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70 THEM ENHEFT FORSCHUNG L E I C HTBAU

Entwerfen im
Leichtbau
Warum Leichtbau? könnte man fragen, und eine Antwort jenseits der
Erkenntnis der Notwendigkeit von Leichtbau im Bauwesen als Vor-
aussetzung zur Überbrückung von Grenzhöhen und Grenzspann-
weiten würde lauten: Weil es keine bessere Schule für das Verstehen
der tragenden Konstruktionen in der lebenden und der nicht leben-
den Natur sowie in der von Menschen gestalteten Welt gibt.

Die Suche nach den leichten Konstruktionen ist die Suche nach den
Grenzen. Das Entwerfen der leichtestmöglichen Konstruktionen ist
das Herantasten an das physikalisch und das technisch Machbare.
Es hat zu tun mit der Ästhetik des Minimalen, mit der Suche nach
dem Unbekannten und mit dem Überschreiten von durch Wissen-
schaftsdisziplinen gezogenen Grenzen.
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Bei Konstruktionen, die


große Spannweiten über-
brücken, die große Höhen
erreichen oder die sich
bewegen bzw. die bewegt
werden, ist die Reduktion
des Eigengewichtes ökono-
mischer Zwang, häufig
genug auch Voraussetzung
für die Realisierbarkeit
selbst. Bei den eher alltägli-
cheren Konstruktionen
kleinerer Abmessungen,
bei temporären und ephe-
meren Bauten bedeutet
Leichtbau eine Ersparnis an
eingesetzter Masse, zumeist
auch an eingesetzter
Energie. Spätestens hier
scheint der ökologische
Aspekt auf: Leicht zu
bauen wird zur Haltung.

Konsequenter Leichtbau be-


dingt deutliche Modifi- 01

kationen in den tradier- Ein Beispiel aus der Natur: Das


ten Strukturen des Ent- Netz einer Spinne als vorgespanntes,
wurfsprozesses: Die Festlegungen der 2. Kategorien im Leichtbau ausschließlich zugbeanspruchtes
Systemgeometrie, die Ausformung und die Fadensystem
Proportionierung der tragenden Struk- Es gibt drei grundlegend unterschiedliche
turen sowie deren Materialbelegung haben Kategorien im Leichtbau, die beim
primär der Forderung nach Gewichts- Entwerfen von Leichtbaukonstruktionen
ersparnis und erst sekundär denjenigen auf unterschiedliche Art miteinander
Forderungen zu folgen, die sich beispiels- kombiniert werden: Materialleichtbau,
weise aus architektonischen Überlegun- Strukturleichtbau und Systemleichtbau.
gen, aus Überlegungen zur Herstellungs- Ihre nachfolgende Erläuterung und
technik und aus Kostenüberlegungen Diskussion soll einer ersten Skizzierung
ergeben. Darüber hinaus lässt sich der der Leichtbauprinzipien dienen.
Entwurf gewichtsminimaler Tragsysteme
nicht auf der Basis einer Addition bzw. 2.1 Materialleichtbau
gekonnter Kombination von Grundbau-
steinen wie Stützen, Balken, Bögen, Unter Materialleichtbau versteht man die
Platten, Scheiben etc., allgemein gesagt Verwendung von Baustoffen mit einem
also geometrisch determinierter Bauteile, günstigen Verhältnis von spezifischem
gestalten. Vielmehr entwirft man im Gewicht zur ausnutzbaren Festigkeit, zur
Leichtbau räumliche Kräftepfade, also aus- ausnutzbaren Dehnung, zur ausnutzbaren
schließlich statisch konditionierte Struk- Steifigkeit etc.. Ein Leichtbauwerkstoff ist
turen, die man anschließend mit geeigne- dementsprechend durch mehr als eine
ten Werkstoffen belegt. Entwerfen als Kennzahl, z.B. den Quotienten Steifig-
Projektion eines im Geist auf unterschied- keit/spez. Gewicht, gekennzeichnet; die
lichste Weise geschaffenen, gesehenen Klassifizierung von Werkstoffen hat damit
Bildes, zusammengesetzt aus Bildern, stets in einem mehrdimensionalen Feld zu
Worten und Empfindungen, aus teilweise erfolgen. Welcher Kenngrößenquotient
nichtverbaler, nichtvisueller oder nicht- maßgebend wird, hängt davon ab, ob die
akustischer Information, wird im Leicht- Dimensionierung eines Bauteils auf
bau durch Einflechten der erstrangigen Festigkeit, Steifigkeit, Duktilität,
Forderung nach Gewichtsminimalität um Dämpfung, Stabilität etc. erfolgt. Zu-
einen weiteren, physikalisch fassbaren sätzlich ist gerade bei den Leichtbau-
Komplexitätsgrad gesteigert. werkstoffen wie Kunststoffen oder Alu-
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miniumlegierungen zu beachten, dass – Integrierende Bauweisen


