {Gleba); 1
Kernverschmelzung (Karyogamie) in einem 9 Hutder Gemeinen Stinkmorchel; die
die Zellen der aus ihnen hervorgehen­ Ständer (Basidie}, 2 erste Relfete/lung, 3 zweite Sporenmasse ist tfJilwfJise abgetragen und gibt
den Myzele, die deshalb Paarkernmy­ Reifeteilung, 4 abgeschnürte einkernige Sporen die Wabenstruktur darunter frei; eine sparen­
auf der Basidie, 5 abgelöste, zweikernige Sporen naschende Fliege auf dem Hut und Spuren
zele heißen (Abb. 1). Es bedarf also kei­ In der G/eba (Zeichnung W. Hel/mund} abgestroifter Sporenmasse auf der Hu tunterseite
nes Sexualvorgangs wie bei verwand­ und dem Stiel /Aufn.: 1958}
ten Pilzen, die diesen Zustand erst
10 (u, r.) Nach dem Abtragen der Sporenmasse
durch Zellverschmelzung mit fremden gibt der Fruchtkörper der Gemeinen Stinkmorchel
Myzelen herbeiführen. besonders Anlaß zu Vergleichen und VerwfJchs­
lungen (vgl. Abb. 14) {Aufn.: unter Fichten, 24.8.92)
Abb. 2: Längsschnitt durch das „Hexenei" der
Gemeinen Stinkmorchel: äH äußere Hülle, Ga
Bei geeigneten inneren und äußeren Gallerte, iH innere Hülle, Hu Hutanlage mit
11 Gruppen von Hundsruten, links ein
abgetragener Fruchtkörper mit roter und ein
Bedingungen bildet das Paarkernmyzel Waben/eisten, Sp Sporenmasse {Gleba}, St
frischer mit olivfarbener Spitze, rechts zwei
von Sommer bis Herbst die sporenbil­ Stielanlage mit Höhlung (Hö) und späterer
umgefallene Fruchtkörper in entsprechendem
Öffnung (Öf), My Myzelreste (Zeichnung W.
denden Fruchtkörper aus (Abb. 1). In Heilmund}
Stadium, weitere Pilze oben links und In der Mitte
oben am Bildrand (Aufn.: Garten von-Loe-Str.,
25.7.92)

12 Manchmal ist auch der Stiel der Hundsrute


intensiv rot gefärbt (Aufn.: Garten von-Loe-Str.,
5.7.91}

13 Vier Goldfliegen und zwei kleine Fruchtfliegen


lassen sich noch von wenigen Resten der Stink­
morche/gleba anlocken, ein Zeugnis für deren
intensiven Geruch (Aufn.: unter Fichten, 24.8.92}

6a ihnen und zwar in besonders gestalte­


ten Zellen, den sogenannten Ständern
oder Basidien, wird endlich die Be­
iH fruchtung durch Verschmelzung der
beiden Zellkerne (Karyogamie) vollzo­
Hu gen (Abb. 1, 1 ). Dies geschieht, um das
Erbgut bzw. die Gene bei einer Ver­
dopplung neu zu kombinieren und in
Sp zwei sogenannten Reifeteilungen auf
vier Kerne zu verteilen (Abb. 1,2-3).
Diese werden am Ende der Basidie ab­
geschnürt und bilden die einkernigen
Basidiosporen (Abb.1,4). Sie besitzen
nur kurzfristig e i n e n Kern, sehr bald
wird dieser verdoppelt und die Paar­
kernphase wieder hergestellt (Abb. 1,5).

My Der Lebenszyklus dieser Pilze zeigt die


extremste Reduktion von Sexualvor-
========== 61 =========-
=================== 62 ===================

gängen überhaupt. Unter Verzicht auf teils abgetropft, teils von den erwähn­ Vergleichbares zur Namengebung läßt
Geschlechtsorgane, Keimzellen und so­ ten Aasinsekten abgetupft, regt die Ge­ sich auch von der K l e i n e n S t i n k ­
gar der Zellverschmelzung mit kompa­ stalt des Pilzes besonders dazu an, ihn m o r c h e l sagen. So wird sie i m Deut­
tiblen Myzelen, die neues Erbgut ein­ anthropomorph (vermenschlicht) ,,un­ schen wegen ihres Aussehens auch
bringen könnten, wird die Neukombina­ anständig" zu schimpfen. Erinnert seine „Hundsrute" genannt (Abb. i 1, 12), und
tion von Genen stark eingeengt und auf Morphologie doch allzu deutlich an ei­ der E1·stbeschreiber HUDSON bezeich­
eine Durchmischung der schon vorhan­ nen erigierten Penis (Abb. 10), was nete sie aus eben dem Grunde mit Mu­
denen Gene beschränkt. schon vor über 250 Jahren den bedeu­ tinus caninus, was der deutschen Be­
tenden Botaniker Carl von LINNE be­ zeichnung qleichkommt (mutinus (lat.) =
Dadurch ermöglicht dieser Pilz einen wog, die G e m e i n e S t i n k m o r c h e l syn. für penis; caninus (lat.) = zum
Einblick in die tiefere biologische Be­ wissenschaftlich als Phallus impudicus Hund gehörig, Hunds-).
deutung der Geschlechtigkeit in der zu bezeichnen (phallos (griech.) = das
Natur, die offenbar darin besteht, neue männliche Glied; impudicus (lat.) = un­ Das „Hexenei" dieses Pilzes ist nur tau­
Erbkombinationen zu schaffen, die sich züchtig). beneigroß (ca. 3 cm lang; Abb. 3). Aus
nach ihrer Ausprägung in neuen Indivi­ ihm entspringt ebenfalls der Fruchtkör­
duen möglicherweise in der sich verän­ per innerhalb weniger Stunden. Es ge­
dernden Umwelt besser bewähren. lang dem Verfasser, einige Phasen die­
ses Vorgangs im Bild festzuhalten:

Am späten Vormittag eines Julitages


Hexenei und Hexerei 1991 entdeckte er am Standort (s. u.)
ein bereits unter innerer Spannung ste­
Bei den Stinkmorcheln erfolgt die hendes „Hexenei" (Abb. 3). Gegen 17'''
Fruchtkörperbildung in zwei Phasen. Uhr ist die Hülle bereits geplatzt und
Zuerst bildet sich unterirdisch ein die Hutspitze sichtbar (Abb. 4). Am
hühnereigroßer, weißlicher Körper, der nächsten Morgen ist der Fruchtkörper
bei seiner Reife die Erde durchbricht, schon vollkommen entwickelt (Abb. 5).
das sogenannte „Hexenei" (Abb. 7). Es
besteht aus einer doppelten Hülle, zwi­ Sein Stiel ist 8 - 1O cm hoch, nur ca. 1
schen der sich eine dicke, wasserspei­ cm stark und zum Grunde hin, über
chernde Gallertschicht befindet (Abb. den Hüllresten leicht verjüngt. Die Far­
2). Auf die innere Hüllschicht folgt die be des Stiels ist weiß bis lachsrosa und
dunkel-olivgrüne Sporenmasse (Abb. seine Oberfläche von kleinen rundli­
2,Sp), die eigentliche Gleba; das lateini­ chen Gruben porös. Sein zugespitztes
sche Wort gleba bedeutet nämlich so­ Ende trägt, ohne sich als Hut abzuset­
viel wie „Klumpen". Diese Bezeichnung zen, eine ähnlich olivfarbene Sporen­
wurde gewählt, weil bei den Bauchpil­ Abb. 14: Fruchtkörper der Halbfreien Morchel
masse wie sein großer Verwandter
zen, zu denen die Stinkmorchel gehört, (Morchel/a semilibra) (Aufn.: am Waldfriedhof, (Abb. 5). Doch verbreitet seine Gleba
die Sporen nicht in einer wohlgeordne­ 6.5.96) für unsere Nasen nur schwachen Aas­
ten Fruchtschicht wie bei den übrigen oder Kotgeruch, z.B nach Katzendreck
Ständerpilzen, sondern ungeordnet, zu­ Die rasche Vergrößerung des Pilzschaf­ (GERHARDT i 995), was nicht bedeutet,
sammengeballt entstehen (Abb. 1, 1-5). tes, die ihr übriges zu dieser Bezeich­ daß hier der Insektenbesuch ausbleibt
In der Mitte der Sporenmasse liegt die nung beigetragen haben mag, wird (Abb. 6). Ist die Gleba aufgezehrt oder
spitzzulaufende, innen hohle Stielanla­ durch plötzlich einsetzendes Strek­ abgestreift, gibt sie darunter die
ge (Abb. 2,St). kungswachstum verursacht. Dies be­ gekörnte Oberfläche des leuchtend zin­
ruht nicht auf Zellvermehrung, sondern noberroten Hutteils frei (Abb. 6, 11, 12),
Die Gesamtanlage trägt den Namen auf Streckung der Zellwände unter eine Farbgebung, die den angeführten
,,Hexenei" oder „Teufelsei" (STRAS­ Wassereinlagerung (STRASBURGER Vergleich mit besagtem Hundeorgan
BURGER 1951) wegen des an Zauberei 1983). Das notwendige Wasser stammt noch unterstreicht.
grenzenden, rasanten Wachstums in vorwiegend aus dem Wasserspeicher
der zweiten Phase der Fruchtkörperbil­ der Gallertschicht. Die Wachstumsge­
dung, aber noch mehr wegen des „fa­ schwindigkeit der Stinkmorchel-Frucht­
talen Ergebnisses". körper gehört zu den höchsten in der
Vorkommen
Natur. Den absoluten Rekord mit 5 mm und Häufigkeit
Über Nacht schießt nämlich in wenigen pro Minute (STRASBURGER i 983) hält
Stunden aus dem an der Spitze aufge­ die in Brasilien heimische „Schleierda­ Die G e m e i n e S t i n k m o r c h e l (Phal­
brochenen „Ei" ein dicker, weißer, hoh­ me" (Oictyophora indusiata), von deren lus impudicas L.) ist bei uns häufig in
ler poröser Stiel 10 bis 20 Zentimeter Hutrand ein den Stiel umgebendes Laub- und Nadelwäldern, Parks und
empor. Oben trägt er einen eng­ Netzwerk herunterhängt (HÜBSCH et Gebüschen (JAHN 1949) von Mai bis
glockenförmigen, an seiner Spitze al. 1977). Aber auch unsere Gemeine November (HANDKE 1994; RICHTER
geöffneten Hut, der die in frischem Zu­ Stinkmorchel soll man direkt wachsen 1980) anzutreffen, wobei der Kernbe­
stand glänzende, olivfarbene Sporen­ sehen (STRASBURGER 1951). Der Ver­ reich ihres Auftretens in die Sommer­
masse (Gleba) aus dem „Hexenei" mit fasser schätzt die Wachstumsge­ monate (GERHARDT i 995) fällt.
herausgehoben hat (Abb. 8). Ist die schwindigkeit bei ihr auf 0,8 - 1 ,0 mm
Gleba, die sich an der Luft verflüssigt, pro Minute. Obwohl ihr Standort unabhängig von
==================-== 63 ==========---==========

bestimmten Baumarten ist, wächst der Rest in Scheiben geschnitten und ge­ Man sollte sich also hüten, wegen der
Pilz nach GERHARDT gern auch unter braten. GERHARDT (1995) bezeichnet äußerlichen Ähnlichkeit und qer daraus
Robinien, weil dort die Konkurrenz von den Geschmack als etwas aufdringlich resultierenden volkstümlichen Bezeich­
Pilzen, die mit and e . ren Baumarten in rettichartig. nung zwischen Morcheln und Stinkmor­
Wurzelsymbiose (Mykorrhiza = .,Pilzwur­ cheln eine nahe botanische Verwandt­
zel") leben, zurücktritt. JAHN (1949) weiß zu berichten, daß der schaft anzunehmen.
Gemeinen Stinkmorchel in der Volks­
Die Hundsrute (Mutinus caninus (Huds.: medizin früherer Zeiten Bedeutung als
Pers.) Fr.) kommt bei uns selten und Heilmittel gegen Rheumatismus und Literatur
auch allgemein weniger häufig als die Gicht zugeschrieben wurde und daß sie
Gemeine Stinkmorchel vor. Ein einziges daher im Volksmund auch „Gichtmor­ GERHARDT, E. ( 1995): Pilze, BLV
Mal traf der Verfasser in der Wahner chel" heißt. Bestimmungsbuch, 4. Aufl., 287 S., zahlr.
Heide Ende der vierziger Jahre im Be­ Abb., München
reich des Oberjäger Weihers auf ein Ex­
HAN DKE, H. H. (1994): Exkursionsflora von
emplar dieses Pilzes. Die näheren Fund­
umstände sind leider nicht mehr rekon­
Vermeintliche Deutschland, Bd. 1 Niedere Pflanzen, 3.
Aufi. 1990 (Neuausgabe), 811 S., 2400
struierbar. Doppelgänger Abb., Jena

Ein ungewöhnlicher Umstand führte Ältere Fruchtkörper der Gemeinen HÜBSCH, P. et al. (1977): Urania
1990 zu einer zweiten Begegnung im Stinkmorchel, deren Gleba bereits ab­ Pflanzenreich, Niedere Pflanzen, 2. Aufl.,
500 S., zahlr. Abb., Leipzig
Garten des Verfassers. Ungewöhnlich getragen ist, zeigen mit ihrer weißen,
daran war der Standort, weil der von wabenartigen Hutoberfläche (Abb. 10), JAHN, H. (1949): PIize rundum, ein
den zitierten Autoren beschriebene und eine gewisse Ähnlichkeit mit echten Taschenbuch zum Bestimmen und
wohl obligatorische morsche Baum­ Morcheln, von denen wir hier die H a l b­ Nachschlagen von rund 500
stumpf fehlte, auf dem oder um den freie Morchel (Morchel/a semilibra einheimischen Pilzen, 235 S.,. 235 Zelchn.,
herum der zierliche Pilz gewöhnlich auf­ DC. EX FR.), eine nicht gerade häufige 61 Abb., Hamburg
tritt. Lediglich der stark vermooste Bo­ Art aus unserem Gebiet, abbilden kön­
den auf dem Wiesenstück im Halb­ RICHTER., J. (1980): Der praktische
nen (Abb. 14). Die vermeintliche Übe­
Pilzführer, 256 S., zahlr: Zeichn., über 200
schatten dteier Bäume paßte zu den reinstimmung im Aussehen dürfte der Farbf., München
üblichen Standortbedingungen. Mögli­ Stink-,,morchel" ihren zweiten Namens­
cherweise aber vermodert im Unter­ bestandteil eingebracht haben. STRASBURGER, E. et al. als
grund eine Seitenwurzel einer vor Jah­ Begründer (1951): Lehrbuch der Botanik
ren gefällten Lärche, was die Abwei­ In Wirklichkeit liegen Welten zwischen für Hochschulen, 25. Aufl., 626 S.,
chung vom üblichen Biotopanspruch diesen beiden Arten: Stuttgart
erklären würde.
STRASBURGER, E. et al. als
Die Stinkmorchel ist ein Ständerpilz Begründer (1983): Lehrbuch der Botanik
Jedenfalls konnte der Verfasser hier auf (Basidiomycet, s.o.), die Halbfreie Mor­ für Hochschulen, 32. neubearb. Aufl.,
einem halben Quadratmeter den nicht chel ein Schlauchpilz (Ascomycet), d.h. 1061 S., Stuttgart
alltäglichen Pilz drei Jahre lang oft ihre Sporen entwickeln sich zu acht In
gruppenweise (Abb. 11) hauptsächlich schlauchartigen Zellen (Asci). Diese
im Juli beobachten und dokumentieren. stehen in einer Fruchtschicht, die Gru­
Der Fruchtkörper ist nicht stabil und ben und Leisten des Hutes überzieht.
knickt am verjüngten unteren Bereich Die sporenbildenden Ständer der Stink­
leicht um (Abb. 11 rechts, 12). Seit dem morchel dagegen reifen ungeordnet im
Sommer 1994 trat der Pilz an diesem Innern des Bauchpilzes, im „Hexenei"
Standort dann nicht mehr auf. (Abb. 1), und bilden später eine schlei­
mige Masse auf dem Hut des Frucht­
Die üblichen Biotope der Hundsrute lie­ körpers (Abb 8).
gen in Laub- und Fichtenwäldern (JAHN
1949). Dort hat sie eine kürzere Erschei­ Die trocken ausgeschleuderten Sporen
nungszeit als die Gemeine Stinkmor­ der Morcheln verbreitet der Wind, die
chel, nämlich von Juli bis Oktober. klebrigen Sporen der Stinkmorchel ver­
breiten Insekten (Abb. 6, 9, 13).

Ein letzter bedeutender Unterschied


Verwendung
liegt in den Bauelementen der Frucht­
körper. Bei dem Schlauchpilz Morchel
Die Hundsrute ist wie der reife Frucht- ist er weitgehend von Fäden eines Ein­
_körper der Gemeinen Stinkmorchel un­ kernmyzels aufgebaut, Paarkerne tre­
genießbar. ten nur in den schlauchbildenden Fä­
den auf (STRASBURGER 1983). Beim
Das „Hexenei" der letzteren jedoch ist Ständerpilz Stinkmorchel ist der Frucht­
eßbar und nach RICHTER (1980) auch körper, wie bereits erwähnt (Abb. 1),
„wohlschmeckend". Bei Zubereitung ausschließlich von Fäden des Paar­
wird die Gallerthülle abgeschält, der kernmyzels gebildet.
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Wilhelm Neußer
Wat me su vezälle deht,
wenn de Daach lang werde

Adele Müller drenn. Doh konnten se paddele. Jet nah alle Segge öm. Zorn Jlöck woor
Well doh eene Ente von däm Jrööns dobel un e paar Bruuf­ kee Minsch ze sehe, un hä satz die·
brocke. Jetz wooren s.e jood veiiGrreCh. Di.erche· flöck en et Wasse un maht sich
kläue? Ävve oc.h heh en däm Paradies joofen fott. Hä wohl net noch eemohl als
se kenn Rauh un heelen sich am Spetzboof en Vedach komme.
Me kann Dier jeern hann, ävve me soll schnaddere. Rfngseröm en dä Siedlung
et och net övvedrieve. kohmen att de Löek eraus op de Bal­ Am an!!lere Daar;h leeß em se Jewesse
kon un luurten, wo der Kraach her­ kenn Rauh. Hä rnoht luure jonn, wie et
Doh moß ich üch e Stöckche von un­ kohm. dänne Entche jink.
sern Jüppche vezälle: Seng Eldere wo­
oren verees; hä woor en de Liehr, hatt .,(\uweia", Jlnk et däm Jüppche dore.ch Die. wooren ä,rrech rnunte, schwammen
kenne Urlaub krääch un konnt net met­ de Kopp, ,.doh hann ich jet jemaht! kröcks un queer un dähten öm cle Wett
fahre. Jetz hatte de Wonnung füü'r sich Wenn die Löck sich beschweere jonn, schnaddere. Ävve heh woor dat joh net
janz alleen, un dat drei Woche lang. l<riejen Ich vell Ärje mem Papp!" schlemm, heh däht dat joh kenne stüü­
·re,
Höck hatte senge 'freie Daach, un de Doh feel em zom Jlöck de Tant enn, die
Langwiel däht enn plo0re. Et woor ene könnt se en ihrem jruuße Jaade jodd Von Häzze fruh jinke fott un nohm sich
schöne Daach met vell Sonnesching. bruche. Ävve hä woß net, watte, saare vüür, su jet nie wedde ze maache.
Hä hollt et Rad eraus un fuhr op $ie­ sollt, de Tant wo.hl se noch net ernohl
borrech ahn. Doh kohme !ans de Maat, jeschenk hann. .,Die fresse rne et janze
Jemöös fott un och meng schöön
· Bloo­
stallt se Rad av un däht sich alles
beluure, wat doh su vekoof wuurd: rne. Bräng se nohrn Waldparek, doh
Kamelle kläue
Je.möös zi:,basch; Obs, Eie:, Kies, Bruut senn se jood opjehovve", säht se em jitt et net
un och Bloome en velle Färrve. ßescheed. Dobei hatt et JQppehe je­
daach, hä könnt ihr en Freud domet
Op eemohl soche ne Buur doh· stonn, maache. De Matthes fuhr Daach füü( Daach
dä däht kleen Entche vekoofe. Zwei mern Fahfrad noh de Polleve op seng
Stöck hatte noch em Korref. Die Dier Et blevv em nix anderes övverich, l:lä Arbeedsstell. Velle Johre stonnte doh
wooren an eenem Stöck ahl piepsche. moht nahm Waldparek domet. Op däm att an sengem Schruuvst0cl< un woor
Se dähten em richtich l.eed. Hä woor Wääch dohin kohme lans de Kerrech­ joop Jelegge bei sengem Meeste un de
sich seche, tlat et dänne en däm Korref hoff un daach·: ,,He ess doch och ene Kolleje.
net jefehl, die wollten doh eraus. Weihe. Woröm soll ich doh noch wegge
loofe.?" Hä nohm die Dier uss de Kess Füür seng Lävve jeern ooße Kamelle.
Hä leef de Maat erop un erav. Se jink,en un satz se vüürsichtich op et Wasse. En sen,gem Spind hatte emme. en Doos
em net mieh uss . dem Kopp. Doh kahmen doch terräck zwei met Toffees, die nie läddioh wuurd. Doh
Schwän ahnjeschwomhle, schloochen däht och et Kätt, seng Frau, füür sorje.
„Ich donn se erlööse un hämmen se met de Flühjele, ömkreisten die Kle.ene ,,Wer arbee'de jeht, soll sii:;h,och jet jön­
met heem", daache un jihk die Entche un wooren jefährlich am zi.sehe, Die ne", meent se.
koofe. Se wuurten en e Kartöngche je­ Entche krä�chen Angs un dähten jott­
stopp, en dat noch e paar Löche eren serbärmli•ch piepsche. Dat däht em Ävve en de letzte Zegg feel dem Mat­
jemaht wuurten. Dann wuurd dat Kar­ doch ze leed, un flöck hollte se wedde thes op, dat die Doos esu flöck läddich
töngche hengen op de. Fahrradstände eraus. wuurt. Dat konnt net sercrn, datte die all
jebonge. alleen jeschnoös hatt, doh moht eene
Doh huurte op eemohl e Jebröll: ,,Hilfe! bei Jeh.olefe hann. Ävve wer konnt dat
Jetz ävve nix wie. heem noh Droosdore.f - Hier ist ein Entehdie.b!" Op däm senn? ,,Waat, Vühelche! Dich kriejen
met dänne Dlerche. WääCh jäjenövve, stonnten zwei äldere Ich!", daache un däht jet usshäoke.
Fraue, die heelen sich am schänge un
Wie e övve de Aachbröck fuhr; sooche dähten ern met ihre Parraplühs drohe. De Tüüt jink füür de Meddaachspaus.
ongen e dä Wesse decke, fette Kätte­ Hä leht die Kolleje en de Kantlen loofe
plöck jäll lööchte. Flöck dorav, jet Jras De· JQppc:'he daach: ,,Wenn ich dänne un blevv alleen en de Werekstatt, nohm
jeröpp, mem Täschemätz e paar Kätte­ vezälle, dat Ich die jekoof hann, dann sich de kleenste Bohre un mahr en jede
plöck jestoche: su, dat woor Foode je­ laachen die mich uss un jlööven dat Kamel! e Löchelche. Dohdrenn dähte
nooch füür e paar Daach! net. Dat jitt bloß Ärje! Alsu flöck fott zwei kleene Abführpillche un maht met
heh, nohm Waldparrek." dämm ussjebohrte Zeuch die Löchel­
Deheem mahte en Bütt voll Wasse, satz che wedde zoh un Iaht se fein wedde
die op de Balkon un däht diE:l Entche Doh ahnjekomme, luurte siGh iersch en • die Doos.
=-:-==================== 65 -====================

Am Nommetaach mahte att ens öf­ och . ens zeeje,


teschs e Päusje, Jink ussträdde, - hä Ärje. Ävve die woß terräck Root. ,, Doh
moht inne joh Zegg jävve, die präpa­ Kuurt un jood: Et Drautche kohm vom senn ich ävve fruh, dat ich de helepe
rierte Dinge ze stibitze. Se wuurten att Ennkoofe, hatt et Liesje un et Marieche kann'·', meent se. Jeht an de Schaaf, un
emme wennije. jetroffe un met dänne ene Klaaf jehaale. höölt et Reservejebeß eruss. ,,Dä", säht
Jetz wuurd et ävve Ze_gg, dat et heem­ se, .,die kanns de hann. Et mehk ess
Et duurt jar net lang, doh leefen de kohm. Senge Mann, de Jüpp, kohm att noch jood, dat hä11t me uss, bes ich op
ierschde nohm Hüüsje, un e paar bahl von de Schich heem, un dann de letzte Rees jonn."
kräächen kohm de Korrev. wohle och terräck jet ze esse hann.
Bel allem Kumme moht de Tant von
Jetz konnte jenau sehe, wer en bekläue Zeiersch de Zäng ussjedonn, deohn Häzze laache. ,,Dat ess jood Jemeent,
däht. Se wooren am deuvele, dat se su flupp de Arbeed besse. Dat Jebeß däht Mama, ävve die passen beim beste
öff loote· mohten. De Matthes moht sich et en e Stöck wieß Papier weck_ele, un Welle net:"
:eene jriemele un daach: ,,Schaad üch en de lehl leeß et se om Desch lieje.
nix! Me jeht net onjefrooch an .ande Un wie dat esu jeht em Lävve: nix soll
Löcks Saache!" De Ohm Jupp woor jet peng(:llich, me ze fröh fottjävve. D .e Oma krääch et
Pünklichkeet un Öörndlichkeet seng an et Lief: de Pettemaachflöck, Se saß
Am andere Daach op de Arbeed vezoh­ ierschde Börjeflich, woor senge Wahl­ om Abbee, von vüüre un henge kohm
len se wöödich, dat se bahl de janze sproch. et jeflosse, un bei su ne'r Tour kahmen
Naach om Abbee hatten jesesse, och die Zäng jeschosse. Vell ze flöck
Ohjehl Doh kohme och att an de Düür hatt se an däm Kettche jetrocke un era­
l=ene von dänne Spetzboove moht erenn, trook et Kammesohl uss un jink vjespöölt. Doh joof se sich och noch an
mem Rhabarbeschlidde noh Sieborrech en de Stovv. Hä sooch dat Papier om et Sc.hänge, von wejen däm neumodi­
fahre. Su zwesche Orselaplatz un Duu­ Desc:h, schatt ess mem Kopp un sche Krohm met dä Wassespöölung. ,,
vejass. krääche att wedde su e Rumoo­ schmeß et en de Ovven ·erenn. Et Hätte me uss ahl Schlengsänk noch,
re em Lief. Hä leef flöck bes an de Drautche huurt dat .Qvvedüürche jonn, die könnte me ussdraare un fönke dat
Düür, ävve bes de Bahn heel, woor et un heeß feel em dat Jebeß enn un et Jebeß .wedde!", woor se am deuvel�.
ze spät. Hä schamp sich zebasch, däht
ussteeje un leef zefooß heem.

Se wooren sich all eenich: Dat moht an


däm Kantieneesse jelääje hann. Subahl
de Köch op woor, wohlen se sich be­
schweere jonn. Dat kennt de Matthes
joh net zohlooße, un hä vezohl inne,
watte met dä Kamelle jemaht hat!.

lersch wooren die Kolleeje jet kott. Se


meenten, die Stroof wöör jet övvedrev­
ve, dat könnte blo
' ß wedde joodmaache
tnet enem Püddelche Schnaps. schreit lass: ,,Jüpp, bes de dann des „Nä, Oma, dat jeht net mieh", meent de
Deuvels! Doh senn doch meng Zäng Ohm un wohl se noch jet opträcke,
Su wuu.rd et dann och jemaht, un die drenn!" Et schnapp sich en Tass voll „jönn dänne Ratte och jet. Die
Kamelle hätt kee Mensch mieh ahnje­ Wasse un wohl domet dat Füür lösche. schwemmen jetz em Kanal eröm un
pack. „Du damm Hohn!", säht de Ohm, ,,met hann dehgZäng ahn."
däm Droppe jeht dat net!", un schött
ene janze Emmevoll erenn. Ävve dat wohl de Oma doch net jlööve.
Wate Malöör Dat Füür woor uss,- hä stochet jet en dä
Äsch eröm, tenk dat läeierte Denge. Wilhelm Neußer
Meng Tant Drautche hat! vell Brasse! ,. ,Dä, spööl se aff, die kanns de noch Ühlespeejelereie
met deZäng. ahndonn!", meente. Et Drautche däht et
ussproblere, ävve die wooren net mieh
Eeenes Daachs woor et esu wegg: se ze jebruche. De Jupp knoorz, von De ierschde Speejel:
wuurten ratsch all ussjetrocke, lm se wäjen neu maache losse, wat dat kos­ Holz vüür de Düür
krääch e Jebeß. Ävve domet kohm se de däht, füür esu en Dommheet och
jar net zerääch. Deheem däht se se noch Jeld usszejävve. ,,Ess me ejal!", Wie leech könnt ich mer et maache un
övvehaup net ahn. De mierschde Zegg säht et Drautche em Bescheed, ,,Met üch opzeeje, wie domm männechmohls
loachen se en de Schublaad. Ävve dä Zäng kann Ich kenn Kösch Bruut ande Löok senn L!n ap alles mööchliche
wenn se mem Drohtässel en et Dörrep mieh bieße, un met dä läddije Muhl erennfalle. Un dat well ich och dann.
fuhr, hallt se dieZäng eruss un däht se john Ich .och net nah Kerrech!" Et Krie­
ahn, wenn et och Jet wieh däht. Se sc:he stonnt em nähte wie et Laache. Ävve weil ich noch nie e wohr Woord
wollt net usse. hn wie en Jrooß. Uuße­ jeloare hann, well ich och jetz esu iehr­
däm wooren se och düür jeweers, un De Daach drop leef et noh senger Mot­ lich blieve, wennichstens am Ahnfang,
doh moß me die schüün Zäng doch te, menge Oma, un vezohl von sengem bess e jlööft, wat ich fütir ene feine
=====---============-= 66 =======-===========--=

Keerl benn.

Dröm fangen ich met menge eejene


Eenfältlchkeet un Dommheet ahn.

Eenes jooden Sommesonndaachsnom­


metaachs, Anno Piefendeckel, setze
me em Hoff, ode besse em Bösch onge
dä Eeche vom Telejraaf un drinken: de
Papa e• Bier - att wedde - , de. Mama
ene Appelsaff, Ich ene Zitsch, uss Jriet,
em Waare, nüggelt an sengem
Fläschje.

Ich däht joh et leevs bei et Peerd jonn


ode de Kallekuttehahn, ävve nä, ich
inoß setze blieve „Söss sieht deng joo­
de Botz de Oovend wedde uss wie e
Ferke!", gäht de Mama.

Ich werde ine Lääbe net bejriefe,


woröm ine beim Spazierejonn emme de
joode Botz ahn moß donn. Wenn ich ze
saare hätt, jööv et övvehaup kenn „joo­
de 8otze"!

Nu wegge: wie Ich esu von eenem


Back op et andere rötsohe - ,,Paß op
un schlabbe denge Zitsch netl", stupps
mich de Mama e paarmohl ahn, - kom­
men dat Päddche erop fönnef, sechs
Löck, Mannskeerls un Fraulöck.

