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Carlos Castaneda

Die Kunst des Träumens

A u s d em A m erikan isch en
vo n T h o m as L in d q u ist

»Träumen kann nur erfahren werden. Denn Träumen heißt nicht ein-
fach. Träume zu haben: es hat auch nichts mit Tagträumen oder
Wunschvorstellungen zu tun. Durch das Träumen können wir andere
Welten wahrnehmen, die w i r gewiß auch beschreiben können, aber
wir können nicht beschreiben, was uns befähigt, sie wahrzunehmen.
Und doch merken wir. daß das Träumen jene anderen Sphären
erschließt.«
Mit diesen Worten vermittelt Don Juan, der legendäre Zauberer, seinem
Musterschüler Carlos Castaneda eine Vorstellung von der besonderen
Kraft des Träumens. Ihrer bedient sich Castaneda. Um nach langen
Jahren der Übung und Meditation zu den fernabgelegenen
Wirklichkeiten vorzustoßen, wo er uralten Wesen und Wesenheiten
begegnet, die gleichzeitig Wissen spenden und tödliche Gefahren dar-
stellen können. Carlos Castaneda starb 1998.

Von Carlos Castaneda sind außerdem im Fischer Taschenbuch Verlag


lieferbar: »Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens<
(Bd. 1457): >Eine andere Wirklichkeit. Neue Gespräche mit Don
Juan< (Bd. 1616): >Reise nach Ixtlan. Die Lehre des Don Juan»
(Bd. 1809); >Der zweite Ring der Kraft< (Bd. 3035): >Der Ring der
Kraft. Don Juan in den Städten« (Bd. 3370): >Die Kunst des Pirschens«
(Bd. 3390): >Das Feuer von innen< (Bd. 5082): >Die Kraft der Stille.
Neue Lehren des Don Juan< (Bd. 10926) sowie >Das Wirken der Un-
endlichkeit' (Bd. 14740).
Im S. Fischer Verlag sind erschienen: >Tensegrity. Die magischen Be-
wegungen der Zauberer* (1998) und >Das Wirken der Unendlichkeit<
(1998).
Fischer
Taschenbuch
Verlag
Unsere Adresse im Internet: www.fischer-tb.de

Scanned by JINGSHEN
Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1. Die Zauberer der Vorzeit: eine Einführung . . . . . . 13
2. Die erste Pforte des Träumens . . . . . . . . . . . . 32
3. Die zweite Pforte des Träumens . . . . . . . . . . . . 46
4. Die Fixierung des Montagepunktes . . . . . . . . . . 67
5. Die Welt der anorganischen Wesen . . . . . . . . . . 92
6. Die Welt der Schatten . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
7. Der blaue Scout . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
8. Die dritte Pforte des Träumens . . . . . . . . . . . . 149
9. Das neue Forschungsgebiet . . . . . . . . . . . . . . 173
10. Die Pirscher anpirschen . . . . . . . . . . . . . . . . 189
11. Der Mieter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
12. Die Frau in der Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . 225
13. Auf den Flügeln der Absicht fliegen . . . . . . . . . 245

3. A uflage: Februar 2001

U ngekürzte A usgabe
V eröffentlicht im Fischer T aschenbuch V erlag G m bH .
Frankfurt am M ain, M ärz 1998
D ie am erikanische O riginalausgabe erschien 1993 u n t e r dem Titel:
>The A rt of D ream ing<
im V erlag H arperC ollins P ublishers. Inc., N ew Y ork
© C arlos C astaneda 1993
Für die deutsche A usgabe:
© S. Fischer V erlag G m bH . Frankfurt am M ain 1994
A lle R echte vorbehalten
D ruck und B indung: C lausen & B osse, Leck
P rinted in G erm any
ISB N 3-596-14166-4
Vorwort
Wir sind nur gekommen, In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich eine R eihe von B ü-
ein Traumbild zu sehen, wir sind chern geschrieben, über m eine L ehrzeit bei D on Juan M alus,
nur gekommen zu träumen, nicht wirklich, einem Z auberer der Y aqui-Indianer in M exiko. Ich erklärte in
nicht wirklich sind wir gekommen, diesen B üchern, daß er m ich die Zauberei lehrte, aber nicht so.
auf der Erde zu leben. wie wir Zauberei im K ontext unserer alltäglichen W elt verstehen:
als B eherrschung anderer durch übernatürliche K räfte, oder als
Tochihuitzin Coyolchiuhqui G eisterbeschwörung durch Zauberform eln, Fetische oder R ituale
(aztekischer Dichter, um 1419)* zur H ervorbringung übernatürlicher W irkungen. Für D on Juan
war Zauberei die V erkörperung spezieller theoretischer und prak-
tischer Präm issen über W esen und Funktion der W ahrnehm ung in
der G estaltung der uns um gebenden W elt. D on Juans
Em pfehlungen befolgend, habe ich davon abgesehen, sein W issen
durch einen spezifisch anthropologischen Begriff, den des
Scham anim us, zu definieren. V ielm ehr nannte ich es stets - w ie er
selbst - Z auberei. B ei genauerer P rüfung aber erkannte ich, daß
die B ezeichnung solchen W issens als Zauberei die ohneh in
u n b egreiflich en P h än o m en e, m it d en en er m ich in sein er
U nterw eisung bekannt m achte, noch unklarer erscheinen ließ.
In anthropologischen Schriften w ird Scham anim us definiert als
G laubenssystem m ancher Eingeborenenvölker im nördlichen
A sien, verbreitet auch unter nordam erikanischen Indianerstäm -
m en, das von der A nnahm e ausgeht, daß wir von einer unsichtbaren
W elt von A hnengeistern, von guten und bösen K räften um geben
sind: von spirituellen K räften, beschw oren oder kontrolliert durch
gew isse H andlungen der P raktiker, die als M ittler zw ischen der
natürlichen und der übernatürlichen W elt fungieren.
D on Juan w ar tatsächlich ein M ittler zw ischen der natürlichen
W elt des alltäglichen Lebens und einer unsichtbaren W elt, die er
nicht das Ü bernatürliche nannte, sondern die zw eite A ufm erk-
sam keit. Seine A ufgabe als Lehrer war, m ir diese K onfiguration,
* Für den Hinweis auf das Gedicht danken wir
Herrn Hans-Dieter Schultz; d. Lektorat.
von Zauberern die zweite Aufmerksamkeit genannt, zugänglich nem Fall versuchte mein Lehrer, mir das Träumen zu beschreiben,
zu machen. In meinen bisherigen Büchern habe ich die Lehrme- indem er sagte, es sei die Art der Zauberer, der Welt >gute
thoden beschrieben, die er zu diesem Zweck einsetzte, wie auch Nacht< zu sagen. Natürlich stellte er seine Beschreibung auf
die Zauberpraktiken, die er mich einüben ließ: die wichtigste unter meine Mentalität ein. Das gleiche tu ich bei dir.« Bei anderer
ihnen war die - so bezeichnete - Kunst des Träumens. Don Juan Gelegenheit sagte Don Juan zu mir: »Träumen kann nur erfahren
behauptete, daß unsere Welt, die wir für einmalig und absolut werden. Denn Träumen heißt nicht einfach, Träume zu haben; es
halten, nur eine unter einer Vielzahl aufeinander folgender Welten hat auch nichts mit Tagträumen oder Wunschvorstellungen zu tun.
sei, angeordnet wie die Schichten einer Zwiebel. Er behauptete, Durch das Träumen können wir andere Welten wahrnehmen, die
daß wir, auch wenn wir energetisch darauf konditioniert sind, wir gewiß auch beschreiben können, aber wir können nicht
ausschließlich unsere Welt wahrzunehmen, dennoch die beschreiben, was uns befähigt, sie wahrzunehmen. Und doch
Fähigkeit haben, in jene anderen Sphären einzudringen: merken wir, daß das Träumen uns jene anderen Sphären erschließt.
Sphären, die ebenso real, einzigartig, absolut und absorbierend Träumen scheint eine Empfindung zu sein; ein Vorgang im
sind wie unsere Welt. Körper, ein geistiges Bewusstwerden.« Im Rahmen seiner
Don Juan erklärte mir, daß wir, um jene anderen Sphären wahr- allgemeineren Lehren erläuterte Don Juan mir sehr eingehend die
zunehmen, nicht nur ein Verlangen nach ihnen haben müssen, Grundlagen, Praktiken und Prinzipien des Träumens. Seine
sondern auch genügend Energie, um uns ihrer zu bemächtigen. Unterweisung fiel in zwei Teile. Der eine betraf die Vorgänge des
Deren Existenz sei unveränderlich und von unserer Wahrneh- Träumens; der andere die rein abstrakten Erklärungen dieser Traum
mung unabhängig, sagte er, doch ihre Unzugänglichkeit sei lediglich Vorgänge. Seine Lehrmethode bestand darin, abwechselnd meine
eine Folge unserer energetischen Konditionierung. Mit anderen intellektuelle Neugier auf die abstrakten Prinzipien des Träumens zu
Worten, einzig und allein aufgrund dieser Konditionierung sind wecken und mich dann Erfahrungen in deren praktischer
wir gezwungen anzunehmen, daß die Welt unseres alltäglichen Anwendung sammeln zu lassen. All dies habe ich bereits
Lebens die einzige und einzig mögliche Welt sei. Ausgehend von geschildert, so ausführlich, wie es mir nur möglich war. Und ich
der Überzeugung, daß nur unsere energetische Konditionierung schilderte auch das Milieu der Zauberer, in das Don Juan mich
uns daran hindert, in diese anderen Sphären einzutreten, erklärte einführte, um mich seine Kunst zu lehren. Meine Interaktionen
Don Juan, daß die Zauberer alter Zeiten eine Reihe von in diesem Milieu der Zauberer waren für mich besonders
Praktiken entwickelt hätten, dazu bestimmt, unsere energetische interessant, weil sie ausschließlich im Zustand der zweiten
Wahrnehmungsfähigkeit anders zu konditionieren. Diese Aufmerksamkeit stattfanden. So hatte ich Umgang mit den zehn
Praktiken nannten sie die Kunst des Träumens. Aus heutiger Sicht, Frauen und fünf Männern, die Don Juans Gefährten in der
mit zeitlichem Abstand, erkenne ich nun, daß es wohl die treffendste Zauberei waren, sowie mit den vier jungen Frauen und vier
Aussage über das Träumen war, wenn Don Juan es als »Pforte zur jungen Männern, die seine Schüler waren. Diese letzteren
Unendlichkeit« bezeichnete. Damals aber, als er dies sagte, versammelte Don Juan, gleich nachdem ich in seine Welt
wandte ich ein, daß eine solche Metapher für mich gekommen war. Er machte mir klar, daß sie eine traditionelle
unverständlich sei. Gruppe von Zauberern bildeten, eine Kopie seiner eigenen
»Lassen wir also die Metaphern beiseite«, räumte er ein. »Sagen Gesellschaft, und daß ich sie führen solle. In der Arbeit mit mir
wir besser, das Träumen ist die Art der Zauberer, gewöhnliche aber erkannte er, daß ich anders beschaffen war, als er erwartet
Träume praktisch zu nutzen.« hatte. Diesen Unterschied erklärte er mit einer Energie-
»Aber, wie können wir gewöhnliche Träume praktisch nutzen?« Konfiguration, die nur für Zauberer sichtbar sei: statt vier Ener-
fragte ich. »Wir lassen uns immer von Wörtern täuschen«, sagte er. gieabteilungen, wie er selbst, hätte ich nur drei. Solch eine
»In mei- Konfiguration, die er irrigerweise für einen korrigierbaren Makel
gehalten hatte, m achte m ich so vö llig ungeeignet zur Interaktio n in diesem Zustand erfahren zu haben glaubten, sei nur das Produkt
m it d ie se n a c h t L e h rlin g e n , o d e r g a r z u r Ü b e rn a h m e d e r F ü h - hypnotischer Suggestionen. Andererseits aber könne er diesen
ru n g , d a ß e s D o n Ju a n g e b o te n sc h ie n , e in e a n d e re G ru p p e v o n Zustand so erklären, wie Zauberer und Träumer ihn verstehen: als
and ers b eschaffenen L euten zu versam m eln - b esser p assend zu eine energetische Konfiguration des Bewußtseins. Bei meinen
m einer energetischen S truktur. Übungen im Träumen blieb jedoch die Barriere der zweiten
V o n d iesen V o rgängen hab e ich ausführlich b erichtet. A b er no ch Aufmerksamkeit immer unverändert erhalten. Jedes Mal wenn ich
nie habe ich jene zw eite G ruppe von S chülern erw ähnt; D on Juan in den Zustand des Träumens eintrat, geriet ich auch in die zweite
hatte es m ir nicht erlaub t. S ie gehö rten ausschließ lich zu m einem Aufmerksamkeit, und wenn ich vom Träumen erwachte, so
F eld, sagte er; m eine V ereinbarung m it ihm sah aber nur vor, über bedeutete dies nicht unbedingt, daß ich auch den Zustand der
sein F eld zu schreib en, nicht üb er m ein eigenes. D ie zw eite zweiten Aufmerksamkeit verließ. Jahrelang konnte ich mich nur
S chülergrup p e w ar sehr klein. S ie hatte nur d rei M itglied er: eine teilweise an meine Traumerfahrungen erinnern. Der größte Teil
T räum erin, F lo rind a D o nner-G rau; eine P irscherin, T aisha A b elar; dessen, was ich erlebte, blieb mir energetisch unzugänglich. Es
und eine N agual-F rau, C aro l T iggs. W ir interagierten nur in d er brauchte fünfzehn Jahre ununterbrochener Arbeit, von 1973 bis
zw eiten A ufm erksam keit m iteinand e r. In d e r a lltä g lic h e n W e lt 1988. bis ich genügend Energie gespeichert hatte, um alles geistig in
k a n n te n w ir u n s n ic h t e in m a l v o n ungefähr. In unseren eine lineare Reihenfolge zu bringen. Dann aber erinnerte ich mich
B eziehungen zu D on Juan aber gab es nichts U n b e stim m te s: e r g a b an immer neue Abschnitte meiner Traumerfahrungen , und es gelang
sic h d ie g rö ß te M ü h e , u n s a lle g le ic h gründlich auszubilden. D och mir endlich, gewisse scheinbare Gedächtnislücken aufzufüllen. Auf
zum E nde h in , als D on Juans Zeit zu E nd e ging, b egann d er diese Weise erkannte ich auch, welcher Zusammenhang den
p sychische D ruck seiner b evo rstehend en A breise die festen Unterweisungen Don Juans in der Kunst des Träumens innewohnte:
S chranken der zw eiten A ufm erksam keit aufzulö se n . D ie F o lg e w a r, ein Zusammenhang, der mir entgangen war, da er mich stets
d a ß u n se re In te ra k tio n e n a u f d ie A llta g sw e lt ü b e rg riffe n u n d w ir zwischen dem alltäglichen Bewußtsein und der Bewußtheit der
u n s sc h e in b a r z u m e rste n m a l k e n n e n lernten. zweiten Aufmerksamkeit pendeln ließ. Aus solcher Aufarbeitung
B ew usst aber hatte keiner von uns e in e A hnung von unseren I n - ist dieses Buch hervorgegangen. Und damit bin ich beim Kern
teraktio nen im Z ustand d er zw eiten A ufm erksam keit. N achd em dessen, was ich sagen wollte: nämlich dem Grund, warum ich dieses
w ir uns alle m it w issenschaftlichen S tud ien b efassten, w aren w ir Buch schreiben musste. Nachdem mir Don Juans Lehren über die
m ehr als üb errascht, als w ir feststellten, d aß w ir uns scho n früher Kunst des Träumens nun in fast allen Teilen geläufig sind, möchte
b egegnet w aren. D ies w ar und ist natürlich eine intellektuell un- ich gerne in einer künftigen Studie berichten, welche Positionen und
haltb are A nnahm e, und d o ch w issen w ir, d aß es für uns em p iri- Interessen seine vier letzten Schüler gegenwärtig vertreten: Florinda
sche E rfahrung w ar. S either bleibt uns die beunruhigende G ew iß- Donner-Grau, Taisha Abelar. Carol Tiggs und ich selbst. Doch
heit, daß die m enschliche P syche unendlich viel kom plizierter ist. bevor ich schildern und erklären kann, zu welchen Ergebnissen
als unsere w eltliche oder w issenschaftliche V ernunft uns glauben Don Juans Einfluss uns führte, muß ich im Lichte dessen, was ich
m achte. heute weiß, jene Teile der Lehren Don Juans über das Träumen
E inm al b estürm ten w ir alle D o n Juan, d o ch etw as L icht in unser darstellen, die mir vorher unzugänglich waren.
D ile m m a z u b rin g e n . E r k ö n n e n u r z w e i E rk lä ru n g e n a n b ie te n , Den entscheidenden Anstoß zu diesem Buch gab mir aber Carol
sagte D o n Juan. E inerseits kö nne er unserem - d urch so lche E r- Tiggs. Die Welt zu erklären, die Don Juan uns hinterlassen hat, so
fahrungen verletzten - V ernunftprinzip schm eicheln und behaupten, glaubt sie, ist höchster Ausdruck unserer Dankbarkeit ihm gegen-
d ie zw eite A ufm erksam keit sei e in B ew usstseinszustand , so über und unserer Verpflichtung für sein Streben.
illusorisch w ie am H im m el fliegende E lefanten und alles, w as w ir
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1. Die Zauberer der Vorzeit: eine Einführung

D o n Ju a n b e to n te im m e r w ie d e r, d a ß a lle s, w a s e r m ic h le h rte ,
vo n M enschen erd acht und erarb eitet w o rd en sei, d ie er d ie Z au-
b e re r d e r V o rz e it n a n n te . D a b e i ste llte e r k a te g o risc h k la r, e s geb e
grund legend e U nterschied e zw ischen jenen alten Z aub erern u n d
d e n Z a u b e re rn m o d e rn e r Z e ite n . D ie Z a u b e re r d e r V o rz e it
b e z e ic h n e te e r a ls M e n sc h e n , d ie w o h l Ja h rta u se n d e v o r d e r E r-
o b e ru n g M e x ik o s d u rc h d ie S p a n ie r le b te n ; e s w a re n M e n sc h e n ,
d e re n g ro ß e L e istu n g e s w a r, d ie G ru n d la g e n d e r Z a u b e re i z u
le g e n , w o b e i sie v o r a lle m a u f p ra k tisc h e A n w e n d b a rk e it u n d
K o n k re th e it W e rt le g te n . E r sc h ild e rte sie a ls h e rv o rra g e n d b e -
g a b te L e u te , d e n e n e s a b e r a n W e ish e it fe h lte . D ie m o d e rn e n
Z auberer hingegen bezeichnete D on Juan als L eute von ausgew o-
genem S inn, d ie im stand e seien, d ie E ntw icklung d er Z aub erei zu
ko rrigieren, falls sie d ies für no tw end ig hielten. D o n Ju a n e rk lä rte
m ir, d a ß d ie P rä m isse n d e r Z a u b e re i, so w e it sie fü r d a s T rä u m e n
g e lte n , a u f g a n z n a tü rlic h e W e ise v o n d e n alten Z aub erern erd acht
und w eiterentw ickelt w urd en. D iese P räm isse n m u ß ic h
z w a n g slä u fig - w e il sie d e n S c h lü sse l z u m V e rstä n d n is u n d z u r
E rk lä ru n g d e r Z a u b e re i b ie te n - n o c h e in m a l d arstellen und
d iskutieren. V ieles, w as ich früher scho n b eschrieb e n h a b e , w ird
d a h e r in d ie se m B u c h w ie d e r a u fg e g riffe n u n d w eiterentw ickelt.
U m d a s T rä u m e n u n d d ie T rä u m e r ric h tig e in z u sc h ä tz e n , sa g te
D o n Juan in einem unserer G esp räche, m üsse m an d as B em ühen
d er m o d ernen Z aub erer w ürd igen, d ie Z aub erei vo n jener einstig e n
K o n k re th e it w e g z u fü h re n - h in z u m A b stra k te n . »W a s
b e z e ic h n e st d u a ls K o n k re th e it, D o n Ju a n ? « fra g te ic h . »D en
p raktischen T eil d er Z aub erei«, sagte er. »D iese zw anghafte
B eschäftigung m it P raktiken und T echniken; d iese unverantw o rt-
liche B eeinflussung and erer M enschen. A ll d ies gehö rte zur Z au-
b e re i frü h e re r Z e ite n .« »U nd w as ist für d ich d as A b strakte? «

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»Das Streben nach Freiheit. Nach der Freiheit nämlich, alles, was »W as ist d ie so ziale G rund lage d er W ahrnehm ung, D o n Juan?«
Menschen möglich ist, ohne zwanghafte Vorurteile wahrzuneh- »D ie physische G ew issheit, daß die W elt aus konkreten O bjekten
men. Die heutigen Zauberer, sage ich, streben nach dem Ab- b e ste h t. D ie s b e z e ic h n e ic h a ls so z ia le G ru n d la g e , w e il a lle in
strakten, weil sie nach Freiheit streben. Es geht ihnen nicht um dieser G esellschaft uns zw ingen w ollen, die W elt so w ahrzuneh-
konkrete Vorteile. Sie erfüllen auch keine soziale Funktion mehr, m en, w ie w ir sie eb en kennen.« »W ie aber sollten w ir die W elt
wie die Zauberer alter Zeiten. Sie treten nicht als offizielle Seher w ahrnehm en?« »A lles ist E nergie. D as ganze U niversum ist
oder Dorfzauberer auf.« E nergie. D ie soziale G rundlage unserer W ahrnehm ung sollte die
»Glaubst du, Don Juan, daß die Vergangenheit bedeutungslos für physische G ew issheit se in , d a ß e s n ic h ts a n d re s g ib t a ls E n e rg ie .
die modernen Zauberer ist?« W ir so llte n a lle s tu n und d ie F ähigkeit schulen, E nergie als
»Gewiß ist sie von Bedeutung. Aber wir lehnen die Atmosphäre E nergie w ahrzunehm en. D ann hätten w ir b eid e A lternativen zur
dieser Vergangenheit ab. Was mich betrifft, so lehne ich die dunklen, A usw ahl.« »Ist es denn m öglich, M enschen in solchen D ingen zu
morbiden Aspekte des Geistigen ab. Ich bevorzuge die schulen?« fragte ich.
Grenzenlosigkeit des Denkens. Doch abgesehen von meinen Vor- J a , es sei m ö glich, antw o rtete D o n Juan, und nichts and eres täte er
lieben und Abneigungen, muß ich den Zauberern der Vorzeit doch m it m ir und seinen and eren S chülern. E r w o lle uns eine neue A rt
gerecht werden: sie waren die ersten, die all das entdeckten und d e r W a h rn e h m u n g le h re n : e rste n s, in d e m e r u n s e rk e n n e n la sse ,
taten, was wir heute wissen und tun.« d a ß w ir u n se re W a h rn e h m u n g so k o n d itio n ie re n , d a ß sie sich
Ihre wichtigste Leistung war, so erklärte mir Don Juan, daß sie die einer F o rm anp asst, und zw eitens, ind em er unsere F ähigkeit
energetische Beschaffenheit aller Dinge erkannten. Diese Er- sc h u le , E n e rg ie u n m itte lb a r a ls E n e rg ie w a h rz u n e h m e n . S e in e
kenntnis war so bedeutsam, daß sie zur Grundprämisse der Zau- L ehrm ethode, sagte er, unterscheide sich gar nicht sehr von jener
berei erhoben wurde. Heute aber, sagte er, erreichten die Zauberer and eren M etho d e, nach d er m an uns b eigeb racht hab e, d ie A ll-
nur nach lebenslanger Schulung und Übung diese Fähigkeit, das tagsw elt w ahrzunehm en.
Wesen der Dinge wahrzunehmen - eine Fähigkeit, die sie als Sehen D ie K onditionierung unserer W ahrnehm ung im Sinne der A npassung
bezeichnen. an eine soziale F orm , so glaubte D on Juan, verliert aber ihre M a c h t
»Was würde es für mich bedeuten, das energetische Wesen der ü b e r u n s, so b a ld w ir e rk e n n e n , d a ß w ir d ie se F o rm a ls E rb e
Dinge wahrzunehmen?« fragte ich Don Juan einmal. »Es würde u n se re r A h n e n u n b e se h e n ü b e rn o m m e n h a b e n , o h n e ih re
bedeuten, daß du Energie unmittelbar wahrnimmst«, antwortete T auglichkeit zu prüfen.
er. »Durch Abtrennung des sozial bedingten Teils der »E s w ar üb erleb ensw ichtig für unsere V o rfahren, eine W elt vo n
Wahrnehmung kannst du das Wesen der Dinge erkennen. All dies, festen O bjekten w ahrzunehm en, die entw eder positiven oder ne-
was wir wahrnehmen, ist Energie. Aber weil wir Energie nicht un- gativen W ert hatten«, sagte D o n Juan. »U nd nach Jahrtausend en
mittelbar wahrnehmen können, konditionieren wir unsere Wahr-
einer so lchen W ahrnehm ung sind w ir nun gezw ungen anzuneh-
nehmung in der Weise, daß sie sich einer Form anpasst. Diese Form
m en, d aß d ie W elt aus festen O b jekten b esteht.« »Ic h k a n n m ir
ist der soziale Teil der Wahrnehmung, den du abtrennen mußt.«
d ie W e lt n ic h t a n d e rs v o rste lle n , D o n Ju a n «, w and te ich ein. »E s
»Warum sollte ich ihn abtrennen?«
ist d o ch zw eifello s eine W elt fester O b jekte. D e n B e w e is h a b e n
»Weil er den Umfang dessen, was wir wahrnehmen können, will-
w ir, so b a ld w ir m it ih n e n z u sa m m e n sto ßen.«
kürlich einschränkt und uns glauben macht, daß die Form, in die
»S icher ist es eine W elt vo n festen O b jekten. D as w ill ich nicht
wir unsere Wahrnehmungen pressen, das einzige sei, was es gibt.
b estreiten.«
Wenn der Mensch heute überleben will, davon bin ich überzeugt,
wird er die soziale Grundlage seiner Wahrnehmung verändern
müssen.«
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»W as w illst d u also b ehaup ten? « von leuchtenden großen Eiern gesehen, sagte Don Juan, und sie
»Ic h b e h a u p te , d a ß d ie W e lt in e rste r L in ie a u s E n e rg ie b e ste h t; folglich als leuchtende Eier beschrieben.
u n d e rst in z w e ite r L in ie a u s O b je k te n . W e n n w ir n ic h t v o n d e r »Wenn Zauberer einen Menschen sehen«, sagte Don Juan, »sehen
P räm isse ausgehen, d aß d ie W elt aus E nergie b esteht, w ird es uns sie eine große leuchtende Gestalt, die dahinschwebt und bei ihrer
nie gelingen, E nergie unm ittelb ar w ahrzunehm en. W as uns d ann Fortbewegung eine tiefe Furche in der Energie der Erde hinter-
hindert, ist die physische G ew issheit einer W elt von festen O bjekte n , läßt, als hätte die leuchtende Gestalt eine nachschleppende Pfahl-
v o n d e r d u e b e n n o c h g e sp ro c h e n h a st.« S e in e A u ffa ssu n g w a r wurzel.«
m ir u n b e g re iflic h . D a m a ls k o n n te ic h m ir einfach keinen anderen Don Juan meinte, daß unsere Energiegestalt sich mit der Zeit ver-
W eg zum V erständnis der W elt denken als je n e n , d e r m ir v e rtra u t ändert habe. Denn alle Seher, die er kannte - und auch er selbst -.
w a r. D o n Ju a n s B e h a u p tu n g e n u n d Id e e n w aren m ir so frem d, daß hätten die Menschen wohl eher in Kugelgestalt oder sogar in Form
ich sie w eder annehm en noch w iderlegen konnte. von eckigen Grabsteinen gesehen, nicht in eiförmiger Gestalt. Es
»U n se re W a h rn e h m u n g ist d ie W a h rn e h m u n g e in e s R a u b tie rs«, komme aber immer wieder vor, daß Zauberer einen Menschen
sagte er m ir b ei and erer G elegenheit. »S ehr nützlich, um N ahrung sehen, dessen Energiefeld wie ein Ei geformt ist. Heutige Men-
z u fin d e n u n d G e fa h r z u e rk e n n e n . A b e r d ie s ist n ic h t d ie e in z ig schen, deren Energiefeld wie ein Ei geformt ist, sagte Don Juan,
m ö g lic h e A rt d e r W a h rn e h m u n g . E s g ib t n o c h e in e a n d e re M e - hätten eben Ähnlichkeit mit den Menschen früherer Zeiten. Immer
tho d e, m it d er ich d ich vertraut m achen m ö chte: d ie unm ittelb are wieder kam Don J uan bei seinen Lehren auf die - wie er glaubte -
W a h rn e h m u n g d e s W e se n s d e r D in g e - d e r E n e rg ie se lb st. E rst wichtigste Entdeckung der alten Zauberer zu sprechen. Sie hätten
w e n n w ir d a s W e se n d e r D in g e w a h rn e h m e n , w ird e s u n s nämlich in der leuchtenden Kugelgestalt des Menschen ein
gelingen, d ie W elt in einer neuen, vielschichtigeren und interes- besonderes Merkmal gefunden: einen runden Fleck von stärkerer
santeren S p rache zu erfo rschen und zu b eschreib en«, b ehaup tete Leuchtkraft, nicht größer als ein Tennisball, und immer im Inneren
D o n Juan. U nd d ie vielschichtigere S p rache, an d ie er d achte, w ar der leuchtenden Kugel lokalisiert und von deren Glanz überstrahlt
d iejenige, d ie seine V o rfahren ihn gelehrt hatten: eine S p rache im - etwa einen halben Meter hinter dem rechten Schulterblatt des
E inklang m it jenen W ahrheiten d er Z aub erei, d ie keine ratio nale Betreffenden.
B e g rü n d u n g b ra u c h e n u n d u n a b h ä n g ig sin d v o n d e n F a k te n d e r Dies konnte ich mir nur schwer bildlich vorstellen, als Don Juan es
A llta g sw e lt - se lb st-e v id e n te W a h rh e ite n fü r d ie Z a u b e re r, d ie mir zum erstenmal beschrieb, und darum betonte er, daß die
E n e rg ie u n m itte lb a r w a h rn e h m e n u n d d a s W e se n d e r D in g e sehen. leuchtende Kugel natürlich viel größer sei als der menschliche
Das Wesen des Universums selbst zu sehen sei für diese Zauberer Körper, den sie einhülle. Jener stärker leuchtende Punkt sei aber
die wichtigste Tat der Zauberei. Wie Don Juan sagte, hatten die Bestandteil der Energie-Kugel und befinde sich in Höhe der
Zauberer der Vorzeit als erste das Wesen des Universums gesehen Schulterblätter, etwa eine Armeslänge hinter dem Körper des
und es auf die bestmögliche Art und Weise beschrieben. Das Wesen Menschen. Weil nun die alten Zauberer sahen, was dieser leuch-
des Universums, behaupteten sie, gleiche einer Konfiguration von tende Punkt macht, nannten sie ihn den Montagepunkt. »Also, was
weißglühenden Fasern, die sich ins Unendliche erstreckten, macht der Montagepunkt?«
leuchtende Gespinste, die auf eine dem menschlichen Denken »Nun, er macht, daß wir wahrnehmen«, antwortete er. »Die alten
unvorstellbare Art mit Bewusstsein begabt sind. Nachdem die Zauberer sahen, daß an diesem Punkt die Wahrnehmung des
Zauberer der Vorzeit das Wesen des Universums sahen, gingen sie Menschen zusammengesetzt, sozusagen >montiert< wird. Und
einen Schritt weiter und sahen auch das energetische Wesen des weil die alten Zauberer sahen, daß nicht nur Menschen, sondern
Menschen. Sie hätten die Menschen in Gestalt alle Lebewesen solch einen leuchtenden Punkt haben, vermuteten
sie, daß Wahrnehmung generell an diesem Punkt stattfindet, wie
auch immer.«
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»Was sahen die alten Zauberer? Und wieso kamen sie zu dem Lichtfleck sei, umgeben von einem glühenden Hof. Wir Menschen
Schluss, daß die Wahrnehmung im Montagepunkt zusammenge- stünden so stark unter dem Diktat des Visuellen, unter der
setzt wird?« fragte ich. Herrschaft unserer Raubtier-Wahrnehmung. daß alles, was wir
Sie sahen, erstens, erzählte Don Juan, daß unter Millionen leuch- sehen, im Sinne dessen interpretiert werden müsse, was das
tender Fäden, die durch die leuchtende Kugelgestalt hindurchgehen, Raubtierauge normalerweise sieht.
nur ein kleiner Teil direkt den Montagepunkt schneidet - wie auch Nachdem die alten Zauberer nun sahen, was der Montagepunkt
zu erwarten, nachdem er ja, im Vergleich zum Ganzen, viel kleiner und die ihn umgebende Glut anscheinend bewirken, versuchten
sei. sie, so erzählte Don Juan, eine Erklärung zu finden. Und sie be-
Sie sahen, zweitens, daß der Montagepunkt immer von einer wei- haupteten, daß der Montagepunkt beim Menschen, indem er seine
teren Sphäre glühender Leuchtkraft umgeben ist, ein wenig größer glühende Sphäre auf jene Energiefasern des Universums
als er selbst, wodurch das Licht der direkt durch diese Glut konzentriert, die direkt durch ihn hindurchgehen, ganz automa-
hindurchgehenden Fasern ganz wesentlich verstärkt werde. Und tisch und unvermittelt diese Fasern zu einer stabilen Wahrneh-
schließlich sahen sie noch zwei Dinge: zum einen, daß der mung der Welt zusammensetzt.
Montagepunkt eines Menschen sich von der Stelle lösen kann, wo er »Wie werden diese Fasern, von denen du sprichst, zu einer stabilen
normalerweise lokalisiert ist; und zum anderen, daß Wahrnehmung Wahrnehmung der Welt montiert?« fragte ich. »Das weiß
und Bewusstsein, solange der Montagepunkt in seiner gewohnten niemand«, antwortete er mit Nachdruck. »Die Zauberer sehen die
Position ruht, anscheinend normal sind, soweit man dies nach dem Bewegung der Energie. Doch wenn sie die Bewegung der Energie
normalen Verhalten der beobachteten Personen beurteilen kann. lediglich sehen, wissen sie noch lange nicht, wie oder warum
Wenn aber der Montagepunkt und die ihn umgebende glühende Energie sich bewegt.«
Sphäre sich in einer anderen als der üblichen Position befinden, Nachdem die alten Zauberer sahen, fuhr Don Juan fort, daß Mil-
scheint ihr ungewöhnliches Verhalten zu beweisen, daß ihr lionen von Fasern bewusster Energie durch den Montagepunkt
Bewusstsein anders beschaffen ist; daß sie Wahrnehmungen von hindurchgehen, behaupteten sie, daß diese Fasern, indem sie durch
ungewöhnlicher Art haben. Aus alledem zogen die alten Zauberer diesen Punkt hindurchgehen, sich vereinigen - zusammengefügt
die Schlußfolgerung: je größer die Verschiebung des durch die Glut der ihn umgebenden Sphäre. Und nachdem sie
Montagepunkts aus seiner gewohnten Position, desto sahen, daß diese Glut bei bewusstlosen oder sterbenden Menschen
ungewöhnlicher ist das daraus folgende Verhalten - und offenbar sehr schwach ist und bei Toten sogar ganz fehlt, waren sie
auch die daraus folgende Bewußtheit und Wahrnehmung. überzeugt, daß diese Glut die Bewußtheit sei. »Aber der
»Bedenke aber«, ermahnte mich Don Juan, »daß ich, wenn ich Montagepunkt? Fehlt er bei einer Leiche?« fragte ich.
von sehen spreche, immer sage: >Es hatte den Anschein als ob<. Und er antwortete, daß es bei einem Toten keine Spur eines Mon-
oder >Es schien wie<. Alles, was man sieht, ist so einzigartig, daß tagepunktes gebe, denn der Montagepunkt und die ihn umgebende
man unmöglich darüber sprechen kann - außer, man vergleicht es Glut seien das Zeichen von Leben und Bewußtheit. Daraus zogen
mit etwas uns Bekanntem.« die Zauberer der Vorzeit den Schluss, daß Bewusstsein und
Das passendste Beispiel für dieses Dilemma, so sagte er, sei die Wahrnehmung untrennbar zusammengehören und mit dem Mon-
Art, wie die Zauberer über den Montagepunkt und die ihn umge- tagepunkt und der ihn umgebenden Glut verbunden sind. »Besteht
bende Glut sprächen. Sie bezeichneten beide als Helligkeit, und die Möglichkeit, daß jene Zauberer sich bei ihrem Sehen irrten?«
doch könne es keine Helligkeit sein, weil die Seher sie nicht mit fragte ich.
den Augen sähen. Irgendwie aber müßten sie das Unvereinbare »Ich kann dir nicht erklären, warum, aber es ist ganz unmöglich,
überbrücken, und darum sagten sie, daß der Montagepunkt ein daß Zauberer sich beim Sehen irren«, sagte Don Juan in einem
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Ton, der keine Einwände duldete. »Nun ja, die Schlußfolgerun- sind, aktivieren Energiefasern von jenseits des menschlichen Be-
gen, die sie aus ihrem Sehen ziehen, könnten wohl falsch sein, reichs. Solche Fasern wahrzunehmen, erzeuge Welten, die völlig
aber nur weil diese Leute manchmal naiv und ungebildet sind. Um unvorstellbar sind - unbegreifliche Welten, ohne jede Spur
solch ein Dilemma zu vermeiden, müssen Zauberer ihren menschlicher Präzedenz.
Verstand auf jede nur mögliche Art entwickeln.« Mit sanfterer Zu jener Zeit kreisten meine Gedanken stets um das Problem der
Stimme meinte er dann, daß es für Zauberer gewiß sehr viel Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Befunde. »Entschuldige. Don
sicherer wäre, sich einzig auf die Beschreibung dessen zu Juan«, sagte ich einmal zu ihm, »aber die Sache mit dem
beschränken, was sie sehen; daß aber die Versuchung, Schlußfol- Montagepunkt ist eine so ausgefallene Idee, empirisch so unzulässig,
gerungen und Erklärungen zu suchen, wenn auch nur für sich daß ich nicht weiß, wie ich damit umgehen oder was ich davon halten
selbst, viel zu groß sei, um ihr zu widerstehen. Der Effekt jener soll.«
Verschiebung des Montagepunktes sei aber eine weitere Energie- »Da bleibt dir nur eines übrig«, erwiderte er, »nämlich, den Mon-
Konfiguration, die die Zauberer der Vorzeit sehen und studieren tagepunkt zu sehen. Das Sehen ist nicht so schwer. Die Schwierigkeit
konnten. Wird der Montagepunkt in eine andere Position liegt darin, die begrenzende Mauer zu durchbrechen, die wir in
verschoben, sagte Don Juan, so tritt dort ein neues Konglomerat Gedanken errichten und die uns an unserem Ort hält. Um sie
von Millionen leuchtender Energiefasern zusammen. Dies sahen aufzubrechen, brauchen wir nur Energie. Sobald wir Energie ha-
die Zauberer der Vorzeit und schlossen daraus, daß die ben, geschieht das Sehen uns wie von selbst. Der Trick besteht
Wahrnehmung, da die Glut der Bewußtheit immer dort ist, wo der darin, unsere Festung der Selbstzufriedenheit und falschen Si-
Montagepunkt sich befindet, automatisch dort »montiert«, also cherheit zu verlassen.«
zusammengesetzt wird. Wegen der unterschiedlichen Position des »Mir ist klar, Don Juan, daß das Sehen viel Wissen voraussetzt. Es
Montagepunktes kann die daraus resultierende Welt aber nicht kann doch nicht nur darum gehen, ob man Energie hat.« »Glaube
unsere Alltagswelt sein. Die alten Zauberer, erklärte Don Juan, mir. es geht nur darum, daß man Energie hat. Schwieriger ist es.
unterschieden zwei Arten von Verschiebung des Montagepunktes. sich zu überzeugen, daß man es kann. Dazu muß man dem Nagual
Zum einen eine Verschiebung in irgendeine Position an der vertrauen. Das Erstaunliche an der Zauberei ist. daß jeder Zauberer
Oberfläche oder im Innern der leuchtenden Kugel; diese sich alles durch eigene Erfahrung beweisen muß. Wenn ich dir von
Verschiebung nannten sie die Verlagerung des Montagepunktes. den Prinzipien der Zauberei erzähle, so nicht in der Hoffnung, daß
Zum anderen eine Verschiebung in eine Position außerhalb der du sie auswendig lernst, sondern daß du sie praktizieren wirst.«
leuchtenden Kugel; diese Verschiebung nannten sie Bewegung des Was die Notwendigkeit des Vertrauens betrifft, hatte Don Juan
Montagepunktes. Der Unterschied zwischen einer Verlagerung sicherlich recht. Zu Anfang meiner dreizehnjährigen Lehrzeit bei
und einer Bewegung, so stellten sie fest, liege in der Natur der ihm war es das Schwerste für mich, seine Welt und seine Person
Wahrnehmung, die beide ermöglichen. anzunehmen. Solches Annehmen bedeutete, daß ich lernen mußte.
Weil es sich bei Verlagerungen des Montagepunktes um Verschie- ihm stillschweigend zu vertrauen und ihn vorbehaltlos als den
bungen innerhalb der leuchtenden Kugel handelt, sind die dadurch Nagual zu akzeptieren.
erzeugten Welten, wie bizarr oder wunderlich oder unglaublich sie Überhaupt war Don Juans Rolle in der Welt der Zauberer in dem
auch sein mögen, gleichwohl Welten, die im Bereich des Titel zusammengefaßt, den seine Genossen ihm zuerkannten: sie
Menschlichen liegen. Der Bereich des Menschlichen, das sind die nannten ihn den Nagual. Dieser Begriff, so erklärte man mir.
Energiefasern, die durch die gesamte leuchtende Kugel hin- bezeichne eine Person, ob männlich oder weiblich, die eine be-
durchgehen. Bewegungen des Montagepunktes hingegen, weil sie stimmte Art von Energie-Konfiguration besitzt, von der Art, die
Verschiebungen in Positionen außerhalb der leuchtenden Kugel einem Seher als doppelte leuchtende Kugel erscheint. Die Seher
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glaub en näm lich, d aß d iese zusätzliche E nergielad ung, so b ald ein E rörtern des M ontagepunktes. So fragte ich i h n einm al, ob der
so lc h e r M e n sc h in d ie W e lt d e r Z a u b e re r e in tritt, sic h in e in e r M ontagepunkt etw as m it dem physischen K örper zu tun hätte.
gew issen S tärke und in d er F ähigkeit zur F ührung and erer äuß ert. »E r h at n ich ts d am it zu tu n . w as w ir n o rm alerw eise als K ö rp er
D e r N a g u a l ist a lso d e r n a tü rlic h e F ü h re r, d a s H a u p t e in e r G rup p e w ah rn eh m en «, sagte er. »E r ist T eil d er leu ch ten d en E igestalt.
vo n Z aub erern. D o n Juan so lches V ertrauen entgegenzub rin g e n das heißt, unserer E nergie selbst.« »A uf w elche W eise w ird er
e m p fa n d ic h a n fa n g s a ls fra g w ü rd ig , w e n n n ic h t so g a r a b sto ß e n d . verschoben?« fragte ich. »D urch E nergieström e. D urch
D o c h a ls ic h m it ih m d a rü b e r sp ra c h , v e rsic h e rte e r m ir, d aß es Strom stöße einer E nergie, deren U rsprung außerhalb oder
ihm eb enso schw ergefallen sei. seinem L ehrer in so lchem M aß zu innerhalb unserer E nergiegestalt liegen kann. D ies sind m eist
vertrauen. unvorhersehbare Ström e, die zufällig auftreten, aber bei Z auberern
»Ic h sa g te m e in e m L e h re r d a sse lb e , w a s d u m ir je tz t sa g st«, sind es höchst vorhersehbare Ström e, die der A bsicht des
m e in te D o n Ju a n . »U n d e r a n tw o rte te m ir, d a ß e s o h n e d e n N a g u a l Z auberers gehorchen.« »K annst auch du diese Ström e fühlen?«
k e in e M ö g lic h k e it d e r B e fre iu n g g ib t, u n d d a h e r k e in e »Jeder Z auberer kann es, ja jedes m enschliche W esen. A ber die
M öglichkeit, all den S chutt unseres L ebens abzutragen, um frei zu D urchschnittsm enschen sind zu em sig m it ihren eigenen A ngele-
w erden.« genheiten beschäftigt, um auf solche G efühle zu achten.« »W ie
D o n Ju a n w ie d e rh o lte , w ie re c h t se in L e h re r g e h a b t h a b e . U n d fühlen solche Ström e sich an?«
ic h w ie d e rh o lte m e in e g ru n d sä tz lic h e A b le h n u n g . M e in e E rz ie - »W ie ein leichtes U nbehagen, ein unbestim m tes G efühl der T rau-
hung in einem b ed rückend en religiö sen M ilieu, so sagte ich ihm , rigkeit, unm ittelbar gefolgt von einer E uphorie. W eil aber w eder
h a b e sc h lim m e F o lg e n fü r m ic h g e h a b t, u n d se in e A u ssa g e n a ls die T raurigkeit noch die E uphorie erklärbare U rsachen haben, be-
L ehrer so w ie seine eigene U nterw erfung unter seinen L ehrer er- trachten w ir sie niem als als authentische A ngriffe des U nbekann-
in n e rte n m ic h a n d e n d o g m a tisc h e n G e h o rsa m , d e n ic h a ls K in d t e n , sondern als unerklärliche, unbegründete Stim m ungen.« »W a s
le rn e n m u sste u n d d e n ic h v e ra b sc h e u te . »W e n n d u v o m N a g u a l ge sc h ie h t, w e n n d e r M o n ta ge p u n k t sic h a u ß e rh a lb d e r
sp ric h st, k lin g t e s, a ls ä u ß e rte st d u e in e n re lig iö se n G la u b e n s- E nergiegestalt bew egt? Schw ebt er dort draußen? O der ist er m it
satz«, sagte ich. der leuchtenden K ugel verbunden?«
»G la u b e n u r, w a s d u w illst«, a n tw o rte te D o n Ju a n u n g e rü h rt. »E r beult die K ontur der E nergiegestalt aus. ohne deren energe-
»T a tsa c h e ist, d a ß e s o h n e d e n N a g u a l n ic h ts z u g e w in n e n g ib t. tische G renzen aufzubrechen.«
D as w eiß ich, und d as sage ich. U nd d as sagten alle N aguals. d ie D as E ndergebnis einer B ew egung des M ontagepunkts, erklärte
m ir vo rausgegangen sind . A b er sie sagten es nicht aus einer H altung D on Juan, sei eine völlige V eränderung der E nergiegestalt eines
d es E igend ünkels, und ich auch n i c h t . D ie A ussage, d aß es keinen M en sch en . S tatt ein er K u gel- o d er e i n e r E ifo rm n eh m e er d as
W eg o hne N agual gib t, b ezieht sich ausschließ lich auf d ie T atsache, A ussehen etw a einer P feife a n . D as E nde des M undstücks bildet
d aß d ie b etreffend e P erso n, d er N agual, e in N agual ist, w e il e r d a s d er M o n tagep u n kt, u n d d er P feifen ko p f w äre d as. w as vo n d er
A b stra k te , d e n G e ist b e sse r re fle k tie re n k a n n a ls a n d ere. D as ist leuchtenden K ugel bleibe. W enn der M ontagepunkt sich w eiter-
ab er auch alles. U nsere V erb ind ung b esteht m it d em G e ist se lb st, bew egt, kom m t ein A ugenblick, da die leuchtende K ugel zu einer
u n d n u r n e b e n b e i m it d e r P e rso n , d ie u n s d e sse n B o tschaft dünnen E nergielinie w ird.
b ringt.« W eiter erklärte D on Juan, die a l t e n Zauberer w ären die einzigen
D ann lernte ich tatsächlich, D o n Juan stillschw eigend als N agual gew esen, denen diese großartige V erw andlung ihrer E nergiege-
z u v e rtra u e n , u n d d ie s b ra c h te m ir, w ie e r g e sa g t h a tte , e in e u n - sta lt ge la n g. Ic h fra gte i h n . o b d ie se Z a u b e re r, in ih re r n e u e n
g e h e u re B e fre iu n g u n d e in e g e ste ig e rte F ä h ig k e it, a n z u n e h m e n , E nergiegestalt, noch M enschen gew esen w ären?
w as er m ich zu lehren versuchte. V ie l N a c h d ru c k le g te e r b e i
se in e n L e h re n a u f d a s E rk lä re n u n d
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»N a tü rlic h w a re n sie n o c h M e n sc h e n «, sa g te e r. »A b e r m ir »W as geschah endlich m it ihnen, D on Juan? Sind sie gestorben?«
sc h e in t, d u m ö c h te st e ig e n tlic h w isse n , o b sie n o c h v e rn u n ftb e - »D ie Z a u b e re rge sc h ic h te n sa ge n , d a ß sie , w e il sie ih re G e sta lt
gab te M enschen w aren, vertrauensw ürd ige P erso nen. N un, nicht strecken konnten, auch fähig w aren, die D auer ihres B ew ußtseins
ganz.« au szu d eh n en . D aru m sin d sie b is zu m h eu tigen T ag b ew u ß t u n d
»In w elcher H insicht w aren sie and ers? « leb en d ig. E s gib t G esch ich ten ü b er ih r p erio d isch es E rsch ein en
»In ih re n In te re sse n . M e n sc h lic h e S o rg e n u n d B e stre b u n g e n auf E rden.«
hatten für sie keinerlei B ed eutung m ehr. A uch hatten sie d efinitiv »W as hältst du selbst von alledem , D on Juan?« »F ü r m ic h ist e s
ein neues A ussehen.« z u a b su rd . Ic h b ra u c h e F re ih e it. D ie F re ih e it, m e in B e w u sstse in
»D u m einst, sie sahen nicht m ehr aus w ie M enschen? « »S chw er zu z u b e h a lte n u n d d e n n o c h fo rtz u ge h e n in d ie U nendlichkeit.
sagen, w ie es um d iese Z aub erer stand . G ew iß sahen sie no ch aus M einer M einung nach w aren diese alten Z auberer zü gello se u n d
w ie M enschen. W ie hätten sie d enn aussehen so llen? A b er sie kap riziö se L eu te, d ie ih ren eigen en In trigen zu m O pfer gefallen
w aren nicht ganz d as, w as d u und ich erw arten w ürd en. W e n n ic h sind.
sa g e n so llte , in w e lc h e r H in sic h t sie a n d e rs w a re n , m ü ß te ic h A ber laß dich nicht von m einen persönlichen A nsichten beeinflus-
m ic h im K re is d re h e n w ie e in H u n d , d e r sic h in d e n Schwanz se n . D ie L e istu n g d e r a lte n Z a u b e re r ist d e n n o c h b e isp ie llo s.
beißen w ill.« Z u m in d est h ab en sie u n s b ew iesen , d aß m an d ie M ö glich keiten
»H a st d u e in e n d ie se r M ä n n e r g e k a n n t, D o n Ju a n ? « »Ja , des M enschen nicht unterschätzen s o llte .«
ic h h a b e e in e n k e n n e n g e le rn t.« »W ie sah er aus?« E in w eiteres T hem a, das D on Juan m ir erklärte, w ar die N otw en-
»W a s d a s Ä u ß e re b e trifft, sa h e r a u s w ie e in n o rm a le r M e n sc h . digkeit energetischer K ohäsion und G leichförm igkeit als V oraus-
S ein V erhalten allerd ings w ar ungew ö hnlich.« »In w elcher H insicht se tz u n g d e r W a h rn e h m u n g. E r b e h a u p te te , d a ß w ir M e n sc h e n
w ar es ungew ö hnlich? « »Ic h k a n n d ir n u r sa g e n , d a ß d a s unsere W elt, w ie w ir sie kennen, nur deshalb so w ahrnehm en, w ie
V e rh a lte n d e s Z a u b e re rs, d e n ic h k e n n e n le rn te , je d e r V o rste llu n g w ir es tun, w eil uns K ohäsion und energetische G leichförm igkeit
sp o tte t. D o c h e s w ä re irre fü h re n d , e s n u r a ls e in e F ra g e d e s gem ein sam sin d . D iese b eid en E n ergie-Z u stän d e erreich en w ir
V e rh a lte n s a u fz u fa sse n . T a tsä c h lic h ist e s e tw a s, d a s d u seh en ganz autom atisch im V erlauf unserer E rziehung und halten sie für so
m u ß t. u m e s z u w ü rd igen.« selbstverständlich, daß w ir ihre große B edeutung nicht erkennen,
»W aren alle Z aub erer w ie j e n e r , d en d u gekannt hast? « bis w ir m it der M öglichkeit konfrontiert sind, andere W elten
»S icherlich nicht. Ich w eiß nicht, w ie d ie and eren w aren, ab gesehen w ahrzunehm en als diese eine, die w ir kennen. In solchen A ugen-
vo n Z aub erergeschichten, d ie üb er d ie G eneratio nen üb erliefe rt blicken zeige sich aber, daß w ir eine angem essene, neue energe-
w e rd e n . U n d d ie se G e sc h ic h te n sc h ild e rn sie a ls z ie m lic h bizarr.« tische G leichförm igkeit und K ohäsion brauchen, um zusam m en-
»D u m einst, m o nströ s? « hängend und um fassend w ahrzunehm en.
»G anz und gar nicht. E s heiß t, sie w ären sehr lieb ensw ürd ig ge- Ich fragte i h n . w as solche G leichförm igkeit und K ohäsion denn
w esen, aber unheim lich. S ie w aren irgendw ie unbekannte W esen. seien , u n d er erklärte m ir, d aß d ie E n ergiegestalt d er M en sch en
W a s d ie M e n sc h h e it z u e in e r h o m o g e n e n G a ttu n g m a c h t, ist d ie insofern gleichförm ig sei, als a l l e M enschen auf dieser E rde die
T atsache, daß w ir alle leuchtende K ugeln sind. U nd diese Z aubere r F o rm e in e r K u ge l o d e r e in e s E is h ä tte n . D ie T a tsa c h e , d a ß d ie
w a re n k e in e E n e rg ie k u g e ln m e h r, so n d e rn L in ie n v o n E n e rg ie , d ie E nergie des M enschen in E i- oder K ugelform zusam m engehalten
v e rsu c h te n , sic h z u m K re is z u b ie g e n , w a s ih n e n n ic h t ganz w erd e, sei d o ch B ew eis fü r ih re K o h äsio n . E in B eisp iel fü r ein e
gelang.« neue G leichförm igkeit und K ohäsion, sagte er, w äre die E nergie-
gestalt der alten Z auberer, w enn sie sich zur L inie streckten: jeder
vo n ih n en w u rd e gleich fö rm ig zu ein er L in ie, u n d b lieb zu sam -
m en h än gen d als L in ie. G leich fö rm igkeit u n d Z u sam m en h alt als
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L inie erlaub ten es d iesen a l t e n Z aub erern, eine ho m o gene neue »Gewiß ist es eine Zumutung für deine Rationalität, all dies zu
W elt w ahrzunehm en. verstehen«, antwortete Don Juan, nachdem er sich meinen Ein-
»W ie kann m an G leichfö rm igkeit und K o häsio n erw erb en? « fragte wand angehört hatte. »Ich kann dir nicht erklären, was die
ich. Zauberer unter solchen Fasern im Inneren und außerhalb der
»D er S chlüssel ist d ie P o sitio n d es M o ntagep unktes, o d er v i e l - menschlichen Gestalt verstehen. Wenn Seher die menschliche
m ehr d ie F ixierung d es M o ntagep unktes«, sagte er. D ies w ollte er Energiegestalt sehen, dann sehen sie eine einzelne Energiekugel.
dam als nicht w eiter erläutern, und darum fragte ich ih n , o b je n e Gibt es daneben noch eine weitere Kugel, so wird diese Kugel
a lte n Z a u b e re r z u r E ig e sta lt h ä tte n z u rü c k k e h re n können. wiederum als einzelne Energiekugel gesehen. Die Vorstellung
Irg e n d w a n n h ä tte n sie d ie s g e k o n n t, sa g te e r, a b e r sie ta te n e s einer Mehrzahl leuchtender Kugeln stammt aus deiner Kenntnis
nicht. U nd d ann setzte d ie K o häsio n d er L inie ein und m achte es menschlicher Massen. Im Universum der Energie gibt es nur ein-
ih n e n u n m ö g lic h , z u rü c k z u k e h re n . W a s a b e r e ig e n tlic h d ie se n zelne Individuen - allein, umgeben vom Grenzenlosen. Und dies
Z u sa m m e n h a lt a ls L in ie h e rb e ifü h rte u n d m ith in d ie Z a u b e re r mußt du selbst sehen!«
hind erte, einen R ückw eg zu find en, hatte etw as m it U nb eschei- Damals widersprach ich Don Juan und meinte, daß es sinnlos sei,
d e n h e it u n d W illk ü r z u tu n . D e r U m fa n g d e sse n , w a s d ie se mir zu sagen, ich solle es selbst sehen, da er doch wisse, daß ich
Z aub erer als E nergielinien w ahrnehm en und b ew irken ko nnten, dies nicht könne. Und er schlug vor, ich solle mir seine Energie
w a r u n e rm e ß lic h v ie l w e ite r a ls d a s, w a s e i n d u rc h sc h n ittlic h e r borgen und sie zum Sehen benutzen. »Wie kann ich das tun? Deine
M ensch o d er d urchschnittlicher Z aub erer tun o d er w ahrnehm en Energie borgen?« »Ganz einfach. Ich kann bewirken, daß dein
könnte. Montagepunkt sich in eine andere Position verlagert, die besser
B e i e in e r k u g e lfö rm ig e n E n e rg ie fo rm a tio n , e rk lä rte e r m ir, b e - geeignet ist, Energie unmittelbar wahrzunehmen.«
stü n d e d e r m e n sc h lic h e B e re ic h a u s je n e n E n e rg ie fa se rn , d ie Dies war das erste Mal, soweit ich mich erinnere, daß er aus-
d u rc h d e n R a u m in n e rh a lb d e s K u g e lu m fa n g s h in d u rc h g in g e n . drücklich über etwas sprach, das er schon die ganze Zeit getan
N o rm alerw eise nähm en w ir näm lich nicht d en ganzen m ensch- hatte: nämlich mich in einen unbegreiflichen Bewusstseinszustand
lic h e n B e re ic h w a r, sa g te e r, so n d e rn v ie lle ic h t e in T a u se n d ste l zu versetzen, der meiner Vorstellung von der Welt und mir selbst
d a v o n . D ie s a lle in z e ig e d ie U n g e h e u e rlic h k e it d e sse n , w a s d ie widersprach - einen Zustand, den er die zweite Aufmerksamkeit
alten Z auberer taten; sie streckten sich zu einer L inie, tausendm al nannte. Um also meinen Montagepunkt in eine Position zu verla-
w e ite r a ls d e r K u g e lu m fa n g m e n sc h lic h e r E n e rg ie , w o b e i sie gern, die besser geeignet war, Energie direkt wahrzunehmen, gab
sä m tlic h e E n e rg ie fa se rn w a h rn e h m e n k o n n te n , d ie d ie se L in ie Don Juan mir einen Schlag auf den Rücken, zwischen den Schul-
schnitten. terblättern, und mit solcher Gewalt, daß ich den Atem anhalten
V on D on Juan angeleitet, gab ic h m ir die allergrößte M ühe, dieses mußte. Ich glaubte, ich wäre ohnmächtig geworden, oder sei durch
von ihm entw orfene M odell der E nergie-K onfiguration zu begreifen die Wirkung des Schlages in den Schlaf versetzt. Plötzlich sah ich
. U nd endlich kapierte ich die V orstellung von E nergiefasern im etwas, oder träumte, etwas zu sehen, das buchstäblich mit Worten
Inneren w ie auß erhalb d er m enschlichen K ugelgestalt. W enn ich nicht zu beschreiben war. Strahlende Lichtfäden kamen von
m ir a b e r e in e M e h rz a h l le u c h te n d e r K u g e ln d a c h te , b ra c h d a s überallher, gingen überallhin - unvergleichbar mit allem, was ich
M odell für m ich zusam m en. B ei vielen K ugeln nebeneinander, so mir je vorgestellt hätte.
dachte ich, m üßten jene E nergiefasern, die außerhalb einer K ugel Als ich wieder atmen konnte, oder als ich erwachte, fragte mich
sin d , z w a n g slä u fig im In n e re n e in e r a n g re n z e n d e n K u g e l se in . Don Juan erwartungsvoll: »Was hast du gesehen?« Und e, bog
A lso k o n n te e s b e i e in e r M e h rz a h l v o n K u g e ln k e in e E n e rg ie - sich vor Lachen, als ich ihm wahrheitsgemäß antwortete: »Ich
fäd en auß erhalb vo n leuchtend en K ugeln geb en. habe Sterne gesehen - von deinem Schlag.«
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Dann sagte er, daß ich noch nicht bereit sei, die außerordentliche sei. Denn im normalen Bewusstseinszustand müsse ein Zauberer
Erfahrung zu verstehen, die ich eben gehabt hätte. »Ich habe be- seinen Schülern die Grundbegriffe und praktischen Übungen ver-
wirkt, daß dein Montagepunkt sich verlagerte«, fuhr er fort, »und mitteln und in der zweiten Aufmerksamkeit dann die abstrakten,
für einen Augenblick träumtest du die Energiefasern des Univer- ausführlicheren Erklärungen geben.
sums. Was dir aber fehlte, war Energie oder Entschlossenheit, Normalerweise erinnerten sich die Schüler gar nicht an diese Er-
deine Kohäsion und Gleichförmigkeit neu zu arrangieren. Die klärungen, sagte er. aber irgendwie könnten sie diese speichern
alten Zauberer waren Meister solchen Neu-Arrangierens. Darum und wortgetreu im Gedächtnis bewahren. Die Zauberer nutzten
sahen sie alles, was Menschen sehen können.« »Was bedeutet es. dabei eine scheinbare Besonderheit unseres Gedächtnisses und
Gleichförmigkeit und Zusammenhalt neu zu arrangieren?« hätten folglich die Erinnerung all dessen, was ihnen in der zweiten
»Es bedeutet, in die zweite Aufmerksamkeit einzutreten, indem Aufmerksamkeit widerfahre, zu einer der schwierigsten und kom-
man den Montagepunkt in seiner neuen Position festhält und ihn plexesten traditionellen Aufgaben der Zauberei entwickelt. Diese
daran hindert, an seine ursprüngliche Stelle zurückzugleiten.« scheinbare Besonderheit des Gedächtnisses und die Arbeit des
Dann gab mir Don Juan eine überlieferte Definition der zweiten Erinnerns erklärten die Zauberer nun in der Weise, daß der
Aufmerksamkeit. Die alten Zauberer, sagte er. bezeichneten das Montagepunkt jedesmal, wenn man in die zweite Aufmerksamkeit
Resultat solcher Fixierung des Montagepunktes in neuen Positionen eintritt, eine andere Position einnimmt. Erinnern bedeute also,
als zweite Aufmerksamkeit und behandelten die zweite Auf- den Montagepunkt in genau die Position zurückzubringen, die er
merksamkeit als eine Sphäre allumfassender Aktivität, ähnlich zu dem Zeitpunkt einnahm, als jenes Eintreten in den Zustand der
wie die Aufmerksamkeit des Alltagslebens es ist. Er betonte, daß zweiten Aufmerksamkeit stattfand. Don Juan überzeugte mich,
die Zauberer eigentlich zwei abgeschlossene Bereiche ihres Stre- daß die Zauberer nicht nur das totale und absolute Gedächtnis
bens kennen: einen kleineren, den sie als erste Aufmerksamkeit hätten, sondern daß sie auch jede Erfahrung erinnern könnten, die
bezeichnen - als Alltagsbewußtsein oder Fixierung des Montage- sie im Zustand der zweiten Aufmerksamkeit machten: nämlich
punktes in seiner gewohnten Position; und einen viel größeren indem sie ihren Montagepunkt in die entsprechende Position
Bereich, nämlich die zweite Aufmerksamkeit - die Bewußtheit zurückführten. Dieser Arbeit des Erinnerns. versicherte er mir,
anderer Welten oder die Fixierung des Montagepunktes in einer widmeten die Zauberer sich Zeit ihres Lebens. Im Zustand der
von unzähligen neuen Positionen. zweiten Aufmerksamkeit gab Don Juan mir sehr ausführliche
Im Zustand der zweiten Aufmerksamkeit ließ Don Juan mich un- Erklärungen der Zauberei, wobei er wußte, daß diese
begreifliche Dinge erleben, und zwar durch einen Kunstgriff der Unterweisungen bei mir wortgetreu erhalten bleiben würden, für
Zauberer, wie er es nannte: er gab mir einen leichten Schlag auf die Zeit meines Lebens.
den Rücken, manchmal auch einen kräftigen Schlag, etwa in Höhe Zur Qualität solcher wortgetreuen Erinnerung bemerkte er: »Im
der Schulterblätter. Dadurch verschob er meinen Montagepunkt, Zustand der zweiten Aufmerksamkeit etwas zu lernen, ist ge-
wie er erklärte. Aus meiner Erfahrung betrachtet, bedeuteten nauso, wie wenn wir als Kinder etwas lernen. Was wir lernen,
solche Verschiebungen, daß mein Bewusstsein in einen höchst bleibt uns ein Leben lang erhalten. >Es ist mir zur zweiten Natur
unheimlichen Zustand nie gekannter Klarheit geriet - ein Zustand gewordene sagen wir etwa, wenn wir etwas meinen, das wir sehr
der Überbewußtheit, in dem ich zeitweilig alles voraussetzungslos früh im Leben gelernt haben.«
verstand. Es war kein ganz angenehmer Zustand. Meistens war es Von meinem heutigen Standpunkt betrachtet, erkenne ich. daß
wie ein seltsamer Traum, so intensiv, daß normale Bewußtheit im Don Juan mich so oft wie möglich in die zweite Aufmerksamkeit
Vergleich dazu verblaßte. Don Juan erklärte mir, daß ein solcher eintreten ließ und mich zwang, für lange Zeitspannen neue Posi-
Kunstgriff unverzichtbar tionen meines Montagepunktes festzuhalten und in diesem Zu-
stand kohärente Wahrnehmungen zu machen; das heißt, er wollte
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m ich dazu zw ingen, m eine G leichförm igkeit und K ohäsion neu zu d en M o ntagep unkt hind urchgehen, zu ko härenten W ahrnehm ungen
arrangieren. zusam m engesetzt w erd en kö nnen.
E s gelang m ir unzählige M ale, alles so exakt w ahrzunehm en, w ie S ie sa h en . zw eitens, d aß - w enn d er M o ntagep unkt in eine and ere
ich im A lltag w ahrzunehm en p flege. M ein P ro b lem lag in m einer P o sitio n verscho b en w ird , und sei d ie V erschieb ung no ch so gering
U nfähigkeit, eine B rücke zw ischen m einem H andeln in der zw eite n - and ere und ungekannte E nergiefasern d urch ihn hind urchgehen,
A u fm e rk sa m k e it u n d m e in e m A llta g sb e w u ß tse in h e rz u ste llen. E s d ie d as B ew usstsein aktivieren: d ad urch ko m m t es zu einer
ko stete m ich viel Z eit und M ühe, b is ich verstand , w as d ie zw eite Z u sa m m e n se tz u n g d ie se r u n g e k a n n te n E n e rg ie fe ld e r z u e in e r
A ufm erksam keit sei. W eniger w egen d er K o m p liziertheit d e s k la re n , k o h ä re n te n W a h rn e h m u n g .
S a c h v e rh a lts, d ie a lle rd in g s b e trä c h tlic h ist. so n d e rn w e il e s m ir, S ie sa h en , d ritte n s, d a ß d e r M o n ta g e p u n k t - b e i g e w ö h n lic h e n
w ieder zurück in m einem norm alen B ew ußtseinszustand. unm ö g lic h T rä u m e n - sic h le ic h t v o n se lb st in e in e a n d e re P o sitio n a n d e r
w a r, m ic h z u e rin n e rn : n ic h t n u r, d a ß ic h in d ie z w e ite O b erfläche o d er im Innern d er leuchtend en E igestalt verschiebt.
A u fm e rk sa m k e it e in g e tre te n w a r, so n d e rn d a ß e s ü b e rh a u p t e inen S ie sa h en , v ie rte n s, d a ß d e r M o n ta g e p u n k t v e ra n la ß t w e rd e n
so lchen Z ustand gab . k a n n , sic h in P o sitio n e n a u ß e rh a lb d e r le u c h te n d e n E ig e sta lt z u
E in e w e ite re g ro ß e E n td e c k u n g d e r a lte n Z a u b e re r w a r, so e r- b ew egen: in d ie E nergiefasern d es gesam ten U niversum s. U n d sie
k lä rte m ir D o n Ju a n , d a ß d e r M o n ta g e p u n k t sic h im S c h la f se h r sa h en , fü n fte n s, d a ß e s d u rc h D isz ip lin m ö g lic h ist. im S chlaf, bei
le ic h t v e rsc h ie b t. D ie s fü h rte sie z u e in e r w e ite re n E rk e n n tn is: gew öhnlichen T räum en, e in e system atische V erschieb u n g d e s
d a ß d ie T rä u m e d u rc h a u s e tw a s m it d ie se r V e rsc h ie b u n g z u tu n M o n ta g e p u n k te s z u e rre ic h e n u n d e in z u ü b e n .
h a b e n . D ie a lte n Z a u b e re r sa h en : je g rö ß e r d ie V e rsc h ie b u n g ,
desto ungew öhnlicher der T raum - und um gekehrt; je ungew öhn-
licher der T raum , desto größer die V erschiebung. D iese B eobach-
tung veranlaß te sie, w ie D o n Juan sagte, raffinierte T echniken zu
ersinnen, um eine V erschieb ung d es M o ntagep unktes zu erzw ing e n .
S o e tw a n a h m e n sie P fla n z e n e i n , d ie v e rä n d e rte B e w u ß t-
seinszuständ e hervo rrufen kö nnen; sie setzten sich Z uständ en w ie
H u n g e r, E rsc h ö p fu n g o d e r S tre ß a u s; u n d sie su c h te n v o r a lle m
ih re T rä u m e z u k o n tro llie re n . A u f d ie se W e ise , u n d v i e l l e i c h t
ganz unw issentlich, b egründ eten sie d ie K unst d es T räum ens. E ines
T ages, w ährend w ir um d ie P laza d er S tad t O axaca schlend e rte n ,
g a b m ir D o n Ju a n d ie k la rste D e fin itio n d e s T rä u m e n s. v o m
S ta n d p u n k t d e s Z a u b e re rs.
»D ie Z aub erer b etrachten d as T räum en als eine ho chentw ickelte
K u n st«, sa g te e r. »N ä m lic h d ie K u n st, d e n M o n ta g e p u n k t a b -
sic h tlic h a u s se in e r ü b lic h e n P o sitio n z u v e rsc h ie b e n , u m d e n
B e re ic h d e sse n z u ste ig e rn u n d z u e rw e ite rn , w a s d e r M e n sc h
w ahrnehm en kann.«
E r sagte m ir, d aß d ie alten Z aub erer d ie K unst d es T räum ens auf
fünf B edingungen gründeten, die sie im E nergiefluß m enschlicher
Wesen sahen. Sie sahen, erstens, daß nur jene Energiefasern, die
direkt durch
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2. Die erste Pforte des Träumens »Ist so etw as ab er m ö glich? «
»N atürlich ist es m ö glich. S o lch eine K o ntro lle unterscheid et sich
n ic h t v o n d e r K o n tro lle ü b e r je d e b e lie b ig e S itu a tio n d e s tä g -
lichen L eb ens. A ufgrund ihrer Ü b ung kö nnen d ie Z aub erer d iese
K o n tro lle a u sü b e n , w a n n im m e r sie w o lle n . U m d ic h se lb st z u
üben, sollst du am A nfang etw as ganz E infaches tun. H eute A bend
Der ersten Lektion in der Kunst des Träumens schickte Don Juan so llst d u zum B eisp iel im T raum d eine H änd e anschauen.« V ie l
die Worte voraus, daß ich mir die zweite Aufmerksamkeit als Pro- m e h r w u rd e d a rü b e r, im Z u sta n d d e s A llta g sb e w u ß tse in s, nicht
gression denken müsse: anfangs nur eine Idee, die uns eher kurios gesp ro chen. A ls ich m ich ab er an m eine E rfahrungen in d er
denn als wirkliche Möglichkeit erscheint, wird sie für uns zur kör- z w e ite n A u fm e rk sa m k e it e rin n e rte , w u rd e m ir k la r, d a ß w ir e in
perlichen Empfindung, und schließlich zu einem Daseinszustand, viel ausführlicheres G esp räch hatten. Ich kritisierte zum B eisp iel
zur praktischen Anwendung einer überlegenen Macht, die uns d ie A b su rd itä t e in e s so lc h e n V o rh a b e n s, u n d D o n Ju a n e m p fa h l
Welten jenseits unserer kühnsten Phantasie eröffnet. Zwei m ir, d ie S ache d o ch als einen unterhaltsam en V ersuch aufzufasse n ,
Möglichkeiten haben die Zauberer, um die Zauberei zu erklären. n ic h t so e rn st u n d sc h w e r.
Zum einen können sie metaphorisch von einer Welt magischer »S o la n g e w ir ü b e r d a s T rä u m e n sp re c h e n , k a n n st d u tie fg rü n d ig
Dimensionen sprechen; zum anderen können sie ihr Anliegen in se in , w ie d u w illst«, sa g te e r. »E rk lä ru n g e n v e rla n g e n ste ts
abstrakten Begriffen der Zauberei erklären. Ich bevorzuge stets die schw ierige G ed anken. W enn d u ab er träum st, so llst d u d ich ganz
letztere, obwohl keine der beiden Möglichkeiten das rationale le ic h t m a c h e n . D a s T rä u m e n so ll e rn sth a ft b e trie b e n w e rd e n , a b e r
Denken eines im Sinne westlicher Kultur gebildeten Menschen frö h lic h u n d m it d e r Z u v e rsic h t e in e s so rg lo se n M e n sc h e n . N ur
befriedigen kann. unter dieser B edingung können sich deine T räum e tatsächlich zum
Wenn Don Juan die zweite Aufmerksamkeit metaphorisch im T räum en w eiterentw ickeln.«
Sinne einer Progression beschrieb, so deshalb, weil diese - als D o n Juan versicherte, d aß er m ir ganz w illkürlich d en R at gegeb e n
Nebenprodukt der Verschiebung des Montagepunktes- sich nicht h a b e , im T ra u m m e in e H ä n d e a n z u se h e n . E tw a s a n d e re s w ä re
von selbst einstellt, sozusagen natürlich, sondern beabsichtigt g e n a u so g u t g e e ig n e t. Z ie l d e r Ü b u n g se i n ic h t, e tw a s B e stim m te s
werden muß. Dabei wird sie anfangs als Vorstellung intendiert, z u su c h e n , so n d e rn m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it z u aktivieren.
und schließlich als eine stetige, bewußt kontrollierte Verschie- D ie T ra u m -A u fm e rk sa m k e it se i e in e A rt v o n K o n tro lle ü b e r d ie
bung des Montagepunktes. e ig e n e n T rä u m e , sa g te D o n J u a n , d ie w ir a u sü b e n , u m u n se re n
»Ich werde dich also den ersten Schritt zur Kraft lehren«, sagte M o ntagep unkt in einer neuen P o sitio n, in d ie er sich b eim T räum en
Don Juan am Anfang seiner Unterweisung in der Kunst des Träu- verscho b en hat, zu fixieren. E r nannte d ie T raum -A ufm erksa m k e it
mens. »Ich werde dich lehren, das Träumen zu arrangieren.« e in e u n b e g re iflic h e F ä h ig k e it u n se re s B e w u ß tse in s, d ie im m e r
»Was bedeutet es, das Träumen zu arrangieren?« »Das Träumen v o rh a n d e n ist u n d n u r d a ra u f w a rte t, d a ß w ir sie a k tiv ie ren: d as
zu arrangieren bedeutet, eine exakte und praktische Kontrolle heiß t i h r ein Z iel geb en. D iese geheim e F ähigkeit hätten w ir a lle in
über die allgemeine Situation eines Traumes zu haben. Du träumst R e se rv e , o h n e d a ß w ir je d ie C h a n c e h ä tte n , sie im A lltagsleb en
zum Beispiel, du bist in deinem Hörsaal an der Universität. Das zu nutzen.
Träumen zu arrangieren bedeutet nun, daß du diesen Traum nicht M e in e e rste n V e rsu c h e , im T ra u m n a c h m e in e n H ä n d e n z u su -
in einen anderen abgleiten lässt. Du springst also nicht etwa vom chen, w aren ein F iasko. N ach M onaten erfolgloser M ühen gab ich
Hörsaal in die Berge. Mit anderen Worten, du kontrollierst den auf und klagte w ied er b ei D o n Juan üb er d ie A b surd ität eines
Anblick des Hörsaals und lässt ihn nicht los, bevor du dies willst.« solchen V orhabens.
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»Es gibt sieben Pforten des Träumens«. antwortete er, »und die »A ls eine körperliche E m pfindung, die schw er zu beschreiben ist.
Träumer müssen alle sieben aufstoßen, eine nach der anderen. Du D u m ußt es selbst erleben, dann w eißt du. w as ich m eine.« Ich
stehst vor der ersten Pforte, die sich auftun muß. damit du träumen w ünschte m ir präzisere E rklärungen, aber D on Juan gab m ir ein en
kannst.« S ch lag au f d en R ü cken u n d versetzte m ich in d ie zw eite
»Warum hast du das nicht früher gesagt?« A u fm erksam keit. W as er d a m ach te u n d w ie er es m ach te, w ar
»Es hätte keinen Sinn gehabt, dir von den Pforten des Träumens m ir dam als noch völlig rätselhaft. Ich hätte geschw oren, daß er
zu erzählen, bevor du nicht selbst mit dem Kopf gegen die erste m ich durch den körperlichen K ontakt hypnotisierte. M ir w ar also, a ls
ranntest. Jetzt weißt du. sie ist ein Hindernis, das du überwinden h a b e e r m ic h a u ge n b lic k lic h in S c h la f v e rse tz t, u n d ic h
mußt.« träum te, daß ich. m it ihm zusam m en, auf einer breiten, baum be-
Don Juan erklärte, daß es im Energiefluß des Universums so etwas standenen A llee spazierenging, in einer m ir unbekannten Stadt.
wie Ein- und Ausgänge gibt, und im Fall des Träumens eben sieben D er T raum w ar so lebhaft, und alles w ar m ir so klar bew ußt. daß
Eingänge, die wir als Hindernisse erleben und die der Zauberer als ich m ich gleich zu orientieren suchte, indem ich die Straßenschilder
die sieben Pforten des Träumens bezeichnet. »Die erste Pforte ist las und neugierig die M enschen anschaute. E s w ar keine Stadt der
eine Schwelle, die wir überschreiten, indem wir uns vor dem englisch- oder spanischsprechenden W elt, sondern es w ar eine S tadt
Einschlafen eine bestimmte Empfindung bewußt machen«, sagte des w estlichen K ulturkreises. D ie M enschen w irkten w ie
er. »Eine Empfindung, die wie ein angenehmes Schweregefühl ist N ordeuropäer - vielleicht w aren es Litauer. Ich beschäftigte m ich
und uns nicht erlaubt, die Augen zu öffnen. Die erste Pforte haben noch im m er m it dein E ntziffern von Straßenschildern und R ekla-
wir erreicht, wenn wir bewußt einschlafen und uns auflösen in m etafeln.
Dunkelheit und Schwere.« »Wie kann ich mir bewußt machen, daß D on Juan stieß m ich leicht in die Seite. »H alte dich m it so etw as
ich einschlafe? Gibt es da Regeln zu befolgen?« nicht auf«, sagte er. »W ir s in d an keinem bestim m baren O rt. Ich
»Nein, es gibt keine Regeln. Man beabsichtigt einfach, bewußt habe dir m eine E nergie geborgt, dam it du deinen E nergiekörper
einzuschlafen. Doch über die Absicht und das Beabsichtigen können erreichen kannst, und m it i h m bist du eben in eine andere W elt
wir noch nicht sprechen: es wäre zu schwierig. Jeder Versuch, es zu übergew echselt. E s w ird nicht lange dauern, darum nutze klug die
erklären, wäre lächerlich. Darum wundere dich nicht, wenn ich dir Zeit.
sage: Die Zauberer beabsichtigen alles, was sie beabsichtigen Schau dir alles an, und tu es unauffällig. G ib a c h t , daß dich nie-
wollen, einfach indem sie es beabsichtigen.« »Das besagt doch m and en td eckt.«
nichts. Don Juan.« Schw eigend gingen w ir e in paar Straßen w eiter, w as e in e sonder-
»Paß auf. Eines Tages wirst du an der Reihe sein, es anderen zu bare W irkung auf m ich hatte. Je w eiter w ir gingen, desto stärker
erklären. Dieser Satz kommt dir sinnlos vor. weil du ihn nicht in m achte sich e in A ngstgefühl in der M agengrube bem erkbar. M ein
den richtigen Kontext stellst. Du glaubst. Verstehen sei nur eine V erstand w ar neugierig, aber m ein K örper w ar alarm iert. M ir w ar
Sache der Vernunft, des rationalen Denkens. Für die Zauberer ist völlig k l a r , daß ich m ich nicht in dieser unserer W elt befand. A ls
Verstehen - und hier spreche ich von Absicht und Beabsichtigen - w ir an eine K reuzung kam en und stehenblieben, sah ich. daß die
eine Sache der Energie. Die Zauberer glauben, daß dieser Satz, B äum e an dieser S traße sorgfältig beschnitten w aren. E s w aren
wenn du ihn für den Energiekörper beabsichtigst, vom k le in e B ä u m e m it h a rte n , e in ge ro llte n B lä tte rn . A lle B ä u m e
Energiekörper ganz anders aufgefaßt wird als vom Verstand. Du hatten unten, w ohl zur B ew ässerung, ein großes R echteck offener
mußt den Energiekörper erreichen, und dazu brauchst du E rde. D ort gab es kein U nkraut und keine A bfälle, w ie m an sie
Energie.« »Wie faßt der Energiekörper diesen Satz auf. Don u n ter städ tisch en A lleeb äu m en fin d et, n u r d iese ko h lsch w arze,
Juan?« lockere E rde rund um den Stam m . A ls ich nun m einen B lick auf
den B ordstein richtete, kurz bevor
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ich auf die Straße treten wollte, fiel mir auf, daß es hier keine »Ja, so könnte man es ausdrücken«, sagte er. »In diesem Fall, da
Autos gab. Ich beobachtete die vorbeikommenden Menschen, um wir über die erste Pforte des Träumens sprechen, ist es das Ziel
vielleicht etwas zu entdecken, das meine Angst erklären konnte. des Träumens. zu beabsichtigen, daß dein Energiekörper sich des
Während ich sie anstarrte, begannen sie auch mich anzustarren. Einschlafens bewußt wird. Gib dir aber keine Mühe, dir bewußt
Sofort bildete sich ein Kreis von hart blickenden, blauen und zu machen, daß du einschläfst. Laß deinen Energiekörper dies tun.
braunen Augen um uns. Beabsichtigen heißt Wünschen, ohne zu wünschen, und Tun, ohne
Plötzlich hatte ich die Gewißheit. daß dies kein Traum war! Wir zu tun.
waren in einer anderen Realität als jener, die ich als meine Realität Akzeptiere einfach das Beabsichtigen«, fuhr er fort. »Sei im Stillen,
kannte. Ich sah mich um nach Don Juan. Mir war, als wüßte ich und ohne jeden Gedanken, davon überzeugt, daß du deinen
nun. was an diesen Menschen so fremd war - aber jetzt fuhr mir Energiekörper erreicht hast und daß du ein Träumer bist. Dies
ein sonderbar trockener Wind ins Gesicht, bis hinauf in die wird dich automatisch in die Lage versetzen, dir bewußt zu ma-
Nasenhöhlen, und nahm mir die Sicht: und ich vergaß, was ich zu chen, daß du einschläfst.«
Don Juan sagen wollte. Im nächsten Augenblick war ich wieder »Wie kann ich mich überzeugen, daß ich ein Träumer bin. wenn
dort, wo alles angefangen hatte, nämlich in Don Juans Haus. Ich ich es doch nicht bin?«
lag zusammengekrümmt auf der Seite, auf einer Strohmatte. »Sobald du hörst, daß du dich von etwas überzeugen sollst, flüchtest
»Ich habe dir meine Energie geborgt, und du hast deinen Ener- du dich zu deiner Vernunft. Ja. wie kannst du dich überzeugen, daß
giekörper erreicht«, sagte Don Juan wie selbstverständlich. Ich di' ein Träumer bist, wenn du weißt, daß du es nicht bist?
hörte ihn sprechen, aber ich war wie betäubt. Ein sonderbares Beabsichtigen ist beides: das Dich - Überzeugen, daß du ein Träu-
Kribbeln im Zwerchfell zwang mich zu flachen, schmerzhaften mer bist, auch wenn du noch nie geträumt hast, und das Über-
Atemzügen. Ich wußte, ich war im Begriff gewesen, etwas Tran- zeugtsein davon.«
szendentales über das Träumen und über die Menschen herauszu- »Du meinst also, ich soll mir sagen, ich sei ein Träumer, und mir
finden, die ich gesehen hatte. Aber ich konnte mich nicht alle Mühe geben, es zu glauben? Ist es so?« »Nein, so ist es nicht.
konzentrieren auf das. was ich wußte. Beabsichtigen ist viel einfacher und zugleich unendlich viel
»Wo waren wir. Don Juan?« fragte ich. »War dies alles nur ein komplizierter. Es verlangt Vorstellungskraft. Disziplin und
Traum, ein hypnotischer Zustand?« Zielstrebigkeit. In deinem Fall verlangt das Beabsichtigen
»Es war kein Traum«, antwortete er. »es war das Träumen. Ich unbedingtes Wissen deines Körpers, daß du ein Träumer bist. Mit
habe dir geholfen, die zweite Aufmerksamkeit zu erreichen, damit allen Zellen deines Körpers mußt du fühlen und wissen, daß du ein
du begreifst, was Absicht ist - nicht als Sache des Verstandes. Träumer bist.«
sondern des Energiekörpers. Scherzend meinte Don Juan, er habe nicht genügend Energie, um
Einstweilen wirst du die Bedeutung all dessen noch nicht verstehen; mir noch einmal welche zu borgen. Ich solle selbst lernen, zu
nicht nur, weil du noch nicht genügend Energie hast, sondern weil beabsichtigen und aus eigener Kraft meinen Energiekörper zu
du noch nicht beabsichtigst. Sonst würde dein Energiekörper erreichen. Das Beabsichtigen der ersten Pforte des Träumens,
unmittelbar verstehen, daß die einzige Art des Beabsichtigens darin sagte er, hätten die alten Zauberer als ein Mittel entdeckt, um die
besteht, deine Absicht auf das zu richten, was du beabsichtigen zweite Aufmerksamkeit und den Energiekörper zu erreichen. Mit
willst. Dieses Mal habe ich deine Absicht auf das Erreichen diesen Worten warf er mich praktisch aus dem Haus und befahl
deines Energiekörpers gerichtet.« »Ist es das Ziel des Träumens. mir. nicht wiederzukehren, bevor ich die erste Pforte des
den Energiekörper zu beabsichtigen?« fragte ich, einem Träumens beabsichtigt hätte.
sonderbaren Gedanken folgend. Ich fuhr also wieder nach Hause, und monatelang legte ich mich
jeden Abend mit der Absicht zu Bett, mir mühsam bewußt zu
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machen, daß ich einschlief, um im Traum meine Hände zu sehen. Dabei war die Stadt, von der ich träumte, meiner Heimatstadt gar
Der andere Teil der Aufgabe - mich zu überzeugen, daß ich ein nicht ähnlich: aber irgendwie war ich überzeugt, daß dies die Stadt
Träumer sei und meinen Energiekörper erreicht hätte - war mir meiner Geburt sei. Es begann wie ein gewöhnlicher, wenn auch
ganz unmöglich. sehr lebhafter Traum. Dann veränderte sich das Licht im Traum.
Eines Tages dann, bei einem kurzen Mittagsschlaf, träumte mir, Die Bilder wurden schärfer. Die Straße, durch die ich ging, wurde
ich sähe meine Hände. Es schockierte mich so sehr, daß ich auf- viel wirklicher, als sie es eben noch gewesen war. Meine Füße
wachte. Doch wie sich zeigte, blieb dies ein einmaliger Traum, der schmerzten. Und ich spürte eine absurde Härte der Dinge im
sich nicht wiederholte. Wochen vergingen, und es gelang mir Traum. Wenn ich zum Beispiel gegen eine Tür stieß, empfand ich
nicht, bewußt einzuschlafen oder im Traum meine Hände zu su- nicht nur den Schmerz im Knie, sondern auch Wut über meine
chen. Irgendwann merkte ich aber, daß ich beim Träumen ein Ungeschicklichkeit.
vages Gefühl hatte, als sollte ich etwas tun. woran ich mich nicht So spazierte ich ganz real durch diese Stadt, bis ich erschöpft war.
erinnern konnte. Das Gefühl wurde so stark, daß es mich fast jede Ich sah die Stadt, wie ein Tourist sie gesehen hätte, der durch ihre
Nacht weckte. Straßen gelaufen wäre. Es gab keinen Unterschied zwischen diesem
Als ich Don Juan von meinen vergeblichen Anstrengungen be- Traum-Spaziergang und einem Spaziergang, den ich in einer Stadt
richtete, die erste Pforte des Träumens zu durchschreiten, gab er gemacht hätte, wo ich zum erstenmal zu Besuch wäre. »Ich
mir wenigstens ein paar Hinweise. »Wenn wir die Träumer auffor- glaube, diesmal bist zu weit gegangen«, sagte Don J uan,
dern, im Traum bestimmte Gegenstände zu suchen, so ist dies ein nachdem er sich meinen Bericht angehört hatte. »Du brauchtest
Vorwand«, sagte er. »Tatsächlich geht es nur darum, sich bewußt nichts anderes zu tun. als dir des Einschlafens bewußt zu werden.
zu machen, daß man einschläft. Dies geschieht aber seltsamer- Was du getan hast. war. als würdest du eine Wand umwerfen, nur
weise nicht, indem man sich zwingt, sich das Einschlafen bewußt um eine Mücke zu zerquetschen.« »Glaubst du. Don Juan, ich habe
zu machen, sondern indem man das Bild festhält, das man im die Sache verpatzt?« »Nein, das nicht. Aber offenbar wolltest du
Traum sieht.« eine frühere Erfahrung wiederholen. Damals, als ich deinen
Und er erzählte mir, daß die Träumer mit raschen Blicken alles Montagepunkt verschob und wir beide in jener geheimnisvollen
registrieren, was in einem Traum vorkommt. Wenn sie ihre Stadt landeten, da schliefst du nicht. Du träumtest, aber nicht im
Traum-Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand richten, Schlaf. Das bedeutet, daß dein Montagepunkt diese Position
so dient ihnen dieser nur als Ausgangspunkt. Nun richten die nicht durch einen normalen Traum erreicht hatte. Ich hatte ihn
Träumer ihren Blick auch auf andere Gegenstände, kehren aber zu dieser Verlagerung gezwungen.
möglichst oft zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Mit einiger Mühe Natürlich kannst du diese Position auch beim Träumen erreichen,
fand ich tatsächlich Hände im Traum, aber nie waren es meine. Es aber vorläufig empfehle ich es dir nicht.« »Ist es so gefährlich?«
waren Hände, die nur scheinbar zu mir gehörten. Sie veränderten »Ja, sehr! Das Träumen muß eine ganz nüchterne Angelegenheit
dauernd ihre Form und wurden manchmal alptraumhaft bleiben. Man darf sich keinen falschen Schritt leisten. Das Träumen
bedrohlich. Sonst war der Inhalt meiner Träume meist angenehm ist ein Prozeß des Erwachens, der allmählichen Selbstkontrolle.
gleichmäßig. Fast immer konnte ich das Bild dessen festhalten, Wir müssen unsere Traum-Aufmerksamkeit systematisch
worauf ich meine Aufmerksamkeit richtete. Wieder vergingen trainieren, denn sie ist die Pforte zur zweiten Aufmerksamkeit .«
Monate, bis mein Träumen sich eines Tages scheinbar von selbst »Welchen Unterschied gibt es zwischen Traum-Aufmerksamkeit
veränderte. Ich hatte nichts Besonderes getan - abgesehen von und zweiter Aufmerksamkeit?«
meinem festen Entschluß. mir bewußt zu machen, daß ich
einschlief, um meine Hände zu finden. Und nun träumte mir. ich
sei zu Besuch in meiner Heimatstadt.
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»D ie zw eite A ufm erksam keit ist w ie ein O zean, und d ie T raum - machen sich diese fremden Energieströme bewußt«, fuhr er fort.
A u fm e rk sa m k e it ist w ie e in F lu ß . d e r in d ie se n e in m ü n d e t. D ie »Sie bemerken sie und isolieren sie von den normalen Gegenständen
z w e ite A u fm e rk sa m k e it ist e in Z u sta n d d e r B e w u ß th e it g a n z e r ihrer Träume.« »Warum isolieren. Don Juan?«
W elten, genauso absolut, w ie deine W elt absolut ist; w ährend die »Weil diese Ströme aus anderen Sphären kommen. Wenn wir ihnen
T raum -A ufm erksam keit ein Z ustand ist, in d em uns d ie G egen- bis zu ihrem Ursprung folgen, können sie uns als Führer in andere
ständ e unserer T räum e b ew uß t w erd en.« Regionen dienen - so geheimnisvolle Regionen, daß es die Zauberer
S e h r n a c h d rü c k lic h b e to n te e r, d a ß d ie T ra u m -A u fm e rk sa m k e it schaudert, wenn sie nur an die Möglichkeit denken.« »Wie
der S chlüssel zu jedem S chritt in der W elt der Z auberer sei. U nter isolieren die Zauberer sie von den normalen Gegenständen ihrer
d e r V ie lz a h l v o n G e g e n stä n d e n in u n se re n T rä u m e n , sa g te e r, Träume?«
g e b e e s re a le e n e rg e tisc h e In te rfe re n z e n - D in g e a lso , d ie d u rc h »Durch Übung und Kontrolle ihrer Traum-Aufmerksamkeit. Ir-
fre m d e K rä fte v o n a u ß e n in u n se re T rä u m e e in g e fü h rt w e rd e n . gendwann entdeckt unsere Traum-Aufmerksamkeit sie unter den
D ie se a u fz u fin d e n u n d z u v e rfo lg e n , d a rin b e ste h e d ie Z a u b e rei. Gegenständen eines Traums und konzentriert sich auf sie; dann
E r legte so viel N achd ruck auf d iese F eststellungen, d aß ich ihn bricht der ganze Traum ab, und es bleibt nur die fremde Energie.«
b at, sie m ir genauer zu erklären. E r zö gerte eine W eile, b evo r er Don Juan wollte nicht weiter auf dieses Thema eingehen. Er
antw ortete. sprach dann wieder von meinem Traum, den ich ihm erzählt hatte,
»D ie T rä u m e s i n d z w a r n ic h t d a s T o r, a b e r d a s S c h lu p flo c h z u und meinte, es sei - alles in allem - mein erster Versuch zu
anderen W elten«, begann er. »E in S chlupfloch m it Z w eibahnver- wirklichem Träumen gewesen. Dies bedeute aber, daß es mir ge-
k e h r. U n se r B e w u sstse in sc h lü p ft d u rc h d ie se L ü c k e in a n d e re lungen sei. die erste Pforte des Träumens zu erreichen. In einem
S p h ä re n , u n d je n e a n d e re n S p h ä re n sc h ic k e n S c o u ts in u n se re anderen Gespräch, zu einem anderen Zeitpunkt, kam er plötzlich
T räum e.« auf das Thema zurück. Er sagte: »Ich wiederhole dir noch einmal,
»W as sind diese Scouts?« was du beim Träumen tun mußt, um die erste Pforte des Träumens
»E nergielad ungen, d ie sich m it d en G egenständ en unserer no r- zu passieren. Erstens mußt du deinen Blick auf irgend etwas
m a le n T rä u m e v e rb in d e n . E s sin d A u sb rü c h e fre m d e r E n e rg ie , fixieren, das du dir zum Ausgangspunkt wählst. Dann wende dich
d ie in u n se re T rä u m e e in d rin g e n , u n d w ir in te rp re tie re n sie a ls anderen Gegenständen zu und beobachte sie, mit kurzen Blicken.
G egenständ e, d ie uns m anchm al vertraut, m anchm al frem d sind.« Richte deinen Blick auf so viele Dinge, wie es dir möglich ist.
»T u t m ir le id , D o n Ju a n , a b e r ic h k a n n m it d e in e r E rk lä ru n g Bedenke, wenn du nur kurz hinschaust, verändern die Bilder sich
nichts anfangen.« nicht. Dann kehre zu dem Gegenstand zurück, den du zuerst
»D u kannst es nicht, w eil d u d arauf b eharrst, d ir T räum e vo rzu- angeschaut hast.«
stellen, w ie du sie kennst: als etw as, das uns im S chlaf w iderfährt. »Was bedeutet es, die erste Pforte des Träumens zu passieren?«
Ich ab er w ill d ir e in e and ere V o rstellung verm itteln: T räum e als »Wir erreichen die erste Pforte des Träumens, indem uns bewußt
S chlup flo ch in and ere S p hären d er W ahrnehm ung. D urch d ieses wird, daß wir einschlafen, oder indem wir einen ungeheuer realen
S chlupfloch sickern S tröm e einer unbekannten E nergie ein. D ann Traum haben, wie du ihn hattest. Sobald wir die Pforte erreicht
ü b e rn im m t u n se r G e ist o d e r d a s G e h irn o d e r w a s im m e r, d ie se haben, müssen wir sie durchschreiten: dies gelingt uns, indem wir
E nergieströ m e und verw and elt sie in B estand teile unserer T räum e.« das Bild jedes Gegenstandes in unserem Traum festhalten.«
E r m a c h te e in e P a u se , o ffe n b a r u m m ir Z e it z u la sse n , v e rsta n - »Beinah schaffe ich es, die Gegenstände meiner Träume ruhig
d e sm ä ß ig a u fz u n e h m e n , w a s e r g e sa g t h a t t e . »D ie Z a u b e re r anzuschauen, aber sie lösen sich zu schnell auf.«
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»Genau das ist es. was ich dir sagen wollte. Um die Flüchtigkeit A u f d re ie rle i A rte n a rb e ite t e r b e im T rä u m e n m it E n e rgie : e r
der Träume abzugleichen, sind die Zauberer darauf verfallen, kann die fließende E nergie w ahrnehm en; er kann E nergie benutzen ,
irgendeinen Gegenstand als Ausgangspunkt zu benutzen. Immer u m sich w ie ein e R akete in u n erw artete R egio n en zu kata-
wenn du diesen Gegenstand isolierst und ansiehst, flutet dir eine pultieren; oder er kann w ahrnehm en, w ie w ir für gew öhnlich die
Welle von Energie entgegen, und darum solltest du anfangs nicht W elt w ahrnehm en.«
zu viele Dinge in deinen Träumen ansehen. Vier Gegenstände »W as bedeutet es. fließende E nergie w ahrzunehm en?« »E s
genügen für den Anfang. Später kannst du den Rahmen erweitern b e d e u te t, z u seh en . E s b e d e u te t, d a ß d e r E n e rgie k ö rp e r E n ergie
und alles betrachten, was dir gefällt. Aber sobald die Bilder sich u n m ittelb ar als L ich t o d er als vib rieren d en S tro m o d er als
verändern und du spürst, daß du die Kontrolle verlierst, sollst du T u rb u len z sieh t. U n d er sp ü rt sie - als u n m ittelb aren S tro m stoß
zum Ausgangspunkt zurückkehren und noch einmal von vorne oder als körperliche E m pfindung, die sogar schm erzhaft sein kann.«
anfangen.« »W as ist m it jener anderen M öglichkeit, von der du sprachst, D on
»Glaubst du. daß ich wirklich die erste Pforte des Träumens er- J u a n ? W e n n d e r E n e rgie k ö rp e r d ie E n e rgie a ls K a ta p u lt b e -
reicht habe?« nützt?«
»Ja. und das war ein großer Schritt. Wenn du weitermachst, wirst »W eil E nergie seine Sphäre i s t , kann der E nergiekörper m ühelos
du feststellen, wie leicht das Träumen dir jetzt fällt.« Ich glaubte, je n e im U n iv e rsu m flie ß e n d e n E n e rgie strö m e n u tz e n , u m sic h
daß Don Juan übertrieb oder mir schmeicheln wollte. Aber er vo ran treib en zu lassen . E r b rau ch t sie n u r zu iso lieren - u n d lo s
versicherte, daß er es aufrichtig meine. »Merkwürdig ist«, sagte er, geh t d ie F ah rt.«
»daß die Träumer, wenn sie die erste Pforte erreichen, auch den D on Juan hielt unentschlossen i n n e . M ir schien, er w ollte noch
Energiekörper erreichen.« »Was genau ist der Energiekörper?« etw as sagen, dessen er sich aber n i c h t sicher w ar. E r lächelte m ir
»Er ist das Gegenstück zum physischen Körper. Eine geisterhafte zu, und gerade als ich ihm eine Frage s t e l l e n w ollte, fuhr er fort
Konfiguration, bestehend aus reiner Energie.« »Besteht aber nicht m it seiner E rklärung.
auch der physische Körper aus Energie?« »Ja. gewiß. Der »Ich sagte d ir frü h er sch o n , d aß d ie Z au b erer in i h r e n T räu m en
Unterschied ist, daß der Energiekörper nur Erscheinung hat. aber Scouts aus anderen Sphären isolieren. D as t u t i h r E nergiekörper.
keine Masse. Da er reine Energie ist. kann er Taten vollbringen, E r erkennt die E nergie und folgt i h r . E s ist aber n i c h t gut, w enn
die dem physischen Körper unmöglich wären.« ein T räum er sich an die S uche nach solchen S couts v e r l i e r t . Ich
»Was zum Beispiel, Don Juan?« zö gerte, d ir d avo n zu erzäh len , w eil m an sich b ei ein er so lch en
»Zum Beispiel, sich im Handumdrehen ans Ende des Universums Suche le ic h t verirren k a n n .«
zu versetzen. Und das Träumen ist die Kunst, den Energiekörper D ann w echselte D on Juan rasch das T hem a. A usführlich s c h i l -
zu schulen, ihn durch allmähliche Übung geschmeidig und kohärent derte er m ir e i n e n ganzen B lock von Ü bungen. D am als fand ich
zu machen. dies alles, auf e i n e r gew issen E bene, v ö llig unbegreiflich: doch
Durch das Träumen verdichten wir den Energiekörper, bis er zu auf einer anderen E bene erschien es m ir vollkom m en logisch und
eigener Wahrnehmung fähig wird. Diese Wahrnehmung, obwohl verständlich. W enn m an, so w iederholte er. m it überlegter K on-
beeinflußt durch unsere normale Art der alltäglichen Wahrneh- tro lle d ie erste P fo rte d es T räu m en s erreich t h ab e, so h ab e m an
mung, ist dennoch eine ganz unabhängige Wahrnehmung. Sie hat sein en E n ergiekö rp er erreich t. O b m an d iesen V o rteil festh alten
ihre eigene Sphäre.« »Was ist ihre Sphäre, Don Juan?« »Energie. kö n n e, sei n u r ein e F rage d er E n ergie. D ie Z au b erer ab er kö n n ten
Der Energiekörper arbeitet mit Energie als Energie. sich zu sätzlich e E n ergie versch affen , in d em sie d ie E n ergie klu g
ein setzen , d ie ih n en fü r d ie W ah rn eh m u n g d er alltäglich en W elt
zur V erfügung steht.
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Ich bat Don Juan, mir dies genauer zu erklären, und so fügte er »W enn Z aub erer d avo n sp rechen, d ie eigene L eb enssituatio n zu
hinzu, daß wir alle eine gewisses Grundmenge an Energie hätten - gestalten«, erklärte D o n Juan, »so m einen sie d ie G estaltung d es
die einzige Energie, die wir besitzen. Und diese Energie müßten wir B e w u ß tse in s, le b e n d ig z u se in . S o lc h e G e sta ltu n g d e s B e w u ß t-
ganz verausgaben für die Wahrnehmung unserer engen Welt, für se in s lie fe rt u n s g e n ü g e n d E n e rg ie , u m d e n E n e rg ie k ö rp e r z u
unser Überleben in ihr. Nirgendwo sonst, wiederholte er, gäbe es erreichen und festzuhalten. A uf diese W eise können w ir die ganze
noch Energie für uns, und wenn wir unsere verfügbare R ichtung und K o nseq uenz unseres L eb ens veränd ern.« Z u m
Grundmenge bereits darin verausgabt hätten, dann bleibe nichts A b sc h lu ß u n se re s G e sp rä c h s ü b e r d a s T rä u m e n e rm a h n te m ich
mehr übrig für außerordentliche Wahrnehmungen, etwa beim D o n Juan, nicht nur üb er seine W o rte nachzud enken, so ndern sie,
Träumen. durch im m erw ährende W iederholung, in m eine L ebensp ra x is
»Was bedeutet das für uns?« fragte ich. e in z u b a u e n . A lle s N e u e im L e b e n , sa g te e r, so a u c h d ie Id e e n d e r
»Es bedeutet, daß wir selbst Energie auftreiben müssen, wo immer Z a u b e re i, d ie e r m ic h le h rte , m ü ß te u n s d a u e rn d w ie derholt
wir sie finden.« w erden, bis w ir es annehm en könnten. S olche W iederholung sei
Und Don Juan erklärte, daß die Zauberer eine gewisse Methode schließ lich auch d ie M etho d e, d urch d ie w ir vo n unseren E rziehern
hätten. Energie aufzutreiben. Dabei arrangieren sie ihre verfüg- so zialisiert w erd en, um in d er W elt unseres A lltags zu
bare Energie intelligent um und werfen alles Überflüssige in funktio nieren.
ihrem Leben ab. Dies nennen sie den Weg der Zauberer. Don A ls ich d ann m eine T raum üb ungen fo rtsetzte, lernte ich, m ir d es
Juan schilderte mir den Weg der Zauberer als eine Folge von E inschlafens voll bew ußt zu w erden; und ich lernte auch, in einem
praktischen Entscheidungen: und zwar intelligentere Entschei- T ra u m in n e z u h a lte n , u m b e w u ß t a lle s z u u n te rsu c h e n , w a s z u m
dungen, als unsere Erzieher sie uns lehrten. Diese lebensprakti- Inhalt d ieses T raum s gehö rte. D iese E rfahrung w ar für m ich ein
schen Entscheidungen der Zauberer dienten dazu, unser Leben echtes W under.
umzustrukturieren, indem sie unsere Grundeinstellung zum Leben D on Juan hatte gesagt, daß w ir. w enn w ir unsere T räum e zu kon-
verändern. trollieren lernen, auch unsere T raum -A ufm erksam keit zu beherr-
»Welche Grundeinstellung, Don Juan?« fragte ich. »Wir haben sc h e n le rn e n . E r h a tte re c h t, w e n n e r sa g te , d a ß d ie T ra u m -
zwei Arten, auf die Tatsache zu reagieren, daß wir lebendig sind. A ufm erksam keit im m er dann aktiv w ird, w enn w ir sie w achrufen
Zum einen können wir uns blind unterwerfen, indem wir den und ihr ein Z iel setzen. D iese A ktivierung ist eigentlich nicht das,
Forderungen des Lebens gehorchen, oder indem wir sie w as w ir als einen P rozeß verstehen: näm lich eine R eihe von O pe-
bekämpfen. Zum anderen können wir unsere Lebensumstände so ra tio n e n o d e r F u n k tio n e n , d ie sc h lie ß lic h z u e in e m R e su lta t
gestalten, daß sie unserer eigenen Konfiguration entsprechen.« fü h re n . V ie lm e h r ist e s w ie e in E rw a c h e n . E tw a s, d a s in u n s
»Können wir tatsächlich unsere Lebensumstände gestalten, Don schlum m erte, w ird plötzlich a k t i v und w irksam .
Juan?«
»Doch, wir können unsere Situation so gestalten, daß sie unseren
eigenen Bedingungen entspricht«, beharrte Don Juan. »Und dies
tun die Träumer. Ist das vermessen? Bestimmt nicht, wenn du
bedenkst, wie wenig wir über uns selbst wissen.« Als mein Lehrer
habe er die Pflicht, sagte er. mich mit dem Unterschied zwischen dem
Leben und dem Lebendigsein vertraut zu machen: zwischen dem
bloßen Leben, als Resultat biologischer Kräfte, und dem bewußten
Lebendigsein als Akt der Erkenntnis.
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3. Die zweite Pforte des Träumens lie h , d a ß d ie B ild e r im T ra u m sic h n ic h t a u flö se n , w e n n m a n d ie
G egenständ e eines T raum es nur m it flüchtigen B licken b etrachte t.
S c h w ie rig se i n u r. m e in te ic h . e in e a n fä n g lic h e B a rrie re z u
üb erw ind en, d ie uns hind ere, uns d ie T räum e b ew uß t zu m achen.
Ich fragte D on Juan nach seiner M einung, denn ich glaubte ernstlic h ,
d a ß e s sic h u m e in e p syc h o lo g isc h e B a rrie re h a n d e le , e n tstand en
d urch unsere S o zialisierung, d ie uns ja l e h r t . T räum e zu
M it H ilfe m einer T raum übungen fand ich heraus, daß ein T raum - unterschätzen.
le h re r e in e d id a k tisc h e S yn th e se h e rste lle n m u ß , u m e in e n b e - »D iese B arriere ist m ehr als b lo ß e S o zialisierung«, antw o rtete er.
stim m te n S a c h v e rh a lt h e rv o rz u h e b e n . S o ste llte m ir D o n Ju a n »E s ist d ie erste P fo rte d es T räum ens. Jetzt, d a d u sie üb erw und en
z u n ä c h st d ie A u fg a b e , m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it z u ü b e n , hast, b ist d u erstaunt, d aß w ir im T raum nicht innehalten kö nnen,
indem ich sie auf verschiedene G egenstände m einer T räum e kon- um b ew uß t d ie G egenständ e unserer T räum e zu b etrachten. A b er
z e n trie rte . A ls H ilfsm itte l sc h lu g e r m ir d a b e i v o r, m ir d e s E in - w iege d ich nicht in falscher S icherheit. D ie erste P fo rte d es T räu-
sc h la fe n s b e w u ß t z u w e rd e n . E s w a r n u r e i n V o rw a n d , w e n n e r m ens hat etw as m it d em E nergiestro m im U niversum zu t u n . S ie ist
b ehaup tete, w ir hätten, um uns d es E inschlafens b ew uß t zu w erden, ein natürliches H ind ernis.«
nur die M öglichkeit, die Inhalte unserer T räum e zu untersuchen. D o n Juan und ich vereinb arten d ann, d aß w ir nur im Z ustand d er
D enn kaum hatte ich m it den T raum übungen angefangen, als m ir z w e ite n A u fm e rk sa m k e it ü b e r d a s T rä u m e n sp re c h e n w o llte n -
klar w urd e, d aß d ie E inüb ung d er T raum -A ufm erksam keit üb er- und nur d ann, w enn er es für nö tig hielt. E instw eilen erm utigte er
h a u p t d a s E n tsc h e id e n d e b e im T rä u m e n ist. V e rsta n d e sm ä ß ig m ich, ruhig w eiterzuüben. und versprach m ir auch, sich nicht ein-
sc h e in t e s u n m ö g lic h , im T ra u m d a s B e w u sstse in z u tra in ie re n . zum ischen.
A ber die treibende K raft eines solchen T rainings, sagte D on Juan, sei E s g e la n g m ir n u n im m e r b e sse r, m e in e T rä u m e z u a rra n g ie re n .
d ie W ahrnehm ung. S ie sei viel ausd auernd er als d er V erstand D ab ei erleb te ich m anchm al G efühle, d enen ich gro ß e B ed eutung
m itsam t seinen ratio nalen V o rb ehalten. U nter d em A nsturm d er b e im a ß - z u m B e isp ie l d a s G e fü h l, in e in e n G ra b e n z u r o l l e n ,
W ahrnehm ung m üß ten d ie ratio nalen B arrieren irgend w ann falle n w ä h re n d ic h e b e n e in sc h lie f. D o n Ju a n h a tte m ir n ie g e sa g t, d a ß
- u n d d a n n k ö n n e sic h d ie T ra u m -A u fm e rk sa m k e it e n tfa lten. so lc h e G e fü h le n ic h ts z u b e d e u te n h ä tte n ; e r lie ß m ic h so g a r in
Ich üb te m ich also d arin, m eine T raum -A ufm erksam keit auf d ie m einen N otizen ausführlich darüber berichten. H eute ist m ir k l a r ,
verschiedenen G egenstände m einer T räum e zu konzentrieren und w ie kom isch es für i h n gew esen sein m uß. W enn ich T raum lehrer
deren B ild festzuhalten. D abei em pfand ich allm ählich ein so be- w ä re , w ü rd e i c h v o n so lc h e m V e rh a lte n e in d e u tig a b ra te n . D o n
m erkensw ertes S elbstvertrauen, daß ich D on Juan um eine E rklä- Ju a n a b e r la c h te m ic h n u r a u s. Ic h l i t t e a n h e im lic h e m G rö ß e n -
rung b itten m uß te. w ahn, m einte er, hätte m ich d em K am p f gegen d ie eigene W ich-
»D u b ist in d en Z ustand d er zw eiten A ufm erksam keit eingetreten, tig k e it v e rsc h rie b e n u n d fü h rte d e n n o c h e in T a g e b u c h m it d e m
und dies gibt d i r e in solches S elbstvertrauen«, sagte er. »W as d u T itel »M eine T räum e«.
j e t z t b ra u c h st, ist n o c h m e h r n ü c h te rn e B e so n n e n h e it. G e h B ei jed er G elegenheit b eto nte D o n Juan, d aß w ir d ie E nergie, d ie
la n g sa m v o ra n , b le ib e a b e r n ic h t ste h e n , u n d v o r a lle m : sp ric h w ir brauchen, um unsere T raum -A ufm erksam keit aus den F esseln
nicht darüber; tu es e in f a c h .« unserer S o zialisatio n zu b efreien, nur d ad urch gew innen, d aß w ir
D araufhin erzählte ich ihm . daß ich praktische B estätigung gefund e n u n se re v o rh a n d e n e E n e rg ie u m g ru p p ie re n . A u c h d ie s k o n n te ic h
h ä tte fü r e tw a s, d a s e r m ir sc h o n frü h e r e in m a l sa g te : n ä m - b e stä tig e n . D e n n d ie A u fm e rk sa m k e it b e im T rä u m e n e rg ib t sic h
u n m itte lb a r a u s d e r U m stru k tu rie ru n g d e s e ig e n e n L e b e n s. W e il
46 w ir u n se re E n e rg ie a b e r n ic h t a u s ä u ß e re n Q u e lle n v e rm e h re n