diese nicht nur gegen Spitzenwerte der – Verbundbauweisen
Beanspruchung, sondern auch gegen stän-
dig vorhandene Lasten, in ihrer zeitlichen ist Grundlegung für werkstoffübergreifen-
Einwirkung zu akkumulierende Last- des Entwerfen und Konstruieren. Der Bau-
kollektive, gegen Grenzwerte der akku- weisenbegriff erlaubt eine schnelle
mulierten plastischen Deformationen etc. Bewertung der statisch-konstruktiven
zu dimensionieren sind. Eine differenzierte Eigenschaften eines Bauteils sowie der
Betrachtungsweise ist also nötig. Die Ver- Besonderheiten seines Montage-,
hältnisse sind de facto komplexer als die Demontage- und Rezyklierverhaltens.
immer wieder in die Diskussion gebrach-
ten einfachen Verhältniszahlen über die Ein in Differentialbauweise hergestelltes
„Leistungsfähigkeit'“ von Werkstoffen, bei- Bauteil besteht aus mehreren, vergleichs-
spielsweise die sog. „Leichtbaukennzahl“, weise einfach gestalteten Elementen. Die
der „Bic“ oder die „Reißlänge“, dies sugge- gegebenenfalls aus unterschiedlichen
rieren. Werkstoffen bestehenden Elemente wer-
den durch punktförmige Verbindungen zu
2.1.1 Der Bauweisenbegriff Bauteilen gefügt. Die punktuelle Fügung
ist prinzipiell mit Spannungskonzen-
Materialleichtbau muss prinzipiell unter trationen im Verbindungsbereich verbun-
Einbeziehung der konstruktiven Durch- den, ein Effekt, den man im Leichtbau
bildung der Bauteile diskutiert werden. Es natürlich gern vermeiden würde und der
genügt nicht, eine günstige Gesamtgeo- sich nur mit entsprechend aufwendigen
metrie und eine gewichtsoptimale Werk- Methoden, wenn überhaupt, in seinen
stoffbelegung eines Bauteils zu entwickeln, Auswirkungen reduzieren lässt. Dem
um danach aufgrund der teilweise erhebli- grundlegenden statisch-konstruktiven
chen konstruktiven Probleme in den Nachteil der Spannungskonzentration im
Krafteinleitungsbereichen Massen- Fügungsbereich stehen die Vorteile der
mehrungen infolge komplizierter und einfachen Fügung (auch auf der Baustelle)
massebehafteter Details hinnehmen zu und der optimalen Anpassbarkeit der
müssen. Den Fragen der Detaillierung, der unterschiedlichen Elemente an das jeweili-
Fügetechnik und der Werkstoffkom- ge Anforderungsprofil entgegen. De-
binationen kommt gerade im Leichtbau montage- und Rezyklierverhalten in
besondere Bedeutung zu. Differentialbauweise erstellter Tragwerke
sind grundsätzlich vorteilhaft, da punktu-
Bedauerlicherweise fehlen im Bauwesen bis elle Verbindungen üblicherweise leicht
heute sowohl eine werkstoffübergreifende lösbar sind und die anschließende Sor-
Konstruktions-, Entwurfs- und Bemes- tierung der Ein-Stoff-Elemente einfach ist.
sungslehre wie auch durchgehende Kon-
zepte zum Recycling der Bauten und ihrer Ein in Integralbauweise hergestelltes Bauteil
Einzelteile. Für die Behandlung der Fragen ist ein zu einem Stück geformtes Einstoff-
der Detaillierung, Fügetechnik und Werk- Bauteil. Mit entsprechenden Technologien
stoffkombination, ansatzweise auch denen wie Gießen, Schmieden oder spanabheben-
des Recycling im Leichtbau, hat der Autor den Verfahren können dabei sehr kompli-
deshalb bereits 1990 den in der Flugzeug- ziert geformte Bauteile hergestellt werden.
und Kraftfahrzeugtechnik angewandten Bauteilgeometrie und Wandstärkenverlauf
Bauweisenbegriff in das Bauschaffen einge- sind optimal an den Kraftfluss anpassbar,
führt. Als Bauweise wird dabei die Art und wodurch eine sehr homogene Werkstoff-
Weise bezeichnet, in der einzelne Werk- ausnutzung unter nahezu völligem Aus-
stoffe geformt und miteinander zu Bau- schluss von Spannungskonzentrationen
teilen (höhere Fügungsebene: Tragwerke) innerhalb des Bauteils erzielt wird. Da ein
verbunden werden. in Integralbauweise hergestelltes Bauteil
nur aus einem Werkstoff besteht, besitzt es
Die Einteilung in: entsprechend positive Rezykliereigen-
– Differentialbauweisen schaften.
– Integralbauweisen
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Mit der integrierenden Bauweise versucht hohe Verbundwirkung führt darüber hin-
man, die fertigungstechnisch bedingte aus dazu, dass sich das Zweistoff-Bauteil
Beschränktheit der Stückgrößen durch nur schwer in seine Ausgangsstoffe zerle-
kontinuierliches Fügen der Einzelelemente gen lässt. Am Beispiel des weltweit men-
zu einem quasi-homogenen Bauteil zu genmäßig am meisten verbreiteten Ver-
umgehen. Mit Fügetechniken wie Kleben bundwerkstoffes, des Stahlbetons, lässt
oder Schweißen wird eine entsprechende sich dies sehr anschaulich erläutern: In-
Homogenisierung der Spannungsfelder folge der extrem schlechten Verbund-
innerhalb des Bauteils möglich. Das wirkung zwischen Bewehrungsstahl und
Rezyklierverhalten ist je nach Fügungsart Beton werden signifikant größere Mehr-
unterschiedlich. Natürlich sind insbeson- längen (d.h. Mehrmassen), die sog. Veran-
dere Schweißverbindungen positiv zu kerungslängen, an Bewehrungsstahl erfor-
bewerten; die Verwendung mengenmäßig derlich, um den Kraftübertrag von der Be-
hoch dosierter Leime und Kleber hingegen tonmatrix in den Bewehrungsstahl bzw.
kann unter Umständen zu umgekehrt zu gewährleisten. Diesem so
Rezyklierproblemen führen. gut wie nie ausgesprochenen, ökonomisch
wie ökologisch nicht zu unterschätzenden
Bei der Verbundbauweise werden Bauteile Nachteil steht der große Vorteil eines ein-
aus mehreren unterschiedlichen fachen Recyclings durch ein - infolge des
Werkstoffen zu einem Stück zusammenge- schlechten Verbundes - prozesstechnisch
setzt. Im Gegensatz zur Integralbauweise einfaches Trennen der beiden Verbund-
werden jedoch mehrere Werkstoffe zu partner Beton und Stahl gegenüber.
einem Mehrstoff-Bauteil kombiniert.
Auswahl und Anordnung der Werkstoffe
erfolgen dabei nach deren
Eigenschaftsprofil und in
Abhängigkeit vom Bean-
spruchungsverlauf innerhalb des
Bauteils. Dies erlaubt die sehr effizi-
ente Gestaltung von tragenden
Teilen. Die Verbundbauweisen be-
inhalten die Kategorien

– Allgemeine Verbundbauweise,
– Faserverbund- und
Hybridbauweise sowie
– Sandwichbauweise

