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Predigt

Intro
In Afrika hatte ich einmal mit einem jungen Mann zu tun, der kam
zu mir mit dem Problem, dass Gott seine Gebete nie zu erhören schien.
Wir redeten eine Weile hin und her.
Dann fanden wir heraus, dass sein eigentliches Problem der Hass auf
den Mörder seines Vaters war. Sein Hass war verständlich, insbesondere
von seiner Seite. Denn nach dem Tod seines Vaters stürzte die Familie
ins Elend, und ihn traf es besonders hart, weil er immer der Liebling
seines Vaters gewesen war.
Seine Erbitterung gegenüber dem Mörder seines Vaters war der
eigentliche Grund dafür, dass es geistlich bei ihm nicht vorwärts ging.
Nun ist dieses Bsp sicher extrem, aber ich habe den Eindruck, dass
es vielen Christen im Grunde nicht anders geht. Verbitterung gegen
andere Menschen – noch nicht vergeben haben – scheint mir eine der
häufigsten inneren Blockaden überhaupt.
Nun hört man immer wieder: „Du musst vergeben, du musst
vergeben.“ Aber wie? Das ist die Frage. Wie vergebe ich so, dass die
Festungen der Bitterkeit und der Rachegedanken in meinem Herzen
wirklich eingerissen werden? Wie vergebe ich so, dass wieder Frieden in
meinem Herzen einzieht und echte Liebe möglich wird?
Zunächst: Die Bibel sagt uns, dass wir vergeben sollen, wie Gott uns
vergibt.
LUT Kol 3:13: und ertrage einer den andern und vergebt euch
untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie
der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
LUT Eph 4:32: Seid aber untereinander freundlich und herzlich
und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat
in Christus.
3 Fragen zu Gottes Vergebung: Frage Nr. 1: Erleidet Gott durch uns
Menschen Unrecht? Antwort: Eindeutig Ja. Unser Ungehorsam verletzt
seine Gerechtigkeit, unsere Rebellion ist ein Angriff auf seine Ehre,
unsere Ablehnung schlägt seiner Liebe ins Gesicht, usw.
Frage Nr 2: Ist Gott verbittert? Antwort: Eindeutig Nein. Er ist durch
und durch voller Güte, Liebe und Barmherzigkeit. Wo es sein muss ist er
konsquent und gerecht. Er ist heilig und wahrhaftig. Aber er ist niemals
verbittert, sondern völlig gut und seine Haltung zu uns ist reinste Liebe.
Frage Nr 3: Wie kann Gott durch unser Unrecht zutiefst bis in den

