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Johann Wolfgang von Goethe Und sie weint zum erstenmal,

Der Gott und die Bajadere (Indische Sinkt zu seinen Füßen nieder,
Legende) Nicht um Wollust noch Gewinst,
Ach! und die gelenken Glieder,
Mahadöh, der Herr der Erde, Sie versagen allen Dienst.
Kommt herab zum sechsten Mal, Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier
Daß er unsersgleichen werde, Bereiten den dunklen, behaglichen Schleier
Mitzufühlen Freud und Qual. Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn. Spät entschlummert unter Scherzen,
Soll er strafen oder schonen, Früh erwacht nach kurzer Rast,
Muß er Menschen menschlich sehn. Findet sie an ihrem Herzen
Und hat er die Stadt sich als Wandrer Tot den vielgeliebten Gast.
betrachtet, Schreiend stürzt sie auf ihn nieder;
Die Großen belauert, auf Kleine geachtet, Aber nicht erweckt sie ihn,
Verläßt er sie abends, um weiterzugehn. Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
Als er nun hinausgegangen, Sie höret die Priester. die Totengesänge,
Wo die letzten Häuser sind, Sie raset und rennet und teilet die Menge.
Sieht er, mit gemalten Wangen, >>Wer bist du? Was drängt zu der Grube dich
Ein verlornes schönes Kind. hin?<<
>>Grüß dich, Jungfrau !<< - >>Dank der
Ehre!<< Bei der Bahre stürzt sie nieder,
Wart, ich komme gleich hinaus.<< - Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
>>Und wer bist du?<< ->>Bajadere, >>Meinen Gatten will ich wieder!
Und dies ist der Liebe Haus.<< Und ich such ihn in der Gruft.
Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu Soll zu Asche mir zerfallen
schlagen, Dieser Glieder Götterpracht?
Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen, Mein! er war es, mein vor allen!
Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Ach, nur Eine süße Nacht!<<
Strauß. Es singen die Priester: >>Wir tragen die
Alten,
Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle, Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
Lebhaft ihn ins Haus hinein: Wir tragen die Jugend, noch eh sie's gedacht.
>>Schöner Fremdling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte sein. Höre deiner Priester Lehre:
Bist du müd, ich will dich laben, Dieser war dein Gatte nicht.
Lindern deiner Füße Schmerz. Lebst du doch als Bajadere,
Was du willst, das sollst du haben, Und so hast du keine Pflicht.
Ruhe, Freuden oder Scherz.<< Nur dem Körper folgt der Schatten
Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden. In das stille Totenreich;
Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden Nur die Gattin folgt dem Gatten:
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz. Das ist Pflicht und Ruhm zugleich. –
Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!
Und er fordert Sklavendienste; O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,
Immer heitrer wird sie nur, O nehmet den Jüngling in Flammen zu
Und des Mädchens frühe Künste euch!<<
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet auf die Blüte So das Chor, das ohn Erbarmen
Bald und bald die Frucht sich ein; Mehret ihres Herzens Not;
Ist Gehorsam im Gemüte, Und mit ausgestreckten Armen
Wird nicht fern die Liebe sein. Springt sie in den heißen Tod.
Aber, sie wird schärfer und schärfer zu prüfen, Doch der Götterjüngling hebet
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen Aus der Flamme sich empor,
Lust und Entsetzen und grimmige Pein. Und in seinen Armen schwebet
Die Geliebte mit hervor.
Und er küßt die bunten Wangen, Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
Und sie fühlt der Liebe Qual, Unsterbliche heben verlorene Kinder
Und das Mädchen steht gefangen, Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

