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Beleuchtetes Brandenburger Tor am 26. März

Titel

„Das war’s!“

Als einziges Industrieland will Deutschland alle seine Atomkraftwerke schnellstmöglich abschalten. Das ehrgeizige Ziel birgt enorme Probleme und wird große Widerstände provozieren. Acht drängende Fragen zu einem nationalen Kraftakt – und die Antworten.

Fragen zu einem nationalen Kraftakt – und die Antworten. Der 11. März war ein ganz besonderer

Der 11. März war ein ganz besonderer Tag, für die Welt und für Angela Mer- kel. Es war der Tag, als Tei- le Japans von einem Erd- beben der Stärke 9,0 und einem Tsunami verwüstet wurden. Und es war der Tag, an dem die Bundeskanz- lerin morgens als Atomkraftbefürworte- rin aufstand und in der Nacht als Atom- kraftgegnerin zu Bett ging. Jahrzehntelang hatte ihr der wissen- schaftliche Verstand einer Quantenche- mikerin gesagt: Nach allen Regeln der

Wahrscheinlichkeit ist Kernkraft eine ver- tretbare Energie. Die deutsche Angst da- vor hielt sie für irrational. „Die Deutschen haben kein Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit“, hatte sie seiner- zeit als Umweltministerin in der Atom- debatte wiederholt geklagt. Nun dauerte es nur wenige Stunden, um Merkels Ver- hältnis zur Wahrscheinlichkeit einer ato- maren Katastrophe umzustürzen. Die Kanzlerin war am frühen Nach- mittag des 11. März auf dem Weg zum Europäischen Rat in Berlin-Tegel ins Flug- zeug gestiegen, mit der letzten Meldung

versorgt, dass ein fürchterlicher Tsunami Japan überschwemmt habe. Vier Tote wa- ren offiziell bestätigt, als der Airbus ab- hob. In Brüssel gelandet, schaltete Merkel ihr iPad ein; während der Fahrt in die Stadt verfolgte sie die Meldungen. Um 15.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit wurde gemeldet, dass Japan den atoma- ren Notstand ausgerufen hatte. Im Ta- gungszentrum der EU-Regierungschefs verfolgte sie, wann immer es ging, die Fernsehbilder aus Japan. Es war etwas eingetreten, das Merkel für nicht vorstell- bar gehalten hatte. Sie ließ sich nichts an-

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MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD

Unbeleuchtetes Brandenburger Tor am 26. März im Rahmen einer Aktion von Klimaschützern

FOTOS: CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES

merken und absolvierte die Sitzung äu- ßerlich ungerührt. Aber für sich, ganz im Stillen, hatte sie eine Entscheidung ge- troffen. „Das war’s!“, sagte sie am nächsten Mor- gen, als sie mit ihrem Büro die Lage erör- terte. In Fukushima ging für die deutsche Kanzlerin das atomare Zeitalter zu Ende. Spätestens seit Merkels nuklearem Er- weckungserlebnis ist das Schicksal der Kernenergie in Deutschland be- siegelt. Umgehend zog die Bun- desregierung de facto ihre gerade erst beschlossene Laufzeitverlän- gerung für die Kernkraftwerke wieder zurück. Merkel und ihr Vi- zekanzler Guido Westerwelle nannten es ein Moratorium, aber auch das hatte zur Folge, dass die sieben ältesten Meiler sofort ab- geschaltet wurden. Kaum jemand in Deutschland glaubt noch daran, dass sie je wieder ans Netz gehen werden. „Die Lage nach dem Mo- ratorium wird eine andere sein als vor dem Moratorium“, hatte Mer-

kel gleich gesagt.

In der deutschen Politik hat seither ein beispielloser Wettlauf eingesetzt: Wer will noch schneller und noch konsequen- ter aus dieser Energieform aussteigen als die anderen? Selbst die vormalige Pro- Atom-Partei FDP ist schlagartig zum Geg- ner mutiert. In Deutschland regiert und opponiert seit Fukushima die größtmög- liche Koalition aus Kernkraftabschaffern von der Linken bis zur FDP. Parteiüber-

greifend will Merkel folgerichtig einen neuen Atomkonsens herbeiführen und einen ihrer größten Fehler, die Aufkün- digung des einst von Rot-Grün beschlos- senen Ausstiegs, vergessen machen. Die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben den Lauf der

Dinge noch beschleunigt. Sie erklären das Phänomen aber nur bedingt. In die poli- tische Psyche des Landes hatte sich seit dem erfolgreichen Widerstand ge- gen das Atomkraftwerk im badi- schen Wyhl der Widerstand gegen diese Energieform tiefer eingegra- ben als in jedem anderen Land der Welt. Eine grüne Partei wurde aus diesem Widerstand heraus ge- gründet. Und die hat inzwischen die Kraft, Regierungschefs zu stel- len wie den ersten Grünen-Minis- terpräsidenten Winfried Kretsch- mann in Baden-Württemberg. Deutschland soll aussteigen, da sind sich die Deutschen nach der Katastrophe von Fukushima einig wie selten: 71 Prozent sehen das

nach einer Blitzumfrage der ARD

selten: 71 Prozent sehen das nach einer Blitzumfrage der ARD Atomaussteiger Röttgen, Merkel: Nix wie raus

Atomaussteiger Röttgen, Merkel: Nix wie raus

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DAVID EBENER / PICTURE ALLIANCE / DPA

inzwischen so, im Herbst vergangenen Jahres waren es nur 51 Prozent. Noch mehr, nämlich 80 Prozent, stimmen dem von der Regierung durchgesetzten Mora- torium für alte Atommeiler zu. Einfach wird der grundlegende Umbau der Energieversorgung allerdings nicht. Es gilt, erhebliche Hindernisse zu über- winden, technische und wirtschaftliche. Vor allem die Stromkonzerne werden er- bitterten Widerstand leisten, und sie ha- ben möglicherweise das Recht auf ihrer Seite. Denn das bisherige Vorgehen der Regierung ist juristisch höchst umstritten. Und doch: Der Ausstieg wird kommen, vielleicht sogar schneller, als es die rot- grüne Regierung 2000 beschlossen hatte. Notwendig ist allerdings eine nationale Kraftanstrengung, vergleichbar mit den Mühen der deutschen Vereinigung. Einen ähnlichen Umbau einer Industriegesell- schaft hat es bislang nicht gegeben. Es ist zugleich der Abschied vom Wachstumsmodell der vergangenen Jahr- zehnte. Dieses Modell beruhte auf billi- gem Geld und billiger Energie. Es ver- brauchte Ressourcen, die in Zukunft feh- len, es hinterließ einen Berg von Schul- den, eine zerstörte Umwelt und Atom- müll, der noch Tausende von Jahre weiter strahlen wird. Wie die Finanz- hat auch die Energiewirtschaft die Risiken ver- tuscht und die wahren Kosten verschleiert – und den Zahltag in die Zukunft ver- schoben. Hier wie da muss im Notfall der Staat eingreifen. Die Schäden einer atomaren Katastro- phe aber seien finanziell „völlig unzurei- chend“ abgesichert, kritisiert der Wup- pertaler Ökonom Paul Welfens. Der Wis- senschaftler schätzt die Kosten, die ein Super-GAU in einem Land wie Deutsch- land verursachen würde, auf fünf bis sechs Billionen Euro, also auf mehr als das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts. Durch Versicherungen gedeckt ist nur ein winziger Bruchteil, die Maximalsumme liegt bei 2,5 Milliarden Euro. Ähnlich wie die Banken in der Finanz- krise, verließen sich die Atomkonzerne darauf, dass im Katastrophenfall der Staat für die Entschädigungen geradestehe – ohne Rücksicht auf die volkswirtschaftli- chen Konsequenzen.

