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Kleine Eiszeit

Die Kleine Eiszeit war eine Periode relativ


kühlen Klimas von Anfang des 15. Jahrhunderts
bis in das 19. Jahrhundert hinein. Sie gilt in der
heutigen Klimadiskussion als das klassische
Beispiel einer durch kurzfristige Schwankungen
geprägten natürlichen Klimavariation.

Sie ist Teil der jüngeren Klimageschichte und


Forschungsgegenstand der Historischen
Klimatologie.

Auch während der Kleinen Eiszeit gab es


erhebliche Klimaschwankungen; zum Beispiel
waren die Zeiträume von etwa 1570 bis 1630 und Das Gemälde IJsvermaak („Eisvergnügen“) von Hendrick Avercamp
1675 bis 1715 besonders kalt.[1] zeigt Menschen auf einem zugefrorenen Kanal in den Niederlanden
im kalten Winter 1608. Heute dagegen sind die Kanäle im Winter
meist eisfrei.
Künstlerische Darstellungen solcher Szenen sind nur aus der Zeit
Inhaltsverzeichnis zwischen 1565 und 1640 bekannt.

Beobachtungen
Klimazeugen
Räumliches und zeitliches Auftreten
Ursachen
Gesteigerte vulkanische Aktivität
Verringerte Sonneneinstrahlung
Wiederbewaldung infolge von
Bevölkerungsrückgang
Schwächerer Golfstrom
Änderungen im Umlauf der Erde um
die Sonne
Folgen für die Menschen
Not, soziale Spannungen,
Verfolgung von Minderheiten
Machtpolitische Ereignisse
Dreißigjähriger Krieg
Französische Revolution
Folgen vorrückenden Packeises
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Beobachtungen
Der Kleinen Eiszeit ging eine Periode voraus, die als mittelalterliche Warmzeit bezeichnet wird. Die Kleine Eiszeit ist inzwischen
weltweit nachgewiesen. Regional und zeitlich unterschiedlich gewichtet lagen die Temperaturen während der Kleinen Eiszeit global
um bis zu 0,8 K niedriger als während der vorangegangenen Jahrhunderte, in einigen europäischen Regionen auch 1 bis 2 K.[2][3]
Während der mittelalterlichen Warmzeit hatte sich unter anderem das Packeis im nördlichen Atlantik nach Norden zurückgezogen
und die Landgletscher waren teilweise verschwunden. Diese Erwärmung erlaubte es den Wikingern, Island (seit etwa 870) und
Küstenbereiche von Grönland (seit 986) zu besiedeln.

Die Kleine Eiszeit war eine Erdabkühlung, die im Zuge großer Vulkanausbrüche und der Reduzierung der Sonneneinstrahlung durch
einen Ascheschleier in der Stratosphäre mit regionalen und zeitlichen Schwerpunkten weltweit auftrat und für Europa, Nordamerika,
Russland und China und auch für Arktis und Antarktis (in letzterer durch polare Eisbohrkerne) nachgewiesen ist. Während dieser
Zeit traten häufig sehr kalte, lang andauernde Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer auf. Mitte des 17. Jahrhunderts und
auch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drangen in den Alpen zweimal die Gletscher vor und zerstörten Gehöfte und Dörfer. Das
Gletscherwachstum während der Kleinen Eiszeit war das stärkste seit der langandauerndenereisung
V der letzten Eiszeit.

Verschiedene historische Berichte und Ereignisse werden mit der Kleinen Eiszeit in Verbindung gebracht und zu ihrer Illustration
verwendet:[4][5]

Die Kanäle und Grachten in den Niederlanden, in Belgien und in Nordfrankreich waren häufig lange zugefroren. So
froren Kanäle der Stadt Haarlemlaut 1633 beginnenden Aufzeichnungen im Mittel an 28 agen
T zu.[6][7] Bis zur
flächendeckenden Verbreitung von Eisenbahn und später LKW waren Kanäle und Fließgewässer die wichtigsten
Verkehrswege.

In Frankreich führte der Temperaturrückgang zu Hungerwintern – langanhaltenden Tieftemperaturen, die die


Aussaat fast unmöglich machten und die Ernten weitgehend ruinierten: 1659/60, 1694/95 und 1708/09.[8] Höhepunkt
war die Kälteperiode von 1692 bis 1698, die oft ebenfalls als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wurde.

