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Iphigénie en Tauride (Iphigenie auf Tauris), Tragödie in 4 Akten von Christoph Willibald

Gluck. Text von Nicolas-François Guillard nach einem gleichnamigen Schauspiel von Claude
Guimond de la Touche. Sein Libretto Iphigénie en Tauride ist Alphonse Du Congé Dubreuils
gleichnamigem Textbuch, das Nicola Piccinni 1781 vertonte, weit überlegen und gilt als
Glucks bester Operntext. Uraufführung: 18.5.1779 Paris, Opéra. Dt. Fassung vom
Komponisten und Johann Baptist von Alxinger. Erstaufführung: 23.10.1781 Wien, Hofoper.

PERSONEN: Iphigénie / Iphigenie, Tochter Agamemnons und Klytämnestras, Oberpriesterin


des Diana-Tempels auf Tauris (Sopran) - Thoas, König der Skythen (Bass) - Oreste / Orest,
Iphigenies Bruder (Bariton) - Pylade / Pylades, griech. Prinz, Freund Orests (Haute-contre) - 2
Priesterinnen (Sopran/Mezzosopran) - Diana (Sopran) - Ein Skythe (Bass) - Ein Aufseher des
Heiligtums (Bass) - Griechen, Priesterinnen, Eumeniden, Volk der Skythen, Wache des Thoas
u.a.
ORT UND ZEIT: Heiligtum der Diana im skythischen Tauris, nach dem Ende des Trojan.
Krieges.
SPIELDAUER: ca. 1 3/4 Stunden (1. Akt: ca. 30 min.; 2. Akt: ca. 30 min.; 3. Akt: ca. 25
min.; 4. Akt: ca. 20 min.).

1. Akt. Iphigenie, die in Aulis von Diana vor dem Tod gerettet und hier im Land der Skythen
zur Priesterin im Tempel der Göttin bestimmt wurde, bittet während eines heftigen Sturms mit
ihren Priesterinnen die Götter um Gnade und Befreiung von der Pflicht, die an den Strand von
Tauris verschlagenen Fremden dem Opfertod zuzuführen. Die Beruhigung der Natur scheint
die Erhörung ihres Wunsches anzudeuten. Iphigenie selbst kommt nicht zur Ruhe. Sie
schildert ein grässliches Traumerlebnis, in dem die Burg ihrer Eltern in Mykene vom Blitz
zerstört, der Vater von der Mutter ermordet und ihr Bruder Orest von ihr selbst, wie unter
einem Zwang, erdolcht wurde. Ein Fluch liegt über ihrer Familie, den Iphigenie durch ihren
Tod sühnen will; darum bittet sie Diana. Erregt kommt Thoas. Böse Vorzeichen haben ihm
bedeutet, dass sein Leben in Gefahr ist, wenn nicht jeder Fremde als Blutopfer dargebracht
wird. Da melden ihm die Skythen die Festnahme von zwei Griechen, die im Sturm gestrandet
sind. Thoas lässt Iphigenie die Opferung vorbereiten und die beiden vorführen. Es sind Orest
und Pylades. Dass sie hierher verschlagen wurden, nennt Pylades ein Geheimnis der Götter.
Unter dem wilden Blutgeschrei der Skythen werden sie abgeführt.

