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Remigius Bunia

Überlegungen zum Begriff des Realismus


Am Beispiel von Uwe Johnsons Jahrestage
und Rainald Goetz’ Abfall für alle

1. Differenz und Indifferenz

Realismus ist – so Kendall L. Walton – nach wie vor ein Ungeheuer, das
verzweifelt darauf wartet, dass seine vielen Köpfe entwirrt werden:1 das
Phänomen des Realismus zu beschreiben, bleibt eine Herausforderung. Es
werden drei Phänomene mit dem Begriff Realismus bezeichnet: Realismus
als ›Epoche‹, Realismus als ›Detailliertheit der Darstellung‹ (darunter fällt
Barthes’ effet de réel) sowie schließlich Realismus als ›Ähnlichkeit zwischen
fiktiver und realer Welt‹. Zu Klärung letzteren Begriffs sollen die folgenden
Überlegungen beitragen, und im Folgenden soll nur noch diese ›Ähnlichkeit‹
als Realismus bezeichnet werden.2
Weil im naiven Verständnis völlig evident ist, wann eine Darstellung am
ehesten der Realität entspricht, und weil auf Anhieb nicht klar zu sein scheint,
welche Relevanz eine Theorie des Realismus für die Literaturinterpretation
haben könnte, ist das Thema sehr vernachlässigt worden. Der hier vorgestellte
Versuch einer weiteren Klärung will nicht allein etwas zur Diskussion beitra-
gen, indem er eine Umgewichtung bisheriger Argumentation vornimmt –
denn diese ist nur geringfügig –, sondern er interessiert sich schließlich für die
Frage, welcher Gewinn aus Literaturtheorie überhaupt zu ziehen ist. Selbst
wenn die durchgeführte Umgewichtung klein ist, betrifft sie jedoch das Fun-
dament des allgemeinen Verständnisses von Literatur und Fiktion. Insofern
mag gestattet sein, die hier skizzierte theoretische Option vorzustellen.
Der Begriff der Fiktion mit all seinen Implikationen kommt unweigerlich
ins Spiel, wenn Realismus Gegenstand der Forschung wird. Eine Erklärung
der Möglichkeit von größerer oder geringerer Ähnlichkeit zwischen fiktiver
und realer Welt ist bereits schwierig, weil sie sich mit zweierlei auseinander-

1 »Realism is a monster with many heads desperately in need of disentangling.«


Walton, Kendall L.: Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Repre-
sentational Arts, London/Cambridge, S. 328.
2 Zipfel schlägt den Begriff Realistik zur Abgrenzung vor; die effets de réel sollten
Realismus genannt werden. Zipfel, Frank: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analy-
sen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissen-
schaft, Berlin 2001, S. 107.

Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 139 (2005)


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setzen muss: fiktive und reale Welten einerseits sind völlig voneinander
abgeschottet, andererseits konstruieren sich fiktive Welten stets mehr oder
minder am Vorbild der realen Welt,3 und die reale Welt kann überdies
Anregungen aus der fiktiven Welt nehmen. Kurz gesagt: Undurchlässigkeit
und Durchlässigkeit der Grenze zwischen einer fiktiven und der realen Welt
sind beide gleichermaßen stets gegeben.
Die Romane Jahrestage von Uwe Johnson4 und Abfall für alle von
Rainald Goetz5 unternehmen den Versuch, als realistische Romane6 zudem
ihren Realismus zu reflektieren, indem sie das Verhältnis zwischen ihrer
jeweiligen fiktiven Welt und der realen Welt zu charakterisieren bemüht
sind. Viele Gemeinsamkeiten dieser Romane ließen sich nennen, die ihre
Juxtaposition über ihren Anspruch an Realismus hinaus rechtfertigen wür-
den. Realismus wird von beiden Texten angestrebt in gleichem Maße (doch
auf unterschiedliche Weise) und nachgerade rekonzeptualisiert, indem Ge-
fährdungen der Wirklichkeitskonstitution und der Weltkonstitution durch
Erzählen einkalkuliert werden. Die Frage lautet demnach: Wie kann Erzäh-
len, das fiktional ist, realistisch sein? Wie kann fiktionales Erzählen überhaupt
Beschreibung der Wirklichkeit sein, obwohl es die Beschreibung (und Er-
zeugung) einer fiktiven Welt ist?7 Abfall für alle ist ein extrem selbstreflexi-

3 Ich komme auf die Frage zurück, in welchem Sinne und weshalb von der realen
Welt gesprochen werden darf.
4 Es wird mit der Sigle »Jt Seitenzahl« aus der folgenden Ausgabe zitiert: Johnson,
Uwe: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt a.M. 2000
(1970, 1971, 1973, 1983).
5 Es wird mit der Sigle »Afa Seitenzahl« aus der folgenden Ausgabe zitiert: Goetz,
Rainald: Abfall für alle. Roman eines Jahres, Frankfurt a.M. 21999. (Die erste
Auflage ist auch von 1999.) Da der Paratext »Roman eines Jahres« lautet, ist die
Einordnung ›Roman‹ möglicherweise eine illegitime Setzung; gewissermaßen mar-
kiert sie aber den Ausgangspunkt: im Folgenden wird der Text als Roman gelesen.
6 Für Abfall für alle liegt diese Vermutung sehr nahe. Auch für die Jahrestage
scheint fast unumstritten, dass es sich um einen realistischen Roman handele, wenn
auch die Auffassungen divergieren, was darunter zu verstehen sei. Vgl. zu dieser
Einschätzung Schulz, Beatrice: Lektüren von Jahrestagen. Studien zu einer Poetik
der »Jahrestage« von Uwe Johnson, Tübingen 1995, S. 198. Gegen die Einschät-
zung wendet sich Christoph Brecht mit Verweis auf die durch das Datum gegebene
Ordnung. Brecht, Christoph: »›You could say it was done with mirrors‹. Erzählen
und Erzähltes in Uwe Johnsons Jahrestagen«, in: Johnson-Jahrbuch 1 (1994),
S. 95–126, hier S. 109.
7 Die Frage hat Käte Hamburger, gleichfalls Effekte der Narrativität und Fiktionali-
tät beschreibend, in zutreffender Zurückweisung jeder Als-ob-Theorie so gestellt:
»Worauf beruht es, daß wir eine noch so realistisch-portraitähnlich gemalte Person
nicht als fiktive Person, doch jede noch so surrealistisch gestaltete Dramen- oder
Romanfigur als solche bezeichnen?« Hamburger, Käte: »Noch einmal: Vom Er-
zählen«, in: Euphorion 59 (1965) S. 46–71, hier S. 63; die Frage findet sich auch in
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ver Text und formuliert explizit Thesen über Fiktion und Erzählen. Diese
Thesen zeichnet ein außerordentliches Problembewusstsein aus, ohne dass
sie selbst begriffliche Anregungen lieferten. Dennoch lassen sich einige
Passagen insbesondere des Romans Abfall für alle als Ausgangspunkt wäh-
len.
Das Fiktive meiner Perspektive: ich behandle alle Figuren, die egal wo im weiten
Rund des medialen Theatrums auftreten, wie echte Menschen, völlig unvermittelt.
Das ist natürlich Irrsinn, Unsinn, oder zumindest eine groteske Übertreibung. Es ist
andererseits eben eine Hypothese, die ich teste, es ist ein Ultrarealismus des Media-
len. (Afa S. 655)
Das Fiktive liegt nicht allein darin, Figuren »wie echte Menschen« zu behan-
deln. Denn die meisten homodiegetischen Erzähler fiktionaler Texte verhal-
ten sich so, als träfen sie auf »echte Menschen«. Darstellung lädt zudem dazu
ein, mit einem Roman so umzugehen, als seien innerhalb seiner Welt die
handelnden Personen »echte Menschen«. Wenn man so will, ist das ein
Charakteristikum jedes Erzählens oder jeder Fiktion.8 Entscheidend ist viel-
mehr, dass Personen »völlig unvermittelt«, das heißt ohne weitere Erläute-
rung oder Ankündigung, genauer ohne Motivation,9 erscheinen und ver-
schwinden, wie dies in der realen Welt meist auch der Fall ist. Zum Eindruck
der Unmittelbarkeit trägt bei, dass die Tagebucheinträge jeden Tag gleichsam
augenblicklich im Netz veröffentlicht werden. Diese Augenblicklichkeit kann
allerdings – darauf wird zurückzukommen sein – nur auf den Zeitpunkt der
Niederschrift und seine durch Erzählen suggerierte Nähe zu den beschriebe-
nen Ereignissen bezogen werden. Unmittelbarkeit wird somit technisch ver-
mittelt: erzähltechnisch und ›internettechnisch‹.10 Hinweise auf die Willkür
dieses Verfahrens, auf die nicht notwendige Übereinstimmung mit der Reali-
tät werden nur vorsichtig gegeben. So heißt es in der Druckfassung für den
»4.2.98«: »hatte gerade geschrieben diesen Faxbrief an Regina« (Afa S. 13).

