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programm 1_11

Politische
Gerechtigkeit

Interview mit Christian Lindner



Liberalismus ist Gerechtigkeit

Fußball und Marktwirtschaft
Inhalt

Generationen­gerechtigkeit:
Vom Backen dreier Brote
Editorial
Dr. Gerhard Schwarz
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Von allen Tugenden sei die Gerechtigkeit die schwerste, auf zehn Liberalismus ist Gerechtigkeit
Großmütige komme ein Gerechter. Festgehalten hat diese Erkennt- Prof. Dr. Wolfgang Kersting
nis der Dichter Franz Grillparzer im 19. Jahrhundert. Gut möglich, 4–5
dass man auch heute nach den wahren Hütern der Gerechtigkeit
noch lange suchen muss. Ein Schattendasein führt sie allerdings „Der Einsatz für Freiheit ist nicht
nicht, zumal nicht in der Politik: Kaum ein Begriff fällt dort so blutleer, sondern ein Lebensgefühl.“
­häufig wie der der Gerechtigkeit. Interview mit Christian Lindner MdB
6–7
Mit kaum einem Begriff wird folglich auch so viel Missbrauch be-
trieben. Vor allem diejenigen greifen gerne auf ihn zurück, die den Pro & Contra
Status quo der Welt für schlecht halten und meinen, bestehende Globale Gerechtigkeit: eine Frage
Ungleichheiten politisch korrigieren zu können, nicht zuletzt durch der Planung?
massive Umverteilungen. Dass Gerechtigkeit etwas anderes als Er- Pro: Michael Sommer
gebnisgleichheit bedeutet, wird dabei immer wieder gerne übersehen. Contra: Rainer Brüderle MdB
8–9
Eben deshalb dürfen die Liberalen den Anspruch, für Gerech-
tigkeit einzutreten, nicht der politischen Konkurrenz überlassen. Programm 1. Halbjahr 2011
Wir als Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wollen einen
Beitrag dazu leisten, dass Gerechtigkeit nicht länger mit Gleich- Viel Staat, wenig Gerechtigkeit
macherei verwechselt oder als Kampfbegriff missbraucht wird, und Der bürokratische ­Hürdenlauf
widmen ihr deshalb die aktuelle Ausgabe unseres Magazins. eines Würstchenverkäufers
Boris Eichler
Die Beiträge auf den folgenden Seiten nähern sich dem Schwer- 10–11
punktthema in seiner ganzen Vielseitigkeit. Christian Lindner, Ge-
neralsekretär der FDP, und gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines Durchblick passé
neuen Grundsatzprogramms betraut, geht in seinem Interview auf Die Paradoxien des deutschen Steuersystems
die freiheitliche Dimension der Gerechtigkeit ein. Der Philosoph Sandro Nücken
Wolfgang Kersting verknüpft seine Kritik am Umverteilungsstaat 12
mit einer Forderung nach mehr Chancengerechtigkeit. Gegenstand
eines weiteren Beitrags ist der Kampf des Erfinders der mobilen Fair Play
Würstchen­buden gegen die Mühlen der Bürokratie. Außerdem Fußball und Marktwirtschaft –
­erfahren Sie, dass Marktwirtschaft und Fußball überraschend viel da läuft mehr, als man meint
gemeinsam haben. euckenserbe
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Um auf Grillparzer zurückzukommen: Vielleicht kann dieses
Heft dabei helfen zu verstehen, dass die Gerechtigkeit keine ganz „Für Freiheit und Fairness“
so schwere Tugend mehr ist. Ich wünsche Ihnen wie immer eine Eindrücke einer ­Veranstaltungs­reihe
­anregende Lektüre. Dr. Wolfgang Gerhardt MdB
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Lesetipps, Impressum
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Dr. h. c. Rolf Berndt


Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Titel: Gerechtigkeitsbrunnen mit der Statue der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ­„Justitia“ auf dem Römerberg in Frankfurt am Main
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Zweitens dauert in der „guten alten


Zeit“ die aktive Phase des Lebens unver-
gleichlich viel länger als das „Rentner-
dasein“, und die Mithilfe im Hof ist fast
bis zum Lebensende selbstverständlich.
Drittens ist die Unterstützung der Eltern
freiwillig, sie ist zwar in einem Moralko-
dex verankert, aber sie ist nicht gesetzlich
erzwungen, weder im Grundsatz noch im
Umfang.

Eng damit verbunden und wohl am


wichtigsten ist, viertens, dass es sich beim
Hebel’schen Beispiel um einen „Genera­
tionenvertrag“ innerhalb der Kleingruppe
handelt, dass sich die Vertragspartner also
kennen und permanent begegnen. Das ist
die sicherste Absicherung gegen­über der
Ausbeutung der Kinder durch ihre Eltern
oder umgekehrt der Eltern durch ihre Kin-
der. Natürlich kann und wird es auch hier
Generationen­gerechtigkeit: immer wieder einmal Auswüchse geben,
aber grundsätzlich können in der Klein-

Vom Backen dreier Brote gruppe viel eher Leistung und Gegenleis­
tung aufeinander abgestimmt werden.

Die Kombination von demokratischen


Entscheidungsmechanismen, die es Mehr-
heiten erlauben, Minderheiten auszusau-
gen, die Anonymität der modernen Gesell-
schaft, die jeglichem Missbrauch Schutz
gewährt, und die ständige Berufung der
Politik auf einen Generationenvertrag,
obwohl ein solcher nie und von nieman-
dem unterzeichnet worden ist, führen fast
Dr. Gerhard Schwarz zwingend in eine Sozialpolitik ohne Gene-
rationengerechtigkeit.