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Kern seines Wesens verletzt werden und doch nie verbittern? Antwort:
Weil er vergibt, wie Gott eben vergibt, nämlich so, dass nichts
zurückbleibt. Er behält nichts zurück.
Aber wie macht man das nun? Vergeben, wie Gott vergibt – kann
man das wirklich? Und wenn, ja, wie geht das? Welche Schritte muss ich
gehen?
Zunächst eine Vorbemerkung: Es ist schwierig, zu vergeben, wie
Gott, wenn man Gottes Vergebung nicht zuvor am eigenen Leib erlebt
hat. Beim Vergeben schenken wir anderen das, was wir selbst bekommen
haben. Vergebung ist eine Nachahmungstat.
Wenn diese Voraussetzung aber geklärt ist, wenn jemand Gottes
Vergebung durch Jesus Christus empfangen hat, dann ist er einer guten
Ausgangsposition, um die Frage zu stellen: Wie kann ich so vergeben,
wie Gott vergibt? Was heißt das konkret? Wie geht das?
Zum Glück lässt uns Gottes Wort zu dieser Frage nicht ohne
Antwort. Jesus erzählt einmal eine Geschichte, die von göttlicher
Vergebung und menschlicher Hartherzigkeit handelt. Sie steht in Mt
18:23-35, das (im Lutherdeutsch so genannte) Gleichnis vom
Schalksknecht. Neudeutsch: vom unbarmherzigen Gläubiger.
In dieser Geschichte erzählt Jesus von einem großzügigen König,
der einem betrügerischen Diener eine Riesenschuld erläßt. Der Diener
aber trifft auf dem Nachhauseweg einen Kollegen, der ihm einen kleinen
Betrag schuldet, und bringt ihn dafür ins Gefängnis. Daraufhin wird der
König zornig und läßt seinerseits den Diener einbuchten.
Der großzügige König in diesem Gleichnis steht für Gott. In seinem
Handeln bildet Jesus das Handeln Gottes ab. Er vergibt, wie Gott. Wenn
wir also vergeben wollen, wie Gott vergibt, dann können wir von seinem
Handeln lernen. Und unter diesem Gesichtspunkt möchte ich jetzt dieses
Gleichnis mit euch anschauen.
Wir beschränken uns dabei auf den ersten Teil des Gleichnisses, in
dem dem Diener die Schuld erlassen wird. Den Schluss, in dem Gott den
Diener aufgrund seiner unglaublichen Hartherzigkeit doch noch ins
Gefängnis wirft, behandeln wir in diesem Zusammenhang nicht. Denn
das Richten sollen wir Gott überlassen. Wir sollen nicht richten, wie Gott
richtet. Richten tut er allein. Aber wir sollen vergeben, wie er vergibt.
Ich lese also jetzt den Abschnitt, in dem der Schuldenerlass durch
den Königs beschrieben wird, und wir fragen uns dabei: Was können wir
von diesem König lernen, um vergeben zu können, wie Gott vergibt –
vollständig, so dass nichts zurückbleibt?
Mat 18:23-27 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der
mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Und als er anfing

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abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend
Zentner Silber schuldig. 25 Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl
der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu
verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen
und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles
bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ
ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch.
Also: Wie können wir vergeben, wie Gott vergibt? Was lernen wir
von diesem König über göttliche Vergebung? Zuerst lernen wir, dass

1. Göttliche Vergebung mit einer Abrechung beginnt


Das erste, was der König tut, ist, dass er Abrechnung hält. Dabei
stößt er auf das Unrecht des Knechts. Und dann wird dieses Unrecht ganz
genau berechnet. 10.000 Talente. Nicht 9.999 und auch nicht 10.002.
10.000 Talente.
Und ich kann mir so richtig vorstellen, wie schwierig das für den
König war. Wie er sich über die Bücher beugte, und wie bei jeder neuen
Veruntreuung, die er entdeckte, die Wut wieder in ihm hochstieg. „Was
bildet sich der Kerl eigentlich ein? Wie kann er so mit mir umgehen?“
Und er rechnete ab, auf Heller und Pfennig.
Nachher wird diese Schuld erlassen – aber zunächst wird sie
zusammengetragen und ausgerechnet, auf Heller und Pfennig.
Seht ihr, darin steckt eine tiefe Wahrheit über echtes Vergeben. Ich
kann nur das wirklich, d.h. bewußt vergeben, was mir bewußt ist. Hier ist
dieses Bild der Schulden sehr treffend: Ich kann nur die Schulden
erlassen, die ich kenne. Ich muss wissen, dass der andere mir 4.373 €
schuldet, nur dann kann ich ihm auch 4.373 € erlassen.
Viele Christen scheuen sich vor der Abrechnung, denn sie tut weh.
Viele sagen oberflächlich „Ich habe ihm vergeben“, ohne dass sie dem
Schmerz, der ihnen zugefügt wurde, in seinem ganzen Ausmaß ins Auge
geschaut haben. Sie haben den Schmerz verdrängt – aber so haben sie
nicht wirklich vergeben, sondern sie haben sich selbst getäuscht. Denn
ich kann nur die Schuld erlassen, die ich abgerechnet habe.
Wenn jemand an mir schuldig wird, dann stiehlt er mir ein Stück
Lebenskapital. Das ist dann weg – unwiederbringlich verloren. Und
vergeben heißt, dass ich dem anderen diese Schulden, die er mir
gegenüber erlasse. Ich verzichte auf meine Rechtsforderungen ihm
gegenüber.
Und manchmal ist das viel, was der andere mir schuldet. Manchmal
hat sein Unrecht so schlimme Folgen gehabt, dass mir viel von meinem
Lebenskapital durch ihn verloren gegangen.

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Ich denke z.B. an eine Frau, die ich begleitet habe. Sie wurde als
junges Mädchen von ihrem Vater sexuell missbraucht. Ihr kindliches
Vertrauen in Jesus, das sie hatte, wurde kaputtgemacht, ihr Selbstwert
war völlig zerstört. Sie kam in ihrem Berufsleben immer wieder in
Situationen, in denen sie sich nicht wehren konnte und ganz schlimm
behandelt wurde, (was bei Missbrauchsopfern häufig so ist), ihre Ehe
zerbrach beinahe unter den Folgen des Missbrauchs, usw.
Um vergeben zu können musste sie all diesen Dingen ins Auge
sehen. Sie musste sich all die Folgen eingestehen, die das Unrecht ihres
Vaters in ihrem Leben gehabt hatte. All das Lebenskapital, das er ihr
gestohlen hatte. Und das tat bitter weh. Dann erst konnte sie wirklich
vergeben. Das Tolle ist: Sie hat es getan, und sie ist seither eine neue
Person. Sie ist jetzt viel freier, stärker und größer, als ich sie vorher je
erlebt hatte (NB: Ich kann euch diese Geschichte erzählen, weil sie sie
selbst vor anderen erzählt hat).
Selbst wenn es nicht so dramatisch ist, hinterläßt das Unrecht, das
uns geschieht, immer Folgen. Manchmal kann es eine kleine Bemerkung
sein, die jemand macht, und die uns tief trifft, weil sie etwas in uns
anrührt, was der andere vielleicht gar nicht wusste. Dann müssen wir dem
ins Auge schauen und sagen: „Mit dem, was XY gesagt hat, hat er mich
ziemlich verletzt. Es hat dies und jenes in mir ausgelöst, und ich habe
mich sehr abgelehnt (oder gedemütigt oder was auch immer) gefühlt.“
Wenn wir wissen, was uns passiert ist, dann können wir es auch wirklich
vergeben.
Einwand: Aber ist es nicht falsch, diese Dinge wieder aufzuwärmen,
die ich längst vergessen haben sollte? Nähre ich nicht gerade damit meine
Bitterkeit und halte sie am Leben?
Die Antwort darauf lautet: Es kommt darauf an, was man nachher
mit der abgerechneten Schuld macht. Das Abrechnen an sich ist nicht
falsch, im Gegenteil: Es hat mit Gerechtigkeit zu tun.
Gott rechnet auch ab. Er führt Buch über jede unserer Sünden – und
auch unserer guten Taten – aber auch über jede Sünde. LUT Ofb 20:12
lesen wir:
LUT Revelation 20:12 Und ich sah die Toten, groß und klein,
stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein
andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens.
Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern
geschrieben steht, nach ihren Werken.
Da wird abgerechnet. Jeder wird genau nach dem gerichtet, was in
den Büchern stand. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist Gerechtigkeit.
Da gibt es dann noch das Buch des Lebens – wer da drin steht, der erfährt

