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Standards in der Wundversorgung

Standards des ICW e. V. für die Diagnostik


und Therapie chronischer Wunden
Standards of ICW e. V. for diagnostics and treatment of chronic
wounds

J. Dissemond, A. Bültemann, V. Gerber, B. Jäger, K. Kröger, C. Münter

ZUSAMMENFASSUNG SCHLÜSSELWÖRTER | Einleitung


Die Diagnostik und Therapie von Patienten Chronische Wunden, ABCDE-Regel, Essener Patienten mit chronischen Wunden stellen
mit chronischen Wunden ist eine enorme Kreisel, Levine-Technik, M.O.I.S.T.-Konzept in den verschiedenen Bereichen der Medi-
Herausforderung in den verschiedenen zin eine enorme Herausforderung dar. In
medizinischen Bereichen. In diese sehr die sehr komplexen Prozesse der Diagnos-
komplexen Prozesse sind Experten ver- SUMMARY tik und Behandlungen dieser Patienten sind
schiedener medizinischer Berufsgruppen The diagnostics and treatment of patients Experten verschiedener medizinischer Be-
mit unterschiedlichen Ausbildungen invol- with chronic wounds is an enormous chal- rufsgruppen mit unterschiedlichen Ausbil-
viert. Eine obligat notwendige Grundlage lenge in the various medical fields. In the dungen involviert. Eine obligat notwendige
für die Kommunikation und Dokumentation very complex processes, experts from dif- Grundlage für die Kommunikation und Do-
ist eine einheitliche Nomenklatur. Daher ferent medical professional groups with kumentation ist eine einheitliche Nomen-
hat der Vorstand des Initiative Chronische different training courses are involved. An klatur. Daher haben die Vorstände des Ini-
Wunde (ICW) e. V. aktuell damit begonnen essential requirement for communication tiative Chronische Wunde (ICW) e. V. und
verschiedene Begrifflichkeiten und Vorge- and documentation is a uniform nomencla- Wund-D.A.CH. aktuell damit begonnen,
hensweisen zu definieren, damit hier ein ture. Therefore, the executive committee verschiedene Begrifflichkeiten und Vorge-
einheitlicher Standard verwendet werden members of the Initiative Chronische Wunde hensweisen für die Diagnostik und Thera-
kann. (ICW) e.V. and Wund-D.A.CH. are currently pie zu definieren, damit hier ein einheitli-
Für die strukturierte Diagnostik chroni- beginning to define different concepts and cher Standard verwendet werden kann.
scher Wunden wurde ein einfach zu merken- procedures, so that a uniform standard can
der Algorithmus in Form der ABCDE-Regel be used.
entwickelt. Die Grundlage der erfolgreichen For the structured diagnostics of chronic | Definitionen des ICW e. V.
Therapie chronischer Wunden basiert dann wounds an easy-to-remember algorithm für die Wundbehandlung
auf einer möglichst kausal ansetzenden was developed in form of the ABCDE-rule. Es werden im Folgenden aktuelle Defini-
Behandlung der zugrundeliegenden, patho- Consecutively the basis for the successful tionen von Begriffen vorgestellt, die im
physiologisch relevanten Erkrankungen. Mit therapy of chronic wounds is based on the Rahmen der Wunddiagnostik und -thera-
dem M.O.I.S.T.-Konzept wurde ein Akronym most appropriate causal treatment of the pie angewendet werden [4, 6].
vorgestellt, dass Therapeuten eine Hilfestel- underlying pathophysiological relevant
lung bei der systematischen Planung der Lo- diseases. The new M.O.I.S.T.-concept pre- Wunde
kaltherapie bei Patienten mit chronischen sents an acronym that should help thera- Als Wunde wird der Barriereverlust zwi-
Wunden entsprechend der neusten Erkennt- pists in the systematic planning of a local schen dem Körper und der Umgebung durch
nissen bieten soll. therapy of chronic wounds according to the Zerstörung von Gewebe an äußeren oder
Durch die Verwendung von einheitlichen currently best practice. inneren Körperoberflächen bezeichnet.
Definitionen und Standards in der Wundbe- Through the use of uniform definitions
handlung, können aktuelle Diagnostik- und and standards in wound treatment, current Chronische Wunde
Behandlungsstrategien optimiert und bes- diagnostic and treatment strategies can be Eine Wunde, die nach 8 Wochen nicht ab-
ser nachvollziehbar werden. optimized and better comprehensible. geheilt ist, wird als chronisch bezeichnet.
Unabhängig von dieser zeitlich orientier-
KEYWORDS ten Definition, gibt es Wunden, die von Be-
Chronic wounds, ABCDE-rule, Essen rotary, ginn an als chronisch anzusehen sind, da
Prof. Dr. med. Joachim Dissemond Levine technique, M.O.I.S.T.-concept Ihre Behandlung eine Therapie der wei-
Universitätsklinikum Essen terhin bestehenden Ursache erfordert.
Klinik und Poliklinik für Dermatologie,
Venerologie und Allergologie
Hierzu gehören beispielsweise das diabe-
Hufelandstraße 55, 45122 Essen tische Fußulkus, Wunden bei pAVK, Ulcus
E-Mail: joachim.dissemond@uk-essen.de cruris venosum oder Dekubitus.

