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DAS POLITISCHE SYSTEM DER BRD M1

WOCHENSCHAU

ME THODIK Didaktische und methodische Hinweise I Sek. II

Das politische System der BRD


Eine politikwissenschaftliche Sachanalyse
Im Folgenden wird versucht mit Hilfe eines kurzen Westdeutschland waren es im Jahre 2014 90 Pro-
politikwissenschaftlichen und politikdidaktisch in- zent der Bevölkerung, die die Demokratie für die
spirierten Beitrags Lehrer_innen eine problemorien- beste Staatsform hielten, in Ostdeutschland waren Unter
tierte Sachanalyse zum politischen System der Bun- es 82 Prozent. Etwas anders sieht es aus, wenn man WOCHEN-
desrepublik Deutschland zur Verfügung zu stellen. nach dem Funktionieren der Demokratie in Deutsch- SCHAU
Eine Sachanalyse hat die Funktion, die möglichen land fragt, also nach der Wirklichkeit des demokrati- ONLINE
Aspekte eines Inhaltes und seine kontroversen Deu- schen politischen Systems: Im Zeitraum zwischen finden Sie zusätzliche
tungen sowie Fragen, die die wissenschaftliche und 1991 und 2015 ist im Westen Deutschlands durch- Materialien und Hin-
politische Diskussion prägen, herauszustellen und schnittlich eine klare Mehrheit von 66 Prozent der weise zu diesem Heft.
zu beschreiben. Bürger zufrieden, im Osten ist es dagegen lediglich
Der Bezug zur Politikwissenschaft hilft, ein ange- eine Minderheit von 42 Prozent. Zwischen 2014 und
messenes Verständnis von den normativen Grund- 2015 entwickelten sich Ost- und Westdeutschland
lagen, den Funktionsbedingungen, den Leistun- jedoch unterschiedlich. Während in Westdeutsch-
gen, aber auch den Schwächen und Defiziten un- land die Demokratiezufriedenheit weiter anstieg,
seres demokratischen politischen Systems zu erhal- sank sie in Ostdeutschland deutlich von 59 Prozent
ten. Es geht also nicht nur um eine systematische auf 47 Prozent ab. Zumindest für Ostdeutschland
Beschreibung der Prinzipien und Strukturen des kann hier von einer deutlichen Distanz zum politi-
politischen Systems, sondern im Vordergrund sol- schen System gesprochen werden. Nimmt man
len hier unter Berücksichtigung der politikdidak- noch das abnehmende Vertrauen in die zentralen
tischen Prinzipien „Problemorientierung“ und „Ak- politischen Institutionen der Demokratie u. a. Bun-
tualität“ ausgewählte Funktionsprobleme des poli- destag, Bundesregierung, Bundesrat, Parteien usw.
tischen Systems stehen sowie die aktuellen Dis- hinzu, kann dies als Symptom einer zunehmenden
kurse und Kontroversen. Dabei hat dieser Beitrag Demokratie­schwäche interpretiert werden.
eine etwas andere Struktur als der Schülerteil. Er
lässt sich zum Teil als Vertiefung, zum Teil als Er- Historische Grundlagen des politischen Systems
gänzung des Heftes lesen. Das politische System der Bundesrepublik Das Grundgesetz und
Deutschland und seine Strukturen können als die Lehren aus Weimar
Das Verhältnis der Bürger_innen zum Antworten auf historische Erfahrungen interpre-
politischen System in Deutschland tiert werden, insbesondere auf die Erfahrungen
Die Stabilität des politischen Systems hängt nicht des Untergangs der Weimarer Republik und des
nur vom Funktionieren der Institutionen ab, sondern Nationalsozialismus. Der Parlamentarische Rat
auch von den Einstellungen der Bürger_innen zu hat bei der Formulierung des Grundgesetzes ver-
ihm. Insbesondere die Zufriedenheit mit der Demo- sucht, diese historischen Erfahrungen institutio-
kratie, also dem Kern des politischen Systems, zählt nell zu verarbeiten. Es waren vor allem drei Konse-
zu einem wichtigen Kennzeichen der Stabilität. Die quenzen, die das Grundgesetz aus den Lehren
Zufriedenheit mit dem demokratischen politischen der Geschichte zog:
System wird in der Regel mit folgenden Indikatoren
gemessen: Der positiven Bewertung der Idee der Die Weiterentwicklung des Rechtsstaats zum
Demokratie und der Zufriedenheit mit dem kon- Grundrechtestaat,
kreten Funktionieren des demokratischen politi- ein mehrdimensionales pluralistisches Demokra-
schen Systems. Die positive Bewertung der Idee der tieverständnis und
Demokratie scheint noch immer erstaunlich hoch. In eine wehrhafte Demokratie.
