Sie sind auf Seite 1von 6

Gutachten zum Forschungsvorhaben 3:

Interkulturelle Kompetenz in einer bilingualen


Gesamtschule – Eine Befragung von Schülerinnen
und Schülern einer Gesamtschule in B-Stadt

Dozenten: Prof. Dr. Koch/Hormann/Dr. Penrose

Lehrveranstaltung: PRO1: Forschungsmethodische Kompetenzen

WiSe 2018/2019

Autor: Hannes Dralle

Zeichen mit Leerzeichen: 9966


In dem Forschungsprojekt soll in Leitfadeninterviews die Forschungsfrage untersucht werden,
welche interkulturellen Erfahrungen Schüler der 8. Klasse an einer bi-kulturellen
Gesamtschule in B-Stadt machen und zwar auch in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu
einer der an der Schule repräsentierten Nationen. Ferner soll eine Aussage getroffen werden,
wie sich ihre interkulturellen Fähigkeiten im Vergleich zu Schülern, die eine „normale“
Gesamtschule besuchen, unterscheiden.

In einer weltweit wachsenden multikulturellen Gesellschaft wird „ein konstruktiver Umgang


mit kultureller Vielfalt immer wichtiger“. Die Fähigkeit auf zwischenmenschlicher Ebene mit
kultureller Vielfalt und verschiedenen Einstellungen, Werten, Normen und Lebensweisen
positiv umzugehen ist eine „Schlüsselkompetenz“ für jeden einzelnen, um aktiv am
Gesellschaftsleben teilzunehmen und um einen Beitrag zur sozialen Integration zu leisten
(Boecker 2010, S.4; Faß 2014, S.1). Damit junge Menschen diese interkulturelle Kompetenz
entwickeln können, sind Pädagogen bzw. Schulen gefordert, „interkulturelle Lernsituationen“
zu schaffen (Holzbrecher 2004, S.87). Bi-kulturelle Schulen mit bilingualem Unterricht z.B.
sind eine erfolgreiche Form des Zweitspracherwerbs; sie bieten einen engen Kontakt mit
gleichaltrigen und erwachsenen Muttersprachlern und können somit auch viele interkulturelle
Erfahrungen herbeiführen. Die Frage ist daher fachrelevant und spielt in Hinblick auf die
Förderung von bi-kulturellen Schulen eine wichtige Rolle. Außerdem schließt die
Forschungsfrage eine Forschungslücke, da bisher interkulturelle Kompetenzen nur in Bezug
auf den Spracherwerb und in Bezug auf Eigen- und Fremdbilder untersucht wurden.

Die Frage ist problemorientiert, weil an beiden Gesamtschulen junge Menschen


verschiedener kultureller Abstammung eng aufeinandertreffen, und diese Situation nicht nur
Chancen- sondern auch Konflikt-Potential in sich birgt. Es ist wichtig zu erforschen, ob und
wie sich diese Kontakte auf deren Fähigkeiten auswirken, auf Bedürfnisse der „anderen“
einzugehen, Beziehungen zu ihnen aufzubauen sowie ihre Weltanschauung zu verstehen und
zu respektieren lernen.

Die Fragestellung ist offen, d. h. sie kann nicht mit Ja/Nein beantwortet werden. Sie ist sehr
weit gefasst und fokussiert nicht nur die interkulturelle Erziehung an einer bi-kulturellen
Schule sondern bezieht auch den Vergleich interkultureller Lernprozesse und Erfahrungen
von Schülern einer bi-kulturellen Schule und von Schülern einer normalen“ Gesamtschule mit
ein.
Aus der Fragestellung könnte jedoch präziser hervorgehen, durch welche charakteristischen
Merkmale sich eine „normale“ Gesamtschule definiert. Ist es „die soziale Organisation der
Gesamtschule mit dem Bestreben, soziales Lernen besonders zu fördern“,- ist es „die
Unterrichtsorganisation, die eine Qualifikation und Selektion der Schüler nach Leistung
innerhalb einer Schule ermöglichen soll“,- oder soll auf „das Dilemma der
Gesamtschulkonzeption in unserer Leistungsgesellschaft Bezug genommen werden: nämlich
Bildungsrecht und Chancengleichheit einerseits und individuelle Schulleistungsfähigkeit
andererseits in einem organisatorischen Rahmen verbinden zu müssen?“ (Prior 1975, S.226).
In der Frage müssen viel präziser die Rahmenbedingungen der beiden zu vergleichenden
Schulen genannt werden, die Einfluss auf die interkulturellen Lehr und Lernprozesse haben.
Wie hoch ist der Ausländeranteil an der „normalen“ Gesamtschule? Wir müssen bedenken,
dass z.B. Migrantenkinder, die in Deutschland zur normalen Gesamtschule gehen, jeden Tag
interkulturelle und bilinguale Lernsituationen erleben, aber wie sieht es mit den
einheimischen Schülern aus?