Verbundkonstruktionen können
genau dann sehr effizient und
leicht gestaltet werden, wenn
die eingesetzten Werkstoffe das
an das Bauteil gestellte
Anforderungsprofil im
Verbund, also gemeinsam (!)
bestmöglich erfüllen. Der 02
Qualität des Verbundes zwi-
Strukturleichtbau: Die „Stuttgarter
schen den Werkstoffen, also
Schale“ ist lediglich 10 mm dick. Sie
z.B. der Qualität des Verbundes zwischen
stellt mit einem Bauteildicken/Spann-
Armierungsfaser und Matrix, kommt 2.2 Strukturleichtbau
weitenverhältnis von 1/850 die dünn-
dabei eine entscheidende Bedeutung zu: Je
ste je gebaute Glasschale dar.
besser der Verbund, desto kürzer können Geht man von der Ebene der Werkstoffe
beispielsweise die Krafteinleitungslängen sowie deren Kombination und Fügung zu
gestaltet werden. Dies führt zu Ge- derjenigen der Bauteile und der aus ihnen
wichtseinsparungen. Andererseits kann zusammengesetzten Tragwerke über, so
eine zu hohe Haftung zwischen den stellt hier der Strukturleichtbau die Auf-
Verbundpartnern zu einem ungünstigen gabe, ein gegebenes Beanspruchungs-
Lastabtragungsverhalten führen. Eine kollektiv mit einem Minimum an Eigen-
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S U M M A RY
gewicht der Konstruktion methoden, also quasi „von Hand“ ent-
unter Einhaltung einer wickeln. Die tradierten Entwurfsmetho-
Lightweight construction means the search for Reihe vorgegebener den ermöglichen zwar die Darstellung
limits. The design of the lightest constructions Restriktionen zu gegebenen oder gar die Entwicklung geometrisch
approaches the physically and the technically feasi- Auflagerpunkten zu leiten. komplizierter Gebilde, versagen jedoch
ble. Lightweight construction often is not only a pre- Strukturleichtbau beschäf- völlig bei der Aufgabe, im Gleichgewicht
condition for demanding constructions; it also signi- tigt sich also mit Art, befindliche, gewichtsminimale räumliche
ficantly reduces materials and energy employed and Anzahl und Anordnung der Kraftsysteme zu entwickeln.
has therefore clear ecological consequences. The use Bauteile, aus denen eine
of adaptive systems will further push the limits of tragende Struktur minima- Wo immer man sich das Ziel setzte, ge-
the lightweight construction in the future and, at the len Gewichts gebildet wird. wichtsminimale Konstruktionen oder
same time, will enable optimizations in the area of Strukturleichtbau bedeutet auch Konstruktionen, bei denen die tra-
conventional structures or components. deshalb letztendlich die gende Struktur nur ganz bestimmten
Lösung eines Minimie- Spannungszuständen – wie beispielsweise
rungs-, d.h. Optimierungs- einer ausschließlichen Druckbeanspru-
Leichtbau ist die Suche nach den Grenzen. Das problems in einem mit chung – ausgesetzt wird, zu entwerfen,
Entwerfen der leichtestmöglichen Konstruktionen ist Restriktionen versehenen verwendete man zumeist individuell ent-
das Herantasten an das physikalisch und das tech- Entwurfsraum. Das Trag- wickelte Methoden. Die Seifenhautstudien
nisch Machbare. Leichtbau ist bei vielen anspruchs- werk hat dabei ausschließ- von Plateau im Zusammenhang mit der
vollen Konstruktionen nicht nur eine lich die Funktion der Erforschung der Minimalflächen, die
Grundvoraussetzung für deren Realisierbarkeit; er Abtragung von Lasten. berühmten Hängemodelle des spanischen
bedeutet in der Regel auch eine markante Ersparnis Baumeisters Antonio Gaudi, die er unter
an eingesetzter Masse und Energie und hat somit 2.3 Systemleichtbau anderem zur Erarbeitung der Geometrie
klare ökologische Auswirkungen. Der Einsatz adap- der Kirche Sagrada Familia in Barcelona
tiver Systeme wird in den kommenden Jahren die Unter Systemleichtbau ver- verwendete, die Analogieschlüsse von
Grenzen des Leichtbaus noch weiter hinausschieben steht man das Prinzip, in d’Arcy Thompson, in denen er das Trag-
und gleichzeitig Optimierungen im Bereich konven- einem Bauteil neben der verhalten lebender und nicht lebender
tioneller Strukturen oder Bauteile ermöglichen. lastabtragenden auch noch Objekte analysierte, die Minimalstruk-
andere, wie zum Beispiel turen von Maxwell [1] und Mitchell [2]
raumabschließende, spei- oder auch die berühmten Hängeversuche
chernde, dämmende oder vergleichbare des Schweizer Ingenieurs Heinz Isler
Funktionen zu vereinigen. Die tragenden gehören zur Vielzahl der im Verlauf vieler
Bauteile werden somit multifunktional, Jahrzehnte unabhängig voneinander ent-
eine im Bauwesen immer wieder, wenn wickelten Insellösungen.
auch nicht oft genug bewusst benutzte
Lösung. Viele mögliche Anwendungs- Es war das Verdienst von Frei Otto, die auf
bereiche sind noch unerschlossen, wie das experimentellem Arbeiten basierenden
Beispiel einer Beteiligung der Glasein- Methoden zusammenzutragen, diese um
deckung filigraner Stabkuppeln an der eine Reihe weiterer Methoden zu ergän-
Lastabtragung zeigt – ein Konstruktions- zen und erstmals eine Kategorisierung der
prinzip, das man in der Kraftfahrzeug- unterschiedlichen, von Frei Otto als
technik bereits vorfindet: Dort werden „Formfindungsmethoden" bezeichneten
zunehmend die Glasscheiben als ausstei- Methoden vorzulegen [3]. In den seither
fende Elemente herangezogen. vergangenen fünf Jahrzehnten wurden
diese Methoden insbesondere an der
Universität Stuttgart detailliert unter-
3. Entwerfen im Leichtbau sucht, ergänzt und weiterentwickelt. Dass
der Begriff „Formfindung“ etwas unglück-
Entwerfen im Leichtbau bedeutet primär die lich gewählt ist, wird zwischenzeitlich all-
Entwicklung räumlicher Kräftepfade und gemein akzeptiert. Der Term „Finden"
deren anschließende Materialisierung beinhaltet letztlich einen Zufallscharakter,
unter der Zielsetzung, ein möglichst nied- der bei diesen nachstehend ausführlicher
riges oder sogar minimales Gewicht der beschriebenen und wissenschaftlich alle-
Konstruktion zu erzielen. Gewichtsarme samt fundierten Methoden, die man besser
Konstruktionen lassen sich aber, von als „Formentwicklungsmethoden“
wenigen Sonderfällen abgesehen, nicht bezeichnet hätte, definitiv nicht vorhan-
mehr mit den tradierten Entwurfs- den ist.
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Neben den experimentellen


