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Der alles andere als einfache elektrische Stromkreis

Article · May 2012

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Hermann Haertel
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
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HEFT 5 / 61. JAHRGANG / 2012 VERSTÄNDNISPROBLEME ELEKTRIZITÄTSLEHRE / PdN PHYSIK in der Schule

Spannung und Oberflächenladungen


Was Wilhelm Weber schon vor mehr als 150 Jahren wusste
H. Härtel

1 Spannung – einer der schwierigsten und Länge des Drahts ist? Die Kraft, welche dungen zusammen. Mit dieser Erkenntnis
Begriffe die Leitungselektronen durch den Draht lassen sich die obigen Fragen beantwor-
Während man den elektrischen Strom qua- antreibt, muss dazu überall konstant und ten:
litativ als driftende Elektronen kennzeich- axial ausgerichtet sein. Wie kann das durch Zu Abbildung 1: Die Leiterabschnitte
net, fehlt bei der Einführung des Begriffs eine Batterie bewirkt werden? Noch dazu, bei A und B tragen positive bzw. negative
„Spannung“ bzw. „Potenzialdifferenz“ in wenn die Kraftwirkung ihrer getrennten Oberflächenladungen.
den Lehrbüchern in aller Regel eine ent- Ladungen dem Coulomb’schen Gesetz ge- Zu Abbildung 2: In dem Leiterquer-
sprechende qualitative Deutung. Die Span- horcht (Abb. 3)? schnitt vor und hinter einem Widerstand
nung wird als Arbeitsfähigkeit einer elek- Wie Testergebnisse zeigen [1], können ändert sich die Leitfähigkeit um viele Grö-
trischen Energiequelle beschrieben und diese und ähnliche Fragen von der großen ßenordnungen. Dort sammeln sich Lei-
quantitativ definiert als Energie pro La- Mehrheit der Schüler/innen und sogar von tungselektronen bzw. positive Ladungsträ-
dung. An diesem mathematisch eleganten vielen Physiklehrkräften nicht beantwor- ger (positive Gitterionen) an. Das zu diesen
Verfahren ist aus physikalischer Sicht tet werden. In Interviews zeigt sich, dass Ladungen gehörige Feld treibt den Strom
nichts auszusetzen, sie ist jedoch nicht ge- der Begriff der Spannung als einer der durch den Widerstand (Abb. 4). Die Gültig-
eignet, daraus eine kausale Begründung schwierigsten und unverständlichsten an- keit dieser Aussage kann unmittelbar aus
für Vorgänge im elektrischen Stromkreis gesehen wird. Bemühen sich Jugendliche dem Gaußschen Gesetz abgeleitet werden:
abzuleiten. um ein Verständnis des Begriffs, ist ihr Nach Gauß ist der Fluss durch eine ge-
Zum Beispiel bleibt die einfache Frage Scheitern nicht unwahrscheinlich. Es ist zu schlossene Oberfläche proportional zu der
unbeantwortet, woran sich die Potenzial- befürchten, dass sie sich dann leicht vom von dieser Oberfläche eingeschlossenen
differenz zwischen den Anschlüssen A und Fach Physik abwenden werden. Es ist un- Ladung. Platziert man eine zylinderförmi-
B eines stromdurchflossenen Widerstands verständlich, dass wir eine aus didakti- ge Oberfläche innerhalb von Leiter und
mikrophysikalisch festmachen lässt scher Sicht höchst unbefriedigende Situa- Widerstand so, dass die Grenzfläche einge-
(Abb. 1). Auch die Frage nach dem Ur- tion so hinnehmen, besonders da seit lan- schlossen wird (gestrichelt dargestellt in
sprung des starken Feldes innerhalb eines gem eine Alternative bekannt ist. Abb. 5), ergibt sich ein unterschiedlicher
Widerstandes im Vergleich zum sehr Fluss durch die beiden Stirnflächen A und
schwachen Feld in den zuführenden Leiter- 2 Spannung und Oberflächenladungen B. Daraus folgt eine entsprechende Ladung
stücken kann aufgrund der Definition Die Lösung der hier vorliegenden, didakti- innerhalb des Übergangsgebiets zwischen
„Energie pro Ladung“ nicht beantwortet schen Aufgabe wurde im Prinzip schon vor hoher und geringer Leitfähigkeit.
werden (Abb. 2). über 150 Jahren entdeckt. Im Jahr 1852 hat Zu Abbildung 3: Auf der Basis des Cou-
Auch folgendes Problem liegt nahe: Wilhelm Weber darauf hingewiesen, dass ein lombschen Gesetzes kann abgeleitet wer-
Eine Batterie stellt aufgrund ihrer Span- stromdurchflossener Leiter zwar insge- den, dass im Innern eines unendlich lan-
nung zunächst nur getrennte Ladungen an samt neutral ist, auf seiner Oberfläche aber gen, geradlinigen Leiters ein axial gerichte-
ihren Anschlüssen bereit. Wieso kann da- eine unterschiedliche Dichte von Ladun- tes, konstantes elektrisches Feld erzeugt
durch ein konstanter Strom durch einen gen aufweist [2]. Die Spannung zwischen wird, wenn die Dichte der Oberflächenla-
Widerstandsdraht hervorgerufen werden, zwei Punkten in einem Stromkreis hängt dungen einen linearen Gradienten auf-
der sogar unabhängig von der Krümmung mit einem Unterschied an Oberflächenla- weist (Abb. 6). Bei einem gekrümmten Lei-

