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Psalm 8

Chancen der Überlieferungskritik

von

Walter Beyerlin

In dieser Vorlesung1 geht es um zweierlei: 1. um den Versuch, die


Probleme des 8. Psalms zu erhellen, 2. um die Erprobung einer Methode,
der Methode der Überlieferungskritik, vor allem um den Aufweis, was
diese Methode, konsequent angewandt, bei Psalmen auszurichten ver­
mag.
Zum 1. Beweggrund der Vorlesung: Es hat etwas Faszinierendes an
sich, daß ein Psalm, der zu den bekanntesten und bedeutendsten Texten
im Psalter gehört, in Wirklichkeit voller Probleme steckt, ja, voll ausge­
machter cruces interpretum. »...was ist der Mensch, daß du seiner ge­
denkst ... ?« »Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du eine
Macht zugerichtet...« »Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein
Name...«: Die Zitate genügen, um den Bekanntheitsgrad zu belegen2.
Ebenso offenkundig sind Rang und Bedeutung des Psalms. In der fach-
wissenschaftlichen Erörterung stehen sie ganz außer Frage. Selbst nicht­
theologische Wissenschaft kann sich ihrer bewußt sein: Für den Völker­
psychologen W. Wundt beispielsweise gehört Ps 8 zu »dem Schönsten,
was die religiöse Literatur aller Zeiten in dieser Gattung hervorgebracht
hat«3. Bis zu einem gewissen Grade lassen sich Rang und Bedeutung
auch an der Nachwirkung ablesen, die der alttestamentliche Psalm im
Neuen Testament, ja, überhaupt in der Geschichte der Kirche gehabt
hat4. Schließlich ist Ps 8 — nur ganz nebenbei gesagt - der erste biblische

1 Es handelt sich um die Antrittsvorlesung des Vfs. in Münster. Sie wird im


wesentlichen in der Fassung wiedergegeben, in der sie am 2. Juni 1975 zum Vor­
trag gelangte. Die Anmerkungen sind gleichzeitig mit der Vortragsfassung fixiert
worden, von vorneherein aber nur im Hinblick auf die Publikation.
2 Dieser Absicht gemäß orientieren sie sich am Luthertext.
3 Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von
Sprache, Mythus und Sitte, VI: Mythus und Religion, Teil 3, 19152, 458 in
Anm. 2 von 457.
4 Vgl. einerseits Mt 21, 16; IKor 15, 27; Eph 1, 22; Phil 2, 6-8; Hebr 2, 6-9,

1 ZThK 73/1
2 Walter Beyer]in

Text, der, dank der Initiative des Papstes, sogar auf den Mond gelangt
ist, eingraviert auf einem Silicium-Halbzylinder5. Um so frappierender
andererseits, daß sich im nämlichen Psalmgedicht schwerste Probleme
verquicken, Probleme, die z. T. jedenfalls als nahezu unlösbar gelten,
Probleme, die einen Erklärungsversuch um den andern hervorrufen.
Ps 8 ist - etwas salopp gesagt - so etwas wie ein alttestamentlicher »Dauer­
brenner«, ein Dauerbrenner, an dem sich immer neuer Eifer entzündet,
immer neue Hände verbrennen, ein Dauerbrenner auch, von dem her
der, der hier vorträgt, versucht, Feuer in seinen Vortrag hineinzutragen,
gar in der fürwitzigen Hoffnung, es am Ende vor aller Augen löschen —
oder doch wenigstens dämpfen zu können.
Zum 2. Beweggrund der Vorlesung: Gerade auf dem Felde der Psal­
men und speziell bei Ps 8 will es scheinen, daß die Methode der Über­
lieferungskritik noch zu wenig und nicht zielstrebig genug zur Anwen­
dung gebracht worden ist, daß die Chancen der Überlieferungskritik
noch längst nicht ausgeschöpft sind. — Überlieferungskritik zielt in die
vorliterarische Dimension einer literarischen Einheit. Sie geht aus von
der literarkritisch abgegrenzten und gesonderten Einheit. Sie tastet sich
zurück durch die verschiedenen Stadien ihres vorliterarischen Werde­
gangs, gegebenenfalls auch durch das Stadium vorläufiger Verschrif-
tung6. Sie will als kritische Methode in dieser vorliterarischen Tiefen­
dimension »unterscheiden«, unterscheiden zwischen Überlieferungen,
die in der literarischen Einheit verschmolzen sind, unterscheiden zwi­
schen Überlieferungselementen verschiedener Provenienz, unterschei­
den zwischen der Grundsubstanz einer Überlieferung und ihrer Aus-
und Umgestaltung. - Natürlich ist Überlieferungskritik im umschrie­
benen Sinn bei den Psalmen nicht völlig versäumt worden7. Sie ist nur
eben - und das war meine Behauptung - in vielen Fällen nicht konse­
quent genug, nicht zielstrebig genug praktiziert worden. Man sagt wohl,
ein Psalmdichter habe hier oder dort aus einer Überlieferung geschöpft
(vielleicht auch aus mehreren). Man sagt aber selten, wie weit die be­

andererseits etwa B.S. Childs, Psalm 8 in the Context of the Christian Canon
(Interp. 23, 1969, 20—31).
6 Dazu S.Bartina, El salmo 8, en la luna (CuBi 26, 1969, 348-350).
6 Fragestellung und Aufgabe der Überlieferungskritik sind hier so, wie von
G.Fohrer (Exegese des Alten Testaments. Einführung in die Methodik [UTB
267], 1973, 118ff) Umrissen, verstanden und vorausgesetzt.
7 Man vgl. hier beispielshalber H.-J. Kraus, BK XV/1, 1960, LXIII, auch die
(sich selbst als redaktionsgeschichtliche Arbeit verstehende) Studie J. Beckers,
SBS 18, 1966, sowie, speziell zu Ps 8, die form- und überlieferungsgeschichtlichen
Erwägungen W. H. Schmidts in ThZ 25, 1969, 1—15.
Psalm 8 3

teiligten Überlieferungen reichen, wo die Grenzlinien zwischen ihnen


laufen, wie die Konturen aussehen, warum überhaupt verschiedene
Überlieferungen gerade so kombiniert worden sind, in welcher Situation,
in welcher Absicht dieses geschehen sein könnte. Es mag hier dahinge­
stellt bleiben, woher diese Kurzatmigkeit überlieferungskritischen Fra­
gens bei der Erklärung der Psalmen rührt. Ich stelle nur fest, daß in
alledem Chancen der Überlieferungskritik verschenkt sind, Chancen
auch und speziell im Horizont der Probleme, die Ps 8 komplizieren.
Die Vorlesung gliedert sich in zwei Teile. In einem ersten Arbeitsgang
tastet sie nach Divergenzen im Text von Ps 8. (Sie ist dabei nur an die
»literarische Einheit« Ps 8 gewiesen, nicht auch an die nach getragenen
Notizen V. 1, auch nicht an das, was im jetzt überladenen 4. Vers einge­
fügt wurde8. Diese nachträglichen Textelemente scheiden unter literar-
kritischem Blickwinkel aus, fallen sodann, zumindest was V. 1 anbe­
langt, in die Zuständigkeit der redaktionsgeschichtlichen Methode, auf
keinen Fall in die der Überlieferungskritik.) — Der zweite Vorlesungsteil
wird überlieferungsgeschichtlich »orten«. Es wird sich erweisen müssen,
ob, was nach Teil I divergent zu sein scheint, sich in Teil II entsprechend
auch überlieferungskritisch sondert und als eigenständig erweist. Dabei
ist dies alles nicht Selbstzweck, sondern der Versuch, die Probleme des
8. Psalms zu lösen, sie aus der Bewegung heraus zu erhellen, die in der
vorliterarischen Dimension auf das literarisch fixierte Psalmgedicht zu­
führt.

I. Divergenzen

Vorweg die Divergenz, die am meisten zu schaffen macht! (Wir seihen


sozusagen das »Kamel«, verschlucken einstweilen die »Mücken«.) Die
gravierendste Divergenz tritt zwischen V. 3 und V. 4 zutage, genauer
gesagt, zwischen den Psalmteilen V. 2b-3 und 4-9. Zwar haben beide
einen gemeinsamen Nenner: Beide handeln davon, daß Jahwe, Israels
Gott, seine Macht und Hoheit manifestiert. Nach beiden tut er es im
himmlischen und im irdischen Bereich. (Gottes Selbstmanifestation9 im
Himmel: V. 2b und 4; seine Manifestation auf Erden: V. 3 und 5-8.)
Gleichwohl divergieren die Aussagen, und zwar die über die irdische

8 Wahrscheinlich wurde die den Schöpfungsgedanken verstärkende Apposi­


tion »das Werk deiner Finger« später hinzugesetzt.
9 Dieser Ausdruck ist — ebenso wie sinngleiche Formulierungen im folgen­
den — historisch an der den alttestamentlichen Hymnen eigenen Auffassungs­
und Darstellungsweise orientiert, nicht systematisch-theologisch gefüllt.
4 Walter Beyerlin

