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Textstelle (Textexperte): Sen. dial. 5, 13, 6 – 5, 16, 4 (dt.

Übersetzung)
Das Beste ist es, sich für bekannte Laster Hindernisse zu verschaffen und vor allen Dingen
den Geist so zu ordnen, dass er, selbst wenn er von den schlimmsten und plötzlichen
Ereignissen erschüttert wurde, entweder keinen Zorn empfindet oder diesen – entstanden
durch das Ausmaß eines unerwarteten Unrechts – in die Tiefe zurückzieht und sich seinen
Schmerz nicht eingesteht. Dass dies möglich ist, wird sich zeigen, wenn ich einige wenige
Beispiele aus der ungeheuren Menge angeführt habe, aus denen man beides lernen kann,
nämlich, einerseits, wieviel Schlechtes der Zorn an sich hat, wenn er sich der ganzen Macht
sehr mächtiger Menschen bedient, andererseits, wie sehr er über sich herrschen kann, wenn er
von größerer Angst unterdrückt wurde.
Den König Kambyses, der sich dem Wein zu sehr ergab, ermahnte Praexaspes, einer seiner
liebsten Freunde, dass er doch weniger trinken solle, indem er sagte, dass die Trunkenheit an
einem König etwas Schändliches sei, auf den sich die Augen und Ohren aller richteten.
Darauf erwiderte jener: „Damit du siehst, wie (dass) ich mich niemals vergesse, werde ich dir
beweisen, dass sowohl meine Augen als auch meine Hände sogar nach dem Wein ihre Pflicht
erfüllen können.“ Danach trank er noch reichlicher als sonst und aus größeren Bechern, und
als er schon schwerfällig und betrunken war, befahl er dem Sohn seines Tadlers, über die
Schwelle hinauszutreten und sich, die linke Hand über den Kopf angehoben, hinzustellen.
Daraufhin spannte er den Bogen und traf – denn das, hatte er gesagt, sei sein Ziel – mitten in
das Herz des Jungen; und nachdem er die Brust aufgeschnitten hatte, zeigte er die Pfeilspitze,
die mitten im Herzen steckte, und sich nach dem Vater umsehend fragte er, ob er eine recht
treffsichere Hand hätte. Der aber versicherte, dass (selbst) Apollon nicht hätte sicherer
schießen können. Mögen die Götter jenen elend zugrunde richten, der mehr in seiner Seele als
dem Stande nach ein Sklave ist! Er wurde zum Lobredner derjenigen Tat, deren Zuschauer
gewesen zu sein schon zu viel war. Die Brust des Sohnes, in zwei Teile gerissen, und das
Herz, unter der Wunde schlagend, hielt er für eine Gelegenheit zur Schmeichelei. Er hätte
jenem den Ruhm streitig machen und eine Wiederholung des Schusses verlangen müssen,
damit es dem König beliebe, am Vater selbst eine noch sicherere Hand zu beweisen.
Welch ein blutdürstiger König, der es verdiente hätte, dass die Bögen aller seiner Leute auf
ihn gerichtet worden wären! Auch wenn wir jenen verflucht haben, der Feste durch
Hinrichtungen und Leichenbegräbnisse auflöst, so war dennoch das Lob für jenen Pfeil
frevelhafter als der Schuss. Es sei dahingestellt (wir werden sehen), wie sich der Vater hätte
verhalten sollen, als er über dem Leichnam seines Sohnes stand und jenem Blutbad, dessen
Zeuge und Ursache er (gewesen) war. Das, wovon jetzt die Rede ist, ist offenbar, nämlich,
dass der Zorn unterdrückt werden kann. Er verfluchte den König nicht, er äußerte nichts, nicht
einmal einen Ausdruck des schmerzlichen Unglücks, obwohl er sein eigenes Herz ebenso wie
das seines Sohnes durchbohrt sah. Man könnte sagen, dass er mit Recht seine Worte
hinuntergeschluckt (hinuntergewürgt) hat. Denn wenn er irgendetwas als Zürnender gesagt
hätte, hätte er als Vater nichts machen können. Es könnte, sage ich, so scheinen, als hätte er
sich in diesem Fall weiser verhalten, als zuvor, als er den König über das richtige Maß beim
Trinken belehrte, bei dem es besser gewesen wäre, wenn er Wein anstatt Blut getrunken hätte,
bei dem es Frieden bedeutete, wenn seine Hände mit den Bechern beschäftigt waren. So trat
er zu der Schar derer hinzu, die durch ihr großes Unglück bewiesen, wie teuer den Freunden
von Königen guter Rat zu stehen kommt.
Ich zweifle nicht, dass auch Harpagos etwas Derartiges seinem König, dem König der Perser,
geraten hat, wodurch sich dieser gekränkt fühlte, jenem die Kinder zum Schmauß vorsetzen
ließ und jenen wiederholt fragte, ob die leckere Zubereitung schmecke; als er dann sah, dass
jener genug durch sein Unglück gesättigt war, befahl er, er die Köpfe der Kinder zu bringen
und fragte, wie er bewirtet worden sei. Dem Unglücklichen fehlten nicht die Worte, sein
Mund verschloss sich nicht: „Bei einem König“, sagte er, „ist jedes Mahl angenehm.“
Was hat er mit dieser Schmeichelei gewonnen? Dass er nicht zu den Resten eingeladen
wurde. Ich verbiete dem Vater weder, die Tat seines Königs zu verurteilen, noch, eine für ein
solch furchtbares Ungeheuer würdige Strafe zu suchen, sondern für jetzt ziehe ich folgenden
Schluss, nämlich, dass selbst der aus ungeheuren Leiden enstehende Zorn verborgen und zu
Worten, die ihm widersprechen, gezwungen werden kann.