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Akute Wunde Rezidiv eines Symptoms weisen getroffen, die zukünftig in Doku-
Jede Wunde, die nicht chronisch ist, wird Ein Rezidiv eines Symptoms beschreibt menten, die über die ICW herausgebracht
als akut bezeichnet. das Wiederauftreten dieses Krankheits- werden verwendet werden sollte.
symptoms nach Behandlung, die zeitwei-
Erosion lig erfolgreich war, oder nach Heilung des Ulcus/Ulkus
Als Erosion/Schürfwunde wird eine ober- Symptoms. Es existieren jeweils zwei akzeptierte
flächliche Wunde bezeichnet, die aus- Dabei wird unterschieden: Schreibweisen:
schließlich die Epidermis/Oberhaut be- • Lokalrezidiv: Rezidiv, das erneut an ei- • Ulcus/Ulkus = singular
trifft. nem anatomischen Ort auftritt. • Ulcera/Ulzera = plural
• Symptomrezidiv: Rezidiv, das an einem
Ulkus anderen anatomischen Ort auftritt. Ulcus cruris
Als Ulkus/Geschwür wird eine tiefe Wun- Beispiel: Ulcus cruris venosum ist das Es werden folgende Schreibweisen festge-
de bezeichnet, die mindestens bis in die Symptom der Grunderkrankung CVI und legt:
Dermis/Unterhaut reicht. kann während des Krankheitsverlaufs wie- • Ulcus cruris: Eine Ulzeration an einem
derholt an unterschiedlichen Stellen auf- Unterschenkel
Wundrand treten. • Ulcera cruris: Mehrere Ulzerationen an
Als Wundrand wird die Grenze zwischen einem Unterschenkel
Wunde und intaktem Epithel bezeichnet. Compliance • U lcera crurum: Mehrere Ulzerationen
Wundumgebung - Als Wundumgebung Das nicht hinterfragte Befolgen der An- an beiden Unterschenkeln
wird der Bereich bezeichnet, der an den weisungen des Therapeuten durch den Pa- Beispiel: Ulcus cruris venosum
Wundrand grenzt und die Wunde umgibt. tienten. • Ulcus cruris venosum
• Ulcera cruris venosa
Nekrose Anmerkung: Der Patient soll unabhängig • Ulcera crurum venosa
Als Nekrose wird abgestorbenes, zuvor vi- davon, ob er die Sinnhaftigkeit der Anwei-
tales Gewebe bezeichnet. sung versteht, diese möglichst vollständig Anmerkung: Die Teile des Beines müssen
und korrekt umsetzen. hinsichtlich der Manifestation von Wun-
Gangrän den strikt voneinander differenziert wer-
Als Gangrän werden abgestorbene Kör- Adhärenz den. Das obere Sprunggelenk trennt ana-
perteile bezeichnet. Bei der Beschreibung Der Patient integriert auf Basis seines ei- tomisch den Unterschenkel vom Fuß; das
von abgestorbenem Gewebe in Wunden genen Krankheitsverständnisses die ge- Kniegelenk trennt anatomisch den Unter-