Manifestation: Die Bezüge, in denen sich diese vollzieht, die Umstände,


unter denen sie statthat, sind in den beiden Teilen völlig verschieden.
Im ersten Teil, in V. 2b-3, manifestiert sich Israels Gott im Spannungs­
feld zwischen »Kindern« und »Feinden«, Feinden, für die nicht weni­
ger als drei Vokabeln gebraucht sind; sie heißen u.a. »Rachsüchtige«.
Jahwe hat »Macht gegründet« — um dieser seiner Gegner willen, um
ihnen ein Ende zu bereiten (V. 3). Keine Frage, daß diese Gründung der
Gottesmacht fait accompli ist. Keine Frage aber auch, daß es die Feinde
noch gibt. Die Häufung der Wörter aus dem Wortfeld »Feind« läßt er­
kennen, daß sie noch Emotionen hervorrufen, daß sie noch immer be­
lasten. Daß ihr Gegenüber gerade wehrlose »Kinder und Säuglinge«
sind, läßt, obschon Jahwes Macht etabliert ist, vollends die Spannung
knistern. — Anders der nachfolgende Psalmteil; anders die Art, in der
sich hier Gottes Macht und Hoheit irdisch erweisen: Sie tun es im fried­
lichen Alltag des Menschen, in seiner Herrschaft über die Tiere (über
»Schafe und Rinder«, die »Vögel des Himmels und Fische des Meeres...«).
Sie manifestieren sich in dem dem Menschen erteilten Mandat über die
außermenschliche Kreatur, in seiner »Kulturarbeit« (V. 5-9). Feinde
sind überhaupt nicht im Spiel. »Rachsüchtige« spielen keine Rolle.
Empörung zeichnet sich nicht ab; nicht einmal Widerstreben. Span­
nungslos — die Subordination unter die Herrschaft des Menschen!
Spannung liegt einzig in der verwunderten Frage, warum Gott so huld­
voll des geringen Menschen gedenkt, warum er ihn dergestalt »krönt«
(V. 5. 6). Die Stimmung in diesem 2. Teil ist friedvoll-dankbar-gehoben
und voller Verwunderung über die Güte Gottes. Man kann nicht umhin:
die beiden Teile des Psalms sind grundverschieden gestimmt. Sie diver­
gieren in ihrer Substanz. Wie sollten sie von Haus aus zusammengehört
haben? Wie sollten sie dies, kommen doch auch noch stilistische Unter­
schiede hinzu! In Teil 1 geballte Prägnanz der Gedankenführung; in
Teil 2 dagegen ein breiterer und diskursiverer Duktus. In Teil 1 nir­
gendwo ein »ich«10; in Teil 2 aber unvermittelt Ich-Stil (V. 4). Nach
allem erscheint es gerechtfertigt, von einer Divergenz zwischen diesen
Teilen zu sprechen.
Überblickt man die vielen Versuche, diese Divergenz hinwegzuer­
klären, so zeigt es sich vollends, wie gravierend sie ist, ja, wie im Grunde
unüberwindlich. Ich kann hier nur paradigmatisch andeuten: Als ein
erstes Paradigma das gar nicht seltene Unterfangen, den zwiespältigen
Psalm sentimental zu harmonisieren11. Es strömt dann in seinen ver­

10 Vorausgesetzt, man fügt es nicht im Zuge einer Textänderung ein.


11 Repräsentativ etwa R. Kittel, KAT XIII, 19295-6, 25ff.
Psalm 8 5

schiedenen Teilen tiefes Gefühl: Gefühl für die Schönheit des Himmels,
Gefühl für die noch höhere Schönheit des Schöpfers, Gefühl für die am
Menschen erscheinende Herrlichkeit. Der Erwachsene, der noch frisch
und natürlich empfindet, hat ebensolches Gefühl. Am sichersten aber
fühlt das unmündige Kind. Sein staunendes Stammeln entwaffnet, ent­
waffnet die Feinde Gottes, die gefühlsarmen Freigeister und Religions­
spötter. Was in meiner Sicht divergiert, verschwimmt hier, wie man
sieht, in einem Meer des Gefühls. Auf ihm segeln bezeichnenderweise
Dichterworte einher, vor allem solche aus dem 18./19. Jahrhundert,
Worte von Klopstock und Rückert, Verse der Romantiker Longfellow
und Wordsworth12. Dazuhin wird moralisiert: Kant muß dazu herhalten,
die Gedanken des Psalms zu vereinen: »...der bestirnte Himmel über
mir .. .das moralische Gesetz in mir.. .«13. Und mit einem Schiller-Epi­
gramm wird das Motiv von den »Kindern und Säuglingen« assoziiert:
»...was der Verstand der Verständigen nicht sieht, das übt in Einfalt
ein kindlich Gemüt«14. Ich stoppe die Blütenlese. Was wir — in diszipli­
niertem Konsumverzicht - ausgewählt haben, reicht schon, um bedenk­
lich zu stimmen: Wie sollte, was so ausgesprochen bestimmten Epochen
der abendländischen Moderne entstammt, dazu angetan sein, die Ele­
mente eines altorientalischen Psalms zu assoziieren? — Nein, Harmoni­
sierungsversuche der eben zitierten Art »verfremden«!
Ein anderer Versuch, zu harmonisieren, bestreitet gar nicht, daß
Divergenzen bestehen, postuliert aber eine Klammer, die alles vereint.
Diese Klammer ist die liturgische Wechselrede15: *Sie schließt die aus­
einanderklaffenden Psalmteile zusammen. Diese stammen gar nicht aus
einem Munde, gehen auf ein szenisches Gegenüber zurück, auf das Ge­
genüber von Chor und Einzelstimme, von Tempeldienern und Tempel­
besuchern. Wen wundert es noch, daß sie verschieden ausfallen? Den­
jenigen jedenfalls nicht, der gegenüber liturgischer Rede ohnehin nur
bescheidene Erwartungen hegt, der von ihr keine innere Einheit er­
wartet, keine gedankliche Konsistenz. Merkwürdig — die Neigung unter
den Exegeten, den dürftigsten Liturgievorstellungen anzuhängen, wenn
sie dazu angetan sind, Divergenzen in einem Text zu entschärfen!
Sachgerecht sind diese Liturgievorstellungen schwerlich. Sie sind so

12 Vgl. F.Baethgen, HK II/2, 1904, 19; R. Kittel, aaO 29; E.A. Leslie, The
Psalms, 1949, 152; M.Buttenwieser, The Psalms, (1958) 19692, 178.
13 R. Kittel, aaO 28; ähnlich Buttenwieser, aaO 179f.
14 Noch einmal Buttenwieser, aaO 178.
16 Vgl. z.B. H. Gunkel, HK II/2, 19264, 28; R. Kittel, aaO 25 f; E.Baumann,
ZAW 61, 1945/48, 124.
6 Walter Beyerlin

fragwürdig wie der vielzitierte Teppich, unter den man das kehrt, was
sich anders nicht ausräumen läßt.
Ein weiterer Versuch, zu harmonisieren, besteht in dem schlichten
Rat, V. 5 überhaupt zu übergehen. Nicht Teil 1 insgesamt, wohl aber
V. 3, den eigentlichen Störenfried. Dieser Vers sei ein Fremdkörper,
ein Fremdkörper im ganzen Alten Testament, ein Fremdkörper auch in
Ps 8. Weil er dies sei, weil er im folgenden keine Rolle spiele, darum
könne man sich seine Aussagen schenken. Basta cosi16! — An dieser
Argumentation ist nur die Prämisse zu loben. Denn V. 3 spielt tatsäch­
lich im folgenden Text keine Rolle. Dies unumwunden zu sagen, ist gut.
Nicht gut ist freilich der Schluß, der daraus gezogen wird. Denn: ist
V. 3 schon ein Fremdkörper, so verdient er in seiner Singularität, als
»lectio difficilior« sozusagen, nicht verminderte, sondern vermehrte
Beachtung. Überdies müßte es erst begründet werden, daß und warum
V. 3 nicht mit V. 2 b zusammengehört haben kann. Diese Begründung
ist aber, wie mir scheint, nicht möglich17.
Natürlich fehlt es auch nicht an Versuchen, den so beschwerlichen
Wortlaut des Textes zu ändern, den Wortlaut der Verse 2b und 3. Ich
versage es mir, detailliert zu berichten18. Andeutungen müssen genügen.
Da sind einmal die »Säuglinge« (V. 3). Wozu sind sie schon befähigt?
Noch nicht einmal Kinderlieder können sie singen — Gott zum Lob und
den Feinden zum Tort19. Sie strapazieren das Versmaß. Ergo delen-
dum20! — Auch »Kinder« waren nicht wirklich gemeint; ursprünglich
war von ihnen nur vergleichsweise die Rede21. Gedanklich gehören sie
zu allem hin nicht mit den Feinden zusammen, sondern mit dem vorauf­
gehenden Text; im Urtext waren die Aussagen anders gruppiert22! — Ur­
sprünglich war überdies von den Feinden nicht dreifach die Rede. Ergo