Methoden haben die sog.
mathematisch-numerischen
Formfindungsmethoden in
den vergangenen Jahren, ins-
besondere auch aufgrund der
Leistungs- und Preisentwick-
lung in der Computertechnik,
enorm an Wichtigkeit gewon-
nen. Die grundlegenden
Arbeiten hierzu entstanden
bereits in den sechziger Jahren
des 20. Jahrhunderts, ebenfalls
an der Universität Stuttgart.
Hier wurden die wenigen bis
dato bekannten analytischen
Methoden zur Entwicklung
gewichtsminimaler oder span-
nungsrestringierter Struk-
turen aufgearbeitet und, insbe-
sondere durch die bahnbre-
chenden Arbeiten von Link- 03
witz und Argyris, grundlegend Experimentelle Formfindung am
erweitert. Beispiel einer Seifenhautlamelle.
Seifenhautlamellen besitzen eine
3.1 Experimentelle Interessanterweise sind alle Ergebnisse der verschwindende mittlere
Formfindungsmethoden vorstehend genannten experimentellen Krümmung, sie sind
Formfindungsmethoden zugbeanspruchte Minimalflächen. Seifenhäute
Unter experimentellen Formfindungs- Konstruktionen. Der Grund hierfür liegt weisen isotensoidische
methoden versteht man die Gruppe derje- darin, dass sich eine stabile Gleichge- Spannungsfelder auf.
nigen Methoden, bei denen die tragende wichtsform bei einer zugbeanspruchten
Struktur einer Konstruktion durch Zu- Struktur im Experiment sehr einfach, bei
hilfenahme geeigneter physikalischer Mo- einer druckbeanspruchten Struktur auf-
delle bei gleichzeitiger Beachtung von grund der stets vorhandenen (In-) Stabi-
Maßstabs- und/oder Modelleffekten ent- litätsproblematik nur in sehr wenigen
wickelt wird. Fällen erarbeiten lässt: Die Modelle wür-
den zumeist während der Formentwick-
Üblicherweise werden die experimentellen lungsphase infolge von (In-) Stabilitäts-
Methoden in folgende Gruppen eingeteilt: problemen versagen. Die Formfindung
– Hängemodelle druckbeanspruchter Konstruktionen
– mechanisch vorgespannte Strukturen erfolgt deshalb üblicherweise über die so
– pneumatisch gebildete Formen genannte „Umkehrform“. Der dabei zu
– Fließformen Grunde gelegte Ansatz lautet: Eine unter
einer bestimmten Belastung ausschließlich
Während die Hängemodelle, die mechanisch zugbeanspruchte Konstruktion steht bei
aufgespannten und die pneumatisch auf- Umkehr der Lastrichtung oder der Um-
gespannten Strukturen einer Einteilung kehr der Wirkungsrichtung des Gravi-
nach der Art der Lastaufbringung folgen, tationsvektors unter einer ausschließ-
stellt die Gruppe der Fließformen eine lichen Druckbeanspruchung. Zur Form-
dazu nicht kompatible Kategorie dar. findung einer Schale, die bei Eigenge-
Fließformen, die mit Werkstoffen realisiert wichtsbelastung unter Druckbeanspru-
werden, die während der Formfindung chung steht, genüge es also beispielsweise,
ausgeprägt viskoelastisches bzw. viskopla- die Form einer „auf dem Kopf“ stehenden,
stisches Verhalten zeigen, sind entspre- ausschließlich zugbeanspruchten Kon-
chend mit den vorgenannten drei struktion zu ermitteln.
Methoden kombinierbar.
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Die vorstehend beschriebene Methode der Ähnlich wie bei den experimentellen
„Umkehrform“ liegt zunächst nahe. Methoden lässt sich bei den indirekten
Dementsprechend war sie über Jahrzehnte Methoden ein nicht vollständig befriedi-
hin Bestandteil der akademischen Lehr- gendes Endergebnis einer Berechnung nur
meinung. Bedauerlicherweise wurde bei durch Änderung der Vorgabedaten und
ihrer Formulierung jedoch ein grundle- anschließende Neuberechnung, also auf
gender, erst 1987 in [6] entdeckter und spä- indirektem Weg, verbessern. Dabei ist es
ter als „erweitertes Kompensations- schwierig, teilweise auch unmöglich,
problem“ beschriebener Effekt übersehen bestimmte Spannungszustände in der
(siehe Kap. 3.5). Die Entdeckung des erwei- Struktur zu erzeugen. Ein Beispiel hierfür
terten Kompensationsproblems bedeutete ist die Aufgabe, eine unter Eigengewicht
letztlich die Falsifikation der Methode der isostatisch druckbeanspruchte Betonschale
Umkehrform in ihrer bisherigen, als allge- durch Verformen einer ursprünglich ebe-
meingültig postulierten Formulierung. nen Haut zu berechnen. Zwar lässt sich
Für einige Ausnahmefälle konnte gezeigt durch Zuschalten eines Steuerungs-
werden, dass die Anwendung des Prinzips, algorithmus die Ergebnisqualität verbes-
wenn auch eher zufälligerweise, zur prog- sern, die indirekten Methoden sind aller-
nostizierten Lösung führt. Für die Kom- dings vom Ansatz her zur Lösung derarti-
plementärmenge der mit der Methode ger Probleme weniger geeignet und des-
entwickelten Konstruktionen ist jedoch halb den direkten Methoden weit unterle-
festzustellen, dass die diesen zugesproche- gen.
nen Spannungsfelder nicht mit der Wirk-
lichkeit übereinstimmen. Mit den direkten Methoden wird versucht,
eine Form, die – bei gegebenen geometri-
schen Randbedingungen – unter dem
3.2 Mathematisch-numerische formbestimmenden Lastfall einen ganz
Formfindungsmethoden bestimmten, vorgegebenen Spannungs-
zustand besitzt, zu entwickeln. Die
Die computergestützten mathematisch- Ausgangsform im üblichen Sinn ist unbe-
numerischen Formfindungsmethoden las- kannt oder ohne Belang, da sie lediglich
sen sich in folgende Kategorien einteilen: als durch Überlegungen zur numerischen
– Indirekte Methoden Stabilität bedingter „Startwert“ für die
(Deformationsmethoden) Berechnung vorgegeben werden muss und
– Direkte Methoden daher manchmal physikalisch nicht zuläs-
sig zu sein braucht (z. B. Verstoß gegen die
Die indirekten oder Deformationsmethoden Gleichgewichtsbedingungen).
stellen faktisch eine numerische Simu-
lation der experimentellen Methoden dar. Die bekanntesten der direkten Methoden
Bei ihnen wird eine vorgegebene Aus- sind:
gangsform durch Aufbringen einer Be- – die Kraftdichtemethode, die von
lastung so lange verformt, bis die sich ein- Linkwitz, Preuss und Schek entwickelt
stellende Geometrie auch die übrigen wurde;
Entwurfsanforderungen erfüllt. Durch die – die numerische Lösung des die
Art der Belastung und durch die Ma- Membranschale beschreibenden
terialeigenschaften, die der zu verformen- Differentialgleichungssystems;
den Struktur gegeben sind, lassen sich – indirekte Methoden in Kombination
Hängemodelle, Fließformen, mechanisch mit einer Optimierungsstrategie.
aufgespannte Strukturen oder pneuma-
tisch vorgespannte Formen berechnen. Mit den direkten Methoden lassen sich
„spannungsoptimale“ Strukturen entwer-
Die am häufigsten verwendete Deforma- fen, also beispielsweise Seifenhäute als
tionsmethode beruht auf der Methode der Membranen gleicher Spannung (Isoten-
Finiten Elemente in der geometrisch soide), Türme mit konstanter Spannung
nichtlinearen Formulierung. Verfahren im Schaft oder auch Fachwerkstrukturen,
auf der Basis der Vektoranalysis sowie auf bei denen die einzelnen Elemente be-
Sonderformen beschränkte Algorithmen stimmte Spannungsvorgaben erfüllen.
werden ebenfalls verwendet.
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Prinzipiell gilt für die direkten Methoden, der relativ massiven Konstruktionen, wie
dass die Existenz einer Lösung nicht a pri- z. B. den Betonschalen, wurde häufig und
ori vorhersagbar ist. Abhängig vom vorge- völlig zurecht der Lastfall Eigengewicht als
gebenen, also vom „gewünschten“ dominanter und damit formbestimmen-
Spannungszustand stellt sich vielmehr der Lastfall angesetzt. Im extremen Leicht-
erst im Verlauf einer Berechnung heraus, bau jedoch entfällt häufig die Dominanz
ob das Problem keine, eine oder mehrere eines einzelnen Lastfalls. Ein Automobil-
Lösungen besitzt. Im letzteren Fall lässt kotflügel wiegt nur Bruchteile der auf ihn
sich durch Hinzufügen der Forderung wirkenden Windlast, die textile Überda-
nach Gewichtsminimalität die 'leichteste' chung eines Stadions nur Bruchteile der
