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2 Corona und der Tod

Eine Studentin berichtet 8 Die Einsamkeit


der Pandemie

12 Erfurts Läden:
KlausUndSo 14 Corona-Auswirkungen auf:
Musikdozierende der Uni

20 Die STET-Woche digi-


tal. Wie war's? 32 Don't Stop Motion: Ein Film-
projekt von Geflüchteten
Impressum

campus:echo erscheint diesmal mit ei-


ner exklusiven Online-Ausgabe. Alle
Artikel spiegeln die Meinung der ein-

Äääääääääh......ditorial zelnen Autoren und nicht zwingend


die der gesamten Redaktion wider. Es
ist den Autoren freigestellt, das generi-
sche Maskulinum zur Verbesserung der
Lesbarkeit zu verwenden. Im Falle der
Verwendung gilt er für alle Geschlech-
Seit drei Ausgaben schreiben wir immer wieder über das gleiche The-
ter. Die Redaktion orientiert sich an den
ma: Corona. Aber es erscheint auch recht schwierig ein anderes The-
vom deutschen Presserat im Presseko-
ma zu finden, über das man aktuell schreiben kann, gar sollte; denn
dex verfassten Grundsätzen journalisti-
nichts bestimmt unser Leben aktuell so sehr wie dieses Virus.
scher Arbeit. Die Autoren nicht nament-
lich gekennzeichneter Beiträge sind der
Und genau deshalb ist es so wichtig darüber zu schreiben. Denn es
Redaktion bekannt. Für den Inhalt der
geht längst nicht mehr um die positiven Fallzahlen, die Impfungen abgedruckten Anzeigen übernimmt die
oder die Länge des Lockdowns - es geht um die langfristigen Aus- Redaktion keine Verantwortung.
wirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft. Das betrifft sowohl Wir freuen uns jederzeit über Anregun-
die Pflegekräfte, die regionalen Geschäfte wie auch uns Studierenden. gen, Kritik, Lob, eingereichte Fotos
In dieser Ausgabe möchten wir einige Hintergründe beleuchten, die oder Artikel. Die Redaktion behält sich
unserer Meinung nach zu weit in den Hintergrund geraten sind. das Recht auf entsprechend gekenn-
zeichnete Kürzungen eingesandter Ar-
Was macht das Corona-Virus mit uns Menschen? tikel vor.

Finanziell treibt es uns in den Ruin. Kontakt:


Menschlich treibt es uns in den Wahnsinn. Redaktion campus:echo
Nordhäuser Straße 63
Welche Auswirkungen all die Maßnahmen haben werden, zeigen sich 99089 Erfurt
nicht sofort, sondern wahrscheinlich erst in einigen Jahren. Dennoch E-Mail: campusecho@uni-erfurt.de
ist es wichtig auf das Jetzt zu achten. Facebook: facebook.com/campus.echo
Gleichzeitig herrschen neben all dem Corona-Wahnsinn noch weitere Instagram: instagram.com/campus.echo
Probleme, wie etwa die Flüchtlingskrise. Wir berichten, wie Geflüchtete
und Auslandsstudierende in Erfurt versuchen hier zu sensibilisieren. Chefredaktion:
Robin Seel (V.i.S.d.P.)
Das wohl treffenste Wort meiner Meinung nach ist "verpassen".
Viele Studierende verpassen eine wichtige Zeit in ihrem Leben, Schüler
verpassen die essentielle Zeit, um ihre Bildungsgrundlage zu bauen Stellv. Chefredaktion:
und allgemein verpassen wir Menschen aktull die soziale Interaktion - Tabea Meisterfeld
also das, was uns Menschen ausmacht.
Redaktion:
Aber alles ist schaffbar mit einem Ziel vor Augen! Und ich freue mich Alexandra Petri, Hanna Zeisler, Julia
schon auf den Moment, an dem ich guten Gewissens in der Schlange P. Mayer, Katrin Andre, Mareike
an einer Kasse stehe, oder einfach so ein Eis in einer Menschenmenge Ohlendorf, Max Krannich, Paul
genieße. Wir haben schon so lange Zeit durchgehalten und ich bin Schubert, Robin Seel, Salomon Kpodo,
sicher, dass wir auch die letzten Meter - egal wie keuchend - überste- Sophie Morár, Tabea Meisterfeld
hen werden.
Bildredaktion, Satz und Layout:
Robin Seel

Cover:
Dewang Gubpta

Bleibt Gesund! Mit freundlicher Unterstützung


Robin Seel des Studierendenrates der
Universität Erfurt
Die Ausgabe zum Download gibt's hier:
4
Die
Einsamkeit
der
Pandemie

5
Wie eine Studentin
in einem Pflegeheim
auf der Corona-Station
hilft und zum ersten Mal
einen Toten sieht
VON TABEA MEISTERFELD

Kennst du diese Tage, an denen Tag auf dem Weg zur Universität
Alles möglich ist? Man wacht mit beeindruckt hatte - und direkt mei-
einem Gefühl auf, das einem sagt: ner zukünftigen Chefin in die Arme:
Heute ist DER Tag, heute verändere „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte
ich die Welt. In das Pflegeheim bin Sie. „Das weiß ich auch noch nicht
ich damals gelaufen, weil ich genau so genau.“, war die Antwort, die
so einen Tag hatte. Ich lief also, als Alles veränderte.
junge Förderpädagogik-Studentin,
in das große Haus, das mich jeden

1
A
lles ist jetzt anders: Erst die Maske erwarten mich nur lächelnde Gesichter. Niemand,
aufsetzen, die Hände desinfizieren und der sich nicht über meine Anwesenheit freut. Ich
dann erst darf man das Haus betre- unterstütze die Pfleger wo ich kann und belustige
ten. Das Haus der verrückten Weisheiten und die Bewohner jederzeit. Seit ein paar Tagen fehlt
altmodischen Witze, das Haus voller liebevoller mir aber die Kraft für all die Freude. Lächeln
Düfte und hilfsbereiter Hände. Das Pflegeheim fällt schwer und auch die Stufen wirken höher.
ist mein zweites Zuhause - meine große Familie. Emotionale Last tragen alle mit sich herum, vor
Es gibt dort niemanden, den ich nicht beim allem heute. Seit heute ist Corona im Haus. Seit
Namen kenne: Guten Morgen Frau V., was ist heute zeigen mehrere Bewohner Symptome und
gestern bei In aller Freundschaft passiert? Frau auch Pfleger*innen haben Anzeichen von der
V. ist ein grimmiger Mensch, aber bei ihrer Covid-Erkrankung. Seit heute sind die Türen
Lieblingsserie leuchten die Augen, und dann ist für Besucher wieder geschlossen. Seit heute ist
sie sogar zu jungen Menschen freundlich. Herr es unglaublich still, obwohl alle Fieber-Tempe-
S. sitzt immer auf dem Flur und grüßt mich mit raturen umherrufen und das Telefon unablässig
seiner Faust an meiner. Irgendein Witz wird dann läutet. Denn Herr E. ist positiv und muss beatmet
immer gerissen. Lächelnd laufe ich die Treppen werden. Mit Herrn E. fing Alles an.
hoch, den Duft von Heimat in der Nase und die
Vorfreude auf die Arbeitsstunden lässt mich
die Stufen schneller hinter mich bringen. Oben

2
" Während die Leute vom Bestattungs-
haus ihn in einem Sarg wegtragen, lau-
fen hinter meiner Maske die Tränen. "

2
Auf den Test zu warten war, wie dem Sekun-
denzeiger einer Uhr stundenlang zu folgen,
ohne dabei die Zeit zu beachten. Man fühlt sich
3
Der erste Tag (es war ein Mittwoch und eigent-
lich hätte ich ein spannendes Seminar gehabt)
war unglaublich anstrengend und emotional
schwer – nicht, weil man Angst hat, dass man aufreibend. Am Eingang setzte ich die mir aus-
es selber haben könnte, sondern vielmehr ist gehändigte FFP2 Maske auf, und desinfizierte
es die Angst davor, seine Liebsten angesteckt meine Hände. Ich lief durch den Gang und sah,
zu haben. Oder auch die Angst, Schuld zu sein, dass die sonst immer offenstehende Glastür zu
dass sich das Virus verbreitet hat. Habe ich es in meinem Bereich geschlossen war. An ihr hing
das Haus getragen? Vielleicht beim Einkaufen ein rotes Schild: „Achtung! Corona! Dieser
im Supermarkt mit in die Tasche gesteckt und Bereich darf nur von dem zuständigen Personal
auf Arbeit ausgepackt… betreten werden.“ Als zuständiges Personal
öffnete ich die Tür und zog all die bereitgelegte
Mein Kontaktkreis war zwar sehr klein, aber Schutzkleidung an: Einen Kittel und noch eine
genug und gleichzeitig zu groß. Man weiß ja Art Schürze, eine Haube, Handschuhe und eine
nie, wer dann noch weiter zu wem Kontakt hat- Schutzbrille.
te. Darf ich eigentlich noch einkaufen gehen? An diesem Abend waren wir zu zweit. Wir
Hatte das überhaupt was mit dürfen zu tun? hatten 20 Zimmer zugeteilt bekommen und
Nicht vielmehr mit Verantwortung? ungefähr 30 bis 35 Bewohner, die Mahlzeiten
Mein Ergebnis war negativ. Das der meis- brauchten, teilweise Essen angereicht bekamen,
ten anderen jedoch nicht. Kaum jemand auf die versorgt werden mussten und deren Tem-
meiner Station war nicht infiziert. Am Tag des peratur und Sauerstoffwerte ständig gemessen
Ergebnisses kam der Anruf: „Können Sie bitte werden mussten.
einspringen und aushelfen?“ Und bevor ich
überhaupt überlegen konnte, antworteten Bauch Wir funktionierten nur noch, wie Roboter.
und Herz mit „Ja, selbstverständlich.“. Wie Normalerweise war der Sinn meiner Anstellung,
könnte meine Antwort auch anders ausfallen? mich mit den Bewohnern zu beschäftigen, mir
Zeit für sie zu nehmen oder sie zum Lachen zu
bringen. Dafür fehlte für die nächsten Wochen
einfach die Zeit. Und: Ich hatte Angst. Jetzt war
es so, dass man kurz in ein Bewohnerzimmer
trat, um das, was erledigt werden musste, zu
tun, abzuhaken und direkt ins nächste Zimmer
zu gehen. Länger als fünf Minuten blieben wir
nicht in den Zimmern, wenn es nicht unbedingt
sein musste. Zu groß war die Angst, sich zu
infizieren. Und für mehr reichte unsere Kraft
einfach nicht aus.

3
"Kollegen geht es schlecht, viele warten in Quarantäne oder haben die Krankheit nicht gut verkraftet. Freun-
de meiden einen und natürlich will man selbst auch nichts riskieren. Aber dadurch verkriecht man sich in
ein Schneckenhaus und hofft, dass jemand das mitbekommt und von außen anklopft.

4
Ich habe fast alle Vorlesungen geschwänzt, musste mit Dozenten darü-
ber diskutieren warum ich vorerst nicht mehr kommen kann, aber trotz-
dem gern den Qualifizierten Teilnahmeschein hätte."