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können, wie Don Juan sagte, müssen wir immer bemüht sein, die m ich dauernd k r itis ie r t e , nicht m ehr hören konnte. U nd ich
unsere verfügbare Energie entsprechend umzugruppieren. Der m usste m ich fragen, ob nicht am E nde doch etw as anderes dahinter
Weg der Zauberer sei das beste Mittel, sagte Don Juan, um steckte? Ich fürchtete sogar, den V erstand zu verlieren. »Ich red e
gewissermaßen »die Räder zu ölen« für eine solche Umgruppierung in m ein en T räu m en u n en tw egt au f m ich ein ; ich erm ahne m ich
der Energie. Und der wichtigste Kunstgriff der Zauberei sei das dauernd, die D inge zu betrachten«, sagte ich zu D on Juan.
»Verlieren der eigenen Wichtigkeit«. Don Juan sah darin die B islang hatte ich unsere V ereinbarung eingehalten, nur dann über
wichtigste Voraussetzung der Zauberei, und folglich hielt er alle das T räum en zu sprechen, w enn er selbst das T hem a anschnitt.
seine Schüler streng dazu an, diese Voraussetzung zu erfüllen. D ies aber, glaubte ich, w ar eine N otlage.
Eigendünkel hielt er nicht nur für einen Feind der Zauberer, son- »H ört es sich vielleicht an, als ob du es gar nicht w ärest, sondern
dern für die Nemesis der Menschheit überhaupt. Don Juan glaubte ein anderer?« fragte er.
nämlich, daß wir den größten Teil unserer Energie zur »Ja, w enn ich es recht bedenke. Es hört sich so a n , als ob gar nicht
Aufrechterhaltung unserer eigenen Wichtigkeit verbrauchen. Das ich es w äre.«
beste Beispiel sei unsere endlose Sorge um unser äußeres Image »D ann bist du es auch nicht. D ie Z eit ist noch nicht gekom m en, dir
und um die Frage, ob wir geliebt und bewundert werden oder solche D inge zu erklären. E instw eilen tröste dich, daß du nicht allein
nicht. Könnten wir diesen Eigendünkel ablegen, dann würden b ist au f d er W elt. E s gib t n o ch an d ere W elten , d ie ein em
zwei bedeutsame Dinge mit uns geschehen. Erstens wäre unsere T rä u m e r z u gä n glic h sin d , ga n z e W e lte n . A u s d ie se n a n d e re n
Energie von der Aufgabe befreit, unsere Größenillusionen W elten kom m en m anchm al E nergie-W esen zu uns. W enn du das
aufrechtzuerhalten. Und zweitens hätten wir genügend Energie, um nächste M al im T raum deine Stim m e hörst, die auf dich einredet,
in die zweite Aufmerksamkeit einzutreten und etwas von der dann w erde einfach w ütend und rufe: H ör auf!« N un hatte ich eine
wahren Größe des Universums zu erahnen. Mehr als zwei Jahre neue A ufgabe beim T räum en, näm lich m ich zu erinnern, daß ich
dauerte es, bis ich meine Aufmerksamkeit im Traum auf alles diesen B efehl rufen sollte. W ahrscheinlich aber w ar ich so w ütend
konzentrieren konnte. Am Ende gelang es mir so gut, als hätte ich über das dauernde N örgeln, daß ich m ich tatsächlich erinnerte und
mein Leben lang nichts anderes getan. Merkwürdig war, daß ich mir rief: »H ör auf!« D as N örgeln hörte sofort auf und w iederholte sich
kaum vorstellen konnte, ich hätte diese Fähigkeit nicht schon n ie w ieder.
immer gehabt. Dennoch hatte ich nicht vergessen, wie schwer es mir »H aben alle T räum er solche E rfahrungen?« fragte ich D on Juan,
anfangs gefallen war, mir solche Möglichkeiten auch nur als ich ihn w iedersah. »M anche ja «, antw ortete er gleichgültig.
vorzustellen. Vielleicht, dachte ich, gehört die Fähigkeit, den Inhalt Ich w ollte schon anfangen zu erzählen, w ie m erkw ürdig dies alles
der eigenen Träume zu untersuchen, zur natürlichen Ausstattung gew esen sei. A ber er unterbrach m ich und sagte: »D u bist j e t z t
unserer Existenz - etwa wie der aufrechte Gang. Wir sind bereit für die zw eite P forte des T räum ens.« D ies w ar für m ich die
körperlich dazu geschaffen, auf zwei Beinen zu laufen. Und C hance, endlich A ntw orten auf Fragen zu finden, die ich ihm schon
dennoch, welche Anstrengung braucht ein Kind, um laufen zu lange stellen w ollte. V or allem beschäftigte m ich noch im m er das
lernen! E rlebnis, als er m ich zum erstenm al in den Zustand des T räum ens
Meine neue Fähigkeit, mit kurzen Blicken die Gegenstände meiner versetzt hatte. D am als konnte ich die E lem ente des T raum es m it
Träume zu betrachten, war aber mit einem unangenehmen solcher Leichtigkeit beobachten, sagte ich zu D o n Ju an . N ie
Phänomen verbunden: mit einer dauernd nörgelnden Stimme, die w ied er h ätte ich so lch ein e K larh eit u n d G enauigkeit aller
mich ermahnte, auch wirklich alle Elemente meiner Träume zu D etails erlebt. »Je län ger ich d arü b er n ach d en ke«, sagte ich ,
untersuchen. Ich kannte meinen obsessiven Charakter, aber in »d esto erstau n -
meinen Träumen wurde diese Obsession ungemein verstärkt. Dies
nahm solche Formen an, daß ich meine nörgelnde Stimme,
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lieb er ko m m t es m ir vo r. A ls ich in d iesem T raum d ie M enschen »Es verwirrt mich immer, wenn du von Dingen sprichst, die real
b e o b a c h te te , e m p fa n d ic h e in e u n e rk lä rlic h e A n g st u n d A b n e i- sein sollen. Vorhin sagtest du. wir hätten einen realen Ort jenseits
g u n g . W a s w a r d a s fü r e in G e fü h l. D o n Ju a n ? « »Ic h g la u b e , d e in dieser Welt erreicht. Doch wenn er real war. wie können wir dann
E n e rg ie k ö rp e r h a tte sic h d a m a ls in d ie fre m d e E n e rg ie d ie se r zwei verschiedene Bilder davon haben?«
S ta d t e in g e sc h a lte t u n d sic h g u t a m ü sie rt. D e in e A ngst und »Ganz einfach. Wir haben zwei Bilder, weil wir damals zwei ver-
A b neigung w aren ganz natürlich: zum erstenm al lernte st d u fre m d e schiedene Grade von Gleichförmigkeit und Kohäsion hatten. Ich
E n e rg ie k e n n e n . habe dir doch erklärt, daß diese zwei Eigenschaften der Schlüssel
Ü brigens zeigst du ähnliche N eigungen w ie die Z auberer der V orzeit. zur Wahrnehmung sind.«
S o w ie d ie G elegenheit sich b ietet, lässt d u d einen M o ntagep u n k t »Glaubst du, ich kann diese Stadt noch einmal besuchen?« »Da bin
lo s. D a m a ls v e rla g e rte e r sic h se h r w e it. F o lg lic h b ist d u - w ie ich überfragt; ich weiß es nicht. Oder vielleicht weiß ich es, will es
einst d ie alten Z aub erer - üb er d ie G renzen d er uns b ekannt e n aber nicht erklären. Oder vielleicht könnte ich es erklären, will aber
W elt hinausgereist. E ine reale, ab er sehr gefährliche R eise.« nicht. Du wirst also warten und selbst herausfinden müssen, wie es
S o aufschlußreich D on Juans W orte auch sein m ochten, m usste ich sich verhält.«
i h m doch eine F rage stellen, die m ich noch stärker bew egte: »W ar Und er war nicht bereit, weiter über das Thema zu sprechen.
d ie se S ta d t e tw a a u f e in e m a n d e re n P la n e te n ? « »M an kann d as »Zurück zur Sache«, forderte er mich auf. »Die zweite Pforte der
T räum en nicht m it b ekannten o d er scheinb ar b ekannten Wahrnehmung ist erreicht, wenn wir aus einem Traum in einen
V o rstellungen erklären« sagte er. »N ur d ies kann ich d i r v e rra te n : anderen Traum erwachen. Wir mögen so viele Träume träumen,
d ie S ta d t, d ie d u d a m a ls b e su c h te st, g e h ö rte n ic h t z u dieser W elt.« wie wir wollen. Aber wir müssen sie kontrollieren und dürfen
»W o w ar sie denn?« nicht in dieser uns bekannten Welt aufwachen.« Ich geriet in Panik.
»N a tü rlic h je n se its d ie se r W e lt. B e g re ifst d u n ic h t? E s w a r d a s »Willst du damit sagen, daß ich nie wieder in dieser Welt
e rste , w a s d ir a u ffie l. A b e r d u ta p p te st im D u n k e ln , w e il d u d ir aufwachen soll?« fragte ich.
jenseits dieser W elt nichts vorstellen k a n n s t . « »W o ist denn dieses »Nein, das nicht. Jetzt aber, wo du es sagst, muß ich gestehen,
> jenseits dieser W elt< , D on Juan?« »D as U nheim lichste an d er daß es wohl eine Möglichkeit wäre. Dies taten die alten Zauberer.
ganzen Z aub erei, glaub e m ir. ist j e n e K o nfiguratio n, d ie w ir Sie erwachten nie wieder in dieser Welt, die wir kennen. Manche
> jenseits d ieser W elt< nennen. D u nahm st z u m B e isp ie l a n . ic h Zauberer meiner Linie haben es ebenfalls getan. Ja, es ist möglich,
h ä tte d ie se lb e n D in g e g e se h e n w ie d u . D e r B ew eis? D u hast m ich aber ich möchte es nicht empfehlen. Ich möchte, daß du nach dem
niem als gefragt, w as ich eigentlich gesehen h a b e . D u - n u r D u - Träumen ganz natürlich erwachst. Aber solange du träumst, sollst
sa h st e i n e S ta d t u n d M e n sc h e n in d ie se r S tadt. Ich sah nichts du träumen, daß du in einem anderen Traum erwachst.«
dergleichen. Ich sah E nergie. > Jenseits dieser W elt< w ar also für Ich hörte mich die gleiche Frage stellen, die ich ihm gestellt hatte,
d ich - und einzig b ei d ieser G elegenheit - eine Stadt.« als er mir zum erstenmal vom Arrangieren des Träumens erzählte:
»D ann ab er, D o n Juan, w ar es keine w irkliche S tad t. D ann e x i - »Ist so etwas aber möglich?«
stie rte sie n u r fü r m ic h , in m e in e m K o p f.« »N e in , d a s n ic h t. D u Anscheinend ertappte mich Don Juan bei meiner Gedankenlosigkeit
v e rsu c h st j e t z t , e tw a s T ra n sz e n d e n te s a u f e tw a s Ird isc h e s und wiederholte mir lachend die Antwort, die er mir damals
z u rü c k z u fü h re n . D a s ist u n z u lä ssig . D ie se R e ise w ar real. D u sahst gegeben hatte. »Natürlich ist es möglich. Solch eine Kontrolle
sie als S tadt. Ich sah sie als E nergie. K einer von u n s h a t re c h t o d e r unterscheidet sich nicht von der Kontrolle über jede beliebige
u n re c h t.« Situation des täglichen Lebens.«
Rasch überwand ich meine Verlegenheit und war bereit, weitere
Fragen zu stellen, aber Don Juan kam mir zuvor und begann ge-
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wisse Aspekte der zweiten Pforte des Träumens zu erklären - eine mein Üben mir diesmal nicht helfen würde. Nach vielen Mißerfolgen
Erklärung, bei der mir noch unbehaglicher wurde. »Ein Problem gab ich auf und begnügte mich damit, meine Übungen einfach
gibt es bei der zweiten Pforte«, sagte er. »Ein Problem, das fortzusetzen und meine Traum-Aufmerksamkeit auf alle Gegen-
schwierig werden kann, je nach der Charakterneigung des stände meiner Träume zu konzentrieren. Daß ich mein Scheitern
Betreffenden. Falls du die Neigung hast, dich gehenzulassen oder akzeptierte, gab mir doch Kraft, und es gelang mir anscheinend
dich an Dinge und Situationen zu klammern, könnte es gefährlich besser, die Bilder meiner Trauminhalte festzuhalten. So blieb es
werden.« »Warum, Don Juan?« ein Jahr, ohne Veränderung. Dann aber, eines Tages, veränderte
»Überlege einmal. Erinnerst du dich an deine sonderbare Freude sich etwas. Während ich im Traum aus dem Fenster sah und
beim Untersuchen des Inhalts deiner Träume? Stell dir nun vor, festzustellen versuchte, ob ich die Landschaft draußen erkennen
man wechselt von Traum zu Traum und beobachtet alles, unter- könnte, zog eine Kraft, die ich als Wind und als Brausen in den
sucht jedes Detail. Dabei könnte man, das ist doch klar, in töd- Ohren empfand, mich durchs Fenster hinaus. Kurz zuvor hatte ich
liche Tiefen versinken. Vor allem wenn man die Neigung hat, sich ein sonderbares Gebilde gesehen, vielleicht einen Traktor, das
gehenzulassen.« meine Traum-Aufmerksamkeit erregte. Im nächsten Moment stand
»Können nicht der Körper oder der Verstand dies ganz natürlich ich davor und untersuchte es.
verhindern?« Ich war mir durchaus bewußt. daß ich träumte. Ich drehte mich um
»Ja, gewiß, falls es eine natürliche, das heißt eine normale Schlaf- und wollte feststellen, aus welchem Fenster ich geschaut hatte.
situation ist. Dies aber ist keine normale Situation. Dies ist das Der Schauplatz erinnerte an eine Farm auf dem flachen Land.
Träumen. Der Träumer hat beim Durchschreiten der ersten Pforte Häuser waren nicht zu sehen. Schon wollte ich anfangen, über
bereits den Energiekörper erreicht. Was da in Wirklichkeit durch diese Tatsache nachzugrübeln, aber die vielen landwirt-
die zweite Pforte schreitet und von Traum zu Traum wechselt, ist schaftlichen Geräte, die wie verlassen herumstanden, fesselten
der Energiekörper.« »Was hat das für Folgen, Don Juan?« meine Aufmerksamkeit. Ich untersuchte Mähmaschinen, Traktoren.
»Die Folge ist, daß du beim Durchschreiten der zweiten Pforte Getreidestapler, Scheibenpflüge, Dreschmaschinen. Es waren so
noch mehr, noch bewußtere Kontrolle über deine Traum-Auf- viele, und ich vergaß meinen ursprünglichen Traum. Dann versuchte
merksamkeit beabsichtigen mußt: es ist das einzige Sicherheits- ich mich zu orientieren, indem ich die Umgebung beobachtete. Dort
ventil, das Träumer haben.« »Ein Sicherheitsventil?« in der Ferne stand ein Gebilde, das aussah wie eine Reklametafel,
»Du wirst noch merken, daß es das eigentliche Ziel des Träumens umgeben von Telegrafenmasten. Kaum hatte ich meine
ist, den Energiekörper zu schulen. Ein geschulter Energiekörper Aufmerksamkeit auf diese Reklametafel gerichtet, stand ich auch
hat eine solche Kontrolle über die Traum-Aufmerksamkeit, daß er schon davor. Das Stahlgerüst machte mir angst. Es war irgendwie
sie notfalls bremsen könnte. Dies ist das Sicherheitsventil, das bedrohlich. Auf der Tafel selbst war ein Gebäude abgebildet. Ich
Träumer haben. Wie sehr sie sich auch beim Träumen gehen lassen - las den Text: es war Werbung für ein Motel. Ich hatte die
irgendwann bringt ihre Traum-Aufmerksamkeit sie wieder an die sonderbare Gewißheit. mich im Staat Oregon zu befinden, oder im
Oberfläche.« Norden Kaliforniens. Dann suchte ich die Umgebung im Traum
Nun begann für mich wieder ein neuer Abschnitt meiner Traum- nach anderen Merkmalen ab. In der Ferne sah ich Berge, und etwas
arbeit. Diesmal war das Ziel noch unbestimmter, die Schwierigkeit näher abgeflachte Hügel. Baumgruppen standen auf den Hügeln:
noch größer. Wie bei meiner ersten Aufgabe hatte ich keine kalifornische Eichen, vermutete ich. Ich wünschte mir. zu diesen
Vorstellung, um was es eigentlich ging. Und ich fürchtete, daß all grünen Hügeln hingezogen zu werden - aber es zog mich gleich zu
den fernen Bergen. Ich war mir sicher, daß es die Sierra Nevada
sei. Über diesen Bergen verließ mich meine Traumenergie. Vorher
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ab er zo g es m ich nach allen m ö glichen P unkten d er L and schaft. T ra u m -G e g e n sta n d . h i e l t d e n B lic k e in e W e ile a u s, b is d e r G e -
M ein T raum hö rte auf, ein T raum zu sein. W as m eine W ahrneh- g e n sta n d se in e F o rm v e rä n d e rte u n d m ic h , in d e m e r se in e F o rm
m u n g b e tra f, so b e fa n d ic h m ic h w irk lic h in d e r S ie rra u n d v e rä n d e rte , d u rc h e in e n b ra u se n d e n W irb e l in e in e n a n d e re n
schw eb te zw ischen S chluchten, F elsb lö cken und H ö hlen um her. T ra u m z o g . N ie k o n n te ic h a b e r im v o ra u s e n tsc h e id e n , w e lc h e
Ich segelte über F elsklippen zu den G ipfeln hinauf, bis ich keinen d er d rei M ö glichkeiten ich w ählen w ürd e. M eine T raum üb ungen
A u ftrie b m e h r sp ü rte u n d m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it n ic h t e n d e te n im m e r d a m it, d a ß m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it v e r-
m ehr konzentrieren konnte. Ich spürte, w ie ich die K ontrolle verlor. eb b te und ich schließ lich aufw achte o d er in tiefen, d unklen S chlaf
S chließlich gab es keine L andschaft m ehr, nur noch D unkelheit. versank.
»D u h a st d ie z w e ite P fo rte d e s T rä u m e n s e rre ic h t«, sa g te D o n A lles ging glatt bei m einen Ü bungen. D ie einzige S törung, die ich
Juan, als ich ihm m einen T raum erzählte. »A ls nächstes solltest du e rle b te , w a r e in e e ig e n a rtig e B e lä stig u n g , e in A n fa ll v o n A n g st
sie d u rc h sc h re ite n . E s ist a b e r g e fä h rlic h , d ie z w e ite P fo rte z u o d e r U n b e h a g e n , d e n ic h n u n m it z u n e h m e n d e r H ä u fig k e it e r-
d urchschreiten, und es erfo rd ert viel D iszip lin.« Ic h w u ß te n ic h t, le b te . Ic h v e rsu c h te d ie S a c h e a b z u tu n u n d m ir e in z u re d e n , e s
o b ic h d ie m ir g e ste llte A u fg a b e e rfü llt h a tte . D enn eigentlich h a b e e tw a s m it m e in e n sc h re c k lic h e n E ß g e w o h n h e ite n z u tu n -
w ar ich nicht in einem and eren T raum erw acht. A lso b efragte ich o d er m it d er T atsache, d aß D o n Juan m ir zu j e n e r Z eit - als T eil
D o n Juan nach d ieser U nregelm äß igkeit. »E s w ar m ein F ehler«, m e in e r A u sb ild u n g - ö fte r h a llu z in o g e n e P fla n z e n e x tra k te g a b .
sagte er. »Ich hatte d i r gesagt, daß m an in e in e m a n d e re n T ra u m D ie A nfälle stö rten m ich d o ch so sehr, d aß ich D o n Juan um R at
e rw a c h e n m u ß ; a b e r ic h m e in te n u r, d a ß m an auf ordentliche, fragen m uß te.
korrekte A rt die T räum e w echseln m uß, w ie d u es getan hast. »D u bist j e t z t zu e in e m gefährlichen T eil im W issen der Z auberer
B e i d e r e rste n P fo rte h a st d u v ie l Z e it d a m it v e rg e u d e t, a u s- g e la n g t«, e rk lä rte e r. »E s ist d a s n a c k te G ra u e n , e in A lp tra u m . Ic h
schließlich nach deinen H änden zu suchen. D iesm al bist du direkt k ö n n te W itz e m a c h e n u n d sa g e n , d a ß ic h d ie se M ö g lic h k e it m it
z u r L ö su n g v o rg e sto ß e n , o h n e d ic h la n g e z u fra g e n , o b d u d ie R ü c k sic h t a u f d e in e h o c h g e le h rte V e rn u n ft n ic h t e rw ä h n e n
A nw eisung befolgtest und auch w irklich in einem anderen T raum w o llte. A b er so lche S cherze verb ieten sich vo n selb st. Jed er Z au-
erw achtest.« b e re r m u ß sic h m it d ie se m A sp e k t d e s W isse n s a u se in a n d e rse tzen.
Z w e i M ö g lic h k e ite n g e b e e s, sa g te D o n Ju a n , u m d ie z w e ite U nd d ab ei kö nntest d u, fürchte ic h , leicht d as G efühl hab en, den
P fo rte d es T räum ens ko rrekt zu p assieren. E inerseits kö nne m an in V erstand zu v e r lie r e n .«
einem anderen T raum erw achen - das heißt träum en, m an sei in U n d n u n se tz te m ir D o n Ju a n in se h r e rn ste m T o n a u se in a n d e r,
einem T raum , und dann träum en, daß m an aus ihm erw acht. A n- daß L eben und B ew usstsein nicht einfach E igenschaften der O rga-
d ererseits kö nne m an m it H ilfe d er G egenständ e eines T raum es n ism e n s i n d , so n d e rn e in e F ra g e d e r E n e rg ie . D ie Z a u b e re r
einen and eren T raum auslö sen, w ie ich es getan hätte. D on Juan hätten g eseh en , sagte er. d aß es zw ei A rten vo n b ew uß ten W esen
ließ m ich w eiter üben, w ie b is h e r , ohne sich einzum ischen. Ich a u f E rd e n g i b t , d ie o rg a n isc h e n u n d d ie a n o rg a n isc h e n . U n d a ls
fand die beiden M öglichkeiten bestätigt, die er geschildert hatte. sie d ie b e id e n m ite in a n d e r v e rg lic h e n , h ä tte n sie a u c h g eseh en ,
E ntw eder träum te ich, daß ich in einem T raum sei, aus d em ich zu d aß es sich b ei b eid en um leuchtend e A nsam m lungen vo n E ner-
erw achen träum te, o d er ich schw eb te vo n einem b estim m ten, giefasern des U niversum s handelt, die sich m illionenfach in jedem
m einer unm ittelbaren T raum -A ufm erksam keit zug ä n g lic h e n n u r d e n k b a re n W in k e l ü b e rsc h n e id e n . D e m n a c h u n te rsc h e id e n
G e g e n sta n d z u e in e m a n d e re n , n o c h n ic h t g a n z z u g ä n g lic h e n sic h b e id e F o rm e n v o r a lle m in ih re r G e sta lt u n d im G ra d ih re r
G e g e n sta n d . O d e r ic h e rle b te e in e le ic h te A b w a n d lu n g d ie se r L euchtkraft. A no rganische W esen sind länglich, w ie K erzen ge-
z w e ite n M ö g lic h k e it: ic h sta rrte a u f irg e n d e in e n fo rm t, a b e r d u n k e l, w ä h re n d d ie o rg a n isc h e n W e se n ru n d u n d
w e se n tlic h h e lle r sin d . E in w e ite re r w ic h tig e r U n te rsc h ie d , d e n
d ie Z a u b e re r sa h en , w ie D o n Ju a n sa g te , lie g e d a rin , d a ß d ie
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organischen Wesen nur ein kurzes Leben und Bewusstsein hätten, »A lle rd in g s. D a s P ro b le m b e i d e n a n o rg a n isc h e n W e se n ist n u r,
während das Leben der anorganischen Wesen unendlich viel länger d aß ihr B ew usstsein, verglichen m it unserem , sehr langsam ist. E s
dauert und ihr Bewusstsein unendlich viel tiefer und ruhiger ist. d a u e rt Ja h re , b is d ie a n o rg a n isc h e n W e se n a u f e in e n Z a u b e re r
»Die Zauberer können mühelos mit ihnen kommunizieren«, fuhr aufm erksam w erd en. A lso so llte m an G ed uld hab en und w arten.
Don Juan fort. »Denn die anorganischen Wesen haben die ent- F rü h e r o d e r sp ä te r ste lle n sie sic h e in . A b e r a n d e rs, a ls d u o d e r
scheidende Voraussetzung zur Kommunikation, nämlich Bewußt- ich uns einstellen w ürd en. S ie hab en eine eigentüm liche A rt, sich
sein.« b em erkb ar zu m achen.«
»Existieren diese anorganischen Wesen aber wirklich, wie du und »W ie lo c k e n d ie Z a u b e re r sie a n ? G ib t e s e in R itu a l? « »N a, sie
ich existieren?« fragte ich. w erden sich gew iß nicht auf die S traße stellen und. S chlag
»Natürlich existieren sie«, antwortete er. »Du kannst mir glauben, M itternacht, m it b eb end er S tim m e nach ihnen rufen - falls es d as
die Zauberer sind nicht so dumm, ihr Denken auf Irrwege zu ist, w as d u m einst.« »W as tun sie denn?«
schicken und diese für Wirklichkeit zu halten.« »Warum »S ie lo c k e n sie im T rä u m e n a n . Ic h sa g te d ir d o c h , e s g e h t u m
behauptest du aber, daß diese Wesen lebendig sind?« »Lebendig m e h r a ls e in b lo ß e s A n lo c k e n ; d u rc h d a s T rä u m e n z w in g e n d ie
zu sein heißt für die Zauberer, Bewusstsein zu haben. Und dies Z aub erer d iese W esen, m it ihnen in Interaktio n zu t r e t e n . « »W ie
bedeutet, einen Montagepunkt zu haben, umgeben von einer Glut zw ingen d ie Z aub erer sie d urch d as T räum en? « »S ie trä u m e n
der Bewußtheit; dieser Zustand zeigt den Zauberern, daß das b e h a rrlic h d ie P o sitio n , in d ie d e r M o n ta g e p u n k t sic h b e im
Wesen, das sie vor sich haben, mag es organisch oder anorganisch T rä u m e n v e rla g e rt h a t. D ie s e rz e u g t e in e b e stim m te
sein, durchaus zur Wahrnehmung fähig ist. Wahrnehmung ist für die E nergielad ung, w as d ie A ufm erksam keit d ieser W esen w eckt. E s
Zauberer die Voraussetzung des Lebendigseins.« w irkt w ie ein K öder auf Fische; sie f a l l e n darauf herein. Indem die
»Also müssen auch die anorganischen Wesen sterben, nicht wahr. Z a u b e re r d ie e rste n z w e i P fo rte n d e s T rä u m e n s e rre ic h e n u n d
Don Juan?« d urchschreiten, kö d ern sie so lche W esen und zw ingen sie, zu er-
»Natürlich. Sie verlieren ihr Bewusstsein, genau wie wir. Nur daß scheinen.
die Dauer ihres Bewußtseins unermeßlich ist.« »Erscheinen diese In d e m d u d ie b e id e n P fo rte n d u rc h sc h re ite st, m a c h st d u ih n e n
anorganischen Wesen den Zauberern?« »Man kann nie wissen, d ein A ngeb o t b ekannt. D ann m uß t d u auf ein Z eichen vo n ihnen
woran man bei ihnen ist. Ich könnte sagen. diese Wesen werden von w arten.«
uns angelockt. Oder besser gesagt, sie werden von uns »W as w äre d as für e in Z eichen, D o n Juan? « »V ielleicht, d aß eines
gezwungen, mit uns zu kommunizieren.« Don Juan sah mich vo n ihnen auftaucht; o b w o hl d ies zu rasch w äre. Ich glaub e, sie
gespannt an. »Du begreifst das alles gar nicht«, sagte er - in w erd en d ir e i n Z eichen geb en, ind em sie in d eine T räum e
einem Tonfall, als sei er zu einem Entschluß gelangt. eingreifen. Ich glaub e, d aß d ie A ngstanfälle, d ie d u z u r Z e it e rle b st,
»Ich kann es mir tatsächlich kaum rational vorstellen«, sagte ich. k e in e V e rd a u u n g sb e sc h w e rd e n sin d , so n d e rn S tro m stö ß e frem d er
»Ich habe dich gewarnt, daß dein Verstand hier überfordert sein E nergie, d ie d ir vo n d en ano rganischen W esen geschickt w erd en.«
könnte. Am besten stellst du also dein Urteil zurück und lässt den »W as soll ich tun?«
Dingen ihren Lauf. Und das heißt, du lässt die anorganischen Wesen »D u m uß t d eine E rw artungen m äß igen.«
zu dir kommen.« »Ist das dein Ernst, Don Juan?« Ich verstand nicht gleich, w as er d am it m einte, ab er d ann fand er
sich zu einer ausführlicheren E rklärung b ereit. W enn w ir m it un-
seren M itm enschen o d er and eren o rganischen W esen in K o ntakt
tre te n w o lle n , e rw a rte n w ir e in e u n m itte lb a re A n tw o rt a u f u n se r
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Angebot, sagte er. Bei anorganischen Wesen aber, weil sie durch nehmung die wichtigste Rolle spielt. Wir sind gesellige Wesen.
eine sehr starke Barriere von uns getrennt sind - nämlich durch Wir suchen stets die Gesellschaft anderer Arten von Bewußt-sein.
Energie, die sich mit anderer Geschwindigkeit bewegt - . müßten Das Entscheidende beim Kontakt mit den anorganischen Wesen
die Zauberer ihre Erwartungen mäßigen und ihr Angebot so lange ist, sie nicht zu fürchten. Und zwar von Anfang an. Man muß
aufrechterhalten, bis sie von diesen Wesen zur Kenntnis ihnen eine Absicht von Kraft und Unabhängigkeit schicken. In
genommen werden. diese Absicht muß man die Botschaft verschlüsseln: >Ich fürchte
»Du meinst also, Don Juan, es geht um dieselbe Frage wie bei den dich nicht: komm zu mir. Falls du kommst, bist du mir willkom-
Traumübungen?« men. Falls nicht, werde ich dich vermissen.< Solch eine Botschaft
»Ja. Um aber die gewünschten Resultate zu erzielen, mußt du wird sie so neugierig machen, daß sie sich bestimmt einstellen.«
deine Übungen um die Absicht ergänzen, diese anorganischen »Warum sollten sie zu mir kommen, oder warum sollte ich sie
Wesen zu erreichen. Sende ihnen ein Gefühl von Kraft und Zu- aufsuchen, um Himmels willen?«
versicht, Stärke und Unabhängigkeit. Vermeide um jeden Preis, »Beim Träumen suchen die Träumer, ob sie es wollen oder nicht.
ihnen ängstliche und morbide Gefühle zu senden. Sie sind selbst Verbindung mit anderen Wesen. Vielleicht erschreckt es dich -
ziemlich morbid; ihrer Düsterheit noch die unsere aufzuladen aber die Träumer sind immer bereit, Gruppen mit anderen Wesen
wäre doch unnötig, nicht wahr?« zu bilden, sich auch mit anorganischen Wesen zu verbinden. Die
»Ich kann mir nicht vorstellen, Don Juan, wie sie den Zauberern Träumer sind geradezu erpicht darauf.«
erscheinen. Auf welche eigentümliche Art machen sie sich be- »Das finde ich eigenartig, Don Juan. Warum tun die Träumer so
merkbar?« etwas?«
»Manchmal materialisieren sie sich, direkt vor uns, in der Alltags- »Die anorganischen Wesen haben für uns den Reiz des Neuen.
welt. Meist aber macht sich ihre Anwesenheit durch ein körper- Und für sie liegt der Reiz des Neuen in der Art, wie wir die Grenzen
liches Erschrecken bemerkbar, durch einen Schauder, der uns ihrer Sphäre überschreiten. Vergiss nicht: die anorganischen
durch Mark und Bein fährt.« »Wie ist es beim Träumen. Don Wesen, mit ihrem anders gearteten Bewußtsein. üben einen unge-
Juan?« heuren Sog auf Träumer aus und können sie leicht in ungeahnte
»Beim Träumen ist es genau umgekehrt. Manchmal fühlen wir Welten versetzen.
sie. wie du eben jetzt, als Anfall von Angst. Meistens materialisieren Die Zauberer der Vorzeit bedienten sich ihrer, und sie waren es
sie sich direkt vor uns. Weil wir, wenn wir mit dem Träumen auch, die den Namen >Verbündete< prägten. Ihre Verbündeten
anfangen, keinerlei Erfahrung mit ihnen haben, können sie uns
lehrten sie. den Montagepunkt über die Grenzen der Eigestalt
einen heillosen Schrecken einjagen. Dies ist eine Gefahr für uns.
hinaus in das nicht-menschliche Universum zu verschieben. Wenn
Mittels dieser Angst können sie uns in den Alltag folgen - mit
sie also einen Zauberer in andere Welten versetzen, dann sind dies
verheerenden Folgen für uns.« »Folgen welcher Art. Don Juan?«
Welten jenseits des menschlichen Bereichs.« Noch während ich
»Die Angst kann sich in unserem Leben einnisten, und auf so
ihm zuhörte, plagten mich sonderbare Befürchtungen und
etwas dürfen wir uns nicht einlassen. Die anorganischen Wesen
Ahnungen, was er sofort merkte. »Du bist letzten Endes ein
sind manchmal schlimmer als die Pest. Mittels der Angst können
religiöser Mensch«, sagte er. »Jetzt glaubst du den Atem des
sie uns in den Wahnsinn treiben.« »Was tun die Zauberer mit den
Teufels im Nacken zu spüren. Stell dir das Träumen doch
anorganischen Wesen?« »Sie verbinden sich mit ihnen. Sie machen
folgendermaßen vor: Träumen heißt, mehr wahrzunehmen, als wir
sie zu Verbündeten. Sie bilden Vereinigungen, gehen ungewöhnliche
Freundschaften ein. Es sind weitgespannte Bestrebungen, meine für möglich halten.« In meinen wachen Stunden beunruhigte mich
ich, wobei die Wahr- der Gedanke, ein
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solches anorganisches Bewusstsein könne tatsächlich existieren. S o fo rt ü b e rfie l m ic h d ie A n g st. T ie fe U n ru h e e rfa sste m ic h . E s
Wenn ich aber träumte, blieben meine Skrupel ziemlich belanglos. w a r k e in e p syc h isc h e U n ru h e , so n d e rn e in G e fü h l k ö rp e rlic h e r
Die Anfälle körperlicher Angst hielten an, doch wenn sie B e k lo m m e n h e it, e in e T ra u rig k e it o h n e e rsic h tlic h e n G ru n d . V on
eintraten, waren sie stets von einer seltsamen Ruhe gefolgt - einer nun an erschienen die beiden seltsam en G e s t a l t e n bei j e d e r m einer
Ruhe, die mich durchdrang und mich weitermachen ließ, als hätte T raum übungen vor m ir. S chließlich w ar es. als träum te ich nur, um
ich die Angst nie gekannt. ihnen zu b egegnen. D ab ei versuchten sie nie. sich m ir zu nähern
Damals schien es mir, als stellten sich alle Fortschritte im Träumen o d er m ich irgend w ie zu b elästigen. S ie stand en nur reglo s v o r m ir,
ganz plötzlich bei mir ein. ohne Vorankündigung. So war es auch so la n g e m e in T ra u m a n d a u e rte . U n d ic h u n te rlie ß n ic h t n u r je d e n
mit dem Auftreten anorganischer Wesen in meinen Träumen. Es V e rsu c h , m e in e T rä u m e z u w e c h se ln , so n d e rn v e rg a ß so gar d ie
geschah, während ich von einem Zirkus träumte, den ich als Kind ursp rüngliche A ufgab e m einer T raum üb ungen. A ls ich end lich m it
besucht hatte. Der Schauplatz erinnerte an eine kleine Stadt in den D o n Juan d arüb er sp rach, w as d a m it m ir gesc h a h , h a tte ic h
Bergen Arizonas. Ich beobachtete die Leute und hegte wie stets m o n a te la n g n ic h ts a n d re s g e ta n , a ls d ie z w e i G e sta lte n z u
die unbestimmte Hoffnung, jene Menschen wiederzusehen, die ich b e tra c h te n .
sah, als Don Juan mich zum erstenmal in die zweite »D u stehst vo r einem gefährlichen S cheid ew eg«, sagte D o n Juan.
Aufmerksamkeit versetzte. »E s w äre nicht richtig, d iese W esen fo rtzujagen, ab er es ist auch
Während ich sie beobachtete, überfiel mich, schlagartig, eine nicht richtig, sie b leib en zu lassen. Z um gegenw ärtigen Z eitp unkt ist
starke Nervosität in der Magengrube. Es war wie ein Fausthieb. ih re A n w e se n h e it e in H in d e rn is fü r d e in T rä u m e n .« »W a s k a n n ic h
Der Stoß lenkte mich ab, und ich verlor die Leute, den Zirkus und tu n . D o n Ju a n ? «
die Stadt in den Bergen Arizonas aus dem Blick. Statt dessen sah »T ritt ihnen entgegen, so fo rt und in d einer no rm alen L eb ensw elt,
ich nun zwei sonderbar aussehende Gestalten vor mir stehen. Sie u n d sa g e ih n e n , sie so lle n sp ä te r w ie d e rk o m m e n , w e n n d u m e h r
waren schmal, kaum einen Fuß breit, aber langgestreckt, über T raum energie haben w ir s t.« »W ie so ll ich ihnen entgegentreten? «
zwei Meter hoch. So ragten sie wie zwei riesige Regenwürmer vor »E s ist nicht le ic h t, aber es ist m öglich. V oraussetzung ist nur, daß
mir auf. m an genügend M ut hat - d en d u natürlich h a s t . « N o ch b evo r ich
Ich wußte, es war ein Traum, aber ich wußte auch, daß ich sah. i h m sagen ko nnte, d aß ich üb erhaup t keinen M ut zu hab en glaub te,
Über das Sehen hatte Don Juan mit mir in meinem normalen führte er m ich hinaus in d ie B erge. E r leb te im N o rd en M exiko s,
Bewusstseinszustand und auch in der zweiten Aufmerksamkeit ge- und stets h a t t e er m i r d en E ind ruck gem acht, als sei er ein
sprochen. Obwohl ich es noch nicht selbst erfahren hatte, glaubte einsam er Z aub erer, e i n vo n a l l e n vergessener a l t e r M ann, vö llig
ich die Idee einer direkten Wahrnehmung von Energie doch zu auß erhalb d es allgem einen L eb ens s t e h e n d . D enno ch h i e l t ich
verstehen. In diesem Traum, während ich jene zwei sonderbaren i h n für einen M ann vo n üb erragend er Intelligenz. U nd d arum w ar
Erscheinungen anschaute, wurde mir klar, daß ich die energeti- ich b e r e i t , m ich m it m anchen seiner E igenheiten ab zufind en, d ie
sche Essenz von etwas Unglaublichem sah. Ich blieb ganz ruhig. ich für exzentrische M aro tten h ie lt. D ie S c h lä u e d e r Z a u b e re r, in
Ich bewegte mich nicht. Das Merkwürdigste war aber, daß die Ja h rh u n d e rte n g e sc h ä rft, w a r D o n Ju a n s h e rv o rste c h e n d ste r
Gestalten sich nicht auflösten oder in etwas anderes verwandelten. W e se n sz u g . E r so rg te d a fü r, d a ß ic h in m e in e m n o rm a le n
Es waren kohärente Wesen, die ihre kerzenförmige Gestalt B e w u sstse in sz u sta n d m ö g lic h st v ie l v e rsta n d , und d ann versetzte er
beibehielten. Irgend etwas in ihnen zwang irgend etwas in mir, m ich in d ie zw eite A ufm erksam keit, w o ich sc h ie r a lle s, w a s e r
ihren Anblick auszuhalten. Das wußte ich wohl, denn irgend m ic h le h rte , v e rsta n d o d e r z u m in d e st b e re itw illig aufnahm . D ies
etwas sagte mir, daß sie, wenn ich mich nicht bewegte, sich führte nachgerad e zu einer Z w eiteilung b ei m ir. B e i n o rm a le m
ebenfalls nicht bewegen würden. All dies endete irgendwann, als B e w u sstse in v e rsta n d ic h n ic h t, w ie so ic h
ich mit einem Schreck aufwachte.
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gerne bereit war, seine exzentrische Art ernstzunehmen. In der »Stelle dir vor deinem inneren Auge ihr Bild vor. Sie haben dich
zweiten Aufmerksamkeit verstand ich alles. Er war überzeugt, daß im Traum an ihre Gegenwart gewöhnt, weil sie bei dir eine Erin-
die zweite Aufmerksamkeit uns allen zugänglich sei; daß wir aber, nerung an ihre Gestalt hinterlassen wollten. Und jetzt ist es Zeit,
indem wir eigensinnig an unserer unbedarften Rationalität diese Erinnerung wachzurufen.«
festhalten, die zweite Aufmerksamkeit mehr oder minder Don Juan befahl mir, die Augen zu schließen und sie geschlossen
entschlossen von uns fernhielten. Er stellte sich vor, daß das zu halten. Dann führte er mich zu ein paar Felsblöcken und hieß
Träumen imstande sei. jene Schranken zu durchbrechen, die uns die mich niedersitzen. Ich spürte die Härte und Kälte der Steine. Ihre
zweite Aufmerksamkeit versperren. An jenem Tag, als er mich in Oberfläche war leicht abschüssig. Ich konnte mich kaum im
die Hügel der Wüste von Sonora führte, zu einer Begegnung mit Gleichgewicht halten.
den anorganischen Wesen, war ich in meinem normalen »Bleib sitzen und visualisiere ihre Gestalt, bis sie genauso aussehen
Bewußtseinszustand. Und doch wußte ich irgendwie, daß mir wie in deinen Träumen«, flüsterte mir Don Juan ins Ohr. »Laß es
etwas Unglaubliches bevorstand. In der Wüste hatte es leicht mich wissen, wenn du sie vor dir siehst.« Schnell und mühelos
geregnet. Der rötliche Sand war noch feucht und haftete beim Gehen gelang es mir, ein vollständiges Bild ihrer Gestalt vor meinem
an den Gummisohlen meiner Stiefel. Immer wieder musste ich inneren Auge wachzurufen, genau wie in meinen Träumen. Ich
gegen Steine treten, um die schweren Stollen abzulösen. Wir war gar nicht überrascht, daß es so leicht ging. Was mich aber
wanderten in östlicher Richtung, gegen die Hügel hinauf. Als wir erschreckte, war, daß ich kein Wort hervorbringen, auch die Augen
eine enge Schlucht zwischen zwei Bergkuppen erreichten, blieb nicht öffnen konnte, so verzweifelt ich mich auch bemühte, Don
Don Juan stehen. »Dies ist ein idealer Platz, um deine Freunde Juan wissen zu lassen, daß ich ihr Bild vor mir sah. Dabei war ich
herbeizurufen«, sagte er. eindeutig wach, und ich hörte alles. Ich hörte Don Juan sagen:
»Warum nennst du sie meine Freunde?« »Jetzt darfst du die Augen öffnen.« Ich öffnete sie mühelos. Ich saß
»Sie selbst haben dich ausgesucht. Wenn sie so etwas tun. so heißt mit gekreuzten Beinen auf den Steinen, aber es waren nicht
dies, daß sie eine Verbindung wünschen. Ich sagte dir doch, daß dieselben, die ich unter mir gespürt hatte, als ich mich setzte. Don
die Zauberer freundschaftliche Bindungen mit diesen Wesen ein- J uan stand rechts hinter mir. Ich wollte mich umdrehen u n d ihn
gehen. Dein Fall ist ganz vorbildlich. Du brauchtest ihnen nicht ansehen, aber er zwang meinen Kopf nach vorne. Und dann sah
mal ein Angebot zu machen.« ich zwei dunkle Gestalten, wie zwei dünne Baumstämme, direkt
»Worin besteht solch eine Freundschaft. Don Juan?« »Sie besteht vor mir.
in wechselseitigem Austausch von Energie. Die anorganischen Verblüfft starrte ich sie an; sie waren nicht mehr so hoch wie in
Wesen liefern ihr hohes Bewußtsein. und die Zauberer geben ihr meinen Träumen; sie waren auf die Hälfte ihrer Größe ge-
gesteigertes Bewusstsein und ihre große Energie. Das positive schrumpft. Auch waren es keine Gestalten von düsterer Leucht-
Ergebnis ist ein gleichwertiger Tausch. Das negative besteht in kraft mehr, sondern zwei dichte, dunkle, beinah bedrohliche
Abhängigkeit auf beiden Seiten. Die alten Zauberer liebten ihre Pflöcke.
Verbündeten. Tatsächlich liebten sie ihre Verbündeten mehr als »Steh auf und packe einen von ihnen«. befahl mir Don Juan, »und
ihre Mitmenschen. Darin sehe ich eine furchtbare Gefahr.« »Was laß nicht los. ganz gleich, wie er dich schüttelt.« So etwas hatte ich
rätst du mir zu tun. Don Juan?« nun gar nicht im Sinn, doch eine unbekannte Kraft hieß mich
»Rufe sie herbei. Lerne sie kennen, und dann entscheide selbst, gegen meinen Willen aufstehen. In diesem Moment war mir völlig
was du zu tun hast.« »Was soll ich tun, um sie herbeizurufen?« klar, daß ich schließlich tun würde, was er mir befohlen hatte, auch
wenn ich nicht die bewußte Absicht hatte, es zu tun. Mechanisch
näherte ich mich den beiden Gestalten, und das Herz
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pochte mir bis zum Hals hinauf. Ich packte mir die Gestalt rechts Ich brauchte länger als vierundzwanzig Stunden, um meine
von mir. Und dann spürte ich einen elektrischen Schlag, der mich Selbstkontrolle ganz wiederzufinden. Die meiste Zeit schlief ich.
beinah zwang, das schwarze Gebilde fallenzulassen. Wie aus weiter Don Juan schaute manchmal nach mir und stellte immer wieder
Ferne drang Don Juans Stimme zu mir. »Wenn du ihn fallen lässt, die gleiche Frage: »War die Energie des anorganischen Wesens
ist es um dich geschehen«, sagte er. Ich umklammerte die Gestalt, eher wie Feuer oder wie Wasser?«
die sich wand und aufbäumte. Nicht etwa wie ein kräftiges Tier, Meine Kehle schien wie versengt. Ich konnte ihm nicht sagen, daß
sondern eher wie etwas Luftiges und Leichtes, das aber stark die Stromstöße, die ich gespürt hatte, sich wie Strahlen elektri-
elektrisch aufgeladen war. Eine ganze Weile rollten und wälzten sierten Wassers angefühlt hatten. Ich habe nie im Leben so etwas
wir uns über den Sand am Boden der Schlucht. Das Wesen wie Strahlen elektrisierten Wassers gespürt. Ich weiß nicht, ob es
versetzte mir einen Stromschlag nach dem anderen - eine möglich ist, so etwas herzustellen oder zu fühlen, aber dies war
widerliche Art von Elektrizität. Ich fand sie widerlich, weil ich sie die Vorstellung, die mir vor Augen stand, jedesmal wenn Don
ganz anders empfand als die Elektrizität, die ich aus unserer Juan mich mit seiner Frage bedrängte.
normalen Welt kannte. Wenn sie in meinen Körper fuhr, kitzelte es Don Juan schlief, als ich endlich wußte, daß ich ganz wiederher-
und zwang mich, wie ein Tier aufzuheulen und zu knurren, nicht gestellt war. Weil ich glaubte, daß seine Frage sehr wichtig war,
vor Qual, sondern aus einer sonderbaren Wut. Endlich wurde das weckte ich ihn und erzählte ihm. was ich empfunden hatte. »Du
Wesen zu einer reglosen, beinah festen Form unter mir. Es lag wirst keine hilfreichen Freunde unter den anorganischen Wesen
ruhig da. Ich fragte Don Juan, ob es tot sei. hörte aber meine finden, sondern Beziehungen von quälender Abhängigkeit«, stellte
eigene Stimme nicht. er fest. »Sei also äußerst vorsichtig. Wässrige anorganische Wesen
»Ausgeschlossen«, sagte irgend jemand lachend - jemand, der neigen eher zu Exzessen. Die alten Zauberer glaubten, sie wären
nicht Don Juan war. »Du hast nur seine Energieladung erschöpft. liebevoller, eher zur Nachahmung begabt, vielleicht sogar fähig zu
Steh aber nicht auf. Bleib noch einige Zeit dort liegen.« Ich sah Gefühlen: im Gegensatz zu den feurigen, die man für ernsthafter
Don Juan fragend an. Er musterte mich neugierig. Dann half er hielt, für beherrschter als die anderen, aber auch für überheblich.«
mir auf die Beine. Die dunkle Gestalt blieb am Boden liegen. Ich »Was hat dies alles für mich zu bedeuten. Don Juan?« »Die
wollte Don Juan fragen, ob alles in Ordnung sei mit dem dunklen Bedeutung ist zu weitreichend, als daß wir jetzt darüber sprechen
Wesen. Wieder konnte ich meine Frage nicht äußern. Dann tat ich könnten. Ich empfehle dir nur. alle Furcht aus deinem Leben und
etwas sehr Ungewöhnliches. Ich nahm dies alles, was hier geschah, aus deinen Träumen zu verbannen, um deine Kohärenz zu
für Realität. Bis zu diesem Moment hatte sich irgend etwas in mir schützen. Das anorganische Wesen, dem du zu einer Energie-
an meine Vernunft geklammert und das Geschehen als Traum Entladung verholfen und das du dann wieder aufgeladen hast, war
gewertet, als einen von Don Juans Zaubertricks ausgelösten Traum. ganz begeistert davon. Es wird wiederkommen und mehr von dir
Ich trat zu der Gestalt am Boden und versuchte sie hochzuheben. verlangen.«
Ich konnte sie aber nicht mit den Armen umfangen, weil sie keine »Warum hast du mich nicht zurückgehalten. Don Juan?« »Du hast
feste Masse hatte. Ich war verwirrt. Die gleiche Stimme wie vorhin, mir keine Zeit gelassen. Außerdem hast du nicht mal gehört, wie
nicht aber Don Juans Stimme, befahl mir, mich auf das ich dich anschrie, das anorganische Wesen am Boden
anorganische Wesen zu legen. Ich tat es, und mit einer einzigen Liegenzulassen.«
Bewegung standen wir beide auf, das anorganische Wesen wie ein »Du hättest mich im voraus, wie du es immer tust, über alle Mög-
dunkler Schatten an mir haftend. Es löste sich dann von mir und lichkeiten unterrichten sollen.«
verschwand - und hinterließ mir ein äußerst angenehmes Gefühl »Ich kannte doch selbst nicht alle Möglichkeiten. Was die anorga-
der Vollständigkeit. nischen Wesen betrifft, bin ich fast ein Neuling. Diesen Teil vom
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Wissen der Zauberer lehne ich ab. weil es zu aberwitzig und zu 4. Die Fixierung des Montagepunktes
hinderlich ist. Ich möchte nicht irgendwelchen Wesen ausgeliefert
sein, egal ob organischen oder anorganischen.« Damit endete unser
Gespräch. Ich hätte mir Sorgen machen können, weil er so
eindeutig negativ reagiert hatte; aber ich tat es nicht. Irgendwie
war ich überzeugt, daß es ganz in Ordnung sei, was ich getan hatte.
Und ich setzte meine Traumübungen fort, ohne weitere Einmi-
schung irgendwelcher anorganischer Wesen. D a w ir v e re in b a rt h a tte n , n u r d a n n ü b e r d a s T rä u m e n z u sp re -
chen, w enn D on Juan es für nötig hielt, befragte ich ihn selten und
b e h a rrte n ie m a ls lä n ge r a u f m e in e n F ra ge n . D a ru m h ö rte ic h
gerne zu, w enn er von sich aus das T hem a aufgriff. S eine E rklä-
ru n ge n d e s T rä u m e n s w a re n im m e r in a n d e re A sp e k te se in e r
L eh ren ein geb ettet u n d w u rd en im m er sp o n tan u n d u n verm ittelt
eingeflochten.
E inm al, w ährend ich bei ihm zu B esuch w ar. unterhielten w ir uns
ü b er irgen d w elch e an d eren D in ge, als er u n verm ittelt sagte, d aß
die alten Z auberer durch ihre T raum -K ontakte m it anorganischen
W esen gro ß e G esch icklich keit im M an ip u lieren d es M o n tage-
p u n k te s e n tw ic k e lt h ä tte n . Im ü b rige n se i d ie s e in w e ite s u n d
gefahrvolles Feld.
Sofort nutzte ich m eine C hance und fragte D on Juan, um w elche
Z e it u n ge fä h r d ie se a lte n Z a u b e re r ge le b t h ä tte n . S c h o n frü h e r
h atte ich , b ei versch ied en en G elegen h eiten , d ieselb e F rage ge-
stellt, ab er n ie gab er m ir ein e b efried igen d e A n tw o rt. D iesm al, so
hoffte ic h , w ürde er, vielleicht w eil er das T hem a selbst ange-
schnitten hatte, m einen W unsch erfüllen.
»E in e se h r sc h w ie rige F ra ge «, sa gte e r. E s k la n g, a ls w o lle e r
m eine N eugier w ieder einm al zurückw eisen. D arum w ar ich über-
ra sc h t, a ls e r fo rtfu h r: »S ie w ird d e in e V e rn u n ft stra p a z ie re n ,
ähnlich w ie das P roblem der anorganischen W esen. Ü brigens, w as
hältst du nun von ihnen?«
»L aß m ich b itte au s d em S p iel«, sagte ich . »Ich kan n m ir d azu
keine M einung e rla u b e n .«
M eine A ntw ort gefiel ihm . Lachend erzählte e r, w ieviel A ngst und
A bneigung die anorganischen W esen ihm selbst einflößten. »S ie
w aren n ie m ein F all«, sagte er. »U n d d er H au p tgru n d w ar m eine
A ngst vor ihnen. Ich konnte sie nicht überw inden, als ich's hätte tun
sollen, und nun ist sie regelrecht zur Fixierung gew orden.«
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»Fürchtest du sie noch immer, Don Juan?« »Es ist nicht eigentlich »D as sind unschuldige B egegnungen, die du m it deinen F reunden
Furcht, was ich empfinde, sondern Abneigung. Ich will mit ihnen unter d en ano rganischen W esen hast«, sagte D o n Juan. Ic h w o llte
nichts zu tun haben.« »Gibt es einen bestimmten Grund für diese ih m n ic h t w id e rsp re c h e n , w o llte ih m a b e r a u c h n ic h t beipflichten.
Abneigung?« »Den besten Grund überhaupt: wir sind S o schw ieg ich. M eine F rage nach den alten Z aubere rn h a tte ic h
gegensätzlich. Sie lieben die Sklaverei; ich liebe die Freiheit. Sie v e rg e sse n , a b e r D o n Ju a n k a m w ie d e r a u f d a s T hem a zurück.
möchten kaufen, und ich verkaufe nicht.« »Ich b in üb erzeugt, d aß d ie alten Z aub erer scho n vo r etw a zehn-
Nun geriet ich in unerklärliche Erregung und erklärte ihm schroff, ta u se n d Ja h re n le b te n «, sa g te e r lä c h e ln d u n d m e in e R e a k tio n
das ganze Thema sei mir allzu überspannt, als daß ich es ernst b eo b achtend .
nehmen könnte. G estützt auf die neuesten archäologischen B efunde über die W an-
Er sah mich an, lächelte und sagte: »Am besten hält man es mit d e ru n g e n a sia tisc h e r N o m a d e n stä m m e n a c h A m e rik a , b e z w e ife lte
den anorganischen Wesen, wie du es tust: du leugnest ihre Exi- ic h d ie R ic h tig k e it d ie se s D a tu m s. Z e h n ta u se n d Ja h re , d a s sei viel
stenz, triffst dich aber regelmäßig mit ihnen und behauptest, daß zu früh angesetzt.
du nur träumst und daß im Traum alles möglich ist. Auf diese »D u h a st d e in W isse n , u n d ic h h a b e m e in e s«, sa g te e r. »M e in
Weise brauchst du dich nicht festzulegen.« Ich empfand ein W isse n b e sa g t, d a ß d ie a lte n Z a u b e re r v ie rta u se n d Ja h re la n g
sonderbares Schuldgefühl, auch wenn mir nicht klarwurde, warum h e rrsc h te n , v o n v o r sie b e n ta u se n d b is v o r d re ita u se n d Ja h re n .
eigentlich. Und so musste ich fragen: »Worauf spielst du an. Don V o r d re ita u se n d Ja h re n v e rsc h w a n d e n sie v o n d e r E rd e . S e ith e r
Juan?« hab en d ie Z aub erer um grup p iert - und w ied er aufgeb aut, w as d ie
»Auf deine Begegnungen mit den anorganischen Wesen«, erwi- alten Z auberer hinterlassen h a tte n .«
derte er trocken. »W ie k a n n st d u d ir d e in e r Z e ita n g a b e n so sic h e r se in ? « fra g te
»Machst du Spaß? Welche Begegnungen?« »Ich wollte nicht ich.
darüber sprechen. Aber ich glaube, es wird Zeit, dir zu sagen, daß »W ie kannst d u d ir d er d einen so sicher sein? « erw id erte er. Ich
die nörgelnde Stimme, die du hörtest und die dich ermahnte, sagte ihm , daß die A rchäologen narrensichere M ethoden hätten, d ie
deine Traum-Aufmerksamkeit auf die Gegenstände deiner D aten früherer K ulturen festzustellen. U nd er w ied erum
Träume zu fixieren, die Stimme eines anorganischen Wesens antw ortete, daß die Z auberer ihre eigenen narrensicheren M ethod en
war.« hätten.
Ich fand Don Juans Bemerkung völlig abstrus. So wütend wurde »Ic h w ill d ir n ic h t w id e rsp re c h e n , o d e r m it d ir stre ite n «, fu h r e r
ich. daß ich ihn sogar anbrüllte. Er lachte über mich und forderte fo rt, »ab er vielleicht w irst d u b ald G elegenheit hab en, jem and en
mich dann auf, ihm von meinen unregelmäßigen Traumübungen zu fragen, der es m it S icherheit w e iß .« »N iem and kann d ies m it
zu berichten. Die Frage überraschte mich. Ich hatte niemandem S icherheit w issen. D o n Juan.« »V ielleicht w irst d u auch d as nicht
erzählt, daß ich immer wieder aus einem Traum hinausschwebte, glaub en, ab er es gib t jem and e n , d e r a lle s b e stä tig e n k a n n . E in e s
angezogen von einem bestimmten Gegenstand, aber statt nun den T a g e s w irst d u d ie se n M enschen kennenlernen.«
Traum zu wechseln, wie ich es hätte tun sollen, veränderte sich die »A c h , k o m m . D o n Ju a n , d u m a c h st W itz e . W e r k ö n n te b e stä ti-
ganze Stimmung des Traumes, und ich fand mich in einer mir gen, w as vo r sieb entausend Jahren geschah? « »S ehr einfach. E iner
unbekannten Dimension wieder. Dort flog ich umher, gelenkt von d er alten Z aub erer, üb er d ie w ir gesp ro chen h a b e n . D e rje n ig e , d e m
einem unsichtbaren Führer, der mich im Kreis herumwirbeln ließ. ic h b e g e g n e t b in . E r ist e s. d e r m ir a lle s von den alten Z auberern
Stets erwachte ich aus einem solchen Traum, immer noch erzählt h a t. Ich hoffe, du w irst dich späte r a n d a s e rin n e rn , w a s ic h
wirbelnd, und wälzte und rollte mich noch längere Zeit herum, bis d i r je tz t ü b e r d ie se n M a n n e rz ä h le n
ich vollends erwachte.
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will. Er ist der Schlüssel zu vielen unserer Unternehmungen, und S e b a stia n , se h r b e u n ru h ig t d u rc h d ie se p lö tz lic h e W e n d u n g d e r
darum mußt du ihn kennenlernen.« D in g e , z o g d e n In d ia n e r b e ise ite u n d v e rla n g te e in e E n tsc h u ld i-
Ich versicherte Don Juan, daß ich begierig seinen Worten lauschte, gung. D er M ann erw id erte, er hab e keinesw egs d ie A b sicht, sich z u
auch wenn ich nicht verstand, was er sagte. Und er warf mir vor. e n tsc h u ld ig e n , so n d e rn e rw a rte b e so n d e re H ilfe . E r b ra u c h e ,
ihm nur zu schmeicheln, während ich kein Wort über die alten sa g te e r, d ie E n e rg ie d e s N a g u a l. u m se in L e b e n z u v e rlä n g e rn ,
Zauberer glaubte. Ich musste zugeben, daß ich im Zustand d a s - w ie e r S e b a stia n b e te u e rte - sc h o n Ja h rta u se n d e w ä h rte , ab er
alltäglicher Bewußtheit natürlich nicht an so überspannte Ge- sich d am als zum E nd e neigte.
schichten geglaubt hatte. Aber auch in der zweiten Aufmerksamkeit S eb astian, ein sehr intelligenter M ann, w ar nicht b ereit, sich so l-
hatte ich nicht daran geglaubt, obwohl ich hier anders hätte chen U nsinn anzuhö ren, und b at d en Ind ianer, m it seinen S p aß en
reagieren sollen. a u fz u h ö re n . D e r a lte M a n n w u rd e w ü te n d u n d d ro h te S e b a stia n
»Nur wenn du darüber nachgrübelst, was ich gesagt habe, wird es a n . ih n u n d se in e G ru p p e b e i d e r k irc h lic h e n O b rig k e it a n z u z e i-
eine überspannte Geschichte. Wenn du deine Vernunft beiseite g e n , w e n n e r se in e r F o rd e ru n g n ic h t n a c h k o m m e . D ie s g e sc h a h z u
lässt, ist es nur noch eine Frage von Energie.« »Wieso sagtest du, e in e r Z e it, e rin n e rte m ic h D o n Ju a n , a ls d ie kirchlichen B ehö rd en
Don Juan, daß ich einen der alten Zauberer kennenlernen werde?« m it b rutaler H ärte d ie häretischen B räuche und K ulte b ei d en
»Weil du ihn kennenlernen wirst. Es ist von entscheidender Be- Ind ianern d er N euen W elt system atisch auszuro tte n su c h te n . D ie
deutung, daß ihr beide euch eines Tages begegnet. Einstweilen D ro h u n g d e s M a n n e s w a r a lso n ic h t a u f d ie leichte S chulter zu
will ich dir noch eine überspannte Geschichte über einen der Na- nehm en; d er N agual und seine G rup p e w aren ta tsä c h lic h in e rn ste r
guals meiner Linie erzählen, den Nagual Sebastian.« Der Nagual G e fa h r. S e b a stia n fra g te d e n In d ia n e r, a u f w elche W eise er ihm
Sebastian, sagte Don Juan, habe zu Anfang des achtzehnten E nergie geb en kö nne. D er M ann e r k l ä r t e . d aß d ie N aguals d urch
Jahrhunderts als Küster an einer Kirche im Süden Mexikos gelebt. ihre D iszip lin e in e b eso nd ere E nergie ansam m eln, die sie in ihrem
Don Juan betonte bei seinem Bericht, daß die früheren und auch K örper speichern und die er schm erzlos a u s S e b a stia n s E n e rg ie -
die modernen Zauberer in etablierten Institutionen wie der Kirche Z e n tru m . a m N a b e l g e le g e n , a b z ie h e n w e rd e . A ls G e g e n le istu n g
Zuflucht suchen - und auch finden. Er vermutete, daß die Zauberer w ü rd e S e b a stia n n ic h t n u r d ie C h a n c e e rh a lte n , se in e A k tiv itä te n
- wegen ihrer überlegenen Disziplin - als vertrauenswürdige fo rtz u se tz e n , so n d e rn z u sä tz lic h a u c h e in G eschenk d er K raft.
Arbeitnehmer gelten und von Institutionen, die immer Bedarf an D ie E rkenntnis, vo n d em alten I n d i a n e r m anip uliert zu w erd en,
solchem Personal haben, gerne beschäftigt werden. Solange gefiel d em N agual üb erhaup t n i c h t , ab er d er M ann w ar unerb ittlic h
niemand etwas vom Tun und Treiben der Zauberer erfahre, meinte u n d lie ß i h m k e in e n a n d e re n W e g , a ls se in A n sin n e n z u erfüllen.
Don Juan, lasse ihr Mangel an ideologischen Neigungen sie als D o n Ju a n v e rsic h e rte m ir, d a ß d e r a lte In d ia n e r m it se in e n B e -
vorbildliche Arbeiter erscheinen. Don Juan fuhr fort mit seiner h a u p tu n g e n k e in e sw e g s ü b e rtrie b e n h a b e . E r w a r. w ie sic h h e r-
Geschichte und sagte, daß eines Tages, während Sebastian seinen a u sste llte , e in e r d e r Z a u b e re r a u s d e r V o rz e it, e in e r v o n d e n e n ,
Küsterpflichten nachging, ein sonderbarer Mann in die Kirche d ie b e k a n n t sin d a ls »je n e , d ie d e m T o d e tro tz e n «. A n sc h e in e n d
gekommen sei. ein alter Indianer, der krank zu sein schien. Mit hatte er b is in d ie G egenw art üb erleb t, ind em er seinen M o ntage-
schwacher Stimme erzählte er Sebastian, er brauche Hilfe. Der p u n k t a u f e in e n u r ih m b e k a n n te A rt m a n ip u lie rte . W as dann
Nagual glaubte, der Indianer wolle den Priester der Pfarrgemeinde zw ischen S ebastian und dem M ann geschah, sagte D on Ju a n , w u rd e
sprechen, aber der Mann wandte sich mit großem Nachdruck an sp ä te r z u r G ru n d la g e fü r e in e n V e rtra g , a n d e n sic h alle sechs
den Nagual. Streng und unverblümt sagte er ihm. er wisse, daß N aguals. d ie S eb astian nachfo lgten, geb und en fühlten. Je n e r, d e r
Sebastian nicht nur ein Zauberer, sondern auch ein Nagual sei. d e m T o d e tro tz te , h ie lt se in W o rt: a ls G e g e n le istu n g
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für die E nergie, die er von jedem dieser M änner erhielt, m achte er stellen w o llen . D as B em erken sw erteste an d ieser E n tw icklu n g
dem Spender ein G eschenk, eine G abe der K raft. A uch Sebastian w ar, daß sie bald auch auf m eine w achen Stunden übergriff. U nd
hatte solch eine G abe akzeptieren m üssen, w enngleich w i- eines T ages, w ährend ich am Schreibtisch saß, erhielt ich A ntw ort
derstrebend; er stand m it dem R ücken zur W and und hatte keine auf eine unausgesprochene Frage nach der R ealität anorganischer
andere W ahl. A lle anderen N aguals, die ihm folgten, akzeptierten W esen. So oft hatte ich anorganische W esen im T raum gesehen,
aber froh und stolz ihr G eschenk. daß ich sie allm ählich für ganz real hielt. Ich erinnerte m ich, daß
D am it beendete D on Juan seine E rzählung. D er dem T ode T rot- ich in einem Zustand halbnorm aler B ew ußtheit, in der W üste von
zende, sagte er, sei dann als der M ieter bekannt gew orden. U nd S o n o ra, ein es vo n ih n en so gar kö rp erlich b erü h rt h atte. U n d in
m e h r a ls z w e ih u n d e rt J a h re la n g h ä tte n d ie N a gu a ls v o n D o n m ein en T räu m en h atte es im m er w ied er A u sb licke au f W elten
Ju an s L in ie d iese b in d en d e V erein b aru n g ein geh alten u n d ein e gegeben, die w ohl kaum , so überlegte ich, P rodukte m einer eigen en
sym biotische B eziehung gepflegt, die schließlich E ntw icklung und m en talen P ro zesse sein ko n n ten . Ich w o llte D o n Ju an ein e
Z iel ihrer L inie verändern sollte. präzise Frage vorlegen, und so form ulierte ich m ein P roblem fol-
D on Juan w ar nicht bereit, diese G eschichte w eiter zu erläutern; genderm aßen: W enn m an akzeptieren w ill, daß die anorganischen
doch er verm ittelte m ir einen m erkw ürdigen E indruck von W ahr- W esen ebenso real sind w ie M enschen - w o befindet sich in der
heit, der beunruhigender w ar, als ich gedacht hätte. »W ie konnte physikalischen R ealität des U niversum s dann die S phäre, in der sie
er so lange leben?« fragte ich. »D as w eiß n iem an d «, erw id erte existieren?
D o n Ju an . »S eit G en eratio n en w issen w ir von ihm nur, w as er uns N achdem ich m ir diese Frage im K opf zurechtgelegt h a t t e , hörte
erzählt. D er dem T ode trotzt ist d e rje n ige , d e n ic h ü b e r d ie a lte n ich ein m erkw ürdiges G elächter, ähnlich w ie ich es an jenem T ag
Z a u b e re r b e fra gte , u n d e r sagte m ir, d aß sie vo r d reitau sen d hörte, als ich m it dem anorganischen W esen rang. D ann antw or-
Jah ren d en G ip fel ih rer E n tw icklung überschritten hätten.« t e t e m ir d ie S tim m e ein es M an n es: »D iese S p h äre existiert in
»W oher w eißt du, daß er die W ahrheit sprach?« fragte ich. D o n einer bestim m ten P osition des M ontagepunktes«, sagte sie.
Ju an sch ü ttelte verw u n d ert, so gar leich t m issb illigen d d en K opf. »Ä hnlich w ie deine W elt in der gew ohnten Position des M ontage-
»A ngesichts des unvorstellbaren U nbekannten dort draußen«, punktes existiert.«
sagte er, m it dem A rm in die Ferne deutend, »gibt m an sich nicht Ic h h a tte n ic h t im S in n , e i n e n D ia lo g m it e in e r k ö rp e rlo se n
m it kleinlichen L ügen ab. K leinliche L ügen sind nur etw as fü r S tim m e an zu fan gen , d aru m sp ran g ich au f u n d ran n te au s d em
L eu te, d ie n iem als geseh en h ab en , w as d o rt d rau ß en ist u n d auf H aus. Ich glaubte, den V erstand zu v e rlie re n : eine Sorge m ehr zu
sie w artet.« m ein em S o rgen b ü n d el. D ie S tim m e w ar so k l a r u n d so vo ller
»W as w artet dort draußen auf uns, D on Juan?« Seine A ntw ort, A u to rität gew esen , d aß sie m ich n ich t n u r faszin ierte, so n d ern
eine scheinbar harm lose Form ulierung, w ar beängstigender für auch erschreckte. V oll B angen w artete ic h auf w eitere Ü berfälle
m ich, als hätte er das G rauenhafteste beschrieben. dieser Stim m e, doch der V organg sollte sich n ie w iederholen. B ei
»E tw as völlig U npersönliches«, sagte er. d er ersten G elegen h eit, d ie sich b o t, h o lte ich m ir R at b ei D o n
V ielleicht hatte er bem erkt, daß ich die Fassung verlor. So ver- Juan.
setzte er m ich in einen anderen B ew usstseinszustand, um m eine E i schien n i c h t im m indesten beeindruckt. »D u m ußt endlich be-
F urcht zu vertreiben. greifen, daß solche D inge im Leben eines Zauberers ganz norm al
E in paar M onate später nahm en m eine T raum übungen eine son- sind«, sagte er. »D u w irst keinesw egs verrückt. D u hast lediglich
derbare W endung. E s begann dam it, daß ich in m einen T räum en die Stim m e des T raum -B otschafters gehört. B eim D urchschreiten
auf einm al A ntw orten auf F ragen erhielt, die ich D on Juan hatte der ersten und zw eiten P forte des T räum ens erreichen die T räu-
m e r e in e n S c h w e lle n w e rt a n E n e rgie u n d b e gin n e n D in ge z u
sehen oder S tim m en zu hören. N icht e i g e n t l i c h m ehrere S tirn-
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men, sondern eine einzelne Stimme. Die Zauberer nennen sie die hat dir nichts N eues gesagt. Seine A ussage w ar richtig, aber er hat
Stimme des Traum-Botschafters.« »Was ist der Traum- dir nur scheinbar etw as offenbart. D er B otschafter hat nichts andres
Botschafter?« getan, als dir zu w iederholen, w as du schon w ußtest.« »T u t m ir
»Fremde Energie, die Festigkeit angenommen hat. Fremde Energie, leid , D o n Ju an , ab er ich kan n n ich t b eh au p ten , d aß ich all dies
die den Träumern angeblich hilft, indem sie ihnen Dinge bereits w ußte.«
offenbart. Das Fragwürdige an der Stimme des Traumbotschafters »A ber sicher. D u w eißt unendlich viel m ehr über das M ysterium
ist, daß sie nur verraten kann, was die Zauberer bereits wissen d e s U n iv e rsu m s, a ls d u ra tio n a l v e rm u te n k a n n st. A b e r d a s ist
oder wissen sollten, falls sie ihren Namen verdienen.« »Mit deiner unsere m enschliche M alaise - daß w ir m ehr über das M ysterium
Beschreibung, daß es festgewordene fremde Energie ist. kann ich des U niversum s w issen, als w ir annehm en.« D ie T atsache, daß ich
nichts anfangen, Don Juan. Was für eine Energie ist das: eine dieses unglaubliche P hänom en ganz allein en td eckt h atte, o h n e
wohltätige, schädliche, richtige, falsche - oder was?« D o n Ju an s A n leitu n g, m ach te m ich b ein ah euphorisch. Ich
»Es ist einfach fremde Energie, wie ich sagte. Eine unpersönliche brauchte m ehr Inform ationen über den B otschafte r. S o w o llte ic h
Kraft, die wir zu einer persönlichen machen, weil sie eine Stimme D o n J u a n fra ge n , o b a u c h e r d ie S tim m e d e s B o tsch afters geh ö rt
hat. Manche Zauberer schwören darauf. Sie sehen sie sogar. Oder h ätte.
sie hören sie, wie du sie gehört hast, einfach als männliche oder E r u n terb rach m ich u n d sagte m it b reitem G rin sen : »Ja. j a . D er
weibliche Stimme. Und diese Stimme sagt ihnen Dinge, die diese B o tsc h a fte r sp ric h t a u c h z u m ir. In m e in e r J u ge n d sa h ic h ih n
Leute oft als geheiligte Ratschläge auffassen.« »Warum hören im m er als M önch m it schw arzer K utte. E in schw atzender M önch,
manche von uns diese Energie als Stimme?« »Wir sehen oder der m ir jedesm al höllische A ngst m achte. D ann, als ich besser m it
hören sie, weil wir unseren Montagepunkt in einer bestimmten, m einer A ngst um gehen konnte, w urde er zur körperlosen Stim m e,
neuen Position fixiert halten; je stärker diese Fixierung ist, desto die m ir bis heute D inge v e r r ä t .« »W as für D inge, D on Juan?«
eindringlicher erleben wir den Botschafter. Paß nur auf! Am Ende »A lles, w orauf ich m eine A bsicht richte. L auter D inge, die her-
siehst und fühlst du ihn als nacktes Weib.« auszufinden ich zu faul bin. Z um B eispiel, w as m eine Schüler so
Don Juan lachte über seinen eigenen Spaß, doch ich war zu er- treiben, w enn ich nicht da b in . V or allem über dich erzählt sie m ir
schrocken für derlei Frivolitäten. »Kann diese Kraft sich gew isse D inge. D er B otschafter verrät m ir alles, w as du tust.«
materialisieren?« fragte ich. »Aber gewiß«, antwortete er. »Und M ir w ar es inzw ischen egal, w elche R ichtung unser G espräch ge-
alles hängt davon ab, wie stark der Montagepunkt fixiert ist. Doch n o m m en h atte. W äh ren d er sich vo r L ach en krü m m te, kreisten
sei beruhigt; falls du dir eine gewisse Überlegenheit bewahren m e in e G e d a n k e n k ra m p fh a ft u m a n d e re T h e m e n , z u d e n e n ic h
kannst, wird nichts passieren. Dann bleibt der Botschafter, was er ihm Fragen s te lle n w ollte.
ist: eine unpersönliche Kraft, die aufgrund der Fixierung unseres »Ist d er T rau m b o tsch after ein an o rgan isch es W esen ? « fragte ich.
Montagepunktes auf uns einwirkt.« »S a ge n w ir. d e r T ra u m b o tsc h a fte r ist e in e K ra ft, d ie a u s d e m
»Gibt er vernünftige Ratschläge?« R e ic h d e r a n o rga n isc h e n W e se n k o m m t. D a s ist d e r G ru n d ,
»Es können gar keine Ratschläge sein. Er sagt uns nur, was was w arum die T räum er ihm im m er begegnen.« »W illst d u d am it
ist, und dann ziehen wir unsere eigenen Schlüsse.« Und nun sagen , D o n Ju an , d aß jed er T räu m er d en B o tsch after h ö rt o d er
erzählte ich Don Juan, was die Stimme mir gesagt hatte. »E s ist so, sieh t? «
w ie ich dir sagte«, m einte D on Juan. »D er B otschafter »J e d e r h ö rt d e n B o tsc h a fte r; n u r w e n ige se h e n o d e r fü h le n ihn.«
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»H ast d u eine E rklärung d afür? « alten Z au b erer w u rd en S ch ritt u m S ch ritt an geleitet, d iese T aten
»N ein. A uß erd em ist m ir d er B o tschafter ziem lich gleichgültig. n ach zu ah m en , o h n e an ih rem in n ersten W esen etw as zu verän -
Irgend w ann in m einem L eb en m usste ich d ie E ntscheid ung treffen, dern.«
ob ich m ich m it den anorganischen W esen befassen und in die »G ibt es noch heute solche B eziehungen zu anorganischen W e-
F u ß sta p fe n d e r a lte n Z a u b e re r tre te n - o d e r a ll d ie s a b le h n e n sen?«
sollte. M ein Lehrer, der N agual Julian, half m ir, m ich zu entscheiden »D arauf kann ich nicht w ahrheitsgem äß antw orten. Ich kann nur
und es abzulehnen. D iese E ntscheidung habe ich nie bedauert.« sagen, daß ich m ir nicht vorstellen kann, selbst eine solche B ezie-
»G la u b st d u , d a ß a u c h ic h d ie a n o rg a n isc h e n W e se n a b le h n e n hung einzugehen. Solche V erstrickungen hem m en unser Streben
so llte. D o n Juan? « n ach F reih eit, in d em sie all u n sere verfü gb are E n ergie verb rau -
E r antw o rtete nicht. S tatt d essen erklärte er m ir, d aß d ie S p häre c h e n . U m w irk lic h d e m B e isp ie l d e r V e rb ü n d e te n z u fo lge n ,
d e r a n o rg a n isc h e n W e se n ste ts b e re it se i, u n s e tw a s z u le h re n . m ußten die alten Z auberer ihr L eben im R eich der anorganischen
V ielleicht w eil die anorganischen W esen ein höheres B ew usstsein W e se n v e rb rin ge n . U n d e s ist v e rb lü ffe n d , w e lc h e M e n ge n a n
hätten als w ir, fühlten sie sich gezw ungen, uns unter ihre F ittiche zu E n e rgie so lc h e in e la n ge R e ise in e in e a n d e re S p h ä re e rfo rdert.«
nehm en. »W illst du dam it sagen, D on Juan, daß die alten Z auberer in j e n e n
»F ür m ich w ar es ab er sinnlo s, ihr S chüler zu w erd en«, fügte er S p h ä re n e x istie re n k o n n te n , ge n a u w ie w ir h ie r e x istie ren?«
hinzu. »D er P reis, d en sie fo rd ern, ist m ir zu ho ch.« »W elches ist »N icht ganz so, w ie w ir hier existieren - aber sicherlich lebten sie:
ihr P reis?« sie behielten ihr B ew usstsein, ihre Individualität. D er T raum bot-
»U nser L eben, unsere E nergie, unsere H ingabe an sie. M it anderen sc h a fte r w u rd e fü r d ie se Z a u b e re r z u r w ic h tigste n W e se n h e it.
W o rten, unsere F reiheit.« »A ber w as lehren sie uns?« W enn ein Zauberer im R eich der anorganischen W esen leben w ill, ist
»D inge, die m it ihrer W elt zu tun haben. G anz ähnlich w ie w ir sie. der B otschafter der perfekte M ittler; er spricht und ist bereit zu
fa lls w ir sie le h re n k ö n n te n , ü b e r D in g e u n se re r W e lt b e le h re n lehren und zu führen.« »W arst du je in diesem R eich, D on Juan?«
w ü rd e n . Ih re L e h rm e th o d e ist a b e r, u n se r in n e rste s S e lb st z u m »U n zäh lige M ale. G en au w ie d u . D o ch es ist sin n lo s, jetzt d ar-
M aßstab dessen zu nehm en, w as w ir benötigen, und uns entspre- ü b e r z u sp re c h e n . D u h a st d e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it n o c h
chend zu unterw eisen. E in sehr gefährliches U nterfangen.« » I c h nicht von allem B allast befreit. E ines T ages w erden w ir über diese
sehe nicht ein, w arum es gefährlich sein sollte.« »W enn jem and dein S phäre sprechen.«
innerstes Selbst zum M aßstab nähm e, m it a ll deinen Ä ngsten und »V e rste h e ic h d ic h ric h tig, D o n J u a n , d a ß d u d e n B o tsc h a fte r
deiner G ier und deinem N eid und so w eiter, und dich nur D inge nicht liebst und nicht billigst?«
le h r te , die diesen schrecklichen Z ustand befried igten - w as, glaub st »W e d e r lie b e n o c h b illige ic h i h n . E r ge h ö rt z u e in e r a n d e re n
d u, w äre d ie F o lge? « Ic h w u ß te n ic h ts z u e rw id e rn . N u n g la u b te S ein sw eise - d er S ein sw eise d er alten Z au b erer. A u ß erd em sin d
ic h . d ie G rü n d e , w arum er all d ies ab gelehnt hatte, vo llko m m en zu seine Lehren und R atschläge in unserer W elt nur U nsinn. U nd für
verstehen. »D ie Schw ierigkeit bei den alten Zauberern w ar, daß sie d iesen U n sin n verlan gt d er B o tsch after u n s gew altige E n ergien
w underb are D inge lernten, allerd ings auf d er E b ene ihres ab. E ines T ages w irst du m ir beipflichten. D u w irst sehen.« D er
unverd o rb enen, unentw ickelten S elb st«, fuhr D o n Juan fo rt. »D ann T on, w ie D on Juan all dies sagte, verriet m ir seine B esorgnis, ich
w urd en d ie a n o rg a n isc h e n W e se n ih re V e rb ü n d e te n , u n d a n h a n d könnte über den B otschafter anders denken als er. Ich w o llte ih n
k lu g ausgew ählter B eispiele lehrten sie die alten Zauberer w ahre d a ra u f a n sp re c h e n , a ls ic h d ie S tim m e d e s B o tsc h a fte rs in
W und e r. D ie V e rb ü n d e te n v o llb ra c h te n e rsta u n lic h e T a te n , u n d m ein em O h r h ö rte. »E r h at rech t«, sagte d ie S tim m e. »D u lieb st
d ie
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m ic h , w e il d u b e re it b ist, a lle M ö g lic h k e ite n z u e rfo rsc h e n . D u alten Zauberer beim Erforschen dieser unzähligen Positionen des
v e rla n g st W isse n ; u n d W isse n ist M a c h t. D u h a st n ic h t d e n Montagepunktes lernen durften, nur die Kunst des Träumens und
W unsch nach G eborgenheit in der R outine und in den A nsichten die Kunst des Pirschens Übriggeblieben seien. Bei der Kunst des
deiner A lltagsw elt.« Träumens, wiederholte er, ginge es um die Verschiebung des
A ll dies sagte der B otschafter auf englisch, m it einem deutlichen Montagepunkts. Die Kunst des Pirschens hingegen definierte er
W e stk ü ste n -A k z e n t. D a n n fie l e r in s S p a n isc h e . Ic h h ö rte e in e als die Kunst, den Montagepunkt an der Stelle zu fixieren, an die er
leicht argentinische A ussprache heraus. N iem als früher h a t t e ich sich verschoben hat.
den B otschafter so sprechen hören. E s faszinierte m ich. D er B ot- »Den Montagepunkt an einer neuen Stelle zu fixieren bedeutet.
sc h a fte r sp ra c h z u m ir v o n S e lb stv e rw irk lic h u n g u n d W isse n ; Kohäsion oder Zusammenhalt zu gewinnen«, sagte er. »Genau
d arüb er, w ie w eit ich vo n m einem G eb urtsland entfernt sei; üb er dies tust du bei deinen Traumübungen.«
m eine S ehnsucht nach A b enteuern und m eine b einah b esessene »Ich dachte, ich sollte meinen Energiekörper schulen«, sagte ich,
S uche nach N euem , nach neuen H o rizo nten. S chließ lich sp rach leicht erstaunt über seine Worte.
die S tim m e sogar auf P ortugiesisch zu m ir, m it einer eindeutigen »Ja, das tust du. Aber noch viel mehr. Du lernst dabei, Kohäsion zu
F lexion aus der südlichen P am pa. gewinnen. Dies gelingt beim Träumen, denn der Träumer muß
D a ß d ie se S tim m e m ir so sc h a m lo s sc h m e ic h e lte , e rsc h re c k te lernen, seinen Montagepunkt zu fixieren. Die Traum-Aufmerk-
m ich nicht nur, so nd ern w ar m ir so gar w id erw ärtig. Ich sagte zu samkeit, der Energiekörper, die zweite Aufmerksamkeit, die
D o n Juan, ich w o lle m eine T raum üb ungen so fo rt ab b rechen. E r Beziehung zu anorganischen Wesens, der Traumbotschafter - all
sa h m ic h ü b e rra sc h t a n . D o c h a ls ic h i h m w ie d e rh o lte , w a s ic h dies sind nur Nebenprodukte beim Erwerb von Kohäsion. Mit
gehört hatte, pflichtete er m ir bei, ich solle aufhören - auch w enn
anderen Worten, sie alle sind Nebenprodukte der Fixierung des
ich glaubte, er sage es nur, um m ich zu beschw ichtigen. E inige
Montagepunktes auf eine Reihe von Traumpositionen.« »Was ist
W ochen später fand ich m eine R eaktion einigerm aßen hyste risc h
eine Traumposition, Don Juan?«
und m e in e E n tsc h e id u n g , m ic h z u rü c k z u z ie h e n , se h r
»Eine neue Position, in die sich der Montagepunkt im Schlaf ver-
unvernünftig. Ich nahm m eine T raum üb ungen w ied er auf. U nd
schoben hat.«
w a r m ir sic h e r, d a ß D o n Ju a n w u ß te , d a ß ic h m e in e n V e rz ic h t
w iderrufen hatte. »Wie fixieren wir den Montagepunkt in einer Traumposition?«
B e i e in e m m e in e r B e su c h e k a m e r g a n z u n v e rm itte lt a u f d ie »Indem wir den Anblick irgendeines Gegenstandes in einem
T rä u m e z u sp re c h e n : »D ie T a tsa c h e a lle in , d a ß w ir n ie g e le rn t Traum festhalten, oder indem wir bewußt die Träume wechseln.
hab en, d ie T räum e als G egenstand ernster F o rschung aufzufas- Bei deinen Traumübungen übst du in Wirklichkeit deinen Zusam-
se n , h a t n ic h ts z u b e sa g e n «, e rk lä rte e r. »M a n a n a lysie rt d ie menhalt ein; das heißt, du übst deine Fähigkeit, neue Energie-
B ed eutung d er T räum e, m an nim m t sie als O m en, ab er niem and gestalten beizubehalten, indem du den Montagepunkt in der Position
b egreift sie als S p häre realer E reignisse. eines bestimmten Traums fixierst, den du gerade träumst.« »Kann ich
D ie s a b e r ta te n d ie a l t e n Z a u b e re r, so v ie l ic h w e iß «, fu h r D o n wirklich eine neue Energiegestalt beibehalten?« »Nicht eigentlich;
Juan fort. »A ber le id e r verpatzten sie schließlich alles. S ie w urden und nicht deshalb, weil du's nicht tun könntest, sondern nur. weil du
anm aßend, und als sie vor einem w ichtigen Scheidew eg standen, den Montagepunkt verlagerst, statt ihn zu bewegen.
gingen sie in die falsche R ichtung. Sie le g te n , sozusagen, alle E ier in Verlagerungen des Montagepunkts bewirken winzige
einen K o rb . W as ich m eine, ist d ie F ixierung d es M o nta g e p u n k ts Veränderungen, die praktisch unbemerkt bleiben. Die Herausfor-
a u f a ll d ie z a h llo se n P o sitio n e n , d ie e r e in n e h m e n kann.« D o n derung bei den Verlagerungen besteht darin, daß sie so klein und so
Ju a n w u n d e rte sic h , d a ß v o n a ll d e n W u n d e rn , w e lc h e d ie zahlreich sind, daß es schon ein Triumph ist, bei alledem den
Zusammenhalt zu wahren.«
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»W ie erkennen w ir, d aß w ir unseren Z usam m enhalt w ahren?« Was als ein Starren auf das Laub des Mesquitestrauchs begonnen
»W ir e rk e n n e n e s a n d e r K la rh e it u n se re r W a h rn e h m u n g e n . Je hatte, war zum Traum geworden. Ich glaubte, ich sei in einem
klarer der A nblick unserer T räum e, desto größer ist unser Z usam - geträumten Baum, wie ich schon selbst in unzähligen Träumen in
m enhalt.« einem Baum gesessen hatte. Und natürlich verhielt ich mich in
U nd d ann sagte er m ir, es sei an d er Z eit, d aß ich eine p raktische diesem geträumten Baum, wie ich mich in meinen Träumen zu
A n w e n d u n g fä n d e fü r d a s, w a s ic h b e im T rä u m e n g e le rn t h ä tte . verhalten gelernt hatte; ich wechselte von Gegenstand zu Gegen-
O h n e m ir d ie C h a n c e z u w e ite re n F ra g e n z u la sse n , fo rd e rte e r stand, angezogen von der Macht eines Wirbels, der in jedem Teil
m ich auf, m eine A ufm erksam keit - ganz w ie im T raum - auf d as des Baumes Gestalt annahm, auf den ich meine multi-sensorische
L a u b e in e s B a u m e s z u k o n z e n trie re n , d e r n ic h t w e it v o n u n s in Traum-Aufmerksamkeit richtete. Wirbel bildeten sich nicht nur,
d er W üste stand , eines M esq uitestrauches. »S o ll ich ihn wenn ich ein Objekt anstarrte, sondern auch, wenn ich es mit
anstarren? « fragte ich. einem Teil meines Körpers berührte.
»D u sollst ihn nicht einfach anstarren; du sollst etw as ganz B eson- Mitten in dieser Vision, diesem Traum, bestürmten mich rationale
d e re s m it se in e m L a u b m a c h e n «, sa g te e r. »E rin n e re d ic h d a ra n , Zweifel. Ich fragte mich, ob ich tatsächlich in betäubtem Zustand
d aß d u in d einen T räum en, so b ald d u d en A nb lick eines G egen- auf den Wipfel dieses Baumes geklettert war, ob ich tatsächlich
stands festhalten kannst, in W irklichkeit die T raum position deines die Blätter streichelte, ohne zu wissen, was ich tat. Oder ob ich
M o ntagep unktes b eib ehältst. S tarre jetzt also auf d ieses L aub , als o b eingeschlafen war, vielleicht hypnotisiert vom Rascheln der Blätter
d u im T raum w ärst, ab er m it einer leichten, w enn auch w ichtig e n im Wind, und jetzt träumte? Aber, wie sonst beim Träumen, hatte
A b w a n d lu n g : d u so llst d e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it a u f d ie ich nicht genug Energie für lange Überlegungen. Meine Gedanken
B lätter d es M esq uitestrauchs richten, und zw ar in d einem all- flogen nur so dahin. Sie dauerten einen Augenblick, dann wurden
täglichen B ew uß tseinszustand .« sie durch die Macht der direkten Erfahrung gelöscht. Plötzlich
Ic h w a r z u n e rv ö s, u m ih m z u fo lg e n . G e d u ld ig e rk lä rte e r m ir geriet alles ringsum in Bewegung, und ich tauchte aus dem
no ch einm al, d aß ich, ind em ich d as L aub anstarrte, eine w inzige Blätterdickicht auf, als hätte eine magnetische Anziehung des
V erschieb ung m eines M o ntagep unktes erzielen w ürd e. U nd d ann Baumes mich losgelassen. Jetzt überblickte ich, aus einiger Höhe,
w ü rd e ic h , in d e m ic h b e im A n sta rre n e in z e ln e r B lä tte r m e in e einen unermeßlichen Horizont. Dunkle Berge und grüne
T raum -A ufm erksam keit aktivierte, tatsächlich diese w inzige V er- Vegetation umgaben mich. Wieder erschütterte mich ein Energie-
schieb ung fixieren; und m eine K o häsio n w ürd e m ir erlaub en, m it stoß bis ins Innerste, und ich war wieder woanders. Riesige
H ilfe d e r z w e ite n A u fm e rk sa m k e it w a h rz u n e h m e n . L a c h e n d Bäume ragten vor mir auf, höher als die Douglaskiefern von Ore-
m einte er no ch, d ie S ache sei so kind erleicht, d aß sich E rklärungen gon oder Washington. Nie hatte ich einen solchen Wald gesehen.
erüb rigten. Die Landschaft stand in so starkem Kontrast zur Trockenvegetation
N un j a , D o n Juan hatte recht. Ich b rauchte nur m einen B lick auf der Wüste von Sonora. daß ich nicht mehr bezweifeln konnte, daß
d a s L a u b z u ric h te n , ih n d o rt z u h a lte n - u n d sc h o n w u rd e ic h in ich in einem Traum war.
ein w irbelndes G efühl hineingerissen, ganz ähnlich w ie die W irbel in Ich hielt diesen verblüffenden Anblick fest, hatte Angst loszulassen,
m e in e n T rä u m e n . D a s L a u b d e s M e sq u ite stra u c h s w u rd e z u und wußte doch, daß es tatsächlich ein Traum war und
einem ganzen U niversum vo n S innesd aten. E s w ar, als hätte d as verschwinden würde, sobald meine Traum-Aufmerksamkeit zu
L aub m ich verschluckt, ab er nicht nur m ein B lick w ar d aran b e- Ende ging. Aber die Bilder blieben, auch als ich glaubte, daß
te ilig t. W e n n ic h d ie B lä tte r b e rü h rte , sp ü rte ic h sie ta tsä c h lic h . meine Traum-Aufmerksamkeit längst erschöpft sei. Und nun kam
Ich ro ch sie auch. M eine T raum -A ufm erksam keit w ar m ulti-sen- mir ein beängstigender Gedanke: Wie, wenn dies weder ein
so risch, nicht nur visuell, w ie in m einen no rm alen T räum en. Traum noch die alltägliche Welt wäre? Furchtsam - wie ein
verängstigtes Tier - wich ich wieder ins Blät-
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terd ickich t zu rü ck, au s d em ich au fgetau ch t w ar. D er S ch w u n g Reise in unvorstellbare Dimensionen, sagte Don Juan. Eine Reise,
m e in e r R ü c k w ä rtsb e w e gu n g lie ß m ic h im m e r w e ite r flie ge n , die - weil sie uns alles wahrnehmen läßt. was Menschen nur
durch das L aub und um die harten Ä ste des B aum es herum . Ich wahrnehmen können - unseren Montagepunkt aus dem
w urde fortgerissen von diesem B aum , und im B ruchteil einer Se- menschlichen Bereich herauslöst und uns das Unvorstellbare
kunde stand ich neben D on Juan, vor der T ür seines H auses in der wahrnehmen läßt.
W üste von Sonora. »Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt«, sagte
Sofort m erkte ich, daß ich w ieder in einen Z ustand geraten w ar. er, »und plagen uns mit dem wichtigsten Punkt im Weltbild der
w o ic h z w a r z u sa m m e n h ä n ge n d d e n k e n , a b e r n ic h t sp re c h e n Zauberer, nämlich der Position des Montagepunktes. Diesem
konnte. D on Juan m einte, ich solle m ir keine Sorgen m achen. D ie Fluch der alten Zauberer und Stachel im Fleisch der Menschheit.«
Sprache sei eine gefährdete Sache, und A nfälle von Stum m heit »Warum sagst du so etwas, Don Juan?«
nicht selten bei Zauberern, die über die G renzen norm aler W ahr- »Weil beide, die Menschheit insgesamt und auch die alten Zauberer,
nehm ung hinausgingen. auf die Position des Montagepunktes hereingefallen sind: die
In sgeh eim glau b te ich , D o n Ju an h ab e n u r M itleid m it m ir u n d Menschheit, weil wir nichts von der Existenz des Montagepunktes
w olle m ich trösten. A ber die Stim m e des T raum botschafters, die wissen und gezwungen sind, das bloße Nebenprodukt seiner ge-
ic h im se lb e n A u ge n b lic k d e u tlic h v e rn a h m , sa gte , ic h w ü rd e wohnten Position als endgültig und unzweifelhaft hinzunehmen;
m ich nach einer R uhepause w ieder w ohlfühlen. W ied er erw ach t, und die alten Zauberer, weil sie alles über den Montagepunkt
sch ild erte ich D o n Ju an in allen E in zelh eiten , w as ich gesehen wußten und trotzdem der Versuchung erlagen, ihn zu manipulieren.
und getan hatte. E r sagte, ich solle es aufgeben, m eine E rfahrungen H üte dich also, in solche Fallen zu tappen«, fuhr er fort. »E s w äre
verstandesm äßig begreifen zu w ollen. N icht etw a, w eil m ein traurig, w enn du das Los der M enschheit teilen m üßtest, als w üß-
V erstan d zu sch w ach w äre, so n d ern w eil d iese P hänom ene test du nichts von der E xistenz des M ontagepunktes. A ber noch
außerhalb aller L ogik und R ationalität lägen. Ic h w a n d te e in , e s tra u rig e r w ä re e s, d e n a lte n Z a u b e re rn n a c h z u e ife rn u n d d e n
k ö n n e u n d d ü rfe n ic h ts ge b e n , w a s fü r d ie m enschliche M ontagepunkt zynisch, um eines V orteils w ille n , zu m anipulie-
V ernunft unzugänglich sei. A uch w enn die P hänom ene noch so ren.«
unklar w ären, finde die V ernunft stets einen W eg, alles »Ich begreife nichts m ehr. W ie hängt dies alles m it m einem gestrigen
aufzuklären. D ies w ar tatsächlich dam als m eine Ü berzeugung. E rlebnis zusam m en?«
M it größter G eduld entw ickelte m ir D on Juan dann seine A uffas- »G estern w arst d u in ein er an d eren W elt. A b er w en n d u m ich
su n g: d e r V e rsta n d , sa gte e r, se i n u r e in N e b e n p ro d u k t d e r frag st, w o d iese W elt ist, u n d ich d ir sag e, sie ex istiert in ein er
gew ohnten P osition unseres M ontagepunktes. U nsere K ennt- bestim m ten P osition des M ontagepunktes, dann verstehst du die
n isse , u n se re L o gik , u n se r G e fü h l, m it b e id e n B e in e n a u f d e r A ntwort n ic h t.«
E rde zu stehen - w orauf w ir so stolz w ären, die ganze B asis unseres D on Juan erklärte nun, daß m ir zw ei M öglichkeiten offenstünden.
Selbstw ertgefühls -, ergäben sich aus der Fixierung des M on- E inerseits konnte ich m ich an die P rinzipien der M enschheit h a lte n
tagep u n ktes an sein em gew o h n ten P latz. Je starrer u n d u n ver- u n d d a m it in e in D ile m m a g e ra te n : m e in e E rfa h ru n g w ürde
rückbarer dieser sei. desto größer sei unser Selbstvertrauen, unser m ir sagen, daß andere W elten existieren, doch m eine V ern u n ft
G lau b e, d ie W elt zu ken n en u n d V o rh ersagen m ach en zu kö n nen. w ü rd e sag en , d aß es so lch e W elten n ich t g ib t u n d n ich t geben
D as T räu m en ab er sch en ke u n s d ie B ew eglich keit, sagte er. in darf. A ndererseits könnte ich den P rinzipien der alten Z aub e re r
an d ere W elten vo rzu d rin gen , u n d es ersch ü ttere u n sere G ew iß - fo lg e n u n d d a m it d ie E x iste n z a n d e re r W e lte n fra g lo s
heit, alles über diese unsere W elt zu w issen. D as T räum en sei eine ak zep tieren . A b er M ach tg ier w ü rd e m ich verfü h ren , m ein en
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Montagepunkt in der Position festzuhalten, die diese Welten her- fährlich rechthab erisch. D aß er nun gezw ungen w ar, m ir halluzi-
vorbringt. Die Folge wäre ein anderes Dilemma: nämlich der no gene P flanzenextrakte einzugeb en, sei nur ein V ersuch, w ie er
Zwang, mich körperlich in visionsartige Sphären zu begeben, ge- sagte, m einen M o ntagep unkt zu erschüttern und ihm eine m ini-
trieben von der Aussicht auf Macht und Gewinn. Ich war zu m ale B and b reite an B ew eglichkeit zu erm ö glichen. »W enn du diese
verwirrt, um seine Erklärung zu begreifen. Dann aber wurde mir B andbreite nicht w eiterentw ickelst«, fuhr er fort, »w irst d u
klar, daß ich gar nichts zu verstehen brauchte, weil ich ohnehin mit e n tw e d e r n o c h re c h th a b e risc h e r o d e r e in h yste risc h e r Z aub erer
Don Juan übereinstimmte - abgesehen davon, daß ich keine w erd en. W enn ich d ir vo n d en alten Z aub erern erzähle, d a n n n ic h t
Ahnung hatte, womit ich eigentlich einverstanden war. Dieses in d e r A b sic h t, ih n e n ü b e l n a c h z u re d e n , so n d e rn u m sie d ir vo r
Einverständnis war wie ein unbestimmtes Gefühl, eine einstige A ugen zu führen. F rüher o d er sp äter w ird d ein M o ntagep unkt
Sicherheit, die ich verloren hatte und die mir nun allmählich b ew eglicher w erd en, ab er nicht b ew eglich genug, um d e in e
wiederkehrte. N e ig u n g a b z u g le ic h e n , z u w e rd e n w ie d ie se Z a u b e re r:
Die Wiederaufnahme meiner Traumübungen beseitigte diese Be- rechthab erisch und hysterisch.« »W ie kann ich so etw as verm eid en,
denken, rief aber neue hervor. Zum Beispiel hörte ich auf, die D o n Juan? « »E s gibt nur ein M ittel. D ie Z auberer nennen es das
Stimme des Traumbotschafters, nachdem ich sie monatelang täglich reine V ersteh e n . Ic h w ü rd e e s a ls L ie b e z u m W isse n b e z e ic h n e n .
gehört hatte, als Ärgernis oder als Wunder zu empfinden. Sie wurde E s ist d ie K raft, d ie d ie Z aub erer zum W issen, zur E ntd eckung,
für mich zur Selbstverständlichkeit. Und unter ihrem Einfluß zum S taun e n tre ib t.«
machte ich so viele Fehler, daß ich Don Juan beinah verstehen D o n Ju a n lie ß d a s T h e m a fa lle n u n d fu h r fo rt, m ir d ie F ix ie ru n g
konnte, der sich weigerte, all dies noch ernst zu nehmen. Ein d e s M o n ta g e p u n k te s z u e rk lä re n . A ls d ie a lte n Z a u b e re r sa h en . so
Psychoanalytiker hätte seine Freude an mir gehabt und diesen erzählte er, d aß d er M o ntagep unkt b ei K ind ern d auernd o szilliert,
Botschafter als Vexierspiel meiner verdrängten interpersonellen w ie von einem T rem or geschüttelt und m it L eichtigkeit seine
Dynamik gedeutet. P osition w echselnd, seien sie zu dem S chluss gelangt, daß die ge-
Don Juans Standpunkt war eindeutig: der Botschafter sei eine w o h n te S te llu n g d e s M o n ta g e p u n k te s n ic h t a n g e b o re n , so n d e rn
unpersönliche, aber konstante Kraft aus der Sphäre der anorgani- d u rc h G e w o h n h e it e rw o rb e n w ird . U n d d a sie sa h en , d a ß e r n u r
schen Wesen; darum erlebe jeder Träumer ihn mehr oder minder b ei E rw achsenen an eine S telle fixiert ist. nahm en sie an, d aß d ie
auf dieselbe Art. Wer aber seine Worte als gute Ratschläge an- sp ezifische S tellung d es M o ntagep unktes eine b estim m te A rt d er
nehmen wollte, der wäre eben ein unverbesserlicher Narr. Ich W ahrnehm ung begünstigt. D urch G ew öhnung w erde diese spezi-
jedenfalls war einer. Ich konnte ja nicht ungerührt bleiben - in fische A rt d er W ahrnehm ung zu einem S ystem d er D eutung vo n
direktem Kontakt mit einem so außerordentlichen Vorgang: eine S innesdaten.
Stimme, die mir klar und bestimmt, und in drei Sprachen, verbor- W eil w ir in dieses S ystem hineingeboren s in d , erklärte D on Juan,
gene Dinge verriet über alles und jeden, worauf immer ich meine streb en w ir vo m A ugenb lick unserer G eb urt unausw eichlich d a-
Aufmerksamkeit richtete. Der einzige Nachteil, der aber für mich n a c h , u n se re W a h rn e h m u n g a n d ie F o rd e ru n g e n d ie se s S yste m s
folgenlos blieb, lag darin, daß wir nicht synchron waren. Der Bot- anzup assen - ein S ystem , d as uns leb enslang b eherrscht. F o lglich
schafter verriet mir stets Dinge über Menschen oder Ereignisse, h a tte n d ie a lte n Z a u b e re r im G ru n d e re c h t, w e n n sie g la u b te n ,
wenn ich tatsächlich schon vergessen hatte, daß ich mich für sie d aß es d ie A uflö sung d ieses S ystem s und d ie d irekte W ahrneh-
interessierte. m u n g v o n E n e rg ie se i, w a s e in e n M e n sc h e n z u m Z a u b e re r m acht.
Ich befragte Don Juan wegen dieser Merkwürdigkeit, und er S ehr verw undert äußerte sich D on Juan über die - w ie er m einte -
meinte, es habe etwas mit der Starre meines Montagepunktes zu g rö ß te L e istu n g u n se re r m e n sc h lic h e n E rz ie h u n g : n ä m lic h d a s
tun. Ich sei von bejahrten Eltern aufgezogen worden, sagte er. die
mir die Ansichten alter Menschen einpflanzten. Daher sei ich ge- 85