Lösung ermitteln. Interessanterweise gibt von ihr abgetragenen Belastungen aus
es häufig auch Mehrfachlösungen, wie bei- Wind und Schnee. Während die bisher
spielsweise zwei Seifenhautflächen inner- publizierten Arbeiten für die Formfindung
halb des gleichen Drahtrahmens, die alle gewichtsarmer und gewichtsminimaler
das gleiche Minimalgewicht besitzen. Konstruktionen stets die Existenz eines
dominanten und deshalb als „formbestim-
Prinzipiell lassen sich alle experimentellen mend“ verwendbaren Lastfalles voraus-
Modelle in mathematisch-numerischen setzten, ist die eindeutige Existenz eines
Modellen abbilden. Letztere haben aller- solchen Lastfalles bei den extrem leichten
dings neben dem Vorteil einer hohen Konstruktionen üblicherweise gar nicht
Genauigkeit in der Aussage zu Kraft und gegeben. Das Problem nichteindeutiger
Geometrie den Nachteil einer geringeren bzw. multipler formbestimmender Last-
Anschaulichkeit; aus diesem Grund stellt fälle führt in einen bisher wissenschaftlich
man die experimentellen Methoden gern noch nicht ausreichend untersuchten
an den Anfang der Entwurfsarbeit und Problemkreis, aus dem aus heutiger Sicht
geht erst in der zweiten Phase des Ent- nur zwei Wege führen: Der erste benutzt
wurfs zu den mathematisch-numerischen die bekannte Vielparameteroptimierung,
Methoden über. bei der unter Zugrundelegung aller mögli-
cherweise auftretenden Lastfallkombina-
Bei vorgegebener Wahl eines Tragsystems tionen auch geringer Eintretenswahr-
oder -prinzips lassen sich mit den bekann- scheinlichkeit eine Lösung des Form-
ten experimentellen Formfindungs- findungsproblems ermittelt wird. Der
methoden gewichtsarme Tragwerke ent- zweite Weg wurde in Stuttgart entwickelt
wickeln. Zum Entwurf gewichtsminimaler [10,11] und weist in eine völlig andere
Tragwerke erweisen sich die meisten expe- Richtung: Der Existenz multipler formbe-
rimentellen Methoden als untauglich. stimmender Lastfälle wird mit der „Form-
(Die Seifenhautmodelle stellen hier eine findung“ (wobei der Begriff spätestens hier
Ausnahme dar). Die mit einer zusätzli- seine Sinnhaftigkeit endgültig verliert)
chen Minimalbedingung versehenen einer adaptiven, d.h. in ihren Eigenschaf-
mathematisch-numerischen Methoden ten kontinuierlich manipulierbaren
erfahren hierdurch eine besondere Strukturen begegnet. Wie in Kapitel 4
Bedeutung, denn nur in wenigen Fällen, gezeigt werden wird, bedeutet dieser
wie z. B. bei den Maxwellstrukturen, las- Ansatz nicht nur eine wesentlich elegante-
sen sich gewichtsminimale Tragwerke re Lösung des Problems – er führt viel-
ohne sie entwickeln. mehr in eine vollkommen neue
Dimension von Leichtigkeit.
3.3 Der 'Formbestimmende
Lastfall'
3.4 Über die Mannigfaltigkeit von
Die klassischen Formfindungsmethoden Spannungszuständen
basieren alle auf der Vorgabe einer als
„Formbestimmender Lastfall“ [6,7] be- In einer innerlich und/oder äußerlich sta-
zeichneten Laststellung. Die während der tisch unbestimmten Struktur kann unter
Formfindung „gefundene“ Form besitzt ein- und demselben Lastfall eine Mannig-
die gewünschten Eigenschaften in genau faltigkeit innerer Kraft- bzw. Spannungs-
diesem Lastfall. Der „richtigen“ Wahl des felder existieren. Welches dieser möglichen
formbestimmenden Lastfalls fällt damit Spannungsfelder sich in einer Struktur
grundlegende Bedeutung zu. Im Bereich einstellt, ist abhängig von der Verteilung
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der Steifigkeiten innerhalb der Struktur Werkstoffe und, nicht zuletzt und von
bzw. an deren Auflagern. Überträgt man besonderem Einfluss, der Baufortschritt
diese Aussage auf das Formfindungs- selbst, beeinflussen, neben vielen anderen
problem, so gewinnt sie in zweierlei Einflussgrößen, den sich tatsächlich in
Hinsicht Bedeutung: Zunächst einmal einer Struktur einstellenden Bean-
erkennt man, dass man an einer auf expe- spruchungszustand.
rimentellem Wege gefundenen Form den
inneren Beanspruchungszustand in den 3.5 Das (klassische)
meisten Fällen nicht ablesen, d.h. keinen Kompensationsproblem
tieferen Aufschluss über deren inneren
Beanspruchungszustand gewinnen kann. Beim Bauen zugbeanspruchter Konstruk-
Bereits am denkbar einfachsten Fall einer tionen ist es seit langem bekannt, dass die
in einen räumlich verwundenen Rahmen in der Formfindung ermittelte Geometrie
eingespannten Seifenhautlamelle, also („Sollgeometrie“), die mit dem in der
eines Isotensoids, erkennt man, dass die Formfindung entstandenen bzw. zugrunde
Geometrie der Seifenhautlamelle unab- gelegten Spannungszustand behaftet ist,
hängig von der Oberflächenspannung der zunächst in eine spannungsfreie Form
Seifenhautlösung selbst ist, oder, in ande- („Nullgeometrie“) überführt werden
ren Worten, dass sich das Ergebnis des muss, um hergestellt bzw. gebaut werden
Formfindungsprozesses, also die Geo- zu können. Die mit dem Entspannungs-
metrie der Seifenhaut, bei Multiplikation vorgang einhergehende Geometrieände-
des inneren Spannungszustandes der rung wird als Kompensation bezeichnet.
Lamelle mit einem Skalar nicht ändert. Bei den zugbeanspruchten Konstruk-
Die Multiplikation des Spannungsfeldes tionen (Seilnetze, Membranen) weist die
mit einem Skalar führt auch bei allen Nullgeometrie typischerweise einen klei-
anderen mechanisch vorgespannten neren Flächeninhalt als die Sollgeometrie
Konstruktionen, die – durch den Form- auf: Beim Übergang vom unbelasteten in
findungsprozess bedingt – üblicherweise den belasteten, spannungsbehafteten
vergleichsweise inhomogene, in keinem Zugspannungszustand wird das Material
Fall jedoch isotensoidische Spannungs- üblicherweise gedehnt, indem die Kon-
felder aufweisen, zu keiner neuen Geo- struktion zu ihren Auflagern gezogen bzw.
metrie. Darüber hinaus lässt sich aufzei- gegen diese verspannt wird.
gen [6], dass in einer Membrane oder einer
Schale allein durch Manipulation der Das bei Seilnetzen und Membranen bisher
Auflagersteifigkeiten und/oder der zur Anwendung gekommene Kompens-
Struktursteifigkeiten eine Vielzahl unter- ationsverfahren besteht darin, die span-
schiedlicher Spannungsfelder in der nungsbehaftete Sollgeometrie mit geeig-
Struktur eingestellt werden können, ohne neten Verfahren und unter Zugrunde-
dass dies eine andere Geometrie bedingt. legung der (und hier liegt eine der
Die Verunsicherung, die man durch die Schwierigkeiten!) zutreffenden Werkstoff-
Erkenntnis der möglichen Mannig- gesetze zu entspannen und sie dabei in
faltigkeit der Spannungsfelder in einer eine - üblicherweise mit Falten behaftete -
„gefundenen“ Struktur erfährt, bedeutet Nullgeometrie zu überführen. Man
Risiko und Chance zugleich, woraus sich bezeichnet diese Vorgehensweise auch als
auch die zweite Bedeutung der eingangs „klassisches“ Kompensationsproblem.
gewonnenen Erkenntnis ableitet: Bei der
Realisierung, d.h. bei der bautechnischen 3.6 Das erweiterte
Umsetzung einer in einem Formfindungs- Kompensationsproblem
prozess entwickelten Struktur kommt es
in entscheidender Weise darauf an, dass Die Arbeiten an unserem Institut zeigten
sich der in der Struktur erwartete, in der bereits zu Anfang der 1990er Jahre, dass die
Formfindung entwickelte Spannungs- lange vertretene Annahme, jede eigen-
zustand auch tatsächlich einstellt. Dass spannungsbehaftete (Formfindung!) Form
letzteres eine nichttriviale Forderung ist, könne durch eine Veränderung ihrer Geo-
liegt auf der Hand: Nur innerhalb be- metrie in eine spannungsfreie Form über-
stimmter Genauigkeiten erfassbare Auf- führt werden, falsch ist. Seilnetze und
lagersteifigkeiten, zeitabhängige Phäno- Membranen bilden eher zufälligerweise
mene wie Kriechen und Schwinden der und wegen ihrer ganz besonderen Werk-
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stoffeigenschaften eine Ausnahme von bestimmten Laststellungen üblicherweise