4
Jemanden beim Sterben zu
begleiten, ist ganz anders, als ich
es mir früher vorgestellt habe. Als
Kind dachte ich, alle Menschen
schlafen friedlich und alt ein wie
damals meine Uroma mit fast 98 Jahren.
Später lebte ich mit dem Gedanken, dass der
Tod existiert, dass es jederzeit passieren und
jeden treffen kann. Man schiebt negative
Gedanken oft weit weg, meidet das Thema
und hofft, dass es nicht die Liebsten trifft und
alles einfach weitergeht. Bis heute. Heute
habe ich jemanden sterben gesehen.
Herr S. ist ein unglaublich lustiger Mann.
Er trägt immer Hosenträger und sieht aus,
wie jemand, den man gern als Großvater
hätte. Sein Lächeln ist stets liebevoll und
aufrichtig. Begeistern kann man ihn, wenn
man einfach dasitzt und interessiert mit ihm
seine hundert Fotoalben durchblättert. Herr
S. war Busfahrer, durchrollte ganz Europa
und durch seine beginnende Demenz lies
er uns auch nie vergessen, da er mehrmals
täglich davon sprach. Er war einer der ersten,
der sich mit Covid-19-infizierte. Nach drei
Tagen starker Symptome wurde er von
einem Krankenwagen abgeholt und in die
Klinik eingeliefert. Man erfährt nicht viel als
Mitarbeiter*in, wenn Bewohner im Kranken-
haus sind. Entweder sie kommen wieder oder
nicht. Und würde es sich nicht um dieses Vi-
rus handeln, dann wäre das auch okay. Aber
an seinem Krankheitsverlauf war nichts okay
oder normal. Er quälte sich sehr. Herr S.
hatte unglaublich wenig Sauerstoff im Blut
und ist nachdem er aus der Klinik zurückkam
nach drei leidvollen Tagen innerlich erstickt.
Man fühlt sich hilflos, sieht einen kalten Kör-
per und den leeren Ausdruck in den Augen,
die noch halb offen sind. Man sitzt auf dem
Bett seiner Frau, reicht ihr das Essen an und
denkt: „Wann ist das endlich alles vorbei?“.
Die ganze Zeit wartete ich unterbewusst
darauf: gleich hebt sich sein Brustkorb an,
gleich atmet er wieder, erkennt mich und
macht einen Witz. Aber sein Ausdruck blieb
leer. Während die Leute vom Bestattungs-
haus ihn in einem Sarg wegtragen, laufen
hinter meiner Maske die Tränen.

5
5
Nach zwei Wochen Arbeit mit Corona-Infizierten, nach Wir mussten nun also auch zwei Wochen in Quarantäne. Meine Mit-
mehr als zehn Toten und sehr viel Einsamkeit ließ ich bewohnerin bekam die gesamte Zeit keine Symptome. Ich hingegen
meine Gefühle endlich zu, funktionierte nicht mehr nur hatte anfangs mit Erkältungssymptomen zu kämpfen: die Nase lief
und brach einen Tag später einfach zusammen. Ich habe und ich habe sehr viel niesen müssen. Später überkam mich unglaub-
für mich entschieden, erstmal zu pausieren, um zu atmen, liche Müdigkeit: Ich schlief fast drei Tage am Stück. Außerdem hatte
mich um mich selbst zu kümmern und auch, um mich mit meinem ich Probleme irgendetwas zu mir zu nehmen, weil einfach kein Ap-
Studium zu beschäftigen. petit vorhanden war. Später verlor ich noch meinen Geruchssinn, der
bis heute nicht wieder ganz zu mir zurückgekommen ist. Bestimmte
Neben all dem Negativen, was auf der Arbeit passiert, kämpft man Dinge rieche ich wieder sehr gut, bei anderen muss ich meine Nase
auch noch mit anderen Dingen: Kollegen geht es schlecht, viele fast reinhalten, manche Sachen rieche ich gar nicht.
warten in Quarantäne oder haben die Krankheit nicht gut verkraftet.
Freunde meiden einen und natürlich will man selbst auch nichts Ich weiß nicht mehr wie viele Momente es auf der Arbeit gab, an
riskieren. Aber dadurch verkriecht man sich in ein Schneckenhaus und denen ich eine Bewohnerzimmertür hinter mir geschlossen habe und
hofft, dass jemand das mitbekommt und von außen anklopft. Ich habe tief durchgeatmet habe, anstatt meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.
fast alle Vorlesungen geschwänzt, musste mit Dozenten darüber dis- Anstatt alles rauszulassen, was bis heute noch in mir ist. Corona ist
kutieren warum ich vorerst nicht mehr kommen kann, aber trotzdem allgegenwärtig – geht uns alle an. Ich reagiere seit diesen Erlebnis-
gern den Qualifizierten Teilnahmeschein hätte. Und eigentlich habe sen schnell aggressiv, wenn jemand sich nicht an die Regeln hält.
ich nur noch geschlafen. Geschlafen, bis ich wieder arbeiten durfte. Ich verspüre extreme Wut, wenn jemand keine Maske trägt, um die
Richtig gelesen: durfte! Dort in dieser schweren Zeit zu arbeiten hat Menschen um sich herum zu schützen. Möchte schreien, wenn Leute
mich viel gelehrt, hat mich stark gemacht, hat mir viel gegeben. Ich da draußen leugnen, was tagtäglich passiert. Bestimmte Gespräche
habe mich gebraucht gefühlt und konnte meine Grenze kennenlernen. verstehe ich falsch, vieles ist für mich unverständlich… Und ich
Und diese Grenze ist jetzt und hier. denke, dass meine Meinung für dich als Leser vielleicht auch etwas
unverständlich ist.
Wie es mir ohne meine Mitbewohnerin, ihr Mitgefühl und ihr Verste-
hen gehen würde, das weiß ich nicht. Sie hat mich jeden Tag von der Vielleicht hast du noch nie etwas über das Leben in einem infizierten
Arbeit abgeholt, hat sich meine Geschichten angehört und hat mich in Altenheim gelesen oder gehört. Vielleicht ist Corona für dich weit
den Arm genommen, als ich an dem letzten Tag nach der Arbeit nur entfernt. Vielleicht verstehst du die ganzen Maßnahmen nicht. Ja, auch
noch geweint habe. Das war auch der Tag, an dem ich einen Coro- ich sehe Fehler in den Maßnahmen und habe das Gefühl, dass ich
na-Test gemacht habe und zwei Tage bevor ich über meine Infektion kaum noch Macht in meinem Handeln habe. Aber sie sind trotzdem
mit dem Virus Bescheid wusste. notwendig, denn ich möchte nicht, dass meine Großeltern, Eltern oder
Freunde – oder überhaupt irgendjemand – so leiden muss, wie diejeni-
gen, die in meinem Altenheim daran erkrankt und gestorben sind.

6
Die richtigen Maßnahmen sind
notwendig. Jetzt! Und die richti-
gen Maßnahmen sind die, die du
auf Grundlage der Informationen,
die du hast, für dich entschei-
dest und danach lebst. Genau das
möchte ich mit meinem Artikel er-
reichen: Ich möchte, dass du mehr
aus erster Hand von Betroffenen
erfährst, von tatsächlich Erlebtem
und ab jetzt dementsprechend
handelst. Lass uns gemeinsam
JETZT das Richtige tun. Lass uns
auf Nummer sicher gehen. Lass
uns gemeinsam anderen davon er-
zählen. Lass uns versuchen, in ei-
ner Welt, in der viele leider nicht
verstehen was richtig oder falsch
ist, das Richtige zu tun.

7
Die
Einsamkeit
der Pandemie
Psychische Auswirkungen und Hilfsangebote

Ja, auch das Wintersemester Normalität, zerstört durch


hat nicht wirklich mehr zu eine neue Lockdown-Realität,
bieten als der ungewohnt pünktlich zu Vorlesungsbe-
einsame Unisommer. ginn.
Hoffnung auf scheinbare

VON KATRIN ANDRE

S
tatt fast vergessener Hörsaalgespräche, Erstsemester ernüchtert, der gekündigte Stu- gen zu sprechen, die über das Gespräch mit
unterdrückte Lacher über die Peinlich- di-Job oder die Einzimmerwohnung, die einst einer Vertrauensperson hinausgehen.
keit der ewig gleichen Professor*In- als Rückzugsort, nun zur Einsamkeitsfalle Leider ist dieser erste Schritt im Internetge-
nenwitze, die mit einer lächerlich präzisen wird. Wenn nun auch noch Familienkontakt wirr verschiedenster Angebote nicht immer
Genauigkeit vorhergesagt werden können, und ein wöchentlicher Sportausgleich weg- so leicht, wie er sein sollte. Vielleicht reicht
heißt es, zumindest für die meisten, nun brechen … Was bleibt dann noch? schon ein einmaliges Gespräch mit einer
wieder zurück zur Online-Lehre. Eigentlich Die Gemüter sind nach dem unerwartet Beratungsstelle, vielleicht auch eine Probesit-
okay, so muss das Haus, ja vielleicht sogar anstrengenden Jahr ermüdet, die Hoffnung zung in einer psychotherapeutischen Praxis,
das gemütlich warme Bett, bei stürmisch auf ein baldiges Ende der Beschränkungen vielleicht ein Anruf bei der Telefon-Seelsor-
nassem Wetter nicht mehr verlassen werden. schwindet, die Angst um die eigene Gesund- ge?
Hüftabwärts können neue Klamottenstile ge- heit oder die der Angehörigen zermürbt. Die
funden werden, die von Jogginghose, Schlaf-, Psyche leidet. Und das ist okay. Es betrifft Und was sagt die Wissenschaft
Strumpf- oder gar keiner Hose vermutlich uns alle. dazu?
schon alles gesehen haben. Ja, es gibt nicht
nur Nachteile. Schließlich lassen sich ster- Auch die Hochschulgruppe CampusWel-
benslangweilige Vorlesungen auf doppelter Was aber, wenn auf ebendiesen Belastungen ten hat sich mit der psychischen Belastung
Geschwindigkeit und mit frischem Kaffee eine sowieso schon wackelige psychische im Sommersemester 2020 befasst und 392
doch gleich besser - oder zumindest schneller Gesundheit trifft? Wenn zusätzliche, unvor- Studierende der Uni Erfurt zum ersten
- ertragen. hersehbare Geschehnisse an die Tür klopfen? „Krisen-Semester“ befragt. Dass das neue
Wenn das dritte Puzzle, die neunte Netflix-Se- Uniformat herausfordernd ist, zeigte sich
rie, der tägliche Spaziergang oder der semi- tatsächlich auch deutlich in den Ergebnissen
Aber dennoch. Die langen Stunden vor dem persönliche Videocall nicht mehr ausreichen, der Umfrage. So sorgte besonders der Wegfall
Bildschirm, Webex-Calls, bei denen dank um die zwischenmenschliche Leere zu füllen? der Präsenz-Uni und die dadurch fehlende Ta-
schlechter Verbindung die prüfungsrelevanten Wenn die eigenen Ressourcen nicht mehr gesstruktur, gepaart mit finanziellen Schwie-
Aussagen verpasst werden und nicht mal eben reichen? Sich der Alltag wie ein unaufhör- rigkeiten für hohe Belastungen unter den
schnell beim Nebenan nachgefragt werden lich drehendes Karussell anfühlt, vor dessen Studierenden. Deutlich wurde diese Mehr-
können. Die permanente Angst „Ist das Mikro Schwindel es kein Entrinnen gibt? Wenn die fachbelastung auch anhand der psychischen
wirklich aus?“, Kopfhörer, die in den Ohren Schwere nicht gehen will? Es nicht „nur eine Gesundheit, die die Situation in hohen Angst-
festgewachsen zu sein scheinen, und immer Phase“ ist? Genau dann (und sowieso immer), und Stresssymptomen und einem allgemein
wieder der prüfende Blick zum eigenen ist es okay sich Hilfe zu holen. Es ist okay, gesunkenen Wohlbefinden widerspiegelte. Als
Webcam-Bild. Dauerkontrolle, Kopfschmer- wenn alte Mechanismen in neuen Situationen besonders erschreckend erwiesen sich aber
zen, Erschöpfung, Einsamkeit. Die Pandemie nicht mehr funktionieren. Es ist okay sich vor allem die hohen Depressionskennzahlen,
bringt uns alle an unsere Grenzen. Sei es Schwäche eingestehen zu können und damit die über die Hälfte der befragten Studieren-
durch den recht merkwürdigen Studienstart, Stärke zu beweisen. Vielleicht ist es an der den berichteten. Angesichts dieser Ergebnisse
der die besonders großen Erwartungen der Zeit sich begleiten zu lassen, über Belastun- stellt sich also die Frage: Machen uns die

