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Russland und Afghanistan Moskaus Lob für


die Taliban
Von Friedrich Schmidt

5-6 Minuten

Russland und Afghanistan

Moskaus Lob für die Taliban

Russische und usbekische Truppen stellen sich am 10.


August zu einer gemeinsamen Militärübung in Harb-
Maidon in Tadschikistan nahe der Grenze zu Afghanistan
auf. Bild: dpa

Russland belässt seinen Botschafter demonstrativ in Kabul


und bescheinigt den Taliban, dass sie erbarmungslos
gegen den „Islamischen Staat“ gekämpft hätten.
Gleichzeitig wappnet sich Moskau jedoch für die
Terrorismusabwehr.
Andere Länder haben nach der Einnahme Kabuls durch die
Taliban eilig ihre Botschaften geschlossen und wollen das
gesamte Personal schleunigst aus Afghanistan
herausbringen. Anders Russland: Dessen Botschafter
werde an diesem Dienstag mit Vertretern der Taliban, die
schon die Kontrolle über das Gelände um die Botschaft
übernommen hätten, über die Sicherheit der Vertretung
sprechen, gab Samir Kabulow, Präsident Wladimir Putins
Sondergesandter für Afghanistan, am Montagmorgen im
Radiosender Echo Moskwy bekannt. Russlands Botschaft
in Kabul solle weiter arbeiten, allerdings solle ein Teil des
rund hundert Personen starken Personals außer Landes
gebracht werden.

Russlands Staatsmedien hatten schon zuvor berichtet, die


Taliban hätten versprochen, die Sicherheit der Diplomaten
zu garantieren; die staatliche Nachrichtenagentur Tass
zitierte einen Sprecher der Gruppe mit der Aussage, man
habe „gute Beziehungen zu Russland“ und wolle die Arbeit
der Botschaft des Landes wie auch der anderen
Vertretungen aufrechterhalten. Putins Sondergesandter
war am Montag bemüht, die Taliban als geringeres Übel im
Vergleich zu anderen Gruppen darzustellen: Er fürchte
nicht, dass die Taliban eine neue Inkarnation der Terrormiliz
„Islamischer Staat“ (IS) werde, sagte Kabulow und lobte die
Taliban sogar: Diese hätten „im Unterschied zu den
Amerikanern, zu der ganzen Nato, auch der geflüchteten
afghanischen Regierung“, den IS „erbarmungslos“
bekämpft.

Sicherheitsvorkehrungen in
Zentralasien verstärkt
Die Taliban hätten zudem glaubwürdig versichert, nicht
nochmals „ihr trauriges Schicksal wiederholen zu wollen“,
sagte Kabulow mit Blick auf den Sturz des Taliban-Regimes
2001. Putins Sondergesandter gewinnt der
Kontrollübernahme der Taliban etwas Gutes ab, da sich, so
Kabulow, die anderen extremistischen Gruppen in
Afghanistan nicht auf das Land selbst konzentrierten,
sondern Zentralasien insgesamt, Pakistan oder Iran in den
Blick nähmen. Zum Moskauer Pragmatismus passt eine
Reihe von Treffen von Funktionären mit Taliban-Vertretern,
jüngst im Juli in Moskau, und das, obwohl die Gruppe
selbst in Russland als „terroristisch“ ebenso verboten ist
wie etwa der IS. Aber trotz solcher Schritte ist man sich der
Bedrohung durch die islamistischen Kämpfer bewusst und
hat die Sicherheitsvorkehrungen in Zentralasien
entsprechend verstärkt.

Russland liefert Rüstungsgüter an Tadschikistan und


Usbekistan und hat gemeinsame Militärübungen mit den
Streitkräften beider Länder nahe deren Grenzen zu
Afghanistan abgehalten. Dabei ging es laut dem russischen
Generalstabschef Valerij Gerassimow um die Abwehr
„terroristischer Bedrohungen“, die derzeit hauptsächlich
aus „afghanischer Richtung“ stammten. Tadschikistan, wo
Moskau seinen größten Auslandsmilitärstützpunkt
überhaupt unterhält, hat eine runde 1300 Kilometer lange
Grenze zu Afghanistan; Putin hat seinem autokratischen
Amtskollegen in Duschanbe, Emomali Rachmon, Russlands
volle Unterstützung beim Schutz der Grenze zugesichert.

Wo die Sowjetunion einst eine desaströse Niederlage erlitt


– während der Invasion der achtziger Jahre wurden mehr
als 15.000 sowjetische Soldaten getötet –, hat nun das Bild
der westlichen Vormacht, der Vereinigten Staaten, enormen
Schaden genommen. Lange hatte Moskau den westlichen
Einsatz unterstützt, den Amerikanern etwa erlaubt, den
eigenen Luftraum für die Truppenversorgung zu nutzen.
Erst die Verschlechterung der Beziehungen in den
vergangenen Jahren lässt Amerikas Abzug und nun das
Debakel aus Moskauer Sicht als Korrektur der Zäsur von
2001, des Einmarschs und der jahrelangen, massiven
westlichen Truppenpräsenz in Afghanistan, erscheinen. In
den vergangenen Wochen wandte sich Moskau gegen
amerikanische Versuche, neue Militärstützpunkte in
Zentralasien zu errichten.

Dafür, dass die Moskauer Schadenfreude nun nicht


überhandnimmt, spricht die geschichtliche Erfahrung: Das
Chaos nach dem sowjetischen Abzug steht in
Zusammenhang mit dem Ende der Sowjetunion, mit dem
Bürgerkrieg im verbündeten Tadschikistan Anfang der
neunziger Jahre und auch mit Russlands eigenem
Terrorproblem im Nordkaukasus. So warnte nun der
Moskauer Außenpolitiker Konstantin Kossatschow, man
könne nicht ausschließen, dass sich die Taliban und der IS
verständigten, wodurch die Gefahr für Russland und seine
Verbündeten wachse.

Quelle: F.A.Z.

Friedrich Schmidt

Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in


Moskau.

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