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Ro-Gedicht-Auswahl 23.08.

2016 Freu dich an Hatz und Schmatz und Spatz,


Abermals ein Jubiläum An Unzucht oder Kaffeebohnen.
Laßt uns, ihr Freunde, ohne viel Geschrei  
Dem nächsten Jubeltag entgegengehen! Doch sollte etwas in dir wohnen,
Die Hälfte unseres Lebens ist vorbei. Bewirkend, daß du mich verstehst
Nun gilt es noch, den Rest zu überstehen. Und lachst und dankbar weitergehst
Und dennoch etwas Bessres weißt,
Nichts gleicht dem vielgeschmähten Jugendrausch! Dann glaub ich, daß du richtig reist.
Und Lob des Alters – nichts wie saure Trauben.
Vernunft und Reife? Brüder, welch ein Tausch, Joachim Ringelnatz
Wenn man bedenkt, was uns die Jahre rauben. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Der Adler, er verlor die kühnen Schwingen. An meine Kollegen


Der Schmetterling, er wurde korpulent. Liebe Freunde, wenn wir weiter reisen
Die Nachtigall, sie hörte auf zu singen. Wie bisher auf redlichen Geleisen,
Der Löwe? Macht nun brav sein Testament. Daß die Freundschaft uns am höchsten steht,
Ach, dann werden wir etwas erleben, –
Die Jahre ziehn, ein müdes graues Heer. Was auch immer sich begeben
Und damals, das ist lange, lange her … Mag – etwas, was nie vergeht.
Weil alles so vergeht, was dich einst freute
Jeder soll sein Schlechtes unterdrücken.
Und was dir wehgetan: Trink deinen Wein! Jeder soll sich für den andern bücken.
Was gestern morgen war, ist heute heute. Achtmal Freude minus achtmal Leid.
Was heute heute ist, wird morgen gestern sein. Jeder sorge, daß er nichts bereue.
Denn fürs Alter sammeln wir das Neue. –
Prägt euch das ein.
Und ich dank euch, daß ihr mit mir seid.
Mascha Kaléko, 1907 – 1975
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Joachim Ringelnatz
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„Der Kaiser ist ja nackt!“
Auch jenes Kind sprach “ungefragt”, Spruch in der Silvesternacht
wie mancher, der die Wahrheit sagt; Man soll das Jahr nicht mit Programmen
doch Leisetreter kriechen leider beladen wie ein krankes Pferd.
in jedes Kaisers “neue Kleider”. Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.
Mascha Kaléko, 1907 – 1975  
Aus: Mein Lied geht weiter Je üppiger die Pläne blühen,
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
Antwort an einen Kollegen und schließlich hat man den Salat!
Ob du Artist, ob du Franz Liszt,  
Ein Christ, ein Mist, ein sonst was bist, — Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Bezweifle es. Und dir zum Heil Es nützt nichts, und es schadet bloß,
Bezweifle auch das Gegenteil. sich tausend Dinge vorzunehmen.
  Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!
Was dir die Ideale nimmt,
Der Satz: daß nichts, was zutrifft, trifft, Erich Kästner
(Ein Satz, der darum selbst nicht stimmt) ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Ist nur für Überlegene Gift.
  Es lohnt sich doch
Doch hüte dich, an diesen Satz Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein
Zu glauben, gar ihn zu betonen. Und alles auf das Einfachste zu schrauben,
Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn, Von Grund der Seelen hold,
Daß andere ganz anders als wir glauben. Ich lieb' euch mehr, ihr Brüder,
Als aller Erden Gold.
Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur
Bedeutete im guten und im bösen, Simon Dach (1605-1659)
Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.  
Einen Menschen wissen ...
Joachim Ringelnatz Einen Menschen wissen,
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ der dich ganz versteht,
der in Bitternissen
Lied der Freundschaft immer zu dir steht,
Der Mensch hat nichts so eigen, der auch deine Schwächen liebt
So wohl steht ihm nichts an, weil du bist sein;
Als dass er Treu erzeigen dann mag alles brechen
und Freundschaft halten kann; du bist nie allein.
Wann er mit seinesgleichen
Soll treten in ein Band, Marie Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Verspricht sich nicht zu weichen, ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mit Herzen, Mund und Hand.
Vom Verschwinden der Gegenwart
Die Red' ist uns gegeben, Wo las ich es –
Damit wir nicht allein dass wir zu schnell sind.
Für uns nur sollen leben Den Dingen voraus
Und fern von Leuten sein; die nach uns kommen werden.
Wir sollen uns befragen Zu schnell
Und sehn auf guten Rat, für das Jetzt.
Das Leid einander klagen,
So uns betreten hat. Abends bestehen wir
nur noch aus Sätzen
Was kann die Freude machen, im Perfekt
Die Einsamkeit verhehlt?
Das gibt ein doppelt Lachen, Was schnell ist
Was Freunden wird erzählt. ist auch schnell nicht mehr
Der kann sein Leid vergessen, liegt hinter uns
Der es von Herzen sagt; entfernt sich
Der muss sich selbst zerfressen, macht sich klein
Der in geheim sich nagt.
das Kindsein
Gott stehet mir vor allen, Mutter Vater
Die meine Seele liebt; alles wird unsichtbar
Dann soll mir auch gefallen, Häuser und Straßen
Der mir sehr herzlich gibt; und Unvergesslich Genanntes
Mit diesen Bundsgesellen
Verlach' ich Pein und Not, Langsam möchte ich sein
Geh' auf den Grund der Höllen deutlich und langsam
Und breche durch den Tod. ein endloser Augenblick

Ich hab', ich habe Herzen JETZT


So treue, wie gebührt,
Die Heuchelei und Schmerzen Sigrid Grabert, geb. 1950
Nie wissentlich berührt; ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Ich bin auch ihnen wieder
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht


Und leistet dann recht gern Verzicht.

Joachim Ringelnatz
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Der Salto
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Eugen Roth