Wollte man diese herstellen, müsste


man dagegen die vier Eigenheiten des tra-
Was man euphemistisch den Genera- ne Eltern. Allerdings zeichnet sich dieser ditionellen Generationenvertrages wieder
tionenvertrag nennt, gehört gewisserma- traditionelle Generationenvertrag durch stärker in den Vordergrund rücken, die
ßen zum anthropologischen Erbe. In allen einige wichtige Charakteristika aus. Kapitaldeckung, die vernünftige Berück-
Kulturen und Religionen zählt das Aufzie- sichtigung der Lebenserwartung, die Frei-
hen der Kinder genauso zur natürlichen Erstens steckt in ihm ein kräftiger Schuss willigkeit und den natürlichen Zwang zur
Verpflichtung der aktiven Generation wie Sparen für das eigene Alter, also das, was Fairness, den die kleine Gruppe bietet.
die Betreuung der Eltern. Johann Peter die Ökonomen das Kapitaldeckungsverfah-
Hebel beschreibt das einmal sehr schön ren nennen. Die Eltern haben meist den
mit dem Bild von einem Bauern, der drei Hof, wie klein er auch sein mag, unterhal-
Dr. Gerhard Schwarz ist stellvertretender Chefredakteur
Brote backt, eines für sich und seine Frau, ten oder sogar ausgebaut und übergeben der „Neuen Zürcher Zeitung“ und Leiter der Wirtschafts-
eines für seine Kinder und eines für sei- ihn­am Ende des aktiven Lebens dem Sohn. redaktion.

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Prof. Dr. Wolfgang Kersting

Liberalismus ist
Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist institutionalisiertes


Menschenrecht. Gerechtigkeit herrscht,
wenn Menschen ein gleiches Recht auf
politische Teilhabe haben und unter dem
Schutz demokratisch erzeugter und wirk-
sam durchgesetzter Gesetze ihre Freiheit
genießen und ihr Leben selbstbestimmt
gestalten können. Gerechtigkeit herrscht,
wenn das Recht alle gleich behandelt
und das Eigentum sicher ist. Daher war
für Kant, Wilhelm von Humboldt und den
klassischen Liberalismus mit der Errich-
tung einer demokratisch verfassten und
rechtsstaatlich organisierten Marktge-
sellschaft allen Forderungen der Gerech-
tigkeit Genüge getan.

Diejenigen, die mehr Gerechtigkeit wol-


len als Rechtsstaat und Marktgesellschaft
liefern, als die Gleichheit vor dem Preis
und die Gleichheit vor dem Recht garan-
tieren können, dürfen sich nicht mehr an
die Politik wenden; sie müssen zur Religion
ihre Zuflucht nehmen und auf die Kompen­
sationsleistungen postmortaler Sanktions-
und Gratifikations­systeme hoffen.

Die sozialstaatliche Gegenwart macht


sich jedoch anheischig, den Menschen auch
hienieden schon mehr Gerechtigkeit geben

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zu können, als Rechtsstaat und Marktge- und den marktspezifischen, leistungsab- den Bürgern zurück, konzentriert seine
sellschaft ihnen zu liefern in der Lage sind. hängigen Erwerbserfolgen kollektiv ent- Leistungen auf bürgerlichkeitssichernde,
Denn der Sozialstaat versteht sich nicht als zogen wird und der marktunabhängigen bürgerlichkeitsermöglichende Ziele, auf die
bürokratisiertes Samaritertum, er versteht und leistungsunabhängigen Verteilungs- Realisierung von Chancengerechtigkeit.
sich als Gerechtigkeitsordnung. Freilich, räson des Staates übergeben wird, umso
welche Art Gerechtigkeit durch die sozi- gerechter die Gesellschaft, umso mensch- Nicht nur die leeren Kassen fordern
alstaatliche Ausweitung des Rechtsstaats licher der Markt, umso humaner und ziviler ein sozialstaatliches Umdenken. Auch
und durch die sozialstaatliche Korrektur der der Kapitalismus. Das Distributionspara- eine Rückbesinnung auf unsere grund-
Verteilungsräson eines freien Marktes ver- digma wurzelt in einer moralischen Ver- legenden freiheitlichen Werte verlangt,
wirklicht werden soll, ist heftig umstritten. dächtigung des Marktes und führt zu einer das sozialdemokratische Distributionspa-
Entethisierung der Wirtschaft. radigma durch das Projekt der Chancen-
Mit dem Überschritt zum Sozialstaat gerechtigkeit zu ersetzen. Der Begriff der
verliert der Gerechtigkeitsbegriff seine Was im immer tiefer werdenden Schat- Chancengerechtigkeit bietet die normati-
klare Kontur. Was soziale Gerechtigkeit ten des sozialstaatlichen Distributions­ ve Grundlage für ein anspruchsvolles So-
genau ist, was Verteilungsgerechtigkeit paradigmas längst in Vergessenheit gera- zialstaatsverständnis, das sich von anti-
verlangt, auf welches normative Fun- ten ist: Dass unser moralisch-kulturelles kapitalistischen Vorurteilen befreit hat,
dament der Sozialstaat gestellt werden Selbstverständnis, dass die ihm zugrunde- das die Dämonisierung des Marktes und
sollte, ist völlig unklar. Angesichts dieser liegenden Überzeugungen des normativen die Entethisierung der Wirtschaft rück-
Ratlosigkeit sollte man einen vorsichtigen Individualismus und des menschenrecht- gängig macht und das vor allem mit un-
und behutsamen Umgang mit dem Begriff lichen Egalitarismus den Markt als Raum seren grundlegenden individualistischen
der sozialen Gerechtigkeit erwarten. Doch
die Wirklichkeit sieht anders aus. Eine
überbordende Gerechtigkeitsrhetorik prägt
das öffentliche Gespräch sozialstaatlicher
Demokratien, den politischen Markt der
Wählerbewirtschaftung und überzieht das
Verteilungsgezänk der Gruppen mit mo-
ralsemantischem Zuckerguss.