In London fand auf der zugefrorenenThemse mehrmals ein


„Frostjahrmarkt“ statt – möglich wurde dies auch durch damals andere
Strömungsverhältnisse des Flusses. Auch im Mittelalter fror die Themse
mehrfach zu.[9]

Im Winter 1780 konnte der Hafen vonNew York auf dem Eis sicher
überquert werden. Auf denGroßen Seen in Nordamerika blieb das Eis
manchmal bis zum Juni.
Als letzte Markierung der Kleinen Eiszeit wird etwa die Große Hungersnot in Irland
1845–1852 gesehen. Der Anstieg der Mitteltemperaturen ist verzerrt durch das Jahr
ohne Sommer (1816) und einige abnorm kühle Jahre danach; Ursache war der Temperatur-Anomalie Winter
1708/1709
Ausbruch des Vulkans Tambora auf der östlich von Java gelegenen Insel Sumbawa
im Jahr 1815.

Ab etwa 1850 wurde es weltweit wärmer; dies gilt als Ende der Kleinen Eiszeit. Seitdem sind die globalen bodennahen
Durchschnittstemperaturenum etwa 0,8 K gestiegen und damit (bezogen auf einen Zeitraum von 50 Jahren) wahrscheinlich wärmer
als mindestens seit 1300 Jahren.[10]

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist nahezu weltweit ein deutlicher Rückgang der Gletscher zu beobachten (siehe Gletscherschwund
seit 1850).

Klimazeugen
Die Kleine Eiszeit ist in vielen natürlichen Klimaarchiven durch eine Reihe von Proxydaten (indirekte Klimadaten) nachgewiesen,
etwa durch:

zeitgenössische Berichte
wissenschaftliche Aufzeichnungen (zum Beispiel das „Calendarium“ des Astronomen
Johannes Fabricius (1587–
1617))
Sedimentproben (Warve)
Wachstumsringe von Bäumen
Pollenanalysen, die die Rekonstruktion der Vegetationsgrenzen der
Vergangenheit erlauben
das temperaturabhängige18O/16O-Verhältnis in Eisbohrkernen und in
den kalkhaltigen Gehäusenbenthischer Foraminiferen (Einzeller in
Ablagerungen auf dem Meeresboden)
Auch einige Gemälde von damals können als Indikatoren vergangener
Klimaverhältnisse herangezogen werden. Bekannt sind dafür beispielsweise die
Darstellungen von Winterlandschaften Pieter Brueghels, Hendrick Avercamps und
anderer niederländischer Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Viele von ihnen
zeigen Szenen, in denen zugefrorene Kanäle in den Niederlanden zu sehen sind.[11] Temperaturverlauf der letzten 1000
Vivaldis Winter-Konzert mit dem dazugehörigen Sonett thematisiert z. B. das Jahre, rekonstruiert aus
Schlittschuhlaufen auf der Lagune von Venedig. Ab dem 19. Jahrhundert war diese verschiedenen Quellen. Die rote
Linie markiert den rekonstruierten
Zeit beendet, die (durchschnittlichen) Temperaturen liegen seitdem höher und es gab
Verlauf in der nördlichen
weniger Beobachtungen, dass etwa die genannten Kanäle bzw. Venedigs Lagune
Hemisphäre. Der schwarze Anstieg
zugefroren waren.[12] rechts ist instrumentell gemessen.

Gemälde der frühen mandschurischen Qing-Dynastie (ab 1644) zeigen


Schneelandschaften. Der Zusammenbruch der vorausgehenden Ming-Dynastie wurde durch Missernten infolge wiederholter Dürren
seit dem 16. Jahrhundert und besonders eine extreme Dürre 1638–1641 mit ausgelöst. Die Dürren traten durch Änderungen des
Monsuns während einer in Chroniken dokumentierten, möglicherweise durch Vulkanausbrüche verursachten Kälteperiode auf.
[13]
Vergleichbare Dürren treten erst wieder seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf.

Räumliches und zeitliches Auftreten


Als erste Hinweise auf die Kleine Eiszeit offensichtlich wurden, ging man von
einem weltweiten Klimaphänomen aus. Heute wird dies teilweise anders gesehen.
Um weltweit gesicherte Daten zu gewinnen, haben seit den 1990er Jahren in
mehreren nationalen und internationalen Verbundprojekten Hunderte
Wissenschaftler alle Kontinente bereist und dort Tausende von Beobachtungen und
Proxydaten zusammengestellt.