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Vom Rechtsstaat zum Grundrechtestaat Vertikale Gewaltenteilung:
Das Verhältnis der Dem Rechtsstaat liegt die liberale Idee zugrunde, Bund, Länder, Gemeinden
Bürger_innen zum Staat dass die Einzelnen nicht dazu da sind, dem Staat, Soziale Gewaltenteilung: Damit ist die rechtliche
seiner Macht und seinem Glanz zu dienen, sondern wie tatsächliche Zugangsmöglichkeit zur politi-
umgekehrt, der Staat dazu da ist, die Freiheit und schen Macht und zu entsprechenden Ämtern
die Interessen der Einzelnen zu beschützen. Der gemeint, unabhängig von sozialen Schranken.
Grundrechtsidee liegt die Vorstellung zugrunde, Temporale Gewaltenteilung:
dass der Einzelne gegenüber dem Staat natürliche, Alle Ämter werden auf Zeit vergeben.
d. h. vorstaatliche Rechte, insbesondere Freiheits- Dezisive Gewaltenteilung: Damit ist der pluralis­
rechte besitzt, in die der Staat nicht oder nur unter tische Willensbildungs- und Entscheidungsprozess
genau beschriebenen Bedingungen eingreifen darf. gemeint, an dem – neben den Parteien – auch
Grundrechte sind Rechte, die nicht vom Staat erteilt Verbände, zivilgesellschaftliche Organisationen
werden, sondern die dem Staat selbst noch zugrun- und Medien teilnehmen können. Dabei gilt die
de liegen. Sie stecken einen gesellschaftlichen Teil- freie Austragung von Interessenkonflikten als Maß-
bereich ab, innerhalb dessen jede staatliche Tätig- stab der Freiheitlichkeit des politischen Systems.
keit unter dem „Vorbehalt des Gesetzes“ steht. Da- Konstitutionelle Gewaltenteilung: Für bestimmte
rüber hinaus wird dem Gesetzgeber selbst verbo- Bereiche – wie etwa Verfassungsänderungen –
ten, Gesetze zu erlassen, die den Wesensgehalt sieht die Verfassung hohe Hürden vor (etwa eine
dieser Grundrechte antasten. Zweidrittelmehrheit) oder nimmt sie bewusst aus
Im Grundgesetz sind nicht nur die Prinzipien der dem möglichen Zugriff der Politik heraus (etwa
Staatsorganisation, sondern auch die grundlegende die „Ewigkeitsklausel“ nach Art. 79 GG).