8
Anonyme und kostenlose Unterstützung gibt es hier:

In Erfurt
• psychosoziale Beratung (PSB) des Studierendenwerks Thüringen: 0361 737 18 30
• Studierendenrat (stura@uni-erfurt.de): 0361 737 1890
• Kassenärztliche Vereinigung Thüringen: 03643 8084 222
• Sozialpsychiatrischer Dienst: 0361 655 4248
• Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle (PKBS): 0361 6539 0162
• KISS (Kontakt- und Informations-Stelle für Selbsthilfegruppen)

Bundesweit
• Telefon-Seelsorge: 0800 111 0 111, Das SeeleFon: 01805 950 951
• Erstgespräch in einer psychotherapeutischen Praxis vereinbaren
• Psychotherapie-Informationsdienst (PID): 030 209 1663 30
• Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV): Psychotherapeutensuche
• Psychotherapiesuche über eigene Krankenkasse

Website
https://www.zusammengegencorona.de/informieren/psychisch-stabil-bleiben/

Belastungen der Pandemie auch abseits des Allerdings führt nicht die bloße
Virus krank? Anwesenheit Anderer zu weniger
Einsamkeit und das Alleinsein per
Auch in aktueller Forschung wird klar - die se nicht immer zu einem Gefühl des
bedenklichen Ergebnisse der Online-Umfrage Alleinseins.
stimmen mit bisherigen Studienergebnissen
zu Auswirkungen von Einsamkeit weitestge- Intensive Verbindungen zu Bezugspersonen
hend überein. Einsamkeit, also die Diskre- können auch auf Distanz gelebt werden und
panz zwischen der gewünschten und tat- schon allein das Wissen um Verbundenheit
sächlichen Anzahl an Kontakten, kann krank mit Anderen kann helfen die negativen Effek-
machen. Dies ist der Wissenschaft bereits te von Einsamkeit abzupuffern. Es gilt soziale
seit den 1940ern bekannt und wird auch heute Kontakte zu pflegen, wenn auch nur virtuell.
weiterhin erforscht. So konnte in zahlreichen Wer mag, kann den Zustand des Alleinseins
Studien gezeigt werden, dass Einsamkeit die gerade jetzt sogar für sich nutzen und die
Wahrscheinlichkeit für Krankheiten wie De- eigene Widerstandskraft stärken: Mit dem
pressionen und Angststörungen erhöht. Eine Erlernen von Entspannungstechniken wie
Tendenz, die sich auch unter Studierenden der Meditation oder Autogenem Training, mit der
Uni Erfurt abzeichnete. Auch kann Einsam- Reflexion eigener Gedanken und Entschei-
keit direkte Auswirkungen auf körperliche dungen, mit neuen Aufgaben, Zielen und Ge-
Prozesse haben; also zum Beispiel durch wohnheiten. Mehr Selbstwahrnehmung durch
einen Anstieg des Stresshormons Cortisol Reizreduktion. Mit mehr Selbstakzeptanz.
oder die Erhöhung des Blutdrucks und Blut- Mehr Raum für eigene Wünsche und Gefühle.
zuckers. Langfristig ergeben sich hierdurch Nichtsdestotrotz ist klar: Die Pandemie stellt
schädliche Auswirkungen auf das Immun- uns vor neue Herausforderungen. Das Gute
system und somit wiederum eine erhöhte daran - Wir sind gemeinsam in der Krise und
Krankheitsanfälligkeit. Ein Teufelskreis. trotz Distanz nie allein. Und vielleicht auch
Studien fanden sogar heraus, dass die gesund- weniger einsam?
heitlichen Auswirkungen von Einsamkeit
auf Dauer ähnlich schädlich sein können wie
Rauchen, Bewegungsmangel oder Überge-
wicht und nicht zuletzt Kopfschmerzen oder
Erschöpfung folgen können. Einsamkeit kann
also zu einer realen Gesundheitsbedrohung
werden - physisch, sowie psychisch.

9
Das Leben
mit Corona
10
11
N
eulich am Samstag sind dieser besonderen Läden hier
wir durch die fast men- die Chance zu geben, sich euch
schenleere Innenstadt einmal vorzustellen. Ausge-
Erfurts geschlendert. Ein sehr wählt haben wir dafür den La-
geldsparender Ausflug, aber den KlausUndSo aus der Weiter-
dennoch merkwürdig. Beson- gasse 20. 2016 als Popupstore
ders die vielen kleinen Läden, gegründet, wartet der Laden
durch die man sonst auf sol- aktuell auf die Umgestaltung
chen Spaziergängen stromert, zum Concept-Store, dann auch
stachen uns ins Auge. All die unter anderem Namen. Warum
kleinen Läden, die sich so der Laden für Studis interessant
wunderbar durch Krimskrams ist und wie sie mit der Pande-
und schöne Dinge von den mie zu kämpfen haben? Schaut
großen Ketten abheben, sind euch das Interview mit den
aktuell dunkel. Da kam uns der Inhabern Marko und Mandy an!
Gedanke, wenigstens einem

12
„Weg von der Masse, mehr
Kreativität und Individualität!“
Erfurts Läden: KlausUndSo

VON MAX KRANNICH & MAREIKE OHLENDORF

Wer seid ihr? machen uns sehr zu schaffen. Darüber hinaus fallen wir aus den
meisten Corona-Hilfen raus, da wir keine belastbaren Vorjahreszahlen
[Wir sind ein] Concept-Store für Kunst, Handwerk und Design. Wir haben (wie gesagt, Anfang letzten Jahres waren wir noch dabei uns zu
bieten sowohl Artikel aus eigener Herstellung und eigenem Design, etablieren).
als auch Produkte anderer Handwerker, Kunsthandwerker, Künstler,
Designer und kleinen Manufakturen an. Die anfänglich erwarteten geringeren Einnahmen des Ladens (so
der Plan) wollten wir mit Teilnahmen an Handwerkermärkten und
Was ist die Idee hinter dem Laden? Stadtfesten kompensieren. Auch war geplant Workshops im hinteren
Bereich des Ladens anzubieten. Stühle und Tische haben wir kurz vor
Die Idee hinter dem Laden war/ist neben dem Verkauf unserer Pro- dem ersten Lockdown angeschafft. Auch dieser Plan ging nicht auf, da
dukte aus eigener Herstellung, auch anderen kreativen Köpfen eine Märkte nicht stattfinden und Workshops abwechselnd gar nicht oder
zusätzliche Plattform und Absatzmöglichkeit zu bieten. So ist es auch nur unter hohen Auflagen erlaubt waren.
unser Anliegen Handwerk, Kunst und kreatives Design zu fördern und
dieses auch jüngeren Kunden näher zu bringen. Wir möchten auch
die Menschen begeistern, die sich bisher weniger für Handwerk und Jetzt mal ehrlich: Was ist die Preisspanne eures La-
Kunst interessiert haben. Weg von der Masse, mehr Kreativität und dens?
Individualität!
€ €€ €€€ €€€€
Warum sollte man hierherkommen? Was ist das Be- xx x
sondere am Laden?
Bei uns gibt es das Besondere zu entdecken und zu erleben. Viele un- Habt ihr stark mit Konkurrenz zu großen Ketten und
serer Kunden kommen, um Geschenke zu finden und behalten es dann dem Internet zu kämpfen?
selbst (und kommen ein zweites Mal, weil sie ja noch ein Geschenk
brauchen). Uns trifft man persönlich an. Wir beraten gern und sind Zu großen Ketten nein. Da wir uns gerade zu diesen Anbietern abgren-
auch offen für einen kleinen Schwatz. Ich denke, wir sind in dem, was zen wollen.
wir tun authentisch. ;-) Das Internet ist natürlich immer Konkurrenz.

Warum könnte der Laden für Studierende interessant


sein? Funfact zum Laden oder Motto?

Wir versuchen sowohl bei unseren eigenen Produkten, als auch bei Es gibt in unserem Team tatsächlich niemanden, der Klaus heißt.
der Auswahl von Artikeln Anderer abseits vom Mainstream zu agieren
und unseren Fokus auf Individualität und Originalität zu legen. Da- Was ist euer Lieblingsladen in Erfurt?
rüber hinaus arbeiten wir daran ein möglichst nachhaltiges Portfolio
anzubieten. Die meiste Zeit sind wir in unserem eigenen Laden und finden den
wahnsinnig gut. ;-)
Aber natürlich gibt es andere tolle Läden in Erfurt, die wir weiter emp-
Wie sehr wirkt sich die Pandemie auf den Laden aus? fehlen können:
• Buchhandlung „Kleingedrucktes“ (Fortsetzung folgt ;-))
Sehr! • Unsere Lieblingsnachbarin „Lifandi“
• „Tintenherz“
Wir sind kurz vor der Pandemie mit dem Laden gestartet und mussten • „Moquadrat“
ihn nur wenige Monate später das erste Mal schließen. Jeder neue
Laden braucht seine Zeit, um sich zu etablieren und dementsprechend Wo findet man euch noch?
waren unsere Finanzreserven ausgelegt. Der Plan konnte schnell zu
den Akten gelegt werden und seitdem kämpfen wir uns durch die Kri- Instagram und Facebook (@klausundso.shop), Onlineshop
se. Die erneute Schließung des Ladens mitten im Weihnachtsgeschäft, (klausundso.de), diverse Handmade-Plattformen wie Etsy, Kasuwa
der ausbleibende Tourismus und die allgemeine Kaufzurückhaltung usw.