späteren Auflagen ihrer Logik der Dichtung. In Waltons Begrifflichkeit (die damit
einen völlig anderen Fokus hat) ist ein Portrait freilich fiktional.
8 So erklärt Kenneth Walton Fiktion als Spiel, bei dem die Teilnehmer aufgrund von
Anregungen – hier also ein Text – fiktional Zugriff auf die Menschen des Romans
haben, vgl. Walton (wie Anm. 1), S. 12 und S. 52.
9 Vgl. für die Präzisierung des Begriffs Martínez, Matías: Doppelte Welten. Struktur
und Sinn zweideutigen Erzählens, Göttingen/Zürich 1996, insbes. S. 15–27.
10 »Im Netz, so scheint es, braucht die ›Aktualität des Momentanen‹ nicht erst
(gewaltsam) herbeigeschrieben werden, denn vermeintlich stellt das Netz sie immer
und überall bereit. […] Es ist vor allen Dingen stets (in der) Echtzeit.« Binczek,
Natalie: »›Wo also ist der Ort des Textes?‹ – Rainald Goetz’ Abfall für alle«, in: P.
Gendolla/N. M. Schmitz/I. Schneider/P. M. Spangenberg (Hgg.): Formen interak-
tiver Medienkunst. Geschichte Tendenzen, Utopien, Frankfurt a.M. 2001, S. 291–
318, hier S. 297.
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Im Internet lautet der Eintrag an derselben Stelle im Fließtext: »hatte gerade


geschrieben diesen Faxbrief an Bettina«.11
Der mediale Aspekt der Unmittelbarkeit zeigt ihre Korrelation mit Un-
vermitteltheit an: ›Medienlosigkeit‹ im Rahmen des »medialen Theatrums«
(vor allem Internet und Buch). Es kann kein Unvermitteltes in der Kommuni-
kation geben, ja Kommunikation beruht auf Medialität. Es kann allerdings das
Unvermittelte in der Fiktion und als Fiktion vermittelt werden, denn auch
Realismus ist – so muss man folgern – nur in einem Medium möglich; das
Unvermittelte ist vielleicht real,12 nicht aber realistisch. Doch es ist »Irrsinn,
Unsinn«, ein Medium – das Mittlere, das Vermittelnde – das Unmittelbare
darstellen lassen zu wollen, genauer wird als »Hypothese« geprüft, ob ein
erzählender Text imstande ist, Diskontinuitäten zu schaffen oder – in den
Worten des Romans – Rissstellen offen zu halten:
An jeder Rißstelle von Wirklichkeit springt Fiktion von Kontinuität ein, jedes isolier-
te Element von Erleben sieht sich selbst sofort als Teil einer Geschichte, in einer
Sukzession von vernünftigem Ablauf von Geschehen. Deshalb habe ich immer das
Gefühl, je näher an der Wirklichkeit und realen Alltagserfahrung ich dran bin, um so
stärker bin ich mitten im Fiktiven. (Afa S. 787)
Die »Fiktion«, von der das Ich hier spricht, ist aber eine, die sich auch in jeder
»Rißstelle von Wirklichkeit«, also in der Realität, einstellt. Der Konsistenz-
druck, der dafür sorgt, dass jedes Erleben in den Redundanz erzeugenden
Kontext eingebettet wird, garantiert, dass man überhaupt die Wirklichkeit als
halbwegs geordnet beobachten kann. Die »Sukzession von vernünftigem Ab-
lauf von Geschehen« ist jedoch eine »Kontinuität«, die sich nur in Erzählun-
gen einstellt, weil Narrativität in der Regel so angelegt ist, dass das Erzählte
in der zeitlichen Dimension selten willkürlich erscheint. Dies ist mit dem
genannten Begriff der Motivation bezeichnet; hiervon könnte auch Hayden
Whites Kritik an der Geschichtsschreibung ihren Ausgang nehmen, auf die
zurückzukommen sein wird. Zunächst kann aber festgehalten werden: wird
etwas beschrieben, so wird durch das reine Aufkommen dieser Beschreibung
angedeutet, dass dieses eine Funktion habe oder einen Zweck erfülle.
Jede Ergänzung, die aufgrund des Wissens um eine Welt – sei sie real, sei
sie fiktiv – erfolgt und die Leerstellen13 ausfüllt, mit denen die Beobachtung

11 intra.b.lab.net/~uzs106/bla/kippenberger/abfallo/text113.htm (27.04.2002 und


03.03.2004). Da sich der Text im Internet auch laufend verändert haben könnte und
heute die hier genannten Mirror-Seiten nicht mehr existieren, gibt es keine Sicher-
heit darüber, welcher Text am 4. Februar 1998 tatsächlich erschienen ist.
12 Auch solche Unvermitteltheit ist an Medien (optisches Medium auf physikalischer
und neurologischer Seite) gebunden, doch an keine Kommunikationsmedien.
13 Diese ›Leerstellen‹ sind damit kein rezeptionsästhetisches Konzept wie bei Iser,
sondern ein erkenntnistheoretisches, auch wenn beide natürlich verwandte Phäno-
mene in den Blick nehmen.
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zwangsläufig konfrontiert ist, soll im Folgenden Interpolation genannt wer-


den. Dieser Begriff ermöglicht, Goetz’ Verknüpfung von Effekten des Erzäh-
lens und der Fiktion zu entwirren. Die beständige Möglichkeit von Interpola-
tion entspricht dem Umgang mit Erzählen, nicht mit Fiktion. Die begriffliche
Unschärfe hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Narrativität und Fiktio-
nalität verwandte Effekte hervorbringen;14 Goetz’ Begriff der Fiktion soll im
Folgenden als Quasi-Fiktionalität des Erzählens beschrieben werden. Doch
bevor das Verhältnis von Narrativität und Fiktionalität betrachtet wird, soll
Realismus mit Blick auf Fiktionalität näher erklärt werden.

2. Realität und Beobachtung

Um Realismus zu erörtern, greife ich auf einen Realitätsbegriff zurück, der


sich im Wesentlichen auf Luhmanns Theorie stützt. Danach muss zunächst
die Differenz »von realer Realität und semiotischer Realität«15 emergieren,
damit überhaupt über etwas außerhalb der Kommunikation kommuniziert
werden kann. In Luhmanns Theorie ist Beobachtung ein wichtiger Grundbe-
griff, welcher diejenige Operation bezeichnet, in der erstens durch eine Form
etwas unterschieden und zweitens durch Bezeichnung für eine weitere Ver-
wendung brauchbar gemacht wird; wird eine Beobachtung dauerhaft verfüg-
bar gehalten, wird sie zur Beschreibung. Ob nun ein Mensch oder ein Compu-
ter beobachtet – die Theorie sieht davon ab, erklären zu wollen, was neurolo-
gisch oder elektronisch die Voraussetzung für diese Operation ist. Doch sie
muss auch davon absehen, was ›dingliche‹ Realität um den Beobachter herum
ist, weil der Beobachter nur die ihm eigenen Operationen zur Verfügung hat
und die Bedingungen ihrer Möglichkeit nicht beobachten, sondern sie lediglich
anhand von Beobachtungen von Beobachtungen rekonstruieren kann.16 Das
hat aber die unangenehme Folge, dass die obige, die Realität konstituierende
Unterscheidung zwischen realer und semiotischer Realität sich nicht auf eine
bessere ›empirische‹ Prüfung berufen kann, die etwa ›falsche‹ Beobachtun-
gen korrigierte. Das bedeutet vor allem, dass generell nicht alle Beobachtun-
gen in wahrheitsfunktionale Aussagen zu übersetzen sind, wie die Grundprä-

