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HERFRIED MUNKLER

BERLIN

DER
DREISSIGJÄHRIGE
KRIEG
EUROPÄISCHE KATASTROPHE,
DEUTSCHES TRAUMA
1618-1648
Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg:

Herfried Münkler verbindet große Geschichtsschreibung


mit dem Blick auf unsere Gegenwart

Als am 23. Mai 1618 protestantische Adelige die Statthalter des römisch­
deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der Prager Burg stürzten,
konnte niemand ahnen, was damit seinen Anfang nahm: der längste Krieg
auf deutschem Boden, zugleich der erste im vollen Sinne «europäische
Krieg». Herfried Münkler erzählt vom Schwedenkönig Gustav Adolf und
von großen Feldherren wie Wallenstein oder Tilly, von geschickter Bündnis­
politik, dramatischen Schlachten und einer nie da gewesenen Gewalt, die
ganze Landschaften verheerte. Dabei behält er auch unsere Zeit im Blick:
Besser als alle späteren Konflikte, so zeigt Münkler, lässt uns der
Dreißigjährige Krieg die Kriege der Gegenwart verstehen.

«Eine monumentale Darstellung ... Münkler zeichnet den


Dreißigjährigen Krieg mit einem Detailreichtum nach,
den es in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung seit
mehr als hundert Jahren nicht mehr gegeben hat.»

GUSTAV SEIBT, SÜ D DEU TSCH E ZEITUNG


Noch heute gilt «Dreißigjähriger Krieg» als Metapher
für die Schrecken des Krieges schlechthin, dauerte es
doch Jahrzehnte, bis die Verwüstungen überwunden
waren, die der längste Krieg auf deutschem Boden
angerichtet hatte. Dabei war, als am 23. Mai 1618
protestantische Adelige die Statthalter des römisch­
deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der
Prager Burg stürzten, kaum abzusehen, was folgen
sollte: ein Flächenbrand, der erste im vollen Sinne
«europäische Krieg».

Fesselnd erzählt Herfried Münkler vom Schweden­


könig Gustav Adolf und dem Feldherrn Wallenstein,
von Kardinalen und Kurfürsten, von den Lands­
knechten und den durch Krieg und Krankheiten -
ein Viertel der Bevölkerung fand den Tod - verheer­
ten Landschaften Deutschlands. Auch die europäi­
sche Staatenordnung lag in Trümmern - und doch
entstand auf diesen Trümmern eine wegweisende
Friedensordnung, mit der eine neue Epoche ihren
Ausgang nahm.

Herfried Münkler führt den Krieg in all seinen


Aspekten vor Augen, behält dabei aber auch unsere
Gegenwart im Blick: Der Dreißigjährige Krieg kann
uns, wie er zeigt, besser als alle späteren Konflikte
die Kriege der Gegenwart verstehen lassen. Eine
packende Gesamtdarstellung, die historische Erzäh­
lung und politische Analyse vereint.
Herfried Münkler
geboren 1951, ist Professor für Politikwissenschaft
an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied
der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Wissenschaften. Viele seiner Bücher gelten als
Standardwerke, etwa «Die neuen Kriege» (2002),
«Imperien» (2005), «Die Deutschen und ihre
Mythen» (2009), das mit dem Preis der Leipziger
Buchmesse ausgezeichnet wurde, sowie «Der
Große Krieg» (2013) und «Die neuen Deutschen»
(2016), die beide monatelang auf der «Spiegel»-
Bestsellerliste standen.

Umschlaggestaltung: Frank Ortmann


Umschlagabbildung: Radierung (17. Jh.) von Jan Martszen d. J. /bpk
Foto des Autors: © Caro/Zensen
HERFRIED M Ü N K LER

DER
D REISSIG JÄ H RIG E
KRIEG

EU RO PÄISCH E KA TA STRO PH E,
DEUTSCHES TRAUM A
1618-1648

Rowohlt • Berlin
4- Auflage Dezember 2017
Copyright © 2017 by Rowohlt • Berlin Verlag GmbH, Berlin
Karten Peter Palm, Berlin
Satz Arno Pro O T F (inDesign) bei
Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
Druck und Bindung G G P Media GmbH, Pößneck,
Germany
ISB N 978 3 87134 813 6
Für Marina
INHALT

EIN LEIT U N G
DEU TSCH E ERIN N ER U N G UND
DEUTSCHES TRAUM A

Historische Zäsuren und antiquarisches Interesse 15 Die Westfälische


Ordnung, der Aufstieg des Staates und die Verstaatlichung des Krieges 22
Hierarchie und Gleichgewicht 24 Die Vielfalt der Kriegstypen 29 Res­
sourcenverbrauch, Kriegsfinanzierung und Heeresversorgung 31 Der
Dreißigjährige Krieg und wir 36

1. K A P I T E L
« IH R K E N N T N IC H T DIE FO LG EN E U R E S T U N S » :
AN FÄ N G E UND V O RG ESCH IC H TEN

Fenstersturz in Prag 41 Anlässe und Ursachen 52 Der Streit um das


Marburger Land zwischen den hessischen Landgrafen 61 War der Krieg
wirklich «unvermeidlich»? 67 Kalenderstreit und Reichsexekution
gegen Donauwörth 75 Die Gründung von Union und Liga 82 Der Erb­
schaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 101 Einige Schlussfol­
gerungen für die Darstellung des Krieges 119

2. K APITEL
EIN A U FST A N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T :
DER BÖ H M ISCH -PFÄ LZISCH E K R IE G

Auf Bündnissuche 121 Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian 137