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Festmachen unseres Montagepunktes in seiner gewohnten Posi- m igkeit heißt, gem einsam die gleiche P osition des M ontagepunktes
tion. Sobald dieser reglos in einer solchen Stellung verankert sei. festzuhalten. D en ganzen V organg des E rw erbs von G leichför-
wäre es möglich, unsere Wahrnehmung zur Interpretation dessen zu m igkeit und Z usam m enhalt auß erhalb d er no rm alen W elt
schulen und anzuleiten, was wir wahrnehmen. Mit anderen bezeichneten die alten Z auberer als das A npirschen an die W ahr-
Worten, wir werden dann angeleitet, eher wahrzunehmen, was nehm ung.«
unser System uns sagt - und nicht das, was unsere Sinne uns sagen. »D ie K unst des P irschens«. fuhr er fort, »hat etw as m it der F ixie-
Die Wahrnehmung des Menschen sei aber deshalb so universell ru n g d e s M o n ta g e p u n k te s z u tu n . w ie ic h sc h o n sa g te . D ie a lte n
einheitlich, weil die Montagepunkte aller Menschen an die gleiche Z a u b e re r e n td e c k te n , d a ß e s z w a r w ic h tig se in m a g , d e n M o n -
Stelle fixiert sind. tagepunkt zu verschieben, aber noch w ichtiger ist es. ihn in seiner
Bestätigung für all dies finden die Zauberer, fuhr er fort, wenn sie n e u e n P o sitio n fe stz u h a lte n , w o im m e r d ie se n e u e P o sitio n se in
sehen, daß unsere Wahrnehmungen sinnlos erscheinen, sobald der mag.«
Montagepunkt über eine gewisse Schwelle hinaus verschoben wird U n d e r e rk lä rte , d a ß w ir, w e n n d e r M o n ta g e p u n k t n ic h t fe st a n
und neue universelle Energiefasern wahrgenommen werden. Die e in e m O rt b lie b e , n ic h t z u sa m m e n h ä n g e n d w a h rn e h m e n k ö n n ten.
unmittelbare Ursache dafür sei. sagte er, daß neue Sinnesdaten In diesem F all w ürden w ir ein K aleidoskop zusam m enhanglo ser
unser System außer Funktion setzen. Es eigne sich dann nicht mehr B ild er erleb en. A us d iesem G rund hätten d ie alten Z aub erer auf
zur Interpretation dessen, was wir wahrnehmen. »Wahrnehmung das P irschen ebensoviel W ert gelegt w ie auf das T räum en. D ie eine
ohne unser System ist natürlich chaotisch«, fuhr Don Juan fort. K unst kö nne nicht o hne d ie and ere b estehen, b eso nd ers b ei jenen
»Doch wenn wir glauben, wirklich die Orientierung verloren zu A ktivitäten, m it d enen sich d ie alten Z aub erer b eschäftigten.
haben, sammelt sich unser altes System seltsamerweise. Es kommt »W as w aren d as für A ktivitäten. D o n Juan? « »D ie alten Z aub erer
uns zu Hilfe und verwandelt unsere neue, unbegreifliche
nannten sie d ie F einheiten d er zw eiten A ufm e rk sa m k e it o d e r d a s
Wahrnehmung in eine durchaus verständliche neue Welt. Genau
g ro ß e A b e n te u e r d e s U n b e k a n n te n .« D iese A ktivitäten, sagte D o n
wie es dir passierte, als du das Laub des Mesquitestrauches
J u a n , resultierten jew eils aus V erschieb ungen des M ontagepunkts.
anschautest.«
N icht nur hätten die alten Z auberer gelernt, ihren M ontagepunkt in
»Was ist mir da eigentlich passiert. Don Juan?« »Deine
T ausende von P ositionen an der O berfläche oder im Innern ih r e s
Wahrnehmung war ein Weilchen chaotisch; alles stürmte
E nergiekörpers zu verschieb e n , so n d e rn sie h ä tte n a u c h g e le rn t,
gleichzeitig auf dich ein. und dein System zur Interpretation der
ih re n M o n ta g e p u n k t in diesen P ositionen zu fixieren und som it ihre
Welt funktionierte nicht. Dann klärte sich das Chaos, und vor dir
K ohäsion unbegrenzt lange b eizub ehalten.
lag eine neue Welt.«
»W elchen V o rteil hatte d ies. D o n Juan? «
»Und damit, Don Juan, sind wir wieder am Ausgangspunkt. Exi-
stiert diese Welt, oder habe ich sie mir nur eingebildet?« »Gewiß, »W ir können h i e r nicht von V orteilen sprechen, sondern nur von
wir sind wieder am Ausgangspunkt, und die Antwort ist noch R esultaten.«
immer dieselbe. Diese Welt existiert genau in der Position, in der D ie a lte n Z a u b e re r h ä tte n e in e so lc h e K o h ä sio n d e r W a h rn e h -
dein Montagepunkt sich in jenem Augenblick befand. Um sie m u n g e rre ic h t, e rk lä rte e r, d a ß sie w a h rn e h m u n g sm ä ß ig , u n d
wahrzunehmen, brauchtest du Kohäsion, und das heißt, du so gar kö rp erlich, sich in all d as verw and eln ko nnten, w as d ie j e -
mußtest deinen Montagepunkt in dieser Position festhalten, was w eilige P o sitio n d es M o ntagep unktes ihnen vo rschrieb . S ie ver-
du auch getan hast. Die Folge war, daß du eine Zeitlang eine ganz m o chten sich in all d as zu verw and eln, w o für sie ein b estim m tes
neue Welt wahrnehmen konntest.« »Würden auch andere diese In v e n ta r h a tte n . E in In v e n ta r, sa g te e r , e n th a lte a lle D e ta ils d e r
Welt wahrnehmen?« »Ja, wenn sie Gleichförmigkeit und Kohäsion W ahrnehm ung, die beteiligt s in d , w enn m an sich zum B eispiel in
hätten. Gleichför-
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einen Jaguar, in einen Vogel, in ein Insekt und so weiter ver- »Sie war es nicht«, meinte er. »Dies sage ich dir nun immer wieder,
wandle. und du glaubst, ich wiederholte mich nur. Ich weiß, wie schwer es
»Ich kann kaum glauben, daß eine solche Verwandlung möglich dem Verstand fällt, unbegreifliche Möglichkeiten als wirklich
ist«, sagte ich. anzuerkennen. Aber die neuen Welten existieren! Sie sind
»Sie ist möglich«, beteuerte er. »Vielleicht nicht für dich oder eingehüllt, eine in die andere, wie die Schichten einer Zwiebel. Die
mich, aber für jene Zauberer. Für sie war es eine Kleinigkeit.« Welt, in der wir existieren, ist nur eine dieser Schichten.«
Und er erzählte, daß diese alten Zauberer eine unglaubliche Be- »Meinst du etwa, Don Juan, daß es das Ziel deiner Lehren ist,
weglichkeit hatten. Sie brauchten nur die geringste Verlagerung mich auf den Eintritt in diese Welten vorzubereiten?« »Nein, das
ihres Montagepunktes, die leiseste Andeutung einer Wahrneh- meine ich nicht. Wir treten nur übungshalber in diese Welten ein.
mung aus ihren Träumen, und sofort konnten sie ihre Wahrneh- Solche Reisen sind für die heutigen Zauberer etwas Vorläufiges.
mung anpirschen, ihre Kohäsion gemäß ihrem neuen Bewußt- Wohl üben wir uns im Träumen, genau wie die alten Zauberer, aber
seinszustand umgruppieren und ein Tier, ein anderer Mensch, ein irgendwann schwenken wir ab und betreten Neuland. Die alten
Vogel werden, was immer sie wollten. Zauberer hatten eine Vorliebe für Verlagerungen des
»Aber ist es nicht das, was die Geisteskranken tun? Sich ihre Montagepunktes, darum bewegten sie sich immer auf mehr oder
eigene Realität erfinden, wie es ihnen eben paßt?« »Nein, es ist minder bekanntem und berechenbarem Boden. Wir bevorzugen
nicht das gleiche. Verrückte bilden sich eine eigene Realität ein, die Bewegungen des Montagepunkts. Die alten Zauberer suchten
weil sie keinerlei vorgefaßtes Ziel haben. Die Verrückten bringen das menschlich Unbekannte: wir suchen das nichtmenschlich
Chaos ins Chaos. Die Zauberer hingegen bringen Ordnung ins Unbekannte.« »Ich habe es noch nicht erreicht, nicht wahr?«
Chaos. Ihr vorgefaßtes, transzendentales Ziel ist, ihre Wahrnehmung »Nein. Du stehst erst am Anfang. Und am Anfang muß jeder die
zu befreien. Die Zauberer erfinden nicht die Welt, die sie Schritte der alten Zauberer nachvollziehen. Immerhin waren sie
wahrnehmen. Sie nehmen Energie direkt wahr, und dann es, die das Träumen erfanden.«
entdecken sie. daß das, was sie wahrnehmen, eine unbekannte »Wann werde ich also endlich anfangen, das Träumen der neuen
neue Welt ist, die einen ganz und gar verschlingen kann, weil sie Zauberer zu lernen?«
ebenso real ist wie alles, was wir als Realität kennen.« Und dann »Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Es kann noch Jahre
gab Don Juan mir eine neue Darstellung dessen, was mit mir dauern. Außerdem muß ich in deinem Fall außerordentlich vor-
geschehen war, als ich den Mesquitestrauch anschaute. Anfangs sichtig sein. Charakterlich bist du eindeutig mit den alten Zauberern
hätte ich die Energie des Baumes wahrgenommen, sagte er. verwandt. Das sagte ich dir schon, aber du schaffst es immer,
Subjektiv aber hätte ich geglaubt, ich träumte, weil ich Traum- meinen Ermahnungen auszuweichen. Manchmal glaube ich gar,
techniken einsetzte, um Energie wahrzunehmen. Solche Traum- daß eine fremde Energie dich leitet - aber dann verwerfe ich diesen
techniken in der Alltagswelt einzusetzen, beteuerte er, sei eines Gedanken wieder. Du bist nicht unredlich.« »Wovon redest du
der wirksamsten Hilfsmittel der alten Zauberer gewesen. Es er- eigentlich, Don Juan?«
laube, Energie direkt wie im Traum wahrzunehmen, statt auf »Du hast ungewollt zwei Dinge getan, die mir höllische Angst
chaotische Weise, bis etwas irgendwann die Wahrnehmung um- machen. Als du zum erstenmal träumtest, bist du mit deinem
gruppiere und der Zauberer sich vor eine neue Welt gestellt finde - Energiekörper an einen Ort jenseits dieser Welt gereist. Und dort
und genau dies sei mir geschehen. spazierengelaufen! Und dann bist du mit deinem Energiekörper
Ich erzählte ihm von dem Gedanken, der mir gekommen war und noch einmal an einen Ort jenseits dieser Welt gereist - aber aus-
den ich kaum zu denken wagte: nämlich, daß die Szene, die ich gehend vom Bewusstsein dieser alltäglichen Welt.«
sah, kein Traum - aber auch nicht unsere alltägliche Welt sei.
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»W a s b e u n ru h ig t d ic h d a ra n , D o n Ju a n ? « ich wissen will, ist vielmehr: Was könnte für einen Faulpelz wie
»D as T räum en fällt d ir viel zu leicht. U nd d as ist ein F luch, w enn mich die treibende Kraft sein, all dies zu tun?« »Nach Freiheit zu
w ir nicht aufp assen. E s führt zum m enschlich U nb ekannten. U nd streben, das ist die einzige Triebkraft, die ich kenne. Freiheit, in
w ie ich d ir sagte, streb en d ie heutigen Z aub erer nach d em nicht- die Unendlichkeit dort draußen davonzufliegen: Freiheit, sich
m enschlich U nb ekannten.« aufzulösen und abzuheben; wie eine Kerzenflamme zu sein, die,
»W as kö nnte d as nicht-m enschlich U nb ekannte sein? « »B efreiung obwohl sie dem Licht von Millionen Sternen gegenübersteht, doch
vo m M enschsein. U nvo rstellb are W elten, d ie jenseits d er intakt bleibt, weil sie niemals beansprucht, mehr zu sein, als sie ist:
m enschlichen B and b reite liegen, d ie w ir ab er d enno ch w ahrn e h m e n eine Kerze.«
k ö n n e n . U n d d o rth in n e h m e n d ie m o d e rn e n Z a u b e re r, so zusagen,
eine A b zw eigung. Ihre V o rlieb e gilt d em , w as auß erhalb d es
m enschlichen B ereichs liegt. U nd auß erhalb d ieses B ereichs liegen
ganze W elten - nicht nur T eilbereiche, w ie das R eich der V ögel oder
das R eich der S äugetiere oder das R eich des M ensc h e n , w e n n a u c h
d e s u n b e k a n n te n M e n sc h e n . N e in , w a s ic h m e in e , sin d
a llu m fa sse n d e W e lte n , w ie j e n e , in d e r w ir le b e n : to tale W elten
m it unzähligen B ereichen.« »W o sin d d ie se W e lte n , D o n Ju a n ? In
a n d e re n P o sitio n e n d e s M ontagepunkts?«
»R ichtig. In and eren P o sitio nen d es M o ntagep unkts - P o sitio nen
allerd ings, d ie d ie Z aub erer d urch eine B ew egung d es M o ntage-
p unkts erreichen, nicht d urch eine V erlagerung. D as E intreten in
d iese W elten ist eine A rt d es T räum ens, d ie nur heutige Z aub erer
üb en. D ie alten Z aub erer hielten sich fern d avo n, w eil es ein ho h e s
M a ß a n L o sg e lö sth e it v e rla n g t u n d je g lic h e n E ig e n d ü n k e l
v e rb ie te t: e in P re is, d e n sie n ic h t z u z a h le n b e re it w a re n . F ü r d ie
Z a u b e re r, d ie h e u te d a s T rä u m e n p ra k tiz ie re n , ist T rä u m en d ie
F reiheit. W elten jenseits aller V o rstellungskraft w ahrzunehm en.«
»W elchen Z w eck hat es ab er, all d ies w ahrzunehm en? « »D ie
g le ic h e F ra g e h a st d u m ir h e u te sc h o n e in m a l g e ste llt. D u sp ric h st
w ie e in e e c h te K rä m e rse e le . W ie h o c h ist d a s R isik o ? fra g st d u .
W ie v ie l P ro z e n t b rin g t m ir m e in e In v e stitio n ? W e rd e ich
gew innen?
A uf so lche F ragen gib t es keine A ntw o rt. D er K räm ergeist b efaß t
sich m it dem K om m erz. F reiheit aber kann keine Investition sein.
F reiheit ist ein A b enteuer o hne E nd e, b ei d em w ir unser L eb en -
und no ch viel m ehr - riskieren, für kurze A ugenb licke vo n etw as,
d a s a lle W o rte , G e d a n k e n u n d G e fü h le ü b e rste ig t.« »In d iesem
S inn hatte ich d ie F rage nicht gestellt, D o n Juan. W as
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5. Die Welt der anorganischen Wesen Grundsätze seiner Schulung als Zauberer. Er hatte immer wieder
gesagt, daß wir unser Selbst nur sehr schwer dazu bringen können,
seine sichere Festung zu verlassen - und nur durch Übung. Eines
der stärksten Bollwerke unseres Selbst sei die Rationalität. Und
diese sei nicht nur die verläßlichste Abwehr gegen die Taten der
Zauberer und deren Erklärung, sondern auch eine der be-
drohtesten. Don Juan glaubte, daß die Existenz anorganischer
G etreu m einer E inw illigung, ab zuw arten, b is D o n Juan vo n sich Wesen ein frontaler Angriff auf unsere Ratio sei. Bei meinen
a u s d a s G e sp rä c h a u f d a s T rä u m e n b rä c h te , b a t ic h ih n n u r in Traumübungen hatte ich ein bewährtes Verfahren entwickelt, das
N otfällen um R at. N orm alerw eise aber schien er nicht nur abge- ich jeden Tag ausnahmslos befolgte. Ich nahm mir vor, zuerst jeden
n e ig t, d a s T h e m a a n z u sc h n e id e n , so n d e rn w a r a u c h irg e n d w ie nur denkbaren Gegenstand meiner Träume zu beobachten und
unzufrieden m it m ir. E ine B estätigung für seine M ißbilligung w ar in dann in andere Träume zu wechseln. Ich darf aufrichtig sagen, daß
m einen A ugen die T atsache, daß er, w ann im m er w ir über m ein ich in unzähligen Träumen ganze Welten kleinster Details
T räum en sp rachen, stets d ie B ed eutung d essen, w as ich erreicht beobachtete. Natürlich begann meine Traum-Aufmerksamkeit
hatte, herab setzte. irgendwann zu erlahmen, und meine Traumübungen endeten
F ü r m ic h w a r z u je n e r Z e it d ie b e le b te E x iste n z a n o rg a n isc h e r entweder damit, daß ich einschlief und normale Träume hatte, bei
W esen zum w ichtigsten A spekt m einer T raum übungen gew orden. denen sich keine Traum-Aufmerksamkeit einstellte, oder indem ich
N achdem ich ihnen in m einen T raum übungen begegnet w ar. vor aufwachte und überhaupt nicht mehr schlafen konnte. Von Zeit zu
a lle m n a c h m e in e m Z u sa m m e n sto ß m it ih n e n in d e r W ü ste b e i Zeit aber, und genau wie Don Juan es geschildert hatte, drang eine
D o n Juans H aus, hätte ich w o hl b ereit sein so llen, ihre E xistenz Strömung fremder Energie - ein Scout, wie er es nannte - in meine
e rn st z u n e h m e n . D o c h a ll d ie se E re ig n isse h a tte n e in e n g a n z Träume ein. Daß ich vorgewarnt war. half mir, meine Traum-
gegenteiligen E ffekt auf m ich. Ich w urd e eigensinnig und leugnete Aufmerksamkeit darauf einzustellen und auf der Hut zu sein. Das
hartnäckig d ie M ö glichkeit, d aß sie existierten. D a n n ä n d e rte ic h erste Mal, als ich solch eine fremde Energie bemerkte, träumte ich
m e in e M e in u n g u n d b e sc h lo ß , e in e o b je k tiv e U n te rsu c h u n g ü b e r vom Einkaufengehen in einem Kaufhaus. Ich lief von Theke zu
sie a n z u ste lle n . A ls M e th o d e e in e r so lc h e n U ntersuchung nahm Theke und suchte nach Antiquitäten. Endlich fand ich etwas. In
ich m ir vor, alles zu protokollieren, w as sich in m einem T räum en einem Kaufhaus nach Antiquitäten zu suchen war so offenkundig
zutrug, und dieses P rotokoll dann als B ezugsra h m e n z u v e rw e n d e n , widersinnig, daß ich kichern mußte. Aber nachdem ich etwas
u m fe stz u ste lle n , o b m e in T rä u m e n i r g e n d w e lc h e B e fu n d e ü b e r gefunden hatte, vergaß ich diese Ungereimtheit. Das antike Stück
d ie a n o rg a n isc h e n W e se n b e w e ise n oder w iderlegen w ürde. Ich war der Griff eines Spazierstocks. Der Verkäufer sagte mir. er sei
brachte sogar m ehrere hundert S eiten g e n a u e ste r, a b e r sin n lo se r aus Iridium - eine der härtesten Substanzen der Welt, wie er sagte.
D e ta ils z u P a p ie r, w ä h re n d ic h h ä tte einsehen so llen, d aß d ie Es war eine kleine Skulptur: Kopf und Schultern eines Affen. Es
B ew eise für ihre E xistenz sich häuften, kaum daß ich m it m einer sah wie Jade aus, fand ich. Der Verkäufer war beleidigt, als ich
U ntersuchung begonnen h a t t e . S o brauchte ich nur einige andeutete, es könne Jade sein, und um seine Behauptung zu
S itzungen, um zu entdecken, daß D on Ju a n s - w ie ic h m e in te - beweisen, schleuderte er das Objekt mit aller Kraft auf den Beton-
b e ilä u fig e E m p fe h lu n g , n ä m lic h m e in U rteil hintanzustellen und Fußboden. Es zerbrach nicht, sondern hüpfte wie ein Ball und
die organischen W esen zu m ir kom m en zu lassen, tatsächlich genau segelte davon, kreiselnd wie eine Frisbee-Scheibe. Ich folgte ihm,
das V erfahren w ar, das die Z auberer d e r V o rz e it a n g e w a n d t und es verschwand hinter etlichen Bäumen. Ich lief, um es zu
h a tte n , u m sie a n z u lo c k e n . In d e m D o n Juan m ich d ies selb st suchen, und fand es im Boden steckend. Es hatte sich in einen
herausfind en ließ , b efo lgte er led iglich d ie außerordentlich
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sc h ö n e n , tie fg rü n u n d sc h w a rz g e fä rb te n S p a z ie rsto c k v e rw a n delt. halle. E r hieß m ich sogar w iederholen, w as ich ihm bereits erzählt
Ich w o llte ihn hab en. Ich p ackte d en S to ck und m ühte m ich, i h n hatte.
a u s d e m B o d e n z u z ie h e n , b e v o r je m a n d a n d e re s v o rb e ik ä m e . »D u verblüffst m ich«, sagte ich. »Zuerst w illst du nichts von m ei-
D o c h so se h r ic h m ic h a n stre n g te , k o n n te ic h ih n n ic h t v o n d e r n e m T rä u m e n h ö re n - u n d je tz t p lö tz lic h d ie s. G ib t e s e in e
S telle rücken. Ich fürchtete, er kö nnte b rechen, w enn ich ihn lo s- gew isse O rdnung in deiner w echselnden B ereitschaft?«
z u ste m m e n v e rsu c h te , in d e m ic h ih n h in u n d h e r rü tte lte . A lso »A llerdings gibt es hier eine O rdnung«, sagte er. »G ut m öglich,
b e g a n n ic h , ih n m it m e in e n n a c k te n H ä n d e n a u sz u g ra b e n . U n d daß du es eines T ages, bei einem anderen T räum er, ebenso hallen
w ä h re n d ic h g ru b , sc h m o lz d e r S to c k z u sa m m e n , b is n u r n o c h w irst. M an ch e T rau m gegen stän d e sin d vo n en tsch eid en d er B e-
eine P fütze grünen W assers an seiner S telle üb riglieb . Ich starrte auf deutung, w eil sie m it dem G eist zusam m enhängen. A ndere sind
dieses W asser. P lötzlich schien es zu explodieren. E s verw and e lte vö llig u n w ich tig, w eil sie m it u n serer C h araktern eigu n g zu tu n
sic h in e in e w e iß e B la se , u n d d a n n w a r e s v e rsc h w u n d e n . M e in haben, uns gehenzulassen.
T ra u m w a n d te sic h a n d e re n B ild e rn u n d D e ta ils z u , d ie nicht D er erste Scout, den du isolierst, w ird im m er gegenw ärtig sein, in
ungew ö hnlich schienen, auch w enn sie glasklar w aren. A ls ich D o n jeder F orm , sogar als Iridium . Ü brigens - w as ist Iridium ?« »W eiß
Juan vo n d iesem T raum erzählte, sagte er: »D u hast e in e n S c o u t ich w irklich nicht«, sagte ich w ahrheilsgem äß. »D a haben w ir's.
iso lie rt. S c o u ts tre te n h ä u fig e r a u f, w e n n u n se re T räum e no rm al U nd w as w ürdest du sagen, w enn sich heraus-stellte, d aß es ein e
und d urchschnittlich sind . D ie T räum e vo n T räum e rn b le ib e n d er h ärtesten S u b stan zen d er W elt ist? « D o n Juans A ugen
so n d e rb a r fre i v o n so lc h e n S c o u ts. W e n n sie a b e r a u ffie le n , sin d leuchteten vor E ntzücken, w ährend ich nervös auflachte: über diese
sie e rk e n n b a r a n d e r d a m it v e rb u n d e n e n F re m d h e it u n d absurde M öglichkeil, die, w ie ich später erfuhr, dennoch richtig ist.
U n g e re im th e it.« »W ieso U ngereim theit, D o n Juan? « »Ihre V on nun an begann ich auf das V orkom m en w idersinniger G egen-
G egenw art m acht keinen S in n .« »A b er kaum etw as m acht S inn in stän d e in m ein en T räu m en zu ach ten . N ach d em ich D o n Ju an s
einem T raum .« »N ur in d urchschnittlichen T räum en erscheinen d ie D e fin itio n fre m d e r E n e rgie in d e n T rä u m e n a k z e p tie rt h a lle ,
D inge sinnlo s. D a s ist so , m ö c h te ic h sa g e n , w e il d a n n m e h r konnte ich ihm völlig beipflichten. daß es sich bei solchen U nge-
S c o u ts e in g e führt w erden; w eil durchschnittliche M enschen reim th eiten stets u m frem d e E in d rin glin ge in m ein e T räu m e
stärkeren A ngriffen vo m U nb ekannten her ausgesetzt s in d .« handelte. W enn ich sie is o lie rte , konzentrierte sich m eine T raum -
»W e iß t d u a u c h , D o n Ju a n , w a ru m d a s so ist? « »Ich glaub e, hier A ufm erksam keit m it einer In te n s itä t auf sie. die sich unter anderen
liegt ein G leichgew icht d er K räfte vo r. N o rm ale M enschen haben B edingungen nicht so le ic h t einstellte.
verblüffend starke B arrieren, um sich gegen solc h e A n g riffe z u U nd noch etw as bem erkte ich: im m er dann, w enn frem de E nergien
sc h ü tz e n . B a rrie re n , w ie z .B . d ie S o rg e u m d a s e ig e n e S e lb st. Je in m eine T räum e eindrangen, m ußte m eine T raum -A ufm erk-
stä rk e r d ie B a rrie re , d e sto h e ftig e r d e r A n griff. sa m k e it sic h se h r a n stre n ge n , sie in e in b e k a n n te s O b je k t z u
T räum er hingegen haben w eniger B arrieren und w eniger S couts in verw andeln. D ie Schw ierigkeit lag darin, daß es m einer T raum -
ihren T räum en. A nscheinend verschw ind en unsinnige D inge aus A ufm erksam keit nicht gelang, solch eine V erw andlung in vollem
d e n T rä u m e n d e r T rä u m e r, m ö g lic h e rw e ise u m sic h e rz u ste lle n , M aß durchzuführen. D as E ndergebnis w ar stets e in e M ischform -
daß die T räum er die A nw esenheit von S couts auch bem erken.« D o n ein m ir fast gan z u n b ekan n ter G egen stan d . D an n verflü ch tigte
Ju a n e m p fa h l m ir, g u t a u fz u p a sse n u n d m ic h a n je d e n u r sich die frem de E nergie; der M isch-G egenstand verschw and und
m ö g lic h e E in z e lh e il d e s T ra u m s z u e rin n e rn , d e n ic h g e trä u m t w u rd e zu ein em T ro p fen L ich t, d er rasch vo n an d eren , vo rd er-
gründigen D etails m einer T räum e absorbiert w urde. A ls ich D on
Juan bat, m ir zu erklären, w as m it m ir geschah, sagte er: » Im
gegenw ärtigen Stadium deines T räum ens sind die Scouts
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so etw as w ie K undschafter, die vom R eich der anorganischen W esen »W as so llte ich tun. um d en S co uts zu fo lgen? « fragte ich. »W arum
ausgesandt w erden. Sie sind sehr schnell, und das heißt, daß sie w illst d u ihnen fo lgen, um H im m els w illen? « »Ic h fü h re e in e
nicht lange bleiben w erden.« o b je k tiv e U n te rsu c h u n g ü b e r d ie a n o rg a n isc h e n W esen durch.«
»W arum , D on Juan, bezeichnest du sie als K undschafter?« »N u n , »D u b ind est m ir einen B ären auf. nicht w ahr? Ich d achte, d u b ist
sie ko m m en u n d h alten A u ssch au n ach p o ten tiellem B ew u ß tse in . u n b e irrb a r d e r M e in u n g , d a ß e s k e in e a n o rg a n isc h e n W e se n
S ie h a b e n B e w u ß th e it u n d Z ie lric h tu n g, a u c h w e n n diese für uns gibt?«
unvorstellbar sind, vergleichbar vielleicht dem B ew ußtsein und S e in sp ö ttisc h e r T o n u n d se in h ä m isc h e s L a c h e n v e rrie te n m ir,
Z iel von B äum en. D ie innere G eschw indigkeit von B äum en und w a s e r v o n m e in e r o b je k tiv e n U n te rsu c h u n g h ie lt. »Ic h h a b e m e in e
anorganischen W esen ist unvorstellbar, w eil sie unendlich viel M e in u n g g e ä n d e rt, D o n Ju a n . Je tz t m ö c h te ic h all d iese
langsam er ist als unsere.« »W ie kom m st du dazu, so etw as zu M ö glichkeiten erfo rschen.«
sagen. D on Juan?« »B äum e und anorganische W esen haben beide »V ergiss nicht, d aß d ie S p häre d er ano rganischen W esen d as B e-
eine viel längere D auer als w ir. Sie sind dazu bestim m t, an O rt und tä tig u n g sfe ld d e r a lte n Z a u b e re r w a r. U m d o rth in z u g e la n g e n ,
S telle zu bleiben. Sie sind unbew eglich, aber sie bew irken, daß alles fix ie rte n sie ih re T ra u m -A u fm e rk sa m k e it h a rtn ä c k ig a u f d ie
um sie her sich bew egt.« G egenständ e ihrer T räum e. A uf d iese W eise gelang es ihnen, d ie
»W illst du dam it sagen D on Juan, daß die anorganischen W esen S c o u ts z u iso lie re n . U n d w e n n sie d ie S c o u ts im B lic k p u n k t
stationär sind, w ie B äum e?« h a tte n , rie fe n sie la u t ih re A b sic h t ih n e n z u fo lg e n . K a u m h a tte n
»G e w iß . W a s d u b e im T rä u m e n a ls h e lle o d e r d u n k le P flö c k e d ie a lle n Z a u b e re r d ie se A b sic h t g e ä u ß e rt, d a flo g e n sie a u c h
siehst, sind ihre P rojektionen. W as du als Stim m e des T raum bot- sc h o n d a v o n - a n g e z o g e n v o n je n e r fre m d e n E n e rg ie .« »Ist e s so
schafters ansiehst, ist ebenfalls eine P rojektion. U nd dies g ilt auch e in fa c h , D o n Ju a n ? «
für ihre Scouts.« E r a n tw o rte te n ic h t. E r la c h te m ic h n u r a n , a ls w o llte e r m ic h
A us irgendeinem unbegreiflichen G rund fühlte ic h m ich von diesen h e ra u sfo rd e rn , e s z u v e rsu c h e n .
A uskünften überw ältigt. P lötzlich bekam ich A ngst. Ich fragte W ie d e r z u H a u se , fra g te ic h m ic h b is z u m Ü b e rd ru ß . w a s D o n
D o n Ju an , o b au ch B äu m e so lch e P ro jektio n en h ätten . »H aben Ju a n m it d ie se r A n d e u tlu n g g e m e in t h a b e n m o c h te . D a ß e r m ir
sie«, sagte er. »Ihre P rojektionen sind uns aber noch w en ige r ta tsä c h lic h e in p ra k tisc h e s V e rfa h re n e m p fo h le n h a b e n k ö n n te ,
fre u n d lic h ge sin n t a ls d ie d e r a n o rga n isc h e n W e se n . D ie zo g ich gar nicht in B etracht A b er eines T ages, als m eine G ed uld
T räum er suchen sie niem als auf, es sei denn, sie w ären in einem und auch m eine Ideen zu E nde w aren, gab ich alle V orsicht auf. In
Z ustand tiefer A usgeglichenheit m it den B äum en - e i n Z ustand. einem T raum , den ich dann träum te, sah ich verblüfft einen F isch,
d er seh r sch w er zu erreich en ist. D u w eiß t j a , w ir h ab en kein e der plötzlich aus e in e m T eich sprang, an dem ich vorbeiging. D er
F reu n d e au f d ieser E rd e.« E r lach te au f u n d fü gte h in zu : »W arum , F isc h z a p p e lte v o r m e in e n F ü ß e n - d a n n flo g e r d a v o n , w ie e in
das ist kein G eheim nis.« b unter V o gel, und land ete. im m er no ch als F isch, auf einem A st
»F ü r d ic h ist's v ie lle ic h t k e in G e h e im n is, D o n J u a n . A b e r fü r D a s S c h a u sp ie l w a r so u n g e w ö h n lic h , d a ß m e in e T ra u m -A u f-
m ich ist es eines.« m erksam keit stim uliert w urde. S ofort w ußte ich, es w ar ein S cout. Im
»W ir sind destruktiv. W ir haben jedes Lebew esen auf dieser E rde nächsten M om ent als der F isch-V ogel sich in einen L ichtpunkt
b e k ä m p ft. D a s ist d e r G ru n d , w a ru m w ir k e in e F re u n d e h a ben.« v e rw a n d e lte , rie f ic h m it la u te r S tim m e m e in e A b sic h t ih m z u
M ir w urde so unbehaglich, daß ich das G espräch überhaupt ab- fo lgen, und genau w ie D o n Juan gesagt hatte, flo g ich lo s in eine
brechen w ollte. D ennoch fühlte ich m ich gezw ungen, zum T hem a and ere W elt.
der anorganischen W esen zurückzukehren. Z uerst flo g ich d urch einen scheinb ar d unklen T unnel, als sei ich
ein gew ichtloses F luginsekt. P lötzlich endete das G efühl, in einem
durch seine B erührung eine V erbindung m it m ir hergestellt hatte.
T unnel zu sein. E s w ar geradezu, als sei ich von einem R ohr aus-
gesp ien und m it S chw ung vo r eine ungeheure p hysische M asse Im gleichen M om ent, als er m ich zu berühren oder anzustoßen
gespült w orden. F ast konnte ich sie berühren. Ihr E nde w ar nicht schien, w ußte ich, w as er von m ir w ollte.
abzusehen, in w elche R ichtung ich m ich auch w andte. D as G anze Zunächst schob er m ich durch eine riesige H öhle oder Ö ffnung in
erinnerte m ich sehr an gew isse S cience-F iction-F ilm e, und ich w ar die physische M asse hinein, vor der ich gestanden hatte. Im Innern
überzeugt, daß ich das B ild dieser M asse selbst konstruierte, dieser M asse angelangt, erkannte ich, daß sie hier innen ebenso
ähnlich w ie m an einen T raum konstruiert. U nd w arum nicht? Im - gleichm äßig porös war wie außen, aber viel glatter wirkte, als sei die
m e rh in , so d a c h te ic h , la g ic h d o c h sc h la fe n d im B e tt u n d rauhe O berfläche m it Sandpapier abgeschliffen. W as ich vor m ir
träum te. sah. w ar eine Struktur, die etw a w ie das vergrößerte B ild eines
Ich beruhigte m ich also und beobachtete die E inzelheiten m eines B ienenstocks aussah. U nzählige, geom etrisch geform te T unnel
T raum es. W as ich erblickte, sah aus w ie ein riesiger Schw am m . E s zw eigten in alle R ichtungen ab. M anche führten hinauf oder
w a r p o rö s u n d lö c h e rig . Ic h k o n n te d ie S tru k tu r d ie se r M a sse hinunter, nach links oder nach rechts: sie überkreuzten sich oder
nicht befühlen, aber sie w irkte rauh und faserig und w ar von dun- führten in steilem oder flachem W inkel hinauf oder hinunter.
k e l-b rä u n lic h e r F a rb e . D a n n ü b e rfie le n m ic h Z w e ife l, o b d ie se D as Licht w ar sehr trübe, aber alles w ar gut sichtbar. D ie Tunnel
stum m e M asse nicht m ehr w ar als nur ein T raum . D as D ing vo r schienen lebendig zu sein und B ewusstsein zu haben. Sie zischten. Ich
m ir veränd erte nicht seine G estalt. E s b ew egte sich auch n i c h t . starrte sie an, und nun überfiel m ich die E rkenntnis, daß ich sah.
U nd als ich es fest anschaute, hatte ich d en E ind ruck vo n etw as D ies waren Tunnel von Energie. Im A ugenblick dieser Einsicht
R e a le m , a b e r S ta tisc h e m ; e s w a r irg e n d w o v e rw u rz e lt, u n d e s dröhnte die Stim m e des Traum botschafters in m einen O hren - so
übte eine so m ächtige A nziehung aus. daß ich m eine T raum -A uf- la u t, daß ich nicht verstehen konnte, w as sie sagte. »Sprich leiser«,
m erksam keit nicht d avo n ab ziehen ko nnte, um and ere D inge zu schrie ich m it höchster U ngeduld und m erkte, daß ich, wenn ich
u n te rsu c h e n , n ic h t m a l m ic h se lb st. E in e so n d e rb a re K ra ft, d e r sprach, m ein B ild dieser Tunnel ausblendete und in ein V akuum fiel,
ich n ie zuvor bei m einem T räum en begegnet w ar, hielt m ich w ie w o ich nur noch hören konnte. D er B otschafter däm pfte seine
festgenagelt an der S telle. Stim m e und sagte: »D u bist im Innern eines anorganischen W esens.
D a n n sp ü rte ic h p lö tz lic h , w ie d ie se M a sse m e in e T ra u m -A u f- W ähle e in e n der Tunnel, und d u k a n n st d a rin l e b e n . « D ie S tim m e
m erksam keit lo sließ ; all m ein B ew usstsein ko nzentrierte sich auf m a c h te e in e P a u se , d a n n fügte sie hinzu: »D as heißt, falls du es
den S cout, der m ich dorthin geführt hatte. Jetzt sah er aus w ie e in w ills t.« Ich ko nnte m ich nicht üb erw ind en, etw as zu sagen. Ich
G lü h w ü rm c h e n in d e r D u n k e lh e it, ü b e r m ir u n d n e b e n m ir fürchtete, jed e A ussage vo n m ir kö nnte ins G egenteil d essen
schw eb end . In seiner S p häre w ar er e i n T ro p fen reiner E nergie. verd reht w erd en, w as ich m einte.
A u c h k o n n te ic h se in e e n e rg e tisc h e V ib ra tio n seh en . E r sc h ie n »D ie V o rte ile fü r d ic h sin d u n e rm e ß lic h «, fu h r d ie S tim m e d e s
sich m einer A nw esenheit b ew uß t. P lö tzlich taum elte er m ir ent- B o tsc h a fte rs fo rt. »D u k a n n st in so v ie le n T u n n e ln le b e n , w ie d u
gegen, zupfte an m ir oder stieß m ich a n . I c h em pfand es nicht als n u r w illst. U n d je d e r w ird d ic h e tw a s a n d e re s le h re n . S o le b ten d ie
B e rü h ru n g , u n d d o c h w u ß te ic h , d a ß d e r S c o u t m ic h b e rü h rt Z aub erer d er V o rzeit, und sie lernten w und erb are
hatte. D iese E m p find ung w ar erschreckend und neu. E s w ar, als D inge.«
se i e in T e il v o n m ir. d e r g a r n ic h t v o rh a n d e n w a r. d u rc h d ie se Ic h m e rk te , o h n e je d e s G e fü h l, d a ß d e r S c o u t m ic h v o n h in te n
B e rü h ru n g e le k trisie rt w o rd e n ; W e lle n v o n E n e rg ie b ra n d e te n sc h o b . A n sc h e in e n d w o llte e r , d a ß ic h v o rw ä rtsg in g . Ic h w ä h lte
durch diesen nicht vorhandenen T eil hindurch. V on diesem d en T unnel gleich rechts vo n m ir. K aum w ar ich d arin, m erkte ich
A ugenblick an w urde alles beim T räum en viel realer. E s fiel m ir irgendw ie, daß ich in dem T unnel nicht ging; ich schw ebte in ihm ,
schw er, an dem G edanken festzuhalten, daß ich einen T ra u m
trä u m te . H in z u k a m m e in e G e w issh e it, d a ß d e r S c o u t 99