Widerstand

A B

Spannungs-
quelle

Abb. 1: Wodurch unterscheiden sich die Leiter


bei A und B? Abb. 2: Durch welche Ladungen wird das starke Feld innerhalb des Widerstandes erzeugt?

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PdN PHYSIK in der Schule / VERSTÄNDNISPROBLEME ELEKTRIZITÄTSLEHRE HEFT 5 / 61. JAHRGANG / 2012

ter weicht der Gradient der Ladungsdichte


Feldlinien von der Linearität ab. An der Außenseite
einer Krümmung sammeln sich mehr
Elektronen an als an der Innenseite und
bewirken dadurch eine gekrümmte und
genau axial ausgerichtete Bahn der driften-
den Leitungselektronen. Das gleiche gilt
Elektrisches Feld innerhalb eines beliebig entsprechend umgekehrt für positiv gela-
Elektrisches Feld gekrümmten, stromdurchflossenen Leiters dene Leiterteile (Abb. 7).
einer geladenen Kugel In der Literatur finden sich zahlreiche
Hinweise auf den Zusammenhang zwi-
Abb. 3: Was ist die Ursache für das konstante, axial ausgerichtete Feld innerhalb eines beliebig ge-
schen Spannung und Oberflächenladun-
krümmten Leiters?
gen [3-8], die bisher innerhalb der Fachdi-
daktik kaum Beachtung gefunden haben.
Die Hypothese, dass dieser Zugang eine
Chance für einen erfolgreicheren Unterricht
darstellt, sollte durch eine entsprechende
Untersuchung überprüft werden. Eine aus-
führliche Darstellung der geschichtlichen
Entwicklung des Wissens über Oberflä-
chenladungen, Experimente zu deren
Nachweis und eine ausführliche theoreti-
sche Ableitung findet sich bei Assis [9].
Abb. 4: Geladene Trennschichten zwischen Widerstand und Leiter
3 Hinweise für den Unterricht
Soll der Begriff der elektrischen Spannung
zunächst im Zusammenhang mit Oberflä-
chenladungen eingeführt und erst danach
quantitativ als Energie pro Ladung behan-
delt werden, so müssen bestimmte Kennt-
nisse vorausgesetzt oder notwendige Lern-
A B schritte anhand entsprechender Versuche
und unterrichtlicher Hilfe erarbeitet werden.