Aus verschiedenen Klimaarchiven konnten kühlere Perioden auf der Nord- und
Temperaturanomalien der letzten
Südhalbkugel, also auf allen Kontinenten und den beiden Polkappen, belegt werden.
zweitausend Jahre, nach
Perioden deutlich kühleren Klimas waren regional und zeitlich aber uneinheitlich
Kontinent[14]
verteilt. Zumindest für die Hauptphase der Kleinen Eiszeit, vom Ende des 16. bis in
das 19. Jahrhundert hinein, kann man von einem Phänomen der Nordhemisphäre mit
einer durchschnittlichen Abweichung der Sommertemperaturen von −0,5 K gegenüber dem Referenzzeitraum 1960 bis 1991
sprechen.[15] Besonders niedrige Temperaturen traten jedoch nicht über einen Zeitraum von mehr als etwa zwei Jahrzehnten global
gleichzeitig auf.[2][16] Deutlich kühlere Phasen mit Temperaturabweichungen von mehr als 0,8 K im Sommer gab es im
17. Jahrhundert in Nordwestasien und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Nordasien.[15][17] Für die Zeit um 1650 ist ein
Kälteeinbruch in China dokumentiert (Übergang Ming- zu Qing-Dynastie). In Grönland gab es besonders kühle Phasen im 14., 15.,
17. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[2][18] In Europa war es zur Zeit des späten Maunderminimums, Ende des
17. Jahrhunderts deutlich kühler, in Osteuropa um bis zu 1,2 K. Aber auch in Europa waren zu dieser Zeit kühlere
[19]
Durchschnittstemperaturen sehr uneinheitlich verteilt, in Nordskandinavien wurde auch eine leichte Erwärmung rekonstruiert.

Ursachen
Als Ursachen für die Kleine Eiszeit gelten hauptsächlich verstärkter Vulkanismus und eine geringere Aktivität der Sonne. Für
Wiederbewaldung, die durch Bevölkerungsrückgang oder durch regionale Klimaänderungen hervorgerufen worden sein könnte,
sowie veränderte Meeresströmungen wird eine verstärkende Rolle vermutet. Zusätzlich zu diesen über Zeiträume von Jahrzehnten
wirkenden Einflüssen gab es einen geringen, über Jahrtausende reichenden Abkühlungstrend, der durch Änderungen der
Erdumlaufbahn bewirkt wurde.[20]

Die mit dem Ende der Kleinen Eiszeit einsetzende Wiedererwärmung ist für die ersten Jahrzehnte wahrscheinlich teilweise auf die
Änderung von Faktoren zurückzuführen, die die Kleine Eiszeit verursachten. So nahm bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Intensität
der Sonnenstrahlung wieder zu. Die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte dagegen ist höchstwahrscheinlich durch menschliche
.[21]
Treibhausgasemissionen verursacht und nicht durch weggefallene Ursachen der Kleinen Eiszeit erklärbar

Gesteigerte vulkanische Aktivität


Der Kleinen Eiszeit gingen eine Reihe
starker Vulkanausbrüche, Plinianische
Eruptionen, voraus, die Staub und Asche
sowie Gase, unter anderem
Schwefeldioxid (SO2), hoch in die
Erdatmosphäre schleuderten.

Durch Untersuchungen heutiger


Rekonstruierter vulkanischerStrahlungsantrieb der letzten 2500 Jahre[22]
Vulkaneruptionen sind die in der höheren
Atmosphäre, der Stratosphäre,
ablaufenden Prozesse bekannt. Dort können vulkanische Feststoffe und Gase für einige Jahre bleiben und sich auf das Klima
auswirken. Das Schwefeldioxid wird in einer photochemischen Reaktion zu Schwefelsäure (H2SO4) umgewandelt. Die Säure wird in
der Stratosphäre zu einer Wolke aus Aerosol, in der Luft schwebenden Tröpfchen, die die Sonnenstrahlung absorbiert und die
Insolation verringert. Im Schatten der Aerosolwolke kühlt sich die untere Atmosphäre, die
Troposphäre, ab.

In einer im Jahr 2011 erschienenen Studie wurde mit Hilfe von Klimamodellen die Reaktion des Weltklimas auf eine durch
Eisbohrungskerne belegte Serie von Vulkanausbrüchen ab dem Ende des 13. Jahrhunderts nachgestellt. Es zeigte sich, dass eine
dadurch ausgelöste schnelle und starke Abkühlung durch Rückkopplungsprozessewie z. B. die Eis-Albedo-Rückkopplungüber viele
Jahre fortbesteht, lange nachdem die ursächlichen Aerosole aus der Atmosphäre verschwunden sind. Große Veränderungen der
Sonnenaktivität sind für eine derartige Reaktion des Klimas nicht nötig. Durch Untersuchung des Absterbedatums fossiler Pflanzen
auf Baffin Island in der kanadischen Arktis stellten sich die Jahre von 1275 bis 1300 und 1430 bis 1455 als Perioden mit relativ
[23]
plötzlich absterbender Vegetation und eines dadurch belegten vermehrten Gletscherwachstums heraus.