08
ic h flo g . Ic h w a r e in T ro p fe n E n e rg ie , n ic h t a n d e rs a ls d e r o d e r e in e F lie g e b e w e g e n , se n k re c h t a u f o d e r a b , o d e r a u c h m it
Scout.
dem K opf nach u n te n .«
W ieder tönte die S tim m e des B otschafters in m einen O hren: »Ja, du
S ofort sank ich nieder. E s w ar. als sei ich schw erelos gew esen und
bist nur ein T ropfen E nergie«, sagte sie. Ihre W iederholungen
h a lle n u n p lö tz lic h G e w ic h t. d a s m ic h h in u n te rz o g . D ie W ä n d e
erleichterten m ich sehr. »U nd du schw ebst im Innern eines anor-
d es T unnels fühlte ich nicht, d o ch d er B o tschafter halle recht ge-
ganischen W esens«, fuhr er fort. »A uf diese W eise, so w ill es der
h a b t, d a ß e s m ir a n g e n e h m e r w a r. w e n n ic h k ro c h . »In d ieser W elt
S cout, sollst du dich in dieser W ell bew egen. A ls er dich berührte,
b rauchst d u d ich nicht vo n d er S chw erkraft nied e rd rü c k e n z u
hat er d ich für im m er veränd ert. Jetzt b ist d u p raktisch einer vo n
u n s. F a lls d u h ie r b le ib e n w illst, b ra u c h st d u n u r d e in e A b sic h t la sse n «, sa g te e r. D ie s k o n n te ic h n a tü rlic h se lb st feststellen. »D u
auszusprechen.« b rauchst auch nicht zu atm en«, fuhr d ie S tim m e fo rt. »U n d g a n z
n a c h B e lie b e n k a n n st d u d e in e n G e sic h tssin n b e h a lle n u n d se h e n ,
D er B o tschafter hö rte auf zu sp rechen, und d as B ild d es T unnels w ie d u in d e in e r W e ll z u se h e n g e w ö h n t bist.« D er B otschafter
k e h rte m ir z u rü c k . A ls e r w ie d e r z u sp re c h e n a n fin g , h a lle sic h schien zu überlegen, ob er noch etw as hinz u fü g e n so llte . E r
etw as reguliert: ich verlo r d iese W elt nicht m ehr aus d em B lick h ü ste lte w ie je m a n d , d e r sic h rä u sp e rt, u n d sa g te : »D e r
u n d k o n n te d e n n o c h d ie S tim m e d e s B o tsc h a fte rs h ö re n . »D ie
G e sic h tssin n w ird n ie b e e in trä c h tig t. D a ru m sp ric h t ein T räum er
alten Z auberer lernten alles, w as sie vom T räum en w ußten, indem
üb er sein T räum en im m er in F o rm vo n B ild ern, d ie er sieht.«
sie hier b ei uns b lieb en«, sagte sie.
D e r S c o u t sc h o b m ic h in e in e n T u n n e l z u r R e c h te n . D ie se r w a r
Ich w ollte fragen, ob diese Z auberer all i h r W issen gelernt hätten,
e tw a s d u n k le r a ls d ie a n d e re n . A u f m ic h w irk te e r a u f g ro te sk e
indem sie einfach in diesen T unneln lebten; aber bevor ich m eine
A rt gem ütlicher als d ie and eren, freund licher, o d er so gar m ir b e-
F rage aussp rechen ko nnte, b eantw o rtete sie d er B o tschafter. »Ja, sie
kannt M ir kam d er G ed anke in d en S i n n , ich sei d iesem T unnel
lernten alles, nur ind em sie im Innern d er ano rganischen W e se n
ähnlich, o d er d er T unnel m ir.
le b te n «, a n tw o rte te e r. »U m h i e r d rin n e n z u le b e n , b rauchten d ie
»Ihr b eid e seid euch scho n b egegnet«, sagte d ie S tim m e d es B o t-
alten Z aub erer nur zu sagen, d aß sie d ies w o llten; ä h n lic h w ie d u ,
schaflers.
u m h ie rh e r z u g e la n g e n , n u r la u t u n d d e u tlic h d eine A b sicht
auszusp rechen b rauchtest.« D er S co ut stieß m ich a n , zum Z eichen, »W ie b itte ? « sa g te ic h . W o h l h a lle ic h v e rsta n d e n , w a s e r sa g te ,
ab er d ie A ussage w ar unb egreiflich.
d aß ich m ich w eiterb ew egen sollte. Ich zögerte, und nun tat er etw as,
das sich anfühlte, a ls stie ß e e r m ic h m it so lc h e r K ra ft v o ra n , d a ß ic h »Ihr b eid e hab t m iteinand er gerungen, und d eshalb tragt i h r nun
e in e r d e s a n d e re n E n e rg ie .« M ir k a m e s v o r, a ls v e rra te d ie
w ie e i n G e scho ss d urch end lo se T unnel flo g. E nd lich b lieb ich
S tim m e d e s B o tsc h a fte rs e in e S p u r v o n B o sh e it o d e r so g a r S a r-
stehen, w e il d e r S c o u t ste h e n b lie b . S o sc h w e b te n w ir e in e n
kasm us.
M o m e n t, d a n n stü rz e n w ir in e in e n v e rtik a le n T u n n e l. Ic h sp ü rte
d e n p lö tzlichen R ichtungsw echsel nicht. W as m eine W ahrnehm ung »N ein, es ist nicht S arkasm us«, sagte d er B o tschafter. »Ich freue
b etraf, so b ew egte ich m ich no ch im m er scheinb ar p arallel zum m ich, daß du V erw andte hast, h i e r bei u n s . « »W as verstehst d u
unter V erw and ten? « fragte ich. »G e m e in sa m e E n e rg ie sc h a fft
B oden.
V e rw a n d tsc h a ft«, a n tw o rte te e r. »E nergie ist w ie B lu t.«
W ir w echselten m ehrm als d ie R ichtung, stets m it d em gleichen Ich w uß te nichts m ehr zu sagen. D eutlich sp ürte ich m eine stei-
W ahrnehm ungs-E ffekt auf m ich. In m ir bildete sich ein G edanke gende A ngst.
ü b e r m e in e U n fä h ig k e il, z u sp ü re n , o b ic h m ic h a u fw ä rts o d e r »A ngst ist etw as. das es in dieser W ell nicht gibt«, sagte der B ot-
abw ärts bew egte, als ich auch schon die S tim m e des B otschafters sc h a fte r. U n d d ie s w a r d ie e in z ig e se in e r A u ssa g e n , d ie n ic h t
hörte: »Ich glaube, es ist angenehm er für dich, w enn du kriechst, richtig w ar.
statt zu fliegen«, sagte sie. »D u kannst dich auch w ie eine S pinne

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Damit endete mein Träumen. Ich war so erschrocken über die T rä u m e n w a r. w a s sie le h re n w o llte n . E r h a lte n u r fe stg e sle llt.
Lebhaftigkeit all dessen, über die eindrucksvolle Klarheit und d a ß d e r T ra u m b o tsc h a fte r. d a e r e in e S tim m e ist. a ls p e rfe k te r
Folgerichtigkeit der Aussagen des Botschafters, daß ich es kaum M ittler zw ischen jener W ell und d er unseren d ient. Ich fand nun
erwarten konnte, Don Juan davon zu erzählen. Wie überrascht und h e ra u s, d a ß d e r T ra u m b o tsc h a fte r n ic h t n u r d ie S tim m e e in e s
verstört war ich. als er sich meinen Bericht nicht anhören wollte. L ehrers w ar. so nd ern auch d ie S tim m e eines hö chst geschickten
Er sagte es nicht direkt, aber ich hatte das Gefühl, daß er wohl V erkäufers. E r p ries m ir im m er w ied er, b ei jed em p assend en A n-
annahm, all dies sei nur Produkt meines Mich-Gehenlassens. la ß , d ie V o rte ile se in e r W e lt a n . A b e r e r le h rte m ic h a u c h u n -
»Warum verhältst du dich so zu mir?« fragte ich. »Bist du unzu- sc h ä tz b a re K e n n tn isse d e s T rä u m e n s. In d e m ic h ih m z u h ö rte ,
frieden mit mir?« lernte ich d ie V o rlieb e d er alten Z aub erer für ko nkrete P raktiken
»Nein, ich bin gar nicht unzufrieden mit dir«, sagte er. »Das Pro- verstehen.
blem ist nur. ich kann über diesen Aspekt deines Träumens nicht »U m p erfekt zu träum en, m uß t d u als erstes d einen inneren D ialo g
sprechen. In diesem Fall bist du ganz auf dich selbst gestellt. Ich ab stellen«, sagte er m ir einm al. »A m b esten gelingt d ir d ieses
sagte dir doch, daß die anorganischen Wesen real sind. Du wirst A b ste lle n , w e n n d u d ir e i n p a a r se c h s b is a c h t Z e n tim e te r la n g e
noch herausfinden, wie real sie sind. Aber was du aus dieser Fest- Q uarzkristalle oder ein paar g la tte , flache F lusskiesel zw ischen die
stellung machst, ist allein deine Sache. Eines Tages wirst du den F inger klem m st. K rüm m e d ie F inger und üb e leichten D ruck auf
Grund einsehen, warum ich mich heraushalten muß.« »Aber, d ie K ristalle o d er K iesel aus.«
kannst du mir denn überhaupt nichts zu diesem Traum sagen?« A uch E isenstifte w ären gut geeignet, sagte d er B o tschafter, w enn
beharrte ich. sie L änge und B reite d er F inger hallen. D er T rick b estand d arin,
»Ich kann nur soviel sagen, daß es kein Traum war. Es war eine w enigstens d rei so lcher flacher G egenständ e zw ischen d ie F inger
Reise ins Unbekannte. Eine notwendige Reise, darf ich wohl sa- b e id e r H ä n d e z u k le m m e n u n d e in e n b e in a h sc h m e rz h a fte n
gen, und eine durchaus persönliche.« D ru c k in d e n H ä n d e n z u e rz e u g e n . D ie se r D ru c k h a b e d ie so n -
Dann wechselte er das Thema und begann über andere Aspekte d e rb a re E ig e n sc h a ft, d e n in n e re n D ia lo g a b z u sle lle n . D e r
seiner Lehre zu sprechen. B o tsc h a fte r b ekannte seine V o rlieb e für Q uarzkristalle. S ie
Von diesem Tag an - trotz meiner Angst und Don Juans Weige- ergäb en die besten R esultate, sagte er, w enngleich m it einiger
rung, mir Ratschläge zu geben - machte ich regelmäßige Traum- Ü bung auch alles and ere geeignet w äre.
reisen in diese schaumartige Welt. Je besser es mir gelang, so In einem A ugenblick völliger S tille einzuschlafen garantiere einen
entdeckte ich bald, die Einzelheiten meiner Träume zu beobachten, p e rfe k te n Ü b e rg a n g in d a s T rä u m e n , sa g te d ie S tim m e . u n d e s
desto größer war meine Fähigkeit, die Scouts zu isolieren. Wenn garantiere auch eine S teigerung d er T raum -A ufm erksam keit.
ich bereit war. die Scouts als fremde Energie anzuerkennen, »T rä u m e r so llte n e in e n g o ld e n e n R in g tra g e n «, sa g te d e r
blieben sie eine Weile in meinem Wahrnehmungsfeld. Wenn ich B o tsc h a fte r ein and erm al, »vo rzugsw eise einen etw as eng
darüber hinaus bereit war. die Scouts zu quasi bekannten Objekten sitzend en R ing.«
zu machen, blieben sie noch länger, dabei radikal ihre Gestalt D a z u e rk lä rte d e r B o tsc h a fte r, d a ß e in so lc h e r R in g a ls B rü c k e
verändernd. Wenn ich ihnen aber folgte, indem ich laut meine d ienen kö nne, b eim W ied erauftauchen vo m T räum en in d ie all-
Absicht bekundete, mit ihnen zu gehen, dann versetzten die Scouts tägliche W elt o d er b eim E insinken aus unserem alltäglichen B e-
meine Traum-Aufmerksamkeit wahrhaftig in eine Well jenseits w uß theit ins R eich d er ano rganischen W esen. »W ie funktio niert
dessen, was ich mir normalerweise vorstellen kann. Don Juan hatte d iese B rücke? « fragte ich. D enn ich halle nicht verstand en, w o rum
gesagt, daß die anorganischen Wesen immer bereit sind, uns zu es ging.
lehren. Er hatte mir aber nicht gesagt, daß es das »D e r K o n ta k t d e r F in g e r m it d e m R in g b ild e t d e n B rü c k e n -
schlag«, sagte der B otschafter. »W enn e in T räum er in m eine W elt
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k o m m t u n d e in e n R in g trä g t, so z ie h t d ie se r R in g d ie E n e rg ie A lle s, w a s d ie S tim m e d e s B o tsc h a fte rs m ir o ft g e n u g w ie d e r-
m einer W elt an und hält sie gefangen. D iese E nergie versetzt den h o lte , e rfa sste ic h m it L e id e n sc h a ft u n d In te re sse . G e tre u D o n
T rä u m e r, w e n n n ö tig , w ie d e r z u rü c k in se in e W e lt, w o b e i d e r Juans R atschlag, b efo lgte ich seine A nw eisungen nur, w enn sie
R ing d ie E nergie in d ie F inger d es T räum ers ab gib t. A uch der sich auf das T räum en bezogen, und den W ert solcher B elehrungen
D ruck des R ings auf den F inger, den er um schließt, hilft m it, d ie konnte ich persönlich bestätigen. D ie w ichtigste Inform ation w ar
R ückkehr d es T räum ers in seine W elt zu gew ährleisten. E r g ib t fü r m ic h , d a ß d ie T ra u m -A u fm e rk sa m k e it a u s d e r G e g e n d d e s
ih m e in a n h a lte n d v e rtra u te s G e fü h l a m F in g e r.« W ährend einer G aum end achs ko m m t. M ühsam lernte ich d ann, b eim T räum en z u
and eren T raum sitzung sagte d er B o tschafter, d aß u n se re H a u t d a s sp ü re n , w ie ic h d ie Z u n g e n sp itz e g e g e n m e in G a u m e n d a c h
p e rfe k te W e rk z e u g se i, u m E n e rg ie w e lle n a u s d e m M o d u s d e r drückte. Sobald ich dies schaffte, gew ann m eine T raum -A ufm erk-
a lltä g lic h e n W e lt in d e n M o d u s d e r a n o rg a n ischen W esen zu sa m k e it e ig e n e s L e b e n u n d w u rd e , w e n n ic h so sa g e n d a rf,
transfo rm ieren, und um gekehrt. E r em p fahl m ir, m eine H aut sc h ä rfe r a ls m e in e n o rm a le A u fm e rk sa m k e it fü r d ie a lltä g lic h e
tro cken und frei vo n Ö len o d er P igm enten zu halten. A u c h e m p fa h l W elt.
e r, d ie T rä u m e r so llte n e in e n e n g e n G ü rte l, e in e K o p fb in d e o d e r U nschw er konnte ich erraten, w ie t i e f sich die a lte n Zauberer auf
e in H a lsb a n d tra g e n , u m e in e n D ru c k p u n k t z u sc h a ffe n , d e r a u f die anorganischen W esen eingelassen haben m ochten. D on Juans
d e r H a u t a ls Z e n tru m fü r d e n A u sta u sc h v o n E nergie d iene. D ie E rm ahnungen und W arnungen vor den G efahren solch einer V er-
H aut sei vo n N atur d azu geeignet, erklärte er, E n e rg ie strickung w urd en m ir w ichtiger d enn je. Ich gab m ir alle M ühe.
a b z u sc h irm e n ; e s k o m m e a b e r d a ra u f a n , d a ß d ie H a u t n ic h t n u r se in e n M a ß stä b e n d e r S e lb stp rü fu n g g e re c h t z u w e rd e n , o h n e
E n e rg ie a b sc h irm e , so n d e rn a u c h a u sta u sc h e - u n d z u d iesem m ich gehenzulassen. S o w urde die S tim m e des B otschafters, und
Z w eck b rauchten w ir nur b eim T räum en laut unsere A b sicht w a s sie sa g te , z u r g ro ß e n H e ra u sfo rd e ru n g fü r m ic h . Ic h m u sste
auszusprechen. um jeden P reis verm eiden, der V ersuchung des m ir vom B otschafte r
E ines T ages gab m ir die S tim m e des B otschafters einen fabelhaften v e rh e iß e n e n W isse n s n a c h z u g e b e n : u n d d a b e i w a r ic h g a n z allein
T ip . U m S chärfe und E xaktheit unserer T raum -A ufm erksam keit zu auf m ich selb st gestellt, w eil D o n Juan no ch im m er nicht b ereit
gew ährleisten, sagte er, m üß ten w ir sie vo n d er G aum enp latte w ar, sich m eine B erichte anzuhö ren. »G ib m ir doch w enigstens
herab ho len, w o b ei a l l e n M enschen ein gew altiger V o rrat an e i n e n F ingerzeig, w as ich tun sollte«, b e h a rrte ic h e in m a l, a ls ic h
A ufm erksam keit vo rhand en sei. Insb eso nd ere em p fahl er m ir eine d e n M u t a u fb ra c h te , i h n z u fra gen.
Ü bung, bei der es darum ging, die notw endige D isziplin und »D as kann ich n i c h t « , sagte er in end gültigem T o n. »U nd frage
K o ntro lle zu lernen, b eim T räum en d ie Z ungensp itze gegen d as m ich n ie w ieder. Ich habe d ir gesagt, daß T räum er in diesem F all
G aum endach zu drücken. D ies sei ebenso schw ierig und anstren- auf sich a lle in angewiesen sin d .«
g e n d , sa g te d e r B o tsc h a fte r, w ie d a s F in d e n d e r e ig e n e n H ä n d e im »A ber du w eißt ja gar n ic h t, w as ich dich fragen w o llte .« »O h.
T raum . D och w enn sie gelinge, führe diese Ü bung zu erstaunlic h e n doch, ich w eiß. D u m öchtest, daß ic h dir sage, es sei ganz in
R e su lta te n b e im K o n tro llie re n d e r T ra u m -A u fm e rk sa m keit. O rdnung, in einem dieser T unnel zu le b e n , und sei es nur aus dem
S o erhielt ich reichlich B elehrungen zu allen nur denkbaren T hem e n einen G rund, um zu erfahren, w orüber die S tim m e des B otschafters
- B e le h ru n g e n , d ie ic h so fo rt v e rg a ß , w e n n sie m ir n ic h t e n d lo s spricht.«
w ie d e rh o lt w u rd e n . Ic h b a t D o n Ju a n u m R a t, w ie ic h dieses G e n a u d ie s, m u sste ic h z u g e b e n , w a r m e in P ro b le m . Z u m in d e st
P roblem des V ergessens lösen solle. S ein K om m entar w ar so kurz, w o llte ic h w isse n , w a s e s m it d e r A u ssa g e a u f sic h h a t t e , m a n
w ie ich es erw artet hatte: »K onzentrie re d ic h n u r d a ra u f, w a s d e r kö nne in d iesen T unnels leb en.
B o tsc h a fte r ü b e r d a s T rä u m e n sagt«, m einte er. »A uch ich hab e d iesen K o nflikt d urchgem acht«, fuhr D o n Juan
fo rt, »u n d n ie m a n d k o n n te m ir h e lfe n , w e il d ie s e in e g a n z p e r-
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sö nliche und end gültige E ntscheid ung ist - eine end gültige E nt- In terp retatio n vo n S in n esd aten so rgfältig u m , o d er w ir geb en es
sc h e id u n g , d ie d u in d e m A u g e n b lic k triffst, d a d u d e n W u n sc h ganz auf.
a u ssp ric h st, in d ie se r W e lt z u le b e n . U m d ic h so w e it z u b rin g e n , U n se r In te rp re ta tio n ssy ste m u m z u stru k tu rie re n h ie ß fü r D o n
d a ß d u d ie se s V e rla n g e n a u ssp ric h st, w e rd e n d ie a n o rg a n isc h e n J u a n , d e sse n E rn e u e ru n g z u b e a b sic h tige n . U n d d a s b e d e u te te ,
W e se n a u c h d e in e n g e h e im ste n W ü n sc h e n n a c h k o m m en.« daß m an sich bew ußt und sorgfältig bem ühte, dessen K apazitäten
»D as ist w ahrhaft teuflisch. D o n Juan.« zu erw eitern . In d em d ie T räu m er in Ü b erein stim m u n g m it d em
»D as kann m an w ohl sagen. A ber nicht nur in dem Sinn, w ie du es W eg der Zauberer leben, sparen und speichern sie die notw endige
m einst. F ür dich liegt das T euflische darin, der V ersuchung nach- E n e rgie , u m ih r U rte il h in ta n z u ste lle n u n d so d ie b e a b sic h tigte
z u g e b e n - b e so n d e rs d a e s u m so g ro ß e B e lo h n u n g e n g e h t. F ü r U m strukturierung zu erm öglichen. W enn w ir uns dafür entschie-
m ich ist das R eich dieser anorganischen W esen deshalb eine teuf- d en , u n ser In terp retatio n ssystem zu ern eu ern , erklärte er. gerate
lische S ache, w eil es w om öglich die einzige Z uflucht sein könnte, die R ealität in B ew egung und die B andbreite dessen, w as real sein
d ie T räum er in einem feind seligen U niversum hab en.« »Ist es k a n n , w e rd e e rw e ite rt, o h n e d ie In te gritä t a lle r R e a litä t z u ge -
w irklich ein A syl für T räum er, D o n Juan? « »E in d e u tig , je d e n fa lls fä h rd e n . D a s T rä u m e n e rö ffn e t a lso ta tsä c h lic h d ie P fo rte z u
fü r m a n c h e T rä u m e r. N ic h t fü r m ic h . Ic h brauche keine S tützen an d eren A sp ekten vo n R ealität.
oder S chutzgeländer. Ich w eiß, w as ich bin. Ich bin allein in einem F alls w ir uns dafür entscheiden, unser S ystem aufzugeben, so er-
feindseligen U niversum , und ich habe gelernt zu sagen: S ei es w eitert sich d ie B an d b reite d essen , w as o h n e jed e In terp retatio n
d rum !« w ahrgenom m en w erden kann, ins U nerm essliche. U nser Zuw achs
D am it end ete unser G esp räch. E r hatte nicht gesagt, w as ich hö re n an W ahrnehm ung ist so gigantisch, daß uns nur noch sehr w enige
w o llte , u n d d o c h w u ß te ic h . d a ß sc h o n d a s V e rla n g e n , z u Instrum ente zur Interpretation unserer Sinnesdaten bleiben - und
erfahren, w ie es w äre, in solch einem T unnel zu le b e n , beinah eine som it ein irreales G efühl grenzenloser R ealität oder einer unend-
E n tsc h e id u n g fü r d ie se L e b e n sfo rm b e d e u te te . A n so e tw a s w a r lic h e n I r r e a l i t ä t , d ie se h r w o h l re a l se in k ö n n te , e s a b e r n ic h t ist.
ich nicht interessiert. U nd so entschlo ss ich m ich, m eine T raum - Für m ich w ar der einzig akzeptable W eg, m ein Interpretationssy-
übungen fortzusetzen, ohne m ich auf w eitere K onsequenzen ein- ste m z u e rn e u e rn u n d z u e rw e ite rn . W e n n i c h v o m R e ic h d e r
z u la sse n . S o fo rt b e ric h te te ic h D o n Ju a n v o n m e in e m E n tschluß. a n o rga n isc h e n W e se n trä u m te , b e ge gn e te ic h - v o n T ra u m z u
»S a g e n o c h n ic h ts«, rie t e r m ir. »A b e r b e g re ife , d a ß d e in e E n t- T ra u m - im m e r w ie d e r d e r K o n siste n z d ie se r W e lt, o b ic h d ie
sc h e id u n g , fa lls d u b le ib e n w i l l s t , e n d g ü ltig ist. D u w irst fü r Scouts isolierte, der Stim m e des T raum botschafters lauschte oder
im m er dort bleiben.« m ich durch die T unnel bew egte. Ich ging oder schw ebte durch sie
E s ist m ir unm ö glich, o b jektiv zu b eurteilen, w as d ie unzähligen hindurch, ohne etw as zu f ü h l e n , und w ar m ir doch bew ußt. daß
M a le , d ie ic h v o n d ie se r W e lt trä u m te , e ig e n tlic h sta ttfa n d . Ic h R au m u n d Z eit ko n stan t w aren , w en n au ch n ich t in ein em u n ter
kann nur sagen, daß dies anscheinend eine W elt w ar, so r e a l, w ie norm alen U m ständen rational f e s t s t e l l b a r e n Sinn. A ber w enn ich
ein T raum nur sein kann. O der ich könnte sagen, daß sie so real zu U nterschiede zw ischen diesen T unneln bem erkte, e in Fehlen oder
se in sc h ie n w ie u n se re a lltä g lic h e W e lt. V o n d ie se r W e lt trä u - ein Ü berm aß an D etails, oder w enn ich die D istanz zw ischen den
m e n d , w u rd e m ir b e w u ß t. w a s D o n Ju a n so o ft z u m ir g e sa g t T u n n e ln e m p fa n d o d e r d ie sc h e in b a re L ä n ge o d e r B re ite e in e s
hatte: d aß d ie W irklichkeit unter d em E influss d es T räum ens eine jed en T u n n els verm erkte, d u rch d en ich m ich b ew egte, so h atte
M etam orphose durchm acht. Ich sah m ich also vor zw ei A lternativen ich doch ein G efühl objektiver B eobachtung. D ie n ach h altigste
gestellt, zw ischen denen. D on Juan zufolge, alle T räum er sich F o lge d ieser U m stru ktu rieru n g m ein es In terpretationssystem s w ar
entscheiden m üssen: entw eder strukturieren w ir unser S ystem zur für m ich die E rkenntnis, in w elcher B eziehung ich zur W elt der
anorganischen W esen stand. In dieser W elt,
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die für mich Realität hatte, war ich ein Tropfen Energie. So konnte Wesen dieser Sphäre. Die anorganischen Wesen hüllen sich in
ich durch die Tunnel flitzen wie ein rasch bewegtes Licht, oder ich Geheimnis und Dunkelheit. Denk nur an ihre Welt: statisch und
konnte wie ein Insekt über ihre Wände kriechen. Wenn ich flog, geeignet, uns anzuziehen wie Licht oder Feuer die Motten. Aber
gab eine Stimme mir nicht willkürliche, sondern zusam- da ist noch etwas, was der Botschafter dir bislang nicht zu sagen
menhängende Informationen über Details an den Wänden, auf die wagte: daß die anorganischen Wesen es auf unser Bewußtsein
ich meine Traum-Aufmerksamkeit gerichtet hatte. Diese Details abgesehen haben, auf das Bewusstsein jedes Lebewesens, das ihnen
waren komplizierte Protuberanzen, ähnlich wie die Zeichen der ins Netz geht, Sie schenken uns Wissen, aber sie fordern eine
Braille-Schrift. Wenn ich über die Wände kroch, sah ich dieselben Zahlung: unser ganzes Sein.«
Details viel genauer und hörte, wie die Stimme mir komplexere »Meinst du, Don Juan, die anorganischen Wesen sind wie Fi-
Erläuterungen gab. scher?«
Die unvermeidliche Folge war. daß sich bei mir eine doppelte »Genau. Irgendwann wird der Botschafter dir Menschen zeigen,
Haltung entwickelte. Einerseits wußte ich. daß ich einen Traum die sich dort verfangen haben, und andere, nicht-menschliche
träumte. Andererseits wußte ich. daß ich eine praktische Reise Wesen, die ebenfalls dort gefangen sind.« Eigentlich hätte ich mit
unternahm, ebenso real wie jede Reise in dieser Welt. Diese un- Furcht oder Abscheu reagieren sollen. Don Juans Enthüllungen
willkürliche Spaltung bestätigte mir, was Don Juan gesagt hatte: hatten große Wirkung auf mich, aber nur im Sinn einer
daß die Existenz anorganischer Wesen der schwerste Angriff auf unbeherrschbaren Neugier. Beinah hechelte ich vor Erwartung.
unsere Rationalität ist. »Die anorganischen Wesen können niemanden zwingen, bei ihnen
Erst nachdem ich wirklich mein Urteil hintanstellen konnte, fand zu bleiben«, fuhr Don Juan fort. »In ihrer Welt zu leben, ist
ich Erleichterung. Zu einer Zeit, als die Spannungen meiner un- freiwillig. Wohl aber können sie jeden von uns gefangennehmen,
haltbaren Lage - meine ernsthafte Überzeugung von der nach- indem sie unsere Wünsche erfüllen, uns verwöhnen und uns gefällig
prüfbaren Existenz anorganischer Wesen, während ich ebenso sind. Hüte dich vor einem Bewusstsein, das unbeweglich ist. Ein
ernsthaft glaubte, es sei nur ein Traum - mich zu vernichten drohten, solches Bewusstsein sucht zwangsläufig nach Bewegung, und dies
trat eine drastische Änderung meiner Haltung ein, ohne daß ich sie tut es, wie ich dir sagte, indem es Projektionen erzeugt, manchmal
von mir aus gewünscht hätte. phantasmagorische Projektionen.« Ich bat Don Juan, mir zu
Don Juan behauptete, daß mein Energiepegel, der stetig gestiegen erklären, was er unter phantasmagorischen Projektionen verstand.
sei, eines Tages eine Schwelle erreicht habe, was mir erlaubte. alle Er sagte, daß die anorganischen Wesen sich an die innersten
Annahmen und Vorurteile über das Wesen von Mensch, Realität Gefühle der Träumer heften und erbarmungslos mit ihnen spielen.
und Wahrnehmung aufzugeben. An diesem Tag habe ich mich in Sie schaffen Phantome, um die Träumer zu erfreuen oder zu
das Wissen verliebt, ganz unabhängig von dessen Logik oder erschrecken. Und er erinnerte mich daran, daß ich selbst mit einem
praktischem Nutzen - und vor allem ohne Rücksicht auf meine dieser Phantome gerungen hatte. Die anorganischen Wesen,
persönliche Annehmlichkeit. erklärte er, seien hervorragende Projektionskünstler, denen es
Als meine objektive Untersuchung über die anorganischen Wesen Freude mache, sich wie Bilder an die Wand zu projizieren.
mir schon nichts mehr bedeutete, brachte Don Juan von sich aus »Die alten Zauberer scheiterten an ihrem törichten Vertrauen zu
die Sprache auf meine Traumreisen in diese Welt. Er sagte: »Ich solchen Projektionen«, fuhr er fort. »Die alten Zauberer glaubten,
glaube, du bist dir gar nicht bewußt. daß du regelmäßige Begeg- daß ihre Verbündeten Macht hätten. Sie übersahen die Tatsache,
nungen mit anorganischen Wesen hast.« daß ihre Verbündeten nur hauchfeine Energie waren, über Welten
Er hatte recht. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Ich war selbst hinwegprojiziert wie in einem kosmischen Film.«
verwundert über mein Versehen. »Es ist kein Versehen«, sagte er.
»Geheimniskrämerei liegt im 109

108
»Du widersprichst dir selbst, Don Juan. Sagtest du nicht, daß die se n k ö n n e , se i d e r K a m p f, d ie K o n fro n ta tio n a u f L e b e n u n d Tod.
anorganischen Wesen real sind? Jetzt behauptest du, sie wären »D as B ew usstsein d er Z aub erer w ächst, w enn sie träum en«, fuhr
bloße Bilder.« e r fo rt. »U n d im se lb e n M o m e n t, d a e s w ä c h st, e rk e n n t irg e n d
»Ich wollte sagen, daß die anorganischen Wesen in unserer Welt etw as d o rt d rauß en d ieses W achstum und b eginnt es zu um w erb e n .
wie bewegte, auf eine Leinwand projizierte Bilder sind: und ich D ie a n o rg a n isc h e n W e se n sin d W e rb e r u m d ie se s n e u e ,
kann sogar hinzufügen, daß sie wie bewegte Bilder einer verdünnten gesteigerte B ew uß tsein. D ie T räum er m üssen ihr L eb en lang auf
Energie sind, die über die Grenzen zweier Welten hinweg der H ut sein. S ie sind eine leichte B eute, sobald sie sich in dieses
projiziert werden.« räuberische U niversum hinausw agen.«
»Was aber sind die anorganischen Wesen in ihrer Welt? Sind sie »W a s m e in st d u . D o n Ju a n , so llte ic h tu n , u m m ic h z u sc h ü t-
ebenfalls wie bewegte Bilder?« zen?«
»Keineswegs. Diese Welt ist ebenso real wie unsere. Die alten »S ei auf der H ut, jede S ekunde! L aß nichts und niem and für dich
Zauberer stellten sich die Welt der anorganischen Wesen als eine entscheiden. G eh nur dann in die W elt der anorganischen W esen,
Ansammlung von Poren und Höhlen vor, schwebend irgendwo an w enn du selbst es w illst.«
einem dunklen Ort. Und die anorganischen Wesen stellten sie dar »E hrlich, D on Juan, ich w eiß nicht, w ie ich das tun sollte. S obald
als hohle Rohre, zusammengefügt wie die Zellen unseres Körpers. ic h e in e n S c o u t iso lie rt h a b e , e rfa sst m ic h e in u n g e h e u re r S o g ,
Dieses gewaltige Bündel nannten die alten Zauberer das Labyrinth w eiterzugehen. B ei G o tt, ich hab e keine C hance, m ich and ers zu
der Halbschatten.« besinnen.«
»Sieht also jeder Träumer diese Welt auf die gleiche Weise?« »Ja, »A c h , k o m m ! W illst d u m ic h a u f d e n A rm n e h m e n ? N a tü rlic h
natürlich. Jeder Träumer sieht sie, wie sie ist. Hältst du dich etwa kannst d u d ich w id ersetzen. D u hast es nur no ch nicht versucht,
für einzigartig?« das ist's.«
Ich musste gestehen, daß irgend etwas an dieser Welt mir immer Ich beharrte aber ernstlich darauf, daß es m ir unm öglich sei. m ich zu
schon das Gefühl vermittelt hatte, als sei ich einzigartig. Was aber w id ersetzen. E r w o llte nicht w eiter auf d as T hem a eingehen, und
dieses komische, höchst angenehme Gefühl von Exklusivität her- ich w ar ganz dankbar dafür. M ich plagte inzw ischen ein quälend es
vorrief, war nicht die Stimme des Traumbotschafters, auch nichts S chuld gefühl. D enn aus irgend einem G rund w ar m ir d er
anderes, was ich mir bewußt vorstellen konnte. »Genau dies G e d a n k e , m ic h d e m S o g d e r S c o u ts z u w id e rse tz e n , n i e in d e n
verwirrte die alten Zauberer«, sagte Don Juan. »Die anorganischen Sinn gekom m en.
Wesen machten es mit ihnen genauso wie jetzt mit dir. Sie D o n Juan b ehielt recht. w ie im m er. D enn ich stellte fest, d aß ich
vermittelten ihnen das Gefühl, einzigartig und exklusiv zu sein. Und d ie R ic h tu n g m e in e s T rä u m e n s v e rä n d e rn k o n n te , in d e m ic h
noch ein gefährlicheres Gefühl gaben sie ihnen: das Gefühl, Macht d e sse n R ic h tu n g b e a b sic h tig te . Im m e rh in h a tte ic h ja
zu haben. Macht und Einzigartigkeit sind unübertroffen als b e a b sic h tig t, d a ß d ie S c o u ts m ic h in ih re W e lt v e rse tz te n . W e n n
korrumpierende Kräfte. Sei auf der Hut!« »Wie hast du selbst ic h nun bew ußt das G egenteil beabsichtigte, so w ar es doch
diese Gefahr vermieden, Don Juan?« »Ich bin einige Male in dieser m öglich, daß m ein T räum en die entgegengesetzte R ichtung nehm en
Welt gewesen, und dann nie wieder.« w ürde.
Nach Meinung der Zauberer, erklärte Don Juan, sei das Universum M it einiger Ü bung gelang es m ir im m er zuverlässiger, m eine R eisen
gefährlich wie ein Raubtier, und mehr als sonst jemand müßten in das R eich der anorganischen W esen zu beabsichtigen. D ie
die Zauberer diesen Umstand bei ihren täglichen Aktivitäten gesteigerte F ähigkeit, dies zu beabsichtigen, bew irkte bei m ir eine
berücksichtigen. Er war überzeugt, daß das Bewusstsein an sich b e sse re K o n tro lle ü b e r m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it. D ie se r
auf Wachstum angelegt sei, und die einzige Art. wie es wach- Z u w a c h s a n K o n tro lle m a c h te m ic h w a g e m u tig e r. Ic h g la u b te ,