Die Politik: Was will die Regierung wirklich?

Bundeskanzlerin Merkel ist fest entschlos- sen, den Vorwurf zu entkräften, dass sie ihren Schwenk aus reinem Opportunismus vor den letzten Landtagswahlen gestartet und nicht wirklich ernst gemeint habe. An- fang vergangener Woche vereinbarte sie mit den Spitzen der Koalition einen Zeit- plan, der auf die endgültige Stilllegung der alten Kernkraftwerke hinausläuft. Schon am 6. April sollen Bundesum- weltminister Norbert Röttgen und sein

Titel

Wirtschaftskollege Rainer Brüderle dem Kanzleramt ein „Eckpunktepapier zur Beschleunigung der Energiewende“ vor- legen, das Merkel am 15. April mit den Ministerpräsidenten beraten will. „Netze, erneuerbare Energien, Energieeffizienz“ sollen die zentralen Themen sein. In der ersten Maihälfte ist ein „Gespräch BK’in mit Zivilgesellschaft“ vorgesehen. Die Kanzlerin im Gespräch mit ihrem Volk? Dann sollen um den 16. Mai herum die Reaktorsicherheitskommission und um den 27. Mai die Ethikkommission ihre Be- richte vorlegen. Bereits Anfang Juni will die Regierung ein „Beschlusspapier Beschleunigung Energiewende“ fertigstellen, Mitte Juni

weiß die Regierung offenbar noch keine Antwort. Rot-Grün hatte den Ausstieg für das Jahr 2021 angesetzt. Wegen des Still- stands mehrerer Reaktoren verbrauchte die Branche aber ihre Reststrommengen langsamer, weshalb das wahre Aus zu- letzt für 2023 vorgesehen war. Im vergangenen Herbst verlängerte Schwarz-Gelb die Restlaufzeiten durch- schnittlich um zwölf Jahre, also bis min- destens 2035. Weil Strommengen von al- ten auf neue Reaktoren übertragen wer- den können, gingen die Stromkonzerne davon aus, ihre modernsten Meiler bis zur Jahrhundertmitte laufen zu lassen – mit einer Million Euro Gewinn pro Tag.

laufen zu lassen – mit einer Million Euro Gewinn pro Tag. Revision im AKW Grafenrheinfeld: Ähnlich

Revision im AKW Grafenrheinfeld: Ähnlich wie bei den Banken muss im Katastrophenfall der

soll das Kabinett es verabschieden. Ab- hängig vom Ergebnis der Kommissionen sollten dann auch bereits die Beschlüsse zur „Stilllegung von alten KKW“ erfol- gen – und zwar entweder „durch aufsicht- liche Verfügung im Konsens Bund/Län- der“ oder durch ein neues Atomgesetz. Dass einer der alten Meiler noch einmal ans Netz geht, glaubt in Berlin niemand mehr. Das Vorgehen der Regierung be- stärkt die Stromkonzerne in ihrem Glau- ben, dass das Moratorium von Anfang an eine Farce gewesen sei. Was aber passiert mit dem Rest der Anlagen? Wann sollen die letzten vom Netz gehen? Auf diese zentrale Frage

Doch in der vergangenen Woche stellte die Reaktorsicherheitskommission über- aus harte Prüfkriterien vor. Nun scheint durchaus denkbar, dass ausgerechnet die schwarz-gelbe Koalition einen Ausstiegs- kurs einschlägt, der sogar schneller greift als der rot-grüne. Röttgen will nicht noch einmal auf eine Zahl festgenagelt werden. „Sicher noch 10 bis 15 Jahre“ werde die Kernkraft ge- nutzt, sagte er kürzlich. Dass einige seiner engsten Mitarbeiter lieber schon vor 2020 den letzten Meiler stillgelegt sehen wol- len, ist aber ein offenes Geheimnis. Doch wichtiger als ein Ausstiegstermin ist es, Ersatz für die fehlenden Energie

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zu beschaffen. Allein um die geplanten Ziele für Windstrom von Offshore-Anla- gen vor der deutschen Küste zu erreichen, „müsste ab sofort in der günstigen Jah- reszeit zwischen Mai und September je- den Tag ein Rotor ins Meer gestellt wer- den“, heißt es im Umweltministerium. Die Branche verzeichnet aber eher Sta- gnation. Banken sind infolge der Finanz- krise vorsichtiger geworden, Offshore- Parks zu finanzieren. Zudem muss die Strominfrastruktur an den dezentralen und schwankenden Öko- strom angepasst werden. Seit Jahren be- klagen Merkel und ihre Minister, dass es beim Bau von Stromleitungen zu wenig vorangehe. Doch trotz mancher Be-

Millionenbetrag bekommen, wenn sie den Bau von Stromleitungen auf ihrem Gebiet unterstützen. Zudem sollen länd- liche Regionen stärker von der Produk- tion erneuerbarer Energie profitieren. Zum Ausbau von Offshore-Windparks ist ein eigenes Programm in Vorbe- reitung. Statt wie bisher nur mit Bürg- schaften zu helfen, würde die staatliche Bank KfW künftig selbst zinsgünstige Kredite aus Bundesmitteln vergeben. Zu- dem sollen die Stromkonzerne über ei- nen kürzeren Zeitraum höhere Renditen für Offshore-Parks zugesichert bekom- men. Im Gespräch ist auch eine deutliche Aufstockung des Bundesprogramms zur

aus der Brennelementesteuer in Höhe von 2,3 Milliarden Euro fest im Haushalt eingeplant. Wenn weniger Meiler am Netz sind, gibt es weniger Geld. Schäuble rechnet mit 200 Millionen Euro Minder- einnahmen – nur für die Zeit des Mora- toriums. Um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, erwägt sein Amt, den Steuersatz pro Gramm Kernbrennstoff anzuheben. Auch die Zahlungen der Energiever- sorger an den Energiefonds könnten bald ausfallen. Ursprünglich sollten die Kon- zerne dieses und nächstes Jahr je 300 Mil- lionen Euro einzahlen, danach für weitere vier Jahre je 200 Millionen Euro. In Re- gierungskreisen geht man jedoch nicht

Millionen Euro. In Re- gierungskreisen geht man jedoch nicht Staat für die Schäden geradestehen Ausstieg vom

Staat für die Schäden geradestehen

Ausstieg vom Ausstieg vom

Geplante Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke nach Beschluss des Energiekonzepts 2050

Schleswig-

Holstein

vorübergehend stillgelegt

Brokdorf

2032

Brunsbüttel 2019 Unterweser 2020 Emsland 2033
Brunsbüttel 2019
Unterweser 2020
Emsland 2033

Krümmel 2032

2019 Unterweser 2020 Emsland 2033 Krümmel 2032 Niedersachsen Grohnde 2032 Biblis A 2018 Biblis B 2018

Niedersachsen

Unterweser 2020 Emsland 2033 Krümmel 2032 Niedersachsen Grohnde 2032 Biblis A 2018 Biblis B 2018 Hessen