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Vergebung. Dem wird seine Schuld aus den anderen Büchern nicht
angerechnet. Aber es wird Buch geführt.
Und wisst ihr, unsere Seele führt auch Buch über alles Unrecht, das
uns widerfährt. Tief in uns wohnt das Verlangen nach Gerechtigkeit. Das
ist Teil unserer Gottesbildlichkeit. Wir KÖNNEN nicht über Unrecht
pauschal hinweggehen – sonst betrügen wir uns selbst. Denn unsere Seele
tut das nicht. Sie hat das alles genau gespeichert.
Und solange diese dunklen Erinnerungen nicht ans Licht geholt
werden, werden sie in unserem Inneren rumoren und unsere Beziehungen
vergiften, selbst wenn wir immer wieder sagen: „aber ich habe ihm doch
vergeben.“
Erst wenn wir das ganze Ausmaß der Schuld, die wir erlitten haben,
sehen, können wir auch ganz vergeben.
Ich möchte euch dazu einen ganz praktischen Tipp geben. Ich finde
es hilfreich, in Anlehnung an dieses Gleichnis, Schuldscheine zu
schreiben:
Oben drüber steht: SCHULDSCHEIN. Dann kommt der NAME des
„Schuldners“. Darunter dann der VORFALL um den es geht: Den sollte
man so genau wie möglich schildern:. „Du hast bei dieser Gelegenheit
vor dieser Person über mich folgende Unwahrheit erzählt....“ Oder was
auch immer es war. Und dann kommen die AUSWIRKUNGEN: „Das hat
dazu beigetragen, dass diese Person sich gegen mich gewandt hat. Ich
fühle mich von dir und ihr verraten. Ich fühle mich gedemütigt und habe
mich gefragt, ob ich es wert bin, dass man so gemein mit mir umgeht...“
Wenn man die Dinge aufschreibt, dann kommt man zu einer
klareren und wahrhaftigeren Abrechnung. Unsere Wahrnehmung ist ja
auch nicht immer richtig. Wir neigen dazu, das Unrecht, das uns geschah,
zu übertreiben.
Um bei dem Beispiel zu bleiben: Jemand hat eine Unwahrheit über
mich erzählt. Ich fange an, Feindschaft gegen ihn zu empfinden und ihm
zu unterstellen, dass er mich hasst. Und dann geht das in meinem Kopf
herum, und wenn ich ihn das nächste Mal sehe, dann schaue ich ihn kaum
mehr an.
Aber vielleicht ist er in Wirklichkeit nur der Versuchung erlegen,
auch einmal mitzutratschen mit den anderen, und hat eine Information
weitergegeben, die er irgendwo aufgeschnappt hatte, und von der er nicht
einmal wußte, dass sie falsch war.
Indem ich auf den Schuldschein genau schreibe, was er getan hat,
und was das bei mir ausgelöst hat, beschränke ich mich auf die Wahrheit
(zumindest so weit ich sie kenne). Die ist schmerzhaft genug, aber ich
halte meine Seele davon ab, mir noch Dinge dazu auszumalen. Und

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indem ich dann vergebe, entferne den Antrieb, mir weitere dunkle Dinge
über den anderen auszumalen.
Das Abrechnen ist also nicht nur notwendig, um wirklich vergeben
zu können, sondern es hilft auch dazu, dem anderen gegenüber
Gerechtigkeit zu üben, indem man ihm nicht mehr anlastet, als wirklich
geschehen ist.
Ich möchte wirklich nicht so tun, als sei das Abrechnen leicht.
Echtes Vergeben ist nicht leicht. Besonders wenn das Unrecht tief ging
und häufig geschah. Man erlebt Schmerz und Wut. Da tauchen dann
vielleicht Schicht um Schicht von Verletzungen auf, die man doch am
liebsten schon längst überwunden hätte, die man lieber verdrängen und
für immer vergessen will. Nur: man kann sie gar nicht überwinden, wenn
man sie nicht noch einmal durchgegangen ist und sie bewußt vergeben
hat.
Es gibt drei Hilfen beim Abrechnen, besonders wenn es tief geht:
Die erste ist die, dass wer in Christus ist, der IST eine neue Kreatur. Ich
bin nicht mehr das Produkt meiner vielleicht verkorksten Vergangenheit
und des Unrechts, das mir zugefügt wurde (und das ich getan habe). Ich
bin MIT Christus für diese Dinge gestorben, und MIT ihm auferstanden
zu einem neuen Leben. Ich wurde von neuem geboren.
Diese Dinge haben faktisch kein Recht mehr, mich zu beherrschen.
Emotional haben sie es oft schon noch. Aber in Wirklichkeit nicht mehr.
Ihre Macht ist gebrochen, und ich kann aus ihren Fesseln heraustreten.
Die zweite große Hilfe ist, das Jesus selbst durch seinen Geist mit
uns durch unsere schmerzlichen Erinnerungen geht. Wir können ihn
darum bitten: „Herr, hilf mir durch diesen Schmerz. Zeige mir die
Wahrheit. Halte meine Hand, damit ich es aushalten kann. Und dann hilf
mir, zu vergeben.“ Er tut es. Ich habe es selbst oft erlebt. Es ist ganz real.
Vergeben ist eine der Übungen, bei denen die Nähe und Hilfe Jesu uns
wirklich ganz real wird.
Und die dritte ist, dass Jesus uns durch einen seelsorgerlichen
Mitchristen in dieser Herausforderung begleiten kann. Das möchte ich
Euch sehr ans Herz legen, wenn ihr tiefgehende Dinge zu vergeben habt.
Niemand muss da allein durch. Sucht euch einen Mitchristen, der euch
begleitet.
Also: die erste Phase göttlichen Vergebens ist die der Abrechnung.
Sie ist unbedingt notwendig, weil wir nicht wirklich vergeben können,
was uns nicht gegenwärtig ist.
Wenden wir uns wieder dem König zu: Er rechnet ab, und empfindet
– wie es ganz natürlich ist – Wut auf diesen Betrüger. Sein erster Reflex
ist es, ihn in Schuldhaft zu nehmen – was damals die übliche Reaktion in