Das Ergebnis dieser inflationären Ge-


rechtigkeitsrhetorik ist eine verhängnis-
volle intellektuelle und zugleich auch
moralische Simplifizierung des Problem-
bestands des gegenwärtigen Sozialstaats.
Sie reduziert einen überaus komplexen
politischen, ökonomischen und mora-
lischen Sachverhalt auf einen einfältigen
Dualismus von Gerechtigkeit und Ökono- eigenverantwortlichen Handelns benöti- und menschenrechtlichen Grundüber-
mie, von Sozialstaat und Markt. Der ex- gen und verlangen, dass das Freiheitsrecht zeugungen und dem in ihnen verankerten
pansive Sozialstaat, das ist die Botschaft ein Recht auf Markt und marktförmige liberalen Ideal selbstverantwortlicher Le-
dieser demagogischen Schwarz-Weiß- Handlungskoordination impliziert, der bensführung in Übereinstimmung steht.
Zeichnung, steht für Gerechtigkeit, jede Staat also um der Individuen willen auch Der Protagonist des Sozialstaats ist der
Einschränkung seiner Leistung, jede Lo- den Markt zu schützen hat, anstatt immer eigenverantwortlich handelnde Bürger.
ckerung seiner sozial- und arbeitsrecht- nur vor ihm zu schützen. Und die sozialstaatliche Dienstleistung,
lichen Regularien ist a priori ungerecht. die zu verlangen er berechtigt ist, liegt in
„Zivilisiert den Kapitalismus“, so lautete der institutionellen Ermöglichung eigen-
Das konzeptuelle Herzstück dieses Den- eine Parole aus der Zeit, als die Ängste vor verantwortlicher Lebensführung.
kens ist das Distributionsparadigma – und der Globalisierung geschürt wurden. Jetzt
daher das einzige Kriterium der mora- ist es an der Zeit, die Gegenforderung zu
Prof. Dr. Wolfgang Kersting ist Professor für Philosophie
lischen Qualität sozialstaatlicher Politik die erheben: Zivilisiert den Sozialstaat, gebt und Direktor am Philosophischen Seminar der Christian-
Umverteilungsmarge. Je mehr dem Markt ihn – denn genau das heißt Zivilisierung – Albrechts-Universität zu Kiel.

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interview | magazin 1_11

„Der Einsatz für Freiheit


ist nicht blutleer,
sondern ein Lebensgefühl.“
Interview mit Christian Lindner,
­Generalsekretär der FDP

_ Herr Lindner, die Freiheit ist in der ist klar, dass es Gleichheit vor dem Ge-
öffentlichen Debatte lange gegen die setz und eine Grundsicherung unab-
Gleichheit ausgespielt worden. Inzwischen hängig von individueller Leistung oder
hat man den Eindruck, dass sich die Freiheit individuellem Verschulden geben muss.
vor allem gegen die Gerechtigkeit behaupten Das ist der Boden, auf dem wir alle ste-
muss. Sehen Sie das auch so? hen. Ansonsten fordere ich Respekt vor
Vielfalt und legitimer Ungleichheit. Ge-
Das ist nur ein Sprachspiel. Wer von rechtigkeit wollen wir am Verfahren und
sozialer Gerechtigkeit spricht, der meint nicht am Ergebnis messen. Freiheit führt
in Deutschland zu oft nur Gleichheit. zu Ungleichheit, weil die Menschen un-
Und dann wird alles vermessen, jeder terschiedlich sind. Man darf die Freiheit
kleine Unterschied. Der Vergleich heizt nicht der Gleichheit opfern, weil wir
Umverteilungsdebatten an – und macht sonst Vielfalt und Dynamik preisgeben.
die Menschen nebenbei gesagt auch Ungleichheit ist legitim, wenn die Regeln
unglücklich. Die Verteilungsströme sind des Wettbewerbs fair waren. An diesen
inzwischen kaum noch transparent. Es Regeln wollen wir arbeiten.

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magazin 1_11 | interview

_ Die Liberalen sagen den Menschen ja gerne, wir einen Staat, der die Einzelnen wirk- wortung für sich und andere überneh-
ihr seid frei von etwas. Wird es nicht wieder samer als bisher dazu befähigt, sich im men und die Freude an den Ergebnissen
Zeit, das Prinzip der „Freiheit von“ durch das Wettbewerbsspiel zu bewegen. Es geht ihrer Schaffenskraft haben. Der Einsatz
der „Freiheit zu etwas“ zu ersetzen? um Chancen und die Durchlässigkeit der für Freiheit ist nicht blutleer, sondern ein
Gesellschaft. Die Menschen brauchen Lebensgefühl.
Ich warne davor, den Freiheitsbegriff dazu Ressourcen der Selbstbestimmung,
politisch so zu interpretieren. „Freiheit also gute Bildung und Lebenstüchtigkeit. _ Es ist doch erstaunlich, dass der Staat
zu“ ist eine Art Zensur, wenn eine wohl- Auch zum Beispiel Zugänge zu Gesund- hierzulande so viel gilt, wo doch die, die
meinende politische Öffentlichkeit ent- heitsversorgung und die Sicherung natür- ihn tragen, Politiker und Beamte nämlich,
scheidet, was denn gelingendes Leben zu licher Lebensgrundlagen. Was der Staat eigentlich keinen sonderlich guten Ruf
sein hat. Das wollen wir als Liberale nicht. nicht sein darf: Mitspieler, Vormund oder genießen. Können Sie sich das erklären?
Für die Freiheit sind ihre falschen Freunde Zensor. Das Zusammenleben ist zudem
viel gefährlicher als ihre echten Feinde. ohne Werte nicht denkbar, die jenseits Ein Leben in Freiheit ist mit Unsicher-
Deshalb wird diese politische Formel von Staat und Markt in der Gesellschaft heit verbunden, denn Chancen sind kei-
auch eher von Sozialdemokraten, Grünen und dort insbesondere in den Familien ne Garantien. Die Risiken der globalen
und Linken gebraucht. Das Konzept der gelebt und vermittelt werden. Finanzmärkte, die unabsehbaren Folgen
„Freiheit von“ bzw. der negativen Freiheit des technologischen und demografischen
öffnet einen Raum für Möglichkeiten. _ So plausibel das klingt: Sie treten im Wandels und ökologische Fragen be-
Ergänzen kann man dieses Verständnis politischen Alltag gegen Konkurrenten an, sorgen viele. Manche suchen Sicherheit
durch eine Dimension, die nicht nur die die Geschenke in der Hand haben: Zuschüsse, dann nicht zuerst in sich selbst und ihren
Anzahl, sondern vor allem die Qualität der Subventionen, Ausnahmegenehmigungen. sozialen Beziehungen, sondern in Erwar-
möglichen Lebensoptionen erhöhen will. Da sind Sie doch eigentlich per se im tungen an den Staat. Das ist menschlich,
Hintertreffen? führt aber zur Unterforderung der Gesell-
_ Was heißt das für die Rolle des Staates? schaft und zugleich zur Überforderung
Nicht, wenn wir auf die Vernunft und des Staates. Angesichts der Verände-
Er hat zuerst die Aufgabe, die Regeln den gesunden Menschenverstand bauen. rungen unserer Lebensbedingungen ist
unseres Miteinanders zu bestimmen. Eine Was Liberale anzubieten haben, ist gutes der Ordnungsgedanke umso wichtiger.
Ordnung, die fair ist und durch den Wett- Recht und das leidenschaftliche Eintre- Liberale sind also nicht gegen den Staat
– im Gegenteil bejahen wir ihn
aktiv als Regelsetzer. Wir machen
ihn aber nicht zum Instrument
unserer eigenen gesellschaftspo-
litischen Vorgaben. Wir stärken
lieber die Selbstbestimmungskraft
der Einzelnen: Wer sich mehr zu-
traut, der will auch mehr Freiheit.
Und wir sollten den Blick der Öf-
fentlichkeit stärker auf die Gesell-
schaft selbst richten. Dort ist das
beste Wissen über die Lösung von
Zukunftsproblemen, dort ist das
Engagement und die Empathie für
die Bewältigung sozialer Heraus-
forderungen.

