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Warteschlangentheorie

Die Warteschlangentheorie (oder Bedienungstheorie) ist ein Teilgebiet der


Wahrscheinlichkeitstheorie und der Unternehmensforschung und somit ein Beispiel für angewandte
Mathematik. Sie beschäftigt sich mit der mathematischen Analyse von Systemen, in denen Aufträge
von Bedienungsstationen bearbeitet werden, und gibt Antwort auf die Fragen nach den
charakteristischen Größen wie der Stabilität des Wartesystems, der Anzahl der Kunden im System,
ihrer Wartezeit usw. Sie unterstützt unter anderem Führungsentscheidungen über den
Personaleinsatz und den Abfertigungsprozess und hilft, ein System zur Leistungsmessung
auszubauen. Ihre Anwendung reicht von Computern, Telekommunikationssystemen,
Verkehrssystemen über Logistik bis zu Fertigungssystemen.

Inhaltsverzeichnis
Systematik
Anwendungsbereiche
Geschichte
Siehe auch
Literatur
Weblinks

Systematik
Grundsätzlich besteht ein Wartesystem aus einem Bedienbereich, in dem ein oder mehrere
Ausführungseinheiten Aufträge bearbeiten, und einem Warteraum, in dem eintreffende Aufträge bei
gerade nicht freien, aber verfügbaren Ausführungseinheiten auf die Bedienung warten. Abgefertigte
Aufträge verlassen das System.

Ein Wartesystem wird mit sechs Parametern beschrieben (hier in Reihenfolge der Kendall-Notation):

Ankunftsprozess
Der stochastische Prozess, der die Ankunft neuer Aufträge beschreibt. Häufig wird hierzu ein
Poisson-Prozess verwendet.
Servicezeitverteilung
Die stochastische Verteilung der Ausführungszeiten (die reine Bearbeitungsdauer eines
Auftrages ohne Wartezeit). In vielen Fällen wird hierzu eine Exponentialverteilung
angenommen.
Anzahl der Ausführungseinheiten
Anzahl der Einheiten, die parallel Aufträge bearbeiten können. Beispielsweise die Anzahl der
(geöffneten) Kassen in einem Supermarkt.
Kapazität der Warteschlange
Gibt die maximale Anzahl von wartenden Aufträgen an (die maximale Länge der
Warteschlange). In vielen Fällen wird diese als unendlich groß angenommen ( ).
Population
Die Menge aller möglichen Aufträge, aus denen durch den Ankunftsprozess Aufträge ins
System gelangen. Wird in vielen Fällen als unendlich groß angenommen ( ).
Abfertigungsdisziplin
Gibt an, in welcher Reihenfolge in der Warteschlange wartende Aufträge abgearbeitet werden.
Meistens wird das FCFS-Prinzip angewendet. Dies bedeutet, dass jeweils der Auftrag am
vorderen Ende der Schlange als nächster abgefertigt wird.

Mittels dieser Annahmen liefert die Warteschlangentheorie Aussagen über Leistungsgrößen wie die
mittlere Warteschlangenlänge, die Anzahl der Kunden im Wartesystem, die mittlere Wartezeit oder
Ähnliches. Von David George Kendall wurde eine einheitliche Notation zur Beschreibung der
Wartesysteme entwickelt, die Kendall-Notation. Wartesysteme ohne Warteraum werden als
Verlustsysteme bezeichnet. Zentrale Aussagen sind das Gesetz von Little, Erlang B und Erlang C wie
auch der Satz von Gordon–Newell.

Anwendungsbereiche
Die Warteschlangentheorie wird bei der Analyse von Computern, Telekommunikationssystemen
(Callcenter), Verkehrssystemen (Verkehrsfluss), Logistik und Fertigungssystemen eingesetzt. Je nach
Anwendungsbereich haben die abstrakten Begriffe Auftrag und Bedienungsstation sehr
unterschiedliche Bedeutungen.