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straflos solche R eisen unternehm en zu können, w eil ich die R eise sie rte n . D a b e i w a r se in e Ü b e rle g u n g ric h tig , g e le ite t v o n d e r
anhalten konnte, w ann im m er ich w ollte. E rkenntnis d er Z aub erer, d aß d as U niversum vo rw iegend w eib lic h
»D ein S elbstvertrauen ist unheim lich«, bem erkte D on Juan, als ist u n d d a ß M ä n n lic h k e it, a ls A b le g e r d e r W e ib lic h k e it, ziem lich
ich ihm - auf seine B itte - von diesem neuen A spekt m einer kon- selten und d aher b egehrt ist.
trollierten T raum -A ufm erksam keit berichtete. »W ieso ist es K u rz a b sc h w e ife n d , m e in te D o n Ju a n , d a ß d ie se S e lte n h e it d e s
unheim lich?« fragte ich. D enn ich w ar tief überzeugt vom m ä n n lic h e n P rin z ip s v ie lle ic h t d e r G ru n d fü r d ie u n g e re c h tfe r-
praktischen W ert m einer E ntdeckung. »W eil es d as tigte V o rherrschaft d er M änner auf unserem P laneten sei. D ieses
S elb stvertrau en ein es N arren ist«, sag te er. »Ich w erde dir, T hem a interessierte m ich, und ich w ollte dabei verw eilen, doch er
hierzu passend, eine Z auberer-G eschichte erzählen. Ich habe sie fuhr m it seiner G eschichte fo rt. D er N agual R o send o hab e näm lich
nicht selbst erlebt, sondern der Lehrer m eines Lehrers, der N agual den V orsatz gehabt, sagte er. E lias und A m alia ausschließlich im
E lias.« Z ustand der zw eiten A ufm erksam keit zu unterrichten. U nd zu
U nd D on Juan erzählte m ir, w ie der N agual E lias und die Liebe d iesem Z w eck b efo lgte er d ie vo rgeschrieb ene T echnik d er alten
seines L ebens, eine Z auberin nam ens A m alia, sich in ihrer Ju- Z auberer. E r verpflichtete im T raum einen S cout und befahl die-
gend in die W elt der anorganischen W esen verirrten. N och nie se m , se in e S c h ü le r in d ie z w e ite A u fm e rk sa m k e it z u v e rse tz e n ,
hatte ich D on Juan davon sprechen hören, daß Z auberer für ein- indem er ihre M ontagepunkte in die entsprechende P osition ver-
an d er d ie »L ieb e ih res L eb en s« sein k ö n n ten . D iese A u ssag e schob.
verblüffte m ich. Ich m achte ihn auf den W iderspruch aufm erk- T heoretisch hätte ein m ächtiger S cout i h r e n M ontagepunkt ganz
sam. m ühelos in die richtige P osition verschieben können. W as der N agual
»E s ist gar kein W iderspruch. Ich habe nur bislang darauf verzichtet, R osendo aber nicht bedachte. w ar die L ist der anorganischen W esen.
d ir G esch ich ten ü b er d ie L ieb e d er Z au b erer zu erzäh len «, sagte W o hl verscho b d er S co ut d ie M o ntagep unkte d er b eid en S c h ü le r,
er. »D u bist dein Leben lang so in Liebe geschw om m en, daß ich dir a b e r e r v e rsc h o b sie in e in e P o sitio n , a u s d e r e s g a n z leicht w ar,
eine P ause gönnen w ollte. N un also, der N agual E lias und die sie kö rp erlich in d as R eich d er ano rganischen W esen zu
L iebe seines L ebens, die H exe A m alia, verirrten sich in die W elt transp o rtieren.
der anorganischen W esen«, fuhr D on Juan fort. »Sie gingen nicht »Ist es d enn m ö glich, sich kö rp erlich transp o rtieren zu lassen? «
träum end dorthin, sondern m it ihrem physischen K örper.« fragte ich.
»W ie konnte das geschehen. D on Juan?« »E s ist m öglich«, versicherte er m ir. »W ir sind E nergie, die durch
»Ih r L eh rer, d er N ag u al R o sen d o , stan d in T em p eram en t u n d die F ixierung des M ontagepunkts an einem O rt in einer bestim m te n
P raxis den alten Z auberern sehr nah. E r hatte die A bsicht. E lias F o rm u n d P o sitio n g e h a lte n w ird . W e n n d ie se r O rt sic h
u n d A m a lia z u h e lfe n , a b e r sta tt d e sse n stie ß e r sie ü b e r e in e veränd ert, w erd en F o rm und P o sitio n sich entsp rechend verän-
tödliche G renze hinw eg. A n solch eine G renzüberschreitung hatte dern. D ie anorganischen W esen brauchen nur unseren M ontage-
der N agual R osendo nicht gedacht. E r w ollte seine beiden punkt an den richtigen O rt zu verschieben - und schon fliegen w ir
S ch ü ler n u r in d ie zw eite A u fm erk sam k eit versetzen , ab er d ie lo s w ie eine R akete, m it S chuhen, H ut und allem .« »K ann d as
Folge w ar ih r V erschw inden.« jed em vo n uns p assieren, D o n Juan? « »G anz gew iß. B esonders
D on Juan m einte, er w olle nicht auf alle E inzelheiten dieser langen w enn der G esam tbetrag unserer E nergie ric h tig ist. O ffe n b a r w a r
und kom plizierten G eschichte eingehen und m ir nur erzählen , w ie d e r G e sa m tb e tra g d e r k o m b in ie rte n E nergie von E lias und A m alia
sie sich in d ieser W elt verirrten . D er N ag u al R o sen d o h atte sich etw as, das die anorganischen W ese n n ic h t ü b e rse h e n k o n n te n . E s
n äm lich verrech n et, sag te er, als er an n ah m , d aß d ie ist a b su rd , d e n a n o rg a n isc h e n W esen zu vertrauen. S ie hab en
anorganischen W esen sich nicht im m indesten für Frauen interes- ihren eigenen R hythm us, und es ist kein m enschlicher.«
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Ich fragte D o n Juan, w as genau d er N agual R o send o getan hab e, 6. Die Welt der Schatten
um seine S chüler in diese W elt zu schicken. Ich w ußte, w ie dum m es
vo n m ir w ar, üb erhaup t zu fragen, d enn er w ürd e m eine F rage
igno rieren. D arum w ar ich w irklich üb errascht, als er zu erzählen
anfing.
»D ie S chritte d azu sind ganz einfach«, sagte er. »R o send o steckte
seine S chüler in eine sehr kleine, ab geschlo ssene K am m er, so etw as
w ie einen S chrank. D ann versenkte er sich ins T räum en und rief »D u m uß t grö ß te V o rsicht w alten lassen, d enn d u b ist in G efahr,
einen S co ut aus d em R eich d er ano rganischen W esen herb ei, ind em d en ano rganischen W esen zum O p fer zu fallen«, sagte D o n Juan
er seine A b sicht aussp rach, einen zu b eko m m en; und d ann ä u ß e rte ganz unerw artet, nachdem w ir uns über etw as unterhalten hatten,
e r d ie A b sic h t, se in e S c h ü le r d e m S c o u t z u ü b e ra n tw o rten. D er d as m it d em T räum en gar nichts zu tun hatte. Seine W orte
S co ut akzep tierte natürlich d as G eschenk und trug sie in e in e m erschreckten m ich. W ie im m er versuchte ich m ich zu rechtfertigen.
u n b e w a c h te n A u g e n b lic k d a v o n , w ä h re n d sie sic h g e ra d e in »D u m ußt m ich nicht w arnen, ich bin sehr vorsichtig«, b eteuerte
d ie se m S c h ra n k lie b te n . A ls d e r N a g u a l d e n S c h ra n k a u fsp e rrte , ich ihm .
w a re n sie n ic h t m e h r d a .« »D ie a n o rg a n isc h e n W e se n fü h re n e tw a s im S c h ild e «, sa g te e r.
G enau d ies sei b ei d en alten Z aub erern d er B rauch gew esen, er- »Ich spüre es, und ich kann m ich nicht dam it abfinden und sagen,
k lä rte D o n Ju a n , n ä m lic h d ie S c h ü le r d e n a n o rg a n isc h e n W e se n d a ß sie u n s ja v o n A n fa n g a n F a lle n ste lle n u n d so v e rsu c h e n ,
als G ab e d arzub ringen. D ies hab e d er N agual R o send o nicht vo r- unb eho lfene T räum er w irksam und für im m er auszuschalten.« S o
gehab t, d o ch er ließ sich vo n seiner ab surd en Ü b erzeugung hin- eindringlich sprach er zu m ir, daß ich ihm sofort beteuerte, ich hätte
re iß e n , e r h a b e d ie a n o rg a n isc h e n W e se n u n te r K o n tro lle . »D ie keinesw egs d ie A b sicht, in eine F alle zu tap p en. »D u d a rfst n ic h t
M a n ö v e r d e r Z a u b e re r sin d le b e n sg e fä h rlic h «, fu h r D o n Ju a n fo rt. v e rg e sse n , d a ß d ie a n o rg a n isc h e n W e se n ü b e r ganz erstaunliche
»Ic h b e sc h w ö re d ic h , se i g a n z a u ß e ro rd e n tlic h a u f d e r H u t. H ü te M ittel verfügen«, fuhr er fort. »Ihre B ew ußtheit ist enorm .
d ic h v o r a lle m v o r tö ric h te m S e lb stv e rtra u e n .« »W a s g e sc h a h V erglichen dam it sind w ir nur K inder; und zw ar K inder m it viel
sc h lie ß lic h m it d e m N a g u a l E lia s u n d A m a lia ? « fragte ich. E nergie, auf d ie es d ie ano rganischen W esen ab gesehen haben.«
»D er N agual R o send o m usste sich kö rp erlich in d iese W elt b egeb e n In ab straktem S inn, so sagte ich ihm , verstand ich seinen S tand -
u n d sie su c h e n «, a n tw o rte te e r. »F and er sie?« punkt und seine B esorgnis durchaus: aber konkret h ie lt ich seine
»Ja , e r fa n d sie , n a c h u n sä g lic h e n M ü h e n . D o c h e r k o n n te sie W arnung d enno ch für unb erechtigt, w eil ich m eine T raum üb ungen
n ic h t g a n z h e ra u sh o le n . D a ru m b lie b e n d ie b e id e n ju n g e n L e u te gut unter K o ntro lle hätte.
im m er halb G efangene d ieses R eiches.« »K a n n te st d u sie , D o n D a ra u f fo lg te e in lä n g e re s, u n b e h a g lic h e s S c h w e ig e n , b is D o n
Ju a n ? « Juan w eitersp rach. E r w echselte ab er d as T hem a und m einte, er
»N a tü rlic h k a n n te ic h sie , u n d ic h v e rsic h e re d ir, sie w a re n se h r m üsse m ich auf e in sehr w ichtiges P roblem seiner T raum -U nter-
so nd erb ar.« w eisung aufm erksam m achen - ein P ro b lem , d as m ir no ch nicht
bew ußt gew orden sei.
»D u h a st n u n v e rsta n d e n , d a ß d ie P fo rte n d e s T rä u m e n s sp e z i-
fisc h e H in d e rn isse sin d «, sa g te e r. »A b e r d u h a st n o c h n ic h t
v e rsta n d e n , d a ß d ie Ü b u n g e n , d ie d ir a u fg e g e b e n sin d , u m e in e
P fo rte z u e rre ic h e n u n d z u d u rc h sc h re ite n , e ig e n tlic h g a r n ic h ts
m it d ieser P fo rte zu tun hab en.«
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»Damit kann ich nichts anfangen, Don Juan.« »Nun, ich meine Zauberer sei, auch nach deren Spielregeln gespielt werden. Und
damit, daß es falsch wäre zu sagen, die zweite Traumpforte sei für die zweite Pforte gelle eine Regel, bestehend aus drei Schrillen:
erreicht und durchschritten, sobald der Träumer gelernt hat, in zuerst müßten die Träumer, indem sie das Wechseln der
einem anderen Traum aufzuwachen, oder sobald er lernt, die Träume üblen, die Scouts zu isolieren lernen, zweitens müßten sie
Träume zu wechseln, ohne in der alltäglichen Welt zu erwachen.« den Scouts folgen, um in ein anderes Universum zu gelangen; und
»Warum ist es falsch, Don Juan?« drittens müßten die Träumer in diesem Universum - allein auf
»Weil die zweite Pforte des Träumens erst dann erreicht und sich gestellt, und durch ihre Taten dort - die in diesem Universum
durchschritten ist, wenn der Träumer gelernt hat, die Scouts fremder geltenden Gesetze und Regeln entdecken.
Energie zu isolieren und ihnen zu folgen.« »Warum wird das Und nun meinte Don Juan, daß ich, bei meinen Begegnungen mit
Wechseln der Träume dann überhaupt gelehrt?« fragte ich. den anorganischen Wesen, diese Regeln so gut befolgt halle, daß er
»Das Erwachen in einem anderen Traum, oder das Wechseln der die katastrophalsten Konsequenzen befürchten müsse. Es wäre
Träume, ist ein Training, ein Drill, von den alten Zauberern er- unvermeidlich, sagte er, daß diese Wesen jetzt versuchen würden,
sonnen zur Schulung der Fähigkeit eines Träumers, einen Scout mich in ihrer Well festzuhalten.
zu isolieren und ihm zu folgen.« »Findest du nicht, Don Juan, du übertreibst ein wenig?« sagte ich.
Einem Scout zu folgen sei eine hohe Leistung, erklärte nun Don Denn so schwarz, wie er mir das Bild ausmalte, konnte ich es mir
Juan. Sobald einem Träumer dies gelungen sei, werde die zweite nicht vorstellen.
Pforte aufgestoßen, und er könne eintreten in das Universum hinter »Oh, nein, ich übertreibe nicht«, sagte er gelassen und ernst. »Du
dieser Pforte. Dieses Universum sei immer vorhanden, sagte er, wirst sehen. Die anorganischen Wesen lassen uns nicht mehr los.
aber wir könnten nicht eintreten, weil es uns an Energie und Nicht ohne wirklichen Kampf.«
Tapferkeil fehle. Die zweite Pforte des Träumens sei vor allem ein »Wieso aber nimmst du an, daß sie es auf mich abgesehen hal-
Tor zur Well der anorganischen Wesen, und der Schlüssel zu diesem ten?«
Tor sei das Träumen. »Sie haben dir bereits zu vieles gezeigt. Glaubst du wirklich, sie
»Kann der Träumer einen Scout direkt isolieren, ohne sich dem würden sich solche Mühe machen, nur um sich zu amüsieren?«
Drill des Träume-Wechselns zu unterziehen?« fragte ich. »Oh, Don Juan lachte über seine eigene Bemerkung. Ich fand sie gar
nein«, sagte er. »Der Drill des Träume-Wechselns ist sehr nicht komisch. Eine sonderbare Furcht beschlich mich, und ich
wichtig. Fragt sich nur, ob dies der einzig mögliche Drill ist. Oder fragte ihn, ob er glaube, ich sollte meine Traumübungen ausset-
könnte ein Träumer auch einen anderen Drill absolvieren?« Don zen oder sogar abbrechen.
Juan sah mich fragend an. Mir schien, als erwarte er tatsächlich von »Du mußt dein Träumen fortsetzen, bis du durch das Universum
mir eine Antwort. »Es wäre schwierig, sich einen besser geeigneten hinter der zweiten Pforte hindurchgegangen bist«, sagte er. »Und
Drill auszudenken, als die alten Zauberer ihn erfanden«, sagte ich, ich meine, du allein mußt die Lockung der anorganischen Wesen
ohne zu wissen warum, aber mit unabweisbarer Überzeugung. annehmen oder zurückweisen. Das ist auch der Grund, warum ich
Dies sei ganz richtig, gestand Don Juan. Aber die alten Zauberer mich zurückhalle und kaum etwas zu deinen Traumübungen sagen
hallen eine ganze Reihe solcher Drill-Methoden erfunden, sagte kann.«
er, die es dem Träumer ermöglichten, durch die Pforten des Träu- Ich mußte gestehen, daß ich mich schon gefragt halle, warum er
mens in die dahinterliegenden Welten einzutreten. Das Träumen bei der Erläuterung anderer Aspekte seines Wissens so großzügig
müsse jedoch, wiederholte er, weil es eine Erfindung der allen war - und so kurz angebunden beim Träumen. »Ich mußte dich das
Träumen lehren«, sagte er, »nur weil dies die Regel ist, die die alten
Zauberer aufgestellt haben. Der Pfad des
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T räum ens ist voller F allgruben. O b m an diese F allen aber m eidet »W eißt du denn im einzelnen, w as ich tun und w as ich verm eiden
o d er hineintap p t, ist d ie ganz p ersö nliche und ind ivid uelle E nt- sollte?«
scheidung eines jeden T räum ers - und, so darf ich hinzufügen, es ist »N e in , d a s n ic h t. Ic h w e iß n u r, d a ß d a s U n iv e rsu m je n se its d e r
eine endgültige E ntscheidung.« zw eiten P forte dem unseren am ähnlichsten ist; und unser U niversu m
»S ind solche F allgruben eine F olge der K apitulation vor S chm ei- ist ziem lich grau sam u n d h erzlo s. A lso kö n n en d ie b eid en nicht
cheleien o d er V erheiß ungen d er M acht? « »N icht nur d er so verschieden sein.«
K ap itulatio n vo r d iesen D ingen, so nd ern d er K apitulation vor Ic h b e d rä n gte ih n d e n n o c h , m ir z u sa ge n , w a s m ir b e v o rsta n d .
allem , w as die anorganischen W esen uns anbieten. Ü ber einen U nd er beharrte darauf, daß er als Z auberer eine allgem eine G efah r
gew issen P unkt hinaus ist es Z auberern ganz unm öglich, irgend ein sp ü re, m ir ab er n ich ts G en au eres sagen kö n n e. »D as U niversum
A ngeb o t vo n ihnen anzunehm en.« »U nd w as ist d ieser gew isse der anorganischen W esen ist im m er zum A ngriff b ereit«, fu h r er
P unkt, D o n Juan? « »D ieser P unkt ist vo n jed em einzelnen fo rt. »D o ch u n ser eigen es U n iversu m eb en falls. D arum m ußt du,
ab hängig. F ür jed en vo n u n s k o m m t e s d a ra u f a n , v o n d ie se r W e lt w enn du dich in ihre Sphäre vorw agst, genauso v o rsic h tig se in , a ls
n u r d a s a n z u n e h m e n , w as w ir b rauchen, und nicht m ehr. Z u b e w e gte st d u d ic h z w isc h e n S c h ü tz e n grä ben.«
w issen, w as sie b rauchen, ist e in e K u n st d e r Z a u b e re r; a b e r n u r »G la u b st d u , D o n J u a n , d a ß T rä u m e r im m e r A n gst v o r d ie se r
d a s z u n e h m e n , w a s sie brauchen, ist ihre höchste L eistung. D iese W elt haben sollten?«
einfache R egel nicht zu b egreifen, ist d as sicherste M ittel, um in »N ein, das glaube ich nicht. Sobald ein T räum er durch das U ni-
eine F allgrub e zu stürzen.« v e rsu m h in te r d e r z w e ite n P fo rte h in d u rc h ge ga n ge n ist, o d e r
»W as geschieht, w enn m an stürzt, D o n Juan? « »W enn m an stürzt, so b ald er d ieses U n iversu m als m ö glich e A ltern ative ab geleh n t
zahlt m an den P reis. U nd der P reis richtet sich nach den jew eiligen h at, gib t es kein e P ro b lem e m eh r.«
B edingungen und nach der T iefe des S turzes. A ber eigentlich N u r d a n n , b e to n te D o n J u a n , se i e s T rä u m e rn e rla u b t, w e ite r
brauchen w ir über solche M öglichkeiten gar nicht zu sp rechen, d enn voranzugehen. Ich w ußte nicht recht, w as er dam it sagen w ollte.
hier geht es nicht um B estrafung. H ier geht es um E nergieströ m e - U nd er erklärte, daß das U niversum jenseits der zw eiten P forte so
und zw ar E nergieströ m e, d ie B ed ingungen schaffen können, m ächtig und aggressiv sei, daß es als natürliche Selektion dienen
schrecklicher als der T od. A lles auf dem P fad der Zauberer ist eine k ö n n e , a ls P rü fsta n d so z u sa ge n , w o d ie T rä u m e r a u f je d e ih re r
Frage auf Leben und T od; auf dem P fad des T räum ens aber verschärft S chw ächen getestet w ürden. F alls sie die T ests überlebten, könnten
sich diese O ption noch hundertfältig.« Ich versicherte D on Juan, daß sie voranschreiten zur nächsten P forte; falls nicht, blieben sie für
ich bei m einen T raum übungen stets höchste V orsicht w alten ließ im m er gefangen in diesem U niversum .
und daß ich äußerst diszipliniert und gew issenhaft sei. E s w ü rgte m ic h b e in a h v o r A n gst, a b e r so se h r ic h D o n J u a n
»D as w eiß ich«, sagte er, »aber du m ußt noch disziplinierter sein b ed rän gte, w o llte er m ir n ich ts w eiter zu d iesem T h em a sagen .
und alles, w as m it dem T räum en zusam m enhängt, m it G lacehand- W ieder zu H ause, fuhr ich fort m it m einen R eisen in die W elt der
schuhen anfassen. S ei vor allem w achsam . Ich kann nicht vorher- anorganischen W esen - aber ich w ar sehr vorsichtig. D iese V or-
sagen, w oher der A ngriff kom m en w ird.« » S ieh st d u d e n n , a ls sich t sch ien d en G en u ss so lch er R eisen n u r n o ch zu steigern . Ich
S e h e r, e in e u n m itte lb a re G e fa h r fü r m ic h . D on Juan?« w ar so w eit, daß ich nur an die W elt der anorganischen W esen zu
»Ich sehe unm ittelbare G efahr für dich, seit dem T ag, als du durch d en ken b rau ch te, u m in b eisp iello se, u n b esch reib lich e E u p h o rie zu
d iese geheim nisvo lle S tad t sp aziertest; als ich d ir zum erstenm al geraten. B einah fürchtete ich, diese H ochstim m ung könne ir-
half, d einen E nergiekö rp er zu aktivieren.« gen d w an n en d en , ab er d ies w ar n ich t d er F all. E in u n erw arteter
Z w ischenfall m achte sie noch intensiver. Irgendw ann einm al führte
ein S cout m ich eilig durch eine U nzahl
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von T unneln, als suchte er irgend etw as oder als w olle er all m eine Energiekörper. Kaum hatte ich sie vernommen, verschwanden
E nergie erschöpfen. A ls er endlich halt m achte, hatte ich ein G e- meine Übelkeit und Angst. Ich stieg zu ihnen hinab, und die Ku-
fü h l, als h ätte ich ein en M arath o n lau f h in ter m ir. M ir sch ien , als geln und Glocken und Kerzenflammen umringten mich. Sie ka-
h ä tte ic h d a s E n d e d ie se r W e lt e rre ic h t. E s ga b k e in e T u n n e l men so nah, daß sie mich berührt hätten, hätte ich einen
m ehr, nur Schw ärze ringsum . D ann beleuchtete irgend etw as die physischen Körper gehabt. Statt dessen schwebten wir durch ein-
S te lle , w o ic h m ic h b e fa n d . L ic h t fie l d o rt a u s e in e r in d ire k te n ander hindurch, wie unsichtbar umhüllte Windstöße. In diesem
Q uelle. E s w ar ein gedäm pftes Licht, das alles in ein diffuses G rau Moment hatte ich ein unglaubliches Gefühl. Obwohl ich in meinem
o d e r B ra u n ta u c h te . N a c h d e m ic h m ic h a n d a s L ic h t ge w ö h n t Energiekörper keinerlei Empfindung hatte, fühlte und registrierte
hatte, unterschied ich einige dunkle, bew egliche G estalten. N ach ich - auf irgendwie andere Art - das erstaunlichste Kitzeln. Weiche
einer W eile schien es m ir, als w ürden diese bew eglichen U m risse Wesen von luftiger Konsistenz gingen eindeutig durch mich hindurch,
fester, w enn ich m eine T raum -A ufm erksam keit auf sie konzen- aber nicht in meinem Hier und Jetzt. Die Empfindung war flüchtig
trie rte . E s ga b d re i T y p e n v o n ih n e n , w ie ic h b e m e rk te : e in ige und unbestimmt und ließ mir keine Zeit, mir darüber klarzuwerden.
w a re n ru n d w ie K u ge ln . A n d e re w a re n w ie G lo c k e n ge fo rm t. Statt meine Traum-Aufmerksamkeit auf dieses Gefühl zu
U nd w ieder andere w ie riesige, flackernde K erzenflam m en. A lle konzentrieren, war ich ganz damit beschäftigt, diese riesigen, aus
w a re n m e h r o d e r m in d e r ru n d u n d v o n gle ic h e r G rö ß e . Ic h Energie bestehenden Käfer zu beobachten. Auf dem Niveau, wo
sc h ä tz te sie a u f e tw a e in e n M e te r im D u rc h m e sse r. E s w a re n ich mich nun befand, kam es mir vor, als hätten diese
H underte von ihnen, w ie ich sah, vielleicht sogar T ausende. Ich Schattenwesen und ich etwas gemeinsam: die Größe. Vielleicht
w ußte, dies w ar eine sonderbare und kom plizierte V ision, obgleich weil ich annahm, daß sie etwa so groß wären wie mein eigener
diese G estalten so real w aren, daß ich sofort m it Ü belkeit reagierte. Energiekörper, fand ich es beinah anheimelnd bei ihnen. Und bei
Ich hatte das w iderliche G efühl, auf ein N est von riesige n ru n d e n , genauerer Prüfung fand ich, daß sie mir gar nicht unangenehm
b rä u n lic h e n o d e r gra u e n K ä fe rn h in a b z u sc h a u e n . Irgendw ie waren. Sie waren unpersönlich, kühl, zurückhaltend -und das
fühlte ich m ich aber in Sicherheit, so hoch über ihnen. D och ich gefiel mir sehr. Irgendwann fragte ich mich, ob die Tatsache, daß
verw arf diese Ü berlegungen sofort, als m ir klarw urde, w ie d u m m ich sie zuerst ablehnte und im nächsten Moment so angenehm
es w ar, m ich in S ich erh eit zu w iegen , als w äre m ein T ra u m e in e fand, eine natürliche Folge des Träumens sei, oder das Produkt
S itu a tio n im w irk lic h e n L e b e n . U n d w ä h re n d ic h diese irgendeines energetischen Einflusses, den diese Wesen auf mich
käferartigen G estalten um herw im m eln sah, beschlich m ich d er ausübten.
b eklem m en d e G ed an ke, d aß sie m ich b erü h ren kö n n ten . »W ir sind »Sie sind sehr sympathisch«, sagte ich zu dem Botschafter - und im
die m obile E inheit unserer W elt«, sagte die Stim m e des B otschafters gleichen Moment fühlte ich mich überwältigt von einem Gefühl
plötzlich. »H ab keine A ngst. W ir s in d E nergie, und natürlich haben tiefer Freundschaft, oder sogar Liebe zu ihnen. Kaum hatte ich
w ir nicht die A bsicht, dich zu berühren. E s w äre ohnehin dieses Gefühl ausgesprochen, als die dunklen Gestalten auch schon
unm öglich. W ir sind durch reale Schranken getrennt.« davonhuschten wie rundliche Meerschweinchen und mich allein
N ach einer langen P ause fügte die Stim m e hinzu: »W ir m öchten, im Halbdunkel zurückließen. »Du hast zuviel Gefühl auf sie
daß du zu uns kom m st. H ier herunter, w o w ir sind. U nd sei ganz projiziert und sie verschreckt«, sagte die Stimme des Botschafters.
unbefangen. D u hast doch keine A ngst vor den Scouts, und gew iß »Gefühle sind zu schwierig für sie, und übrigens auch für mich.«
n ich t vo r m ir. D ie S co u ts u n d ich , w ir sin d w ie d ie an d eren . Ich Der Botschafter lachte sogar schallend.
bin glockenförm ig, und die Scouts sind w ie K erzenflam m en ge- Hier endete meine Traumsitzung. Meine erste Reaktion beim Er-
form t.« D iese letzte A ussage w ar so etw as w ie ein S tichw ort für wachen war, meinen Koffer zu packen und nach Mexiko zu
m einen fahren, um Don Juan aufzusuchen. Aber eine unerwartete Ent-
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wicklung in meinem Leben machte die Reise unmöglich, trotz Ic h w u ß te , d a ß d e r B o tsc h a fte r d ie W a h rh e it sp ra c h . Ic h w u ß te
meiner hektischen Vorbereitungen zum Aufbruch. Die Angst, die auch, d aß d a eine furchtb are G efahr lauerte. U nd d o ch fühlte ich
sich aus dieser Verzögerung ergab, unterbrach meine Traumübungen m ich vo n grenzenlo ser N eugier getrieb en. Ich w o llte d iese d ritte
für einige Zeit. Nicht, daß ich sie aus bewußtem Willen A rt se h e n .
abgebrochen hätte. Vielmehr hatte ich unbewusst so viel Bedeu- D er B otschafter schien zu w issen, w as ich em pfand. »M öchtest du
tung in diesen einen Traum gelegt, daß ich einfach wußte, ich sie sehen? « fragte er gleichgültig. »A b er sicher«, sagte ich.
könne unmöglich weitermachen mit dem Träumen, wenn ich nicht zu »D a n n b ra u c h st d u n u r la u t z u sa g e n , d a ß d u b e i u n s b le ib e n
Don Juan fahren konnte. w illst«, sagte d er B o tschafter in no nchalantem T o n. »D och w enn
Nach einer Unterbrechung, die mehr als ein halbes Jahr dauerte, ich es sage, m uß ich bleiben, nicht w ahr?« fragte ich. »N atürlich«,
wurde ich immer verwirrter durch das, was mir passiert war. Ich sagte d er B o tschafter, im T o n end gültiger Ü b erzeu g u n g . »A lle s,
hatte nicht gewusst, daß meine Gefühle ausreichen würden, um w a s d u in d ie se r W e lt la u t a u ssp ric h st, g ilt fü r im m er.«
meine Übungen abzubrechen. Und nun fragte ich mich, ob der U n w illk ü rlic h d a c h te ic h d a ra n , d a ß d e r B o tsc h a fte r, h ä tte e r
Wunsch allein genügen würde, sie wiederaufzunehmen. So war m ich zum B leiben überlisten w ollen, m ich nur anzulügen b ra u c h te .
es! Kaum hatte ich den Gedanken formuliert, das Träumen wie- Ic h h ä tte d e n U n te rsc h ie d n ic h t g e m e rk t. »Ic h k a n n d ic h n ic h t
deraufzunehmen, gingen meine Übungen weiter, als wären sie nie a n lü g e n , w e il e in e L ü g e n ic h t e x istie rt«, sagte d er B o tschafter, in
unterbrochen worden. Der Scout machte dort weiter, wo wir auf- m eine Ü b erlegungen eind ringend . »Ich kann nur d arüb er etw as
gehört hatten, und führte mich direkt in die Vision zurück, die ich sagen, w as existiert. In m einer W elt existie rt n u r d ie A b sic h t; e in e
bei meiner letzten Sitzung gehabt hatte. L ü g e e n th ä lt k e in e A b sic h t. D a ru m existiert sie nicht.«
»Dies ist die Welt der Schatten«, sagte die Stimme des Botschafters, Ich w o llte scho n einw end en, d aß es auch hinter L ügen eine A b -
als ich dort angekommen war. »Aber auch wenn wir Schatten sind, sic h t g e b e n k ö n n e , a b e r b e v o r ic h d ie s ä u ß e rn k o n n te , sa g te d e r
geben wir Licht ab. Nicht nur sind wir mobil, sondern wir sind B o tsc h a fte r, d a ß L ü g e n w o h l e in e n V o rsa tz e n th a lte n k ö n n te n ;
auch das Licht in den Tunneln. Wir sind eine andere Art von ein V o rsatz sei ab er no ch keine A b sicht.
anorganischen Wesen, die es hier gibt. Es gibt drei Arten: die eine E s gelang m ir nicht, m eine T raum -A ufm erksam keit auf d ie D e-
ist wie ein unbeweglicher Tunnel, die andere ist wie ein be- b a tte z u k o n z e n trie re n , d ie d e r B o tsc h a fte r d a a n sc h n itt. S ie
weglicher Schatten. Wir sind die beweglichen Schatten. Die Tunnel ric h te te sic h v ie lm e h r a u f d ie S c h a tte n w e se n . P lö tz lic h fie l m ir
geben uns ihre Energie, und wir folgen ihren Befehlen.« Der auf, d aß sie aussahen w ie eine H erd e seltsam er, kind licher T iere.
Botschafter machte eine Pause. Mir schien, er wolle mich D ie S tim m e d e s B o tsc h a fte rs e rm a h n te m ic h , m e in e E m o tio n e n
herausfordern, ihn nach der dritten Art anorganischer Wesen zu zu ko ntro llieren; p lö tzliche G efühlsausb rüche seien geeignet, d ie
fragen. Und wenn ich ihn nicht fragte, so glaubte ich, würde der W esen aufflattern zu lassen w ie einen V ogelschw arm . »W as so ll ich
Botschafter es mir nicht sagen. jetzt tun? « fragte ich.
»Welches ist die dritte Art anorganischer Wesen?« sagte ich. Der »K o m m h e ru n te r z u u n s u n d v e rsu c h e , u n s z u sc h ie b e n o d e r z u
Botschafter hüstelte und kicherte. Ich hatte den Eindruck, als ziehen«, d rängte d ie S tim m e d es B o tschafters. »Je früher d u d ies
genieße er es, gefragt zu werden. lernst, d esto schneller w ird es d ir gelingen, in d einer W elt D inge
»Oh, das ist unsere geheimnisvollste Eigenschaft«, sagte er. »Die vo m F leck zu b ew egen, ind em d u sie nur anschaust.« M eine
dritte Art wird unseren Besuchern nur gezeigt, wenn sie sich ent- K räm erseele zitterte vo r E rw artung. Im nächsten M o m ent w ar ich
scheiden, bei uns zu bleiben.« »Warum ist das so?« fragte ich. b ei ihnen und versuchte verzw eifelt, sie zu schieb en o d er
»Weil es viel Energie braucht, sie zu sehen«, antwortete der Bot-
schafter. »Und diese Energie müßten wir liefern.«
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zu ziehen. Nach einer Weile hatte ich meine Energie gründlich »Ich verstehe, w as d u m einst«, sagte ich.
erschöpft. Inzwischen hatte ich den Eindruck, daß ich etwas Ähn- L e ic h te r S p o tt la g in d e r S tim m e d e s B o tsc h a fte rs, a ls e r n u n
liches zu tun versucht hatte, wie mit den Zähnen ein Haus sagte, daß ich unm öglich verstehen könne, w as es hieß, auf diese
hochzuheben. Auch hatte ich das Gefühl, daß die Zahl der Schatten W eise verbunden zu sein, die unendlich viel m ehr bedeute als eine
sich vermehrte, je mehr ich mich anstrengte. Es war, als kämen sie w e c h se lse itig e A b h ä n g ig k e it. Ic h w o llte d e n B o tsc h a fte r sc h o n
aus allen Winkeln herbei, um mich zu beobachten oder sich an mir b itte n , m ir z u e rk lä re n , w a s e r d a m it m e in te - a b e r im n ä c h ste n
zu laben. Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, huschten die M o m ent w ar ich im Innern vo n etw as, w as ich nur als d en S to ff
Schatten wieder davon. beschreiben kann, aus dem diese T unnel bestanden. Ich sah grote sk
»Wir laben uns nicht an dir«, sagte der Botschafter. »Wir alle v e rsc h m o lz e n e , d rü se n a rtig e P ro tu b e ra n z e n , d ie e in trü b e s L icht
kommen nur, um deine Energie zu spüren, ähnlich wie du es an aussand ten. M ir kam d er G ed anke, d ies kö nnten d ieselb en
einem kalten Tag mit dem Sonnenlicht tun würdest.« Der P rotuberanzen sein, die m ir w ie B raille-Schrift vorgekom m en w are n .
Botschafter schlug vor, ich solle mich diesen Wesen öffnen, indem E in g e d e n k d e r T a tsa c h e , d a ß e s E n e rg ie k lu m p e n v o n e tw a einem
ich mein Misstrauen aufgäbe. Ich hörte die Stimme, und noch M eter D urchm esser w aren, fragte ich m ich staunend , w ie groß
während ich ihr zuhörte, wurde mir klar, daß ich genauso hörte, diese T unnel sein m ochten.
fühlte und dachte, wie ich es in meiner alltäglichen Welt tue. Ich »G rö ß e b e d e u te t h ie r n ic h t d a sse lb e w ie in d e in e r W e lt«, sa g te
drehte mich langsam und schaute mich um. Gemessen an der der B otschafter. »D ie E nergie dieser W elt ist eine andere A rt von
Klarheit meiner Wahrnehmungen, musste ich folgern, daß ich mich E n e rg ie ; ih re M e rk m a le e n tsp re c h e n n ic h t d e n M e rk m a le n v o n
in einer realen Welt befand. E nergie in d einer W elt, und d o ch ist d iese W elt eb enso real w ie
In meinen Ohren tönte die Stimme des Botschafters. Sie sagte, deine.«
daß der einzige Unterschied zwischen dem Wahrnehmen meiner U n d n u n fu h r d e r B o tsc h a fte r fo rt u n d sa g te , e r h a b e m ir a lle s
Welt und dem Wahrnehmen der ihren darin liege, daß die Wahr- üb er d ie S chattenw esen erzählt, als er m ir d ie P ro tub eranzen an
nehmung ihrer Welt für mich in der Zeitspanne eines Wimpern- den T unnelw änden erklärte. Ich erw iderte, daß ich die E rklärung e n
zuckens anfing und endete; nicht aber die Wahrnehmung meiner w o h l g e h ö rt, n ic h t a b e r d a ra u f g e a c h te t h ä tte , w e il ic h glaub te,
Welt, weil mein Bewusstsein - zusammen mit dem Bewusstsein sie b ezö gen sich nicht unm ittelb ar auf d as T räum en. »A lles hier in
einer Vielzahl von Menschen wie mir, die mit ihrer Absicht meine dieser W elt bezieht sich auf das T räum en«, sagte der B otschafter.
Welt im Gleichgewicht hielten - auf meine Welt fixiert sei. Für die Ic h w o llte m ir G e d a n k e n m a c h e n ü b e r d ie G rü n d e m e in e s Irr-
anorganischen Wesen, fügte der Botschafter hinzu, fange die tu m s, a b e r m e in K o p f w a r le e r. M e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it
Wahrnehmung meiner Welt auf die gleiche Weise an, nämlich in n a h m a b . E s fie l m ir sc h o n sc h w e r, sie a u f d ie W e lt, d ie m ic h
der Zeitspanne eines Wimpernzuckens - nicht aber die Wahrneh- um gab , zu ko nzentrieren. Ich w ap p nete m ich für d as E rw achen.
mung ihrer eigenen Welt, weil es so viele von ihnen gebe, die mit D o ch w ied er fing d er B o tschafter an zu sp rechen, und d er K lang
ihrer Absicht diese Welt im Gleichgewicht hielten. In diesem seiner S tim m e riß m ich hoch. M eine T raum -A ufm erksam keit er-
Moment begann das Bild sich aufzulösen. Es war, als sei ich ein holte sich w ieder.
Taucher, und das Erwachen aus dieser Welt sei wie ein »D a s T rä u m e n ist d a s V e h ik e l, d a s d ie T rä u m e r in d ie se W e lt
Aufwärtsschwimmen zur Oberfläche. b ringt«, sagte d er B o tschafter, »und alles, w as d ie Z aub erer üb er
In der folgenden Sitzung eröffnete der Botschafter das Gespräch d as T räum en w issen, hab en w ir ihnen b eigeb racht. U nsere W elt
und stellte noch einmal fest, daß es eine durchaus planmäßige und ist m it d e r e u re n d u rc h e in e P fo rte v e rb u n d e n , n ä m lic h d u rc h d ie
wechselseitige Beziehung gebe zwischen mobilen Schatten und T räum e. W ir w issen, w ie m an d urch d iese P fo rte hind urchgeht,
stationären Tunneln. Zum Schluss seiner Erklärung sagte er: »Wir aber die M enschen w issen es nicht. Sie m üssen es lernen.«
können ohne einander nicht existieren.«
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Und weiter erklärte die Stimme des Botschafters, was sie mir Erfahrungen, solange sie andauerten, nicht weniger real als jede
schon einmal erklärt hatte. beliebige Situation in der Alltagswelt. Niemals hatte ich Wahr-
»Die Protuberanzen an den Tunnelwänden sind Schattenwesen«, nehmungserlebnisse gehabt, bei denen der einzige Unterschied
sagte sie. »Ich bin eines von ihnen. Wir bewegen uns durch die zwischen meinen Visionen und meiner Alltagswelt darin lag, wie
Tunnel, an ihren Wänden, und laden uns mit der Energie der plötzlich meine Visionen endeten. Eben noch war ich in einer
Tunnel auf, die unsere Energie ist.« fremden, realen Welt - und im nächsten Moment lag ich in mei-
Mir kam ein müßiger Gedanke in den Sinn - nämlich, daß ich mir nem Bett.
eine solche symbiotische Beziehung, wie ich sie hier sah, tatsächlich Dringend sehnte ich mich nach Don Juans Kommentaren und
nicht vorstellen konnte. Erklärungen, aber ich war noch immer in Los Angeles festgehalten.
»Würdest du bei uns bleiben, dann könntest du lernen zu fühlen, Je länger ich meine Situation bedachte, desto größer wurde meine
wie es ist, so verbunden zu sein, wie wir es sind«, sagte der Bot- Angst. Ich hatte sogar das Gefühl, daß sich im Reich der
schafter. anorganischen Wesen irgend etwas mit ungeheurer Geschwindigkeit
Der Botschafter schien auf meine Antwort zu warten. Ich hatte zusammenbraute.
das Gefühl, daß er eigentlich von mir hören wollte, daß ich be- Und während meine Befürchtungen wuchsen, geriet ich körperlich
schlossen hätte zu bleiben. in einen Zustand tiefster Angst, obwohl mein Verstand sich
»Wie viele Schattenwesen gab es in jedem der Tunnel?« fragte ekstatisch in die Betrachtung der Schattenwelt vertiefte. Um alles
ich, um die Stimmung in eine andere Richtung zu steuern. Aber noch schlimmer zu machen, griff die Welt des Traum-Botschafters in
sofort bereute ich es, denn der Botschafter fing an, mir ausführlich mein alltägliches Bewusstsein über. Eines Tages, als ich in der
Rechenschaft über die Zahl und Funktion der Schattenwesen in Universität eine Vorlesung besuchte, hörte ich die Stimme immer
jedem Tunnel zu geben. Jeder Tunnel, sagte er, habe eine be- wieder sagen, daß jeder Versuch meinerseits, meine Traumübungen
stimmte Anzahl von abhängigen Wesen, die bestimmte Funktionen abzubrechen, nachteilige Folgen für alle meine Ziele haben
erfüllten, im Zusammenhang mit den Bedürfnissen und könnte. Die Stimme erklärte, daß Krieger vor keiner Herausfor-
Erwartungen der sie beherbergenden Tunnel. Ich wollte nicht, daß derung zurückscheuen und daß ich keinen Grund hätte, meine
der Botschafter weiter ins Detail ging. Je weniger ich wußte über Übungen zu beenden. Ich konnte dem Botschafter nur beipflichten.
die Tunnel und über die Schattenwesen, dachte ich, desto besser Ich hatte nicht die Absicht, irgendwie aufzuhören, und die Stimme
für mich. Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, unterbrach sich bestätigte mir nur. was ich dachte. Nicht nur veränderte sich der
der Botschafter, und mein Energiekörper bäumte sich auf, wie an Botschafter, sondern ein neuer Scout betrat den Schauplatz.
einem Kabel hochgezogen. Im nächsten Moment war ich hellwach Irgendwann einmal, bevor ich angefangen hatte, die Gegenstände
in meinem Bett. Von nun an hatte ich keine Befürchtungen mehr, meiner Träume zu untersuchen, sprang ein Scout buchstäblich vor
die meine Übungen hätten stören können. Aber ein anderer mir auf und forderte aggressiv meine Traum-Aufmerksamkeit. Das
Gedanke beherrschte mich: der Gedanke nämlich, daß ich etwas Bemerkenswerte an diesem Scout war, daß er es nicht nötig hatte,
beispiellos Faszinierendes gefunden hatte. Tag für Tag konnte ich irgendwelche energetischen Metamorphosen zu durchlaufen. Er
es kaum erwarten, mit dem Träumen anzufangen und mich vom war von Anfang an eine Energieblase. Im Handumdrehen versetzte
Scout in die Schattenwelt führen zu lassen. Eine zusätzliche mich der Scout, ohne daß ich meine Absicht geäußert hätte, ihn zu
Attraktion war, daß meine Visionen von dieser Schattenwelt noch begleiten, in einen anderen Teil der Welt der anorganischen
lebensechter wurden als vorher. Gemessen am normalen Maßstab Wesen: in die Welt der Säbelzahntiger.
normalen Denkens, normaler visueller und auditiver Ahnungen von solchen Visionen habe ich bereits in meinen anderen
Sinneswahrnehmungen sowie meiner normalen Reaktionen darauf, Büchern geschildert. Ich sage: Ahnungen, weil ich damals
waren meine
n ic h t g e n ü g e n d E n e rg ie h a tte , d ie se w a h rg e n o m m e n e n W e lte n die der S cout m ir gab. störten m eine K onzentration, und ich verlo r
verständ lich in m ein lineares D enken zu üb ersetzen. D iese d ie b laue G estalt aus d en A ugen.
nächtlichen V isionen von S äbelzahntigern kam en regelm äßig und P lötzlich w urde ich m it ziem licher K raft herum gew irbelt und genau
lange Z eit, bis eines T ages der aggressive S cout, der m ich z u m vo r d ieses b laue G eb ild e gestellt. W ährend ich es anstarrte,
e rste n m a l in d ie se s R e ic h e n tfü h rt h a tte , p lö tz lic h w ie d e r v e rw a n d e lte e s sic h in d ie G e sta lt e in e s M e n sc h e n : se h r k le in ,
auftauchte. O hne m eine Z ustim m ung ab zuw arten, nahm er m ich schlank, feingliedrig, beinah durchsichtig. Ich versuchte zu erkennen,
m it zu den T unneln. ob es ein M ann oder eine F rau sei. doch es gelang m ir nicht, so sehr
Ic h h ö rte d ie S tim m e d e s B o tsc h a fte rs. S o fo rt v e rfie l e r in d ie ich m ich anstrengte.
längste und gerissenste R eklam e-S uad a. d ich ich je gehö rt hab e. E r M e in e V e rsu c h e , d e n B o tsc h a fte r z u fra g e n , w a re n v e rg e b lic h .
p ries m ir d ie auß ero rd entlichen V o rteile an, d ie d ie W elt d er P lö tzlich flo g er d avo n und ließ m ich schw eb end im T unnel zu-
anorganischen W esen zu bieten hätte. E r erzählte m ir von atem - rü c k , g e g e n ü b e r d e m U n b e k a n n te n . Ic h v e rsu c h te m it d ie se m
b eraub end em W issen, d as m an erw erb en kö nne, und d aß m an es M e n sc h e n z u sp re c h e n , ä h n lic h w ie ic h m it d e m B o tsc h a fte r
a u f d ie a lle re in fa c h ste W e ise e rw e rb e n k ö n n te , n ä m lic h , in d e m sp rach. A b er ich b ekam keine A ntw o rt. I c h w ar frustriert, d a ich
m an in diesen T unneln blieb. E r sprach von unglaublicher B ew eg- n ic h t d ie S c h ra n k e d u rc h b re c h e n k o n n te , d ie u n s tre n n te . D a n n
lichkeit, von unbegrenzter Z eit, um alles m ögliche zu erforschen. überfiel m ich Furcht, m it jem andem a lle in zu s e in , der e in Feind
und w ie es w äre, vo n ko sm ischen D ienern verw ö hnt zu w erd en. sein m ochte.
d ie jed e m einer L aunen erfüllen w ürd en. E ine R eihe von R eaktionen w urden von diesem F rem den bei m ir
»B ei uns w o hnen b ew uß te W esen aus d en fernsten W inkeln d es ausgelöst. Ich w ar sogar erfreut, w eil ich w ußte, daß der Scout m ir
K o sm o s«, sa g te d e r B o tsc h a fte r z u m A b sc h lu ß se in e r R e d e . endlich einen anderen, in dieser W elt gefangenen M enschen gezeigt
»U n d e s g e fä llt ih n e n , b e i u n s z u w o h n e n . T a tsä c h lic h , k e in e r h a tte . N ur bedauerte ich. daß w ir w om öglich nicht m iteinander
m öchte w ieder fort.« kom m unizieren konnten, w eil dieser F rem de v ie lle ic h t einer der
In d ie se m M o m e n t k a m m ir d e r G e d a n k e , d a ß D ie n stfe rtig k e it alten Z auberer w ar und zu e i n e r anderen Z eit als der m einen
m ir z u tie fst z u w id e r w a r. N ie h a tte ic h m ic h in G e g e n w a rt v o n gehörte.
D ie n stb o te n w o h lg e fü h lt u n d m ic h n ie m a ls b e d ie n e n la ssen. Je stärker m eine Freude und m eine N eugier w urden, desto schw erer
D er S cout übernahm jetzt die F ührung und ließ m ich durch viele w urde ic h , bis ich m ich irgendw ann so schw er f ü h l t e , daß ich
T u n n e l g le ite n . Ic h m a c h te h a lt in e in e m T u n n e l, d e r g rö ß e r z u w ied er in m einem K ö rp er w ar - und w ied er in m einer W elt. Ich
sein schien als d ie and eren. M eine T raum -A ufm erksam keit hefte te w ar in L os A ngeles, in e i n e m P ark neben der U niversity of C ali-
sich auf die G röße und G estalt dieses T unnels und w äre dort w ie fo rn ia . Ic h sta n d a u f d e m R a se n , in e in e r R e ih e m it L e u te n , d ie
angeleim t haftengeblieben, w äre ich nicht veranlaßt w orden, m ich G olf sp ielten.
um zud rehen. M eine T raum -E nergie richtete sich auf einen D ie P erson vor m ir h a t t e , genau w ie i c h , eben erst feste G estalt
K lum p en E nergie, d er etw as grö ß er w ar als d ie S chattenw esen. E r a n g e n o m m e n . F lü c h tig sc h a u te n w ir e in a n d e r a n . E s w a r e in
w ar b lau, w ie d as B lau in d er M itte einer K erzenflam m e. Ich M ädchen, v ie lle ic h t sechs bis sie b e n J a h r e alt. Ic h glaubte, sie zu
w ußte, daß diese E nergie-K onfiguration kein S chattenw esen w ar kennen. W ährend ich sie anschaute, w uchsen m eine F reud e und
und nicht hierher gehö rte. N eugier so üb er alle M aß en, d aß sie eine U m kehrung d es V o r-
Ic h v e rtie fte m ic h g a n z in d a s G e fü h l se in e r G e g e n w a rt. D e r gangs auslö sten: ich verlo r rasch an G ew icht und M asse, so d aß
S c o u t g a b m ir Z e ic h e n , m ic h z u e n tfe rn e n , a b e r irg e n d e tw a s ic h im n ä c h ste n M o m e n t w ie d e r e in K lu m p e n E n e rg ie w a r, in
m achte m ich taub gegen seine A uffo rd erungen. Ich b lieb , w enn je n e m R e ic h d e r a n o rg a n isc h e n W e se n . D e r S c o u t k a m z u m ir
auch m it unb ehaglichem G efühl, w o ich w ar. D o ch d ie Z eichen. zurück und zerrte m ich eilig fo rt. Ich erw achte m it einem A nfall
vo n A ngst. W ährend d es A uftau-
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chens in die Alltagswelt hatte irgend etwas mir eine Botschaft m ich gezw ungen, ihm m einen B esuch in dieser W elt zu schildern.
zukommen lassen. Meine Gedanken rotierten bei dem Versuch, L ange schw ieg er. als sei er üb erw ältigt.
zusammenzufügen, was ich wußte oder zu wissen glaubte. Mehr A ls er end lich w eitersp rach, sagte er: »D u b ist no ch einsam er, als
als achtundvierzig Stunden, ununterbrochen, versuchte ich Klarheit ich dachte. D enn ich kann über deine T raum übungen nicht m it dir
zu finden über ein verborgenes Gefühl oder verborgenes Wissen, sp re c h e n . D u b ist in d e r L a g e d e r a lte n Z a u b e re r. Ic h k a n n d ir
das in mir hängengeblieben war. Mein einziger Erfolg war, daß nur no ch einm al w ied erho len, d aß d u alle V o rsicht w alten lassen
ich eine Kraft spürte - außerhalb meines Körpers, wie ich mir m u ß t, d e re n d u fä h ig b ist.«
einbildete -. die mir sagte, ich dürfe meinem Träumen nicht mehr »W ie so m e in st d u , ic h se i in d e r L a g e d e r a lte n Z a u b e re r? « »Ic h
vertrauen. h a b e d ir im m e r w ie d e r g e sa g t, d a ß d e in e G ru n d stim m u n g je n e r
Nach ein paar Tagen machte sich eine dunkle und rätselhafte Ge- d e r a lte n Z a u b e re r g e fä h rlic h v e rw a n d t ist. S ie w a re n se h r b e g a b te
wißheit in mir breit, eine Gewissheit, die langsam wuchs, bis ich L e u te . Ih r F e h le r w a r, d a ß sie sic h in d a s R e ic h d e r a n o rg a n isc h e n
keine Zweifel mehr an ihrer Berechtigung hatte: ich war sicher, W e se n stü rz te n w ie F isc h e in s W a sse r. D u sitz t im g le ic h e n B o o t.
daß der Klumpen blauer Energie ein Gefangener im Reich der D u w e iß t D in g e ü b e r d ie se W e lt, d ie k e in e r v o n uns sich
anorganischen Wesen sei. vorstellen kann. Ich zum B eispiel habe niem als die Schatte n w e lt
Mehr denn je brauchte ich jetzt Don Juans Rat. Ich wußte, ich k e n n e n g e le rn t; a u c h n ic h t d e r N a g u a l Ju lia n o d e r d e r N a g u a l
stand im Begriff, die Frucht jahrelanger Arbeit aus dem Fenster E lia s - tro tz d e r T a tsa c h e , d a ß d ie se r sic h la n g e in d e r W elt der
zu werfen, aber ich konnte nicht anders. Ich ließ alles stehen und anorganischen W esen aufgehalten h a t . « »W e lc h e n U n te rsc h ie d
liegen und floh nach Mexiko. m a c h t e s a b e r, d ie S c h a tte n w e lt z u k e n nen?«
»Was willst du eigentlich?« fragte mich Don Juan, um mein hyste- »E inen großen U nterschied. D orthin w erden die T räum er nur ge-
risches Geplapper zu besänftigen. führt, w enn d ie ano rganischen W esen sicher sind , d aß d ie T räum e r
Ich konnte ihm nicht erklären, was ich wollte, weil ich es selbst in d ie se r W e lt b le ib e n w e rd e n . D a s w isse n w ir a u s d e n
nicht wußte. G e sc h ic h te n d e r a lte n Z a u b e re r.«
»Dein Problem muß schwierig sein, wenn du so Hals über Kopf »Ic h k a n n d ir v e rsic h e rn . D o n Ju a n , d a ß ic h n ic h t d ie A b sic h t
gelaufen kommst«, sagte Don Juan mit nachdenklichem Gesicht. h a b e , d o rt z u b le ib e n . D u sp ric h st, a ls se i ic h im B e g riff, m ic h
»Das ist es. Auch wenn ich nicht herausfinden kann, was eigentlich d u rc h V e rh e iß u n g e n v o n M a c h t u n d p e rsö n lic h e n D ie n ste n k ö -
mein Problem ist«, sagte ich. dern zu lassen. Ich habe an solchen D ingen kein Interesse, glaube
Er forderte mich auf. ihm meine Traumübungen mit allen dazu- m ir.«
gehörigen Einzelheiten zu schildern. Ich erzählte ihm von dem »Jetzt ist es nicht m ehr so einfach. D u bist über den P unkt hinaus,
kleinen Mädchen aus meiner Vision, und wie sie mich emotional w o d u einfach aufhö ren kö nntest. A uß erd em hattest d u d as P ech,
berührt hatte. Er gab mir sofort den Rat. ich solle den Zwischenfall v o n e in e m w ä ssrig e n a n o rg a n isc h e n W e se n e n td e c k t z u w e rd e n .
vergessen und darin einen offenkundigen Versuch der anorganischen E rinnerst du d ic h , w ie du m it ih m gerungen hast? U nd w ie es sich
Wesen erkennen, meine Phantasien zu nähren. Wenn man dem anfühlte? D am als sagte ich d ir, d aß d ie w ässrigen ano rganischen
Träumen zuviel Bedeutung beimesse, bemerkte er. werde es zu W esen die lästigsten sind. S ie sind abhängig und besitzergreifend,
dem, was es für die alten Zauberer war: eine unerschöpfliche und w enn sie ihren H aken erst ausgew orfen haben, geben sie nie-
Quelle des Sichgehenlassens. mals a u f.«
Aus einem unerklärlichen Grund war ich nicht bereit. Don Juan »U nd w as b ed eutet d ies in m einem F all. D o n Juan? « »E s b ed eutet
von dem Reich der Schattenwesen zu erzählen. Erst als er meine ernste S chw ierigkeiten. D ie F äd en b ei d iesem S p iel zieht näm lich
Vision des kleinen Mädchens so geringschätzig abtat, fühlte ich das anorganische W esen, das du an jenem verhäng-
nisvollen Tag angefaßt hast. Im Lauf der Jahre ist es mit dir n ie m a ls v o n d e r W e lt d e r a n o rg a n isc h e n W e se n . M e in T ra in in g
vertraut geworden. Es kennt dich genau.« Ich sagte Don Juan ganz b estand w ie im m er d arin, m eine T raum -A ufm erksam keit auf d ie
aufrichtig, daß mir übel würde bei der bloßen Vorstellung, ein G egenständ e m einer T räum e so w ie auf d as W echseln d er T räum e
anorganisches Wesen könnte so eng vertraut mit mir sein. z u k o n z e n trie re n . U m m e in e Ä n g ste z u n e u tra lisie re n , lie ß D o n
»Wenn Träumer erkennen, daß sie sich nicht zu den anorgani- Ju a n m ic h a u f W o lk e n u n d fe rn e B e rg g ip fe l sta rre n . D ie F o lg e
schen Wesen hingezogen fühlen«, sagte er, »ist es meistens zu w a r, d a ß ic h m ic h so g le ic h a u f g le ic h e r H ö h e m it d e n W o lk e n
spät. Bis dahin haben die anorganischen Wesen sie schon im fühlte - ein G efühl, als befinde ich m ich tatsächlich auf den fernen
Sack.« G ipfeln.
Im Innersten hatte ich allerdings das Gefühl, daß Don Juan nur »Ich b in sehr zufried en m it d ir, ab er auch sehr b eso rgt«, b em erkte
abstrakt von Gefahren sprach, die wohl theoretisch, nicht aber in D o n Ju a n z u m e in e n B e m ü h u n g e n . »D u le rn st w a h re W u n d e r
der Praxis existieren mochten. Insgeheim war ich überzeugt, daß k e n n e n , a b e r d u w e iß t e s n ic h t m a l. U n d ic h b e h a u p te n ic h t, d a ß
ich nicht in Gefahr sei. ich d ich d iese D inge lehren w ürd e.« »D u m einst d ie ano rganischen
»Ich werde mich nicht von den anorganischen Wesen verlocken W esen, nicht w ahr? « »Ja , d ie a n o rg a n isc h e n W e se n . Ic h m ö c h te
lassen - falls du das meinst«, sagte ich. d ir e m p fe h le n , n ic h ts m e h r a n z u sta rre n . D a s A n sta rre n w a r d ie
»Ich meine, daß sie dich überlisten werden«, sagte er. »Wie sie T e c h n ik d e r a lte n Z a u b e re r. S ie v e rsta n d e n e s. im H a n d u m d re h e n
auch den Nagual Rosendo überlistet haben. Sie werden dich her- ih re n E n e rg ie k ö rp e r z u e rre ic h e n , e in fa c h in d e m sie G e g e n stä n d e
einlegen, und du wirst die Falle nicht sehen, nicht mal argwöhnen. ih re r W a h l a n sta rrte n . E in e se h r e in d ru c k sv o lle T e c h n ik , a b e r
Sie verstehen ihr Handwerk. Jetzt haben sie sogar ein kleines n u tz lo s fü r m o d e rn e Z a u b e re r. S ie ist n ic h t g e e ig n e t, u n se re
Mädchen für dich erfunden.« N ü c h te rn h e it o d e r u n se re S u c h e n a c h F re ih e it z u fö rd e rn . S ie
»Aber für mich gibt es keinen Zweifel, daß dieses Mädchen exi- n a g e lt u n s le d ig lic h a m K o n k re te n fe st, u n d d a s ist e in w e n ig
stiert«, beharrte ich. w ü n sc h e n sw e rte r Z u sta n d .«
»Es gibt kein kleines Mädchen«, herrschte er mich an. »Dieser Ic h m ü sse m ic h z u rü c k h a lte n , fü g te D o n Ju a n h in z u , so n st w ü rd e
bläuliche Energieklumpen ist ein Scout. Ein Kundschafter, gefangen ic h m ic h z u e in e m g a n z u n e rträ g lic h e n M e n sc h e n e n tw ic k e ln ,
im Reich der anorganischen Wesen. Ich habe dir doch gesagt. daß w e n n ic h d ie z w e ite A u fm e rk sa m k e it e rst m it d e r A u fm e rk sa m k e it
die anorganischen Wesen wie Fischer sind. Sie ködern und fangen m e in e s tä g lic h e n L e b e n s v e rsc h m o lz e n h ä tte . E s g e b e e in e
Bewußtsein.« g e fä h rlic h e K lu ft, sa g te e r. z w isc h e n m e in e r B e w e g lic h k e it in d e r
Don Juan war fest davon überzeugt, daß dieser bläuliche Klumpen z w e ite n A u fm e rk sa m k e it und m e in e r h a rtn ä c k igen
Energie aus einer ganz anderen Dimension als der unseren U nb ew eglichkeit im alltäglichen B ew uß tsein. D ie K luft zw ischen
gekommen sei - ein Scout, verirrt und gefangen wie eine Fliege im b eid en sei so gro ß , m einte er. d aß ich in m einem no rm alen Z u sta n d
Netz einer Spinne. fa st e in I d i o t , in d e r z w e ite n A u fm e rk sa m k e it a b e r e in
Sein Vergleich gefiel mir überhaupt nicht. Er beunruhigte mich so V e rrü c k te r se i.
stark, daß ich körperliche Beklemmung spürte. Ich verriet Don B e v o r ic h n a c h H a u se fu h r, n a h m ic h m ir d ie F re ih e it, m it C a ro l
Juan nichts davon, und er sagte mir, daß mein Interesse für den T ig g s ü b e r m e in e T ra u m v isio n e n d e r S c h a tte n w e lt z u sp re c h e n ,
gefangenen Scout ihn zur Verzweiflung treiben könne. »Warum o b w o hl D o n Juan m ir d ringend em p fo hlen hatte, d iese E rfahrungen
machst du dir Sorgen?« fragte ich. »Es braut sich etwas zusammen m it niem andem zu diskutieren. C arol w ar sehr verständnisvoll u n d
in dieser verdammten Welt«, sagte er. »Und ich finde nicht in te re ssie rt, d e n n sie w a r d a s v o llk o m m e n e G e g e n stü c k z u m ir.
heraus, was es ist.« Solange ich bei Don Juan und seinen Gefährten D o n Ju a n w a r se h r v e rä rg e rt ü b e r m ic h , w e il ic h ih r v o n m e in e n
blieb, träumte ich S c h w ie rig k e ite n e rz ä h lt h a tte . Ic h k a m m ir se h r sc h le c h t
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vo r. V o n S elb stm itleid gep lagt, jam m erte ich. w ieso ich d enn im m er E ine W elle hö chst b eunruhigend en G efühls üb erschw em m te m ic h ,
d as F alsche tun m üsse. u n d w ie d e r sp ü rte ic h e s n ic h t d o rt, in d e r S c h a tte n w e lt. M ein
»B islang hast du noch gar nichts getan«, herrschte D on Juan m ich G efühl w ar andersw o. U nd dann überw ältigte m ich die of-
an. »D as ist m ir k la r .« fenkund ige, w enn auch anfangs verschleierte E rkenntnis, d aß es
O h, w ie recht hatte er! B ei m einer nächsten T raum üb ung, w ied er e in e le b e n d ig e V e rb in d u n g g a b z w isc h e n d e m Ic h . d a s e rle b te .
zu H ause, b rach d ie H ö lle lo s. Ich erreichte d ie S chattenw elt, w ie und einer E nergieq uelle, einer Q uelle senso rischer E m p find ung,
ich es unzählige M ale getan h a t t e ; d er U nterschied w ar d iesm al die sich irgendw o anders befand. M ir kam der G edanke, daß dieses
d ie A nw esenheit d er b lauen E nergiegestalt. S ie b efand sich unter A ndersw o m ein w irklicher, physischer K örper sein m üsse, der
d en and eren S chattenw esen. D ab ei hielt ich es w o hl für m ö glich, schlafend in m einem B ett lag.
d a ß d ie se E n e rg ie fo rm a tio n frü h e r sc h o n d a g e w e se n w a r, o h n e Im selben A ugenblick, als ich dies dachte, huschten die S chatten-
d a ß ic h e s m e rk te . K a u m h a tte ic h sie e n td e c k t, w u rd e m e in e w e se n d a v o n , u n d e in z ig d a s k le in e M ä d c h e n b lie b in m e in e m
T raum -A ufm erksam keit vo n d ieser E nergiegestalt angezo gen. Im G esichtsfeld . Ich b eo b achtete sie und w ar üb erzeugt, d aß ich sie
n ä c h ste n M o m e n t w a r ic h b e i ih r. W ie im m e r k a m e n a u c h d ie kannte. S ie schien zu w anken, als w ürd e sie gleich in O hnm acht
a n d e re n S c h a tte n h e ra n , a b e r ic h a c h te te n ic h t a u f sie . G a n z fallen. U nd m ich erfaß te eine grenzenlo se L ieb e zu ih r . Ich
p lö tz lic h v e rw a n d e lte sic h d ie ru n d e b la u e G e sta lt in d a s kleine versuchte m it ihr zu sp rechen, b rachte ab er keinen L aut herv o r. D a
M äd chen, d as ich b eim letzten M al gesehen h a t t e . S ie b o g ih re n w u rd e m ir k la r, d a ß a lle m e in e D ia lo g e m it d e m B o tschafter
z ie rlic h e n la n g e n H a ls z u r S e ite u n d sa g te , k a u m h ö rb a r flü ste rn d : durch die E nergie des B otschafters ausgelöst und b ew erkstelligt
»H ilf m ir!« E n tw e d e r sa g te sie e s, o d e r ic h p h a n ta sie rte , d a ß sie w o rd en w aren. A uf m ich selb st angew iesen, w ar ic h h ilflo s. A ls
e s g e sa g t h ä tte . D a s E rg e b n is w a r d a sse lb e : ic h stand w ie erstarrt, n ä c h ste s v e rsu c h te ic h m e in e G e d a n k e n a u f d as M äd chen zu
aufgew ühlt vo n echter A nteilnahm e. Ich sp ürte ein F rö steln, ab er lenken. E s w ar vergeb lich. W ir w aren getrennt d u rc h e in e n
nicht in m einer E nergiegestalt. E s w ar ein and erer T eil vo n m ir, d er S c h irm v o n E n e rg ie , d e n ic h n ic h t d u rc h d rin g e n konnte.
d ieses F rö steln sp ürte. Z um erstenm al w ar m ir k la r b e w u ß t, d a ß D as kleine M ädchen schien m eine N otlage zu begreifen und kom -
m e in e E rfa h ru n g v ö llig g e tre n n t w ar von m e in e n m u n iz ie rte ta tsä c h lic h m it m ir - d ire k t d u rc h m e in e G e d a n k e n . Im
S in n e se m p fin d u n g e n . Ic h e rle b te d ie S c h a tte n w e lt - m it all den w esentlichen erzählte sie m ir . w as D on Juan m i r gesagt h a tte : daß
B edingungen, die für m ich E rleben ausm achen: ic h konnte d e n k e n , sie ein S cout sei, gefangen in den N etzen dieser W elt. U nd sie fügte
u rte ile n , E n tsc h e id u n g e n tre ffe n ; ic h h a tte e in e p syc h isc h e hinzu, daß sie die G estalt eines k le in e n M ädchens angenom m en
K o n tin u itä t. M it a n d e re n W o rte n , ic h w a r ic h se lb st. D a s einzige, hab e, w eil d iese G estalt m ir und auch i h r vertraut sei. und daß sie
w as fehlte, w ar m ein senso risches S elb st. I c h hatte k e i n e rle i m eine H ilfe brauche, genau w ie ich die ih r e . A ll dies sagte sie m ir
K ö rp e re m p fin d u n g e n . A l l e W a h rn e h m u n g e n w a re n a u f S e h e n m it e in e m e in z ig e n B ü n d e l e n e rg e tisc h e n G e fü h ls - w ie W ö rter,
u n d H ö re n b e sc h rä n k t. U n d n u n sta n d m e in ra tio n a le s D enken vo r d ie alle gleichzeitig auf m ich einströ m ten. Ich hatte gar kein
einem so nd erb aren D ilem m a: S ehen und H ö ren w are n k e in e P roblem , sie zu verstehen, obw ohl es das erste M al w ar, daß m ir so
k ö rp e rlic h e n F ä h ig k e ite n , so n d e rn E ig e n sc h a fte n d e r V isio nen, etw as w iderfuhr.
d ie ich hatte. Ich w ußte nicht, w as ich tun sollte. I c h versuchte i h r m ein G efühl
»D u siehst und hörst tatsächlich«, sagte die S tim m e des B otschaf- der U nfähigkeit zu verm itteln. Sie schien m ich unm ittelbar zu ver-
te rs, in m e in e G e d a n k e n e in b re c h e n d . »D ie s ist d a s S c h ö n e a n stehen. S ie flehte m ich an. m it einem stum m en, lodernden B lick.
u n se re r W e lt. D u k a n n st a lle s d u rc h S e h e n u n d H ö re n e rle b e n , S ie lä c h e lte so g a r, w ie u m m ic h w isse n z u la sse n , d a ß sie m ir
o hne d aß d u atm en m üß test. D enk d o ch nur. d u b rauchst nicht zu z u tra u te , sie v o n ih re n F e sse ln z u b e fre ie n . A ls ic h - in G e d a n k e n
a tm e n . D u k a n n st ü b e ra ll h in g e h e n , in d ie se m U n iv e rsu m , o h n e zu - e rw id e rte , d a ß ic h k e in e rle i M ö g lic h k e ite n d a z u h ä tte .
atm en.«
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m achte sie ganz den E indruck eines hysterischen K indes in hoff- 7. Der blaue Scout
nungsloser W ut.
A ufgeregt versuchte ich m it ihr zu sprechen. D as kleine M ädchen
w einte sogar - w ie M ädchen ihres A lters w ohl w einen: aus F urcht
und V erzw eiflung. Ich ertrug es nicht m ehr. Ich stürzte zu ihr hin -
a b e r o h n e e n tsp re c h e n d e W irk u n g . M e in e E n e rg ie m a sse g in g
durch sie hindurch. Ich hatte daran gedacht, sie hochzuheben und
m itzunehm en. Ich träumte einen ganz unsinnigen Traum. Carol Tiggs war neben
U nd dies versuchte ich im m er w ieder, bis ich ganz erschöpft w ar. mir. Sie sprach auf mich ein, obwohl ich nicht verstand, was sie
Ic h b lie b ste h e n , u m m e in e n n ä c h ste n S c h ritt z u ü b e rle g e n . Ic h sagte. Auch Don Juan kam in meinem Traum vor, wie alle übrigen
b e fü rc h te te , d a ß m e in e T ra u m -A u fm e rk sa m k e it sc h w in d e n u n d Mitglieder seiner Gruppe. Anscheinend versuchten sie mich aus
ich d as M äd chen aus d em B lick verlieren kö nnte. D ab ei b ezw ei- einer gelblichen Nebelwelt herauszuziehen. Nach schwersten
felte ich, ob die anorganischen W esen m ich noch einm al in diesen Anstrengungen, und während ich mehrmals die Sicht verlor und
T e il ih re r W e lt fü h re n w ü rd e n . U n d z u d e m g la u b te ic h . d ie s se i wiedererlangte, schafften sie es, mich von diesem Ort loszureißen.
m e in le tz te r B e su c h b e i ih n e n : d e r B e su c h , a u f d e n e s a n kam. Da ich nicht verstand, welchen Sinn das Ganze hatte, glaubte ich
D a n n ta t ic h e tw a s U n v o rste llb a re s. B e v o r m e in e T ra u m -A u f- schließlich, ich hätte einen normalen, wenn auch absurden Traum.
m erksam keit schw and, schrie ich laut und deutlich m eine A bsicht Wie überrascht war ich aber, als ich erwachte und mich im Bett
hinaus, m eine E nergie m it d er E nergie d ieses gefangenen S co uts fand, in Don Juans Haus. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich
zu verschm elzen und ihn zu b efreien. hatte keine Energie mehr. Ich wußte nicht, was ich glauben sollte,
auch wenn ich das Gefährliche meiner Lage spürte. Ich hatte das
unbestimmte Gefühl, daß ich durch die Erschöpfung nach meinem
Träumen all meine Energie verloren hatte. Don Juans Gefährten, so
schien es, waren sehr mitgenommen von dem, was mit mir geschah.
Einer nach dem anderen kamen sie immer wieder zu mir ins
Zimmer. Jeder blieb ein Weilchen und schwieg, bis der nächste
sich einstellte. Mir schien es, als wachten sie abwechselnd bei mir.
Ich war zu schwach, als daß ich sie hätte bitten können, mir ihr
Verhalten zu erklären. Im Lauf der folgenden Tage ging es mir
etwas besser, und sie begannen mit mir über mein Träumen zu
sprechen. Anfangs wußte ich nicht, was sie von mir wollten. Dann
dämmerte mir, aufgrund ihrer Fragen, daß es ihnen um die
Schattenwesen ging. Alle wirkten sie verängstigt und sagten mir
mehr oder minder dasselbe: sie behaupteten, sie wären selbst nie in
der Schattenwelt gewesen. Einige behaupteten sogar, nicht zu
wissen, daß sie überhaupt existierte. Ihre Behauptungen und
Reaktionen steigerten meine Verwirrung und Furcht. Sie stellten
mir Fragen, wie etwa: »Wer hat dich in diese Welt
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gefü h rt? « o d er »W o h er w u ß test d u . w ie m an d o rth in gelan gt? « vo r E nergie. A ls ich D o n Juan nach ihrer ungew ö hnlich jugend -
A ls ich ihnen sagte, daß die Scouts m ir diese W elt gezeigt hätten, lic h e n E rsc h e in u n g b e fra g te , a n tw o rte te e r. d a ß d ie Z a u b e re i sie so
w o llten sie m ir n ich t glau b en . A n sch ein en d n ah m en sie an , d aß leb end ig halte. D ie E nergie d er Z aub erer, m einte er, w irke auf d e n
ich w ohl dort gew esen sei. aber da sie keinerlei persönliche E rfah- B e tra c h te r a ls Ju g e n d u n d K ra ft.
ru n gen m it d ieser W elt h atten , ko n n ten sie n ich t erm essen , w as N a c h d e m D o n Ju a n s G e fä h rte n ih re a n fä n g lic h e N e u g ie r a u f d ie
ich sagte. D ennoch w ollten sie alles w issen, w as ich ihnen über die S c h a tte n w e lt b e frie d ig t h a tte n , ste llte n sie ih re B e su c h e in m e in e m
Schattenw esen und ihre W elt berichten konnte. So tat ich ihnen Z im m e r e in . u n d ih re U n te rh a ltu n g b e w e g te sic h fo rta n im
den G efallen. U nd alle, m it A usnahm e D on Juans, saßen bei m ir R ahm en gelegentlicher E rkund igungen nach m einer G esund heit.
am B ett und hingen an m einen Lippen. D och jedesm al, w enn ich D o ch jed esm al. w enn ich aufzustehen versuchte, w ar jem and d a,
sie um ihre M einung über m eine Situation befragte, huschten sie d er m ich m it sanfter G ew alt w ied er zu B ett b rachte. Ich w ünschte
hinaus, genau w ie Schattenw esen. ihre F ürso rglichkeit nicht, ab er anscheinend b rauchte ich sie. Ich
E ine w eitere alarm ierende R eaktion, die sie früher nicht gezeigt w a r sc h w a c h . D ie s m u sste ic h a k z e p tie re n . W a s a b e r w irk lic h a n
hatten, w ar, daß sie sich ängstlich bem ühten, jeglichen physischen m e in e n N e rv e n z e rrte , w a r, d a ß n ie m a n d m ir e rk lä re n k o n n te ,
K ontakt m it m ir zu verm eiden. Sie hielten A bstand, als hätte ich w a s ic h e ig e n tlic h in M e x ik o m a c h te , w ä h re n d ic h m ic h in L o s
d ie P e st. Ih re R e a k tio n b e u n ru h igte m ic h so se h r, d a ß ic h sie A n g e le s in s B e tt g e le g t h a tte , u m z u trä u m e n . Ic h b e fra g te sie
deshalb befragen m ußte. Sie leugneten es. Sie schienen beleidigt im m er w ieder. A lle gaben sie m ir die gleiche A ntw ort: »F rage den
u n d gin gen so gar so w eit, m ir b ew eisen zu w o llen , d aß ich im N a g u a l. E r ist d e r e in z ig e , d e r e s e rk lä re n k a n n .« E n d lic h b ra c h
U nrecht sei. Ü ber die gespannte S ituation, die sich daraus ergab. F lo rin d a d a s E is: »D u w u rd e st in e in e F a lle g e lo c k t. D a s ist's, w a s
m usste ich herzlich lachen. Jedes M al, w enn sie m ich zu um arm en d ir p a ssie rte .« »W o w urd e ich in eine F alle gelo ckt? «
versuchten, erstarrten sie am ganzen K örper. F lorinda G rau. D on »N atürlich in der W elt der anorganischen W esen. D as ist die W elt,
Juans engste V ertraute, w ar die einzige aus seiner G ruppe, die sich m it d e r d u d ic h se it Ja h re n b e sc h ä ftig st, n ic h t w a h r? « »G anz
m ir körperlich näherte und m ich pflegte. S ie versu ch te m ir au ch gew iß . F lo rind a. A b er kannst d u m ir verraten, w as d as für eine
zu erklären , w as eigen tlich lo s w ar. S ie sagte, m ein e E n ergie sei F alle w ar? «
in d er W elt d er an o rgan isch en W esen völlig entladen und dann »N icht e ig e n tlic h . N ur soviel kann ich d ir sagen, daß du dort alle
w ieder aufgeladen w orden, doch m eine neue E nergie sei ziem lich E n e rg ie v e rlo re n h a st. A b e r d u h a st d ic h se h r g u t g e w e h rt.«
beängstigend für die m eisten von i h nen. »W arum b in ich krank. F lo rind a? «
Jeden A bend brachte Florinda m ich zu B e t t , als sei ich ein Invalide. »D u leidest an keiner K rankheit. D u w urdest energetisch verw und e t.
Sie sprach sogar in zärtlicher K indersprache zu m ir, w as alle E s w a r se h r k ritisc h , a b e r je tz t b ist d u n u r n o c h sc h w e r verletzt.«
an d eren m it sch allen d em G eläch ter b egleiteten . G an z gleich »W ie ko nnte all d as p assieren? «
aber, w ie sehr m ich Florinda veralberte, w ar ich i h r dankbar für »D u hast d ic h auf einen tö d lichen K am p f m it d en ano rganischen
ihre A nteilnahm e, die echt zu sein schien. W esen eingelassen, und d u w urd est b esiegt.« »Ic h k a n n m ic h a n
V on Florinda habe ich schon in einem früheren B uch erzählt, im k e in e n K a m p f e rin n e rn , F lo rin d a .« »O b d u d ich erinnerst o d er
Z usam m enhang m einer B egegnung m it ihr. Sie w ar bei w eitem n i c h t , d arauf ko m m t es nicht an. D u h a st g e k ä m p ft, u n d d u h a st
d ie sch ö n ste F rau , d ie ich je geseh en h ab e. E in m al sagte ich zu v e rlo re n . D u h a tte st k e in e C h a n c e gegen d iese M eister d er
ihr, und ich m einte es ganz ehrlich, sie hätte Fotom odell in einem M anip ulatio n.« »Ich hab e m it d en ano rganischen W esen
M odejournal sein können. »In einem Journal aus dem Jahr 1910«. gekäm p ft? « »Ja. D u hattest m it ihnen eine B egegnung auf L eb en
erw iderte sie. Florinda w ar alt, und doch nicht alt. Sie w ar jung und und T o d . Ich
vibrierend
w e iß ta tsä c h lic h n ic h t, w ie d u ih re n tö d lic h e n S c h la g ü b e rle b t B eso nd ers w enn w ir uns so auffällig verfügb ar m achen, w ie er es
hast.« getan h a t.«
S ie w a r n ic h t b e re it, m ir m e h r z u v e rra te n , u n d d e u te te a n . d e r D ie S e u fz e r u n d S c h re c k e n sla u te d e r a n d e re n h a llte n v o n d e n
N agual kö nne jed en T ag ko m m en und m ich b esuchen. A m W änd en w id er. A lle schienen sie t i e f entsetzt und b eso rgt. Ich
nächsten T ag erschien D on Juan. E r gab sich jovial und hilfsb e re it. w o llte scho n jam m ern und D o n Juan V o rw ürfe m achen, w eil er
S c h e rz e n d v e rk ü n d e te e r. d a ß e r in se in e r E ig e n sc h a ft a ls E n e rg ie - m ich nicht zurückgehalten h a t t e ; dann aber fiel m ir ein, w ie er
D o k to r g e k o m m e n se i. E r u n te rsu c h te m ic h , in d e m e r m ic h v o n m ic h im m e r w ie d e r g e w a rn t h a tte , w ie e r v e rg e b lic h v e rsu c h t
K o p f b is F u ß a n sta rrte . »D u b ist b e in a h g e h e ilt«, e rklärte er. h a tte , m ic h d a v o n a b z u h a lte n . D o n Ju a n w a r sic h d u rc h a u s b e -
»W as ist m it m ir p assiert. D o n Juan? « fragte ich. »D ie w u ß t, w a s in m ir v o rg in g . E r sc h e n k te m ir e in w isse n d e s L ä cheln.
a n o rg a n isc h e n W e se n h a b e n d ir e in e F a lle g e ste llt, u n d d u b ist »D u fü h lte st d ic h k ra n k «, sa g te e r. »w e il d e in e E n e rg ie v o n d e n
h in e in g e ta p p t«, a n tw o rte te e r. »W ie b in ich hierher geko m m en? « anorganischen W esen entladen und dann m it ihrer E nergie w ieder
»G enau d ies ist d as gro ß e R ätsel«, sagte er und lächelte gö nnerh a ft aufgelad en w o rd en ist. S o etw as hätte genügt, um jed en zu tö ten.
- o ffe n k u n d ig b e m ü h t, e in e sc h w ie rig e F ra g e le ic h tz u n e h m e n . A b er als N agual hast d u zusätzliche E nergien, und d arum b ist d u
»D ie a n o rg a n isc h e n W e se n sc h n a p p te n d ic h m it H a u t u n d H a a re n . m it k n a p p e r N o t e n tro n n e n .«
Z u e rst b ra c h te n sie d e in e n E n e rg ie k ö rp e r in ih r R e ic h , a ls d u Ich sagte zu D on Juan, daß ich m ich an B ruchstücke eines zusam -
e in e m ih re r S c o u ts fo lg te st, u n d d a n n n a h m e n sie d e in e n m e n h a n g lo se n T ra u m s e rin n e rte , in d e m ic h m ic h in e in e r g e lb
physischen K örper.« verneb elten W elt b efand . E r, C aro l T iggs und seine üb rigen G e-
D o n Ju a n s G e fä h rte n w irk te n sc h o c k ie rt. E in e r v o n ih n e n fra g te fährten hätten m ich d o rt herausgezo gen.
D o n Juan, o b d ie ano rganischen W esen einen gew altsam entführe n »D as R eich d er ano rganischen W esen erscheint vo r d em p hysi-
k ö n n te n . N a tü rlic h k ö n n te n sie d ie s, a n tw o rte te D o n Ju a n . U nd er sc h e n A u g e a ls e in e g e lb e N e b e lw e lt«, sa g te e r. »A ls d u e in e n
erinnerte d ie and eren d aran, d aß d er N agual E lias in d iese W e lt z u sa m m e n h a n g lo se n T ra u m z u trä u m e n g la u b te st, sc h a u te st d u
e n tfü h rt w o rd e n se i, o b w o h l e r w irk lic h n ic h t d ie A b sic h t g e h a b t tatsächlich zum erstenm al m it deinen physischen A ugen das U ni-
h a b e , d o rth in z u g e h e n . versum der anorganischen W esen. U nd so seltsam es d i r scheinen
A lle stim m ten ko p fnickend z u . D o n Juan sp rach w eiter zu ihnen, m a g , e s w a r a u c h fü r u n s d a s e rste M a l. W ir w isse n v o n d e m
m ic h in d e r d ritte n P e rso n e rw ä h n e n d . E r sa g te , d a ß d ie k o m b i- gelb en N eb el nur aus G eschichten d er Z aub erer, nicht aus eigener
n ie rte B e w u ß th e it e in e r G ru p p e so lc h e r W e se n z u e rst m e in e n E rfahrung.«
E nergiekö rp er verzehrt hab e, ind em sie m ich zu einem G efühls-
W as er d a sagte, w ar m ir vö llig unverständ lich. D o n Juan b eteue rte
ausb ruch zw angen: näm lich, d en b lauen S co ut zu b efreien. D ann
a b e r, d a ß e i n e u m fa sse n d e re E rk lä ru n g n i c h t m ö g lic h se i, w e il e s
h a b e d ie k o m b in ie rte B e w u ß th e it d ie se r G ru p p e v o n a n o rg a n i-
m ir a n E n e rg ie fe h le . I c h m ü sse m ic h d a m it a b fin d e n , m einte er,
schen W esen m eine feste p hysische M asse in ihre W elt geschafft.
w as er m ir sagte und w ie ich es verstünd e. »Ich verstehe es
D e n n o h n e d e n E n e rg ie k ö rp e r, fü g te D o n Ju a n h in z u , se i m a n nur
üb erhaup t nicht«, b eharrte ich. »D a n n h a st d u n ic h ts v e rlo re n «,
ein K lum pen organischer M aterie, der vom B ew usstsein leicht sa g te e r. »W e n n d u stä rk e r g e w o rd e n b ist, w irst d u se lb st
m anip uliert w erd en kann. A n tw o rte n a u f d e in e F ra g e n fin den .«
»D ie a n o rg a n isc h e n W e se n h ä n g e n a n e in a n d e r, w ie d ie Z e lle n
unseres K örpers«, fuhr D on Juan fort. »W enn sie ihre B ew ußtheit Ic h g e sta n d D o n Ju a n , d a ß ic h H itz e w a llu n g e n h a tte . P lö tz lic h
stie g m e in e T e m p e ra tu r, u n d w ä h re n d m ir h e iß w u rd e , b is ic h
b ünd eln, sind sie unschlagb ar. E s ist für sie eine K leinigkeit, uns
sc h w itz te , h a tte ic h a u ß e ro rd e n tlic h e , a b e r b e ä n g stig e n d e E in -
a u s u n se re r V e ra n k e ru n g z u re iß e n u n d in ih re W e lt z u sto ß e n .
sichten in m eine S ituatio n.
140
D o n Ju a n p rü fte m e in e n g a n z e n K ö rp e r m it se in e m d u rc h d rin - erlebte, unaufhörlich im Zimmer auf und ab laufen mußte. um
genden B lick. E r sagte, ich sei in einem energetischen S chockzu- Linderung zu finden. Die Sehnsucht blieb mir. bis ich lernte, mir
stand . D er E nergieverlust hab e m ich zeitw eilig geschw ächt, und eine weitere Neuerung in meinem Leben zunutze zu machen: eine
w a s ic h n u n a ls H itz e w a llu n g e n e rle b te , w ä re n in W irk lic h k e it unbeugsame Selbstkontrolle, so neu und so mächtig, daß sie mir
E nergieschüb e, b ei d enen ich augenb licklich d ie K o ntro lle üb er noch mehr Anlaß zur Sorge gab.
m einen E nergiekö rp er w ied ergew ann und erkannte, w as m it m ir Gegen Ende der vierten Woche glaubten alle, daß ich endlich
geschehen sei. genesen sei. Sie schränkten ihre Besuche drastisch ein. Die meiste
»S tre n g e d ic h a n u n d sa g e m ir se lb st, w a s d ir in d e r W e lt d e r Zeit blieb ich allein und schlief. Die Ruhe und Entspannung, die
anorganischen W esen geschehen ist«, befahl er m ir. U n d so ich genoß. war so vollkommen, daß meine Energie merklich zu-
e rz ä h lte ic h ih m , ic h h ä tte v o n Z e it z u Z e it d e n k la re n E indruck, nahm. Ich fühlte mich wieder ich selbst werden. Ich begann sogar
daß er und seine G efährten m it ihrem physischen K örper in diese wieder zu üben.
W elt gekom m en w ären und m ich den anorganischen W esen Eines Tages - gegen Mittag, nach einem leichten Imbiß - kehrte
entrissen hätten. ich auf mein Zimmer zurück, um ein Schläfchen zu halten. Kurz
»R ichtig!« rief er. »G ut gem acht. U nd nun verw andle diesen E in- bevor ich in tiefen Schlaf versank, wälzte ich mich im Bett hin und
d ruck in ein B ild d essen, w as p assierte.« her und versuchte eine bequemere Lage zu finden, als ein sonder-
S o sehr ich es auch versuchte, es w ollte m ir nicht gelingen, w as er barer Druck auf meine Schläfen mich zwang, die Augen zu
von m ir verlangte. M ein S cheitern erlebte ich als ungew öhnliche öffnen. Das kleine Mädchen aus der Welt der anorganischen Wesen
M üd igkeit, d ie m ich vo n innen her auszutro cknen schien. B evo r stand am Fußende meines Bettes und sah mich mit ihren kalten,
D o n Ju a n h in a u sg in g , sa g te ic h z u ih m . d a ß ic h u n te r A n g st litte. stahlblauen Augen an.
»D as hat nichts zu b ed euten«, sagte er unb eküm m ert. »S ieh zu. Ich sprang aus dem Bett und schrie so laut, daß drei von Don
d aß d u d eine E nergie w ied ergew innst, und so rge d ich nicht um Juans Gefährten bei mir im Zimmer waren, bevor ich zu schreien
solchen Q uatsch.« aufhörte. Sie waren sprachlos. Entsetzt schauten sie zu. wie sich
E s v e rg in g e n m e h r a ls z w e i W o c h e n , w ä h re n d la n g sa m m e in e das kleine Mädchen mir näherte und dann durch die Schranke
E nergie w iederkehrte. D ennoch m achte ich m ir w eiterhin S orgen meines leuchtenden Körpers zurückgehalten wurde. Eine Ewigkeit
um alles und jedes. V or a lle m sorgte ich m ich um e in G efühl, m ir schauten wir einander an. Sie wollte mir etwas sagen, was ich zuerst
selber frem d gew orden zu sein - nam entlich eine gew isse K älte in nicht verstand, doch im nächsten Moment war es mir sonnenklar:
m ir, die ich bislang nicht bem erkt h a t t e , eine A rt G leichgültigkeit damit ich verstehen könne, was sie sagte, so bedeutete sie mir,
u n d D ista n z ie rth e it, d ie ic h a u f m e in e n M a n g e l a n E n e rg ie z u - müsse ich mein Bewusstsein aus meinem physischen Körper in
rückführte, b is ich d iese w ied erfand . D ann ab er w urd e m ir k l a r . meinen Energiekörper verlagern.
d aß es eine neue E igenschaft m eines W esens w ar - eine E igen- In diesem Augenblick trat Don Juan ins Zimmer. Das kleine
sc h a ft, d ie m ic h d a u e rn d v o n m e in e n G e fü h le n tre n n te . U m Mädchen und Don Juan starrten einander an. Wortlos drehte sich
G efühle hervo rzurufen, d ie ich gew ö hnt w ar, m usste ich sie um - Don Juan um und ging hinaus. Das kleine Mädchen huschte hinter
ständlich heraufbeschw ören und einen A ugenblick w arten, bis sie ihm durch die Tür.
sich einstellten. Unbeschreiblich war der Aufruhr, den diese Szene unter Don Juans
E ine w eitere neue E igenschaft m eines W esen w ar eine befrem d- Gefährten auslöste. Alle verloren die Fassung. Anscheinend
lic h e S e h n su c h t, d ie m ic h v o n Z e it z u Z e it ü b e rfie l. Ic h se h n te hatten sie alle gesehen, wie das kleine Mädchen mit dem Nagual
m ich nach irgend jem and em , d en ich nicht kannte. E s w ar ein so aus dem Zimmer ging.
üb erw ältigend es und verzehrend es G efühl, d aß ich. w enn ich es Ich selbst glaubte zu explodieren. Ich befürchtete eine Ohnmacht
und musste mich setzen. Die Anwesenheit des kleinen Mädchens
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A ls ic h m e in e E n e rg ie m it d e r d e s S c o u t v e rm isc h te , so e rk lä rte »Mangel an Energie ist es. was deine Erinnerung unter Verschluß
m ir D o n Ju a n , h ä tte ic h w irk lic h a u fg e h ö rt z u e x istie re n . In a ll hält«, sagte er. »Wenn du genügend Energie hast, wird dein Ge-
m einer K örperlichkeit sei ich in das R eich der anorganischen W esen dächtnis wieder ausgezeichnet arbeiten.«
versetzt w orden, und ohne den S cout, der D on Juan und seine »Glaubst du. ich werde mich an alles erinnern können, woran ich
G e fä h rte n d o rth in fü h rte , w o ic h w a r. w ä re ic h w o h l g e sto rb e n mich erinnern will?«
o d er in d ieser W elt geb lieb en, für im m er verlo ren. »W a ru m fü h rte »Nicht ganz. Du magst wollen, soviel du willst, aber wenn das
d e r S c o u t e u c h d o rth in , w o ic h w a r? « fra g te ich. Maß deiner Energie nicht der Bedeutung dessen entspricht, was du
»D e r S c o u t ist e in e m p fin d e n d e s L e b e w e se n a u s e in e r a n d e re n weißt, kannst du deinem Wissen getrost Lebewohl sagen: es wird
D im ension. Jetzt ist er ein kleines M ädchen. U nd dieses M ädchen dir niemals zugänglich sein.« »Also, was soll ich tun, Don Juan?«
sa g te m ir, d a ß sie , u m d ie n ö tig e E n e rg ie z u g e w in n e n u n d d ie »Energie hat die Neigung, zu akkumulieren. Folge nur makellos
S chranken zu durchbrechen, die sie in der W elt der anorganischen dem Pfad der Krieger, dann kommt der Moment, da dein Ge-
W e se n g e fa n g e n h i e l t e n , d e in e g a n z e E n e rg ie v o n d i r n e h m e n dächtnis sich öffnen wird.«
m ußte. D ies ist nun ihr m enschlicher T eil. E tw as w ie D ankbarkeit Wenn ich Don Juan so sprechen hörte, gestand ich ihm, hatte ich
fü h rte sie z u m ir. A ls ic h sie sa h , w u ß te ic h so fo rt, d a ß e s d ic h das Gefühl, als ob ich mich nur vor Selbstmitleid gehenließ, als ob
erw ischt hatte.« sonst alles in Ordnung sei.
»W as m achtest d u d ann, D o n Juan? « »Du lässt dich nicht nur gehen«, sagte er. »Du warst tatsächlich
»Ic h m o b ilisie rte a lle , d ie ic h e rre ic h e n k o n n te , v o r a lle m C a ro l energetisch tot. vor vier Wochen. Jetzt bist du nur noch ein wenig
T ig g s, u n d w ir flo g e n lo s - in s R e ic h d e r a n o rg a n isc h e n W e sen.« betäubt. Betäubung und Mangel an Energie verbergen dir dein
»W arum C arol T iggs?« Wissen. Natürlich weißt du mehr als wir alle über die Welt der
»E rstens, w eil sie unerschöpfliche E nergie hat, und zw eitens, w eil anorganischen Wesen. Diese Welt war es. wofür die alten Zauberer
sie sic h m it d e m S c o u t v e rtra u t m a c h e n so llte . W ir a lle h a b e n sich ausschließlich interessierten. Und wir haben dir gesagt, daß
d urch d iese E rfahrung etw as unerm eß lich W ertvo lles gefund en. wir nur durch die Geschichten der Zauberer von dieser Welt
D u und C aro l T iggs, ihr fand et d en S co ut. U nd w ir and eren fand e n erfahren haben. Am meisten verwundert mich, muß ich ehrlich
e in e n G ru n d , u n se re g a n z e p h ysisc h e E x iste n z a u f u n se re n sagen, daß du selbst nun für uns zum Gegenstand einer Zauberer-
E nergiekörper zu stellen: w ir w urden E n e r g ie .« »W ie hab t ihr d as Geschichte geworden bist.«
gem acht, D o n Juan? « Ich konnte nur wiederholen, daß es für mich unvorstellbar sei, ich
»W ir hab en gem einsam und gleichzeitig unseren M o ntagep unkt könnte etwas getan haben, was er nicht getan hatte. Andererseits
verschoben. D en R est besorgte unsere m akellose A bsicht, dich zu wollte ich auch nicht glauben, daß er mir nur schmeicheln wolle.
re tte n . D e r S c o u t fü h rte u n s im H a n d u m d re h e n d o rth in , w o d u »Weder schmeichle ich dir. noch rede ich dir nach dem Mund«,
als H albtoter lagst, und C arol schleppte dich h e r a u s . « S eine sagte er, sichtlich verärgert. »Ich stelle nur Tatsachen der Zauberei
E rklärung w ar m ir unverständ lich. D o n Juan lachte nur, als ich dies fest. Daß du mehr weißt über diese Welt als wir alle, sollte für dich
einzuw enden versuchte. kein Grund zur Zufriedenheit sein. Solch ein Wissen hat keine
»W ie könntest du das verstehen, w o du nicht m al genügend E nerg ie Vorteile. Immerhin konntest du dich nicht retten, trotz all deines
h a st, u m a u s d e m B e tt z u ste ig e n ? « e rw id e rte e r. Ic h m u sste ih m Wissens. Wir konnten dich retten, weil wir dich fanden. Doch
g e ste h e n , d a ß ic h u n e n d lic h v ie l m e h r z u w isse n glaubte, als m ein ohne die Hilfe des Scout wäre schon der Versuch, dich zu finden,
V erstand zugeben w ollte; daß aber irgend etw as m eine E rinnerung sinnlos gewesen. Du warst so endgültig verloren in dieser Welt,
unter V erschluß hielt. daß mir graut, wenn ich nur daran denke.«
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In m e in e m d a m a lig e n G e iste sz u sta n d fa n d ic h e s g a r n ic h t v e r- 8. Die dritte Pforte des Träumens
w u n d e rlic h , a ls ic h n u n sa h , w ie e in e W e lle v o n G e fü h l a lle
G e fä h rte n u n d L e h rlin g e D o n Ju a n s ü b e rsc h w e m m te . N u r C a ro l
T iggs b lieb ungerührt. S ie schien ihre R o lle vö llig zu akzep tieren.
S ie w ar eins m it m ir.
»D u h a st d e n S c o u t b e fre it«, fu h r D o n Ju a n fo rt, »a b e r d u h a st
d e in L e b e n a u fg e g e b e n . O d e r sc h lim m e r n o c h , d u h a st d e in e »Die dritte Pforte des Träumens ist erreicht. wenn du im Traum
F reiheit aufgegeb en. N ur im A ustausch für d ich hab en d ie ano r- jemand anderen schlafen siehst, und dieser andere bist du selbst«,
ganischen W esen d en S co ut freigelassen.« »D as kann ich kaum sagte Don Juan.
glaub en, D o n Juan. N icht d aß ich an d einen W o rten zw eifle, Meine Energie war damals so hochtransformiert, daß ich gleich an
verstehst d u, ab er d u schild erst m ir ein so hinterhältiges M anö ver, der dritten Aufgabe zu arbeiten begann, auch wenn er mir keine
d aß ich sp rachlo s b in.« »B e tra c h te e s n ic h t a ls H in te rh ä ltig k e it, weiteren Informationen darüber gab. Das erste. was ich bei meinen