Wie die sich am ande Äng vom Hoff an


ene Desch hann jesatz,. knupp de Papa
de Mama ahn un säht, janz leis, ihr bahl
en et Ührche-: ,,Häss de jesehn, Frau,
wat dat Nettche e Holz vüür de Düür
hätt?" Die widd jet ruud un säht: ,,Denk
an dä Quass!", stupps de Papa wedde zieh? Ode dressich? Ess me och ejal. Mama ruut wierd, un ussplatz, fänke
ahn un laach. Ich moß „Frau Brölsch'' füür et saare. och an ze jriemele un saht: ,.Saupanzl -
Weil ich mich benämme moß. Hatts de doch deng Uhre wedde, wo
Ich luuren och dohrövve, sehn et Nett­ de se net hann solls!" Un de Mama
che, et Brölsche Nettche, sprenge ävve Wie ich an däm Huus benn, träcken ich säht: .,Sühs de! Ich hann de att esu öff
op, weil doh )rad ene jruuße Joldlä1Jfe de Ncitbrems. Et quietsch, noh enem jesaht, du söhls oppasse. Dä Panz
ussem Loof krabbelt, dän Ich me nöhte haleye Mete steht dä D-Zoch. Moß ich schnapp alles op un trick uss joozeggs
beluure moß. - ,,Paß op deng joode doch ens luure, wo dat Nettche, die bei ande Löck dorech de Zäng!"
Botz opl" -, un der ess me wichtije wie Frau Brölsch, dat Holz stonn hätt! Je­
et Nettche. denfalls net vüür de Huusdüür. Ävve woröm de Papa mich beloore
hätt, de Mama met, un die ruut ess je­
Wie me wedde deheem senn un ich die Ich jonn !ans de Nohpeschs Jaade. wuurde, hann se me bes höck net je­
joode Botz uss hann Jedonn, moß ich, Doh kann ich ävve net jenooch sehn. saht
wie de Mama e Pännche Brooteerpel Weil et Jaadepöörzje op ess, flutschen
am maache ess füür et Oovendesse, Ich doh eren, ong·erem Köchf(;}mite deef
flöck noch ens D-Zoch maache, de jeböcl<, räcke mich övve die halef­ De zweite Speejel:
Veehjass erop, met ahnjeläächde Ärme, mannshuhe Muur un spingsen en de
die sich bewääje wie ali ene Lpckeme­ Brölsche Hoff eren, en de Jaade: kee
·ne Vuhel zeeje
tiev de Stange, övve de Jeerschdebetz eenzich Knävvelche Holz ze sehn!
eren bess an de Klevstrooß un zeröck. Et Mettaachs beim Esse setz de Papa
Jajoh, net en de Ongebotz, nä, met dä Deheem saaren ich: .,Papa, du häss je­ met enem bessije Jeseech am Desch,
ahle Bleylebotz. loore! Et Nettche hätt övvehaup kee un de Mama frööch: .,Wat ess loss,
Holz vüür de Düür, net noh de Strooß Schäng?"
Un doh, net wegg von de ahl Scholl, un net en Hoff un Jaade!"
wonnt et Nettche. Wie alt dat ess? - Noh jet Jekhoorz un Jebromm vezillte
Weeß Ich net. Velleech fönnefunzwan- De Papa luurt iersch domm. Wie de esu allelei, wat ich net vestonn ode net
================= 67 =================

kapiere, weil ich suwiesu am simmelie­


re benn, ov ich menge Sqhwalben­
schwanzschmetteling och bei de Bock
moß dann wie de Oma ihr Jeeß beim
Kurscheeds Pette op de Berrechstrooß,
wenn se e Limmesje weil hann.

Dat menge Schwalbenschwanz e Wle­


vje ess, weeß ich. Kamme an de Fühle­
re sehn. Ävve wo kriejen ich ene Bock
her? Un wie jeht dat?

Övvelääje me et nähksdemohl!

Jetz hann Ich doch jet opjeschnapp: de


Papa hätt jesaht: ,,Dä Jüpp hätt rne ene
Vuhel jezeech! - Su jet Jemelnes, wo
Ich em att esu öff uss dem Schlamessel
hann jeholefe!"

Su jet!

Bloß: wat ess dodrahn jet Jemeines


füür kott ze senn? - Ävve ich wl;!eß, wo
dä Jüpp, ene Kolleech vorn Papa, won­
ne deht. Un dat dä ene Hoofe Kanallije­
vühel hätt.

Hhhhmmm. - Wenn ich däm nu dä Vu­


hel rnet menge Flitsch kapottscheeße?
Dann bruch sich de Papa net mieh ze
ärjere. - Ävve weleche Vuhel hätt de
Jüpp dem Papa jezeech? - Woor dat pe jesehn, ode ihr platschdlch vüür de de Papa eraus ze laache, hallt en
ene kranke, schäbbije, eene, dä en de Kopp soll saare, ich wähl eene von Fläsch Opjesatzte, su een, von däm et
Muuz. ess? - Dat werden Ich ävve vom ihrem Mann senge Vühel kapott­ janze Owedörrep schwärremp.
Hoff uss net sehn könne. scheeße, ode söss jet. Dann saaren ich
ävve doch leeve: ,,Frau Fuchs, wo ess Wie se die läddich hann, un de Jüpp un
Nu johl Ich kann joh att ens speckelie­ dä Vuhel, dän Ohre Mann mengem Pa­ seng Frau, jet schöckelich, heemjonn,
re. Ov et Fenste op ess, wo de Jüpp pa jezeech hätt? Un wöröm woor der säht de Papa füür mich: .,Bruchs kenne
die Vühel hätt. Von wo me et bäss er­ dohnoh esu kott?" Vuhel rnieh kapootzescheeße. Me hann
enn könnt scheeße. Wat ich et bäss en vesööf!''
füür Munnizijon dann nämme: Papier­ ,,Wat sähs de doh?", frööch die; .,Den­
knübbelche ode Höökche. ge Papa woor da.eh att mennenstens Dat ärm Dier!
vierzehn Daach nimmieh heh. Un noh
Huh! Dat ess schlääch. De Jüpp wonnt de Fabrik nimrnp menge Mann doch De ande Sonndaach semme zesamme
em ierschde Stock. Doh möht ich joh kenn Vühel met. - Komm ens eren! - Ich op de Drachenfels jefahre. Un de Jüpp
bahl öm de Eck scheeße, mennestens maachen de Düür op." hätt me noch e les spendiert, füür zwei
ern Soore! - Met menge Jurnmiflitsch? Jrosche!
Drennen deht se mich noch ens jenau
Ich kratze me henge de Uhre, jonn links befroore, met allem Dröm un Drahn. Ävve menge Vuhel hann ich net vell
un räächs ongerern Fenste her: dat Löck jezeech.
widd kohm Jeroode! .,Du kriss·Besche.ed", säht ·se joozeggs,
„ich moß et iersch met mengen Mann
Wie ich noch am övvelääje benn, ov Ich dat bespreche." 3. Speejel:
et net besse rnet Jeff vesöhke söhl - ich
weeß, wo Tollkiersche waaße - , jeht et Et Oovens, wall att noh aach Uhr, Eerpel metbränge
Fenste nävven däm Vuhelszemme op, schellt et bei uss. De Jüpp un sehg
un dem Jüpp seng Frau lähnt sich Frau stonn vüür de Düür. Met enem Ich benn emme jeern ennkoofe jejange.
wegg övve et Fenstebrett un rööf: ,,Wat Bloomestruuß. Füür· de Mama. Un enn Doch. Och höck noch. Wenn et net jrad
ess? Söhks de jet? Du spekeliers heh enem kleene Käfich ene quietschejälle Pluute ode Schohn senn mösse.
att de janze Zegg eröml" Kanallijevuhel. Für mich. Für et Duud­
scheeßewolle. Nohm Engelse Pette jink ich jeern. Doh
Die kennt mich, un ich sie, wat me su roch et noh hondetelei: Kies, Lakretz,
kenne nennt. Flöck övvelääjen ich, ov Wie se. ze viert en janze Zegg em joode Päffemünz, Herring, Rööpekröckche un
ich saare soll, Ich hätt e Kningche höp- Zemme jesesse un jequatsch hann, kütt wat net all. -
--================= 68 =======--=======-====

Weßt e, wat dovon et iersch ruche


däht? - Dä Herring? - Nä, de Naas!
Hähähä!

Nohm Beckeschs Jraaf jink ich Jeern,


füür de Papa Zerrillos holle un ene neue
Wetz vezallt ze krieje. Nohm Säcke
Mölle. Die hatten de feinste Rahmka­
melle. Nohm Jüdd Levi. Doh jo0v et en
Schief Lävvewuuesch, fengedeck, die
schmeck wie ze Kölle. Ode bei. m
Metzje Kelle. Doh krääch ich net jet
Fleesch hinjeflatsch, enä, der däht me
drej-, vierelei vüürlääje un hatt zebasc,h
Freud, wenne saare konnt: .,Dat Stöck
hält ich och jenommef" Wenne jraad
net doh woor em Laade, reef sie ode en
Vekäuterin: .,Martin! Kundschaft!" Dann
kahme selevs.

Su. Nu woor et Pete- un Paulsdaach,


un em Jaa d. e wooren de Fröheerpel
noch net esu wegg. Et woor bahl de
janze Mai un de haleve Juni vell ze kalt
jeweel's.

Ävve em Kelle die ahl Eerpel yvooren


all . .,Jong", säht de Mama, ,,du moß
nohm Braschoss jonn un e paar Eerpel
halle. Dä hatt jestere e Schild op de Po­
orz hange, datte neu Eerpel hätt."

De Aufjaab hatt Ich att, drei Daach Nu­ eröm un fauch mich ahn: .,Du Däme­ och, ävve och: .,Üch höllt noch ess de
dele wooren me Jenooch. Atsu nohm lack! Wo häss de die Erpel hinjedonn' ?" Deuvel! - Un du", un domet meent se
ich me de Eerpelsmahn un stevvelt noh Ich säht: ,,Ich sollt doch bloß e paar de Papa, .,wiss et noch erlävve, dat
de Kerrechstrooß. Eer.. ", doh kohm att et Spööldooch ze denge feine Herr Sohn ene jruuße Filou
fleeje, an de Köchendüür. Ich hatt mich widd, wie dul"
De Braschasse Moode säht sel.eve: zeggich jeböck, sprang en de Hoff
„Koof ere bloß fönnef Ponf. De ande eruss un hing en zwei Menutte vier Me­ Me laachden, Ich bess en de ierschde
Woch senn se att wedde fönnef Pän­ te huh övve de Erd em Berrebohm. Rievkooche, der noch jlöhnich heeß
ning bellije!" woor - un speit et teräck wedde uss!
Wie jlich drop de Papa en de Med­ Schmäck wie eefe Salz!
Däht ich, Jink noch ess flöck bei de daachspaus kohm, heesch et: ,.Den§le
Ohm Will en de Schrengewerekstatt lu­ Herr Sohn! Hätt drei Eerpelche jekoofl Doh laach de Mama un säht: ..Meens
ure, zärrech jäjenövve von de ahl Scholl Kann ich kee Esse von maache! Mödde de, du könns en ahl Aap Jeseechte
bei dä zwei ·ahle, pengsijenierte Lehre­ wedde Nudele esse!" schnegge liehre?''
rinne de Honk, un wie Ich övve de
Schossieh am Otselaplatz lans de Os­ Et Köchfenste stonnt op. Deswäjen reef Die ande Rievkooche hann jood je­
sendorfs Ohm Hein wollt jonn, feel me Ich: ,.Ess jar net wohrl Fönnef Pond! schmeck.
enn, - wat dat rnem Ohm Hein ze dann Stonn em Emme em Ställche!"
hatt, weeß ich och net -: ,,Hätt de Ma­
ma net jesaht: holl e· paar Eerpel?" ,,Waat, Freundche! Wenn du eravküss.1"
schannt de Mama. 4. Speejel:
Alsu jink ich höesch en et Ställche, kipp Hämp en de Kerrech
doh die Eerpel en ene ahle Emme, leht Wie ich, met däm Emmeche Eerpel,
drei Eerpel en .dä Mahn un s'tallt die en
ahndonn
erennkohm, jrins de Papa, un de Mama
et Spind. s/:iht: ,,Die Rievkooche morje kanns de
de en de Kamien schrieve!" De mierschde Mannskeerls - donn ich
Drei senn ere doch e paar, ne? behaupde, un füür mich kann ich et be­
,.Och, wenn ich se rieve?'' frooch ich. wiese - maachen sich - von selevs -
Wie ich de andere !vlettaach uss de „Me hann nämlich morje att noh de net vell Jedanke ovver et öm- un Ahn­
Scholl kohm, rooch et en de Köch - drette Stand frei!" donn. Un drop luure donn se och net
noh Nudele! ärrech.
Ich, mir kräächen die Rievkooche.Un
Un de Mama schörvelt de Kessele dropjeschmiert, joh, Rööpekröckche Ov jestere en de Kerrech et Meieschs
================== 69 -===========-========

Kättche „att wedde e neu Kleed" ahn­


hatt, es. s me net opjefalle. Velleech hätt
ich et net ess jemerek, wenn et em
Nahkshämp dohjesessen hätt.

Un wenn füür mich eene säht: .,Hau!


Wat häss de ene feine Schlips ahn!",dat
ess me att bahl unjemütlich.

Jood, ess joh rääch, wenn uss Fraulöck


jeern met enem Keerl sich sehe losse
welle, der „noh jet" uussüht - wenn se
n�t jar ze vell un ze öff an uss erömpus­
sele.

!ehrlich: et könnt söss senn, dat me jar


ze öff erömlee.fen, dat de Löck saare
könnten: ,,Nu luur ess, wat däm Will
seng Schlonz von ene Frau dän eröm
löht loofe!"

Ävve diss Daach es et me nu doch un­


jemütlich jewuurde.

Ich hatt jesaaht krääch: ,,Moorn dehs


de heh dat Hämp", -woor et e blauet
ode e jestriefdet? - ,,en de Kerrl;)ch
ahn!''

Nu woor me Mariännche. selevs an


däm Daach att beizegge fottjefare, t,tn
ich jink alleen noh Kerrech.

Wie Ich mich zerääch wollt maache,


kratz ich me henge de Uhre, weil dat
Hämp - ,,dat dehs de en de Kerrech
ahn" - dohlooch, Moß me follije ode
net? - Ich follich.

Pac;:k me dat Hämp enn en Akdetäsch,


däht Rm:k un Mantel ahn un jink noh
Kerrech.

Ich woor eijentllch räch fröh doh un


däht mich wandere, dat att esu vell
Löck en de Bänk sooßen ode kneeten.
„Meng" fönnefde Bank woor att janz
voll. Ich moht en de vierte klemme - de Hoot op de Hooke hange, klapp rne övve de Kopp ze stölep!;!, krääch
hengen en de Kerche ess et joh emme meng Täsch op un krääch dat Hämp Ich vüür Oprääjung de Knöppche net
volle wie vörren, äs wenn de Löck Angs eraus. op, leht et bei eenem, trook me et
Hätten, se wüürten bei de Chrestli.ehr Hämp övve de Kopp, hatt de jrüüzde
Jet jefro.och. Meng Nohpeschs luurt terräck janz ve­ Nuut, dodorrech ze komme un de Ärrne
schräck, tuschelt jet met ihre Noh­ erennzekrieje.
Alsu daut ich mich en die hallefvolle peschs, zeech mem Fenge noh mir
vierte. Bank. En ahl Frau, di. e an de Eck erövve un setz sich janz siief oprääch. En dä Zegg - velleech en haleve Men­
sooß, luurt mich janz kott ahn, weil ich nutt - hatt et örn mich ·eröm e jruuß l'la­
övve se klemme moht - dat Löck jeern !·ehrlich, et wuurt me och jet komisch. rnuure jejovve, un et däht sich ahnhüü­
an de- Ecke setze welle, kann ich joh Ich benn joh och suwlesu Jet schäm­ re wie e Jelööfs - ävve sehn l<onnt ich
vestonn, dann fä,llt et wenni,chs net esu dich. Ävve et hollep joh nix: ich moht em Hämp joh nlx - , un wle ich joh­
op,. wernme bei de Präädich loofe weil opstonn, de Mantel ussdohn - wo zeggs de Kopp dorrech hatt un ess
jonn, ode att beim Vateunse kenn Loss deht me mezzen enn de Kerrech ene deef Luff wollt halle, wuurd ich du, udve­
mleh hätt ode kenn Zegg mieh, ävve Mantel hin? -, de Rock ussdonn un de schräck.
och net lerräck onge de Orjel stonn Helepe övve de Scholde eravträcke.
weil blieve -, alsu ich däht mich sätze, De Pastuur, zwei Köpp jrüüte wie söss
menge Bäddbooch op de Bank lääje, Wie ich et Hämp op däht fahle füür et un met Oore wie wie Füürrääde, stonnt
================== 70 ==================

vuur me, en ärmsdecke Keerz en de von de Leede woor jefalle, un moht om Wie et de ande Morje, zemmelich jood
Häng, met ene Flamm wie an ene Löt­ Kannepee lieje.. Woor ihr jeweß net jedonn, die Mannskeerls ussem Huus
lamp, un schlooch me die met alle Je­ rääch, äwe et notz nix, aH dat Lamen­ hatt un de Mamm vesorrech, satz et
walt op. de Kopp un brollt: ,,Apage, sa­ tiere. sich ene Schlaach un prackessiert esu
tanas!" Jet, un jlich feel em enn: am Sonndaach
Alsu moht et Dröck et Koche donn un ess joh Kermes! Ich backen ene Koo­
Dornet jink et Naahksdeschlämpche de Dier vesorje un wat söss nühdich che! - Nä, zwei!
ahn, ich sooß em Bett, hatt me de Jack woor.
vom Schloofahnzoch opjeknöpp, me Un et maht sich vell Arbeed domet. Et
fies am Schrankdeel övverem Bett de Me moht im ze jood haale, wat em en Wasse leef de en de Muhl zesamme,
Kopp jestuuße, un meng Mariännche dä Daare all scheef woor jejange: ier 0 wenn de dä Kiersche-Röfde-Kooche
säht: ,,Wat bedriefs. de? - Wat häss de sch hatt de Bless, die ahnfing, öörßich ahn dähts luure.
füür ene Fröößel an de Jäng?" ze werde, emm ene halve Emme
Mellech uss de Häng jetrodde, un de Ävve met däm Rosinge-Zitrenat-Ro­
Ich broht wall zehn, fuffzehn Sekunde, Katz, die sich teräck an et läcke joov, dong jink jet scheel, wiere uss de For­
bess Ich se 1Nedde all en de Pööl hatt. krääch· ene Trett. Dann kohm, jrad, wie rem jestöllep sollt werde: hä wohl un
Dann säht ich: ,,Oe Pastuur hätt me en et met de Foodebüchs nohm Hohn­ wohl net!
decke Keerz op de Kopp jehaue, weil deschs jink, et Lenche von jäjenövve
ich me en de Kerrech et Hämp ahn ess wedde jet liehne, et Dröck satz die Dat dat Backe e Fraumensch ahn deht
wool donn! - Wie du et jeste Oovend je­ Foodebüchs op de Eerd, un wie et noh strenge, kamme vestonn. Wenn dobei
saht häss." ene Mennut wedde eruskohm, woor de Jet net flupp, ess et ze bejreife, dat et
Hahn op de Rand jespronge un hatt en de Brass kütt.
„Wat hann ich jesaht? Du söhls en de die Büchs ömjekipp. Et haleve Foode
Kerrech e Hämp ahhdonn? - Dat jlöövs looch op de Eerd, un de Mösche mah­ Ävve wenn beim Dröck dt:! Brass övve
de seleve net!" ten Akkoord. hondet Jink, - un dat jink flöck -, dann
koch et net bloß, enä, dann k,onnt et
„Dooch", säht Ich, ,,du häss jesaht: heh Wie et en et Kellehüüsje jink, von däm em Handömdrähe explediere. Äwe wie!.
dat Hämp dehs de· moorn en de Ker­ de Düür halevschrääch noh ussen
rech ahn.!" opjeht, rötsch et op de drette Stuuf Dä Kranzküoche kohm en drei Stöcke
uss, moht sich avstippe un dabei die un Jet Jejrömmefs uss de Forrem.
„Nä, ess net wahr! Ich hann jesaht: dat Düür losslosse - paaf!, krääch et se op
dehs dt:! noh Kerrech ahn!" de Däätz. Dann heel et Dröck de Luff ahn, wuurd
vom Hals erop bess en de Stiem kräbs­
Un jetz setzen ich heh un schrieven dä De Hohnde jereeten em em Jaade en ruut, sträck, janz langsam, beedse Är­
Quatsch op. Un en ene vierdel Stonnd de Schloot, et Bruutmätz woor iersch me bes en de Fengespetze noh de
jomme noh Kerrech. Un et Hämp hanri stomp wie ene Krocklöffel, ävve wie et Segge, vedräht de Oore, jink jet en de
ich att ahn. drop däht däue, jöck et dedorech bes Knee, bes et met de Bross an de
en de haleve Fenge. Kuurt un jood: en Deschkant kohm, heelt sich en zehn
drei Daach jink mieh zeWeersch wie Häzzschlääch stell, un dann duurt et
Et Döppe Dröck söss en enem haleve Johr. kenn drei Sekunde, bes et dä Koche,
ode besse: dat Jestöckels vom Desch
Et Döppe Dröck konnt esu jeck werde Dann leef et donneschdaachs morjens hatt jewösch, die Forrem bes en de
wie enen Doorn, wenn em jet net noh de Engelbeert met de Schell un de Spöölsteen jeflemp - wobei och noch
de Mötz jink. Un dann konnt et schän­ Ampskapp de Schossieh erop un erav, en Tass en dausend Stöcke jink -, et
ge op Mensch un Dier, esu jar op Bäs­ füür et friedaachs de Pollevekaar uss­ Mätz, met därn et vesöhk halt, dä Kos
sem, Messjaffel un Mälldöppe, alles, zeroofe. oche vom Rand zu lüüse, bess enger et
wat et woß - ,,Mahne voll", säht de ahl Kannepee schibbele maht.
Nohpeschs Henn -, nä, et konnt doh­ Dat däht heesche; de janze Morje von
zoh noch handjrieflich werde, wie et aach bes öm een dorret en kennem Un dat Flooche dobei!
Katz un Koh, Kind un Käjel, Keste un Huus von de Aachebröck bess an de
Kaste att hatten usshaale mösse.. Polleve e oppe Füür jestoch werde. Dat Dann reß et et Fenste op, schnapp et
heesch, koche, wäsche, alles, wat met Mälldöppe un schmeß dat eraus op de
Wenn senge Brass dann eröm woor, Holz, Prekätts ode su jet j_estoch wuurd, Strooß. Et jink ävve net op däm Schos­
sooß et enn de Stovv em Eckelche, hatt moht ussfalle ode waade. siehflaste kapott. Et woor att kapott,
de Kopp op de Ärme lleje un kresch - dat schöne Döppe, viereckich, für drei
,,Rotz un Wasse", säht de Henn. Et Dröck knoorz lersch jet: ,, Ussjere­ Pond Mäll, fein met Blau ennjebrannt
chent jetz!", scheck· sich ävve drenn, ,,Mehl", en Kunsschreff.
Un de Pastuur, bei däm et blchte jink, joh, maht att et donneschdaachs oo­
wenn et ess wedde wie en Füüen eröm vens et besde druss: et koch Quäll­ Et schlooch, kohm, dat et dem Dröck
woor jefääch, hatt em att e paarmohl männche, Eie, en Speck-Mäll-RohiTI­ ene haleve Mete uss de l·:läng woor,
jesaht: .,Mädche, Mädche, du renns Zaus un maht domet Schloot, hallt däm Pollezel Hännes, en Uneform,
noch ens en de Onjlöck!" Koppschloot un Jorke uss em Jaade un jenau op de Hällem, - Jottseidank! Net
woß alsu: et konnt dä Keerls, die et en et Jeseech -, dat Döppe zebrooch,
Nu hatt se Moode vüür en aach Daach Kohrn avv wollten donn, et Esse teräck vom Mäll, velleech hoch e halef Pond,
e Seen zebroche, Wie se en de Schüür metjäwe. kohm net vell bess op de Eerd.
============-------======== 71 ===------===========,.......,=====

Konnde üch vüürstelle, wie däm Hän­ Ävve ich weil nöcks jesaht hann!" pack met beedse Häng dem Chress
nes seng Uneforem ussooch? Un hä senge Kopp, trook dän op sich ahn un
w0or op dem Wääch nahm Deens, net Noch e drett - un e viertesmohl däht et daut seng Leppe mezzen op die bloo­
vom Deens heem! seng Neuichkeet ahnbränge. dije Stiem, jink an et Schaaf, braht ene
Lappe un jet Flaste, tupp dem Chress
lehr, dat et Dröck richtich met hatt Un de ande Morje leef em Ovvedörrep c(at Blood fott un klävv dat Flaste op dä
krääch, wo se Mälldöppe jelandet woor, att dä Name rond vom Mäll vom „Döp­ Basch.
hatt de Hännes se Radd an de Huus­ pe Dröck''.
muur jestipp, woor met sechs, aach Wie em nu de Träne kahmen, säht et,
Schrett em Jehöösch, .,, klick, klick!", De 1< .erme·ssonndaach woor et Dröck janz avjeresse un wie vom Bock je­
hatte dem Dröck Handschelle ahnje­ dä Name att esu leed, dat et net op de schöddelt: .,Chress, Chress! Wat senn
laht, trook et,. vedaddet, wie et woor, Kermesball vom Hoohns Jelooch en de ich füür e Saumenschl - Ich moß mich
övve de Hoff en de Jeeßestall un bong Hohns Saal jink. Un et Nies vemess et joh duudsc;;hamme. - Dat kann Ich me
et doh an de Kett von ene Jeeß, die un säht janz schenghellich: ,,Worörn Lääbe net wedde jo.o d maache. - Et
hengen em Jaade jepöhlt woor. maach dat Dröck net jekomme senn? bäss jink ich en et Wasse!"
Dat wohl doch se neu Kleed zeeje!"
„Du vedammtes Saumesch!", knoorz „Nä", säht de Chress, ,,net enn, ävve
de Hännes, .,dich sall Ich kerierel Du Jlich drop dähten sich e paar Quäss bes an et Wasse1 - Donn et Schötzel
lierschs me noch ,_ dich en de Jewalt ze zesamme un sähten: .,Dat jomme jetz uss, roof de Mamm, un dann maache
haale! Un wenn de bess en alle lewich­ halle! Un wemmer et met Jewalt her me uss henge de Schüür her fott!"
keet heh em Jeeßestall moß hutsche! - mösse sc.hleefe!"
Un merek der et jood: wenn ich eene „Jah, wells de dann net mieh bei die
Ton von de ussern Jeeßestall hüüre, Wie die vier ode fönnef de Poorz op andere en de Hohns Saal? Die waaden
och, wenn de Moode noh de roofen hatten jedaut, en de Köch erennspek1a­ doch op dich!", säht et Dröck.
söhl, hän.gs de de Oovend noch heh! kelten un reefen: .,Dröck! Jetz 117oß de
Zackerarnent un D,onnerkeill - Enn ene met uss nohm Hohns Saal op de Ker� „Loß se waade!", säht de Chress. ,,Jetz
halev Stonnd senn Ich wedde heh!" mesball jonnl", schnapp dat Dröck sich . etz
hann ich Jet Nühdijeres ze donn! - J
. e Stochiese un schlooch de ierschde, träcken ich dir de Satan uss!"
Nu wöör dat joh net ess schlemm je­ bäsde domet op de Kopp: de Chress.
weers, weil et Dröck joh kenn Ahnung Wie e dat jemaht hätt, weeß ich net.
hatt, dat de Hännes en Freiheitsberau­ Dä jreff de !erschde Ooreenbleck op Ene Bäddbooch hann se net metje­
bung hatt bejange. Hä leht et wereklich seng Stiem, de zweite ävve att dem nomme, henge de Schüür her, dorech
noh ene haleve Stonnd wedde loofe. Dröck seng Handjelenke, reß die erav, et Looch no . hm Maleschlämmch.e un
Un et Dröck däht esu jar noch helefe, et et Stochiese feel op de Eerd, et Dröck no_h de ahl Aache.
Mäll uss de Uneforrem ze kloppe, su reß de Oore wegg op, wie et et ler­
jood et met Handschelle jink. Un et schde Blood dem Chress von de Stiem De ierschde vierdel Stonnd hann se net
schammp sich joh och zebasch. loofe sooch un de Chree et c1hn däht vell Jekallt. Ävve dann däht et Dröck,
bletze. Der daut et op ene Stahl, heel et janz hörsch, mem kleene Fen.9e dem
Ävve et Onjlöok hatt et jewollt, dat et doh faß un säht füür die ahciere: ,,Haut Chress senge kl.eene Fenge ahn.packe,
Nies von de Eck von de Jass cinge­ av! - Ich kommen jllch noh!" bahl hatten se sich. richtich bei de Hand
wäächs woo"r jeweers, von weggem de jepack, dann Iaht de Chress senge
Hännes un die Mällwolek hatt jesehn un Dat dähten die, ohne jruuß, Lamento. räächde Ärem öm dem Dröck seng
dat Optitsche von dä Schervele hatt Wie se eraus. wooren, un dem Dröck se Scholde.
jehüürt, jesehn hatt, wie de Hännes e't Moode uss de Stovv reef: ,,Dröck, wat
Dröck en de Jeeßestall hatt jedaut un ess loss? Wo bess de?", joov et kenne An de ahl Aache hann se e paar Stand
jlich drop fott woor jefahre. Un et Nies Ton von sich un röpp un wääch sich jesesse. Bess et Dröck frooch: ,,Deht
hatt höörsch jespinks en de Jeeßestall net, su däht em de Chress en de Oote dat Loch em Kopp noch wieh?"
un et Dröck ahnjebonge jesehn, luure. Wall en zwei Menutte stonnt de
Chress vt\ür em Dröck un leht et Blpot ,,Noch e Bützje drop", säht de Chress,
Un dann moht et beim Fienche „jrad loofe, enn fuffzehn, zwanzich Droppe. ,,dann widd et wall jood senn!"
kloppe" un froore: .,Saach, Fien, wat litt Op dem Dröck se Schötzel. Un de jan­
dann doh füür ene Hoofe Mäll vüür em ze Zegg luurt de Chress dem Dröck stier Am Samsdaach vürrem nähksde Mal­
Dröck sengem Fenste? - Un Ich meene, en de Oore. Dat wohl iersch emme noh ball vom Hohns Jelooch hann die zwei
da Hännes wöör doh en et Huus jejan­ links un räächs fottluure, ävve de Chress Jehieroot. Un de Pastuur säht: .,Dat
ge! - Nä? Du weeß nix? - Dann weil ich daut em de Häng dohjäjen, bess et em hann Ich me Lääbe noch net jesehn,
och nüüß jesaht hann!" wedde en de Oore däht luure. dat e Fraumensch enern Mannskeerl e
Loch en de Kopp schleht un dofi.iür je­
Jajoh, jink et Fien nohluure, wenn och Janz allmählich däht de Chress spüüre, hieroot wierd. - Sall mich wandere, wie
net bess en de Jeeßestall. dat et Drö.ck seng Häng räuhich däht lang dat jood jehtl Un ov de.met denge
haale, se net mieh fott wohl träcke. Doh Floocherei doch net en et Onjlöck bes
Un beim Engelse Pette em Laade lehte langsam loss, leht seng Häng, jeroode."
frooch et Nies et Annche: ,,Saach, ess eravfalle, ävve ohne et Dröck uss de
beim Dröck jet passiert? Doh litt Mäll Oore ze lasse. Wenn de Düüvel ess wedde öm de Eck
op de Strooß, un ene Hoofe Schervele, en de Stovv erenn wohl luure, däht de
un de Hännes hätt et Dröck vehaffl Dann stonnt et Dröck janz langsam op, Chress op e neu Mälldöppe zeeje, op
==================72 =================--=

dat ene Schervel von däm ahle Döppe Dat me de Hand vüür de Muhl haal.e Su. Un enn dämm Booch stonnten e
woor jeklävv. sollt. hatt enn janz andere Utsaach. paar Segge voll övve de Hlerooderei,
enn haleve Segg voll, wie me et ahn­
Wenn dat net jenoch woor, nohme et Wie konnten sich vuur hondet, stelle kann, dat me e Brautpaar met
Stochiese, wat söss net mieh jebruch zweihondet un mieh Johr de Löck•vüür­ Jlöck vesehe deht.
wuurd un däht et dem Dröck darhaale. stelle, wie enn Krahkheet en de Liev
kohm? HüOre un sehn konnt mer et net. Wolle me uss heh net tispetiere, wat
Kee eemohl hätt dat de Düüvel ussje­ Wat Wonde, dat me op dä Ennfall Jiöck ess, söss semme de Oovend
haale. kohm, et mähten böse Jeiste dohenge­ noch het ferdich; wolle me och net lang
steche. Die hüürt un süht me net, ävve ene Pa:stuur krittesiere, der enem
Jood fu'ffzich Johr spääde woß bahl se ,, mössen'' dohsenn. Brautpaar; wat de· Huhzeggsmess be­
kee Mensch niieh, woröm et Dröck stelle kohm un sich vüür dohdrenn et
,,Döppe Dröck" jenannt 'wuurd. Doch: Doh kamme nix maache? - Net vell. Halleluhjah von Händel wönsche däht,
senge Chress un ihr fönnef Pänz. Ävve e beßje. Probiere, off me se drahn zor Antwoort Joof: ,.Wäjemengem. Ävve
hengere kann, erenn ze komme, wo se nühdich ess dat net. ihr kritt noch Hal­
jet vekiehrt könne maache. leluhjah jenoch!" - Wat mich noch pess
Rähn enn de Alsu moß me Kra<1ch maache, am Oo­
op de höggije Daach ärjere deht. Dobei
woor i<;h jar net der Bräutemann.
Brautkranz vend vüür de Huhzegg, dat die böse
Jeiste net enn die neu Wonnlmg kom­ Nu halt s1ch dä Pittejüppche etliches
Me maach .et beduure ode net: rnet me könne. Polteoovend enn ene Wiert­ vüürjenomme, wie e senge Sehweste
däm velle Neue jeht vell Ahles hückze­ schaff, erjendwu, met Dreck un Papier un sengem zokönnettije Schwoore -
daach de Baach erav. Ich jävven zoh, ess füür de Katz. wer hätt esu jet att met nön.g Jahr op­
dat et bei vellem Ahle och net lohne zewiese - enn et Jlöck könnt helefe.
däht, noch Möh drop ze veschwende. De Hand vüür de Muh! haale beim Jap­
pe? Dann können die böse Halsjeiste Steen; drei wieße Kissele, jeede onge
Wat söhl ich höck met enem Radio, wie net erenn. Jlöövs de net drahn? Also enem Bööcheblatt vom lätzde Herrevs,
me et ierschde nöngsehnhondeteenun­ hätt et och kenne Senn mieh, beim hatte jesammelt, op Lichmess en
dressich hatten? - Jood: enn enem Mu­ Jappe de Hand vüür de Muhl ze haale. Boochecke jesöhk un enem Bloome­
seum krääch mer et velleech onge, pott stonn. Dat d9hdruss waaßende
beim Altrööches jööv et noch ene Hoo­ Au! - Hann ich „et Thema vefehlt"? - Böhmche moß• e janz Johr am Huus
fe. Jeld dofüür. Ävve et bruche wöhl sec Siehrnöhks. - Äwe enn Ennleitung daref stonn; sebbe fengelange Sprosse vom
ehe kee Minsch mieh. me joh schrieve. Die ess jetz am Äng. weide Hopfen j.ehollt, jedrüch un enn de
Aussteuekess zweschen de Bettwäsch
Wat hann se uss vüür sechsich Johr Däswäjeh donn ich üch jetz dä Pitte­ jelaht; enn Sehaal von enem fresch
bewondet, met ussem elektrische Frin­ jüppche vüürstelle, ene ächte Dörreps­ ussjefallene Küchelche vewah·rt, dovon
ge an de Wäschmaschien! Hück wöhl quass ussem drette Scholljohr. Von e beßje kleenjemohle un am Huhzeggs­
se kenne jeschenk. däm ess ens iersch zweielei ze schrie­ daach für de Braut enn de Katte ze rüh­
ve. lerschdens: hä ess janz ärrech op re; e Ammelett uss ene Faanwurzel
Menge Weechte hann Ich noch beije­ seng älste Sehweste, et Andrea, jood looch parat, un wat net all.
braht, dat se de Hand vüür qe Mµhl eenunzwanzich un veloob mem Man­
haale tnöhten, wenn se jappe mösse, fred, der beim Pittejüppche teräck hen­ Et alldenühdichs, woor dem Pittejüpp­
wennichstens, wenn ande Löck dobei­ gerem Andrea kütt, noch vüür Papa un che vüürjekomme, wooren ävve die
senn. ,,Dat Jehü,ürt sich esu", däht ich Mama. Ess joh och ene ächde Keerl, dä Ahnjestalte dohvüür, dat et de Braut
inne saare, .,dat ess unahnständich, Manfred, un och jood op de Plttejüpp­ teräck noh de Kerrech en de Kranz un
wemmer et net deht". che ze spreche. enn de Schleie rähne möht.