18 So W. H. Schmidt in seiner sonst recht beachtlichen Studie (s. Anm. 7), vgl.
speziell 5f.
17 Allein schon die Konstellation der Wörter »Hoheit« und »Macht«, die auch
anderwärts paarweise die Gottheit Jahwes umschreibt (Ps 96, 6, dazuhin Ps 95, 1),
spricht dafür, daß V. 5 und 2 b zusammengehören.
18 Verwiesen sei statt dessen etwa auf J. A. Soggin, VT 21, 1971, 565—571
(dort weitere Verweise).
19 Vgl. W. H.Schmidt, aaO 5. (ISam 1, 20ff; 2Makk 7, 27 lassen sich hierge­
gen schwerlich ins Feld führen.)
20 So Gunkel, aaO 29, unter Berufung auf G.-W. H.Bickell, entsprechend
auch H. Schmidt, HAT 1/15, 1954, 15f; W. O.E.Oesterley, The Psalms, 1959,
159f.
21 Vgl. etwa B. Duhm, KHG XIV, 19222, 55 oder J. Hempel, FuF 55, 1961, 122.
(Ganz anders konjiziert J. Leveen, VT 21, 1971, 48 f.)
22 So u.a. Duhm, aaO 54f; S.Mowinckel, in Festschr. J. Pedersen, 1955,
261 f. Vgl. im übrigen V.Hamp, BZ 16, 1972, 119 Anm. 20.
Psalm 8 7

delendum23! Schon gar nicht kann der Urtext von »Rachsüchtigen« ge­
sprochen haben24; Rachsüchtige seien, wie ein Kommentator bemerkt25,
»wenig passend«. Wie soll die Exegese zurechtkommen, wenn sie auf
Feinde festgelegt ist, die Revanche haben wollen? Tut sie sich nicht mit
Feinden allgemeinerer Art schwer genug? Ergo delendum! - Ugaritische
Assoziationen scheinen zu entlasten. Korrigiert man in ihrem Sinn, dann
ist statt von »Feinden« von völlig anderem die Rede26. — Ich breche hier
ab. Denn alles m allem ist klar, welche Tendenz in diesen Vorschlägen
waltet: Es wird zurückgestutzt, was in das Erscheinungsbild eines ein­
heitlichen Psalmgedichtes nicht hineinpaßt. Und insoweit jene Vor­
schläge Ausfluß dieser Tendenz sind, sind sie auch schon diskreditiert.
Nimmt man hinzu, daß nicht ein einziger Änderungsvorschlag Rückhalt
in der Textüberlieferung hat27, so bleibt es bei einem Text von Ps 8, der
als divergent beurteilt werden muß.
Endlich noch ein Ausgleichs versuch, der mythologisch argumentiert.
Er ist vergleichsweise ernsthaft, verdient es darum, noch erörtert zu
werden28. Er fragt nach der Identität der Feinde Jahwes, fragt dies
sinnvollerweise, denn wie wir sahen, sind sie es, die am meisten die
innere Einheit des 8. Psalms strapazieren. Dieser Deutungsversuch
sieht in den Feinden nicht politisch-nationale Gegner, auch nicht per­
sönliche Widersacher, vollends nicht Krankheitsdämonen, sondern my­
thische Wesen29, göttliche Mächte, die im Vollzüge der Schöpfung be­
siegt und subordiniert werden mußten30. Mond und Sterne, die in V. 4 —
im 2. Teil des Psalms also — erwähnt werden, sind ebendiese mythischen
Feinde, die Feinde von einst, in der Urzeit vom Schöpfergott Jahwe be­

23 Gunkel, aaO 27.29, unter Berufung auf H.Grimme; entsprechend auch


H. Schmidt, aaO 13f.
24 So wieder Gunkel, aaO 30, aber auch Oesterley, aaO; A.Weiser, ATD
14/15, 1963®, 94; E.J.Kissane, The Book of Psalms, 19642, 33.
25 R. Kittel, aaO 25.
26 Vgl. Cl.Schedl, FuF 38, 1964, 184, dazuhin M.Dahood, AncB 16, 1966,
48.50.
27 Dies ist in eindrucksvoller Weise von J. J. Stamm (in ThZ 13, 1957, 470—472)
dargelegt worden.
28 Andere Spielarten harmonisierender Erklärung — auch die von H.Graf
Reventlow (Poetica 1, 1967, 304—332) entwickelte, die von einem Berührungs­
punkt mit der Sprache der Klage- und Danklieder aus ein in sich einheitliches
Danklied annimmt — müssen hier auf sich beruhen.
29 Duhm hat sich, soweit ich sehe, als erster in diesem Sinne geäußert (aaO 35).
Er dachte an halb mythische Wesen, die der Schöpfergott in der Urzeit zu bändi­
gen hatte.
30 Vgl. vor allem P.A.H.de Boer, OTS 2, 1943, 171-193, speziell 175ff,
neuerdings A. A. Anderson, NCeB, 1972, 102.
8 Walter Beyerlin

siegt, für alle Zeiten fixiert, von ihm entmachtet und subordiniert.
Schöpfung ist ja auch keine »creatio ex nihilo«. Sie ist Subordination.
Subordination aber ist dann überhaupt das umfassende Thema. Denn
auch im 2. Teil von Ps 8 geht es um sie: um die gottgewollte Subordina­
tion der Tiere unter die Herrschaft des Menschen. Die gedankliche Ein­
heit des Psalms scheint gesichert. — Inspiriert von ugaritischen Text­
stellen, drehen neuere Studien31 noch ein wenig mehr an der mytholo­
gischen Schraube, wie ich meine, entschieden zu viel: Auch jene »Kin­
der« und »Säuglinge« seien mythologisch gemeint. Es gehe nicht um
»Kinder auf Erden«, sondern um »Himmelskinder«, um »Göttersöhne«.
Der Terminus »Säuglinge« hebe parallel auf eine geprägte mythologi­
sche Vorstellung ab, die sich mehrfach in ugaritischen Texten spiegle:
»Säuglinge« — das meine die Gottwesen, die an der Brust der Gottheit
saugen. Es handle sich demnach um himmlische Wesen, die Jahwes
Triumph über die Mächte des urzeitlichen Chaos bejubeln32. — Auch
ohne ugaritologischen Rückhalt kam es zu ähnlicher Ausdeutung33: Mit
der Wendung »Kinder und Säuglinge« seien vielleicht despektierlich­
polemisch Götter als »Babies« verhöhnt; die Baby-Götter müßten dann
Jahwes Hoheit besingen.
Nun brauchen wir uns mit dieser gekünstelten Auslegung nicht zu
befassen; die Baby-Götter erledigen sich gewißlich von selbst. Wichtig
ist nur die Erörterung der mythologischen Deutung der Feinde. Auch
sie, die so elegant, wie es scheint, zwischen den Psalmteilen harmoni­
siert, ist bei Lichte besehen unhaltbar34. Denn was die Konkordanz über
die »Feinde Jahwes« ausweist35, ist in seiner Eindeutigkeit erdrückend.
So gut wie in allen Fällen sind irdisch-geschichtliche Feinde gemeint;
auf mythische abzuheben, ist willkürlich. Auch dort, wo im Alten Testa­
ment — in derselben Wortwahl! - noch einmal vom »Feind und Rach­
süchtigen« die Rede ist, in Ps 44, 17, sind keine anderen als irdisch-ge­
schichtliche Feinde gemeint. Zudem erklärt sich der Terminus »rach­
süchtig« am zwanglosesten eben dann, wenn es eine Vorgeschichte gibt,
die das Revanchestreben motiviert.
Bleibt es dabei, daß die Feinde Jahwes, von denen Ps 8, 3 so nach­

31 Schedl, aaO 185-185; H.Cazelles, in Festschr. J.J. Weber, 1962, 86-88.


32 So Schedl, aaO 183. Diese Auffassung ist zu allem hin dadurch belastet,
daß V. 3aa vom nachfolgenden Text getrennt und der Wortlaut des Halb verses
2 b vom Ugaritischen her in einer lexikalisch bedenklichen Weise gefaßt wird.
Zum letzteren vgl. H. Donner, ZAW 79, 1967, 324f.
33 Vgl. Hempel, aaO 121.
34 Vgl. den Nachweis durch Stamm, aaO 473 ff.
35 Genauer gesagt: über den Gebrauch des Wortes ’ojeb mit Bezug auf Jahwe.
Psalm 8 9

drücklich redet, irdisch-geschichtlicher Art sind, und bleibt es ent­


sprechend dabei, daß die Kinder und Säuglinge nicht minder irdisch
und menschlich sind, dann muß es auch dabei bleiben, daß der 1. Teil
unseres Texts von einem Selbsterweis Gottes handelt, der sich im ge­
schichtlichen Spannungsfeld zwischen den Kindern und Feinden voll­
zieht, während der 2. Psalmteil nach wie vor eine Gottesmanifestation
feiert, die sich spannungslos-friedlich im »häuslichen« Alltag des Men­
schen, in seinem »kulturellen« Schaffen verwirklicht. Es führt kein
Weg daran vorbei: Die inhaltlich-thematische Divergenz ist massiv.
Dazuhin stehen, wie schon erwähnt, stilistische Differenzen im Weg. Es
läßt sich mit einigem Grund von einer erheblichen Divergenz zwischen
V. 5 und V. 4 sprechen.
Es ist keineswegs die einzige, nur eben die, die am empfindlichsten
ist. Eine zweite Divergenz besteht zwischen den Rahmenzeilen V. 2 a. 10
und dem umrahmten Stück V. 2 b—9. Klar ist zunächst einmal, daß die
Rahmenzeilen identisch sind. Gerade um die Einheitlichkeit des Psalms
zu behaupten, verweist man gerne hierauf: Ist der Text nicht so plan­
voll, so kunstvoll gerahmt, daß er sich schon dadurch allein als wohlge­
fügtes Ganzes erweist36? Natürlich kann man so fragen. Es bleibt eben
nur zu bedenken, daß der Rahmen erst zuletzt, bei der literarischen
Endgestaltung, herumgelegt worden sein könnte. — Tatsächlich spricht
einiges dafür: Zunächst einmal eine Inkongruenz in der Substanz der
Aussagen. Sie besteht, wie ich meine, darin, daß im umrahmten Korpus
V. 2 b—9 die Manifestationen Gottes nicht nur auf Erden erfolgen, son­
dern durchaus auch im Himmel (V. 2b. 4 37). In den Rahmenzeilen
V. 2 a. 10 hingegen werden Manifestationen gefeiert, die prononciert
die Erde umfassen, die ganze Erde, speziell nur sie, keinesfalls auch den
Himmel38. Um das mindeste zu sagen, ist im Rahmen der Akzent ein
wenig anders gesetzt als in der Substanz des Gerahmten. Schon darin