u n d d u h a st d ie g a n z e W ahrheil in einer N uß schale. D ie Traumübungen bemerkte, war, daß ein Energieschub sofort den
ano rganischen W esen sind im m er auf d er S uche nach B ew uß theit Schwerpunkt meiner Traum-Aufmerksamkeit verlagerte. Ich
und E nergie. W enn d u b ereit b ist, ihnen b eid es zu b ieten - w as, konzentrierte mich nun auf das Erwachen im Traum, wobei ich
glaub st d u, w erd en sie tun? D ir K u ssh ä n d c h e n ü b e r d ie S tra ß e mich selbst schlafen sah. Reisen ins Reich der anorganischen
z u w e rfe n ? « Ich w uß te, D o n Juan halle recht. D o ch d iese G ew iß heit Wesen beschäftigten mich nicht mehr.
hielt sich n ic h t la n g e b e i m ir. D ie K la rh e it d e r E in sic h t v e rflo g Bald danach sah ich mich schlafend in einem Traum. Sofort be-
a llm ä h lich. richtete ich es Don Juan. Der Traum kam mir, während ich in
D o n Juans G efährten b estürm ten ihn w eiter m it F ragen. S ie w o ll- seinem Haus war.
te n w isse n , o b e r sc h o n d a ra n g e d a c h t h a lle , w a s n u n m it d e m »Zwei Phasen gibt es bei jeder Traumpforte«, sagte er. »Die erste
S cout geschehen solle. ist, wie du weißt, das Erreichen der Pforte. Die zweite ist das
»Ja, d as hab e ich. E s ist ein schw ieriges P ro b lem , d as d er N agual Hindurchschreiten. Indem du träumtest, was du geträumt hast,
hier lö sen m uß «, sagte er, auf m ich d eutend . »E r und C aro l T iggs nämlich daß du dich schlafen sahst, erreichtest du die dritte Pforte.
sind die einzigen, die den S cout befreien können. U nd das w eiß er Die zweite Phase ist nun, umherzugehen, nachdem du dich im
auch.« Schlaf gesehen hast.«
N atürlich stellte ich ihm die einzig m ögliche F rage: »W ie kann ich »Bei der dritten Traumpforte«, fuhr er fort, »beginnst du deine
ih n befreien?« Traum-Wirklichkeil bewußt mit der alltäglichen Wirklichkeit zu
»S tatt es d ir vo n m ir sagen zu lassen, gib t es einen viel b esseren. verschmelzen. Dies ist der vorgesehene Ausbildungs-Drill, und
v ie l ric h tig e re n W e g , e s h e ra u sz u fin d e n «, sa g te D o n Ju a n m it die Zauberer bezeichnen es als Vervollständigung des Energie-
breitem G rinsen. »F rage den B otschafter. D ie anorganischen W ese n körpers. Die Verschmelzung der beiden Realitäten soll so gründlich
k ö n n e n n ic h t lü g e n , w ie d u w e iß t.« erfolgen, daß du beweglicher sein mußt denn je. An der dritten
Pforte mußt du alles untersuchen, mit großer Vorsicht und Neugier.«
Ich beschwerte mich, seine Empfehlungen seien mir zu rätselhaft
und unbegreiflich. »Was verstehst du unier Vorsicht und Neu-
gier?« fragte ich.
»Vor der dritten Pforte haben wir die Neigung, uns in Details zu
verlieren«, antwortete er. »Alles mit großer Vorsicht und Neugier
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zu betrachten bedeutet, daß wir der beinah unwiderstehlichen samter Energiekörper sich daran beteiligen, die Aufgabe der
Versuchung widerstehen, uns Hals über Kopf in Einzelheiten zu dritten Pforte zu erfüllen. Um deinem Energiekörper die Sache zu
stürzen. erleichtern, solltest du deine Rationalität zurückhalten.« »Ich
Der vorgeschriebene Drill bei der dritten Pforte ist, wie ich sagte. fürchte, du verbellst den falschen Baum«, sagte ich. »Nach allen
die Konsolidierung des Energiekörpers. Die Träumer bauen den Erfahrungen, die du in mein Leben gebracht hast, ist bei mir nur
Energiekörper allmählich auf. indem sie die Aufgaben der ersten noch wenig Rationalität übrig.«
und zweiten Pforte erfüllen. Wenn sie die dritte Pforte erreichen, »Ach, erzähle mir nichts. Unsere Rationalität ist es, die den
ist der Energiekörper bereit herauszukommen - besser gesagt, er ist Energiekörper an der dritten Pforte zwingt, sich so hartnäckig
bereit zu handeln. Leider heißt dies auch, daß er bereit ist, sich von mit überflüssigen Details zu befassen. Was wir an der dritten
Einzelheiten hypnotisieren zu lassen.« »Was heißt es, sich von Pforte brauchen, ist also irrationale Beweglichkeit, irrationale
Einzelheiten hypnotisieren zu lassen?« Selbstvergessenheit, um solche Hartnäckigkeit auszugleichen.«
»Der Energiekörper ist wie ein Kind, das sein Leben lang einge- Don Juans Feststellung, daß jede der Traumpforten ein Hindernis
sperrt war. Sobald er nun frei wird, saugt er alles auf, was er sei, hätte sich nicht deutlicher bewahrheiten können. Um den
finden kann, und ich meine buchstäblich alles. Jedes belanglose, Drill der dritten Traumpforte zu erfüllen, musste ich mich härter
winzige Detail absorbiert den Energiekörper gänzlich.« Es folgte anstrengen als vor den beiden anderen Pforten zusammen. Don
ein verlegenes Schweigen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Juan setzte mich unter gewaltigen Druck. Außerdem war noch
Ich hatte ihn genau verstanden, aber aus eigener Erfahrung etwas in meinem Leben hinzugekommen: echte Furcht. Schon
konnte ich mir keine Vorstellung machen, was dies alles bedeuten immer hatte ich mich vor diesem und jenem gefürchtet, normal
mochte. und sogar im Übermaß, doch unter all meinen Erfahrungen gab
»Die dümmste Kleinigkeit kann für den Energiekörper zu einer es nichts, was vergleichbar gewesen wäre mit der Furcht, die ich
eigenen Welt werden«, erklärte Don Juan. »Die Träumer müssen nach meinem Zusammenstoß mit den anorganischen Wesen emp-
alles daransetzen, den Energiekörper zu steuern. Ich weiß, es ist fand. Dieser ganze Erfahrungsschatz blieb meiner normalen Erin-
eine unbeholfene Umschreibung, wenn ich dir rate, die Dinge mit nerung jedoch unzugänglich. Nur in Don Juans Gegenwart
Vorsicht und Neugier zu betrachten, aber es ist die beste Bezeich- standen mir solche Erinnerungen offen.
nung für das, was du tun solltest. An der dritten Pforte müssen die Einmal, als wir im Nationalen Museum für Anthropologie und
Träumer den unwiderstehlichen Drang vermeiden, sich einfach Geschichte in Mexico City waren, befragte ich ihn wegen dieser
auf alles zu stürzen - und sie vermeiden ihn. indem sie so neugierig sonderbaren Situation. Was mich zu meiner Frage bewog, war,
darauf brennen, auch alles andere kennenzulernen, daß sie sich daß ich in jenem Augenblick die seltene Fähigkeit hatte, mich an
nicht von einer Einzelheit gefangennehmen lassen.« Er wisse wohl, alles zu erinnern, was mir im Lauf meiner Bekanntschaft mit Don
fügte Don Juan hinzu, wie absurd seine Empfehlungen mir Juan passiert war. Und dies machte mich so frei, so wagemutig
vorkommen müßten; er ziele damit aber direkt auf meinen und leichtsinnig, daß ich beinah umhertanzte. »Es passiert einfach,
Energiekörper. Immer wieder betonte er, daß mein Energiekörper all daß die Gegenwart des Nagual eine Verlagerung des Montagepunkts
seine Kräfte aufbieten müsse, um handeln zu können. bewirkt«, sagte er. Dann führte er mich in einen der Säle des
»Aber, handelt mein Energiekörper nicht schon die ganze Zeit?« Museums und sagte, daß meine Frage recht gut zu dem passe, was
fragte ich. er mir sagen wolle. »Ich hatte nämlich die Absicht, dir zu erklären,
»Zum Teil, ja. Sonst hättest du nicht ins Reich der anorganischen daß die Position des Montagepunktes wie ein Tresor ist, wo die
Wesen reisen können«, antwortete er. »Jetzt aber muß dein ge- Zauberer ihre Erinnerungsprotokolle aufbewahren«, sagte er. »Ich
war außer mir
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vor Freude, als dein Energiekörper meine Absicht spürte und du Mir wurde so unbehaglich, daß ich mich bei Don Juan dafür ent-
mich fragtest. Der Energiekörper weiß ungeheuer viel. Komm, ich schuldigen zu müssen meinte, daß ich. wie ich glaubte, so leicht-
werde dir zeigen, wieviel er weiß.« gläubig war. Weder lachte er. noch spottete er über mich.
Er befahl mir, mich in völlige innere Stille zu versetzen. Und er Vielmehr erklärte er mir sehr geduldig, daß die Zauberer einst
erinnerte mich daran, daß ich mich bereits in einem besonderen imstande waren, genaue Protokolle ihrer Entdeckungen in der
Bewusstseinszustand befinde, weil mein Montagepunkt sich durch Position des Montagepunkts zu hinterlegen. Um die Essenz eines
seine Gegenwart verlagert habe. Er versicherte mir, daß das Ein- schriftlichen Berichts zu erfassen, so sagte er, müßten wir uns
treten in völlige Stille es den Skulpturen in diesem Saal ermög- doch auf unsere Einfühlung oder unsere innere Anteilnahme und
lichen würde, mich Unausdenkbares sehen und hören zu machen. Imagination verlassen und, über das Papier hinaus, in das Erlebnis
Offenbar um meine Verwirrung noch zu mehren, fügte er hinzu, selbst eintauchen. Doch in der Welt der Zauberer, wo es kein
daß einige der archäologischen Objekte in diesem Saal die Fähigkeit Schrifttum gebe, würden Protokolle, die wiedererlebt statt gelesen
hätten, von sich aus eine Verlagerung des Montagepunkts zu werden könnten, in der Position des Montagepunkts hinterlegt.
bewirken; und daß ich, im Zustand völliger Stille, tatsächlich Zur Veranschaulichung dessen, was er mir sagte, verwies Don
manches aus dem Leben der Menschen sehen würde, die diese Juan auf die Lehren der Zauberer über die zweite Aufmerksam-
Gegenstände gemacht hatten. keit. Diese Lehren, sagte er, würden vermittelt, sobald der Mon-
Und dann begann für mich der sonderbarste Museumsrundgang, tagepunkt des Schülers sich an einer anderen als der normalen
den ich je erlebt habe. Im Saal auf und ab schreitend, schilderte Stelle befinde. Auf diese Weise werde diese Position des Mon-
und interpretierte er mir erstaunliche Details all dieser großen tagepunkts zum Protokoll der betreffenden Lektion. Um die
Ausstellungsstücke. Ihm zufolge war jedes archäologische Stück in Lektion noch einmal abzuspielen, müsse der Lehrling seinen
diesem Saal ein von den Menschen der Vorzeit absichtlich hin- Montagepunkt wieder in die Position zurückkehren lassen, in der er
terlassenes Protokoll - ein Protokoll, das Don Juan als Zauberer sich befand, als die Lektion erteilt wurde. Zum Schluss seiner
mir vorlesen konnte, fast wie ein Buch. Ausführungen wiederholte Don Juan noch einmal, daß es eine
»Jedes Stück hier ist dazu bestimmt, eine Verlagerung des Mon- Leistung höchsten Grades sei. den Montagepunkt in all die Posi-
tagepunkts auszulösen«, fuhr er fort. »Fixiere deinen Blick auf tionen zurückkehren zu lassen, die er einnahm, als die Lektionen
irgendeines, tauche ein ins innere Schweigen und finde heraus, ob vermittelt wurden.
dein Montagepunkt sich verlagern wird oder nicht.« »Wie soll ich Beinah ein Jahr lang fragte Don Juan mich nie wieder nach meiner
wissen, ob er sich verlagert hat?« »Du wirst Dinge sehen und dritten Aufgabe des Träumens. Dann aber, eines Tages, wünschte
fühlen, die dir normalerweise nicht zugänglich sind.« er plötzlich, ich solle ihm alle Einzelheiten meiner Traumübungen
Ich starrte also die Skulpturen an und sah und hörte Dinge, die zu schildern.
erklären mir nicht möglich wäre. Früher schon hatte ich all diese Als erstes musste ich von einem verblüffenden Phänomen der
Stücke mit dem Vorurteil anthropologischer Wissenschaft unter- Wiederholung berichten. Monatelang hatte ich nämlich immer
sucht, immer im Sinne von Schilderungen der Feldforscher. Ihre wieder Träume, in denen ich feststellte, daß ich mich schlafend im
Beschreibungen der Funktion solcher Stücke, in der Weltsicht des Bett sah und anstarrte. Das Sonderbare war die Regelmäßigkeit
modernen Menschen verwurzelt, kamen mir nun zum erstenmal solcher Träume; sie kamen alle vier Tage, pünktlich wie die Uhr.
sehr befangen, wenn nicht gar töricht vor. Was Don Juan über Während der anderen drei Tage war mein Träumen wie immer:
diese Stücke sagte und was ich selbst sah und hörte, während ich ich untersuchte alle möglichen Gegenstände in meinen Träumen,
sie anstarrte, war weit von dem entfernt, was ich je über sie gelesen ich wechselte die Träume - und getrieben von selbstmörderischer
hatte. Neugier, folgte ich manchmal den Scouts fremder Energie, ob-
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w ohl ich dabei starke Schuldgefühle hatte. Ich bildete m ir ein. es ich m ich an solchen T agen, an denen ich - w ie ich w ußte - diesen
sei ähnlich w ie eine geheim e D rogensucht. D as R eale dieser W elt T raum haben w ürde. vor dem E inschlafen fürchtete. »D u b ist n o ch
w ar für m ich unw iderstehlich. n ich t b ereit fü r ein e ech te V ersch m elzu n g d ein er T rau m -
Insgeheim fühlte ich m ich irgendw ie von aller V erantw ortung be- W irklich keit m it d ein er alltäglich en W irklich keit«, fo lgerte D o n
freit, w eil D on Juan selbst m ir vorgeschlagen hatte, den T raum - Ju an . »D u m u ß t n o ch w eiter d ein L eb en rekap itu lieren.«
b o tsch after zu fragen , w as ich tu n so llte, u m d en - n u n m eh r b ei »Ich habe doch soviel rekapituliert, w ie ich nur konnte«, beharrte
u n s - ge fa n ge n e n b la u e n S c o u t z u b e fre ie n . E r h a tte w o h l ge - ich. »U nd ich rekapituliere schon seit Jahren. E s gibt nichts m ehr in
m eint, ich solle diese Frage in m einem A lltagsbew ußtsein stellen, m einem L eben, w oran ich m ich noch erinnern könnte.« »E s m uß
aber ich verdrehte seine W orte in dem Sinn, daß ich den B otschafter noch m ehr geben«, sagte unerbittlich, »sonst w ürdest du nicht
befragen m üsse, w ährend ich m ich in seiner W elt befand. D ie schreiend erw achen.«
F rage, die ich dem B otschafter eigentlich stellen w ollte, w ar. ob D ie V orstellung, noch w eiter m ein Leben rekapitulieren zu m üssen,
die anorganischen W esen m ir eine Falle gestellt hätten. N icht nur gefiel m ir gar nicht. Ich hatte es ja getan, und ich glaubte es so gu t
k lä rte d e r B o tsc h a fte r m ic h a u f. d a ß a lle s, w a s D o n J u a n m ir getan zu h ab en , d aß ich m ich n ie w ied er d am it b efassen m üßte.
ge sa gt h a tte , ge n a u z u tra f; e r b e le h rte m ic h a u c h d a rü b e r, w a s »D ie R ekap itu latio n u n seres L eb en s en d et n iem als, gan z egal,
C arol T iggs und ich zu tun hätten, um den Scout zu befreien. »D ie w ie gut w ir es getan haben«, sagte D on Juan. »D er G rund, w arum es
R egelm äß igkeit d ein er T räu m e ist etw as, d as ich erw artet h ab e«, norm alen M enschen beim T räum en an W illenskraft fehlt, ist, d aß
m ein te D o n Ju an , n ach d em er m ein en B erich t an geh ö rt hatte. sie n iem als rekap itu liert h ab en - u n d ih r L eb en d ah er ran d voll ist
»W arum hast du so etw as erw artet, D on Juan?« »A ufgrund deiner von schw er befrachteten E m otionen. E rinnerungen, H offnungen,
B eziehung zu den anorganischen W esen.« »D as ist vorbei und B efürchtungen und so w eiter.
vergessen, D on Juan«, log ich - und hoffte, er w ürde das T hem a Z auberer hingegen sind aufgrund ihrer R ekapitulation relativ frei
nicht w eiterverfolgen. von befrachteten und bindenden E m otionen. U nd w enn etw as sie
»D as sagst du nur um m einetw illen, nicht w ahr? B rauchst du aber aufhält, w ie du j e t z t aufgehalten w irst, ist jedenfalls anzunehm en,
nicht. Ich kenne die W ahrheit. G laube m ir. nachdem du dich auf daß es im m er noch etw as U ngeklärtes bei ihnen gibt.« »D as
sie eingelassen hast, hängst du fest. Sie w erden im m er hinter d i r R ekapitulieren geht zu stark an m eine Substanz. D on Juan.
her sein. O der, noch schlim m er, du w irst im m er h i n t e r ihnen her V ielleicht gibt es etw as anderes, w as ich tun könnte?« »N ein, gibt
sein.« es nicht. R ekapitulation und T räum en gehen H and in H and.
E r starrte m ich an. und vielleicht w aren m eine Schuldgefühle so W ährend w ir unser L eben zurückspulen, w erden w ir im m er
offenkundig, daß er lachen m ußte. leichter und unbeschw erter.«
»D ie einzig m ögliche E rklärung für eine solche R egelm äßigkeit Ü b e r d ie se R e k a p itu la tio n d e s e ige n e n L e b e n s h a tte D o n J u a n
ist, daß die anorganischen W esen dich schon w ieder verw öhnen«, m ir sehr ausführliche und genaue A nw eisungen gegeben. Sie be-
sagte D on Juan in bedenklichem T on. stand darin, alle E rfahrung des L ebens noch einm al nachzuerle-
R asch das Them a w echselnd. erzählte ich ihm von einem w eiteren. b e n , in d e m m a n je d e n o c h so k le in e E in z e lh e it e rin n e rte . In
erw ähnensw erten A spekt m einer T raum übungen, näm lich m einer solcher R ekapitulation sah er den entscheidenden Faktor bei der
R eaktion auf den A nblick m einer selbst, w ie ich in tiefem S chlaf en ergetisch en N eu b estim m u n g u n d N eu gestaltu n g ein es T räu -
lag. D ieser A nblick w ar im m er so erschreckend, daß er m ich e n t - m ers. »D ie R ekapitulation setzt E nergie frei, die sonst gefangen
w eder w ie angeleim t an der Stelle festhielt. bis der Traum w echselte, ist; und ohne diese befreite E nergie ist T räum en nicht m öglich.«
oder m ich so t i e f ängstigte, daß ich sofort aufw achte - schreiend, so D as w ar sein Standpunkt.
laut ich nur konnte. Ich w ar an dem P unkt angelangt, daß
15S
V orjahren einm al hatte D on Juan von m ir verlangt, ein V erzeichnis Ü berprüfung der V ergangenheit, sagte er, w echselt der M ontage-
von allen Leuten anzulegen, die ich in m einem Leben kennengelernt punkt zw ischen seinem gegenw ärtigen P latz und dem P latz hin und
hatte, angefangen m it der G egenw art. E r half m ir, dieses her, den er einnahm , als das rekapitulierte E reignis stattfand. D ie
V erzeichnis in eine ordentliche R eihenfolge zu bringen, und un- B egründung der alten Z auberer für diese R ekapitulation, erklärte
terteilte sie in T ätigkeitsbereiche w ie A rbeitsplätze, die ich gehabt D on Juan, w ar deren Ü berzeugung, daß es eine unvorstellbare K raft
hatte, Schulen, die ich besucht hatte, usw . D ann hielt er m ich an. der A uflösung im U niversum gibt, die den O rganism en L eben
vo n d er ersten P erso n m ein er L iste au sn ah m slo s b is zu r letzten schenkt, indem sie ihnen B ew usstsein verleiht. D iese K raft lässt
fo rtsc h re ite n d , je d e m e in e r In te ra k tio n e n m it d ie se n L e u te n auch die O rganism en sterben, um eben dieses verliehene
nachzuerleben. B ew usstsein w iederzuerlangen, das die O rganism en durch die E rfah-
D as R ekapitulieren eines E reignisses, erklärte er, beginnt dam it, rungen ihres L ebens noch verm ehrt haben. D on Juan erklärte m ir
daß m an im G eist alles zusam m enstellt, w as m it dem zu rekapitu- d ie Ü b e rle g u n g d e r a lte n Z a u b e re r: w e il e s n ä m lic h u n se re
lierenden E reignis zusam m enhängt. Solches Z usam m enstellen L ebenserfahrung sei, auf die es diese K raft abgesehen habe, hielte n
bedeutet, das E reignis zu rekonstruieren, Stück um Stück, ange- sie e s fü r ä u ß e rst w ic h tig , d ie se K ra ft d u rc h e in e K o p ie unserer
fangen bei der E rinnerung an physische D etails der U m gebung, L ebenserfahrung zufriedenzustellen: näm lich die R ekapitu la tio n d e s
dann fortschreitend zu der P erson, m it der m an es bei der Inter- L e b e n s. W e n n d ie a u flö se n d e K ra ft a lso b e k o m m t, w a s sie
a k tio n z u tu n h a tte , b is m a n z u sic h se lb st ge la n gt, u m se in e w ü n sc h t, g ib t sie d ie Z a u b e re r f r e i : n ä m lic h fre i, ih re
eigenen G efühle zu untersuchen. W ahrnehm ungsfähigkeit zu erw eitern und dam it bis an die G renzen
D on Juan lehrte m ich auch, die R ekapitulation m it einer natür- vo n R aum und Z eit vo rzusto ß en.
lich en , rh yth m isch en A tm u n g zu ko m b in ieren . L an gsam au s- A ls ich nun w ieder zu rekapitulieren begann, w ar es für m ich eine
a tm e n d , w ird d e r K o p f la n gsa m u n d sa c h te v o n re c h ts n a c h große Ü berraschung, daß m eine T raum übungen autom atisch auf-
links bew egt; und langsam einatm end, schw enkt der K opf w ieder h ö rte n , so b a ld m e in e R e k a p itu la tio n b e g a n n . Ic h fra g te D o n
von links nach rechts. D ieses Schw enken des K opfes nannte er Ju a n , w a s e s m it d ie se r u n g e w o llte n U n te rb re c h u n g a u f sic h
das »E ntfächern des E reignisses«. D abei w ird das E reignis in G e- habe.
danken durchgespielt, von A nfang bis E nde, w ährend der K örper »D as T räum en verlangt alle uns verfügbare E nergie«, antw ortete er.
im m er w ieder entfächert, w orauf unser G eist sich konzentriert. »W enn es in unserem L eben etw as gibt, w as uns stark in A nspruch
D o n Ju an sagte, d aß d ie Z au b erer d er V o rzeit, als E rfin d er d er nim m t, ist T räum en unm öglich.«
R ekapitulation, das A tm en als m agischen, lebenspendenden A kt »Ich w ar schon öfter von etw as anderem in A nspruch genom m en,
betrachteten und es entsprechend als m agisches V ehikel nutzten. a b e r n ie w u rd e n m e in e Ü b u n g e n d a d u rc h u n te rb ro c h e n «, sa g te
D as A usatm en diente dazu, die frem de E nergie auszustoßen, die ich.
w ä h re n d d e r re k a p itu lie rte n In te ra k tio n in ih n e n z u rü c k b lie b , »D a n n w a rst d u w a h rsc h e in lic h n ic h t in A n sp ru c h g e n o m m e n ,
und das E inatm en dazu, die E nergie zurückzuholen, die sie selbst so n d e rn e in O p fe r d e in e r S e lb stü b e rsc h ä tz u n g «, la c h te e r. »In
w ährend der Interaktion zurückgelassen hatten. A ufgrund m einer A nsp ruch geno m m en zu sein heiß t für Z aub erer, d aß alle unsere
w issenschaftlichen A usbildung faßte ich die R ekapitulation als E nergieq uellen b eansp rucht w erd en. D ies ist d as erste M al, d aß d u
Selbstanalyse des eigenen Lebens auf. D on Juan a b e r b e h a rrte alle d eine E nergieq uellen heranziehen m uß t. S o nst ab er, auch
d a ra u f, d a ß e s m e h r se i a ls e in e in te lle k tu e lle P sychoanalyse. E r w enn du früher rekapituliertest, w arst du niem als ganz davon be-
bezeichnete die R ekapitulation als einen T rick der Zauberer, um ansprucht.«
eine w inzige, aber dauernde V erschiebung des M ontagepunkts zu D ie sm a l g a b D o n Ju a n m ir e in e n e u e F o rm d e r R e k a p itu la tio n
bew irken. U nter dem E indruck einer solchen auf. Ich sollte verschiedene E reignisse m eines Lebens rekapitulieren,
scheinb ar o hne jed e O rd nung, w ie b ei einem P uzzle.
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»Das wird aber ein schönes Durcheinander«, protestierte ich. »D u m ußt dir eine verlässliche R ichtschnur w ählen, um festzustel-
»Nein, wird es nicht«, versicherte er. »Es wird ein Durcheinander, len, ob du tatsächlich deinen schlafenden K örper im B ett siehst«,
wenn du dein kleinliches Eigeninteresse entscheiden läßt. welche sa gte e r, sta tt m e in e F ra ge z u b e a n tw o rte n . »V e rgiß n ic h t, d u
Ereignisse du rekapitulieren willst. Laß doch statt dessen den Geist m ußt in deinem w irklichen Z im m er sein und deinen w irklichen
entscheiden. Werde ganz still, und dann befasse dich mit dem K örper sehen. Sonst ist das, w as du siehst, nur ein T raum . W enn
Ereignis, das der Geist dir zeigt.« Die Ergebnisse dieser Form von dies der F all ist, versuche diesen T raum zu kontrollieren, entw ed er
Rekapitulation waren in mancher Hinsicht schockierend für mich. in d em d u E in zelh eiten b eo b ach test o d er in d em d u in ein en
Sehr eindrucksvoll war die Entdeckung, daß eine scheinbar anderen T raum w echselst.«
unabhängige Kraft mich immer dann, wenn ich mich in inneres Ich verlangte, er solle m ir m ehr über die verlässliche R ichtschnur
Schweigen versetzte, in eine sehr ausführliche Erinnerung an ein sa ge n , v o n d e r e r ge sp ro c h e n h a tte , a b e r e r fie l m ir in s W o rt:
Ereignis meines Lebens stürzte. Aber noch eindrucksvoller war »F inde heraus, w ie du verlässlich überprüfen kannst, ob du w irk-
es, daß dies ein sehr geordnetes Bild ergab. Eine Methode, die ich lich dich selbst siehst«, sagte er.
für chaotisch gehalten hatte, erwies sich als äußerst effektiv. »H a st d u d e n n k e in e V o rsc h lä ge , w a s e in e v e rlä sslic h e R ic h t-
Ich fragte Don Juan, warum er mich nicht von Anfang an auf diese schnur sein könnte?« fragte ich.
Weise hatte rekapitulieren lassen. Und er antwortete, daß es beim »V erlass d ich au f d ein eigen es U rteil. U n sere gem ein sam e Z eit
Rekapitulieren zwei wesentliche Phasen gebe: die erste nannte er ge h t z u E n d e . U n d b a ld w irst d u a u f d ic h se lb st ge ste llt sein.«
Förmlichkeit und Starre, die zweite Beweglichkeit. Ich hatte keine D ann w echselte er das T hem a, und ich behielt das schm erzliche
Ahnung, wie verschieden meine Rekapitulation diesmal verlaufen G efühl m einer U nfähigkeit. Ich konnte m ir nicht vorstellen, w as er
sollte. Meine beim Träumen erworbene Konzentrationsfähigkeit eigentlich von m ir w ollte oder w as er unter einer verlässlichen
erlaubte mir, mein Leben mit einer Gründlichkeit zu überprüfen, R ichtschnur verstand.
die ich niemals für möglich gehalten hätte. Mehr als ein Jahr lang In m einem nächsten T raum , als ich m ich schlafen sah, blieb ich,
überprüfte ich mein Leben so genau, wie ich nur konnte. Am Ende statt aus dem Z im m er und die T reppe hinunterzugehen oder gar
musste ich Don Juan beipflichten. Es hatte bei mir allerlei schreiend aufzuw achen, lange Z eit reglos an dem P latz, von w o
befrachtete Emotionen gegeben, so tief verborgen, daß sie mir fast ich beobachtete. O hne zu verzagen oder zu verzw eifeln, beobachtete
nicht zugänglich waren. Die Folge meiner zweiten Rekapitulation ich E in zelh eiten m ein es T rau m s. U n d jetzt fiel m ir au f, d aß ich
war eine neue, unbeschwertere Einstellung. Schon am selben Tag, als als Schlafgew and ein w eißes T -Shirt trug, das an der Schulter
ich meine Traumübungen wiederaufnahm, träumte mir. ich sähe mich ein gerissen w ar. Ich versu ch te n äh erzu treten u n d d iesen R iß zu
im Schlaf. Ich machte kehrt und ging forsch aus dem Zimmer, um untersuchen, aber ich konnte m ich nicht bew egen. Ich spürte eine
dann zaghaft die Treppe hinunter und auf die Straße zu gehen. Ich Schw ere, die T eil m eines W esens zu sein schien. T atsächlich w ar
war begeistert, was ich getan hatte, und berichtete Don Juan ich nichts als G ew icht und Schw ere. O hne zu w issen, w as ich nun
davon. Doch wie groß war meine Enttäuschung, als er diesen m achen sollte, geriet ich in eine furchtbare V erw irrung. Ich ver-
Traum nicht als Teil meiner Traumübungen gelten ließ. Er meinte, suchte in einen anderen T raum überzuw echseln, aber eine unbe-
ich sei ja nicht mit meinem Energiekörper auf die Straße gegangen, kannte K raft zw ang m ich, w eiter auf m einen schlafenden K örper
denn hätte ich dies getan, dann hätte ich etwas anderes empfunden zu starren.
als das Gefühl, eine Treppe hinunterzusteigen. »Was für ein In all m einer Q ual hörte ich den T raum botschafter sagen, daß das
Gefühl meinst du denn, Don Juan?« fragte ich neugierig. G efü h l, kein e S elb stb eh errsch u n g zu h ab en u n d m ich n ich t frei
b ew egen zu kö n n en , fü r m ich so ersch recken d sei, d aß ich w o -
m ö glic h n o c h e in m a l m e in L e b e n re k a p itu lie re n m ü sse . D ie
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S tim m e des B otschafters, und w as er sagte, überraschte m ich kei- ich, w enn ich nicht zaud erte und m einen Ä rger b eherrschte, nicht
n e sw e g s. N ie h a tte ic h e in so b e ä n g stig e n d le b h a fte s G e fü h l in P a n ik g e rie t. D ie K o n tro lle z u b e h a lte n h a lf m ir z w a r n ic h t,
g e h a b t, m ic h n ic h t b e w e g e n z u k ö n n e n . D e n n o c h ü b e rlie ß ic h m ic h im T ra u m z u b e w e g e n , a b e r e s g a b m ir e in G e fü h l tie fe r
m ich nicht der A ngst. V ielm ehr untersuchte ich dieses G efühl und R u h e u n d G e la sse n h e it.
stellte fest, daß es keine psychische A ngst w ar, sondern eine phy- N ach M o naten vergeb lichen B em ühens, m ich im T raum vo n d er
sische E m pfindung der H ilflosigkeit, V erzw eiflung und V erärge- S te lle z u rü h re n , w a n d te ic h m ic h w ie d e r e in m a l a n D o n Ju a n .
ru n g . E s ä rg e rte m ic h u n sä g lic h , d a ß ic h u n fä h ig w a r, m e in e D iesm al w o llte ich ihn nicht um R at fragen, so nd ern m eine N ie-
G lied er zu b ew egen. M ein Ä rger steigerte sich m it d er E rkenntnis, d e rla g e e in g e ste h e n . Ic h sta n d v o r e in e r u n ü b e rw in d lic h e n B a r-
d aß irgend etw as auß erhalb m einer selb st m ich b rutal an O rt und rie re , u n d ic h w u ß te m it u n b e stre itb a re r G e w issh e it, d a ß ic h
S telle festhielt. S o eigensinnig und verzw eifelt versuchte ich m ich versagt hatte.
zu bew egen, daß ich tatsächlich beobachten konnte, w ie e in B e in »T rä u m e r m ü sse n e rfin d e risc h se in «, sa g te D o n Ju a n , b o sh a ft
m e in e s im B e tt sc h la fe n d e n K ö rp e rs z u c k te u n d sc h e in b a r grinsend . »U nd erfind erisch b ist d u nicht. Ich hab e d ir nicht ver-
ausschlug. ra te n , d a ß d u d e in e P h a n ta sie g e b ra u c h e n so llte st, u m d e in e n
D ann w urde m ein B ew usstsein in m einen reglos schlafenden K örper E nergiekö rp er zu b ew egen, d enn ich w o llte sehen, o b d u d as R ätsel
gezogen, und ich erw achte so plötzlich, daß ic h m ehr als eine halbe selb st lö sen kö nntest. D u ko nntest es nicht, und d eine F reund e
S tunde brauchte, um m ich w ieder zu beruhigen. M ein H erz schlug h a b e n d ir a u c h n ic h t g e h o lfe n .«
w ild und unregelm äßig. Ich z itte r te am ganzen L eib, und d ie In d e r V e rg a n g e n h e it h a tte ic h m ic h ste ts g e n ö tig t g e fü h lt, m ic h
M uskeln in m einem B ein zuckten unko ntro llierb ar. Ich hatte einen e n tsc h ie d e n z u re c h tfe rtig e n , w e n n e r m ir m a n g e ln d e P h a n ta sie
so krassen V erlust an K ö rp erw ärm e erfahren, d aß ich D eck e n u n d vo rw arf. Ich fand m ich sehr p hantasieb egab t. Jem and en w ie D o n
e in e W ä rm fla sc h e b ra u c h te , u m m e in e T e m p e ra tu r z u halten. Juan als L ehrer zu hab en zw ang m ich ab er einzusehen. d aß ich es
N atürlich fuhr ich sofort nach M exiko, um D on Juan w egen dieses n ic h t b in . W e il ic h n u n m e in e E n e rg ie n ic h t a u f v e rg e b lic h e
lähm enden G efühls um R at zu fragen - auch w egen der T atsache, R echtfertigungen verschw enden w ollte, fragte ich lieber: »W as ist
daß ich ein zerschlissenes T -S hirt getragen und m ich daher w irklich d a s fü r e in R ä tse l, v o n d e m d u sp ric h st. D o n Ju a n ? « »D as R ätsel,
im S chlaf gesehen hatte. A ußerdem w ar ich sehr erschrocken ü b e r w ie unm ö glich und d o ch w ie leicht es ist, d en E nerg ie k ö rp e r z u
m e in e U n te rte m p e ra tu r. D o n Ju a n w a r a b e r n ic h t b e re it, ü b e r b e w e g e n . D u v e rsu c h st d ic h z u b e w e g e n , a ls w ä rst d u in d e in e r
m e in P ro b le m z u sp re c h e n . D a s e in z ig e , w a s ic h a u s i h m a lltä g lic h e n W e lt. D a s L a u fe n le rn e n k o ste t u n s so viel Z eit und
herausb ekam , w ar eine zynische B em erkung. »D u lie b st M ühe, d aß w ir nun glaub en, auch unser T raum kö rp e r so lle a u f
d ra m a tisc h e Ü b e rtre ib u n g e n «, sa g te e r u n g e rü h rt. »N atürlich hast z w e i B e in e n la u fe n . E s g ib t a b e r k e in e n G ru n d , w a ru m e r d ie s tu n
du dich w irklich im S chlaf gesehen. D as D um m e ist nur, d aß d u so llte - a u ß e r d a ß w ir u n s n u r d ie se A rt z u laufen vo rstellen
nervö s w urd est, w eil d ein E nergiekö rp er sich n i e z u v o r se in e r kö nnen.«
G a n z h e it b e w u ß t w a r. S o llte st d u je w ie d e r n e rv ö s w erd en und Ic h sta u n te , w ie e in fa c h d ie L ö su n g w a r. S o fo rt w u ß te ic h , d a ß
frieren, d ann halte d ich an d einem F im m el fest. D as w ird deine D o n Juan recht hatte. W ied er einm al w ar ich im L ab yrinth m einer
K örpertem peratur sofort und problem los w ieder in die H ö he In te rp re ta tio n e n ste c k e n g e b lie b e n . D o n Ju a n h a tte w o h l g e sa g t,
treib en.« ich so lle m ich b ew egen, so b ald ich d ie d ritte P fo rte d es T räum ens
S eine D erb heit kränkte m ich. S ein R at ab er erw ies sich als w irk- erreicht hätte - und m ich b ew egen hieß für m ich laufen. Ich sagte
sa m . D a s n ä c h ste M a l, a ls ic h in P a n ik g e rie t, k o n n te ic h m ic h ih m , d a ß ic h se in e Ü b e rle g u n g v e rsta n d .
augenb licklich entsp annen und w ied er no rm al fühlen, ind em ich »E s ist gar nicht m eine Ü b erlegung«, antw o rtete er knap p . »E s ist
tat, w as er m ir em p fo hlen hatte. A uf d iese A rt entd eckte ich, d aß e in e Ü b e rle g u n g d e r Z a u b e re r. D ie Z a u b e re r sa g e n , d a ß d e r
E n e rg ie k ö rp e r sic h a n d e r d ritte n P fo rte b e w e g e n k a n n , so w ie
160
E n e rg ie sic h b e w e g t: sc h n e ll u n d d ire k t. D e in E n e rg ie k ö rp e r fre i, a b e r n ic h t g a n z . S ie w e rb e n im m e r n o c h u m d e in B e w u ß t-
w eiß genau, w ie er sich bew egen soll. E r kann sich bew egen, w ie er sein.«
sich in d er W elt d er ano rganischen W esen b ew egt. U nd dies bringt E in S c h a u d e r lie f m ir ü b e r d e n R ü c k e n . E r h a tte b e i m ir e i n e n
uns zu der F rage, um die es hier eigentlich geht«, fügte D on Juan w u n d e n P u n k t b e rü h rt. »S a g e m ir, D o n Ju a n , w a s ic h tu n so ll.
m it nachdenklichem G esicht hinzu. »W arum hab en d eine und ich w erd e es tun«, sagte ich.
ano rganischen F reund e d ir nicht geho lfen? « »W arum nennst d u sie »V erhalte d ich m akello s, d as hab e ich d ir d utzend e M ale gesagt.
m eine F reund e. D o n Juan? « »A ch, sie sind doch die klassischen M a k e llo s se in h e iß t, d e in L e b e n g a n z a u f d e in e E n tsc h e id u n g e n
F reunde - nicht direkt w ohlg e sin n t, a b e r a u c h n ic h t b ö se . F re u n d e , auszurichten - und d ann eine M enge m ehr als d ein B estes zu t u n ,
d ie n u r d a ra u f w a rte n , daß w ir uns um drehen, dam it sie uns einen um d iese E ntscheid ungen zu verw irklichen. W enn d u nichts e n t -
D olch in den R ücken stoßen können.« sc h e id e st, sp ie lst d u n u r a u fs G e ra te w o h l R o u le tte m it d e in e m
Ich verstand ihn genau und konnte ihm hundertprozentig zustim men. L eben.«
»A ber w arum gehe ich im m er w ieder hin? Ist es eine Selbstm ord- D am it b eend ete D o n Juan unser G esp räch und fo rd erte m ich auf.
neigung? « fragte ich ihn, eher rheto risch. üb er seine W o rte nachzud enken.
»D u hast keinerlei S elb stm o rd neigung«, sagte er. »W as d u hast, ist B e i d e r e rste n G e le g e n h e it, d ie sic h m ir b o t, e rp ro b te ic h D o n
der völlige Zw eifel daran, daß du dem T od nahe w arst. W eil du Juans E m pfehlung, w ie ich m einen E nergiekörper bew egen könnte.
keine kö rp erlichen S chm erzen hattest, b ist d u nicht recht üb er- A ls ich w ied er einm al m einen K ö rp er im S chlaf sah. faß te ich
zeugt, d aß d u in T o d esgefahr schw eb test.« W as er sagte, klang m ir e in fa c h d e n W ille n sv o rsa tz , n ä h e r a n s B e tt z u tre te n , u n d m ü h te
ganz vernünftig. N ur glaubte ich w irklich, daß eine tiefe, m ich nicht, auf m einen B einen dorthin zu gehen. S ofort w ar ich so
unergründliche A ngst m ein L eben beherrsche, seit ich d iesen nah, d aß ich b einah m einen K ö rp er anfassen ko nnte. Ich sah m ein
Z usam m ensto ß m it d en ano rganischen W esen gehab t hatte. D on G esicht, ich sah jed e P o re in m einer H aut. I c h kann nicht sagen,
Juan lauschte schw eigend, w ährend ich ihm m ein D ilem m a daß es m ir gefallen h ä tte , w as ich da sah. D er A nblick m eines K örpers
schild erte. M einen D rang, im m er w ied er in d ie W elt d er w ar viel zu genau und d e ta illie r t, um ästhetisch angenehm zu sein.
ano rganischen W esen zurückzukehren, ko nnte ich nicht leugnen D ann fuhr etw as w ie e i n W indstoß durchs Z im m er, der alles
o d er hinw egerklären, tro tz allem , w as ich üb er sie w uß te. »Ich durcheinander brachte und das B ild vor m einen A ugen auslöschte.
glaube, ich bin leicht verrückt«, sagte ich. »W as ich da m ache, ist B e i m e in e n fo lg e n d e n T rä u m e n fa n d ic h a b e r B e stä tig u n g , d a ß
unbegreiflich.« d ie e in z ig e A rt, w ie d e r E n e rg ie k ö rp e r sic h b e w e g e n k a n n , im
»W ohl ist es begreiflich. D ie anorganischen W esen sind noch im m er G le ite n o d e r S c h w e b e n b e ste h t. I c h sp ra c h d a rü b e r m it D o n Juan.
dabei, dich an L and zu ziehen - w ie einen F isch am H aken«, sagte E r schien ausnahm sw eise zufried en m it m ir. w as m ich sehr
er. »V o n Z eit zu Z eit w erfen sie d ir w ertlo se K ö d er zu. um dich ü b e rra sc h te . Ic h w a r sc h o n g e w ö h n t a n se in e k ü h le R e a k tio n a u f
bei L aune zu halten. D ieses S chem a zum B eispiel, daß deine alles, w as ich b ei m einen T raum üb ungen ta t. »D ein E nergiekö rp er
T räum e alle vier T age w ied erkehren, ist so lch ein w ertlo ser K ö d er. ist d aran gew ö hnt, sich nur d ann zu b ew egen, w enn etw as ihn
A b er sie hab en d ich nicht gelehrt, d einen E nergiekö rp er zu z i e h t « , sagte er. »D ie ano rganischen W esen z ie h e n d e in e n
bewegen.« E n e rg ie k ö rp e r n a c h l i n k s u n d n a c h re c h ts, w ie e s ih n e n b e lie b t,
»W arum , glaub st d u, hab en sie d as nicht getan? « »W eil du, w enn u n d b isla n g h a st d u i h n n o c h n ie m a ls se lb st, a u s e ig e n e m W ille n ,
dein E nergiekörper lernen w ürde, sich zu bew egen, für sie nicht b e w e g t. E s m a g d ir u n b e d e u te n d v o rk o m m e n . d ich so zu
m ehr erreichbar w ärst. E s w ar voreilig von m ir. a n z u n e h m e n , d u b ew egen, w ie d u 's getan hast: ab er ich m uß d ir sagen. d a ß ic h
h ä tte st d ic h v o n ih n e n b e fre it. D u b ist re la tiv sc h o n e rn stlic h e rw o g e n h a b e , d e in e Ü b u n g e n z u b e e n d e n . E in e
Z e itla n g g la u b te ic h g a r. d u w ü rd e st n i e le rn e n , d ic h vo n selb st zu
b ew egen.«
»Wolltest du meine Traumübungen beenden, weil ich zu langsam erwarteten Resultate stellten sich nicht ein. Mir fehlte die nötige
bin?« Kontrolle meiner Traum-Aufmerksamkeit, und ich konnte mich
»Du bist nicht langsam. Bei Zauberern dauert es eine Ewigkeit. nicht an Einzelheiten meines Nachtgewandes erinnern. Doch etwas
bis sie lernen, ihren Energiekörper zu bewegen. Ich wollte deine anderes war hier im Spiel: irgendwie wußte ich immer, ob meine
Traumübungen beenden, weil ich keine Zeit mehr habe. Es gibt Träume gewöhnliche Träume waren oder nicht. Solche Träume,
andere Themen, wichtigere als das Träumen, an die du deine die nicht nur gewöhnliche Träume waren, zeichneten sich dadurch
Energie wenden kannst.« aus, daß mein Körper schlafend im Bett lag, während mein
»Jetzt aber, Don Juan, da ich gelernt habe, meinen Energiekörper Bewusstsein ihn beobachtete.
zu bewegen - was sollte ich jetzt noch tun?« »Dich Ein bemerkenswertes Merkmal solcher Träume war mein Zimmer.
weiterbewegen. Die Bewegung des Energiekörpers hat dir ein Nie war es mein Zimmer, wie in der Wirklichkeit des Alltags,
neues Feld eröffnet, einen Bereich ganz außerordentlicher sondern eine riesige leere Halle, an deren einem Ende mein Bett
Forschungen.« stand. Immer musste ich über eine ziemliche Distanz bis an mein
Wieder drängte er mich, mir etwas einfallen zu lassen, wie ich die Bett gleiten, wo mein Körper lag. War ich dort angekommen, dann
Richtigkeit meiner Träume überprüfen könnte; diese Aufforde- ließ eine Kraft, wie ein Windhauch, mich über dem Bett schweben
rung erschien mir nicht mehr so seltsam wie beim ersten Mal, als er - wie ein Kolibri. Manchmal verschwand das Zimmer auch ganz -
sie vorbrachte. Stück um Stück schwindend, bis nur noch mein Körper und das
»Von einem Scout sich transportieren zu lassen, ist, wie du weißt, Bett übrig waren. Bei anderen Gelegenheiten erlebte ich den
die eigentliche Traum-Aufgabe der zweiten Pforte«, erklärte er. völligen Verlust meiner Willenskraft. Meine Traum-
»Es ist eine schwierige Sache, aber nicht so schwierig wie das Aufmerksamkeit schien unabhängig von mir zu funktionieren.
Komplettieren und Bewegen des Energiekörpers. Darum mußt du Entweder war sie ganz absorbiert vom erstbesten Gegenstand, den
dich aus eigenen Stücken vergewissern, ob du wirklich dich selbst sie im Zimmer entdeckte, oder sie konnte nicht entscheiden, was
im Schlaf siehst oder ob du lediglich träumst, daß du dich schlafen nun zu tun sei. In solchen Fällen hatte ich das Gefühl, hilflos von
siehst. Deine neuen, außerordentlichen Forschungsmöglichkeiten Gegenstand zu Gegenstand zu schweben. Die Stimme des
sind davon abhängig, ob du dich wirklich schlafen siehst.« Traumbotschafters erklärte mir einmal, daß alle Elemente der
Nach langem Grübeln und Suchen glaubte ich. den richtigen Plan Träume, und zwar solcher Träume, die nicht nur gewöhnliche
entwickelt zu haben. Die Tatsache, daß ich mein zerrissenes T- Träume waren, tatsächlich energetische Konfigurationen seien,
Shirt gesehen hatte, brachte mich auf die Idee, was ich mir als ganz verschieden von denen unserer Welt. Zum Beispiel machte
verläßliche Richtschnur wählen könnte. Ich ging von der An- der Botschafter mich darauf aufmerksam, daß die Wände flüssig
nahme aus, daß ich, falls ich mich wirklich im Schlaf beobachtete, wären. Er forderte mich auf, mich in eine hineinzustürzen.
wohl auch beobachten würde, ob ich das gleiche Nachtgewand Ohne nachzudenken, hechtete ich in eine der Wände, als ob ich in
trug, mit dem ich zu Bett gegangen war: und nun beschloß ich. einen See tauchte. Ich spürte die Wand, die sich wie Wasser ver-
dieses Gewand alle vier Tage gründlich zu ändern. Ich war zuver- hielt, überhaupt nicht. Was ich empfand, war nicht das körperliche
sichtlich, daß ich mich in den Träumen mühelos erinnern könnte, Gefühl, ins Wasser einzutauchen. Es war eher wie der Gedanke an
was ich angezogen hatte, als ich zu Bett ging. Meine in Traum- einen Kopfsprung, so etwas wie die visuelle Empfindung, durch
übungen erworbene Disziplin machte mich glauben, daß ich die flüssige Materie hindurchzugehen. Ich tauchte kopfüber in etwas
Fähigkeit hätte, mir solche Dinge zu merken und mich später im ein, das nachgab, wie Wasser es tut, während ich weiter
Traum daran zu erinnern. Ich tat mein Bestes, um dieser abwärtsschoß. Das Gefühl, kopfüber abwärtszuschießen, war so
Richtschnur zu folgen, aber die real, daß ich
m ich b ereits fragte, w ie lange o d er w ie tief o d er w ie w eit ich tau- deinen Wunsch auszusprechen, verspreche ich dir. mich nie mehr in
chen w ürd e. A us m einer S icht b lieb ich eine ganze E w igkeit d o rt. deine Traumübungen einzumischen und nur dann zu dir zu
Ich sah W o lken und M assen steinerner M aterie in einer w ässrigen sprechen, wenn du mir direkte Fragen stellst.« Sofort akzeptierte
S ub stanz schw eb en. D a gab es leuchtend e geo m etrische F iguren, ich den Vorschlag und glaubte aufrichtig, dies sei eine gute
d ie K rista lle n g lic h e n , u n d F le c k e n v o n in te n siv ste n P rim ä rfa rb e n , Abmachung. Ich war sogar erleichtert, daß die Sache so
w ie ic h sie n ie g e se h e n h a b e . E s g a b a u c h Z o n e n g re lle n L ichtes ausgegangen war. Ich fürchtete aber, daß Don Juan enttäuscht sein
und and ere vo n tiefer S chw ärze. A ll d ies zo g an m ir vo rb e i, würde.
la n g sa m o d e r m it h o h e r G e sc h w in d ig k e it. M ir k a m d e r G e d a n k e , »Das war ein gutes Manöver«, bemerkte er lachend. »Du warst
ic h sä h e d e n g a n z e n K o sm o s. Im se lb e n A u g e n b lic k , als ich dies jedenfalls aufrichtig. Du hattest wirklich die Absicht, deinen
dachte, steigerte sich m eine G eschw indigkeit so ungeh e u e r, d a ß Wunsch zu äußern. Aufrichtig zu sein ist alles, worauf es an-
a lle s w ie v e rw isc h t e rsc h ie n , u n d p lö tz lic h fa n d ic h m ic h w a c h kommt. Du hattest ja eigentlich nicht nötig, den Botschafter
lie g e n , u n d v o r m e in e r N a se d ie W a n d m e in e s Z im m ers. auszuschalten. Statt dessen konntest du ihn zwingen, eine andere,
E ine heim liche F urcht zw ang m ich, D o n Juan um R at zu fragen. E r dir angenehme Möglichkeit vorzuschlagen. Ich bin überzeugt, der
h ö rte a u fm e rk sa m z u , h in g g e ra d e z u a n m e in e n L ip p e n . »A n Botschafter wird sich nicht mehr einmischen.« Don Juan hatte
d ie se m P u n k t d e r E n tw ic k lu n g m u ß t d u e in e n d ra stisc h e n recht. Ich konnte meine Traumübungen fortsetzen, ohne vom
R ichtungsw echsel vo rnehm en«, sagte er. »D er T raum b o tschafter Botschafter belästigt zu werden. Die bemerkenswerte Folge war,
hat kein R echt, sich in d eine T raum üb ungen einzum ischen. O d er daß ich nun Träume hatte, in denen die Zimmer im Traum meinem
v ie lm e h r, d u so llte st e s ih m u n te r k e in e n U m stä n d e n e rla u ben.« Zimmer in der alltäglichen Wirklichkeit entsprachen - mit einem
»W ie kann ich ihn d aran hind ern? « Unterschied: in den Träumen war mein Zimmer stets so schief, so
»D a h ilft e in e in fa c h e s, a lle rd in g s sc h w ie rig e s M a n ö v e r. B e i m verzerrt, daß es aussah wie ein riesiges kubistisches Gemälde.
E in tre te n in d a s T rä u m e n so llst d u la u t d e in e n W u n sc h ä u ß e rn , Stumpfe und spitze Winkel herrschten vor. statt der normalen
d e n T ra u m b o tsc h a fte r n ic h t m e h r b e i d ir z u h a b e n .« »H eiß t d as, rechten Winkel von Wänden, Decke und Fußboden. In meinem
d aß ich i h n nie w ied er hö ren w erd e? « »G enau. D u w irst i h n für schiefen Zimmer war die durch stumpfe und spitze Winkel
im m er los s e in .« »A b e r ist e s d e n n ra tsa m , ih n fü r im m e r hervorgerufene Verzerrung ein Mittel, um gewisse absurde,
lo sz u w e rd e n ? « »G a n z b e stim m t, je d e n fa lls z u d ie se m Z e itp u n k t.« überflüssige, aber reale Details hervorzuheben; zum Beispiel
M it d ie se n W o rte n stü rz te D o n Ju a n m ic h in e i n se h r b e u n ru h i- verschlungene Linien im Parkettboden oder witterungsbedingte
g e n d e s D ile m m a . Ic h w o llte m e in e B e z ie h u n g z u m B o tsc h a fte r Verfärbungen des Wandanstrichs, Staubflecken an der Decke oder
e ig e n tlic h n ic h t b e e n d e n , a b e r z u g le ic h h a tte ic h d e n W u n sc h . verwischte Fingerabdrücke an einer Türkante. In diesen Träumen
D o n Ju a n s R a tsc h la g z u fo lg e n . E r b e m e rk te m e in Z ö g e rn . »Ich verirrte ich mich unvermeidlich in den wasserähnlichen Universen
w eiß, es ist ein schw ieriges V orhaben«, gab er zu, »aber w enn d u 's der durch die Verzerrung hervorgehobenen Details. Bei all diesen
n ic h t tu st, w e rd e n d ie a n o rg a n isc h e n W e se n im m e r e in e n D raht Traumübungen gab es eine solche Fülle von Einzelheiten in meinem
zu d ir hab en. F alls d u d ies verm eid en w illst, tu nur, w as ich gesagt Zimmer, und deren Sog war so intensiv. daß ich immer sofort
hab e, und tu es gleich.« gezwungen war. darin einzutauchen. Sobald ich mich wieder
B ei m einer nächsten T raum sitzung, w ährend ich m ich darauf vor- freimachen konnte, war ich bei Don Juan und befragte ihn nach
b e re ite te , m e in e A b sic h t a u sz u sp re c h e n , u n te rb ra c h m ic h d ie diesem Stand der Dinge. »Ich werde nicht mit meinem Zimmer
S tim m e des B otschafters. S ie sagte: »W enn du darauf verzichtest. fertig«, sagte ich, nachdem ich ihm die Details meiner
Traumübungen geschildert hatte. »Wie kommst du auf die Idee,
du müßtest damit fertig werden?« fragte er grinsend.
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»Ich habe das G efühl, ich sollte m ich über m ein Z im m er hinaus Und er erklärte mir, daß das Pirschen - weil alles, was mit dem
bew egen, D on J u a n .« Energiekörper zusammenhängt, von der richtigen Position des
»A ber du bew egst dich doch über dein Zim m er hinaus. V ielleicht Montagepunktes abhängig ist und weil Träumen nichts anderes
solltest du dich fragen, ob du dich nicht w ieder in deinen Inter- ist, als diesen zu verschieben - folglich das geeignete Mittel sei.
p re ta tio n e n v e rfa n ge n h a st. W a s gla u b st d u d e n n , b e d e u te t in um den Montagepunkt in der richtigen Position verweilen zu lassen;
diesem Fall, sich zu bew egen?« in diesem Fall dort, wo der Energiekörper sich konsolidieren und
U nd so erzählte ich ihm . daß das H inausgehen aus m einem Zim m er, von wo er schließlich hervorgehen kann. Nun glauben die
hinunter auf die Straße ein so eindringlicher T raum für m ich Zauberer, sagte Don Juan, daß die optimale Position des
gew esen w ar, daß ich m ich w irklich gedrängt sah, es noch einm al zu Montagepunktes erreicht ist, sobald der Energiekörper sich von
tun. selbst bewegen kann. Der nächste Schritt ist dann, den
»A b e r d u tu st je tz t v ie l grö ß e re D in ge «, p ro te stie rte e r. »D u Montagepunkt anzupirschen, das heißt ihn in dieser Position zu
dringst in unglaubliche R egionen vor. W as w illst du m ehr?« Ich fixieren, um den Energiekörper zu komplettieren. Und er meinte,
versuchte ihm klarzum achen, daß ich geradezu einen physisch en daß dieser Vorgang das Einfachste von der Welt sei: man braucht
D ran g versp ü rte, m ich au s d er F essel d er D etails zu b efreien. nur die Absicht, ihn anzupirschen. Schweigen und
W as m ich am m eisten beunruhigte, w ar m eine U nfähigkeit, m ich erwartungsvolle Blicke folgten auf diese Eröffnung. Ich erwartete,
loszum achen von allem , w as m eine A ufm erksam keit fesselte. E in er würde noch mehr sagen. Und er erwartete, daß ich verstanden
M inim um an eigenem W illen zu haben, w ar für m ich unerläßlich. hätte, was er gesagt hatte. Das hatte ich nicht.
D arauf folgte ein langes Schw eigen. Ic h erw artete m ehr über die »Du lässt deinen Energiekörper einfach beabsichtigen, die opti-
Fessel der D etails zu erfahren. Im m erhin hatte er m ich vor deren male Traumposition zu erreichen«, erklärte er. »Dann lässt du
G efahren gew arnt. deinen Energiekörper beabsichtigen, in dieser Position zu bleiben,
»D u m ach st d ein e S ach e g u t « , sagte er sch ließ lich . »E s d au ert und schon pirschst du.«
seh r lan ge, b is T räu m er ih ren E n ergiekö rp er vervo llstän d igen . Er sah mich an und drängte mich augenzwinkernd, über seine
U nd genau darum geht es hier: näm lich um die V ervollständigung Worte nachzudenken. »Das Geheimnis liegt in der Absicht; aber
des E nergiekörpers.« das weißt du schon«, sagte er. »Die Zauberer verschieben ihren
D er G rund, w arum m ein E nergiekörper a lle rle i D etails untersu- Montagepunkt, indem sie es beabsichtigen, und sie fixieren ihn
chen und sich unlösbar darin verstricken m üsse, erklärte m ir D on auch, indem sie es beabsichtigen. Für das Beabsichtigen aber gibt es
Ju an , sei d essen U n erfah ren h eit, sein e U n vo llstän d igkeit. E r keine Technik. Man beabsichtigt einfach, indem man beabsichtigt.«
sagte, daß Zauberer e in Leben la n g dam it beschäftigt s in d , i h r e n An diesem Punkt war es unvermeidlich, daß ich mir wieder einmal
Energiekörper zu konsolidieren, indem sie i h n alles m ögliche auf- kühne Vorstellungen über meinen Wert als Zauberer machte. Ich
saugen lassen. hatte grenzenloses Vertrauen, daß irgend etwas mich auf die
»B evor der E nergiekörper vollständig und reif entw ickelt ist. neigt er richtige Spur bringen würde, wie ich meinen Montagepunkt in die
zur Selbstvergessenheit. E r kann sich nicht von dem Zw ang befreien, Idealposition beabsichtigen könnte. Schon früher waren mir alle
sich von allem und jedem absorbieren zu lassen. W enn m an d ies möglichen Manöver gelungen, ohne daß ich wußte, wie sie mir
ab er b erü cksich tigt, statt gegen d en E n ergiekö rp er an zu käm pfen, gelangen. Don Juan selbst staunte über meine Fähigkeit oder mein
w ie du es jetzt tu st, kann m an ih m behilflich se in .« »W ie könnte ich Glück, und ich war sicher, daß es auch diesmal klappen würde.
das t u n . D on Juan?« Das war ein schwerer Irrtum. Was ich auch tat, wie lange ich auch
»Indem du sein V erhalten steuerst, das heißt indem du i h n an- wartete, gelang es mir doch nie, meinen Montagepunkt
pirschst.«
a n irg e n d e in e r S te lle z u fix ie re n , g e sc h w e ig e d e n n a n d e r id e a len. wollte sehen, ob du es allein herausfinden könntest - was dir na-
N ach M onaten ernsten, w enn auch erfolglosen B em ühens gab ich türlich gelungen ist.«
e s a u f. »Ic h d a c h te w irk lic h , ic h k ö n n te e s«, sa g te ic h z u D o n Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Don Juan sah mich.
Ju a n , k a u m w a r ic h b e i ih m e in g e tre te n . »Ic h fü rc h te , ic h le id e wie immer, prüfend an. Sein durchdringender Blick glitt über
m ehr d enn je an S elb stüb erschätzung.« meinen ganzen Körper.
»N icht w irklich«, sagte er lächelnd . »T atsächlich b ist d u w ied er »Was habe ich eigentlich allein herausgefunden. Don Juan?«
einm al auf deine N eigung hereingefallen, B egriffe falsch zu inter- musste ich ihn fragen.
p re tie re n . D u su c h st d ie id e a le S te lle d e s M o n ta g e p u n k te s, a ls »Du hast herausgefunden, daß dein Energiekörper komplett war«,
su c h te st d u d e in e v e rlo re n e n A u to sc h lü sse l. U n d d a n n w illst d u antwortete er.
d en M o ntagep unkt festb ind en, als ginge es d arum , d eine S chuhe zu »Ich habe nichts dergleichen herausgefunden, das kann ich dir
binden. D ie ideale S telle und die F ixierung des M ontagepunkte s versichern.«
sin d d o c h M e ta p h e rn . B e id e s h a t n ic h ts m it d e n W ö rte rn z u tun, »Doch, das hast du. Angefangen hat es schon vor einiger Zeit, als es
d ie w ir zu ihrer B eschreib ung verw end en.« U n d n u n b a t e r m ic h , dir nicht gelang, eine Richtschnur zu finden, um die Realität
ih m v o n d e n le tz te n E re ig n isse n m e in e r T ra u m ü b u n g e n z u deiner Träume zu überprüfen. Dann aber begann irgend etwas für
b e ric h te n . A ls e rste s e rz ä h lte ic h , d a ß m e in Z w ang, m ich vo n dich zu arbeiten - und ließ dich wissen, ob du einen normalen
E inzelheiten ab so rb ieren zu lassen, tatsächlich n a c h g e la sse n h a tte . Traum hattest oder nicht. Dieses Etwas war dein Energiekörper.
V ie lle ic h t la g e s d a ra n , m e in te ic h , d a ß ic h m ich in den T räum en Und jetzt verzweifelst du daran, daß du nicht die ideale Stelle
unaufhörlich - w ie zw anghaft - bew egte. S o kö nnte d iese B ew egung finden kannst, um deinen Montagepunkt zu fixieren. Aber ich
m ich d aran gehind ert hab en, m ich in d ie D etails zu stürzen, die ich sage dir, du hast sie schon gefunden. Der Beweis ist, daß dein
beobachtete. A uf diese W eise gebrem st zu w erden, gab m ir aber die Energiekörper, wenn er sich umherbewegt, nicht mehr so zwanghaft
C hance, den V organg des A bsorbiertw e rd e n s d u rc h D e ta ils n ä h e r an den Details interessiert ist.«
z u u n te rsu c h e n . Ic h k a m z u d e m S c h lu ss, d a ß u n b e le b te M a te rie Ich war verblüfft. Ich konnte nicht einmal eine meiner törichten
w irk lic h e in e lä h m e n d e K ra ft h a tte : ic h sa h sie ste ts a ls d u n k le n Fragen stellen.
L ic h tstra h l, d e r m ic h a n O rt und S telle festhielt. M anchm al sand te »Was dir nun bevorsteht, ist ein Juwel für die Zauberer«, fuhr Don
zum B eisp iel ein w inziger F le c k a n d e n W ä n d e n o d e r a u f d e m Juan fort. »Du wirst üben, in deinen Träumen Energie zu sehen.
P a rk e ttb o d e n m e in e s Z im m ers eine L ichtlinie aus, die m ich Die Aufgabe der dritten Traumpforte hast du erfüllt, nämlich, den
versteinerte. V on dem A ugenb lic k , d a m e in e T ra u m - Energiekörper von selbst sich bewegen zu lassen. Jetzt sollst du
A u fm e rk sa m k e it sic h a u f d ie s L ic h t k o n z e n trie rte , d re h te sic h d e r die eigentliche Aufgabe erfüllen: Energie zu .sehen, mit deinem
g a n z e T ra u m u m d ie se n w in z ig e n F le c k . Ic h sa h ih n v e rg rö ß e rt - Energiekörper.
m a n c h m a l b is z u m U m fa n g d e s ganzen K osm os. S olche B ilder Tatsächlich hast du schon oft Energie gesehen«, fuhr er fort.
hielten a n , bis ich erw achte - m eist m it d er N ase an d er W and o d er »Aber das Sehen war jedesmal Zufall. Jetzt sollst du es aus eigenem
am H o lzb o d en d es Z im m ers. Ich h a tte d a n n im m e r d e n E in d ru c k , Willen tun.
d a ß d ie se s D e ta il, e rste n s, re a l w a r; u n d d a ß ic h e s, z w e ite n s, Die Träumer haben eine Faustregel«, fuhr er fort. »Wenn ihr
b e o b a c h te t h a tte , w ä h re n d ic h schlief. Energiekörper komplett ist. sehen sie Energie immer dann, wenn
D o n Ju a n lä c h e lte u n d sa g te : »A ll d ie s g e sc h a h d ir, w e il d e in sie einen Gegenstand der alltäglichen Welt anstarren. Wenn sie im
E n e rg ie k ö rp e r v o llstä n d ig w a r, a ls e r sic h v o n se lb st b e w e g te . Traum die Energie eines Gegenstandes sehen, wissen sie, daß sie
D ie s h a b e ic h d ir n ic h t g e sa g t, a b e r im m e rh in a n g e d e u te t. Ic h es mit einer realen Welt zu tun haben, ganz gleich, wie verzerrt
diese Welt ihrer Traum-Aufmerksamkeit erscheinen mag. Wenn
sie nicht die Energie eines Gegenstands sehen,
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sind sie in einem gewöhnlichen Traum, nicht in einer realen 9. Das neue Forschungsgebiet
Welt.«
»Was ist eine reale Welt, Don Juan?«
»Eine Welt, die Energie hervorbringt; das Gegenteil einer Phan-
tomwelt von Projektionen, wo keine Energie erzeugt wird, wie in
den meisten unserer Träume, wo nichts einen energetischen Effekt
hat.«
Und dann gab Don Juan mir eine neue Definition des Träumens: Um beim Träumen zu sehen, sagte Don Juan, müsse ich nicht nur
ein Prozeß, durch den Träumer jene Bedingungen des Träumens das Sehen beabsichtigen, sondern auch meine Absicht laut aus-
isolieren, durch die sie Energie erzeugende Elemente im Traum sprechen. Aus Gründen, die er allerdings nicht erklären wollte.
finden können. Anscheinend guckte ich verständnislos. Don Juan beharrte er darauf, ich müsse dies laut sagen. Wohl räumte er ein. es
erkannte mein Dilemma und gab mir lachend noch eine weitere. gebe auch andere Mittel zum selben Zweck, aber er war überzeugt,
noch kompliziertere Definition: Träumen ist ein Prozeß, durch den das Aussprechen der eigenen Absicht sei der einfachste und
wir beabsichtigen, adäquate Positionen des Montagepunktes zu direkteste Weg.
finden - Positionen, die uns erlauben, Energie erzeugende Ge- Als ich nun zum erstenmal meine Absicht, zu sehen, in Worte faß-te,
genstände in traumverwandten Zuständen wahrzunehmen. Und er träumte ich von einem Kirchen-Basar. So viele Gegenstände
erklärte mir, daß der Energiekörper auch solche Energie waren dort aufgeboten, daß ich mich nicht entschließen konnte,
wahrnehmen kann, die ganz verschieden ist von jener unserer welchen ich anstarren sollte. Eine auffällige große Vase in einer
Welt, wie im Fall der Traumgegenstände im Reich der anorgani- Ecke nahm mir die Entscheidung ab. Ich starrte sie an und äußerte
schen Wesen, die der Energiekörper als brutzelnde Energie wahr- meine Absicht, zu sehen. Die Vase blieb kurz in meinem Blick,
nehme. In unserer Welt, fügte er hinzu, brutzeln die Dinge nicht; dann verwandelte sie sich in einen anderen Gegenstand. In diesem
hier flimmern sie. Traum starrte ich so viele Dinge an, wie ich nur konnte. Hatte ich
»Von nun an«, sagte er, »geht es bei deinem Träumen darum, her- meine Absicht ausgesprochen, zu sehen, dann verschwand jeder
auszufinden, ob die Gegenstände, auf die du deine Traum-Auf- dieser Gegenstände oder verwandelte sich in etwas anderes, wie es
merksamkeit konzentrierst, Energie erzeugen. Ob sie bloße Phan- schon immer in meinen Traumübungen geschehen war. Schließlich
tomprojektionen sind, oder Generatoren fremder Energie.« Don war meine Traum-Aufmerksamkeit erschöpft, und ich erwachte -
Juan gestand mir, er habe gehofft, daß ich selbst auf die Idee sehr frustriert, beinah wütend. Endlose Monate starrte ich dann im
kommen würde, Energie selbst als Maßstab zu wählen, um zu Traum auf Hunderte von Gegenständen und äußerte vorsätzlich
bestimmen, ob ich meinen realen Körper im Schlaf beobachtete meine Absicht, zu sehen, aber nie geschah etwas. Des Wartens
oder nicht. Er lachte herzlich über meinen dürftigen Trick, alle müde, musste ich schließlich Don Juan um Rat fragen.
vier Tage beim Schlafengehen eine ausgesuchte Verkleidung an- »Du brauchst Geduld«, sagte er. »Du bist im Begriff, etwas ganz
zulegen. Wohl hätte ich alle nötigen Informationen zur Verfügung Außerordentliches zu lernen. Du lernst, im Traum das Sehen zu
gehabt, meinte er, um herauszufinden, was die eigentliche Auf- beabsichtigen. Eines Tages wirst du nicht mal mehr deine Absicht
gabe an der dritten Pforte des Träumens sei; aber mein Interpre- aussprechen müssen. Du wirst sie einfach durch deinen stummen
tationsschema habe mich gezwungen, ausgefallene Lösungen zu Willen verwirklichen.«
suchen, denen vor allem eines fehlte: die Einfachheit und Direktheit »Ich glaube, ich habe nicht verstanden, was ich da mache«, sagte
der Zauberei. ich. »Nichts geschieht, wenn ich meine Absicht, zu sehen, laut
hinausrufe. Was hat das zu bedeuten?«
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»E s bedeutet, daß deine T räum e bislang gew öhnliche T räum e w are n . bekannt vorkam. Es hätte Tucson sein können. Ich starrte auf Da-
E s w a re n P h a n to m p ro je k tio n e n - B ild e r, d ie n u r in d e in e r menbekleidung in einem Schaufenster und äußerte laut meine Ab-
T raum -A ufm erksam keit lebendig sind.« sicht, zusehen. Sofort begann eine schwarze Kleiderpuppe im Vor-
E r w ollte genau w issen, w as m it den G egenständen passierte, auf dergrund zu leuchten. Dann starrte ich eine Verkäuferin an, die in
d ie ich m ein en B lick rich tete. Ich sagte, d aß sie versch w an d en . diesem Augenblick hinzutrat, um das Schaufenster umzudekorie-
ih re G e sta lt v e rä n d e rte n o d e r so ga r W irb e l v e ru rsa c h te n , d ie ren. Sie sah mich an. Nachdem ich meine Absicht ausgesprochen
m ich schließlich in einen anderen T raum überw echseln lie ßen. hatte, sah ich sie leuchten. Es war so verblüffend, daß ich schon
»S o w ar es bei all m einen regelm äßigen T raum übungen«, sagte fürchtete, von irgendeinem Detail in ihrem strahlenden Glanz ge-
ich. »D as einzig U ngew öhnliche ist, daß ich lerne, im T raum aus fesselt zu werden, aber die Frau trat wieder in die Tür zurück, bevor
vollem H als zu brüllen.« ich Zeit fand, meine Aufmerksamkeit ganz auf sie zu konzentrieren.
B ei m einen letzten W orten bog sich D on Juan vor Lachen, w as ich Natürlich hatte ich die Absicht, ihr ins Innere des Geschäfts zu folgen.
ziem lich unangenehm fand. Ich sah w eder das K om ische m einer Doch meine Traum-Aufmerksamkeit wurde von einem beweglichen
Ä ußerung noch den G rund für seine R eaktion. »E ines T ages w irst Lichtschein gefangengenommen. Hasserfüllt kam er auf mich
du erkennen, w ie kom isch das ist«, sagte er - gleichsam als A ntw ort losgestürzt. Ja, es lag Abscheu und Bosheit in diesem Licht. Ich
auf m einen stum m en P rotest. »E instw eilen ab er gib n ich t au f u n d sprang zurück. Das Licht verhielt in seinem Angriff. Eine
laß d ich n ich t en tm u tigen . B em ü h e d ich w eiter. F rü h er o d er schwarze Substanz verschlang mich, und ich erwachte. So lebhaft
sp äter triffst d u d en rich tigen T o n .« E r h a tte re c h t, w ie im m e r. waren diese Bilder gewesen, daß ich fest glaubte, ich hätte Energie
E in p a a r M o n a te sp ä te r m a c h te ic h ein en gro ß en T reffer. E s w ar im Traum gesehen und dieser Traum sei einer jener Zustände, die
ein gan z u n gew ö h n lich er T rau m . G leich anfangs erschien ein Don Juan als traumverwandt bezeichnet hatte und die Energie
Scout aus der W elt der anorganischen W esen . D ie S co u ts, w ie erzeugten. Die Vorstellung, daß Träume in der geläufigen Realität
au ch d er T rau m b o tsch after, h atten b is d ah in seltsam erw eise in unserer Alltagswelt stattfinden können, faszinierte mich sehr, genau
m ein en T räu m en gefeh lt. Ich h atte sie n ich t verm iß t, au ch n ich t wie die Bilder im Reich der anorganischen Wesen mich fasziniert
n ach ged ach t ü b er ih r V ersch w in d en . T atsächlich w ar ich so hatten.
zufrieden m it ihrer A bw esenheit, daß ich vergessen hatte, D on »Diesmal hast du nicht nur Energie gesehen, sondern eine gefähr-
Juan davon zu berichten. In diesem T raum w ar der Scout zuerst liche Grenze überschritten«, sagte Don Juan, nachdem er meinen
e in riesiger gelber T opas, d en ich in ein er S ch u b lad e fan d . K au m Bericht angehört hatte.
äu ß erte ich m ein e A b sicht, zu sehen, da verw andelte der T opas Er wiederholte mir. daß der Drill der dritten Traumpforte den
sich in einen T ropfen brutzelnder E nergie. Ich fürchtete schon, ihm Zweck habe, den Energiekörper von selbst sich bewegen zu lassen.
folgen zu m üssen, d aru m w an d te ich m ein en B lick ab vo n d em In meiner letzten Traumsitzung, sagte er, hätte ich ungewollt den
S co u t u n d rich tete ihn auf ein A quarium m it tropischen F ischen. Effekt dieses Trainings übertroffen und sei in eine andere Welt
Ich äußerte m eine A bsicht, zu sehen, und erlebte eine gew altige hinübergewechselt.
Ü berraschung. D as A quarium leuchtete m it einem schw achen, »Dein Energiekörper hat sich bewegt«, sagte er. »Er hat von
grünlichen L icht und verw andelte sich in das große, surrealistische selbst eine Reise angetreten. Doch eine solche Reise übersteigt
P orträt einer juw elengeschm ückten Frau. D as P orträt strahlte das momentan deine Fähigkeiten. Und irgend etwas hat dich ange-
gleiche grünliche L icht aus, w enn ich m eine A bsicht aussprach, zu griffen.«
sehen. W ä h re n d ic h in d ie se s L ic h t sta rrte , v e rä n d e rte sic h d e r »Was, glaubst du, war es, Don Juan?«
ga n z e T raum . N un w anderte ich durch eine Straße- in einer Stadt, die »Dies ist ein räuberisches Universum«, sagte er. »Es mag eines der
m ir unzähligen Wesen gewesen sein, die es dort draußen gibt.« »Warum,
glaubst du, hat es mich angegriffen?«
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»A us dem gleichen G rund, w eshalb die anorganischen W esen »Ic h w e iß , w ie b e u n ru h ig e n d d a s a lle s ist«, fu h r e r fo rt, m e in e r
dich angriffen: w eil du dich zugänglich m achtest.« »Ist es so B e stü rz u n g w o h l b e w u ß t. »A u s irg e n d e in e m G ru n d , d e r m it d e r
einfach, D on Juan?« F u n k tio n u n se re s G e iste s z u sa m m e n h ä n g t, ist e s e rsc h ü tte rn d e r
»G ew iß. E s ist so einfach w ie das, w as du tun w ürdest, w enn e in e als alles and ere, w enn m an E nergie im T raum sieh t.« Ich w andte
unheim liche Spinne über deinen T isch krabbelte, w ährend du m it ein, ich hätte schon früher E nergie im T raum gesehen. N ie ab er
S ch reib en b esch äftig t w ärst. D u w ü rd est sie zerd rü ck en , au s hab e es m ich so m itgeno m m en.
Furcht, statt ihre Schönheit zu bew undern oder zu studieren.« »D e in E n e rg ie k ö rp e r ist je tz t k o m p le tt u n d e in sa tz fä h ig «, sa g te
Ich w ar verlegen und suchte nach W orten, um die richtige Frage zu er. »W enn du also E nergie im T raum siehst, nim m st du eine reale
stellen. Ich w ollte ihn fragen, w o m ein T raum w ohl stattgefunden W e lt w a h r - w e n n a u c h im G e w a n d e in e s T ra u m e s. D a s ist d ie
hatte oder in w elcher W elt ich in jenem T raum gew esen w ar. B ed eutung d er R eise, d ie d u unterno m m en hast. S ie w ar real. E s
S o lc h e F ra g e n a b e r w ä re n sin n lo s g e w e se n , d a s v e rsta n d ic h gab E nergie erzeugend e O b jekte, d ie d ich b einah d as L eb en ko -
selbst. D on Juan w ar sehr m itfühlend. steten.«
»D u m öchtest w issen, w orauf deine T raum -A ufm erksam keit sich »W ar es denn so gefährlich. D on J u a n ? «
konzentrierte, nicht w ahr?« fragte er grinsend. G enau das w ar es, »D a kannst d u w etten! D as W esen, d as d ich angriff, b estand aus
w as ich m it m einer Frage ausdrücken w o llte . Ich unterstellte, daß reiner B ew ußtheit und w ar so gefährlich, w ie etw as nur gefährlich
ich in dem betreffenden T raum w ohl e in reales O b jek t an g esch au t sein kann. D u hast seine E nergie gesehen. Ich bin sicher, du w eißt
h atte. G en au d as g leich e, w as g esch ah . w enn ich in m einen jetzt, daß w ir, solange w ir nicht im T raum sehen, ein reales, E nerg ie
T räum en die w inzigsten D etails am Fußboden, an den W änden e rz e u g e n d e s O b je k t n ic h t v o n e in e r P h a n to m p ro je k tio n u n -
oder an der T ür m eines Zim m ers sah - la u te r E inzelheiten, die, w ie terscheid en kö nnen. A uch w enn d u also in einen K am p f m it d en
ich später bestätigt fand, tatsächlich e x istierten. a n o rg a n isc h e n W e se n v e rw ic k e lt w u rd e st, a u c h w e n n d u d ie
D on Juan sagte, daß unsere T raum -A ufm erksam keit bei besonderen S couts und die T unnel tatsächlich gesehen h a s t, w eiß dein E ner-
T räu m en w ie jen em , d en ich g eh ab t h atte, sich au f u n sere giekö rp er nicht m it G ew iß heit. o b sie real w aren, d as heiß t o b sie
A lltagsw elt konzentriere und in dieser W elt von einem realen O bjekt E nergie erzeugten. D u bist dir zu neunundneunzig P rozent sicher.
zum anderen springe. W as diese B ew egung erm ögliche, sei die nicht zu hund ert P ro zent.«
T atsache, daß der M ontagepunkt sich in der richtigen P osition D o n Ju a n w o llte n o c h w e ite r ü b e r d ie R e ise sp re c h e n , d ie ic h
befinde. A us dieser P osition könne der M ontagepunkt der T raum - u n te rn o m m e n h a tte . A u s e i n e m u n e rk lä rlic h e n G ru n d w id e r-
A ufm erksam keit solche B ew eglichkeit verleihen, daß sie im strebte es m ir, dieses T hem a zu behandeln. W as er sagte, r i e f bei
B ruchteil einer S ekunde unglaubliche D istanzen zurücklege und m ir so fo rt eine so nd erb are R eaktio n hervo r. Ich m erkte, d aß ich
dabei so rasche und flüchtige W ahrnehm ungen hervorrufe. daß m ic h m it e in e r tie fe n u n d se ltsa m e n F u rc h t a u se in a n d e rse tz e n
diese einem gew öhnlichen T raum glichen. In m einem T raum , m u sste ; e in e r d u n k le n F u rc h t, d ie im In n e rn a n m ir n a g te . »D u
erklärte D on Juan, hätte ich eine reale V ase gesehen, und dann b ist e in d e u tig in e in e a n d e re H a u t d e r Z w ie b e l v o rg e sto ß en«,
habe sich m eine T raum -A ufm erksam keit über eine w eite D istanz sagte D o n Juan zum A b schluß einer E rklärung, auf d ie ich nicht
bew egt, um das surrealistische B ild einer juw elengeschm ückten w eiter geachtet hatte.
Frau zu sehen. D as E rgebnis - abgesehen davo n , d aß ich E n erg ie »W as ist d iese and ere H aut d er Z w ieb el. D o n Juan? « »D ie W elt ist
g eseh en h ätte - sei ein em g ew ö h n lich en T rau m seh r äh n lich w ie eine Z w iebel. S ie hat viele S chichten. D ie W elt, d ie w ir kennen,
g ew esen , b ei d em d ie G eg en stän d e, w en n m an sie anstarrt, sich ist nur eine d avo n. M anchm al üb erschreiten w ir die G renzen und
rasch in etw as anderes verw andeln. stoßen in eine andere S chicht vor: in eine andere W elt, dieser ganz
ähnlich, aber nicht dieselbe. U nd du bist in eine d avo n vo rgesto ß en,
ganz vo n selb st.«
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»W ie ist diese R eise m öglich, von der du sprichst. D on Juan?« Einen Augenblick, während ich ihn so sprechen hörte, glaubte ich
»D as ist eine sinnlose F rage, denn niem and kann sie beantw orten. vor Qual zu sterben. Eine unglaubliche Traurigkeit legte sich mir
N a c h A u ffa ssu n g d e r Z a u b e re r ist d a s U n iv e rsu m in S c h ic h te n auf die Brust, so daß ich vor Schmerz aufschrie. Mir war, als
a u fg e b a u t, d ie d e r E n e rg ie k ö rp e r d u rc h q u e re n k a n n . W e iß t d u . schiebe sich mein Magen gegen das Zwerchfell, in die Brusthöhle
w o d ie alten Z aub erer no ch b is zum heutigen T ag leb en? In einer hinauf. Der Druck war so stark, daß ich die Bewußtseinsebene
a n d e re n S c h ic h t; in e in e r a n d e re n H a u t d e r Z w ie b e l.« »F ür m ich wechselte und wieder in meinen normalen Zustand eintrat. Was
ist d ie V o rstellung einer realen und p raktischen R eise, d ie ic h im wir eben noch besprochen hatten, wurde zu einem unbestimmten
T ra u m u n te rn e h m e , se h r sc h w e r z u v e rste h e n o d e r z u akzeptieren, Gedanken an irgend etwas, das geschehen sein mochte, in Wirk-
D on J u a n . « lichkeit aber nicht geschehen war - wenn ich die vernünftigen
»D ie se s T h e m a h a b e n w ir d o c h e rsc h ö p fe n d d isk u tie rt. Ic h w a r Maßstäbe meines Alltagsbewußtseins anlegte. Das nächste Mal. als
ü b e rz e u g t, d u h ä tte st v e rsta n d e n , d a ß d ie R e ise d e s E n e rg ie k ö rpers Don Juan und ich über das Träumen sprachen, diskutierten wir
ausschließlich von der P osition des M ontagepunkts abhängig ist.« über die Gründe, warum es mir monatelang nicht gelungen war.
»D a s h a st d u m ir g e sa g t. U n d ic h h a b e im m e r w ie d e r d a rü b e r Fortschritte bei meinen Traumübungen zu erzielen. Don Juan
nachged acht. D enno ch ist d ie A ussage, d aß d ie R eise in d er P o - warnte mich aber, daß er, um meine Situation zu erklären, weit
sitio n d es M o ntagep unktes stattfind et, für m ich sinnlo s.« »D eine ausholen müsse. Zuerst wies er mich darauf hin, daß es einen
S chw ierigkeit ist d ein Z ynism us. F rüher w ar ich w ie d u. D e r gewaltigen Unterschied gebe zwischen den Gedanken und Taten
Z yn ism u s e rla u b t u n s n i c h t , u n se r W e ltv e rstä n d n is k o n se q uent zu moderner Menschen und den Menschen der Vorzeit. Und dann
veränd ern. E r zw ingt uns auch zu d er Ü b erzeugung, d aß w ir im m er meinte er. die Menschen der Vorzeit hätten eine sehr realistische
recht h ä tte n .« Auffassung von Bewusstsein und Wahrnehmung gehabt, denn ihre
Ic h v e rsta n d d u rc h a u s, w a s e r m e in te . A b e r ic h m u sste ih n d o c h Auffassung resultierte aus der Beobachtung des sie umgebenden
d a ra n e rin n e rn , w ie ic h g e g e n a ll d ie s a n g e k ä m p ft h a tte . »Ic h Universums. Die modernen Menschen hingegen hätten eine absurd
m ö c h te d ir e tw a s g a n z V e rrü c k te s v o rsc h la g e n , d a s e in e unrealistische Auffassung von Bewusstsein und Wahrnehmung,
W endung herbeiführen könnte«, sagte er. »W iederhole dir unauf- weil ihre Ansichten auf ihrer Beobachtung der Sozialordnung und
h ö rlic h , d a ß d a s M yste riu m d e s M o n ta g e p u n k te s d e r D re h - u n d ihrem Verhalten in dieser sozialen Welt beruhten.
A ngelpunkt der Z auberei ist. W enn du es dir lange genug w ieder- »Warum sagst du mir all diese Dinge?« fragte ich. »Weil du ein
h o lst, w ird e in e u n sic h tb a re K ra ft d ie F ü h ru n g ü b e rn e h m e n u n d moderner Mensch bist, natürlich, aber verstrickt in die
d ie geeigneten V eränd erungen in d ir b ew irken.« D o n Ju a n m a c h te Auffassungen und Beobachtungen der Menschen der Vorzeit«,
n ic h t d e n E in d ru c k , a ls o b e r sc h e rz te . Ic h w u ß te , e r m e in te je d e s antwortete er. »Und all diese Beobachtungen und Auffassungen
W o rt e rn st. W a s m ic h stö rte , w a r se in e F o rd erung, ich so llte m ir sind dir fremd. Mehr denn je brauchst du jetzt Mut und
d iese F o rm el unaufhö rlich w ied erho len. E s kam m ir b lö d e vo r, Nüchternheit. Ich versuche eine Brücke zu bauen - eine Brücke,
m usste i c h m ir gestehen. »G ib deine zynische H altung auf«, die du beschreiten kannst - zwischen den Ansichten der Menschen
herrschte er m ich an. »W iederh o le d ie F o rm e l in g u te m G la u b e n .« der Vorzeit und jenen der modernen Menschen.« Unter allen
»D a s G e h e im n is d e s M o n ta g e p u n k te s ist a lle s in d e r Z a u b e re i«. transzendentalen Beobachtungen der Menschen alter Zeiten, sagte
fu h r e r fo rt, o h n e m ic h a n z u se h e n . »O d e r b e sse r g e sa g t, a lle s in er, sei eine einzige mir vertraut - nämlich die, daß wir, um
d e r Z a u b e re i b e ru h t a u f d e r M a n ip u la tio n d e s M o n ta g e p u n k te s. Unsterblichkeit zu erlangen, unsere Seele dem Teufel verkaufen,
D a s w e iß t d u w o h l, a b e r d u m u ß t e s d ir w ie d e rh o le n .« was für Don Juan, wie er einräumte, viel Ähnlichkeit habe mit der
Beziehung der alten Zauberer zu den anorganischen Wesen. Er
erinnerte mich daran, wie der Traumbotschafter ver-
sucht hatte, mich zum Bleiben in seinem Reich zu bewegen, »Ich sage dies alles, weil du jetzt, zum erstenmal, in der Lage bist.
indem er mir die Möglichkeit bot, meine Individualität und mein zu verstehen, daß Träumen ein Energie erzeugender Zustand ist.
Bewusstsein beinah eine Ewigkeit lang zu bewahren. »Vor den Zum erstenmal kannst du jetzt verstehen, daß gewöhnliche
Verlockungen der anorganischen Wesen zu kapitulieren, ist, wie du Träume vorbereitende Mittel sind, eingesetzt, um den Montage-
weißt, nicht nur eine Idee: es ist real«, fuhr er fort. »Aber die punkt auf das Erreichen jener Position zu trainieren, die den
Konsequenzen dieser Realität hast du noch nicht ganz erkannt. Energie erzeugenden Zustand schafft, den wir als Träumen be-
Ähnlich ist auch das Träumen real. Es ist ein Energie erzeugender zeichnen.«
Zustand. Du hörst meine Worte, und gewiß verstehst du, was ich Und er warnte mich, daß Träumer, da sie sich - mit allumfassenden
meine. Aber dein Bewusstsein hat noch nicht die ganze Tragweite Konsequenzen - in reale Welten begeben, die größte Vorsicht und
dessen erfaßt.« Wachsamkeit walten lassen sollten. Denn jede Abweichung von
Don Juan meinte, daß meine Rationalität wohl um die Bedeutung absoluter Wachsamkeit gefährde den Träumer auf mehr als
einer solchen Erkenntnis wisse. Bei unserem letzten Gespräch tödliche Art.
habe sie mich gezwungen, die Bewußtseinsebene zu wechseln. Ich In diesem Moment spürte ich wieder eine Bewegung in meiner
sei schließlich in meinen normalen Bewusstseinszustand zurückge- Brusthöhle, einen Druck, wie ich ihn an dem Tag empfunden
kehrt, bevor ich auf alle Nuancen meines Traums eingehen hatte, als mein Bewusstsein von selbst in einen anderen Zustand
konnte. Auch habe meine Rationalität sich durch die Unterbre- überging. Don Juan schüttelte kräftig meinen Arm. »Betrachte das
chung meiner Traumübungen zu schützen versucht. »Ich Träumen als etwas extrem Gefährliches!« befahl er mir. »Und
versichere dir, ich bin mir voll bewußt, was ein Energie er- fange gleich damit an. Spare dir deine komischen
zeugender Zustand ist«, sagte ich. Fluchtmanöver.«
»Und ich versichere dir, du bist es nicht. Wärst du es, dann würdest So eindringlich war der Ton seiner Worte, daß ich sofort bleiben
du beim Träumen vorsichtiger und bewusster vorgehen. Da du ließ, was immer ich im Sinn hatte. »Was ist los mit mir, Don
aber glaubst, es wären nur Träume, gehst du blindlings Risiken ein. Juan?« fragte ich. »Was mit dir los ist? Du kannst deinen
Deine irrende Vernunft sagt dir, daß der Traum, was immer Montagepunkt rasch und mit Leichtigkeit verschieben«, sagte er.
passieren mag, irgendwann vorbei sein wird und du erwachen »Aber diese Leichtigkeit hat die Tendenz, daß die Verschiebung
wirst.« aufs Geratewohl geschieht. Korrigiere diese Leichtigkeit. Und
Er hatte recht. Trotz all dessen, was ich bei meinen Traumübungen erlaube dir keine Umwege, nicht einen Millimeter breit.«
erlebt hatte, war ich noch immer allgemein überzeugt, daß es sich Wie leicht hätte ich nun einwenden können, daß ich nicht wisse.
nur um Träume handle. wovon er sprach - aber ich wußte es. Ich wußte auch, daß mir nur
»Ich spreche zu dir von den Ansichten der Menschen der Vorzeit Sekunden blieben, um all meine Energie aufzubieten und meine
und von den Ansichten moderner Menschen«, fuhr Don Juan fort, Einstellung zu ändern. Und das tat ich.
»weil dein Bewusstsein, nämlich das Bewusstsein eines modernen Damit endete unser Gespräch an diesem Tag. Ich fuhr nach
Menschen, mit einem fremden Konzept so umgeht, als sei es ein Hause, und fast ein Jahr lang wiederholte ich jeden Tag getreulich
leeres Idealbild. den Satz, den Don Juan mir zu wiederholen aufgetragen hatte. Das
Wärst du dir selbst überlassen, dann würdest du das Träumen als Ergebnis meiner beschwörenden Litanei war unglaublich. Ich
Idee auffassen. Natürlich nimmst du das Träumen ernst, da bin warfest überzeugt, daß es auf mein Bewusstsein die gleiche Wir-
ich mir sicher. Aber du glaubst nicht recht an die Realität des kung hatte, die ein sportliches Training auf die Muskulatur hat.
Träumens.« Mein Montagepunkt wurde beweglicher, was bedeutete, daß das
»Ich verstehe, was du sagst. Don Juan. Aber ich verstehe nicht. Sehen von Energie beim Träumen zum einzigen Ziel meiner
warum du es sagst.«
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Ü b u n gen w u rd e. M ein e F äh igkeit, d as S eh en zu b eab sich tigen . »G la u b st d u , D o n J u a n , d a ß d ie h e u tige , w e iß lic h e F a rb e sic h
w uchs im M aßstab m einer A nstrengungen. U nd dann gelang es eines T ages ändern w ird?«
m ir irgendw ann, das Sehen nur zu beabsichtigen, ohne ein W ort zu »F alls d er M en sch fäh ig ist, sich w eiterzu en tw ickeln . D ie gro ß e
äußern, w obei ich die gleichen R esultate erzielte, w ie w enn ich A u fgab e d er Z au b erer b esteh t d arin , d ie Id ee zu verb reiten , d aß
m eine A bsicht, zu sehen, laut aussprach. der M ensch, um sich w eiterzuentw ickeln, zuerst sein B ew usstsein
D on Juan beglückw ünschte m ich zu m einer Leistung. Ich glaubte von allen B indungen an die Sozialordnung befreien m uß. Sobald
natürlich, er m eine es nur ironisch. D och er versicherte m ir. daß das B ew usstsein frei ist, w ird die A bsicht es auf einen neuen, evo-
er es au frich tig m ein te; allerd in gs b esch w o r er m ich , w eiterh in lutionären W eg steuern.«
m eine A bsicht m it lauter Stim m e kundzutun, zum indest w enn ich »G laubst du, dies w ird den Z auberern gelingen?« »E s ist ih n en
m ich unsicher fühlte. Sein V erlangen erschien m ir auch gar nicht sch o n gelu n gen . S ie selb st sin d d er B ew eis. E tw as an d eres ist es
sonderbar. Ich hatte ja selbst jedesm al, w enn ich es für nötig h ie lt, ab er, an d ere M en sch en vo n W ert u n d W ich tigkeit solcher
laut im T raum geschrien. W eiterentw icklung zu überzeugen.« Jen e an d ere E n ergie, d ie ich in
Ich entdeckte, daß die E nergie unserer W elt flim m ert. S ie oszil- u n serer W elt zw ar gegen w ärtig. w enn auch frem d fand, w ar die
lie rt. N ic h t n u r d ie L e b e w e se n , so n d e rn a lle s in u n se re r W e lt E nergie der Scouts - näm lich die E n ergie, d ie D o n Ju an als
flim m ert von einem eigenen Licht. D on Juan erklärte m ir, daß die b ru tzeln d b esch rieb en h atte. Ich en tdeckte unzählige G egenstände
E nergie unserer W elt aus Schichten schim m ernder Farbtöne be- in m einen T räum en, die sich, w enn ich sie sah, in E nergieblasen
steh t. D ie o b erste S ch ich t ist w eiß lich , d ie n äch ste, u n m ittelb ar verw andelten, anscheinend siedend u n d b ro d eln d vo r in n erer
daran angrenzend, ist resedagrün, und w ieder eine andere, etw as A ktivität, d ie w ie H itze ersch ien . »B e d e n k e , d a ß n ic h t je d e r
w eiter entfernt, ist bernsteingelb. Ich fand all diese Farbtöne w ied e r, S c o u t, d e n d u a n tre ffe n w irst, z u m R eich der anorganischen
o d e r v ie lm e h r sa h ic h d e n S c h im m e r im m e r d a n n , w e n n W esen gehört«, sagte D on Juan. »Jeder S co u t, d en d u b islan g
G egen stän d e, d ie ich im T rau m an traf, ih re F o rm verän d erten . getro ffen h ast, b is au f d en b lau en S co u t. stam m te aus diesem
D o ch ein w eiß lich er S ch im m er w ar im m er d as erste, w en n i c h R eich - aber nur deshalb, w eil die anorganischen W esen dich
D inge sah, die E nergie erzeugten. verw öhnen w ollten. S ie führten R egie bei der S h o w . Jetzt b ist d u
»G ibt es nur drei verschiedene Farbtöne?« fragte ich D on Juan. au f d ich allein gestellt. M an ch e d er S co u ts, denen du begegnen
»E s gibt unendlich viele«, antw ortete er. »F ür den A nfang aber w irst, stam m en nicht aus dem R eich der anorganischen W esen,
solltest du dich auf diese drei beschränken. Später kannst du dich sondern aus anderen, noch ferneren E benen des B ew ußtseins.«
auf kom pliziertere D inge einlassen und D utzende von Farbtönen »H aben die S couts ein B ew usstsein?« fragte ich.
isolieren, falls du es w illst und kannst. »A ber gew iß«, antw ortete er.
D ie w eißliche Schicht ist die Farbe der gegenw ärtigen P osition des »W arum stellen sie dann keinen K ontakt m it uns her. solange w ir
M ontagepunktes«, fuhr D on Juan fort. »M an könnte sagen, es ist w ach sind?«
ein m oderner Farbton. D ie Z auberer glauben, daß alles, w as der »D as tu n sie d o ch . A b er leid er ist u n ser B ew u sstsein so seh r vo n