_ Christian Lindner, vielen Dank für


„Die Menschen brauchen Ressourcen der Selbstbestimmung, also gute Bildung und Lebenstüchtigkeit.“
das Interview.

bewerb Innovation fördert. Das ist die ten für die Freiheit. Wir wenden uns an
quantitative Dimension einer Politik für Menschen, die ihr Leben selbst in die Das Interview führten Boris Eichler und
Freiheit. In qualitativer Hinsicht brauchen Hand nehmen wollen, die gerne Verant- Dr. Lars-André Richter.

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pro | magazin 1_11

Globale Gerechtigkeit:
eine Frage der Planung?
Unter der Überschrift Flexibilisierung Wie in den sozialen Sicherungssyste-
wurde in den letzten zehn Jahren arbeits- men und auf dem Arbeitsmarkt ist auch
marktpolitischer Wildwuchs betrieben. die bildungspolitische Schieflage un­
Massenhafte Abhängigkeit von Hartz IV, übersehbar. Zwar existiert ein politischer
Ein-Euro-Jobs und ungleiche Bezahlung Konsens darüber, dass gute Bildung der
bei gleicher Tätigkeit haben jedoch nicht Schlüssel für künftigen Wohlstand, gute
das Geringste mit sozialer Gerechtigkeit Arbeit und gutes Leben in Deutschland
zu tun. Daher ist eine neue soziale Ord- ist, aber wohlfeilen Worten fehlen noch
nung des Arbeitsmarktes längst überfällig die politischen Taten. Die Ausgrenzung
– eine Ordnung, die gute Arbeit für alle von Kindern aus bildungsfernen, sozial
Michael Sommer
ermöglicht und die missbräuchliche Be- schwachen Arbeiter- und Migrantenfa-
schäftigung von Leiharbeitnehmerinnen milien durch das Bildungs- und Erzie-
und -nehmern beendet. hungssystem erhöht ihr Risiko, aus der

Pro Mit der bewussten Vernachlässigung


Erwerbswelt ausgeschlossen zu werden.
Damit steigt auch das Risiko, überwie-
von Gerechtigkeitsfragen, deren praktische gend und dauerhaft von staatlichen
Beantwortung der Sozialstaatspassus des Transferleistungen abhängig zu sein.
Grundgesetzes nahelegt, geht eine kon-
Gerechtigkeit tinuierliche Aushöhlung des Solidaritäts- Die Ausweitung des Niedriglohnsek-
prinzips einher. Ob bei der Arbeitslosen-, tors kann keine Antwort sein. Ein qualita-
braucht eine neue Kranken- oder Rentenversicherung – in all tiv hohes Maß an Bildung und ein breites
­soziale ­Ordnung diesen Bereichen wird zulasten der Versi- öffentliches Bildungsangebot bilden ei-
cherten herumgedoktert, wie zuletzt in der nen wesentlichen Baustein für eine sozial
Das gegenwärtige Wirtschaftswachs- gesetzlichen Krankenkasse. Einer Politik gerechte Politik. Bildungspolitik muss zu
tum, steigende Exportquoten sowie sin- dagegen, die es ernst mit der Gerechtigkeit einer gestaltenden Gesellschaftspolitik
kende Arbeitslosenzahlen mögen zwar meint, stehen praktikable Alternativen be- werden.
hoffnungsfroh stimmen, dürfen aber reit, nämlich eine Bürgerversicherung, in
nicht vortäuschen, dass die Wirtschafts- die jeder und jede einzahlt und die allen Die politische Gestaltung einer neuen
und Finanzmarktkrise überwunden ist. nützt. Sie ist gerechter und ein wichtiger sozialen Ordnung ist die unabdingbare
Es existiert noch immer eine soziale Beitrag, um die Finanzierung der sozialen Voraussetzung für die zukünftige Sta-
Schieflage in Deutschland. Obwohl Ar- Sicherungssysteme auf eine stabilere und bilität unserer demokratischen Gesell-
beitnehmerinnen und Arbeitnehmer ge- solidarische Basis zu stellen. schaft, in der Solidarität und Gerechtig-
meinsam mit ihren Betriebsräten und keit ein Leben in Würde und Freiheit für
Gewerkschaften in erheblichem Maße Die Alterung der Gesellschaft hat sicher- den Einzelnen ermöglichen – ein Leben,
dazu beigetragen haben, die Krisenfolgen lich Auswirkungen auf die sozialen Siche- dessen Gestaltung nicht dem Markt
abzumildern, werden die Kosten auf ihren rungssysteme. Aber Altersarmut darf nicht überlassen werden darf, weder national
und den Schultern derer, die bereits im zum privaten Risiko von Millionen von noch weltweit.
sozialen Aus stehen, abgeladen. Für die- Menschen werden. Ein würdevolles Leben
se Entwicklung allein den internationalen im Alter braucht als Grundlage ein gutes
Wettbewerb verantwortlich zu machen, Auskommen. Zudem müssen die Erwerbs-
käme einer Kapitulation des Politischen minderungsrente verbessert, flexible Über- Michael Sommer ist Vorsitzender des Deutschen Gewerk-
schaftsbundes. Im Juni dieses Jahres hat er außerdem das
vor den vermeintlich naturgegebenen Re- gänge in den Ruhestand geschaffen und die Amt des Präsidenten des Internationalen Gewerkschafts-
geln des Marktes gleich. Rente ab 67 zurückgenommen werden. bundes übernommen.