sprechen wir daher von Nekrose und nicht meinsam mit dem Therapeuten beschlos- schenkel vom Oberschenkel.
von Gangrän. sene Therapie in seinen Lebensalltag. Beispiel: Ein diabetisches Fußulkus/
diabetisches Fußsyndrom gibt es nicht am
Wundexsudat Anmerkung: Der Patient soll aktiv in die Unterschenkel. Hier wird eine Wunde als
Als Wundexsudat werden alle Flüssigkei- Entscheidungsfindung eingebunden wer- Ulcus cruris diabeticorum bezeichnet. So-
ten bezeichnet, die von einer Wunde frei- den. Hierfür muss, in Abhängigkeit von mit gibt es auch kein Ulcus cruris, z. B.
gesetzt werden. In Abhängigkeit des den Vorkenntnissen des Patienten, eine in- mixtum, am Fuß.
Wundzustandes kann diese Lymphe, Blut, dividuelle Patientenedukation erfolgen.
Proteine, Keime, Zellen und Zellreste be- Dekubitus
inhalten. Mazeration Hier ist die Definition wesentlich schwie-
Mazeration bezeichnet die Quellung oder riger, da es keine eindeutige Zuordnung
Rezidiv Aufweichung von Gewebe durch längeren zu einer lateinischen Deklination gibt. Es
Bei dem Wiederauftreten nach Behand- Kontakt mit Flüssigkeit. werden jetzt folgende Begrifflichkeiten
lung wird zwischen Krankheits- und Sym- vorgeschlagen:
ptomrezidiv unterschieden. Anmerkung: In der Wundbehandlung ist • Singular: Dekubitus oder Dekubitalulkus
die Mazeration der Epidermis am Wund- • Plural: Dekubitalulzera
Rezidiv einer Krankheit rand und in der Wundumgebung oft ein
Ein Rezidiv einer Krankheit beschreibt das Zeichen für unzureichendes Exsudatma- Adaptive Kompressionsbandage
Wiederauftreten dieser Erkrankung nach nagement. Es gibt zunehmend Bandagensysteme für
Behandlung, die zeitweilig erfolgreich war, die Kompressionstherapie, die über Klett-
oder nach spontaner Heilung. Beispiel: Tu- verschlüsse (engl. Velcro) adjustiert wer-
morrezidiv. | Schreibweisen des ICW e. V. den können. Hierfür wurden bislang ver-
für die Wundbehandlung schiedene Bezeichnungen, wie adaptive
Anmerkung: Bei chronischen Erkrankun- Da es teils sehr unterschiedliche Schreib- Kompressionsbandage, Velcro- oder
gen, z. B. Diabetes mellitus oder chroni- weisen für Begrifflichkeiten gibt, wollte Wrap-Bandage genutzt. Zukünftig soll ein-
scher venöser Insuffizienz (CVI) ist eine der Vorstand des ICW e. V., gemeinsam heitlich der Begriff adaptive Kompressi-
Heilung nicht möglich. Daher gibt es hier mit dem Beirat, auch hier Unklarheiten be- onsbandage verwendet werden.
kein Rezidiv. seitigen. Es wurde daher ein Konsens über
die im Folgenden beschriebenen Schreib-