Hück, att lang, frooren ich mich seleve, zweitens: .,Dä Pittejüppche ess op et Op alles andere könnt me zor Nuut ve­
wiewahl Ich de Hand noch vüür de Lässe, wie de Düüvel op en ärrem Siel", zichde. Ävve op die Rähndroppe net.
Muhl donn haale, wat dohdrahn we­ säht de Oma. Wo der e Zäddelche met
reklich unahnständich ess. Süht me do­ Jet Jeschrevvs enn de Fengere kann Ävve wie stellt me sujet ahn, mem
bei Jet Unahnständijes? Ich wöß net, krieje, vejisse de Welt öm sich eröm, Rähn?
wat. Ern Jäjensatz zoh männechem, enn der e·söss met beedse Seen dehe­
wat Fraulöck, männechmohls och em ess. Jood, me kann öm Rähn bädde, esu jar
Keerls, Jewollt ode unjewollt zeeje, wo wallfahrte jonn noh Heestebacherott
wereklich de Ahnstand, de Schecklich­ Nu ess em, ich jlööv, bei sehgem Lehre, nohm Judas Thaddäes. Ävve ov dann
keet, dat, · wat scheckelich, öörndlich ene Booch enn de Oore jefalle „Volks­ zor richtije Zegg un an de richtije Plaaz
.ess, fähle deht. Un oc .h noch vüür Jeld glauben und -brauchtum''. Dat hätte och Rähn fällt, un övvehaup an däm
ahnjebodde w.ierd. Wenn ess bahl ene studiert, kanne bahl senge, dohdruss Daach fällt, weeß me joh net.
Unahnstandsorden, velleech heesche dehte de Oma Saache vezälle, qie die
och Ferkesorden, vellehe wierd, könnt ihr Lääbe noch net jehuurt hätt; Wie, soll De Pittejüppche WOöf flöck op dä Enn­
dän de RTL krieje. die och wesse, wat enn de Benech, doh fall jekomme, me könnt joh enn Jeeß­
henge München, ode ze Hamborrech, kann nämme. Ävve l<ohm, datte dat
Ävve wat hält Jappe met Ahnstand ze enn Schlesien un wo net all, de Löck slch vüür hatt jestallt, kratze sich henge
donn? Nix. donn un looße, jlööve un bezwievele? de Uhre un meent: ,,Ov me domet de
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Jlöcksfrall, de Frau Holle, betuppe Joh hüürt: dä Pittejüppche woor joh net net., wie söss Johrschs, dahinfahre. Al­
kann? - Nä!", sähte Janz le.ut vüCir sich ömmesöss Messedeeneanwärte. Un hä su deht se ihrem Broode en Kaat
seleve. konnt et mem Küstemännche )ood un schrieve' , däut me die en de Hand Un
hatt dat Speil von Ahnfan·g met däm säht: ,.Schmieß die beim Engelse Pette
Alsu: wat nu? lileroode. Un dä Küstemännche hatt je­ en de Breefkaste. - Hück-hamme Pins­
saht: ,.Jajoh, Jong, dann ich de helefe! daach. Dann ess, die am Friedaaoh be­
Hä moht et iersch de Kerrech wesse, - Dat l<rieje me jereejelt - Ich wönsch, stimmp doh".
wo jehiermit sollt werde. ich hätt och ene Ouass wie dich, dä esu
ärrech ess op seng Schwe.ste wie du! - Nu könnt ich joh jenau dann,. wat de
Don.oh hatte nöch vier Woche· Zegg. De meng senn wie Katz un Honk." Mama jesaht hätt un die Kaat beim En­
gelse Pette enschm'ieße. Weil ich me
Bess dohih hatte- sich en Tonn besor­ Dä Küsternähnche dbnh ich üch net ävve de letzde Daach att wedde e paar
rech met enem Ussloofhähnche, die veroode. Dä soll kenne Quassel mem Dollheete jelevvet hann un „et bahl
met vell Möh op zwei Querbaleke, övve Pastuur krieje. Kann aHedings senn, dat wedde an de. Naarel jebrannt ess'', wie
die e e paar Brädde hatt jelaht, zertiert, der sich zebasch laachen däht. Dä hätt de Papa jeknoorz hätt, weil ich die Kaat
voll Wasse jeschleef, an de fliffzich Ute, et joh och fuußdeck henge d� Uhre! leeve en de Breefkaste von de Pass
ene S .chlauch von dä Tenn j0od drei sct,mieße, der am Engelse- Pette sen­
Mete deefe jeleed, dat Schlauchäng op Hamme nu alles vüür de Huhzegg, un gem Huus hänk.
e Stöck leserühr, och met ehern et Jlöck? - Och nä. De Pittejüppche
Avsperrhähnche, teschuuf un doh vür­ moht joh ach noch speckellere, wanne Ich sprengen op et Radd, jaaren am
ren drahn ene Brausekopp jeschruuf. am Äng von de Mess sich uss de Bank Hoff eraus·, stoppen zor Vorsieh die
Dat Rühr· met dä Braus konnte dorech veqröcke könnt, ohne dat et jruuß op­ Kaat .en de Jacketäsch, weil lans de
et Schalloch schiebe, fenau övve dem feel un hä froh jenoch owen wöör am Hoffs Weed fahre, ävve dat jeht net:
Haupportal von de Kerrech. Hähnche. doh senn se ze sebbe MaRn am Fuß­
ball speile.
An enem passende Daach, wo net vell Et woor en schöön Huhzegg, et feelen
löck op dä Strooß vüür de Kertech wo­ fenooch Droppe enn de Kranz un enn Ess doch nix ze övvelääje: drei jä)en
oren, hatte Jeneralprobe jemaht: et de Schleie, velleech esu jar och noch vier ess doch Kappes! - Doh schreit
jqov ene breede „Rähnstrohl", un hä .enn een, zwei rich"ijie - mieh vom Him­ och att eene von henge de Heck her:
konnt joh och dat RCihr noch jood ene mel seche net -, et woor e schön Fäss, .,De WIiiy speilt bei uns metl" - .,Nä, nä,
haleve Mete noh links un noh räächs de Pittejüppche woor jlöcklic .h, et dat )itt et net! - Dann wldd neu je­
bewääje. Dat rnöht mem Deuvel Brautpaar woor jlöcklich, un ess ·et wählt!", schreit erre arntlere.
zohjonn, wenn doh net e paar Droppe bess op de hüggije Daach, - wemme
en de Schleie köhmen! weeß, wat Jlöck ess, wat seche net Su jeht et och, duurt ävve wall zehn
heesch, dat emme Sonnescheng moß Menutte, bes me eenich senn, vier jäjen
Ühr sedd schlau, dadde dat teräck je­ senn. Der, lässen ich Jrad, mäht Wüste. vter. ,.Un dre.i Ecke en Ellefl" - uss fön­
merek hatt, dat et doh noch zwei Hoo­ nef Mete - ,,un ohne. Abseits!", un „Ich
ke Joov. De ierschde: von ovven kamme lersch op senge eejene Huhzegg, wie scheeßen de ierschde Elletmete!"
net bess ongen an de Poorz IUure! se noch ens die Beldche vom Andrea
senge Huhzegg dähten beluure, frooch Wer hätt Ahnspell? - Lööse me en zwei
Alsu moht de Plttejüpppche Höllep de Pitlejüppche: ,.Saach, Andrea, Man­ Menutte met „Paar - Unpaar".
hann. Wie e senge Frönd, dä Heinzje, fred, ess- üch ·dä Rähn op ühre Huhz.egg
däht froore, säht der rnet Bejelsterung net komisch vüürjekornme, wi'e e heh Noh een, zwei, drei Stond - vlerzich,
joh. Su wulird et avjesproche un u�s­ op däm Beldche uss de Kerrech kott?" fuffzich Menutte, 6 : 5 un 11 : 9 mössen
probiert: wenn dat Br:autpaar noh de de Häns un de Paul-Jupp erenn, weil
Mess langsam de Kerrech)ang erav­ ,,Enn doch!", sähten die zwei, .,Ävve se noch kenn Aufjab hann.
köhm, Lln bess ahn de Dööfsteen, drei 'Vüür luute Jratelle(erei hamme kenn
Mete rä/j.chs ennen vüür de Pqorz Zegg jehatt, drövve- nohzedenke, un Dohnoh kQtt kee Speil mieh zestand.
wöör, möht de Heinz von de ande Segg donoh hamme et wedde vejässe. Ich setzen mich bahl op et Rad un fah­
von de Strooß met senge Kapp ren de Veehjass erop, de Ahlerodde
schwenke, un enn däm Oorenbleck de Doh vezohl de Pittejüppche seng Kuns­ Schossieh huh, lans de Remmel, op de
Pittejüppche ovven em Tuurn am le­ stöckche met dä Brautschleieberie.se­ Kerrechhoff ahn, de Sonneberrech erav
serühr ,et Hähnc.he opdrähe. lungsanlare. Un seng Moode, joh beim un övver et Kroopelsteld wedde. heem.
Andrea att dreimohl Oma, säht: .,Nä,
Jen.au em richtije Oorenbleck wo.oren nä, wat hann Ich enn Zoort Pänzjruuß­ Wat ess? - Wo ich die Namensdaachs­
die Drbppe doh engen. jetrocke! Wenn dat de Urmotte wößl" kaat hann? - Wat füür en Kaat?

Un et zwätte, wat üch att de janze Zegg Ühr hatt Rääch te froore: 1-jätt Ühr dat
op de Zong bennt: dä Pittejüppche doch bloß vüür aachunfuffzich Jahr je­
moht doch seche, füür alles par.at ze Vejessene donn!
l<rieje, enn dotzendmohl enn de Ker­ Namensdaachskaat Äwe et Leeje hillef me hück nix mieh:
tech un op de Tuum. Ess dat dann net
opjefalle, dat der esu öff doh erömleef? De· Ohm ze Wleß bei Rudekerche, op die Kaat hann ich ratsch vejesse!
Un wie kohm der övvehaup enn die­ de an.de Rhingsegg, hätt Namens­
Kerrech? Un wedde·eraus? daach. Ävve dlss Johr kann de Mama Un die J.ack hängen ich fott. Et wo0r de
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letzde köhle Daach em Johr, un vürrem


Herreves donn ich se het mieh ahn. Un
de Motte frööch och net mieh noh der
Kaat.

.Su widd et wall Oktobe senn, wie ich


die Jack et ie.rschdemohl wedde ahn­
qonn, merken, dat en dä Täsch jet kni­
stet,dr-enföhle un: Himmel-.alle-Welt! -
Doh ess die Namensdaachskaat! - Füür
de Ohm WIii. Ze Wieß!

Moß ich dat jetz de Mama saare? -


Wöör doch Dollheet, ne? - Könnt ich
die Kaat ... ?
Annche sengem Huus litt att em helle ene Tupp Schuum op de Naa.s. ,,-Du
Ich dann se en menge Schublaad ve­ Sonnescheng. Dollmann!", säht se.
kroose!
Ich setzen mich en de Hüh, en mengem Dann frööch se mich: ,,Jehs de met de
Ene Moond zevüür hätt qe Kreech ahn­ Kindebett. Uss Jriet, zweiunehalef, Oma en et Huhamp?" - ,,Au joh!", saa­
jefange. Et jitt allehand Brasse! un On­ schlööf noch en sengem Körvje, wat ren ich.
rauh, de janze Winte bes en et Fröhjohr quer vüür de Bette von Mama un Papa
Ennquartierung. _steht. Der hätl sich de Deck övve de Ern haleve zehn benn ich feinjemaht un
Kopp jetro,cke. Ävve de Mama setz att en zwei Menutte en de Berechstrooß.
Un em Mai vejiss de Mama de Na­ op, de Fööß vürrrem Bett.
mensdaach von ihrem Broode, un en De Jroßvatte setz noch am Desch, met
Wach donoh fällt et ihr heeß enn un se Aha! Die widd opstonn un noh de Fröh­ de Schnäuzetass.
juhz: ,.Jetz hann Ich doch ussem Will mess jonn, en ene joode halve Stond.
senge Namensdaach ve)esse un em „Nu maach vörrahn, Hermann!", säht
net ess en Kaat jeschrevve!" Wenn die fott ess, kann ich en de Köch de Oma, ,.dat ich de de Kraach noch
schleiche· un met mengem Holzbauka­ ahn kann donn. - Häss de deng Kraa­
„Ooch en doch!", saaren ich, ,,Die hätte ste speile. reknöppche weddejefonge?"
pünklich Jehatt."
Wie· se weddekütt, frööch se: ,;Häss de De Jroßvatte knoorz jet un zeech op et
„Wie jeht dat dann? - Ich hann doch dien att jewäsche?" - Hann ich net. Schaaf. Doh litt et. Hä steht op, [ääch
kenn jeschrevve!" - ,,Häss de doch!", sich dä Kraach öm de Hals un räck et
saaren ich, ,,Vörrich Johr! - Die ich en Se höllt et Jriet. Dat widd, onge Je­ Kinn huh. Zweimohl fällt et Knöppche
de Breefkaste sollt schmieße un övver~ knaatschs, ahnjedonn. Dann moß ich op de Eerd, dreimohl sc-hreite: ,,Au!", un
em Fußballspelle vejesse hann. Vörrlje onge de Krahne. wat se dozweschen dorech de Zäng
Woch hann ich drahn jedaach!" quätsehe, hüürt sich net nah enem Va­
Mem Kämme, bei meng·e m „Jaköb­ teunse ahn.
De Mama hivv de Hand, äs wenn se me che", benn ich flöck ierdlch, ävve et
e paar lange wöhl, ävve ich benn att Jriet met senge att lange Hoor hält Ich loofen et bäss noch ens flöck en de
bahl jenau esu Jruuß wie sie.. Su löh't se kohm stell, wibbelt un knöttet un Jaade, bes de Oma rööf: ,,Wo bes de? -
de Hand wedde falle un säht: knaatsch, bes et ere e paarjetupp kritt. Me mössen jonn! I'
,.Vedammpde Saupanz!"
,,Su! Bädd dich att", säht de Mama. Wie me am Säcke Mölle senn, fänk et
Nu saht ess seleve: Woor dat Rääch, ahn ze lögge.
wo Ich die janze Zegg, von Oktobe pes ,,Jesuk•indchen klein, mach mein Herz­
Ängs Mai, an die Kaat hatt jedaach? jen rein," - Saufleech, mezzen op men
. ­ Ich hann att et haleve Jebättbooch
ge Naas! - ,,soll niemand drin wohnen dorech, wie de Pastuur Kenntemich
als Jesus allein. Amen." mem Asperjesmee dorech de janze Ke­
rech trick, all Löck naßspritz, de Kü­
Hellije Sonndaach „Dat söhl wall wedde en Bädderei stemännche senk, un de Pastuur wed­
senn!", säht de Mama un mäht dem de met· de Messedeene en de Sakre­
Dat ess de vierte Juni Dressich. - Ävve Jriet et Kröcksje. stei veschwinde deht.
doht mich net kreuzije, wenn et net de
vierte, stattdessen de drette ode de Wie me am Kaffedesch setze, kütt de Wat? - Ich könnt met fönnefunbahld­
fönnfde woor. Papa, em Ponnijel., de Hoor' noch ze­ reivierdel noch jar net lässe, un att jar
weersch, och eren. kenn Latein? - Ävve bläddere kann ich,
En aller Herrj0ttsfröh werden ich von un dat es schöne wie de Oma beim Ru­
enem wöste Jekabbel en de Daachkall Wie avjerühmp ess, nimmp dä seng usekranzbädde z:ohzeluure. Un mem
von wall enem Dotzend Mösche wach. Raslerpöttche, senge Speejel, schleht Fenge de Reihe em Bäddbooch noh­
Schuum un kratz sich dän wedde us­ zerötsche, un met de Leppe mömmele
Jäjenövve et Daach vom Mölleschs se
. m Jeseech„ Un de Mama kritt ach wie de Oma kann ich och att.
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Met Beenschöckele, Bläddere, die Hel­ re, nohm Telejraf, füür ene Zitsch. Auwiehl Dann mössen ävve dohmohls
lije op ihre Postamentche zälle - bes vell Löck en de Höll senn jekömme, un
zwöllef kann ich att -, un däm Jelööfs Oe Mama hätt ihr Kapotthöotche ahn noch vell mieh höckzedaach, un janz
von dä Messedeenere öm de Altar un e Kleed met enem Schlabbelätzje·, et jeweß all die, die jar net en de Kerech
eröm zohluure, zwei Pänning en et Kör­ Jr1et weil de haleve Zegg jedraare wer­ jonn. Ode och die, die fröhte bloß on­
Vje schmieße dörve - dat hält de ahle de, un endlich semme doh. Ävve ich gerem Tuurn de Zegg avstonnten un
Kurscheed em lange ruude Kammesohl moß stell am Desch setze blieve. ,,Du sich Krätzje vezälle dähten?
un en schwazze Kapp rond, der ess häss deng jood neu Botz ahn", säht de
Schweize un luurt kott -,oppasse, ov Mama. Un de Oma säht: ,,Dem Kreu­ Ävve om Duudezäddel stonnt doch em­
dem Pastuur bei de Prädich de Bädd­ ze.schs Lisje senge Honk lööf frei eröm. me: Er starb nach einem christlichen
booch net eravfällt, emme ess nah de Dä ble.ß dich!'' Leben.
Orjel eropluure, woröm die doh ovven
esu laut schreie, en halevdotzendmohl De Jroßvatte jeht zweimohl nahm Abe, Kann me ess ee Mensch ·saare, wat ehe
met de Fooßspetz meng Mötz vom un donoh maht de Oma e bessich Je­ jeheilichte Sonndaach ess?
Hooke eravdäue un wedde dropkroose seech. Hück weeß ich woröm: de
- doh stüüß mich de Oma e paarmohl Jroßvatte jink dann flöck ene Kohrn
bei ahn un schöddelt mem Kopp - ,em­
me ens deef Luft holle, weil dä
drinke. En der Zegg wuurd bloß Jetu­
schelt, wat ich net hüüre sollt.
Hatt ühr jeschlaach?
Weihrauch esu jood rüch, dabei kriejen
ich et Huhamp ahndächtich eröm. Om Heemwääch jink d.e Jroßvatte e Me hatten füür de Monat Novenibe
paarmohl met me, trotz dä joode Botz, 1946 de Lebensmittelmarke avfehollt.
Wie ich wedde heemkomme, jeht de en dat jruuße Heedestöck zweschen
Papa noh de letzde Mess. Telejraf un Ravensberech eren, un me Füür de Oktobe hatt et noch 120
fohgen zebasch Walderdbeerehe - e Jramm „Fleisch- und Fleisc;hwaren" op
,,Blief net ze lang!", knoorz. de Mama, T äschendooch voll nohm ich de Mama de Kopp un de Wach ieJovve, jetz bloß
,,söss jitt et wedde vebröötsch Esse!" met -, de Jroßvatte woß de Name von noch hondet Jramm.
all Böhm, Strüch un Kröckche, ich
Ahal Der jeht noh de Mess, ongerem krääch e paarmohl de Schohn voll Alsu konnte me deheem, ze fönneft, e
Tuurn, wo e emme de Hot op de Dom­ Sand, un op eemohl hatt de Jroßvatte janz Pond Fleesch, Wuesch, Speck un
me schaukele loss. e deht, nohm Kürte en Blindschleich en de Hand, un ich Knoche halle jonn. Allehand, ne?
Ohm Will. Doh dann se mem Schuma­ doref se och ens nämme un dann wed­
che noch jet kaate. de fottkruffe lasse. Ävve nu doht ens füür ehe :eenzelne
Mann 100 Jramm Kottlet maache. Un
Öm vierdel vüür Een scheck mich de De Mama hatt en jruuße Tütt bei sich. broode! Dat däht me en de Pann net
Mama de Papa halle: Die däht ich voll Dännemöpsje samme­ weddefenge.
le, füür e Pännche Eerpel ze broode.
Wie ich erimkomme, heesch et teräck: Dat wooren Zegge, wie beim Avwooge
„Me speilen de älste Jong uss!" Dabei Nohm Oovendesse jink et bahl en et en Schief Fleeschwuuesch noch Jevier­
daref ich beim Papa om Schuuß setze, Bett, wedde mem Jesusklndche klein, delt wuurd!
moß beim Reize de Muhl haale un daref ode woor'en et dissmohl de vierzehn
emme die Kaat op de Desch schmieße, Englein? - Wat ich net bejreft: wo Nu stonnt ich et samsdaachs als fuff­
op qie de Papa mem kleene Fenge söhlen all die Englein herkomme, wenn zehnte bei ·Schells en de Schlang, un
zeech. an jedem Bett deren vierzehn söhlen wle ich ·de drette woor, heesch et: Bloß
stonn? Un de janze Naach, un em Düü­ noch Knoche doh! Doh stonnten henge
Ävve Ich ben fruh, wie me jonn. Dä stere! me ävve att wedde en zwanzich Löc_k.
Quallem vom Onkel Will sengem
Strangtabak jefällt me het Nä, Englein wohl ich jeweß ens net All Joofen se sich an et Schänge un
werde. Donnerkiele, e paar Fraulöck an et
Et Esse ess net vebröötsch. Beim Bäd­ Kriesche. Nötze däht dat all nix. Un de
de kriejen ich er-e e paar op de Fengere, Drei Jahr späde mohte me en de Scholl Schells konnten joh och nfx dofüür.
weil ich flöck ens vom Fett vom beim Kaplan Lenzen liehre: Drittens:
Schweinebroode schnööse we.11, wat ge
. denke, daß du den Sabbat heiligest. Ich schannt net. Ich säht: ,,Sollen se" -
ich esu extra Jern esse, meent ich de Mllletärrejierung, ode de
Dohfür moht Ich sonndaachs ach noch Vewaltung, ode Wänn söss? - ,,sollen se
Donoh jonn ich jet schaukele, nävve­ en de Chressdeliehr un an Fierdaach doch ihre Krohm seleve frässel Mir
nahn bei de Tant Draudche luure, ävve oovends och noch en de Komplet. hann se net nühdich. Mir hann en Drei­
die läh' t de Fe.nge op de Muhl, weil en Zentne-Sau jeschlaach!" Dräht mich
de Stovv de Onkel Jerred am schnar­ „Un", säht ich, ,,Papa, bruchs du un de eröm un jink heem.
che ess. Ich maachen D-Zoch bes an Johannes un de Hans un die Löck all,
de Je _ erschdebetz un zeröck an de die en de Wiertschafte setze un nohm Ov un wo me an däm Daach noch e
Heembach, wo de Kühlingsköpp att Fußball jonn, net de Sabbat ze heilije?" Küüsje Fleesch hann krääch, weeß ich
zemlich jruuß senn. net mieh.
Doh säht, dissmohl die ande Oma, die
Dann flööt de Papa, un de Jroßvatte un vom Papa: ,,Die kommen och en de Dat von dä Sau vezohl ich deheem net.
de Oma senn doh, un me jonn spazie- Höll!" Ich hatt mengem Ärje Luft jemaht, un
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en Sau hatte me me Lääbe net jehatt, noch op de Schöpp nämme?" ongeret Bett luure ode föhle, wenn de
och kenne Stall dofüür. Un dat woß je­ „Komm erenn. Sätz ,dich ene Mama et Leech uss hatt jemaht. Seim
de em Dörrep, der uss kannt. Schlaach", säht de Vatte. Jewidde däht ich rne de Deck övve de
Kopp träcke. Wenn ich op de Speiche
De ande Woch kütt de Motte vom Dat däht de Hoffs Hännes, en Unefo­ moht - de Trepp erop woor kee Leech,
Schmitz-Schneider heem ze schänge. rem. Un dronk och ene Knölli- Brandi. un de Schalte e jood Stöck henge de
Se hatt noch e Hondet-Jramm-Kärtche Un krääch dat Speil richtich vezallt. Speichedüür - , moht Ich deef Luff hol­
füür Zucke jehatt, un hä hatt bloß 98 le, de. Oore zohmaache, met eenem
Jramm avjewooch. Wie se sich am tis­ Noh vell Jelaachs säht ich:"Konnt e net Satz an de Schalte sprenge, ahnknipse,
petiere wooren, wievell von der Tütt moorn morje em Helle weddekomme, en all Ecke spingse: Jett sei Dank: et
dohzohjerechent döref werde,- hatt en me Handschelle ahnlääje un mich met woor nie eene doh.
Frau jesaht: ,,Sedq ühr doch stell! - Ühr noh de Wach nämrne? Dat sich de
hatt doch jeschlaach!" Löck noch jet mieh de Muhl z.erieße Ävve eemohl woor et noch schlemme:
könne? - Ich donn kenne Widestand wie ich ahn däht knipse, flacket et
De Motte hatf et de Stemm veschlaage, jäjen de Staatsjewalt leiste." Leech en hondetsdel Sekund op:
bess se noh ene haleve Mennutt Knack! Fott woor· et Doh leef me ävve
frooch: .,Mir? Jeschlaach? Wer vezällt „Saupanz!", ;;;äht de Hännes, ,,Du söhls en Schuur de Röggen erav.
dann esu ene.Quatsch?" meng senn! Dir däht ich et Löckvesa4e
ussdrieve!" Doh wöör et me jresselich jeweers? Nä,
,,Ühre Willy! Bel Sch·ells! - En Drei-Zentne­ dat däht ich me andeschs vüürstelle.
Sau! - Hadde öwehaup ene Schlaachsching „Un wat dähde maache, wenn ich
jehatt?" vespräche, su brav ze senn wie ühr?" Vü(lr Müüs, Schnecke, Spenne, Frösch
hatt ich kenn Angs, net ess vüür ene
.,Nä. Wöfüür? - Me hatt.en kee Schwein! Hä laach un säht: ,,Et hähksdemohl Ringelnatte, die bei de Oma en et Kei­
Brohte me och kenne Scheng!", hatt se. kriejen Ich dich dobei!" - ,,Jood", s�ht leloch woor Jerötsch un net mieh erus­
in ihrem Ärje jesaht. Ich, ,,dann kommen ich met de Hand­ konnt. Die nohm ich met de bläcke
schelle!" - Häng un braht se en de Jaade., wenn
Ze Huss wuurd Ich ahnjeknoorz: ich donoh och stinke däht, drei Kill.eme­
„W0füür mahs de de Löck veröck un De ande Daach krääch mich usse Pa­ te jäjen de Wind.
brängs uss dänne en de Zäng? - Su stuur Bendemache ahn un säht: ,,Wenn
enn Dollheete ze vezälle!" du die Lüge mit der Sau beichten Met däh1 ahle Schloß un dä Duu,
kommst, schmeiße Ich dich ohne Abso­ deköppkäjelerei ess et nix jewuurde.
Ich säht: ,.Wenn dich noch ess eene lution raus!"
frööch, moß de die Sau noch ene haleve Ävve jresselich ess et me. e paarmohl
Zentne schwere maache un saage, ene Met der Sönd loofen Ich jetz att fuffzich en mengem Lävve jeweers.
haleve Zentne hätte me vemaggelt fü,ür Johr-eröm.
Botte un Zerätte. Un ich hätt jelooge un Be i. m ierschdemohl moß ich en Dot­
ene haleve Zentne ongeschlaage." Ov mich de Petrus domet doch erenn­ zend Johre alt senn jeweers. Wie näm­
löht? lich de Nazis de Wahne Heed wedde
De Motte luurt krittisch, dann jriemelt als Scheeßplatz dähten bruthe, un dä
se un säht: ,.Du Filou!" vom Sonneberrech ahn jesperrt woor.