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solchen Situationen war. Aber dann tritt in seinem Verhalten eine Wende
ein, und diese Wende ist motiviert durch das Aufsteigen von Mitgefühl.
Das ist das zweite, was wir heute aus diesem Gleichnis lernen:

2. Göttliche Vergebung ist motiviert durch Mit-Gefühl


In dem Moment, wo er den Diener vor sich liegen sieht, und hört,
wie er um Gnade bittet, tritt etwas Neues in die Wahrnehmung des
Königs. Er sieht vor sich auf einmal nicht mehr nur den Betrüger, der ihn
um so viel Kapital gebracht hat, sondern er sieht einen Menschen mit
Familie, mit Frau und Kindern.
Er sieht einen, der neben seiner dunklen, betrügerischen Seite auch
eine helle, menschliche hat. Jemand, der seiner Schwäche nachgegeben
hat, und sich so in diese gigantischen Schulden verstrickt hat, aber der
darunter leidet und Angst hat, wie jeder Mensch es in seiner Situation
hätte.
Und so kommt es zu Vers 27: „Da hatte der Herr Mitleid mit ihm.“
besser übersetzt: Erbarmen, oder Mitgefühl.
Wenn uns das gelingt, dass wir den, der uns Unrecht getan hat, als
Mitmenschen sehen, der genauso wie wir Stärken und Schwächen hat,
und der seiner Schwachheit erlegen ist, als er uns geschadet hat, dann ist
die Schlacht ums Vergeben schon halb gewonnen.
Das geht aber nur, wenn wir seine Schuld wirklich genau
beschrieben und als Unrecht identifiziert haben – sonst rumort da in uns
immer noch so ein Stück ungeklärtes Bitterkeit, das es uns unmöglich
macht, ihm Barmherzigkeit entgegenzubringen.
Solange wir Bitterkeit bewahren, neigen wir dazu, die Person, die
uns verletzt hat, mit dem Unrecht, das sie uns getan hat, gleichzusetzen.
Wir denken nicht: Er HAT mich belogen. sondern: Er IST ein Lügner und
mein Feind.
Meine Frau sagte einmal im Bezug auf jemand, dem sie vergeben
musste: „Das will ich gar nicht. Ich sehe ihn so schwarz wie die Nacht.“
Der Moment des Erbarmens oder des Mit-Gefühls ist der Moment,
in dem wir uns klar werden, dass der andere nicht nur schwarz ist,
sondern genauso wie wir helle und dunkle Seiten hat. Dass er ein Mensch
ist, wie wir. Und das erleichtert uns das Vergeben.
An dieser Stelle kommt auch der Hauptpunkt des Gleichnisses zum
Tragen: Gott hat uns so viel vergeben. Er musste uns so viel vergeben,
weil auch bei uns so viel schwarz ist. Deshalb dürfen wir dem anderen
nun auch unsere Vergebung nicht vorenthalten.
Obwohl das, was andere uns schulden mögen, nicht gering ist, ist es