14 Zum Verhältnis von Narrativität und Fiktionalität mit Blick auf Grenzfälle vgl.
Martínez, Matías/Scheffel, Michael: »Narratology and the Theory of Fiction. Re-
marks on a Complex Relationship«, in: Tom Kindt/Hans-Harald Müller (Hgg.):
What is Narratology? Questions and Answers Regarding the Status of a Theory,
Berlin/New York 2003, S. 221–237.
15 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1997, S. 218.
– Realität verhandelt Luhmann sehr viel grundsätzlicher in ders.: Die Kunst der
Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1995, vgl. insbes. S. 222–242, 455–458, 503f.
16 Der Grundgedanke ist freilich seit Kant bekannt.
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misse der – hier grob unter einem Schlagwort zusammengefassten – analyti-


schen Philosophie lautet.17
Die Differenztheorie jedoch würde nur bei einem Bruchteil aller Beobach-
tungen zulassen, sie als wahrheitsfunktionale Aussagen zu beschreiben.18 Es
kann zwar sein, dass Beobachtungen einander widerstreiten (wieder: ohne dass
geklärt werden kann, warum sie das tun), aber ihr Verhältnis lässt sich nicht als
logischer Widerspruch fassen.19 Aber nur weil verfügbar gehaltene und als
verlässlich geltende Beobachtungen (in der semiotischen Realität) vorliegen
und plötzlich nicht in Einklang mit einer aktuellen Beobachtung (in der realen
Realität, wie sie sich unmittelbar auf eine Wahrnehmung hin einstellt20) zu

17 Fiktionstheorie, die diese Grundprämisse und eine schlicht gegebene Realität für
evidente Tatsachen hält, kann auf fremde Theorieangebote dann auch nur mit
wüsten Beschimpfungen reagieren: Lamarque, Peter/Haugom Olsen, Stein: Truth,
Fiction, and Literature. A Philosophical Perspective, Oxford 1994, passim. – Über
den Begriff der Referenzialisierbarkeit Fiktion zu definieren, ist ebenfalls proble-
matisch, doch ist dies bereits hinlänglich in der Forschung diskutiert. Der Vor-
schlag findet sich bei Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. Eine semantische
Theorie der Literatur, Stuttgart (Bad Cannstatt) 1975, S. 28.
18 Gewissermaßen ist das der Einsatzpunkt der Theorie von George Spencer Brown,
die Luhmann wertvolle Anregungen gegeben haben. Da die Mathematik aber strikt
logisch operiert, ist fraglich, wie sein Kalkül ihr nützen kann.
19 Auch lässt sich ihr Verhältnis nicht durch Syllogismen bestimmen, wie Wolff, ohne
im Übrigen zu behaupten, alle Sätze seien assertorisch, in Wiederbelebung des
Systems der Syllogismen versucht (Wolff, Michael: Abhandlungen über die Prinzi-
pien der Logik, Frankfurt a.M. 2004, S. 30). Wolffs Rehabilitierung der Aristoteli-
schen Syllogistik stellt aber sogar für assertorische Sätze in Frage, ob alles über die
Logik nach Frege beschrieben werden kann. Er fragt in seinem Schlusswort (ebd.,
S. 287): »Wie konnte es trotzdem dazu kommen, dass die Neuerungen Freges von
der Fachwelt geradezu einhellig so aufgenommen worden sind, als handele es sich
um eine Umwälzung innerhalb der deduktiven Logik und nicht um ihre Erweiterung
durch ein spezielles, gleichwohl großes und für die Mathematik außerordentlich
wichtiges Gebiet der Theorie des inhaltlichen deduktiven Schließens?«
20 An dieser Stelle hat genau die Fiktionstheorie Waltons ihre entscheidenden Schwä-
chen. In der einschlägigen Diskussion (nicht nur bei Walton) findet sich kontrovers
diskutiert, wie es sein kann, dass man ein Schiff auf oder in einem Bild sieht,
obschon dort kein Schiff (sondern nur ein Bild) ist. Waltons und anderer analyti-
sche Herangehensweise stoßen dann regelmäßig an die Grenzen ihrer Theoriebil-
dung; dass ein Schiff auf einem Bild irgendwie einem Schiff in der Realität ähnlich
ist, können sie nicht erklären oder auch nur handhaben. Walton muss zu der
Annahme greifen, man tue nur so, als seien sie gleich. »This frees us from the
supposition that his demonstrative [pronoun] actually picks anything out, or even
that there is anything to which he pretends to refer. He only pretends that there is
something which he refers to and calls a ship.« Walton (wie Anm. 1), S. 219
(Hervorhebung von Walton). Diese Formulierung mag man hinnehmen, doch die
Frage bleibt, wieso einige Farbtupfer ein solches Verhalten erlauben?
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bringen sein können, ist es diese Unterscheidung zwischen realer und semioti-
scher Realität, die »der Welt erst ihre Härte, ihre Schicksalhaftigkeit, auch ihre
Unzulänglichkeit verleiht«.21 So ist zu verstehen, dass Luhmann formuliert,
dass Realität »nicht mehr als Widerstand der Außenwelt gegen Zugriffe des
Erkennens und Handelns, sondern als Widerstand von Systemoperationen ge-
gen Systemoperationen im selben System«22 verstanden werden sollte. Für die
Zwecke der vorliegenden Analyse ist eine andere Formulierung handlicher,
weil so auf den Systembegriff ganz verzichtet werden kann, der hier nicht
gebraucht wird. Die Notwendigkeit zur Abstimmung der Beobachtungen kann
zu der Formulierung führen, dass Realität das Ergebnis von »Konsistenzprüfun-
gen«23 ist.24 Konsistenz bezeichnet die Vereinbarkeit von Beobachtungen; doch
wie Konsistenzprüfungen erzielt werden, ist der Beobachtung nicht zugäng-
lich.25 Damit bildet der Begriff der Konsistenz einen weiteren Fluchtpunkt
neben dem Begriff der Unterscheidung bzw. der Form, um die grundlegenden
Operationen der Wirklichkeitskonstitution beschreiben zu können, ohne ihre
Voraussetzungen zu kennen.
Realität wird stets so operationalisiert, dass sie als die Realität, als die
Wirklichkeit, als die reale Welt auftritt. Nur wenige der gegenwärtigen Se-
mantiken erlauben, die Unterscheidung real/nicht-real nicht bei Anschlüssen
mitzuführen. Dies gilt, obwohl spätestens seit Kant der Gedanke vertraut ist,
dass zwar mit dieser Unterscheidung Ordnung erzeugt wird, etwas Reales
aber keineswegs mit dem Ding ›an sich‹ gleichzusetzen ist. Es hat sich
inzwischen eine Schere aufgetan zwischen der einen Beschreibung von Reali-
tät, die fokussiert, dass jeder Beobachter von nur einer unitären Realität

21 Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft (wie Anm. 15), S. 219.