Wie die $au att fönnef Zentne schweer Wenn et me doch Mir Pänz dähten uns ävve lang net
woor jeweers un de Speck esuuu deck,
schellt et des Nommedaachs, wie et att
ens jresselich wöör drahn stüüre, me Wohlen USS USS
schüüne Räubeborrech en de Spar­
düüste woor. De Papp jink an de Düür. büchs net nämme losse.
Tereck huurte me kolldere: ,,Wo häss du De miersthde von de Jrlmms Märchen,
Keerl die Sau? - Ich moß üch vehafde. die ich veschlenge däht, su bahl wie Ich Wie me nu ess wedde dorech de neue
Alle Mannl - 2ackeramentl - Hätts däm lässe konnl, woore me eijentlich vell ze Kerrechhoff am Sonneberrech op de
Panz ene Ballech Wachs solle jävve, brav. Fleejeberrech ahn wollten loofe, kütt en
datte de Schnauz hällt! - Der stellt sich Wehrmachtsstreife, drei Mann ze
doch söss net esu dämlich ahn, de Wie ich ävve en däm decke Booch an Peerd, ahnjalloppiert.
Löck weid ze maache!" die öweschreff „Märchen von einem,
der auszog, das Gruseln zu lernen" Ov die uns jesehn hatten, weeß ich net,
Ich hätt net frboge mösse, wer dat woor. kohm, doh kennt ich net jenooch dovon ävve me leefen, su siehr wie me könn­
krieje. Ich kennt et bahl ussewendich. ten, vüür inne fett, zeröck op de Ker­
De Vatte säht: ,,lerschens: Tach Hän­ Un däht me vüürstelle, ov un wo et su e rechhoff ahn. Dobei mohte me joh och,
nes! - Wells d.e erennkomme? - Häss vewunsche Schloß däht jävve un ov ich wie echte lndijanere, emme un ze jliche
de !:!ne Dorchsuch\.mgsbefehl? - Dann iersch noch käjele 11 ,ehre möht, met Zegg en Deckung blleve.
jävv dich an et Söhke. - Ävve et bäss Duudeköpp un Beenknoche, iehr dat
jehs de enn de. Jaade. Me hann die Sau ich esu jet erlävve könnt. Mir drei woßden att bahl net mieh, wie
nämlich vejraave. Die stink seche att. et wegge söhl jonn, doh zeech de Häns
Se hatt nämlich de Röddele!" Wenn e· nu ävve meent, ich wöör ene op ene ahle, huhe Holundestruch, däm
tapfere Held jeweers, vedohde üch. seng Äss janz dich bes op de Eerd
„Vedammtes Aas! Wells de mich och Bahl jeden Öovend moht ich noch ens eravhinken. De Häns broht kee Woord
=============--=======- 77 ============-'========

ze saare: em Rubbedidupp woore me am Knee, am Kinn, am Kopp, em Rög­ all eröm dähten drieve. Un et hätt wedde
döh drongejerötsch un meenten, doh ge, zweschen de Ziehe, un et bieß jeheesche: .. Mann, kanns d.e däm Panz.
möhte me seche senn. wedde, un de Höhnepocke stonn op. net ess die wöste, jefä,hrllche Erömdrie­
verei vebeede?"
Nu bleffen die Zaldate net wegg von Ävve su rtchtich schön jresselich ess et
uss wall en fönnef Mennutte stonn. me nemmieh dobel. Der wüürd dann jriemele un saare: ,,Nä,
Jung, wat können fönnef Mennutte lang kann !eh net. - Jenau esu wennich, wie
werde! Ich weeß höck net mieh: wooren Et mierschde Bieße woor att fott, wie me meng Moode et uss uss hätt jedrevve!"
die Zaldate zehn ode hondet Mete von deheem wooren. Dä Ress jink flöck fott,
USS fott. wie ich mich met de Oma ihrem Un die woorp
· Fahle op de Stiern träcke
Melissesaff en däht rieve. Alleen. Ovven­ un vüür sich seleve saare: ,,Nötz dich
lersch hutschden me müüsjestell onge op. Doref de Mama joh net wesse. Söss nix, Bärbche! - Mannskeerlsl Vedamm­
däm Struch un dähten jespannt hätt et wedde Speil jejovve, wo mir uns tel"
spingse, ov die drei op dä Struch zoh­
köhme. Dähten se ävve net.

Dann kipp ich op de Eerd, mem Hen­


gesch fein en et Loof. Meeht ich. Woor
och esu. Ävve wääje dore.f ich mich joh
net. Och net, wie me en Seckömmes et
Been eropkrabbelt.

Un dann mereR ich op eemohl, dat ich


mezzen op enem Seckömrnesseness
sooß, von dä helle, janz besondeschs
seekije. Un dann däht et och att bieße,
drei-, vier- , zehnmohl.

Doh wuurd et me jresselich! Ävve wie!

Ich .sooch noch, wie me de bläcke Se­


en erop de Höhnepocke opstonnten,
en de Botz erenn, de Röggen erop en
de Nacke bes op de Kopp. De Zäng
finke- me ahn ze schnaddere, de Jelen­
ke wuurte me stief, de Uhre brannte
me. Ich hätt mich net jewondet, wenn
ich jeplatz wöör.

Beim beste Welle kann ich net saare,


wie lang dat et jeduurt hätt, bes de Päul
säht: ,,Dä! Se reggen fottl" lc)1 onge
däm Struch erausjekrabbelt, Knöpp op,
Botz erav, Hämp un Ongehämp övve
de Kopp, Ongebotz erav, Schohn un
Strömp ussl

Wlevell Seckömmesse hatt ich trotzdäm (


noch am Liev! Un wo net all! - Ich wer­
den hück noch ruud. - Un wie lang hätt
et jeduurt, bes me se all av hatten jeläs­
se un zedröck! An wie vell Stelle woor
ich beseck un voll ruude Flecke!

Wie lang hamme Hämp un Botz öm un


öm jedrieht un beluurt, ov noch Dierche
dren wöören. Esu jar, wie ich att wedde
ahn woor jedonn, meent ich se övveall
no<;:h eröm krabbele ze föhle.

Bess Oovens em Bett woor et me noch


jresselich!

Noch jetz, wie ich dat schrieve, tippe,


lässe, spörren ich et kribbele, krabbele,
===================- 78 ====--=======-========---=

lvo Hurnik
Das Licht der Schatten
Frank Baquet - Kunstpreisträger des Rhein-Sieg-Kreises 1995

Erst wenn man einen Blick in den zu würden diesem Konzept widerspre­
Dunkelkammer und Labor umgebauten chen. Das gilt auch für ein anderes Ele­
Kellerraum im Elternhaus von Frank Ba­ ment, nach dem der laienhafte Betrach­
quet in der Sieglarer Franz-von-Assisi­ ter ohne Erfolg Ausschau hält - dem Ti­
Straße wirft, wird einem bewußt, unter tel. Keines der Bilder trägt einen Titel,
welch schwierigen Bedingungen die denn ein Bildtitel bedeutet immer eine
Photoarbeiten von Frank Baquet ent­ Einschränkung, häufig auch schon eine
stehen. Und spätestens beim Anblick inhaltliche Festlegung für den Betrach­
der riesigen Behälter mit Chemikalien ter. Die Bilder sind aber ganz bewußt
für die Entwicklung der großformatigen bedeutungsoffen angelegt. Jeder Be­
Bilder wird deutlich, daß diese Photo­ trachter soll sich selbst in den Bilder
graphien eine eigene Dimension haben. finden. So wie den Bildern fehlt auch
Diese Bilder üben einen ganz besonde­ dem außergewöhnlichen photographi­
ren Reiz auf ihre Betrachter aus. So schen Ansatz von Baquet noch ein Ti­
sieht sich jeder zuerst in der Versu­ tel, eine kunstwissenschaftliche Defini­
chung, in den abstrakten Formen et­ tion. Doch er selbst vertritt die Ansicht,
was Gegenständliches zu entdecken. daß Worte nicht das transportieren
Was nicht zuletzt an der Art ihrer Ent­ Frank Baquet können, was ein Bild zu transportieren
stehung liegt. Franz-von-Assisi-Straße 33 vermag. Ansonsten wäre er ja besser
53844 Troisdorf Schriftsteller statt Photograph gewor­
Jedes Bild ist das Ergebnis einer abge­ geboren 1964 in Sieglar den.
stimmten Konzeption. Eher zufällig, lebt und arbeitet in Troisdorf
wenn gleich sehr gezielt, werden die Die Suche nach den Wurzeln seiner Ar­
1985-93 Studium der Volks- und
Motive entdeckt. Kratz- und Schmutz­ beit erfordert einen Blick auf seinen
Betriebswirtschaftslehre. Seit 1987
spuren, abgerissene Plakate,. Graffitis Entwicklungsweg. 1978 bekam er die
freiberufliche Tätigkeit als
oder Klebestreifen auf Scheiben von erste Spiegelreflexkamera geschenkt.
Photograph und Kommunikations­
Gebäuden oder Wartehallen, sind die Damals machte er erste Erfahrungen im
designer.
Ausgangspunkte für die Bilder, an de­ Zeitungslayout und mit Graphikdesign.
nen wir ansonsten achtlos vorbeigehen. 1990 erste Arbeiten im Bereich freier Später arbeitete er an Entwürfen für
Ist eine entsprechende Fläche gefun­ Photographie. Seit 1993 Dozent für Möbel und Plastiken. Die Arbeit im gra­
den, beginnt die eigentliche Arbeit - die Photographie an der VHS Rhein­ phischen Bereich hat er bis heute wei­
exakte photographische Umsetzung Sieg ter betrieben, und sie bildet den berufli­
mit der Kamera. Das richtige Licht und Einzelausstellungen: chen Hintergrund als Kommunikati­
der thematisch interessanteste Aus­ onsdesigner. Doch die Leidenschaft für
schnitt werden gesucht. 1990 Bürgerhaus Troisdorf die Fotografie hatte ihn sofort erfaßt.
1994 Domizil, St. Augustin;
Das eigentliche Bild ist in diesem Mo­ Kemenate, Braunschweig 1979 kaufte er sich ,,seine" Leica, die
ment schon im Kopf des Photographen 1995 Stochay & Ley, Kölh; ihn auch heute noch überallhin beglei­
entstanden. Dies wird bei der Technik, Atelier-Galerie, Hennef tet. 1980 fotografierte er in Ungarn und
die Frank Baquet verwendet, durch die Ausstellungsbeteiligungen: 1990 in Jugoslawien eine Reihe von
Beschränkung auf den Schwarz-Weiß­ Schwarz-Weiß Aufnahmen mit eher do­
1991 Kunsthaus Wiesbaden
Farbraum und die Umkehrung der Hell­ kumentarischen Zügen. Ging es damals
1993 Schünemannsche Mühle,
Dunkelwerte in der Vergrößerung er­ noch um die sichtbaren Spuren, die
Wolfenbüttel
schwert. Aber gerade die doppelte Ver­ das Leben in die Gesichter der Men­
1994 FH für Gestaltung, Hamburg;
fremdung des Ausgangsobjektes durch schen und in die Gegenstände des All­
Große Kunstausstellung NRW,
die Schwarz-Weiß-Photographie und tags zeichnet, entwickelte er bei dieser
Düsseldorf
die Negatiwergrößerung führt zu dem Spurensuche eine immer größere Tiefe.
1996 Kreishaus Siegburg
faszinierenden Endprodukt, zu jenen So kam es nicht von ungefähr, daß die
Stadtmuseum Siegburg;
abstrakt-expressiven Schwarz-Weiß­ Ausstellung 1994 im Domizil des Kunst­
Große Kunstausstellung NRW,
Bildern, die das Markenzeichen von vereins in Sankt Augustin „Spuren im
Düsseldorf
Frank Baquet geworden sind. Schnee" zeigte. Die Form der Doku­
Preise und Auszeichnungen: mentation hatte hier bereits eine erste
Doch eines ist dem Künstler dabei im­ 1995 Kunstpreis des Rhein-Sieg­ Stufe der Abstraktion erreicht, weg von
mer wichtig: er stellt Realität dar. Mani­ Kreises der reinen Wiedergabe der sichtbaren
pulationen durch Linsen oder Filter Spuren und entwickelten eine eigene
79

/
,


Frank Baquot, ohne Titel, 1996 Si/bergelatine-Bs,ytpapier, 100x140 cm
----===============---=====80 ============---========

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.. . .......
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Frank Baquet, ohne Titel, 1995 Si/berge/atine•Barytpapier, 50x60 cm


==========--======
81

Frank Baquet, ohne Titel, 1$95


Sj/berge/atine-Barytpapier, 100x140 cm Frank Baquet, ohne Titel, 1996
Si/berge/atine-Barytpapier, 100x140 cm
==========�======== 82 ===--===========�--====

Frank Baquet, ohne Titel, 1995 Silbergelatine-Barytpapier, 100x140 cm


===========-======== 83 ===================

bildhafte Qualität. Schon ein Jahr spä­ Mit seinem jüngsten Projekt wendet bei der Realisierung der größeren For­
ter, 1995 trägt· eine Ausstellung in der sich Frank Baquet der Farbphotogra­ mate. Sind die Kosten für die Entwick­
Hennefer Atelie r G
- alerie den program­ phie und der Arbeit mit noch größeren lung der Schwarz-Weiß-Exponate im
hlatischen Titel „Übergänge". Die Bilder Formaten zu. Beides stellt ihn vor ganz Format voh 1 m mal 1,4 m schon er­
verlassen die Ebene der Dokumentati­ neue Probleme. Denn die Arbeit mit heblich, so verdoppeln oder verdreifa­
on und werden endgültig autonom. Das Farbe unterliegt ganz anderen Gesetz­ chen sich die Kosten bei den größeren
dokumentierte Objekt tritt in den Hin­ mäßigkeiten, und dem Künstler Baquet Farbarbeiten leicht. Hier droht die Idee
tergrund, die abstrakte Form wird zum geht es nicht nur darum, die heutigen wieder einmal an den knappen Mitteln
Gegenstand der Betrachtung. Schwarz-Weiß-Motive in Farbe zu re­ zu scheitern, das Los vieler Künstler.
produzieren, sondern auch die Farbe Und dann bleibt da auch noch das
Begleitet und unterstützt wurde diese will er auf ihr abstraktes Sein zurück­ Raumproblem; denn in der Enge des
Entwicklung der künstlerischen Auffas­ führen. Auf die Ergebnisse dieser Expe­ derzeitigen Labors sind solche Forma­
sung vor allem durch den intensiven rimente darf man gespannt sein. te nicht zu verwirklichen.
Austausch mit dem Maler und Freund
Masoud Sadedin. Viel größer aber sind die Hindernisse

Paul Henseler
Kirchliche Anfänge auf der „Hütte"

Bis zur Kommunalen Neugliederung im ke, ohne auf eine bestimmte Betriebszeit Auf der „Hütte" entsteht
Jahre 1969 gehörte die Friedrich-Wil­ beschränkt zu sein betrieben werden
helms-Hütte unter der Bezeichnung sollten. Mit dem Erwerb der wirtschaftli­
eine evangelische Schule
,,Menden Nord", die sich in der Bevöl­ chen Grundlagen für sein Vorhaben
kerung aber nie durchgesetzt hat, zur scheint sich Windgassen wohl finanziell Der reformiert gesinnte Generaldirektor
Gemeinde Menden (Rheinland) in der übernommen zu haben und mußte sich Emil Langen auf der Friedrich-Wil­
gleichnamigen Bürgermeisterei. Sie ist nach fremden Kapital umsehen. Zusam­ helms-Hütte sorgte sich nicht nur um
eine Junge Siedlung, deren Anfänge men mit seinem Kollegen, dem Geome­ die Unterbringung seiner Arbeiter son­
nicht über die Mitte des 19. Jahrhun­ ter Johann Lucian Peters und dessen dern auch um deren kulturelle Bedürf­
derts zurückreichen'. Bis zum Jahre Bruder Johann Ludwig Peters gründete nisse. Im Jahre 1861 errichtete er auf
1954 war das 1922 eingerichtete Pfarr­ er 1838 die „Gewerkschaft Friedrich­ der „Hütte" eine evangelische Privat­
Rektorat Bestandteil des Kirchspiels Wilhelms-Hütte". Das junge Unterneh­ schule, die er - gemäß seiner liberalen
Menden und von der Mutterpfarre zum men, in das die Bewohner der Dörfer an Grundeinstellung - auch den Kindern
HI. Augustinus abhängig. der unteren Sieg so große Hoffnung ge­ seiner dort wohnenden katholischen
setzt hatten, kam über die Anfangs­ Arbeiter zugänglich machte. So heißt
schwierigkeiten nicht hinaus und mußte es in einem Brief vom 8. März 1861,
1843 Konkurs anmelden. Der Kölner den Emil Langen an den Schulvorstand
Die „Eisenschmelze" Kaufmann Johann Jakob Langen kaufte der Gemeinden Ober- und Niedermen­
entsteht auf der grünen die „Gewerkschaft Peters und Windgas­ den und Meindorf richtete'', u. a. : ,,Oas
Wiese. sen", um seinen Söhnen eine Existenz­ immer dringender hervortretende Be­
grundlage zu schaffen2 dürfnis ... hat mich zu dem Entschluß
Um das Jahr 1820 hatte der Obergeo­ gebracht, auf dem hiesigen Werke eine
meter und Markscheider des Oberberg­ Unter der Familie Langen', besonders Privat-Elementarschule zu errichten und
amtes Bonn, Johann Windgassen aus unter den Söhnen Emil und Eugen Lan­ durch einen tüchtigen Lehrer zu beset­
Vilich, am Abhang des Pleiser Hügellan­ gen, erlebte das Eisenwerk seine erste zen. Bei der überwiegenden Zahl evan­
des Toneisensteinlager entdeckt, die Blüte und wurde mit zum beherrschen­ gelischer Kinder und bei der erheblich
ihm so ergiebig erschienen, daß er be­ den Arbeitgeber an der unteren Sieg. größeren Entfernung der evangelischen
schloß, auf dieser Grundlage eine Ei­ Im Jahre 1855 wandelte man das Fami­ Schule liegt es nahe, einen evangeli-
senschmelze zu errichten. Vom preußi­ lienunternehmen in den „Sieg-Rheini­
schen Fiskus erwarb er die Mühlen zu schen Bergwerks- und Hütten-Aktien­
1 Zur Geschichta des Ortsteils Friedrich-Wilhelms-Hütte
Sieglar und Eschmar und damit die Verein in Köln" um. Zu dieser Zeit fan­ vgl. Albert Schutte, Die „Friedrich-Wilhelms-Hütte",
Wassergerechtsame an dem durch die den 469 Personen Arbeit auf der „Hüt­ Trolsdorfs jüngster Stadttoil in: Trolsdorfer Jahreshefte
IX/1979, S. 119 -137 dort auch die ältere Literatur
Agger gespeisten Mühlengraben, sowie te", wobei die Fach- und Führungskräf­
von der damaligen Gemeinde Ober­ te jedoch von auswärts zuwanderten. 2 Wilhelm Repgen, Die Eisenschmelze Neuwindgassen
bei Menden - - Aus der Gründungsgeschichte der Fric·
menden rund 60 Morgen ihrer im Mün­ Dies brachte - erstmals seit der Refor­ dr1ch-Wilhelms-Hütte, in: HblRSK 19.1951 (62), S. 14·
dungsgebiet der Agger in die Sieg lie­ mation - wieder eine größere Anzahl 17
genden Allmende. Die Konzessionsur­ evangelischer Gläubigen in das katho­ 3 Rolf Müller, Emil Langen und die Fried rich-Wilhelms·
kunde vom 28. Dezember 1825 besagte, lisch geprägte Land an der unteren Hülle in Troisdorf, in: HblRSK 24.1956 (71), s. 26 - 28
daß hier eine Eisenhütte mit Hochofen Sieg und damit die ersten konfessionel­ 4 Chronik der evangelischen Volksschule Viktoriastraße
entstehen und auch Walz- und Reckwer- len Spannungen. (Bd. 1) S. 1 ff, StAT
=================--== 86 ==============-=====

werden mag, ferner von der etwas kost­


,l
<RTH•KiWff· iÜ:HRi(D�ICti·ll'illlfLM ·KÜHE·
spieligeren Gruppe am Haupteingang
{I, Abstand genommen werden. Dagegen
�\
/·�1. ·-,_,_
muß dem Chorraum eine größere Tiefe
gegeben werden, der Hochaltar von der
Rückwand abgelöst, und die Sakristei in

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1 ·II\ 'I
Abmessungen angelegt werden, wel­
., che das Aufstellen der erforderlichen

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I,�! 11 &l&" Einrichtungsgegenstände, auch wenn


.,__ ..' 1 sie in nächster Zeit nicht angeschafft
werden können, zulassen. Die im Ent­
wurf II mit 2,40/4,00 Meter vorgesehene
Sakristei würde z. B. den heutigen For-

t
derungen nicht entsprechen, sie sollte
wenigstens 22-25 qm Flächeninhalt be­
,\, sitzen und auch die Möglickeit einer Er­
,
weiterung durch die Anlage einer Kna­
bensakristei sowie Ausbau des Oberg­
schosses haben. Dem Architekten mag
anheim gestellt werden, ob er dem
gradlinien Abschluß des Chores oder
dem polygonalen bzw. dem halbrunden
den Vorzug gibt. Wir möchten nur dem
G.AIJtJDICf5S·
f
::.r1 r(Uül!i[<.'Hi. '"'"'"''"'· Wunsch Ausdruck geben, den Chor nur
,.,,1,.,.Rr,>«co.<ronrn.,,,,. einseitig zu bebauen, damit eine ausrei­
. chende Belichtung des Hochaltares ge-
währleistet ist. Gegen die Anlage einer
flachen Decke im Kirchenraum beste­
hen keine Bedenken, abgesehen von
dem Umstand, daß eine gewisse Feuer­
sicherheit angestrebt und auch ein ent­
sprechender Wärmeschutz vorgesehen
werden sollte. .. .. Bezüglich der Lage
des Gotteshauses auf dem Grundstück
weisen wir darauf hin, daß eine solche
vorgesehen werden möge, die auch die
Errichtung der voraussichtlich notwen­
dig werdenden Nebenbauten, der Woh­
nung für den Geistlichen, eines Gebäu­
deteils für charitative Zwecke wie Be­
wahrschule, Unterricht und Jugendpfle­
ge usw. innerhalb einer zusammenhän­
genden Baugruppe ermöglichen läßt.
Hierbei kann unter Umständen auf die
Orientierung'0 des Gotteshauses ver­
zichtet werden. Über die Bau/asten des
ersten Teilbaues kann bei der gegen­
wärtigen wirtschaftlichen Lage kaum et­
was Abschließendes gesagt werden
und es muß daher die Festlegung der
Baukostensumme einer ausführlichen
3 und 4 Von Louis Mannstaedt :t.ur Vertagung
fe, die weit über den Charakter einer gestellte Kapellenenlwürfe für die Friedrich­ Kostenberechnung vorbehalten blei­
Notkirche hinausgingen, müsse,n Pfar­ Wi/ho/ms-Hütte. ben. Es erscheint aber möglich, für den
rer Hegel so begeistert haben, daß er vorgesehenen Kostenbetrag von 45.000
sie der Erzbischöflichen Behörde In Mark einen Teilbau zu errichten. Wir se­
Köln zur Begutachtung und Genehmi­ hen der Vorlage des Planes und Ko­
gung vorlegte. Diese nahm dazu mit preise die denkbar größte Schlichtheit stenanschlages demnächst entgegen
Schreiben vom 26. November 1918 in Anlage und architektonischer Ausge­ und stellen anheim, sofern sich eine
Stellung: Die Absicht, zunächst einen staltung anzustreben. Zur Erzielung ei­ mündliche Verhandlung mit unserem
Mittelschiff und Chorbau umfassenden ner solchen möge zunächst von der An­ technischen Referenten als ervvünscht
erweiterungsfähigen Teilbau einer drei­ lage der umfänglichen Taufkapelle, wel­ oder zweckfördernd ergeben sollte,
schiffigen Kirche zu errichten, kann gut0 che gelegentlich des späteren Erweite­ sich unmittelbar mit dem Erzdiözesan-
geheißen werden, jedoch erscheint es rungsbaues an der üblichen Stelle zur
notwendig, im Hinblick auf den hohen linken Seite des Eintretenden in der
Stand der Arbeitslöhne und Material- Nähe des Haupteinganges vorgesehen 10 Orientierung= Ausrichtung des Chores nach Osten
=====--========----======= 87 =======----=======,---=====

Ministeriums für Wissenschaft, Kunst


und Volksbildung einholen mußte,
machte Pfarrer Hegel auf die Möglich­
keit aufmerksam, bei der Demobilm­
achungskommission sog. ,,Überteue­
rungszuschüsse für Notstandsarbeiten"
zu erwirken. In einem mündlichen Ge­
spräch am 6. Mai 1919 bei der Regie­
rung in Köln scheint Pfarrer Hegel die
notwendigen Anträge gestellt zu haben,
denn am 29. August 1919 übersandte
der Dernobllmachungskommissar beim
Regierungspräsidenten einen vorläufi­
gen Feststellungsbescheid: Zu der von
der Katholischen Kirchengemeinde in
Menden als Notstandsarbeit übernom­
menen Bau einer Kirche wird auf Antrag
vom 14. d. Monats nachstehender
Feststellungsbescheid mit der Maßgabe
erlassen, daß nur bis zm 31. Dezember
d. Jahres ausgeführten Arbeiten zu­
schußfähig sind und daß die festgesetz­
te Zuschußsumme nicht überschritten
werden dati.

a) die voraussichtliche Höhe der Nor­


malkosten nach Abzug der nicht zu­
schußberechtigten Arbeiten, nämlich
Preise von Ende Juli 1914
Mark 19.674,60
hierzu 40 v H Mark 7.869,80
beträgt Mark 27.544,40

b) die Gesamtüberteuerung, nämlich


Gesamtkosten nach Abzug der
nicht zuschußberechtigten Arbeiten
Mark 98.905, 15
5 Entwurf des Architekten C, Dof/ein aus Bad weniger NormalkostenMark 27.544,40
baumeister Renard in Verbindung set­ Godesberg für eine .Notkirche" auf der Friedrich­ wird auf Mark 71.360,75
Wilhelms-Hütte.
zen zu wollen, damit etwaige Bedenken geschätzt.
der Herren Mannstaedt ausgeräumt
werden können. Geschwister von Pfarrer Hegel ein c) An der Gesamtüberteuerung beteili­
Darlehen von 5.000 Mark und ein Herr gen sich das Reich und Preußen mit
Ornrner aus Barmen ein solches über 5/6 im Betrage von 59.467,30, und
1.000 Mark zur Verfügung. Die ergibt ei­ zwar das Reich mit 316 = 35.680,40
Das leidige Geld
ne Summe von 36.000 Mark. Der Rest Mark und Preußen mit 2/6
Finanzierungsprobleme und Inflation stammte wohl aus Sammlungen des 23. 786,90 Mark.
lassen die schönen Pläne schrump­ Kapellenbauvereins, über die sich in
fen. den Akten des Pfarrarchivs Menden Die wirtschaftliche Lage der Gemeinde
nichts feststellen ließ. Doch bei den Menden rechtfertigt bei einem Einkom­
Wie aber sah es mit der Finanzierung wirtschaftlichen Verhältnissen mit stei­ mensteuerzuschlag von 280 % die Be­
des Projektes aus? In dem vorliegen­ genden Preisen war das ehrgeizige willigung des vollen Zuschusses in
den Schriftwechsel von Ende 1918 - Projekt nicht zu verwirklichen. Louis Höhe von 5/6 der Gesamtüberteuerung.
Anfang 1919 ist von einem Betrag von Mannstaedt äußerte sich bereits Mitte Der Anteil der Löhne an den Gesamtko­
45.000 Mark die Rede, dessen Zusam­ Februar 1919 gegenüber Pfarrer Hegel sten beträgt 55%. Es werden 45 Ar­
mensetzung nicht ganz nachvollzogen skeptisch: Hoffentlich werden die enor­ beitslose bei dem Unternehmen be­
werden kann. Die Erzbischöfliche men Preise die Ausführung des hüb­ schäftigt. Die Bewilligung des Zuschus­
Behörde hatte alles in allem 25.000 schen Gotteshauses nicht unmöglich ses wird davon abhängig gemacht, daß
Mark als Zuschuß zugesagt. Dazu ka­ machen, denn für 45.000 Mark ist in der bei den Arbeiten nur solche zur land­
men von selten der Mannstaedt-Werke heutigen Zeit kaum etwas zu machen. wirtschaftlichen Arbeit oder zu gemein­
zunächst 5.000 Mark und dann später Die Suche nach weiteren Geldmitteln nützigen Betrieben nicht verwendbare
die Zusage über weitere 2.500 Mark als ging also weiter. Der Regierungspräsi­ Arbeitskräfte eingestellt werden, die
Geschenk, die dann aber zurückgezo­ dent von Köln, der in der Kirchenbau­ von einem nicht gewerbsmäßigen Ar­
gen wurde. Des weiteren stellten die angelegenheit die Genehmigung des beitsnachweis überwiesen sind.
==================88 '""· ================-==

·I
Dieser Bescheid war praktisch bis zum 1 '
1. Februar 1920 befristet, denn bis zu
diesem Zeitpunkt mußte die endgültige
Abrechnung über den Bau der Kirche
vorgelegt werden. Da bis jetzt zwar die
1, �· t,,., . -,11$ ."J 7' ,,-,,.1 Jt - · I 71"' ,![, ' '/'7 �y ... zoo, ,,_ _ ..�'iJ:D BO .