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magazin 1_11 | contra

wirkt als Motor von Wachstum und Be- tumsrechte und breite soziale Akzeptanz
schäftigung: Er sorgt für steigende Qua- sichert, sowie ein geordneter, Freiheit si-
lität, sinkende Preise und stetige Innova- chernder Wettbewerb.
tionen. Wettbewerb verändert permanent
die Machtpositionen der Marktteilnehmer Allerdings hat die Wirtschafts- und
und stellt somit sicher, dass niemand auf Finanzkrise gezeigt: Die Rahmenbedin-
Dauer den Markt beherrschen kann. gungen auf den Finanzmärkten sind re-
formbedürftig. Unzureichende Regeln und
Dazu bedarf es einer Ordnungspolitik falsch gesetzte Anreize waren für den
im ursprünglichen Sinne des Wortes. Es Ausbruch der Krise mitverantwortlich.
Rainer Brüderle
muss darum gehen, den Ordnungsrahmen Deshalb gilt es jetzt, die Spielregeln auf
für die Wirtschaft vernünftig zu gestal- den Finanzmärkten zu verbessern und Re-
ten. Konkret bedeutet das: Der Staat setzt gulierungslücken zu schließen. Doch mehr

Contra marktkonforme Regeln und Anreize. Doch


aus dem Zusammenspiel von Angebot
Regeln sind nicht zwangsläufig die beste
Lösung. Wichtig sind intelligentere Regeln.
und Nachfrage auf den Märkten hält er Andernfalls laufen wir Gefahr, unterneh-
sich heraus. Der Staat ist nicht der besse- merische Initiative auszubremsen.
re Unternehmer.
Soziale Gerechtigkeit Die grundlegenden Reformen müssen
Soziale Gerechtigkeit entsteht nicht von der internationalen Staatengemein-
braucht wirtschaft- durch Gleichmacherei oder Almosen. Erst schaft mitgetragen werden. Hier haben
lichen Wettbewerb wenn wir jedem die Chance geben, seine wir schon erste Fortschritte zu verzeich-
Möglichkeiten und Talente frei und ei- nen. Ein Beispiel sind die neuen Baseler
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat genverantwortlich zu entfalten, werden Eigenkapitalvorschriften.
den Kritikern der Marktwirtschaft wieder wir ihm wirklich gerecht.
Auftrieb gegeben. Marktwirtschaft – so Diese Rahmenbedingungen auf na-
argumentieren sie – sei sozial ungerecht, Das gilt auch im internationalen tionaler und internationaler Ebene zu
sie fördere Egoismus und Profitgier an- Maßstab. Der Prozess der Globalisierung sichern, zählt zu den zentralen wirt-
stelle von Solidarität und führe zu einem ist deshalb vor allem auch eine große schaftspolitischen Aufgaben. Wechsel-
regellosen „Kampf aller gegen alle“. Sol- Chance. Mit den richtigen Rahmenbe- kursmanipulationen gilt es ebenso zu
che Ansichten zeigen, wie wenig manche dingungen sorgen Handel und internati- unterbinden wie Protektionismus oder
Kritiker von ökonomischen Grundzusam- onale Arbeitsteilung in allen beteiligten Subventionswettläufe. Institutionen wie
menhängen verstehen. Denn Markt und Volkswirtschaften für wirtschaftlichen die Welthandelsorganisation, die diesen
Wettbewerb sind in unserer Sozialen und sozialen Wohlstand. Für Schwel- Zielen verpflichtet sind, sind deshalb von
Marktwirtschaft kein Selbstzweck. Sie len- und Entwicklungsländer bieten zentraler Bedeutung, um globale sozi-
schaffen im Gegenteil erst den notwen- sich dadurch sehr viel nachhaltigere ale Gerechtigkeit durch wirtschaftlichen
digen Raum, damit sich die Potenziale Perspektiven, als dies mit kurzfristigen Wettbewerb nachhaltig zu steigern.
unserer Gesellschaft in Verantwortung Entwicklungshilfetransfers je möglich
entfalten können. wäre. Das gelingt umso besser, je mehr
die Rahmenbedingungen stimmen. Zu
Damit sind sie die Grundvorausset- den wichtigsten Grundlagen zählen eine
Rainer Brüderle ist Bundesminister für Wirtschaft und
zung für individuelle Freiheit und breiten gut ausgebaute Infrastruktur, eine solide Technologie und stellvertretender Bundesvorsitzender
gesellschaftlichen Wohlstand. Der Markt Rechtsordnung, die verlässliche Eigen- der FDP.

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thema | magazin 1_11

Viel Staat,
wenig
Gerechtigkeit
Der bürokratische
­Hürdenlauf eines
Würstchenverkäufers
Ein Porträt von Boris Eichler

Eigentlich macht Bertram Rohloff nichts


anderes, als dafür zu sorgen, dass Berliner
und ihre Gäste am Alexanderplatz mit
Bratwürsten versorgt werden. Eigentlich
ein unspektakuläres Gewerbe. Dennoch
verbringt Rohloff einen guten Teil seiner
Zeit damit, Interviews zu geben. Das hat
mit der Art des Bratwurstverkaufs zu tun,
denn seine „Grillwalker“ tragen alles frei-
schwebend mit sich: Gasgrill, Bratwürs­te,
Kasse, Vorrat. Ein origineller Anblick. Doch
Rohloff kann auch eine lange Geschichte
erzählen – eine lange Geschichte der Bü-
rokratie, die mit freiem Unternehmertum
wenig anzufangen weiß.