A uf dem böhmischen Kriegsschauplatz 14s König für ein Jahr: Friedrich
von der Pfalz in Böhmen 158 Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 166
Das kaiserliche Strafgericht über die böhmischen Rebellen 184 Der Krieg
um die Pfalz 193 Der Markgraf von Baden und Christian von Braun­
schweig zos Das Ende des Kriegs um die Pfalz Z23 Symbolkrieg, Propa­
gandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 130

3. K APITEL
FO RT G A N G UND A U SW EIT U N G :
DER N IED ERSÄ CH SISC H -D Ä N ISCH E K R IE G

Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht 141 Auftritt Wallenstein 251 Däne­


marks Kriegseintritt 261 Wallensteins Heer 270 Eine Kriegsetappe:
Der Kampf um die Dessauer Brücke 290 Der oberösterreichische Bau­
ernaufstand und der Ungarnfeldzug Mansfelds und Wallensteins 302
Die Schlacht von Lutter am Barenberg 324 Die Weiterführung des Krie­
ges 333 Das spanisch-kaiserliche Ostseeprojekt 342 Das Ringen um
Stralsund: Episode oder Wende des Krieges? 356 Der Lübecker Friedens­
schluss und das kaiserliche Restitutionsedikt 363

4. K A P IT E L
IT A LIEN ISC H -PO LN ISC H ES ZW ISC H EN SPIEL

Ein europäischer Krieg auf deutschem Boden 381 Der mantuanische Erb­
folgekrieg 392 Wallensteins polnischer Diversionskrieg und der Feldzug
in die Niederlande 406
5. K A P IT E L
D IE Z E I T D E R G R O S S E N S C H L A C H T E N :
DER SCH W ED ISCH E K R IE G

Gustav Adolfs Landung aufUsedom 41s Die Debatte über Gustav Adolfs
Kriegsgründe 422 Das Streben nach Neutralität: Die Zögerlichkeit der
protestantischen Fürsten, sich den Schweden anzuschließen 428 Wal­
lensteins Entlassung 43s Konsolidierung der schwedischen Position in
Mecklenburg und Pommern 440 Gustav Adolfs Heer 453 Der Leipziger
Konvent 461 Die Vernichtung Magdeburgs 464 Entscheidungszwang
und Entscheidungsvermeidung: Johann Georg von Sachsen 486 Breiten­
feld, die blutigste Schlacht des Krieges 491 Gustav Adolfs Siegeszug durch
Deutschland 504 Zwischenspiele der Diplomatie 526 Tillys Ende an
Lech und Donau 533 Die Verwüstung Bayerns, das Schwanken Sachsens
und der Wiederaufstieg Wallensteins 547 Stellungskrieg bei Nürnberg
und Entscheidungsschlacht bei Lützen: zwei Etappen im Duell zwischen
Gustav Adolf und Wallenstein 562 Politische Bewegung, militärischer
Stillstand 596 Wallensteins Ermordung in Eger 617

6. K A P I T E L
EIN K R IE G , D ER N IC H T EN D EN W ILL:
VOM Z E R F A L L D ER M A C H T

Das Eigenleben des Krieges und seine Bilder 635 Die Schlacht bei Nörd-
lingen und der Zusammenbruch der schwedischen Macht in Oberdeutsch­
land 645 Vom Prager Frieden zur Schlacht von Wittstock 660 Die große
Klage: Unglücksbewältigung in Literatur und bildender Kunst 679 Das
Eingreifen Frankreichs: Verhandlungen, Bündnisse und der Krieg am
Oberrhein 711 Der Niedergang der spanischen Macht: finanziell und
militärisch, zu Wasser und zu Lande 737
7. K A P I T E L
ZW ISCH EN K R IE G UND FR IED EN :
DER LAN GE W EG NACH M Ü N ST ER UND
OSNABRÜCK

Die Präliminarfriedensvereinbarung 745 Die zweite Schlacht von Brei­


tenfeld und der schwedisch-dänische Krieg 758 Die Lage an Nieder- und
Oberrhein und der Untergang des kaiserlichen Heeres bei Jankau 769
Der Beginn der Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück 783
Der Westfälische Frieden 789

SCHLUSS
DER D R EISSIG JÄ H R IG E K RIEG ALS AN ALYSEFO LIE
G EG EN W Ä R TIG ER UND Z U K Ü N FT IG E R K R IE G E

Was heißt «Ende der Westfälischen Ordnung»? 817 Historische Analo­


gien als methodische Herausforderung 821 Die Kriege im Vorderen Ori­
ent und in Nordafrika als neuer Dreißigjähriger Krieg 825 Strukturanalo-
gien 834

Anmerkungen 845
Literatur 925
Namenregister 958
Dank 972
Bildnachweis 975
EINLEITUN G
DEUTSCHE ERINNERUNG UND
DEUTSCHES TRAUMA