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Baupläne fertiggestellt waren, aber we­ .· . 'f} :.....-1,•I- --#...!l-L zlt -.�O.U. "7 . H „1 ,fl, .J.f,§°;./J u:. _,n "1 '1 J,t,,,.,. _,,tQ!/1<, � ...
der eine Baugenehmigung noch die • ri)t&..,-•.. . JJ# . �.-. ___ ,s_-s,_,,_�� . •. tS-f J N : ;z<-',' +,- -·'"·'f· J'I, __ ./k.7,f 'J ___:
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sonstigen erforderlichen Genehmigun­ • � j); ,..._ .1r_ __ ..H,�U- 0(J ·--.,f<J-'fo "·"· ·-·· �70 qy '--�Vl'..�o ---+'a.m.. ,D..O --- -··.·-· ····-
gen vorlagen, mußte Pfarrer Hegel die­ -11i,,1,1,,.,.-,;1w,. -� .t.t.. _n71-1 '1 _;1.,0„ .s_ _.,,_..u.1v1. ·,,_,91,c,
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sen Zuschuß wohl abschreiben. Zwar .� •. '\l-f�lf6'/fi'6,_ -----llf.. '/1" .. t't:f OS" 10"'10 1-'f ,1/t?� 't .. {()/,l,_ �O _ ...36.-"t'F. öo

versuchte er eine Verlängerung der Frist .: Vif, 1e.w,4,.._______,::i,_ ,,, .. t$' 10 ,., ,. ,. 9, .,,., ,,.. _.,,, -·. "'"l .,z ,,,,,,._ u
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zu erreichen, doch wurde diese zu­
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nächst nicht gewährt, dann aber am 13.
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Dezember 1919 auf den 30 Juni 1920 ._.._.-.!/.o.o.�.o- •·•· .,G.< 11'5J. :H. ..lil..�oEL .,-, --�t<f3'it:..,li ./.ll:Pf.S:. �f · i1<i•17 91
verlängert, doch mit der Maßgabe, daß \ ------·t--·
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neue Kostenvoranschläge und Bau­ ---- - -- -•---+-i-----t---t--�-
zeichnungen einzureichen waren. Vor 6 Zusammenstellung der Kostenangebote für den
soviel Bürokratie hat Pfarrer Hegel at in Köln angelegt und sich einen Bau einer Notkirche auf der Friedrich-Wilhelms­
H/Jtte.
dann wohl kapituliert, denn am 22. schweren Rüffel eingehandelt. So
März 1920 schreibt der Demobilm­ schrieb das Erzbistum Köln am 6. Ok­
achungs-Kommissar: Da der Bau nicht tober 1919, daß Sie es uns überlassen
zur Ausführung gekommen ist, erkläre müssen, über die zur Prüfung der
ich den unter dem 29. 8. 19 erteilten Dringlichkeit eines Kirchenbauplanes
Feststellungsbescheid hiermit für un­ notwendige Zeit ein Urteil zu fällen. Wir Unternehmer könnte unabsehbare Fol­
wirksam und ersuche um seine umge­ müssen Ihnen unser lebhaftes Befrem­ gen für den Kirchenvorstand bzw. die
hende Rücksendung. den über die Art und Weise ausspre­ Pfarrgemeinde haben.
chen, in der Sie uns Vorhaltungen ma­ 3. Im Augenblick sollte man
chen zu dütien glauben über die Dauer von dem Bauvorhaben in der geplanten
Die Planung geht weiter - der Prüfung Ihrer Eingaben, um so Form Abstand nehmen und stattdessen
mehr, als Sie selber eine schnellere Er­ prüfen, ob nicht ein Provisorium, mag
aber Träume werden nicht ledigung hätten herbeiführen können. es unter Verwendung transportabler,
wahr. ...Zum Bauvorhaben selbst heißt es wiederverwendbarer Konstruktionsteile
weiter: Daß Ihr Kirchenbauplan nicht (Baracken, Schuppen usw.) oder als Ei­
Kehren wir zurück zur Anfangsplanung. reif ist, sondern einer gründlichen Prü­ senbetonbau mit Schwemmsteinaus­
Das zustimmende Schreiben des Gene­ fung bedutite, wenn Sie Ihre Gemeinde mauerung der Wände gedacht sein, ge­
ralvikariats vom 26. November 1918 er­ nicht in die Gefahr einer erdrückenden eignet ist, unter Aufwand bedeutend
mutigte Pfarrer Hegel, optmistisch in Schuldenlast stürzen wollen, mögen Sie geringerer Kosten der geschilderten
die endgültige Planung zu gehen. Im aus folgendem Berichte unseres Sach­ Kirchennot ein Ende zu bereiten. Ange­
Schwiegervater von Louis Mannstaedt, verständigen zu Ihrem Kostenanschlag sichts der Nöte der gegenwärtigen Zeit
Herrn Carl Doflein aus Bad Godesberg, ersehen. Dieser stellte fest: muß man sich bescheiden, wie dies
fand er einen Architekten, der sich von 1. Bei den Kostenberechnun­ auch in früheren Zeiten geschah.
der Sache begeistern ließ. Sein Entwurf gen handelt es sich um einen „Kosten­
aus dem Jahre 1919. den er auch mit voranschlag" und nicht um ein binden­ Damit war der Traum von Pfarrer Hegel
dem Kirchenbausachverständigen des des „Angebot". Bei der augenblickli­ geplatzt, auf der Friedrich-Wilhelms­
Erzbistums Köln, Herrn Renard, be­ chen Entwicklung von Preisen und Löh­ Hütte eine ebenso schmucke Filialkir­
sprochen hat,ging weit über das Pro­ nen und infolge Sinkens der Valuta kön­ che zu errichten, wie Meindorf sie seit
jekt einer „schlichten Notkirche" hinaus nen Firmen auf längere Zeit kein bin­ 1912 besaß. Auch Architekt Doflein
und zeigt eine stattliche Kapelle mit dendes Angebot machen. zeigte sich enttäuscht vom Scheitern
seitlichem Chorturm im neuromani­ 2. Bei manchen Arbeiten sind des Projekts. In seinem Schreiben vom
schen Stil. Ein solches Gebäude war Preise eingesetzt, die schon zur Zeit 12. Oktober 1919 nahm er Stellung zu
natürlich nicht für 45.000 Mark zu ha­ der Bearbeitung nicht zutreffend waren. der Entscheidung des Generalvikariats
ben, wie die im März 1919 eingeholten Bei der „Unverbindlichkeit" der Ange­ und argumentierte, daß sein Entwurf
Kostenangebote zeigten. Dennoch gab bote ist nur eines sicher, daß der Kir­ bereits ein „Notbau" gewesen sei und
es Überlegungen, den Bau durch den chenvorstand bei den sicher zu erwar­ bei Ausführung des Gutachtervor­
Einbau von Kellerräumen und Verände­ tenden Preissteigerungen immer wieder schlags man an künftigen Abbruch und
rungen Im Chorbereich besser zu ge­ Zuschläge genehmigen muß, wenn er Ersatz denken müsse. Fällt die Ent­
stalten, ohne daß eine spät(;"lre Erweite­ es nicht schließlich vorziehen sollte, scheidung so, daß in letzteren Sinne ein
rung gefährdet würde. Das alles verur­ den Bau unfertig liegen zu lassen, so­ Gebäude hergestellt werden soll, so ist
sachte weitere Kosten - aber die nöti­ bald sich ergibt, daß die Forderungen es umso mehr geboten, mit den kargen
gen Geldmittel waren beim besten Wil­ unetiüllbar werden und diese an der Geldmitteln und der Notbauweise einen
len nicht aufzutreiben. Um den zuge­ Unmöglichkeit, weitere Mittel zu be­ Raum und eine Erscheinung der Kirche
sagten Teuerungszuschuß der Regie­ schaffen, scheitern. Die Genehmigung herzustellen, wobei möglichst noch die
rung doch noch zu erhalten, hat Pfarrer des Baues nach den vorliegenden Plä­ Stimmung gerettet und das Auge nicht
Hegel sich wohl mit dem Generalvikari- nen und die Auftragserteilung an einen unbefriedigt bleibt.
=-==============--===== 89 =· -=======-=======-=====

Ein erneuter Anlauf:


Die „Notkirche" entsteht
Doch Pfarrer Hegel ließ nicht locker.
Offensichtlich hat er, nachdem ihm das
Generalvikariat einen Dämpfer versetzt
hatte, seinen Kirchenvorstand vorge­
schickt, um das Projekt doch noch zu
verwirklichen. So schrieb am 20. Janu­
ar 1920 das Erzbistum Köln: Auf die
uns durch das Mitglied des Kirchenvor­
standes von Menden Peter Kaspar in
Ihrem Auftrage mündlich ausgespro­
chene Bitte um Genehmigung des
Kirchbaues in Fr.Wilh.Hütte erklären wir
uns grundsätzlich mit der Ausführung
eines provisorischen Baues... einver­
standen. Wenn die Regierung einen
Oberteuerungszuschuß von 59.000
Mark zahlen will, sind wir bereit, den
von uns bewilligten Zuschuß von
25.000 Mark zu gewähren u. nach Vo/1-
endung des Baues anzuweisen. Wir
machen aber die Erteilung der soforti­
gen Bauerlaubnis von der vorherigen
nochmaligen Vorlage eines Bauplanes
und Kostenanschlages abhängig, den
wir schnellstens durch unseren Bau­
sachverständigen prüfen fassen wollen.
Am 13. Februar 1920 erklärt sich das
Generalvikariat sogar bereit, den zuge­
sagten Betrag von 25.000 Mark auch
abgesehen von dem staatlichen Ober­
teuerungszuschuß zu gewähren, falls
der Notbau für 50.000 Mark hergestellt
werden kann.

Nunmehr ging die Sache zügig voran.


Am 6. Mai 1920 erteilte die Bürgermei­
sterei Menden der katholischen Kir­ 8:wpolizeij,�h»rqfj
chengemeinde Menden die Baugeneh­
SIEGBURG, don.,/[.V..�.19&,v
migung zur Errichtung einer Notkirche
auf der Friedrich-Wilhelms-Hütte. Ne­ Kreishochhauamt ,..-.
ben einer Bauzeichnung des Diözesan­
baumeisters H. Renard, die den Ver­ ······ .......................-t;,
merk So von der geist/. Behörde emp­
fohlen trägt, lag dem Bauschein ein 7 Baubeschreibung und Bauschein ($. 90) für die
Zimmerarbeiten 14.451,45 Mark
vom Kreisbauamt in Siegburg entworfe­ ,,Notkirche" auf der Friedrich-WIiheims-Hütte.
Zuschlag wegen
ner und baupolizeilich genehmigter
Lohnsteigerung 2.063,70 Mark
Bauplan bei, auf dem Pfarrer Hegel ver­
zusammen: 72.761,56 Mark Verschiedene Geber 3.000,00 Mark
merkte: So wirklich gebaut! Ausgeführt
Fa. Bonhagen und
wurde die Notkirche von der Baufirma
Diese Summe wurde nach den Auf­ Schenk In Siegburg 2.452,96 Mark
Bonhagen und Schenk aus Siegburg,
zeichnungen wie folgt finanziert: Kirchenkasse Menden 15.053, 11 Mark
die damals eine große Anzahl öffentli­
Das Erzbischöfliche zusammen: 72.761,56 Mark
cher Arbeiten ausführte. Am 25. August
Generalvikariat 26.491,03 Mark
1920 erfolgte die Rohbauabnahme und
Firma Mannstaedt 5.000,00 Mark Dazu bemerkt Pfarrer Hegel in dem er­
am 23. September 1920 die Ge­
Gesangverein der wähnten handschriftlichen Nachtrag:
brauchsabnahme. In den handschriftli­
Mannstaedtwerke 3.000,00 Mark Es ist unmöglich, den wirklichen Wert
chen Ergänzungen zu seiner Pfarrchro­
Geheimrat Hagen 3.000,00 Mark dieser Papiermark zu bestimmen; am
nik" hat Pfarrer Hegel die Aufwendun­
Kapellenbauverein 15. September 1920 waren sie rund
gen wie folgt aufgelistet:
Fr.-W.-Hütte 7.413,29 Mark
Erd- und Schenkung mit 11 Friedrich Heget Aus d0r Geschichte der Augustinus�
Pfarrei in Menden, o. 0. u. J (1. Auflage 1934) mit
Planierungsarbeiten 2.272,84 Mark Leibrenten 6.000,00 Mark hanrJschriftllche Erg�nzungen lrn Pfaaarchiv der Pfarro
Maurerarbeiten 23.258,47 Mark Zinsen 1.351,17 Mark St. AugusUnus in Mendo11
====-======""=======-c= 90 ===-======-=======-===

�,m,inb1 tZ�--� Menden erbettelt, den er am 23. Okto­


ber 1920 bat, ihm alte ausgediente
fü<il ..... ..... ;1.;i-(.,tf ........... . --·- 'l!au,lll<gifl,r !Jlr ..d6.2,...... :........... . Schulbänke aus der Mendener Schule
'l!nrg,rm,ijtn,t?J?_././
... �,. ,
L- zu überlassen, um das Holz für die Not­
kirche auf der Friedrich-Wifhelms-Hütte

- Daufcb�in
zu verwenden. Rektor Schwab in Men­
den erklärte auf Anfrage, es handele
sich um 19 Schulbänke, die als Brenn­
holz zu benutzen zu schade seien. Zum
Gebrauch in der Notkirche seien sie ge­
eignet, und so erhielt Pfarrer Hegel am
5. November 1920 die Bänke für seine
Notkirche 12• Jeden Sonntag wurde nun
. in dieser Notkirche eine HI. Messe mit
lfuf ��ttn 'llntrag vom ...d'.'.t.t,11 ....�.i:,.d. ...... _____ ,19.�- n90;1,n i!il, �inn1it unb,jd)abet
b,r 'ßrlualttd)le 't>riltn, fon,ie uotb•��lllic!I net gtnauen 'Il<fo!gung bn 'l!aupoli1,innotbnung jßl bi, l!anb• kurzer Predigt gehalten, anfangs von
gtmtinb(n bd !Jle9ierungt&t1ic!t O:ß!n uom 10. !1100,mbcr 1904, roouon umfl•�•nb ein 'llul3ug obgcbtudt Kaplan Werner", gelegentlich auch von
i[I, unb b<t jonftig,n &t[11�enben potla•illc!l•n \llotfd)i\fltn ble llr!au&nll, auf bn 'Jl••1•Ue, 'jj!ut ....ft _. .,,. . . ... . Pfarrer Hegel selbst. Bereits im folgen­

· ..... !Jl�...... .�;/,a-yi". .. ... .:... . . . . . . . . bO\l .!!ataflet3 bn Ql1m1i11b, ..�


den Jahr hielt die Kapellengemeinde

.. ....
die jeweils am 3. Sonntag nach Pfing­
�...... �.. _,,,,.,_,
.......�-"'--�·� � �.....�............ ......::-
110d) !llloijga&, btt 1in0mid)t,n unb an&,i ln ,ln,m mit b,m b\etb11«0liciirn �,11,9,nigunglottmnl n1<ft�en1n
sten stattfindende Pfarrprozession ab,
die - erstmals am 5. Juni 1921 - ihren
Weg von der Kapelle über die Langen­

___________
i:ir•mplar ·1uritcffot9,nben !llauootlagrn -,,,,.;_..���..--... ----.. - ....... .... '.
. straße - Windgassenplatz (Altar) - Wall­
......... ..........................._.,.. straße - Bessemerstraße - Platanen­
platz (Altar) zum Bahnhof und von dort
über die Straße nach Sieglar zurück zur
Kapelle nahm. Diese Prozession be­
wegte sich, wie Pfarrer Hegel in seinem
Schreiben an das Bürgermeisteramt"
ausführte, zum größten Teil auf den in
Besitz der Firma Mannstaedt befindli­
chen Straßen von Menden-Nord. Diese
----•••••�•••-•••-•-•--••-••,.---- Firma hat uns die Benutzung der
Straßen gerne erlaubt. An öffentlichen
······"·-····-· ··-- ······--------
Wegen kommen für uns nur in Betracht:
�ieft (idaul>ni& ed(fd)t, roenn binnen einem ;lofltt r.i11 (!lobrauc!) banon gemadjt roi,b. die Straße, an der die Kapelle liegt und
't>tt unt,wid)ntlen Drltpoli3,ib1gö,b, ifl untet 'lfnsob, b,11Dat<1m6 unb bet �lummtr bi•f•! l!!auf<ll•\nl
fdJilftll� 'lln;,ig, au mad),n: der Weg von der Verwaltungsneben­
L b,oot mit bet l!lauaulfßl1rung begonnen mitb; stelle in Friedrich-Wilhelms-Hütte bis
2. lnntrbolb B �•gen bei llhnb«ung In b1t \lletfon b•I lllau9mn; l!!ouunt1rn,g11m� ober !!laulriletl; zur Wirtschaft Rösgen. Für die Prozes­
3. b,9uf� Vleoi[ion bet 'llou�u<f/Uini,, jobo!b &,i fltaij,n<1>4d� auf1ufGgtenb,n 'lla11lm bor 6ocht
orrf•M if1; sion sind vier Altäre und Flaggen in den
4. b19ufl !Jlogbauabna�1n1 nod) 'llo!t,nbung b,8 lllogbout8; kirchlichen Farben vorgesehen.
u. 6e9uf1 li1btau<111abnogon, noc!) •tiolgltr ß'«tlg[icUung,
1Du1dj bi•f•·'llougont9migunß Pnb :SI, bn !llnp�iclltung au, uoro•fc!Jci,brnrn jpiltmu 'llonndbung b,t
[tttii gefl1Ultn @e&aub!I ;ur @,&6ub,fltu1t nic!)t ,ntgob,n.
Auf der Suche nach
____ 19& einem Geistlichen -
Die Wohnungsfrage

Nachdem nun die Hütte ihre Notkirche


hatte, bemühte sich Pfarrer Hegel um
die Anstellung eines Geistfichen dort.
V0tdr. Nr, W,. "'• ��• filt,sb _�I,
Dazu mußte aber zunächst für diesen
,t�i�;,;:i��tJ)j����i�)}' {- /./::�1�.�•·t,-:!. ! eine Wohnung geschaffen werden,
nach dem Bau der Notkirche und der
5.000 Goldmark wert, da an diesem der einfache Kapellenbau durch Pfarrer beginnenden Inflation ein weiteres fi­
Tag nach der Berliner Börse 1 Gold­ Hegel auf den T itel des HI. Herzens Je­ nanzielles Problem für die Kirchenge­
mark gleich 14,52 Papiermark war. su eingeweiht werden. Die. Innenaus­ meinde Menden. Zunächst wurde ver-
Trotzdem wäre es falsch, den für die stattung war denkbar einfach. Im Altar­
Notkirche gemachten Aufwand auf raum befand sich ein schmuckloser Al­ 12 Stadtarchiv Sankt Augustin. Acta speZialia belr. Kirche
5.000 Goldmar/( zu fixieren, weil sämtli­ 7.U Menden. Til.XIV Nr. 10, Bmd 1, Fach 28 - W 6 -
tartisch mit einer Herz-Jesu-Statue
che Einnahmen und Ausgaben vor dem über dem Tabernakel, rechts und finks 13Johannes Werner war vom 30. April 1918 bis L.t.Jrn 3.
15. September 1920 erfolgten, einzelne jeweils ein bescheidener Seitenaltar mit Januar 1923 Kaplan in Menden

Einnahmen sogar jahrelang vorher. einer Muttergottesstatue und einer Sta­ 14 Stadtarchiv Sankl Augustin, Acta speciaija betr. Klrchll­
tue des HI. Joseph. Kirchenbänke hatte che Angelegenhellen etc., Tit. XJV Nr. 2, Band 1, Fach
23 - W - hier : Schreiben von Pfarrer f-lagel an das Bür­
Am 23. September 1920 konnte dann Pfarrer Hegel vom Bürgermeister von germeisteramt in SlegbU'lJ·Miilldor1 vom 2�. Mai 1921
======--==========-=== 91

sucht, öffentliche Darlehn für den Woh­


-1-
nungsbau aus Mitteln des Siegkreises
zu erhalten, doch vergebens. Pfarrer
Hegel wandte sich wieder an seine
Gönner bei den Mannstaedt-Werken
und versuchte einen Zuschuß für den
�··- Wohnungsbau zu erwirken. Am 4. Fe­
bruar 1922 konkretisierte Pfarrer Hegel
1 seine Bitte dahingehend, die Firma
Mannstaedt möge das Vikariegebäude
auf der Hütte, das 150.000 Mark kosten
sollte, bauen lassen. Der Mendener Kir­
chenvorstand wollte dazu 60.000 Mark
{'
_,_ beisteuern. Für die Firma bliebe dann
eine Ausgabe von 90.000 Mark. Der
Wert der bereits zugesagten Materialien
(Steine und Zement) betragen wohl
31.000 Mark. Neu zu bewilligen blieben
also ca. 60.000 Mark Papiergeld oder
2.000 Mark Goldgeld. Doch die Mann­
staedt-Werke winkten ab und erklärten
am 3. März 1922, daß wir uns entsch­
ließen, auf unserem eigenen Grundbe­
sitz eine entsprechende Wohnung zu
entrichten, die wir der Kirchengemein­
de zu einem angemessenen Preis ver­
mieten würden. Im Gegenzug schlug
Pfarrer Hegel vor, die Mannstaedt-Wer­
ke sollten der Kirchengemeinde das
Gebäude des „Consums" überlassen
und dafür das Mendener Vikariegebäu­
de auf zwei Jahre für Wohnzwecke er­
halten. Doch auch dieser Vorschlag
8 Entwurf für eine Notkirche auf der Friedrich­
scheiterte daran, daß das Werk den al­
Wilhelms-Hütte von Diözesanbaumeister H.
Renard. 1920 (nicht ausgeführt). ten Consum für Familien brauchte, die
das Gebäude für den neuen Consum
A-�·
r J" <
räumen mußten.

i'[-
,,1-:,":.
Am 17. Dezember 1921 stellte Pfarrer
;,A, _:·· Hegel ein Baugesuch zur Errichtung ei­
-�. _q,
J;:, . :-·· nes Wohnhauses für einen Geistlichen
auf der Friedrich-Wilhelms-Hü.tte. In der
Baubeschreibung zu den Bauzeich­
Qe nr-' �- .. nungen heißt es: Das projektierte

�-------+fr�•,�/�- '
6 1- Wohnhaus besteht aus Kellergeschoß,
Erdgeschoß und Obergeschoß. Die zu
bebauende Fläche beträgt 71,40 qm.
'"'�:rI/- '1'?'.;( ,.,.,.
§f�liA'anSl<111 \ _.,. .\ �- /l=f--··..,a.J: f>�i,...(' Das Wohnhaus soll vollständig unterkel­
_.,..••\Ji•' 1
1 1(.r-1-··· ��,!,ry-1<. lert werden; die lichte Höhe der einzel­
\ ,gii» 1\I·' ___
-,,, \1.� __, ·�'!'.·••---- /J,-�rt = nen Keller soll 2,38 m betragen. Der
<" ll D D \..---- \•j
\ 1' Keller besteht aus 2 großen Kellerräu­
\ 1\ men, einer Waschküche und einem Ba­
•,·• \ '/, draum. Im Erdgeschoß liegt zunächst
ein kleiner Vorflur, von diesem Flur ge­
\. /
langt man durch eine Glasab­
9 Genehmigter Entwurf für den Bau einer schlußwand in das Treppenhaus und in
.,Notkirche" auf der Friedrich-Wilhelms-Hülle.
einen größeren Flur; welcher den Zutritt
zu den einzelnen Zimmern ermöglicht.
An der Straßenseite liegen ein Warte­
zimmer und ein Wohnzimmer. An der
Hofseite liegen eine Küche, ein Spind,
ein Klosett und ein Treppenhaus. Im
Obergeschoß liegen 2 bewohnbare
Räume nach der Straße und ein be­
wohnbarer Raum nach der Hofseite.
=====--=========-===== 92 =�=======--========�-=
" 10 Foto der Notkirche auf der Friedrich-Wilhelms-
1-(ütte im Schmuck der Einweihung. September
1920.

beabsichtigt, die Grube mit einer Pum­


pe zu entleeren.

Diese Baubeschreibung für ein zur da­


maligen Zeit in der Bauausführung
recht komfortables Haus ist von Pfarrer
Hegel als Bauherr und von dem auf der
Friedrich-Wilhelms-Hütte tätigen Bau­
unternehmer Brubach als Bauleiter un­
terschrieben. Die Kosten für dieses
Haus mit Küche und fünf Zimmern mit
einer Wohnfläche von 102 qm sollte
einschließlich Grunderwerb 154.561
Mark kosten. Das Projekt scheiterte
schließlich an den fehlenden Geldmit­
teln, insbesondere am Ausbleiben von
öffentlichen Geldern, da die Vikarie­
wohnung rechtlich als eine „Werkswoh­
nung" betrachtet wurde, für die keine
Wohnungsbaudarlehn gewährt werden
konnten.

Auch das Erzbistum Köln wünschte


dringend, wie aus einem Schreiben
vom 12. Juni 1922 hervorgeht, die An­
stellung eines eigenen Geistlichen auf
der Friedrich-Wilhelms-Hütte, wo im­
merhin 1.460 der 3.960 Katholiken der
Pfarre Menden wohnten, das waren
fast 39 % der Gesamtseelenzahl. Die

11 Foto vom lnnorn der Notkirche auf der


Friedrich-Wilhelms-Hütte im Schmuck der
Einw„ihung. September 1920.

•::1 12 Segensa/tar am Windgassenplalz auf der

111 Friedrich-Wilhelms-Hütte zur ersten


Pfarrprozession 1921.

so wird die einfl. Eingangstür in der Sei­


Sämtliche Fundamente sowie sämtliche tenansicht aus Kiefernholz hergestellt.
aufgehenden Kellermauern werden Die inneren Türen werden alle aus Tan­
massiv aus Zementkiesbeton herge­ nenholz angefertigt. Sämtliche Holzteile
stellt. Die ausgehenden Geschoßmau­ werden mit einer guten Oelfarbe gestri­
ern werden mit Schlackensteinen und chen. Die Wohnräume werden gestri­
Kalkmörtel erbaut. Die Kellerdecken chen bzw. tapeziert. Sämtliche Keller­
werden aus Betonkappen zwischen ei­ räume werden ebenfalls verputzt und
sernen T-Trägern konstruiert. Die Ge­ erhalten einen festen Bodenbelag.
schoßdecken bestehen aus einer Bal­
kenlage mit Lehm-Zwischendecken. Zu Die Geschoßtreppen werden in Holz­
dem Dachgespärre wird geschnittenes konstruktion gehalten, dagegen wird
Tannenholz verwendet. Die Dachflächen die Kellertreppe massiv aus Zementstu­
werden mit roten S-Ziegeln auf Latten fen hergestellt. Das Haus wird an die
eingedeckt. Die vordere Seiten- & Hofa­ Gemeindewasserleitung angeschlossen.
nsicht erhalten einen Schabputz im Auch soll Elektr. Licht in sämtliche Räu­
gelblichen Ton. Im Innern werden me gelegt werden.
sämtliche Decken und Wände glatt ver­
putzt. Alle Böden, mit Ausnahme von Die Abortgrube, welche ganz frei außer­
Flur & Treppenhaus, welche einen roten halb des Hauses liegen soll, wird was­
Plattenbelag erhalten, werden mit Ho­ serdicht verputzt. In die Grube sollen
belbrettern gedielt. Zu den Fensterrah­ die Closett-, Waschküchen- & die Ba­
men wird Kiefernholz verwendet. Eben- deabflußleitung geführt werden. Es ist
==================== 93 ====================-

�.tl.L:\,i=_)lJ�.E; • Clfü:R 1-1;�'.B:.l::i.......l:\7;1Eil:)t:L "":bui!i :a{;)���l:;L.J:\EC;..�

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Mannstaedt-Werke boten Pfarrer He­ hinaus, verlängert. 13 Entwurf eines Wohnhauses für den Rektarats­
pfarrer auf dar Friedrich-Wilhelms-Hütte.
gel schließlich ein Haus an der Sieg,
das im Rohbau fertig war, als Wohnung Die Wohnungen werden von beiden Sei­
für den künftigen Geistlichen auf der ten in dem Zustande übernommen, in einer erregten verbalen Auseinander­
Hütte an. Am 22. November 1922 kam dem sie sich am 1. 1. 23 befinden. Die setzung zwischen Pfarrer Hegel und
es zwischen dem Werk und der Pfarr­ Mannstaedtwerke tragen für beide Woh­ dem Vorsteher dieses Amtes gekom­
gemeinde zu folgender Vereinbarung: nungen die Kosten der Instandsetzung. men sein muß. Die Bürgermeisterei
Falls der Überlassungsvertrag für eine Menden gab schließlich mit Schreiben
Ab 1. Januar 1923 überlassen die Seite erlischt, tragen die Mannstaedt­ vom 18. 1. 1923 klein bei, jedoch ist
Mannstaedt-Werke die Wohnung Men­ werke nur die Instandhaltungskosten für der letzte Absatz dieses Briefes auf­
den-Nord, Uferstraße No. 3, bestehend die von ihnen in Menden-Nord überlas­ schlußreich, wo es heißt: Eine Degrada­
aus 6 Räumen, 2 Mansarden, Keller sene Wohnung; von diesem Tage an ist tion des Herrn Rektors zum Kaplan von
und zugehörigem Garten der Kirchen­ von der Kirchengemeinde Menden der Menden, sowie die Erregung des
gemeinde Menden gegen Überlassung ortsübliche Mietzins für die Wohnung in ,,ganzen katholischen Deutschlands"
der Wohnung Menden, Kirchstraße No. Menden-Nord zu entrichten. herbeizuführen, habe ich durch meine
69 (Vikarie), bestehend aus 9 Zimmern, Anfrage nicht beabsichtigt, ebensowe­
2 Speicherzimmern, Keller, Stallung und Die Kosten für Licht, Wasser und nig den Kulturkampfgeist wieder her­
Garten. Schornsteinfegen während der Zeit des aufzubeschwören.
Vertrages tragen die Wohnungsinhaber.
Die Kirchengemeinde überläßt ihre Am 22. Dezember 1922 wurde Franz
obenbezeichnete Wohnung auf die Nach Ablauf der Überlassungszeit über­ Wünnenberg zum Rektor in Friedrich­
Dauer von 3 Jahren den Mannstaedt­ nehmen die beiden Vertragsparteien die Wilhelms-Hütte ernannt und trat im Ja­
werken, während die Mannstaedtwerke Wohnungen in dem Zustande, in dem nuar 1923 sein Amt an. Er war am 17.
ihre eingangs bezeichnete Wohnung sie sich befinden. September 1880 in Essen geboren und
auf die Dauer von 6 Jahren der Kirchen­ am 24 . Februar 1906 in Wien als An­
gemeinde zur Verfügung stellen.Sollte Für die Auflösung des Überlassungs­ gehöriger der Steyler Missionare zum
nach Ablauf von 3 Jahren die Kirchen­ verhältnisses gilt eine Kündigungszeit Priester geweiht worden. Er wirkte auf
gemeinde die dem Werk überlassene von einem Monat. der Hütte bis zum Jahre 1957, erlebte
Wohnung nicht selbst benötigen, so noch die Erhebung der Rektoratsge­
wird die Überlassung der Wohnung je­ Gegen diese Vereinbarung hat sich meinde zur selbständigen Pfarrei und
weils für beide Teile um die gleiche wohl das Wohnungsamt der Bürgermei­ wurde dessen erster Pfarrer.
Zeitdauer, über 3 Jahre bzw. 6 Jahre sterei Menden gewandt, wobei es zu Die Hütte soll
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selbständige Pfarre Rektorat Friedr. Wilh.Hütte, die besteht