Als der Neubrandenburger vor über


zehn Jahren seinen Job in der Hotellerie
verlor, wollte er sich mit einer Würst-
chenbude selbstständig machen – nur:
eine Genehmigung bekam er nicht.
Würstchenbuden gibt es schon genug

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magazin 1_11 | thema

in Berlin, hatte die Hauptstadtverwal- wir konnten überall verkaufen“, erinnert Nun war der Selfmademan plötzlich
tung entschieden. Bauchladenverkäufer sich der Grillwalker. Bis sich die Politik auf Ausnahmegenehmigungen angewie-
brachten ihn auf die Idee, einen mobilen, an osteuropäischen Souvenirverkäufern sen. Die gab es mal und mal gab sie‘s
tragbaren Grill zu entwickeln. Für den störte, die sich mit vierzig Kilo Ware an nicht – und wenn, dann immer nur ge-
brauchte man nur eine Reisegewerbe- den Hotspots der Stadt breitmachten. gen saftige Gebühren. „Immer, wenn man
karte. Dachte Rohloff. Es folgte die le- Sie beriefen sich – wie der Grillwalker – irgendwo einen Antrag stellen muss, ist
bensmittelhygienische Genehmigung, die auf die lockeren Regeln für Bauchläden, man natürlich auch Bittsteller“, so be-
schnell erteilt wurde. Zu schnell, fanden obwohl die meisten von ihnen gar nicht schreibt Rohloff seine neue Position.
ein paar Beamte, und legten zu- Hundert Euro pro Monat für eine
sätzliche Bedingungen nach. Der personengebundene Genehmi-
erste Rechtsstreit folgte. Zu einer gung – das ist im Bratwurstge-
Begutachtung wurden Vertreter schäft schon ein Kostenfaktor.
aller Berliner Bezirke eingeladen.
Drei-Seiten-Spuckschutz, Überda- „Die sind wankelmütig – da
chung gegen Vogelkot. Rohloff er- wechselt das Personal und dann
weiterte den Grill um eine durch­- fährt man plötzlich eine andere
sichtige Plastikwand und mon- Linie“, ärgert sich der Selfmade-
tierte einen Schirm. man über die Behörden. Alles sei
ihm schon begegnet – Beamte, die
Dann fand Rohloff heraus, dass tendenziell lieber nichts genehmi-
er eine CE-Baumusterprüfung für gen, weil dann auch die Kontroll-
seinen Grill braucht. Der größte arbeit entfällt.
europäische Branchen-Zertifizie-
rer im Gas- und Wasserfach, der Andere, die ihm zu erkennen
Deutsche Verein des Gas- und gaben, dass man durch hohe Ge-
Wasserfaches e. V., machte es sich bühren einer Inflation von Brat-
einfach: „Nö, prüfen wir nicht“, wurstverkäufern entgegenwirken
erinnert sich Rohloff. Ohne das will. Aber keine, die es einfach nur
Gerät in Augenschein zu nehmen, gut fanden, dass jemand mit einer
wurde festgestellt, der Grill sei Geschäftsidee kommt, Arbeits-
eine Gefahr für Leib und Leben plätze schafft und Steuern mehrt.
des Verkäufers und der Kunden.
„Da ist mir dann Europa zu Hilfe Dass er durch das Bildungs-
gekommen“, sagt Rohloff. Denn system auf diesen Kampf des
EU-weit gibt es fünf Zertifizie- freien Unternehmers mit der Bü-
rungsstellen. Der Erfinder machte Bertram Rohloff vor seinem Firmensitz in Berlin rokratie, der institutionalisierten
sich mit dem Zug auf den Weg in staatlichen Gerechtigkeit, nicht
die Niederlande, führte sein Gerät vor, alleine tragen konnten, was sie zum Ver- vorbereitet wurde, das stört Rohloff er-
samt Sicherheitseinrichtungen wie Gas- kauf anboten. Ein Katz-und-Maus-Spiel staunlicherweise nicht. Wer fix genug sei,
Notstopp-Schalter, Thermofühler und mit den Behörden begann. „Die hätte man der fände seinen Weg schon durch den
Neigungssensor, der ein Auslaufen des mit der Anwendung des geltenden Rechts Dschungel. Das, so Rohloff, unterscheide
Gases verhindert. Zwei Wochen später unkompliziert loswerden können“, sagt den Unternehmer eben von jenen, die
kam die Zertifizierung mit der Post. Rohloff, denn im Reisegewerbe „darf man sich einen solchen Kampf nicht zumuten
seine Sachen nicht abstellen, und zum wollten. Auslese nicht durch Marktge-
Das passte wiederum den deutschen Tragen hatten die zu viel dabei.“ Statt- setze, sondern durch einen Vorschriften-
Behörden nicht – das Landesamt für Ge- dessen wurde Berlin flächendeckend zur Hindernislauf: Bürokratie als Auslesever-
rätesicherheit erkannte die Zertifizierung Sondernutzungszone erklärt, das Aus für fahren – eine interessante Sichtweise.
nicht an und beschlagnahmte die mobi- Souvenirhändler, „… und damit standen
len Grills. Erneut ging Rohloff vor Gericht auch wir über Nacht illegal auf Berliner
und klagte seine Geräte erfolgreich frei. Straßenland“, so Rohloff. Boris Eichler ist Online-Referent der Friedrich-Naumann-
„Das waren dann paradiesische Zustände, Stiftung für die Freiheit.

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thema | magazin 1_11

sind, Aufwendungen für die Arbeiten an


der Außenfassade hingegen nicht. Die
Regelung, die ursprünglich mehr Ge-
rechtigkeit herstellen sollte, führte so
zu neuer Ungerechtigkeit und vor allem
Kompliziertheit. Ein anderes Beispiel ist
die Steuerfreiheit von Zuschlägen für
Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit:
Sandro Nücken Ist es gerecht, dass die Zuschläge von
Steuerpflichtigen, die zu anderen Zeiten
arbeiten, nicht steuerfrei sind? Steu-

Durchblick passé
erstreitverfahren und Verdruss bei den
Steuerpflichtigen sind durch derartige
Normen vorprogrammiert.