3.1 Ladung, Coulombkraft, Aufladung


Abb. 5: Anwendung des Gauß’schen Gesetzes auf die Grenzfläche zwischen Leiter und Widerstand von Metallen (Faraday Käfig)
Zunächst sind Kenntnisse über das Phäno-
men Ladung und über die Art der Wechsel-
+ + + + + + + + + + + wirkung zwischen Ladungsträgern unter-
schiedlicher Polarität erforderlich. Weiter-
hin muss bekannt sein, dass sich im In-
nern eines metallischen Leiters keine zu-
+ + + + + + + + + + +
sätzlichen Ladungen befinden. Ein gelade-
ner Leiter trägt zusätzliche, nicht neutrali-
Dichte der sierte Ladungsträger immer nur auf seiner
Oberflächen- Oberfläche. Warum die Oberfläche eines
ladungen Metalls eine Barriere für Elektronen dar-
stellt, ist nicht einfach zu erklären und
muss zunächst als Tatsache mitgeteilt wer-
den. Allerdings kann darauf hingewiesen
Abb. 6: Linearer Gradient der Oberflächenladungsdichte zur Erzeugung eines konstanten elektrischen werden, dass diese Barriere nicht unüber-
Feldes im Innern eines geradlinigen Leiters windlich ist. In den früher gebräuchlichen
Elektronenröhren wurden freie Elektronen
durch Erhitzen eines Drahtes im Vakuum
erzeugt.

3.2 Funktionsweise einer


Spannungsquelle
Weiterhin muss bekannt sein, dass eine Bat-
terie oder allgemeiner eine Spannungsquel-
le stets zwei metallische Anschlüsse auf-
Abb. 7: Verteilung von Oberflächenladungen bei gekrümmten Leitern (qualitativ) weist und die Eigenschaft besitzt, auf Grund
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spezieller Kräfte Elektronen von einem An-


schluss abzuziehen und zu dem anderen
Anschluss hin zu verschieben. Je nach Art
der Spannungsquelle sind diese Kräfte von
unterschiedlicher Natur: Z.B. chemische
Kräfte bei einer Batterie oder elektromagne-
tische Kräfte bei einem Generator.
Die Wirkung dieser Kräfte ist stets die
gleiche: An einem der metallischen Aus-
gänge entsteht ein Überschuss an Elektro-
nen, am anderen Kontakt fehlen diese
Elektronen und die festen Gitterbausteine
treten dort wegen der fehlenden Elektro-
nen als positive Ionen in Erscheinung
(Abb. 8). Je größer die Dichte der negativen Abb. 8: Batterie als Spannungsquelle mit Oberflächenladungen auf den metallischen Kontakten
Ladungen auf den Oberflächen der metal-
lischen Kontakte einer Spannungsquelle
ist, desto größer wird auf Grund der Cou-
lomb-Wechselwirkung ihre gegenseitige
Abstoßung. Entsprechendes gilt für die
positiven Ladungsträger, welche die sich
entfernenden Elektronen festhalten. Von
einer bestimmten, für jede Spannungs-
quelle charakteristischen Größe an verhin-
dern diese Coulombkräfte jede weitere Er-
höhung der Dichte an zusätzlichen La-
dungsträgern. Es kommt zu einem Gleich-
gewichtszustand, d.h. einem stationären
Zustand zwischen der Kraft der Span-
nungsquelle und den rücktreibenden Cou-
lombkräften.

3.3 Oberflächenladungen auf Leitungen


Werden die Kontakte der Spannungsquel-
le mit metallischen Leitern verbunden, so
ist dies gleichbedeutend mit einer Vergrö-
ßerung der Oberfläche dieser Kontakte
(Abb. 9). Auf Grund der gegenseitigen Ab- Abb. 9: Spannungsquelle mit angeschlossenen Leitern und Oberflächenladungen
stoßung zwischen den Ladungsträgern
verteilen sich die Oberflächenladungen auf
diese vergrößerte Oberfläche, wobei sich
ihre Dichte kurzzeitig verringert. Damit
wird für diesen kurzen Augenblick das
Gleichgewicht zwischen der Kraft der
Spannungsquelle und den Coulombkräf-
ten zu Gunsten der ersteren aufgehoben.
Es fließen zusätzliche Elektronen auf die
vergrößerte Oberfläche, bis die für die
Spannungsquelle charakteristische Dichte
erreicht und damit das Gleichgewicht der
Kräfte wieder hergestellt ist.

