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Performative und konstatierende Äußerung    163

J.L. Austin

Performative und konstatierende Äußerung

Man kann leicht eine Vorstellung von der „performativen Äußerung“ gewin-
nen, obgleich dieser Ausdruck, wie mir wohl bewußt ist, weder in der deutschen
noch in irgendeiner anderen Sprache existiert. Der Begriff ist eingeführt worden,
um einen Gegensatz zur behauptenden oder, besser gesagt, konstatierenden Äu-
ßerung zu bezeichnen. Und das ist auch schon der Punkt, wo meine Frage an-
setzt. Müssen wir diese Antithese Performativ-Konstatierend hinnehmen?
Die konstatierende Äußerung, unter dem bei Philosophen so beliebten
Namen der Aussage, hat die Eigenschaft, wahr oder falsch zu sein. Demge-
genüber kann die performative Äußerung niemals eins von beiden sein, sie
hat vielmehr eine eigene Funktion: sie wird zum Vollzug einer Handlung ge-
braucht. Eine solche Äußerung tun, ist die Handlung vollziehen, eine Hand-
lung, die man vielleicht kaum, zumindest nicht mit gleicher Präzision, auf
andere Weise vollziehen könnte. Hier einige Beispiele:

Ich taufe dieses Schiff „Freiheit“.


Ich bitte um Entschuldigung.
Ich heiße Sie willkommen.
Ich rate Ihnen, das zu tun.

Derartige Äußerungen begegnen uns ständig. Man findet sie beispielsweise


stets bei Urkunden in den „operativen“ Klauseln, wie es im juristischen Eng-
lisch heißt. (Es handelt sich um die Wendungen, in denen der juristische Akt
eigentlich vollzogen wird, im Gegensatz zu denjenigen – der sog. Präambel
–, welche die näheren Umstände der Rechtshandlung angeben.) Ersichtlich
sind viele dieser Äußerungen für den Philosophen von Interesse. Wenn man
sagt „Ich verspreche, zu ...“, also nach unserer Terminologie die performative
Äußerung tut, dann ist eben dies der Akt des Versprechens, ein Akt, der nichts
Mysteriöses an sich hat, wie man sieht. Es scheint sogleich ganz offenkundig,
daß eine Äußerung dieser Art nicht wahr oder falsch sein kann – nicht sein
kann, sage ich, weil sie durchaus implizieren oder mitmeinen kann, daß an-
dere Sätze wahr oder falsch sind, aber das ist, wenn ich nicht irre, ­etwas ganz
anderes.
Allerdings ist die performative Äußerung nicht von jeder Kritik ausge-
nommen; vielmehr läßt sie sich durchaus kritisieren, freilich in einer Dimen-

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sion, die von der des Wahren und Falschen vollkommen verschieden ist. Die
performative Äußerung muß in einer in jeder Hinsicht der fraglichen Hand-
lung angemessenen Situation vorgebracht werden; erfüllt der Sprecher nicht
die für den Vollzug erforderlichen Bedingungen, und es gibt deren nicht
­wenige, so mißlingt seine Äußerung oder „verunglückt“, wie wir allgemein
sagen wollen.
Zunächst einmal kann unsere performative Äußerung wie jedes andere
Ritual, jede Zeremonie „null und nichtig“ sein, um mit den Juristen zu spre-
chen. Wenn etwa der Redner nicht in der Lage ist, einen derartigen Akt zu
vollziehen, oder wenn der Gegenstand, in bezug auf den er ihn zu vollziehen
vorgibt, dafür ungeeignet ist, dann gelingt es ihm nicht, einfach durch Aus-
sprechen der Wendung den gemeinten Akt zu vollziehen. Der Bigamist ist so
nicht schon neu verheiratet, sondern hat sich nur der Form einer zweiten
Eheschließung unterzogen. Ein Schiff vermag der nicht zu taufen, der nicht
die eigens dazu autorisierte Person ist. Auch wird es mir kaum gelingen, Pin-
guine zu taufen, da diese Lebewesen für ein solches Unternehmen nicht vor-
gesehen sind.
Zum anderen kann eine performative Äußerung, auch ohne nichtig zu
sein, noch auf andere Weise mißglücken, wenn sie nämlich unaufrichtig vor-
getragen wird. Sage ich „Ich verspreche ...“, und habe nicht die geringste
Ab­sicht, das Versprochene auch zu tun, vielleicht nicht einmal die Überzeu-
gung, daß die Erfüllung in meiner Macht liegt, dann ist das Versprechen leer.
Man hat es zwar gemacht, aber die Sache behält etwas „Unglückliches“: ich
habe die Formel mißbraucht.
Nehmen wir einmal an, unsere Handlung sei vollzogen, alles sei normal
verlaufen und, wenn Sie wollen, auch aufrichtig. In diesem Falle ist die per-
formative Äußerung für gewöhnlich „wirksam“. Ich meine damit nicht, daß
ein soundso bestimmtes, zukünftiges Ereignis als Wirkung dieser verursa-
chenden Handlung eintritt oder eintreten wird. Vielmehr ist gemeint, daß als
Folge der vollführten Handlung ein soundso bestimmtes, zukünftiges Ereig-
nis, falls es eintritt, in Ordnung sein wird und die und die anderen Ereignisse,
falls sie eintreten, nicht in Ordnung sein werden. Wenn ich gesagt habe „Ich
verspreche“, dann ist es nicht in Ordnung, wenn ich mein Wort nicht halte.
Wenn ich gesagt habe „Ich heiße Sie willkommen“, dann ist es nicht in Ord-
nung, wenn ich Sie daraufhin wie einen Feind oder Eindringling behandle. In
diesem Sinne sprechen wir, selbst wenn die performative Äußerung wirksam
geworden ist, noch von einer dritten Weise möglichen Mißlingens, die wir
„Bruch der Verpflichtung“ nennen wollen. Dabei sei angemerkt, daß Ver-
pflichtungen mehr oder weniger vage sein können und uns in höchst unter-
schiedlichem Maße binden.