Es gibt „keine einheitliche Didaktik des interkulturellen Lehrens und Lernens“ und die
entscheidende Frage ist vorab, was sollte in interkulturellen Lernsituationen Beachtung
finden? Welche Rolle spielen dabei die Lernenden mit ihren Verhaltensweisen, die sie mit in
den Unterricht bringen, bzw. aus welchem sozio-kulturellem Umfeld kommen die einzelnen
Schüler? Welche Rolle spielen die Lehrer insbesondere an der bilingualen Schule? Sind
Sprachlehrer z.B. Muttersprachler bzw. kommen sie zum Teil aus einem anderen Kulturkreis?
Werden interkulturelle Lernsituationen von diesen Lehrern bewusst in den Unterricht
eingebaut? Führen bestimmte Unterrichtsthemen dazu, dass Schüler sensibel werden für die
Andersartigkeit der Menschen verschiedener Kulturen? (Girrbach 2009, S.16 f) Grundsätzlich
bietet es sich aber an, eine Gesamtschule als Vergleichsschule heranzuziehen, da an beiden
Schulformen nur innerhalb der jeweiligen Schule eine Leistungsselektion stattfindet. Im
Einzelnen geht aus der Fragestellung aber nicht klar hervor, wie ein Vergleich und eine
Bewertung der beiden Schulen bezüglich ihrer Vermittlung interkultureller Kompetenzen
erfolgen soll, wenn die Untersuchung nur an der bi-kulturellen Schule durchgeführt wird. Es
geht nicht aus der Frage hervor, ob die Untersuchung auch an der normalen Gesamtschule
durchgeführt werden soll. Die Forschungsfrage halte ich grundsätzlich im Rahmen eines
gegebenen Zeitplans für wissenschaftlich bearbeitbar.

Für die Beantwortung der Forschungsfrage müssen zunächst Hypothesen generiert werden.
Die Untersuchung ist qualitativ. Für das Forschungsdesign bietet sich eine Vergleichsstudie,
die im Querschnitt durchgeführt wird, an. Aussagen über interkulturelle Fähigkeiten können
anhand von biographischen Erfahrungsberichten mehrerer Personen der achten Klasse einer
bi-kulturellen Schule gewonnen werden. Wie bereits angedeutet, müsste eine weitere
Datenerhebung auch an der normalen Gesamtschule durchgeführt werden. Damit können die
unterschiedlichen und gemeinsamen interkulturellen Erfahrungen zwischen deutschen und
italienischen Schülern auf der einen Seite und zwischen bi-kulturellen und normalen
Gesamtschülern auf der anderen Seite erfasst werden. Die Fragestellung ist diesbezüglich
komparativ. Der Datenerhebungsort, die jeweilige Schule, ist eine teils kontrollierte
Umgebung, da die Schüler in Interviews befragt werden und dies ja eine konstruierte
Situation darstellt. Es ist auf jeden Fall die richtige Entscheidung mittels einer
Vergleichsstudie qualitativ vorzugehen, da die Forschungsfrage komparativ ist. Es würde
keinen Sinn machen, beispielsweise quantitativ vorzugehen und explanativ vor-formulierte
Hypothesen zu überprüfen, weil man ja gerade die Schüler über ihre relevanten, ganz
individuellen interkulturellen Erfahrungen offen und breit zu Wort kommen lassen will und
die Hypothesen dann aus den gesammelten biographischen Daten entwickeln will. Eine
Hypothese, die generiert werden könnte, wäre zum Beispiel, dass Schüler einer bi-kulturellen
Schule ausländische Mitschüler als eine Bereicherung ansehen.