13
Nachgefragt ?!
Musikdozierende
der Uni Erfurt.

Ihr Leben und die Auswirkungen von Corona


auf die Musikvermittlung und
ihre persönliche Situation.
Seit fünf Semestern studiere ich Mu- das in einem pianissimo weiter und es
sikvermittlung im Nebenfach. Ein fühlte sich zwischenzeitlich so an, als
Fach, welches sowohl durch die Ge- wären wir verstummt. Keine Abschluss-
meinschaft von uns Musikern und konzerte, kein Fachschaftsprojekt wie
Musikerinnen als auch der Praxis, den „Carmina Burana“ im letzten Jahr, keine
Auftritten, den Projekten, der familiären Bandproben und selbst im Ensemble
Atmosphäre und dem gemeinsamen spielt jeder nur für sich.
Musizieren lebt. Doch seit März läuft all

VON HANNA ZEISLER

A
nfang Dezember treffe ich mich mit suchen, so viel von dem Schaden wie möglich
meinem Dozierenden Oliver De- für den jeweiligen Chor abzufangen.
bus und eine Woche später mit der Die Uni zahlt für seine Arbeit weiter. Trotz-
Dozierenden Susanne Rath – online via Zoom. dem haben sich seine Einnahmen im Ver-
Einen Tag zuvor sahen Oliver Debus und ich gleich zum letzten Jahr sehr wohl verändert.
uns noch in Präsenz in der Puschkinstraße. In seinem Hauptjob als freier Künstler hat
Dort findet man das Lehrgebäude der Musikfa- er ungefähr 40 % Einbußen, die nur durch
kultät in Erfurt, in welchem die Studierenden sein breites Repertoire abgefangen werden
momentan zwischen Plexiglas und Maske Ge- können. Ohne das Berufsverbot gibt es Zeiten,
sangs-, Instrumental- oder auch Chorleitungs- in denen Debus, so sagt er, sechs Wochen am
unterricht wahrnehmen können. Ob dies eine Stück kaum Freizeit hat. Nun fallen alle seine
vorübergehende Phase oder der neue Alltag Auftritte weg, die Wochenenden sind also frei.
sein wird, kann zunächst keiner absehen. „Das fühlt sich dann schon komisch an, am
Jedoch ist der künstlerisch – musikalische Wochenende still zu sitzen“, gibt er zu. Er habe
Zweig wohl derjenige, welcher besonders stark sich zwar auf einige Auftritte gefreut, hatte
von den Maßnahmen getroffen wurde. Deshalb aber im Grunde genommen keine Erwartungen
wollte ich an den Stellen nachfragen, die im an dieses Jahr. Am Jahresanfang durfte Debus
Moment unter einem Berufsverbot zu leiden seine Tätigkeit vollständig nicht ausüben und
haben. hat daher den prozentualen Zuschuss, welcher
für die freiberuflichen Musiker freigegeben
Oliver Debus ist seit über 20 Jahren freiberufli- wurde, beantragt und für den Zeitraum von
cher Musiker. Er ist mit einer halben Stelle an März bis Mai die Corona Soforthilfen genutzt.
der Universität Erfurt eingestellt und koordi- Problematisch war hierbei, dass nicht direkt
niert seit fünf Jahren den Gesangsbereich. zugeordnet werden konnte, welche Einnahmen
Zur anderen Hälfte arbeitet er privat als man gehabt hätte und daher ein Differenzbe-
Gesangslehrer, leitet Chöre und Workshops, trag ausgezahlt wurde.
unterstützt Logopädiekurse und ist auch im
Bereich der Stimmbildung aktiv tätig. Debus Wie fühlt sich dieses „Berufsverbot“ an? Wie
meint, dass er in der jetzigen Situation relativ fühlt es sich als eigenständiger Mensch an,
viel Glück habe, da er sich durch seine 20 Jah- nicht mehr arbeiten zu dürfen? “Natürlich
re Tätigkeit als Sänger ein Netzwerk und einen muss man dieses Gefühl erst einmal einord-
Ruf aufgebaut hat und mittlerweile von allein nen.”, sagt Debus und natürlich ärgert er sich,
angesprochen wird, ob er beispielsweise in ei- dass ihm seine Arbeit verboten wird. Aber im
nem Chor aushelfen möchte. So konnte er noch Endeffekt wurde ihm durch die Soforthilfen
im September ein Workshop – Wochenende nur das zurückgegeben, was ihm fehlte. Es
auf einem Waldgrundstück an der frischen Luft war nicht seine Entscheidung, dass er seinen
durchführen. Job nicht weiter ausführen darf. Er übt seinen
Beruf gerne aus, befindet sich aber in einem
Aber es ist auch wichtig flexibel zu sein, Zwiespalt: Soll er diese Maßnahmen einfach
erklärt Debus. So muss er im Moment Chor- annehmen oder die Verhältnismäßigkeit in
proben online durchführen und zusätzlich ver- Frage stellen?

15
Niemand kann einem beantworten, ob ein der schwierigen Situation auf die Grundrechte
Sing- und Spielverbot sinnvoll und verhält- besonnen werden sollte. Die Art und Weise,
nismäßig ist. Insbesondere ärgert sich Debus Verbote “wie im Kindergarten” auszusprechen
über das Singverbot der Chöre. Er erklärt mir, sei unerträglich für ihn.
dass mit diesem Verbot den Sängerinnen und Wichtig ist, seinen Respekt gegenüber der Si-
Sängern ein starkes teambildendes Element tuation zu bewahren und trotz eines kritischen
vorenthalten wird, was bedenklich gegenüber Blicks, Maßnahmen akzeptieren zu können
der Sozialisation der Gesellschaft ist. Debus und einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.
meint zu mir, dass er unbedingt seine Tätig- Dies betreffe alle Beteiligten.
keit weiterführen möchte. Abschließend sprechen wir über Konfliktbe-
Auf meine Frage, ob man Musik online wältigung in der momentanen Zeit. Dabei
vermitteln könne, gibt er mir folgende gibt es vier Arten der Konfliktbewältigung,
Antwort: „Den künstlerischen Unterricht und meint Debus. Die Erste, ist die Möglichkeit
insbesondere der Gesang, kann online nur wegzurennen. Die Zweite ist es sich Unterzu-
richtig vermittelt werden, wenn du als Schüler ordnen, die Dritte den Kampf einzugehen und
als Hologramm in meinem Wohnzimmer die Vierte ist letztendlich zu Verstehen. Diese
auftauchst, ich dich wirklich so höre, wie Worte begleiten mich auf meinem weiteren
du klingst – also ohne Zeitverzögerung und Weg und zeigen mir damit, wie wichtig es
technische Probleme, und ich sofort darauf ist von einem Schwarz – Weiß – Denken zu
reagieren kann.“ einem Konsens für sich und die Gesellschaft
zu gelangen.
Sein Wunsch ist es, dass die Regierung mit-
samt den Entscheidungsträgern die Situation Eine weitere Stimme die ich zu hören bekam,
neu bewertet. Für ihn sollen gewisse Fra- ist die von Susanne Rath. Sie hat an der
gen und Bereiche klar beantwortet werden. Universität Erfurt einen Lehrauftrag als Ge-
Beispielsweise, ob gewisse Maßnahmen sangslehrerin für nur acht Stunden die Woche.
angemessen oder gar notwendig sind. Außer- Primär ist sie als freiberufliche, klassische
dem wünscht er sich eine Entflechtung von Sängerin tätig und singt bei den Bayreuther
Pharmaindustrie und den Regierungsentschei- Festspielen im Chor, gibt Konzerte, wirkt bei
dungen, um einer Vermarktung des Virus ent- Auftritten unterschiedlichster Arten mit oder
gegenzuwirken. Des Weiteren vermittelt mir hilft auch im Chor aus. Solistisch war sie auch
Oliver Debus seinen Gedanken, dass sich trotz schon für fünf Jahre am Theater Erfurt fest an-

Oliver Debus
bei einem
Live-Auftritt
16
„Den künstlerischen
Unterricht und ins-
besondere der Ge-
sang, kann online
Susanna Rath
nur richtig vermit- auf der Bühne
telt werden, wenn
du als Schüler als
Hologramm in mei-
nem Wohnzimmer
auftauchst, ich dich
wirklich so höre,
wie du klingst – also gestellt. Im Vergleich zum letzten Jahr hat sie schen bis kurz vor Weihnachten ausgiebige
nur noch ihre Einnahmen von der Universi- Shoppingtouren machen dürfen oder andere
ohne Zeitverzöge- tät. Die Bayreuther Festspiele sind komplett sich ins Flugzeug setzen können, jedoch das
rung und technische ausgefallen und da auch keine Verträge an die Theater geschlossen bleibt. Es ist leicht ge-
Künstler und Künstlerinnen herausgeschickt sagt, dass die Kultur- und Veranstaltungsbran-
Probleme, und ich wurden, ist ihr Hauptverdienst dieses Jahr che einen großen Anteil an den Fallzahlen
komplett weggefallen. Die Erwartung und habe. Leider zeigten die Zahlen auf, dass die
sofort darauf reagie- Hoffnung an das Jahr, im Sommer bei den Schließung dessen eigentlich keine Verände-
ren kann.“ Festspielen singen zu dürfen, wurde leider rung gebracht hat.
nicht erfüllt.

O
Wenn das Theater schließt, ist das auch nicht
liver Debus Hilfsprogramme nutzte sie keine. Einerseits nur schlimm für diejenigen die auf der Bühne
hätte sie vor dem Staat nachweisen müssen, stehen, betont Rath. Unzählige Menschen
dass sie das Geld sehr dringend braucht. Da arbeiten hinter den Bühnen, zum Beispiel die
sie jedoch nicht alleinstehend ist und ihr Maske oder Technik. Dieser Stillstand be-
Mann, der als Orchestermusiker arbeitet, zu drückt die Psyche zunehmend und ganz viele
viel verdient, hat sie keine großen Chancen Menschen überlegen momentan, ob sie sich
auf Abfindungen. Andererseits haben die umschulen müssen. Eine Kollegin, welche
Veranstalter der Festspiele auch keine Ver- ebenfalls als Sängerin arbeitet, hat jetzt eine
pflichtungen an sie als Künstlerin, da es keine Ausbildung zur Masseurin begonnen, meint
Verträge für dieses Jahr gab. sie.

Von einigen ihrer Freunde, erzählt die Singen ist das, was Susanne Rath immer
gebürtige Österreicherin, habe sie gehört, schon wollte und auch immer noch will. Je-
dass es für viele Künstler*innen schwer war, doch fragt auch sie sich: Was soll ich anderes
Anspruch auf die Hilfsprogramme geltend machen? Sie hat sich ihren Traum verwirk-
zu machen. Susanne Rath leidet unter dem licht Sängerin zu sein und steht nun vor der
Berufsverbot. Sie erklärt mir, dass es für sie Frage, was sie denn plötzlich noch anderes
in keinem Verhältnis steht, wenn die Men- machen kann – außer dem Singen. Der Lehr-

17
auftrag an der Universität füllt sie nicht aus.
Musik online vermitteln – geht das? Susanne
Rath meint, dass sie sich sehr wohl mit der
Situation arrangiert habe und auch musste.
Aber nur, weil man sich nach einer gewissen
Zeit an etwas gewöhnt, ist es nicht das, was
man sich wünscht, meint sie. Die Schüler
brauchen etwas anderes. Neue Schüler online
zu unterrichten, insbesondere Anfänger, wäre
äußerst schwierig. Natürlich habe Onlineun-
terricht den Vorteil, dass man besser auf das
Gesicht achtet, jedoch ist es niemals dassel-
be. Man sieht nie den ganzen Körper, kann
die Atmung des Schülers nicht beobachten
und auch weniger Obertöne hören. All diese
Umstände machen ihre Arbeit sehr zäh.

Ihre Bitte ist, dass die Kunst „weitergeht“.


Sie hat die Hoffnung zwar noch nicht ganz
verloren, aber leider nicht mehr viel davon.
Die Kunst kann nicht ewig auf Onlinefor-
mate vertröstet werden. Ganz klar ist: es soll
auch wieder „normal“ laufen können. Im
Moment herrscht die Angst, dass die Politik
entscheidet, dass Künstlerinnen und Künstler
keine wichtigen Teile der Gesellschaft sind.
Aber insbesondere hat Susanne Rath den
Wunsch, dass die Antriebslosigkeit vorbei
geht. Im Moment existiert keine Perspektive.
Zwar ist ihre Psyche wieder stabiler als am
Anfang des Jahres – jedoch befindet sich
die Branche weiterhin in einer Schockstarre.
„Wofür sollen wir momentan üben?“

Mir werden mit den beiden Gesprächen die


Resignation über die Situation verdeutlicht.
Der Bereich des Lebens, der der Gesellschaft
die Flucht aus der Realität ermöglicht, bleibt
still. Deutlich wird, dass es einen Konsens
über die Gesamtsituation geben muss und die
eine Frage sehr drängt: Soll die Kunst still
bleiben oder weiterleben? Dürfen die Künst-
ler und Künstlerinnen ihre Stimmen wieder
erheben und klingen lassen?