36 Vgl. z.B. R. Kittel, aaO 25, oder auch Mowinckel, aaO 253. Der relativ
seltene Fall der Wiederaufnahme der Einführung am Schluß schlägt sich bei
Kraus (aaO XLII) gar in der Typisierung der hymnischen Gattung nieder. — Daß
im Psalmeingang nur der Halbvers 2 a, nicht auch der syntaktisch unmöglich
angeschlossene V. 2b den Rahmentext bildet, braucht nicht von neuem darge­
legt zu werden. Vgl. statt dessen etwa die Ausführungen von Cazelles (aaO 79
Anm. 4) und W. H.Schmidt (aaO 4f), die, obschon sie mit einer textkritischen
Fehleinschätzung verquickt sind, das Richtige treffen. Zur Gegenposition vgl. vor
allem Baumann, aaO 116ff.
37 Auch der Vergleich V. 6 a nimmt im Grunde auf den himmlischen Bereich,
die Sphäre der Gottwesen, Bezug. S. dazu unten Anm. 86.
38 Die Behauptung, der Partikel kol wegen sei »die ganze Welt« gemeint, ist
von Baumann (aaO 119) zu Recht zurückgewiesen worden.
10 Walter Bey erlin

tritt eine gewisse Divergenz zutage. Noch deutlicher tritt sie jedoch in
stilistischer Hinsicht ans Licht. Denn in den Rahmenzeilen — und, nota
bene, nur hier! — artikuliert sich eine Mehrzahl im Wir-Stil: V. 2a und
10 sind als Wort der Gemeinde stilisiert. In den dazwischenliegenden
Psalmstücken hingegen wird das redende Subjekt entweder überhaupt
nicht greifbar39, oder es erweist sich als ein singularisches Ich (man vgl.
V. 4). — In Verbindung mit diesen Differenzen hat dazuhin der Umstand
Gewicht, daß sich die Rahmenzeilen, auch was die rhythmische Gliede­
rung betrifft, auffallend vom übrigen abheben40. — Alles zusammen in
eine Waagschale gelegt, die inhaltliche Inkongruenz, der auffallende
Numerus-Wechsel, die Verschiedenheit in der rhythmischen Gliederung,
gibt m.E. den Ausschlag, auch hier eine Divergenz anzunehmen, eine
zwischen den Rahmenzeilen und den dazwischenliegenden Textstük-
ken 41.
Demnach gliedert sich die literarische Einheit Ps 8 in drei augen­
scheinlich verschiedene Stücke: 1. in den Bestandteil V. 2b-3, 2. in den
Passus V. 4-9 und 3. in die Rahmenstücke V. 2a. 10. Alle diese Teile
divergieren: sie divergieren inhaltlich und stilistisch. Es ist notwendig,
sie im II. Vorlesungsteil je gesondert ins Auge zu fassen. In einer Art
Gegenprobe muß es sich zeigen, ob die divergenten Psalmteile auch
überlieferungsgeschichtlich voneinander abzusetzen und je eigenständig
zu orten sind. Zuvor nur noch eine Anmerkung: daß nämlich die ver­
schiedenen Psalmteile, mit denen wir es nach allem zu tun haben, auch
in sich selbst nicht ganz homogen sind. Der Gedanke etwa im Passus
V. 2b—3, daß Jahwe aus dem Mund der Kinder und Säuglinge heraus
eine »Gründung« vornimmt, kontrahiert offensichtlich Motive, die
nicht so recht harmonieren. Nur eben: um eine Divergenz wie in den
bisherigen Fällen handelt es sich dabei nicht42. Die gedankliche Krasis
wird sich anders erklären — gerade im Zuge der überlieferungsgeschicht­
lichen Ortung.

39 Dies gilt von V. 2b—3.


40 Vorausgesetzt, der überkommene Text wird nicht der rhythmischen Eben­
mäßigkeit wegen geändert, wie dies bei Schedl (aaO 183) der Fall ist. Zur metri­
schen Analyse vgl. u.a. Mowinckel, aaO 254f; Hempel, aaO 120; Kraus, aaO 66.
41 Deutet R. Tournay diese Textstücke als Entfaltung des im Rahmen ange­
schlagenen schem-Jhwh-Themas (RB 78, 1971, 18—30), so würdigt er damit die
überkommene Letztgestaltung des Psalms, kann aber gewiß nicht ausschließen,
daß das Gerahmte erst nachträglich in die Perspektive des Rahmen-Themas ge­
rückt worden ist.
42 Verschiedenartige Motive können natürlich schon ab ovo zusammen-ge-
dacht worden sein.
Psalm 8 11

II. Überlieferwigsgeschichtliche Ortung

Wir beginnen beim Psalmteil V. 2b-3: Leider ist sein Eingang ver­
stümmelt ; das erschwert uns die Arbeit; zum Glück nicht zu sehr. Denn
sicher wird immerhin sein, daß es um Jahwes Selbsterweis geht, sowohl
im Yersteil 2 b als auch im Halbvers 5a43: Jahwe erweist seine »Hoheit«
und »Macht«, seine »Hoheit über den Himmeln«, seine »Macht« (in
welcher Weise auch immer) komplementär im irdischen Bereich. - Der
Versuch, überlieferungsgeschichtlich zu orten, findet einen ersten
Anhalt gerade in dem hier tragenden Wortpaar »Hoheit« und »Macht«:
Dieses Wortpaar entstammt dem gedanklichen Umfeld des Königtums.
»Hoheit« (hebräisch hod) wurde, auf irdische Herrscher bezogen, als
Königsprädikation gebraucht. Illustrative Belege sind etwa Jer 22, 1844
oder die Königsliedstellen Ps 21, 6; 45, 445. Natürlich war der davidische
Herrscher von Jahwe nicht nur mit »Hoheit« versehen, sondern dazu-
hin mit »Macht«. Das Königslied Ps 21 belegt, was ohnehin auf der
Hand liegt (V. 2. 14)46. Auch dann, wenn »Hoheit« und »Macht« von
Israels Gott ausgesagt werden, wenn sie, einander parallel, die Gottheit
Jahwes umschreiben, assoziieren sie den Gedanken an sein Gottkönig-
tum47. Ps 93, 1 legt dies klar: Hier werden in einem Atemzug Jahwes
Königtum, seine Ploheit48 und Macht ausgerufen: »Jahwe ist König,
hat sich mit Hoheit bekleidet,... mit Macht gegürtet!« Entsprechend
Ps 96: Auch hier ist im Umfeld des Rufes »Jahwe ist König!«49 von
seiner Hoheit und Macht die Rede50. Beide Texte, Ps 93 und 96, ge­
hören zu derselben Psalmengruppe: zu der der Jahwe-Königs-Hymnen.
Sie erlauben eine erste Markierung des Überlieferungsbereichs, aus
dem die Vorstellungen und Ausdrücke herstammen, die im Textstück

43 So wie die Objekte »deine Hoheit« und »Macht« parallel laufen, wird am
Anfang des Halb verses 2 b ein dem Perf. jissadta entsprechendes verbum finitum
gestanden haben. (Zur Entstehung der überkommenen Lesart s.u. Anm.
67. 78. 96.) Der von Duhm konjizierte Selbstaufruf zur Lobpreisung (»laß mich
besingen«) (aaO 34f) verfehlt den Parallelismus membrorum, der sich — ebenso
wie dies in V. 4—9 der Fall ist — vom Himmel zur Erde wendet.
44 Vgl. W. Rudolph, HAT 1/12, 19582, 130.
45 Siehe überdies Dan 11, 21; IChr 29, 25 (und, bezogen auf den Priester­
könig, Sach 6, 13). Mit D. Vetter, THAT I, 472ff.
46 Vgl. auch etwa Ps 110, 2, ebenso Belegstellen, die des Königs Macht anders
als mit dem Worte *oz umschreiben, z.B. Ps 45, 4ff.
47 Zu hod in bezug auf Jahwe vgl. Vetter, aaO 472.
48 In diesem Fall hebräisch ge’ut. Daß es sachgerecht ist, Synonyme von hod
in die Überlegungen einzubeziehen, ist klar.
49 V. 10.
60 V. 6.
12 Walter Beyerlin