Als Datenerhebungsinstrument eignet sich gut das Leitfadeninterview. Neben einer


Einleitungsfrage, einer Aufrechterhaltungsfrage wie „Ich bin dann mal ruhig und höre dir zu“
und einer Bilanzierungsfrage am Ende des Interviews sind offene und zum Erzählen
anregende Fragen geeignet. Durch offene Fragen kann versucht werden, an individuelle
Erfahrungen der Schüler mit der Schule zu gelangen, um so auch an Daten zu kommen, die
eventuell Neues und nicht Vermutetes offenbaren. Anhand von Fragen, die zum Erzählen
anregen, wird versucht, die Schüler von ihren Erfahrungen mit interkulturellen
Lernsituationen zum Erzählen zu bringen. Dies entspricht dem Sinn des qualitativen
Interviews, die Befragten offen und breit zu Wort kommen zu lassen. Durch den Leitfaden
kann ausgeschlossen werden, dass das Interview sich in Themen verliert, die nicht relevant für
die Untersuchung sind. Zum Thema „interkulturelle Kompetenz“ wurden auch geschlossene
Fragen verwendet. Dies sollte hingegen möglichst vermieden werden. Ich würde auch darüber
nachdenken, ob man nicht den Forschungsgegenstand noch aus verschiedenen Blickwinkeln
beleuchtet und zwar in Form einer Datentriangulation. Als zusätzliches
Datenerhebungsinstrument würde ich das Beobachtungsprotokoll in Erwägung ziehen, in dem
z.B. Klassenklima, besondere Interaktionen während des Unterrichts, während der Pause auf
dem Schulhof oder während des Sportunterrichtes vermerkt werden,- in dem auffällige
Verhaltensweisen von Schülern beschrieben werden in Hinblick auf Toleranz, Empathie,
Macht, Rücksicht, Respekt,- in dem das Kommunikationsverhalten untereinander beschrieben
wird und die Zusammensetzung bestehender Klicken-, in dem die Lehrer beobachtet werden,
ob sie Orientierung geben und eine Vorbildfunktion einnehmen bezüglich interkultureller
Kommunikation. Es kann dann beobachtet werden, wie vertraut eine multikulturelle
Schulgesellschaft miteinander umgeht, ob und wie sich interkulturelles kompetentes
Verhalten in der Praxis zeigt.

Da ich interkulturelle Kompetenz nicht messen sondern nur aus Interaktionen interpretieren
kann, kommt den Gütekriterien „reflektierte Subjektivität“ „Intersubjektive
Nachvollziehbarkeit“ und „Empirische Verankerung“ eine besondere Rolle zu. Das Problem
besteht darin, wie sich die Daten der Schüler hinsichtlich ihrer interkulturellen Erfahrungen
einer „interkulturellen Kompetenzstufe“ zuordnen lassen und mit welcher Regelhaftigkeit sich
die Interviewbefragung mit einer weiteren Studie an „normalen“ Gesamtschulen vergleichen
lässt. Bei der Aufgabe, aus den interkulturellen Erfahrungen, interkulturelle Fähigkeiten
abzuleiten, spielt die Interpretation und infolgedessen die intersubjektive Nachvollziehbarkeit
eine große Rolle. Es bleibt abzuwarten, ob sich die interkulturellen Kompetenzen wirklich aus
den Interviewantworten ableiten lassen.

Insgesamt halte ich das Projekt für förderwürdig, weil es versucht, einen Schritt von der
Theorie interkultureller Kompetenz zu ihrer praktischen Umsetzung zu gehen. Die Teilfrage,
ob italienische und deutsche Schüler an der bi-kulturellen Schule die gleichen interkulturellen
Erfahrungen machen, halte ich nicht für wesentlich.

Literatur
Boecker, Malte C. (2010): Interkulturelle Kompetenz - Die Schlüsselkompetenz des 21.
Jahrhundert? Bertelsmann Stiftung.
Faß, Mathias (2014): Interkulturelle Kompetenz-Welche Schlüsselqualifikationen sind in
Interkultureller Kommunikation von Nöten? Universität Trier Fachbereich Soziologie.
Girrbach, Nadine (2009): Lehrermeinungen zum interkulturellen Lehren und Lernen - eine
Empirische Studie –Wissenschaftliche Hausarbeit.
Holzbrecher, Alfred. (2004): Interkulturelle Pädagogik. Identität, Herkunft. Cornelsen
Scriptor.
Prior, Harm.(1975): Soziale Organisation der Gesamtschule und Soziales Lernen.in Biermann
Interaktion Unterricht Schule. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt.