Sie sind auf Seite 1von 4

DRUCKSACHE G-10/216

BESCHLUSS-VORLAGE

Dezernat/Amt: Verantwortlich: Tel.Nr.: Datum

II/Umweltschutzamt Herr Dr. Wörner 6100 15.10.2010

Betreff:

Auswirkungen einer möglichen Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraft-


werke auf die städtische Beteiligung badenova und die Stadt Freiburg

Beratungsfolge Sitzungstermin Öff. N.Ö. Empfehlung Beschluss

2. HA 18.10.2010 X X

3. GR 26.10.2010 X X

Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO): nein

Abstimmung mit städtischen Gesellschaften: ja- abgestimmt mit badenova

Finanzielle Auswirkungen: nein

Beschlussantrag:

Der Gemeinderat nimmt die Informationen zu den Auswirkungen einer möglichen


Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke auf die städtische Beteili-
gung badenova und die Stadt Freiburg gemäß Drucksache G-10/216 zur Kenntnis
und verabschiedet die als Anlage 2 beigefügte Resolution.
DRUCKSACHE G-10/216
-2-

Anlagen:
1. Antrag Junges Freiburg/DIE GRÜNEN vom 16.09.2010
2. Interfraktioneller Antrag Junges Freiburg/DIE GRÜNEN, SPD, Unabhängige Listen
vom 13.10.2010 (Resolution)
3. Stellungnahme des Öko-Institutes vom 07.10.2010
4. Stellungnahme der badenova AG vom 05.10.2010

1. Ausgangslage

Die Bundesregierung hat die Absicht, den bisherigen Atomausstiegskonsens aufzu-


heben und die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke um 8 - 14 Jahre zu ver-
längern. Im gleichen Zusammenhang sollen Programme zur Unterstützung regene-
rativer Energien bzw. zur Modernisierung des Gebäudebestandes auf den Weg ge-
bracht werden. Diese Programme sind nach Medienberichterstattung zeitlich klar
befristet.

Im Freiburger Gemeinderat gibt es dazu folgende energiepolitische Beschlusslage:

- Beschluss zum Ausstieg aus dem Atomstrom in Freiburg und der Region als
kommunale Reaktion auf die Gesundheitsgefahren nach dem Tschernobyl-Unfall
i.V. mit dem Aufbau von alternativen Erzeugungsarten (1986)
- Freiburger Klimaschutzkonzept 1996 und 2007, zuletzt mit dem CO2-
Senkungsziel von -40 % bis 2030.

Nach dem einstimmigen Gemeinderatsbeschluss von 1986 wurde in Freiburg sehr


erfolgreich das Energieversorgungskonzept der Stadt Freiburg entwickelt. Dieses
wurde eine wichtige Grundlage des Klimaschutzkonzeptes der Stadt und konnte vor
allem durch die Kraftwärmekopplungstechnologie die Abhängigkeit von Atomstrom
und seinen Gefahren in Freiburg von früher ca. 60 % Netzanteil auf heute deutlich
unter 20 % senken.

Daneben existieren gemeinderätlich formulierte (Unter-)Ziele bzw. hierzu wichtige


Programme wie insbesondere

- 10 % des Freiburger Stromverbrauchs (bis 2010) aus regenerierten Energiequel-


len zu erzeugen,
- eine Ausbaustrategie für Kraft-Wärme-Kopplung.

Die Fraktionsgemeinschaft Junges Freiburg/DIE GRÜNEN hat am 16.09.2010 ge-


mäß § 34 Abs. 1 der Gemeindeordnung einen Antrag auf Behandlung des Themas
„Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke- Folgen für die Stadt Freiburg
und badenova, Resolution zur Beibehaltung des bisherigen Atomausstiegs“ gestellt.
Mit interfraktionellem Antrag vom 13.10.2010 beantragen die Fraktionsgemeinschaft
Junges Freiburg/DIE GRÜNEN, die SPD-Fraktion und die Fraktionsgemeinschaft
Unabhängige Listen die Verabschiedung des als Anlage 2 beigefügten Resolutions-
textes.
DRUCKSACHE G-10/216
-3-

2. Bewertung

2.1 Bewertung aus der Sicht der Umweltverwaltung

Im Freiburger Klimaschutzkonzept 2007 sowie dem zugrundeliegenden Gutachten


des Öko-Instituts ist deutlich formuliert worden, dass der Erfolg bei den Klima-
schutzzielen in Freiburg in hohem Maße von künftig ausreichend günstigen nationa-
len Rahmenbedingungen abhängt.

Zu den dort formulierten Rahmenbedingungen und Voraussetzungen zählen u. a.:

- Weiterentwicklung des Energie- und Strompreisniveaus nach oben als An-


reizsignal für private Investitionen, von Investitionen von Wirtschaft, öffentli-
cher Hand sowie Stadtwerken und regionalen Energieversorgungsunterneh-
men
- öffentliche Förder- und Anreizsysteme.

Diese positiven Rahmenbedingungen sind ganz entscheidend für die Marktdurch-


dringung und Erfolge

- von Einsparstrategien
- der Nutzung erneuerbarer Energien
- der Nutzung von effizienten Erzeugungstechnologien, insbesondere der
Kraft-Wärme-Kopplung (Blockheizkraftwerke)

im Wärme- und Stromsektor.

Die Beschlüsse der Bundesregierung stehen neben diesen möglichen negativen


klimapolitischen Auswirkungen auch in einem direkten Zusammenhang zu dem Be-
schluss des Gemeinderats der Stadt Freiburg von 1986 zum Ausstieg aus der
Atomenergie. Beide für das Ausstiegsziel Freiburgs relevanten Umsetzungsebenen,
die lokale und die Bundesebene, werden hierdurch negativ beeinflusst: Zum Aufbau
von Alternativen zur atomaren Erzeugung von Strom konnte Freiburg zum einen
bislang erfolgreich insbesondere die Kraft-Wärme-Kopplung und im kleineren Um-
fang die erneuerbaren Energien nutzen. Zum anderen war die entsprechende For-
derung im Beschluss des Gemeinderates zur Abschaltung von Atomkraftwerken
1986 aufgrund der besonderen Gefahren der Atomtechnik politisch auch an die
Landes- und Bundesebene adressiert.

Diese Position und die daraus resultierenden Umsetzungsstrategien der Stadt Frei-
burg werden durch die neuen Beschlüsse der Bundesregierung behindert und ge-
fährdet; dazu haben sich auf Expertenebene der Sachverständigenrat für Umwelt-
fragen der Bundesregierung sowie die Energieagentur Regio Freiburg deutlich kri-
tisch geäußert.
DRUCKSACHE G-10/216
-4-

Das Öko-Institut ist zu diesen Fragen um eine Bewertung gebeten worden (s. Anla-
ge 3). Hieraus ergibt sich eindeutig, dass die Umsetzung der Beschlüsse der Bun-
desregierung eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen für lokale Klima-
schutzkonzepte bedeutet.

2.2 Bewertung aus der Sicht der Finanzverwaltung

Inwieweit die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt Freiburg betroffen sind, kann


zum aktuellen Zeitpunkt nicht vorausgesagt werden. Die letzte Veranlagung der
EnBw wies der Stadt Freiburg aufgrund der vielen hebeberechtigten Gemeinden
einen sehr geringen Zerlegungsanteil zu (der genaue Anteil darf aufgrund des Steu-
ergeheimnisses nicht genannt werden). Da die genannten Mindereinnahmen i. H. v.
300 Mio. € aber nicht nur die EnBw, sondern alle deutschen Stromanbieter betref-
fen, kann eine entsprechende Umrechnung der evtl. Gewerbesteuerverluste sowie
auf damit im Zusammenhang stehende Einnahmen und Zuweisungen im Rahmen
des Finanzausgleichs nicht erfolgen. Damit ist der zu erwartende Verlust als eher
gering einzuschätzen. Auswirkungen auf sonstige Einnahmen oder Ausgaben sieht
die Verwaltung derzeit nicht.

2.3 Bewertung aus Sicht von badenova

badenova gab hierzu beil. Stellungnahme ab (Anlage 4). Diese stellt klar negative
Auswirkungen der Bundesbeschlüsse auf die Geschäftspolitik der Stadtwerke dar,
insbesondere aber auch auf die für die Stadt Freiburg wichtigen Technologien der
Kraft-Wärme-Kopplung sowie der Erneuerbaren Energien. Obwohl sich die Rah-
menbedingungen durch die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke
grundlegend ändern werden, wird badenova weiterhin alle Anstrengungen unter-
nehmen, auch den gewerblich/industriellen Kunden attraktive Angebote zur Strom-
lieferung aus erneuerbaren Energien zu unterbreiten.

3. Resolution

Aufgrund der o. a. Bewertungen der Absicht der Bundesregierung, die Laufzeiten


der deutschen Atomkraftwerke zu verlängern und der daraus resultierenden Risiken
und Gefahren für die kommunalen energie- und klimapolitischen Ziele von Stadt
und badenova befürwortet die Verwaltung die Verabschiedung der Resolution gem.
Anlage 2.

- Bürgermeisteramt -