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Tabelle 1 Tabelle 2
ABCDE-Regel für die Diagnostik der Ursa- Anamnestische Angaben der Patienten, die an spezifische Wundursachen denken las-
chen chronischer Wunden [5]. sen sollten. CVI = chronische venöse Insuffizienz, pAVK = periphere arterielle Verschluss-
krankheit.
A – Anamnese (Anamnesis)

B – Bakterien (Bacteria) Anamnestische Angabe Mögliche Wundursache


C – Klinische Untersuchung (Clinical examination) Auftreten „über Nacht“ Artefizielle Ulzera

D – Durchblutung (Defective vascular system) Abends „müde und schwere“ Beine CVI

E – Extras (Extras) Immobilität Dekubitus

Polyneuropathie, fehlende Schmerzhaftigkeit Diabetes →

Necrobiosis lipoidica Diabetes mellitus

Mehrkomponenten-System Zustand nach Knochenmarktransplantation Graft-versus-Host

Es gibt verschiedene Fertigsets mit unter- Niereninsuffizienz/Dialysepflicht Kalziphylaxie

schiedlichen Bindenkombinationen für die Auslandsaufenthalt, z. B. Tropen, östliches Afrika Leishmaniose


Kompressionstherapie, die aus verschie- Rezidivierendes Auftreten im Sommer Livedovaskulopathie
denen Komponenten, wie Kurzzug-, Lang-
Einnahme von z. B. Hydroxyurea, Phenprocoumon, Sirolimus Medikamente
zug- und Polster-Binden bestehen. Hierfür
Claudicatio intermittens („zeitweises Hinken“) pAVK
wurden bislang verschiedene Bezeichnun-
gen, wie Mehrkomponenten-System oder Beginn als „Insektenstich“, „Abszess“, nach Trauma z. B. Operation Pyoderma gangraenosum
Mehrlagen-System genutzt. Da aber jede Insuffizient eingestellter arterieller Hypertonus Ulcus hypertonicum
Kompressionsbandagierung grundsätz-
lich mehrlagig ist, auch wenn nur eine
Komponente verwendet wird, soll zukünf- der Grunderkrankung, inklusive Kompres- Anmerkung: Ekzem beschreibt lediglich
tig einheitlich der Begriff Mehrkomponen- sionstherapie, im Vordergrund. ein Symptom. Differenziert werden müs-
ten-System verwendet werden. sen hinsichtlich der Genese, z. B. allergi-
Pseudoatrophie blanche sches Kontaktekzem, toxisches Kontak-
Capillaritis alba/Atrophie blanche Narbe nach Abheilung eines Ulkus. tekzem, Stauungsdermatitis oder atopi-
Vorbemerkung: Bei Patienten mit CVI, Anmerkung: Entspricht bei CVI dem sche Dermatitis.
Livedovaskulopathie oder chronischen Ge- Stadium IIa nach Widmer, bzw. dem Sta-
fäßschäden durch die Einnahme von bei- dium C5 der CEAP-Klassifikation. Außer
spielsweise Hydroxyurea, kommt es durch einer Rezidivprophylaxe ist keine spezifi- | ABCDE-Regel für die
eine Vaskulopathie der Kapillaren bei fort- sche Therapie notwendig. Diagnostik chronischer
schreitender Erkrankung oft zu weißen Wunden
Hautveränderungen. Im weiteren Verlauf Arterielle Verschlussdruckmessung
kann es zu sehr schmerzhaften Ulzeratio- Für die Angabe der Werte bei arterieller Die Diagnostik chronischer Wunden soll-
nen kommen. Hier werden die Begriffe Ca- Verschlussdruckmessung wird meist ein te immer die Basis einer erfolgreichen
pillaritis alba und Atrophie blanche meist Akronym verwendet. Es soll folgende Ter- Therapie darstellen. Die ABCDE-Regel
synonym verwendet. Da sich jedoch oft die minologie genutzt werden: kann dabei helfen, das Konzept einer indi-
Schmerzhaftigkeit und insbesondere die Deutsch: KADI = Knöchel-Arm-Druck In- vidualisierten Diagnostik strukturiert zu
therapeutische Konsequenz unterschei- dex planen [5] (Tab. 1).
det, erscheint es sinnvoll, die entzündliche International: ABI = Ankle-brachial index
Frühform als Capillaritis alba von der we- A – Anamnese
niger entzündlichen Atrophie blanche im Erythem Die Anamnese sollte immer der erste
Verlauf zu differenzieren. Rötung der Haut. Schritt in der Diagnostik sein. Hier wird
der Patient u. a. sowohl zu der aktuellen
Capillaritis alba Ekzem Wunde als auch zu Wunden in der Vergan-
Sehr schmerzhafte Vaskulopathie der Nicht-infektiöse Entzündungsreaktion der genheit sowie Komorbiditäten befragt
Hautkapillaren. Haut. Klinisch gekennzeichnet ist ein Ek- (Tab. 2).
zem durch folgende typische Symptome:
Anmerkung: Therapeutisch kommen • A kutes Ekzem: Rötung, Schuppung, B – Bakterien
kurzfristig topisch hochpotente Glukokor- Juckreiz, Bläschen, Erosionen, Nässen Bakterien sind selten die alleinige Ursache
tikoide zum Einsatz. • Chronisches Ekzem: Rötung, Lichenifi- chronischer Wunden (Tab. 3). Oberfläch-
kation*, Schuppung, Juckreiz lich entnommene bakteriologische Abstri-
Atrophie blanche che werden meist für Screening-Untersu-
Weniger schmerzhafter chronischer Zu- chungen, insbesondere für den Nachweis
stand der Capillaritis alba. von multiresistenten Erregern (MRE) wie
* Lichenifikation: Verdickung und Vergröbe- z. B. Methicillin-resistenter Staphylococ-
Anmerkung: Hier steht die Behandlung rung der Hautstruktur. cus aureus (MRSA) entnommen. Bei die-