Grohnde 2032

Biblis A 2018 Biblis B 2018
Biblis A 2018
Biblis B 2018

Hessen

Grohnde 2032 Biblis A 2018 Biblis B 2018 Hessen Grafenrheinfeld 2028 Baden- Bayern Württemberg Isar 1

Grafenrheinfeld 2028

Baden- Bayern

Württemberg

Isar 1 2018 Isar 2 2032
Isar 1 2018
Isar 2 2032
Philippsburg 1 2020 Philippsburg 2 2031 Neckarwestheim 1 2020 Neckarwestheim 2 2035
Philippsburg 1 2020
Philippsburg 2 2031
Neckarwestheim 1 2020
Neckarwestheim 2 2035

Gundremmingen B 2028

Gundremmingen C 2029

Quelle: BMU

schleunigungsversuche für Genehmi- gungsverfahren hat sich bisher nicht viel getan. Neben Klagen von Anwohnern ist vor allem die Frage offen, wie sich der Bau von Leitungen für Investoren lohnen soll. Dasselbe gilt für Stromspeicher: Um zum Beispiel alte Bergwerke zu unter- irdischen Wasserkraftwerken umzufunk- tionieren, sind massive Investitionen und aufwendige Bauarbeiten nötig. Zurzeit arbeiten die Fachbeamten der Minister Röttgen und Brüderle an ver- schiedenen Maßnahmen, um den Ausbau der regenerativen Energien und der not- wendigen Infrastruktur voranzutreiben. So sollen Kommunen einen dreistelligen

energetischen Gebäudesanierung. Zuletzt war die Nachfrage nach Fördermitteln so- gar gesunken, weil die Regierung Inter- essenten mit Kürzungen verunsichert hat- te. Nun sollen rund zwei Milliarden Euro pro Jahr fließen. Besonders wichtig aber sind Vorfahrts- regeln für die neue Infrastruktur:

„Schnelle Schaffung von planungsrecht- lichen Grundlagen für Stromautobahnen gemeinsam mit den Ländern“ lautet das Ziel. Stromleitungen sollen zudem mit Bahntrassen gebündelt werden. Das alles kostet viel Geld – bei sinken- den Einnahmen. Bisher hat Finanzminis- ter Wolfgang Schäuble die Einnahmen

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mehr davon aus, dass die Konzerne tat- sächlich alles zahlen.

Die Konzerne: Wird die Atomwirtschaft einlenken?

Die Chefs der vier großen hiesigen Ener- giekonzerne RWE, E.on, Vattenfall und EnBW verstehen die neue deutsche Welt nicht mehr. Noch vor einem halben Jahr haben sie sich mit der Regierung auf eine Verlängerung der Laufzeiten für ihre Atommeiler verständigt, nun soll das alles nicht mehr gelten? Dabei hatten die Herren jahrzehnte- lang beste Beziehungen zu allen Regie-

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Titel PAUL LANGROCK / ZENIT (L. + M.) HANS BLOSSEY / ULLSTEIN BILD (R.) Erneuerbare

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PAUL LANGROCK / ZENIT (L. + M.) HANS BLOSSEY / ULLSTEIN BILD (R.)
PAUL LANGROCK / ZENIT (L. + M.)
HANS BLOSSEY / ULLSTEIN BILD (R.)
/ ZENIT (L. + M.) HANS BLOSSEY / ULLSTEIN BILD (R.) Erneuerbare Energien (Biogasanlage, Windkraftanlage,

Erneuerbare Energien (Biogasanlage, Windkraftanlage, Solarturmkraftwerk): Langfristig zahlen sich die Investitionen aus

rungen gepflegt. Als Großinvestoren, Verwalter der Stromnetze und Besitzer unzähliger Kraftwerke war ihnen stets ein kurzer Draht zum Kanzleramt sicher. Das war unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder so und auch in den Anfangszei- ten von Angela Merkel. Doch jetzt teilte die Kanzlerin Kon- zernbossen wie Jürgen Großmann (RWE) oder Johannes Teyssen (E.on) den Ent- schluss der Bundesregierung, sieben Kraftwerke kurzzeitig vom Netz zu neh- men, nur in knappen Telefonaten mit. Den Vollzug erhielten sie schriftlich von den Aufsichtsbehörden. Wie es weiter- geht, wissen sie nicht. Mit Verständnis für ihre missliche Lage können die Energieversorger aber kaum rechnen. Ihr Image ist denkbar schlecht. Und dazu haben sie in der Vergangenheit einiges beigetragen. Ihre überhöhten Preise sorgen seit Jahren für Unmut. Und immer wieder haben sie die dringend notwendige Modernisierung des Kraftwerkparkes in Frage gestellt und zugleich den Zusam- menbruch der Stromnetze beschworen. Noch im vergangenen Jahr – während der Verhandlungen über das neue Ener-

giekonzept und die Laufzeitverlänge- rung – hätten die Energiekonzerne eine Chance gehabt, einen Konsens mit der Politik und der Gesellschaft herzustellen. Damals schlug die Regierung vor, die äl- testen Atomkraftwerke zu schließen und die Laufzeiten nur für moderne Meiler zu verlängern. Doch Großmann und seine Kollegen lehnten den Vorschlag ab. Sie konnten sich untereinander nicht einigen, wie sie die Lasten dieses Plans aufteilen sollten. Stattdessen provozierten sie die Bundes- regierung mit einer Anzeigenkampagne. Merkel reagierte mit der Brennelemen- testeuer, die zusammen mit anderen Zah- lungen mindestens 50 Prozent der erwar- teten Milliardengewinne aus der Lauf- zeitverlängerung abschöpfen soll. Seit- dem ist das Verhältnis nachhaltig gestört. Einen konstruktiven Dialog hat es nicht mehr gegeben. RWE will sich das nicht länger gefallen lassen, am Freitag vergangener Woche reichte Konzernchef Großmann Klage ge- gen das Moratorium ein. Das rechtliche Risiko, das die Bundes- regierung mit ihrem Kurs einging, ist tat-

sächlich enorm. Es war der Leiter von Röttgens Abteilung für Reaktorsicherheit, Gerald Hennenhöfer, der vorschlug, das Moratorium auf den Paragrafen 19 des Atomgesetzes zu gründen – einen Not- standsparagrafen. RWE ficht nun eben- diese These an, dass Gefahr im Verzug gewesen sei. Gibt das Verwaltungsgericht Kassel den Konzernen recht, könnte das Moratorium in sich zusammenfallen oder aber enorme Schadensersatzzahlungen nach sich ziehen. RWE-Chef Großmann blieb mit seiner Klage allerdings allein, sein E.on-Kollege zog nicht mit. Teyssen glaubt nicht, dass die Altmeiler selbst bei einem Sieg vor Ge- richt innerhalb der drei Monate wieder hochgefahren werden können. Eine Klage gegen das Moratorium, sagte er Großmann am vergangenen Donnerstag am Telefon, sei deshalb nicht nur sinnlos, sie würde auch das Verhältnis zur Regierung weiter verhärten. Großmann machte dagegen deutlich, wie wenig Verständnis er für den Schmusekurs seines Konkurrenten hat. Einig aber sind sich die Stromversorger beim weiteren Vorgehen. Zunächst wol- len die Konzerne die Zahlungen an den

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Energiewende

Stromerzeugung nach Energieträgern in Deutschland, in Terawattstunden pro Jahr

Energieträgern in Deutschland, in Terawattstunden pro Jahr Erneuerbare Energien 600 Fossile Energieträger Kernenergie