Stellung des Einzelnen zum Staat, im Besonderen
die wichtigsten subjektiven Rechte des Individuums Wehrhafte Demokratie
gegenüber der Staatsgewalt enthalten. Politische Das Konzept der „wehrhaften Demokratie“ oder,
Herrschafts- und individuelle Freiheitsordnung bil- wie das Bundesverfassungsgericht es später nann-
den für das Grundgesetz einen untrennbaren Zu- te, „Streitbare Demokratie“, mit der das Grundge-
sammenhang. Der organisationsbezogene Verfas- setz der Bundesrepublik auf die Erfahrungen der
sungsgedanke wird durch Einbezug der Grund- Weimarer Republik reagierte, bedeutet im Wesent-
rechtsidee zur modernen Verfassungsidee ver- lichen, dass das Grundgesetz den Feinden der frei-
schmolzen. Die Verfassung gewinnt damit zugleich heitlichen demokratischen Grundordnung nicht die
die Qualität einer Wertordnung. Freiheit einräumt, diese zu zerstören. Ihnen gegen-
Das Bekenntnis zu den Das Grundgesetz folgt dieser Idee einmal dadurch, über bietet es vielmehr eine Reihe rechtlich-adminis­
Menschenrechten dass zu Anfang ein feierliches Bekenntnis zu „unver- trativer Handlungsmöglichkeiten. Zu den wich-
letzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten“ tigsten gehört das mögliche Verbot verfassungs-
(Art. 1 Abs. 2 GG) steht, das dann in den folgenden widriger Parteien durch das Bundesverfassungsge-
Grundrechtsartikeln konkretisiert wird und zum an- richt (Art. 21 Abs. 2 GG) und das Verbot sonstiger
deren, dass es die Staatsgewalt – Legislative, Exeku- verfassungswidriger Vereinigungen (Art. 9 Abs. 2
tive und Judikative – ausdrücklich an diese Grund- GG). Allerdings ist ein Parteienverbot in der Praxis
rechte bindet (Art. 20 Abs. 3). sehr schwierig. Es muss nicht nur nachgewiesen
sein, dass die Partei gegen die Verfassung verstößt,
Das mehrdimensionale pluralistische sondern es muss auch wahrscheinlich sein, dass die
Demokratieverständnis Partei mit ihren Aktionen Erfolg hat und die Demo-
Der Grundsatz der Dem pluralistischen Demokratieverständnis geht die kratie tatsächlich bedroht ist. Das Bundesverfas-
Gewaltenteilung Teilung der Staatsgewalten voraus. Dieses Organisa- sungsgericht hat bislang zwei Parteien verboten:
tionsprinzip weist die klassischen Staatsfunktionen 1952 die Sozialistische Reichspartei (SRP) und 1956
– Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung – die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Ein
organisatorisch getrennten Institutionen (Organen) 2001 gegen die Nationaldemokratische Partei
zu, die sich im Interesse der Machtbegrenzung des Deutschlands (NPD) eingeleitetes Verbotsverfahren
Staates und des Freiheitsschutzes des Einzelnen ge- wurde 2003 aus verfahrensrechtlichen Gründen
genseitig hemmen und kontrollieren sollen. eingestellt. Am 17. Januar 2017 entschied das Bun-
Darüber hinaus existiert in der Bundesrepublik mitt- desverfassungsgericht erneut über ein Verbot der
lerweile ein Netz von Gewaltenteilungselementen. NPD. Dabei stellte der Zweite Senat zwar fest, dass
die NPD ein auf Beseitigung der bestehenden frei-
Man unterscheidet: heitlichen demokratischen Grundordnung gerichte-
Horizontale Gewaltenteilung: tes politisches Konzept vertritt. Wegen fehlender
Legislative, Exekutive, Judikative Anhaltspunkte für eine erfolgreiche Durchsetzung
DAS POLITISCHE SYSTEM DER BRD M3

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ME THODIK SEK . II
Die „wehrhafte ihrer politischen Ziele wurde die Partei jedoch nicht stituierung einer fast reinen repräsentativen Demo-
Demokratie“ verboten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die kratie, denn vor allem Volksinitiativen und Plebiszite
Frage, inwieweit das Konzept der „wehrhaften De- hätten zum Scheitern der Weimarer Republik beige-
mokratie“ noch zeitgemäß ist. Das aktuelle Wieder- tragen. Obwohl diese Argumentation problema-
erstarken von Rechtspopulismus und Rechtsextre- tisch ist, da sie die übrigen Strukturdefekte der
mismus könnte jedoch darauf hindeuten, dass es Weimarer Verfassung ebenso vernachlässigt wie
möglicherweise verfrüht wäre, sich von der „wehr- den Tatbestand, dass die Weimarer Republik nicht
haften Demokratie“ schon zu verabschieden. Aller- von einer demokratischen politischen Kultur getra-
dings ist es für die „wehrhafte Demokratie“ schwie- gen wurde, hat auch die gemeinsame Verfassungs-
riger, sich gegen amorphe Feinde, wie populistische kommission des Bundestages und des Bundesrates
Bewegungen, zu wehren als gegen parteimäßig selbst bescheidene plebiszitäre Elemente rigoros
verfasste Akteure. Hier steht die „wehrhafte Demo- abgelehnt. Mittlerweile existieren jedoch in fast al-
kratie“ vor neuen Herausforderungen. len Länderverfassungen direktdemokratische Ver-
Grundrechtestaat, Pluralismus und wehrhafte De- fahren und es stellt sich die Frage, ob das Grund­
mokratie sind vielleicht der sichtbarste Ausdruck des gesetz sich in Zukunft direktdemokratischen For-
Fazits, das das Grundgesetz aus der Geschichte ge- men auf Bundesebene weiter verschließen kann.