ie Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg war das große Trauma


der Deutschen, bis dieses Trauma durch die kollektive Erinnerung
an die Gewalt und Zerstörung abgelöst wurde, die mit den beiden Welt­
kriegen einhergingen. Die Verwüstung der Städte, die Verheerung des Lan­
des und das massenhafte Sterben der Menschen in den Jahren von 1618 bis
1648 standen beispielhaft für die Schrecken des Krieges,1 doch diente der
Dreißigjährige Krieg darüber hinaus als Erklärung dafür, warum die deut­
sche Geschichte, so die Annahme, seit dem 17. Jahrhundert ganz anders
verlaufen sei als die der meisten europäischen Nationen: Während diese
politisch handlungsfähige Staaten gebildet und ihre jeweiligen Interessen
in gegenseitiger Konkurrenz zur Geltung gebracht hätten, sei Deutschland
zum Tummelplatz für die Heere ebenjener Mächte geworden und habe erst
mit großer Verspätung einen eigenen Nationalstaat bilden können. Dass
die Deutschen unter den Europäern zur «verspäteten Nation» wurden,
wie die von dem Soziologen Helmuth Plessner geprägte Formel lautet,2
hat dieser Erinnerung zufolge ihre Ursache im Dreißigjährigen Krieg, der
seinerseits wiederum auf die konfessionelle Spaltung des Landes zurück­
zuführen sei.
Gemäß dieser Beschreibung ist Deutschland einen «Sonderweg»
gegangen: Während sich bei den mächtigen Akteuren der europäischen
Politik, bei Frankreich und England, Spanien und Schweden, eine verbind­
liche Konfession durchsetzte, blieb Deutschland konfessionell gespalten,
12 E IN L E IT U N G

und im Westfälischen Frieden wurde dies festgeschrieben. Die Spaltung,


so die geschichtspolitische Meistererzählung weiter, habe sich im 18. Jahr­
hundert zum machtpolitischen Gegensatz zwischen dem protestantischen
Preußen und dem katholischen Österreich, zwischen der Herrscherfami­
lie der Hohenzollern und dem Hause Habsburg zugespitzt, der bald zwei
Jahrhunderte lang einer deutschen Nationalstaatsgründung entgegenstand.
Folgt man dieser Sichtweise, so ist der im Dreißigjährigen Krieg ausgetra­
gene Konflikt erst 1866 in der Schlacht bei Königgrätz (beziehungsweise
Sadowa, wie man in Österreich sagt) zugunsten des protestantischen Nor­
dens entschieden worden - geographisch nicht zufällig in Böhmen, also
dort, wo der Dreißigjährige Krieg seinen Anfang genommen hat. Der Krieg
habe Deutschland gegenüber seinen Nachbarn um zwei Jahrhunderte
zurückgeworfen, und deswegen müssten die Deutschen in Jahrzehnten
nachholen, wozu andere Jahrhunderte Zeit gehabt hätten. Die Trauma-
Erzählung wurde damit zum Beschleunigungsimperativ der Politik.
Als Spätankömmling, so die politische Pointe der Erzählung, habe
Deutschland sich seinen Platz unter den europäischen Großmächten nach­
träglich erobern müssen, und dabei sei es vor allem mit jenen Mächten in
Konflikt geraten, die sich im Dreißigjährigen Krieg Einfluss auf die deut­
sche Politik verschafft und diesen Einfluss im Westfälischen Frieden auf
Dauer gefestigt hätten. Die drei Einigungskriege, die Preußen zwischen
1864 und 1870 geführt hat, konnten demnach als Revision der Ergebnisse
des Dreißigjährigen Krieges angesehen werden, und die den Deutschen
angetane Gewalt wurde zur Rechtfertigung für die nunmehr von den Deut­
schen den anderen zugefügte Gewalt. Wer sich als Opfer begreift, hat off
keine Probleme damit, andere zum Opfer zu machen. Noch bei Beginn des
Ersten Weltkriegs gehörte es zu den gängigen Begründungen für das mili­
tärisch offensive Vorgehen der Deutschen, man dürfe nicht zulassen, dass
dem neuen Reich dasselbe Schicksal widerfahre wie dem alten Reich im
Dreißigjährigen Krieg. Das im kollektiven Gedächtnis der Nation veran­
kerte Trauma wurde zur Rechtfertigung eines aggressiven Auftretens und
zum Imperativ, die Wiederholung eines solchen Krieges auf deutschem
Territorium unter allen Umständen zu verhindern. Das Mittel, das die
Geschichtserzählung nahelegte, war eine Außenpolitik, die vor einem Prä-
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 13

ventivkrieg nicht zurückschreckte. Dies wiederum, so die Anschlusserzäh­


lung von einem zweiten Trauma, habe dazu beigetragen, dass es in Europa
im 20. Jahrhundert zu einem weiteren «Dreißigjährigen Krieg» gekom­
men sei, wie die beiden zu einem Geschehen zusammengefügten Welt­
kriege bezeichnet worden sind3 - eine überaus bittere Pointe, wenn vom
«Lernen aus der Geschichte» die Rede ist.
Lange Zeit stand neben dem traumagespeisten Imperativ aggressiver
Machtpolitik die ebenfalls durch den Rückbezug auf den Dreißigjährigen
Krieg gestützte Überzeugung, einen derart langen und gesellschaftlich ver­
heerenden Krieg nicht noch einmal zulassen zu dürfen. Es war der greise
Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, der legendäre Sieger von König-
grätz und Sedan, der am 14. Mai 1890 in einer Reichstagsrede vor einem
neuen großen Krieg in Europa warnte, einem Krieg, der nicht «in einem
oder in zwei Feldzügen» erledigt sein werde; «es kann ein siebenjähriger,
es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, - und wehe dem, der Europa in
Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!»4
Nahm man diese Warnung ernst, so lief sie darauf hinaus, die Entste­
hung von politischen Konstellationen zu verhindern, die denen vor Beginn
des Dreißigjährigen Krieges ähnelten. Das konnte zu einer klug angelegten
Entspannungspolitik führen, ebenso aber zur Planung kurzer Kriege, die
in schnellen Feldzügen entschieden werden sollten. In diesem Fall wirkte
das Geschichtsnarrativ des Dreißigjährigen Krieges wie eine Aufforderung,
Kriege nach der zügig gesuchten Entscheidungsschlacht umgehend wie­
der zu beenden. Das Problem der deutschen Politik vor 1914 war, dass sie
zwischen beiden Optionen, der Kriegsverhinderung auf der einen und der
schnellen Niederwerfung des Gegners auf der anderen Seite, hin und her
schwankte. Die Trauma-Erzählung ließ keine eindeutige Entscheidung und
Festlegung zu.
Ms Helmuth von Moltke vor einem neuen Dreißigjährigen Krieg
warnte, äußerte er sich nicht nur als professioneller Militär, sondern
brachte auch die Vorstellungswelt des deutschen Bürgertums zum Aus­
druck, die durch die Schilderungen des Dreißigjährigen Kriegs in Gustav
Freytags weitverbreitetem Werk Bilder aus der deutschen Vergangenheit
- erschienen in mehreren Bänden zwischen 1859 und 1867 - geprägt war.
14 E IN L E IT U N G