werden. mit Ausnahme von 8 Familien, aus der
Kolonie der Mannstaedt-Werke Men­
den-Nord, die selbstredend nur mit Ar­
Im Zusammenhang mit dem Bau der beitern und Angestellten der benannten
Notkirche entstand bei Pfarrer Hegel der Werke besiedelt ist. Aus vorstehendem
Gedanke, auf der Friedrich-Wilhelms­ ist wohl zu ersehen, daß das Rektorat
Hütte eine eigenständige Pfarrei einzu­ Friedr. Wilh.Hütte eine sehr arme Pfarrei
richten. Auf eine diesbezügliche Anfrage bilden würde, wenn nicht die reiche
entschied das Erzbischöfliche Generalvi­ Mutterpfarre von der der Antrag auf
kariat am 22. September 1920: Die Er­ Pfarrerhebung ausgeht nicht nur ihre
hebung der Friedrich-Wilhelms-Hütte Pflichten abtrennt, sondern auch in et­
zum selbständigen Seelsorgebezirk er­ wa ihre Tochter so ausstattet wie es
scheint zur Zeit schon mit Rücksicht auf recht und billig wäre. Würde die Pfarrer­
die fehlende Wohnung untunlich. Doch hebung nach den Beschlüssen des Kir­
sind wir gerne bereit, der Frage der Er­ chen-Vorstandes erfolgen so wäre vor­
richtung einer eigenen Pfarrei Friedrich­ auszusehen das(!) der neue Pfarrer dem
Wilhelms-Hütte näher zu treten, wenn die neue Stelle übertragen würde in
dort einmal eine im kirchlichen Eigen­ schlechten Wittschaftszeiten, wie die­
tum stehende Wohnung für den künfti­ selben jetzt sind, wegen Unterernährung
gen Pfarrer vorhanden ist. Eine Eigen­ seinen dienstlichen Obliegenheiten nicht
tumserwerbung im Wege des Austau­ mehr nachkommen können. Die allge­
sches mit dem Vikariegebäude Menden meinen Anführungen in dem angezoge­
kann dabei nicht in Frage kommen, da nen Beschluß sind etwas irreführend,
die Vikarie für Menden bestehen blei­ die jetzigen Mannstaedtwerke die in die
14 Rektor Franz Wünneberg, erster Pfarrer auf
ben so//. Nachdem die Wohnungsfrage der Friedrich-Wilhelms-Hütte. neue Pfarrei einbezogen werden sollen,
- zwar nicht im vorgenannten Sinne - tragen schon etwa 100 Jahre zu den La­
gelöst worden war und Rektor Wün­ sten der Mutterpfarre bei, sind also Ur­
nenberg im Januar 1923 seine Stelle Hütte vom 19. Dezember 1923 zum einwohner. Bei dem früheren Steuersy­
angetreten hatte, unternahm Pfarrer Ausdruck: stem (Dreiklassenwahlrecht) betrugen
Hegel im April 1923 einen erneuten die Steuerabgaben der jeweiligen Fa­
Vorstoß zur Verselbständigung der Hüt­ Einspruch gegen die Erhebung des brikbesitzer und der oberen Beamten et­
te. Das Generalvikariat stand dem nicht Rektorats Friedr. Wilh. Hütte zur selb­ wa die Hälfte der genannten Steuern, da
ablehnend gegenüber, wollte aber An­ ständigen Pfarre. bekanntlich die Abgaben der Landwirte
gaben über die Zahl der Katholiken auf vor dem Kriege sehr gering waren. Fer­
der Friedrich-Wilhelms-Hütte haben Die unterzeichneten erheben hiermit ner ist die Notkapelle, die im übrigen ei­
und wissen, wieviel für das Pfarrerge­ Einspruch gegen die Beschlüsse des nen sehr armen Eindruck macht, wohl
halt aufgebracht werden könnte. Die Kirchen- Vorstandes von Menden vom von der Mutterpfarrei erbaut, jedoch
Regierung etteilt jetzt nur die Genehmi­ 31. August 1923 und 8. November hätte der schon vorher gegründete Ka­
gung zur Pfarrerhebung, heißt es im 1923 und der Gemeindevettretung vom pellenbau-Verein Friedr.Wilh.Hütte durch
Schreiben des Generalvikariats vom 16. 9. September 1923 und 11. September Sammlungen viel zu den Kosten beige­
April 1923, wenn wenigstens 1.000 Ka­ 1923 in bezug auf die finanzielle Ausei­ tragen und sind die Materialien sämtlich
tholiken da sind und wenigstens das andersetzung der neuen Pfarre und der von den Mannstaedtwerken geschenkt
halbe Pfarrgehalt von der neu zu errich­ Mutterpfarre. worden. Alles in allem steht die Abgabe
tenden Pfarre selbst aufgebracht wer­ der Notkapelle und etwa 4 112 Morgen
den kann. Die Regierung gewährt für Begründung: Land in keinem Verhältnis zu dem Kir­
neue Pfarreien im höchsten Falle nur Die jetzige Pfarrei Menden zu der die chenvermögen der Mutterpfarre einer­
das halbe Pfarrgehalt als Staatszu­ Ottschaften Menden, Meindorf und seits, den Abgaben von Pflichten sowie
schuß. Nunmehr beschäftigte die Ange­ Friedr.Wilh.Hütte gehören, zählt ca. der Seelenzahl andererseits.
legenheit den Kirchenvorstand von 3.960 kath. Seelen. Die Seelenzahl des
Menden. Hier sah man die Sache inso­ Rektorats Friedr. Wilh.Hütte beträgt Antrag:
weit positiv, schien aber nicht gewillt zu 1.460 kath. Seelen also mithin 5o (Yo '•. Die Unterzeichneten können der Pfar­
sein, die neu zu gründende Pfarre mit Die jetzige Kirchengemeinde ist als sehr rerhebung des Rektorats Friedr. Wi/h.­
entsprechendem Grundvermögen aus vermögend zu bezeichnen, ausser der Hütte nur zustimmen, wenn die Le­
dem Besitz der Mutterpfarrei auszustat­ sehr schön und reich ausgestatteten bensfähigkeit in etwa sichergestellt ist.
ten. Pfarrer Hegel beklagte sich mit Pfarrkirche und der Nebenkirche in
Schreiben vom 25. Juli 1923 beim Ge­ Meindorf" sind noch folgende Gebäude 15 Rektor Wünnenberg war zu diesem Zeitpunkt noch
Angel1örlger der Steyler Mlssionsge.<:.r-illsr,;hatt und sich
neralvikariat über das Verhalten von und Liegenschaften vorhanden, ein noch nicht sicher, in den Oiözcs.anldarus aufgenom­
Rektor Wünnenberg, der gegen den neues grosses Pfarrhaus in Menden, men zu werden.
Plan Stimmung mache, weil er befürch­ das alte Pfarrhaus jetzt Schwesternhaus 16 Diese Angabe ist übertrieben. Der Anteil der Katl101i­
te, nicht Pfarrer in Friedrich-Wilhelms­ mit dem dazu gehörigen Jugendheim l<en auf der Friedrich-WIiheims-Hütte betn.,g nur 39%
Hütte zu werden". Die wahren Gründe und ein Vikariatshaus. An sonstigen 17 Hier befanden slot1 die Antragsteller im lrrti.Jm. Die Fili­
aber verschwieg er. Sie kamen erst im Grundstücken besitzt die Gemeinde et­ alkirche ln Melndorr befand sich zur damaligen Zeit im
Einspruch einer Reihe von Pfarran­ Besitz des Kapellenbauverelns St. Josct in Meindort
wa 80 Morgen Ländereien. Betrachten 1md nicht lm Besitz der katholischen Kirchengemeinde
gehörigen auf der Friedrich-Wilhelms- wir jetzt das zur Pfarrei zu erhebende Monden.
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Da das Pfarrgehalt im Höchstfalle nur


bis zu 50% von der Regierung sicher­
gestellt ist, müssen die anderen 50%
durch freiwillige Sammlungen der ar­
men Pfarrmitglieder aufgebracht wer­
den. Wenn man bedenkt daß der neue
Pfarrer nur eine unzugängliche(!) Notka­
pelle also weder Kirche noch Pfarrhaus
besitzt, so ist es ohne weiteres klar daß
die freiwilligen Sammlungen der neuen
Kirchengemeinde für die nächsten
Jahrzehnte für die Zwecke des Ausbau­
es sämtlich aufgezogen(!) werden. Um
die Lebensfähigkeit zu gewährleisten
sind nach eingehenden und gewissen­
haften Ermittlungen mindestens 20
Morgen Land erforderlich. Es müssen
also außer den Parzellen Gemarkung
Niedermenden Flur 7

1. No. 533/462;
15 Foto der Notkirche auf der Friedrich-Wilhe/ms­
2. No. 163 1931 ein erneuter Versuch gestartet, Hütte nach der Erweiterung 1927.
3. Nr.516/344 das Rektorat auf der Friedrich-Wil­
4. Parzellen No. nicht eingetragen helms-Hütte zur selbständigen Pfarrei
5. No. 67 zu erheben. Doch hatten sich inzwi­ für die Erweiterung einen Entwurf hat
6. No. 68 schen die Voraussetzungen verschlech­ ausarbeiten lassen, der, wie er sagt,
7. No. 72 tert. Das Generalvikariat teilte am 14. vom Herrn Dezernenten im Erzbischöfli­
8. No.81 Januar 1931 Pfarrer Hegel mit: Die chen Generalvikariat genehmigt wurde.
9. No. 434 Gemeinde Meindorf staatliche Genehmigung zur Errichtung Dieser Entwurf, der in den Akten nicht
10. No. 456/150 Gemeinde Obermen- einer Pfarre wird nur erteilt, wenn die enthalten ist, wurde auf einer Versamm­
den betreffende Stelle aus eigenen Mitteln lung des Kapellenbauvereins der Frie­
und des Fischereirechtes in der Sieg das ganze Pfarrgehalt aufbringt. Dies drich-Wilhelms-Hütte von Rektor Wün­
welcher im Bereich der neu zu errich­ wird Friedrich-Wilhelms-Hütte nicht lei­ nenberg mit dem Bemerken vorgelegt,
tenden Pfarrei liegt, noch lings(!) der sten können. Es stellte sich die Frage, daß er von der Firma Mannstaedt noch
Sieg nachstehende Parzellen beigege­ ob das Rektorat zur Kirchengemeinde die Zusage einer unentgeltlichen Liefe­
ben werden: mit Ausscheidung aus der Mutterpfarre rung von Steinen und Zement erwarte,
Gemarkung Niedermenden Flur 4 in öffentlich-rechtlicher Beziehung oder dann brauche der Plan nur noch die
11. No. 120121 mit Aufbau im Verbande der Mutterpfarre erhoben Zustimmung des Mendener Kirchenvor­
Gemarkung Obermenden Flur 8 werden sollte. Pfarrer Hegel hat erst standes und die Ausführung könne so­
12. No. 310 nach zweimaliger Anmahnung dahinge­ fort beginnen. Pfarrer Hegel schrieb da­
13. Nr. 85 Gemarkung Obermen- hend geantwortet, daß diese Angele­ zu in der oben erwähnten Eingabe: Ich
den Flur 3 genheit bereits "1923 den Kirchenvor­ würde es sehr begrüßen, wenn die Not­
14. No. 2 stand beschäftigt habe, die Sache aber kirche baldigst erweitert würde, habe
15. No. 228 am Einspruch beim Regierungspräsi­ aber gegen den Entwurf die größten
16. No. 65 Gemarkung Obermen­ denten gescheitert sei. Sollte die Ange­ Bedenken. Abgesehen von der in Aus­
den Flur 1 legenheit geordnet werden, so muß sicht stehenden Schenkung von Stei­
17. No. 63 F.WH an den KV einen diesbezüglichen nen und Zement sind gar keine Baumit­
gez. Unterschriften. 1• Antrag stellen. Ich glaube, daß der KV tel vorhanden, die „Ruhrhi/fe"" so// die
der Sache sympathisch gegenüber­ Zeche bezahlen. Bei der Mittellosigkeit
Der Kirchenvorstand von Menden hat steht. Diese Antrag ist dann wohl nicht des Rektorates ist es notwendig, den
sich daraufhin wohl dazu durchgerun­ gestellt worden und die Sache im San­ Erweiterungsbau in den bescheiden­
gen, eine weitere Parzelle zur Dotation de verlaufen. sten Formen auszuführen. Man möchte
der Hütte abzugeben, aber das Gene­ aber aus der Notkirche fast einen Dom
ralvikariat, das den von Pfarrer Hegel machen. Das Dach der Notkirche soll
gewünschten finanziellen Zuschuß zum Die Erweiterung angehoben und vorn und hinten, rechts
Pfarrgehalt nicht gewähren konnte, sah und links ein Stück angebaut werden.
dies als völlig unzureichend an und teil­
der Notkirche Der Verfertiger des Planes meinte in der
te mit: Es besteht daher gegenwärtig Versammlung des Kapel/enbauvereins,
keine Aussicht, die staatliche Genehmi­ Gleichzeitig mit dem Bemühen um die
gung für die Errichtung der Pfarre Frie­ Pfarrerhebung trug man sich mit dem 18 Das Schreit.Jen der Antragsteller liegt nur in ainer Ab­
drich-Wilhelms-Hütte erlangen zu kön­ Gedanken, die vor drei Jahren erbaute schrift vor, in der die Namen der Unterzeichner nicht
aufgeführt sind.
nen. Damit war der Versuch, auf der Notkirche auf der Friedrich-Wilhelms­
Hütte eine eigene Pfarrei zu errichten, Hütte zu erweitern. Aus einer Eingabe 19 Bei der genannten 11Rui1rl1ilfe" handelte es sich um
Unterstützungsgelder der Reichsregierung für den
zunächst gescheitert. an das Generalvikariat vom 15.7.1923 passiven Widerstand gegen die Besetzung das Auhr�
Offensichtlich wurde Anfang Januar geht hervor, daß Rektor Wünnenberg gebiets durch rranzösische und be!gische Truppen.
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wenn in den nächsten Wochen mit dem er in Verbindung mit dem dann als Ver­ Die Notkirche
Bau begonnen würde, werde er im sammlungssaal zu benutzenden Notkir­
nächsten Frühjahr fertig sein. Es ist chenbau sich zu einem zweigeschossi­
erhält eine Orgel
zwar nicht gerade rücksichtsvoll, daß gen Bau ausgestalten läßt, in welchem
der Kirchenvorstand bisher ignoriert das Erdgeschoß als Vereinshaus, das Für die kirchenmusikalische Begleitung
wurde, doch wird der Kirchenvorstand Ober-(Giebeljgeschoß als Wohnung für der Gottesdienste in der Notkirche auf
den Bau nicht verzögern, aber er muß den Küster oder ähnliche Zwecke aus­ der Friedrich-Wilhelms-Hütte stand
hiermit jede Verantwortung ablehnen. gebaut werden könnte. Die Definitivkir­ zunächst ein gebrauchtes Harmonium
Was geschieht, wenn die „Ruhrhilfe" che müßte dann einen anderen Bauplatz zur Verfügung. Dieses wurde um das
während des Baues versagt? Die in erhalten. Am 23. Mai 1927 stimmte dann Jahr 1925 mit finanzieller Unterstützung
mündlicher Verhandlung ausgesproche­ das Generalvikariat dem eingereichten des Erzbistums Köln durch ein neues
ne Zustimmung des Herrn Dezernenten Entwurf, den wir ebenfalls nicht kennen, Instrument ersetzt. Im Jahre 1937
wird schwerlich eine eigentliche Bauge­ mit der Maßgabe zu, daß der Kostenan­ scheint sich Rektor Wünnenberg, offen­
nehmigung sein. Wenn Herr Rektor schlag, dessen Betrag es mit 13.094,43 sichtlich unter Umgehung der Mutter­
Wünnenberg demnächst den Plan dem Mark für zu hoch hielt. nochmals wegen gemeinde, beim Generalvikariat darum
Kirchenvorstand vorlegt und dieser den einzelner Fehler in den Ausschreibungs­ bemüht zu haben, zur Finanzierung ei­
Entwurf an das Hochwürdigste Gene­ positionen überprüft werden müsse. ner Orgel in der Notkirche den Restbe­
ralvikariat weitergibt und das Generalvi­ trag einer Kollekte im Bereich des Erz­
kariat die Genehmigung versagt, wird Am 12. August 1927 legte Kreisbaurat bistums Köln für die Friedrich-Wil­
ohne Zweifel im Rektorat eine Erregung Bonn aus Siegburg dem katholischen helms-Hütte in Höhe von 800 bis 900
entstehen, die dem Kirchenvorstand zur Pfarramt in Menden drei Projektstücke Mark freizubekommen. Am 9. November
Last gelegt wird. Nichtsdestoweniger betreffend den Umbau der Notkirche 1937 erbat das Genralvikariat hierzu ei­
muß ich die Verantwortung, die in der vor, deren Ausführung mit 14.000 Mark ne Stellungnahme von Dechant Heppek­
Zustimmung zu dem Plan liegt, ableh­ veranschlagt wurden. Diese an sich ausen in Siegburg, die dieser von Pfar­
nen. Über den weiteren Verlauf dieses gefälligen Entwürfe scheinen nicht wei­ rer Hegel anforderte. Dieser schrieb am
Vorstoßes liegen keine Unterlagen vor. ter verfolgt worden zu sein. Offensicht­ 14. Oktober 1937, daß sich die Not­
lich wurde die vorhandene Notkirche in wendigkeit der Anschaffung einer Orgel
Das Projekt „Erweiterung der Notkir­ einfacher Form so erweitert, daß man wird schwerlich beweisen lassen, und
che" scheint jedoch nicht geruht zu ha­ den Altarraum um 4,50 m nach Süden begründete dies damit, daß das vor­
ben. Nach der Stabilisierung der verschob und einen neuen Altarraum handene Harmonium für die Notkirche
Währung hat sich Pfarrer Hegel offen­ mit anschließender Sakristei baute. genügen dürfte. Die Kapelle in Mein­
sichtlich zunächst um die Finanzierung Diese Arbeiten wurden vom Bauunter­ dorf, keine Notkirche, benutzt ein be­
gekümmert und im November 1926 nehmer Peter Brubach aus Friedrich­ deutend billigeres Harmonium schon 25
beim Generalvikariat erreicht, daß hier­ Wilhelms-Hütte, der den Erweiteruns­ Jahre und denkt nicht an die Anschaf­
für eine Kirchenkollekte in der Erzdiö­ bau auch ausgeführt hat, mit 11.833,90 fung einer Orgel"". Er führte dann weiter
zese bewilligt wurde. Eine jährliche Un­ Mark veranschlagt. Am 9. September aus: Für wünschenswert hält man in
terstützung aus dem Fond für bedürfti­ 1929 erteilte die Bürgermeisterei Men­ Friedrich-Wilhelms-Hütte die Anschaf­
ge Kirchen wurde jedoch nicht zuge­ den die Gebrauchsabnahme für die er­ fung der Orgel, es wäre sonst dem Kir­
sagt. Aus einem Schreiben des Gene­ weiterte Notkirche. Diese Baumaßnah­ chenchor nicht gelungen, für diesen
ralvikariats vom 14. November 1927 me hatte 8.370 Mark gekostet. Zweck 1.500 Mark zu sammeln. Aus
geht hervor, daß die Hälfte des Ertrages diesem Grunde erscheint es auch un­
der oben erwähnten Kollekte gewährt tunlich, die Anschaffung der Orgel zu
und 7.500 Mark an die Kirchenkasse Ein Jugendheim entsteht verbieten. Aber ich halte es für ange­
Menden überwiesen wurden. Die restli­ bracht, die Genehmigung aufzuschie­
che Finanzierung ist dann vom Kapel­ ben, bis der Nachweis erbracht ist, daß
lenbauverein Friedrich-Wilhelms-Hütte Neben dem Bau und der Erweiterung die erforderlichen Mittel vorhanden
und als Darlehn von der Pfarre Menden der Notkirche wurde im Jahre 1926 für sind. Die Entscheidung, den Restbetrag
aufgebracht worden. die Jugenarbeit auf der Friedrich-Wil­ der früheren Kollekte für den Kauf der
helms-Hütte eine gebrauchte Baracke Orgel zu verwenden, stellte er in das
Ein erster Entwurf für die Erweiterung angeschafft. Die Aufwendungen hierfür Ermessen der Erzbischöflichen Behör­
der Notkirche, der sich ebenfalls nicht betrugen bis zum Jahre 1934 insgesamt de, bemerkte aber, daß diese Kollekte
in den Akten befindet, ist vom Erzbis­ 13.749,38 Mark. Zu diesen Ausgaben, seinerzeit für die Instandsetzung der
tum Köln als unzureichend und vom in denen auch die Ausstattung des Ju­ Notkirche bewilligt worden sei. Diese
Kostenvolumen her als zu hoch zurück­ gendheims enthalten ist, trugen der Re­ Instandsetzung gehe stufenweise vor
gewiesen worden. Hauptsächlich aber gierungspräsident in Köln, der Siegkreis sich, und es ließe sich noch nicht über­
wurde kritisiert, daß die geplante Erwei­ und die Gemeinde Menden 3.900 Mark, sehen, ob nach Beendigung der Arbei­
terung in gewissem Maße ein Verewi­ die kirchliche Behörde 1.000 Mark und ten noch ein Restbetrag übrig bliebe.
gen des Notkirchencharakters der Kir­ der !(apellenbauverein 570 Mark bei.
che darstellt; es muß geprüft werden, Aus Kollekten für die Jugendarbeit ka­
20 Dieser Wunsch ma.g zwar in Mt=tindort vort,anden ge­
ob sich nicht ein Weg findet bei einem men 186,98 Mark und an Erträgen aus wesen se1M. Da die Kapellcngom0ind8 finanziell stärker
weiteren Ausbau des jetzigen Gottes­ Theater- und Konzertaufführungen von der Mutterpforrei abhing als die etwa� unabhängi­
gere Rekloratsyemeinde Friedrich-Wilhelms-Hütte,
hauses schon den ersten Schritt zum 4.208,99 Mark ein. Den Restbetrag von konnte Pratrer Hegel diese besser steuern und so die
Schaffen eines Definitivums zu tun. 3.900 Mark steuerte wiederum die Kir­ Meindorfer In den siebziger Jahmn dnzu bewegen, den
Ertrag einer Swnrnlung,bestlmmt für oin Ehrenmal für
Viel/eicht könnte man den jetzt geplan­ chengemeinde Menden bei. die Gefallenen der beiden Wettkriflg0, i:um Kauf einer
ten Erweiterunsbau derart gestalten. daß Orgel in Melndorr LU verwenden.
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Der dritte Anlauf:


Die Hütte wird
selbständige Pfarre
Im Jahre 1952, Pfarrer Hegel war inzwi­
schen 78 Jahre alt, kam von seiten der
Erzbischöflichen Behörde der Anstoß,
das Rektorat auf der Friedrich-Wil­
helms-Hütte zur selbstständigen Rek­
toratspfarrei zu erheben. Hierfür mußte
die Mutterpfarrei einen Vermögens­
nachweis, unterteilt nach den einzelnen
Fonds (Pfarrfond, Fabrikfond, Stif­
tungsfond), vorlegen. Aus den Unterla­
gen geht hervor, daß die Pfarrei Men­
den im Februar 1953 4.713 Seelen um­
faßte, davon 2.807 in Menden selbst,
520 in Meindorf und 1 .386 auf den Frie­
drich-Wilhelms-Hütte. Am 1. Februar
1953 beschloß dann der Kirchenvor­
stand von Menden, den Erzbischof von
Köln um Errichtung der selbständigen
Kirchengemeinde zum Heiligsten Her­
zen Jesu in Friedrich-Wilhelms-Hütte
Am 22. November 1937 stimmte das 15 Karte der Pfarre Menden mit der Abgrenzung unter Trennung von der Mutterpfarre St.
des neuen Pfarr-Rektorats auf der Friedrich­
Erzbistum Köln mit Rücksicht auf die Wi/helms-Hütte.
Augustinus in Menden zu bitten. Die
Opferbereitschaft der Gemeinde dem Mitte der Sieg sollte die Grenze zwi­
Kauf der Orgel zu und ermächtigte schen Mutterpfarrei und der neuen Kir­
Pfarrer Hegel, aus dem Fonds für Frie­ chengemeinde bilden. Aus dem Pfarr­
drich-Wilhelms-Hütte 750 Mark für die­ schließlich der Nebenarbeiten 3.139,85 und Fabrikfond wurden die auf dem
sen Zweck freizugeben. In dem Schrei­ RM betrugen. Diese Ausgaben wurden Gebiet der neuen Pfarre gelegenen
ben des Generalvikariats hieß es dazu: wie folgt aufgebracht: Grundstücke an die neue Kirchenge­
Von Friedrich-Wilhelms-Hütte waren ein meinde zum Eigentum abgetreten.
Kirchenvorstandsmitglied und zwei jün­ Aus der Diözesankollekte 750,00 RM Diesmal verlief die Vermögensausein­
gere Arbeiter hier; die als Sprecher Aus Kollekten 1938- 1942 524,83 RM andersetzung reibungslos, weil otfen­
hauptsächlich des Kirchenchores sich Verkauf des Harmoniums 250,00 RM sichltlich das Generalvikariat, einge­
für die Genehmigung des Orgelkaufs Erlös aus Kirchenmusi­ denk der früheren Querelen, klare Vor­
einsetzten. Es soll ein außergewöhnli­ kalischen Andachten etc. 240,56 RM gaben gemacht hatte, die der Kirchen­
cher Gelegenheitskauf sein. Zudem hät­ Spenden der Rektorats- vorstand nur noch nachvollziehen muß­
ten die Katholiken für den Plan große mitglieder 1.294,00 RM te. Nur hinsichtlich der Grenzziehung
Opfer gebracht. Arbeiter mit 120 bis Geschenke einzelner Stifter 81,00 RM war es wohl zu Meinungsverschieden­
130 RM Monatslohn hätten 10, ja 20 zusammen 3.140,39 RM heiten gekommen, weil Rektor Wün­
RM gegeben. ... Bei der Besprechung nenberg der Ansicht war, die Werkanla­
wiesen die Herren darauf hin, daß aus blieb also noch ein Ü berschuß von 0,54 gen der Friedrich-Wilhelms-Hütte ge­
den Monatsbeiträgen des Kapel/enun­ RM. Auffallend ist bei der Übersicht der hörten nach Troisdorf und nicht zum
terhaltungsvereins und durch selbstlose Einnahmen, daß die Klöckner-Mann­ Rektorat. Mit Schreiben vom 16. Sep­
Bemühungen eifriger Katholiken der staedt-Werke, die in früheren Jahren er­ tember 1953 bemerkte das Generalvi­
Gemeinde auch solche Ausgaben be­ heblich zum Bau der Notkirche beige­ kariat, daß es wohl nicht in der Absicht
stritten würden, zu denen der Ertrag der tragen hatten, sich an der Orgel nur mit des Kirchenvorstandes liegt, auch ein
Kirchenkollekte hätte herangezogen einem Betrag von 50,- RM beteiligten, Stück der zur Pfarre Menden gehörigen
werden können. So würde nur ein Aus­ der sich unter der Rubrik „Geschenke Zivilgemeinde Meindorf an die ReMo­
gleich geschaffen, wenn jetzt ein Teil einzelner Stifter verbirgt. Auch Pfarrer ratspfarre Friedrich-Wilhelms-Hütte ab­
des Kollekten-Restes für die kleine Or­ Hegel hat keinen Versuch unternom­ zutreten, und bestimmte: Zwecks der
gel hergegeben werde. men, die Mannstaedt-Werke wie früher Errichtung der neuen Kirchengemeinde
um Unterstützung zu bitten. Die Zeiten wird die Pfarre St. Augustinus so ge­
Die Orgel, für die von der Firma Klais in hatten sich geändert, das politische Kli­ teilt, daß die Mittellinie des diese Pfarrei
Bonn am 31. Januar 1938 ein verbindli­ ma war kirchenfeindlicher geworden. durchquerenden Siegf/usses die Grenze
cher Kostenvoranschlag erstellt wurde, zwischen den beiden Kirchengemein­
konnte bereits am Sonntag, den 3. April den bildet, und zwar bis zum Eintritt der
1938 mit einer Kirchenml.lsikalischen Sieg in das Gebiet der Zivilgemeinde
Andacht feierlich eingeweiht werden. Meindorf. Das im Nordwesten dieser
Aus der Abrechnung über die Anschaf­ Grenzlinie liegende Gebiet ist das der
fung der Orgel - leider ohne Datym - neuen Kirchengemeinde.
geht hervor, daß die Ausgaben ein-
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(l'Ullk1o). •U'd h111n1H 't'fll'Jtlloliht, ,H,a 0�11tQdk'O A\li. d-- l'tl!J"Jf.!

Mit Urkunde vom 12. Oktober 1953 er­ mächtigte am 10. Dezember 1953 den 17 Urkunde über die Errichtung der selbständigen
Kirchengemeinde zum HI. Herzen Jesu auf der
richtete der Kölner Erzbischof Josef Regierungspräsidenten in Köln, diese Friedrich·Wilhe/ms•Hütte.
Kardinal Frings die selbständige Kir­ Gründung von Staats wegeh zu geneh­
chengemeinde zum Heiligsten Herzen migen und in Vollzug zu setzen. Damit
Jesu auf der Friedrich-Wi lhelms-Hütte war die Hütte nach 30 Jahren von Men­
zum 1. Januar 1954. Der Kultusminister den unabhängig geworden.
des Landes Nordrhein-Westfalen er-

Helmut Schulte
Bruno Reisdorff
ein Maler in Troisdorf
Biografische Daten

1927 geboren in Köln - Vater (Glas-)


Maler
1943 Folkwang-Schu/e Essen
(Wandmalerei)
1947 Kölner Werkschulen (Glasmalerei)
1950 Robert-Schumann-Konservato-
rium und Kirchenmusiker
1953 in Bonn
1963 in Troisdorf
1966 Lehrer in Troisdorf (1968-1970 PH
Bonn)
1990 Rückkehr zur Malerei

1 Bruno Reisdorf/ bei der Eröffnung seiner


Ausstellung im Foyer des Rathauses Im Januar
1997 durch Stadtdirektor Dr. W. Wegener.
===============--=-====99 ===================

2 Jugend-S�lbstporträt, Rötel, 1947

3 Porträt des kranken Vaters, Schwarze Kreide,


1946

Zu Beginn dieses Jahres hatte Bruno


Reisdotif die Gelegenheit, in einer
Rückschau im Foyer des Troisdorfer
Rathauses sein künstlerisches Schaffen
mit seinen vielen Facetten und Exkur­
sen vorzustellen. Zu Beginn der 70er
Jahre war es das Foyer der Schule
Schloßstraße in dem er im Rahmen ei­
ner Ausstellung der Künstlervereinigung
>Sezession< neben Herrn Dienz, dem
Eichner und Troisdorfer Künstlern seine
Arbeiten präsentierte. Dazwischen lie­
gen viele Lebens- und Existenzstatio­
nen, in denen die Malerei eine unter­
schiedliche Rolle spielte. Neben künst­
lerischen Hochzeiten lagen Durst­
strecken und latente Bereiche. Aber nie
ließ ihn die Kunst wirklich los.

Wie viele Künstler so musste auch Bru­


no Reisdotif erleben, dass Kunst als
>Nebensache<, als Freizeitbeschäfti­
gung neben dem Beruf, nur halbe
Kunst ist. Der Künstler muss frei sein
für sein Werk, vor allem frei im Kopf.
Auch wenn der Künstler Musikerzieher
und Religiohslehrer ist - und Chorleiter
dazu. Seine eigentliche künstlerische
Arbeit storniert.

In den kämpferischen Anfangsjahren, in


denen Existenzkampf und künstlerische
Auseinandersetzung gleichermaßen
den Menschen forderten, und in den
Jahren des Ausatmens, der Befreiung
von den Anforderungen des Berufes,
liegen deshalb auch bei Bruno Reis­
dotif die Höhepunkte seines Schaffens.

Da gibt es die sensiblen Zeichnungen


in Kreide, Rötel und Kohle, die ästheti­
schen Akte, die duftigen Landschaften.
Die frühen Ölbilder von Verwandten
====-,----=============-c==1DÜ ======'"============--

4 Camberg, Filzstift, 1962

r und Bekannten. Da stehen die lichten

--< ., Aquarelle, in denen Mensch und Natur


wie eine Anbetung des Frühlings wir­

.
ken. Da fallen die reifen Arbeiten auf, in
'r .,. denen der natürliche und der architek­
tonische Raum zur atmosphärisch-si­
� J, tuativen Kulisse für Menschen wird mit
geprägten, durchgebildeten und fein­
� nervigen Gesichtern. Besonders fragil

t·11 und schemenhaft ein Landschafts- und


Architekturbild von Salzburg, in dem
11/,,, die Stadt ihre geschichtlichen Geheim­
nisse wie in fahlbarbenen Kartons ver­
borgen hält. Aus der Seele kommen die
Kompositionen der Sehnsucht, in de­
nen Mensch und Natur zu skurrilen sur­
realistischen Wunschbildern einer para­
diesischen Welt verschmelzen.

Der zeichnerisch versierte Vater, ein


Maler der damals propagierten
>Reichskunst<, unterwies den eben­
falls begabten Sohn von Kindesbeinen
an. Noch In späteren Jugendjahren
musste sich der Sohn von den Spuren
einer einschlägigen Ästhetik befreien.
Nach kurzem Studium an der Folk­
wang-Schule bis zur Zerbombung des
Essener Studienhauses zog sich Bruno
ReisdorH zu Privatstudien nach dem
(noch) bombenfreien Salzburg zurück.
Hier sollte er bis zur Einberufung zu
Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht
zugleich auch am dortigen Mozarteum
eine Musikausbildung erhalten. Sofort
nach Kriegsende erarbeitete ein hoch­
gebildeter Priesterfreund mit ihm Vor­
aussetzungen für die Mittlere Reife, die
er anschließend am Gymnasium zu
Bergisch Gladbach erwarb. An den Köl­
ner Werkschulen setzte er das Malerei­
studiums fort. Gleichzeitig half er dem
schwerkranken Vater bei Öl-, Glas- und
Wandmalereiaufträgen.

Mit der Heirat 1950 drängten sich mas­


siv Existenzprobleme in den Vorder­
grund. Reisdorff ergriff nun den ersten
Not- und Brotberuf als Kirchenmusiker,
zu dessen Ausübung und Studium er
sich vor Jahren am Mozarteum gute
Startmöglichkeiten geschaffen hatte.
Die malerische Primärbegabung geriet
mehr und mehr ihs Ab seits. Die kaum
aushaltbare Zerreißprobe zwischen
dem gerade ausgeübten Beruf und
dem latent aktiven Berufungsbewusst­
sein zum Malen, die sich bisweilen
eruptiv Luft machte, wenn sich der
Druck nicht störungsfrei ableiten ließ,

S Akt, Schwarze Kreide, 1987


==-e=====---=====:-=101 ===-====c=====------cc

6 L.andschaft, Aquarell, 1983

7 Salzburg, Aquarell, 1996


====-=======--c=======-== 102 ====-=======-========

8 ,) Was nächtens durch die Straßen geistert" ÖJ, 9Jean Amery Im KZ, 1996, Öl. Dieses Bild hat
1985 einen guten Platz in der Stadtbibliothek im
Bürgerhaus Troisdorf-Mitte erhalten
====,.......,,=============== 103-================-====

hielt Bruno Reisdorff 40 Jahre lang in


oft quälender Spannung.

Als Kirchenmusiker kam er schließlich


nach Bonn. Dort war er zehn Jahre
tätig. Nach drei Jahren in Troisdorf
nahm er die Chance wahr, über ein PH­
Studium in Bonn in den Lehrerberuf zu
wechseln.