zogen hat. Aber auch andere wesentliche Elemente Allerdings lassen sich in jüngster Zeit Tendenzen
unserer Verfassung und des Demokratieverständ- feststellen, die das stärkste Argument der Befür-
nisses der Bundesrepublik lassen sich als Reaktionen worter von mehr direkter Demokratie auf Bundese-
auf Erfahrungen mit der Weimarer Republik und mit bene ins Wanken bringen: Die Bundesrepublik
dem Nationalsozialismus interpretieren: Dazu gehö- Deutschland sei im Gegensatz zur Weimarer Repu-
ren unter anderem die Zurückhaltung bei sozialen blik eine stabile Demokratie. Gegenwärtig scheint
Grundrechten, die besondere Stellung der Parteien sich geradezu eine Sehnsucht nach autoritären
nach Art. 21 GG, das konstruktive Misstrauensvo- Führungsfiguren zu entwickeln und die Zunahme
tum des Art. 67 GG sowie das Misstrauen gegen- populistischer und rechter Bewegungen und Par-
über allen direktdemokratischen bzw. plebiszitären teien berühren die Wurzeln der Demokratie. Die
Elementen auf Bundesebene, das dazu geführt hat, westliche Demokratie erweckt den Eindruck, in ei-
dass das Grundgesetz eine reine repräsentative De- ner Blockade zu stecken und sich selbst zu behin-
mokratie konstituiert. dern, während autokratische Herrschaftssysteme
mit einer hohen Problem­ lösungskompetenz wer-
Aktuelle Herausforderungen ben. Zwar war die Demokratie schon immer durch
des politischen Systems vielfältige Formen der Autokratie bedroht, neu aller-
Das politische System Über die Qualität eines demokratischen politischen dings ist, dass der Kampf der Autokratie gegen die
wandelt sich mit seinen Systems entscheidet unter anderem seine Fähigkeit, Demokratie immer häufiger im Namen der Demo-
Herausforderungen auf aktuelle Herausforderungen flexibel zu reagie- kratie selbst geführt wird. Dieser Kampf wird insze-
ren und sie in seinem Institutionensystem produktiv niert als der Kampf um die „wahre“ Demokratie,
zu verarbeiten. Im Folgenden sollen solche Heraus- indem gerade die Vertreter der etablierten Demo-
forderungen skizziert werden. Sie sind in der Regel kratien als „Volksverräter“, als systemimmanente
Gegenstand mehr oder minder umfangreicher wis- Putschisten und Autokraten denunziert und kollek-
senschaftlicher oder politischer und gesellschaft- tiv unter das Verdikt der Demokratiefeindlichkeit
licher Auseinandersetzungen. Welche Lösungen gestellt werden. Die Hauptgefahr droht der Demo-
gefunden und welche Ergebnisse sich durchsetzen kratie nicht mehr dadurch, dass sie von ihren Geg-
werden, ist in vielen Bereichen noch offen und mehr nern überwunden, sondern dass sie von ihnen ver-
als knappe Hinweise können hier nicht gegeben einnahmt wird (vgl. POLITIKUM, 1/2018). Vor die-
werden. Dennoch sollte damit deutlich werden, sem Hintergrund muss die direkte Demokratie neu
dass demokratische politische Systeme keine starren bewertet werden.