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Wir haben also drei Arten des Mißlingens, die zur performativen Äuße-
rung gehören. Nun kann man eine ganze Klassifikation solchen Mißlingens
aufstellen; es muß freilich zugegeben werden, – was sich nahezu von selbst
versteht – daß die Abgrenzungen nicht immer scharf sein können und Über-
schneidungen kaum zu vermeiden sind. Hinzu kommt, daß, was wir perfor-
mativ nannten, Handlung und Äußerung zugleich ist, und also bedauer­
licherweise den Maßstäben, die man an alle Arten von Handlungen bzw. von
Äußerungen im allgemeinen legt, nicht stets genügen wird. Zum Beispiel
kann die performative Äußerung erzwungen oder zufällig vorgebracht wer-
den; sie kann syntaktische Mängel aufweisen oder Mißverständnissen unter-
liegen; sie kann in Zusammenhängen auftreten, wo sie nicht im Ernst gilt, in
einem Theaterstück etwa oder einem Gedicht. All das lassen wir beiseite und
behalten nur die spezifischeren Formen des Mißlingens performativer Äuße-
rung im Gedächtnis, nämlich die Nichtigkeit, den Mißbrauch oder Mangel
an Aufrichtigkeit und den Bruch der Verpflichtung.
Nun, da wir uns eine Vorstellung von der performativen Äußerung gebildet
haben, hegen wir natürlich die Hoffnung, auch ein Kriterium, sei es in der
Grammatik oder im Vokabular, zu finden, das für jeden Fall die Frage zu be-
antworten gestattet, ob eine bestimmte Äußerung performativ ist oder nicht.
Indes ist diese Hoffnung übertrieben und wird sich kaum erfüllen lassen.
Zwar ist es wahr, daß zwei „Normalformen“, wenn man so will, existie-
ren, in denen die performative Äußerung sich ausdrückt. Auf den ersten Blick
erscheinen beide, erstaunlich genug, wie konstatierende Äußerungen. Die
eine dieser Normalformen ist diejenige, die ich schon bei der Bildung meiner
Beispiele gebraucht habe: die Äußerung beginnt mit einem Verb in der ersten
Person Singular des Präsens Indikativ Aktiv, z.B. „Ich verspreche, zu ...“ Die
andere Form, die ganz gleichwertig ist, aber häufiger in Äußerungen schrift-
licher Art vorkommt, verwendet im Gegensatz dazu ein Verb im Passiv und
in der zweiten oder dritten Person des Präsens Indikativ, z.B. „Die Reisenden
werden gebeten, beim Überqueren der Gleise die Fußgängerbrücke zu benut-
zen“. Wenn man zweifelt – was mitunter geschehen kann –, ob irgendeine
Äußerung dieser Form performativ oder konstatierend ist, so läßt sich der
Fall dadurch entscheiden, daß man versucht, das Wörtchen „hiermit“ oder
etwas Vergleichbares einzusetzen.
Bei der Prüfung von Äußerungen, die man für performativ halten könnte,
bedient man sich einer wohlbekannten Asymmetrie, die bei sogenannten „ex-
plizit performativen“ Verben zwischen der ersten Person Singular Präsens
Indikativ Aktiv und den übrigen Personen und Zeiten desselben Verbs vor-
liegt. „Ich verspreche“ ist eine Formel, die zum Vollzug des Aktes eines Ver-
sprechens benutzt wird, wogegen „Ich versprach“ oder „Er verspricht“ Aus-

