Sie sind auf Seite 1von 3

Universität Mannheim

Deutsche Sprachprüfung
für den Hochschulzugang ausländischer Studienbewerber
(DSH)

Leseverstehen (Bearbeitungszeit: 60 Minuten)

Der Erdüberlastungstag

1 Der Erdüberlastungstag ist ein symbolischer Tag: Es ist der Tag, ab dem die Menschen mehr
2 natürliche Ressourcen verbrauchen, als sie die Erde produziert. Er wird jedes Jahr vom
3 Global Footprint Network errechnet und verdeutlicht die ökologischen Grenzen unseres
4 Planeten.

5 I. Der Schweizer Mathis Wackernagel ist Präsident des Global Footprint Network, einer
6 Nichtregierungsorganisation (NGO), die internationale Forschungen betreibt. Sie koordiniert
7 gemeinsam mit Partnerinstitutionen Forschungsarbeiten zum ökologischen Fußabdruck,
8 dessen Erfinder Mathis Wackernagel ist. Dabei werden zwei rechnerische Größen
9 gegenübergestellt: zum einen die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen
10 sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen, zum anderen der Bedarf an Wäldern,
11 Flächen, Wasser, Ackerland und Fischgründen, den die Menschen derzeit für ihre Lebens-
12 und Wirtschaftsweise brauchen. Jahr für Jahr macht das Netzwerk mit einem symbolischen
13 Aktionstag auf den Ressourcenverbrauch aufmerksam.

14 II. Vom 1. Januar bis 1. August hat der Mensch der Organisation zufolge so viel aus dem
15 natürlichen Bestand verbraucht, wie die Erde im ganzen Jahr erneuern kann. Er hat dann
16 zum Beispiel mehr Holz, mehr Pflanzen und mehr Nahrungsmittel genutzt, als auf Wald-,
17 Weide- und Ackerflächen in zwölf Monaten nachwachsen können. Und er hat mehr
18 Kohlenstoffdioxid ausgestoßen, als Ozeane und Wälder binden und umwandeln können.
19 Das Netzwerk will darauf aufmerksam machen, dass die Weltbevölkerung mehr verbraucht
20 als die Erde zur Verfügung stellt. Seine Botschaft: Die Menschen nutzen die Natur 1,7 mal
21 schneller als Ökosysteme sich regenerieren können.
22 Anfang Mai hatten Medien im ganzen Land über den deutschen „Erdüberlastungstag“
23 berichtet. Wenn alle Menschen so leben würden wie die Bundesbürger, wären
24 Berechnungen des Global Footprint Network zufolge sogar drei Planeten notwendig. Die US-
25 Amerikaner kommen auf fünf, die Australier auf 4,1 Erden.

26 III. Diesen Zustand nennt man „Overshot“, was sehr abstrakt klingt, aber die Folgen sind
27 inzwischen immer häufiger spürbar: Klimakatastrophen, Armut, Hungersnöte, Krisen, Kriege
28 und auch Fluchtbewegungen. Dass der Ressourcenverbrauch in den vergangenen
29 Jahrzehnten erheblich vorangeschritten ist, hängt nicht zuletzt mit der wachsenden
30 Weltbevölkerung zusammen – und mit dem zunehmenden Wohlstand der Industrie- und
31 Schwellenländer. 1971 fiel der globale Erdüberlastungstag noch auf den 20. Dezember. 1995
32 war er am 5. Oktober, zehn Jahre später am 26. August. Seitdem hat er sich also weiter um
33 knapp vier Wochen nach vorn verschoben. Niemand weiß, wie weit er noch vorrücken darf -
34 bis zum tatsächlichen Kollaps der Erde.

35 IV. Das Datum des „Erdüberlastungstags“ ermittelt das Global Footprint Network mithilfe
36 des ökologischen Fußabdrucks. Dieser ist die Fläche, die die Erde braucht, um den Lebensstil
37 und Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Einen ökologischen
38 Fußabdruck hinterlässt die Menschheit und auch jeder einzelne Mensch. Die Herstellung
39 einer Ware oder Nutzung einer Dienstleistung verbraucht eine bestimmte Menge Natur. Und
40 heute ist es den Experten durch moderne Technik wie Satelliten-Aufnahmen möglich, das
41 Angebot der Natur zu bestimmen. Außerdem gibt es für viele Flächen Schätzungen darüber,
42 wie produktiv sie sind.

43 V. Trotz Kritik des methodischen Vorgehens sind viele Umweltaktivisten und Wissenschaftler
44 darüber einig, dass es sich sowohl beim Fußabdruck als auch beim Erdüberlastungstag um
45 ein gutes Kommunikations- und Bildungsinstrument handelt. Denn damit können auch sehr
46 komplexe Zusammenhänge sehr einfach und verständlich dargestellt werden.
47 Daniel Fischer, Juniorprofessor für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Universität
48 Lüneburg sagt, dass der ökologische Fußabdruck abstrakte Ideen wie Ressourcennutzung
49 oder Regenerationsfähigkeit kommunizierbar macht. Aber der ökologische Fußabdruck sagt
50 nichts darüber aus, wie Gift oder Radioaktivität die Umwelt belasten.
51 VI. Für den ökologischen Fußabdruck interessieren sich auffällig viele Jugendliche, die sich
52 Sorgen darüber machen, welche Welt ihre Eltern ihnen hinterlassen werden. Doch die
53 schädlichen Auswirkungen unserer Aktivitäten auf die Umwelt lassen sich reduzieren. So
54 rechnet das Global Footprint Network vor, wie wir den Erdüberlastungstag auf ein späteres
55 Datum im Jahr verschieben können: Halbiert man die Autofahrten weltweit um die Hälfte,
56 indem man statt Autos öffentliche Verkehrsmittel und das Rad benutzt oder läuft, kann man
57 zwölf Tage gewinnen. Wenn die CO2-Emissionen um die Hälfte vermindert werden, ist der
58 Erdüberlastungstag sogar 93 Tage später. Halbiert man die Lebensmittelverschwendung,
59 bringt das auch noch elf Tage. Allein jeder Deutsche wirft jedes Jahr etwa 85 Kilo
60 Lebensmittel weg, weltweit landen jedes Jahr nach Angaben der UN unglaubliche 1,3
61 Milliarden Tonnen im Müll. Dazu kommt, was auf dem Feld liegen bleibt, weil es zum
62 Beispiel nicht die Standards der Supermärkte erfüllt.

63 VII. Aber lässt sich der Tag der Erdüberlastung wirklich so genau berechnen? „Das sind
64 wissenschaftlich belastbare Durchschnittswerte“, erklärt Roland Grammling von der
65 Umweltorganisation WWF. Am Ende käme es allerdings „auch gar nicht auf die letzte Zahl
66 hinter dem Komma an.“ Der Erdüberlastungstag sei ein Appell: „Wir müssen uns mehr um
67 eine gesunde, stabile Umwelt kümmern.“ Das würden schließlich auch dieser Dürresommer
68 und die seit Jahren zu trockenen Frühjahre beweisen, unter denen Landwirte, Tiere, Fische
69 und Pflanzen derzeit leiden.

763 Wörter, 5517 ohne Leerzeichen, 70 Zeilen, nach einem Artikel aus Süddeutsche Zeitung
(verändert), September2018

Worterklärungen

Fischgründe: Gewässer mit vielen Fischen