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im Vergleich zu dem, was unsere schwarze Seite Gott gekostet hat,
immer noch wenig.
100 Denare – das ist ungefähr ein Drittel des Jahreseinkommens
eines Arbeiters. In heutige Verhältnisse umgerechnet, je nach Verdienst
zwischen 6.000 und 8.000 €. Das ist nicht nichts.
Aber 10.000 Talente sind eine Milliardensumme: Größe eines
Bundeshaushaltes. Herodes der Große, der zu den reichsten Königen des
Orients zählte, hatte jährliche Einkünfte von von 900 Talenten.
Seht ihr, wir hätten gar nichts mehr, wenn Gott uns nicht unsere
ganze Schuld erlassen hätte. Können wir da nicht einem Mitmenschen
seine Schuld uns gegenüber auch erlassen?
Mit-gefühl heißt: Ich stehe nicht über meinem Schuldner. Ich stehe
MIT ihm als MIT-Schuldner vor Gott. Ich weiß, dass es mir auch
passiert, dass die dunkle Seite in mir die Oberhand gewinnt, und mich zu
Dingen treibt, die ich hinterher bitter bereue. Deshalb habe ich Mitgefühl
mit meinem Schuldner.
Das bereitete den Weg für den letzten und entscheidenden Schritt
göttlicher Vergebung:

3. Göttliche Vergebung erläßt die Schuld und entlässt


den Schuldner.
Ich finde die Formulierung von 27 eine der schönsten
Beschreibungen von Vergebung, die es überhaupt gibt: V 27: Da hatte
der Herr Mitleid mit dem Diener, und ließ ihn gehen und erließ (o
schenkte) ihm die Schuld.
Ich entlasse dem andern seine Schuld und entlasse ihn aus der
Bindung des Nachtragens, mit der ich ihn an mich gebunden hatte.
Das ist der entscheidende Moment. Ich sehe alles, was der andere
mir genommen hat. Ich weiß genau, dass ich mein Lebenskapital, das er
verschleudert hat, nie wieder bekomme. Es ist unwiderruflich verloren.
Und dann entschließe ich mich aus freien Stücken, ihm seine
Schuld zu genauso unwiderruflich zu schenken, und sie ihm nicht mehr
nachzutragen.
Ich habe in einem Buch die Erklärung einer jungen Frau gefunden,
die ihrem Mann einen Ehebruch vergeben musste. Nachdem sie jahrelang
ihre Wut und Bitterkeit unterdrückt hatte, war sie darüber depressiv
geworden. Dann entschloss sie sich endlich, die Sache anzugehen. Sie
arbeitete die Sache auf – sie „rechnete ab“ - und dann schrieb sie
folgende Erklärung, die ein tolles Beispiel für echte Vergebung ist
(Quelle?):