Die Paradoxien des deutschen Steuersystems Ein gerechtes Steuersystem sollte auf
Ausnahme- und Sonderregelungen, ins-
besondere Lenkungsnormen, verzichten.
Mit der Verständlichkeit und Gerech- Ausnahmeregelungen machen das deut- Originärer Zweck des Steuerrechts ist die
tigkeit unseres Steuersystems scheint es sche Steuersystem kompliziert und unge- Sicherung notwendiger Staatseinnahmen.
nicht allzu weit her zu sein: Jeder zweite recht. Zwar versucht der Gesetzgeber mit Die Verfolgung außersteuerlicher Ziele ist
Deutsche hält eine „gewisse Steuerhin- der Einführung solcher Normen häufig nicht Sache des Steuerrechts. Ausnah-
terziehung“ für gerechtfertigt, weil un- gerade besonders gerecht zu sein, er- me- und Sonderregelungen machen das
sere Steuergesetze unverständlich und reicht aber oft das Gegenteil. Die vor drei Steuerrecht kompliziert, zerstören die Ge-
ungerecht sind. Zu diesem Ergebnis kam Jahren eingeführte Steuerermäßigung setzessystematik, führen zu Fehlallokati-
eine im Auftrag des Steuerzahlerbundes für Aufwendungen bei „haushaltsnahen onen und wirtschaftlichem Fehlverhalten
durchgeführte Erhebung im Jahr 2008. Beschäftigungsverhältnissen und Dienst- und machen das Steuersystem ungerecht.
leistungen“ beispielsweise brachte derart Nur wenn der Steuerpflichtige übersehen
Verwunderlich ist das nicht. Selbst viele Zweifelsfragen mit sich, dass durch kann, welche steuerlichen Folgen auf ihn
unter Fachleuten ist unstreitig, dass das das Bundesministerium der Finanzen ein und seine Mitbürger zukommen, wird er
deutsche Steuerrecht sich im Laufe der im Bundessteuerblatt 3½ DIN-A4-Seiten das Gefühl haben, in einem gerechten
letzten Jahrzehnte extrem verkompliziert umfassendes Anwendungsschreiben her­ Steuersystem zu leben.
hat. Was ist der Grund dafür, dass Wasser ausgegeben werden musste. Darin fand
mit einem ermäßigten Umsatzsteuersatz sich die bemerkenswerte Differenzierung, Sandro Nücken ist Promotionsstipendiat der Friedrich-
Naumann-Stiftung für die Freiheit. Der Beitrag ist die
von 7  % belastet wird, Mineralwasser dass Kosten für das Streichen von Innen- Kurzfassung eines Textes, mit dem der Autor den Hayek-
aber mit 19  %? Unzählige Sonder- und wänden eines Hauses steuerbegünstigt Essay-Wettbewerb 2010 gewann.
magazin 1_11 | thema

Fair Play
Fußball und Marktwirtschaft –
da läuft mehr, als man meint
Von euckenserbe

Wettbewerb riecht streng nach Markt­ Der moderne Staat jedoch will Spieler, folgt, kann es keinen Sieger geben, weil
radikalität und Sozialdarwinismus – ho- Trainer und Schiedsrichter zugleich sein. alle das Gleiche tun. Er scheut den Wett-
hes Ansehen genießt er nicht. Anders am So gehören dem Bund 25 Prozent aller bewerb, seine Dynamik, das beste Ver-
Samstagabend, wenn Fußballdeutschland DAX-Unternehmen. Per Gesetz will er die fahren zur Entdeckung neuen Wissens­
Sportschau guckt. Zwei Mannschaften DSL-Investition der Deutschen Telekom (v. Hayek) – vor allem und ausgerech-
unterwerfen sich Regeln, deren Einhal- schützen – der Post-Mindestlohn treibt net im deutschen Bildungssystem. Statt
tung der Schiedsrichter überwacht. Wer den einzigen Konkurrenten in die Pleite. Recht auf Bildung gibt es Schulpflicht.
sie nicht befolgt, wird sanktioniert. Be- Der Staat geht ins Risiko, in den Verlust Der Schüler ist Objekt und nicht Kunde.
dingung für die Autorität des Schieds- (siehe Landesbanken) – der Steuerbür- Die erfolgreiche Schule, die gute Univer-
richters ist seine Neutralität. Am Ende ger trägt die Kosten, als sei er haftendes sität werden nicht belohnt, der schlech-
gewinnt die Mannschaft, die die Anzahl Zwangsmitglied in einem Verein, der Ver- te Lehrer und der faule Professor aber
der eigenen Tore maximiert hat. braucher leidet unter hohen Preisen und bleiben bei voller Bezahlung auf dem
schlechter Leistung. Als Schiedsrichter Platz. Erfolgsorientierte Prämien sind ein
So wie der Fußball funktioniert auch ist der Staat parteiisch, hilft den eigenen Fremdwort.
die Marktwirtschaft. Der Staat wirkt als Mannschaften. Er übersieht hier ein Foul
Schiedsrichter. Auf die Mannschafts- oder gibt da ein gegnerisches Tor nicht. Im Sinne eines fairen Wettbewerbs
aufstellung nimmt er keinen Einfluss. Es So ruiniert er den Wettbewerb. sollte sich der überforderte Staat auf eine
gibt keine Frauen- oder Behindertenquo- Rolle konzentrieren: Er setzt das Regel-
te, aber Polen, Türken, Perser und Ober­ Der Staat schreibt den Spielern vor, mit werk und spielt den Schiedsrichter. Guten
bayern haben ihre Chance, wenn die Leis­ welchem Fuß sie aufs Tor schießen sol- Fußball spielen die Bürger und ihre Ver-
tung stimmt. Die Nationalmannschaft ist len. Er scheitert, weil er über das konkrete eine von ganz allein.
kein Beispiel für Multikulti, sondern für Wissen, wann welcher Fuß der richtige ist,
gelungene Integration: Aufgestellt wird nicht verfügt. Er ergänzt abstrakte Regeln
nur, wer sich an die Regeln hält und der um konkrete Ausführungsbestimmungen. euckenserbe betreibt das Blog „Freunde der offenen
Mannschaft einen Mehrwert verspricht. Werden die von allen Mannschaften be- Gesellschaft”: fdogblog.wordpress.com.