«Wie der Kampf», so resümiert Freytag die Situation nach Ende des Krie­
ges, «waren auch die Zustände, welche nach dem Kriege eintraten, außer
allem Vergleich mit anderen Niederlagen kultivierter Völker. Gewiß sind
in einzelnen Zeiträumen der Völkerwanderung große Landschaften Euro­
pas noch mehr verödet worden, zuweilen hat im Mittelalter eine Pest die
Bewohner großer Städte ebensosehr dezimiert; aber solches Unglück war
entweder lokal oder wurde leicht durch den Überschuß von Menschen­
kraft geheilt, der aus der Umgegend auf dem geleerten Grund zusammen­
strömte, oder es fiel in eine Zeit, wo die Völker nicht fester auf dem Boden
standen als lockere Sanddünen am Strand, welche leicht von einer Stelle
zur andern geweht werden. » 5

Freytag ging es darum, das Exzeptionelle dieses Krieges herauszustel­


len, seine Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit vor allem im Hinblick auf
das Unglück und Elend, das den Deutschen widerfahren sei: «Hier aber
wird eine große Nation mit alter Kultur, mit vielen hundert festgemauerten
Städten, vielen tausend Dorffluren, mit Acker- und Weideland, das durch
mehr als dreißig Generationen desselben Stammes bebaut war, so verwüs­
tet, daß überall leere Räume entstehen, in denen die wilde Natur, die so
lange im Dienste des Menschen gebändigt war, wieder die alten Feinde
des Menschen aus dem Boden erzeugt, wucherndes Gestrüpp und wilde
Tiere. Wenn ein solches Unglück plötzlich über eine Nation hereinbräche,
es würde ohne Zweifel auch eine kleine Zahl der Überlebenden unfähig
machen ein Volk zu bilden, ja schon das Entsetzen würde sie vernichten;
hier aber hat das allmähliche Eintreten der Verringerung den Überleben­
den das Schreckliche zur Gewohnheit gemacht. Eine ganze Generation
war aufgewachsen innerhalb der Zeit der Zerstörung. Die gesamte Jugend
kannte keinen anderen Zustand als den der Gewalttat, der Flucht, der all­
mählichen Verkleinerung von Stadt und Dorf, des Wechsels der Konfes­
sion. » 6 Gustav Freytags Zeilen können als Kurzfassung der deutschen
Trauma-Erzählung gelten.
Das von ihm prominent entfaltete Opfernarrativ hatte eine ambivalente
Wirkung: 7 Auf der einen Seite fügte es sich in einen Zustand der Trauer,
des melancholischen Erinnerns und der politischen Zurückhaltung; auf
der anderen Seite verschaffte es denen, die als Opfer der Geschichte und
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma iS

der geopolitischen Konstellationen vorgestellt wurden, ein gutes Gewissen,


wenn es darum ging, die eigenen Ansprüche durchzusetzen: Man war ja
Opfer und hatte in der Vergangenheit gelitten, weswegen Gegenwart und
Zukunft dafür entschädigen mussten. Je eindringlicher das Opfernarrativ,
desto größer der Anspruch auf Ausgleich. Das lässt sich an der Haltung des
deutschen Bürgertums beobachten, dem die meisten Leser Gustav Frey­
tags entstammten und von dem er, ein politisch Liberaler, erwartete, dass es
im neugeschaffenen Deutschen Reich eine führende Rolle spielen werde.8
Es war vor allem das Bildungsbürgertum, das die Opfererzählung des Drei­
ßigjährigen Krieges aufsaugte und daraus schlussfolgerte, man dürfe unter
keinen Umständen noch einmal in diese Rolle hineingedrängt werden.
Man verstand Machtpolitik darum nicht als ein Projekt, dessen Chancen
und Risiken, Erträge und Kosten kühl kalkuliert werden mussten, sondern
glaubte, ein Recht auf die Umkehrung der früheren Konstellationen zu
haben. Sobald moralische Ansprüche ins Spiel kommen, erscheinen Risi­
kokalkulationen und Kosten-Nutzen-Erwägungen als kleinliches Denken
gegenüber dem, was als historische Gerechtigkeit verstanden wird. Hierin
lag die politische Wirkung der Opfererzählung und der traumatischen
Fixierung auf den Dreißigjährigen Krieg in der kollektiven Erinnerung der
Deutschen.

Historische Zäsuren
und antiquarisches Interesse

Aber ist die Darstellung der Kriegsfolgen bei Gustav Freytag überhaupt
zutreffend? Oder hatte er maßlos übertrieben? Hatte sich das deutsche
Bürgertum im 19. Jahrhundert womöglich in ein Trauma «hineinerzählen»
lassen, für das es keine Grundlage gab? Diente der Dreißigjährige Krieg
nur als Pauschalentschuldigung für alles, was in der deutschen Geschichte
schiefgelaufen war, und als Generalerklärung für alle Unterschiede etwa
zur Entwicklung Frankreichs, das man sich ebenso zum Vorbild nahm, wie
man zu ihm auf eine ressentimentgeladene Distanz ging? Musste man den
i6 E IN L E IT U N G

Deutschen vielleicht das Narrativ ihrer Selbsttraumatisierung nehmen, um


ihnen die Chance zu eröffnen, einen normalen Platz in der europäischen
Völkerfamilie zu finden?
Zwei ihrer Herkunft nach deutsche Autoren haben in englischsprachi­
gen Arbeiten diesen Weg beschriften und die These verfochten, der Drei­
ßigjährige Krieg habe keineswegs so tief in die deutsche Geschichte ein­
gegriffen, wie dies von vielen Historikern behauptet worden sei. In seinem
1956 erschienenen Buch The Myth of the All-Destructive Fury of the Thirty
Years War hat Robert Ergang die Zahl der Kriegstoten heruntergerechnet,
indem er nur die in Schlachten und Gefechten zu Tode Gekommenen als
solche gelten ließ und die Opfer von Hunger und Seuchen, beides unmit­
telbare Folgen des Krieges, kurzerhand herausnahm9 - ein Verfahren, das
der sonst üblichen Berechnung von Menschenverlusten entgegenstand
und das gerade in diesem Krieg, in dem die Verwüstung des Landes eine
bewusst eingesetzte Strategie war, in die Irre führen musste.10 Der Dreißig­
jährige Krieg wird bei Ergang zur Sammelbezeichnung für einige Schlach­
ten, die sich von denen der Kriege davor und danach eigentlich nicht unter­
scheiden.
Zu einer größeren Debatte führte dann das zehn Jahre darauf erschie­
nene Buch The Thirty Years War and the Conflict for European Hegemony
von Sigfried H. Steinberg, in dem dieser die Folgen des Krieges für Wirt­
schaft und Gesellschaft in Deutschland als vernachlässigbar darstellte und
die These vertrat, die Bevölkerung in den Kriegsjahren sei insgesamt sogar
leicht gewachsen.11 «A n die Stelle der Fabel von der allgemeinen Verwüs­
tung und dem Massenelend», so Steinberg, «ist daher die weniger sensa­
tionelle Erkenntnis zu setzen, daß zwischen 1600 und 1650 in Deutschland
eine Umschichtung der Bevölkerungen und des Besitzes stattfand, die eini­
gen Gegenden, Ortschaften und Personen zum Vorteil und anderen zum
Schaden gereichte. [... ] Im Jahre 1648 war Deutschland weder besser noch
schlechter daran als im Jahre 1609: es war lediglich anders, als es ein halbes
Jahrhundert zuvor gewesen war.»12 Dass Hunderte Dörfer und Tausende
Gehöfte verschwanden, wird von Steinberg dementsprechend eher auf
das Wirken feudaler Großgrundbesitzer zurückgeführt denn als Folge des
Dreißigjährigen Krieges begriffen.13
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 17

Wissenschaftlich sind Steinbergs Thesen längst widerlegt; hier geht es


um ihre geschichtspolitische Funktion, den Deutschen das Narrativ von
den verheerenden Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges als rechtferti­
gende Erklärung für den Verlauf ihrer Geschichte im 19. und 20. Jahrhun­
dert zu entwinden: Während Ergang und Steinberg in der englischspra­
chigen Historiographie eher geringe Spuren hinterlassen haben,14 fanden
sie hierzulande über Hans-Ulrich Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte
Eingang in die Forschung und das Bild der Kriegsfolgen. «Unstreitig»,
schreibt Wehler, «hat jedoch auch der Mythos des großen Brennens und
Mordens die realhistorische Wirkung der Feldzüge und Epidemien über­
mäßig dramatisiert. Das muß zurechtgerückt werden.»15 Wehler verweist
auf den wirtschaftlichen Abschwung, der sich seit dem Ende der 1630er
Jahre überall in Europa bemerkbar gemacht habe, «so daß es sich bei
der ökonomischen Stockung keineswegs um eine deutsche Besonderheit
handelte».16 Die Folgen des Krieges als «ökonomische Stockung» zu
bezeichnen, ist freilich mindestens ein Euphemismus, eine Beschönigung
und Verharmlosung der Kriegsfolgen. Sofern diese Wertung nicht aus einer
unkritischen Übernahme der Thesen Ergangs und Steinbergs resultiert,17
ist sie nur aus dem geschichtspolitischen Motiv heraus zu verstehen, dem
deutschen Selbstverständigungsdiskurs den Verweis auf den Dreißigjähri­
gen Krieg als allgemeine Erklärung und Entschuldigung für den weiteren
\ erlauf der Geschichte zu entreißen. Diese Revision einer geschichtspo­
litischen Betrachtung des Krieges läuft darauf hinaus, ihn als historische
Zäsur in Frage zu stellen und eher als einen Verstärker der großen Krisen
zu begreifen, von denen die gesellschaftliche Entwicklung Europas in der
frühen Neuzeit geprägt worden ist. Wichtiger als der Krieg waren demnach
die sozioökonomischen Krisen, mit denen man sich stattdessen beschäfti­
gen solle. Das ist in zugespitzter Form die Sicht der Gesellschaftsgeschichte,
die in kritischer Absetzung von der herkömmlichen Politikgeschichte ent­
worfen wurde.
Es hätte dieser Perspektivenkontroverse in der Geschichtswissenschaft
indes nicht bedurft, um die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges für das
Selbstverständnis der Deutschen zu relativieren: Die beiden Weltkriege
haben den Dreißigjährigen Krieg geschichtspolitisch längst in den Hinter-
i8 E IN L E IT U N G

grund gedrängt. Er ist wohl nicht aus der historischen Erinnerung der Deut­
schen verschwunden, dient aber nicht mehr als Erklärungsmuster: Wenn
gegenwärtige Entwicklungen in Deutschland oder besondere Mentalitä­
ten der Deutschen erklärt werden sollen, dann findet sich so gut wie keine
Bezugnahme mehr auf den Dreißigjährigen Krieg. Der zeitliche Abstand
ist zu groß geworden, als dass sich noch plausible Kontinuitätslinien bis
zur Gegenwart ziehen ließen. Das zeigt sich auch im historischen Wissen
über einzelne Städte und Regionen: Die Erinnerung an Belagerungen und
Durchzüge von «Kriegsvölkern» in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
sind zu einer Angelegenheit der Lokalhistoriker geworden, und das Wissen
um verwüstete und aufgegebene Ortschaften ist nur noch in Gemarkungs­
namen präsent. Dass der Zweite Weltkrieg im historischen Gedächtnis der
Deutschen inzwischen die Stelle des Dreißigjährigen Krieges einnimmt,
dürfte auch damit zu tun haben, dass er, ebenso wie der Dreißigjährige
Krieg, nicht auf das Kampfgeschehen im engeren Sinn beschränkt blieb;
als Vernichtungskrieg in Osteuropa und dann auch als Bombenkrieg rich­
tete er sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung und ließ einen völlig ver­
wüsteten Raum zurück. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben im
Geschichtsbewusstsein der Deutschen, wie eingangs erwähnt, die Schre­
cken des Dreißigjährigen Krieges überlagert und verdrängt.
Geschichtspolitisch hat der Zweite Weltkrieg jedoch eine ganz andere
Funktion als der Dreißigjährige Krieg: Stand in dessen Zentrum die große
Erzählung von den Deutschen als Opfer - Opfer ihrer konfessionellen Zer­
rissenheit, Opfer der geopolitischen Konstellationen, Opfer des Machtwil­
lens der Nachbarstaaten - , so steht bei der Beschäftigung mit dem Zweiten
Weltkrieg seit den 1980er Jahren die deutsche Täterrolle im Mittelpunkt.
Lief das Geschichtsnarrativ des Dreißigjährigen Krieges immer auch auf
eine Anklage der anderen hinaus - in der katholischen Historiographie
erschien der Schwedenkönig Gustav Adolf als Aggressor und Eroberer,
während in der protestantischen Historiographie der imperialen Politik
Spaniens und des Kaisers eine vergleichbare Rolle zukam - , so wurde die
Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg zur Auseinandersetzung mit
der eigenen Schuld und Verantwortung, von der Erpressungs- und Anne­
xionspolitik Hitlers vor Kriegsbeginn bis zum millionenfachen Mord an
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 19

den europäischen Juden. Aus dem Trauma der Opferrolle ist das Trauma
der Schuld an furchtbaren Verbrechen geworden.18 Die Vorstellung von
der großen Zäsur in der deutschen Geschichte hat sich verschoben: Nicht
mehr 1618 bis 1648, sondern 1933 bis 1945 war der tiefe Zivilisationsbruch.
Inzwischen freilich ist auch das tiefsitzende Bedürfnis zu beobachten,
die erinnerungspolitisch komfortable Position des Opfers zurückzuerlan­
gen. Seit einiger Zeit bemüht man sich etwa, den Zweiten Weltkrieg umzu­
erzählen oder einzelne Etappen herauszugreifen: Die Konzentration auf
den Bombenkrieg zwischen 1943 und 1945, als Deutschland verstärkt zum
Ziel alliierter Bomberflotten wurde, ist ein solches Verfahren der Umerzäh­
lung.19 Damit ist die Grundkonstellation der Erzählung vom Dreißigjäh­
rigen Krieg wiederhergestellt - und schon begegnen wir auch wieder ver­
gleichbaren Folgen. Die Warn- und Verbotsschilder, die vordem zu Vorsicht
und Zurückhaltung im politischen Reden und Handeln aufgefordert haben,
sind umgestellt worden oder verschwunden, und es macht sich, wo die
Umerzählung vorherrscht, eine Stimmung des Trotzes und der Revision
breit. Dazu gehört die Obsession, von den «Anderen» bedroht zu sein, die
schnell in Aggression Umschlägen kann: Man sei der Welt nichts schuldig
und habe auf nichts und niemand Rücksicht zu nehmen. Das ist eine Men­
talität, wie sie durch das Trauma- und Opfernarrativ des Dreißigjährigen
Krieges befördert wurde, und insofern ist nachzuvollziehen, warum einige
Historiker dieses Narrativ destruieren wollten. Sie wollten korrigieren, was
sie als Folge einer bestimmten Geschichtspolitik ausgemacht hatten.

Die Kontroversen über die Folgen des Dreißigjährigen Krieges für die deut­
sche Geschichte gehören inzwischen der Vergangenheit an. Das Opfer­
narrativ lässt sich nicht nur wegen der zeitlichen Distanz und der beiden
Weltkriege nicht mehr reaktivieren; es ist auch das Unverständnis für die
konfessionellen Konflikte hinzugekommen. Dass man ein Land verheert
und verwüstet, Menschen massenhaft tötet oder deren Lebensgrundlagen
auf Jahre hinaus zerstört, weil man unterschiedliche Gottesvorstellungen
hat und einen anderen Umgang mit dem Sakralen pflegt, ist für uns nicht
mehr nachvollziehbar. Die große Distanz zum Dreißigjährigen Krieg als
politisch-kulturellem Identitätsmarker der Deutschen resultiert nicht
20 E IN L E IT U N G

zuletzt daraus, dass wir gegenüber religiösen Kontroversen gleichgültig


geworden sind. Wo man Derartiges beobachtet, wie in den Kriegen, Bür­
gerkriegen und terroristischen Attacken der islamischen Welt, reagiert
man mit Abscheu und Unverständnis - um anschließend mit Erstaunen
zur Kenntnis zu nehmen, dass es solche Kriege auch in unserer eigenen
Geschichte gegeben hat. Geographischer Abstand im einen und histori­
scher Abstand im anderen Fall sorgen jedoch dafür, dass diese Konflikte als
etwas zutiefst Fremdes begriffen werden.20
Friedrich Nietzsche hat die überhandnehmende Vergangenheitsori­
entierung ohne Bezug zur Gegenwart und ohne Nutzen für das Begreifen
ihrer Herausforderungen als «antiquarisch» bezeichnet. Ein antiquari­
sches Interesse an der Geschichte sei vorherrschend, «wenn die Historie
dem vergangenen Leben so dient, daß sie das Weiterleben und gerade das
höhere Leben untergräbt, wenn der historische Sinn das Leben nicht mehr
konserviert, sondern mumisiert [...]. Die antiquarische Historie entartet
selbst in dem Augenblicke, in dem das frische Leben der Gegenwart sie
nicht mehr beseelt und begeistert. Jetzt dorrt die Pietät ab, die gelehrten-
haffe Gewöhnung besteht ohne sie fort und dreht sich egoistisch-selbstge­
fällig um ihren eigenen Mittelpunkt. Dann erblickt man [... ] das widrige
Schauspiel einer blinden Sammelwut, eines rastlosen Zusammenscharrens
alles einmal Dagewesenen. Der Mensch hüllt sich in Moderduft; es gelingt
ihm, selbst eine bedeutendere Anlage, ein edleres Bedürfnis durch die
antiquarische Manier zu unersättlicher Neugier, richtiger Alt- und Allbe­
gier herabzustimmen; oftmals sinkt er so tief, daß er zuletzt mit jeder Kost
zufrieden ist und mit Lust selbst den Staub bibliographischer Quisquilien
frisst.»21
Wer die in den letzten zwei, drei Jahrzehnten entstandene Literatur
zum Dreißigjährigen Krieg durchstöbert, stößt immer wieder auf ein sol­
ches antiquarisches Interesse; die Ereignisse von 1618 bis 1648 sind von den
Historikern im buchstäblichen Sinn historisiert worden. Der Krieg gehört,
liest man die einschlägigen Arbeiten, einer Vergangenheit an, die definitiv
vergangen ist - im Unterschied zu den Vergangenheiten, von denen formel­
haft gesagt wird, dass sie «nicht vergehen wollen». Kaum etwas ist so kenn­
zeichnend für die Abgeschlossenheit eines Geschichtsabschnitts wie die Art
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 21

seiner Darstellung: Wenn die Aufsätze zu Einzelaspekten des Geschehens


überhandnehmen und so gut wie keine großen Gesamtdarstellungen mehr
verfasst werden, dann zeigt das, dass der fragliche Geschichtsabschnitt
tatsächlich nur noch von antiquarischem Interesse ist, Gegenstand eines
Gesprächs von Fachgelehrten, die sich gegenseitig darauf hinweisen, wel­
che speziellen Aspekte des Krieges und seiner Folgen trotz aller bisherigen
Bemühungen noch genauer untersucht werden müssen, aber mit keinem
Wort darauf eingehen, welchen Erkenntniswert die weitere Erforschung
dieser Spezialaspekte für uns heute haben könnte.
Das ist kein Einwand gegen den Wert solcher Forschungen; außer­
dem ist die Eigenlogik der Wissenschaft selbstreferenziell, und die Frage
nach dem Ertrag oder - mit Nietzsche - «Nutzen» der Forschung wird
an eine wissenschaftliche Disziplin zumeist von außen herangetragen. Wo
die Wissenschaft, zumal die Geistes- und Sozialwissenschaffen, sich von
vornherein unter den Imperativ gesellschaftlicher und politischer Nützlich­
keit stellen soll, wird sie schnell zur bestellten Expertise, deren Wert und
Bedeutung an die Interessen des Bestellers gebunden sind, was dem Selbst­
verständnis von Wissenschaft zuwiderläuft. Im Schatten der politischen
und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit lässt sich sehr viel ruhiger und
gelassener forschen, als wenn jedes Ergebnis, und sei es noch so vorläufig
und fragil, sogleich im Fokus des allgemeinen Interesses steht. Das alles ist
wahr. Und doch ist es für die Beschäftigung mit einem historischen Thema
wichtig, dass sie irgendwann auf ein Interesse stößt, das über die freundli­
che Aufmerksamkeit der Fachkollegen hinausgeht. Dafür muss es freilich
Gründe geben, die in der Sache selbst liegen. Die hier vorgelegte Darstel­
lung des Dreißigjährigen Krieges geht davon aus, dass es seit geraumer Zeit
solche Gründe gibt.
Nietzsches Beschreibung des antiquarischen Interesses soll ihr als
Warnschild dienen: Es gibt keine unmittelbaren Verbindungslinien zwi­
schen uns und der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und dass dieser sich
auf einem Territorium abgespielt hat, das im Wesentlichen mit dem heuti­
gen Deutschland identisch ist, berührt uns wenig - solange man nicht bei
Grabungen auf Skelette von Getöteten einer großen Schlacht dieses Krie­
ges stößt, wie vor geraumer Zeit nahe Wittstock an der Dosse. Wenn so
22 E IN L E IT U N G