dieser Einschränkung. Sie sind stets kom- nicht vorhersehbar waren oder die prinzi-
pensierbar. Bei Konstruktionen aus ande- piell unvermeidbar sind. Andererseits wäre
ren Baustoffen, beispielsweise bei Schalen- es nahe liegend, tragende Konstruktionen
tragwerken aus Beton, tritt jedoch das so zu konzipieren, dass sie die in ihnen
Problem der Nichtexistenz einer durch entstehenden Beanspruchungszustände
Kompensation der Sollgeometrie abzulei- unter verschiedenen Einwirkungen auf
tenden „spannungsfreien Nullgeometrie“ der Basis selbststeuernder Prozesse mani-
sehr häufig auf. Bei der planerischen und pulieren. Spitzenbeanspruchungen einzel-
bautechnischen Umsetzung der in einem ner Bauteile oder Bauteilbereiche könnten
Formfindungsprozess entstandenen Form dann zugunsten einer zeitgleichen Homo-
geht es in solchen Fällen darum, eine genisierung der Beanspruchungsvertei-
spannungsfreie Nullgeometrie so zu fin- lung insgesamt vermieden werden.
den, dass beim Übergang dieser Nullgeo- Natürlich können auf diese Weise in teil-
metrie in die spannungsbehaftete Endform weise erheblichem Umfang das Eigen-
einerseits eine weitestgehende Annähe- gewicht einer Konstruktion vermindert,
rung an die in der Formfindung ent- Verformungen reduziert und Schwin-
wickelte Sollgeometrie stattfindet und sich gungen unter dynamischer Bean-
andererseits eine möglichst geringe spruchung gedämpft werden [9,10,11].
Abweichung von dem in der Formfindung
fixierten Sollspannungszustand ergibt. Systeme, die sich mit Hilfe selbstgesteuerter
Dieses alles andere als triviale Problem oder selbstorganisierter Vorgänge aktiv
wird als „erweitertes“ Kompensations- verändern, bezeichnet man als adaptive
problem bezeichnet. Systeme. Adaptive Systeme bestehen aus
einer mit ihrer Umgebung in Wechsel-
4. Adaptive Systeme wirkung stehenden Struktur. Anpassungs-
vorgänge der Struktur erfolgen durch sog.
Die tragenden Konstruktionen in der nicht Aktuatoren, die durch einen übergeordne-
lebenden Natur und der Technik besitzen ten Steuerungs-Regelungsprozess aktiviert
üblicherweise Bauteile mit invarianten werden. Der Steuerungs-Regelungsprozess
physikalischen Eigenschaften, beispielswei- selbst wiederum bezieht seine Eingangs-
se eine konstante Bruchfestigkeit oder - signale von Sensoren, also Elementen, die
und dies ist für die nachfolgenden Überle- physikalische Zustände oder deren Verän-
gungen von Bedeutung - eine zeitunab- derung erkennen können. Idealerweise
hängige, also invariante Steifigkeit. Beim können Aktuatoren und Sensoren in
Entwurf einer Struktur mit invarianter einem multifunktionalen Ele-
Steifigkeitsbelegung sind die inneren ment/Material vereint werden.
Beanspruchungen der Konstruktion unter
dem formbestimmenden Lastfall entwerf- In Abhängigkeit von der Adaptionsge-
bar, d.h. wählbar. Mit der Festlegung des schwindigkeit unterscheiden wir drei ver-
statischen Systems und dessen Steifig- schiedene Adaptionsklassen [10]:
keitsbelegung liegen gleichzeitig alle in
den einzelnen Bauteilen unter der Ein- Kurzzeitadaption: Eine Anpassung der
wirkung äußerer Lasten auftretenden Struktur erfolgt durch sofortige Reaktion
Beanspruchungen fest, wobei die Dimen- auf externe Einflüsse. Die Farbänderung
sionierung der einzelnen Bauteile gegen eines Chamäleons als Anpassung auf farb-
die ungünstigsten Beanspruchungszu- lich veränderte Umgebungsbedingungen
stände, typischerweise Spannungsmaxima, gehört hierzu.
erfolgt.
Langzeitadaption: Hierzu gehören Wachs-
In der soeben beschriebenen, für den Trag- tumsprozesse, die über den gesamten oder
werksentwurf üblichen Vorgehensweise teilweisen Lebenszeitraum (von Minuten
wird die Struktur also für innere Bean- zu Jahrzehnten) eines natürlichen Systems
spruchungszustände als Ergebnis eines auftreten. Durch derartige Prozesse wer-
Strukturentwurfes ausgelegt, bei dessen den die Systemeigenschaften verbessert,
Entstehen eine Ineffektivität der Struktur z. B. werden in Bäumen Spannungs-
insgesamt oder einzelner Bauteile unter spitzen durch lokales Wachstum der hoch
beanspruchten Bereiche abgebaut.
80 THEM ENHEFT FORSCHUNG L E I C HTBAU