Erneuerbare Energien

600

Fossile Energieträgerin Terawattstunden pro Jahr Erneuerbare Energien 600 Kernenergie PhotovoltaikPhotovoltaik ��,���,�

pro Jahr Erneuerbare Energien 600 Fossile Energieträger Kernenergie PhotovoltaikPhotovoltaik ��,���,�

Kernenergie

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PhotovoltaikPhotovoltaik
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568
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Kraft-Wärme- 8�,�
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Erdgas/Öl
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Quelle:
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Leitstudie
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2010
von
davon: Braunkohle
DLR, IWES
und IFNE
Steinkohle
2010 2020
PROGNOSEN *
2030

Wind zurückzuführen. Der produziert an wirklich stürmischen Tagen mehr Strom, als verbraucht wird. Und da nach wie vor zu wenig Leitun- gen und vor allem Speicher zur Verfü- gung stehen, wird der Strom an manchen Tagen zu Dumping-Preisen in Nachbar- länder verkauft – und manchmal sogar verschenkt. An anderen Tagen aber liefern Wind und Sonne kaum Energie. Dann müssen Kraftwerke praktisch die gesamte Versor- gung plus eventuelle Ausfälle – auch im europäischen Verbundsystem – überneh- men. Genau darauf ist die Kraftwerkspla- nung in Deutschland seit Jahren ausge- richtet. Dennoch halten Experten selbst eine dauerhafte Abschaltung der jetzt vom Netz genommenen sieben beziehungs- weise, inklusive Krümmel, acht Atom- meiler für möglich. Zurzeit laufen etwa bei RWE alle verfügbaren Kohlemeiler auf Hochtouren. Gaskraftwerke, die we- gen geringeren Verbrauchs normalerwei- se am Wochenende vom Netz gingen, sind permanent in Betrieb. Dazu weht seit Tagen ein relativ kräftiger Wind. Und was noch fehlt, wird in Form von billigem

Fonds zur Förderung erneuer- barer Energien einstellen. Für Meiler, die nicht laufen, wollen die Bosse auch nicht zahlen. Und das gilt nicht nur für den Sonderfonds. Auch die Brennelementesteuer soll aus- gesetzt werden, wenn die ab- geschalteten Atomkraftwerke endgültig nicht mehr ans Netz gehen. Die Abgabe, heißt es bei RWE und E.on unisono, sei eindeutig mit dem Beschluss einer Laufzeitverlängerung verknüpft gewesen. Wenn es die in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr gäbe, sei auch die Grundlage für Zahlungen in die Staatskasse entfallen. Sollte ein endgültiges Aus- stiegsgesetz noch hinter den Ausstiegsbeschluss der rot- grünen Regierung unter Kanz- ler Schröder zurückfallen, wol- len beide Stromkonzerne auf Schadensersatz klagen.

Atomstrom aus Tschechien und Frankreich importiert. Die Situation, heißt es bei Netzbetreibern wie Amprion oder Tennet, sei schwierig, aber weitgehend unter Kon- trolle. Um sie auch mittelfristig zu stabilisieren und Strom- schwankungen oder gar Aus- fälle zu verhindern, müssten in den nächsten Wochen wei- tere, bereits eingemottete Koh- le- und Gaskraftwerke reakti- viert werden. Anders wäre die Situation, wenn kurzfristig weitere Atomkraftwerke vom Netz ge-

nommen werden. Dann, war- nen Wissenschaftler wie Fron- del oder die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, könnte es mit der Versorgung in Deutschland wirklich proble- matisch werden. Und dann könnte die von den Stromkon- zernen seit Jahren prophezeite Situation eintreten, dass die Lastverteilung in den Netzen nicht mehr funktioniert. Selbst großflächige Blackouts wären möglich.

Der Ausstieg: Woher wird die Energie der Zukunft kommen?

Diese Woche überreicht Jür-

Der Atomstrom: Wie wich- tig ist die Kernkraft?

Immer wieder hatten die Konzerne gemahnt, wie wich- tig die Atomkraftwerke für die sichere Energieversorgung der Deutschen sind. Immer wieder hatten sie vor der drohenden Stromlücke gewarnt. Und nun? Nun lässt die Regierung sieben Atomkraftwerke von heute auf

morgen abschalten, ein weite- res, das in Krümmel, ist ohnehin vom Netz genommen – und der Strom fließt weiter, nicht einmal das Licht flackert, denn Deutschland produziert Strom im Überfluss. Der größte Teil wird noch immer in ge- waltigen Kraftwerken erzeugt, die von den vier großen Stromversorgern und zahlreichen kleineren Stadtwerken in der gesamten Republik gebaut wurden. Rund 22 Prozent des Stroms lieferten bislang die 17 Atommeiler. Etwa 17 Prozent stam- men aus regenerativen Energiequellen wie Wasserkraft, Sonne und Wind. Die Spitzenposition beim Ökostrom hält die Windkraft mit mehr als 6 Prozent. Rund 17 Terawattstunden, das ent- spricht dem jährlichen Verbrauch einer Großstadt wie Berlin, wurden im vergan- gen Jahr im Saldo nach Österreich oder in die Schweiz verkauft. Daraus den Schluss zu ziehen, dass man Atomkraftwerke in entsprechender Größenordnung einfach schließen könn- te, sagt Manuel Frondel, Energieexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, wäre jedoch falsch. Denn dummerweise ist ein Großteil der Stromexporte auf den unstetig wehenden

gen Schmid, Leiter des Fraun- hofer-Instituts für Windenergie, Bundes- umweltminister Röttgen eine neue Stu- die. Sie soll den Weg weisen, wie die 22 Prozent Strom, die heute aus der nu- klearen Kettenreaktion stammen, sauber und klimafreundlich ersetzt werden sol- len. „Diese Generation hat die große Auf- gabe, das Energieproblem dauerhaft zu lösen“, sagt der 66-Jährige und gesteht, dass er gern noch einmal „20 Jahre jün- ger“ wäre. Schmid hält den vollständigen Atom- ausstieg bis 2020 für machbar. In seinem Konzept spielen auch Kohlekraftwerke, abgesehen von den bereits genehmigten und in Bau befindlichen Anlagen, keine große Rolle mehr. Fossiler Energieträger mit Zukunft sei vor allem das Gas. Sie lassen sich schnell und günstig hoch- und wieder runterfahren, weshalb sie zum Ausbalancieren der unsteten Wind- und Sonnenkraft bestens geeignet seien. Neue Gaskraftwerke mit einem Leistungszu- wachs von 3,6 Gigawatt etwa fordert auch Peter-Michael Nast vom Deutschen Zen- trum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in den nächsten neun Jahren. Technisch ist das leicht zu machen. Doch die Beliebtheit dieser Kraftwerksart

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PAUL LANGROCK / ZENIT

schlägt sich bereits in den Preisen nieder:

Siemens, einer der wenigen Hersteller, hat sie in den vergangenen Jahren deut- lich erhöht. Statt großer Gaskraftwerke will Ener- gieforscher Schmid möglichst kleine, de- zentrale Einheiten über das Land vertei- len. Sukzessive soll das Methan, das sie verfeuern, nicht aus Russland oder Nor- wegen importiert werden, sondern aus heimischer Bioproduktion stammen: Ab- fälle aus Holz und Kunststoffen könnten in einer jener Vergasungsanlagen, von denen eine der größten Europas im öster- reichischen Güssing steht, in Erdgas ver- wandelt werden. Und noch eine weitere klimafreund- liche Quelle könnten die Gaskraftwerke erschließen. In Schmids Fraunhofer-Insti- tut wird derzeit eine Elektrolyse-Anlage konzipiert, die an stürmischen Tagen den überschüssigen Windstrom zur Herstel- lung von Methan verwendet. Überhaupt Wind: Die meisten Gutach- ter halten ihn für entscheidend, um vom nuklearen ins regenerative Zeitalter um- zuschalten. Rund 20 Prozent des Stroms sollen die drehenden Ungetüme im Jahre 2020 ins Elektrizitätsnetz einspeisen, und das, ohne die Landschaft weiter zu ver- spargeln. „Wir werden in zehn Jahren we- niger Windräder in Deutschland stehen haben als die heutigen 20000“, prophe- zeit DLR-Experte Nast. Künftig sollen die Anlagen im Mittel 5,5 Megawatt produzieren, derzeit brin- gen sie es erst auf durchschnittlich zwei Megawatt. In Schmids Institut in Bre- merhaven entsteht zurzeit eine Mühle mit 90 Meter langen Rotorblättern. Auf 20 Megawatt Leistung könnten die Ag- gregate kommen und insbesondere auf hoher See jede Menge Strom ins Netz drücken. Dort soll deshalb auch die eigentliche Zukunft der Windkraft liegen. Sogar die großen Stromkonzerne mit ihren Atom- meilern, etwa EnBW, haben das begriffen und stecken riesige Summen in den Aus- bau von Offshore-Windparks. Die Tech- niker kämpfen indes noch mit den Tü- cken des Standorts. So leiden etwa die Generatoren unter dem Salzwasser, und auch die Verankerung auf dem Meeres- boden hält noch nicht so zuverlässig wie gewünscht den Elementen stand. Fraun- hofer-Ingenieur Schmid sieht darin „Kin- derkrankheiten, die schon bald ausge- standen sind“. Nicht alle sind so optimistisch. „Es ist einfach illusorisch, unter den jetzigen Be- dingungen jedes Jahr drei neue 400-Me- gawatt-Windparks auf See errichten zu wollen“, sagt etwa Sven Becker, Ge- schäftsführer des Stromverbunds Trianel, hinter dem rund 50 Stadtwerke stehen. Das meiste Investorengeld gehe zudem gerade in Offshore-Windparks in Groß- britannien. Dort darf näher an der Küste

in Groß- britannien. Dort darf näher an der Küste Unterirdische Höchststromtrasse in Berlin: Erdkabel machen

Unterirdische Höchststromtrasse in Berlin: Erdkabel machen den Strom teurer

gebaut werden, wo das Wasser nur weni- ge Meter tief ist. Damit deutschen Strand- urlaubern der Anblick der Windräder er- spart bleibe, müssen die hiesigen Wind- parkbetreiber hier über 30 Kilometer Ab- stand zur Küste wahren – in Wassertiefen von 30 bis 50 Metern. „Mit jedem Meter galoppieren die Kosten schneller davon“, warnt Becker. Doch schon bald soll es für tiefe Ge- wässer eine Lösung geben: Schwimmen- de Windräder, die ähnlich wie Bohrplatt- formen an Land gefertigt, vom Schiff herausgezogen und am Meeresboden mit Stahltauen verankert werden. „Das Einsparpotential ist enorm“, sagt Wind- kraftexperte Schmid. Einen ersten Pro- totyp haben Siemens und das norwegi- sche Energieunternehmen Statoil errich- tet. Die Anlage generiert seit Mitte 2009 an der Küste nördlich von Stavanger Strom. So purzelt der Preis für die Windener- gie: Auf See werde man bei fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde landen. „Damit kann es der Wind locker mit Kohlestrom aufnehmen“, sagt Stefan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur. Deshalb zweifelt auch kaum ein Ex- perte mehr an der Kraft des Windes. Wi- derstand regt sich hingegen immer stär- ker gegen die Stromgewinnung aus der Sonne, auch Photovoltaik genannt. Der schärfste Kritiker ist Fritz Vahrenholt,

ehemals Hamburger Umweltsenator und heute Chef von RWE Innogy. Die Son- neneinstrahlung in Deutschland entspre- che jener in Alaska. „So wie man dort keine Ananas züchten kann, kann man auch hierzulande Photovoltaik nicht wirt- schaftlich betreiben“, so das Urteil des Sozialdemokraten. Eine Lösung für die fernere Zukunft könnten jedoch riesige Solarkraftwerke in sonnenreichen Gegen- den sein, wie sie etwa im Rahmen des sogenannten Desertec-Projekts in Nord- afrika geplant sind. In Deutschland dagegen ist die Aus- beute gering. Trotz Einspeisevergütungen allein im laufenden Jahr in Höhe von über sechs Milliarden Euro beträgt der Anteil des Solarstroms im deutschen Netz nur zwei Prozent. Die Politik hat auf diese deprimierende Bilanz schon zaghaft reagiert und die Ver- gütung für Solarstrom gekappt. „Das ist noch nicht genug“, sagt Fraunhofer-Mann Schmid, der das auch bei Bundesumwelt- minister Röttgen diese Woche wieder- holen will. Nur mit deutlich reduzierter Photovoltaik kommt er auf seine Progno- se, dass die Energiepreise bis 2020 trotz Atomausstiegs nur um acht Prozent stei- gen sollen. Die Gutachter des DLR rechnen damit, dass in den nächsten zehn Jahren die er- neuerbaren Energien mit Mehrkosten für das Energiesystem von 136 Milliarden

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Euro zu Buche schlagen – mehr als die Hälfte verursacht durch Photovoltaik. In ferner Zukunft aber zahlen sich die Investitionen in erneuerbare Energien nach den Berechnungen des DLR aus: Im Zeitraum von 2031 bis 2040 spart Deutschland 273 Milliarden Euro in der Energieproduktion ein. „Dann stimmt der alte Slogan der Ökobewegung wirklich, dass Sonne und Wind nichts kosten“, sagt DLR-Fachmann Nast. Diese schöne Prognose kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin steinig ist.

Die Umsetzung: Wie kann die Energiewende gelingen?

In diesen Tagen laufen die letzten Tests, dann will der Energieversorger EnBW den Ostsee-Windpark Baltic 1 ans Netz brin- gen. Die Anlage befindet sich 16 Kilometer vor der Halbinsel Fischland Darß Zingst. Die Strommenge, die von den 21 Windrä- dern erzeugt wird, reicht freilich besten- falls aus, um eine Kleinstadt zu versorgen. Und das nur bei optimalen Bedingungen. Baltic 1 ist nach dem Alpha-Ventus- Forschungsprojekt in der Nordsee erst der zweite Windpark in deutschen Mee- resgewässern. Die Energiebranche hinkt weit hinter ihren Offshore-Planungen her – und hinter Ländern wie Dänemark oder Großbritannien.