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Tabelle 3 Tabelle 4
Bakterien als Ursachen von chronischen Praktische Durchführung der bakteriologischen Wunddiagnostik [8].
Wunden.
Bakteriologischer Abstrich ohne vorherige Wundsäuberung
Bakterium Krankheitsbild  Nachweis/Ausschluss multiresistenter Erreger (Screening)

Chlamydia trachomatis Lymphogranuloma Bakteriologischer Abstrich mit vorheriger Wundsäuberung


venereum  Auffinden kausaler Erreger bei klinisch relevanter Wundinfektion
 Besiedlung/Infektion mit Hefepilzen
Corynebacterium Diphterie
diphtheriae Biopsie für die Erregerdiagnostik
 Wundinfektion bei tieferen Wunden, diabetischem Fußulcus
Haemophilus ducreyi Ulcus molle  Fistelgewebe, wenn kein Fistelinhalt gewonnen werden kann
 Vermutete Erreger: Mykobakterien, Leishmanien, Aktinomyzeten, Nocardien, Schimmelpilzen
Klebsiella granulomatis Granuloma inguinale
 Wundinfektion ohne Erregernachweis im Abstrich
Mycobakterien Buruli-Ulcus,
Lupus vulgaris
Tabelle 6
Treponema pallidum Lues (maligna) Pathologische Veränderungen von Wundumgebung und -rand. CVI = chronische venöse
Insuffizienz, pAVK = periphere arterielle Verschlusskrankheit, PG = Pyoderma gangraeno-
sum.
Tabelle 5
Typische Lokalisationen chronischer Wun-
den. CVI = chronische venöse Insuffizienz, Pathologische Veränderung Mögliche Wundursache
pAVK = periphere arterielle Verschluss- Atrophie blanche CVI, Livedovaskulopathie, Hydroxyurea
krankheit.
Beinglatze pAVK, Thrombangiitis obliterans
Krankheitsbild Lokalisation Ekzem CVI (Stauungsdermatitis), allergisches/toxisches Kontaktekzem
CVI Malleolus medialis Hyperkeratose Polyneuropathie, Plattenepithel-Karzinom
Dekubitus Sakral, Fersen Kühl und atroph pAVK
Diabetes mellitus Plantar, Vorfuß, Zehen Livides Erythem PG, Vaskulitis, Vaskulopathie, Ulcus hypertonicum, Kalziphylaxie
Necrobiosis lipoidica Tibia, Fußrücken Sklerose CVI (Dermatoliposklerose), Sklerodermie, Graft-versus-Host
pAVK Zehen, Vorfuß