Ps 8, 2b-5 gebraucht sind. Freilich ist dieser Bereich nicht zu eng ein­
zugrenzen. Denn auch in nahestehenden Hymnen spiegelt sich die
»Motiv-Trias« wider: etwa im Meerlied Ex 1551 oder in Ps 29 52, aus­
drücklich oder der Sache nach auch in Ps 2453. Man wird also besser
nicht mehr sagen, als daß in Ps 8, 2b-3 Vorstellungen und Ausdrücke
durchschlagen, die aus der Überlieferung der Jahwe-Königs-Hymnen
und naheverwandter Lobpsalmen herrühren.
Ein weiteres Moment unseres Psalmstücks, sogar ein besonders schwie­
riges, scheint in derselben Überlieferung zu wurzeln: Ich meine das
Moment, daß Gott »gründet«. Ist unsere Herleitung aus einer bestimm­
ten Hymnen-Überlieferung richtig, dann ist es auch sachgemäß, das
zugrundeliegende hebräische Verbum (jasad)54 mit dem in der Sprache
der Hymnen parallelen Synonym konen (Polel von kun) zusammenzu­
sehen; beide Verben, jasad und konen, heißen hier »gründen«. Ich ver­
weise auf den parallelismus membrorum Ps 24, 2. Gerade in dem ge­
nannten Komplex, in Ps 24, ist es der hohe und machtvolle Gottkönig,
der »gründet« und »feststellt«, in diesem Fall die Erde, das Festland.
Dieselbe Motivkonstellation in den eigentlichen Jahwe-Königs-Hymnen!
Bezeichnend der Eingang von Ps 93: »Jahwe ist König,... mit Hoheit
bekleidet,... mit Macht gegürtet,... festgestellt (gegründet) die Erde55,
daß sie nicht wankt; fest steht dein Thron von uran.«56 Entsprechend
Ps 96: Der von Hoheit und Macht umgebene Gott57 ist König,... festge­
stellt (gegründet) die Erde, daß sie nicht wankt58. Es ist nicht zuviel
gesagt: das Moment der »Gründung« hat im hymnischen Kontext des
Motivs von Jahwes Gottkönigtum seinen Platz.
Es kann sich, wie wir sahen, schöpfungstheologisch-kosmologisch auf
das Objekt Erde beziehen. Es kann sich aber genauso (und beides liegt für
altorientalisches Denken geradezu ineinander) auf das Objekt des Hauses
der Gottheit, das Heiligtum, richten. Die »Gründung« des Tempels, in
dem sich das Weltganze symbolisiert59, ist sozusagen die »mikrokosmi-

51 V. lb-18: Hoheit V. lb. 7; Macht V. 2. 3. 6 u.ö.; Königtum V. 18.


62 Hoheit (hadar) V. 4b; Macht V. 1. 4ff; Königtum V. 10.
53 Hoheit V. 7 ff; Macht V. 8; Königtum V. 7—10.
54 Zu ihm, für sich genommen, vgl. P. Humbert, in Festschr. W. Baumgart­
ner, VT.S 16, 1967, 135-142 sowie W.H.Schmidt, THAT I, 736ff.
55 Nach dem MT. Gebraucht ist das Nif. von kun.
56 V. 1-2 a.
67 V. 6.
58 Der Wortlaut V. 10 ist mit Ps 93, 1 identisch, was keineswegs auf literarische
Abhängigkeit hindeuten muß. Mit Kraus, aaO 665.
59 Vgl. hierzu etwa H.H. Nelson, BA 7, 1944, 44ff und G.E. Wright, ebd.
66 ff.
Psalm 8 13

sehe« Entsprechung zur »makrokosmischen« Gründung der Erde, der


Welt. Zugleich wissen wir aus den Ras Schamra-Texten, daß die Be­
gründung eines Hauses der Gottheit unerläßlich ist für die Begründung
ihres Gottkönigtums60. Es kann also nicht verwundern, daß der israeliti­
sche Hymnus das Motiv des »Gründens« dementsprechend auch auf die
Errichtung eines Heiligtums durch den Gottkönig bezogen hat. Bezeich­
nend ist das Meerlied in Ex 15: Es feiert nicht nur, wie erwähnt61, die
Hoheit und Macht des ewigen Königs. Es hebt auch — in der Klimax sei­
ner Lobpreisung! — hervor, Jahwe habe gegründet62, habe mit eigener
Hand ein Heiligtum gegründet (Ex 15, 17). Nach dem Kontext des
Meerlieds ist dies eine Manifestation seiner Hoheit und Macht! Und es
ist alles andere als zufällig, daß als unmittelbare Folge der Ruf »Jahwe
ist König immer und ewig!« erklingt (Ex 15, 18).
Man darf dann zusammenfassen, daß Israels Hymnen offenbar gern
mit den Motiven »Gottkönigtum«, »Hoheit« und »Macht« auch das
Moment des »Gründens« verbinden, entweder bezogen auf die Erde
oder auf das für altorientalisches Denken nah verwandte Objekt Heilig­
tum. Ist dem so, dann aber wird in dem so schwierigen Stück Ps 8, 2 b—3
manches klarer: Hier wird aus hymnischer Überlieferung geschöpft,
aus dem Repertoire der Hymnen, die das Gottkönigtum Jahwes feiern.
Drei traditionell miteinander verknüpfte Elemente aus dem Lob auf
den Gottkönig sind rezipiert worden: die Elemente »Hoheit« und
»Macht« und »Gründung«, wahrscheinlich sogar ein kleines, in sich
zusammenhängendes Stück aus der hymnischen Tradition, ein Bruch­
stück, das auch von Jahwes Hoheitserweis »über den Himmeln« sprach 63.
Dieses Stückchen aus dem überkommenen hymnischen Gut floß ein, als
Ps 8, 2 b—3 konzipiert wurde.
Fragt man, worauf wohl der Akt des Gründens von Haus aus, im
ursprünglichen Kontext, bezogen gewesen ist, so hat man, wie ich meine,
kaum eine Wahl. Denn es steht fest, daß im ersteren Yersglied (2bß)
mit Jahwes Hoheitserweis über den Himmeln nicht deren Erschaffung
gemeint ist. Unwahrscheinlich dann auch, daß in der Parallele (3 a/3)
einstmals die Gründung der Erde gemeint war64. Es bleibt in der Folge
nur übrig, die Gründung auf das Machtzentrum Gottes auf Erden zu
beziehen, auf seinen Tempel, der in der Tat als Erscheinungsort der

60 Vgl. etwa CT A 4, IV/V = II AB, IV/V = Gordon 51, IV/V.


61 S. o. Anm. 51.
62 Ausgedrückt mit dem Polel von kun.
63 Sein Umfang: V. 2bß. 3a/5.
64 Zum Vergleich hymnische Verse, die dieses tatsächlich aussagen: etwa Ps
102, 26; 104, 2h. 5, überdies Jes 48, 13; 51, 13. 16; Sach 12, 1.
14 Walter Beyerlin

göttlichen Macht, als ihr Ausgangspunkt, aufgefaßt werden konnte.


(Man vergleiche nur zwei Stellen — just! —in den Jahwe-Königs-Hymnen:
Ps 96, 6; Ps 99, Iff65.) Auch war in der staatlichen Zeit der Tempel das
Heiligtum des davidischen Königs: Vom Zion geht die Gottesmacht aus,
die dem Davididen an vertraut ist (Ps 110, 2). Es hat demnach vieles für
sich, im Zionstempel das ursprüngliche Objekt jenes »Gründens« zu
sehen66. Der Sinn, den das rezipierte Lob-Stück einstmals gehabt hätte,
wäre gewesen: Hoheitserweis des Gottkönigs Jahwe über den Himmeln
zum einen; sein irdischer Machterweis, im königlichen Zionstempel
»fixiert«, zum andern67. Der Gedankengang läßt sich, einfacher und
nicht so pointiert, auch sonst in den Psalmen belegen, etwa anhand des
hymnischen Verses Ps 11, 4: »Jahwe — in seinem heiligen Tempel!
Jahwe - im Himmel steht sein Thron!« Nota bene: das in Ps 8 rezipierte
hymnische Stück hätte früher, nicht mehr im jetzigen Kontext, den
umschriebenen Sinn gehabt. Jetzt, in Ps 8, 2b-5, ist es in neue Bezüge,
in einen anderen Sinnhorizont, integriert.
Die übrigen Elemente im Passus V. 2b-5 lassen sich nämlich nicht
aus der hymnischen Überlieferung ableiten, die das Gottkönigtum
Jahwes feiert. Wir würden die Chancen der Überlieferungskritik, der
Unterscheidung von Traditionen, verspielen, schlügen wir alles über
einen Leisten. Nein, wir haben neu Ausschau zu halten: Von woher,
von welcher Überlieferung her, läßt sich das übrige ableiten: das Ele­
ment »Kinder und Säuglinge«, dieses nicht allein, sondern zusammen
mit dem bemerkenswerten Gegenüber der »Gegner Jahwes«, der
»Feinde und Rachsüchtigen«68? Es ist nicht sinnlos, diese Frage zu
stellen. Denn glücklicherweise stimmt es nicht, was wiederholt behaup­
tet worden ist69, es handele sich hier um einen Fremdkörper im ganzen
Alten Testament. Es läßt sich zwar nicht bestreiten, daß der Spuren
wenige sind und die meisten von ihnen sich sehr schnell verlieren70. Es