M ensch heute tut, in dieses w eißliche Licht getaucht ist. Zu anderen anderen D ingen beansprucht, daß w ir keine Zeit haben, auf sie zu
Z eiten ließ d ie P o sitio n d es m en sch lich en M o n tagep u n ktes die achten. Im Schlaf aber öffnet sich die zw eiseitige Falltür: w ir
Färbung der in der W elt vorherrschenden E nergie resedagrün träum e n . U n d in u n se re n T rä u m e n ste lle n w ir K o n ta k t m it ih n e n
erscheinen. U nd w ieder zu anderen, noch ferneren Zeiten w ar sie her.«
bernsteingelb. D ie E nergie der Z auberer ist bernsteinfarben, und »W ie kann m an feststellen, ob Scouts aus einer anderen W ell als
das heißt, daß sie energetisch m it den M enschen verbunden sind, jener der anorganischen W esen stam m en?« »Je stärker ihr B rutzeln,
die in ferner V ergangenheit lebten.« aus desto w eiterer F erne kom m en sie. E s
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hört sich so einfach an. aber du mußt dir von deinem Energiekörper a u c h d u se lb st b a ld e n td e c k e n w irst«, fu h r D o n Ju a n fo rt, »ist
sagen lassen, was los ist. Ich kann dir versichern, er trifft sehr feine d ieser d ritte T yp vo n S co uts. B islang hast d u nur E xem p lare d er
Unterscheidungen und unfehlbare Urteile, wenn er's mit fremder e rste n b e id e n T yp e n k e n n e n g e le rn t, a b e r n u r d e sh a lb , w e il d u
Energie zu tun hat.« nicht an d er richtigen S telle gesucht hast.« »U nd w as ist d ie
Und wieder hatte Don Juan recht. Mühelos unterschied mein richtige S telle. D o n Juan? « »W ieder m al bist du auf W örter
Energiekörper zwei allgemeine Typen von fremder Energie. Da hereingefallen. D iesm al ist es das W ort >G egenstände<. von dem du
gab es, erstens, die Scouts aus dem Reich der anorganischen Wesen. glaubst, es bezeichne nur D inge o d e r O b je k te . A b e r d ie w ild e ste n
Ihre Energie brutzelte leicht. Es war geräuschlos, hatte jedoch alle S c o u ts v e rb e rg e n sic h h in te r M enschen in unseren T räum en. M ir
Merkmale siedenden Wassers, das eben zu brodeln anfängt. Die selb st stand b eim T räum en eine schreckliche Ü b erraschung b evo r,
Scouts des zweiten Typs von Energie machten mir den Eindruck, als ich m einen B lick auf d as T raum b ild m einer M utter richtete.
als hätten sie wesentlich mehr Macht. Diese Scouts schienen im N achd em ich m eine A b sicht, zu sehen, ausgesprochen hatte,
Begriff, flammend aufzulodern. Sie vibrierten von innen, als wären verw andelte sie sich in eine grim m ige, beängstigende B lase
sie mit komprimiertem Gas gefüllt. Meine Begegnungen mit brutzelnder E nergie.« D on Juan m achte eine P ause, um seine W orte
fremder Energie waren stets flüchtig. weil ich meine ganze auf m ich einw irken zu lassen. Ich w ar verlegen, w eil ich die
Aufmerksamkeit auf das richtete, was Don Juan mir empfohlen M öglichkeit, hinter dem T raum b ild m einer M utter einen S co ut zu
hatte. Er sagte: »Solange du nicht genau weißt, was du tust oder entd ecken, unheim lich fand.
was du willst und was du von der fremden Energie erwartest, mußt »E s ist ä rg e rlic h , d a ß sie ste ts m it T ra u m b ild e rn u n se re r E lte rn
du dich mit kurzen Blicken begnügen. Alles, was über einen oder naher F reunde verbunden s in d « , fuhr er fort. »V ielleicht ist
kurzen Blick hinausgeht, ist gefährlich -und so dumm, als d a s d e r G ru n d , w a ru m w ir u n s m a n c h m a l u n b e h a g lic h fü h le n .
streicheltest du eine Klapperschlange.« »Warum ist es so w enn w ir von ihnen träum en.« S ein G rinsen m achte m ir den E in-
gefährlich, Don Juan?« fragte ich. »Scouts sind immer sehr druck, als genieße er m eine V erw irrung. »A ls F austregel nehm en
aggressiv und sehr wagemutig«, sagte er. »Das müssen sie sein, um d ie T rä u m e r a n , d a ß e in S c o u t d ie se s d ritte n T yp s im m e r d a n n
ihre Erkundungsfahrten zu überstehen. Wenn wir unsere Traum- zugegen ist, w enn sie sich in einem T raum vo n ihren E ltern o d er
Aufmerksamkeit auf sie richten. so heißt dies nichts anderes, als daß F reunden belästigt fühlen. I c h kann dir vernünftigerw eise nur raten,
wir sie auffordern, ihre Aufmerksamkeit auf uns zu richten. Sobald solche T raum bilder zu m eiden. Sie s in d reines G i f t . « »W o ste h t
sie ihre Aufmerksamkeit auf uns gerichtet haben, sind wir d e r b la u e S c o u t im V e rh ä ltn is z u a n d e re n S c o u ts? « fragte ich.
gezwungen, mit ihnen zu gehen. Und das ist natürlich die Gefahr. »B laue E nergie brutzelt n i c h t « , antw ortete er. »S ie ist der unsere n
Möglicherweise geraten wir in Welten jenseits unserer ä h n lic h . S ie flim m e rt, a b e r sie ist b l a u sta tt w e iß . B la u e E nergie
energetischen Möglichkeiten.« Don Juan erklärte mir. es gebe gib t es in unserer W elt nicht im N aturzustand . U nd d ies b ringt uns
mehr Typen von Scouts als die beiden, die ich unterscheiden zu einer F rage, üb er d ie w ir nie gesp ro chen haben. V on w elcher
konnte. Beim gegenwärtigen Stand meiner Energie könne ich mich F arbe w aren die S couts. die du bislang gesehen hast?«
aber nur auf drei von ihnen konzentrieren. Die ersten beiden B is zu diesem A ugenblick, da er davon sprach, hatte ich es m ir nie
Typen, sagte er. seien am leichtesten zu entdecken. In unseren überlegt. N un erzählte ich D on J u a n , daß die S couts. die ich ge-
Träumen treten sie in so auffälliger Verkleidung auf, daß sie sofort se h e n h a tte , rö tlic h o d e r ro sa ro t w a re n . U n d e r sa g te , d a ß d ie
unsere Traum-Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Scouts vom gefährlichen S couts vom dritten T yp leuchtend orange w ären. Ich
dritten Typ bezeichnete er als die gefährlichsten, was ihre konnte selbst feststellen, daß j e n e r dritte T yp von Scouts w irk-
Aggressivität und Macht betrifft, weil sie sich hinter unauffälliger
Tarnung versteckten. »Eine der Merkwürdigkeiten, die Träumer
entdecken und die
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lieh erschreckend ist. Jedes Mal, wenn ich einen entdeckte, ver- »Warum glaubten sie dies?« fragte ich.
barg er sich hinter Traumbildern meiner Eltern, vor allem meiner »Weil es so ist«, sagte er. »Da die anorganischen Wesen nicht
Mutter. Immer wenn ich dies sah, erinnerte es mich an die Ener- lügen können, sind die Werbesprüche des Traumbotschafters ganz
giewolke, die mich in jenem Traum, als ich zum erstenmal bewußt zutreffend. Diese Welt kann uns Obdach bieten und unser
sehen konnte, angegriffen hatte. Diese fremde Kundschafter- Bewusstsein fast eine Ewigkeit verlängern.« »Die Werbesprüche
Energie schien sich jedesmal, wenn ich sie antraf, auf mich stürzen des Botschafters, auch wenn sie stimmen. sind für mich nicht
zu wollen. Mein Energiekörper reagierte darauf mit Entsetzen, attraktiv«, sagte ich.
bevor ich sie sah. »Willst du dich etwa leichtsinnig auf etwas einlassen, das dich in
Bei unserem nächsten Gespräch über das Träumen befragte ich Stücke reißen könnte?« fragte er, mit Bestürzung in der Stimme.
Don Juan nach dem völligen Fehlen anorganischer Wesen bei Ich versicherte Don Juan, daß ich nicht in der Welt der anorgani-
meinen Traumübungen. »Warum tauchen sie nicht mehr auf?« schen Wesen sein wolle, ganz gleich, welche Vorteile sie zu bieten
fragte ich. hatte. Was ich sagte, schien ihm unerhört zu gefallen. »Dann bist
»Sie tauchen nur zu Anfang auf«, erklärte er. »Nachdem ihre du bereit für eine letzte Aussage über diese Welt. Die
Scouts uns in ihre Welt geführt haben, sind Projektionen anorga- schrecklichste Aussage, die ich machen kann«, sagte er - und
nischer Wesen nicht mehr notwendig. Wenn wir die anorgani- versuchte zu lächeln, schaffte es aber nicht ganz. Don Juan sah mir
schen Wesen sehen wollen, führt ein Scout uns dorthin. Denn forschend in die Augen. Ich glaube, er suchte nach einem Funken
niemand - ich wiederhole, niemand - kann allein in diese Welt Zustimmung oder Einverständnis. Dann schwieg er eine Weile.
reisen.« »Die Energie, die nötig ist. um den Montagepunkt der Zauberer
»Warum ist das so, Don Juan?« zu bewegen, kommt aus dem Reich der anorganischen Wesen«,
»Ihre Welt ist versiegelt. Niemand kann sie ohne Zustimmung der sagte er, als beeile er sich, es hinter sich zu bringen. Mir blieb fast
anorganischen Wesen betreten oder verlassen. Man kann ledig- das Herz stehen. Mich schwindelte, und ich musste mit dem Fuß
lich, wenn man einmal darin ist. seine Absicht äußern, dort zu aufstampfen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. »Dies ist die
bleiben. Dies laut auszusprechen bedeutet. Energieströme in Be- Wahrheit«, fuhr Don Juan fort. »Und es ist das Vermächtnis der
wegung zu setzen, die irreversibel sind. Worte waren in alten alten Zauberer an uns. Sie haben uns damit gefesselt, bis auf den
Zeiten unglaublich mächtig. Heute sind sie es nicht mehr. Im heutigen Tag. Dies ist der Grund, warum ich sie nicht leiden kann.
Reich der anorganischen Wesen haben sie ihre Macht aber nicht Ich hasse es. nur aus einer Quelle schöpfen zu müssen. Ich
verloren.« persönlich weigere mich, es zu tun. Und ich habe versucht, dich
Don Juan lachte und meinte, er habe kein Recht, etwas über die davon abzuhalten. Doch erfolglos, weil etwas dich magnetisch in
Welt der anorganischen Wesen zu sagen, weil ich darüber wirklich diese Welt zieht.«
mehr wisse als er und alle seine Gefährten zusammen. »Eine Frage Ich verstand Don Juan besser, als ich gedacht hätte. In diese Welt
gibt es noch, hinsichtlich dieser Welt, über die wir noch nicht zu reisen, das hatte für mich immer - energetisch betrachtet -einen
gesprochen haben«, sagte er. Lange schwieg er, als suchte er nach Schub dunkler Energie bedeutet. Ich hatte es sogar so gesehen,
den passenden Worten. »Letzten Endes«, begann er, »ist meine lange bevor Don Juan seine schweren Worte aussprach.
Abneigung gegen die Aktivitäten der alten Zauberer eine sehr »Was können wir tun?« fragte ich.
persönliche Sache. Als Nagual lehne ich ab, was sie taten. Feige »Wir dürfen uns nicht auf sie einlassen«, antwortete er. »und doch
suchten sie Zuflucht in der Welt der anorganischen Wesen. In können wir uns nicht von ihnen fernhalten. Meine Lösung ist, ihre
einem räuberischen Universum wie dem unseren, das uns jederzeit
in Stücke reißen kann, glaubten sie, jene Welt sei unser einziges
Asyl.«
Energie zu nehmen, aber nicht ihrem Einfluss nachzugeben. Dies 10. Die Pirscher anpirschen
nennen wir das endgültige Pirschen. Es geschieht, indem man mit
unbeugsamer Absicht an der Freiheit festhält, auch wenn kein
Zauberer weiß, was Freiheit wirklich ist.«
»Kannst du mir erklären, Don Juan, warum Zauberer ihre Energie
aus dem Reich der anorganischen Wesen beziehen müssen?«
»Es gibt keine andere brauchbare Energie für Zauberer. Um den
Montagepunkt so zu manipulieren, wie sie es tun, brauchen die W ie d e r z u H a u se , e rk a n n te ic h b a ld , d a ß e s m ir u n m ö g lic h w a r.
Zauberer ein Übermaß an Energie.« auch nur eine m einer F ragen zu b eantw o rten. Ich ko nnte sie nicht
Ich erinnerte ihn an seine eigenen Worte: nämlich, daß zum Träu- e in m a l fo rm u lie re n . D e r G ru n d w a r v ie lle ic h t, d a ß d ie S c h ra n k e
men eine Umstrukturierung von Energie notwendig sei. »Das ist d er zw eiten A ufm erksam keit für m ich zusam m engeb ro chen w ar.
richtig«, erwiderte er. »Um mit dem Träumen anzufangen, müssen D ies geschah, als ich F lorinda G rau und C arol T iggs im norm alen
die Zauberer ihre Prämissen neu bestimmen und Energie sparen. A lltag b egegnete. D ie V erw irrung, sie üb erhaup t nicht zu kennen
Solch eine Neubestimmung dient aber nur dazu, die nötige Energie und d o ch so eng m it ihnen vertraut zu sein, d aß ich jed erzeit m ein
zu erlangen, um das Träumen zu arrangieren. Etwas anderes ist es, L eb en für sie hingegeb en hätte, w ar für m ich verhängnisvo ll. E in
in andere Welten zu fliegen, Energie zu sehen, den Energiekörper p aar Jahre vo rher hatte ich T aisha A b elar getro ffen, und allm ählic h
zu komplettieren, und so weiter. Für solche Manöver brauchen die g e w ö h n te ic h m ic h a n d a s v e rtra c k te G e fü h l, sie z u k e n n e n . o h n e
Zauberer ungeheure Mengen dunkler, fremder Energie.« z u w isse n , w ie so . D a ß j e t z t z w e i M e n sc h e n z u sä tz lic h in m e in
»Aber wie bekommen sie diese Energie aus der Welt der anorga- ü b e rla ste te s S yste m e in tra te n , w a r z u v ie l fü r m ic h . Ic h e rk ra n k te
nischen Wesen?« v o r E rsc h ö p fu n g u n d m u sste D o n Ju a n u m H ilfe b i t t e n . A lso fuhr
»Einfach, indem sie in diese Welt gehen. Alle Zauberer unserer ich nach jener S tadt in M exiko, w o er und seine G efährten leb ten.
Linie haben dies getan. Aber keiner von uns ist so töricht, das zu D o n Juan und d ie and eren Z aub erer lachten herzlich b ei d er b lo ß e n
tun, was du getan hast. Allerdings nur. weil keiner deine Veran- E rw ä h n u n g m e in e s K o n flik te s. D o n Ju a n e rk lä rte m ir a b e r, d aß
lagung hat.« sie eigentlich nicht üb er m ich, so nd ern üb er sich selb st lachte n .
Don Juan schickte mich nach Hause und riet mir, nachzudenken M e in e k o g n itiv e n P ro b le m e e rin n e rte n sie d a ra n , w a s sie
über alles, was er mir offenbart hatte. Ich hatte noch unendlich durchgem acht hatten, als die S chranke der zw eiten A ufm erksam keit
viele Fragen, aber er wollte nichts davon hören. »Alle Fragen, die vo r ihnen zusam m enb rach, genau w ie es m ir geschehen w ar. Ih r
du hast, kannst du dir selbst beantworten«, sagte er. als er B e w u sstse in , g e n a u w ie m e in e s, se i n ic h t d a ra u f v o rb e re ite t
winkend Abschied nahm. gew esen, sagte er.
»Je d e r Z a u b e re r m a c h t d ie g le ic h e n Q u a le n d u rc h «, fu h r D o n
Ju a n fo rt. »D a s B e w u sstse in ist e i n F e ld e n d lo se r F o rsc h u n g fü r
die Z auberer, auch für die M enschen im allgem einen. E s gibt kein
R isiko, das w ir scheuen, kein M ittel, das w ir ablehnen sollten, um
unser B ew usstsein zu steigern. V ergiß aber n ic h t, daß B ew ußtheit
nur b ei nüchternem V erstand gesteigert w erd en kann.« U n d d a n n
b e to n te D o n Ju a n w ie d e r e in m a l, d a ß se in e Z e it z u E n d e g in g e
u n d d a ß ic h m e in e K rä fte k lu g e in se tz e n m ü sse , u m m ö g lic h st
w e it v o ra n z u k o m m e n , b e v o r e r m ic h v e rlie ß . S o lc h e
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Reden stürzten mich immer in tiefe Depression. Da aber die Zeit »Ich habe nicht gesagt, es sei ein physikalisches Element«, korri-
seines Fortgehens näherkam, hatte ich angefangen, mich damit gierte er mich. »Es ist ein energetisches Element. Diesen Unter-
abzufinden. Ich war nicht mehr deprimiert, geriet aber dennoch in schied mußt du beachten. Für Zauberer, die sehen, ist Bewusstsein
Panik. eine leuchtende Glut. Sie können ihren Energiekörper an diese
Danach wurde nichts mehr gesprochen. Am nächsten Tag fuhr ich Glut ankoppeln und damit fliegen.« »Was ist der Unterschied
Don Juan, auf seine Bitte, nach Mexico City. Wir trafen gegen zwischen einem physikalischen und einem energetischen
Mittag ein und fuhren direkt ins Hotel Del Prado, am Paseo Ala- Element?« fragte ich.
meda gelegen, das Haus, in dem er stets abstieg, wenn er in der »Der Unterschied ist, daß physikalische Elemente in unserem In-
Stadt war. Don Juan hatte an diesem Tag, um vier Uhr nachmit- terpretationssystem vorgesehen sind, energetische Elemente aber
tags, eine Verabredung mit einem Anwalt. Da wir viel Zeit hatten, nicht. Energetische Elemente, wie das Bewusstsein, existieren in
gingen wir zum Lunch ins berühmte Cafe Tacuba, ein Restaurant unserem Universum. Wir aber, als normale Menschen, nehmen
im Zentrum der Stadt, wo man angeblich noch echtes Essen nur die physikalischen Elemente war, weil man uns dies gelehrt
servierte. hat. Die Zauberer nehmen energetische Elemente aus dem glei-
Don Juan war nicht hungrig. Er bestellte nur zwei süße Tamales. chen Grund wahr: sie haben dies gelernt.« Don Juan erklärte mir,
während ich mich an einer reichhaltigen Mahlzeit labte. Er lachte es sei der Kern aller Zauberei, Bewußtheit als Element unserer
über mich und zeigte stumme Verzweiflung über meinen gesunden Umwelt zu nutzen. Praktisch betrachtet, ginge es bei der Zauberei
Appetit. erstens darum, die in uns existierende Energie freizusetzen, indem
»Ich möchte dir eine Handlungsanweisung geben«, sagte er. un- wir makellos dem Weg der Zauberer folgen; zweitens, diese
vermittelt, nachdem wir gegessen hatten. »Und zwar für die letzte Energie zu nutzen, um den Energiekörper mit Hilfe des Träumens zu
Aufgabe an der dritten Pforte des Träumens. Diese Aufgabe be- entwickeln; und drittens. Bewußtheit als Element der Umwelt zu
steht darin, die Pirscher anzupirschen - und ist ein beinah uner- nutzen, um mit dem Energiekörper und all unserer Körperlichkeit in
klärliches Manöver. Die Pirscher anzupirschen bedeutet, bewußt andere Welten vorzudringen. »Es gibt zwei Arten von Energie-
Energie aus dem Reich der anorganischen Wesen abzuziehen, um Reisen in andere Welten«, fuhr er fort. »Die eine ist, wenn
ein Meisterstück der Zauberei auszuführen.« »Was für ein Bewußtheit den Energiekörper des Zauberers aufhebt und
Meisterstück der Zauberei. Don Juan?« »Eine Reise - und zwar hinwegführt, wohin immer sie mag; die andere, wenn der
eine Reise, bei der Bewußtheit als Bestandteil der Umwelt Zauberer sich ganz bewußt entscheidet, den Pfad des Bewußtseins
eingesetzt wird«, erklärte er. »In der Alltagswelt ist das Wasser zu nutzen, um eine Reise zu machen. Du hast Reisen von ersterer
ein Element der Umwelt, das wir zur Fortbewegung nutzen Art unternommen. Um die zweite anzutreten, braucht es gewaltige
können. Stelle dir nun Bewußtheit als ähnliches Element vor. das Disziplin.«
zur Fortbewegung benutzt werden kann. Durch das Medium des Don Juan schwieg lange, und dann erklärte er, es gebe im Leben
Bewußtseins kommen Scouts aus dem ganzen Universum zu uns. der Zauberer manche Situationen, die eine meisterhafte Beherr-
und umgekehrt. Durch das Bewußt-sein reisen Zauberer bis an die schung verlangten. Die wichtigste, gefährlichste und entschei-
Enden des Universums.« Unter der Fülle von Ideen, mit denen dende dieser Situationen aber sei der Umgang mit dem
Don Juan mich im Verlauf seiner Lehren bekannt gemacht hatte, Bewusstsein als einem energetischen - dem Energiekörper
gab es gewisse Konzepte, die ohne weitere Anleitung mein volles zugänglichen -Element.
Interesse fanden. Dies war eines von ihnen. Ich hatte nichts anzumerken. Plötzlich saß ich wie auf glühenden
»Die Idee, daß Bewusstsein ein physikalisches Element sei. ist Kohlen und hing an jedem seiner Worte.
revolutionär«, sagte ich. staunend vor Ehrfurcht. »Du allein wirst nicht genug Energie haben, um die letzte Auf-
gabe der dritten Traumpforte zu erfüllen«, fuhr er fort. »Aber du
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u n d C a ro l T ig g s, ih r b e id e w e rd e t g a n z g e w iß sc h a ffe n , w a s m ir D on Juan kicherte und sagte: »D u hast noch nicht m it C arol T iggs
vorschw ebt.« zusam m en geträum t. D u w irst sehen, es ist ein E rleb nis. Z aub e-
E r m achte eine P ause und verleitete m ich d urch sein S chw eigen. rin n e n b ra u c h e n k e in e H ilfsm itte l. S ie g e h e n e in fa c h in d ie se
ihm d ie F rage zu stellen, w as ihm d enn vo rschw eb e. D as tat ich. W elt, w ann im m er sie w o llen. F ür sie steht ein S co ut im m er ab -
S ein L achen steigerte nur no ch d ie unheilschw ere S tim m ung. »Ih r rufb ereit.«
b e id e so llt d ie G re n z e n d e r a lltä g lic h e n W e lt d u rc h b re c h e n und , Ic h w a r n ic h t re c h t ü b e rz e u g t. d a ß e in e Z a u b e rin z u lu n v e r-
B ew usstsein als energetisches E lem ent nutzend , in eine andere m ochte, w as er behauptete. Ich glaubte doch eine gew isse E rfah-
W elt eintreten«, sagte er. »D ieses D urchbrechen und E intreten ist ru n g im U m g a n g m it d e r W e ll d e r a n o rg a n isc h e n W e se n z u
nichts and eres als d as A np irschen d er P irscher. W enn m an haben. A ls ich ihm sagte, w as m ir durch den K opf ging, erw iderte er,
B ew uß theit als E lem ent d er U m w elt b enutzt, so um geht m an d en ich sei allerd ings no ch ganz unerfahren m it D ingen, zu d enen
E in flu ss d e r a n o rg a n isc h e n W e se n , n u tz t a b e r g le ic h w o h l d e re n Z aub erinnen fähig w ären.
E nergie.« »W ieso , glaub st d u, m uß te ich C aro l T iggs m itnehm en, um d ich
D a rü b e r h in a u s w o llte e r m ir k e in e In fo rm a tio n e n m e h r g e b e n , kö rp erlich aus jener W elt zu ho len? « fragte er. »G laub st d u etw a,
u m m ic h n ic h t z u b e e in flu sse n , w ie e r sa g te . Je w e n ig e r ic h im w eil sie so schön ist?« »W arum d enn, D o n Juan? «
v o ra u s w isse , so se in e Ü b e rz e u g u n g , d e sto b e sse r fü r m ic h . Ic h »W eil ich es allein nicht geschafft h a lte . U nd für sie w ar es eine
w a r n ic h t e in v e rsta n d e n , d o c h e r b e te u e rte , d a ß m e in E n e rg ie - K leinigkeit. S ie ist einfach vertraut m it d ieser W ell.« »Ist ihr F all
k ö rp e r sic h in d e r N o t g a n z g u t se lb e r h e lfe n k ö n n e . N ach dem eine A usnahm e, D o n Juan? «
E ssen gingen w ir in die K anzlei des A nw alts. D on Juan b eso rgte »F rauen hab en im allgem einen einen natürlichen H ang zu d ieser
rasch seine A ngelegenheit, und b ald saß en w ir in einem T a x i z u m W elt. Z auberinnen sind natürlich M eister darin; doch C arol T iggs
F lu g h a fe n . D o n Ju a n k lä rte m ic h a u f, d a ß w ir C a ro l T iggs m it ist besser als alle anderen, denn als N agual-F rau hat sie eine über-
einer M aschine aus L os A ngeles erw arteten und daß sie n a c h ragend e E nergie.«
M e x ic o C ity k ä m e , n u r u m d ie se le tz te A u fg a b e d e s T rä u m ens m it Ich glaub te, D o n Juan b ei einem b ed enklichen W id ersp ruch er-
m ir zu vo llend en. tap p t zu hab en. E r hatte m ir d o ch erzählt, d aß d ie ano rganischen
»D as T al von M exiko ist ein hervorragender O rt, um das M eister- W esen sich nicht für F rauen interessierten. U nd jetzt b ehaup tete er
stü c k d e r Z a u b e re i a b z u le g e n , d a s d ir b e v o rste h t«, sa g te e r. »D u d as G egenteil.
hast m ir no ch nicht verraten, w elche S chritte d a einzuhalten sind«, »N e in , ic h b e h a u p te k e in e sw e g s d a s G e g e n te il«, m e in te e r, a ls
sagte ich. ic h ih m d ie s v o rh ie lt. »Ic h h a b e d i r g e sa g t d a ß d ie a n o rg a n i-
E r a n tw o rte te n ic h t. W ir sc h w ie g e n d a n n , a b e r w ä h re n d w ir a u f sc h e n W e se n n ic h t h in te r F ra u e n h e r s i n d . S ie h a b e n e s n u r a u f
d ie L and ung d es F lugzeugs w arteten, w ar er d o ch b ereit, m ir unsere M ä n n e r a b g e se h e n . A b e r ic h h a b e d i r a u c h g e sa g t, d a ß d ie
V orgehensw eise zu erläutern. D azu m üsse ich m ich auf C arol T iggs' ano rganischen W esen w eib lichen G eschlechts s i n d und d aß d as
Z im m er b egeb en, im R egis - H o tel. und nachd em ich m ich in den g a n z e U n iv e rsu m ü b e rw ie g e n d w e ib lic h ist. A lso , z ie h d e in e
Z ustand absoluten inneren S chw eigens versetzt h ä t t e , sollte n w ir eigenen S chlüsse.«
la n g sa m z u sa m m e n in e in e n T ra u m g l e i t e n u n d d a b e i unsere W eil ich aber daraus keine S chlüsse zu ziehen w ußte, erklärte m ir
A b sicht aussp rechen, i n s R eich d er ano rganischen W esen zu D o n Juan, d aß Z aub erinnen, zum ind est in d er T heo rie, aufgrund
gelangen. ih re r g e ste ig e rte n B e w u ß th e it u n d ih re r W e ib lic h k e it im sta n d e
Ich unterb rach ihn und erinnerte d aran, d aß ich stets auf d as E r- w ären, in d ieser W ell nach B elieb en aus und ein zu gehen. »W eiß t
scheinen eines S co uts w arten m uß te. b evo r ich m eine A b sicht, in d u d as aus E rfahrung? « fragte ich. »D ie F ra u e n m e in e r G ru p p e
die W elt der anorganischen W esen zu gehen, laut äußern konnte. h a b e n e s n ie g e ta n «, g e sta n d e r.
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»N icht, w eil sie es nicht kö nnten, so nd ern w eil ich ihnen d avo n »Wie soll uns dieser Transfer von Bewußtheit gelingen?« fragte
a b g e ra te n h a b e . D ie F ra u e n d e in e r G ru p p e d a g e g e n tu n e s w ie ich.
K leiderw echseln.« »Beim Übertragen von Bewußtheit kommt es nur darauf an. daß
Ich sp ürte eine L eere im B auch. Ich w uß te w irklich nichts üb er wir unsere Absicht aussprechen und die nötige Energie haben«.
d ie F ra u e n m e in e r G ru p p e . D o n Ju a n trö ste te m ic h u n d sa g te , sagte er. »Carol weiß das alles. Sie hat es doch schon getan. Sie
daß m eine Situation eine ganz andere sei als die seine, w ie es auch ging körperlich in die Welt der anorganischen Wesen, als sie dich
m eine R olle als N agual w äre. E r versicherte m ir. daß es m ir nicht von dort rettete, erinnerst du dich? Ihre Energie wird es schaffen.
gegeben sei, die F rauen m einer G ruppe von so etw as abzuhalten, Sie wird die Waagschale zum Kippen bringen.« »Die Waagschale
und w enn ich m ich auf den K opf stellte. zum Kippen bringen? Was verstehst du darunter, Don Juan? Ich
W ä h re n d d a s T a x i u n s z u C a ro ls H o te l fu h r, e n tz ü c k te sie D o n tappe völlig im dunkeln.« Die Waagschale zum Kippen bringen
Juan und m ich m it ihren P arodien auf L eute, die w ir kannten. Ich bedeute, erklärte er. daß man seine gesamte physische Masse dem
versuchte ernst zu bleiben und befragte sie nach unserer A ufgabe. Energiekörper hinzufügt. Und wenn man Bewußtheit als Mittel
S ie m u rm e lte e in e E n tsc h u ld ig u n g , w e il sie m ir n ic h t m it d e m benutze, um eine Reise in andere Welten zu unternehmen, so sei
g le ic h e n E rn st a n tw o rte n k ö n n e , d e n ic h v e rd ie n te . D o n Ju a n dies nicht Folge irgendwelcher angewandter Techniken, sondern
lachte schallend darüber, w ie sie m einen feierlichen T onfall nach- einzig der Tatsache, daß man es beabsichtigt und genügend
ahm te. Energie hat. Wenn Carol Tiggs' ganze Energie der meinen
N achdem C arol sich im H otel angem eldet hatte, schlenderten w ir hinzugefügt würde oder meine gesamte Energie der Energie
drei durch die S tadt, auf der S uche nach B uch-A ntiquariaten. W ir Carols. so würde uns dies zu einer einzigen Einheit verbinden, die
aß en ein leichtes D inner b ei S anb o rn's, in d er C a sa d e lo s a zu le- energetisch imstande wäre. unsere Körperlichkeit aufzuheben und
jo s. G e g e n 1 0 U h r g in g e n w ir z u m R e g is z u rü c k . W ir stie g e n sie auf den Energiekörper zu übertragen - um auf diese Weise die
direkt in den A ufzug. M eine A ngst schärfte m eine W ahrnehm ung Reise anzutreten. »Was müssen wir genau tun, um in diese andere
für D etails. D as H otel w ar ein altes, m assives G ebäude. D ie M öbel Welt einzutreten?« fragte Carol. Ihre Frage erschreckte mich
im V estibül hatten offenbar bessere Z eiten gesehen. D ennoch beinah zu Tode: ich hatte geglaubt, sie wisse, was uns bevorstand.
um gab uns noch im m er e in R est alter P racht, der eindeutig etw as »Es geht darum, eure gesamte körperliche Masse auf den Ener-
fü r sic h h a tte . Ic h k o n n te g u t v e rste h e n , w a ru m C a ro l d ie se s giekörper zu übertragen«, antwortete Don Juan und sah ihr in die
H otel liebte. Augen. »Die große Schwierigkeit dieses Manövers liegt darin.
B evo r w ir in d en A ufzug t r a t e n , steigerte sich m eine A ngst in den Energiekörper zu disziplinieren - aber das habt i h r beide
so lc h e H ö h e n , d a ß ic h D o n Ju a n u m le tz te In stru k tio n e n b itte n schon getan. Mangelnde Disziplin wäre der einzige Grund. warum
m ußte. ihr bei der Aufgabe scheitern könntet, diese höchste Form des
»S age m ir noch einm al, w ie w ir vorgehen sollen«, sagte ich. D o n Pirschens zu verwirklichen. Manchmal gelingt es einem normalen
Ju a n z o g u n s z u d e n rie sig e n P o lste rstü h le n in d e r L o b b y Menschen aus Zufall, dies Meisterstück zu bewältigen und in eine
hinüber und erklärte uns geduldig, daß w ir, in der W elt der anor- andere Welt vorzustoßen. Dies aber wird unweigerlich als
ganischen W esen angekom m en, unsere A bsicht aussprechen sollte n , Wahnsinn oder als Halluzination erklärt.«
u n se r n o rm a le s B e w u sstse in a u f u n se re n E n e rg ie k ö rp e r z u Ich hätte alles darum gegeben, hätte Don Juan nur weitergespro-
üb ertragen. E r schlug vo r, C aro l und ich so llten gem einsam unsere chen. Aber er brachte uns zum Aufzug, und trotz meiner Proteste,
A b sicht aussp rechen, o b gleich d ies eigentlich nicht so b ed eutsam trotz meinem Verlangen nach rationalem Wissen, fuhren wir
w ar. W ichtig sei d agegen, sagte er, d aß w ir b eid e, jed er für sich, hinauf in den zweiten Stock, auf Carols Zimmer. Es war aber
die Ü bertragung unseres gesam ten A lltags - B ew ußtseins auf d en nicht mein Verlangen nach Wissen, was mich im Innersten quälte:
E nergiekö rp er b eab sichtigten.
194 195
d a s E n tsc h e id e n d e w a r m e in e F u rc h t. Irg e n d w ie w u ß te ic h , d a ß Entschlossenheit. »Du und der Nagual. ihr könnt hier euer Spiel-
dieses Z auber-M anöver schrecklicher sein w ürde als alles, w as ich chen spielen.«
b is d ahin üb erstand en hatte. »Hör auf mit dem Quatsch«, sagte ich mit Nachdruck. »Wir sind
D o n Ju a n s A b sc h ie d sw o rte a n u n s b e id e w a re n : »V e rg e sst e u e r in einer anderen Welt.«
S e lb st, u n d ih r w e rd e t n ic h ts fü rc h te n .« M it e in e m G rin se n u n d Sie beachtete mich nicht und kehrte mir den Rücken zu. wie ein
einem K o p fnicken fo rd erte er uns auf, üb er seine W o rte nachzu- gelangweiltes und verwöhntes Kind. Ich hatte keine Lust, meine
denken. Traum-Aufmerksamkeit an müßige Diskussionen über Realität
C a ro l la c h te u n d b e g a n n w ie e in C lo w n d ie S tim m e D o n Ju a n s und Irrealität zu verschwenden. So begann ich, meine Umgebung
nachzum achen, m it der er uns diese rätselhafte A nw eisung gegeb e n zu untersuchen. Das einzige Licht im Zimmer war der Mond, der
h a tte . Ih r L isp e ln v e rlie h D o n Ju a n s W o rte n z u sä tz lic h e n R eiz. durch ein Fenster genau vor uns hereinschien. Wir befanden uns in
M anchm al fand ich ihr L isp eln lieb ensw ert. M eistens ab er einer kleinen Kammer, auf einem hohen Bett. Mir fiel auf, daß das
verabscheute ich es. Z um G lück w ar ihr L ispeln an diesem A bend Bett primitiv konstruiert war. Vier dicke Pfosten waren in die Erde
nicht so auffällig. gerammt, und der Bettrahmen war ein Lattenrost aus langen. an den
W ir gingen in ihr Z im m er und setzten uns auf die B ettkante. M ein Pfosten befestigten Stangen. Das Bett hatte eine feste Matratze, oder
le tz te r b e w u sste r G e d a n k e w a r, d a ß d a s B e tt e in F o ssil a u s d e r vielmehr eine kompakte Matratze aus einem Stück. Kissen oder
Z e it d e r Ja h rh u n d e rtw e n d e se in m o c h te . B e v o r ic h Z e it h a tte , Laken gab es keine. An den Wänden waren Säcke aus Leinwand
noch ein W ort zu sagen, fand ich m ich in einem sehr sonderbaren aufgestapelt. Zwei Säcke, am Fußende des Bettes übereinander
B ett liegen. C arol lag neben m ir. Z ugleich m it m ir richtete sie sich gelegt, dienten als Trittleiter, um hinaufzusteigen. Während ich nach
h a lb a u f. W ir la g e n b e id e n a c k t, u n te r le ic h te n D e c k e n . »W as ist einem Lichtschalter suchte, wurde mir klar. daß dieses Hochbett
los?« fragte sie m it schw acher S tim m e. »B ist du w ach?« fragte ich, in einer Ecke der Kammer stand, an der Wand. Wir lagen mit den
sinnloserw eise. »N atürlich bin ich w ach«, sagte sie ungeduldig. Köpfen zu dieser Wand. Ich lag außen. und Carol auf der inneren
»E rinnerst d u d ich, w o w ir w aren? « fragte ich. E s fo lg te e in la n g e s Seite des Bettes. Als ich mich nun auf die Bettkante setzte, merkte
S c h w e ig e n , w ä h re n d sie ih re G e d a n k e n z u ordnen versuchte. »Ich ich, daß es fast einen Meter bis zum Boden war.
glaube, ich bin real, aber du bist es nicht«, sagte sie schließ lich. »Ich Plötzlich richtete Carol sich auf und sagte, mit deutlichem Lis-
w eiß , w o ich vo rher w ar. U nd d u versuchst, m ich m it einem T rick peln: »Das ist widerlich! Der Nagual hat mir gewiß nicht gesagt,
hereinzulegen.« N un, ich fand, daß sie das gleiche m it m ir m achte. daß es so enden würde.«
S ie w ußte, w as lo s w a r, u n d w o llte m ic h w o h l a u f d ie P ro b e »Ich hab's auch nicht gewußt«. sagte ich. Ich wollte noch mehr
ste lle n o d e r m ic h h ä n se ln . Ih r D ä m o n , g e n a u w ie m e in e r, se i sagen, wollte ein Gespräch anfangen, aber meine Angst hatte sich
V o rsic h t u n d M iß trauen, hatte D o n Juan m ir einm al gesagt. D ies inzwischen unglaublich gesteigert.
w ar ein w und erb ares B eisp iel d afür. »Halt den Mund«, schrie sie mich an, ihre Stimme krächzend vor
»Ic h w e ig e re m ic h , irg e n d w e lc h e n B lö d sin n m itz u m a c h e n , b e i Wut. »Du existierst gar nicht. Du bist ein Geist. Verschwinde!
d e m d u d ie K o n tro lle h a st«, sa g te sie . S ie sa h m ic h m it g iftig e n Verschwinde!«
B lic k e n a n . »H ö r m a l, ic h re d e m it d ir, w e r im m e r d u se in Ihr Lispeln war wirklich süß, und es lenkte mich ab von meiner
m agst.« panischen Furcht. Ich rüttelte sie an den Schultern. Sie schrie auf -
S ie nahm eine d er W o lld ecken, m it d enen w ir zuged eckt w aren. nicht aus Schmerz, sondern aus Wut oder Überraschung. »Ich bin
und hüllte sich d arin ein. »Ich w erd e m ich hinlegen und zurück- kein Geist«, sagte ich. »Wir sind zusammen auf die Reise gegangen,
k e h re n , w o h e r ic h g e k o m m e n b in «, sa g te sie , m it e n d g ü ltig e r weil wir unsere Energien vereinigt haben.« Carol war bei uns
berühmt für die Schnelligkeit, mit der sie sich
197
auf jede Situation einstellen konnte. Im Handumdrehen war sie ches davon wirklich beängstigend. In diesem geträumten Raum
überzeugt von der Realität unserer misslichen Lage, und nun be- aber gab es etwas, das mich in unvorstellbare Angst versetzte. »Wir
gann sie im Halbdunkel nach unseren Kleidern zu suchen. Ich träumen doch, nicht wahr?« fragte Carol. Ohne Zögern versicherte
wunderte mich darüber, daß sie keine Angst hatte. Sie zappelte ich ihr. daß wir tatsächlich träumten: obwohl ich alles darum
umher und rätselte laut, wohin sie ihre Kleider wohl getan hätte. gegeben hätte, wäre Don Juan hier gewesen, um mir dasselbe zu
wäre sie in diesem Zimmer zu Bett gegangen. »Siehst du vielleicht bestätigen.
einen Stuhl?« fragte sie. Verschwommen sah ich einen Stapel von »Warum hab ich solche Angst?« fragte sie mich, als wüßte ich eine
drei Säcken, die als Tisch oder hohe Bank gedient haben mochten. rationale Erklärung.
Carol sprang aus dem Bett und ging hin und fand ihre Kleider, und Bevor ich etwas dazu sagen konnte, fand sie selbst eine Antwort
meine: ordentlich zusammengefaltet, wie es ihre Art war. Sie gab mir auf ihre Frage. Was ihr solche Angst mache, sagte sie. sei die
meine Sachen. Es waren zwar meine Kleider, aber nicht dieselben, Erkenntnis - und zwar die körperliche Erkenntnis -, daß die
die ich vor kurzem in Carols Zimmer, im Hotel Regis. getragen Wahrnehmung eine allumfassende und absolute wird, sobald der
hatte. »Das sind nicht meine Kleider«, lispelte sie. »Und doch Montagepunkt reglos in seiner Position verharrt. Carol erinnerte
sind es meine. Wie seltsam.« mich daran, wie Don Juan uns einmal erklärte, daß unsere All-
Schweigend zogen wir uns an. Ich wollte ihr sagen, daß ich beinah tagswelt nur deshalb solche Macht über uns habe, weil unser
platzte vor Angst. Auch wollte ich etwas über das Tempo unserer Montagepunkt reglos in seiner gewohnten Position bleibe. Diese
Reise sagen, aber nach der kurzen Zeit, die ich zum Anziehen Starre des Montagepunktes bewirke eine so allumfassende und
brauchte, war der Gedanke an unsere Reise nur noch sehr ver- überwältigende Wahrnehmung, daß wir uns ihr nicht entziehen
schwommen. Ich konnte mich kaum noch erinnern, wo wir vor könnten. Und noch etwas fiel Carol ein, was der Nagual gesagt
dem Erwachen in diesem Zimmer gewesen waren. Mir war. als hatte: daß wir, um diese totale und allbeherrschende Kraft zu
hätte ich das Hotelzimmer nur geträumt. Ich machte jede An- fiberwinden, nur den Nebel zu vertreiben brauchen - und das heißt
strengung, mich zu erinnern, diese Verschwommenheit abzu- den Montagepunkt zu verschieben, indem wir dessen Ver-
schütteln, die mich einzuhüllen begann. Es gelang mir. den Nebel zu schiebung einfach beabsichtigen.
vertreiben, doch dies erschöpfte all meine Energie. Keuchend und Ich hatte eigentlich nie verstanden, was Don Juan damit meinte -
schwitzend saß ich schließlich da. bis zu dem Augenblick, da ich meinen Montagepunkt in eine an-
»Irgend etwas hat mich beinah - beinah - geschafft«, sagte Carol. dere Position bringen musste, um den Nebel dieser Welt zu
Ich schaute sie an. Sie war. wie ich. schweißgebadet. »Dich aber vertreiben, der mich zu verschlucken drohte. Ohne weitere Worte
beinah auch. Was. glaubst du. ist das?« traten Carol und ich nun zum Fenster und schauten hinaus. Wir
»Die Position des Montagepunktes«, sagte ich mit absoluter Ge- waren auf dem flachen Land. Das Mondlicht zeigte die dunklen,
wißheit. geduckten Umrisse einiger Wohngebäude. Allem Anschein nach
Sie war anderer Meinung. »Die anorganischen Wesen sind es. die waren wir in der Geräte- oder Vorratskammer einer Farm oder
ihren Tribut fordern«, sagte sie fröstelnd. »Der Nagual hat mir eines großen Landhauses. »Kannst du dich daran erinnern, daß du
gesagt, es würde schrecklich sein - aber nie hätte ich mir so etwas hier zu Bett gegangen bist?« fragte Carol.
Schreckliches vorgestellt.« »Beinah«, sagte ich, und meinte es tatsächlich. Ich erzählte ihr,
Ich konnte ihr nur zustimmen. Wir waren in einer schrecklichen daß ich nur noch mit Mühe das Bild ihres Hotelzimmers in Ge-
Zwangslage - und dennoch konnte ich nicht erfassen, was eigentlich danken festhalten konnte - als Bezugspunkt, sozusagen. »Mir geht
das Schreckliche unserer Situation war. Carol und ich waren ja keine es genauso«, sagte sie, ängstlich flüsternd. »Ich weiß, wenn wir
Novizen. Wir hatten so vieles getan und gesehen - und man- diese Erinnerung loslassen, sind wir erledigt.«
auf jede Situation einstellen konnte. Im Handumdrehen war sie ches davon wirklich beängstigend. In diesem geträumten Raum
überzeugt von der Realität unserer mißlichen Lage, und nun begann aber gab es etwas, das mich in unvorstellbare Angst versetzte. »Wir
sie im Halbdunkel nach unseren Kleidern zu suchen. Ich wunderte träumen doch, nicht wahr?« fragte Carol. Ohne Zögern versicherte
mich darüber, daß sie keine Angst hatte. Sie zappelte umher und ich ihr. daß wir tatsächlich träumten: obwohl ich alles darum
rätselte laut, wohin sie ihre Kleider wohl getan hätte. wäre sie in gegeben hätte, wäre Don Juan hier gewesen, um mir dasselbe zu
diesem Zimmer zu Bett gegangen. »Siehst du vielleicht einen bestätigen.
Stuhl?« fragte sie. Verschwommen sah ich einen Stapel von drei »Warum hab ich solche Angst?« fragte sie mich, als wüßte ich eine
Säcken, die als Tisch oder hohe Bank gedient haben mochten. Carol rationale Erklärung.
sprang aus dem Bett und ging hin und fand ihre Kleider, und Bevor ich etwas dazu sagen konnte, fand sie selbst eine Antwort
meine: ordentlich zusammengefaltet, wie es ihre Art war. Sie gab mir auf ihre Frage. Was ihr solche Angst mache, sagte sie. sei die
meine Sachen. Es waren zwar meine Kleider, aber nicht dieselben, Erkenntnis - und zwar die körperliche Erkenntnis -, daß die
die ich vor kurzem in Carols Zimmer, im Hotel Regis. getragen Wahrnehmung eine allumfassende und absolute wird, sobald der
hatte. »Das sind nicht meine Kleider«, lispelte sie. »Und doch Montagepunkt reglos in seiner Position verharrt. Carol erinnerte
sind es meine. Wie seltsam.« mich daran, wie Don Juan uns einmal erklärte, daß unsere All-
Schweigend zogen wir uns an. Ich wollte ihr sagen, daß ich beinah tagswelt nur deshalb solche Macht über uns habe, weil unser
platzte vor Angst. Auch wollte ich etwas über das Tempo unserer Montagepunkt reglos in seiner gewohnten Position bleibe. Diese
Reise sagen, aber nach der kurzen Zeit, die ich zum Anziehen Starre des Montagepunktes bewirke eine so allumfassende und
brauchte, war der Gedanke an unsere Reise nur noch sehr ver- überwältigende Wahrnehmung, daß wir uns ihr nicht entziehen
schwommen. Ich konnte mich kaum noch erinnern, wo wir vor könnten. Und noch etwas fiel Carol ein, was der Nagual gesagt
dem Erwachen in diesem Zimmer gewesen waren. Mir war. als hatte: daß wir, um diese totale und allbeherrschende Kraft zu
hätte ich das Hotelzimmer nur geträumt. Ich machte jede An- fiberwinden, nur den Nebel zu vertreiben brauchen - und das heißt
strengung, mich zu erinnern, diese Verschwommenheit abzu- den Montagepunkt zu verschieben, indem wir dessen Ver-
schütteln, die mich einzuhüllen begann. Es gelang mir. den Nebel zu schiebung einfach beabsichtigen.
vertreiben, doch dies erschöpfte all meine Energie. Keuchend und Ich hatte eigentlich nie verstanden, was Don Juan damit meinte -
schwitzend saß ich schließlich da. bis zu dem Augenblick, da ich meinen Montagepunkt in eine an-
»Irgend etwas hat mich beinah - beinah - geschafft«, sagte Carol. dere Position bringen musste, um den Nebel dieser Welt zu
Ich schaute sie an. Sie war. wie ich. schweißgebadet. »Dich aber vertreiben, der mich zu verschlucken drohte. Ohne weitere Worte
beinah auch. Was. glaubst du. ist das?« traten Carol und ich nun zum Fenster und schauten hinaus. Wir
»Die Position des Montagepunktes«, sagte ich mit absoluter Ge- waren auf dem flachen Land. Das Mondlicht zeigte die dunklen,
wißheit. geduckten Umrisse einiger Wohngebäude. Allem Anschein nach
Sie war anderer Meinung. »Die anorganischen Wesen sind es. die waren wir in der Geräte- oder Vorratskammer einer Farm oder
ihren Tribut fordern«, sagte sie fröstelnd. »Der Nagual hat mir eines großen Landhauses. »Kannst du dich daran erinnern, daß du
gesagt, es würde schrecklich sein - aber nie hätte ich mir so etwas hier zu Bett gegangen bist?« fragte Carol.
Schreckliches vorgestellt.« »Beinah«, sagte ich, und meinte es tatsächlich. Ich erzählte ihr,
Ich konnte ihr nur zustimmen. Wir waren in einer schrecklichen daß ich nur noch mit Mühe das Bild ihres Hotelzimmers in Ge-
Zwangslage - und dennoch konnte ich nicht erfassen, was eigentlich danken festhalten konnte - als Bezugspunkt, sozusagen. »Mir geht
das Schreckliche unserer Situation war. Carol und ich waren ja keine es genauso«, sagte sie, ängstlich flüsternd. »Ich weiß, wenn wir
Novizen. Wir hatten so vieles getan und gesehen - und man- diese Erinnerung loslassen, sind wir erledigt.«
D ann fragte sie m ich, ob ich glaubte, w ir sollten diese H ütte ver- »Wie sind wir zurückgekehrt?« fragte Carol. »Oder vielmehr,
la sse n u n d n a c h d ra u ß e n g e h e n . Ic h fa n d n i c h t , d a ß w ir g e h e n wann sind wir zurückgekehrt?«
so llte n . D o c h m e in e A h n u n g w a r so b e d rü c k e n d , d a ß ic h k e i n Ich wußte nicht, was ich sagen oder denken sollte. Ich war zu
W ort hervorbrachte. Ich konnte ihr nur m it dem K opf ein Z eichen betäubt, um Spekulationen anzustellen - und mehr hätte ich oh-
geben. nehin nicht tun können.
»D u hast ganz recht, d aß d u nicht hinaus w illst«, sagte sie. » I c h »Glaubst du, wir sind eben erst zurückgekehrt?« wollte Carol wissen.
habe das G efühl, w enn w ir diese H ütte verlassen, kom m en w ir nie »Oder - vielleicht haben wir die ganze Nacht hier geschlafen. Sieh
m ehr zurück.« nur! Wir sind nackt. Wann haben wir uns denn ausgezogen?«
Ich w ollte die T ür aufstoßen, nur um hinauszusehen, aber sie h ie lt »Wir haben in jener anderen Welt unsere Kleider ausgezogen«,
m ich zurück. »T u's nicht«, sagte sie. »D u kö nntest hereinlassen. sagte ich, selbst überrascht vom Klang meiner Stimme. Meine
w as d a d rauß en ist.« Antwort schien Carol zu verblüffen. Sie sah mich verständnislos an,
Je tz t k a m m ir d e r G e d a n k e in d e n S in n , d a ß w ir u n s in e i n e m dann ihren nackten Körper.
z e rb re c h lic h e n K ä fig b e fa n d e n . A lle s, z u m B e isp ie l d a s Ö ffn e n So blieben wir eine Ewigkeit sitzen, ohne uns zu bewegen. Beide
d er T ür, ko nnte d as p rekäre G leichgew icht d ieses K äfigs stö ren. schienen wir aller Willenskraft beraubt. Dann, ganz plötzlich.
Im se lb e n A u g e n b lic k , a ls ic h d ie s d a c h te , h a tte n w ir b e id e d e n hatten wir genau im selben Augenblick den gleichen Gedanken. In
gleichen Im puls: w ir rissen uns die K leider vom L eib, als gelte es Rekordzeit streiften wir unsere Kleider über, rannten aus dem
u n se r L e b e n ; d a n n sp ra n g e n w ir a u f d a s h o h e B e t t , o h n e d ie Zimmer, stürmten die Treppe hinunter, liefen über die Straße und
T re p p e a u s S ä c k e n z u b e n u tz e n - n u r u m so fo rt w ie d e r h in u n te r stürzten in Don Juans Hotel.
zu springen. Völlig außer Atem - unerklärlicherweise, denn wir hatten uns
E s w ar k la r , daß C arol und ich gleichzeitig die gleiche E rkenntnis körperlich gar nicht angestrengt - erklärten wir ihm abwechselnd,
hatten. U nd sie bestätigte m eine V erm utung, als sie sagte: »A lles. was wir getan hatten.
w as zu d ieser W elt gehö rt, kann uns nur schw ächen, w enn w ir es Er bestätigte unsere Vermutungen. »Was ihr beide getan habt, war
b e n u tz e n . S o la n g e ic h h ie r n a c k t ste h e n b le ib e , w e it g e n u g v o m das Gefährlichste, was man sich vorstellen kann«, sagte er.
B e tt u n d v o m F e n ste r, k a n n ic h m ic h n o c h e rin n e rn , w o h e r i c h Und an Carol gewandt, fuhr er fort und sagte, daß unser Versuch
gekom m en bin. W enn ich m ich aber ins B ett lege oder diese K l e i d er ein totaler Erfolg, aber auch ein Fiasko gewesen sei. Wir hätten es
trage o d er aus d em F enster schaue, b in ich v e r l o r e n . « L ange zwar geschafft, unser Alltagsbewußtsein auf unseren Energie-
blieben w ir in der M itte des Z im m ers stehen, eng aneinander körper zu übertragen und somit die Reise in all unserer Körper-
geschm iegt. E in unheim licher V erdacht stieg in m ir auf. »W ie lichkeit anzutreten, aber es sei uns nicht gelungen, dem Einfluss
w erden w ir in unsere W elt zurückkehren?« fragte ich - und hoffte, der anorganischen Wesen zu entgehen. Gewöhnliche Träumer,
daß sie es w isse. sagte er, erleben dieses ganze Manöver als eine Reihe langsamer
»D ie R ü c k k e h r in u n se re W e lt e rfo lg t a u to m a tisc h , w e n n w i r Übergänge und müssen ihre Absicht aussprechen, um das Be-
n ic h t z u la sse n , d a ß d ie se r N e b e l sic h v e rb re ite t«, sa g te sie m i t wußtsein als Element der Umwelt zu nutzen. In unserem Fall
je n e r u n e rsc h ü tte rlic h e n Ü b e rz e u g u n g , d ie ih r M a rk e n z e ic h e n waren all diese Schritte unnötig. Aufgrund einer Intervention der
war. anorganischen Wesen seien wir beide tatsächlich, und mit beäng-
U nd sie hatte recht. C aro l und ich erw achten gleichzeitig im B ett stigender Geschwindigkeit, in eine tödlich gefährliche Welt ge-
ihres Zim m ers, im H otel R egis. So offenkundig w ar unsere R ückkehr schleudert worden. »Was eure Reise ermöglichte, war nicht eure
in die norm ale A lltagsw elt, daß w ir keine F ragen zu s te lle n kombinierte Ener-
b ra u c h te n u n d k e in e B e m e rk u n g e n d a rü b e r m a c h te n . D a s S o n -
nenlicht w ar b lend end hell.
gie«. fuhr er fo rt. »E tw as and eres hat d ies getan. E s suchte so gar m it einem A nflug vo n Ä rger. K ö p fe d rehten sich in unsere R ich-
die richtige K leidung für euch a u s .« tu n g , a ls sie D o n Ju a n s L a c h e n h ö rte n .
»G laub st d u, N agual, d aß d ie K leid er und d as B ett und d as Z im m er E s w a r e in w a rm e r A b e n d . D e r H im m e l w a r k l a r . E in e l e i c h t e
nur da w aren, w eil w ir von den anorganischen W esen gesteuert B rise u m fä c h e lte u n s. a ls w ir u n s a u f e in e B a n k a m P a se o A la -
w urd en? « fragte C aro l. m ed a setzten.
»D a ra u f k a n n st d u d e in L e b e n v e rw e tte n «, a n tw o rte te e r. »F ü r »E ine F rage brennt m ir noch auf den N ägeln«, sagte C arol zu D on
gew ö hnlich sind T räum er nur Z uschauer. N ach d er A rt ab er, w ie Juan. »E s gelang uns nicht, das B ew usstsein als M edium der R eise
e u re R e ise v e rlie f, h a b t ih r b e id e e in e n L o g e n p la tz b e k o m m e n zu nutzen, nicht w ahr? «
u n d d e n F lu c h d e r a lte n Z a u b e re r e rle b t. Ih n e n p a ssie rte e in st »G a n z ric h tig «, sa g te D o n Ju a n u n d se u fz te t i e f . »D ie A u fg a b e
genau d as gleiche, w as euch p assierte. D ie ano rganischen W esen w ar, an d en ano rganischen W esen vo rb eizuschleichen, nicht sich
führten sie in W elten, aus d enen sie nicht zurückkehren ko nnten. vo n ihnen steuern zu lassen.« »W as w ird nun p assieren? « fragte sie.
Ich hätte es w issen sollen, aber ich w äre nie auf die Idee gekom m en, »Ihr w erd et d as A np irschen d er P irscher verschieb en m üssen, b is
daß die anorganischen W esen die F ührung übernehm en und ihr b eid e stärker seid . O d er v i e l l e i c h t w ird es euch nie gelingen.
versuchen könnten, euch beiden die gleiche F alle zu s te lle n .« E ig e n tlic h ist e s e g a l. W e n n e tw a s n ic h t g e h t, d a n n g e h t e b e n
»G laub st d u, sie w o llten uns d o rt b ehalten? « fragte C aro l. »H ättet e tw a s a n d e re s. D ie Z a u b e re i i s t e i n e e n d lo se H e ra u sfo rd e rung.«
ihr euch aus d ieser H ütte hinausgew agt, d ann m üß tet i h r jetzt U nd w ieder erklärte er uns, eindringlich, als w olle er diese E rkläru n g
ho ffnungslo s d urch d iese W elt irren«, sagte D o n Juan. W eil w ir in fü r im m e r in u n s v e ra n k e rn , d a ß d ie T rä u m e r, u m d a s
all unserer K ö rp erlichkeit in d iese W elt eintraten, so erklärte er, sei B e w u sstse in a ls E le m e n t d e r U m w e lt z u n u tz e n , z u e rst e in m a l
d ie F ixierung unseres M o ntagep unktes in d er vo n d en e in e R e ise in s R e ic h d e r a n o rg a n isc h e n W e se n u n te rn e h m e n
ano rganischen W esen d afür vo rgesehenen P o sitio n so üb er- m ü ß te n . D a n n m ü ß te n sie d ie se R e ise a ls S p ru n g b re tt b e n u tz e n ,
w ältigend gew esen, daß eine A rt N ebel hervorgerufen w urde, der und während sie im B esitz dieser u n e r lä ß lic h e n . d u n k l e n Energie
je d e E rin n e ru n g a n d ie W e lt, a u s d e r w ir k a m e n , a u sg e lö sc h t seien, m üß ten sie d ie A b sicht äuß ern, d urch d as M ed ium d es B e-
hätte. D ie natürliche F olge solcher S tarre, fügte er hinzu, sei - w ie w uß tseins in eine and ere W elt geschleud ert zu w erd en. »D er
im F a lle d e r Z a u b e re r d e r V o rz e it -, d a ß d e r M o n ta g e p u n k t d e s F ehlschlag eurer R eise w ar, d aß i h r k e i n e Z eit h a t t e t . B e-w ußtheit
T räum ers nicht in seine gew o hnte P o sitio n zurückkehren kann. als E lem ent der F ortbew egung zu n u t z e n « , fuhr er fort. »N och
»Ü berlegt einm al«, forderte er uns auf. »V ielleicht ist es dies, w as bevor ihr in die W elt der anorganischen W esen g e la n g te t, w art ihr
uns in unserer A lltagsw elt stets p assiert. W ir sind hier geland et. bereits in e in e r anderen W e lt.« »W as em p fiehlst d u uns nun'.'«
und d ie F ixierung unseres M o ntagep unktes ist so üb erw ältigend fragte C aro l. »Ich em pfehle euch, einander m öglichst s e l t e n zu
stark, d aß sie uns vergessen m acht, w o her w ir ko m m en und w as s e h e n « , sagte e r. »Ic h b in m ir sic h e r, d ie a n o rg a n isc h e n W e se n
der Zw eck unseres K om m ens w a r .« w e rd e n sic h n ic h t d ie G e le g e n h e it e n tg e h e n la sse n , e u c h b e id e a u f
M e h r w o llte D o n Ju a n ü b e r u n se re R e ise n ic h t sa g e n . Ic h h a tte e i n e n S c h la g z u e n tfü h re n - b e so n d e rs, w e n n i h r e u re K rä fte
d a s G e fü h l, d a ß e r u n s w e ite re S k ru p e l u n d Ä n g ste e rsp a re n v e r e i nigt.«
w o llte . E r lu d u n s e in , a u f e i n v e rsp ä te te s L u n c h . B is w ir d a s U n d d a ru m b lie b e n C a ro l u n d ic h u n s se it d a m a ls g e flisse n tlic h
R estaurant erreichten, ein p aar S traß enecken w eiter an d er A ve- fe rn . D ie A u ssic h t, w ir k ö n n te n u n v e rh o fft e in e ä h n lic h e R e ise
nid a F rancisco M ad ero , w ar es sechs U hr N achm ittag. C aro l und erleben, w ar für uns ein zu großes R isiko. D on Juan bestätigte uns •n
ic h h a tte n u n g e fä h r a c h tz e h n S tu n d e n g e sc h la fe n - fa lls e s d ie s unserer E ntscheid ung. G em einsam hätten w ir genügend E ner-
w ar. w as w ir taten. N ur D on Juan w ar hungrig. E r äße w ie ein
S chw ein, m einte C arol
gie, sagte er, um die anorganischen Wesen in Versuchung zu 11. Der Mieter
führen, auf daß sie uns jederzeit wieder köderten. Don Juan hielt
mich wieder dazu an, bei meinen Traumübungen Energie in
Energie erzeugenden, traumverwandten Zuständen zu sehen. Im
Lauf der Zeit sah ich alles, was sich mir darbot. Auf diese Weise
geriet ich in eine höchst eigenartige Verfassung. Ich war nicht mehr
fähig, zusammenhängend zu beschreiben, was ich da sah. Und
immer hatte ich das Gefühl, daß ich Zustände der Wahrnehmung E s sollte keine T raum übungen m ehr für m ich geben, w ie ich sie
erreichte, für die ich keine Worte mehr hatte. Meine gew ö h n t gew esen w ar. D as n äch ste M al, als ich D o n Ju an sah .
unbegreiflichen und unbeschreiblichen Visionen erklärte Don u n terstellte er m ich d er F ü h ru n g zw eier F rau en sein er G ru p p e:
Juan damit, daß mein Energiekörper nun Bewußtheit als Element F lo rin d a u n d Z u leica, sein e zw ei n äch sten G efäh rtin n en . D eren
zu nutzen wisse - nicht zur Fortbewegung, denn dazu hätte ich U nterw eisungen handelten m itnichten von den P forten des T räu-
nicht genug Energie, sondern zum Eintritt in die Energiefelder von m en s, so n d ern vo n d en versch ied en en A rten , d en T rau m kö rp er
unbelebter Materie oder von anderen Lebewesen. e in z u se tz e n ; u n d a ll d ie s d a u e rte n ic h t la n ge ge n u g, u m e in e n
E indruck bei m ir zu hinterlassen. D ie beiden Frauen schienen m ir
eh er d aran in teressiert, m ich zu p rü fen , als m ich etw as zu leh ren.
»E s gib t n ic h ts m e h r, w a s ic h d ic h ü b e r d a s T rä u m e n le h re n
könnte«, sagte D on Juan, als ich ihn zu diesem Stand der D inge
b efragte. »M ein e Z eit au f E rd en ist ab gelau fen . A b er F lo rin d a
w ird bleiben. Sie w ird die Führung übernehm en, nicht nur über
dich, sondern über all m eine anderen Schüler.« »W ird sie m eine
T raum übungen fortsetzen?« »D as w eiß ich nicht, und sie w eiß es
auch nicht. E s hängt a l l e s vom G eist ab, dem w ahren Spieler. W ir
selbst sind keine Spieler. W ir sind nur Figuren in seiner H and. D en
B efehlen des G eistes ge h o rc h e n d , m u ß ic h d ir n u n sa ge n , w a s
d ie v ie rte P fo rte d e s T rä u m e n s ist, a u c h w e n n ic h d ic h n ic h t
m e h r d o rth in fü h re n kann.«
»W elchen Sinn h ä tte es, m ich neugierig zu m achen? Ic h m öchte es
lieber nicht w issen.«
»D ies stellt der G eist nicht d i r oder m ir anheim . Ic h m uß dir die
v ie rte P fo rte d e s T rä u m e n s z e ige n , o b e s m ir ge fä llt o d e r
nicht.«
U n d D o n Ju an erklärte, d aß d er E n ergiekö rp er an d er v i e r t e n
T raum pforte zu ganz spezifischen, konkreten O rten reisen kann -
u n d d aß es d rei A rten gib t, d ie vierte P fo rte zu n u tzen : ersten s.
um zu konkreten O rten in dieser W elt zu reisen; zw eitens, um zu
ko n kreten O rten au ß erh alb d ieser W elt zu reisen ; u n d d ritten s,
um zu Orten zu reisen, die nur in der Absicht anderer existieren. Don Juan stand auf und meinte, er wolle einen Spaziergang um
Die letztere Art. sagte er. sei die schwierigste und gefährlichste die Plaza im Stadtzentrum machen. Er forderte mich auf, mitzu-
von allen dreien; sie sei bei weitem die Vorliebe der alten Zauberer kommen. Ich musste annehmen, daß das Gedicht eine negative
gewesen. Stimmung bei ihm ausgelöst hätte, die er vertreiben müsse. Wir
»Was soll ich mit diesem Wissen anfangen?« fragte ich. »Im kamen auf die rechteckige Plaza, ohne daß ein Wort gesprochen
Augenblick - nichts. Hefte es ab, bis du es brauchst.« »Glaubst du, wurde. Immer noch schweigend, umrundeten wir sie einige Male.
ich kann die vierte Pforte allein durchschreiten, ohne Hilfe?« Es gab viele Leute dort, die vor den Läden an den Straßen an der
»Ob du es kannst oder nicht, liegt ganz beim Geist.« Er ließ das Nord- und Ostseite des Parks umherschlenderten. Alle Straßen
Thema abrupt fallen, aber er gab mir nicht das Gefühl, als sollte ich rund um die Plaza waren unregelmäßig gepflastert. Die Häuser
versuchen, die vierte Pforte allein zu erreichen und zu waren massive, einstöckige Bauten aus Lehmziegeln, mit
durchschreiten. Segeldächern, gekalkten Wänden und blau oder braun gestrichenen
Dann traf Don Juan eine letzte Verabredung mit mir - um mir, wie Türen. In einer Seitenstraße, eine Ecke von der Plaza entfernt,
er sagte, ein letztes Lebewohl der Zauberer zu entbieten: den ragten die hohen Mauern einer riesigen Kirche im Kolonialstil, fast
krönenden Abschluß meiner Traumübungen. Zu diesem Zweck, wie eine maurische Moschee wirkend, über das Dach des einzigen
sagte er, solle ich ihn in einer kleinen Stadt im Süden Mexikos Hotels in der Stadt. An der Südseite gab es zwei Restaurants, die
aufsuchen, wo er und seine Zauberer-Gefährten lebten. Am in unbegreiflicher Eintracht lebten, gute Geschäfte machten und
Spätnachmittag traf ich dort ein. Don Juan und ich saßen im Patio praktisch die gleichen Menüs zum gleichen Preis anboten.
seines Hauses, auf unbequemen, mit dicken und übergroßen Ich brach das Schweigen und fragte Don Juan, ob er es nicht
merkwürdig finde, daß die beiden Restaurants sich in allem so
Kissen gepolsterten Korbsesseln. Don Juan lachte mir augen-
glichen.
zwinkernd zu. Die Sessel waren ein Geschenk von einer der
Frauen seiner Gruppe, und wir waren verpflichtet, darauf zu sitzen, »Alles ist möglich in dieser Stadt«, erwiderte er. Die Art, wie er
dies sagte, versetzte mich in eine unbehagliche Stimmung.
ob es uns, besonders ihm, nun gefiel oder nicht. Die Sessel waren
»Warum bist du so nervös?« fragte er, mit ernstem Gesicht.
für ihn in Phoenix, Arizona, gekauft und unter großen
»Weißt du etwas, das du mir nicht sagen willst?« »Warum ich
Schwierigkeiten nach Mexiko importiert worden. Don Juan bat
nervös bin? Das ist lächerlich. Ich bin immer nervös in deiner
mich, ihm ein Gedicht von Dylan Thomas vorzulesen, das, wie er
Gegenwart. Don Juan. Manchmal mehr, manchmal weniger.«
meinte, zu jenem Zeitpunkt von größter Bedeutung für mich sei.
Erschien sehr bemüht, nicht schallend herauszulachen. »Naguals
sind wirklich nicht die angenehmsten Menschen auf dieser Welt«,
Ich sehne mich fortzugehen
sagte er entschuldigend. »Das musste ich auf die harte Art lernen,
vom Geklapper verbrauchter Lügen.
da ich's mit meinem Lehrer zu tun hatte, dem Nagual Julian.
vom Geschrei alter Ängste.
Seine bloße Gegenwart versetzte mich in Angst und Schrecken.
das schrecklicher wird, wenn der Tag
Und wenn er auf mich losging, glaubte ich, mein Leben sei keinen
über die Berge schwindet ins Meer . . .
Heller mehr wert.«
Ich sehne mich fortzugehen, aber ich fürchte, etwas vom »Zweifellos, Don Juan, hast du die gleiche Wirkung auf mich.« Er
unverbrauchten Leben wird bersten aus alten, am Boden lachte unkompliziert. »Nein, nein. Du übertreibst maßlos. Ich "in
ein Engel, im Vergleich zu ihm.« »Vielleicht bist du
brennenden Lügen, die in der Luft explodieren und
vergleichsweise ein Engel, nur kenne ich den
mich fast blenden.
N agual Julian nicht und kann dich nicht m it ihm vergleichen.« e in e r ih re r S tä d te e rb a u t. H ie r in d ie se r G e g e n d b e trie b e n d ie
E r la c h te n o c h e in m a l a u f, d a n n w u rd e e r w ie d e r e rn st. »Ic h w e iß Z a u b e re r d e r V o rz e it a lle ih re G e sc h ä fte .« »W o her w eiß t d u d as so
n ic h t, w ie so , a b e r ic h h a b e e in d e u tig A n g st«, e rk lä rte ich. sicher. D o n Juan? « »Ich w eiß es, und auch d u w irst es b a l d
»G laub st d u, d aß d u G rund zur A ngst hast? « fragte er und b l i e b w issen.« M e in e z u n e h m e n d e A n g st z w a n g m ic h , e tw a s z u t u n .
stehen, um m ich aufm erksam anzusehen. w a s ic h nicht gern tat: m ich auf m ich selb st ko nzentrieren. D o n
D e r T o n se in e r S tim m e u n d se in e h o c h g e z o g e n e n A u g e n b ra u e n Juan, d er m e in e F ru stra tio n sp ü rte , sta c h e lte m ic h w e ite r a n . »S ehr
m achten m ir den E indruck, als verdächtige er m ich, etw as zu w issen, bald w erden w ir w issen, ob du w irklich den a lte n Z auberern ä h n lic h
w as ich ihm nicht offenbaren w ollte. E s w ar klar, er erw artete ein b ist, o d e r d o c h d e n n e u e n «, sa g te e r. »D u m achst m ich verrückt m it
G eständ nis vo n m ir. all diesen düsteren, seltsam en A nd e u tu n g e n «, p ro te stie rte ic h .
»D eine B eharrlichkeit erstaunt m ich«, sagte ich. »B ist d u sicher. M e in e d re iz e h n jä h rig e V e rb in d u n g m it D o n Ju a n h a tte m ic h v o r
d a ß n ic h t d u e s b ist, d e r e tw a s in p e tto h a t? « »A lle rd in g s h a b e ic h allem daran gew öhnt, m it einer P anik zu leben, die ständig lauerte
e tw a s in p e tto «, g a b e r g rin se n d z u . »A b e r das ist jetzt unw ichtig. und jed erzeit lo sgelassen w erd en ko nnte.
W ichtig ist, daß dich h ie r , in dieser S t a d t , etw as erw artet. E ntw eder D o n Ju a n sc h ie n z u z a u d e rn . I c h b e m e rk te se in e v e rsto h le n e n
du w eißt nicht, w as es ist, oder du w eißt e s, w a g st a b e r n i c h t , e s B licke in R ichtung d er K irche. E r w ar so gar ein w enig zerstreut.
m ir z u sa g e n , o d e r d u w e iß t ü b e rh a u p t nichts davon.« A ls ic h ih n a n sp ra c h , h ö rte e r n ic h t z u . Ic h m u sste m e in e F ra g e
»N a, w as erw artet m ich hier? « w ie d e rh o le n . »E rw a rte st d u je m a n d e n ? «
S tatt einer A ntw o rt b eschleunigte D o n Juan ab rup t seinen S c h ritt, »Ja «, sa g te e r. »Ja . g a n z g e w iß . Ic h h a b e e b e n d ie U m g e b u n g
u n d w ie d e r m a rsc h ie rte n w ir sc h w e ig e n d u m d ie P la z a . W ir gefühlt. D u hast m ich b eim Ü b erp rüfen d er G egend m it m einem
u m ru n d e te n sie e in ig e M a le u n d su c h te n n a c h e in e m P la tz , w o E n e rg ie k ö rp e r ü b e rra sc h t.« »W as hast d u gefühlt, D o n Juan? «
w ir u n s se tz e n k ö n n te n . Je tz t sta n d e i n e G ru p p e j u n g e r F ra u e n »M e in E n e rg ie k ö rp e r f ü h l t e , d a ß a lle s in O rd n u n g ist. H e u te
v o n e in e r B a n k a u f u n d g in g fo rt. ab end s geht d er V o rhang auf. D u b ist e in H aup td arsteller. Ich b in
»S eit Jahren schon schildere ich dir die irrigen P raktiken der Z au- eine C harakter-C harge m it einer k l e i n e n , ab er w ichtigen R o lle. Im
berer im alten M exiko«, sagte D on J u a n , w ährend er sich auf die ersten A kt gehe ich a b .« »W as, um H im m els w ille n , sprichst du
B ank setzte und m ich m it einer G ebärde e i n l u d , neben i h m P la tz z u da?« E r antw ortete m ir n ic h t. E r lä c h e lte nur w issend. » I c h bereite
n e h m e n . M it e in e r L e id e n sc h a ft, a ls h a b e e r n i e z u v o r d a v o n die B ühne vor«, sagte er. »U m dich sozusagen auf die Idee einzustim -
g e sp ro c h e n , b e g a n n e r a b e rm a ls z u e rz ä h le n , w a s e r m ir so o ft m e n , d a ß d ie m o d e rn e n Z a u b e re r e in e h a rte L e k tio n z u le rn e n
g e sa g t h a tte - n ä m lic h , d a ß je n e Z a u b e re r, g e le ite t v o n s e h r h a b e n . S ie h a b e n e rk a n n t, d a ß sie n u r d a n n , w e n n sie v ö llig lo s-
selb stsüchtigen Interessen, all ihr B em ühen in d ie V ervo llko m m - gelö st b leib en, genügend E nergie aufb ringen kö nnen, um frei zu
nung vo n P raktiken legten, d ie sie im m er w eiter vo n nüchternem se in . Ih r G e sc h ic k ist e in e b e so n d e re L o sg e lö sth e it, n ic h t a u s
D enken oder geistiger B alance entfernten, bis sie schließlich aus- A n g st o d e r T rä g h e it g e b o re n , so n d e rn a u s Ü b e rz e u g u n g .« D o n
g e lö sc h t w u rd e n , a ls ih re k o m p liz ie rte n G la u b e n sg e b ä u d e u n d Ju a n h ie lt in n e u n d sta n d a u f, e r stre c k te d ie A rm e n a c h vo rne, zur
P raktiken so hind erlich gew o rd en w aren, d aß sie d iese nicht w ei- S eite und d ann nach hinten. »M ach es genauso «, em p fa h l e r m ir.
te rfü h re n k o n n te n . »E s e n tsp a n n t d e n K ö rp e r, u n d d u m u ß t se h r e n tsp annt sein, und
»D ie Z a u b e re r d e r V o rz e it le b te n u n d w e b te n n a tü rlic h h ie r in gefaß t auf d as. w as d i r heute ab end s b evo rsteht.« E r g rin ste b re it.
d ieser G egend «, sagte er und b eo b achtete m eine R eaktio n. »H ier »H e u te a b e n d s ste h t d ir e n tw e d e r v ö llig e L o slö -
in d ie se r S ta d t. D ie se S ta d t ist w irk lic h a u f d e n F u n d a m e n te n
sung oder totales Sichgehenlassen bevor. Es ist eine Wahl, die »Wie du schon weißt, ist das direkte Wahrnehmen von Energie für
jeder Nagual meiner Linie einmal treffen muß.« Er setzte sich moderne Zauberer eine persönliche Leistung«, sagte Don Juan.
wieder und holte tief Luft. Was er gesagt hatte, schien all seine »Nur durch Selbstdisziplin bewegen wir unseren Montagepunkt.
Energie aufgebraucht zu haben. Für die alten Zauberer war die Verschiebung des Montagepunktes
»Ich glaube, ich kann Losgelöstheit und Sichgehenlassen ganz gut eine Folge ihrer Unterwerfung unter andere, nämlich ihre Lehrer.
unterscheiden«, fuhr er fort, »weil ich das Vorrecht hatte, zwei die diese Verschiebung durch dunkle Praktiken erreichten und sie
Naguals zu kennen: meinen Wohltäter, den Nagual Julian. und dann ihren Schülern als Geschenke der Kraft überließen. Denn
dessen Wohltäter, den Nagual Elias. Ich habe den Unterschied jemand, dessen Energie stärker ist als die unsere, kann alles
zwischen den beiden gesehen. Der Nagual Elias war in einem mögliche mit uns anstellen«, fuhr er fort. »Der Nagual Julian zum
Maße losgelöst, daß er ein Geschenk der Kraft ausschlagen Beispiel hätte alles aus mir machen können, ganz nach seinem
konnte. Der Nagual Julian war ebenfalls losgelöst, aber nicht genug, Belieben, einen Schurken oder einen Heiligen. Aber er war ein
um solch ein Geschenk abzulehnen.« »Nach der Art, wie du makelloser Nagual und erlaubte mir, ich selbst zu sein. Die alten
sprichst«, sagte ich. »muß ich annehmen, daß du mich heute abend Zauberer waren nicht so makellos, und durch ihr unermüdliches
auf die Probe stellen willst, irgendwie. Ist das wahr?« Bemühen, Herrschaft über andere zu gewinnen, schufen sie eine
»Ich habe nicht die Macht, dich auf irgendwelche Proben zu stellen, Situation der Angst und Finsternis, die von Lehrer zu Schüler
aber der Geist wird es tun.« Dies sagte er grinsend, und dann fuhr er weitergereicht wurde.«
fort: »Ich bin nur sein Handlanger.« »Was wird der Geist mit mir Erstand auf und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. »Wie
machen. Don Juan?« »Ich kann nur sagen, du wirst heute nacht eine du siehst, ist dies keine besondere Stadt«, fuhr er fort. »Aber für
Lektion im Träumen bekommen, in der Art. wie Traumlektionen die Krieger meiner Linie hat sie eine einzigartige Anziehung. Hier
einmal waren. aber du wirst diese Lektion nicht von mir liegt der Ursprung dessen, was wir sind, und der Ursprung dessen,
bekommen. Jemand anders wird heute nacht dein Lehrer und was wir nicht sein wollen.
Führer sein.« »Wer wird mein Lehrer und Führer sein?« »Ein Da ich am Ende meiner Zeit angekommen bin. muß ich dir ge-
Besucher, der eine gewaltige Überraschung für dich sein könnte wisse Ideen weitergeben, dir gewisse Geschichten erzählen, dich
- oder gar keine Überraschung.« mit gewissen Wesen bekannt machen, und zwar unmittelbar hier. in
»und was ist das für eine Lektion im Träumen, die ich erhalten dieser Stadt, genau wie mein Wohltäter es bei mir tat.« Und Don
soll?« Juan sagte, daß er nur etwas wiederhole, was mir bereits vertraut
»Es ist eine Lektion über die vierte Pforte des Träumens. Und sie sei, nämlich daß alles, was er war. und alles, was er wußte, ein
zerfällt in zwei Teile. Den ersten Teil werde ich dir gleich erklären. Vermächtnis seines Lehrers sei. des Nagual Julian. Dieser
Den zweiten Teil kann dir niemand erklären, weil es etwas ist. wiederum erbte alles von seinem Lehrer, dem Nagual Elias. Der
was nur dich betrifft. Alle Naguals meiner Linie erhielten diese Nagual Elias vom Nagual Rosendo. Und dieser vom Nagual
zweiteilige Lektion, aber keine zwei solcher Lektionen waren sich Lujan; der Nagual Lujan vom Nagual Santisteban; und der
gleich. Sie waren maßgeschneidert und angepaßt an die Nagual Santisteban vom Nagual Sebastian. Und in sehr offiziellem
persönlichen Charakterneigungen dieser Naguals.« »Deine Ton sagte er mir noch einmal, was er mir schon oft erklärt hatte,
Erklärung hilft mir nicht weiter. Don Juan. Ich werde immer nämlich, daß es acht Naguals vor dem Nagual Sebastian gegeben
nervöser.« habe, daß diese aber ganz anders geartet gewesen seien. Sie hätten
Lange schwiegen wir. Ich war aufgeregt und zappelig und wußte eine andere Einstellung zur Zaubereigehabt, eine andere
nicht, was ich sagen sollte, ohne wieder einmal zu nörgeln. Vorstellung davon, obwohl sie dennoch in
unmittelbarer Verbindung zu seiner Linie von Zauberern standen.
210 211
»Je tz t e rin n e re d ic h u n d w ie d e rh o le m ir a lle s, w a s ic h d ir v o m der N agual L ujan jeden M orgen zur F rühm esse in die K irche dort
N agual S eb astian erzählt hab e«, verlangte er. S ein A nsinnen kam drüben gingen.«
m ir sonderbar vor. aber ich w iederholte alles. w a s m ir v o n ih m o d e r »H ier, in d ieser S tad t? « fragte i c h , vö llig üb errascht. »G e n a u h ie r«,
se in e n G e fä h rte n ü b e r d e n N a g u a l S e b a stia n u n d d e n sa g e n h a fte n e rw id e rte e r. »W o m ö g lic h sa ß e n sie v o r h u n d e rt Jahren genau an
a lte n Z a u b e re r e rz ä h lt w o rd e n w a r. ü b e r d e n , d e r d e m T o d e d ieser S telle, auf einer and eren B a n k . « »D er N agual L ujan und der
tro tz t, d e n sie d e n M ie te r n a n n te n . »D u w eißt, daß j e n e r , der dem M ieter - sind sie w irklich hier herum gelaufen? « fragte ich no ch
T ode trotzt, uns in j e d e r G eneratio n e in G e sc h e n k d e r K ra ft einm al, unfähig, m eine Ü b erraschung zu verw inden.
m a c h t«, sa g te D o n Ju a n . »D ie b e so n d e re A rt d ie se r G e sc h e n k e »D arauf kannst d u w etten!« rief er. »Ich b rachte d ich heute ab end
d e r K ra ft h a t d ie E n tw ic k lu n g unserer L inie veränd ert.« h ie rh e r, w e il d a s G e d ic h t, d a s d u m ir v o rg e le se n h a s t , m ir e in
U n d e r e rk lä rte , d a ß d e r M ie te r, a ls Z a u b e re r d e r a lte n S c h u le . Z e ic h e n g a b , d a ß e s Z e it fü r d ic h ist. d e m M ie te r z u b e g e g nen.«
von seinen L ehrern alle F einheiten der V erlagerung seines M on- P a n ik b e fie l m ic h m it d e r M a c h t e in e s W a ld b ra n d e s. Ic h m u sste
ta g e p u n k te s g e le rn t h a b e . D a e r w o h l a u f Ja h rta u se n d e e i n e s so gar eine W eile d urch d en M und atm en.
so nd erb aren L eb ens und B ew uß tseins zurückb licke - Z eit genug. »Ü b er d ie so nd erb aren E rrungenschaften d er Z aub erer d er V o rz e it
um all dies zu vervollkom m nen -. verstünde er sich auf das E r r e i - h a b e n w ir sc h o n g e sp ro c h e n «, fu h r D o n Ju a n fo rt. »A b e r e s ist
chen und F esthalten von H underten, gar T ausenden solcher P osi- im m e r sc h w ie rig , a u ssc h lie ß lic h in Id e a lb ild e rn z u sp re c h e n , ohne
tio n e n d e s M o n ta g e p u n k te s. S e in e G e sc h e n k e d e r K ra ft s e i e n K enntnis aus erster H and. U nd bis zum jüngsten T ag könnte ich d ir
W egw eiser zum V erlagern des M ontagepunkts an gew isse S te lle n , etw as w ied erho len, d as m ir glasklar ist. d as d u ab er w ed er
w ie auch A nleitungen, ihn in jed er d ieser P o sitio nen festzuhalten b e g re ife n n o c h g la u b e n k a n n st, w e il d u k e in e rle i p ra k tisc h e
und auf d iese W eise innere K o häsio n zu erreichen. D on Juan w ar K enntnis davon h a s t.«
in seiner H öchstform als E rzähler. N ie hatte ich i h n d ram atischer E r stand auf und m usterte m ich von K opf bis F uß. »K om m , gehen
erleb t. H ätte ich ihn nicht b esser gekannt, ich hätte geschw o ren, w ir z u r K irc h e «, sa g te e r. »D e r M ie te r lie b t d ie K irc h e u n d i h r e
d aß d er tiefe, b eso rgte K lang seiner S tim m e e i n e n M e n sc h e n U m geb ung. Ich b in sicher, d ies ist d er richtige M o m ent, um hin-
v e rrie t, d e r v o n F u rc h t u n d S o rg e g e p a c k t ist. S e in e G eb ärd en zugehen.«
zeigten ihn m ir als guten S chausp ieler, d er N ervo sität und N ur w enige M ale im L auf m einer V erbindung m it D on Juan h a t t e
B eso rgnis p erfekt d arzustellen w eiß . ic h so b a n g e A h n u n g e n g e h a b t. Ic h w a r w ie b e tä u b t v o r A n g st.
M it einem S eitenb lick zu m ir erö ffnete m ir D o n Juan - ganz im A ls ic h a u fsta n d , z itte rte ic h a m g a n z e n L e ib . M e in M a g e n w a r
T on, als habe er eine schm erzliche O ffenbarung zu m achen -, daß e in ste in h a rte r K n o te n , u n d d o c h fo lg te ic h i h m w o rtlo s, a ls e r
zum B eispiel der N agual L ujan vom M ieter gar fünfzig P ositionen ach auf den W eg zur K irche m achte - m eine K nie schlotternd und
d e s M o n ta g e p u n k te s z u m G e sc h e n k e rh a lte n h a b e . D o n Ju a n b e i je d e m S c h ritt u n w illk ü rlic h e in k n ic k e n d . B is w ir d ie k u rz e
schüttelte d en K o p f, als gäb e er m ir w o rtlo s zu b ed enken, w as er S traß e vo n d er P laza zur S teintrep p e vo r d em K irchenp o rtal zu-
eb en gesagt hatte. I c h b lieb stum m . rückgelegt hatten, w ar ich einer O hnm acht nahe. D o n Juan legte
»Fünfzig P ositionen!« rief er staunend aus. »A ls G eschenk s o llte n n u r d e n A rm u m d ie S c h u lte r u n d stü tz te m ic h . »D a ist d e r
e in o d e r z w e i P o sitio n e n d e s M o n ta g e p u n k te s v o lla u f g e n ü gen.« M ie te r«, sa g te e r so b e ilä u fig , a ls h a b e e r n u r e i n e n a lte n F re u n d
E r z u c k te d ie S c h u lte rn u n d d e u te te B e stü rz u n g a n . » I c h h a b e e n td e c k t.
gehört, daß der M ieter den N agual L ujan sehr gern m ochte«, fuhr e r Ic h b lic k te in d ie R ic h tu n g , d ie e r g e z e ig t h a tte , u n d sa h e in e
fo rt. »S ie sc h lo sse n so e n g e F re u n d sc h a ft, d a ß sie p ra k tisc h G rup p e vo n fünf F rauen und d rei M ännern auf d er gegenüb erlie-
unzertrennlich w aren. I c h hab e auch gehö rt, d aß d er M ieter und g e n d e n S e ite d e s P o rtik u s. M e in ra sc h e r, ä n g stlic h e r B lic k re g i-
212 213
strierte nichts Ungewöhnliches an diesen Leuten. Ich konnte nicht tion im Träumen, die du - wie ich sagte - heute erhalten wirst.
einmal feststellen, ob sie in die Kirche gingen oder herauskamen. Und der dem Tod Trotzende ist jener geheimnisvolle Besucher.
Ich merkte allerdings, daß sie nur zufällig hier beisammen standen. der dich dabei führen wird.«
Sie gehörten nicht zusammen. Er hielt sich noch immer den Bauch, geschüttelt von hustendem
Bis Don Juan und ich die kleine, in das massive, hölzerne Portal Lachen. Ich war sprachlos. Dann packte mich plötzliche Wut. Ich
der Kirche eingelassene Tür erreicht hatten, waren drei der Frauen war nicht wütend auf Don Juan oder mich selbst oder auf sonst
in die Kirche eingetreten. Die drei Männer und die zwei anderen jemanden. Es war ein kalter Zorn, der sich anfühlte, als ob meine
Frauen gingen fort. Einen Augenblick war ich verwirrt und sah Brust und meine Halsmuskeln bersten wollten. »Komm, gehen wir
Don Juan fragend an. Er deutete mit einer Kopfbewegung nach zurück zur Kirche«, schrie ich und kannte meine eigene Stimme
dem Weihwasserbecken. nicht wieder.
»Wir müssen die Regeln befolgen und uns bekreuzigen«, flüsterte »Na, na«, sagte er leise. »Nur nicht gleich mit dem Kopf durch die
er. Wand. Denke mal nach. Überlege. Wäge die Dinge. Kühle erst
»Wo ist der Mieter?« fragte ich, ebenfalls flüsternd. Don Juan mal deine Wut ab. Noch nie im Leben bist du auf eine solche
tauchte die Fingerspitzen ins Becken und schlug das Probe gestellt worden. Was du jetzt brauchst, ist Gelassenheit.
Kreuzzeichen. Mit einer gebieterischen Kopfbewegung drängte er Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst«, fuhr er fort. »Ich kann
mich, es ihm gleichzutun. dich nur, wie jeder Nagual es tut, vor die Herausforderung stellen,
»War der Mieter einer der drei Männer, die gegangen sind?« flü- nachdem ich dir, wenn auch indirekt, alles gesagt habe, was du
sterte ich ihm ins Ohr. wissen mußt. Dies ist wieder eines dieser Nagual-Manöver: alles
»Nein«, flüsterte er zurück. »Der Mieter ist eine der drei Frauen, zu sagen, ohne es direkt zu sagen; oder zu fragen, ohne direkt zu
die geblieben sind. Sie kniet dort, in der hinteren Reihe.« In fragen.«
diesem Moment drehte eine Frau in der hinteren Reihe sich nach Ich wollte es rasch hinter mich bringen. Aber Don J uan meinte,
mir um, lächelte und nickte. Mit einem Satz war ich an der Tür - daß eine kurze Pause mir den Rest meiner Selbstsicherheit wie-
und draußen. Don Juan lief hinter mir her. Mit unglaublicher dergeben würde. Mir zitterten noch die Knie. Fürsorglich half mir
Behendigkeit holte er mich ein und packte mich am Arm. »Wohin Don Juan, mich auf den Rinnstein zu setzen. Er setzte sich neben
läufst du?« fragte er. sein Gesicht und sein ganzer Körper vor mich.
Lachen verzerrt. »Der erste Teil dieser Traum-Lektion besagt, daß das Männliche
Er hielt mich unerbittlich am Arm. während ich nach Luft und das Weibliche nicht endgültige Zustände, sondern die Folge
schnappte. Ich glaubte zu ersticken. Sein Lachen schwoll an. don- einer spezifischen Position des Montagepunktes sind«, sagte er.
nernd wie Meeresbrandung. Ich riß mich gewaltsam los und »Und dies ist natürlich eine Frage von Willenskraft und Training.
marschierte zur Plaza. Er folgte mir. Weil dies ein Thema ist, ganz nach dem Herzen der alten Zauberer,
»Ich hätte nie geglaubt, daß es dich so umwerfen würde«, meinte können sie als einzige Licht in die Sache bringen.« Vielleicht weil
er, noch immer von Lachen geschüttelt. es das einzig Vernünftige war, was mir zu tun blieb. fing ich an, mit
»Warum hast du mir nicht gesagt, daß der Mieter eine Frau ist?« Don Juan zu streiten. »Was du sagst, kann ich Weder glauben
»Dieser Zauberer ist der. der dem Tode trotzt«, sagte er feierlich. noch akzeptieren«, rief ich. Und spürte Hitze in mein Gesicht
»Für solch einen Zauberer, so erfahren im Verlagern seines Mon- steigen.
tagepunktes, ist es eine Frage der Wahl oder Vorliebe, ob er als »Aber du hast die Frau doch gesehen«, erwiderte Don Juan.
Mann oder als Frau auftreten will. Dies ist der erste Teil der Lek- »Glaubst du, all dies sei nur ein Trick?« »Ich weiß nicht, was ich
davon halten soll.«
215
»Das Wesen in der Kirche ist eine echte Frau«, sagte er mit Nach- »Warum diese heftige Reaktion?« fragte er lächelnd. Seine Frage
druck. »Wieso ist das so beunruhigend für dich? Die Tatsache, traf mich unvorbereitet. Ich wurde verlegen. »Ich glaube, es
daß sie als Mann geboren ist, bestätigt doch nur. welche Kraft die bedroht mich im Innersten«, gestand ich: und meinte es aufrichtig.
Machenschaften der alten Zauberer hatten. Es sollte dich nicht Mir vorzustellen, daß die Frau in der Kirche ein Mann sei, war
überraschen. Du hast doch alle Prinzipien der Zauberei am eigenen irgendwie ekelhaft.
Leib erfahren.« Und nun verfiel ich auf einen Gedanken: wie, wenn der Mieter ein
Ich glaubte vor innerer Spannung zu explodieren. Und Don Juan Transvestit wäre? Ich fragte Don Juan allen Ernstes nach dieser
warf mir jetzt vor, ich sei wohl nur streitlustig. Mit bemühter Geduld Möglichkeit. Er lachte so unbändig, daß es fast schien, er müsse
und wahrer Großspurigkeit erklärte ich ihm die biologischen sich übergeben.
Grundlagen von Männlichkeit und Weiblichkeit. »Das weiß ich »Das ist eine zu profane Möglichkeit«, sagte er. »Vielleicht würden
doch alles«, sagte er. »Und du hast recht mit allem, was du sagst. deine alten Freunde so etwas tun. Deine neuen Freunde sind
Dein Fehler ist nur. daß du deine Urteile verallgemeinern willst.« einfallsreicher und weniger onanistisch. Ich wiederhole: Dieses
»Wir sprechen hier über Grundprinzipien«, schrie ich. »Sie gelten Wesen in der Kirche ist eine Frau. Es ist eine >Sie<. Und sie hat
für Menschen hier und überall im Universum.« »Richtig, richtig«, alle Organe und Attribute einer Frau.« Er lächelte boshaft. »Du
sagte er mit leiser Stimme. »Alles, was du sagst, ist richtig - bist doch immer von Frauen fasziniert, nicht wahr? Mir scheint,
solange unser Montagepunkt in seiner gewohnten Position bleibt. diese Situation ist maßgeschneidert für dich.« Erfreute sich so
Aber sobald er über gewisse Grenzen hinaus verschoben ist und ausgelassen und kindlich, daß seine Fröhlichkeit ansteckend war.
unsere Alltagswelt keine Geltung mehr hat, verlieren all die Wir lachten beide - er ganz unbeschwert, ich völlig verklemmt vor
Prinzipien, von denen du sprichst, ihren absoluten Wert. Angst.
Dein Fehler ist, zu vergessen, daß der dem Tod Trotzende diese Und nun kam ich zu einem Entschluß. Ich stand auf und sagte mit
Grenzen tausend- und abertausendmal überschritten hat. Man lauter Stimme, daß ich nichts mit dem Mieter zu tun haben wolle. in
braucht kein Genie sein, um zu erkennen, daß der Mieter nicht welcher Gestalt auch immer. Ich hatte mich entschieden, die
mehr durch dieselben Kräfte gebunden ist. die dich jetzt bin- ganze Sache zu vergessen und zurückzukehren - zuerst zu Don
den.« Juans Haus, dann nach Hause.
Ich sagte ihm, daß mein Sträuben - falls man es als Sträuben Don Juan meinte, er sei mit meiner Entscheidung völlig einver-
bezeichnen konnte - nicht ihm galt, sondern den praktischen Seiten standen, und so machten wir uns auf den Rückweg zu seinem
der Zauberei, die ich noch nie akzeptieren konnte und die mir schon Haus. Meine Gedanken rasten dahin. Mache ich das Richtige?
immer so abstrus erschienen waren, daß sie eigentlich nie ein Laufe ich aus Angst davon? Natürlich rechtfertigte ich meine Ent-
Problem für mich darstellten. Und ich wiederholte, daß ich als scheidung sofort als die einzig richtige und unvermeidliche. Im-
Träumer wohl aus eigener Erfahrung bestätigen könne, daß beim merhin, so versicherte ich mir selbst, hatte ich kein Interesse an
Träumen alles möglich ist. Ich erinnerte ihn daran, daß er selbst irgendwelchen Erwerbungen, und die Geschenke des Mieters waren
diese Überzeugung bei mir genährt und gehegt habe, zusammen fast wie erworbener Besitz. Dann beschlichen mich Zweifel und
mit dem Sinn für die Notwendigkeit gesunder Vernunft. Was er Neugier. Ich hatte so viele Fragen, die ich dem stellen könnte,
nun aber im Fall des Mieters vorbrachte, sei nicht vernünftig. Es der dem Tode trotzte.
sei lediglich ein Motiv für das Träumen, nicht aber für die alltäg- Mein Herz schlug so stark, daß ich sein Pochen bis in die Magen-
liche Welt. Ich gab ihm klar zu verstehen, daß es für mich ein grube fühlte. Auf einmal verwandelte sich dieses Pochen in die
unhaltbarer und abscheulicher Standpunkt sei. Stimme des Botschafters. Er brach sein Versprechen, sich nicht
mehr einzumischen, und sagte, daß eine unglaubliche Kraft meinen
Herzschlag beschleunige, um mich zurück zur Kirche zu
z ie h e n : d e n n n a c h D o n Ju a n s H a u s z u rü c k z u g e h e n b e d e u te d e n »Ich möchte lieber nichts davon hören. Don Juan«, flehte ich.
sicheren T od. »Es ist deine Pflicht, es zu erfahren«, sagte er. »Wie sonst könntest
Ich b lieb stehen und w ied erho lte D o n Juan hastig d ie W o rte d es du dich entscheiden?«
B o tschafters. »Ist es w ahr? « fragte ich. »Ich fürchte, j a « , gestand er »Glaubst du nicht, es ist besser für mich, je weniger ich von dem
einfältig. Mieter weiß?«
»W arum hast du es m ir nicht selbst gesagt. D on Juan? W olltest du »Nein. Hier kann man sich nicht verstecken, bis die Gefahr vorbei