Musik und Kunst sind wichtige Elemente


in unserem täglichen Leben. Und mit der
Rückkehr und der Eingliederung dessen in
das System wird sich zeigen, dass sich ein -
momentan oftmals fehlendes - Glücksgefühl
nach und nach wieder einstellt.

18
Musik und Kunst sind wichtige Elemente in unse-
rem täglichen Leben. Und mit der Rückkehr und der
Eingliederung dessen in das System wird sich zei-
gen, dass sich ein - momentan oftmals fehlendes -
Glücksgefühl nach und nach wieder einstellt.

19
Ein Start ins Ungewisse:
Schicksalsgemeinschaft Ersti-Gruppe
VON PAUL SCHUBERT

Mit dem Start des Studiums beginnt ein neuer Lebensabschnitt


auf einem selbst gewählten Weg. Abstrakt gesagt, geht es vom Be-
kannten ins Unbekannte. Vom Elternhaus in die erste eigene Woh-
nung. Von der vertrauten Umgebung in die fremde Stadt. Während
man an dieser Schwelle steht, treten Zweifel auf. So auch bei mir
vor rund einem Jahr. Werde ich überhaupt neue gute Freund*in-
nen kennenlernen? Schaffe ich es, mich in den schwammigen
Strukturen der Uni zurechtzufinden? Antworten auf solche Fragen
gibt es üblicherweise in der STET-Woche. Ihr wohnt ein ganz be-
sonderer Zauber inne. Die Zusammenkunft hunderter hauptsäch-
lich junger Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben, lässt
eine ganz besondere Atmosphäre aufkommen. In dieser entste-
hen inmitten von Späti-Touren und Spracheinstufungstests erste
Kontakte, die sich beim ersten Mal gemeinsam „Mensen“ und dem
Kneipen-Abend weiter festigen. Zwischen durchzechten Nächten
werden in den Gruppensitzungen tatsächlich auch noch die letz-
ten bürokratischen Hürden überwunden. Doch was passiert, wenn
die Eckpfeiler der STET-Woche pandemiebedingt wegbrechen?
Wie erging es den Erstis zum Start des Wintersemester 20/21? Wie
können sie Antworten auf ihre Fragen finden? Für diese Reportage
sprach ich dafür mit den Studienanfängerinnen Katha und Yola und
mit Anouk als Tutorin einer Ersti-Gruppe.

20
21
(c) Universität Erfurt
26. Oktober, Montagmorgen 8:30 und aufgezeichnet, falls man keine Zeit hat. deutschlandweit, eine hybride STET-Woche
Uhr, Einführungsveranstaltung. Den Link der Aufzeichnung erhält Katha auf die Beine zu stellen, was ihr hoch anzu-
allerdings erst drei Wochen später per E-Mail. rechnen ist. Neben den großen informellen
Semi-optimal. Obwohl man in solch einem Vormittags-Veranstaltungen online, sollte

K
atha und Yola, sitzen in ihren Moment Angst bekomme, wichtige Informa- am Nachmittag den Studierenden in kleinen
WG-Zimmern vor ihren Laptops. tionen zu verpassen, „passiere so etwas nun Zehner-Gruppen die Möglichkeit geboten
Vier Wände und eine Handvoll einmal.“ Damit hat sie Recht. Organisatori- werden, zumindest ein paar ihrer Kommilito-
Möbelstücke bilden unfreiwillig ihren kleinen sche Pannen waren vorherzusehen. Solche nen auf dem Campus und nicht über WebEx
persönlichen Hörsaal in diesem Semester. Die liegen vorsichtig ausgedrückt in der Natur kennenzulernen. Soziologisch gesehen sehr
zögerliche Suche nach einem freien Platz im der Universität Erfurt. Fairerweise federn die wertvoll. „Wir studieren auch für das soziale
KIZ wird durch das Eingeben der Login-Da- Corona-Umstände den Vorwurf in diesem Miteinander in- und außerhalb der Uni,“
ten des WebEx-Raums ersetzt. Für Katha Jahr ein wenig ab. Denn die Organisation der erzählen Katha und Yola. Ihre Aussage ist
scheint es keinen freien Platz mehr zu geben. STET-Woche 2020 stellte alle Beteiligten vor zeitlos. Doch im Spätherbst 2020 anders
Die Teilnehmer*innenanzahl ist begrenzt – eine hoffentlich einmalige Herausforderung. einzuordnen. Statt Vorfreude und Aufre-
der Raum nicht groß genug. Als Ersatz wird Dabei schaffte es die Uni Erfurt im Gegen- gung schwingen in ihrer Aussage Sehnsucht
die Veranstaltung am nächsten Tag wiederholt satz zu den meisten anderen Hochschulen und Melancholie, aber auch Hoffnung und

Ein Studium ohne Präsenz. Aktuell


findet man besuchte Uni-Gebäude
nur als Konzept.

22
Zuversicht mit. Denn die persönlichen Tref- hatten Glück: „Bei uns in der Gruppe lief es Kurzerhand organisierte sich die Gruppe
fen mit der Ersti-Gruppe auf dem Campus sehr harmonisch ab. Es hat von sich aus gut selbst und traf sich auch ohne ihren Tu-
ermöglichten erste Bekanntschaften und geklappt und wirkte nicht zwanghaft.“ In tor*innen am Donnerstag- und Freitagabend
schufen die Erkenntnis, dass alle im selben den vorgesehen Zeitslots auf dem Campus (Zweitkontakte haben keine Quarantäne-
Boot sitzen. Während sich unter virusfreien organisierten die Tutor*innen für die Gruppe pflicht), um zu kochen und dem Speicher ein
Umständen die Gruppen spätestens am Mon- ein paar alt übliche Kennlernspiele, natürlich Besuch abzustatten. „Wir haben das beste aus
tagnachmittag beim Flunkyball vermischt mit Pfeffi, und nahmen sie mit in die Tiefen der Situation gemacht und wirklich positive
hätten, beschränkte sich der Kennlernaspekt des administrativen Universitätskosmos, Erfahrungen sammeln können. Das soll aller-
auf eine zusammengewürfelte Gruppe von sprich WLAN einrichten, Elvis durchforsten, dings nicht heißen, dass es jedem so ergangen
maximal acht Erstis und zwei Tutor*innen. Stundenplan erstellen und so weiter. Abends ist. Wir haben auch von Gruppen gehört, wo
„Die Studierenden aus unserer Gruppe waren standen Flunkyball vor dem Wohnheim und es zwischenmenschlich nicht so harmonisch
die einzigen Leute, die wir kennenlernen Glühwein trinken auf dem Programm. Am war,“ betonen sie.
konnten, wir waren aufeinander angewiesen,“ Donnerstagmorgen die Hiobsbotschaft: Die
konstatiert Katha. Eine Art Schicksalsge- Tutor*innen der Gruppe hatten Erstkontakt zu
meinschaft, in der sich Freundschaften jedoch einem Corona-Infizierten – 14 Tage Qua-
auch nicht erzwingen lassen. Katha und Yola rantäne. WebEx statt Campus am Nachmittag.

(c) Sturm-Wartzeck

23
Doch welche alternativen Möglichkeiten gibt „Jetzt erst recht“ dachte sich Anouk, die im trotz der widrigen Umstände kein Trübsal
es, Kontakte zu knüpfen, wenn man innerhalb dritten Semester ist. Als klar wurde, dass es bliesen, sondern die Aufgabe mit Freude und
der Gruppe nicht auf derselben Wellenlänge keine normale Ersti-Woche wird, fasste sie Kreativität angingen. Den Rahmen dafür
ist? Die Optionen sind überschaubar und mit für sich den Entschluss, dass es jetzt gerade schuf die Uni, die keine klaren Vorgaben zur
Eigeninitiative verbunden. Dafür müsse man wichtig ist, trotzdem Tutor*in zu sein. „Unter Ausgestaltung der Gruppentreffen machte.
auch seine Komfort-Zone verlassen, berichten solchen Bedingungen anzufangen, ist sehr „Es war wohl ein Appell an die Vernunft.
die beiden. Katha habe sich beispielsweise im schwer. Ein Start, der immerhin ein wenig Dennoch war es ein wenig diffus, da nicht
Spanisch-Kurs während einer Breakout-Ses- Normalität mit sich bringt, ist so wichtig“ ganz klar wurde, was man machen kann und
sion auf einem Kaffee im Hilgenfeld mit berichtet sie. Für ihre Gruppe nahm sie und was eher nicht,“ merkt Anouk an.
einer fremden Person verabredet. Modern ihre Mittutorin im Vorfeld ein Video auf, um Besonders gelungen seien, unter anderem, die
problems require modern solutions. Eine den Tutand*innen bereits vor dem Startschuss Schnitzeljagd des StuRas und das Online-
Alternative könnte auch der Beitritt in einer einen Eindruck von ihnen zu vermitteln und format „Spiele für Viele“ gewesen, die für
der zahlreichen Hochschulgruppen sein. Yola aufzuzeigen, wie sehr man sich freue. Abwechslung und Gesprächsstoff sorgten.
hat sich dem FSR Stawi angeschlossen, der Denn in den Räumlichkeiten der Uni kam
schönerweise während der Adventszeit die laut Anouk trotz einer Handvoll Spiele „keine
„coffee-break“ auf WebEx anbot, um sich „In so einem Umfeld außerhalb optimale Stimmung“ zum Kennenlernen
über Themen abseits der Uni zu unterhalten. der Uni läuft es einfacher. Es auf, da jeder an seinem Platz bleiben sollte
Nach unserem Gespräch spricht sie auf dem fanden sich immer wieder klei- und die Atmosphäre nicht sehr aufgelockert
Campus eine Studierende aus dem Fach- nere Gruppen, die beispiels- wirkte. Deswegen boten sie und die zweite
schaftsrat an, deren Gesicht sie bisher nur aus weise beim Flunkyball Spielen Tutorin darüber hinaus, bis auf einen Tag,
den Online-Sitzungen kannte, um einfach mal ins Gespräch kamen. Alles stets ein Abendprogramm innerhalb der
Hallo zu sagen. Stichwort: Komfort-Zone wirkte ein wenig unkompli- kleinen Gruppe an, um ein wenig Abhilfe zu
verlassen. Das klingt allerdings einfacher, als zierter. Jede*r hatte zumindest schaffen. Statt Kickerkeller und Kalif hießen
es ist. Wer schüchtern, verunsichert und oder eine Person, mit der er/sie sich die Treffpunkte Nord- und Luisenpark. Statt
nicht sehr selbstbewusst ist, findet vielleicht austauschen konnte.“ warm und trocken war es kalt und nass. Doch
keine Antworten auf seine Fragen. Das schürt die Chance neue Bekanntschaften zu schlie-
Sorgen und Ängste. Nicht alle, aber sicher- ßen, wollte sich die Studierenden nicht von
lich einige konnten die Tutor*innen ihren Auch die Tutor*innen von Katha und Yola den Witterungsverhältnissen nehmen lassen.
Tutand*innen dieses Jahr nehmen. Mit ihrem boten im Voraus in einem eigens organisierten „In so einem Umfeld außerhalb der Uni läuft
freiwilligen Engagement steht und fällt die online Meeting an, erste Fragen zu klären. Es es einfacher. Es fanden sich immer wieder
STET-Woche. entsteht der Eindruck, dass die Tutor*innen kleinere Gruppen, die beispielsweise beim