Auch während der Kleinen Eiszeit gab es noch bedeutende Vulkanausbrüche. Die Eruption der Laki-Krater auf Island im Jahre 1783
verursachte den harten Winter 1783/84 auf der Nordhemisphäre. Im Jahr 1815 brach der Tambora auf der Insel Sumbawa
(Indonesien) aus. Im darauffolgenden Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“, wurden in Nordeuropa und im Osten Nordamerikas
Schnee und Frost im Juni und Juli beobachtet.

Verringerte Sonneneinstrahlung
Die Jahresleistung der Sonnenstrahlung, Energiequelle des Erdklimas, schwankt mit der Sonnenaktivität in der Größenordnung von
0,1 %. Phasen geringerer Sonnenaktivität gehen mit geringerer Strahlungsleistung einher und haben einen kühlenden Einfluss auf das
Erdklima. Anhand der Beobachtung von Sonnenflecken lässt sich die Sonnenaktivität bis in das Jahr 1610 zurück rekonstruieren, für
den Zeitraum davor kann man anhand der Messung von Radioisotopen, die durch bei schwächerer Sonnenaktivität vermehrt in die
Erdatmosphäre eindringende kosmische Strahlung erzeugt werden, näherungsweise auf die Sonnenaktivität schließen (kosmogene
Radioisotope 14C und 10Be als Proxy).[24]

In den Zeitraum der Kleinen Eiszeit fallen Phasen besonders geringer Sonnenaktivität. Die zweite Hälfte einer besonders kühle Phase
der Kleinen Eiszeit in der Nordhemisphäre, die vor 1600 eingesetzt hatte und bis etwa 1710 reichte, fällt mit dem Maunderminimum
zusammen. In diesem Zeitraum, von 1645 bis 1715, zeigte die Sonne ein Minimum an Sonnenflecken, mit dem eine etwas
verringerte Strahlungsintensität einherging. Schon eine geringfügige Abschwächung kann regional zu signifikanten

[25]
Abkühlungserscheinungen führen.[25] Auch das
Spörerminimum, ca. 1420 bis 1550, und das deutlich kürzere
und weniger ausgeprägte Daltonminimum, um 1800, fallen in
die Kleine Eiszeit.

Global hingegen, so das Ergebnis neuerer Arbeiten, können die


Änderungen der Sonnenaktivität nur mit vergleichsweise
kleinen Änderungen der Strahlungsleistung einhergegangen
Sonnenfleckenaktivität der letzten 2000 Jahre: Nach
sein. Damit ist schwächere Aktivität der Sonne wahrscheinlich 20 bis 60 Jahren sind die durch die Maxima von
nicht Hauptursache der Kleinen Eiszeit im 16. und Sonnenflecken hervorgerufenen Minima der14C-
17. Jahrhundert gewesen.[26][27][1] Resultierende Entstehung mit Hilfe derRadiokohlenstoffmethode
Temperaturänderungen werden global auf weniger als 0,3 K, nachweisbar.[24]
mit einem wahrscheinlichsten Wert von ca. 0,1 K geschätzt. Ein
deutlich stärkerer regionaler Einfluss besonders in mittleren
Breitengraden der Nordhemisphäre, zum Beispiel indirekt über einen Einfluss auf die winterliche Nordatlantische Oszillation und
damit auf das Klima in Europa, ist aber möglich.[28]