m ic h ste rb e n la sse n , w e il d u m ic h fü r e in e n F e ig lin g h ä ltst'.'« ist. Dies ist der Augenblick der Wahrheit. Alles, was du bislang in
fragte ich ihn aufgeb racht und w ütend . der Welt der Zauberer getan und erlebt hast, führte dich bis an
»D u w ärst schon nicht gleich gestorben. D ein E nergiekörper v e r fü g t diesen Punkt. Ich wollte es dir nicht sagen, weil ich wußte, daß
ü b e r u n b e g re n z te M itte l. U n d d ic h fü r e in e n F e ig lin g z u halten dein Energiekörper es dir sagen würde, aber es gibt kein Auswei-
w äre m ir nie in den S inn gekom m en. Ich respektiere d e in e chen vor dieser Verabredung. Nicht einmal durch den Tod. Ver-
E ntscheidungen und küm m ere m ich nicht darum , w elche M otive stehst du?« Er rüttelte mich an den Schultern. »Verstehst du?«
dich dabei leiten. wiederholte er.
D u bist am E nde des W eges angekom m en, genau w ie ich. Sei also Ich verstand so gut. daß ich ihn fragte, ob es ihm möglich wäre.
ein w ahrer N agual. S chäm e dich nicht für das, w as du bist. W ärst mich auf eine andere Bewußtseinsebene zu versetzen, um meine
du ein Feigling, glaube ich. dann w ärest du schon längst vor A ngst Angst und Panik zu lindern. Ich duckte mich unter seinem don-
g e sto rb e n . A b e r w e n n d u d ic h fü rc h te st, d e m z u b e g e g n e n , d e r nernden »Nein«.
d e m T o d e tro tz t, d a n n stirb lie b e r, a ls ih m e n tg e g e n z u tre te n . »Du mußt dem, der dem Tode trotzt, kaltblütig und äußerst be-
A uch d as ist keine S chand e.« wußt entgegentreten«, fuhr er fort. »Du kannst es nicht stellver-
»L o s, g e h e n w ir z u rü c k z u r K irc h e «, sa g te ic h , so ru h ig i c h tretend tun.«
konnte. Ganz ruhig begann Don Juan nun alles zu wiederholen, was er mir
bereits über jenen, der dem Tode trotzt, erzählt hatte. Während er
»Jetzt kom m en w ir zum K ern der S ache!« rief D on Juan. »Z uerst
sprach, wurde mir klar, daß meine Verwirrung zum Teil durch
a b e r la ß u n s n o c h e in m a l in d e n P a rk g e h e n , u n s a u f e in e B a n k
seine Wortwahl bedingt war. Er gab die Bezeichnung »der dem
setzen und so rgfältig d eine A lternativen üb erlegen. W ir kö nnen
Tode trotzt« auf Spanisch wieder, mit el desafiante de la muerte.
die Z eit ja w ieder aufholen; außerdem ist es zu früh für die S ache.
und »Mieter« mit el inquilino - beides Worte, die automatisch ein
die w ir vorhaben.«
männliches Wesen bezeichnen. Doch in der Schilderung der Be-
W ir w a n d e rte n z u rü c k z u m P a rk u n d fa n d e n so fo rt e in e fre ie
ziehung zwischen dem Mieter und den Naguals seiner Linie
B ank und setzten uns.
vermischte Don Juan dauernd den männlichen und weiblichen
»D u m uß t b egreifen, d aß nur d u selb st d ie E ntscheid ung treffen Genus des Spanischen, was mich einigermaßen verwirrte. Er sagte,
kannst, dem M ieter zu begegnen und sein G eschenk der K raft a n - daß der Mieter für die Energie bezahlen müsse, die er von den
zunehm en o d er zurückzuw eisen«, sagte D o n Juan. »A b er d e i n e Naguals unserer Linie beziehe, doch der Preis, den er bezahle,
E ntscheid ung m uß t d u d er F rau in d er K irche selb st sagen - vo n verpflichte diese Zauberer seit Generationen. Als Bezahlung für
A ngesicht zu A ngesicht und a lle in . Sonst w ürde sie nicht g e lte n .« die von allen diesen Naguals bezogene Energie habe die Frau in
U nd D o n Juan sagte, d aß d ie G ab en d es M ieters zw ar gro ß artig der Kirche sie gelehrt, was sie tun müßten. um ihren
seien, der P reis dafür aber ungeheuer. E r selbst könne keines von Montagepunkt in gewisse Positionen zu bringen, die sie selbst ge-
b e id e n a k z e p tie re n , w e d e r d ie G a b e n o c h d e n P re is. »B evor du wählt habe. Mit anderen Worten, sie verpflichte jeden dieser
w irklich deine E ntscheidung t r i f f s t « , sagte D on J u a n . »m u ß t d u Männer durch ein Geschenk der Kraft, bestehend aus einer vor-
a lle D e ta ils u n se re r V e rb in d u n g z u d ie se m Z a u b e re i kennen.«
bestimmten, spezifischen Position des Montagepunktes - mit merkwürdigen Akzent, und wie er eine sonderbare Metapher be-
allen daraus resultierenden Konsequenzen. »Was verstehst du unter nutzte, wenn er von Dingen sprach, die er angeblich gesehen
>allen daraus resultierenden Konsequenzen< Don Juan?« hatte. Er sagte: mis ojos se pasearon - meine Augen wanderten
»Ich meine die negativen Folgen dieser Gaben. Die Frau in der auf.. • Zum Beispiel konnte er sagen: »Meine Augen wanderten
Kirche kennt nur das Sichgehenlassen. Bei dieser Frau gibt es auf den Helmen der spanischen Eroberer.« Es war ein so
keine Nüchternheit, keine Mäßigung. Zum Beispiel lehrte sie den flüchtiges Ereignis in meiner Erinnerung, daß ich glaubte, die
Nagual Julian, seinen Montagepunkt so zu arrangieren, daß er. Begegnung habe nur Minuten gedauert. Don Juan sagte mir später,
genau wie sie, eine Frau werden konnte. Meinen Wohltäter so daß ich einen ganzen Tag mit dem. der dem Tode trotzt, zusammen
etwas zu lehren, der ein unheilbarer Lüstling war - das war. als gewesen war.
gäbe man einem Säufer Schnaps zu trinken.« »Aber liegt es nicht »Weißt du, warum ich vorhin von dir erfahren wollte, ob du weißt,
an jedem von uns, verantwortlich zu sein für das. was wir tun?« was hier vor sich geht?« fuhr Don Juan fort. »Weil ich glaubte.
»Ja, gewiß. Manchen von uns fällt es aber schwerer als anderen, daß du selbst vor Jahren eine Verabredung mit dem. der dem Tode
verantwortlich zu sein. Diese Schwierigkeit absichtlich noch zu trotzt, getroffen hättest.«
steigern, wie diese Frau es tut. heißt, uns unnötig unter Druck »Du schmeichelst mir unverdient, Don Juan. In diesem Fall weiß
setzen.« ich nicht ein noch aus. Aber was brachte dich auf die Idee, ich
»Woher weißt du, daß die Frau in der Kirche dies absichtlich könnte es wissen?«
tut?« »Der dem Tode Trotzende hatte anscheinend Zuneigung zu dir
»Sie hat es bei jedem Nagual meiner Linie so gemacht. Wenn wir gefaßt. Und das bedeutete für mich, daß er dir vielleicht ein Ge-
uns ehrlich und aufrichtig betrachten. müssen wir zugeben, daß der schenk der Kraft gegeben haben mochte, auch wenn du dich nicht
dem Tode Trotzende uns durch seine Gaben zu einer Linie von sehr daran erinnerst. Oder vielleicht hatte er dich zu einer Verabredung
selbstgefälligen, abhängigen Zauberern gemacht hat.« Ich konnte mit ihm als Frau bewogen. Ich vermutete sogar, sie habe dir präzise
nicht länger über seinen unstimmigen Sprachgebrauch hinwegsehen Anweisungen gegeben.«
und beklagte mich bei ihm. »Du solltest diesen Zauberer entweder Und Don Juan erzählte mir, daß der dem Tode Trotzende, offenbar
als männlich oder als weiblich bezeichnen, nicht aber als beides«, ein Freund ritueller Gewohnheiten, den Naguals seiner Linie
sagte ich streng. »Ich bin zu spießig, und dein willkürlicher immer zuerst als Mann, wie im Falle des Nagual Sebastian, und
Gebrauch des Geschlechtspronomens ist mir wirklich anschließend als Frau begegnete.
unangenehm.« »Warum bezeichnest du die Gaben dessen, der dem Tode trotzt,
»Mir selbst ist es sehr unangenehm«, gestand er. »Die Wahrheit als Geschenke der Kraft? Und wozu all dieses Geheimnis?« fragte
ist, daß der dem Tode Trotzende beides ist: männlich und weib- ich. »Du selbst kannst deinen Montagepunkt nach Belieben an
lich. Ich konnte mich nie mit den Verwandlungen dieses Zauberers jede Stelle verschieben, nicht wahr?«
abfinden. Ich war mir sicher, daß es dir genauso ergehen würde, »Wir nennen diese Gaben Geschenke der Kraft, weil sie Produkte
nachdem du ihn zuerst als Mann gesehen hattest.« Don Juan dieses spezialisierten Wissens der Zauberer aus der Vorzeit sind«.
erinnerte mich daran, wie er mich einmal, vor Jahren. zu einer sagte er. »Das Geheimnis der Gaben liegt darin, daß niemand auf
Begegnung mit dem, der dem Tode trotzt, mitgenommen habe und Erden, mit Ausnahme dessen, der dem Tode trotzt, uns eine Probe
ich einen Mann kennengelernt hatte, einen sonderbaren Indianer, dieses Wissens geben kann. Und natürlich kann ich meinen
der nicht alt und auch nicht j ung war, und von sehr grazilem Montagepunkt an jede Stelle verschieben, wohin ich will, inner-
Körperbau. Hauptsächlich erinnere ich mich an seinen halb wie außerhalb der menschlichen Energiegestalt. Was ich aber
nicht kann und was nur der dem Tode Trotzende kann, ist zu
wissen, was ich in jeder dieser Positionen mit meinem Energie-
220
körper tun soll, um die totale W ahrnehm ung, die totale K ohäsion D eine Freunde hätten dich w ohl am E nde betrogen. Sie hätten es
zu erreichen.« dir und C arol selbst überlassen, praktische K enntnisse zum Ü ber-
U nd dann erklärte er m ir. daß die m odernen Z auberer nichts von le b e n in d ie se r W e lt z u e rle rn e n . Ih r b e id e w ä re t sc h lie ß lic h
d e n D e ta ils d e r ta u se n d u n d a b e rta u se n d m ö g lic h e n P o sitio n e n ran d vo ll gew esen vo n so lch en p raktisch en K en n tn issen , gen au
des M ontagepunktes w üßten. »W as verstehst du unter D etails?« w ie jene hochgelehrten Z auberer der V orzeit. Jede große
fragte ich. »B esondere A rten, den E nergiekörper einzusetzen, um V erlagerung funktioniert nach einem anderen inneren A blauf«, fuhr
den M ontagepunkt in bestim m ten P ositionen fixiert zu halten«, er fort. »D ies könnten die m odernen Z auberer lernen, w enn sie den
antw ortete er. M ontagepunkt bei einer größeren V erlagerung lange genug
E r verw ies auf sein eigenes B eispiel. E r sagte, das K raftgeschenk fixieren könnten. N ur die alten Z auberer hatten das spezielle
d e s d e m T o d T ro tz e n d e n a n ih n se i d ie M o n ta g e -P o sitio n e in e r W issen, das dafür erforderlich ist.« D ie besonderen V erfahren bei
K rähe gew esen, sow ie das V erfahren, den E nergiekörper auf solche solchen V erlagerungen, fuhr D on Juan fort, hätten die acht N aguals,
W eise zu m anipulieren, daß er die totale W ahrnehm ung einer K rähe die dem N agual Sebastian vora n gin ge n , n o c h n ic h t ge k a n n t: d a n n
erlangte. N ach d ieser to talen W ahrnehm ung, d ieser to tale n a b e r h a b e d e r M ie te r d e n N a gu a l S e b a stia n ge le h rt, to ta le
K o h ä sio n , sa g te D o n Ju a n , h ä tte n d ie a l t e n Z a u b e re r u m jeden W a h rn e h m u n g in z e h n n e u e n P ositionen des M ontagepunkts zu
P reis gestrebt - und bei seinem eigenen K raftgeschenk, der erreichen. D er N agual Santisteban erhielt sieben solcher
W ahrnehm ung einer K rähe, habe er die totale W ahrnehm ung erst P ositionen, der N agual L ujan fünfzig. d er N agu al R o sen d o sech s,
d urch einen W illensp ro zeß erlangt, d en er lernen m usste: S chritt d er N agu al E lias v i e r , d er N agu al Ju lian sech zeh n , u n d er selb st
für S chritt, w ie m an eine sehr kom plizierte M aschine zu bedienen b ekam zw ei gezeigt. D as m ach e insgesam t fünfundneunzig
lernt. spezifische P ositionen des M ontagepunkts, die in seiner L inie
W e ite r e rk lä rte D o n Ju a n , d a ß d ie m e iste n V e rla g e ru n g e n d e s bekannt seien. Falls ich ihn fragte, so m e in te e r, o b e r d ie s a ls
M ontagepunkts, w ie m oderne Zauberer sie erleben, leichte V erla- V o rte il fü r se in e L in ie b e tra c h te , so m üsse er sagen, nein, w eil
gerungen innerhalb eines schm alen B ündels energetischer Leucht- die Last dieser G aben sie der D aseinslage der alten Z auberer
fasern in der leuchtenden E igestalt seien - ein B ündel, genannt das näherbringe.
m enschliche B and oder der rein m enschliche A spekt der universalen »J e tz t b ist d u a n d e r R e ih e , d e n M ie te r z u tre ffe n «, sa gte e r.
E nergie. Jenseits dieses B andes, aber gleichw ohl im Innern der »V ielleicht w erden die G eschenke, die er dir gibt, unser W issen
leuchtenden E iform , liege der B ereich der großen V erlagerungen. ganz aus dem G leichgew icht bringen, und unsere Linie w ird in das
W enn der M ontagepunkt sich an irgendeine S telle in diesem B e- D u n k e l stü rz e n , d a s d e n a lte n Z a u b e re rn d e n G a ra u s b e re itete.«
reich verlagert, sei die W ahrnehm ung zw ar noch im m er verständlich »D as klingt so schrecklich gefährlich, es m acht m ich ganz krank«.
für u n s. doch es bedürfe d e ta illie rte r V erfahrensweisen, um z u r sagte ich.
totalen W ahrnehm ung zu gelangen. »E hrlich, ich kann m it dir fühlen«, antw ortete er m it ernstem G e-
»D ie anorganischen W esen haben dich und C arol T iggs arg her- sicht. »Ich w eiß, es ist k e in T rost für dich, w enn ic h sage, daß dies
eingelegt, auf eurer letzten R eise, ind em sie euch halfen, to talen d ie h ärteste P ro b e fü r ein en m o d ern en N agu al ist. M it etw as so
Z usam m enhalt bei einer großen V erlagerung zu erreichen«, sagte A ltem und G eheim nisvollem w ie dem M ieter zusam m enzutreffen ,
D o n Juan. »S ie verscho b en euren M o ntagep unkt an d ie w eitest- fin d e ich n ich t eh rfu rch tgeb ieten d , so n d ern ab sto ß en d . F ü r m ich
m ö gliche S telle. D ann halfen sie euch, d o rt w ahrzunehm en, als w enigstens w ar es das, und ist es noch im m er.« »W arum m uß ich
o b ihr no ch in d er A lltagsw elt w äret. E tw as, d as b einah unm ö glich da w eiterm achen, D on Juan?« »W eil du, ohne es zu w issen, die
ist. U m auf d iese A rt w ahrzunehm en, b raucht e in Z aub erer H erausforderung des dem T ode T rotzenden angenom m en hast. Im
praktisches W issen oder einflußreiche F reunde. V erlauf deiner L ehrzeit habe
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ich eine Einwilligung von dir verlangt, genau wie mein Lehrer mir - 12. Die Frau in der Kirche
heimlich - eine abverlangte.
Ich habe denselben Schrecken durchgemacht, nur etwas härter als du
jetzt.« Er kicherte. »Der Nagual Julian hatte eine Vorliebe für
makabre Scherze. Er erzählte mir, es gäbe da eine sehr schöne
und leidenschaftliche Witwe, die unsterblich in mich verliebt sei.
Der Nagual nahm mich häufig mit zur Kirche, und ich hatte diese
Frau gesehen, die mich anstarrte. Ich fand, sie sah gut aus. Und Don Juan und ich saßen und schwiegen. Ich wußte nichts mehr zu
ich war ein geiler Bursche. Als der Nagual sagte, daß sie mich fragen, und er hatte mir anscheinend alles gesagt, was es zu sagen
wollte, fiel ich darauf herein. Mein Erwachen war grausam.« Ich gab. Es war nicht später als sieben Uhr. aber die Plaza war unge-
bemühte mich, nicht laut herauszulachen über Don Juans Miene wöhnlich menschenleer. Es war ein warmer Abend. In dieser Stadt
verlorener Unschuld. Dann kam mir die Vorstellung seiner streiften die Menschen am Abend meistens bis zehn oder elf Uhr um
mißlichen Lage nicht mehr spaßig, sondern abscheulich vor. »Bist die Plaza.
du sicher, Don Juan, daß diese Frau der Mieter ist?« fragte ich - in Ich brauchte eine Weile, um mir klarzuwerden, was mit mir ge-
der Hoffnung, es möge ein Irrtum oder ein schlimmer Scherz sein. schah. Meine Zeit mit Don Juan ging zu Ende. Er und seine
»Ich bin mir ganz, ganz sicher«, sagte er. »Aber selbst wenn ich so Gruppe wollten den Traum der Zauberer erfüllen, diese Welt zu
dumm wäre, den Mieter zu vergessen, könnte mein Sehen mich verlassen und in unvorstellbare Dimensionen einzugehen. Auf-
nicht betrügen.« grund meiner beschränkten Erfolge im Träumen glaubte ich. daß
Willst du damit sagen. Don Juan, daß der Mieter eine andere Art ihr Anspruch keineswegs illusorisch, sondern durchaus verständig
von Energie hat?« sei, wenn auch im Gegensatz zur Vernunft. Sie strebten nach
»Nein, nicht eine andere Art Energie, aber gewiß eine andere Wahrnehmung des Unbekannten, und sie hatten es geschafft. Don
Energie-Konfiguration, als ein gewöhnlicher Mensch sie hat.« Juan hatte recht, wenn er sagte, daß das Träumen, indem es eine
»Bist du absolut sicher, Don Juan, daß diese Frau der Mieter ist?« systematische Verschiebung des Montagepunktes bewirkt, die
beharrte ich, getrieben von sonderbarer Abscheu und Furcht. Wahrnehmung befreit und den Bereich dessen erweitert, was
»Diese Frau ist der Mieter!« sagte Don Juan mit einer Stimme, wahrgenommen werden kann. Für die Zauberer seiner Gruppe
die keinen Zweifel mehr duldete. hatte das Träumen nicht nur die Tür zu anderen wahrnehmbaren
Wir schwiegen. In unbeschreiblicher Panik erwartete ich den Welten aufgestoßen, sondern sie auch darauf vorbereitet, bei voller
nächsten Schritt. Bewußtheit in diese Regionen einzutreten. Das Träumen war für
»Ich sagte dir schon, daß die Position des Montagepunktes darüber sie etwas Unbeschreibliches und Beispielloses geworden - etwas,
entscheidet, ob jemand von Natur ein Mann oder eine Frau ist«, dessen Wesen und Reichweite nur umschreibend benannt werden
sagte Don Juan. »Wenn ich >von Natur< sage, so meine ich jemanden, konnte, etwa wenn Don Juan sagte, daß es das Tor zu Licht und
der entweder als Mann oder als Frau geboren ist. Für einen Seher Dunkel des Universums sei.
ist der am stärksten leuchtende Teil des Montagepunkts bei Frauen Eines noch gab es, was ihnen bevorstand: meine Begegnung mit
nach außen gekehrt, bei Männern nach innen. Der Montagepunkt demjenigen, der dem Tode trotzt. Ich bedauerte, daß Don Juan
des Mieters war ursprünglich nach innen gerichtet, aber er mich nicht im voraus unterrichtet hatte, damit ich mich besser
veränderte ihn, drehte ihn um - und jetzt sieht seine eiförmige hätte vorbereiten können. Aber er war ein Nagual, der alles
Energiegestalt aus wie eine in sich eingerollte Muschel.« Wichtige aus der Eingebung des Augenblicks tat. ohne Vorankün-
digung. Eine Weile fühlte ich mich recht wohl, wie ich dort im
Park saß.
mit Don Juan, und auf den Fortgang der Dinge wartete. Dann aber men hatte, war ihre Stimme. Ich kann gar nicht beschreiben, was es
war es mit meinem Gleichgewicht zu Ende, und im Handumdrehen mit diesem heiseren Klang auf sich hatte, der die geheimsten
stürzte ich in schwärzeste Verzweiflung. Mich überfielen Erinnerungen in mir wachrief. Es war. als hätte ich diese Stimme
kleinliche Befürchtungen um meine Sicherheit, meine Ziele, schon immer gekannt.
meine Hoffnungen auf dieser Welt, meine Sorgen. Bei näherer Reglos blieb ich knien, hypnotisiert von diesem Klang. Sie fragte
Prüfung aber musste ich zugeben, daß die einzige wirkliche Sorge. mich noch irgend etwas, wieder auf englisch, aber ich kam nicht
die ich hatte, meinen drei Gefährtinnen in Don Juans Welt galt. dahinter, was sie sagte. Sie lächelte mir wissend zu. »Ist in Ord-
Doch wenn ich es recht überlegte, war nicht einmal dies eine echte nung«, flüsterte sie auf spanisch. Sie kniete zu meiner Rechten.
Sorge für mich. Don Juan hatte sie gelehrt, Zauberinnen zu sein, die »Ich verstehe die wahre Angst. Ich lebe mit ihr.« Ich wollte schon
immer wußten, was sie zu tun hatten; und vor allem hatte er sie etwas sagen zu ihr, als ich die Stimme des Botschafters in meinem
darauf vorbereitet, immer zu wissen, was sie mit ihrem Wissen zu Ohr hörte. »Es ist die Stimme Hermelindas. deiner Amme«, sagte
tun hatten. sie. Das einzige, was ich von Hermelinda je erfahren habe, war die
Nachdem alle diesseitigen Gründe, Angst und Leid zu empfinden, Geschichte, die man mir erzählte, wie sie bei einem Unfall ums
lange schon von mir genommen waren, blieb mir nur noch die Leben kam. überfahren von einem steuerlosen Lastwagen. Daß die
Stimme der Frau so tiefe, alte Erinnerungen in mir wachrufen
Sorge um mich selbst. Und dieser überließ ich mich schamlos. Ein
konnte, schockierte mich. Einen Moment spürte ich quälende
letzter Anfall von Sichgehenlassen, für unterwegs: die Furcht, von
Unruhe.
der Hand dessen zu sterben, der dem Tode trotzt. Ich geriet so in
»Ich bin deine Amme!«, rief die Frau leise. »Wie ungewöhnlich!
Angst, daß mir übel wurde. Ich wollte mich entschuldigen, aber
Willst du meine Brust?« Sie bog sich vor Lachen. Mit aller
Don Juan lachte nur.
Anstrengung versuchte ich ruhig zu bleiben, aber ich wußte, daß
»Du bist nicht der einzige, dem vor Angst schlecht wird«, sagte er. ich rasch an Boden verlor - und bald würde ich meinen Geist
»Als ich dem begegnete, der dem Tode trotzt, machte ich mir die aufgeben.
Hose naß. Glaube mir.« »Vergib mir meine Spaße«, sagte die Frau mit leiser Stimme. »Die
Schweigend wartete ich einen langen, unerträglich langen Augen- Wahrheit ist, daß ich dich sehr gern habe. Du brodelst vor Energie.
blick. »Bist du bereit?« fragte er. »Ja«, sagte ich. Und aufstehend, Und wir werden uns gut verstehen.«
fügte er hinzu: »Gehen wir also und sehen, wie du dich im Feuer Zwei ältere Männer knieten direkt vor uns. Einer von ihnen
bewährst.« drehte sich um und sah uns neugierig an. Sie achtete nicht auf ihn
Den Weg zur Kirche ging er voraus. So sehr ich mich auch an- und flüsterte weiter in mein Ohr.
strenge, kann ich mich bis zum heutigen Tag nur daran erinnern, »Laß mich deine Hand halten«, flehte sie. Doch ihr Flehen war
daß er mich buchstäblich den ganzen Weg schleppen mußte. Ich wie ein Befehl. Ich überließ ihr meine Hand, unfähig, nein zu
erinnere mich nicht, wie ich vor der Kirche ankam oder eintrat. sagen. »Danke. Danke für deine Zuversicht, für dein Vertrauen
Ich weiß nur noch, daß ich dann auf einem langen, abgewetzten zu mir«, flüsterte sie.
Betstuhl kniete, neben der Frau, die ich zuvor gesehen hatte. Sie Der Klang ihrer Stimme machte mich verrückt. Diese Heiserkeit
lächelte mir zu. Verzweifelt sah ich mich um, versuchte Don Juan war so exotisch, so außerordentlich weiblich. Unter keinen Um-
zu entdecken, doch er war nirgends zu sehen. Am liebsten wäre ständen hätte ich sie für die Stimme eines Mannes gehalten, der
ich abgehauen, wie eine Fledermaus aus der Hölle, hätte die Frau sich als Frau verstellte. Es war eine heisere Stimme, aber nicht
mich nicht am Arm zurückgehalten. kehlig oder guttural. Es war eher wie das Geräusch nackter Füße.
»Warum hast du solche Angst vor mir armem Weiblein?« fragte die leise über den Sand tappen. Mit äußerster Anstrengung
sie mich auf englisch. Ich blieb wie angewurzelt auf der Stelle, versuchte ich den unsichtbaren Ener-
dort wo ich kniete. Was mich sofort und ganz für sie eingenom-
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gieschirm zu durchbrechen, der mich einzuhüllen schien. Mir war, »Ihr Akzent ist ganz ungewöhnlich«, sagte ich. »Wo stammt er
als gelinge es mir. Ich stand auf. wollte gehen - und das hätte ich her?«
getan, wäre nicht die Frau ebenfalls aufgestanden, um mir ins Ohr »B einah aus d er E w igkeit«, sagte sie seufzend . Je tz t h a tte n w ir
zu flüstern: »Geh nicht fort. Ich habe dir so viel zu sagen.« Ich K o n ta k t m ite in a n d e r. Ic h v e rsta n d , w a ru m sie seufzte. S ie w ar
setzte mich automatisch wieder, festgehalten von meiner Neugier. von beinah ew iger D auer, w ährend ich vergänglic h w a r. D a s w a r
Seltsamerweise war meine Angst auf einmal verschwunden, auch m e in V o rte il. D ie d e m T o d e T ro tz e n d e h a tte sich in eine E cke
meine Beklommenheit. Ich hatte sogar genügend Geistes- m anö vriert, und ich w ar frei. Ic h sa h sie g e n a u e r a n . S ie w a r
gegenwart, die Frau zu fragen: »Sind Sie wirklich eine Frau?« Sie a n sc h e in e n d fü n fu n d d re iß ig b is vierzig Jahre alt. S ie w ar eine
kicherte leise, wie ein junges Mädchen. Dann brachte sie einen ge- Ind ianerin vo n d urchaus d unklem T yp , b e in a h stä m m ig , a b e r
wundenen Satz hervor: »Falls du wagen solltest zu glauben. daß ich n ic h t fe tt o d e r g a r sc h w e r. D ie H a u t ih re r H ä n d e u n d A rm e w a r
mich in einen fürchterlichen Mann verwandeln und dir ein Leid zu- g la tt, d ie M u sk e ln fe st u n d ju g e n d lich. S ie w ar etw a einen M eter
fügen würde, bist du in schwerem Irrtum befangen«, sagte sie. mit sechzig, schätzte ich. S ie trug ein langes K leid , ein schw arzes
noch stärkerer Modulation dieser seltsamen, hypnotischen Stimme. S chultertuch und G uaraches. In ihrer kniend en H altung sah ich
»Du bist mein Wohltäter. Ich bin deine Dienerin, wie ich die auch ihre glatten F ersen und ein S tück ih re r k rä ftig e n W a d e n . Ih re
Dienerin all der Naguals war, die dir vorangegangen sind.« All meine T a ille w a r sc h la n k . S ie h a t t e g ro ß e B rü ste , d ie sie n ic h t u n te r
Energie sammelnd, sprach ich zu ihr die Wahrheit: »Sei ih re m S h a w l v e rb e rg e n k o n n te o d e r auch w o llte. Ihr H aar w ar
willkommen und nimm meine Energie«, sagte ich. »Sie ist ein jettschw arz und zu einem langen Z o p f g e flo c h te n . S ie w a r n ic h t
Geschenk von mir an dich, aber ich möchte keine Kraftgeschenke sc h ö n , a b e r a u c h n ic h t h ä ß lic h . Ih re Z üge w aren in keiner W eise
von dir. Und das meine ich aufrichtig.« auffällig. U nm öglich konnte sie einen faszinieren, d achte ich, b is auf
»Ich kann deine Energie nicht umsonst annehmen«, flüsterte sie. ihre A ugen, d ie sie hinter gesenkten L idern verbarg. Ihre A ugen
»Ich bezahle für das, was ich bekomme, so ist der Vertrag. Es ist w aren w underbar - k l a r und v o l l F rie d e n . A b g e se h e n v o n D o n
närrisch von dir, deine Energie zu verschenken.« »Ich war mein Ju a n , h a t t e ic h n ie m a ls so stra h lend e und leb end ige A ugen
Leben lang ein Narr. Glauben Sie mir«, sagte ich. »Und ich kann gesehen.
mir wohl leisten. Ihnen ein Geschenk zu machen. Das ist kein Ihre A ugen nahm en m ir jede B efangenheit. S olche A ugen konnte n
Problem für mich. Sie brauchen die Energie, also nehmen Sie sie. n ic h ts B ö se s w o lle n . P lö tz lic h w a r ic h v o ll V e rtra u e n u n d
Aber ich will mich nicht mit unnötigen Dingen belasten. Ich O ptim ism us. Ich h a t t e das G efühl, sie schon m ein L eben lang zu
besitze nichts, und es gefällt mir.« »Vielleicht«, sagte sie kennen. A ber noch etw as w urde m ir stark bew ußt: m eine em otionale
nachdenklich. Instab ilität. S cho n in D o n Juans W elt hatte sie m ir im m er zu
Aggressiv fragte ich sie, ob sie meinte, sie würde vielleicht meine sc h a ffe n g e m a c h t, m ic h h o c h u n d n ie d e r z ie h e n d w ie e in Jo -Jo .
Energie annehmen, oder ob sie mir vielleicht nicht glaubte, daß Ic h h a tte A u g e n b lic k e to ta le n V e rtra u e n s u n d D u rc h b lic k s, n u r
ich nichts besaß und daß es mir gefiel. u m im n ä c h ste n M o m e n t v o n a b g rü n d ig e m Z w e ife l u n d M iß -
Sie kicherte vergnügt und sagte, vielleicht werde sie meine Energie trauen gep lagt zu sein. D iesm al w ürd e es nicht and ers sein. M ein
annehmen, da ich sie ihr so großzügig anbiete, aber sie müsse M iß trauen m eld ete sich ganz p lö tzlich m it d em w arnend en G e-
dennoch dafür bezahlen. Sie müsse mir etwas von ähnlichem Wert danken, daß ich völlig in den B ann dieser F rau geraten könnte.
schenken. »S ie h a b e n S p a n isc h e rst sp ä t im L e b e n g e le rn t, n ic h t w a h r? «
Während ich sie sprechen hörte, wurde mir bewußt, daß sie spa- sagte ich, nur um m eine G ed anken ab zuschütteln - b evo r sie sie
nisch mit einem höchst auffälligen, fremden Akzent sprach. Bei e rra te n k o n n te . »E rst g e ste rn «, e rw id e rte sie , in g lo c k e n h e lle s
jedem Wort fügte sie der mittleren Silbe noch ein Phonem hinzu. L a c h e n a u sb re -
Nie im Leben hatte ich jemanden so sprechen hören.
ch en d , w ob ei ih re klein en , ü b errasch en d w eiß en Z äh n e w ie P erlen »W e n n d u in d ie se r W e lt b ist - b ist d u d a n n a u f d ie se G e g e n d
schim m erten. festgelegt?«
L eute drehten sich um und sahen uns an. Ich senkte die Stirn, w ie in »N ein. Ich kann gehen, w o hin ich w ill.«
tiefem G eb et. D ie F rau rü ckte n äh er h eran . »G ib t es ein en O rt, w o »K om m st du im m er als F rau?«
w ir sp rech en kö n n en ?« fragte ich . »W ir sp rech en h ier«, sagte sie. »Ich bin schon länger F rau, als ich M ann w ar. E indeutig gefällt es
»H ier h ab e ich m it allen N agu als eu rer L in ie gesp roch en . W en n d u m ir b e sse r. Ic h h a b e b e in a h v e rg e sse n , g la u b ' ic h . w ie e s ist. e in
flü sterst, w ird n iem an d m erken , d aß w ir red en .« M ann zu sein. Ich b in ganz F rau!«
Ich b ran n te d arau f, sie n ach i h r e m A lter zu fragen . A b er ein e S ie n a h m m e in e H a n d u n d lie ß m ic h i h r e L e iste fü h le n . M e in
ern ü ch tern d e E rin n eru n g b ew ah rte m ich d avor. Ich erin n erte m ich H erz p o chte b is zum H als hinauf. S ie w ar t a t s ä c h l i c h eine Frau.
an ein en F reu n d , d er m ir vor Jah ren alle m ö glich en F allen geste llt »Ic h k a n n n ic h t so e in fa c h d e in e E n e rg ie a n n e h m e n «, sa g te sie ,
h atte, u m m ich so w eit zu b rin gen , d aß ich ih m m ein A lter verriet. d a s T h e m a w e c h se ln d . »W ir m ü sse n e i n e a n d e re V e re in b a ru n g
Ich verab sch eu te solch klein lich e N eu gier, u n d jetzt w ar ich n ah e treffen.«
d aran , m ich gen au so zu verh alten . S ofort ließ ich es. W ieder überfielen m ich G edanken w e ltlic h e r V ernunft. Ich w ollte
Ich w ollte ih r ab er von m ein em K on flikt erzäh len , n u r u m d as sie fragen, w o sie lebte, w enn sie in dieser W elt w ar. I c h brauchte
G espräch in G ang zu h a l t e n . Sie schien zu w issen, w as m ir durch m e in e F ra g e n ic h t a u sz u sp re c h e n , u m e in e A n tw o rt z u b e k o m -
d en K op f gin g. M it ein er freu n d lich en G este d rü ckte sie m ir d en men.
A rm , als w ollte sie sagen , d aß w ir u n s verstan d en . »S tatt m ir ein »D u bist viel, viel jünger als ic h « , sagte sie. »und selbst d ir fällt es
G esch en k zu m ach en , kö n n ten S ie m ir n ich t etw as sagen , w as m ir sc h w e r, d e n L e u te n z u sa g e n , w o d u le b st. A u c h w e n n d u sie in
h elfen w ü rd e au f m ein em W eg?« b at ich . S ie sch ü ttelte d en K op f. d a s H a u s fü h rst, d a s d ir g e h ö rt o d e r d a s d u g e m ie te t h a st, ist e s
»N ein «, flü sterte sie. »W ir sin d e x t r e m verschieden. nicht d o rt, w o d u leb st.«
V erschiedener, als ich es für m öglich g e h a l t e n hätte.« »E s gäbe so vieles, w as ich dich fragen w i l l , und dabei denke ich
Sie stand auf und glitt seitlich aus dem B e t s t u h l . T ief knickste sie nur d um m e G ed anken«, sagte ich.
vor d em H au p taltar. S ie b ekreu zigte sich u n d gab m ir e i n Z eichen, »D u brauchst m ich gar nichts zu fragen«, fuhr sie fort. »D u w eißt ja
i h r zu einem großen S e i t e n a l t a r zu folgen, im l i n k e n Schiff. schon, w as ich w eiß. W as du noch brauchst, ist e in A nstoß, um d ir
W ir kn ieten vor e i n e m leb en sgroß en K ru zifix . B evor ich Z eit a n z u e ig n e n , w a s d u sc h o n w e iß t. Ic h w e rd e d ir d i e s e n S to ß
fand, etw as zu sagen, sprach sie zu m i r . » Ic h lebe schon sehr, sehr versetzen.«
lan ge«, sagte sie. »D er G ru n d fü r m ein lan ges L eb en i s t , d aß i c h N icht nur d achte ich d um m e G ed anken, so nd ern ich w ar auch in
d ie B ew egu n gen u n d V erlageru n gen m ein es M on tagep u n ktes einem so suggestiblen Z ustand, daß ich. kaum hatte sie i h r e n S atz
kontrolliere. A uch bleibe i c h nie zu lange h i e r in eurer W elt. I c h b e e n d e t, d a ß ic h w ü ß te , w a s sie w isse , a u c h sc h o n d a s G e fü h l
m u ß sp arsam u m geh en m it d er E n ergie, d ie ich von d en N agu als ..hatte, alles zu w issen, und keine Fragen m ehr zu s te lle n brauchte.
eu rer L in ie b ekom m e.« L achend erzählte ich i h r von m einer L eichtgläubigkeit. »D u b ist
»W ie ist es, in an d eren W elten zu ex istieren ?« fragte ich . »E s ist nicht leichtgläub ig«, versicherte sie m ir m it N achd ruck. »D u w eiß t
w ie d ein T räu m en , n u r d aß ich b ew eglich er b i n . U n d ich kan n alles, w eil d u jetzt ganz in d er zw eiten A ufm erksam keit bist. S ieh
län ger b leib en , w o ich w ill. G an z so. als k ö n n test d u . so lan ge d u dich u m . «
w illst, in d ein en T räu m en b leib en .« E ine W eile konnte ich m einen B lic k nicht zentrieren. E s w ar. als
se i m ir W a sse r in d ie A u g e n g e ra te n . A ls ic h w ie d e r k la r se h e n
k o n n te , e rk a n n te ic h . d a ß e tw a s U n h e im lic h e s g e sc h e h e n w a r.
D ie K irche w ar and ers, d unkler, unheilvo ller und irgend w ie här-
ter. Ich stand auf und tat ein paar Schritte ins Mittelschiff. Was Gebäude rund um die Kirche. Unheimlich war die Szene im
mir gleich auffiel, waren die Betstühle. Sie waren nicht mehr aus Mondlicht.
Brettern, sondern aus knorrigen Ästen. Es waren handgemachte »Wohin gehen wir?« fragte ich sie.
Betstühle, eingebaut in einen prächtigen steinernen Bau. Auch das »Nirgendwohin«, antwortete sie. »Wir sind einfach herausgekom-
Licht in der Kirche war anders. Es war gelblich, und sein trüber men, um mehr Platz zu haben, um vertraulich zu sprechen. Hier
Glanz warf die schwärzesten Schatten, die ich je gesehen habe. Es können wir schwatzen nach Herzenslust.« Sie bedeutete mir, mich
kam von den Kerzen auf den vielen Altären. Mich überfiel die auf einen rohen, halb schon behauenen Steinblock zu setzen. »Die
Einsicht, wie gut Kerzenlicht zu dem massiven Mauerwerk einer zweite Aufmerksamkeit hat unendliche Schätze zu bieten, die der
kolonialen Kirche paßte. Entdeckung harren«, fing sie an. »Von entscheidender Wichtigkeit
Die Frau starrte mich an; am erstaunlichsten war das Leuchten ist die Ausgangsposition, in die der Träumer seinen Körper bringt.
ihrer Augen. Ich wußte, daß ich mich in einem Traum befand und Und genau hier liegt das Geheimnis der alten Zauberer, die schon
daß sie diesen Traum steuerte. Aber ich hatte keine Angst vor ihr zu meiner Zeit so alt waren. Stell dir nur vor.«
oder dem Traum. Sie saß so nah, daß ich ihre Körperwärme fühlte. Sie legte mir den
Ich trat vom Seitenaltar zurück und überblickte wieder das Arm um die Schulter und drückte mich an ihren Busen. Ihr Körper
Hauptschiff. Dort knieten Menschen im Gebet. Viele waren es, hatte einen höchst eigenartigen Duft. Es erinnerte mich an Bäume
sonderbar kleine, dunkelhäutige, harte Menschen. Ich sah ihre oder an Salbeibüsche. Nicht daß sie Parfüm aufgelegt hätte. Ihr
gesenkten Köpfe bis hinab zu den Stufen des Hauptaltars. Die ganzes Wesen schien diesen charakteristischen Duft weiter
wenigen in meiner Nähe starrten mich an, offenbar mißbilligend. Pinien-Wälder zu verströmen. Auch war ihre Körperwärme
Staunend sah ich sie an, und auch alles andere. Ich hörte aber anders als meine, anders als bei jedem, den ich kannte. Es war eine
keinerlei Geräusche. Menschen gingen umher, aber es war kein kühle, herbfrische Wärme, ausgeglichen und gleichmäßig. Mir kam
Ton zu hören. der Gedanke in den Sinn, daß ihre Wärme gnadenlos berückend sei,
»Ich kann nichts hören«, sagte ich zu der Frau - und meine aber ohne Eile.
Stimme dröhnte und hallte wider, als sei die Kirche eine hohle Und dann begann sie mir ins linke Ohr zu flüstern. Sie sagte, daß
Muschelschale. die Gaben, die sie den Naguals meiner Linie geschenkt habe.
Fast alle Köpfe wandten sich um und sahen mich an. Die Frau zog etwas damit zu tun hätten, was die alten Zauberer die Zwillings-
mich zurück ins Dunkel des Seitenaltars. positionen nannten. Das heißt, die Ausgangsposition, in die der
»Du wirst hören, wenn du nicht mehr mit den Ohren lauschst«, Träumer seinen physischen Körper bringt, um mit dem Träumen
sagte sie. »Lausche mit deiner Traum-Aufmerksamkeit.« zu beginnen, die eine Spiegelung finde in der Position, in die er
Anscheinend brauchte ich nichts anderes als ihre Aufforderung. seinen Energiekörper bringt, um seinen Montagepunkt an einer
Plötzlich überflutete mich das summende Geräusch einer betenden nach Belieben gewählten Stelle zu fixieren. Diese zwei Positionen
Menschenmenge. Sofort fühlte ich mich erhoben. Ich fand es das bilden, sagte sie, eine Einheit, und die alten Zauberer brauchten
köstlichste Geräusch, das ich je gehört hatte. Ich wollte der Frau Jahrtausende, um die perfekte Beziehung zwischen den beiden
davon vorschwärmen, aber sie war nicht mehr neben mir. Ich sah Positionen zu finden. Kichernd meinte sie. daß die heutigen Zau-
mich nach ihr um. Sie hatte schon fast das Portal erreicht. Dort berer niemals Zeit oder Lust hätten, solche Mühen auf sich zu
drehte sie sich um und gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Im nehmen - und die Männer und Frauen meiner Linie könnten sich
Portikus holte ich sie ein. Die Straßenlaternen waren verschwun- glücklich schätzen, sie zu haben, die ihnen solche Geschenke
den. Das einzige Licht kam vom Mond. Auch die Fassade der machte. Ihr Lachen hatte einen bemerkenswerten, kristallklaren
Kirche war anders. Sie war unvollendet. Überall lagen rechtek- Klang.
kige Kalksteinblöcke umher. Es gab keine Häuser oder andere
Ihre E rklärung d er Z w illingsp o sitio nen hatte ich nicht ganz ver- Träumen begonnen hatte. Sie verhieß mir außerordentliche Re-
standen. G anz unbefangen sagte ich ihr. daß ich diese D inge nicht sultate, die, wie sie sagte, nicht vorhersehbar wären. Unvermittelt
praktizieren, sondern nur als i n t e l l e k t u e l l e M öglichkeiten ken- wechselte sie das Thema und fragte mich: »Was wünscht du dir
nenlernen w olle. als Geschenk?« »Kein Geschenk für mich. Das sagte ich dir
»W as genau m öchtest du w issen?« fragte sie leise. »E rkläre m ir, bereits.« »Ich bleibe dabei. Ich muß dir ein Geschenk machen,
w as d u unter d en Z w illingsp o sitio nen v e r s t e h s t , o d e r d e r und du mußt es annehmen. Das ist unsere Vereinbarung.«
A u sg a n g sp o sitio n , in d ie d e r T rä u m e r se in e n K ö rp e r b ringt, um »Unsere Vereinbarung ist, daß wir dir Energie schenken. Also.
m it d em T räum en zu b eginnen.« »W ie legst du dich h in . um m it nimm sie von mir. Das geht auf meine Rechnung. Mein Geschenk
dem T räum en anzufangen?« fragte sie. für dich.«
»Ich habe keine feste G ew ohnheit. D on Juan hat nie W ert darauf Die Frau schien verblüfft. Und ich sagte ihr immer wieder, sie
gelegt.« solle doch meine Energie nehmen, ich hätte nichts dagegen. Ich
»N un. ich lege W ert d arauf«, sagte sie und stand auf. S ie sagte ihr sogar, daß ich sie ungeheuer gern hätte. Natürlich
w echselte m it m ir d en P latz. S ie saß nun zu m einer R echten und meinte ich es aufrichtig. Sie hatte etwas sehr Trauriges und zu-
flüsterte m ir ins andere O hr. daß die P osition, in die m an den K örper gleich sehr Faszinierendes an sich.
bringt - nach a lle m , w as sie w isse - von höchster B edeutung sei. »Komm, gehen wir wieder in die Kirche«, murmelte sie. »Wenn du
U m dies auszuprobieren, schlug sie m ir eine h e ik le , aber ganz mir wirklich ein Geschenk machen willst«, sagte ich. »nimm mich
einfache Ü bung vor. mit auf einen Spaziergang durch die Stadt, im Mondschein.«
»L e g e d ic h z u B e g in n d e s T rä u m e n s a u f d ie re c h te S e ite , d ie Sie nickte zustimmend. »Vorausgesetzt, daß du kein Wort sprichst«,
K nie leicht angezogen«, sagte sie. »D ie D isziplin besteht d a r i n , meinte sie.
d iese P o sitio n b eizub ehalten und in ihr einzuschlafen. Im T räum en »Warum nicht?« fragte ich - aber ich wußte die Antwort schon.
b esteht d ie Ü b ung nun d arin, d aß d u träum st, d ich genau in »Weil wir träumen«, sagte sie. »Ich werde dich tiefer in meinen
derselben P osition hinzulegen und w iederum einzuschlafen.« Traum mitnehmen.«
»U nd w as bew irkt das?« fragte ich. Und sie erklärte mir, daß ich, solange wir in der Kirche blieben,
»E s b e w irk t, d a ß d e r M o n ta g e p u n k t g e n a u - j a , g e n a u - a n d e r genügend Energie hätte zum Denken und zum Gespräch. Doch
S telle bleibt, w o er sich im A ugenblick des zw eiten E inschlafens außerhalb der Bannmeile der Kirche sei dies etwas anderes.
befindet.« »Wieso das?« fragte ich unbefangen.
»W as is t das E rgebnis e in e r solchen Ü bung?« »D ie totale In sehr ernstem Ton, der nicht nur das Unheimliche an ihr unter-
W ahrnehm ung. I c h b i n überzeugt, deine L ehrer haben d ir gesagt, strich, sondern mich erschreckte, sagte die Frau: »Weil es kein
daß m eine G eschenke die G aben totaler W ahrnehm ung sind.« Draußen gibt. Dies ist ein Traum. Du stehst an der vierten Pforte
»Ja. A ber ich w eiß nicht recht, w as totale W ahrnehm ung bedeu- des Träumens und träumst meinen Traum.« Es sei ihre Kunst,
tet«, log ich. verriet sie mir. ihre Absicht projizieren zu können - und alles, was
S ie ging üb er m einen E inw and hinw eg und verriet m ir d ann d ie ich um mich her sah, sei ihre Absicht. Flüsternd sagte sie, daß die
vier V ariatio nen d ieser Ü b ung, näm lich d as E inschlafen auf d er Kirche und die ganze Stadt nur die Folge ihrer Absicht wären. Sie
rechten S eite, auf der linken S eite, auf dem R ücken und auf dem existierten nicht, und dennoch existierten sie. Mir in die Augen
B auch. B eim T räum en bestand die Ü bung nun darin, ein zw eites blickend, fügte sie hinzu, daß es eines der großen Geheimnisse
M al in d er gleichen P o sitio n einzuschlafen. in d er m an m it d em sei, in der zweiten Aufmerksam-
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keit die Zw illingspositionen des T räum ens zu beabsichtigen. M an »S ie visu alisierten ein e L an d sch aft u n d ersch u fen sie d an n im
k ö n n e e s tu n . a b e r m a n k ö n n e e s n ic h t e rk lä re n o d e r v e rste hen. Traum noch einm al n e u « , antw ortete sie. »D u hast noch nie etw as
U nd dann sagte sie m ir, sie stam m e aus einer L inie von Z aube- visualisiert, darum ist es gefährlich für d ic h , in m einen T raum zu
re rn , d ie e s v e rsta n d e n , sic h in d e r z w e ite n A u fm e rk sa m k e it kom m en.«
u m h erzu b ew egen , in d em sie ih re A b sich t p ro jizierten . S ie er- U n d sie w arn te m ich , d aß es gefäh rlich sei, d ie vierte P fo rte zu
zäh lte, d aß d ie Z au b erer ih rer L in ie d ie K u n st p raktizierten , im durchschreiten und an O rte zu reisen, die nur in der A bsicht e in e s
T raum ihre G edanken zu projizieren, um eine getreuliche R epro- anderen existierten; denn alle G egenstände in solch einem T raum
d u ktio n jed es G egen stan d es u n d jed es B au w erks, jed er L an d - m üßten zw angsläufig ganz persönliche G egenstände sein. »W illst
sc h a ft u n d je d e s S c h a u p la tz e s z u e rre ic h e n , ga n z n a c h ih re m du im m er noch kom m en?« fragte sie. »Ja«, sagte ich.
B elieben. D ann erzählte sie m ir noch m ehr über die Zw illingspositionen. Im
D ie Z au b erer ih rer L in ie, sagte sie, fin gen d am it an , d aß sie ein w esentlichen besagte ihre E rklärung, daß ich, w enn ich zum B ei-
e in fa c h e s O b je k t a n sta rrte n u n d e s in a lle n D e ta ils ih re m G e - spiel von m einer H eim atstadt träum te und auf der rechten Seite
dächtnis einprägten. D ann schlossen sie die A ugen und visuali- liegend zu träum en begonnen h ä t t e , ganz leicht in der Stadt m ein es
sierten das O bjekt, im m er w ieder ihr inneres B ild korrigierend, T rau m es b leib en kö n n te, w en n ich m ich im T rau m au f d i e
bis sie es m it geschlossenen A ugen in aller V ollständigkeit sehen re c h te S e ite h in le gte u n d trä u m te , d a ß ic h e in ge sc h la fe n w a r.
konnten. N icht nur w äre dieser zw eite T raum dann zw angsläufig ein T raum
D er n äch ste S ch ritt in d er E n tw icklu n g ih res S ystem s w ar. m it vo n m ein er H eim atstad t, so n d ern es w äre au ch e i n T rau m vo n
dem O bjekt zusam m en zu träum en und im T raum - aus der Sicht denkbar größter K onkretion.
ih rer eigen en W ah rn eh m u n g - e i n e to tale M aterialisieru n g d es Sie w ar überzeugt, daß ic h in m einer T raum -A usbildung unzählige
O b je k ts z u e rz e u ge n . D ie s n a n n te n sie . so sa gte d ie F ra u , d e n T räum e von großer K onkretion geträum t habe, doch versicherte
ersten S chritt zur totalen W ahrnehm ung. sie m ir, daß sie alle nur Z ufall gew esen sein konnten. D ie einzige
V on einem einfachen O bjekt schritten jene Z auberer fort zu im m er A rt, absolute K ontrolle über die T räum e zu behalten, sei die
kom plexeren G egenständen. I h r endliches Ziel w ar. daß sie alle B efolgung jener T echnik der Zw illingspositionen. »U nd frage m ich
zusam m en eine ganze W elt visualisierten, dann diese W elt n ic h t, w arum «, fügte sie h i n z u . »E s geschieht einfach, w ie alles
träum ten und so ein ganz authentisches R eich neu erschufen, w o andere.«
sie existieren konnten. Sie hieß m ich aufstehen und erm ahnte m ich noch einm al, w eder zu
»A ls die Zauberer m einer L in ie das zu tun verm ochten«, fuhr die sp rech en n o ch m ich vo n ih r zu en tfern en . S ach te n ah m sie m ich
F rau fo rt, »d a ko n n ten sie au ch o h n e w eiteres ein en an d eren in an d er H an d , w ie ein K in d , u n d sch ritt au s, ein er G ru p p e d u n kel
ihre A bsicht, in ihren Traum hineinziehen. D as ist es, w as ich je tz t ab gezeich n eter H äu ser en tgegen . W ir w aren au f e i n e r Straße
m it dir m ache und w as ich m it allen N aguals eurer Linie gem acht m it K opfsteinpflaster. E ckige Flußkiesel w aren einfach in d ie E rd e
habe.« geklo p ft. U n gleich m äß iger D ru ck h atte fü r u n gleich m äßige
D ie F ra u k ic h e rte . »D u d a rfst e s w o h l gla u b e n «, sa gte sie . a ls O berflächen gesorgt. A nscheinend w aren die P flasterer d en
hätte ich daran gezw eifelt. »G anze B evölkerungen verschw anden U n eb en h eiten d es G elän d es gefo lgt, o h n e sie erst zu glätten.
so im T raum . D ies ist der G rund, w arum ich dir sagte, daß diese D ie H äuser w aren große, gekalkte G ebäude, einstöckig und staubig,
K irche und diese Stadt eines der G eheim nisse des B eabsichtigens in m it ziegelgedeckten D ächern. L eute schlenderten schw eigend
der zw eiten A ufm erksam keit s in d .« um her. D unkle Schatten im Innern der H äuser m achten m ir den
»D u sagst, daß ganze B evölkerungen auf diese W eise verschw an- E indruck von neugierigen, aber verängstigten N achbarn, die
den. W ie w ar das m öglich?« fragte ich.
hinter verschlossener Tür ihre Gerüchte tauschten. Auch sah ich Ich deutete mit dem linken kleinen Finger auf ein Haus. Es war
flache Berge rund um die Stadt. keine Energie in dem Haus. Das Haus war wie jeder beliebige
Im Gegensatz zu allem, was mir beim Träumen sonst passierte. Gegenstand in einem gewöhnlichen Traum. Ich deutete auf alles
war mein Denken völlig unbeeinträchtigt. Meine Gedanken wurden mögliche in der Umgebung - mit gleichem Resultat. »Deute auf
nicht durch die Macht der Ereignisse im Traum verdrängt. Und mich«, forderte sie mich auf. »Du sollst bestätigt finden, daß dies
meine verstandesmäßige Überlegung sagte mir. daß ich mich in der die Methode ist, die Träumer einhalten, um zu sehen.«
Traum-Version jener Stadt befinden mußte. in der Don Juan lebte S ie h a tte v ö llig re c h t. D ie s w a r d ie M e th o d e . K a u m d e u te te ic h
- aber zu einer anderen Zeit. Meine Neugier war grenzenlos. Ich m it dem F inger auf sie, als sie zu einer E nergieblase w urde. E iner
war tatsächlich mit jener, die dem Tode trotzte, zusammen in sehr eigenartigen E nergieblase, darf ich hinzufügen. Ihre energe-
einem Traum. Aber war es ein Traum? Sie selbst hatte gesagt, es tisc h e G e sta lt w a r g e n a u so , w ie D o n Ju a n sie m ir b e sc h rie b e n
wäre ein Traum. Ich wollte alles beobachten und über-wachsam hatte: sie sah aus w ie eine riesige M uschel, eingero llt längs d em
sein. Ich wollte alles prüfen, indem ich Energie sah. Ich wurde S p alt in ihrer M itte.
verlegen, aber die Frau nahm mich an die Hand, wie um mir zu »Ich b in d as einzige E nergie erzeugend e W esen in d iesem T ra u m «,
zeigen, daß sie einverstanden war mit mir. Noch immer absurd sa g te sie . »E s w ä re a lso ric h tig e r fü r d ic h , a lle s a n d e re nur zu
verschämt, äußerte ich wie mechanisch mit lauter Stimme meine b eo b achten.«
Absicht, zu sehen. Bei meinen Traumübungen hatte ich immer den In diesem M om ent däm m erte m ir zum erstenm al die ganze U nge-
Satz gesprochen: »Ich will Energie sehen.« Manchmal musste ich h e u e rlic h k e it v o n D o n Ju a n s S tre ic h . E r w a r a lso w irk lic h im -
es öfter sagen, bis ich ein Resultat bekam. Diesmal, in der Traum- stande gew esen, m ich im T raum brüllen zu lassen, nur dam it ich in
Stadt dieser Frau, und während ich diesen Satz auf gewohnte Art d e r T ra u m stille d ie se r d e m T o d e T ro tz e n d e n lo sb rü lle n w ü rd e .
zu wiederholen begann, fing die Frau an zu lachen. Sie lachte ganz Ic h fa n d d e n T ric k so w itz ig , d a ß ic h v o r L a c h e n b e in a h e rstickte.
wie Don Juan: ein tiefes, unbeschwertes Lachen aus vollem Hals. E s gab nur zw ei S traß en, d ie sich kreuzten: an j e d e r gab es d rei
»Was ist denn so spaßig?« fragte ich, irgendwie angesteckt von H ä u se rb lo c k s. W ir sc h ritte n b e id e S tra ß e n in g a n z e r L ä n g e a b .
ihrer Heiterkeit. n ic h t e in m a l, so n d e rn v ie rm a l. Ic h sa h m ir a lle s a n u n d la u sc h te
»Juan Malus kann die alten Zauberer ganz allgemein nicht leiden. m it m einer T raum -A ufm erksam keit auf irgendw elche G eräusche.
und mich im besonderen nicht«, sagte die Frau zwischen Lach- E s g a b n u r se h r w e n ig e - e i n p a a r b e lle n d e H u n d e in d e r F e rn e
anfällen. »Um in unseren Träumen zu sehen, brauchen wir nur mit o d er M enschen, d ie im V o rb eigehen flüsterten. D ie b e lle n d e n
dem kleinen Finger auf den Gegenstand zu deuten, den wir sehen H u n d e b ra c h te n in m ir e in e u n g e a h n te u n d tie fe S e h n su c h t
wollen, mehr nicht. Daß er dich aber in meinem Traum losbrüllen h e rv o r. Ic h m u sste ste h e n b le ib e n . I c h su c h te L in d e rung, indem
ließ, das war seine Art. mir eine Botschaft zu schicken. Ich muß ich m ich m it der S chulter an e in e M auer le h n te . D er K o n ta k t m it
schon sagen, er ist sehr witzig.« Sie machte eine Pause, dann sagte d e r M a u e r w a r sc h o c k ie re n d fü r m ic h , n ic h t w e il d ie se M a u e r so
sie im Ton einer Offenbarung: »Wie ein Esel zu brüllen, das funk- u n g e w ö h n lic h g e w e se n w ä re , so n d e rn w e il d a s. w o ran ich m ich
tioniert natürlich auch.« lehnte, eine s t a b i l e M auer w ar. w ie jed e and ere M auer auch, die
Dieser Humor der Zauberer konnte mich immer wieder verblüffen. ich je berührt h a t t e . Ich betastete sie m it m einer freien H and . Ich
Sie lachte so sehr, daß sie unfähig schien, unseren Spaziergang strich m it d en F ingern üb er i h r e rauhe O b erfläche. E s w ar w irklich
fortzusetzen. Ich kam mir dümmlich vor. Als sie sich beruhigt eine M auer!
und wieder gefangen hatte, meinte sie, ich könne auf jeden Ihre üb erw ältigend e W irklichkeit m achte m einer S ehnsucht so fo rt
Gegenstand in ihrem Traum deuten, ganz wie ich wolle, auch auf ein E nd e und erneuerte m ein Interesse, alles zu b eo b achten.
sie selbst.
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Insbesondere suchte ich nach M erkm alen, die m it j e n e r S tadt - in S o w a r m e in P la n , d e n ic h m ir a u s a u g e n b lic k lic h e r E in g e b u n g
u n se re r Z e it - in V e rb in d u n g z u b rin g e n w ä re n . D o c h w ie a u f- zurechtlegte. D och irgend etw as in m ir spottete über m einen V er-
m erksam ich auch schaute, es w ar vergeb lich. D a w ar eine P laza in such d er O b jektivierung. W ährend m einer ganzen L ehrzeit hatte
d ieser S tad t, ab er sie w ar vo r d er K irche, gegenüb er d em P o rtikus. m ic h e in B e d ü rfn is n a c h o b je k tiv e n T a tsa c h e n b e h e rrsc h t, w a s
Im M o n d lic h t w a re n d ie B e rg e ru n d u m d ie S ta d t d e u tlic h z u m ic h ste ts z w a n g , a lle s in D o n Ju a n s W e lt z u ü b e rp rü fe n u n d
se h e n u n d b e in a h w ie d e rz u e rk e n n e n . Ic h v e rsu c h te m ic h z u no chm als zu üb erp rüfen. A b er nicht um O b jektivierung an sich
orientieren und sah nach dem M ond und den S ternen, als befände ging es m ir, sondern ich w ollte dieses V erlangen nach O bjektivität als
ich m ich in der geläufigen R ealität des A lltags. E s w ar ein abneh- K rücke benutzen, die m ir in A ugenblicken kognitiver V erw irrung
m ender M ond, vielleicht einen T ag nach V ollm ond. E r stand hoch einen H alt b ieten so llte. W enn es d ann Z eit w ar. d ie T atsachen zu
ü b e r d e m H o riz o n t. E s m o c h te z w isc h e n a c h t u n d n e u n U h r üb erp rüfen, kam ich d o ch nie d azu. W ied er in d er K irche, knieten
abends sein. Ich sah O rion, rechts vom M ond. S eine zw ei H aupt- d ie F rau und ic h vo r d em kleinen A ltar auf d er linken S eite, w o
sterne, B eteigeuze und R igel, stand en in w aagrecht gerad er L inie w ir zuvo r gew esen w aren, und im nächsten A ugenblick erw achte
m it d em M o nd . Ich schätzte, es m o chte A nfang D ezem b er sein. In ich in der hell erleuchteten K irche - in m einer Z eit. D ie F rau
unserer Z eit w ar es M ai. Im M ai ist O rio n um d iese Z eit n i r g e n d s b ekreuzigte sich und stand auf. Ich tat es ihr m echanisch gleich. S ie
z u se h e n . Ic h sta rrte in d e n M o n d , so la n g e ic h k o n n te . N ichts nahm m einen A rm und w andte sich zur T ür.
veränd erte sich. E s w ar tatsächlich d er M o nd , so w eit ich »W arten S ie, w arten S ie«, sagte ich - und w ar überrascht, daß ich
feststellen ko nnte. D ie zeitliche D isp arität ab er b eunruhigte m ich sp rechen ko nnte. Ich ko nnte nicht klar d enken, und d o ch w o llte
sehr. ic h ih r e in e k o m p liz ie rte F ra g e ste lle n . W a s ic h w isse n w o llte ,
W ä h re n d ic h n o c h e in m a l d e n sü d lic h e n H o riz o n t a b su c h te . w ar, w ie jem and nur die E nergie haben konnte, alle D etails einer
g la u b te ic h je n e n g lo c k e n fö rm ig e n B e rg g ip fe l z u e rk e n n e n , d e r ganzen S tadt zu visualisieren.
von D on Juans P atio zu sehen w ar. N un versuchte ich m ir vorzu- L ächelnd b eantw o rtete d ie F rau m eine unausgesp ro chene F rage.
ste lle n , w o se in H a u s ste h e n m o c h te . E in e n A u g e n b lic k m e in te S ie se i se h r g u t im V isu a lisie re n , sa g te sie , n a c h d e m sie e s e in
ic h e s g e fu n d e n z u h a b e n . Ic h w a r so g e b a n n t, d a ß ic h m e in e L eb en lang getan hatte - und d ann d ie Z eit v i e l e r , vieler L eb en
H a n d d e m G riff d e r F ra u e n tw a n d . S o fo rt ü b e rfie l m ic h u n g e - gehabt hatte, es zu vervollkom m nen. D iese S tadt, die ich gesehen
h e u re A n g st. Ic h w u ß te , ic h m u sste z u r K irc h e z u rü c k k e h re n , hätte, und d ie K irche, in d er w ir m iteinand er gesp ro chen hätten,
d enn falls ich es nicht t a t , w ürd e ich auf d er S telle to t um fallen. fuhr sie fo rt, seien nur B eisp iele ihrer jüngsten V isualisierungen.
Ic h d re h te m ic h u m u n d ra n n te lo s, z u r K irc h e . D ie F ra u p a c k te D ie K irche sei dieselbe K irche, in der S ebastian als K üster gear-
rasch m eine H and und fo lgte m ir. b eitet hab e. A us d er N o tw end igkeit, zu üb erleb en, hab e sie sich
W ährend w ir uns im L aufschritt d er K irche näherten, w urd e m ir d ie A u fg a b e g e ste llt, sic h a lle D e ta ils u n d je d e n W in k e l d ie se r
bew ußt, daß die S tadt in diesem T raum hinter der K irche gelegen K irche ins G edächtnis einzuprägen, und übrigens auch die ganze
w a r. H ä tte ic h d ie s b e rü c k sic h tig t, d a n n w ä re v ie lle ic h t e in e Stadt.
O rientierung m ö glich gew esen. Jetzt ab er hatte ich keine T raum - Sie beendete ihre R ede m it einem höchst beunruhigenden G edank e n .
A ufm erksam keit m ehr. W as m ir d avo n geb lieb en w ar, ko nzen- »N a c h d e m d u n u n d ie se S ta d t e in ig e rm a ß e n k e n n st, a u c h w enn
trie rte ic h a u f d ie A rc h ite k tu r u n d d ie o rn a m e n ta le n D e ta ils a n d u nie versucht hast, sie zu visualisieren«, sagte sie, »w irst d u m ir
d er R ückseite d er K irche. D iesen T eil d es G eb äud es hatte ich in jetzt helfen, sie zu b eab sichtigen. Ich m ö chte w etten, d u w irst m ir
d er A lltagsw elt nie gesehen, und falls ich m ir sein A ussehen ins nicht glauben, w enn ich dir sage, daß diese S tadt, die du vor dir
G edächtnis einprägen konnte, so glaubte ich, könnte ich es später siehst, außerhalb deiner und m einer A bsicht gar nicht existiert.«
m it d en D etails d er realen K irche vergleichen.
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Sie schaute mich an und lachte über mein Entsetzen, denn ich Ich b lieb stehen. »W ir w erd en viel Z eit zusam m en verb ringen? «
hatte mir eben erst klargemacht, was sie sagte. »Träumen wir?« fragte ich und verriet m eine A hnungen.
fragte ich erstaunt. »N atürlich«, antw ortete sie fröhlich. »D u w irst, w as ich sehr groß-
»Oh. ja«, sagte sie. »Aber dieser Traum ist wirklicher als der an- z ü g ig fin d e , m ir k o ste n lo s d e in e E n e rg ie sc h e n k e n . D a s h a st d u
dere, weil du mir hilfst. Man kann es unmöglich erklären - man selb st gesagt, nicht w ahr? « Ich w ar entgeistert.
kann nur sagen, daß es geschieht. Wie alles andere.« Sie deutete »W a s ist lo s? « sa g te d ie F ra u , w ie d e r in s S p a n isc h e w e c h se ln d .
mit der Hand in die Runde. »Es ist unmöglich zu sagen, wie es »S a g e m ir n ic h t, d a ß d u d e in e E n tsc h e id u n g b e re u st. W ir sin d
passiert, aber es passiert. Erinnere dich immer daran, was ich dir Z a u b e re r. E s ist z u sp ä t, d e in e n E n tsc h lu ß z u ä n d e rn . D u h a st
gesagt habe: dies ist das Geheimnis des Beabsichtigens in der d o ch keine A ngst, nicht w ahr? «
zweiten Aufmerksamkeit.« Ic h w a r sc h o n w ie d e r m e h r a ls v e rä n g stig t, a b e r h ä tte ic h m ic h
Sie zog mich sachte näher zu sich. »Komm, schlendern wir zur fe stle g e n so lle n , w o v o r ic h e ig e n tlic h A n g st h a tte , ic h h ä tte e s
Plaza dieses Traumes«, sagte sie. »Aber vielleicht sollte ich mich, n ic h t g e w u ß t. G a n z b e stim m t h a tte ic h k e in e A n g st d a v o r, m it
dir zuliebe, ein wenig zurechtmachen.« je n e r, d ie d e m T o d e tro tz te , in e in e m a n d e re n T ra u m z u se in -
Ich sah sie verständnislos an, während sie mit geschickten Hand- o d e r d a v o r, m e in e n V e rsta n d o d e r g a r m e in L e b e n z u v e rlie re n .
griffen ihr Äußeres veränderte. Es geschah mit einem sehr einfa- H atte ich A ngst vo r d em B ö sen? fragte ich m ich. D o ch d ie V o r-
chen, irdischen Manöver. Sie legte ihren langen Rock ab, und zum s te llu n g des B ösen h ie lt genauerer P rüfung nicht stand. Infolge all
Vorschein kam der ganz normale, dreiviertellange Rock, den sie d ie se r Ja h re a u f d e m W e g d e r Z a u b e re r w u ß te ic h o h n e je d e n
darunter trug. Dann steckte sie ihren langen Zopf zu einem Z w eifel, d aß es im U niversum nur E nergie gib t; d as B ö se ist nur
Knoten auf und vertauschte ihre Guaraches gegen halbhohe eine A usgeb urt d es m enschlichen D enkens, b eherrscht d urch d ie
Schuhe, die sie in einem kleinen Leinenbeutel bei sich hatte. Dann F ixierung d es M o ntagep unktes in seiner üb lichen P o sitio n. L o gi-
wendete sie ihren schwarzen Shawl, und es war eine beige Stola. scherw eise gab es also nichts, w ovor ich m ich hätte fürchten sollen.
Jetzt sah sie aus wie die typische Mittelschicht-Mexikanerin aus der D as w ußte ich, aber ich w ußte auch, daß m eine w ahre Schw äche in
City, vielleicht auf Besuch in dieser Stadt. Mit fraulicher der m angelnden B ew eglichkeit lag, m einen M ontagepunkt augen-
Selbstsicherheit nahm sie meinen Arm und führte mich auf dem b licklich in d er P o sitio n, in d ie er verscho b en w urd e, zu fixieren.
Weg zur Plaza. D er K ontakt m it der. die dem T ode trotzt, verschob m einen M on-
»Was ist mit deiner Zunge passiert?« sagt sie auf Englisch. »Hat tagepunkt in gew altigem M aß, und ich hatte nicht die K raft, diesem
die Katze sie gefressen?« S chub stand zuhalten. E rgeb nis w ar ein P seud o -G efühl d er A ngst,
Ich war in Gedanken ganz bei der unvorstellbaren Möglichkeit, ich könnte vielleicht nicht w ieder aufw achen. »K e in P ro b le m «, sa g te
daß ich noch immer in einem Traum sei; mehr noch, ich fing an zu ic h . »K o m m e n S ie , se tz e n w ir u n se re n T raum -S paziergang fort.«
glauben, daß ich, falls es sich so verhielt, in Gefahr war, nie wieder S ie h a k te sic h b e i m ir u n te r, u n d sc h w e ig e n d k a m e n w ir in d e n
aufzuwachen. P ark. E s w ar keinesw egs ein gezw ungenes S chw eigen. M eine G e-
In gleichgültigem Ton, den ich gar nicht als meine Stimme er- danken aber rasten im K reis. W ie seltsam , dachte ich. V or kurzem
kannte, sagte ich: »Mir wird eben erst klar, daß Sie vorhin e rst w a r ic h m it D o n Ju a n v o m P a rk z u r K irc h e g e la u fe n , b e -
englisch zu mir sprachen. Wo haben Sie es gelernt?« »In der Welt h e rrsc h t v o n sc h re c k lic h e r, a b e r n o rm a le r A n g st. Je tz t lie f ic h
dort draußen. Ich spreche viele Sprachen.« Sie hielt inne und z u rü c k v o n d e r K irc h e z u m P a rk - m it d e m G e g e n sta n d d ie se r
musterte mich. »Ich hatte Zeit genug, sie zu lernen. Da wir viel m e in e r A n g st, u n d ic h w a r fu rc h tsa m e r d e n n je - a b e r a u f e in e
Zeit zusammen verbringen werden, kann ich dir irgendwann meine a n d e re , re ife re , tö d lic h e re A rt.
eigene Sprache beibringen.« Sie kicherte, zweifellos über mein
ratloses Gesicht.
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U m m e in e B e fü rc h tu n ge n a b z u w e h re n , sc h a u te ic h m ic h u m . 13. Auf den Flügeln der Absicht fliegen
F a lls d ie s e i n T ra u m w a r, w ie ic h v e rm u te te , d a n n ga b e s e in e
M öglichkeit, dies zu bew eisen oder zu w iderlegen. Ich deutete m it
dem Finger auf die H äuser, auf die K irche, auf das Straßenpflaste r.
Ic h d e u te te a u f M e n sc h e n , ic h d e u te te a u f a lle s. T o llk ü h n griff
ich sogar ein paar M al m it der H and nach M enschen, die ich dam it
ziem lich zu erschrecken schien. Ich spürte ihre feste M asse. Sie
w aren so w irklich w ie alles, w as für m ich W irklichkeit bedeut e t , n u r »Strenge dich an, Nagual«, beschwor mich die Stimme einer Frau.
d aß sie kein e E n ergie erzeu gten . N ich ts in d ieser S tad t erzeugte »Laß dich nicht fallen. Tauche auf, tauche auf. Setze deine
E nergie. A lles w irkte real und norm al, und doch w ar es ein T raum . Traum-Techniken ein!«
Ic h d re h te m ic h u m z u d e r F ra u , d ie n o c h im m e r m e in e n A rm Mein Verstand begann zu arbeiten. Mir war, als sei es eine Englisch
festh ielt, u n d b efragte sie d esh alb . sprechende Stimme, und ich glaubte auch, daß ich, sollte ich meine
»W ir trä u m e n «, sa gte sie m it ih re r h e ise re n S tim m e u n d k i - Traum-Techniken einsetzen, einen Ausgangspunkt finden musste,
cherte. um meine Energie zu aktivieren.
»A ber w ie können M enschen und D inge um uns her so w irklich »Mach die Augen auf«, sagte die Stimme. »Mach sie auf, jetzt.
sein, so dreidim ensional?« Nutze das erste, was du siehst, als Ausgangspunkt.« Mit größter
»D as G eheim nis des B eabsichtigens in der zw eiten A ufm erksam - Anstrengung schlug ich die Augen auf. Ich sah Bäume und blauen
k e it!« rie f sie e h rfü rc h tig. »D ie se L e u te d o rt d ra u ß e n sin d so Himmel. Es war Tag. Ein verschwommenes Gesicht blickte mich
w irklich, daß sie sogar G edanken haben.« an. Aber ich konnte meinen Blick nicht zentrieren. Ich glaubte, es
D ies w ar für m ich der letzte S treich. Ich w ollte nichts w eiter frage n . sei die Frau aus der Kirche, die mich anschaute.
Ic h w o llte m ic h d ie se m T ra u m ü b e rla sse n . E in k rä ftige r R uck »Benutze mein Gesicht«, sagte die Stimme. Es war eine vertraute
an m einem A rm brachte m ich w ieder zurück ins Jetzt. W ir w aren Stimme, aber ich konnte sie nicht identifizieren. »Mach mein Ge-
auf der P laza angekom m en. D ie F rau w ar stehengeblieben und zog sicht zu deinem Basislager. Dann schau auf alles andere«, fuhr die
m ich neben sich auf eine B ank. Ich w ußte gleich, als ich m ic h Stimme fort.
se tz te u n d d ie B a n k n i c h t u n te r m ir fü h lte , d a ß ic h in Meine Ohren wurden aufnahmebereit, auch meine Augen. Ich
S ch w ierigkeiten w ar. Ich b egan n h eru m zu w irb eln . M ir w ar, als starrte auf das Gesicht der Frau, dann auf die Bäume im Park, auf
zöge es m ich em por. Ich w arf noch einen letzten, flüchtigen B lick die schmiedeeiserne Bank, auf Leute, die vorbeischlenderten, und
au f d en P ark, als säh e ich ih n vo n w eit o b en . »D a s ist e s!« sc h rie wieder auf ihr Gesicht.
ic h . Ic h d a c h te , ic h ste rb e . D ie w irb e ln d e A ufw ärtsbew egung Trotz der Tatsache, daß ihr Gesicht sich jedesmal veränderte,
verw andelte sich in einen taum elnden Sturz in die D unkelheit. wenn ich es anstarrte, spürte ich doch ein Minimum an Selbstkon-
trolle. Als ich mich etwas besser in der Hand hatte, erkannte ich.
daß eine Frau auf der Bank saß und meinen Kopf auf ihrem Schoß
hielt. Und es war nicht die Frau aus der Kirche. Es war Carol
Tiggs.
»Was machst du hier?« stieß ich hervor.
Ich war so erschrocken und überrascht, daß ich aufspringen und
davonlaufen wollte; aber mein Körper wollte meinem bewußten
Verstand nicht gehorchen. Qualvolle Augenblicke folgten, wäh-
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rend ich so verzweifelt wie vergeblich aufzustehen versuchte. Die »W ie? W ann?«
Welt um mich her war zu deutlich, als daß ich glauben konnte, ich »V o r d e r K irc h e . V o r e in e r S tu n d e , u n g e fä h r. Ic h k a m a u f d ie
sei noch immer im Traum. Und doch ließ die Hemmung meiner P laza hier, um d ich zu suchen. D er N agual hatte m ich geschickt,
motorischen Kontrolle mich annehmen, daß dies wirklich ein nach d ir zu sehen. D ie K leid er hatte ich m itgeb racht, nur für alle
Traum sei. Außerdem war Carols Anwesenheit allzu überra- Fälle.«
schend. Es gab nichts, was mich darauf vorbereitet hätte. Ic h sa g te ih r, w ie v e rle g e n ic h m ic h fü h lte ; e s se i m ir p e in lic h .
Vorsichtig versuchte ich mich mit Willenskraft aufzurichten, wie o hne K leid er herum gelaufen zu sein.
ich es hunderte Male im Traum getan hatte, aber nichts geschah. »S eltsam erw eise w ar niem and in d er N ähe«, versicherte sie. A b er
Wenn ich jemals Objektivität gebraucht hätte, dann dieses Mal. ich glaub te, sie sagte es nur, um m ir m eine V erlegenheit zu neh-
So vorsichtig, wie ich nur konnte, begann ich alles in meinem m e n . Ih r v e rsp ie lte s L ä c h e ln v e rrie t e s m ir. »Ich w ar w o hl d ie
Gesichtkreis anzuschauen, zuerst mit einem Auge und dann mit ganze N acht zusam m en m it d er, d ie d em T o d e tro tz t, v ie lle ic h t
dem anderen Auge. Die Übereinstimmung zwischen den Bildern so g a r lä n g e r«, sa g te ic h . »W e lc h e r T a g ist heute?«
meiner beiden Augen nahm ich als Zeichen dafür, daß ich in der »K üm m ere dich nicht um das D atum «, sagte sie lachend. »W enn du
geläufigen Realität der Alltagswelt war. w ieder im G leichgew icht bist, kannst du selbst die T age zählen.«
Sodann prüfte ich Carol. Im gleichen Moment merkte ich, daß ich »M ach keine S paße m it m ir, C arol T iggs. W elcher T ag ist heute?«
meine Arme bewegen konnte. Nur die untere Hälfte meines Körpers Ic h sp ra c h m it e in e r ra u h e n , g e sc h ä ftsm ä ß ig e n S tim m e , d ie m ir
war regelrecht paralysiert. Ich berührte Carols Gesicht und ihre g a r n ic h t b e k a n n t v o rk a m .
Hände. Ich umarmte sie. Sie war fest - und, wie ich glaubte, die »E s ist d e r T a g n a c h d e r g ro ß e n F ie sta «, sa g te sie u n d g a b m ir
echte Carol Tiggs. Ich empfand enorme Erleichterung, denn für e in e n K la p s a u f d ie S c h u lte r. »W ir a lle h a b e n d ic h se it g e ste rn
einen Moment hatte ich den dunklen Verdacht gehabt, sie sei die, ab end gesucht.« »A b er, w as m ache ich hier? «
die dem Tode trotzt, verkleidet als Carol Tiggs. Ganz behutsam »Ic h h a b e d ic h in s H o te l g e b ra c h t, h i e r a n d e r P la z a . Ic h k o n n te
half Carol mir, mich auf der Bank aufzurichten. Ich hatte flach auf d ich nicht d en ganzen W eg b is zum H aus d es N aguals schlep p en.
dem Rücken gelegen, halb auf der Bank und halb am Boden. Und V or ein paar M inuten bist du aus dem Z im m er gelaufen - und hier
jetzt bemerkte ich etwas völlig Ungewöhnliches. Ich trug sind w ir geland et.«
verwaschene Blue Jeans und abgetragene braune Lederstiefel. »W arum hast d u nicht d en N agual um H ilfe geb eten? « »W eil dies
Auch hatte ich eine Levi's-Jacke und ein Jeans-Hemd an. eine S ache ist, die nur dich und m ich betrifft. W ir m üssen sie
»Warte mal«, sagte ich zu Carol. »Sieh mich an. Sind das meine zusam m en d urchstehen.«
Kleider? Bin ich ich selbst?« D as brachte m ich zum S chw eigen. W as sie sagte, klang m ir völlig
Carol lachte und rüttelte mich an den Schultern, wie sie es gerne v e rn ü n ftig . Ic h ste llte ih r n o c h e in e m e in e r n ö rg e ln d e n F ra g e n :
tat, um Kameradschaft und Jungenhaftigkeit zu unterstreichen - »W as sagte ich, als d u m ich hier gefund en hattest? « »D u sagtest,
und daß sie »ein Kumpel« sei. d u w ärst so t i e f in d er zw eiten A ufm erksam keit gew esen, und so
»Was ich vor mir sehe, bist du, in aller Schönheit«, sagte sie - mit lange, d aß d u d einen V erstand no ch nicht b eisam m e n h ä tte st. U n d
ihrem spaßig gepreßten Falsett. »Oh, Massa, wer sonst könnte es d a ß d u n u r e in e n W u n sc h h ä tte st, z u sc h la fen.«
denn sein?« »W ann habe ich m eine m otorische K örperkontrolle verloren?«
»Wieso, zum Teufel, trage ich Levi's-Jeans und Stiefel«, beharrte »E b e n e rst. D u w irst sie w ie d e rfin d e n . W e n n m a n in d ie z w e ite
ich. »So etwas besitze ich nicht.« A u fm e rk sa m k e it e in tritt u n d e in e n sta rk e n E n e rg ie -S to ß e rh ä lt,
»Du hast meine Kleider an. Als ich dich fand, warst du nackt.«
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das weißt du selbst, ist es doch ganz normal, daß man die Körper- »Ich habe sie getroffen, weil der Nagual sagte, daß wir beide - du
kontrolle und die Sprache verliert.« »Und wann hast du dein und ich - austauschbar sind. Aus keinem anderen Grund. Unsere
Lispeln verloren?« Sie war völlig überrascht. Sie sah mich an und Energiekörper haben sich oft vereinigt. Erinnerst du dich nicht?
fing an, schallend zu lachen. »Ich arbeite schon lange daran«, Die Frau und ich sprachen darüber, wie leicht wir uns vereinigen
gestand sie. »Ich glaube, es ist ziemlich ärgerlich, eine erwachsene können. Ich blieb etwa drei bis vier Stunden bei ihr, bis der Na-
Frau lispeln zu hören. Außerdem verabscheust du es.« gual mich holen kam.«
Das Geständnis, daß ich ihr Lispeln verabscheut hatte, fiel mir »Bist du die ganze Zeit in der Kirche geblieben?« fragte ich. Denn
nicht schwer. Don Juan und ich hatten versucht, sie zu heilen. ich konnte kaum glauben, daß die beiden so lange - drei bis vier
Aber wir waren zu dem Schluss gekommen, daß sie gar kein In- Stunden - dort drinnen gekniet hatten, nur um über die Vereini-
teresse daran hatte, geheilt zu werden. Ihr Lispeln machte sie ganz gung unserer Energiekörper zu reden.
reizend, und Don Juan war der Meinung, es gefiele ihr so gut, daß »Sie nahm mich mit, in einen anderen Aspekt ihrer Absicht«.
sie sich nie davon trennen würde. Sie jetzt ohne Lispeln sprechen gestand Carol nach kurzem Nachdenken. »Sie ließ mich sehen.
zu hören, war ermutigend und erfreulich für mich. Es bewies mir, wie sie tatsächlich ihren Zwingherren entkam.« Und dann erzählte
daß sie zu radikalen Veränderungen fähig war - was Don Juan und Carol eine ganz faszinierende Geschichte. Nach allem, was die
ich immer bezweifelt hatten. »Was sagte der Nagual noch, als er Frau in der Kirche ihr gezeigt hatte, sagte sie. mußten alle Zauberer
dich nach mir ausschickte'.'« fragte ich. der Vorzeit unvermeidlich den anorganischen Wesen zum Opfer
»Er sagte, du hättest einen Zusammenstoß mit dem, der dem Tode fallen. Nachdem die anorganischen Wesen sie eingefangen hatten,
trotzt.« gaben sie ihnen Macht, um sie als Mittler zwischen unserer Welt
Geheimnisvoll vertraute ich Carol an, daß der, dem Tode trotzt, und der ihren zu benutzen, die bei den Menschen die Unterwelt
eine Frau sei. Unbeeindruckt sagte sie. das wisse sie längst. »Wie hieß.
kannst du das wissen?« schrie ich. »Niemand hat es gewußt. bis auf Auch der, der dem Tode trotzt, verfing sich unvermeidlich in den
Don Juan. Hat er selbst es dir gesagt?« »Natürlich«, antwortete Netzen der anorganischen Wesen. Jahrtausende, so schätzte Carol,
sie, wenig beeindruckt von meinem Geschrei. »Vielleicht ist dir verbrachte er in Gefangenschaft, bis zu dem Augenblick, da es
entgangen, daß auch ich die Frau aus der Kirche getroffen habe. ihm gelang, sich in eine Frau zu verwandeln. Dies hatte er klar als
Und ich traf sie vor dir. Wir haben uns in der Kirche ein Weilchen seinen Fluchtweg aus jener Welt erkannt - an dem Tag, als er
freundlich unterhalten.« Ich wollte gern glauben, daß Carol die herausfand, daß die anorganischen Wesen das weibliche Prinzip
Wahrheit sprach. Was sie da erzählte, konnte ich Don Juan für unbesiegbar halten. Sie glauben, daß das weibliche Prinzip
durchaus zutrauen. Wahrscheinlich hatte er Carol als eine solche Geschmeidigkeit, eine solche Bandbreite hat. daß
Kundschafterin ausgesandt, um sich ein eigenes Bild von der Lage seine Angehörigen unangreifbar sind durch Fallen oder Tricks
zu machen. »Wann trafst du sie. die dem Tode trotzt?« fragte ich. und kaum gefangengehalten werden können. Die Verwandlung
»Oh, vor ein paar Wochen«, antwortete sie, in beiläufigem Ton. dessen, der dem Tode trotzt, war so vollkommen und weitgehend.
»Es war nichts Besonderes für mich. Ich hatte ihr keine Energie daß er sofort aus dem Reich der anorganischen Wesen ausgestoßen
zu geben - oder nicht die Energie, die diese Frau braucht.« wurde.
»Warum also hast du dich mit ihr getroffen? Gehört die Begeg- »Hat sie dir erzählt, ob die anorganischen Wesen noch immer
nung mit der Nagual-Frau ebenfalls zur Vereinbarung der dem hinter ihr her sind?« fragte ich.
Tode Trotzenden mit den Zauberern?« »Natürlich sind sie hinter ihr her«, versicherte Carol. »Die Frau
sagte mir, daß sie jeden Augenblick ihres Lebens ihre Verfolger
abwehren muß.« »Was können sie ihr anhaben?«
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»Erkennen, daß sie in Wahrheit ein Mann ist, und sie wieder ge- »Was mich interessiert, ist, was los ist mit der dem Tode Trotzenden
fangennehmen, vermute ich. Ich glaube, sie fürchtet sie mehr, als - und nicht dein Aussehen.«
du es für möglich halten würdest.« »Du würdest dich wundern, wie wichtig es ist. mein Aussehen.« Sie
Unbekümmert erzählte Carol mir, daß die Frau in der Kirche lachte. »Es ist für uns beide eine Frage auf Leben und Tod.« »Was
genau über meinen Zusammenstoß mit den anorganischen Wesen redest du da? Du erinnerst mich an den Nagual, als er meine
informiert sei und daß sie auch von dem blauen Scout wisse. Begegnung mit dem, der dem Tode trotzt, arrangierte. Er machte
»Sie weiß alles von dir und mir«, fuhr Carol fort. »Nicht, weil ich mich ganz verrückt mit seinen geheimnisvollen Reden.« »Waren
ihr etwas erzählt hätte, sondern weil sie zu unserem Leben und seine geheimnisvollen Reden etwa nicht berechtigt?« fragte Carol
unserer Linie gehört. Sie sprach davon, daß sie alle von uns be- mit todernstem Gesicht. »Doch, natürlich«, musste ich zugeben.
gleitet hat, immer, besonders dich und mich.« Und Carol erzählte »Also, das gilt auch für mein Aussehen. Sag deine Meinung - wie
Beispiele dafür, daß die Frau Dinge wußte, die Carol und ich findet du mich? Anziehend? Abstoßend, attraktiv, durchschnittlich,
gemeinsam getan hatten. Und während sie erzählte, spürte ich eine widerlich, überwältigend, übertrieben?« Ich überlegte einen
unglaubliche Sehnsucht nach eben der Person, die vor mir saß: Augenblick, dann traf ich mein Urteil. Ich fand Carol sehr
Carol Tiggs. Wie sehr wünschte ich mir. sie zu umarmen. Ich anziehend. Das war mir ganz fremd. Noch nie hatte ich bewußt
streckte die Arme nach ihr aus. verlor aber das Gleichgewicht und über ihre Anziehung nachgedacht. »Ich finde dich göttlich
fiel von der Bank. schön«, sagte ich. »Tatsächlich, du bist regelrecht überwältigend.«
Carol half mir vom Boden auf und untersuchte besorgt meine »Dann ist mein Aussehen wohl richtig.« Sie seufzte. Ich sinnierte
Beine, die Pupillen meiner Augen, meinen Hals und meinen Rük- noch über die Bedeutung ihrer Worte, als sie weitersprach. Sie
ken. Sie sagte, daß ich wahrscheinlich noch immer unter den fragte: »Wie war es mit der, die dem Tode trotzt?«
Folgen eines Energie-Schocks litte. Sie zog meinen Kopf an ihre Kurz und bündig erzählte ich ihr von meinem Erlebnis, haupt-
Brust und liebkoste mich - als versuchte sie ein simulierendes sächlich von dem ersten Traum. Ich sagte, ich sei überzeugt, daß
Kind zu trösten. die, die dem Tode trotzt, mir diese Stadt gezeigt habe, doch in
Nach einer Weile ging es mir wirklich besser. Ich fand sogar meine einer anderen Zeit, in der Vergangenheit.
motorische Kontrolle wieder. »Aber das ist unmöglich«, platzte Carol heraus. »Es gibt weder
»Wie bin ich angezogen?« fragte mich Carol ganz unvermittelt. Zukunft noch Vergangenheit im Universum. Es gibt nur den
»Findest du mich zu aufgetakelt für den Anlaß? Oder gefalle ich Augenblick.«
dir?« »Ich weiß, es war die Vergangenheit. Es war dieselbe Kirche, aber
Carol war immer tadellos angezogen. Wenn sie einen unbestreit- die Stadt war anders.«
baren Vorzug hatte, so war es ihr sicherer Geschmack, was »Denk einmal nach. Im Universum gibt es nur Energie. Und
Kleider betraf. Tatsächlich war es. solange ich sie kannte, ein Energie kennt nur ein Hier und Jetzt: ein endloses und immer
ständiger Witz zwischen Don Juan und uns anderen, daß ihre einzige gegenwärtiges Hier und Jetzt.« »Was glaubst du also. Carol. ist mit
Tugend in ihrem Sinn für schöne Kleider bestünde, die sie mit mir passiert?« »Mit Hilfe derer. die dem Tode trotzt, hast du die
Anmut und Stil zu tragen wußte. vierte Pforte des Träumens durchschritten«, sagte sie. »Die Frau in
Ich war befremdet von ihrer Frage und sagte ihr dies. »Warum der Kirche nahm dich mit in ihren Traum, in ihre Absicht. Sie nahm
sorgst du dich um dein Aussehen? Es hat dich noch nie geküm- dich mit in ihr Visualisieren dieser Stadt. Offenbar hatte sie die
mert. Willst du jemandem imponieren?« »Dir will ich natürlich Stadt in
imponieren«, sagte sie. »Jetzt ist aber nicht der richtige
Zeitpunkt«, protestierte ich.
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der Vergangenheit visualisiert, und dieses Visualisieren ist noch h ie lt, auch w enn ich nicht w ußte, w as es sei, das sie da definiert
immer intakt in ihr. Wie auch ihre Visualisierung der jetzigen h a tte . H ätte ich m ich bew egen können, ich w äre aufgesprungen
Stadt in ihr lebendig sein muß.« und hätte sie um arm t. S ie lächelte selig, w ährend ich w eiterhin
Wir schwiegen lange, dann stellte Carol eine weitere Frage: »Was d rauflo s schw atzte, w ie einsichtig ihre W o rte m ir w ären. P athe-
hat die Frau sonst noch mit dir gemacht?« tisc h v e rk ü n d e te ic h , D o n Ju a n h ä tte m ir n ie e tw a s ä h n lic h
Ich erzählte Carol von dem zweiten Traum. Dem Traum von der B edeutsam es gesagt.
Stadt, wie sie heute aussieht. »V ielleicht w eiß er es nicht«, sagte C aro l - ab er nicht vo rw urfs-
»Da haben wir's«, sagte sie. »Nicht nur hat die Frau dich in ihre voll, sondern versöhnlich.
frühere Absicht mitgenommen, sondern sie half dir auch, die Ich w ollte ihr nicht w idersprechen. Ich schw ieg eine W eile, son-
vierte Pforte zu durchschreiten, indem sie deinen Energiekörper in d e rb a r g e d a n k e n le e r. D a n n b ra c h e n W ö rte r u n d G e d a n k e n a u s
eine andere Stadt reisen ließ, die heute existiert - nur eben in ihrer m ir hervo r, w ie aus einem V ulkan. L eute, d ie um d ie P laza sp a-
Absicht.« zierten, starrten uns an oder blieben vor uns stehen und beobach-
Carol wartete ab. dann fragte sie mich, ob die Frau in der Kirche te te n uns. W elch einen A nblick m ochten w ir bieten! C arol T iggs,
mir erklärt habe, was das Beabsichtigen in der zweiten Aufmerk- d ie m e in G e sic h t k ü ß te u n d lie b k o ste , w ä h re n d ic h u n e n tw e g t
samkeit bedeute. drauflos schw atzte über ihre K larsicht und über m eine B egegnung
Wohl erinnerte ich mich, daß sie davon gesprochen hatte, ohne m it d e r , die dem T ode tr o tz te .
mir aber eigentlich zu erklären, was es bedeute, in der zweiten A ls ich w ied er laufen ko nnte, führte sie m ich üb er d ie P laza zu
Aufmerksamkeit zu beabsichtigen. Carol hantierte hier mit Be- d e m e in z ig e n H o te l in d e r S ta d t. S ie ü b e rz e u g te m ic h , d a ß ic h
griffen, über die Don Juan noch niemals gesprochen hatte. no ch nicht genug E nergie h ä t t e , um d en W eg b is zu D o n Juans
»Woher hast du all diese neuen Ideen?« fragte ich, echt erstaunt H aus zu gehen; daß aber alle anderen w üßten, w o w ir uns befanden.
darüber, wie klarsichtig sie war. »W ie können sie w issen, w o w ir uns befinden?« »D er N agual ist
In beiläufigem Ton versicherte Carol. die Frau in der Kirche habe ein sehr tüchtiger alter Z auberer«, antw ortete sie lachend. »E r w ar
ihr eine Menge über solche Feinheiten beigebracht. »Wir es, der m ir sagte, falls ich dich in einem Zustand b e sc h ä d ig te r
beabsichtigen gerade jetzt in der zweiten Aufmerksamkeit«, fuhr sie E n e rg ie v o rfä n d e , so llte ic h d ic h lie b e r in s H o te l b rin g e n , sta tt
fort. »Die Frau in der Kirche ließ uns einschlafen. Dich hier, mich d a s R isik o e in z u g e h e n u n d d ic h d u rc h d ie g a n z e S tadt zu
in Tucson. Und dann schliefen wir noch einmal ein. in unserem schleppen.«
Traum. An diesen Teil erinnerst du dich nicht, aber ich wohl. Das Ih re W o rte u n d b e so n d e rs ih r L ä c h e ln b ra c h te n m ir so lc h e E r-
Geheimnis der Zwillingspositionen. Erinnerst du dich, was die Frau leichterung, daß ich in seliger B eschw ingtheit w eiterm arschierte.
dir sagte? Der zweite Traum ist das Beabsichtigen in der zweiten W ir gingen um die E cke, zum E ingang des H otels - einen halben
Aufmerksamkeit: die einzige Art. die vierte Pforte des Träumens S tra ß e n b lo c k w e ite r, g e n a u g e g e n ü b e r d e r K irc h e . W ir g in g e n
zu durchschreiten.« d u rc h d ie tro stlo se L o b b y, d a s b e to n ie rte T re p p e n h a u s h in a u f
Nach langer Pause, während ich kein Wort hervorbringen konnte, und auf den zw eiten S tock, direkt in ein unfreundliches Z im m er,
sagte sie: »Ich glaube, die Frau in der Kirche hat dir wirklich ein das ich noch nie gesehen h a tte . C arol sagte, ich sei schon einm al
Geschenk gemacht: auch wenn du keines annehmen wolltest. Ihr hier gew esen. D o ch ich hatte keinerlei E rinnerung, w ed er an d as
Geschenk war. daß sie ihre Energie mit der unseren verband, um H o tel no ch an d as Z im m er. Ich w ar ab er so m üd e, d aß ich nicht
sich rückwärts und vorwärts im energetischen Hier und Jetzt des d a rü b e r n a c h d e n k e n k o n n te . Ic h lie ß m ic h v o rn ü b e r a u fs B e tt
Universums zu bewegen.« fallen. Ich w ollte nur schlafen, und doch w ar ich zu aufgeregt. E s
Ich war außer mir vor Erregung. Carols Worte waren so exakt, so g a b d a z u v ie le o ffe n e F ra g e n , a u c h w e n n a lle s so g e o rd n e t e r-
zutreffend. Sie hatte mir etwas definiert, was ich für undefinierbar
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schien. P lötzlich überfiel m ich N ervosität, und ich richtete m ich »S o h a t d a s R a d e in e v o lle U m d re h u n g g e m a c h t«, sa g te ic h z u
auf. C arol. »D enn, sieh m ich an. Ich schw öre dir. das einzige, w as m ir
»Ich habe dir nie erzählt, daß ich die G abe derer. die dem T ode die K raft gibt w eiterzum achen, ist die F urcht, das N agual zu ver-
trotzt, nicht annehm en w ollte«, sagte ich - und sah C arol an. »W ie lieren.«
konntest du das w issen?« C arol starrte m ich an - m it einem seltsam en B lick, den ich nie bei
»O h, w eil du es m ir selbst gesagt hast«, protestierte sie, w ährend ih r b e m e rk t h a tte .
sie sich neben m ich setzte. »D u w arst so stolz darauf. E s w ar das »D a m ö c h te ic h w id e rsp re c h e n «, sa g te sie le ise . »D ie F u rc h t ist
erste, w om it du herausplatztest, als ich dich fand.« D ies w ar die nichts, verglichen m it L iebe. D ie F urcht lässt dich kopflos davon-
erste A ntw ort, bislang, die m ich nicht ganz befried igte . W a s sie laufen. D ie L ieb e lässt d ich klug hand eln.«
m ir b e ric h te te , k la n g n ic h t so , a ls h ä tte ic h e s gesagt. »W as sagst d u d a, C aro l T iggs? S ind d ie Z aub erleute neuerd ings
»Ic h gla u b e , d u h a st m ic h fa lsc h v e rsta n d e n «, sa gte ic h . »Ic h L iebesleute?«
w o llte n u r n ich ts h ab en , w as m ich vo n m ein em Z iel ab b rin gen S ie antw ortete nicht. S ie legte sich neben m ich und legte den K opf
könnte.« a