Sklerodermie Fingerkuppen

Thrombangiitis obliterans Zehen


Durchführung entsprechend dem Essener oder sterilen Kompressen erfolgen, um kli-
Kreisel [1] stellt hier eine evaluierte, leicht nisch nicht relevante Kontaminanten zu
Ulcus hypertonicum Dorso-lateraler
Unterschenkel anwendbare Technik dar (Abb. 1). Bei kli- entfernen. Hier wird die Durchführung des
nischem Verdacht auf eine Wundinfekti- bakteriologischen Abstrichs entsprechend
on, sollte vor Durchführung bakteriologi- der Levine-Technik in dem klinisch infi-
sen Abstrichen sollte zuvor keine Wund- scher Abstriche eine Wundsäuberung mit ziert erscheinendem Areal empfohlen
säuberung vorgenommen werden. Die z. B. mit steriler physiologischer NaCl und/ (Abb. 2). Eine routinemäßige Entnahme
von Biopsien für die Erregerdiagnostik ist
für die meisten Patienten mit chronischen
Wunden nicht notwendig (Tab. 4). Biopsi-
en sollten allerdings bei Patienten mit
Wundinfektionen und tieferen Ulzeratio-
nen, diabetischem Fußulkus, schweren
Weichgewebeinfektionen, Fistelgewebe
oder V. a. spezifische Erreger wie z. B. My-
kobakterien, Leishmanien, Aktinomyze-
ten, Nocardien oder Schimmelpilzen er-
folgen [8].

C – Klinische Untersuchung
Bei der klinischen Untersuchung sind ne-
ben der anatomischen Lokalisation der
Wunden (Tab. 5) auch der Wundrand so-
wie die Wundumgebung wichtig, da hier
wichtige Hinweise auf die zugrundeliegen-
Abbildung 1 Abbildung 2 den Ursachen und Komplikationen diag-
Bakteriologischer Abstrich in Form des Bakteriologischer Wundabstrich in Le-
Essener Kreisels [1]. Die Abstrichentnah- vine-Technik [9]. Die Abstrichentnahme er- nostiziert werden können (Tab. 6).
me erfolgt unter leichtem Druck von au- folgt unter leichtem Druck von einem circa
ßen nach innen kreisend, um ein möglichst 1cm² großen Areal aus einem klinisch infi- D – Durchblutung
großes Areal der Wunde zu erfassen. Die ziert erscheinendem Areal der Wunde. Die
Indikation ist hier z. B. die gezielte Suche Indikation ist hier z. B. die gezielte Suche Für die Klärung der Durchblutungssitua-
von MRE bei Erstvorstellung von Patienten. von Erregern bei V. a. Wundinfektion. tion sollten sowohl das venöse als auch das

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Tabelle 7 Tabelle 8 Tabelle 9


Maßnahmen der Basisdiagnostik des Ge- Weiterführende Diagnostik. M.O.I.S.T.-Konzept für die Lokaltherapie
fäßsystems. chronischer Wunden [2].

Gefäß Maßnahme Extras Krankheitsbild M – Moisture balance (Exsudatmanagement)


Biopsie Neoplasie, Vaskulitis, O – Oxygen balance (Sauerstoffzufuhr)
Arterien Fußpulse tasten, Knöchel-Arm-Druck-
Vaskulopathie, Leishmanio-
Index
se, Necrobiosis lipoidica I – Infection control (Infektionskontrolle)
Venen Doppler-, Duplex-Sonographie
Genetische Analysen Klinefelter-Syndrom, Fak- S – Support (Unterstützung des Heilungsprozesses)
tor-V-Leiden-Mutation
T – Tissue management (Gewebemanagement)
arterielle Gefäßsystem untersucht werden. Kapillarmikroskopie Sklerodermie