Ausreichend versorgt Netto-Kraftwerksleistungen am Tag des höchsten Strombedarfs 2009 * , in Megawatt Leistung, die
Ausreichend versorgt
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büttel waren nicht am Netz
iblis A und
(zusammen
Bruns-
1938 MW); Quelle: BDEW; Unternehmensangaben

Allein der Ausbau der Netze wird Jah- re dauern, rund 40 Milliarden Euro ver- anschlagt die Branche dafür bis 2020. Es fehlt vor allem an Höchstspannungstras- sen, um insbesondere den zusätzlichen Windstrom aus dem Norden in den Süden der Republik zu transportieren, dorthin, wo die meisten Bürger leben und die größten Unternehmen angesiedelt sind. Da diese Leitungen aber mehrere Bun- desländer kreuzen, ist die Genehmigung langwierig. Bis überhaupt ein Raumord- nungsverfahren eingeleitet wird, verge- hen oft mehr als drei Jahre. Das größte Manko aber: Grüner Strom ist, anders als fossile Energie, nicht ver- lässlich verfügbar. Selbst auf hoher See herrscht manchmal tagelang Flaute. Und frischt der Wind gerade dann auf, wenn der Energiebedarf besonders niedrig ist, sprengt es das System: Dann ist zuweilen so viel Strom im Netz, dass die Versorger sogar dafür bezahlen, damit ihnen je- mand die Kilowatt abnimmt. Genauso unberechenbar verhält sich die Sonne. Solche Schwankungen beein- trächtigen die Stabilität des Netzes er- heblich, die Betreiber haben alle Mühe, das Stromangebot zu prognostizieren und das System auszubalancieren. Nach dem Aus für sieben Atomkraft- werke fällt den Technikern die Steuerung ohnehin schon schwerer. Sie beobachten mit Sorge, wie die Konzentration des An-

gebots die Nord-Süd-Verbindungen im- mer stärker belastet. Noch kritischer dürf-

te die Situation im Mai sein, wenn die Stromversorger weitere fünf Meiler für Wartungsarbeiten vom Netz nehmen. Langfristig könnten Stromspeicher hier Abhilfe schaffen. Je nach Bedarf

sie Energie auf oder geben sie

ab und gleichen so die Fluktuation aus.

ihre Möglichkeiten sind be-

grenzt: Batterien sind relativ leistungs-

schwach und teuer, für Druckluftspeicher fehlt es an unterirdischen Kaver-

nen, in denen die Luft zusammen- gepresst aufbewahrt werden kann. Und Anlagen, die Energie in speicherbaren Wasserstoff oder Methan verwandeln, haben einen

außerordentlich niedrigen Wir- kungsgrad. Am besten geeignet sind Pumpspei-

cherkraftwerke. Bei Stromüberschuss pum- pen sie Wasser in ein hochgelegenes Be-

Strombedarf stürzt das Wasser

in die Tiefe und treibt Generatoren an, die Strom erzeugen. Die Technik ist seit Jahrzehnten etabliert, doch die Land-

Deutschland lässt kaum noch

Neubauten zu. Hier könnte Norwegen aushelfen. Die Skandinavier beziehen ihren Strom fast vollständig aus 370 Wasserkraftwerken. Allerdings sind die meisten Becken dort noch nicht als Pumpspeicher ausgelegt. Außerdem wären gewaltige Seeverbin- dungen nötig, die den Strom rund 600 Kilometer durch die Nordsee nach Deutschland transportieren. Zwei sol- cher Kabelprojekte sind in Planung, frühestens 2015 soll das erste einsatzbe- reit sein. Schnelle Erfolge im Ausbau der erneu- erbaren Energien sind also nicht zu er- warten. Die fossilen Quellen müssen die Zwischenzeit überbrücken. Das Problem ist nur: Es sind zu wenige neue, effiziente Gas- und Kohlekraftwerke im Bau, um die Lücke zu schließen. In der Not müs- sen nun womöglich alte Dreckschleudern, die schon seit Jahrzehnten in Betrieb sind, länger laufen als geplant. So ist das mit allen Alternativen zum Atomstrom: Auch sie haben Nachteile – und Gegner.

Der Widerstand: Scheitert der Ausstieg an den Bürgern?

Thomas Jacob hat gerade neue T-Shirts für seinen Protest drucken lassen: rot mit einem durchgestrichenen Windrad vorn drauf. „Wir stehen zu unserer Sache, egal ob uns die Leute jetzt beschimpfen“, sagt er. In Deutschland sind jetzt alle Atom- kraftgegner, auch Jacob mag Kernkraft- werke nicht. Aber er ist und bleibt vor allem ein Gegner der Windkraft. Er lebt in der Gemeinde Märkische Heide in Brandenburg, das einzige