65 Weiterhin vergleichbar: Ps 65, 3; 68, 29—30. 35—36.


66 Vgl. auch die Zionsliedstellen Ps 48, 4. 9.
87 Unsicher bleibt die Rekonstruktion des Eingangs von V. 2b. Als Parallele
zum Perf. jissadta könnte in der Tat natatta am ehesten in Betracht kommen.
S. auch u. Anm. 78.
88 Daß die zugrundeliegende Wendung kollektive Bedeutung hat, zeigt sich
am parallelen Plural soreräka ebenso wie am Kontext von Ps 44, 17.
89 Vgl. etwa E.Baumann, ZAW 61, 1945/48, 123f und W.H.Schmidt, ThZ
25, 1969, 5f.
70 Spuren, die sich im Nichts verlieren, sind lSam 15, 3; 22, 19; Jer 44, 7;
Thr 2, 11. Zwar ist hier von Kindern und Säuglingen auch im Zusammenhang
einer Bedrohung durch Feinde die Rede, aber doch stets zu dem Behuf, totale
Vernichtung, Vernichtung bis hin zu den Jüngsten, ins Auge zu fassen. Ent­
Psalm 8 15

reicht aber ja auch eine einzige brauchbare Spur. Und diese führt, wie
ich meine, untrüglich zu den Texten des Buches Threni oder, über­
lieferungsgeschichtlich gesehen, zu den Traditionen der exilischen Ziojis-
klage.
Dort sind die »Kinder und Säuglinge«71 nicht nur genannt, um das
Ausmaß der Katastrophe zu umschreiben, die Totalität des Verderbens,
das alle, selbst die Jüngsten der Jungen erfaßt. Vielmehr zeichnet sich
dort auch ein metaphorischer Sprachgebrauch ab, der dem Bilde ent­
spricht, in dem das unglückliche Südreich erschaut wird: Zion ist eine
einsame Witwe (Thr 1, 1), eine Mutter, die ihre Kinder betrauert
(Thr 1, 16); es ist die »Tochter Zion«, die für das Leben ihrer Kinder
klagend die Hände aufhebt (Thr 2, 18. 19). Die Bewohner Jerusalems
und des Südreichs, selbstredend auch die Erwachsenen, sie sind die
»Kinder« der weinenden, klagenden Mutter, der einsam gewordenen
Witwe. Ihre, der Mutter Zion Künder werden in die Gefangenschaft
geschleppt (Thr 1,5). Ihre Kinder sind verstört (1, 16). Für das Leben
ihrer Kinder hebt die Tochter Zion bittend und klagend die Hände
(2, 18. 19). Der Mutter Zion Söhne werden wie wertloses Geschirr ge­
achtet (Thr 4, 2). Die Mutter in der metaphorischen Threnibuch-
Sprache ist in einer so furchtbaren Zwangslage, daß sie - grausamer noch
als Schakalmütter — den Durst der »Säuglinge«, den Hunger der »Kin­
der« ungestillt läßt (Thr 4, 3. 4)72. Dies alles rechtfertigt die Annahme,
es habe in der Zionsklage der exilischen Zeit eine Metaphorik gegeben,
die, in der Zuordnung zur Witwe, zur Mutter Zion73, von deren »Kin­
dern« zu reden pflegte, um deren Preisgegebensein zu betonen, gerade
auch von ihren »Kindern und Säuglingen«. Die im Buche Threni be­
legte Metaphorik nannte die Glieder der exilischen Zionsgemeinde

sprechendes gilt auch von Stellen, die auf »Kinder« alleine Bezug nehmen:
2Kön 8, 12; Jes 13, 6; Jer 6, 11; 9, 20; Hos 14, 1.
71 Auf den Numerus kommt es nicht an; in den fraglichen Texten sind auch
Singularformen kollektiv-pluralisch gemeint.
72 Es ist verfehlt, den Singular bat-'ammi im MT von Thr 4, 3, der jener
Metaphorik entspricht und angebahnt ist im voraufgehenden Vers Thr 4, 2, un­
ter Berufung auf LXX und T, die offensichtlich bereits den metaphorischen Cha­
rakter der Stelle verkennen, in ein pluralisches benot abzuändern. Gegen G.-W.
H.Bickell, WZKM 8, 1894, lOlff; H.-J.Kraus, BK XX, 1956, 66f und W.Ru-
dolph, KAT XVII/1—3, 1962, 245. 247; vgl. andererseits D.R.Hillers, AncB
7A, 1972, XXXVIIf. 79 f. (Ebensowenig darf der metaphorische Charakter der
Rede von den Kindern in Thr 1, 5 verkannt werden. Er liegt von Thr 1, 1 her
auf der Hand. Nach einer Deportation zu fragen, bei der auch tatsächlich Kinder
mitgeführt wurden, ist abwegig. Zu Kraus, aaO 23.)
73 Bzw. zur »Tochter Zion« (Thr 1, 6; 2, 4. 8. 10. 13. 17) oder zur »Tochter
meines Volkes« (Thr 2, 11; 3, 48; 4, 3).
16 Walter Beyerlin

Kinder, Kinder der Witwe Zion; sie nannte die Preisgegebenen im


Hendiadyoin »Kinder und Säuglinge«. — Man verstand in der exilischen
Zeit diese Elemente der Zions-Metaphorik; man verstand sich in ihr,
drückte sich mit ihr aus, artikulierte in ihr auch neuen wagenden Glau­
ben74. Unter dem Einfluß traditioneller Zionsmetaphorik ist, wie es
scheint, nun eben auch unser Psalmstück, Ps 8, 2b—3, entstanden. Das
kultische Gottesmacht-Zentrum auf Erden, der Königstempel auf dem
Zion, der scheinbar so fest gegründete, lag in Trümmern. Was war nun
mit dem alten, überkommenen Hymnus, der die Hoheit des Gottkönigs
Jahwe über den Himmeln, seine im Zionstempel auf Erden befestigte
Macht besang? Wo durfte man nunmehr die Manifestation der Gottes­
macht suchen, wo sie erwarten? Unser Psalmstück wagt eine Antwort:
Jahwes Manifestation auf Erden geschieht gerade an den preis gegebenen
Kindern der trauernden Witwe Zion, genauer, in dem, was aus ihrem
Munde hervor geht, in ihrer Jahwe-Bezeugung. Aus ihrem Munde
heraus war Gottes Macht neu »gegründet«, so, daß sie weder wankte
noch wich.
Diese überlieferungsgeschichtliche Ortung hat vieles für sich. Auch
und gerade den Umstand, daß so wie in Ps 8, 3 auch in der exilischen
Zionsklage die Kinder der Mutter Zion sich Feinden gegenübersehen.
Sie, die Kinder, die 'olelim, sind Gefangene von Feinden (Thr 1, 5);
sie75 sind wegen der Übermacht der Feinde verstört (Thr 1, 16). Zion
fleht für die Kinder, um dem Hohn der Feinde zu wehren (Thr 2, 16—19).
— Damit noch nicht genug! Selbst der Umstand, daß in unserem Psalm­
wort die Feinde »rachsüchtig« sind, ist in der Zionsklage gedeckt: Denn,
was anderes als Rachsucht spricht aus dem die Feinde charakterisieren­
den Wort Thr 2, 16: »...das ist der Tag, den wir erhofft haben; wir
haben’s erreicht; wir haben’s erlebt!«? Überdies wird in Thr 3, 60 aus­
drücklich der Feinde »Rachgier« erwähnt. Schließlich wird am Ende
des 4. Kapitels der rachsüchtige Feind noch beim Namen genannt: Es
ist Edom (bzw. die »Tochter Edom«), der rachsüchtige Nachbar par
excellence76!
Man darf also wohl behaupten, daß unser Psalmwort in der Nähe der
exilischen Zionsklage anzusiedeln ist. Diese war davon bewegt, daß der
74 Selbstredend engt die überlieferungsgeschichtliche Herleitung nicht ein auf
die speziellen Situationen der Tbrenibuch-Klagen. Die in ihnen gebrauchte
Zions-Metaphorik dauert fort, umschließt auch noch geschichtlich nahegelegene
neue Situationen, in denen das Dennoch des Glaubens wieder gewagt worden ist.
75 In diesem Fall hebräisch banaj.
76 Thr 4, 21 f. Bedenkenswert nebenbei, daß es auch just der Prophet des Exils,
Ezechiel, ist, der die Rachsucht der Edomiter und Philister hervorkehrt (Ez 25,
12-14. 15-17).
Psalm 8 17

im Himmel ewig thronende Gott77 nicht mehr »des Schemels seiner


Füße gedachte«, daß er den Zion verwarf, Tempel und König verab­
scheute (Thr 2, Iff). Ebendies stieß auch die Überlieferungsbildung
Ps 8, 2 b—5 an. — Nebenbei gesagt, wird sie zunächst daran festgehalten
haben, daß Jahwe seine »Hoheit über den Himmeln« erwies. Der über­
kommene masoretische Text deutet freilich darauf hin, daß in der Folge­
zeit am Perfektum auch dieses himmlischen Hoheits erweis es der Zweifel
genagt hat. Jedenfalls ist in der uns vorliegenden Textfassung die hym­
nisch perfektische Feststellung durch den Imperativ (tena) zur Bitte ge­
wandelt78. — Jahwes irdischen Machterweis sah der wagende Glaube an
einer neuen Stelle »gegründet«: aus dem Munde dei Kinder der Witwe
Zion heraus, in ihrer Gottesbezeugung. Diese Gründung war standfest
genug, um die Feinde, die Rachsüchtigen, zum Schweigen zu bringen.
Mit dieser Pointe ist ein Vorstoß gewagt, der fraglos über den Standort
der Zionsklage hinausführt.
Die Krasis verschiedener Gedankengänge, die wir inmitten des Stücks
Ps 8, 2b—3 registrierten, löst sich mithin, wie wir sehen, überlieferungs­
kritisch auf: Hymnische Verse aus der Tradition des ersten Tempels,
desavouiert vom Gang der Geschichte, brannten in Herz und Sinn,
ließen nicht los, verlangten danach, neu und tiefer gefaßt zu werden,
wurden in grundstürzend veränderter Lage zum Anstoß für eine Ak­
tualisierung in der Sprachwelt der exilischen Zionsklage79. Der Knick
in der Gedankenführung, der den Erklärern zu schaffen machte, rührt
von dem Versuch her, infragegestellte Tradition verantwortlich »fort­
zuschreiben«.