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„Für Freiheit und Fairness“


er sich an die Regeln gehalten und die
Rechte anderer nicht verletzt hat. Auch
das gehört zur Fairness, und die meisten
sehen das ein. Es zerstört nämlich die
Eindrücke einer V
­ eranstaltungs­reihe Grundlagen der Freiheit, wenn Erfolg nur
von Neid und Missgunst begleitet wird.
Von Wolfgang Gerhardt
Meine dritte Erkenntnis: Die Menschen
sind keineswegs politikmüde. Das Format
von Veranstaltungen, wie sie die Stiftung
Die Veranstaltungsreihe „Für Freiheit spüren durchaus, dass Freiheit eine der anbietet, erlaubt es, anschließend noch
und Fairness“ ist längst zu einer festen anspruchsvollsten Ideen ist, die die poli- ins Gespräch zu kommen. Genau das
Größe im Stiftungsleben geworden. Wenn tische Landschaft im Angebot hat. haben die meisten genossen, diese At-
ich an die Abende im zurückliegenden mosphäre, die bei Parteiveranstaltungen
Jahr denke, an die Gespräche und Diskus- Etwas, das hilft, dass diese Anspruchs- nicht immer unbedingt herrscht. Ein Satz,
sionen mit den Gästen in Aalen, Bremen, haltung als gerecht, als fair empfunden den ich oft gehört habe: Gut, dass ihr mal
Magdeburg und anderswo, dann ist mir wird, sind Spielregeln. Das war das zwei- so eine Veranstaltung angeboten habt.
vor allem dreierlei aufgefallen: te, was mir aufgefallen ist: Die Menschen
wollten wissen, mit welchen Regeln das Ich gehe davon aus, dass die Themen
Erstens: Die Menschen suchen nach ei- Fairplay einer freiheitlichen Gesellschaft Gerechtigkeit und Fairness auch 2011 die
ner verlässlichen, längerfristig gültigen Ori- gelingt. Darüber zu debattieren, dafür politische Debatte beherrschen, genauso
entierung. Sie haben sich dann besonders ist das Format einer Abendveranstaltung wie die Frage nach einer neuen sozialen
lebhaft an Debatten beteiligt, wenn sich natürlich optimal. Viele Menschen haben Politik. Vielleicht kommen noch andere
diese um Werte und Perspektiven drehten. den Eindruck, dass es nicht immer fair zu- Themen hinzu. Was aber bleibt, ist die Er-
geht in Deutschland. wartung, dass eine politische Stiftung über
Überraschen kann diese Sehnsucht Grundsätzliches reden sollte und sich nicht
nach Verlässlichkeit nicht. Freiheit be- Deshalb habe ich bei den meisten in tagespolitischen Debatten verlieren darf.
deutet Mühe, es fallen nicht bei jeder Veranstaltungen schon früh betont, dass
Herausforderung des Lebens sofort die niemand das Recht hat, die Freiheit zu
Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. überdehnen, dass eine freie Gesellschaft Ein Interview mit Wolfgang Gerhardt zur
Die Mühen des Alltags, wie Lord Dah- Spielregeln braucht. Das heißt natürlich Veranstaltungsreihe „Für Freiheit und
rendorf sie einmal genannt hat, gefallen auch, dass sie mit Ungleichheiten leben Fairness“ finden Sie unter www.freiheit.org.
natürlich nicht jedem, sie verlangen nach muss – sie muss demjenigen, der erfolg- Dr. Wolfgang Gerhardt MdB ist Vorsitzender des Vor-
individueller Anstrengung. Die Menschen reich ist, seinen Erfolg auch gönnen, wenn standes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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Robert Nozick Michael Hüther, Thomas Straubhaar Bernd Rüthers

Anarchie, Staat, Die gefühlte Das Ungerechte an


Utopia Ungerechtigkeit der Gerechtigkeit
Olzog Verlag, München, 2006, 24,90 1, Warum wir Ungleichheit aushalten Mohr Siebeck Verlag, Tübingen, 2009,
ISBN 978-3-7892-8098-6 müssen, wenn wir Freiheit wollen 19,00 1, ISBN 978-3-16-149919-7
Econ Verlag, Berlin, 2009, 19,90 1,
Dieses Buch, ein Klassiker der politischen Bernd Rüthers zeigt, dass „die Gerech-
ISBN 978-3-430-30036-0
Literatur, wendet sich gegen den uns im- tigkeit“ ein historisch-politisch wandel­
mer mehr bedrohenden und wuchernden Die Wirtschaftsexperten Michael Hüther bares Wunschbild darstellt. Der reale
Moloch Staat. Es enthält eine aufsehen- und Thomas Straubhaar erklären, warum Inhalt der Gerechtigkeit wird für jede
erregende philosophische Herausforde- die Globalisierung Risiken birgt, aber Epoche und jede Kultur neu bestimmt.
rung an die verbreitetsten politischen auch Chancen auf mehr Wohlstand für Die individuellen Leitbilder derer, die nach
und sozialen Auffassungen unserer Zeit, alle. Um diese zu nutzen, brauchen wir Gerechtigkeit suchen, werden von welt-
sowohl die liberalen, sozialistischen als einen starken, aber schlanken Staat, der anschaulichen Vorverständnissen und
auch konservativen. „Anarchie, Staat, Wettbewerb nicht überreguliert, sondern schichtspezifischen Prägungen der einzel-
Utopia“ widerspricht der heute vorherr- fördert. Die Politik muss den Bürgern nen Bürger maßgeblich beeinflusst.
schenden Meinung, dass das Wohl der klarmachen, dass ein Abschied von veral-
Menschen nur durch ein Mehr an Staat teten Strukturen kein Verzicht auf soziale
erreicht werden kann. Sicherheit bedeutet.

Impressum

Herausgeber: Verantwortlich: Redaktion: Gestaltung: Erscheinungsweise: Lokomotiv/Willemsen


Friedrich-Naumann-Stiftung Kirstin Balke Klaus Füßmann Runze & Casper halbjährlich (Programm S. 1);
für die Freiheit Leiterin Presse und Ruth Holzknecht Werbeagentur GmbH LOOK-foto/Greune (S. 13);
Truman-Haus ­Kommunikation Achim Kansy Fotos: STADTLANDFLUSS (Titel);
Karl-Marx-Straße 2 Dr. Lars-André Richter Gesamt­herstellung: Caro/Hechtenberg (S. 10); Stills-Online (S. 4)
14482 Potsdam-Babelsberg Kontakt: COMDOK GmbH Caro/Ruffer (S. 5);
Pressestelle Kreative Beratung: Büro Berlin INSM/Initiative Neue So­ziale Alle übrigen Fotos:
Telefon 03 31.70 19-2 76 Helmut Vandenberg Marktwirtschaft (S. 12); Friedrich-Naumann-­
Telefax 03 31.70 19-2 86 Büro für Kommunikation Auflage: Joker/Hengesbach (S. 7); Stiftung für die Freiheit
presse@freiheit.org und Werbung 82.000 Kolvenbach (S. 3);

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