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Titel

Aktien jagen Wie Grüne und SPD die EnBW zum Öko- Energieerzeuger umbauen wollen D er
Aktien jagen
Wie Grüne und SPD die EnBW zum Öko-
Energieerzeuger umbauen wollen
D er Mittwoch dieser Woche ist
für Franz Untersteller, Frak-
tionsvize der Grünen im Stutt-
garter Landtag und gehandelt als künf-
tiger Umweltminister, ein wichtiger
Tag, ein Tag der Entscheidung. Am 6.
April wird sich zeigen, ob der Umbau
der EnBW zu einem grünen Stromun-
ternehmen eine Chance hat.
An jenem Tag läuft das Angebot
des Landes Baden-Württemberg aus,
Aktien des Stromkonzerns zum Stück-
Untersteller gerade noch gefehlt.
Schließlich gibt es schon jetzt genug
Ungemach beim Umbau der EnBW
zum Öko-Energieversorger.
Bisher setzte der Stromkonzern vor
allem auf Atomkraft. Mehr als die Hälf-
te des Unternehmensgewinns speiste
sich bisher, so heißt es in einem kürzlich
erstellten Greenpeace-Gutachten, aus
der Kernenergie. Bei der Nutzung von
Sonnen- und Windenergie hingegen ist
EnBW Branchen-Schlusslicht. Ledig-
Partner Kretschmann, Schmid: Schrumpfkur bis zur zukunftsfähigen Größe
preis von 41,50 Euro zu übernehmen.
Eine ganze Reihe von Kommunen hat
bereits verkauft, rund sechs Millionen
Aktien gingen damit aufs Land über.
Doch die künftige grün-rote Landes-
regierung in Stuttgart braucht noch
mehr, um bei der EnBW bestimmen
zu können. Sie braucht die Mehrheit,
50 Prozent plus eine Aktie.
Bis zur vorigen Woche sah es so
aus, als sei das kein Problem. Doch
dann funkte plötzlich der andere
Großaktionär der EnBW dazwischen,
die Oberschwäbischen Elektrizitäts-
werke (OEW). Der Zweckverband
von neun württembergischen Land-
kreisen, eher CDU-Hochburgen, will
nun seinerseits Aktien kaufen.
Die Landräte wollen verhindern,
dass das Land die Mehrheit bei EnBW
bekommt und damit die grüne Ener-
giewende einleiten kann – ein Rennen
um die letzten freien Aktien, das hatte
lich die Wasserkraft, etwa mit dem neu-
en Stauwerk in Rheinfelden, spielt bei
der Stromerzeugung eine Rolle.
Eher lästig beim Umstrukturieren
ist das wilde Beteiligungsportfolio des
Unternehmens: EnBW gehört die
Mehrheit an den Stadtwerken in Düs-
seldorf ebenso wie Anteile an einem
Energieversorger in Norddeutschland
oder an Kraftwerken in Tschechien.
„Eine unternehmerische Strategie ist
da nicht zu erkennen“, sagt Rezzo
Schlauch, einst Grünen-Funktionär
und ehemaliger EnBW-Beirat.
Das größte Risiko aber hat der ab-
gewählte Ministerpräsident Stefan
Mappus (CDU) seinem Nachfolger
Winfried Kretschmann (Grüne) hinter-
lassen. Im Dezember hatte das Land
das 45-Prozent-Aktienpaket des fran-
zösischen Stromkonzerns EDF über-
nommen, für 4,7 Milliarden Euro. Der
Kauf wurde auf Pump finanziert. Ob
sich das Geschäft in nächster Zeit
amortisieren könnte, war schon damals
fraglich. Seit der Nuklearkatastrophe
in Fukushima und dem Atommorato-
rium der Kanzlerin glaubt kaum noch
jemand an eine kurzfristige Refinan-
zierung. Nils Schmid (SPD), Finanzmi-
nister in spe, spricht von einer „schwe-
ren Erblast“, einem „Milliardenrisiko“.
Schmid und Untersteller wissen,
dass sie einen langen Atem brauchen
werden. Die strategische Neuausrich-
tung von EnBW wird Geld kosten und
in den nächsten Jahren kaum etwas
einbringen, Gewinnausschüttungen
von dreieinhalb Prozent, mit denen
Mappus seinen riskanten Deal finan-
zieren wollte, wird das Unternehmen
kaum erwirtschaften.
Vor zweieinhalb Wochen legte Uwe
Leprich, Wirtschaftsprofessor an der
Technischen Hochschule Saarbrücken,
ein 54-seitiges Gutachten zur Perspek-
tive der EnBW vor – im Auftrag der
Umweltschutzorganisation Green-
peace. Sein Papier liest sich quasi wie
eine Betriebsanleitung für das grün-
rote Umbauprojekt.
Der Wissenschaftler rät zu einer
Schrumpfkur bis zu einer „zukunfts-
fähigen Größe“. Der Konzern müsse
sich von allen reinen Finanzbeteili-
gungen trennen. 2,1 Milliarden Euro
könnten durch das Abstoßen etwa
von Anteilen an Stadtwerken erzielt
werden. Weitere 300 Millionen Euro
hält er aus dem Verkauf der Strom-
Fernnetze für realisierbar.
Die Gelder sollten in Windkraftan-
lagen und Gaskraftwerke in Baden-
Württemberg fließen sowie in Beteili-
gungen an Solaranlagen in Spanien
oder Marokko. Hingegen sollten Plä-
ne für Investitionen in Stein- und
Braunkohlekraftwerke gestoppt wer-
den. Das gilt auch für die Alt-Atom-
meiler Neckarwestheim 1 und Phi-
lippsburg 1, die im Zuge des Morato-
riums vom Netz genommen wurden.
Sie sollten abgeschaltet bleiben.
Leprich geht davon aus, dass eine
runderneuerte EnBW eher regionaler
Dienstleister sein sollte als globaler
Konzern. „Eine Neuorientierung der
EnBW kann bis 2020 gelingen“, pro-
gnostiziert der Wirtschaftsprofessor.
Allerdings mit einem für die Grü-
nen und ihre Wähler besonders bitte-
ren Wermutstropfen: Die beiden neue-
ren Atomkraftwerke Neckarwestheim
2 und Philippsburg 2 müssten am Netz
bleiben. Ohne die Meiler, sagt der
Greenpeace-Gutachter Leprich, „ist
der Umbau nicht finanzierbar“.
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DANIEL MAURER / DAPD

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THOMAS PFLAUM / VISUM

THOMAS PFLAUM / VISUM Stahlwerk in Duisburg: Ein höherer Strompreis kann dazu führen, dass manche Arbeitsplätze

Stahlwerk in Duisburg: Ein höherer Strompreis kann dazu führen, dass manche Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden

Kernkraftwerk in seinem Bundesland steht seit 1990 still, aber es gibt hier rund 3000 Windräder. Brandenburg liegt in Sachen Energiewende ziemlich weit vorn. Zu weit vorn, findet Jacob, vor drei Jahren hat er die Volksinitiative Windrad gegründet, 25 Bürgerinitiativen machen inzwischen mit. Seit dem Beben in Japan ärgert sich Jacob über die Horrorszena- rien der Politiker, die nun schnell aus der Atomkraft rauswollen, aber auch vor Stromlücken warnen. Er war gerade auf Sylt bei den Leuten, die dort gegen Windräder kämpfen, und sagt, man denke über ein bundesweites Bündnis nach. Am Sonnabend wollte Ja- cob in Potsdam demonstrieren, ein großer Aktionstag seiner Initiative, den er vor Fukushima geplant hatte. Windräder wür- den auch nach Fukushima noch furchtbar aussehen und gefährlichen Schall erzeu- gen, sagt Jacob. „An den Nachteilen hat sich ja nichts geändert.“ Mit Einsprüchen und Klagen im Ge- nehmigungsverfahren können die Pro- testler den Bau neuer Windräder oder Stromtrassen stoppen – und damit die Energiewenden erheblich verzögern. Der Atomausstieg geht auch ohne neue Überlandleitungen, sagt Peter Goss- lar. Seit vier Jahren kämpft er gegen eine solche Leitung, sie soll von Wahle in Nie- dersachsen nach Mecklar in Hessen füh- ren, mindestens 180 Kilometer, 380 000 Volt, Wechselstrom. An der Strecke gibt es 19 Bürgerinitiativen, die Menschen fürchten um den Wert ihrer Häuser, sie fürchten elektromagnetische Strahlen. Herzschrittmacher könnten aussetzen, sagt Gosslar, „und wir haben hier viel Kurbetrieb“. Sie fordern Erdkabel auf der ganzen Strecke, entlang der Autobahn verlegt, mit Gleichstrom betrieben. Eine saubere, sichere Sache, sagt Gosslar. Auf so einer langen Strecke gebe es das zwar noch nicht – aber warum nicht was Neues pro- bieren? Wenn Energiewende, dann rich-

tig. Klar, solche Erdkabel machen den Strom teurer. Umgelegt auf ganz Deutschland gehe es aber nur „um Cent- Beträge“. Zu zwei Dutzend ähnlichen Initiativen in Deutschland hält Gosslar Kontakt, überall im Land wollen die Leute keines- falls unter neuen Leitungen leben, Atom- ausstieg hin oder her. Gosslar sagt, dass er seit dem Unglück in Fukushima Angst habe – weniger um seine Gesundheit als um seine Bürger- rechte. „Wir müssen aufpassen, dass nicht alles zu schnell geht.“ Am liebsten wäre ihm, es gebe noch ein Moratorium, und zwar für den Netzausbau.

Wachsender Energiehunger

Deutscher Nettostrom- verbrauch, in Milliarden Kilowattstunden 534,2 530,0 501,4 472,9 472,6 �99� �995
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Stromfresser Wirtschaft

Anteil am Verbrauch 2010, in Prozent

Quelle: AGEB, BMWi Verkehr 3,1 Öffentliche Bergbau/ Private Verarbeitendes Gewerbe 2�,� 4�,9 Handel/
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AGEB, BMWi
Verkehr 3,1
Öffentliche
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Einrichtungen �,7

Die Wirtschaft: Gefährdet der Ausstieg den Wohlstand?