(c) Sturm-Wartzeck

24
(c) Sturm-Wartzeck
Flunkyball Spielen ins Gespräch kamen. Alles so erscheint es mir, waren insbesondere die bei der Psychosozialen Beratung des Studie-
wirkte ein wenig unkomplizierter. Jede*r persönlichen Treffen der Gruppen auf dem rendenwerks Thüringen melden.
hatte zumindest eine Person, mit der er/sie Campus ein riesen Pluspunkt gewesen. Trotz Mit dem Impfstoff ist mittlerweile ein Licht
sich austauschen konnte.“ Ein Studierender der begrenzten Gruppengröße schaffte die am Ende des Tunnels zu sehen, auf dem Weg
hätte allerdings nicht an der STET-Woche Universität Erfurt einen Rahmen, um unter zurück zu vollen Hörsälen und ausufernden
teilnehmen können. Was dann? Kurzerhand Einhaltung der Hygieneregeln, erste Kontakte WG-Partys. Und: Wer dieses Jahr an die Uni-
traf sich Anouk mit ihm an einem Vormittag, zu knüpfen. Ohne diesen wäre ein ohnehin versität Erfurt gekommen ist, hat schon eines
um Organisatorisches, wie den Stundenplan mit Sorgen und Ängste verknüpfter Start bewiesen. Mut. Den Mut, über die Schwelle
zu besprechen. Apropos Stundenplan. Da ins Studium noch komplizierter gewesen. in einen neuen Lebensabschnitt zu treten - un-
dieser üblicherweise erst im Laufe der Woche Hervorzuheben ist auch das Engagement der ter diesen prekären Umständen. Darauf könnt
und nicht direkt am Anfang besprochen wird, Tutor*innnen, die unter noch nie zuvor dage- ihr stolz sein.
kam es zu koordinativen Problemen mit den wesenen Umständen mit Einfallsreichtum und
Sprachkursen. Die Anmeldungen für manche Ehrgeiz agierten, um das beste aus der Woche
Kurse waren bereits vor der Bekanntgabe des herauszuholen. Klar ist jedoch auch, dass der
Stundenplans. Selbiges gilt für Einstufungs- Grad an Solidarisierung nicht in allen Grup-
tests. Einer der einzigen Kritikpunkte die pen so hoch war wie bei Katha und Yola und
Anouk zu verzeichnen hat. der Gruppe von Anouk. Nicht jede*r konnte
oder wollte an der STET-Woche teilnehmen,
Insgesamt sei die Organisation der Uni in nicht jede*r hat eine*n Freund*in oder An-
Anbetracht der Pandemie-Situation sehr sprechpartner*in gefunden. Viele haben am
gut gewesen. Es gab eine Vielzahl von Semesterbeginn noch immer keine Antwor-
Angeboten, um administrative Fragen zu ten auf ihre sozialen Fragen gefunden. Die
klären. Updates via E-Mail, Checklisten, Aussicht auf neue soziale Kontakte und einen
Anleitungen und Q&A´s. Ergänzt durch eine normalen Studienalltag rückt mit steigenden
vom StuRa organisierte Belegungssprech- Inzidenzwerten in immer weitere Ferne und
stunde, „How-to-Uni“-Veranstaltung und kann mentale Probleme bedingen. Wer das
die Vorstellung der Hochschulgruppen beim Bedürfnis hat, sich mit einer neutralen Person
„Markt der Möglichkeiten“. Neben all dem, über seine Probleme auszutauschen, kann sich

25
Pro?
Contra!
Vorlesungen S eit dem Sommersemester 2020 ist das
Leben der Universitätsangehörigen auf
den Kopf gestellt: Alles wird online
Flexibilität, Freizeit, Zeit und Geldsparen
angehen. Die Flexibilität ist das Vorteilhaf-
teste in der Online-Lehre. Für einen Studie-

im Vergleich gehandhabt oder besser Online-Lehre ist


angesagt. So besteht der Alltag der Lernen-
den und der Lehrenden aus der Teilnahme
renden gibt es nichts Schöneres, als früh ganz
gemütlich in Jogginghose auf seinem Sofa
mit einer Tasse Kaffee auf seinem Schreib-
an Online-Kursen und Online-d. Webex, tisch an der Vorlesung teilnehmen zu können,
aus ständigem Arbeiten am Laptop, digi- anstatt früh morgens zur Vorlesung fahren
talen Sprechstunden; alles spricht digital: zu müssen. Das, was die Flexibilität noch
das ist eben die Beschreibung des digitalen stärker macht ist, dass man seine Arbeits-,
VON SALOMON KPODO Semesters schlechthin. Seit dem Beginn der Lern, und Freizeit so gestalten kann, wie man
Corona-Pandemie sind folgende Wörter „Ler- es will und in vielen Fällen weder orts- noch
nen auf Distanz“, „Digital od. Online-Lehre“ zeitgebunden ist: Beispiele dafür sind, dass
mehr als je zuvor benutzt worden. Diese Sätze manche Vorlesungen als Screen bzw.- Podcast
werden täglich mehr als tausendmal in allen von den Professoren hochgeladen werden
möglichen Zusammenhängen benutzt. Dabei und man sich sie anschauen oder hören kann,
kommen Vor- und Nachteile und alles dazu wann man will. Die Möglichkeit unabhän-
Gehörende zum Ausdruck. An dieser Stelle gig von Ort und Uhrzeit lernen zu können,
äußert sich Bill Gates auf dem Singapore erweist sich dermaßen als hoch positiv, weil
Fintech Festival im letzten Dezember zur Co- Studierende das Vorlesungsmaterial mit ihrem
vid-19 wie folgt: „Auch wenn die Pandemie eigenen Tempo durchgehen können. Dass
schrecklich ist, hat sie Innovationen beschleu- man auch am selben Ort - in seinem Zimmer
nigt. Das Lernen in der , digitale Finanzen - Vorlesungen besuchen, lernen und Freizeit
haben alle enorme Fortschritte gemacht.“ haben kann, erscheinen aufgrund der Fahrzeit
und Fahrkosten, die man sich spart, als sehr
Das Lernen in der Distanz, das mit der günstig, vor allem für diejenigen, die in einer
Online-Lehre in Verbindung steht und Hand anderen Stadt leben.
in Hand geht, weist, wie Bill Gates es hier zu
vertreten scheint, viele Vorteile auf. Jedoch Zudem bringen die Online -Vorlesungen eine
stellt sich die Frage, ob die Online-Lehre bzw. Möglichkeit zum Geldsparen insofern mit
Online-Lehrveranstaltung an der Uni in der sich, als die Studenten - wie es in einigen
Covid-19- Zeit mehr Vor- oder Nachteile für Studiengängen üblich ist - Texte zur Vorbe-
Studierende und Professoren mit sich bringt. reitung der Lehrveranstaltungen, Handouts,
In Anbetracht des Alltags der Studierenden Thesenpapiere der Referate für die Teilneh-
ist festzustellen, dass die Online-Lehrver- mer*innen, Essays und kleine Hausarbeit
anstaltungen viele Vorteile haben, was die nicht mehr ausdrucken müssen und dies
26
Contra?
Pro!

bei dem digitalen Format belassen können. entwickelt sich dabei keine wirkliche Dis- Als Beispiel gelten hier Fälle, in denen eine
An dieser Stelle fallen etwaige Druckkos- kussion wie in einer Präsenz-Veranstaltung. Lehrveranstaltung gar nicht stattfindet (aber
ten aus. Ein anderer positiver Aspekt in der Diese Schwierigkeit ist am auffälligsten in dafür Folien hochgeladen werden) oder
Online-Lehrveranstaltung ist der Zeitfaktor. den Sprachkursen. Für Lehrende ist dieses anstatt anderthalb oder zwei Stunden eher
Manche Vorlesungen dauern nicht anderthalb Lehr-Format auch mit einigen Nachteilen eine Stunde dauert und die restliche Zeit für
oder zwei Stunden, sondern eine Stunde, dies verbunden. Trotz Angebote von Webex oder eine Nachbereitung vorgesehen ist, die aber
ermöglicht den Studierenden mehr Zeit zum Zoom, für Wortmeldungen ist es z. B. schwer mehrere Stunden benötigt. An dieser Stelle
Ausruhen, sich mit etwas Anderem oder mit für Dozierende, bei einer großen Zahl an beschweren sich einige Studierende darüber,
derselben Vorlesung weiter zu befassen. Teilnehmer*innen alle Wortmeldungen am dass sie die ganze Zeit dabei sind, tausende
Trotz all dieser Vorteile verbirgt die On- Bildschirm zu sehen und sie - wie in einem Aufgaben zu erledigen und von den Lehren-
line-Lehrveranstaltung viele Nachteile für normalen Unterricht - zu Wort kommen zu den leider ganz wenig beigebracht bekom-
die Studierenden. Auch wenn es nichts lassen. Das kann für den einen oder anderen men. Die Online-Lehre scheint für sie wie ein
Schöneres gibt als, früh morgens zu Hause Studierenden frustrierend sein, wenn der Nachhilfeunterricht zu sein. Dabei kann man
zu bleiben, mit einer Tasse Kaffee an der Dozent auf seine Wortmeldung nicht reagiert. an die Selbststudieneinheit denken.
Vorlesung teilzunehmen und nicht an Ort und Außerdem ist es für den Lehrenden mühsa- Andere evidente Nachteile sind das Versagen
Zeit gebunden zu sein, um zu lernen, lässt mer, eine ganze Online-Lehrveranstaltung der Internetverbindung während (der Kurse
es sich bei dieser Flexibilität ein Mangel an lang zwischen mündlicher und schriftlicher allgemein) eines Referats und einer schrift-
Motivation und Konzentration beim Lernen Ebene zu wechseln wie z. B. den Überblick lichen oder mündlichen Prüfung, technische
und den Lehrveranstaltungen feststellen. Aus auf Fragen und Anmerkungen der Studieren- Probleme auf E-Learning-Plattformen wie
einem Gespräch mit einigen Studierenden den im Zoom- oder Webex-Chat zu behalten, Moodle, ILLIAS, Sciebo unsw., die das
ergibt sich, dass ihnen die Selbstdisziplin schriftlich darauf zu reagieren, danach auf die Hochladen eines Unterrichtsmaterials verhin-
und eine Trennung zwischen Studium und mündliche Ebene weiterzumachen und diesen dern.
Freizeit fehlen. Obwohl sie, so ihre Aussage, Überblick und Wechsel während der ganzen
in der Zeit vor der Pandemie ihren Alltag Sitzung lang beizubehalten.
gut gestalten konnten, ist es jetzt nicht mehr Wie man bemerken kann, sind die Nachteile
machbar, weil sie keine Möglichkeit zum Der wichtigste Faktor bei diesem Online-For- der Online-Lehrveranstaltungen wesentlich
Raumwechsel haben und alles am selben Ort mat ist die Zeit. Daher die Frage: Nimmt die höher und bedeutender als die Vorteile.
- im selben Zimmer - erledigen müssen, was Vor- und Nachbereitung auf die Lehrveran- Letzten Endes kann die erfolgreichste On-
ihnen eintönig vorkommt. Den Campus nicht staltungen mehr Zeit in Anspruch als in einem line-Lehrveranstaltung den Präsenzunterricht
mehr zu sehen, ist für diese Studierenden ein normalen Semester? Die Frage lässt sich nicht ersetzen. An dieser Stelle ist klarzuma-
komisches und trauriges Gefühl, sie leiden mit Bezug auf Gespräche mit Studierenden chen, dass weder für die Online- noch für die
an einer Depression und fühlen sich einsam. insofern bejahen, als Lehrende anders als in Präsenz-Veranstaltung plädiert wird, sondern
Einige negative Aspekte bei den Onlinekur- einem normalen Semester von den Studieren- es sich nur um eine Auseinandersetzung und
sen bestehen in der großen Schwierigkeit, den viel an Vor- und Nachbereitung verlan- Bekanntmachung der Sachverhalte ohne
aktiv zu diskutieren, sich in der Gruppe mit gen, indem sie ihnen viele Aufgaben geben, Stellungnahme handelt.
anderen über die Inhalte auszutauschen: es deren Erledigung mehrere Stunden dauern:
27
Menschen &
ihre Geschichten