Wiederbewaldung infolge von Bevölkerungsrückgang


Der Paläoklimatologe William F. Ruddiman schlug 2003 die Hypothese vor, massiver Bevölkerungsrückgang könne zu einer
Wiederbewaldung geführt haben. Diese hätte genug Kohlenstoff aus der Luft gebunden, um durch die daraus resultierende
Verringerung der CO2-Konzentrationen die kleine Eiszeit auszulösen (→ Ruddiman-Hypothese). Ruddiman vermutet speziell die
Pestepidemien des späten Mittelalters als Auslöser.[29] Es wurde auch vermutet, dass durch den massiven Bevölkerungsschwund auf
den amerikanischen Kontinenten, ausgelöst durch von Europäern eingeschleppte Krankheiten, die zuvor genannten Ursachen noch
verstärkt wurden. Nach der Dezimierung der Bevölkerung in Amerika um ca. 95 % wurden große Teile von zuvor mit Feuer
gerodeten Ackerflächen wiederbewaldet, wodurch Schätzungen zufolge 2 bis 5 Gigatonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre
gebunden worden sein könnten. Das entspricht ca. 4 bis 14 % eines Rückgangs der CO2-Konzentrationen um 7 ppm, der in den
Zeitraum 1550–1750 fällt. Der daraus resultierende verringerte Treibhauseffekt hätte zu der 0,1 K kühleren Periode in dem Zeitraum
geführt.[30]

Der Rückgang an Bränden in Amerika begann jedoch bereits ab 1350, der stärkste Rückgang an verbrannter Biomasse wurde gerade
in Regionen Amerikas mit geringer Bevölkerungsdichte und spätem Kontakt zu den Europäern lokalisiert. Gefundene Kohlereste
korrelieren dagegen gut mit den zeitlich und räumlich uneinheitlichen Klimaschwankungen der Kleinen Eiszeit. Daraus schließen
andere Autoren, dass nicht der Bevölkerungsschwund, sondern lokale Klimaschwankungen Hauptursache für die Wiederbewaldung
waren.[31] Insgesamt gibt es im Holozän global keine hohe Korrelation zwischen Bränden und CO2-Konzentrationen. Der Rückgang
der CO2-Konzentrationen werde anderen Forschern zufolge eher durch die CO2-Aufnahme in Mooren und Ablagerung von
Calciumcarbonat in flachen Gewässern erklärt.[32]

Schwächerer Golfstrom
Nach Untersuchungen von Jean Lynch-Stiglitz und ihren Kollegen war der Golfstrom zur Zeit der Kleinen Eiszeit etwa 10 %
schwächer als gewöhnlich. Grundlage für die Berechnung waren die 18O/16O-Verhältnisse in Muschelschalen, die aus der
Floridastraße stammen.[33] Untersuchungen von Muschelschalen aus dem Schelf nördlich von Island zeigten ebenfalls eine
schwächere Strömung in den oberen Wasserschichten. Der schwächere Golfstrom hat wahrscheinlich andere kühlende Faktoren, wie
[34]
etwa eine schwächere Sonneneinstrahlung, im Nordatlantikraum verstärkt.

Änderungen im Umlauf der Erde um die Sonne


→ Hauptartikel: Milankowitsch-Zyklus
Beginnend vor etwa 5000 Jahren gab es bis in das 19. Jahrhundert hinein – vor allem in den mittleren und hohen Breiten der
nördlichen Hemisphäre – einen langfristigen Abkühlungstrend von etwas mehr als 0,1 K pro Millennium. Dieser Abkühlungstrend ist
Klimasimulationen zufolge auf Änderungen der Erdbewegung relativ zur Sonne zurückzuführen, vor allem auf eine Änderung der
Neigung der Erdachse. Dadurch ändert sich die saisonale und regionale Verteilung der auf der Erde eintreffenden
Sonnenstrahlung.[35] Solche Änderungen der Sonnenstrahlung können die Schnee- und Eisbedeckung sowie Vegetation in mittleren
und hohen nördlichen Breiten ändern und dadurch klimatische Rückkopplungen, wie etwa eine Eis-Albedo-Rückkopplungauslösen,
[36]
die besonders im Norden zu einer langfristigen Abkühlung führen.

Folgen für die Menschen

Not, soziale Spannungen, Verfolgung von Minderheiten


Die Kleine Eiszeit war einer der Auslöser für die spätmittelalterliche Agrarkrise. Durch tiefe und lange Winter waren die
Vegetationsperioden reduziert. Die Sommer waren nasskalt, so dass etwa der Weizen auf den Halmen verfaulte. Die Nahrungsmittel-
Produktion ging zurück, und es kam zu Hungersnöten. Wolfgang Behringer wies auf die in dieser Zeit gehäuft auftretenden
Agrarkrisen hin, die zu Teuerungen, Mangelernährung und Seuchen führten, was letztlich soziale Spannungen in der Bevölkerung
verschärfte.