04

Der „Stuttgarter Träger“ stellt


eine Brücke dar, deren Träger
ein Bauhöhe/Spannweiten-
verhältnis von 1/600 aufweist. Evolutionäre Adaption: In evolutionären spielsweise jahreszeitliche, witterungs-
Dank der Adaptivität der Prozessen werden die Eigenschaften natür- oder umgebungsbedingte Veränderungen
Konstruktion weist die Brücke licher Systeme im Verlauf mehrerer Ge- reagieren. Dasselbe gilt für Veränderungen
unter der sich bewegenden Last nerationen optimiert, zumeist unter dem im Gebäudeinneren. Letztere können aus
(Hier: Lokomotive) keine Gesichtspunkt einer Erhöhung der Über- Nutzungsänderungen, Veränderungen der
Verformung auf. lebenschancen und/bzw. einer Steigerung Komfortansprüche, einem veränderten
der Reproduktionsrate. Veränderungen Emissionsniveau etc. bestehen.
der Systeme erfolgen durch Mutations-
und Selektionsprozesse. Diese Vorgänge Die Forschung im Bereich der adaptiven
können auf mathematisch-numerischer Gebäudehüllen befasst sich damit, wie
Basis simuliert werden, beispielsweise um Gebäudehüllen auf Veränderungen des
so die gewichtsoptimale Geometrie eines Innen und des Außen reagieren können,
Fachwerkkragträgers zu bestimmen. wie man Wärme-/Kältespeicherqualitäten
in die Gebäudehüllen einbauen kann und
Aus der Vielzahl denkbarer Anwendungs- vieles mehr. Der Schwerpunkt der an
bereiche adaptiver Systeme in der Archi- unserem Institut hierzu gemachten For-
tektur werden an unserem Institut seit schungen liegt hierbei auf der generellen
mehr als zehn Jahren zwei uns sehr inter- Systementwicklung, der Entwicklung
essant erscheinende Bereiche näher unter- schaltbarer Gläser [12] und der Ent-
sucht: Adaptive Gebäudehüllen und adap- wicklung reagibler und energiespeichern-
tive Tragwerke. den textiler Gebäudehüllen [13].