„Der Strom in Deutschland muss sicher, sauber und bezahlbar bleiben, sonst ge- fährden wir die Basis unseres Wohlstan- des“, sagt Hans-Peter Keitel, der Präsi- dent des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Man müsse aufpassen, dass durch die Diskussion über Atom- strom „unser wirtschaftlicher Erfolg nicht unter die Räder kommt“. Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirt- schaftsforschung (RWI), sagt, mit einem frühen Aus für die Kernkraft löse sich „Volksvermögen in Luft auf“. Verkürzte Laufzeiten der Atomkraftwerke würden „Wohlstandsverluste in dreistelliger Mil- liardenhöhe“ verursachen. Wer den schnelleren Ausstieg aus der Kernkraft fordere, ohne ein tragfähiges Konzept für eine Energieversorgung zu haben, bringe „die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in Gefahr“, sagt BASF-Chef Jürgen Hambrecht. Steht also der Niedergang des Indu- striestandorts Deutschland bevor, wenn die Atommeiler abgeschaltet werden? Müssen die Deutschen auf ihren Wohl- stand verzichten? Wohl kaum. Vergleichbare Warnungen gab es immer wieder, beispielsweise vor schärferen Umweltvorschriften. Doch die deutsche Industrie wurde bislang nicht schwächer, sondern stärker. Chemische Industrie, Maschinenbauer, Autohersteller, Stahlerzeuger, Firmen aus der Medizin-, der Umwelt- und Werkstoff- technik zählen weltweit zur Spitze – ob- wohl die Energiekosten für Unternehmen in Deutschland schon bislang oft höher sind als für ausländische Konkurrenten. Deshalb entwickelten sie besonders effiziente Ma- schinen und Produktionsanlagen. Und die lassen sich dann auch gut exportieren. Im Durchschnitt liegt der Anteil der Energiekosten an der Wertschöpfung bei

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FRANK LEONHARDT / DPA

FRANK LEONHARDT / DPA Anti-Atomkraft-Demonstration am 26. März in München: Keine andere Nation folgt bisher dem

Anti-Atomkraft-Demonstration am 26. März in München: Keine andere Nation folgt bisher dem deutschen Beispiel

weniger als zehn Prozent. Sollten die Strompreise durch einen Ausstieg aus der Kernkraft steigen, würde dies die Auto- industrie und viele andere Branchen nur geringfügig belasten. Es gibt allerdings auch die Alumini- um-, die Zement- und Stahlhersteller, bei denen die Energiekosten mitunter mehr als ein Viertel der Kosten ausmachen. Hei- delcement, den drittgrößten Zementher- steller weltweit, würden steigende Strom- preise treffen. Aber das Unternehmen will „keine Drohkulisse aufbauen“, wie ein Sprecher sagt. Noch wisse niemand, ob und wie stark die Strompreise tatsächlich steigen. Die Schätzungen schwanken zwi- schen 10 und 30 Prozent. Das hängt vor allem davon ab, wie schnell Deutschland aus der Kernkraft aussteigt und wie schnell die alternativen Energieerzeuger ausge- baut werden. Ein höherer Strompreis kann dazu füh- ren, dass manche Produktion ins Ausland verlagert wird. Vielleicht wird in Deutsch- land weniger Aluminium und Stahl pro- duziert. Dafür entstehen an anderer Stel- le neue Arbeitsplätze. Zu den Gewinnern werden nicht nur die Windradhersteller und die Produzenten von Blockheizkraftwerken zählen. Siemens kann vom Bau neuer Stromnetze und Pumpspeicherwerke profitieren, BASF von der steigenden Nachfrage nach Gebäude- isolierungen, bei Bosch dürfte der Absatz von Energiespartechnik für Haushaltsgerä- te, Gebäude und Automobile wachsen. Bosch-Chef Franz Fehrenbach hat Technologie, mit der sich Energie sparen lässt, schon vor Jahren als Wachstumsfeld für sein Unternehmen festgelegt. Jetzt fordert er als erster Konzernchef Deutsch- lands die Abkehr von der Kernkraft. Man müsse davon ausgehen, dass das Restrisiko von Technologien auch eintre- te, sagt Fehrenbach. Und wenn dieses

Restrisiko so viele Menschenleben ge- fährde, „wie es sich jetzt in Japan zeigt, dann dürfen wir ein solches Restrisiko einfach nicht mehr eingehen“. Aber gerade die Abkehr von der Atomenergie erfordert nach Ansicht des Bosch-Chefs „Technikkompetenz“. Und darin liegt die Chance für viele Unter- nehmen des Landes.

Modell Deutschland: Ein Vorbild für den Rest der Welt?

Am Ende des Ausstiegs wird Deutschland ein anderes Land sein, und die Welt wird mit Spannung verfolgen, ob das Experi- ment gelingen wird. Denn keine andere Nation folgt bisher dem deutschen Bei- spiel, alle anderen wollen an der Atom- kraft festhalten. In Großbritannien etwa soll der Chef- inspektor für Atomanlagen bis Mitte Mai ermitteln, welche Lehren die Regierung aus dem Unglück in Japan ziehen kann. Premierminister David Cameron hat al- lerdings bereits versichert, dass Atom- kraft Teil des Energiemix bleiben solle. Die USA lassen zwar ihre 104 Anlagen überprüfen, niemand in Washington aber denkt ernsthaft an einen Ausstieg. Es bleibt dabei: Bis 2020 sollen sogar vier bis acht neue Meiler ans Netz gehen. Auch Frankreich, das seinen Strom zu drei Vierteln aus Atomkraft bezieht, un- terzieht seine 58 Reaktoren einem Check. Präsident Nicolas Sarkozy aber bleibt „überzeugt von der Angemessenheit der Wahl“, nukleare Quellen zu nutzen, sagt er, immerhin verliehen sie Unabhängig- keit. Abschalten ist für ihn keine Option, auch nicht in Fessenheim, dem Meiler, der nur 25 Kilometer von Freiburg im Breisgau entfernt liegt. Ein solches Vorgehen sei so abwegig, meint der Chef des Versorgers EDF, Henri

Proglio, als wenn man in Paris Häu- ser, die älter als 20 Jahre sind, abreißen wollte. Selbst in Japan reagiert die Regierung zögerlich. Zwar hat der Fukushima-Kon- zern Tepco die Pläne zum Bau dreier neu- er Reaktoren gestoppt. Insgesamt aber sieht die Regierung keine Alternative, Atomkraft werde die Hauptquelle von Energie bleiben, versicherte Wirtschafts- minister Kaoru Yosano. Und so wird sich in Deutschland ent- scheiden, ob es eine hochindustrialisierte Wirtschaftsnation schaffen kann, sich aus der Abhängigkeit von der Atomwirtschaft zu befreien. Ob die erneuerbaren Ener- gien so ausgebaut werden können, dass sie am Ende ein ganzes Land versorgen. Und ob das alles ohne dramatische Wohl- standseinbußen möglich ist. Wenn es gelingt, wird die Bundes- republik zum Modell für ein neues nach- haltiges Wirtschaften, das die Ressourcen schont und künftige Generationen nicht belastet. Es wird führend sein in der Ent- wicklung und Produktion energiesparen- der Zukunftstechnologien, ein grüner Ex- portweltmeister. Und wenn das Experiment misslingt? Dann zahlen die Deutschen für den Aus- stieg aus der Atomwirtschaft einen hohen Preis. Niemand weiß, ob es am Ende mehr Gewinner oder Verlierer geben wird. Es hängt davon ab, ob die Unternehmen mitziehen und die Bürger sich nicht ver- weigern. Ob es gelingt, die großen Wi- derstände in einer gemeinsamen Kraft- anstrengung zu überwinden. Klar ist nur: Das Ziel ist alle Mühen

wert.

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