1990 fand das ruhelose hin- und herge­


rissene Leben eine neue Plattform. Die
Kunst kam endlich zu ihrem Recht. Und
der Künstler bäumte sich noch einmal
auf. Er hatte viel Existenzkampf, Not,
Unterdrückung und Ignoranz erlebt,
hatte sich vielen Anpassungsmechanis­
men entgegengestemmt. Jetzt konnte
er an den Punkten anknüpfen, an de­
nen seine Kunst brauchbare Spuren
hinterlassen hatte. Er ging die Statio­
nen noch einmal durch. Mit der durch
die wirren und schlimmen Jahre hin­
durchgeretteten künstlerischen Diszi­
plin fand er fürs erste eine hamonisie­
rende Synthese, eine Versöhnung, auch
zwischen seiner Vita und seiner Kunst.

Bruno Reisdorff fordert noch mit gutem


Recht den Zeitraum vom Schicksal,
den er für die Schritte über das Jetzt
hinaus zu einem verantwortbaren Er­
gebnis seines Schaffens benötigt.

10 Fremd unter uns, 1996, Öl. Dieses Bild überließ


der Künstler nach der Januarausstellung der
Stadt Troisdorf. In einem Dankschreiben von Dr.
Walter Wegener heißt es: ,,... Ganz besonders
danke ich Ihnen für das Germälde..., für das wir
einen angemessenen Platz im Ratbaus finden
werden... Das Thema "Fremd unter uns" ist nach
wie vor brisant und immer wieder Anlass für
Denkanstöße. Diese machen uns bewusst, welche
Vorurteile In uns selbst schlummern und wieviel
Verantwortung jedermann für den Mitmenschen
hat... "
===--==========----======104 ==---=========--========

Heinrich Brodeßer
Noch eine Pfaffenmütz
Das Kartenbild von damals und heute

Die Pfaffenmütz, jene Inselfestung vor Die Festung selbst sowie ihre unmittel­ Bergheim. Später kamen allerdings
der Siegmündung, die zu Beginn des bare Umgebung wird wie folgt weitere größere Schanzwerke und
Dreißigjährigen Krieges einiges Aufse­ beschrieben: Mannschaftsunterkünfte im sogenann­
hen erregte, haben wir bereits mehr­ ten Weidenfeld über dem Ufer des
mals In unseren Schriften vorgestellt.' „A. Die newe schants rechten Rheinarmes, der „Harten Furt",
Sie fand in der zeitgenössischen Litera­ aufm Compell weerdt hinzu.
tur auffallende Beachtung und wurde in helt (=hält, hat) die Cottie (=Abmes­
zahlreichen Kupferstichen und Radie­ sung) von einem
rungen abgebildet. Bollenwerk zum andern
40. schritt.
Die kartographische
Inzwischen konnte die Stadt Troisdorf Oben und unden ligt jedes orts Aufnahme
etwa die Hälfte aller Originalgraphiken eine Reduit (=sichere vorgeschobe­
erwerben; sie werden im Stadtarchiv ne Verteidigungsanlage) mit vier Großen Wert legte Reims auf die Erstel­
aufbewahrt. Zu den 31 bisher bekann­ kleinen streichwehren (=Geschütz­ lung eines genauen Kartenbildes. Hierin
ten Darstellungen kam jüngst eine wei­ stellungen). unterscheidet er sich von den Kupfer­
tere Wiedergabe, die unser Stadtgebiet Von solchen reduiter umbher stechern und Verlegern seiner Zeit. Je­
in besonderer Weise berücksichtigt.Sie den weerth biß zu der schantzen ne wollten mit ihrer Druckgraphik
liegt im Bayerischen Hauptstaatsarchiv sein (=sind) laufgraben mitt brust schnell auf den Markt kommen, um die
München' und wurde unserem Archiv wehren (zum Schießen mit Gewah­ Öffentlichkeit über die Geschehnisse
als Foto uberlassen.' ren) aufgeworfen, des Krieges zu informieren. Er legte sei­
dazwischen die soldaten und arbei­ ne Handzeichnung als Übersichtsplan
Vorliegendes Blatt gehört zu einem Ak­ tern zu rein militärischen Zwecken an. Daher
tenbündel, das den Einfall holländi­ sich verhalten (=aufhalten) dürfen wir seine Kartographie als relativ
scher Truppen in die Rheinlande be­ zuverlässiges Zeugnis der damaligen
trifft, die vor allem das Herzogtum Jü­ 8. Oben ahn dem alten außfluß der Situation des Siegmündungsgebietes
lich und die bergischen Ämter Porz, Siegen Fluß. ansehen, wobei jedoch mit zunehmen­
lülsdorf, Blankenberg und Windeei� be­ der Entfernung von der Pfaffenmütz die
setzten und sich im Sommer i 620 auf C. Unden an jetzigen außfluß der Sie­ Genauigkeit nachläßt und auf belanglos
dem Komper Werth, der besagten gen werden gleichfals reduiter ge­ erscheinende Einzelheiten verzichtet
Rheininsel, verschanzten. Wolfgang schlagen. wird. So unterbleibt dort die Fort­
Wilhelm, Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, führung der Grenzen und Straßen, die
Herzog von Jülich-Berg, beriet sich mit D. Bey Bercheim ahrn Bergh auf den Eintragung von Siedlungen, Bachläufen
seinem Kammerpräsidenten Edmund Paß (am Siegübergang) der Siegh, und Hügeln u.a. Wie dem auch sei, we­
von Orsbeck, mit seinem Statthalter, solle auch eine schants gemacht gen der räumlichen Nähe zur Inselfe­
den Räten zu Düsseldorf, den zuständi­ werden." stung haben die örtlichen Gegebenhei­
gen Amtsleuten, unter ihnen Gottfried ten unseres heutigen Stadtgebietes
von Steinen, der für Löwenberg und Oberst Reims hatte gut beobachtet: In recht vollständig Berücksichtigung ge­
Lülsdorf zuständig war, und seinen Ver­ der Inselmitte befand sich die eigentli­ funden, so daß uns ungewollt in diesem
bündeteten und Heerführern über Ge­ che Festung in Form eines Karrees mit Blatt eine der ältesten Karten der Stadt
genmaßnahmen, besonders über die vier Bastionen, rundum mit einem Was­ Troisdorf geschenkt ist.
Beseitigung der holländischen Festung sergraben umgeben. Auf den Inselen­
Pfaffenmütz. den stromauf und stromab waren soge­ Die Karte ist genordet: ,,Septentrio" fin­
nannte Reduiter angelegt worden, wei­ den wir am oberen Blattrand. Septen-
Zur Vorbereitung eines Angriffs auf die tere Befestigungsanlagen mit je vier
bedrohlichen Befestigungswerke mitten Geschützen. Die Zwischenräume wur­ 1 In TJH XII und XIV, in einer Monographie, von der
Stadt Troisdorf horaqsgegeben, und in einer Mappe
im Rhein ließ er von seinem Obristen den durch Verteidigungsgräben an den rnll allen bekannten ßl(lttern im Maßstab 1:1 Im Jahr
Reyner Reims einen Übersichtsplan er­ Flanken gesichert, in deren Schutz Un­ 1994,
arbeiten. Reims konnte bereits am 24. terkünfte für die Mannschaft errichtet 2 unter der Signnfur h ??6).
Oktober 1620 gleich nach Beendigung wurden. Auch war dem Obristen nicht
3 Herr Matthias Doderichs·, Beigeordneter a.D., fand
der Schanzarbeiten des Gegners einen entgangen, daß das ,,staatische Kriegs­ den entsprechondon l'-linw0is in: Materialien 2ur rheln.
,,Abriß der staatischen Fortifikationsar­ volk" ebenfalls in der Niederung vorge­ Geschichte. Bd. 3, Dt1s Inventar der Gel1ehnen Kanz­
beiten auf dem Komper Werth" vorle­ lei der Herzöge von Jülich-Berg aus dem Hause PfaJz­
schobene Stellungen anlegen wollte Neuburg (1609-1716}, Düsseldorf 1994, Droste Verlag,
gen, eine genaue Wiedergabe der örtli­ bzw. bereits damit begonnen hatte. bearbeitet von Auth Fiichtner und Heike Preuss, und
chen Gegebenheiten, die eine Reihe in­ Hierbei ging es um die Sicherung der t1at die Erwerbung des Bl,3ttes: veranlaßt. Ihm sei an
dieser Stelle gedankt, dnll er mir diese Pfaffe11-
teressanter Einzelheiten festhält. Mündungsarme und der Fährstelle bei mützdarstelJung zur Bearboitung weitergegeben hat.
====-======-======-===== 105====-=====c-======-=====-

1 Pfaffenmütz-Darste/lung aus dem Bayerischen


Hauptstaatsarchiv München, das im Kontext das
triones sind die „Sieben Dreschoch­ Mühle bedient und erst bei Müllekoven gesamte Stadtgebiet Troisdorf umfaßt.
sen", so nannten die Römer das Sie­ in die Sieg mündet. In der Tat hatte da­
bengestirn; gemeint sind die sieben mals die Agger nicht die heutige Mün­ endete und früher wohl bis zum Rhein
Sterne des Großen Bären bzw. des dung. Sie floß eine weite Strecke neben weiterlief.
Großen Wagens mit dem Nordstern, al­ der Sieg her; so bezeugen es auch in
so die Bezeichnung für den Norden. ähnlicher Weise Kartenwerke jener Die Grenzverläufe sind allein im Sieg­
Entsprechend lesen wir am rechten Zeit.' bereich vollständig, sonst nur andeu­
Rand „Oriens", der Sonnenaufgang = tungsweise eingetragen. Die dem ber­
Osten, u_ nten „Meridies", der Mittag = Eine weitere Bestätigung finden wir in gischen Amt Lülsdorf zugehörigen
Süden, und links „Occidens", Sonnen­ einem Vertrag zwischen Herzog Wil­ Kirchspiele Bergheim/Müllekoven und
untergang= Westen. helm von Jülich-Berg und dem Sieg­ Mondort sind von einer geschlossenen
burger Abt Gottfried von Eyll von 1581 ," Grenze umgeben. ,,Theill dehs Ambtts
Die Gewässer sind in ihrem natürlichen in dem das Zwangsgemahl der umlie.­ Lü\storff" bezieht sich nur auf diese. Die
Verlauf dargestellt. Wenn der Rhein­ genden Dörfer der „Mühle des Abtes zu nördlich davon gelegenen Ortschaften
strom übermäßig breit gezeichnet ist, Sieglar an der Agger" überlassen wur­ bis zum „gierstein" und dem von dort
so geschah dies, um das Schanzwerk de. Dementsprechend wurde der jetzi­ ostwärts verlaufenden Graben sind
erkennbar darzubieten. Im übrigen trifft ge Mühlengraben später ab der Siegla­ dem bergischen Amt Löwenberg zuzu­
die Lage der Inselfestung wie auch die rer Mühle durch ein altes Aggerbett ge­ ordnen. Darüber erscheint die Lülsdor­
der beiden rheinab gelegenen Inseln, leitet. In diesem Zusammenhang ist zu fer Burg mit dem Ort als Zentrum des
des Rheidter und Herseler Werths, bemerken, daß die in der Nähe der gleichnamigen Amtes. Am oberen Blatt­
durchaus zu. Auch werden hier im Ge­ Eschmarer Mühle gelegene Pumpstati­ rand lesen wir noch „Liebur" und
gensatz zu allen übrigen Pfaffenmütz­ on des städtischen Wasserwerkes Ag­ ,,Schnadtstein auff die Liebur Heidi".
blättern die Mündungsarme der Sieg gerwasser aus ihren Brunnen holt.
detaillierter dargestellt. Indessen bleibt 4 beispielsweise die Sansonkarten von 1670 und 1673,
ein dritter Siegarm unberücksichtigt. Erwähnt sei noch der Annonisbach, ebenso die Homankarte von 1715 - s. Brodeßer/­
Schulle, Niederka..!.sel·A11as, Troisdort.Qbcrl.3r 1976,
auch Rotter Bach genannt, der am S. 13 und M.
Interessant ist der Verlauf der Agger, Rande der Heideterrasse bei Troisdorf
5 (HSIAD, Siegburg Akten 311 BI. 15 • s. Schulte, Hel­
die den südlichen Ortsrand von Trois­ entspringt, die Wasseranlagen von mul, Kleine Geschichte der Stadt Troisdori, Trois d
· orf
dorf streift, die Sieglarer und Eschmarer Haus Rott versorgte und bei Kriegsdorf 1990, s. 57158
====-=======--=========106===-======-=======-====

Die Schnadt ist die Grenze einer Ge­ Drei Straßenzüge verlaufen in ihrem baren Benediktinerabtei. Sie gehörte
markung." Hier handelt es sich aller­ Trend von Norden nach Süden: Die zum Burgbann der Abtei und unter­
dings zugleich auch um die Grenze des ,,Landtstras von Coln nach Honneff" stand der Gerichtsbarkeit des Abtes.
bergischen Amtes Porz. Eine weitere kommt von Porz, verläuft geradlinig auf
Grenze verläuft unterhalb des „Alden­ der oberen Niederterrasse durch die Die Orte längs des Rheinstromes waren
f(llrst" südwärts bis zur Sieg bei Men­ Feldflur zwischen Libur und Weilerhof, als „Zudötier" geschlossene Siedlun­
den. Sie trennt das Siegburger Länd­ durch Uckendorf bis Bergheim, über­ gen, die von einer Hecke umgeben wa­
chen bzw. die „Vogtei", darin Troisdorf, quert hier die Sieg und die Flußniede­ ren; sie werden aber hier nur durch ein
vom bergischen Amt Blankenberg mit rung, erreicht zwischen Vilich und markantes Gebäude gekennzeichnet.
,,Mengden, Meindorff, Nederpleis". Schwarzrheindorf wieder die Höhe der
Rheinwärts finden sich die beiden kur­ Niederterrasse und führt von dort paral­ Auf der linken Rheinseite finden wir
kölnischen Unterherrschaften, die Ho­ lel zum Rhein bis Honnef und weiter ins ,,grau Rheindorff, Hersell, Wyddich"
heit und Herrlichkeit Vilich und Mittelrheintal. In unserer Gemarkung ist und Utield, letzteres ohne Angabe des
Schwarzrheindorf. Ihre Grenzen finden sie als die „Große Heerstraße" bekannt, Ortsnamens.
wir lediglich ansatzweise westlich von sicherlich eine der alten Nordsüd-Ver­
Meindorf; sie laufen bei der Gerichts­ bindungswege." Rechtsrheinisch treffen wir bei der
stätte auf dem Galgenberg aus bzw. Siegmündung auf Mandorf, ein typi­
werden dort nicht fortgeführt.' Eine weitere alte Fernstraße ist die Köln­ sches Bauerndorf, das mehrere Her­
Frankfurter Straße, die heutige B 8, die rengüter aufwies. Nach einer Auflistung
Der Landgraben im oberen Teil des von Porz über Wahn, Lind, Spich, Trois­ von 1548 mußten drei Herrenhöfe ins­
Kartenblattes diente u.a., wie oben be­ doti nach Siegburg führte. gesamt drei Pferde für dem Kriegs­
schrieben, als Grenze zwischen dem dienst bereithalten." Der Haupthof war
Löwenberger und dem Lülsdorfer Amt. Im Siegburger Gebiet traf sie auf den der Domdechantshof, auf dessen
Sein Verlauf von Spich bis zum Gier­ Mauspfad, einen der ältesten Fernwe­ Grund die aufgezeigte Kirche stand, die
stein am Rhein unterhalb von Lülsdorf ge, der am Rande der Mittelterrasse, aus einer Hofkapelle hervorging, nun
wurde im Vergleich mit einer Vermes­ vom Niederrhein kommend, hier durch aber eigenständige Pfarrkirche war. Ihr
sung des Rheidter Geometers Matthias den Altenforst, am Ravensberg vorbei Kollator war daher der Kölner Dom­
Ehmans in den Rottzehntkarten von über Siegburg, Hennef durch den We­ dechant. Die damalige Einwohnerzahl
1755 korrekt aufgezeichnet" Er trug in sterwald bis in den Taunus und darüber kann auf ca. 300 geschätzt werden.
diesem Bereich verschiedene Namen; hinaus verlief. 12 Nach dem Dreißigjährigen Krieg zählte
er wurde u.a. als Lülsdorfer oder Mondorf 150 Kommunikanten, also er­
Stockemer Landgraben bezeichnet und Vorliegendes Kartenblatt läßt zwei west­ wachsene Einwohner ohne Kinder und
zu den Landwehren gerechnet.9 Er östlich verlaufende Querstraßen erken­ Jugendliche.''
reichte indessen vom Rhein über Spich nen, die von Mondorf nach Troisdoti
bis zur Aggerniederung. Seine eigentli­ führende heutige Provinzialstraße, da­ Rheinabwärts finden wir Rheidt, in die­
che Funktion ist nicht eindeutig zu er­ mals mehr ein begehbarer Feldweg, ser Karte ohne Namensnennung, ein al­
klären. Da er auf weite Strecken in Ver­ und die von der Fährstelle Bonn-Beuel ter Pfarrort mit großen und bedeuten­
bindung mit einem Wildzaun stand, über Menden nach Siegburg gehende den Höfen, die eigene Hofesgerichte
kann vermutet werden, daß er die land­ „Landstras", die dort zum einen auf die besaßen, mit zwei Mühlen, einer
wirtschaftlich genutzten fruchtbaren Köln-Frankfurter Straße stieß, zum an­ Schiffs- und einer Windmühle. Mit 600
Flächen des sich über die Niederterras­ deren über die Nutscheidstraße ins Ei­ Kommunikanten im Jahr 1676 zählte
se erstreckenden Löwen/Berger Länd­ senland Siegen und über die Zeith­
chens gegen das aus den angrenzen­ straße ins Bergische weiterführte.
den großen Waldungen des Altenfor­ 6 Vgl Unnartz, K� Unse-re Femlllennarnen, Bonn 1958,
Dümmler-VGrl�g. S, 205)
stes und Königsforstes austretende Zwei Städte zeigt das Kartenbild.
Wild schützen sollte. Der Landgraben 7 Vgl. Niederkassel-Atlas, S. 38, TJH XIII S.97,100 und
102; und Brodeßer, Helntich, Hoimatbuch Untere
wurde von einem Gebüsch- und Wie­ Im „Theill Dess Stiffts Cöllenn" liegt das Siag, Trolsdorf-Oberlar 1976, S. 58/59.
senstreifen begleitet, der von der Lüls­ befestigte, von einem Wassergraben
8 Vgl.TJH XIX, S, 16-30; Quelle: HStAD, Karten 1344.
dorfer Kellnere! verpachtet wurde. Die­ und einem geschlossenen durch T ürme
ses Pachtland umfaßte insgesamt eine und Stadttore gesicherten Mauerring 9 s. Engels, WIiheim, Die Landwehren in den Randge­
bieten des Hgts. Berg, in: Zeltschrift des Berg. Ge­
Größe von knapp 30 Morgen, die ge­ umgebene Bonn, die heutige Altstadt. schicl1tsverelns, 66. Bd., Jg. 1938, S. 189-191.
gen 1800 eine Jahrespacht von ca. 52 Die Außenorte und Stadtrandsiedlun­
Reichstaler einbrachten.'0 In Oberlar er­ gen liegen außen vor; so „kehsenich" 10 ebenda.

innert an den längst vergangenen und „Die kyrchen", Kessenich und Diet­ 11 Vgl. Brodeßer, Heinrich, Heimatbuch R11eln-Sleg,
Landgraben die Landgrafenstraße, die kirchen. Das gegenüberliegende Beuel Troisdorf 1985, S. 88/89, und Ploennleskarlen von
1715, Wlebekingkarte von 1789194, Meßllschblättcr
sinnvollerweise besser mit v statt mit f besteht aus einem Burghaus, das sich von 1845147 In: Niedorlmssel-Atlas, S. 18-23.
geschrieben würde. in der Herrschaft Schwarzrheindorf be­
12 Vgl.Rutt, Tl,eodor, L�nd an Sieg und Rhein, Bonn
findet, und aus einer Gruppe von Häu­ 1960, s. 59-61,
Die Straßen und Wege spielen in mi­ sern, die unter bergischer Herrschaft
13 Classen, Wilhelm, Burg und Amt LO!sdorf unter den
litärischen Karten eine bevorzugte Rolle, stehen sollen, ,,Bewel heuser Ber­ Herzögen von Berg, in; Olligs, Heinrich, LGlsdorl am
da ihre Kenntnis einen schnellen Auf­ gisch". Rhein, Lülsdorf 1952, Sp. 217.
marsch der Truppen wie deren problem­ 14 nach der Deslgnatio P<lstoratuum, Collatorurn, Vlcari­
lose Versorgung und Bedienung ermög­ An der Sieg finden wir zu Füßen des a.rurn, Capellarum, Rcdituum et caeterorum beneficl­
orum eccleslastlcorum in Dur..atu Jullae et Montium
lichen soll. So wurde ihrer Aufzeichnung „Siegbergh" die Stadt Siegburg im de Ao 1676, veröffentlicht in: Binterfm und Mooren,
besondere Bedeutung zugemessen. Schutz der damals noch reichsunmittel- Die Erzdiöcese Köln, Düssoldort 1893, S. 241.
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2 Vom Verfasser kolorierter Bereich der Stadt


400 Einwohner. Das gilt allerdings für Troisdorf in einer Kopie der Pfaffenmütz­
Rheidt zu den größten Ortschaften der zeichnung (1/.
Region. Es war Gerichtsort im Nieder­ des ganze Kirchspiel, in dem Ranzel
amt Löwenberg; daher der ,,Gerichts­ und Weilerhof eingeschlossen sind. Es unterstand der Benediktinerabtei zu
platz ahn der Lohe", dem kleinen mit­ Siegburg als Zehntherrn und Kollator.
ten in der Feldflur gelegenen Ei­ Den Rheinorten folgen landein, siegauf­
chenwald. wärts die Ortschaften des heutigen Für Bergheim werden 1548 drei Herren­
Stadtgebietes Troisdorf. höfe erwähnt, der abteiliche Fronhof,
Zum unterhalb gelegenen Pfarrort „Ne­ der Nesselrodesche Turm- und Ham­
dercahsell" gehörten die Felddörfer Über dem Mündungsdelta der Sieg merhof, denen zusammen acht Pferde
Uckendorf und Libur mit einer eigenen liegt Bergheim . .,Berchem uff der Si­ zugestanden waren:• Stellvertretend
Kapelle und der Weiler Stockern. 1676 gen" wird es in alten Urkunden ge­ für diese wurde neben der Kirche ein
zählte das Kirchspiel insgesamt 500 nannt.•� Es bildete im Amt Lülsdorf mit Hofgebäude ins Kartenbild eingefügt.
Kommunikanten, also um die 700· Ein­ der Honschaft Müllekoven und dem
wohner. Kirchspiel Mandorf ein eigenes Gericht. Zu erwähnen ist noch die alte Berghei­
Für 1548 werden im Botamt Bergheim mer Fischereibruderschaft, eine heute
Lülsdorf war Amtssitz. Daher wurden 8 Halfen aufgezählt, 105 Hausleute auf noch bestehende Zunft, die den Besitz
die Kirche und das „Ambtshaus" in die eigenen Gütern, davon 50 in Bergheim, ihrer Fischereirechte auf eine Urkunde
Karte aufgenommen. Letzteres war in 36 in Mondorf und 19 in Müllekoven, aus dem Jahr 987 zurückführt. 1•
Wirklichkeit ein herzogliches Schloß, und 27 Kötter auf Pachtgütern, d.h. 160
das zu jener Zeit vom bergischen Amt­ Haushalte mit ca. 950 Einwohnern, von In den Kämpfen um die Pfaffenmütz zu
mann bewohnt wurde, 1642 aber als denen etwa 450 auf Bergheim allein fal­ Beginn des Dreißigjährigen Krieges
Lehen an den kaiserlichen Generalfeld­ len. 1676 lebten nach der Designatio im
marschall Peter Melander von Holzap­ Kirchspiel 400 Kommunikanten, in 15 s. oben unter C(assen/Olligs.
pel fiel. Daneben werden in der Aufstel­ Bergheim schätzungsweise 380 Ein­
16 Über den Ort berichten Dalvos, Christian Hubert
lung von 1548'" fünf Bauergüter aufge­ wohner, die Kinder zugerechnet. Die im Thaddäus, In: Geschichte der Pfarrai0n des Dekana­
führt, die insgesamt mit 18 Ackerpfer­ großen Krieg zurückgegangene Ein­ tas Siegburg, Köln 1896, S. 350-363; Brodcßer, Hein­
wohnerzahl hatte damit noch nicht den rict,, Heimatbuch Untere Sieg und Heimatbuch Rheln­
den ausgestattet waren. Ferner werden Sieg, Schulte, Hel,nut, Kleine Geschic::htG der Stadl
angegeben 3 Halfen, 20 Hausleute auf Stand von 1548 erreicht. Troisdori, letztere ebenso über die anderon St3dtteile.
eigenen Gütern und 13 Kötter auf
17 s, TJH XVIII, S. 71-80.
Pachtgütern, also insgesamt 36 Haus­ Das damals bestehende geostete, hier
halte mit ca. 220 Einwohnern. Nach der abgebildete Gotteshaus wurde 1248 er­ 18 Classan/Oltigs