Für die Missernten wurden immer wieder gesellschaftliche Minderheiten und Randgruppen verantwortlich gemacht. In den
sinkenden Erträgen sah man oft eine Folge von schwarzer Magie. In die Zeit der Kleinen Eiszeit fallen sowohl die frühneuzeitlichen
Hexenverfolgungen in Mitteleuropa[37] als auch die gehäufte Verfolgung von sozialen Minderheiten (insbesondere der Juden und
kleinerer christlicher Glaubensgemeinschaften wie der Täufer). In vielen Hexenprozessen wurden den Angeklagten u. a.
Schadenzauber am Wetter vorgeworfen (z. B. Frost in Weinbaugebieten und Hagel).

Machtpolitische Ereignisse
Die Kleine Eiszeit prägte eine Epoche bedeutender historischer Ereignisse in Europa und darüber hinaus. Das Wissen um die
klimatisch bedingten Probleme würde insgesamt zu einem klareren Bild über jene Zeit führen können. Inwieweit diese Probleme
nicht nur erschwerend zu den damaligen Lebensbedingungen hinzukamen, sondern auch ursächlich zu den Großkonflikten
[38] Anlass für Überlegungen hinsichtlich exogener
beigetragen haben, wird die historische Forschung ebenfalls noch zu klären haben.
Ursachen bieten zum Beispiel der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und – viel später – auch die Französische Revolution.

Dreißigjähriger Krieg
Nachdem sich von 1500 bis 1618 in den deutschen Ländern die Bevölkerung fast
verdoppelt hatte und als seit etwa 1570 die Temperaturen stetig zurückgingen,
entstand eine katastrophale Situation für die Menschen im Lande, die sich in
Verzweiflung, Misstrauen und Weltuntergangsstimmung äußerte. Aus dem Zeitraum
von 1560 bis 1610 sind mehrere Missernten, Orkane und harte Winter bekannt.[39]
Hungersnöte prägten diese Zeit.[40] Diese Missstände bereiteten einen Umbruch in
der Gesellschaft vor und werden – neben anderen Gegebenheiten – als ein
Nährboden für Kriege in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wie den
Zehn Jahre nach Kriegsende führten
Dreißigjährigen Kriegangesehen.[41]
Schweden und Dänen wiederKrieg:
1658 stieß das Heer des
Französische Revolution schwedischen Königs Karl X. über
den zugefrorenen Belt auf die
Im vorrevolutionären Frankreich kam es ab etwa 1770 zu einem dänischen Inseln vor
Bevölkerungsanstieg, dem keine ausreichende Steigerung der
Nahrungsmittelproduktion gegenüberstand. Zu den nachfolgend steigenden
Lebensmittelpreisen trat eine ökonomische Krise hinzu, die durch eine falsche Politik verschärft wurde. Die Jahre 1787 und 1788
waren daher geprägt von der Gleichzeitigkeit einer Agrar
-, Industrie- und Sozialkrise.

In dieser Situation kam 1788 und 1789 eine der für die Kleine Eiszeit charakteristischen Häufungen klimatischer Extreme hinzu.
1788 gingen in Frankreich als Folge einer extremen Dürre und eines schweren Hagelsturms die Getreideerträge um über 20 Prozent
gegenüber dem Mittel der vorangegangenen zehn Jahre zurück. Dies führte mehr als ein Jahr vor der Französischen Revolution zu
einem Anstieg der Preise. Auf den extrem kalten Winter 1788/1789 folgten mit dem Tauwetter im Frühjahr Überschwemmungen mit
nachfolgenden Viehseuchen. In manchen Gebieten kam es zu Hungerrevolten und Überfällen auf Getreidetransporte. Als Reaktion
auf Gerüchte über Briganten wurden im Sommer die Bauern bewaffnet (Grande Peur). Die Dürre von 1789 ließ Wassermühlen
stillstehen, und die verminderte Mehlproduktion führte zu einem weiteren Anstieg der Brotpreise. Die einfache Land- und
Stadtbevölkerung litt unter der Nahrungsmittelknappheit als Folge der Klimaverschlechterung am deutlichsten, und die hungernden
Massen waren es, die der Französischen Revolution zu ihrem Durchbruch verhalfen. Somit war die Kleine Eiszeit, wenn auch
[42]
indirekt, eine von vielen Ursachen für den Ausbruch der Revolution.

Folgen vorrückenden Packeises


Infolge der Abkühlung rückte im 15. Jahrhundert und ab ca. 1700 bis in das 19. Jahrhundert die Packeisgrenze wieder nach Süden
vor, unterbrochen von einer Phase besonders geringer Eisausdehnung.[43] Das vorrückende Packeis isolierte Island zeitweise von der
Außenwelt, wodurch die Einwohnerzahl stark zurückging. Die Klimaverschlechterung gilt als ein möglicher Grund, warum im
16. Jahrhundert die skandinavische Kolonieauf Grönland erlosch, der um 1300 etwa 3000 Personen angehört hatten.