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Ich werde die Erinnerungen an das, was ich erlebt habe, nicht
mehr künstlich wach halten. Ich habe mich entschlossen, [meinem
Mann] noch heute (Datum) all das zu vergeben, was er mir
angetan hat. Mir ist klar, wie groß das Leid ist, das er mir
zugefügt hat. Aber ich weiß auch, wie viel mehr Gott mir
vergeben hat. Deshalb bekunde ich hiermit meinen Willen, die
schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit mir nicht mehr ins
Gedächtnis zu rufen. Sollten sich Erinnerungen wieder in den
Vordergrund drängen, werde ich bewußt meine Gedanken auf
andere Dinge lenken. Ich verzichte in Zukunft auf jedes Recht,
Rache zu üben. ____Unterschrift.
Das ist Vergebung: “Ich habe mich entschlossen, meinem Mann
noch heute all das zu vergeben, was er mir angetan hat... Ich bekunde
meinen Willen, die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit mir nicht
mehr in Erinnerung zu rufen... Ich verzichte in Zukunft auf jedes Recht,
Rache zu üben...”
Wenn man mit Schuldscheinen arbeitet, dann kann man es so
machen, dass man seine Schuldscheine nimmt, sie vorliest, und dann laut
sagt (evtl. in Gegenwart eines Seelsorgers): XY, ich vergebe Dir im
Namen Jesu. Ich erlasse Dir Deine Schuld mir gegenüber, und werde sie
dir nie mehr nachtragen. Und dann kann man den Schuldschein in lauter
kleine Schnipsel zerreißen, als Bestätigung dafür, dass es weg ist. Das ist
Vergebung.
Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Gedanke: Ich habe die
Autorität, zu vergeben. Ich kann es, denn es ist mein Lebenskapital, das
gestohlen wurde. Also kann ich diese Schuld auch erlassen, und zwar
endgültig erlassen. Die Frage ist nicht, ob ich das kann – ich kann es –
sondern ob ich es will. Vergeben ist MEINE freiwillige Entscheidung,
meine ganz allein. Ich kann es tun oder lassen. Wenn ich es tue, dann
komme ich über der Sache zur Ruhe.
Heißt das, dass man ab diesem Moment nie mehr mit negativen
Gefühlen und Gedanken der Bitterkeit zu kämpfen hat? Nein, das heißt es
nicht. Die Gefühle und Gedankengewohneheiten heilen nicht immer
sofort.
Der Entschluss ist gefaßt – es ist ein Entschluss, bei dem ich
Tatsachen schaffe. Und auf dieser Basis kann ich – ohne damit unehrlich
zu sein – den Gefühlen der Bitterkeit gegenübertreten, indem ich einfach
meinen Entschluss bekräftige: “Ich habe vergeben und mich entschlossen,
nicht mehr nachzutragen. Dazu stehe ich” Und dann gehen die Gedanken
auch wieder weg – denn wir sind unseren Gedanken und negativen
Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert.
Im Bild gesprochen: Der Stachel ist gezogen, die Wunde heilt, und

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nach einiger Zeit gelingt die Erinnerung auch wieder, ohne dass ich in
bittere Gedankenkreise verfalle.
Ein weiser Mann hat dafür einmal das Beispiel einer Glocke
gebraucht: Wenn der Glöckner aufhört zu ziehen, läutet die Glocke
trotzdem noch einige Zeit nach – aber irgendwann schwingt sie aus und
hört auf.
Wir reden manchmal vom “vergeben und vergessen.” Das geht
nicht. Ich kann nicht vergessen, was ich erlebt habe, besonders wenn es
tief geht. Ich werde mich immer erinnern. Aber ich kann durch
Vergebung die Art und Weise verändern, wie ich mich erinnere. Nicht
mehr bitter, sondern versöhnt.
Manchmal muss man sich beim Vergeben in einer Art Prozess zu
immer neuen Schichten der Verletztheit vorarbeiten. Das ist besonders
der Fall, wenn man über lange Zeit von einer Person immer wieder
verletzt wurde.
Man erkennt etwas – man rechnet ab, so weit man es verstanden hat,
und vergibt das. Aber dann merkt man: Da ist noch etwas, das sitzt noch
tiefer, oder ist etwas anders gelagert. Also geht man wieder in den
Prozess. Usw.
Jemand hat diesen Vergebungsprozess einmal mit dem Schälen einer
Zwiebel verglichen: Hinter jeder Schale, die man wegschält, kommt
wieder eine neue. Und bei jeder neuen Schicht muss man wieder heulen,
und der Zwiebelsaft brennt in den Wunden an den Händen. Aber wenn
man fleißig weiterschält, ist irgendwann die ganze Zwiebel weg.
Wie gesagt, das ist nicht immer der Fall, sondern dann, wenn die
Verletzungen lange Zeit erfolgt sind und sehr tief gingen.
Viele andere Verletzungen können wir viel schneller vergeben. Aber
wir müssen es tun. Dann befreit die befreit Vergebung und macht unsere
Seele heil.
Göttliche Vergebung bedeutet, dem anderen die Schuld zu erlassen
und ihn für immer aus dem, was ich ihm nachtrage, freizugeben. Das war
das dritte, was wir aus diesem Gleichnis lernen konnten.