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drücke sind, die nur zur Beschreibung oder Wiedergabe eines Versprechens-
aktes gebraucht werden, nicht aber zu seinem Vollzug.
Freilich ist es keineswegs notwendig, daß eine Äußerung, soll sie perfor-
mativ sein, in einer dieser sogenannten Normalformen ausgedrückt wird.
„Schließ die Tür“ ist offenbar ebenso performativ, ebenso Vollzug eines Ak-
tes wie „Ich befehle Dir, die Tür zu schließen“. Sogar das Wort „Hund“ kann
manchmal für sich allein (zumindest in England, wo man praktisch und
­weniger umständlich ist) an die Stelle einer ausgeführten und förmlichen,
performativen Äußerung treten; mit diesem kleinen Wort vollzieht man
denselben Akt wir mit der Wendung „Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß
der Hund im Begriff ist, uns anzugreifen“, oder auch „Fremde werden darauf
hingewiesen, daß es hier einen bissigen Hund gibt“. Um unsere Äußerung
performativ zu machen, und zwar ganz eindeutig, können wir anstelle der
ausführlichen Formel eine ganze Reihe schlichterer Kunstgriffe anwenden, die
Intonation etwa oder die Gebärde. Darüber hinaus vermag im besonderen der
Zusammenhang, in dem die Worte geäußert werden, klar zu machen, wie sie
zu verstehen sind, als eine Beschreibung z.B. oder als Warnung. Ist „Hund“
eine Angabe zur lokalen Fauna? Diese Frage stellt sich im konkreten Zusam-
menhang, etwa angesichts einer Aufschrift am Hoftor, überhaupt nicht.
Alles, was man wirklich sagen kann, ist, daß unsere explizite, performa-
tive Formel („Ich verspreche..., Ich befehle Ihnen ...“ usw.) nur dazu dient,
explizit und gleichzeitig deutlicher zu machen, welchen Akt man beim Aus-
sprechen der Wendung zu vollziehen gedenkt. Ich sage „explizit machen“
und das ist keineswegs dasselbe wie aussagen. Ich verbeuge mich z.B. vor
Ihnen, ziehe meinen Hut oder sage auch „Salaam“; dann ist sicher, daß ich
Ihnen Ehrerbietung bezeuge und nicht etwa gymnastische Übungen treibe.
­Jedoch stellt das Wort „Salaam“ keineswegs, ebensowenig wie der Griff nach
dem Hut, eine Aussage darüber dar, daß ich Sie begrüße. Auf dieselbe Weise
macht unsere Formel das Vorbringen der Äußerung selbst zu dem Akt, der
statt hat, ohne das eigens auszusagen.
Die anderen Ausdrucksweisen, die keine explizite, performative Formel
enthalten, werden primitiver und ungenauer sein, ja sogar recht vage. Wenn
ich einfach sage „Ich werde dort sein“, so wird man den Worten allein kaum
entnehmen, ob ich eine Verpflichtung eingehe oder eine Absicht bekunde
oder eine fatalistische Voraussage mache. Man kann sich vorstellen, daß die
präzisen Formeln eine verhältnismäßig späte Erscheinung in der Entwick-
lung der Sprache bilden und mit der Entwicklung komplizierterer Formen
der Gesellschaft und Wissenschaft Hand in Hand gehen.
Demnach dürfen wir kein rein verbales Kriterium des Performativen er-
warten. Gleichwohl können wir hoffen, daß jede Äußerung, die in der Tat