22 Luhmann: Kunst der Gesellschaft (wie Anm. 15), S. 504.
23 Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft (wie Anm. 15), S. 102 in einer Anmer-
kung: Realität ist »das Resultat von Konsistenzprüfungen«.
24 Cobley streicht eine Tradition der literaturwissenschaftlich strukturalistischen und
linguistischen Theoriebildung heraus und nennt ein meinen Ausführungen nicht zu
fern stehendes Konzept von Textkohärenz; vgl. Cobley, Paul: Narrative, New
York 2001, S. 219.
25 Dies gilt ohnehin für den Zeitpunkt des Vollzugs jeder Beobachtung. Aber auch
die Wissenschaft mit ihren Beobachtungen zweiter Ordnung hat erhebliche Schwie-
rigkeiten; weder die Soziologie (zu sozialen Systemen) noch die Neurologie (zu
psychischen Systemen) können Genaueres dazu sagen, wie Konsistenz bzw. Kohä-
renz erzielt wird. Zu letzteren: »Offen bleibt, nach welchen Kriterien unser Gehirn
seine internen Zustände, in denen sich die Ergebnisse von Datenerfassung und
logischen Schlüssen letztlich manifestieren, als kohärent und stimmig beurteilt.«
(Singer, Wolf: »Selbsterfahrung und neurobiologische Fremdbeschreibung. Zwei
konfliktträchtige Erkenntnisquellen«, in: DZPhil 52 (2004) S. 235–255, hier S. 236.)
Und selbst wenn die Neurologie die ›Konsistenzprozesse‹ für psychische Systeme
beschreiben könnte, gäbe dies wahrscheinlich für soziale Systeme nur wenig
Aufschluss.
Überlegungen zum Begriff des Realismus 141

ausgehen muss (um inkonsistente Beobachtungen beispielsweise als Zeuge


vor Gericht zu meiden), und der anderen Beschreibung von Realität, die sich
damit arrangieren muss, dass die Realität jeweils eine Setzung ist, die sich im
Feld äußert mannigfaltiger und oft inkonsistenter, konkurrierender Beobach-
tungen behaupten muss. Es wird evident, wie weit diese Schere geöffnet ist,
wenn man ganz plausibel sagt, dass ›jemand‹ in einer ›anderen Realität‹ lebe
(die einer Subkultur), damit aber eine Beobachtung über die Realität wagt.
Man spricht also selbst dann noch über die Realität, wenn man die Kontingenz
von Realitätskonstitutionen thematisiert, weil Konsistenzprüfungen nur un-
ternommen werden können, wenn Konsistenz wahrscheinlich erzielt werden
kann, wenn also im Vorhinein mit großer Wahrscheinlichkeit feststeht, dass
man eine Beobachtung überhaupt berücksichtigen kann.26
Ausgehend von diesen Überlegungen lässt sich Realismus in Bezug auf
Fiktion beschreiben. Realismus liegt genau dann vor, wenn ein hohes Maß an
als identisch beobachtbarer Beschreibung zwischen fiktiver und realer Welt
besteht. Das heißt, dass die in einem literarischen Text vorfindbaren Formen
und ihr so vorgestellter Gebrauch auch in der realen Welt ›anwendbar‹ sind.
Das heißt nicht, dass die in einem Roman auffindbaren Sätze oder die abgebil-
deten, auf einem Gemälde sichtbaren Bäume so tatsächlich irgendwo irgend-
wann auffindbar sein müssen. Vielmehr sind die gebrauchten Formen unmit-
telbar aktuell so verwendbar wie sie in der Kunst vorliegen.27 Um die graduel-
len Unterschiede der Realitätsnähe fassen zu können, ist es notwendig, auf
einer anderen Ebene als derjenigen der Personen und Orte von Realitätsnähe
zu sprechen. Es ist der abstrakte Begriff der Unterscheidung, der die hier
vorliegende Erörterung ermöglicht, indem er die Möglichkeit, bestimmte
benennbare Unterscheidungen zu treffen, in den Blick nehmen kann und
damit nicht prüfen muss, ob ihre Anwendung zu richtigen oder falschen
Aussagen führt.

26 Ohne die Unterscheidung real/nicht-real kommen beispielsweise Liebende und


Luhmann aus. Beide berücksichtigen jede Beobachtung, sei sie noch so inkonsis-
tent.
27 Genau in diesem Sinne ist Goodman zuzustimmen, nicht jedoch wenn man ihn so
läse, dass er Konventionalismus zur Erklärung von Realismus heranzieht: »Rea-
lism is relative, determined by the system of representation standard for a given
culture or person at a given time.« Goodman, Nelson: Languages of Art. An
Approach to a Theory of Symbols, Indianapolis/Cambridge 21997.
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3. Fiktion und Welt

Damit ist die Vielfalt des Realismus so unbegrenzt, wie die Möglichkeiten zur
Beobachtung der Welt mannigfaltig sind:
Die vielen Gesichter der Realität: so viele Formen realistischen Erzählens, realitäts-
orientierten Schreibens. Die Undogmatisierbarkeit speziell dieses poetologischen Pro-
gramms, die antiformale Methode seiner Formfindung. Jedesmal, bei jedem Thema,
für jeden Gegenstand schaut Realismus anders aus. (Afa S. 787)
Die im vorangehenden Abschnitt eingenommene Position unterscheidet sich
im Ergebnis zunächst wenig von anderen Modellen des Realismus, gerät aber
nicht in ihre Kohärenzschwächen, die sich aus der ungeeigneten epistemolo-
gischen Basis ergeben. Stephan Kohls Monographie,28 die vielleicht nach wie
vor wichtigste Arbeit zum Realismus, laviert, am Ende sich in kleinere
Widersprüche verwickelnd, zwischen »der historischen Relativität des
Wirklichkeitsverständnisses«29 auf der einen Seite und der Qualität größerer
»Wirklichkeitsnähe«30 des Realismus auf der anderen Seite. Texte mit satiri-
schen Zügen sind oft in ihrer Handlung wenig realistisch (so Karl Philipp
Moritz’ Andreas Hartknopf), obwohl Ereignisträger und Setting völlig realis-
tisch beschrieben sind. Umgekehrt haben Texte wie George Orwells 1984
einen sehr spezifischen Realismus – der zu ihrer Unheimlichkeit beisteuert –,
weil die Unterscheidungen, die den Text durchziehen, als diejenigen der
Angst vor einem totalitären Regime bekannt sind. Was aber »Wirklichkeits-
nähe« nun ist, wird bei Kohl letztlich nicht ganz klar, weil er das Verhältnis
von Kunst und Wirklichkeit, wie er beide Seiten nennt, nur mittels eines
Begriffs von Wahrheit fassen kann. In der Kunst können dann wahre oder
falsche Aussagen über die Wirklichkeit vorliegen. Doch liegen in 1984 Aus-
sagen vor, auch noch wahre oder falsche? Die geopolitische Lage in der Welt
von 1984 hat nie der realen Realität entsprochen, doch drei Blöcke – den
Westen, den Osten und China – geopolitisch zu unterscheiden, ist auch für die
Zeit des Kalten Krieges möglich, womit die Staaten in Orwells Roman ein
realistisches Bild der Lage zeichnen. Die Konsequenz ist, dass Realismus –
graduell unterschieden – letztlich in geringem Grad jedem erzählenden Text
zu unterstellen ist.
Trotzdem sind fiktive und reale Welt leicht und ohne Anschlussschwie-
rigkeiten zu unterscheiden. So ließe sich die »kategoriale Verschiedenheit
von Kunst und Wirklichkeit«31 bei Kohl differenztheoretisch reformulieren.
Die Idee des hier vorgeschlagenen Ansatzes besteht darin, Wirklichkeitsver-

28 Kohl, Stephan: Realismus. Theorie und Geschichte, München 1977.


29 Kohl (wie Anm. 28), S. 187.
30 Kohl (wie Anm. 28), passim, vgl. insb. S. 220f. und S. 199.
31 Kohl (wie Anm. 28), S. 188.
Überlegungen zum Begriff des Realismus 143

ständnis mittels einer Theorie der Beobachtung zu charakterisieren, die er-


laubt, ›Übertragungen‹ zwischen fiktiver und realer Welt zu diskutieren, ohne
dass diese ›kategoriale‹ Grenze zwischen ihnen eingerissen wird. Die Wahl
des Begriffs der fiktiven Welt insistiert auf die Abgeschlossenheit der Fiktion,
die – als Welt – keine Berührung mit der realen Welt haben kann.32 Der
Begriff der Welt hat sich inzwischen völlig von dem Begriff der möglichen
Welt der possible worlds theories33 entfernt und findet in verschiedensten
Theorien34 Anwendung.35 Im Anschluss an Luhmanns Überlegungen sind
hier fiktive Welten ›Bereiche‹ alternativen Unterscheidens.36
Wann jedoch ist es erlaubt, eine fiktive Welt von der realen zu unter-
scheiden? Eine Antwort geben Dorrit Cohn37 und Gérard Genette;38 radikali-
siert lautet sie: wenn die Produktionsinstanz von der Vermittlungsinstanz
unterschieden werden muss, wenn der Autor und der Erzähler nicht miteinander
identifiziert werden dürfen, wenn – nun genauer formuliert – die Verantwor-
tung für Beobachtungen der Stimme des Erzählers und nicht der Person des
Autors zugerechnet wird. Der Autor ist markiert als Urheber der Beobachtun-
gen (etwa im Urheberrecht), nicht jedoch steht er für ihre Konsistenz mit der
Realität ein. Im Laufe der Evolution dieser Unterscheidung – hinter einer
Stimme muss schließlich keine Person mehr stehen – ist künstlerische Fiktion
entstanden. Dieser plausible und nützliche Vorschlag besagt also, dass im