Computer
Auftrag = Task; Bedienungsstation = CPU
Telekommunikation
Auftrag = Telefonanruf; Bedienungsstation = Telefonleitung
Verkehrssystem
Auftrag = Autofahrer; Bedienungsstation = Tankstelle
Fertigung
Auftrag = zu montierende Maschine; Bedienungsstation = Monteur

Mehrere solcher (einfacher) Wartesysteme können zu sogenannten Warteschlangennetzen


zusammengesetzt werden. Zur mathematischen Analyse von Wartesystemen wurden verschiedene
Ansätze entwickelt. Dazu gehören Markow-Ketten, Petri-Netze und die ereignisdiskrete Simulation.

Geschichte
Die erste Anwendung der Warteschlangentheorie erfolgte durch den Mathematiker Agner Krarup
Erlang 1909 zur Dimensionierung von Telefonvermittlungsanlagen (The Theory of Probabilities and
Telephone Conversations). In den 1930er Jahren ermöglichte die Pollaczek-Chintschin Formel
weitere Vereinfachungen der Theorie. Spätere, bedeutende Beiträge kamen von David George
Kendall, Dennis Victor Lindley, James R. Jackson, Gordon, Gordon F. Newell, Felix Pollaczek, Carl
Adam Petri, Leonard Kleinrock und Paul Ehrenfest. Durch die Entwicklung von Computern und
Computernetzwerken gewann die Forschung in diesem Bereich auch an Bedeutung.

Siehe auch
Warteschlangen-Petri-Netz
Wartezeitparadoxon
Erneuerungstheorie, Erlang (Einheit), Netflow, Personalbedarfsplanung, Servicelevel

Literatur
Natalja N. Amossova: Bedienungstheorie : Eine Einführung. Teubner, Leipzig 1986, ISBN 3-322-
00309-4.
Dieter Baum: Grundlagen der Warteschlangentheorie. Springer Spektrum, Berlin/ Heidelberg
2013, ISBN 978-3-642-39631-1.
Gunter Bolch, Stefan Greiner, Hermann de Meer, Kishor S. Trivedi: Queuing Networks and
Markov Chains. Wiley & Sons, Hoboken, New Jersey, 2006.
Donald Gross, Carl M. Harris: Fundamentals of Queuing Theory. Wiley & Sons, New York 1994.
Heinz Häfner: Ein Warteschlangenansatz zur integrierten Produktionsplanung. Physica-Verlag,
Heidelberg 1992, ISBN 3-7908-0579-3. (zugleich Dissertation U Mannheim)
Uwe Kiencke: Ereignisdiskrete Systeme: Modellierung und Steuerung verteilter Systeme. 2.,
überarb. und erw. Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2006, ISBN 3-486-58011-6.
Edward D. Lazowska, John Zahorjan, G. Scott Graham, Kenneth C. Sevcik: Quantitative System
Performance: Computer System Analysis Using Queueing Network Models. Prentice-Hall, 1984.
(cs.washington.edu (http://www.cs.washington.edu/homes/lazowska/qsp/))
Volker Rausch: Bediensysteme der Instandhaltung. Eine Verknüpfung von mathematisch-
statistischen Methoden und der Bedientheorie. SVH, Saarbrücken 2010, ISBN 978-3-8381-1492-
7.
Volker Rausch: Offene und geschlossene Bediensysteme in der Produktions- und
Verfahrenstechnik. Grin Verlag, München 2015, ISBN 978-3-656-89453-7.
Markus Sommereder: Modellierung von Warteschlangensystemen mit Markov-Ketten :
Grundlagen, Konzepte, Methoden. Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-5697-
5.

Weblinks
Wiktionary: Warteschlangentheorie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme,
Übersetzungen
Einführung mit Warteschlangenrechner und Anwendungen. (http://www.stochastik.tu-clausthal.de/
Presse/Schulen) In: stochastik.tu-clausthal.de
Unterlage zur Warteschlangentheorie. (http://www.telecomm.at/documents/Warteschlangen.pdf)
In: telecomm.at (PDF)

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Diese Seite wurde zuletzt am 20. Dezember 2020 um 23:24 Uhr bearbeitet.

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