Die arterielle Diagnostik beginnt mit dem Pathergie-Test Pyoderma gangraenosum,


Morbus Behçet I – Infection control (Infektionskontrolle)
Tasten der Fußpulse. Zudem sollte immer
auch dopplersonographisch der Knöchel- Polyneuropathie- Diabetes mellitus Die Infektionskontrolle beschreibt sämtli-
Diagnostik*
Arm-Druck-Index (KADI) bestimmt wer- che antimikrobiellen Strategien. Systemi-
den. Ein KADI-Wert von < 0,9 gilt als be- Rumpel-Leede Test Vaskulitis, Gerinnungsstö- sche Antibiotikatherapie sind meist aus-
rung
weisend für das Vorliegen einer relevanten schließlich bei Infektionskrankheiten in-
peripheren arterielle Verschlusskrankheit Serologie Vaskulitis, Kalziphylaxie diziert. Für die Infektionsprophylaxe, die
(pAVK), so dass eine weiterführende Dia- *Berührungssensibilität  10g Monofilament, Vibrati- Eradikation multiresistenter Erreger
gnostik z. B. mittels Duplex-Sonographie onsempfinden  Stimmgabeltest. (MRE) oder die Behandlung lokaler Infek-
durchgeführt werden sollte. tionen, werden in der Lokaltherapie chro-
Die Basisdiagnostik bei Verdacht auf eine logo ist in Abbildung 3 dargestellt. Die mit nischer Wunden Antiseptika wie Polyhe-
chronische venöse Insuffizienz (CVI) be- „T“, „I“ und „M“ beschriebenen Faktoren xanid, Octenidin, hypochlorige Lösungen
inhaltet die direktionale Doppler-Sonogra- sind sicher weiterhin zeitgemäß und wich- oder Wundverbände, die beispielsweise
phie oder besser eine farbcodierte Du- tig. Mit dem Buchstaben „E“ wurde ur- Silber beinhalten eingesetzt.
plex-Sonographie der Beinvenen. Ergänzt sprünglich „epidermis“ und später „edge“,
werden kann die Venendiagnostik durch also der Wundrand beschrieben. In dem S – Support (Unterstützung des
funktionelle Verfahren wie z. B. Lichtre- letzten Jahrzehnt haben sich aber doch vie- Heilungsprozesses)
flexionsrheographie (LRR) (Tab. 7). le neue Aspekte und Therapieoptionen er- Wenn Wunden trotz scheinbar adäquater
geben, so dass hier neue, innovative The- Therapie nicht heilen, können temporär
E – Extras rapieoptionen fehlen, die nun mit „O“ und spezifische Wundtherapeutika zum Ein-
Insbesondere wenn mit der Basisdiagnos- „S“ beschrieben werden. satz kommen, die aktiv in den gestörten
tik die Genese der Wunden nicht eindeu- Wundheilungsprozess eingreifen. Diese
tig geklärt werden kann, existieren zahl- M – Moisture balance Unterstützung des Wundheilungsprozes-
reiche weiterführende Diagnostikverfah- (Exsudatmanagement) ses erfolgt beispielsweise durch eine Mo-
ren, die zielgerichtet eingesetzt werden Die Feuchtigkeitsbalance (“moist” = dulation von Matrixmetalloproteinasen
können (Tab. 8). feucht) ist seit mehreren Jahrzehnten der (MMP), pH-Wert oder Wachstumsfaktoren.
Goldstandard für die Behandlung chroni-
scher Wunden. Wichtig ist herbei darauf
| M.O.I.S.T. – Lokaltherapie zu achten, dass Wunden weder zu feucht
chronischer Wunden noch zu trocken sind. So können trockene
Begleitend zu einer kausal ansetzenden Wunden beispielsweise mit Hydrogelen
Behandlung, sollte meist auch eine symp- angefeuchtet werden. Meist liegt jedoch
tomatische, an den Phasen der Wundhei- ein Überschuss an Exsudat vor, so dass
lung orientierte, feuchte Wundtherapie Wundprodukte wie z. B. Superabsorber
durchgeführt werden [3]. Meta-Analysen eingesetzt werden sollten.
belegen, dass der Einsatz einer solchen mo-
dernen Wundtherapie die Abheilungsraten O – Oxygen balance (Sauerstoffbalance)
chronischer Wunden effektiv unterstützen In der Pathophysiologie chronischer Wun-
kann [6]. Als Orientierungshilfe für die Lo- den spielt die Hypoxie bei nahezu allen
kaltherapie chronischer Wunden wurde Wundarten eine entscheidende zentrale
durch Wund-D.A.CH., den Dachverband Rolle. Für die Lokaltherapie bedeutet dies,
deutschsprachiger Wundheilungsgesell- dass insbesondere wenn Maßnahmen wie
schaften, aktuell mit M.O.I.S.T. ein neues Revaskularisation und Kompressionsthe-
Konzept für die Lokaltherapie chronischer rapie keinen ausreichenden Erfolg erbracht
Wunden vorgestellt [2] (Tab. 9). Mit dem haben, Behandlungsoptionen eingesetzt Abbildung 3
M.O.I.S.T.-Konzept sollten die Ideen des werden können, die die Sauerstoffbalance Für das M.O.I.S.T.-Konzept wurde ein Logo
2003 erstmalig publizierten und internati- wieder herstellen. Hierfür stehen Wund- mit dem Seestern „TOM" entwickelt. TOM
steht hier als Akronym für die Optimierung
onal weit verbreiteten T.I.M.E.-Konzeptes auflagen, Hämoglobin-Spray sowie normo- der Wundbehandlung durch M.O.I.S.T.
weiterentwickelt werden [7]. Das Konzept- und hyperbare Verfahren zur Verfügung. (Treatment Optimisation (with) M.O.I.S.T.).