32 Auf diese Weise ist richtig zu sagen: »there are no spatiotemporal relations at all
between things that belong to different worlds.« (Lewis, David On the Plurality of
Worlds, Oxford/New York 1986, S. 2.) Zu einer Definition von Welt vgl. ebd.
S. 230. Lewis’ Konzept scheitert an der eigenen Rigidität, vgl. dazu Tadié, Alexis:
»La fiction et ses usages. Analyse pragmatique du concept de fiction«, in: Poétique
113 (1998) S. 111–125, hier S. 116.
33 Zum Verhältnis der Konzepte fiktiver und möglicher Welten (mit Verteidigung des
letzteren Begriffs) vgl. Ronen, Ruth: Possible worlds in literary theory, Cam-
bridge 1994, insbes. S. 21–24.
34 Für eine Übersicht vgl. Zipfel (wie Anm. 2), S. 82–90.
35 Wenn Theorieanlagen sich auf analytische Philosophie stützen, wählen sie folgen-
de Voraussetzung, wie Pierre Ouellet scharfsinnig unter Kenntnisnahme vieler
Unzulänglichkeiten erkennt, ohne selbst einen Ausweg zu weisen: »as world said
to be real or possible is a logical world, one possessing a propositional structure of
the type defined for the discursive universe of science, for example, according to a
logical-empirical epistemology.« Ouellet, Pierre: »The Perception of Fictional
Worlds«, in: C.-A. Mihailescu/W. Hamarneh (Hgg.): Fiction Updated. Theories of
Fictionality, Narratology, and Poetics, Toronto/Buffalo 1996, S. 76–90, hier S. 80.
36 Dabei sind diese ›Bereiche‹ wiederum Unterscheidungen. Dass Fiktion eine Unter-
scheidung ist, die Unterscheidungen unterscheidbar macht, wird dabei beiläufig
klar.
37 Vgl. Cohn, Dorrit: »Signposts of Fictionality«,in: Poetics Today 11 (1990) S. 775–
804. Zipfel (wie Anm. 2) greift Cohns Gedanken auf.
38 Vgl. Genette, Gérard: Fiction et diction, Paris 1990, S. 78–88.
144 Remigius Bunia

Falle von Fiktion die Beobachtungen auf etwas angewandt werden, das nicht
den Konsistenzerfordernissen der realen Welt entsprechen muss: nämlich die
fiktive Welt.39
In beiden hier diskutierten Romanen wird die Unterscheidung zwi-
schen fiktiver und realer Welt programmatisch durch den Eintritt des Autors
in das Erzählte seines Erzählers gefährdet. Abfall für alle ist ein Beispiel für
Autofiktion:40 der Verfasser des Textes, der Autor Rainald Goetz ist derje-
nige, der – als ›Held‹ – im Roman ich sagt und dessen Leben allem An-
schein nach völlig übereinstimmt mit dem Leben des wirklichen Rainald
Goetz (beide schreiben die gleichen Bücher, veröffentlichen im selben
Verlag etc.). Eine andere, ebenfalls prekäre Situation liegt bei den Jahresta-
gen vor. Der Schriftsteller Uwe Johnson erscheint in diesem Roman des
Schriftstellers Uwe Johnson (Jt S. 288–232).41 Zwischen dem Goetz bezie-
hungsweise Johnson im Roman und außerhalb des Romans zu differenzie-
ren, ist notwendig, wenn man voraussetzt, dass sie Romane sind. Dann
müssen Autor und Erzähler unterschieden werden, da die Äußerungen in
einem Roman nicht blindlings dem Autor zugerechnet werden dürfen. Ein
Problem liegt aber darin, dass die Texte dennoch behaupten, Figur, Autor
und eventuell auch Erzähler seien identisch. »Wer erzählt hier eigentlich,
Gesine?« (Jt S. 231) Eine Lösung dieses Problems kann nicht sein, zwi-
schen Johnson+ und Johnson* zu unterscheiden, indem beispielsweise der
Asterisk die wirkliche Person und das Pluszeichen die Romanfigur kenn-
zeichnen würde. Denn eine solche Unterscheidung unterschlüge ja genau,
dass – trotz der Fiktion – ein Roman realistische Aussagen über seinen
Autor treffen kann – selbst wenn diese Aussagen vielleicht in der Realität
schlicht falsch sind.42 Ähnlich kann ein Roman Aussagen über Napoléon
treffen, die falsch sind, aber sich trotzdem auf den wirklichen Napoléon der

39 Schreibt jemand dagegen seine Autobiografie nieder, so erzählt er oder sie vielleicht,
aber die niedergelegten Beobachtungen müssen mit der Realität verträglich sein;
sind sie es nicht, fällt dies auf die Verfasser der Autobiografie zurück: sie haben
gelogen, unterliegen einer Selbsttäuschung, haben Erinnerungslücken etc. Autobi-
ografien würden eine intensivere Auseinandersetzung einfordern.
40 Autofiktion liegt vor, wenn Autor und Hauptfigur sowie Erzähler und Hauptfigur
identisch sind, damit auch Erzähler und Autor als eine Person zu identifizieren
wären, letztere Gleichsetzung allerdings nicht gestattet ist, vgl. Genette: Fiction
(wie Anm. 38), S. 86f. Vgl. ferner Darrieussecq, Marie: »L’autofiction, un genre
pas sérieux«, in: Poétique 27 (1996) S. 369–380. Genette befragt in seiner jüngsten
Arbeit die Nützlichkeit des Begriffs angesichts der Grundsätzlichkeit des Phäno-
mens wieder, vgl. Genette, Gérard: Métalepse, Paris 2004, S. 104.
41 Beide Romane führen die Technik keineswegs ein. Genannt sei nur Jean Paul.
42 Der Formengebrauch kann realistisch sein (»sie hat rote Haare«), obwohl die
Beobachtung mit der realen Realität inkonsistent wäre (»sie hat in Wirklichkeit
schwarze Haare«).
Überlegungen zum Begriff des Realismus 145

Geschichte der realen Welt beziehen lassen, obwohl sie dem fiktiven Napo-
léon des Romans gelten.43
Nun kann es sein, dass die Beobachtungen einer fiktiven Welt durchaus
auch geeignete Beobachtungen der realen Welt sein können, ohne dass sie es
müssen: dann ist die fiktive Welt realistisch. Wenn praktisch alle Beobach-
tungen der fiktiven Welt als Beobachtungen der realen Welt gesehen werden
mögen, liegt eine extreme Variante des Realismus vor. Als Bezeichnung
dafür ist Goetz’ Vorschlag geeignet: fast völlig realitätskonformer Realismus
ist Ultrarealismus.