Das zweite Teilstück im 8. Psalm, der Passus V. 4-9, ist leichter zu


analysieren: Wer vom ersten Tei]stück herkommt, spürt bald, daß hier
ein anderer Geist weht. Es ist, überlieferungskritisch gesehen, der Geist
der Weisheit, der vorherrscht80. Er spricht aus der berühmten Frage:

77 Es ist bemerkenswert, daß dieses Thronen auch in Thr 5, 19 nicht in Zweifel


gezogen ist.
78 Gerade auch das textkritische Problem im Eingang unseres Psalmstücks
konnte durchschaubarer werden: Vielleicht verstärkte sich im Laufe der Zeit
noch einmal das Moment der Klage, was dazu geführt haben würde, daß aus
Perf. natatta ein imperativisches tena wurde, aus der hymnischen Feststellung
eine flehentliche Bitte. (Zur vorangestellten Relativpartikel s. u. Anm. 96.)
79 Der Vorgang ist unschwer nachzuvollziehen: Auch Verse christlichen Lied­
guts können, desavouiert vom Lauf der Dinge, zur bohrenden Frage werden, die
neue, vertiefte Antwort heischt. Hier wie dort ist der Ausgangspunkt der Ent­
wicklung ein nichtliterarisches, im Gedächtnis bewegtes Element der Tradition.
80 Die nächstfolgenden Ausführungen (S. 17f) können sich auf Vorarbeiten

2 ZThK 73/1
18 Walter Beyerlin

»Was ist der Mensch...?« (V. 5). Vorausgesetzt ist bei ihr, daß sich der
einzelne nicht mehr ohne weiteres als Glied seines Volkes versteht81.
Passe ist selbst die Situation, in der er sich noch als Kind der verein­
samten Witwe Zion verstand82. Der einzelne fragt nun ganz neu, grund­
sätzlich neu nach sich selbst, grundsätzlich neu nach dem Wesen des
Menschen. Er tut es allgemeingültig-reflektiert, redet vom Menschen
entsprechend in der 3. Person. Der Stil klingt an, der etwa aus Kohelet
bekannt ist: »Wer weiß, was dem Menschen gut ist...?« (Pred 6, 12)83.
Und nicht nur der Stil erinnert an die Weisheitsliteratur der nach-
exilischen Zeit, auch die Substanz der Frage. Die in Ps 8, 5 gestellte
Frage nach dem Wesen des Menschen kommt eben vor allem84 in der
Literatur der späteren Weisheit vor. Sie ist in einer der Freundesreden
der Fliobdichtung gestellt: »Was ist der Mensch, daß er rein wäre? der
Weibgeborene, daß er recht hätte?« (Hi 15, 14) Noch näher ist dem
Wortlaut unserer Stelle die Frage der zweiten Hiobrede: »Was ist der
Mensch, daß du ihn großziehst? daß du deinen Sinn auf ihn richtest?
...ihn heimsuchst (paqad!) Morgen für Morgen? ihn jeden Augenblick
prüfst?« (Hi 7, 17. 18) Wohl ist die Frage der Hiobrede, anders als im
8. Psalm, im Blick auf Leid und Prüfung gestellt. Das aber macht es
nicht fraglich, daß beide in derselben Überlieferung wurzeln: eben in
der späteren Weisheit. Zu allem hin ist auch das Motiv des Vergleichs
zwischen dem hinfälligen Menschen und den himmlischen Wesen, dem
Mond und den Sternen (Ps 8, 4-6), in der Hiobdichtung verwendet:
»... der Mond, er leuchtet nicht, ... die Sterne sind nicht rein..., erst
recht nicht der Mensch, der Wurm...« (Hi 25, 5. 6). Auch dies stützt
die Ortung in der Weisheit. Was endlich Ps 8, 8-9 anbelangt, so ist auch
die listenartige Aufzählung (Schafe, Rinder, Tiere des Feldes, Vögel,
Fische) einer Geisteshaltung entsprungen, die sich einerseits eben in
hymnischer Form, andererseits aber gerade auch weisheitlich, in Ge­
stalt der ListenWeisheit, artikulierte85. - So kann es gewiß dabei blei­
ben: Ps 8, 4-9 berührt sich so vielfach und deutlich mit Überlieferun­

stützen und demgemäß knapper sein. Vgl. einerseits A.Deissler, in Festschr.


H. Junker, 1961, 48f, andererseits W. H. Schmidt, aaO 6ff.
81 Vgl. die Explikation des Gedankens bei W. H. Schmidt, aaO 7.
82 Der Wechsel der Situation ist bedeutsam, schließt er doch aus, daß die Teile
des 8. Psalms in einem Zuge entstanden.
83 Vgl. u.a. auch Pred 9, 12.
84 Zu Ps 144, 3 vgl. Deissler, aaO 48.
86 S. dazu W. H. Schmidt, Die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift
(WMANT 17), 1964, 32-48, bes. 39 Anm. 1.
Psalm 8 19

gen nachexilischer Weisheit, daß sich eine Herleitung aus diesem Be­
reich am allermeisten empfiehlt86.
Schauen wir noch ein zweites Mal hin, so zeichnen sich mitten im
weisheitlich inspirierten Psalmstück auch Züge anderer Provenienz ab:
Frappierenderweise ist Jahwe noch immer — zumindest der Sache nach —
im Bild des Gottkönigtums gesehen: Er hat die potestas zu krönen (V. 6),
Herrschaft zu delegieren (V. 7); von ihm gehen »Ehre« und »Herrlich­
keit« aus, kabod und hadar (V. 6), Ausstrahlungen, wie sich nachweisen
ließe87, eben seines Gottkönigtums. Auch der hoheitliche Akt des
»Gründens«, des »Feststellens« ist, im Hebräischen mit konen ausge­
drückt, - doch wohl nicht zufällig — wieder im Spiel: Es ist eine Mani­
festation der Hoheit, wenn Mond und Sterne »festgestellt« werden
(V. 4). Es mag dahingestellt bleiben, ob diese Gestirne nicht auch, ähn­
lich wie im übrigen Alten Orient88, als Embleme gottheitlicher Hoheit
aufgefaßt worden sein könnten. Es steht ohnedies bereits fest, daß der
Akzent auch im Halbvers 4b auf dem hoheitlichen Selbsterweis liegt89.
Wir haben es — so darf man zusammenfassen — offensichtlich im 2. wie
im 1. Psalmteil mit ein und demselben Thema zu tun: mit dem Thema
des hoheitlich-machtvollen Gotteserweises. Ja, die Parallelität zwischen
den Psalmteilen reicht weiter! Der 2. Teil wie der 1. sucht den Erweis
an einer ganz neuen Stelle, nicht mehr in der Institution des davidischen
Königtums. Überlieferungselemente, die zunächst diesem galten, wer­
den nun umorientiert. Dies zeigt sich in V. 7b: Hier wird unterworfen,
»unter die Füße gelegt«, nicht mehr unter die Füße des irdischen
Königs, des Gesalbten Jahwes (Ps 110, l)90, — jetzt unter die Füße des
Menschen, des Menschen als solchen in seiner Alltäglichkeit. Jahwe
unterwirft in abgewandelter Weise: nicht mehr, indem er Feinde unter
die Füße legt (Ps 110, 1), nicht mehr in der Manifestation politisch­