oder statischen Gebilde sind, sondern politischem
und sozialem Wandel unterliegen. Wobei dieser Herausforderungen des Föderalismusprinzips
Wandel durchaus Rückschläge beinhalten kann, Im Grundgesetz wurde die deutsche föderalistische
ebenso aber auch Schritte auf dem Weg zu einem Tradition, insbesondere die funktionale Aufgaben-
„besseren“ politischen System. teilung zwischen Bund und Gliedern bestätigt, auch
hat sich mit der Zeit ein föderalistisches Denken und
Herausforderungen des Demokratieprinzips Handeln herausgebildet, ein „federal spirit“, den-
Eine wichtige Konsequenz, die das Grundgesetz aus noch unterlag gerade der Föderalismus, in Reaktion
den historischen Erfahrungen der Weimarer Repu- auf aktuelle Herausforderungen, einem ständigen
blik und ihres Scheiterns gezogen hat, war die Kon- Wandel. Vom konkurrierenden Föderalismus zum
9 wahre Vorurteile

Brandenburg

Hamburg
Schleswig-
Holstein

Krabben pulen

Mit dem Auto nach Berlin pendeln Punkte verteilen


Cuba Libre, Pina Colada, Mojito Sinnlos Trecker fahren Kleine Angelboote bauen
Molotowcocktail Israelis bestechen, um Aufträge für
den Bau riesiger Kriegsschiffe zu bekommen

Niedersachsen Berlin
Bayern

Fischbrötchen
Mettbrötchen
Matschbrötchen
Checkpoint Charlie
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Japaner im Dirndl
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M6 WOCHENSCHAU SEK. II
ME THODIK SEK . II
Der Förderalismus kooperativen Föderalismus, vom kooperativen Föde- Dabei scheinen grundlegende Probleme in den Hin-
vor dem Hintergrund der ralismus zur Politikverflechtung und wieder zurück. tergrund getreten zu sein, die sich in der Frage
europäischen Integration Trotz der andauernden Kritik am Bildungsföderalis- bündeln: „Erstickt der Rechtsstaat an sich selbst?“
mus wird dem deutschen Föderalismus – zumindest Gemeint ist damit die fortschreitende Vermehrung
im internationalen Vergleich – ein hohes Maß an und dauernde Veränderung von Rechtsvorschriften
Fähigkeit zur mittelfristigen Problembewältigung, sowie eine immer mehr ins Einzelne gehende recht-
bescheinigt. Dennoch ist es noch weitgehend offen, liche Normierung von immer mehr Lebens­bereichen.
ob der deutsche Föderalismus auch den Herausfor- Die zunehmende Regelungsdichte über „Vergesetz-
derungen der europäischen Integration langfristig lichung“ (durch Parlamente), Bürokratisierung
gewachsen sein wird. Es gibt durchaus berechtigte (durch Verwaltungen) und „Justitialisierung“
Zweifel daran, dass die Länder in ihrer jetzigen (durch Gerichte) führt nicht nur zu finanziellen
Struktur „europafit“ sind und die Befürchtungen Überfrachtungen oder Kompatibilitätsproblemen –
sind nicht haltlos, dass die kleinen und schwachen jede neue Regelung kann in Widerspruch zu beste-
von ihnen nicht die Kraft und das Gewicht haben, in henden Regelungen treten –, sondern indem sie die
einem „Europa der Regionen“ eine relevante Rolle Initiative von Einzelnen und gesellschaftlichen Grup-
zu spielen. Weniger und potentere Länder erschei- pen zunehmend erschwert, gefährdet sie ebenfalls
nen sinnvoll, aber Erfahrungen wie die des Schei- die Freiheit des Einzelnen und kann zu Politikver-
terns der Fusion Berlins mit Brandenburg haben erst drossenheit führen. Hinzu kommt, dass der Rechts-
einmal allen Hoffnungen auf eine territoriale Reor- staat Beschlüsse nicht durchsetzen kann, will er sei-
ganisation des Bundesgebietes für längere Zeit ei- nen Anspruch nicht aufgeben, Rechtsstaat zu sein:
nen empfindlichen Dämpfer versetzt. Zum Beispiel die Abschiebung abgelehnter Asylbe-
werber ohne Papiere oder ohne Bereitschaft der
Herausforderungen des Rechtsstaatsprinzips Heimatländer, diese Personen aufzunehmen.