Diese Zügelung des Schmerzes ist notwendig, zumal für diejenigen, denen ein Leben solcher
Art zuteil wurde und die zur königlichen Tafel eingeladen wurden: So isst man dort, so trinkt
man, so antwortet man: bei den Begräbnissen der Seinen muss man lächeln. Ob das Leben so
viel wert sei, sei dahingestellt: dies ist eine andere Frage. Ich werde weder ein so
unglückliches Arbeitslager (Sklavendasein) durch Trost erträglich machen noch dazu
ermuntern, die Befehle von Henkern zu ertragen: Ich werde zeigen, dass bei jeder Form der
Knechtschaft der Weg zur Freiheit offen steht. [Wenn der Geist krank und durch eigene
Schuld elend ist, steht es ihm frei, seinem Elend zusammen mit sich ein Ende zu machen.
Sowohl jenem, der an einen König geraten ist, der mit Pfeilen auf die Brust von Freunden
schießt, als auch jenem, dessen Herr Väter mit den Eingeweiden ihrer Kinder sättigt: „Was
stöhnst du, du Narr? Was wartest du darauf, dass dich entweder irgendein Feind durch die
Vernichtung deines eigenen Volkes rächt oder ein mächtiger König aus der Ferne herbeieilt?
Wohin du auch blickst, dort ist ein Ende deiner Leiden. Siehst du jenen steilen Abhang? Auf
diesem Weg steigt man zur Freiheit hinab. Siehst du jenes Meer, jenen Fluss, jenen Brunnen?
Dort, auf dem Grund, sitzt die Freiheit. Siehst du jenen niedrigen, verdorrten, unfruchtbaren
Baum? Daran hängt die Freiheit? Siehst du deinen Hals, deine Kehle, dein Herz? Sie sind
Auswege aus der Sklaverei. Sind die Ausgänge, die ich dir zeige, allzu mühsam und erfordern
viel Mut und Kraft? Du fragst, welcher Weg zur Freiheit führt? Jede beliebige Ader in deinem
Körper!“
Solange uns allerdings nichts so unerträglich erscheint, dass es uns aus dem Leben vertreiben
könnte, wollen wir, in welcher Lage wir auch sein werden, den Zorn beseitigen. Gefährlich ist
der Zorn für Untergebene; denn jede Entrüstung dient der eigenen Folter und man empfindet
Befehle als umso drückender, je trotziger man sie hinnimmt. So zieht ein wildes Tier die
Schlingen fest zusammen, während es sie hin und her bewegt; so verteilen Vögel den
Vogelleim überall in ihren Federn, während sie zappeln und ihn abschütteln. Kein Joch ist so
fest, dass es nicht den, der es zieht, weniger schmerzt als den, der sich widersetzt: Es gibt nur
eine einzige Erleichterung bei ungeheurem Leid, nämlich, es zu ertragen und sich seinem
Schicksal zu fügen. Doch wenn auch für Untergebene die Beherrschung ihrer Affekte –
besonders dieses wütenden und ungezähmten Affekts – von Nutzen ist, so ist sie für Könige
von (noch) größerem Nutzen: Alles geht zugrunde, sobald die glückliche Stellung so viel
erlaubt, wie der Zorn rät, und nicht lange kann eine Macht bestehen, die zum Leidwesen
vieler ausgeübt wird; sie ist in Gefahr, sobald die gemeinsame Furcht diejenigen, die getrennt
stöhnen, vereint. Die meisten wurden daher bald von einzelnen, bald von allen gemeinsam
hingeschlachtet, als der allgemeine Schmerz jene dazu zwang, ihren Zorn zu vereinen.
Und doch üben die meisten ihren Zorn aus als wäre er ein königliches Kennzeichen, wie zum
Beispiel Dareios, der als erster nach der Entmachtung des Magiers die Herrschaft über die
Perser und einen großen Teil des Orients innehatte. Nachdem er nämlich den Skythen, die
rings um den Orient wohnten, den Krieg erklärt hatte und von Oiobazos, einem greisen
Adligen, gebeten wurde, von drei Söhnen einen einzigen dem Vater als Trost zurückzulassen
und von den Diensten der zwei (anderen) Gebrauch zu machen, versprach er ihm mehr, als
worum er gebeten wurde und sagte, dass er ihm alle Söhne überlassen werde, und warf die
Getöteten vor den Augen des Vaters zu Boden – er wäre ja grausam gewesen, wenn er alle
mitgenommen hätte.
Doch wie viel umgänglicher war Xerxes! Dieser erlaubte dem Pythios, dem Vater von fünf
Söhnen, der um die Befreiung eines einzigen Sohnes vom Kriegsdienst bat, zu wählen,
welchen er wollte. Daraufhin ließ er den Ausgewählten in zwei Teile zerstückeln und auf
beide Seiten des Weges legen, und reinigte durch dieses Opfer das Heer. Er fand daher das
Verderben, das er verdiente: Besiegt, weit und breit geschlagen und überall auf seine
Trümmer blickend, marschierte er mitten durch die Leichname seiner Leute.