28
29
(c) Franziska Bausch-Moser
Behörden &
Briefe &
Bürokratie
Internationale Studierende und ihr Weg zur
deutschen Aufenthaltsgenehmigung
VON SOPHIE MORÁR

E
in Freitagmorgen Mitte November. zwei Monate musste er danach noch warten,
Bright Owusu Banahene betritt den Nachweis über eine Krankenversicherung,
bis er die vorläufige Fiktionsbescheinigung einen Finanzierungsnachweis, einen gültigen
Warteraum der Ausländerbehörde endlich gegen seinen deutschen Ausweis mit
Erfurt, in seiner Hand die Dokumente, die Reisepass und ein aktuelles Passbild. So
dem endgültigen Aufenthaltstitel tauschen steht es auf der Webseite des Bundesamts für
er gleich für die Beantragung seiner Auf- konnte. Es war der, wie er hofft, letzte Ab-
enthaltsbescheinigung braucht. Obwohl er Migration und Flüchtlinge (BAMF).
schnitt auf einem Weg voller Gespräche und Auf den ersten Blick alles machbar. Aber der
schon einmal hier war, ist er nervös. Er hat Bürokratie, den er für sein Masterstudium in
nicht viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Finanzierungsnachweis stellt viele vor Her-
Erfurt bewältigen musste. Angefangen bei ausforderungen. Ein Stipendium bekommen
Bevor er sich zu den anderen Wartenden dem Visumantrag in Accra, Ghana, über die
setzen kann, wird schon sein Nachname die wenigsten und auf das Einkommen der
Wohnungssuche bis hin zu den finanziellen Eltern können sich viele nicht verlassen. Den
und eine Raumnummer auf dem Display Rücklagen für den Aufenthaltstitel. Bis zum
angezeigt. Er verlässt das Zimmer, auf dem meisten bleibt damit nur die dritte Option des
Schluss habe er Angst gehabt, dass er all die Finanzierungsnachweises: die sogenannte
Gang kommt ihm eine Frau entgegen. „Sind Anforderungen nicht meistern könne, dass
Sie Herr Bright Banahene?“. Sie ist um die Sicherheitsleistung. 10.332 Euro müssen aus-
sein Traum von Europa nicht wahr werden ländische Studierende dafür auf ein gesperrtes
30 Jahre alt, etwas kleiner als Bright. Er folgt würde. Erst als am 24. Oktober – ein Tag vor
ihren dunklen Haaren zu ihrem Büro in einen Konto einzahlen. Die Summe setzt sich aus
seinem Flug nach Deutschland – trotz Pan- den durchschnittlichen Lebenserhaltungs-
kleinen Raum, abgeschirmt von den anderen demie und bürokratischen Schwierigkeiten
Schreibtischen. Ab und zu laufen Mitarbeite- kosten von 861 Euro pro Monat zusammen.
endlich sein Visum bei ihm ankam, fiel der Hochgerechnet auf 12 Monate ergibt das
rinnen und Mitarbeiter hinter Bright am Gang größte Druck von ihm ab. Da wusste er noch
vorbei. „Was machen Sie hier in Deutschland, 10.332 Euro. Das ist viel Geld. „10.000 Euro
nicht, dass ihn in Deutschland der nächste is half a million in Ghana. A lot of my friends
warum sind Sie hier?“ fragt die Frau lächelnd Marathonlauf von einer Behörde zur nächsten
und setzt sich hinter den Tisch. Sie spricht who got acceptance letters don’t have the
erwarten würde. Und es ihn einige Nerven chance to get that money together.“, erzählt
langsam und deutlich, sie scheint es Bright kosten würde, bis er seine Aufenthaltsgeneh-
möglichst einfach machen zu wollen, sie zu migung für die nächsten zwei Jahre endlich in
verstehen. Trotzdem kommt er nicht bei jeder den Händen halten könnte.
Frage mit. Seine Deutschkenntnisse reichen
dafür noch nicht aus. Schon gar nicht für Bright gehört zu insgesamt 411.601 auslän-
die vielen Dokumente, die sie ihm nach der dischen Studierenden, die im Wintersemester
kurzen Fragerunde vorlegt. Eine Seite nach 2019/2020 für ein Studium in Deutschland
der anderen blättert sie um, erklärt ihm etwas, immatrikuliert waren. Die meisten von ihnen
er versteht kaum ein Wort. „You have to sign aus China, Indien und der Türkei. Nicht alle
here“ sagt sie leise, und wechselt dann schnell brauchen ein Visum für die Einreise, Studie-
wieder ins Deutsche, als einer ihrer Kollegen rende aus beispielsweise Brasilien, Japan oder
vorbeiläuft. Rund 30 Minuten und unzähli- den USA dürfen sich bis zu 90 Tage visafrei
ge Unterschriften später schiebt sie ihm ein in Deutschland bewegen. Erst dann müssen
gefaltetes Papier hin. Brights vorläufiges sie eine Aufenthaltsgenehmigung vorwei-
Ausweisdokument sieht aus, wie die Seiten sen. Um die zu erhalten, gelten für alle die
eines deutschen Reisepasses. Der Bundesad- gleichen Regeln: Sie müssen eine aktuelle
ler prangt auf dem Deckblatt, darüber steht in Studienbescheinigung vorzeigen, sowie einen
klarer Schrift „Fiktionsbescheinigung“.

So hat Bright Owusu Banahene seinen Termin Bright Owuse


bei der Ausländerbehörde in Erinnerung. Fast Banahene
30
Bright. Er selbst habe schon vergangenes konnte. Das sei auch nicht ihre Aufgabe, Trotz der stressigen Anfangszeit
Jahr sein Studium in Erfurt beginnen wollen, aber gerade von einer Behörde, die sich um und dem Hintergedanken, dass ihre
am Ende sei es jedoch an der Finanzierung internationale Angelegenheiten kümmere, Studienzeit in Deutschland am Ende
gescheitert. Diesmal konnte er sich das könne man das vielleicht doch erwarten. Auf doch an einem fehlenden Dokument
Geld von seiner Firma in Ghana leihen. Die die unzähligen Termine folgten zahlreiche oder der finanziellen Hürde scheitert,
Schulden muss er jetzt langsam zurückzah- Briefe. Pedro zufolge eine Lieblingsbeschäf- sind Bright und Pedro froh, dass sie
len. Vorerst geben ihm die Rücklagen jedoch tigung der Deutschen. „In my whole life I diesen Weg gegangen sind. „Germa-
die Möglichkeit, sich auf sein Studium zu didn’t get so many letters as in two months in ny is beautiful and well organized“,
konzentrieren. Hätte er die Summe nicht Germany“. lobt Bright während des Interviews
zurückgelegt, hätte er sich schon längst einen mehrmals. Die Menschen seien bei-
Job suchen müssen. Die Regelung der Sicher- den überall hilfsbereit und freundlich
heitsleistung ergibt für Bright Sinn, trotzdem begegnet und haben versucht, ihnen
kritisiert er, dass die hohe Summe für viele durch das Bürokratie-Dickicht zu
eine zu große Hürde darstellt. „To get this helfen. Es war eine Herausforderung,
money in Africa is not a joke. It’s unfair and aber jetzt wissen die beiden im-
it excludes people. Brilliant people.“ merhin, wo welche Ämter sind. Und
Ähnlich sieht es auch Pedro Lucena. „With dass man in Deutschland unbedingt
that policy they want to make sure we don’t ein Namensschild am Briefkasten
get bankrupt while we’re here. I understand braucht.
that. But a whole year is a lot to pay in ad-
vance. Maybe 6 months would be enough.“

Wie Bright hat auch Pedro im Oktober sein


Masterstudium in Erfurt begonnen. Er sitzt in
seinem WG-Zimmer in der Erfurter Stadt-
mitte. Es ist noch recht spärlich eingerichtet.
Auf dem Schreibtisch stehen ein paar Bilder Pedro
seiner Familie, an der Wand hängen Fanar-
tikel von Coritiba FC, dem Fußballclub aus Die ersten Wochen in Deutschland waren für
seinem Heimatort in Brasilien. Nach dem Bright und Pedro zeitaufwändig – und nervig.
starken Wertverlust des brasilianischen Reals Sinnvoll sei die Bürokratie trotzdem, finden
sei es nicht einfach gewesen, das Geld für die sie. Bright hat die stressige Zeit auch etwas
Sicherheitsleistung zusammenzubekommen. positiv in Erinnerung: „People were really
Während Anfang des vergangenen Jahres – helpful especially in the Ausländerbehörde.
vor der Corona Pandemie – der Wechselkurs Everywhere were smiling faces. In my percep-
noch bei 4,75 Real zu 1 Euro lag, musste tion they were really nice to me.“
man im Oktober 2020 schon 6,63 Reales
zahlen. Dazu kam auch noch die Sorge um Weder Pedro noch Bright haben mit den
die Wohnungssuche. Viel zu spät habe er sich vielen Hürden gerechnet, die sich ihnen auf
um einen Platz im Wohnheim gekümmert, die dem Weg zu einem gültigen Aufenthaltstitel
waren zu dem Zeitpunkt alle schon verge- und dem vollen Zugang zu einem Bankkonto
ben. Also blieb ihm nur WG-Gesucht. Über in den Weg stellen würden. Das Bargeld, das
80 Anfragen verschickte er, nur sechs oder Pedro von Brasilien mitgenommen hatte,
sieben antworteten überhaupt. „I was crying a habe schon in den ersten zwei Monaten
lot out of nervousness. I didn’t know where to nicht gereicht. Er habe nicht gedacht, dass es
live.“ Erst fünf Tage bevor er in Deutschland solange dauern würde, bis er endlich Zugang
ankam, erhielt er die Zusage für seine jetzige zu seinen Finanzen haben würde. Wochen-
WG. Aber die Nervosität blieb erst einmal. lang habe er versucht, ein deutsches Konto
zu eröffnen, aber es sei unmöglich gewesen,
In den ersten Wochen ging es von einer in Erfurt eine Bankfiliale zu finden, bei der
Behörde zur anderen, von einem Termin er auch auf Englisch beraten wurde. Irgend-
zum nächsten. Vermieter, Bank, Bürgeramt, wann entschied er sich für eine britische
Ausländerbehörde und wieder zurück. Die Online-Bank, mit der er auch in Deutschland
Anforderungen für die Aufenthaltsgeneh- kostenfrei Geldabheben kann.
migung, die auf den ersten Blick recht
übersichtlich erscheinen, stellten Pedro und Auf ihr zweites Konto, das mit der Sicher-
Bright vor zahlreiche Herausforderungen. heitsleistung, haben Bright und Pedro immer
Um die Aufenthaltsgenehmigung beantragen noch keinen Zugriff – und werden den wohl
zu können benötigt man zuerst den Nach- vorerst auch nicht bekommen. Stattdessen
weis einer Krankenversicherung, die ist für erhalten sie von den einbezahlten 10.332
gewöhnlich bei dem gesperrten Konto mit Euro jeden Monat 861 Euro. Nach Rechnung
den 10.332 Euro mitinbegriffen. Den Zugang der Behörden genug, um die monatlichen Le-
zu dem Konto, und damit auch dem Versiche- benskosten zu decken. Solange nichts Uner-
rungsnachweis, bekommt man allerdings erst wartetes passiert, sei das auch kein Problem.
mit einer Aufenthaltsgenehmigung. „It’s a „But if you have an unexpected emergency it
paradox“, beschwert sich Pedro. Dazwischen might be good to have that money“, bemerkt
muss man den Weg zu den verschiedenen Be- Pedro.
hörden finden, das Straßenbahnnetz verstehen
und sich durch die Sprachbarrieren winden.
Auf den Ämtern gab es kaum jemanden, der
sich mit ihnen auf Englisch verständigen