Literatur
Wolfgang Behringer, Hartmut Lehmann, Christian Pfister (Hrsg.): Kulturelle Konsequenzen der »Kleinen Eiszeit«.
Cultural Consequences of the »Little Ice Age«(= Veröffentlichungen des Max-Planck-Institutsfür Geschichte. Band
212). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-35864-4.
Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der
Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart.Hanser, München
2017, ISBN 978-3-446-25458-9.
Raymond S. Bradley, Philip D. Jones (Hrsg.):Climate since A.D. 1500.Routledge, London 1995,ISBN 0-415-
12030-6.
Brian Fagan: The Little Ice Age. How climate made history 1300–1850.Basic Books, New York 2000, ISBN 0-465-
02271-5.
Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre W etter, Klima, Katastrophen. Primus-Verlag, Darmstadt
2001, ISBN 3-89678-405-6.
Jean M. Grove: Little ice ages. Ancient and modern(= Routledge studies in physical geography and environment.
Band 5). Routledge, London 2004,ISBN 0-415-09948-X.
Hubert Lamb: Klima und Kulturgeschichte. Der Einfluß des W etters auf den Gang der Geschichte(= Rowohlts
Enzyklopädie. Band 478). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994,ISBN 3-499-55478-X.
Christian Pfister: Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen 1496–1995.Haupt, Bern
1999, ISBN 3-258-05696-X.
Christian Pfister: Kleine Eiszeit. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Stefan Winkler: Von der „Kleinen Eiszeit“ zum „globalen Gletscherrückzug“. Eignen sich Gletscher als Klimazeugen?
Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08287-5.

Weblinks
Commons: Kleine Eiszeit – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Hamburger Bildungsserver:Klima der letzten 1000 Jahre
Georg Bönisch: Hunger, Flöhe, Hass. In: Spiegel Geschichte. 4/2011 Der Dreißigjährige Krieg.
Ökologische Erinnerungsorte:Die Kleine Eiszeit