Das Spannungsverhältnis Wie oben schon beschrieben, schützt die Idee des
von Rechtsstaat und Rechtsstaats, die das Grundgesetz prägt, den Einzel- Herausforderungen des Sozialstaatsprinzips
Staatslegitimation nen vor allem vor ungerechtfertigten Eingriffen des Im Kontext des Sozialstaatsprinzips sind fast alle The-
Staates und garantiert seine individuelle Freiheit. In men kontrovers: Altersarmut, Arbeitszeit, Kinderbe-
jüngster Zeit scheinen sich jedoch die Fälle zu häu- treuung, Pflege, „Hartz IV“, Armut in Deutschland,
fen, in denen die „Aporie des Rechtstaatsprinzips“, Mindestlohn, prekäre Beschäftigung, Rente, bezahl-
das Spannungsverhältnis von Rechtsstaat und barer Wohnraum und vieles andere mehr. Im Zusam-
Staatslegitimation, zur Geltung kommt. Wird das menhang mit den jüngst abgeschlossenen Sondie-
Rechtsstaatsprinzip nämlich zu zaghaft gehand- rungs- und Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/
habt, zerstört es sich selbst, wird es zu machtbe- CSU und SPD ist ein Thema besonders kontrovers
wusst eingesetzt, gefährdet es die Legitimität der diskutiert worden: Die Einführung der Bürgerversi-
gesamten politischen Ordnung, d. h. die Annahme cherung und die Abschaffung der sogenannten
der rechtsstaatlichen Ordnung als gerechter Ord- „Zwei-Klassen-Medizin“. Ein grundlegender Konflikt
nung. Vor allem das Spannungsverhältnis zwischen dreht sich auch um die Höhe der Sozialbeiträge.
Freiheit und Sicherheit geriet dabei ins Zentrum der Dabei ist die Frage eines grundsätzlichen Umbaus
politischen Auseinandersetzung. Dies geschah unserer sozialen Sicherungssysteme nach wie vor
durch Gesetze wie das „Luftsicherheitsgesetz“, den ungelöst. Einige Akteure plädieren dafür, den Sozi-
„Großen Lauschangriff“, die „Antiterrordatei“ oder alstaat weiter auszubauen und z. B. „Hartz IV“
die „Rasterfahndung“. Immer wieder wurde in die- durch ein solidarisches Grundeinkommen (SGE) zu
sem Zusammenhang das Bundesverfassungsgericht ersetzen, das darauf abzielt, Menschen, die schon
angerufen. Einige Gesetze hat das Bundesverfas- länger arbeitslos sind, eine Beschäftigung anzubie-
sungsgericht als verfassungswidrig erklärt (z. B. das ten. Mit Hilfe des SGE soll fair bezahlte Arbeit für
„Luftsicherheitsgesetz“) andere nur in Teilen. Diese zusätzliche gesellschaftlich relevante Tätigkeiten im
politische Diskussion hat mit dem aktuellen Konflikt kommunalen Bereich gefördert werden. Zugleich
um die Vorratsdatenspeicherung und dem Netz- soll das Modell den Beschäftigten Möglichkeiten
werkdurchsetzungsgesetz neue Impulse erhalten. zur beruflichen Weiterentwicklung eröffnen. Ande-
Die Kontroverse um den Dazu gehört auch die Frage, wie weit der Rechts- re befürchten, der Sozialstaat entwickele sich immer
„präventiven Rechtsstaat“ staat gehen darf, um seine Bürger_innen z. B. vor mehr zum „Problemerzeuger“. Er schaffe nicht nur
Kriminalität zu schützen? Darf er als „präventiver neue Verteilungskonflikte (z. B. die Klärung der Fra-
Rechtsstaat“ schon eingreifen, bevor ein Verbrechen ge, wer zur Solidargemeinschaft bzw. zur Gemein-