3.4 Oberflächenladungen im geschlosse-


nen Stromkreis
Werden nun die Enden der Leitungen über
einen Widerstand verbunden, und ist die
Spannungsquelle in der Lage, die abflie-
ßenden Elektronen nachzuliefern, so wer-
den die gesamten freien Elektronen im In-
neren der Leiter langsam im Kreis herum
fließen (Abb. 10). Solange die Spannungs-
quelle „unverbraucht“ ist und die Kraft zur Abb. 10: Geschlossener Stromkreis mit Oberflächenladungen auf den Leitern

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PdN PHYSIK in der Schule / VERSTÄNDNISPROBLEME ELEKTRIZITÄTSLEHRE HEFT 5 / 61. JAHRGANG / 2012

100 50
A F
B E
A B
C D

C D

Abb. 11: Abbildungen bzw. Anlagen zur Demonstration der Druckunterschiede bei Wasserkreisen

Abb. 12: Elektrische Felder innerhalb und außerhalb unterschiedlicher Widerstände (sichtbar gemacht durch aufgestreute Grasssamen)[12]

Trennung und Verschiebung von Ladun- einen merkbaren Energieumsatz zu errei- dem nicht direkt zugänglichen Objektbe-
gen nicht nachlässt, werden sich weiterhin chen, müssen entsprechend große Druck- reich „Stromkreis“ zu erarbeiten.
zusätzliche Ladungen auf den Oberflächen unterschiede vorausgesetzt werden. An ei- Wie schon in einem früheren Artikel
der Leitungen befinden, die nun an der nem solchen Modell lässt sich vor allem ausführlich dargestellt, kann von der Ana-
Fließbewegung der Leitungselektronen im anhand von Druckmessern oder besser logie zwischen Druckdifferenz und Span-
Innern teilnehmen. noch Wassersäulen der Druckverlauf bei nung nicht zu viel erwartet werden. Dies
Reihen- und Parallelschaltungen aufzei- bestätigen auch frühere Studien [11]. Der
4 Elektrische Spannung und Druckdif- gen, um die Ergebnisse dann auf den elek- unterschiedliche Druck in einer Flüssigkeit
ferenz in einem Wasserkreislauf trischen Stromkreis zu übertragen. wird durch die Kompressibilität verur-
Ein mechanisches Modell wie der Wasser- Dieses Verfahren wurde ebenfalls bei sacht: Die Flüssigkeit wird an unterschied-
kreis bietet sich als Modell für den elektri- der Entwicklung einer IPN-Unterrichtsein- lichen Orten verschieden stark kompri-
schen Stromkreis an, da an ihm die Strö- heit zum elektrischen Stromkreis ange- miert. Diese Tatsache ist in der Regel den
mungs- und Druckverhältnisse im Gegen- wendet [10] und mit Hilfe folgender Abbil- Schülern nicht bekannt und es genügt si-
satz zum elektrischen Fall direkt wahr- dungen bzw. Demonstrationen unter- cherlich nicht, diese Tatsache nur mitzutei-
nehmbar sind. Als ein solches Modell eig- stützt (Abb.11). Die Erfahrung während der len. Vielmehr bedarf es einer sehr sorgfäl-
nen sich Wasserkreise, in denen die kineti- Entwicklung der Unterrichtseinheit hat ge- tigen und anspruchsvollen Analyse, um
sche Energie des strömenden Wassers zu zeigt, dass das Wassermodell hilfreich für den Zusammenhang zwischen Druckver-
vernachlässigen ist und nur kleine Fließ- die Kommunikation zwischen Lehrer und lauf längs einer Reihen- und Parallelschal-
geschwindigkeiten auftreten. Um dennoch Schüler ist, um sich eine Vorstellung von tung und unterschiedlichen Dichten des
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Abb. 13: Wechselwirkung zwischen einem stromführenden Leiter und einer geladenen Metallfolie zur Demonstration von Oberflächenladungen