4.1 Adaptive Gebäudehüllen 4.2 Adaptive Tragwerke

Die derzeit in Bauwesen eingesetzten Dach- Adaptive Tragwerke sind Konstruktionen,


und Fassadensysteme, die wir hier verall- welche die in ihnen aufgrund äußerer wie
gemeinernd als Gebäudehüllen bezeich- innerer Einwirkungen entstehenden
nen wollen, besitzen im Regelfall konstan- Kräfte (und damit auch zeitabhängige wie
te physikalische Eigenschaften. Sie können zeitunabhängige Verformungen) im Sinne
damit prinzipiell nur sehr bedingt auf der Adaptivität manipulieren können.
Veränderungen im Außenbereich, also bei- Dabei ist zunächst zu unterscheiden zwi-
E NT WE R F E N I M L E I C HTBAU 81

schen einer Manipulation der Einwirkung Verschwinden einer Verformung an gewis-


selbst sowie einer Manipulation der Reak- sen Punkten einer Konstruktion fordern.
tion der Konstruktion. Beide Manipula- So lässt sich beispielsweise erzielen, was in
tionen können gleichzeitig auftreten. Am der Natur unmöglich ist: Keine Verfor-
Beispiel einer Brücke erläutert bedeutet mung. Der an unserem Institut entwickel-
dies z.B., dass die adaptive Konstruktion te sog. „Stuttgarter Träger“ gilt heute als
einerseits die auf sie wirkende Windwir- das Standardbeispiel für die Demonstra-
kung durch gezielte Beeinflussung der tion der Möglichkeiten einer Beein-
Umströmung verändert (Beeinflussung flussung einer Konstruktion, die multi-
der Einwirkung) und dass sie, ggf. gleich- plen bzw. instationären Lastfällen ausge-
zeitig, durch interne Steifigkeitsverän- setzt ist [10].
derungen eine Homogenisierung des
Beanspruchungszustandes in der Struktur Adaptive Strukturen werden in wenigen
herbeiführt. Jahren ein fester Bestandteil des täglichen
Lebens sein. Aktive Prothesen und Im-
Durch die Manipulation der in der Struktur plantate mit sensorischen Funktionen und
wirkenden Kraftzustände mit der Ziel- Aktuatoren sind in der Entwicklung; die
setzung einer Homogenisierung der in ihr Raumfahrt arbeitet an adaptiven Fach-
wirkenden Beanspruchungsverteilung werkstrukturen, bei denen aktive (z. B.
lässt sich das Eigengewicht tragender piezokeramische) Elemente verwendet
Strukturen in bemerkenswerter Größen- werden, um eine genaue Positionierung
ordnung reduzieren. Bei einigen der am oder Schwingungsisolierung von Sa-
Institut untersuchten Systeme konnten tellitenreflektoren zu erreichen. Die
mehr als fünfzig Prozent des ursprüngli- Arbeiten des Instituts werden zu adaptiven
chen Eigengewichts einer bereits unter Tragwerken im Bauwesen führen, die zum
Leichtbaugesichtspunkten entworfenen einen die Grenzen des Leichtbaus weiter
Konstruktion eingespart werden. Durch hinausschieben und zum anderen auch
Einführen der Adaptivität lassen sich die Optimierungen im Bereich konventionel-
Grenzen des Leichten somit in bisher ler Strukturen oder Bauteile ermöglichen,
nicht gekannte Bereiche hinausschieben. seien es nun Augstäbe im Metallbau,
Material wird eingespart und, bei Auf- dünne Glasscheiben oder Bauteile aus
treten der Beanspruchung, in seiner Wir- Beton. •
kung durch Energie ersetzt: Extremer
Leichtbau ist Bauen mit Energie. Werner Sobek

Selbstverständlich werden bei


einer Manipulation der in der
Struktur wirkenden Kraftzu-
stände mit der Zielsetzung
einer Homogenisierung der in
der Struktur wirkenden
Beanspruchungsverteilung
auch die „natürlicherweise“
auftretenden Struktur-
verformungen verändert.
Führt man eine Adaption einer
tragenden Struktur mit dem
(Optimierungs-) Ziel einer
Minimierung des Eigen-
05
gewichts der Struktur durch,
so treten diese Verformungen als Adaptivität im Kleinen: Wenige Aktuatoren
Nebeneffekt auf. Die genannten Ver- genügen, um die Spannungskonzentrationen
formungen lassen sich aber natürlich auch am Rand einer Bohrung, die in eine biaxial
begrenzen, indem man sie als Neben- beanspruchte dünne Scheibe eingebracht wur-
bedingungen der Optimierungsaufgabe den, deutlich zu dämpfen.
einführt. Im Grenzfall kann so eine
Verformungsnebenbedingung auch das
82 THEM ENHEFT FORSCHUNG L E I C HTBAU

Literatur

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Cambridge: Cambridge University Press Structures, Berlin: Springer (1999).
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tionen. Bd. 1+2. Berlin: Ullstein 1962. Structural Engineering“, Smart Structures
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Heidelberg: Springer 1960. Structures, and Highways (SPIE Vol. 4330):
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Schalungen hergestellte Betonschalen. 12 Haase, W.: Adaptive Strahlungstrans-
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Stuttgart (1987). kristallen. Dissertation Universität Stutt-
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Bauingenieur 70 (1995) S.323-329. 13 Holzbach, M.: Adaptive und konditionie-
8 Klein, B.: Leichtbaukonstruktionen. rende textile Gebäudehüllen auf Basis
Braunschweig/Wiesbaden: Friedrich hochintegrativer Bauteile. Dissertation
Vieweg & Sohn (1997). Universität Stuttgart (in Vorbereitung).

D E R AU TO R

Prof. Dr.-Ing. Werner Sobek


studierte Bauingenieurwesen und Architektur an der Universität Stuttgart, unter anderem bei
Prof. Frei Otto. In dieser Zeit begann seine Beschäftigung mit dem Leichtbau, insbesondere
mit textilen Konstruktionen. Nach dem Diplom bei Prof. Dr.-Ing. Jörg Schlaich arbeitete er
in den USA und im Ingenieurbüro Schlaich, Bergermann und Partner in Stuttgart. Seit 1995
ist er Direktor des Instituts für Leichte Flächentragwerke und Nachfolger auf dem Lehrstuhl
von Frei Otto. Im Jahr 2000 trat er auch die Nachfolge von Prof. Dr. Schlaich an und fusio-
nierte die beiden Lehrstühle zum Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren. 1992
gründete er ein eigenes Ingenieurbüro, inzwischen mit Ablegern in New York und Frankfurt
a.M., aus dem zahlreiche preisgekrönte Werke hervorgegangen sind. Einen Einblick vermit-
telte 2004 die Ausstellung “show me the future – engineering and design by werner sobek”
in der Pinakothek der Moderne in München. Werner Sobek ist Vorsitzender des Hoch-
schulrats der HafenCity-Universität in Hamburg und lehrt 2007 als Gastprofessor an der
Harvard University in Cambridge/Massachusetts.

Kontakt
Universität Stuttgart, Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren
Pfaffenwaldring 7 und 14, 70569 Stuttgart
Tel +49.711.685 6 62 26 / -6 35 99
Fax +49.711.685 6 69 68 / -6 37 89
E-Mail: werner.sobek@ilek.uni-stuttgart.de
http://www.uni-stuttgart.de/ilek/