Designatio von 1676 lebten dort 300 baut, später mehrfach erweitert und mit 19 ßrodeßor, Heinrich, Die FrischereibrtJderschaft zu
Kommunikanten, das bedeutet um die bemerkenswerten Fresken versehen." Bergh�irn on der Sieg, Nlederkassel-Rheidt 1987,
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spielte der Ort eine besondere Rolle, da Die Einwohnerzahl in jener Zeit kann
von hier aus die Kampfhandlungen ge­ auf 150 geschätzt werden. 1676 mögen Die Gerichtsbarkeit über das Kirchspiel
gen die Pfaffenmützbesatzung begon­ es 10-20 weniger gewesen sein. lag je zur Hälfte beim Abt und den Her­
nen und in die Niederung hineingetra­ ren von Löwenberg bzw. deren Nach­
gen wurden. Der nächste Ort ist Eschmar. Er liegt folgern, den Herzögen von Berg. Hoch­
' jenseits der Amtsgrenze im Löwenber­ gericht uhd Sendgericht, das kirchliche
Die zum Kirchspiel gehörige Honschaft gischen und zählte zu den Bauerndör­ Gericht, tagten vermutlich im Turm der
Müllekoven ist durch ein Hofgebäude fern des Kirchspiels Sieglar."' Zu Be­ Kirche.
dargestellt. Gewiß war der „Zweiffels­ ginn des 17. Jahrhunderts hatte der Ort
hof", ein freier Rittersitz, das bedeu­ ca. 30 Haushalte mit etwa 180 Einwoh­ Zur Zeit der Pfaffenmützkämpfe besaß
tendste Anwesen des kleinen Ortes. Er nern. Im Kartenbild erscheint er als Sieglar bei der Kirche bereits ein Schul­
war gegen Ende des 15. Jahrhunderts Gehöft ohne nähere Bezeichnung. Da­ haus. Dort wurden die Kinder vom Of­
aus dem Besitz der Herren von Pletten­ mals gab es im Ort vier nennenswerte fermahn, dem Küster, unterrichtet.'•
berg durch Heirat an die Herren von Höfe. Die Siegburger Benediktinerabtei
Zweiffel gekommen, die im 16. Jahrhun­ besaß dort den Präsenzhof, dem die Oberhalb von Sieglar folgt Oberlar, ein
dert auf Haus Wissem und Haus Mülle­ Eschmarer Mühle zugeordnet war. Sie Gehöft in der Nähe des Annonisbaches
koven saßen. Der Müllekovener Besitz ist in der Karte am „Aggerfluß" liegend gelegen. Erst im 14. Jahrhundert wird
wurde gegen 1600 aufgegeben und an eingetragen, Ihrem Mahlzwang unterla­ ein Oberlarer Hof erwähnt." Auf den
den Deutschen Orden mit allen Rech­ gen die Dörfer der unteren Sieg von dortigen sandigen Böden konnte sich
ten, u.a. der halben Fähr- und Fischerei­ Eschmar bis Mandorf und Kriegsdorf zunächst keine größere Siedlung ent­
gerechtigkeit zu Mandorf, verkauft. Mit und Spich. Die Eschmarer Mühle be­ wickeln. Das Land wurde von den
dem Hof und den Hofesrechten waren steht heute noch. Ein weiteres abteili­ Sieglarer Bauern bestellt. Während des
auch die Rheininseln vor der Siegmün­ ches Gut war der Propsthof, aus dem Dreißigjährigen Krieges wohnten hier
dung an den Deutschen Orden gefallen. später das abteiliche Weingut hervor­ nur wenige Menschen. Noch in der Mit­
Genau diese Inseln wurden 1620 von ging. Ferner lesen wir vom Nesselrode­ te des vorigen Jahrhunderts wurden
den holländischen Truppen besetzt und schen Burghof, der dem Präsenzhof dortselbst lediglich 6 Häuser gezählt."'
zur Festung ausgebaut. Auf 2 1/2 Jahre gegenüber lag, im 19. Jahrhundert aber
war dadurch den Ordensrittern die Nut­ untergegangen ist. Er war von der Dagegen war „Kreistorff", Kriegsdorf,
zung entzogen und hinterher die Wie­ Zwangsbarkeit der abteilichen Mühle ein altes Bauerndorf, das aus zwei
derherstellung der dortigen geschädig­ ausgenommen und erlangte bereits im Ortskernen bestand, die sich um zwei
ten, gar verwüsteten Ländereien aufge­ 16. Jahrhundert eigene Mühlrechte un­ Herrenhöfe entwickelt hatten. In Klein­
bürdet. Der „Schwievelshoff", wie er ge­ terhalb der bestehenden Mahlmühle. kriegsdorf stand der Reichensteiner
nannt wurde, war einem Halfen zur Be­ Untergegangen Ist auch der „Pollshof", Hof, der den Grafen von Nesselrode
wirtschaftung übergeben. der während des Dreißigjährigen Krie­ zugehörte. Zu diesem gesellten sich im
ges vom Halfmann Peter Offermann ausgehenden Mittelalter mehrere priva­
Ein weiteres Herrengut dortselbst geht bewirtschaftet wurde. Seine letzten Re­ te Bauerngüter. Im nördlich davon gele­
auf die bergischen Landesherren ste wurden in der Mitte unseres Jahr­ genen Großkriegsdorf befand sich der
zurück. Es wurde 1414 an die Herren hunderts weggenommen. Abtshof, der Siegburger Abtei zuge­
von Eltz verlehnt, war zur Zeit der Pfaf­ hörig.
fenmützkämpfe im Besitz der Herren Sieglar war der Mittelpunkt des gleich­
von Wylich, erlangte 1709 allodiale namigen Kirchspiels, hier ohne Nen­ Nahebei finden wir „Rhadtt", das freia­
Qualität und gelangte zuletzt als freia­ nung, lediglich durch seine Kirche wie­ delige Rittergut Haus Rott, ein fester
deliges Gut an die Herren von Lee­ dergegeben.2' Rittersitz, der aus einer Motte hervorge­
roth.20 gangen war und von den Herren von
1676 zählte Sieglar 700 Kommunikan­ Rott um 1550 durch Erbschaft an die
Unter den Häusern des Ortes ist das ten.2' Damit war es zwar das größte Herren von Waldenburg gen. Sehen-
1608 von Christian Bröhl erbaute das Kirchspiel. Es verteilten sich jedoch die
älteste und interessanteste." Jener war Pfarrangehörigen auf den Kirchort
20 Zur Geschichte de, Müllef,cavener Güter siohe Hans
um diese Zeit Schöffe und Baurmeister selbst und die umliegenden Dörfer Brüel<. Die ehernallge Burg Müllekoven r1n der Sieg
und wahrscheinlich auch der Halle des Eschmar, Kriegsdorf, Oberlar und und zwef andere adlige Güter daselbst, in: Annalen
des Hist. Vereins für den Niederhein, Hott 80, 1906, S.
Zweiffelshofes. lh seinem Haus fanden Spich. Die Patronatsrechte über die 79-89, und Brodeßer, Untere Sieg, S. 100 ff.
damals die Sitzungen des Bergheimer Pfarrkirche lagen beim Siegburger Abt
?1 s. TJH 111,S.4-9.
Gerichtes statt bzw. wurden zahlreiche und bei den Herren von Stein/Nesselro­
Verkäufe getätigt und Urkunden ausge­ de, die hier begütert waren. Der Stein­ 2? (:lassen/OI ligs,
stellt. sehe Hof, der auf einen Gaugrafenbe­ ?.,1 Zur Geschichte des Bauerndorfes Eschmar siehe TJH
sitz zurückgeht, stand an der Stelle der X und XI.
1548 hatten die beiden Müllekovener heutigen Raiffeisenbank. Der Abtshof,
24 s.Delvos, S. 325-340; und Schulto, l<l0in0 Geschichte,
Rittergüter je zwei Pferde." Die wieder­ aus einem ehemaligen Pfalzgrafenhof S.40-58.
holte genaue Zuweisung von einer be­ hervorgegangen, war der Schirmhof im
25 Classen/Olllgs.
stimmten Anzahl von Pferden weist uns Gelände des nunmehr abgerissenen
auf die Bedeutung der Pferdehaltung Rathauses. Dazu kamen der unterge­ ?6 Schulte, Albert, Klrd1en und Schulcm rter Gemeinde
Sieglar, Sieglar-Spich 1968, S. 25.
und vor allem auf die Wichtigkeit der gangene Präsenzmeisterhof am Fuße
Bauernwirtschaft früherer Zeiten hin, des Kirchberges und die abteiliche 27 Schulte. H,, Kleine G""chichte, S. 64
die die Existenzgrundlage für alle unse­ Mühle, heute zu einem Wohnblock um­ 28 Sc-:.h11lte, Albert, Oberlar, d�r Ortsteil mit dem ame·rika·
re Dörfer war. funktioniert. nisch0n Tempo, in: TJH V, S. 37 ff.
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kern fiel und zu Beginn des 17. Jahr­ Grammaye, hier eine Kapelle stiftete, am gleichnamigen Flüßchen Haus Sülz.
hunderts sich in deren Besitz befand." aus der die spätere Pfarrkirche hervor­ Es kam aus pfalzgräflichem Besitz über
Die wehrhafte Anlage lag geschützt in ging.30 die Siegburger Abtei im ausgehenden
einem mehrfach gestaffelten Ring von Mittelalter an die Herren von Stael-Hol­
Wällen und Gräben und Teichen, die Troisdorf wird durch eine Pfarrkirche stein. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts
z.T. heute noch deutlich zu erkennen dargestellt. Sie unterstand ursprünglich war es Im Besitz der Herren von Zweif­
sind. Die Gewässer wurden vom Anno­ dem Patronatsrecht der Stiftskirche fel.
nisbach gespeist, der von hier nach Maria ad gradus zu Köln. Von dieser
Kriegsdorf weiterfloß. wurde Adolf von Zweiffel auf Haus Wis­ Das Burghaus lag mitten im Gebiet der
sem das Zehntrecht und Patronat zuer­ unteren Sülz, das sich als ausgespro­
Der Ort Spich ist auf der Niederterrasse kannt. chene Streusiedlung erwies. ,,Sulsa"
gegen den Altenforst gelegen, der sich wurde dann auch dieser gesamte Be­
über die Wahner-Heide-Terrasse er­ Troisdorf war keine eigentlich selbstän­ reich genannt, aus dem das Kirchspiel
streckt. Am Fuße des Terrassenrandes dige Gemeinde, sondern gehörte zur Altenrath mit 22 Gehöften und Weilern
sammeln sich die aus dem angrenzen­ Vogtei Siegburg. Sie unterstand daher hervorging.
den höher gelegenen Waldgebiet aus­ der Jurisdiktion des Siegburger Abtes
tretenden Wasser in einer ehemaligen bzw. seiner Vögte, der Herzöge von Die alte aus dem 13. Jahrhundert stam­
Flußrinne des Rheins und bilden darin Berg, die das abteiliche Ländchen mende Kirche wurde mehrfach, u.a. zu
ein langgezogenes Sumpfgebiet mit durch Untervögte, zeitweise durch die Beginn des Dreißigjährigen Krieges, er­
Mooren, Tümpeln und größeren Was­ Herren von Zweiffel, verwalten ließen. weitert und 1632 von den Schweden
serflächen. Solche stehenden Gewäs­ In der Vogtei gab zwei Schöffengerich­ ausgeplündert und geschädigt. Um die
ser werden u.a. als Spich bezeichnet. te, eines zu Troisdorf, das von sieben Kirche bildete sich ein kleiner Ortskern;
So lesen wir in der Reims'schen Karte Schöffen, Troisdorfer Einwohnern, un­ im übrigen lagen die über die Heide
,,im Spich". ter dem Vorsitz des Vogtes besessen und jenseits der Sülz verstreuten Orts­
wurde. teile weit auseinander. Nach Abzug der
Wir finden dort rechts und links der Schweden kamen mehrere Siegburger
Straße zwei Burghäuser, zum Altenforst Der Ort bestand aus mehreren Höfen T öpfer aus der verwüsteten Aulgasse
hin Haus Broich, zum Rhein hin Haus und Häusern, die in einem lockeren hach Altenrath, ließen sich hier nieder
Spich. Verband sich über die Siedlungsfläche und bauten ihre Werkstätten neu auf."
verteilten, vermutlich ohne eine ge­
Haus Broich, ein löwenbergisches Le­ schlossene Siedlung zu bilden. Na­ Das die Stadt Troisdorf betreffende
hen, war um 1620 im Besitz derer von mentlich zu erwähnen sind der Burghof, Kartenstück geben wir folgend als ver­
Wolffen, die es von der Adelsfamilie im Besitz der Grafen von Nesselrode­ größten Auszug wieder, der von mir er­
von Broich gen. im Spich übernommen Ehreshoven, der Steinhof mit 50 Mor­ gänzt und koloriert wurde und in dieser
hatten. Während der Unruhen der Pfaf­ gen und der Bergerhof mit 60 Morgen, Form eine Übersicht über die damalige
fenmützkämpfe und vor allem nach der die beide nach einer Kellnereirechnung Situation vermitteln mag.
Eroberung der von den reformierten des Amtes Lülsdorf zum Hofgericht
Niederländern erbauten Rheinfestung Lülsdorf gehörten." Was nun ist aus dem Bauernland der
war das feste Haus Broich Zuflucht für unteren Sieg geworden? Was hat sich
die schutzlos gewordehen Reformierten Vom Ort getrennt, lag Haus Wissem, aus alter Zeit erhalten, was hat sich
der Umgebung. Wiesheim, zwar liTI Gebiet der Vogtei, geändert?
war aber dieser nicht untergeordnet,
Haus Spich wurde in dieser Zeit von sondern unterstand dem Landesherrn
Peter von Hanff gen. Spich besessen. direkt.
29 Dazu riäheres bei Sch1Jlt0, Holmut, Haus Rott - Na·
Spich war freier allodialer Rittersitz und mensträger und Besitz:ar, in: T.JH V, s. 90-120, und
als freies Haus 1622 lutherisch, bald Das landtagsfähige Gut gelangte von Kleine Geschichte, 6. 74-80.

darauf reformiert und nach späterem den Herren von Plettenberg durch Erb­ 30 zu den Adelshäusern und dem Oori Splch siehe
Besitzwechsel am Ende des 17. Jahr­ schaft an die Herren von Zweiffel. Zur Schulte, H„ Kleine Geschichte, S. 64-74, und Haus
Broich, Haus Spiel, und d i e Reformation im Troisdor
hunderts unter Johann Baptist von Zeit des Dreißigjährigen Krieges resi­
4

rer Raum, In: TJH III, und Kocl1enholz Spich und eine
Grammaye, Kanoniker und Chorbischof dierte dort Adolf von Zweiffel. Mit sei­ Frührnessenstiftun.g, in: TJH X; und Oelvos, s. 3•'1-
349.
zu Köln, wieder katholisch. nem Tod um 1645 erlosch die Linie von
Zweiffel zu Wissem. Über eine seiner 31 So Classen/Olllgs, Sp. 1931194. Über die Geschichte
Trolsdorr� unterrichten eingehend Trippen, Peter Paul,
Unter den weiteren Spicher Gütern Töchter gelangte der Rittersitz an Jo­ Heirnal�eschlchte voll Troisdorf, Köln 1940. Schulte,
mag noch das Sattelgut Kochenholz hann Gerhard von Cortenbach. H., Klei;1t:: Geschichte, S. 14-35; Hamacher1 Wilhelm,
Troisdorf Im Spleqel der Zeil, Siegburg 1950; und
erwähnt werden, ein Beihof zu Haus Müller, Rolf, Geschit:!ite der Trolsdorfer Pfarreien,
Spich. Wie aus einer Karte des Siegburger Siegburg 1969.
Burgbanns hervorgeht, war Wissem ei­
:)2 S. dazu Schulte, Helmut, Haus W!ssern - Baug.e­
Um die Adelshäuser bildeten sich zwei ne geschlossene wehrhafte Anlage, schichtliche Auswertunq t!lllt:1r Zelct111ur1y des 18.
Siedlungskerne, die im laufe der Zeit rings von Gräben und Teichen umge­ Jahrhunderts, in: TJH 1/INII, S. 163-172, und Klelne
Geschichte, S. 95-108. Über „Hau� Wlssern und die
zu einem Dorf zusammenwuchsen, das ben, die vom Heimbach gespeist wur­ '\IOn Zweifel auf Wissem'' informiert eln�ßhend Nie­
der Pfarrkirche zu Sieglar zugeordnet den. Das bestätigt auch das Urkataster derau, Kurt, in: TJH XVII, XVIII und XIX.

war. Erst um 1694 bahnte sich eine von 1822." 33 Vgl. Schulte, H., Ktelne Geschichte, S. 35-40; Hern­
kirchliche Verselbständigung an, als der gosborg, Hc!ga, Das Siegburger Grür,dunq�yut Sulsa
und die Pfarrei Altenrnth, in: Annalen, Heft 185, Bonn
Besitzer von Haus Spich, vorgenannter „Stalsultz" lesen wir in der rechten 1982; Fmncke, Ursula, Frühneuzelllk.:he Töpferei In
Kanoniker des Kölner Stifts St. Gereon oberen Kartenecke. Noch heute liegt Troisdorf-Altonrath, in: TJH XXlll,S.3-11.
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Die alte Hofesherrlichkeit ist vergangen. nach den Plänen des Architekten toratspfarre. Unweit der Kirche steht ei­
Die Pfaffenmütz ist verschwunden. Die Dieckhoff erbaut. Mit ihrem etwa 40 m ne imposante Villa, ein historistischer
Insel besteht nicht mehr; sie wurde bei hohen markanten Turm ist sie das Bau im Stil der Renaissance, im vorigen
wiederholten Strombauarbeiten halb Wahrzeichen des alten Fischerdorfes Jahrhundert von der Familie Bouserath
weggenommen und der Rest verlandet. an der unteren Sieg, auf dessen Dorf­ errichtet.
Heute finden wir an ihrer Stelle vor der platz der 1988 von Manfred Fattler ge­
Siegmündung die Halbinsel Kemper schaffene-Fischerbrunnen steht. Von Von den in privaten Besitz gewechsel­
Werth. Die Dörfer dienen nur noch be­ den ehemaligen Hofesgebäuden blieb ten Herrenhöfen finden sich im Ort der
dingt der Landwirtschaft. Sie sind zu­ lediglich der Junkershof aus dem 17. ehemals abteiliche Präsenzhof und das
sammengewachsen, von Autostraßen Jahrhundert erhalten. Einige schöne abteiliche Weingut, Backsteingebäude,
und Bahnlinien durchzogen, von Indu­ Fachwerkbauten entstammen der Zeit die als Nachfolgebauten an die Stelle
striewerken durchsetzt. Die alten Häu­ um 1800. Im übrigen ist der Ort über der vormaligen Fachwerkanlagen getre­
ser sind bis auf wenige nicht mehr zu seine einmal geschlossene Dortkern­ ten sind, so auch die um die Jahrhun­
sehen; moderne Bauten sind an ihre grenze hinaus gewachsen. Die Dorf­ dertwende neugebaute Eschmarer
Stelle getreten. Alle Gotteshäuser - mit randsiedlungen, die den vormaligen in­ Mühle, die heute noch ein funkti­
Ausnahme der Altenrather Kirche - tensiven Obst- und Gemüsebau ver­ onstüchtiges Mahlwerk besitzt, das je­
mußten historistischen Kirchbauten des drängt haben, sind reine Wohngebiete. doch z.Z. kaum mehr iri Gebrauch ist.
19. Jahrhunderts weichen , neuzeitliche Hinzu kommt in der nordwestlichen
Architekturen sind hinzugekommen. Feldflur ein in den 70er Jahren angesie­ Als 1937 die Kapelle geweiht wurde,
deltes Industriegebiet. Bergheim zählt lebten im Ort 476 Einwohner, die sich
Selbst das Bild der Landschaft hat sich heute 3936 Einwohner, Handwerker, auf 114 Haushaltungen verteilten. Die
verändert. Die Flußläufe sind reguliert Geschäftsleute, Angestellte, Beamte Einwohnerzahl hat sich inzwischen auf
worden, den alten Landgraben gibt es und Arbeitnehmer in den umliegenden 2927 vervielfacht. Ein ganzer Ortsteil ist
nicht mehr. Wo nicht eine flächen­ Verwaltungen und Industriezweigen. neu hinzugekommen, die „Garten­
deckende Bebauung sich breitgemacht Die Landwirtschaft spielt nur noch eine stadt", die die gesamte nördliche Feld­
hat, finden sich großflächige Getreide-, untergeordnete Rolle.''" flur eingenommen hat."
Gemüse-, Rübenfelder, die mit modern­
sten Maschinen bedient werden. Die
Flurzersplitterung ist bereinigt, kleine
2. Müllekoven 4. Sieglar
Ackerflächen sind nicht mehr vorhan­
den. Die Feldflur ist von großen Was­
serlöchern unterbrochen, die durch Zu Beginn der 60er Jahre erhielt Mülle­ Von der Pfarrkirche zu Sieglar St. Jo­
Auskiesung entstanden sind. Der Alten­ koven ein eigenes Gotteshaus, eine Fili­ hannes ante portam latinam blieb aus
forst hielt sich lediglich in den Randla­ alkirche zu St. Lambertus in Bergheim. alter Zeit nur der romanische Turm er­
gen; die weiträumige Heideterrasse Sie wurde nach einem Entwurf von halten. Ihm wurde 1822/23 unter den
wurde zum Flughafen und Truppenü­ Prof. Gottfried Böhm in den Jahren Architekten Waesemann und Hehne
bungsplatz. Die ehemals bergischen 1962-64 als Backsteinbau errichtet und das bemerkenswerte klassizistische
Amtsgrenzen sind längst aufgegeben. unter das Patrozinium der hl. Adelheid Langhaus zugefügt, dem 1901/02 nach
Das Lülsdorfer Gericht zu Bergheim, von Vilich gestellt, der ersten Äbtissin den Plänen des Architekten Theodor
die löwenbergischen Orte, die Kirch­ des Vilicher Stifts, die dem Kirchspiel Ross aus Köln ein großes neugotisches
spiele Sieglar und Altenrath, der zum über die Fischereibruderschaft in be­ Querschiff mit angehängtem Chor an­
Blankenberglschen gehörige Raum der sonderer Weise verbunden ist. Von den geschlossen wurde. Alles in allem wur­
„Hütte" und das in der Vogtei gelegene Burghöfen blieb nur ein Rest des de die mehrfach restaurierte Kirche zu
Dorf Troisdorf wurden 1969 in einem Deutschordensgutes mit einer Bausub­ einem sehenswerten Gotteshaus.
neuen kommunalen Gebilde, der Stadt stanz aus dem 17. Jahrhundert. Dafür
Troisdorf, mit einer Flächengröße von erhielt sich manches Häuschen in frän­ Die alten Herrenhöfe sind samt und
62, 18 qkm und der heutigen Bevölke­ kischer Bauweise und das stattliche sonders untergegangen. In völlig verän­
rungszahl von 71141 Einwohnern zu­ Fachwerkanwesen des Christian Bröhl derter Form und Funktion blieb die
sammengefaßt.""' von 1608. Aber auch Müllekoven hat
sich über seine ehemaligen Ränder
34 Die Elnwohnerzah� auch in den folg0nden Angr.iben,
Das Stadtgebiet sei in folgendem Kar­ ausgedehnt. Die einmal kleine Hohn­ richte sich n�d1 dem St.:m.d vom �fü.9.1995.
tenbild vorgestellt, wobei markante schaft weist heute 1913 Einwohner
Punkte stellvertretend für die örtlichen auf."' 35 Literatur: Brodeßer, Heinrich, Zeittafel z.ur Ges·chichte
der Slegdörler Bergheim u. Müllokovon, TJH 1, S. 26·
Gegebenheiten aufgeführt werden, oh­ 5 4 1 und Geschicht� der Straßennamen von Bargh9im,
ne daß annähernd eine Vollständigkeit TJH II, S. 62-100, und Bergheimar Fischarai-Bruder­
schart, TJH -XV, XVI, XVII, XXII, XXV, und Bergheimar
des heutigen Standes erreicht werden
kann.
3. Eschmar Schule, TJH XXIII, XXIV, und Die sozialen und wirt­
schaftllchen Verhältnisse der ehomaligen Gemeinde
Bergheim-Müllekoven, TJH XX, S. 3·26, Schulte, Hel­
mul, Kleine Geschichte, a.a.O.
1936/37 bekam der Ort seine Kapelle,
36 Literatur. wie vor und Brod0Ber, Heinrich, Müllel<oven
ein schlichter Bau, in wirtschaftlich
1. Bergheim Im Spiegel seiner Straßennamen, T,IH, S, 79-106
schwieriger Zeit mit den eigenen finan­
37 Literatur: Brodeßer, Heinrich, Eschmar, ein rheinisches
ziellen Mitteln der Dorfbewohner bzw. Bauerndort, TJH X u. XI, und Wegekreuze und Heili­
Mitten im Ort erheht sich eine neue Kir­ des Kapellenbauvereins erstellt. Sie genHäuschen, TJH X, S. 100-106; Schulte, Albert,
che, ein neugotischer Bau in ausge­ 150 Jat·1re Sieglarer Gemeindepolitik, Si<ilglar 1964,
steht unter dem Patrozinium von St. und KJrchen und Schulen, 3.a.O.; Schulto, Helmut,
prägten Formen. Er wurde 1869-72 Peter und Paul. Heute ist Eschmar Rek- Kleine Geschichte.
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.§ ,Ab'r,_(.,."rl".) ,/1'..:iJ�,�nr,i.S5f.'f'i•1-o.nJ.

Sieglarer Mahlmühle bestehen, nun­ 5. Oberlar 3 Übers;cht über die Fluren, die Herrenhöfe,
Straßen und Wege innerhalb dor Gemarkungen
mehr ein moderner Wohngebäudekom­ von Bergheim und Mül/ekoven.
plex. Dagegen finden wir im Ort, be­ Auch aus dem einstmals kleinen Weiler
sonders um den Marktplatz, stattliche Oberlar ist ein großer Stadtteil gewor­
Fachwerkbauten und ein eindrucksvol­ den. schaftssaal der evangelischen Volks­
let klassizistischer Bau von 1878, von schule Oberlar statt. 1960 wurde mit
der Familie Bouserath errichtet. Weite In Anbetracht der stetig und schnell an­ dem Bau eines Gemeindezentrums in
Teile des ehemaligen Bauerndorfes un­ wachsenden Bevölkerung begann man der Nähe der evangelischen Schule
terlagen jedoch einer völligen Verände­ 1908, mitten im Ort eine Kirche zu bau­ ,.Am Wildzaun'' (heute: Janosch-Grund­
rung, vor allem das Gelände des en, zunächst als „Teilkirche", die von schule) begonnen, das nach und nach
Schirmhofes bzw. des fortgenomme­ Architekt Ross von vornherein so ge­ zur heutigen Form ausgebaut wurde.
nen Rathauses und der angrenzenden plant war, daß sie nach Bedarf erweitert Seit dem 1. Januar 1964 ist dort der
Straßen, wo große Geschäftshäuser werden konnte. Dies geschah in mehre­ Mittelpunkt der „Ev. Friedenskirchenge­
und Bankgebäude entstanden. Zudem ren Bauabschnitten (1934/46) zur heuti­ meinde Oberlar".
dehnt sich der Ort in die nördliche Feld­ gen Form und Größe. Gleichzeitig voll­
flur aus. Ein großzügig angelegtes zog sich schrittweise die Loslösung von Die einst wenig beachteten sandigen
Schulzentrum und ein neugegründetes der Mutterpfarre Sieglar über die Filial­ Böden des Oberlarer Raumes sind nun
Wohngebiet am Rotter See nehmen kirche zur Rektoratskirche und 1920 flächendeckend besiedelt; der Ort zählt
nun die ehemaligen Ackerflächen ein. endlich zur selbständigen Pfarrkirche. heute 6007 Einwohner."
Zu erwähnen bleibt noch das Johannes
Krankenhaus. Entsprechend ist die Ein­ Inzwischen waren in der hiesigen ur­ 38 Llleratur: Kern. Georg, 20 Jahre SI.Johannes-Kran­
wohnerzahl gewachsen, die bis sprünglich rein katholischen Gegend kenhaus In Troisdort-Siegiar, TJH XIX, S.70-81, und
lrn Dienst der Kranken, Kinder und Alten.Augustine­
1995/96 auf 12453 anstieg.3' viele evangelische Christen seßhaft ge­ rlnnen wirkten fast BO Jahre in Sieglar1 TJH XX, S. �6-
worden, so daß sich die Notwendigkeit 67; Schulte, Albert, 150 Jahre Sieglarer Gerneindepo­
lllik, S!eglar '1964, und Kirchen und Schulen, a.a.O.,
ergab, auch für diese eine eigene Kir­ und Die Machtergreifung 1933 In Siegiar, TJH. 111, S.
chengemeinde zu gründen. Der Anfang 2-24; Schulte, Helmut, Klein.c Geschichte.
hierzu wurde 1957 gemacht. Die ersten 39 Literatur: Schulte, Albert, Gemeindepolitik und Kirchen
Gottesdienste fanden im Gemein- und Schulen: Schulte, Helmut, K1r::ine Geschichte.
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6. Troisdorf durch Zuzug auswärtiger Berufstätiger Anlage einer Eisenhütte, die als kleines
evangelische Christen nach Troisdorf, Unternehmen begann, seit der Mitte
die sich in der zweiten Hälfte des vori­ des 19. Jahrhunderts ständig wuchs
Bis gegen 1900 gehörte Troisdorf zum gen Jahrhunderts zusammenfanden, in und viele Werktätige anzog, die, wenn
vogteilichen Ländchen, ein Dorf mit we­ den 90er Jahren einen Betsaal in einem sie von auswärts kamen, hier Wohnung
nigen Hundert Einwohnern ohne eigene Privathaus benutzten, 1901/03 nach fanden. Schon 1865 lebten beim Werk
Verwaltung. Durch die Ansiedlung dem Entwurf des Architekten Cornehls 243 Einwohner. 1870 standen 38
großer Fabriken, der Klöckner-Mann­ aus Elberfeld einen historistisch roma­ werkseigene Wohnungen zur Verfü­
staedt-Werke und der Dynamit AG, und nischen Kirchenbau errichteten, die Jo­ gung. Aber erst 1912/13 entstand unter
durch den Bau zweier sich in Troisdorf hanneskirche, die mit dem Pfarr- und Louis Mannstaedt die geschlossene Ar­
gabelnder Eisenbahnstrecken war das Gemeindehaus und der evangelischen beiterkolonie. Sie wurde als Werkssied­
kleine unbedeutende Dorf nicht nur an Schule zum Mittelpunkt einer auf­ lung von den Architekten Fabricius und
Einwohnern erheblich gewachsen, son­ blühenden evangelischen Kirchenge­ Hahn aus Köln geplant und wies im
dern hatte sich zwischenzeitlich als In­ meinde wurde. Die zunächst noch dem Prinzip gleiche Strukturen wie die Rote
dustriestandort einen Namen gemacht. Siegburger Bezirk unterstehende Filial­ Kolonie auf. Da aber ihre Dächer mit
Am 18.1.1900 wurde daher Troisdorf gemeinde wurde 1906 selbständig. Sie schwarzen Ziegeln gedeckt sind, wird
selbständige Landgemeinde mit gut umfaßte alle Orte bis zum Rhein und sie zur Unterscheidung von jener als
4000 Eingesessenen. Bis 1951 wurde jenseits der Sieg Menden und Mein­ Schwarze Kolonie bezeichnet. Hier fan­
die 13.000er Grenze überschritten, und dorf. Inzwischen wurden mehrere Ge­ den vor allem die Fabrikarbeiter ihr
am 23.3.1952 erhielt der Ort den Status meinden abgesplissen, so in Alt-Trois­ neues Zuhause. Erst bei der kommuna­
einer Stadt.'0 doti die Markuskirche und das Gemein­ len Neuordnung im Jahre 1969 kam
dezentrum Troisdorf-West (Dietrich­ dieses früher zu Menden gehörende
Die alte Pfarrkirche St. Hippolytus wur­ Bonhoeffer-Haus) sowie die Gemeinde­ Gebiet an die Stadt Troisdorf.
de für die zunehmende Zahl der Gottes­ zentren in Sieglar (Kreuzkirche), Oberlar
dienstbesucher zu klein. 1862/64 wurde und Spich (Im Wiensengrund)." Die Bevölkerung war von vornherein
an gleicher Stelle nach dem Vorbild der konfessionell gemischt. Erste evangeli­
neugotischen Kirche in Berzdorf nach Am Burghof in Troisdorf steht noch eine sche Gottesdienste fanden in einem
einem Entwurf des Architekten Nagel­ Neuapostolische Kirche. Ferner gibt es Betsaal im Werk statt. Heute versam­
schmidt ein neues Gotteshaus errichtet, im Ort eine Baptisten-Gemeinde. meln sich die evangelischen Christen
das bereits 1898 um ein Querhaus mit im Gemeindezentrum Troisdorf-West.
angehängtem Chor erweitert wurde. Als besonderer Stadtteil von Alt-Trois­ Auch für die Katholiken stellte bereits
1964/65 kam es erneut zu einer völligen dorf bleibt die Rote Kolonie zu erwäh­ im vorigen Jahrhundert das Werk einen
Neugestaltung unter dem Architekten nen, so genannt nach den roten Dach­ Raum zur Verfügung. Erst 1920 wurde
Karl Band aus Köln, wobei nur der Chor ziegeln. Sie entstand 1912/13 als ein­ eine kleine Herz-Jesu-Kapelle gebaut,
und der Turm, letzterer in einer vollstän­ heitlicher Komplex in architektonischer an deren Stelle 1959 das heute moder­
digen Ummauerung, in den Neubau ein­ Geschlossenheit. Sie war ursprünglich ne Gotteshaus getreten ist, auf Sieglar
bezogen wurden. für die Facharbeiter, Vorarbeiter und zu versetzt, eine Pfarrkirche, die von
Meister der Mannstaedt-Werke ge­ Sieglar aus bedient wird.
Zu der alten Pfarre sind inzwischen dacht, die um diese Zeit im Zuge der
mehrere neue Kirchenbauten und katho­ Umsiedlung des Köln-Kalker Walzwer­ Am Rande der Werkssiedlung sind aus­
lische Gemeinden hinzugekommen. kes zur „Hütte" in die Nähe des neuen gedehnte Neubausiedlungen entstan­
Werkes ziehen mußten und kurzfristig den. Die Einwohnerzahl stieg aus den
St. Gerhard entstand in Verbindung mit einer Wohnung bedurften. In Vorsorge bescheidenen Anfängen bis heute auf
der Räumung des Heidedotfes Alten­ für seine Leute ließ daher Louis Mann­ 7616:"
rath. In einem Saal im Oberdorf wurde staedt mehrere „Gartenhofsiedlungen"
1940 zuerst eine Notkirche eingerichtet. bauen, u.a. nach den Plänen der Archi­
1956/57 wurden nach den Plänen des tekten D. und K. Schulze vorgenannte 8. Spich
Kölner Architekten Hans P. Fischer der Rote Kolonie, in der es einen Kinder­
jetzige Kirchenraum, eine einschiffige garten, ein „Konsum-Geschäft", eine
Halle mit seitlicher Anbetungskapelle, Gaststätte, eine Schule und zuletzt die Die Spicher Pfarrkirche, St.Mariä Him­
und der alleinstehende Glockenturm ge­ bereits erwähnte St. Maria-Königin-Kir­ melfahrt, ein historistischer Bau in goti­
baut. che gab. Heute sind die einzelnen Häu­ schen Formen mit Westturm, Lang­
ser bzw. Wohneinheiten in privaten Be­ haus, Querschiff und Chor, entstammt
1960 spaltete sich als letzte Gemeinde sitz übergegangen."
St. Maria Königin von der Mutterpfarrei 40 l..iteratur: StadLerhebung dar Gemeind.e Troisdorf,
ab. Jenseits der Bahnlinie gelegen, ist Z.Z. zählt die ehemalige Gemeinde HblS, Heft 64,1%2.
sie für Troisdorf-West, die Stadtteile um bzw. Stadt Troisdorf 21 384 Einwohner.
41 Literatur: Theiß, Karl, Aus der ev. Kirchengemeinde
die Rote Kolonie, zuständig. Bis De­ Trofsdorr, In; Troisdorf im Spiegel der Zelt, Si.e"Aburg
zember 1962 war der Kirchenneubau 1950; Schulte, Helmut, Dia Joharmeskirche, TJH XII,
und Die restaurierte Johannesl<ircl1e, TJH XIV; Bou•
unter dem Architekten Stefan Leuer fer­
tiggestellt, ein breit ausladender Bau mit
7. Friedrich-Wilhelms­ rauel, Joachim, Die □ltc Hippolytuskirche, TJH XVlll.
Müller Rolr. Geschiente der Trojsdorfer Pfa:1.rreien,
einer bunten Fensterwand aus Glasbe­ Hütte Siegburg 1969.

ton, abseits der schlanke Glockenturm. 4?. Hönscheid Rolf, Die Rote Kolonie, TJH IX.
Auch die Ortschaft Friedrich-Wilhelms­ 43 Literatur: Schulte, Albert, Die „Friadrich-Will1elms-Hül­
Mit dem Aufblühen der Industrie kamen Hütte entstand in Verbindung mit der to", Troisdor1s Jüngster Ortsleil, in: TJH IX, S. 119-137.
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Die Sladt Troisdorf 13) Forsthaus Telegraph 21) Ravensberg
1) 8or9heln1: St. Lambcrtus 14) Eremitage 22) Fliegenberg
2) MDllekoven: St. Adelhelci 15) Holslein 23) GOidenberg
3) Eschmar: St. Peter u. Paul, Villa Bouseralh u. Mühle 16) Borghelmer SJeglähm
4) Sleglar: St. Johannes,. Mühle, altes Fachwerk, VIiia Bouscrath 17) Klöcknar-Warko
5) Oberlar: HI. Farnllle und e,. Kirche 18) Dynamil Hobel und Hüls AG
6) Troisdort: ev, Johannoskirche, St. Hippalylus, 19) Work Relfanlläusor
SI. Maria Königin, St. Gerhard, "Rolo Kolonie" 20) Telagraphonborg
7) Friedrich-Wilhelms-Hütte: Horz-Jesu-Klrche,
Schwarze Kolonie"
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6) Splch: Sl Mariä Himmelfahrt, ev. Kirche, Haus Heep


9) Groß- u. Klelnkrlegsdorl: St. Antonius
10) Allcnralh: SI. Georg
11) Burg Wissam
12) Haus Brolch 12a) Haus Rott

4 Übersicht über das Stadtgebiet Troisdorf heute.

den Jahren 1858 bis 1860. Seit 1861 ist 9. Kriegsdorf Zeiten überstanden. Der alte romani­
sie Pfarrkirche, Nach Beseitigung der sche Bau, eine dreischiffige Basilika mit
Kriegsschäden und eingreifender Umge­ Das Bauerndori Kriegsdorf mitten in vorgesetztem, mächtigen Westturm,
staltung in den Jahren 1966-68