4. Erzählen und Kunst

Dieser Erklärungsvorschlag für Realismus berücksichtigt die Unterscheidung


zwischen fiktiver und realer Welt. Die zweite Seite des Realismusproblems –
sehr verwandt mit der ersten – bildet die Frage, inwiefern Erzählen realistisch
sein kann. Hayden Whites Thesen zur Geschichtsschreibung sind wohl ver-
traut;44 sie lassen sich erzähltheoretisch zum einen ins rechte Licht rücken,
indem man Narrativität über Erfahrbarmachung beschreibt, wie es Monika
Fludernik vorführt;45 zum anderen lassen sie sich jedoch mit den hier vorge-
stellten Mitteln als Aussagen über Quasi-Fiktionalität reformulieren. Quasi-
Fiktionalität bezeichnet sämtliche Operationen, die eine Welt um Beobach-
tungen ergänzen, die nicht von der in Rede stehenden Beschreibung unmittel-
bar gedeckt sind, aber aufgrund der für Welten charakteristischen Konsistenz-

43 Zur Fiktivität der Romanfigur Napoléon vgl. exemplarisch Walton (wie Anm. 1),
S. 74.
44 Bei Johnson und Goetz findet sich das Problembewusstsein dafür, dass »the
historical account endows this reality with form and thereby makes it desirable,
imposing upon its processes the formal coherency that only stories possess.«
White, Hayden: »The Value of Narrativity in the Representation of Reality«, in:
W. J. T. Mitchell (Hg.): On Narrative, Chicago/London 1981, S. 1–23, hier S. 19.
Soweit wird White hier zugestimmt; White sieht jedoch nicht, dass ›unmittelbar
erfahrene Realität‹ (nicht nur vergangene) ebenfalls geordnet werden muss: »Does
the world really present itself to perception in the form of well-made stories, with
central subjects, proper beginnings, middles, and ends, and a coherence that
permits us to see ›the end‹ in every beginning?« (ebd., S. 23.) Nein, sicher nicht,
doch können wir die Wahrnehmung, die der Beobachtung vorangeht, nicht beob-
achten; und im Falle von Chronologie muss immer Interpolation zur Ordnung
beitragen.
45 Vgl. Fludernik, Monika: »Fiction vs. Non-Fiction. Narratological Differentiati-
ons«, in: Jörg Helbig (Hgg.): Erzählen und Erzähltheorie im 20. Jahrhundert.
Fs. Wilhelm Füger, Heidelberg 2001, S. 85–103, hier S. 93, zu Hayden White auch
S. 89.
146 Remigius Bunia

erfordernisse hinzugefügt werden können oder sogar müssen. Interpolation ist


eine dieser Operationen. Quasi-Fiktionalität ist daher keineswegs Interpretati-
on, für die nämlich die obige Einschränkung, nach der die Operation infolge
der welteninhärenten Konsistenzansprüche erfolgt, nicht gilt.
Damit ist Quasi-Fiktionalität offenbar etwas völlig anderes als Fiktiona-
lität. Indessen hat sie insofern eine gewisse Affinität zur Fiktionalität, als sie
die Verantwortung für Beobachtungen verschiebt oder unkenntlich macht.
Wer trägt schließlich die Verantwortung für Beobachtungen, die die betref-
fende Beschreibung nicht liefert, für die aber dennoch nicht der daran an-
schließende Beobachter verantwortlich sein will, da er nicht mehr als Konsis-
tenzerfordernisse berücksichtigt? Die Nähe zwischen beiden begünstigt Ver-
wechslungen zwischen Effekten der Narrativität und der Fiktionalität sowie
zwischen Fakt und Fiktion. Die beiden hier gelesenen Romane gehen mit
Quasi-Fiktionalität auf sehr bedachte Art und Weise um. Der Autor von
Dekonspiratione formuliert in Abfall für alle einen eigenwilligen Anspruch
an seine Erzählung: sie soll das Anti-Narrative zu enthalten suchen, ohne dies
auszustellen:
Das formale Ideal der Erzählung: die experimentelle, antinarrative und zersprengende
Wahrnehmungsseite der Realitätserfahrung in sich zu verbergen. Also zu enthalten,
aber genau so wie die Realität selber auch, ohne damit anzugeben. (Afa S. 787)
Die Formulierung ist nicht selbstwidersprüchlich, auch nicht auf subtile Weise
paradox. Der Roman beschreibt ja wie oben skizziert die Unmöglichkeit, im
Erzählen Kontinuität zu tilgen. Er kann – auf »formale« Weise – nur versuchen,
möglichst wenig Linearität und Kontinuität »zu enthalten«. Da sich erstere aber
aus der Sprachlichkeit der Kommunikation (die wenig Gleichzeitigkeit erlaubt)
ergibt und letztere aufgrund der Narrativität sich einstellt, bleibt jede Erzählung
von diesem Ideal ein Stück weit entfernt. Weil der Roman sich unentwegt
explizit auf Luhmann beruft, kann »Wahrnehmung« durchaus als Begriff der
»Theorie der Gesellschaft« verstanden werden: im Gegensatz zur Beobachtung
ist dies die ›ungeordnete‹ Registrierung von Umwelt durch das psychische
System, das heißt, die optischen, akustischen, haptischen und olfaktorischen
›Reize‹, die stets »zersprengende« sind in dem Sinne, dass sich ihre wirklich-
keitskonstituierende Unterschiedenheit erst durch Sinngebung einstellt, dass
also aus Wahrnehmungen Beobachtungen werden.46 Vielleicht kann nur Kunst

46 »In der Wahrnehmung (über die wir jetzt, wenn es gelingt, kommunizieren) wird
Unterschiedenes, obwohl unterschieden, als Einheit erfaßt.« (Luhmann, Niklas:
Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1990, S. 20.) Psychischen Sys-
temen steht Wahrnehmung zur Verfügung, doch kann man sie nur im Medium des
Sinns anschlussfähig machen. Unbenommen ist, dass man beispielsweise bei sexu-
ellen Handlungen trotz intensiver Wahrnehmung ganz auf das Medium Sinn ver-
zichten kann; muss man danach etwas über die eigenen Wahrnehmungen Auskunft
geben, kann man in der Regel wenig Sinnvolles sagen.
Überlegungen zum Begriff des Realismus 147

sich darum bemühen, Wahrnehmung kommunizierbar zu machen;47 zumindest


kann sie sich diesem Ziel in einem »formale[n]« Verfahren zu nähern versu-
chen.
Erzählen kann nie vollends die »zersprengende«, chaotische »Wahrneh-
mung« darstellen, der jeder Mensch täglich ausgesetzt ist und aus der er jenen
»vernünftigem Ablauf von Geschehen« (Afa S. 787) konstruiert, welcher die
Realität handhabbar macht. Erzählen muss geordnet sein, um Erzählen zu
sein. Selbst Filme, in denen sehr episodische, narrativ unmotivierte Bilder
gezeigt werden, können kaum anders denn als ›Formexperiment‹ oder als
›misslungen‹ betrachtet werden – kaum jedoch als realistische Darstellung
der nicht von sich aus geordneten Welt. Und in dieser Formulierung steckt
bereits das Paradox, an dem sich Abfall für alle abarbeitet und das den Roman
zum Ausgangspunkt der hier vorgestellten Überlegungen macht: betont die
Darstellung ihre eigene Zersprengtheit, so gerät sie zur Darstellung der Dar-
stellungsweise des jeweiligen künstlerischen Mediums.48
Jahrestage thematisieren die Plausibilität von Gesines Erzählungen.
– Ich werde dich jetzt prüfen: sagt Marie. – Ich werde jetzt mal nachsehen, woher du
deine Vergangenheiten hast. Das hat jetzt ein Ende mit dem Anlügen. Erzähl mal was
über das Kind Gesine, als es zwei Jahre alt war.
– Das Kind Gesine, als es zwei Jahre alt war, konnte sitzen, stehen, gehen, ein wenig
sprechen, und das Kind las die Zeitung.
– Schon hab ich dich ertappt! ruft Marie. – Das hab ich auch getan. Das hast du von
mir! (Jt S. 410)
Marie wird im Folgenden ihre Mutter »prüfen«,49 indem sie ihr unterstellt,
dass Gesine ihre Vergangenheit anhand der Gegenwart Maries modelliert, das
heißt, dass sie in die Beschreibungen ihres eigenen Lebens aktuelle Beobach-
tungen kopiert, dass sie ihre Vergangenheit durch die Gegenwart komplet-
tiert. Sie prüft die Erzählung Gesines auf Plausibilität. Nicht umsonst wech-
seln beide in die dritte Person, reden über »das Kind Gesine«. So ist der
Ausruf »Das hast du von mir!« geradezu doppeldeutig: er kann besagen,