Wassers aufzuzeigen und die Bedingungen Abb. 14: Wechselwirkung zwischen einer stromführenden Leiterkette und einem geladenen Strohhalm
für einen stationären Zustand zu erklären. zur Demonstration von Oberflächenladungen
Soll eine solche Analyse durchgeführt
werden, so kann es hilfreich sein, in Gedan-
ken den Start einer Wasserströmung als
Front einer Verdichtungswelle zu verfol-
gen. Trifft diese Wellenfront auf einen
Widerstand, so bildet sich dort kurzfristig
ein Stau, der eine rücklaufende Welle aus-
löst. Dadurch wird der weitere Zufluss so
weit abgebremst, bis ein Gleichgewicht
zwischen Zu- und Abfluss erreicht ist. Da-
mit dauerhaft Wasser abfließen kann,
muss notwendigerweise am Ausgang des
Widerstands beständig ein geringerer
Druck herrschen als am Eingang. Dies be-
deutet, dass das Wasser am Ausgang eine
etwas geringere Dichte aufweist als am
Eingang, es sich beim Durchgang durch
den Widerstand etwas entspannt. Das Glei-
che ereignet sich bei jedem weiteren Wider-
stand, auf den die Wellenfront trifft. Als
Endergebnis kann sich nur ein stationärer
Zustand einstellen, bei dem über jedem
Widerstand eine dazu proportionale
Druckdifferenz auftritt.
Die gleiche Analyse lässt sich auch auf
die Entstehung und Verteilung von Ober-
flächenladung bei einem Stromkreis an-
wenden. Die Leitungselektronen können
als eine Art „Elektronengas“ angesehen
werden, das sich durch eine Spannungs-
quelle etwas zusammendrücken bzw. aus-
einanderziehen lässt. Allerdings entsteht
hierdurch nur eine Verdichtung oder Ver-
dünnung an den Oberflächen der Leiter
und nicht, wie im mechanischen Fall einer
Wasserströmung, über den gesamten
Querschnitt. Wassermoleküle reagieren auf
Grund kurzreichweitiger Kräfte nur mit ih-
ren nächsten Nachbarn und somit lässt
sich Wasser insgesamt verdichten. Elektro-
nen unterliegen weitreichenden Coulomb-
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5 1 E=0 E=0

4 2

E=0

E=0
3 E=0 E=0

Ew i Ew i

i 6 1 Ew

Bend the wire


5 2

Ew 4 3 i
i
i Ew Extra charge
Eresistor on bend

Abb. 15: Abbildungen aus einem amerikanischen Lehrgang zur Darstellung der Verteilung von Oberflächenladungen [13]