86 Daß auch das ’^lohim-Motiv (V. 6) dieser Herleitung- nicht im Weg steht,
zeigt sich an Hi 58, 7. Die weisheitliche Parallelstelle legt, insofern sie ’älohim
und Gestirne gleichsetzt, sogar eine Gedankenverbindung zwischen Ps 8, 4 und 6
bloß: Die ins Auge gefaßten Gestirne (V. 4) sind die ’älohim, zu denen der
Mensch ins Verhältnis gesetzt wird (V. 6). Selbst das Moment des Vergleichs
kehrt ähnlich in Hi 4, 17—18 wieder.
87 Etwa anhand von Ps 96, 5. 6—8 oder Ps 145, 5. 12 oder Jes 6, Iff.
88 Vgl. dazu O.Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das
Alte Testament, 1972, 42. 43. 44. 173 u.Ö. sowie H.Schmökel, Kulturgeschichte
des Alten Orient (KTA 298), 1961, 271/272. Nach Enuma elisch Tf. V, Z. 15-18
ist die Mondsichel als Erscheinung der Hörnerkrone begriffen.
89 Damit wird vollends deutlich, daß gefühlsbetont-ästhetisierende Ausdeu­
tungen (»die Schönheit des gestirnten Himmels« u. dgl.) den Kern der Sache ver­
fehlen.
90 Vgl. hierbei etwa Keel, aaO 233 Abb. 342.
20 Walter Beyerlin

militärischer Macht (Ps 47, 4). Er tut es nunmehr in der friedlichen


Sphäre des menschlichen Alltags, in der Verleihung des Mandats, über
die Tiere zu herrschen.
Also ist auch bei Ps 8, 4—9 zu bemerken, daß hier eine altüberlieferte
Konzeption variiert wird, daß sie, in völlig veränderter Lage, aktualisiert
worden ist. Es ist die Konzeption von dem sich in Hoheit und Macht
manifestierenden Gottkönigtum. Sie wird im Milieu der nachexilischen
Weisheit weiterent wickelt, aus der Substanz dieser Überlieferung heraus,
im Horizont der weisheitlichen Frage, was das Wesen des Menschen, des
einzelnen, sei. — Es hegt auf der Hand, was die beiden Psalmteile (V. 4-9
und 2b-3) verbindet: Sie suchen beide unter grundlegend veränderten
Umständen, im Horizont der Fragen der Zeit, nach der Dimension, in
der sich nunmehr die Gottheit Gottes erweist. Sie tun dies beide aus­
gehend von der Überlieferung, die Jahwes Gottkönigtum und die Mani­
festation seiner Hoheit und Macht pries91. Die Gemeinsamkeiten er­
klären, was die beiden Psalmstücke zusammenbrachte. Ja, es mag durch­
aus sein, daß das zweite Stück im Blick auf das erste abgefaßt wurde. Es
könnte das, was V. 2b-3, vom Bereich »über den Himmeln« zur Erde
fortschreitend, ausgesagt hat, in eben derselben Folge weisheitlich nach­
zuvollziehen versucht haben. Dies nicht, um das ältere Stück zu ver­
drängen, sondern um es, neuerer Einsicht gemäß, zu ergänzen.
Andererseits bleibt bestehen, daß diese beiden Stücke zu verschiedener
Zeit92 und in verschiedenen Überlieferungsbereichen zustande gekom­
men sein müssen: das erste im Umkreis der exilischen Zionsklage, das
zweite im Milieu der nachexilischen Weisheit. Ebendies erklärt die
Divergenz zwischen den beiden Psalmstücken, um die sich so viele be­
mühten. Ebendies verifiziert sie auch überlieferungskritisch.

Zum Beschluß noch ein Wort zu den Kahmenzeilen V. 2 a und 10!


Legten wir dar, in welchem Maß sie Elemente hymnischer Sprache
wiederverwandten93, so brächte uns das beim Versuch überlieferungs­
geschichtlicher Ortung wenig voran. Aufschluß ist erst zu gewinnen,
bedenkt man die fortentwickelte Art, in der dieser Rahmen Jahwe als
’adon prädiziert: Er wird nicht mehr, wie es noch im Jahwe-Königs-
Hymnus der Fall war, ’adon kol-ha ’aräs, »Herr der ganzen Erde«, ge­
nannt (Ps 97, 5). Jahwe ist nunmehr, im Rahmen des 8. Psalms, zu­

91 Miteingewirkt haben im Falle der Verse 4—9, wie sich an Ps 110, 1 zeigt,
Elemente der Königspsalmen.
92 S. noch einmal oben Anm. 82.
93 Vgl. etwa zu ’addir Ps 93, 4, zu Jahwes schem Ps 48, 1; 76, 2; 96, 2. 8; 148,
13, zu kol-ha’aras Jes 6, 3; Ps 47, 3; 96, 1. 9; 97, 9; 98, 4; 100, 1 u.ö.
Psalm 8 21

nächst und vor allem ’adonenu, »unser Herr«, Herr, dem sich die im
Wir-Stil erklärende Kultgemeinde zugehörig weiß. Es ist der den Seinen
bereits bekannte und verbundene Herr, der sich im weiteren auch allent­
halben auf Erden erweist. Stellt man dazuhin in Rechnung, daß die
Wendung Jhwh ’adonenu sonst nur noch ein einziges Mal im Alten
Testament belegt ist und dies ausgerechnet an der sehr späten Stelle
Neh 10, 30 94, so wird es vollends wahrscheinlich, daß der Rahmen einer
relativ späten Phase der nachexilischen Epoche entstammt. Er, der sich,
wie gesagt, auch formal vom gerahmten Bestände abhebt, ist95 offenbar
allerspätester Zuwachs. Mit den Rahmenzeilen umfaßt jene gottes­
dienstliche Gemeinde zwei verschiedene und doch thematisch verwandte
Parallelbildungen psalmischer Tradition. Sie erhebt sie, ihren Wortlaut
getreulich bewahrend96, zu ihrem eigenen Bekenntnis: Die Selbstmani­
festation des Israel vertrauten und verbundenen Gottes, m. a.W. sein
schem, ist so gewaltig97, daß er sich einerseits so, andererseits so und
überhaupt allenthalben auf Erden ereignet.
Dieses »sowohl-als-auch-und-überhaupt« auszulegen, kann freilich
nicht mehr unsere Aufgabe sein. (Was in den Kommentaren aus ge­
führt ist, geht faktisch ohnehin dieser, der Letztgestalt des Psalms gel­
tenden Aufgabe nach.) Uns ist es darum gegangen, bei einem notorisch
schwierigen Psalm die Chancen der Überlieferungskritik zu erkunden.
In ihre Zuständigkeit fällt es nicht, die Bedeutungsschicht der literari­
schen Einheit zu erfassen. Wir können mit ein paar Feststellungen ab­
schließen :
Es hat sich als richtig erwiesen, Divergenzen ernst- und wichtig zu
nehmen, sie nicht zu harmonisieren; sie gaben der Überlieferungskritik
Chance und Anhalt. Nachgerade ist klar, daß sie samt und sonders über­
lieferungsgeschichtlich bedingt sind. Das bedeutet, daß die literarische
Einheit Ps 8 ein Komplex überlieferungs geschichtlich er Art ist. So klein
die Einheit auch ist, sie hat eine Vorgeschichte, eine vor literarische
Dimension. In einem sehr späten Rahmen sind poetische Stücke ver­
einigt, die verschiedenen Stadien, verschiedenen Situationen entstam­
men. — Psalmdichtungen, auch solche bescheidenen Umfangs, schließen,
urteilt man hiernach, keineswegs aus, daß sie ererbtes Gut verarbeiten,
94 Mit Deissler, aaO 48.
95 Selbstredend abgesehen von redaktionellen Zusätzen.
98 Dies wird auch den letztlich imperativisch gefaßten Eingang des Stückes
V. 2b—5 (tena) konserviert haben (s.o. Anm. 78), obschon er mit der hymnisch
gehaltenen Umgebung wenig zusammenstimmte. Die dazwischengeschobene
Relativpartikel scheint das Äußerste gewesen zu sein, was zum Ausgleich in der
Spätzeit noch gewagt worden ist.
97 Vgl. G. W. Ahlström, ThWAT I, 78 ff.
22 Walter Beyerlin, Psalm 8

sich mit seiner Hilfe artikulieren. — Die Probleme, die das Verständnis
des 8. Psalms stören, sind überlieferungskritisch zu lösen. Auch das,
was textkritisch zu schaffen gemacht hat, erledigt sich im großen und
ganzen in überlieferungskritischer Sicht. Die Methode der Überliefe­
rungskritik fächert in der vorliterarischen Dimension auf, was sich in
der Ebene des Literarischen stößt. Sie rückt die Bewegungen ins Licht,
die aus der vorliterarischen Dimension heraus auf das literarisch fixierte
Psalmgedicht zuführen. — Movens dieser Bewegungen war die nicht zur
Ruhe kommende Frage, wo denn und wie im irdischen Bereich sich
Gottes Gottheit erweise. Es war der grundstürzende Wandel geschicht­
licher Situationen, der immer wieder neu zu dieser Gottsuche zwang.
Bemerkenswert der Mut, nicht minder beachtlich die Freiheit, in der
das geschichtlich bedingte Fragen nach Gott gehört und aus den ver­
schiedenen Traditionen heraus beantwortet wurde. Nicht in starrem
Beharren, vielmehr in wagemutigem Fortschreiten. Beachtlich nicht
zuletzt auch der Freimut jener Gemeinde, die in der auf die gottes­
dienstliche Weiterverwendung abhebenden Rahmung zu so verschieden
gewagten Antworten steht, zu Antworten ganz verschiedener Ableitung.
Es gehört nicht zuletzt zu den Chancen der Überlieferungskritik, den
Wage- und Freimut spürbar werden zu lassen, in dem Israel die Gegen­
wartsmächtigkeit seines Gottes geschichtlich verantwortet hat.
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