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Universität Mannheim

Deutsche Sprachprüfung
für den Hochschulzugang ausländischer Studienbewerber
(DSH)

Leseverstehen (Bearbeitungszeit: 60 Minuten)

Kitzeln: schön und schrecklich zugleich

1 I. Der Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin hat beobachtet, dass nicht nur
2 Menschen kitzelig sind, sondern auch Tiere. Doch bis heute ist Wissenschaftlern das
3 merkwürdige Verhalten von gekitzelten Lebewesen – egal ob Mensch oder Tier – ein Rätsel.
4 Warum ist Kitzeln schön und schrecklich zugleich? Es ist seltsam, dass Gekitzelte heftige
5 Abwehrbewegungen machen und oft einen gequälten Gesichtsausdruck haben, während sie
6 lachen. Und warum funktioniert Kitzeln nur, wenn alle Beteiligten gute Laune haben?

7 II. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Ratten. Das haben zwei Biologen von
8 der Humboldt-Universität in Berlin kürzlich entdeckt. Ihre Experimente zeigen, dass die Tiere
9 nur lachen, wenn sie entspannt sind und keine Angst haben. Ratten können sich
10 kaputtlachen, wenn sie gekitzelt werden – allerdings in einem für Menschen nicht hörbaren
11 Ultraschallbereich. Am meisten müssen sie lachen, wenn sie am Bauch gekitzelt werden. Ein
12 Experiment zeigte, dass es ihnen so gut gefiel, dass sie immer wieder große, von lautem
13 Gelächter begleitete Freudensprünge machten. Wenn man aufhörte, jagten die Tiere hinter
14 der Hand her, die sie gekitzelt hatte. Es wirkte wie eine Aufforderung weiterzumachen.
15 Wissenschaftler haben entdeckt, dass es bei Menschen wie bei Tieren Individuen gibt, die
16 schon bei der leichtesten Berührung anfangen zu lachen, während andere überhaupt nicht
17 kitzelig sind. Grundsätzlich sind sowohl Ratten- als auch Menschenkinder kitzliger als
18 Erwachsene. Die vielen Parallelen sind ein Hinweis darauf, dass Kitzligkeit schon früh in der
19 Evolution entstanden ist.

20 III. Die Frage ist nur: Warum? Welchen evolutionären Vorteil hat es, kitzlig zu sein? Eine
21 Theorie ist, dass durch Kitzligkeit verwundbare Körperregionen im Kampf automatisch
22 besser geschützt werden. Dazu passt, dass die empfindliche Bauchregion besonders kitzlig
23 ist. Auch die Abwehrbewegungen der Kitzelopfer ergeben in diesem Zusammenhang Sinn.
24 Unlogisch ist dagegen, dass die Hände, die ja in solchen Kämpfen stark exponiert sind, nicht
25 kitzlig sind, die Füße dagegen schon, obwohl sie eigentlich weniger gefährdet sind. Auch das
26 explosionsartige Lachen kann so nicht erklärt werden. Das könnte eine andere Theorie
27 schaffen, wonach das gemeinsame Lachen bei Kitzelspielen eine soziale Funktion hat und
28 zum Beispiel die Bindung zwischen Eltern und Kindern stärkt. Ein Anhänger dieser Erklärung
29 ist der amerikanische Neurologe Robert R. Provine: „Für Kleinkinder, die noch nicht sprechen
30 können, sind Kitzeln und das dazugehörige Lachen eine gelungene Einführung in soziale
31 Beziehungen.“
32 Eine dritte Theorie besagt, dass Kitzelspiele eine Art Trainingsprogramm für den harten
33 Kampf ums Überleben sind. Das Lachen soll den Kitzelangreifer motivieren, weiterzumachen,
34 obwohl das Opfer sich wehrt. Die negativen Gefühle, die der Gekitzelte hat – obwohl er lacht
35 – bewirken, dass er wichtige Abwehrtechniken lernt.

36 IV. Ebenfalls wenig erforscht sind die neuronalen Mechanismen der Kitzligkeit. Es ist nicht
37 einmal bekannt, ob die Schmerzrezeptoren der Haut, die Tastrezeptoren oder beide
38 gemeinsam den Kitzelreiz aufnehmen und weiterleiten. Die Dichte der Rezeptoren sagt
39 jedenfalls nichts darüber aus, wie kitzlig eine Körperstelle ist: Zum Beispiel gibt es an den
40 Fingerkuppen mehr Rezeptoren als auf den Fußsohlen. Trotzdem sind die meisten Menschen
41 an den Füßen kitzliger. Auch die Tatsache, dass Patienten, die keinen Schmerz empfinden,
42 durchaus kitzlig sein können, spricht dafür, dass der Reiz auf verschiedenen Wegen an das
43 Gehirn weitergeleitet wird.

44 V. Viele Forscher sind der Ansicht, dass Kitzligkeit sowohl bei Tieren als auch beim Menschen
45 „nur“ ein komplizierter Reflex ist. Diese Sichtweise wird durch ein Experiment gestützt, das
46 ein amerikanischer Psychologe in den 1940er-Jahren mit zwei seiner eigenen Kinder
47 gemacht hat. Von ihrer Geburt an kitzelte er beide Babys, ohne selbst Emotionen zu zeigen.
48 Dabei trug er eine Maske vor dem Gesicht, um zu verhindern, dass die Kinder das Gekitzel
49 irgendwie mit Lachen und guter Laune in Verbindung bringen konnten. Obwohl sie sich diese
50 Reaktion also nirgends abschauen konnten, reagierten beide Babys mit Gekicher und
51 Lachen, sobald sie sieben Monate alt waren.

52 VI. Es gibt aber noch eine ganz andere Erklärung, die besagt, dass Kitzligkeit viel komplexer
53 ist als ein reiner Reflex. Es hat mit dem Stillen eines Babys zu tun. Eine Mutter will nicht
54 mehr stillen, aber das Baby will trinken. Sie versucht dem Kind freundlich klarzumachen, dass
55 jetzt Schluss ist und fängt an zu kitzeln. Damit will sie signalisieren, dass sie das Kind liebt,
56 aber ihre Ruhe haben will. Das Kind empfindet Liebe und Aggression zugleich; es will hin zur
57 Mutter, aber auch weg von der unangenehmen Kitzelei. Diese zwiespältigen Gefühle führen
58 zu einer Art Explosion, bei der das Kind in unkontrolliertes Gelächter ausbricht. Auf diese
59 Weise soll das erste menschliche Gelächter entstanden sein. Kitzellachen ist das Urlachen.

724 Wörter, 4965 Zeichen mit Leerzeichen, 62 Zeilen nach einem Artikel aus der SZ von Tina
Baier (geändert) 18./19.2.17

Worterklärungen

neuronal: das Nervensystem betreffend


der Rezeptor: ein Sensor

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