kräften, sie stoßen sich gegenseitig ab und 5.2 Wechselwirkung von Oberflächenla- 6 Ein erfolgreicher Lehrgang als
können im Innern eines metallischen Lei- dungen mit externen Ladungen Anregung
ters nur durch eine genau gleiche Anzahl Der direkte Nachweis einer Wechselwir- In den USA ist ein Lehrgang zum Thema
positiver Ladungen neutralisiert werden. kung von Oberflächenladungen mit exter- „Electric and Magnetic Interaction“ er-
nen Ladungen gelingt, wenn relativ große schienen, in dem ausführlich mit Bildern
5 Experimentelle Möglichkeiten Widerstände und große Spannungswerte wie in Abb. 15 gearbeitet wird [13].
5.1 Demonstration von eingesetzt werden [13]. Unter diesen expe- An Hand dieser Bilder wird erklärt, wie
Oberflächenladungen rimentellen Bedingungen zeigt sich eine die Kraftwirkung auf die Leitungselektro-
Schon im Jahr 1962 hat Jefimenko gezeigt, deutlich sichtbare Ablenkung eines be- nen in einem beliebig geformten Wider-
wie mit relativ einfachen Mitteln die Exis- weglichen Metallplättchens längs einer standsdraht zustande kommt, warum eine
tenz von Oberflächenladungen bei strom- Kette von Widerständen. In diesem Experi- Verringerung des Leiterquerschnittts einen
führenden Widerständen demonstriert ment wird eine Spannung von 10 kV an erhöhten Widerstand darstellt, wodurch
werden kann (Abb.12) [12]. Als Widerstän- eine Reihenschaltung bestehend aus vier das Feld innerhalb eines Widerstandes her-
de wurden Streifen aus roter Tinte auf eine Widerständen angelegt und die Wechsel- vorgerufen wird u. Ä. Solche Abbildungen
Glasscheibe aufgebracht, an die eine rela- wirkung zwischen den Oberflächenladung können – auch in halbfertiger Ausführung
tiv hohe Spannung (> 10 kV) angelegt wur- auf den Leiterteilen zwischen den einzel- – als Anregungen für ein Klassengespräch
de. Die Anzeige eines elektrischen Feldes nen Widerständen und einem Metallfähn- oder als Übungsaufgabe dienen, um sich
außerhalb und innerhalb des Widerstan- chen untersucht. einen genaueren und detaillierten Einblick
des erfolgte durch aufgestreute Grassa- Deutlich wird, dass in der Mitte der Wider- in die Zusammenhänge beim elektrischen
men, die sich im elektrischen Feld entspre- standsreihe das Metallfähnchen nicht rea- Stromkreis zu erarbeiten.
chend ausrichten. Grassamen zeichnen giert, während an den beiden Enden nach
sich durch äußerst feine Spitzen an ihren Berührung eine Aufladung erfolgt und da- 7 Fazit
Enden aus, die bei Vorhandensein eines durch eine Abstoßung sichtbar wird. Wird Die Einführung der elektrischen Spannung
elektrischen Feldes die Ausbildung eines das Metallfähnchen ersetzt durch einen als Arbeitsfähigkeit und ihre quantitative
relativ großen Dipolmomentes begünsti- geladenen Nichtleiter (mittig aufgehäng- Definition als Energie pro Ladung ist einsei-
gen. Hinzu kommen die kleine Auflageflä- ten Strohhalm), so lässt sich auch die tig in ihrer mathematischen Ausrichtung.
che von Grasssamen und die dadurch be- unterschiedliche Polarität der Oberflä- Aus didaktischer Sicht ist dieser Ansatz als
dingte geringe Reibung, die durch Vibratio- chenladungen an den beiden Enden der zu abstrakt und unanschaulich zu kritisie-
nen an der Glassscheibe noch weiter redu- Widerstandsreihe nachweisen [15], siehe ren. Er unterschlägt den Zusammenhang
ziert werden kann. Abb. 14. zwischen Spannung und Oberflächenla-
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dungen und nimmt somit den Schülern die [3] Marcus, A. (1942): The electric field associated [10] Härtel, H. (1981): IPN-Unterrichtseinheit
Möglichkeit, sich eine anschauliche Vorstel- with a steady current in a long cylindrical conduc- „Stromstärke, Spannung; Widerstand“ für das
lung zu erarbeiten. Sofern die Schüler nicht tor. In: American Journal of Physics, 9, 225-226 7. bis 8. Schuljahr. Stuttgart: Klett (Überarbei-
von alleine danach fragen, was Spannung [4] Rosser, W.G.V. (1963): What makes an elec- tete und gekürzte Fassung verfügbar unter
eigentlich ist, sollten sie zu solchen Fragen tric current flow. In: American Journal of Phy- http://www.astrophysik.uni-kiel.de/~hhaertel/
ermutigt werden, um dann die obigen Über- sics, 31, 884-885 PUB/UE-7.pdf)
legungen im Unterricht nachzuvollziehen. [5] Sommerfeld, A. (1964) :Elektrodynamik. [11] Schwedes, H., Dudeck, W.-G. & Seibel, C.
Auf alle Fälle gehören solche Überlegungen Leipzig, S. 113-117 (1995): Elektrizitätslehre mit Wassermodellen.
zu einer qualifizierten Unterrichtplanung, [6]Härtel, H. (1979): Zur Einführung des Span- In: Praxis der Naturwissenschaften - Physik, 44,
um als Lehrkraft jederzeit auf entsprechen- nungsbegriffs in der Sek. I. In: Härtel, H. S. 28-36
de Fragen angemessen reagieren zu können (Hrsg.), Zur Didaktik der Physik und Chemie, [12] Jefimenko, O. (1962): American Journal of
oder zu solchen Fragen anzuregen. ■ Hannover: Schroedel, S. 154-156 Physics, 30 (1962), S.19ff.
[7] Walz, A. (1984): Felder um stationäre Strö- [13] R. Chabay, B, Sherwood: Matter and Inter-
Literatur me. In: Physikunterricht, 2, 5, S. 61-68 action, Volume II: Electric & Magnetic Interac-
[1] Härtel, H. et. al. (2005): Test about Voltage - [8]Härtel, A. (1985): The electric voltage: What tion, John Wiley, 2002.
A Basic Term in ElectricityResults. do students understand? What can be done to [14] Ein Video zu diesem Versuch findet sich un-
http://www.astrophysik.uni-kiel.de/~hhaertel/ help for a better understanding? In: Duit, R; ter http://www.astrophysik.uni-kiel.de/
Spannung/voltage_test_result.pdf Jung, W. &. v. Rhöneck, C. (Hrsg.), Aspects of hhaertel/ PUB/Strohhalm.htm
[2]Weber, W. (1993): Elektrodynamische Understanding Electricity. Proceedings of an
Maassbestimmungen insbesondere Wider- International Workshop, IPN-Arbeitsberichte
standsmessungen. Abhandlungen der Königl. 59, Kiel: IPN, 353-362. Anschrift des Verfassers:
Sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, mathe- [9] Assis, A. & Hernandes, J. (2007): The Electric Dr. Hermann Härtel, Gastwissenschaftler am
matisch- physische Klasse, 1, S.199–381, 1852. Force of a Current. Montreal: Apeiron (verfüg- ITAP - Institut für Theoretische Physik und As-
Nachdruck in Wilhelm Weber’s Werke, Vol. 3, We- bar unter: http://www.ifi.unicamp.br/ trophysik, Universität Kiel,
ber, H. (ed.), Berlin: Springer, S. 301-471. ~assis/The-Electric-Force-of-a-Current.pdf) E-Mail: haertel@astrophysik.uni-kiel.de