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Don’t Stop Motion:
Über die Sichtbarmachung und
den Mut, etwas zu verändern
VON ALEXANDRA PETRI

Was hat dich das letzte Jahr am meis- Gründe. Doch was können wir tun, um
ten emotional aufgewühlt? Verständlich etwas an der Situation zu ändern? Sicher-
kommt den meisten als erste Antwort die lich ist Spenden eine wichtige Maßnahme,
immer noch wütende Covid 19-Pandemie doch schlichtweg nicht für alle möglich.
und die bei einer Vielzahl von Menschen Mindestens genauso wichtig ist es daher
damit einhergehenden Erfahrungen mit Bewusstsein zu schaffen, aufzuklären und
Verlust, Einsamkeit und Überforderung in damit irreführende Falschinformationen
den Sinn. Neben der Pandemie prägten keine Grundlage zu geben.
jedoch noch so viele weitere, Ereignisse
das Jahr 2020. Allen voran die unmensch-
liche Behandlung von Geflüchteten auf Der Artikel soll einerseits dazu dienen eine
der Insel Lesbos. Immer wieder sehen wir Initiative vorzustellen, die es sich mithilfe
Bilder und Aufnahmen wie katastrophal von Stop Motion zur Aufgabe gemacht hat,
die Zustände sich dort zuspitzen. An der eben dieses Bewusstsein zu schaffen und
Situation hat sich bis heute jedoch we- andererseits dazu ermutigen, selbst Initia-
nig geändert. Warum das so ist hat viele tive zu ergreifen, um etwas zu bewegen.

(c) Franziska Bausch-Moser

Die drei Protagonist*innen Muntazar, Ahmad & Zahra

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M
untazar, Zahra und Ahmad sind dann doch super emotional wurde. Einfach ja, schiedene Aspekte. „[Für] die drei Protago-
die drei Protagonist*innen im weil da kommt dann alles raus. Ich glaub bei nist*innen“, so vermutet Franzi, „ist es vor
Pionierfilm der Initiative „Don’t allen war das so, dass sie das so [zum ersten allem, dass sie den Raum bekommen ihre Ge-
Stop Motion“. Die drei sind in Erfurt lebende Mal] am Stück erzählt haben.“ schichte zu erzählen und gehört werden und
junge Erwachsene, die eine Sache besonders dass sie und ihre Erfahrungen wichtig sind.
verbindet: Sie sind als Geflüchtete nach Erfurt So haben sie nach und nach Vertrauen auf- Das war für sie der größte Impact, dass ihnen
gekommen. Ihre Fluchterfahrungen weisen in gebaut und sich langsam an das gemeinsame auch wirklich zugehört wird.“ Die beiden er-
einigen Aspekten Ähnlichkeiten auf, jedoch Film-machen herangetastet. Die Puppen und hoffen es sich zudem mit dem Projekt erreicht
leben diese drei Geschichten auch von ihrer Sets für die Aufnahmen haben sie gemein- zu haben, dass sich die drei Protagonist*innen
Individualität. Sie erzählen uns in ihrem Film, sam und mithilfe des Erfurter Künstlers Pit durch die Wertschätzung der eigenen Ge-
was sie während ihrer Flucht erlebt haben Nötzold gebastelt und die Szenen miteinander schichte in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt
und warum sie nach Deutschland gekommen diskutiert. Wie der Film letztlich gestaltet ist, fühlen und durch den kreativen Umgang
sind. Und das nicht etwa in Persona, sondern erklärt Niels: „Wir verweben quasi ihre drei mit traumatischen Erfahrungen, diese besser
mithilfe von Puppen, die sie selbst angefertigt Geschichten miteinander. Die Schritte sind verarbeiten können.
haben. ja schon etwas ähnlich. […] Jede Person hat
Gegründet wurde die Organisation von Niels auch andere Schwerpunkte gesetzt. Also es Auch für sie selbst war das Projekt eine
und Franzi, die ich in ihrem Atelier besucht ist jetzt nicht drei Mal die gleiche Geschichte, intensive Erfahrung. Während der Zeit haben
habe und mit ihnen über das Filmprojekt, Ei- sondern für jede Person war ja was anderes sie gelernt, Dingen ihren Lauf zu lassen und
geninitiative und das Bewusstwerden geredet bedeutsam oder wichtig. Ein Fokus von Zahra darauf zu setzen, dass alles am Ende seinen
habe. war, was sie so als Kind verpasst hat, Ahmad Weg findet. Und auch wenn sie sich selbst als
redet eher über die emotionale, psychische weltoffene Menschen bezeichnen, sind sie
Angefangen hat es mit einer Selbststudienein- Belastung und auch über Depression und bei beide der Überzeugung, durch die Zusam-
heit während ihres Masters Kinder- und Ju- Muntazar geht es um Alltagsrassismus, den er menarbeit mit Ahmad, Zahra und Muntazar
gendmedien an der Uni Erfurt. Als Prüfungs- hier erlebet.“ noch mehr für die individuellen Lebenswege,
leistung haben sie beschlossen im Rahmen insbesondere von Geflüchteten sensibilisiert
zweier Projekte in Athen gemeinsam mit wurden zu sein. Auch hat sie dieses Projekt
geflüchteten Menschen einen Film zu drehen. "Gerade mit der Stop dazu gebracht ihre eigenen weißen Privilegi-
Auf die Frage, wie sie auf die Idee gekommen en zu hinterfragen und sich deren bewusster
sind antwortet Niels: „Als die Diskussion mit Motion Technik sehen zu werden.
den Geflüchteten immer präsenter wurde, sa- sie das Potenzial auch Um das Ganze finanzieren zu können, haben
ßen wir etwas deprimiert da und dachten, hä vielen weiteren Ge- sie sich auf eine von der Staatskanzlei Thürin-
was wir studieren ist voll was für privilegierte gen ausgeschriebene Filmförderung beworben
rich kids, dass die noch besser mit ihrem
schichten einen Raum und diese schließlich auch erhalten. Weiterhin
Smartphone umgehen können. […] Und zu geben, die kaum ge- unterstützt werden sie außerdem vom LAP
dann kamen wir auf die Idee: Wir können ja hört werden und durch (Lokaler Aktionsplan gegen Rechtextremis-
auch die Medien nutzen um die Stimmen, diesen ästhetischen An- mus) und dem Radio F.R.E.I. Ein passender
die nicht gehört werden zu verstärken und da Raum wurde nach längerer Suche von der
die Möglichkeit zu schaffen.“ Mithilfe eines satz das Innenleben und Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung
Filmworkshops sollten die Fluchterfahrungen die Gefühlsebene durch bereitwillig gestellt. „Da waren wir sehr frei
der dort lebenden Menschen mittels Kreati- abstrakte Bilder nachzu- und da konnten wir auf alle Unplanbarkeiten,
vität vermittelt werden. Die Intention war, die das Projekt ja hatte auch sehr gut reagie-
nicht über Geflüchtete zu berichten, sondern
stellen." ren. Das war schon eine sehr schöne Situation
gemeinsam mit ihnen zu arbeiten und ihnen nach dem Master.“, meint Niels.
Zudem werden die fünf außerdem von eini-
die Möglichkeit zu geben ihre Geschichte
gen nicht-geflüchteten Jugendlichen tatkräftig
selbst zu erzählen. Nachdem das Projekt in Gerade durch die große Unterstützung, die sie
unterstützt. Warum ihnen das wichtig war
Griechenland gut angekommen ist, haben während des Projekts erfahren haben, wollen
erklärt Franzi: „Das war auch der Gedanke
die beiden, zurück in Deutschland, beschlos- sie auch andere dazu ermutigen und auffor-
von dem Filmprojekt jetzt, dass in dem Work-
sen die Idee weiter auszubauen. Anlehnend dern es einfach zu wagen, die eigene Krea-
shop die Jugendlichen in Austausch kommen
an ihren Master haben sie es sich zum Ziel tivität für etwas Gutes einzusetzen: „Sobald
können und Überdenken können.“
gemacht das Filmprojekt mit Jugendlichen zu sich 4 Leute zu einer Thematik finden passiert
Die meisten kennen zahlreiche Geschichten
realisieren. ja eigentlich immer was Cooles. Selbst wenn
über die Geflüchtetensituation, doch die
das Endprodukt nicht shiny shiny ist und
wenigsten kommen mit den betroffenen Men-
Um mit geflüchteten Jugendlichen in Kontakt riesengroße Wellen schlägt, ist ja der Prozess
schen in Kontakt. So baut sich immer mehr
zu kommen, haben sie zunächst zahlreiche das zu machen ja auch schon so cool und
Unmut auf. Auch Niels ist der Meinung:
Vereine angeschrieben und auch im eigenen gemeinsam kreativ zu arbeiten. Das geht ja
„[Z]u wissen, das ist die Geschichte, [von der
Freundeskreis rumgefragt, bis zuerst Ahmad sehr flott und ist ja heutzutage echt technisch
Person] die rechts von mir auf dem Sofa sitzt
und Zahra und schließlich auch Muntazar zu sehr einfach.“
ist auf jeden Fall was anderes. Auch nochmal
ihnen gestoßen sind: „[D]ann haben sie uns
nachzufragen: Wie war das da als du mit 13
per WhatsApp angeschrieben, dass sie auf
in der Schneiderei gearbeitet hast? Da gibt
uns aufmerksam geworden sind. Dann haben Bis der Film für die Öffentlichkeit zu sehen
es da noch ne Anekdote oder Hintergrundin-
wir uns auf eine Kugel Eis getroffen und dann ist, dauert es allerdings noch etwas. Sie
formation dazu, also das war auf jeden Fall
gings los.“ wollen warten, bis sich die Situation etwas
bereichernd.“
beruhigt hat und träumen davon den Film in
Zunächst wurden viele Gespräche und detail- Kinos und auf Filmfestivals sowie auch in
Gerade mit der Stop Motion Technik sehen
lierte Interviews geführt. Als psychosoziale Schulen gemeinsam präsentieren zu können.
sie das Potenzial auch vielen weiteren Ge-
Unterstützung war während der Gespräche Zum Schluss wollen sich die beiden bei allen
schichten einen Raum zu geben, die kaum
auch ein Mitarbeiter des Refugio Vereins Mitwirkenden bedanken. Insbesondere auch
gehört werden und durch diesen ästhetischen
dabei, was Niels als sehr hilfreich angesehen bei Linh, die sich liebevoll um ihre Website
Ansatz das Innenleben und die Gefühlsebene
hat: „[D]a war ich ganz froh, [dass] der da und die Social Media-Accounts kümmert und
durch abstrakte Bilder nachzustellen.
von Refugio noch mit dabeisaß und der das so ihre Message nach draußen trägt: Gemein-
Was das Projekt für die Protagonist*innen
dann sehr kompetent abgefangen hat, wenns sam können wir etwas bewegen.
und sie selbst gebracht hat, hat so viele ver-

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