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Standards in der Wundversorgung

T – Tissue management ist es wünschenswert, dass diese über 4. Dissemond J, Bültemann A, Gerber V, Jäger
(Gewebemanagement) B, Münter C, Kröger K: Definitionen für die
Fachgesellschaften propagierte Definitio- Wundbehandlung. Hautarzt 2016; 67: 265–266.
Das Gewebemanagement beschreibt alle nen und Standards auch in der Routine- 5. Dissemond J: ABCDE-Regel der Diagnostik
Maßnahmen der Wundgrundkonditionie- versorgung von Patienten mit chronischen chronischer Wunden. J Dtsch Dermatol Ges in
press.
rung z. B. mit neutralen Wundauflagen, Wunden regelmäßig genutzt werden. 6. Dissemond J, Bültemann A, Gerber V, Jäger B,
Biochirurgie oder physikalischen Hilfsmit- Münter C, Kröger K. Weitere Definitionen und
teln wie Unterdruck, Strom, Plasma oder Schreibweisen der ICW. Hautarzt in press.
Ultraschall. Der Einsatz kann, in Abhän- | Literatur 7. Heyer K, Augustin M, Protz K, Herberger
1. Al Ghazal P, Körber A, Klode J, Schmid EN, K, Spehr C, Rustenbach SJ: Effectiveness of
gigkeit von der Methode, die Prozesse des Buer J, Dissemond: Evaluation of the Essen advanced versus conventional wound dres-
Debridements, der Wundreinigung, der Rotary as a new technique for bacterial swabs: sings on healing of chronic wounds: systematic
results of a prospective controlled clinical inve- review and meta-analysis. Dermatology 2013;
Granulation oder auch der Reepithelisati- 226: 172–184.
stigation in 50 patients with chronic leg ulcers.
on unterstützen. Int Wound J 2014; 11: 44–49. 8. Schultz GS, Barillo DJ, Mozingo DW, Chin
2. Dissemond J, Assenheimer B, Gerber V, Krö- GA: Wound Bed Advisory Board Members.
ger K, Kurz P, Läuchli S, Probst S, Protz K, Wound bed preparation and a brief history of
TIME. Int Wound J 2004; 1: 19–32.
| Fazit Traber J, Uttenweiler S, Strohal R: M.O.I.S.T.
– ein Konzept für die Lokaltherapie chronischer 9. Schwarzkopf A, Dissemond J: Indikation und
Durch die Verwendung von einheitlichen Wunden. J Dtsch Dermatol Ges in press. praktische Durchführung mikrobiologischer
3. Dissemond J, Augustin M, Eming S, Görge T, Diagnostik bei Patienten mit chronischen Wun-
Definitionen und Standards in der Wund- den. J Dtsch Dermatol Ges 2015; 13: 203–210.
Horn T, Karrer S, Schumann H, Stücker M:
behandlung, können aktuelle Diagnostik- Moderne Wundtherapie - praktische Aspekte 10. World Union of Wound Healing Socienties
und Behandlungsstrategien optimiert und der lokalen, nicht-interventionellen Behand- (WUWHS): Principles of best practice: Wound
lung chronischer Wunden. J Dtsch Dermatol infection in clinical practice. An international
besser nachvollziehbar werden. Insofern consensus. London: MEP ltd. 2008.
Ges 2014; 12: 541–554.

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