begangen worden ist, wie etwa im Falle der Abwehr schaft der Anspruchsberechtigten gehört), er
von Gefahren durch Personen, bei denen ein kon- scheine auch die Stabilität traditioneller Staatsbür-
kreter Hinweis auf Planung einer Straftat vorliegt? gertugenden in Frage zu stellen, die Eigeninitiative
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Andreas Petrik und Stefan Rappenglück

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Holger-Michael Arndt, Markus W. Behne, Wolfgang Berger,
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Eberle, Tim Engartner, Christian Fischer, Hanja Hansen, Caroline
Elisabeth Heil, Christopher Hempel, David Jahr, Konstantin Kaiser,
Steven Kawalle, Maximilian Knogler, Willy Christian Kriz, Johanna
Leunig, Klaus Masch, Maria Theresa Meßner, Heidi Ness, Monika
Oberle, Bernhard Ohlmeier, Andreas Petrik, Simon Raiser, Stefan
Rappenglück, Bettina Schmitt, Sebastian Schwägele, Michael Stroh,
Eric Treske, Bernd Grafe-Ulke, Markus Ulrich und Björn Warkalla

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sowie die individuelle Freiheit und Verantwortung Verbände sind nach wie vor wichtige Akteure im
zu untergraben und für einen Teil der Unbeweglich- politischen Willensbildungs- und Entscheidungspro-
keit der Politik und der „Unregierbarkeit“ moderner zess. Ihre Rolle im politischen System gerät jedoch
Demokratien verantwortlich zu sein. Eine Reform mehr und mehr in die Kritik. Die wachsende Lobby­
des Sozialstaats durch Abbau sozialstaatlicher Leis- macht der Unternehmen und Wirtschaftsverbände
tungen sei also nicht nur aus finanziellen Überle- droht, ökologische und soziale Belange an den
gungen dringend erforderlich. Rand zu drängen. Die jahrelange Nichtbeachtung
der Abgasnormen für Dieselfahrzeuge und die man-
Die politischen Institutionen vor neuen gelnde Aufklärung dieses Skandals hat nicht nur der
Herausforderungen Autoindustrie geschadet, sondern den Lobby­ismus
Die politischen Zu den wichtigsten Institutionen des politischen Sys- insgesamt in Verruf gebracht. Lobbyismus scheint
Institutionen zwischen tems gehören diejenigen, die im engeren Sinne zum die Demokratie auszuhöhlen und Maßnahmen für
Verfassungsnorm und Regierungssystem gerechnet werden und als Verfas- eine transparente Interessenpolitik sind bisher noch
Verfassungswirklichkeit sungsorgane bezeichnet werden. Dazu gehört der wenig wirksam.
Deutsche Bundestag, die Bundesregierung ein- Die Medien erfüllen wichtige Funktionen für die
schließlich Bundeskanzler_in, der Bundesrat, der/die politische Meinungs- und Willensbildung. Die Be-
Bundespräsident_in und das Bundesverfassungsge- deutung der Medien ist in den beiden letzten Jahr-
richt. Die politischen Institutionen bewegen sich im- zehnten noch gewachsen. Bürger_innen nehmen
mer im Spannungsfeld von Verfassungsnorm und politische Probleme, Konflikte, Ereignisse, Akteure,
Verfassungswirklichkeit und die meisten Herausfor- Lösungen, d. h. die politische Realität zunehmend
derungen und Kontroversen ergeben sich daraus. vermittelt und vorgedeutet über die Medien wahr.