4 Schluss
Unsere Ausgangsfrage war: WIE vergeben wir? Wie können wir die
Festungen der der Unversöhnlichkeit und Bitterkeit in unserem Herzen
niederreißen?
Unsere Antwort hat gelautet: indem wir vergeben, wie Gott vergibt.
Und dann haben wir im Gleichnis vom Schalksknecht anhand des
Verhaltens des Königs versucht, zu verstehen, was das konkret heißt. Wir

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haben drei Dinge gefunden:
1) Göttliche Vergebung beginnt mit einer Abrechnung: Nur wer
abgerechnet hat, kann wirklich vergeben. Unsere Seele kann nur das
bewußt erlassen und damit loslassen, was ihr bewußt ist. Deshalb müssen
wir, wenn wir wirklich vergeben wollen, uns den dunklen Ereignissen der
Vergangenheit noch einmal stellen. Wir wissen, dass sie nicht mehr
unsere Identität prägen. Unsere neue Identität liegt in Jesus. Das hilft.
Dann ist es nicht mehr eine Auseinandersetzung mit dem, was ich zu sein
verurteilt bin, sondern mit dem, was einmal war, aber jetzt überwunden
ist. Oft hilft es auch – ganz praktisch – diesen Schritt an der Hand eines
Seelsorgers zu gehen.
2) Göttliche Vergebung ist motiviert durch Mit-gefühl: Ich sehe den
anderen als Mitmenschen , der eine dunkle, sündige und eine helle,
schöne Seite hat – genau, wie ich. Ich stelle mich nicht über ihn, sondern
erkenne an, dass meine dunkle Seite Gott viel mehr Unrecht getan hat, als
seine dunkle Seite mir. Gott hat mir meine ganze, große Schuld erlassen
hat, alos kann ich ihm seine kleine auch erlassen.
3) Göttliche Vergebung erläßt die Schuld und entläßt den Schuldner.
Es ist ein freiwilliger, endgültiger Entschluss, dass ich dem anderen diese
Schuld nie mehr vorhalten werde. Das ist Vergebung. Das ist Befreiung –
nicht nur für den anderen, sondern auch für mich.
Ich habe Euch am Anfang von dem jungen Mann in Afrika erzählt.
Ich sagte ihm in unserem Gespräch, dass er dem dem Mörder seines
Vaters vergeben müsse. Es wurde es totenstill im Raum. Er hat
minutenlang mit sich gekämpft. Dann sagte er: Ich will es tun. Wir
knieten nieder zum Gebet, und ich ermutigte ihn, es laut auszusprechen:
Du Mörder meines Vaters, ich vergebe ich Dir. Wieder wurde es
totenstill.
Er hatte seine Abrechnung fix und fertig im Kopf. Das beschäftigte
ihn Tag und Nacht. Er konnte mir sofort alles aufzählen, was er durch den
Mord an seinem Vater verloren hatte. Aber der Moment des Vergebens,
das war ein Kampf. Schließlich tat er es. Er sprach es aus, neben mir auf
den Knien: Du, Mörder meines Vaters, ich vergebe Dir.
Nach ein paar Tagen sah ich ihn wieder. Er sah mich und lief auf
mich zu und fiel mir um den Hals und sagte: Uli, ich habe mich noch nie
in meinem ganzen Leben so glücklich gefühlt.
Diese Befreiung wünsche ich Euch.

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