Einzelnachweise
1. Mathew J. Owens, Mike Lockwood, Ed Hawkins, Ilya Usoskin, Gareth S. Jones, Luke Barnard, Andrew Schurer und
John Fasullo: The Maunder Minimum and the Little Ice Age: an update from recent reconstructions and climate
simulations. In: Journal of Space Weather and Space Climate. Band 7, A33, 2017, doi:10.1051/swsc/2017034(http
s://doi.org/10.1051/swsc%2F2017034).
2. Ahmed u. a.: Continental-scale temperature variability during the past two millennia . In: Nature Geoscience. Band 6,
2013, S. 341, doi:10.1038/ngeo1797 (https://doi.org/10.1038/ngeo1797).
3. Climate Change 2007: Working Group I: The Physical Science Basis . In: Intergovernmental Panel on Climate
Change (Hrsg.): Vierter Sachstandsbericht (IPCC AR 4). 2007, 6.6.1.1 (ipcc.ch (http://www.ipcc.ch/publications_and
_data/ar4/wg1/en/ch6s6-6.html)).
4. Sie sind kein Ersatz für rigoros ermittelte, lange klimatische Zeitreihen, vgl. Philip D. Jones: Historical climatology – a
state of the art review. In: Weather. Band 63, Nr. 7, Juni 2008.
5. siehe auch Liste von Wetterereignissen in Europa, sortierbar z. B. für Kälteanomalien
6. J. De Vries: Histoire du climat et économie : des faits nouveaux, une interprétation différente . In: Annales.
Économies, Sociétés, Civilisations. Nr. 32, 1977, S. 198–227 (französisch, persee.fr (http://www.persee.fr/web/revue
s/home/prescript/article/ahess_0395-2649_1977_num_32_2_293810) ).
7. H. M. van den Dool, H. J. Krijnen, C. J. E. Schuurmans:Average Winter Temperatures at De Bilt (The Netherlands):
1634–1977. In: Climatic Change. Band 1, Nr. 4, 1978, S. 320, doi:10.1007/BF00135153 (https://doi.org/10.1007/BF0
0135153).
8. Walter Lenke: Untersuchung der ältesten Temperaturmessungen mit Hilfe des strengen Winters 1708–1709. (http://
www.met.fu-berlin.de/~manfred/Winter1709.pdf) In: Berichte des Deutschen Wetterdienstes. Nr. 92, 1964.
9. So gibt es für die mittelalterliche Warmzeit in England Berichte über ein Zufrieren der Themse in den Jahren 998,
1061, 1063 und 1092, obwohl dieser Zeitraum schlechter historisch erschlossen ist als die Kleine Eiszeit, s. J. B.
Rigg: Influence of Local Conditions on the Freezing of the River Thames . In: Weather. Februar 1964,
doi:10.1002/j.1477-8696.1964.tb02732.x(https://doi.org/10.1002/j.1477-8696.1964.tb02732.x) .
10. Executive Summary. In: Intergovernmental Panel on Climate Change (Hrsg.):Vierter Sachstandsbericht (IPCC AR
4). 2007, Kap. 6 (ipcc.ch (http://www.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/wg1/en/ch6s6-es.html)).
11. Michael Budde u. a. (Hrsg.):Die „Kleine Eiszeit“. Holländische Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert .
Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2001, ISBN 3-88609-195-3. Katalog
zur Ausstellung, 19. September 2001 bis 6. Januar 2002bib.gfz-potsdam.de
( (http://bib.gfz-potsdam.de/pub/wegezu
rkunst/kleine_eiszeit.pdf)PDF; 18,48 MB).
12. Die Stadt Venedig hat beginnend im 14. bis indas 19. Jahrhundert hinein Zuflüsse der Lagune umgeleitet. Das schuf
zusätzlich Bedingungen, unter denen die Lagune schwerer zufrieren konnte. Hierfür und für Jahre, in denen die
Lagune zufror, siehe: Dario Camuffo: Freezing of the Venetian Lagoon since the 9th century A.D. in comparison to
the climate of western Europe and England. In: Climatic Change. Band 10, Nr. 1, Februar 1987, S. 45–46.
13. Caiming Shen u. a.: Exceptional drought events over eastern China during the last five centuries . In: Climatic
Change. Band 85, 2007, S. 453–471, doi:10.1007/s10584-007-9283-y(https://doi.org/10.1007/s10584-007-9283-y).
14. Pages 2k Consortium:Continental-scale temperature variability during the past two millennia . In: Nature
Geoscience. 2013, doi:10.1038/ngeo1797 (https://doi.org/10.1038/ngeo1797).
15. John A. Matthews, Keith R. Briffa: The 'Little Ice Age': Re-evaluation of an Evolving Concept . In: Geografiska
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24. Bei der 24. Generalversammlung der International Astronomical Union 2015 wurde eine revidierte Datenserie ab
1750 präsentiert, nachdem die Beobachtungsbedingungen nochmals überprüft wurden, die um 1885 und um 1945
weniger niedrige respektive höhere Sonnenfleckenzahlen geben. Diese sogenannte Group sunspot number, V.2, ist
blau eingezeichnet. Corrected Sunspot History Suggests Climate Change since the Industrial Revolution not due to
Natural Solar Trends. (http://www.iau.org/news/pressreleases/detail/iau1508/) Pressemitteilung International
Astronomical Union, iau1508, 7. August 2015 (iau.org, abgerufen 20. August 2015);
insbesondere wieso die Radiokarbondatierung die alte Fassung stützt, muss nun überprüft werden.
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Dezember 2001, S. 2133, doi:10.1126/science.1065680(https://doi.org/10.1126/science.1065680)., Meldung dazu
unter Axel Tillemans: Kleine Eiszeit wurde durch Schwankungen in der Stärke der Sonnenstrahlung verursacht. (http
s://web.archive.org/web/20060301100728/http://www .wissenschaft.de/wissen/news/151359.html)In: Bild der
Wissenschaft. 16. November 2001, archiviert vomOriginal (https://tools.wmflabs.org/giftbot/deref.fcgi?url=http%3A%
2F%2Fwww.wissenschaft.de%2Fwissen%2Fnews%2F151359.html)am 1. März 2006; abgerufen am 13. September
2013. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäßAnleitung und entferne
dann diesen Hinweis.
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reconstructions? In: Geophysical Research Letters. August 2011, doi:10.1029/2011GL048529(https://doi.org/10.102
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9e7dc5/4908.pdf) [PDF])., Pressemitteilung dazu:Studie zur kleinen Eiszeit: Geringe Sonnenaktivität kühlt das Klima
nur unwesentlich ab. (http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/study-on-the-little-ice-age-low-solar-a
ctivity-just-marginally-cools-the-climate)Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, 1. September 2011,abgerufen
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