Darüber hinaus besteht aber überwiegend Einigkeit Die Politikdarstellung wird medien­gerechter, sie ori-
darüber, dass die politischen Institutionen in der Bun- entiert sich zunehmend an den Auswahlkriterien
Destabilisierung durch die desrepublik weitgehend funktionieren. Ob dies nach der Medien. Inwieweit jedoch Begriffe wie „Medio-
Bundestagswahl 2017? dem letzten Wahlergebnis noch weiter so sein wird, kratie“, „Kolonialisierung der Politik durch die Medi-
bleibt jedoch abzuwarten. Zum ersten Mal sitzen en“, „Entertainisierung von Politik“, „Politainment“
sechs Fraktionen und sieben Parteien im Bundestag oder „Mediendemokratie“ die politische Realität
und mit der AfD eine in einigen Teilen antiparlamen- treffen, wird kontrovers diskutiert. Strittig ist auch
tarische Oppositionspartei. Welche Auswirkungen die Rolle des „Social Web“ und der Digitalisierung
dies auf den schon zuvor beklagten Macht- und Be- im Allgemeinen. Sind sie aus der Sicht der Demokra-
deutungsverlust des Parlaments hat, lässt sich derzeit tie eher zu begrüßen oder schaden sie der Demo-
noch nicht sagen. Ähnliches gilt für die Regierung. kratie? Wie gefährlich sind „Social Bots“, „Trolle“
Ob die Stabilität der erneuten Großen Koalition nach und „Fake News“ für die demokratische Öffentlich-
dem Scheitern der „Jamaika-Sondierungen“ über die keit und was lässt sich dagegen tun? Diese Fragen
gesamte Regierungsperiode trägt, bleibt abzuwar- prägen zurzeit die wissenschaftliche und politische
ten. Bei 13 verschiedenen „Farbkombinationen“ Diskussion.
(Koalitionsformaten) benötigt auch der Bundesrat Ungeklärt ist dabei auch der Einfluss der neuen
eine hohe Kooperationsbereitschaft der Länder und Medien auf zivilgesellschaftliche Akteure, die gera-
des Bundes. Als Stabilitätsfaktoren des politischen de in jüngster Zeit zunehmend die Form von Pro-
Systems können aktuell allein der Bundespräsident testbewegungen angenommen haben. Ist darin die
und das Bundesverfassungsgericht gelten. Zukunft einer partizipationsorientierten Demokratie
oder eher eine Krisenerscheinung der repräsenta-
Die politischen Akteure vor neuen tiven Demokratie zu sehen?
Herausforderungen
Die Krise der
Volksparteien
Vor allem die Parteien als politische Akteure stehen
vor großen Herausforderungen. Wie jetzt auf Bun-
Weiterführende Literatur
desebene gibt es auf Landesebene schon seit ge- Rudzio, Wolfgang: Das politische System der Bundes-
raumer Zeit fragmentierte Parteiensysteme mit sechs republik Deutschland. 9. akt. und erw. Aufl. Wiesba-
bis sieben Parlamentsparteien. Die Volks­parteien sind den 2015.
in der Defensive, wenn nicht gar am Ende und die POLITIKUM Nr. 4/2015 „Kratzer am Demokratie­
kleinen Parteien werden immer wichtiger. Die Gesell- modell“. Schwalbach/Ts.
schaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ver- POLITIKUM Nr. 2/2017 „Wutbürger“. Schwalbach/Ts.
ändert, hin zu einer „Gesellschaft der Singularitäten“ POLITIKUM Nr. 1/2018 „Autokratie“. Frankfurt/M.
(so der Soziologe Andreas Reckwitz) und die Volks-
parteien haben darauf zum jetzigen Zeitpunkt noch
keine adäquaten Antworten gefunden. Peter Massing