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performativ ist, sich (in irgendeinem Sinne des Wortes) auf eine Äußerung in
der einen oder der anderen unserer Normalformen zurückführen lassen wird.
Weiterhin wären wir mit Hilfe eines Wörterbuchs imstande, eine Liste all der
Verben aufzustellen, die in einer unserer expliziten Formeln auftreten kön-
nen. Damit würden wir zu einer nützlichen Einteilung all der Verschieden-
heiten von Akten gelangen, die wir vollziehen, wenn wir etwas sagen (zumin-
dest in einem Sinne dieses mehrdeutigen Ausdrucks).
Wir haben uns also eine Vorstellung von der performativen Äußerung,
ihrem Mißlingen und ihren expliziten Formeln verschafft. Allerdings haben
wir die ganze Zeit so getan, als müsse jede Äußerung entweder konstatierend
oder performativ ein, und als sei jedenfalls klar und vertraut, was hier „kons-
tatierend“ heißt. Dem ist freilich nicht so.
Zunächst stellen wir fest, daß eine Äußerung, die zweifelsfrei die Aussage
eines Faktums und mithin konstatierend ist, auf mehr als bloß eine Weise da-
nebengehen kann. Sie kann natürlich falsch sein, aber sie kann auch absurd
sein und zwar nicht notwendig auf eine so handgreifliche Weise wie bei gram-
matischen Fehlern. Ich möchte drei ein wenig subtilere Arten von ­Absurdität
näher ins Auge fassen, von denen zwei erst kürzlich aufgedeckt worden sind.
1. Jemand sagt: „Alle Kinder von Hans sind kahlköpfig, aber (oder: und)
Hans hat gar keine Kinder“. Oder er sagt einfach: „Alle Kinder von Hans
sind kahlköpfig“, wenn Hans in Wirklichkeit keine Kinder hat.
2. Jemand sagt: „Die Katze ist auf der Matratze, aber (oder: und) ich
glaube nicht, daß sie dort ist“. Oder er sagt: „Die Katze ist auf der Matratze“,
wenn er in Wirklichkeit nicht glaubt, daß sie dort ist.
3. Jemand sagt: „Alle Gäste sind Franzosen, und einige unter ihnen sind es
nicht“. Oder er sagt vielleicht: „Alle Gäste sind Franzosen“ und sagt dann
später „Einige Gäste sind keine Franzosen“.
In allen diesen Fällen empfindet man eine gewisse Anstößigkeit und wir
können versuchen, das Empfinden jeweils mit Hilfe ein und desselben Wortes:
„Implikation“ zu artikulieren, oder auch mit dem Terminus des „Wider-
spruchs“, der stets als besonders handlich gilt. Aber, wie ein englisches Sprich-
wort sagt, um die Katze zu töten, muß man sie nicht gleich in Butter ersäufen;
ebenso bedarf es nicht immer gleich des Widerspruchs, um der Sprache Ge-
walt anzutun.
Wir wollen die drei Ausdrücke „voraussetzen“, „zu verstehen geben“ und
„implizieren“ jeweils für einen unserer drei Fälle gebrauchen.
1. Nicht nur „Die Kinder von Hans sind kahlköpfig“, sondern gleicher-
maßen auch „Die Kinder von Hans sind nicht kahlköpfig“ setzt voraus, daß
Hans Kinder hat. Von diesen Kindern zu sprechen oder sich auf sie zu bezie-
hen setzt ihre Existenz voraus. Im Gegensatz dazu gibt „Die Katze ist nicht