Die Natur macht keine Sprünge –


auch nicht beim Ohm’schen Gesetz
H. Härtel

1 Stationäre Zustände ohne Übergang Gegeben sei ein elektrischer Stromkreis, Das Ergebnis war eindeutig negativ [1].
– ein didaktisches Problem der aus einer Batterie und einem Wider- Die überwiegende Anzahl der Schüler war
Das Thema „Elektrischer Stromkreis“ ist stand besteht und in dem ein Strom fließt, noch nie mit der Existenz von Übergangs-
Bestandteil des Physikunterrichts in prak- dessen Stärke durch das Ohm’sche Gesetz prozessen bekannt gemacht worden, noch
tisch allen Ländern. Dabei ist ein gleichar- gegeben ist (Abb. 1). Wenn der Widerstand hatten sie etwas von deren Existenz ver-
tiges Vorgehen festzustellen, in dem nur plötzlich vergrößert wird, so verringert nommen. Übergangsprozesse in elektri-
stationäre Zustände und die zugehörigen sich die Stromstärke derart, dass ein neuer schen Stromkreisen sind normalerweise
Gesetze behandelt werden, während die stationärer Zustand erreicht wird, der sehr kurzzeitig und nur mit einigem Auf-
naturgemäß immer vorhandenen Über- wiederum durch das Ohm’sche Gesetz ge- wand experimentell zu bestimmen. Dieser
gangsprozesse ohne Beachtung bleiben. In geben ist. Umstand mag ein Anlass dafür gewesen
einem in mehreren europäischen Ländern Frage: Wie erfolgt dieser Prozess des sein, diese Prozesse aus der Betrachtung
durchgeführten Test wurde Schülern und Übergangs von einem stationären Zustand im Unterricht auszuschließen. Sofern das
Studenten folgende Aufgabe gestellt: zum anderen? Ziel des Physikunterrichts darin besteht,

Abb. 1: Stromkreis aus Batterie und Widerstand

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