47 Vgl. Luhmann: Kunst der Gesellschaft (wie Anm. 15), S. 227f. Zu einer konträren
Behauptung vgl. Luhmann: Wissenschaft der Gesellschaft (wie Anm. 46), S. 20.
48 So erklären sich die wenigen anti-anti-narrativen, motivierten Erzählzusammen-
hänge in Abfall für alle. Ein Beispiel: der Führerschein ist wegen Drogenkonsums
weg (Afa S. 95), ein zusätzliches nachträgliches Bußgeld wegen einer roten Ampel
wird erhoben (Afa S. 541), der Erzähler sucht eine Fahrschule (Afa S. 709), hofft
auf ein baldiges Ende (Afa S. 761), nimmt Fahrstunden und wird schließlich zum
rücksichtsvollen Autofahrer: er »müßte zukünftig als Autofahrer von meinem
früheren Fun-Ding […] zur Vernunftsfraktion überwechseln« (Afa S. 851).
49 Zur Aufforderung zu »prüfen« vgl. Steiner, Uwe: »Das ›Handwerk‹ des Erzählens
in Uwe Johnsons Jahrestagen«, in: Poetica 32 (2000) S. 167–202, hier S. 196.
148 Remigius Bunia

Gesine habe aus Maries Vergangenheit versehentlich und ungeprüft kopiert;


er kann aber auch meinen, Gesines Vergangenheit sei nun für sie eine mit
Maries identische. Maries Zweifel an der Wahrheit sind keine an der Aufrich-
tigkeit, sondern an dem Grad an Abgleich mit sichereren Quellen als derjeni-
gen des Gedächtnisses. Gesine fragt nach der Möglichkeit einer Konsistenz-
prüfung im Erinnern. Erzählen bedient sich stets vor allem aktuell verfügbar
gehaltener Unterscheidungen, da sonst die Kommunikation zum Scheitern
verurteilt wäre. Wie soll dann aber die Vergangenheit – in jeder Gegenwart –
angemessen beschrieben werden können?
Abfall für alle demonstriert performativ, »daß Gegenwart als Gegenwart
nicht distanziert beobachtet werden kann«50. Maries Kritik an Gesines Erzäh-
len zeigt, dass Vergangenheit als Vergangenheit nur distanziert beobachtet
werden kann. In beiden Fällen zwingen Verschriftlichung und Lektüre zur
Interpolation und damit zur Quasi-Fiktionalität. Erinnerung, die weit zurück
liegt, wird bei Goetz irreal – eine Inversion, die wieder zur Kongruenz der
Romane führt: »Das ist so lange her, daß es schon gar nicht mehr wahr ist«
(Afa S. 845); diesen Satz könnte auch Marie sprechen. Damit ist die Voraus-
setzung für die adäquate Beschreibung von Vergangenheit oder Gegenwart
durch Erzählen, die quasi-fiktive Welt realistisch zu gestalten.
In Abfall für alle wird für einen Roman gefordert, er müsse sich Plausibi-
litätsprüfungen stellen:
Wenn Karasek Erinnerungen an 30 oder 40 Jahre Spiegel geschrieben hätte und sich
bei jedem Detail unter dem Druck der Authentizität die Frage hätte stellen müssen: es
war wohl etwa so und so. Aber kann man es genau so sagen? – hätte er wahrscheinlich
einen wirklichen ROMAN an der Hand gehabt. (Afa S. 588)
Den – richtigen, »wirklichen« – Roman zeichnet aus zu fragen, ob etwas so
oder so gewesen ist; als – richtigen, »wirklichen« – Roman zeichnet die
Jahrestage aus, dass Marie prüft, ob ihre Mutter sie ›anlügt‹. Der »Druck der
Authentizität« ist der Druck der Konsistenz: die pure Nennung dessen, was
geschehen ist, genügt nicht, denn immer muss man fragen, wenn man wissen
will, was wirklich ist: »Aber kann man es genau so sagen?« Die Lektüre-
Anweisung bei der Schach-von-Wuthenow-Episode51 der Jahrestage: lautet:
man lese genau, indem man »bei alten Leuten [fragt], ob sie noch so eine
Sinumbralampe gesehen hatten« (Jt S. 1522): man fragt also »bei jedem De-
tail«, ob »man es genau so sagen« kann, ob es »wohl so und so« gewesen ist.

50 Schumacher, Eckard: »From the garbage, into The Book. Medien, Abfall, Litera-
tur«, in: Jochen Bonz (Hgg.): Sound Signatures. Pop-Splitter, Frankfurt a.M. 2001,
S. 119–213, hier S. 205f. Das Problem liegt auch in der Tagebuchform begründet,
vgl. Cohn, Dorrit: Transparent Minds, Princeton 1978, S. 209.
51 Vgl. hierzu ausführlicher Steiner (wie Anm. 49), S. 169. Vgl. zum Prüfen auch
erneut ebd. S. 196.
Überlegungen zum Begriff des Realismus 149

Gesine beschreibt die Minimierung der Quasi-Fiktionalität so: »Hier wird


nicht gedichtet. Ich versuche, dir etwas zu erzählen« (Jt S. 744).
Die Quasi-Fiktionalität, die die Narrativität auf den Plan ruft, ist so der
echten Fiktionalität in der Tat ähnlich. Der (Selbst-)Prüfung der Erzählung
geht es jedoch darum sicher zu stellen, dass die Beobachtungen in einer
Erzählung in ihrer Zeitlichkeit – auf der die Interpolation beruht – zulässig
sind, um die reale Welt (und ihre Geschichte) angemessen zu beschreiben.
Dabei hat die Erzählung selbst immer nur die Gegenwart, um ihre Beobach-
tungen sich vollziehen zu lassen; die Vergangenheit ist unzugänglich.52 Eine
narrative Geschichtsschreibung muss damit ununterbrochen ihre Legitimität
befragen, damit sie realistisch ist. Die Grenze zwischen einerseits »dem
Entwurf und der Konstruktion von Lebensgeschichten«53 sowie andererseits
Gesines eigenem »Erfinden ihrer Biographie«54 ist nicht leicht zu ziehen – so
wie zwischen »realer Geschichte und fiktiven Geschichten«55. Im Erzählen
wird nun der Realismus der Darstellung gerade dadurch mitunter gewahrt,
dass dem Einbruch der Quasi-Fiktionalität jedes Erzählens Einhalt geboten
wird, indem der Autor ins Erzählte eintritt, um – wie weiter oben formuliert –
die Rissstellen nicht zu kitten. Im Sinne des hier gegebenen Realismusver-
ständnisses bringt es keinerlei Erschwernis für die Abgrenzung von Fiktion
und Nicht-Fiktion: man weiß weiterhin – und dieses Wissen wird durch die
Romane nicht erschüttert –, dass der (reale) Autor sich durch seine (›Selbst-‹)
Darstellung im Roman den Regeln ›seiner‹ fiktiven Welt überantwortet. Da-
mit ist der Autor im Roman selbstverständlich uneingeschränkt fiktiv, selbst
wenn einzelne Zuschreibungen (beispielsweise seine Autorschaft im Falle des
betreffenden Textes) realistisch sein können. So kommt er aber dahin, sein
»Handwerk in einer zur Kenntlichkeit entstellten Gestalt«56 darzustellen –
und damit zusätzlich zum Realismus seiner Darstellung beizutragen.
Kohl warnt vor einem nahe liegenden Missverständnis des Realismus:
Beobachtungen in realistischer Kunst stimmen oft eben nicht mit den aktuell
vornehmlich vorherrschenden Formen in der Gesellschaft überein;57 oft ›ent-