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auf der Matratze“ durchaus nicht gleichermaßen wie „Die Katze ist auf der
Matratze“ zu verstehen, daß ich sie dort glaube. Und ähnlich impliziert „Kei-
ner der Gäste ist Franzose“ nicht ebenso wie „Alle Gäste sind Franzosen“,
daß es falsch ist, daß einige der Gäste keine Franzosen sind.
2. Wir können sehr wohl sagen „Es kann sein, daß die Katze auf der Ma-
tratze ist, und ich gleichzeitig nicht glaube, sie sei dort“. D.h. diese beiden
Sätze sind nicht im mindesten unverträglich, beide können zusammen wahr
sein. Unverträglich ist es jedoch, beide zu gleicher Zeit auszusagen; die
­Aussage, daß die Katze auf der Matratze ist, gibt zu verstehen, daß der Aus­
sagende dies glaubt. Demgegenüber könnte man nicht sagen „Es kann sein,
daß Hans keine Kinder hat, und zugleich, daß seine Kinder kahlköpfig sind“;
gerade so, wie wir nicht sagen könnten, „Es kann sein, daß gleichzeitig alle
Gäste Franzosen und einige von ihnen keine Franzosen sind“.
3. Wenn „Alle Gäste sind Franzosen“ impliziert „Es trifft nicht zu, daß
­einige Gäste keine Franzosen sind“, dann impliziert „Einige Gäste sind keine
Franzosen“ auch „Es trifft nicht zu, daß alle Gäste Franzosen sind“. Hier
handelt es sich um Verträglichkeit und Unverträglichkeit von Sätzen. Anders
steht es im Gegensatz dazu mit den Voraussetzungen: wenn „Die Kinder von
Hans sind kahlköpfig“ voraussetzt, daß Hans Kinder hat, so ist keineswegs
wahr, daß „Hans hat keine Kinder“ voraussetzt, daß die Kinder von Hans
nicht kahlköpfig sind. Und wenn „Die Katze ist auf der Matratze“ mitmeint
und zu verstehen gibt, daß ich dies glaube, so ist wiederum durchaus nicht
wahr, daß der Satz „Ich glaube nicht, daß die Katze auf der Matratze ist“ zu
verstehen gibt, daß die Katze nicht auf der Matratze liegt, jedenfalls nicht in
demselben Sinne. Wie man sieht, hat unser „zu verstehen geben“ nichts mit
der Unverträglichkeit von Sätzen zu tun.
Das sind also drei Möglichkeiten, wie eine Aussage danebengehen kann,
ohne deshalb falsch oder auch nur unverständlich sein zu müssen. Ich möchte
darauf aufmerksam machen, daß diesen drei Fällen drei Arten des Mißlin-
gens performativer Äußerungen entsprechen. Um den Vergleich zu ziehen,
wollen wir zunächst zwei performative Äußerungen einführen.
4. „Ich vermache Dir meine Uhr, aber (oder: und) ich habe keine Uhr.“
Oder jemand sagt etwa: „Ich vermache Dir meine Uhr“, wenn er gar keine
Uhr hat.
5. „Ich verspreche, dort zu sein, aber (oder: und) ich habe nicht die ­Absicht,
dort zu sein.“ Oder jemand sagt vielleicht: „Ich verspreche, dort zu sein“,
und hat gar nicht die Absicht, dort zu sein.
Wir vergleichen Fall 4 mit Fall 1, d.h. mit der Voraussetzung. Denn zu
­sagen „Ich vermache Dir meine Uhr“ oder „Ich vermache Dir meine Uhr
nicht“, setzt in beiden Fällen voraus, daß ich eine Uhr habe. Daß eine Uhr

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existiert, ist Voraussetzung des Sprechens über sie oder der Bezugnahme auf
sie, in der performativen Äußerung ebenso gut wie in der konstatierenden.
Und ebenso wie wir hier Gebrauch machen können vom Begriff der „Voraus-
setzung“, der in der Lehre von der konstatierenden Äußerung vorkommt, so
können wir auch den Begriff der „Nichtigkeit“ aus der Lehre vom Mißlingen
performativer Äußerungen entlehnen und an dieser Stelle übernehmen. Die
Aussage hinsichtlich der Kinder von Hans ist, wie wir sagen dürfen, „nichtig
aus Mangel an Bezugsobjekten“, was Juristen genau so von dem vorgeb­
lichen Vermächtnis einer Uhr sagen würden. Damit haben wir einen ersten
Fall, wo eine Schwierigkeit, die Aussagen anhaftet, sich als identisch mit
­einem für performative Äußerungen typischen Mißlingen erweist.
Wir vergleichen weiterhin Fall 5 mit Fall 2, d.h. dem Fall, wo man etwas
„zu verstehen gibt“. Geradeso wie meine Aussage, die Katze sei auf der
­Matratze, zu verstehen gibt, daß ich das glaube, gibt die Äußerung meines
Versprechens, dort zu sein, zu verstehen, daß ich dies beabsichtige. Das Ver-
fahren der Behauptung ist für diejenigen bestimmt, die wirklich glauben, was
sie sagen, so wie das Verfahren des Versprechens Leuten mit einer bestimm-
ten Absicht vorbehalten ist, nämlich der Absicht, das zu tun, was sie jeweils
versprechen. Wenn wir nicht den mit dem Inhalt unserer Äußerung überein-
stimmenden Glauben oder die entsprechende Absicht haben, dann liegt in
jedem Falle ein Mangel an Aufrichtigkeit und ein Mißbrauch des Verfahrens
vor. Wenn wir zusammen mit der Aussage oder dem Versprechen im gleichen
Atemzug ankündigen, daß wir es nicht glauben und nicht vorhaben, dann
annulliert sozusagen die Äußerung sich selber. Daher stammt auch der An-
stoß, den wir gefühlsmäßig daran nehmen. Ein weiteres Beispiel also, wo eine
den Aussagen eigentümliche Schwierigkeit identisch ist mit einer Art des
Mißlingens, das performativen Äußerungen widerfährt.
Kehren wir nun zu Fall 3 zurück und der Frage der Implikation von Aussa-
gen; gibt es möglicherweise auch dazu eine Analogie unter den performativen
Äußerungen? Wenn ich z.B. die Aussage mache „Alle Gäste sind Franzosen“,
verpflichte ich mich dann nicht auf eine mehr oder weniger zwingende Art und
Weise zu einem soundso bestimmten, zukünftigen Verhalten, und zwar beson-
ders hinsichtlich der Aussagen, die ich machen werde? Würde ich in der Folge
Dinge behaupten, die mit meiner Äußerung, daß nämlich alle Gäste Franzosen
sind, unverträglich wären, so stellte das einen Bruch der Verpflichtung dar,
recht gut vergleichbar dem Bruch, den ich begehe, wenn ich sage „Ich heiße Sie
willkommen“ und Sie dann wie einen Fremden oder Eindringling behandle;
besser noch trifft vielleicht der Vergleich mit dem Bruch, dessen man sich schul-
dig macht, wenn man sagt „Ich definiere das Wort so“ (eine performative Äu-
ßerung) und daraufhin das Wort in anderem Sinne gebraucht.