2. Akt. Im Tempel gefangen, macht sich Orest Vorwürfe, seinen Freund mit in den Tod
geführt zu haben, den er selbst wegen des Mordes an seiner Mutter verdient habe. Pylades
aber will jedes Schicksal mit ihm teilen. Ein Aufseher trennt sie. Allein geblieben, schläft
Orest erschöpft ein. Wahnbilder der ihn verfolgenden Rachegöttinnen suchen ihn heim. Mit
Iphigenies Erscheinen verschwindet der Spuk. Sie möchte wissen, woher er kommt. Als er
Mykene als seine Heimat nennt, fragt sie ihn nach ihrer Familie und erfährt von der
Ermordung Agamemnons durch Klytämnestra und Orests blutiger Rache an ihr; einzig
Elektra lebe noch, Orest habe den Tod gefunden. Iphigenie, die ihre Ahnungen bestätigt
findet, beklagt mit den Priesterinnen ihr Schicksal und den Tod des Orest, von dem sie
Rettung erwartet hatte.
3. Akt. Iphigenie ist entschlossen, einen der beiden Fremden zu retten, damit er Elektra eine
Botschaft überbringe. Sie entscheidet sich für Orest, der sie an den verlorenen Bruder
erinnert. Den beiden Freunden eröffnet sie, dass sie nur einen retten könne, Orest, und löst
damit einen edlen Wettstreit aus: einer will für den andern sterben. Weil Orest sich selbst zu
töten droht, wenn Pylades der Diana geopfert wird, muss Iphigenie sich für Pylades
entscheiden. Ihm übergibt sie ein Schreiben an Elektra. Pylades aber beschließt, erst Orest zu
befreien.
4. Akt. Im Tempel fleht Iphigenie Diana an, ihr die Kraft zum Vollzug der Opferpflicht zu
geben. Als Orest zum Altar geführt wird und unter dem gezückten Messer in den Ruf
ausbricht »O Iphigenie, teure Schwester, so wurdest auch du in Aulis einst geopfert!«, ist es
um die Fassung der Priesterin geschehen: von Freude überwältigt zieht sie den wieder
gefundenen Bruder an ihr Herz. Thoas besteht zornig auf dem Vollzug des Opfers, nun an
beiden, Bruder und Schwester. Im letzten Augenblick stürzt Pylades mit seinen Bewaffneten
herein. Unter seinen Schwerthieben fällt Thoas. Da erscheint Diana: Die Tat des Orest sei
durch seine Reue gesühnt, Mykene erwarte ihn als den neuen Herrscher, und Iphigenie solle
mit ihm in die Heimat zurückkehren.
Obwohl in Guillards Libretto die Dimensionen von Goethes Drama (1779), in dem sich
Thoas vom Barbaren zum edlen Herrscher entwickelt, fehlen, hat sein Operntext bis weit ins
19. Jh. hinein Goethes Drama verdrängt. Guillard orientierte sich mehr an dem gleichnamigen
Drama von Claude Guimond de La Touche (1757), das er von 5 auf 4 Akte zusammenzog, als
an Euripides.
In dieser Oper sind Glucks Reformbestrebungen am konsequentesten umgesetzt. Das
beginnt gleich mit der Sturm-Sequenz und Iphigenies unmittelbar in die Handlung
einführender Anrufung der Götter, abwechselnd mit den Gebeten ihrer Priesterinnen. Die
Schilderung der aufgepeitschten Natur mündet in eine lange Erzählung Iphigenies von den
schrecklichen Träumen der Nacht und bringt erst vor dem Auftritt des Thoas mit einem
schmerzvollen Rezitativ Iphigenies und der dreiteiligen Arie Ô toi qui prolonges mes jours,
einem Gebet an Diana, ein Innehalten der aufwühlenden Dramatik. Selbst die Tänze der mit
Thoas erscheinenden Skythen sind wilde, raue Charaktertänze, die nichts mehr mit den
eingestreuten Divertissements früherer Werke zu tun haben. Eine ähnliche, von Synkopen
bizarr zerrissene und spannungsvolle Szene findet sich im 2. Akt. Orest sinkt scheinbar
beruhigt nieder (La calme rentre dans mon coeur), um dann in einer chorischen, durch seine
Anrufe aufgebrochenen, wilden Wahnvorstellung von den Rachegöttinnen heimgesucht zu
werden. Erst das nachfolgende Rezitativ, in dem Orest der Schwester die Geschehen in
Mykene schildert, bringt die notwendige Beruhigung. Eine heftige Selbstanklage ist zuvor
schon Orests Dieux! qui me poursuivez, während Pylades in deutlich lyrischem Kontrast dazu
schwärmerisch die gemeinsame Kindheit beschwört: Unis dès la plus tendre enfance. Das
Zentrum des 3. Aktes, in dem die liedhaften Arien von Iphigenie und Pylades eine lichtere
Atmosphäre schaffen, bildet das Duett der beiden Freunde, Et tu prétends encore que tu
m'aimes - jeder will für den anderen sterben. Die Erkennungsszene zwischen Iphigenie und
Orest im 4. Akt, nur auf vier knappe Zeilen konzentriert, wird durch die hymnisch sich
verdichtenden Chöre der Priesterinnen vorbereitet, in die ein Rezitativ zwischen Schwester
und Bruder eingebettet ist.
Rosalie Lavasseur, mit der 1777 Glucks Armida auf die Bühne gekommen war, kreierte
auch die Iphigenie. Die Oper wurde sofort als Meisterwerk begriffen, dem auch Piccinnis
Vertonung des gleichen Stoffes zwei Jahre später nichts anhaben konnte. Iphigénie en Tauride
stand bis 1829 auf dem Spielplan der Pariser Oper. Bereits 1781 schuf Gluck zusammen mit
Johann Baptist von Alxinger für Wien eine dt. Bearbeitung, wobei die Melodik der dt.
Sprache angepasst und verschiedene Veränderungen vorgenommen wurden. Durchgesetzt
haben sich in Deutschland allerdings die Übersetzungen des frz. Originals: J. D. Sander
(Berlin 1795), Chr. A. Vulpius (Weimar 1800), K. H. Bitter (Berlin 1866), P. Cornelius
(1874), später H. Abert. Ähnlich wie zuvor Wagner im Falle der Iphigenie in Aulis legte
Richard Strauss 1890 in Weimar eine eingreifende Bearbeitung vor.