1
Der Taucher Und - ein Schrei des Entsetzens wird rings
Friedrich Schiller gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
"Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Und geheimnisvoll über dem kühnen
Zu tauchen in diesen Schlund? Schwimmer
Einen goldnen Becher werf ich hinab, Schliesst sich der Rachen, er zeigt sich
Verschlungen schon hat ihn der schwarze nimmer.
Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen, Und stille wird's über dem Wasserschlund,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen." In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
Der König spricht es und wirft von der Höh "Hochherziger Jüngling, fahre wohl!"
Der Klippe, die schroff und steil Und hohler und hohler hört man's heulen,
Hinaushängt in die unendliche See, Und es harrt noch mit bangem, mit
Den Becher in der Charybde Geheul. schrecklichem Weilen.
"Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?" "Und wärfst du die Krone selber hinein
Uns sprächst: 'Wer mir bringet die Kron,
Und die Ritter, die Knappen um ihn her Er soll sie tragen und König sein' -
Vernehmen's und schweigen still, Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Sehen hinab in das wilde Meer, Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Und keiner den Becher gewinnen will. Das erzählt keine lebende glückliche Seele."
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
"Ist keiner, der sich hinunter waget?" Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor, Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und
Und ein Edelknecht, sanft und keck, Mast,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor, Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg, Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Und alle die Männer umher und Frauen Hört man's näher und immer näher brausen.
Auf den herrlichen Jüngling verwundert
schauen. Und es wallet und siedet und brauset und
zischt,
Und wie er tritt an des Felsen Hang Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Und blickt in den Schlund hinab, Bis zum Himmel spritzet der dampfende
Die Wasser, die sie hinunterschlang, Gischt,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab, Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Entstürzt es brüllend dem finstern Schosse.
Schosse.
Und sieh! aus dem finster flutenden Schoss,
Und es wallet und siedet und brauset und Da hebet sich's schwanenweiss,
zischt, Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt, bloss,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Und es rudert mit Kraft und mit emsigem
Gischt, Fleiss,
Und Flut auf Flut sich ohn' Ende drängt, Und er ist's, und hoch in seiner Linken
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren, Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.
Und atmete lang und atmete tief
Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt, Und begrüsste das himmlische Licht.
Und schwarz aus dem weissen Schaum Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
Klafft hinunter ein gähnender Spalt, "Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Grundlos, als ging's in den Höllenraum, Aus dem Grab, aus der strudelnden
Und reissend sieht man die brandenden Wogen Wasserhöhle
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen. Hat der Brave gerettet die lebende Seele."

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt, Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde
Der Jüngling sich Gott befiehlt, Schar,

2
Zu des Königs Füssen er sinkt, Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem
Den Becher reicht er ihm kniend dar, Toben,
Und der König der lieblichen Tochter winkt, Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum oben."
Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte: Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: "Der Becher ist dein,
"Lange lebe der König! Es freue sich, Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Wer da atmet im rosigten Licht! Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Da unten aber ist's fürchterlich, Versucht du's noch einmal und bringt mir
Und der Mensch versuche die Götter nicht Kunde,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grunde."
Grauen.
Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
"Es riss mich hinunter blitzesschnell - Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht "Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Wildflutend entgegen ein reissender Quell: Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Mich packte des Doppelstroms wütende macht, Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht
Und wie einen Kreisel mit schwindendelm zähmen,
Drehen So mögen die Ritter den Knappen beschämen."
Trieb mich's um, ich konnte nicht widerstehen.
Drauf der König greift nach dem Becher
"Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief schnell,
In der höchsten schrecklichen Not, In den Strudel ihn schleudert hinein:
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff, "Und schaffst du den Becher mir wieder zur
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod - Stell,
Und da hing auch der Becher an spitzen So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Korallen, Und sollst sie als Ehegemahl heut noch
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen. umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen."
"Denn unter mir lag's noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da, Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und ob's hier dem Ohre gleich ewig schlief, Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah, Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Wie's von Salamandern und Molchen und Und sieht sie erbleichen und sinken hin -
Drachen Da treibt's ihn, den köstlichen Preis zu
Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen. erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.
"Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheusslichen Klumpen geballt, Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie
Der stachligte Roche, der Klippenfisch, zurück,
Des Hammers greuliche Ungestalt, Sie verkündigt der donnernde Schall -
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne Da bückt sich's hinunter mit liebendem Blick:
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne. Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
"Und da hing ich und war's mit Grausen Den Jüngling bringt keines wieder.
bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

"Und schaudernd dacht ich's, da kroch's heran,


Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir - in des Schreckens
Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;