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Demnach scheint mir die konstatierende Äußerung ganz und gar ebenso
anfällig für Formen des Mißlingens zu sein wie die performative Äußerung
und zwar nahezu für dieselben. Im übrigen können wir uns der Liste von
Formen des Mißlingens, die für performative Fälle aufgestellt wurde, als
eines Schlüssels zu der Frage bedienen, ob im Falle von Aussagen nicht noch
mehr Formen des Mißlingens außer den drei erwähnten vorkommen. Bei-
spielsweise geschieht es häufig, daß eine performative Äußerung nichtig ist,
weil der Redner nicht in der Lage ist oder nicht den Status besitzt, den Akt zu
vollziehen, den zu vollziehen er vorgibt. So hat es keinen Zweck zu sagen
„Ich befehle Ihnen ...“, wenn ich Ihnen gegenüber dazu nicht autorisiert bin;
ich kann Ihnen gar nichts befehlen, meine Äußerung ist nichtig, der Akt nur
prätendiert. Nun herrscht bekanntlich der Eindruck vor, daß die Dinge bei
einer Aussage, also einer konstatierenden Äußerung ganz anders lägen. Jeder
Beliebige kann alles Beliebige aussagen. Und wenn er falsch informiert ist? Je
nun, man kann sich irren, das ist alles. Wir genießen doch Meinungsfreiheit
und auszusagen, was falsch ist, zählt zu den Menschenrechten. Allerdings
kann dieser Eindruck zu Fehlschlüssen führen. Keine Erfahrung ist in Wahr-
heit alltäglicher, als daß man über irgendeine Sache absolut nichts aussagen
kann, weil man einfach nicht imstande ist, auch nur irgendeine Aussage zu
machen – und das aus mancherlei Gründen. In diesem Augenblick kann ich
nichts aussagen über die Zahl der im Nebenraum anwesenden Leute; ich bin
nicht dort gewesen, um mich zu vergewissern, ich habe nichts darüber festge-
stellt. Und wenn ich trotzdem sagte: „In diesem Augenblick sind fünfzig Per-
sonen im Raum nebenan“? Man würde mir vielleicht zugestehen, daß ich mit
dem Satz eine Vermutung ausgesprochen habe; aber man würde mir nicht
zugestehen, daß ich damit eine Aussage gemacht hätte, zumindest nicht ohne
hinzuzufügen: „aber er war dazu keineswegs berechtigt“. An diesem Punkte
aber trifft sich mein „Ich behaupte“ mit meinem „Ich befehle“, das, wie wir
uns erinnern, ohne jedes Recht zum Befehl ausgesprochen wurde. Ein wei-
teres Beispiel. Sie vertrauen mir an: „Ich langweile mich“, und ich erwidere
kühl: „Sie langweilen sich nicht“. Darauf Sie: „Was wollen Sie damit sagen,
daß ich mich nicht langweile? Was berechtigt Sie zu sagen, wie ich mich
fühle?“ Und ich: „Was heißt denn hier Berechtigung? Ich mache nur eine
Aussage über Ihre Gefühle und mehr nicht. Ich kann mich natürlich täu-
schen, aber was heißt das? Ich denke, man kann doch immer eine schlichte
Aussage machen, nicht wahr?“ Nein, das kann man nicht immer; für ge-
wöhnlich kann ich keine Aussage über Ihre Gefühl machen, sofern Sie sie mir
nicht mitgeteilt haben.
Bislang habe ich die Aufmerksamkeit auf zweierlei gerichtet: nämlich daß
es kein rein verbales Kriterium zur Unterscheidung zwischen performativen