52 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie,


Frankfurt a.M. 1998 [1984], S. 356.
53 Gutzen, Dieter: »›Wo ich her bin das gibt es nicht mehr‹. Anmerkungen zur
Geschichte und Fiktion in Uwe Johnsons ›Jahrestage‹«, in: ders./W. Herget/H.-A.
Jacobsen (Hgg.): Transatlantische Partnerschaft. Kulturelle Aspekte der deutsch-
amerikanischen Beziehungen, Bonn 1992, S. 245–257, hier S. 256. Gutzen spricht
zutreffend von einer »Doppelbödigkeit der [dem Leser] angebotenen Realität«
(ebd.).
54 Ebd.
55 Ebd.
56 Steiner (wie Anm. 49), S. 198.
57 Vgl. Kohl (wie Anm. 28), S. 201.
150 Remigius Bunia

hüllt‹ ein realistischer Roman beispielsweise ›schonungslos‹ die sozialen


Missstände, über die sich die Gesellschaft hinwegtäuscht etc.; ein solcher
Roman ist deshalb realistisch, weil die von ihm zur Verfügung gestellten
Formen der Beobachtung sich als geeignet erweisen, die reale Welt zu be-
schreiben. Diese Begründung greift ebenfalls für den Realismus der beiden
hier diskutierten Romane. Der Begriff der Unterscheidung bzw. der Form
hebt dabei nicht auf Sichtbares oder Ähnliches ab, sondern lässt sich auf alles
anwenden, was bezeichnet werden kann und wird.
In Abfall für alle liegt nicht ein einfacher erzählter Eintritt des Autors in
seinen Text vor, sondern die vollständige Identität von Autor, Erzähler und
Figur wird als Denkfigur angeboten. Dieses Verfahren erzeugt Paradoxien,
weil die Identität zwischen Autor und Erzähler als die Schaffung perfekter
Kontinuität zwischen realer und fiktiver Welt prima vista nicht dazu geeignet
scheint, die Differenz zwischen beiden Welten zu markieren. Deshalb ist es
essenziell fest zu halten, dass der Roman zugleich alles daran setzt, Zweifel
an der Identität von Autor, Erzähler und Figur zu säen. Und auch in Johnsons
Jahrestagen wird der Eintritt des Autors zum Paradoxon.58 »Wir beide« sind
es, die erzählen (Jt S. 237). Eingängiger ist das Paradoxon am Schluss:
»1687 Seiten; mit Ihrer Erlaubnis werden wir es Ihnen überreichen« (Jt S.
1703). Es ist nicht realistisch, dass Gesine oder Johnson noch einige Seiten
schreibt und sie dann übergibt; dennoch ist die Übergabe dem Realismus
geschuldet, dass der Text am Ende als ganzer vorliegt. Dabei stört es nicht,
dass Gesine sich bei der Seitenzahl verschätzt; es verwirrt nur, dass plötzlich
alles schon aufgeschrieben ist, auch der Satz: »wie es uns ergeht, haben wir«
– (›wir beide sind es, die erzählen…‹) – »aufgeschrieben bis zu unserer Arbeit
in Prag« (Jt S. 1703):59 die Differenz zwischen Johnson und Gesine bricht ein.
An anderer Stelle wird dies durch die folgende narrative Metalepse60 bezeugt.
Gesine sagt zu Johnson: »Einverstanden. Das kannst Du schreiben«, er dürfe
»So noch nie« schreiben (Jt S. 1270). Der unmittelbar auf diese Erlaubnis

58 In diesem Sinne ist Dirk Sangmeister zuzustimmen, wenn er mit Bezug auf den
Wiedereintritt von einem »Flackern zwischen Fakten und Fiktionen« und von
»ontologischen Oszillationen« spricht. Sangmeister, Dirk: »Das Flackern zwi-
schen Fakten und Fiktionen. Uwe Johnsons ›Jahrestage‹ und Raymond Federmans
›Double or Nothing‹: eine Grenzziehung zwischen Moderne und Postmoderne«,
in: Carsten Gansel/Nicolai Riedel (Hgg.): Uwe Johnson zwischen Moderne und
Postmoderne, S. 201–215, hier S. 209.
59 »Nachzutragen sind an die zwei Stunden Flug« (Jt S. 1703): Indirekt drückt Gesine
damit aus, dass nur das, was nicht in dem Augenblick gesagt wird, nur das, was
nicht im vorliegenden Buch steht, noch nachzutragen ist. Und nachgetragen wird
es nicht: wir erfahren nichts von dem versprochenen Anruf aus Prag.
60 Vgl. Genette, Gérard: »Discours du récit«, in: ders.: Figures III, Paris 1972,
S. 244f. Zu beachten ist hierzu auch Genette: Métalepse (wie Anm. 40).
Überlegungen zum Begriff des Realismus 151

folgende Satz im Roman lautet: »So hatte Mrs. Cresspahl noch nie über Mrs.
Carpenter gelacht« (Jt S. 1270).61 Erzählen und Erzähltes fallen in eins.
Beide Romane sind zwei der wichtigsten Auseinandersetzungen mit
Realismus im späten zwanzigsten Jahrhundert, die insbesondere den Zeitas-
pekt von Fiktion berücksichtigen. Realismus zu thematisieren, heißt auch, das
Gewicht der gegenseitigen Einflussnahme von fiktiver und realer Welt in der
Kunst zu untersuchen. Die Frage, wie Kunst dies überhaupt leisten kann, wird
dadurch beantwortet, dass in gewissem Sinne die Übertragbarkeit von Unter-
scheidungen konstatiert wird. Nicht realistischer Unterscheidungsgebrauch
kommentiert – beispielsweise als Gegenentwurf – ebenfalls die reale Welt.
Bemerkenswert ist, dass eine Charakterisierung der Fiktion über Luhmanns
Beobachtungsbegriff, wenn man so sagen darf, weniger theoriegeleiteten
Lektüren entgegenkommt und sie theoretisch rechtfertigt. Denn sie arbeiten,
wenn sie gelungen sind, heraus, welche Beobachtungen von der realen auf die
fiktive Ebene und umgekehrt ›übersetzt‹62 werden können. Ansätze, die dies
nicht leisten, leiden eventuell unter einer ›Anwendungsferne‹, die gelegent-
lich allerdings – auf unfaire Weise – gerade jedem theoretischen Zugriff
unterstellt wird. Ein Verständnis von Fiktion ist jedoch vielleicht gerade für
›die Praxis‹, für das Verhältnis zwischen der Beschreibung in der Kunst und
derjenigen der Realität von zumindest einiger Wichtigkeit.

Summary

Essay Concerning the Concept of Realism

Among the different notions of realism, there are only few attempts to elucidate the
seemingly simple idea of a proximity or similitude between reality and fictionality. At
first glance, this idea is so utterly clear that there seems to be no need to discuss the
phenomenon. As the concepts of reality and fictionality, however, have thoroughly
changed in the past decades, realism turns out to have a complexity of its own. This
paper attempts to describe this proximity in terms of difference theory as offered
mainly by Niklas Luhmann’s works. The aim is to show that realism cannot be
described if one considers things, characters, or settings, i.e. entities, but if one looks
at the schemes structuring the perception of the world. The novels Abfall für alle by
Rainald Goetz and Jahrestage by Uwe Johnson, two of the most important late 20th
century texts that deal with the question of what can be said about reality, not only
help to elucidate the concept of realism, but also unfold intricate problems related to

61 Dieses Beispiel nennt auch Steiner (wie Anm. 49), S. 199f.


62 Wichtig ist, dass Formen eine Übersetzung ja nicht benötigen! Durch Kommunika-
tion einer Beobachtung – beispielsweise im Rahmen einer Interpretation – wird
bereits ermöglicht, eine auf die reale Welt angewandte Form für die fiktive (oder
vice versa) zu verwenden.
152 Remigius Bunia

it. Abfall für alle, on the one hand, points out that isochronous story-telling widens the
gap between fiction and reality although the novel could be considered realistic due to
its imitation of real-time experience; and Jahrestage, on the other hand, shows that
the past can only be described by means of schemes which are available solely in the
moment the operation is performed. Insights into the nature of realism might therefore
contribute to the explication of narrativity and fictionality themselves insofar as
narrativity always produces effects similar to those of fictionality. After all, the
analysis of realism might prove to be crucial to the understanding of fiction and
fictionality.