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und konstatierenden Äußerungen gibt, und daß die konstatierende Äuße­rung


derselben Gefahr des Mißlingens ausgesetzt ist wie die performative. Nun
müssen wir uns aber fragen, ob das Vorbringen einer konstatierenden Äuße-
rung nicht schließlich auch der Vollzug eines Aktes ist, des Aussage­­­aktes
nämlich. Ist Aussagen im gleichen Sinne ein Akt wie Heiraten, Entschuldi-
gen, Wetten usw.? Ich kann dieser Frage hier nicht weiter nachgehen.
­Allerdings sieht man sogleich, daß die Formel „Ich sage aus“ oder „Ich be-
haupte“ der Formel „Ich mache aufmerksam auf...“ ganz ähnlich sieht, wo-
bei die letztere, wie wir sagen, dazu dient, explizit zu machen, welche Sprach-
handlung wir vollziehen. Deutlich ist weiterhin, daß man niemals auch nur
­irgendeine Äußerung vorbringen kann, ohne eine Sprachhandlung dieser Art
zu vollziehen. Was wir brauchen, ist wohl eine allgemeine Theorie dieser
Sprachhandlungen; und in einer solchen Theorie wird unser Gegensatz zwi-
schen performativen und konstatierenden Äußerungen allerdings kaum er-
halten bleiben.
An dieser Stelle muß noch kurz jene Faszination durch den Unterschied
von Wahr oder Falsch betrachtet werden, die da glaubt, er sei allein der Aus-
sage eigentümlich und müsse auf ein besonderes Podest erhoben werden.
Diesmal beginnen wir jedoch mit der performativen Äußerung: trifft es zu,
daß sich in ihr nichts der Wahrheit Analoges findet? Fürs erste ist klar, daß
eine solche Äußerung nicht jeder weiteren Kritik entzogen ist, wenn wir bloß
feststellen, sie sei nicht mißlungen, d.h. der Redner habe seinen Akt glücklich
und in aller Aufrichtigkeit vollzogen. Man kann sie stets noch in einer ande-
ren Dimension kritisieren.
Gesetzt den Fall, ich sage jemandem: „Ich rate Ihnen, das zu tun“, und
gesetzt auch, die Umstände wären angemessen, alle Bedingungen des Erfolges
gegeben. Indem ich so spreche, rate ich Ihnen in der Tat, es zu tun – und
­mache nicht etwa eine wahre oder falsche Aussage darüber, daß ich Ihnen
rate. Es handelt sich also um eine performative Äußerung. Gleichwohl stellt
sich noch eine kleine Frage: war der Rat gut oder schlecht? Zwar sprach ich
ganz aufrichtig; ich glaubte, es sei in Ihrem Interesse, so zu verfahren, wie ich
anriet; doch hatte ich Recht? War mein Glaube unter den gegebenen Umstän-
den zulässig? Und hat sich – obwohl dieser Punkt geringeres Gewicht hat –
im tatsächlichen Ablauf der Dinge herausgestellt, daß der Rat zu Ihrem Vor-
teil war? Meine Äußerung steht da der Situation gegenüber, in welcher und
in bezug auf welche sie formuliert worden ist. Ich war wohl berechtigt, aber
war ich auch im Recht?
Zahlreiche andere Äußerungen, die ein unbestreitbar performatives Aus-
sehen haben, sind dieser zweiten Kritik ausgesetzt. Man mag auf korrekte
Weise und in gutem Glauben zu dem Urteil gekommen sein, das den Ange-

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klagten schuldig spricht; es bleibt dennoch offen, ob das Urteil gerecht oder
angemessen war. Man mag das Recht zu einem Tadel gehabt und ihn ohne
Böswilligkeit ausgesprochen haben, aber man kann sich immer noch fragen,
ob der Tadel verdient war. Wiederum eine Konfrontation mit den Tatsachen,
einschließlich der Umstände des Anlasses zu dem Ausspruch. Daß nicht alle
performativen Äußerungen ohne jede Ausnahme dieser quasi-objektiven Be-
wertung unterliegen, die zudem hier recht unbestimmt und vielförmig blei-
ben muß, ist damit gar nicht ausgeschlossen.
Mancher wird freilich gegen jeden Vergleich zwischen dieser zweiten Beur-
teilung und der den Aussagen zukommenden Beurteilung Folgendes einwen-
den wollen: Diese Fragen des Guten, Gerechten oder Verdienten sind doch
völlig verschieden von der Frage nach Wahrheit und Falschheit! Das letztere ist
eine so einfache Angelegenheit wie Schwarz und Weiß: entweder entspricht die
Äußerung den Tatsachen, oder sie entspricht ihnen nicht, und das ist alles.
Was mich betrifft, so halte ich das nicht für richtig. Selbst wenn eine wohl-
definierte Klasse von Aussagen existiert, auf die wir uns beschränken kön-
nen, so wird die Klasse immer noch ziemlich umfangreich sein. In dieser
Klasse werden sich die folgenden Aussagen finden:

Frankreich ist sechseckig.


Lord Raglan gewann die Schlacht bei Alma.
Oxford ist 60 Meilen von London entfernt.

Es ist wahr, daß man bei jeder dieser Aussagen die Frage „wahr oder falsch“
stellen kann. Aber nur in besonders günstigen Fällen dürfen wir ein für alle-
mal die Antwort „Ja“ oder „Nein“ erwarten. Wenn die Frage gestellt wird,
­versteht es sich, daß die Äußerung in der einen oder anderen Weise mit den
Tatsachen konfrontiert werden muß. Schön und gut. Konfrontieren wir also
„Frankreich ist sechseckig“ mit Frankreich. Was sollen wir sagen, ist das
wahr oder falsch? Die Frage simplifiziert offensichtlich die Dinge. Natürlich
sieht man bis zu einem gewissen Punkt, was gemeint ist, sie ist also wahr für
einen bestimmten Zweck oder in gewissen Zusammenhängen, ausreichend
für den Mann auf der Straße, aber nicht für den Geographen. Und so weiter.
Kein Zweifel, die Aussage ist grob, aber man kann sie nicht schlechthin falsch
nennen. Wie steht es mit Alma, einer Schlacht des einfachen Soldaten wie
kaum eine andere? Sicher hatte Lord Raglan das Kommando der alliierten
Armee inne, und richtig ist auch, daß diese Armee bis zu einem gewissen
Grade einen unklaren Sieg erfochten hat. Das Urteil ist also nicht ganz unbe-
rechtigt, und es hat sogar etwas für sich, vor einer Schulklasse so zu reden,
wenn es in Wirklichkeit auch etwas übertrieben ist. Und schließlich Oxford,

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Performative und konstatierende Äußerung    173

nun ja, es ist wahr, daß diese Stadt 60 Meilen von London entfernt ist, sofern
nur ein gewisser Grad von Genauigkeit verlangt wird.
Unter dem Titel „Wahrheit“ verbirgt sich keine einfache Qualität und
auch keine Relation, überhaupt nicht eine Sache, sondern vielmehr eine ganze
Dimension der Kritik. Wir können uns eine Vorstellung von dieser Kritik
machen, vielleicht keine sehr klare Vorstellung. Klar ist nur, daß es eine ganze
Menge von Dingen in dieser einen Dimension zu betrachten und zu ­wägen
gibt – die Tatsachen sicherlich, aber auch die Situation des Sprechenden, die
Absicht, die er beim Reden verfolgt, seine Zuhörer, Fragen der Genauigkeit
usw. Wenn wir uns mit der Beschränkung auf Aussagen von einer idiotischen
oder idealen Einfachheit zufrieden geben, dann wird es nie gelingen, das
Wahre einerseits und dann das Gerechte, Angemessene, Verdiente, Genaue,
Übertriebene usw. auseinanderzuhalten, den Überblick und das Detail, das
voll Entwickelte und das Abgekürzte, und so fort.
Endlich fühlt man sich auch von dieser Seite, der Seite des Wahr oder
Falsch, gedrängt, die Antithese von Performativ und Konstatierend erneut zu
überdenken. Was wir brauchen, ist, so scheint mir, eine neue Theorie, die
vollständig und allgemein darlegt, was man tut, wenn man etwas sagt, und
zwar in allen Sinnvarianten dieses mehrdeutigen Ausdrucks; es müßte eine
Theorie der „Sprachhandlung“ in ihrer Gesamtheit sein, die nicht bloß den
einen oder anderen Aspekt erfaßt und von den übrigen absieht.

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