etwas geschieht, lässt sich mit Hilfe moderner Untersuchungsmethoden


ein genaueres Bild von der Ernährung und den Krankheiten der Bestatte­
ten gewinnen.22 Das Urteil über den Krieg selbst revidieren solche Funde
und ihre Auswertung indes nicht: Sie sind ein Fall fürs Museum, und wenn
sie entsprechende Aufmerksamkeit erregen, vergrößern sie die Zahl der
Besucher oder werden unter Umständen gar zum Publikumsmagneten, der
sich touristisch bewirtschaften lässt. Unser geneigtes Interesse wird befrie­
digt, unser Wissen vermehrt, aber unser politisches Selbstbild ändert sich
dadurch nicht. Ganz anders ist das, sobald wir uns mit den jüngsten Kriegen
an der europäischen Peripherie beziehungsweise der Peripherie der globa­
len Wohlstandszonen beschäftigen und mit Erstaunen feststellen, dass es
strukturelle Ähnlichkeiten zwischen ihnen und dem Dreißigjährigen Krieg
gibt. Ist dieser Krieg, den wir eben noch als ein überwundenes Trauma der
Deutschen betrachtet haben, womöglich so etwas wie eine Blaupause für
die Kriege des 21.Jahrhunderts? Das ist das nichtantiquarische Interesse,
das im Hintergrund dieser Darstellung steht.23

Die Westfalische Ordnung, der Aufstieg


des Staates und die Verstaatlichung des Krieges

Dass uns der Dreißigjährige Krieg inzwischen so fernliegt und fremd gewor­
den ist, hat auch mit dem Westfälischen Frieden zu tun, der ihn beendete,
vor allem aber mit der in Münster und Osnabrück ausgehandelten Ordnung,
die von der amerikanischen Politikwissenschaft als «Westfälisches System»
oder «Westfälische Ordnung» bezeichnet worden ist.24 Wenngleich man
diese Bezeichnungen des Friedensschlusses als Westfälische Ordnung wie­
derholt kritisiert hat,25bringen sie doch eine grundlegende Veränderung im
Verhältnis der Mächte zum Ausdruck. Der Westfälische Frieden hat, auch
wenn er mit dem Anspruch formuliert wurde, ein «immerwährender», ein
«ewiger» Friede zu sein,26 die Praxis des Kriegführens zur Durchsetzung
politischer Ziele keineswegs beendet, und eigenüich war das auch nicht
beabsichtigt. Er hat vielmehr den Krieg reguliert, ihn als das Recht eines
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 23

jeden Souveräns festgeschrieben (ius ad bellum) und dadurch die Krieg­


führung einer Reihe von auf Symmetrie ausgelegten Regeln (ius in bello)
unterworfen. Die Äquivalenz der Souveräne trat an die Stelle der Hierar­
chie, an deren Spitze der Kaiser als Garant der Friedensordnung stand. Die
Anwendung von Gewalt, um einen politischen Willen durchzusetzen, war
aus seiner Sicht, zumindest innerhalb des Reichs, Rebellion und Aufstand
gewesen. Solange das so war, blieb die Beachtung des Kriegsrechts pre­
kär. Es kommt nicht von ungefähr, dass nur wenige der am Dreißigjähri­
gen Krieg beteiligten Mächte sich offiziell den Krieg erklärt hatten. In der
Westfälischen Ordnung dagegen war (und ist nach wie vor) der souveräne
Staat verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Regeln des Krieges beachtet
und befolgt werden, und das beginnt mit dem Akt der Kriegserklärung. Die
Westfälische Ordnung war so angelegt, dass die Durchsetzung der Regeln
im Interesse der Staaten lag und es dafür keiner übergeordneten Instanz
bedurfte.27 Sie war und ist eine «Ordnung ohne Hüter».
Dem Grundsatz nach wurde die Entscheidung über Krieg und Frieden
in der Westfälischen Ordnung gemäß den Interessen der Staaten und nicht
unter Bezug auf Wertbindungen oder religiöse Verpflichtungen getroffen.28 Das
hat den Krieg nicht aus der Welt geschafft, ihn aber sehr viel stärker einem
rationalen Kalkül unterstellt, was nicht bedeutet, dass sich ein solches Kal­
kül immer durchsetzen konnte oder Fehlkalkulationen vermieden worden
wären. Kalkülrational geführte Kriege sind jedenfalls in der Regel schneller
und leichter zu beenden als Kriege, in denen Identität und Werte, Ambitio­
nen und Verpflichtungen, Machtgier und religiöse Solidarität ineinander
verschränkt sind wie im Dreißigjährigen Krieg. Wo es in erster Linie um
Macht und Interessen geht, sind Kompromisse sehr viel leichter zu finden,
und jeder Beteiligte verfügt über einen prinzipiellen Maßstab, an dem sich
ablesen lässt, ob die Fortführung des Krieges den eigenen Interessen noch
entspricht oder nicht mehr; dazu müssen nur die wahrscheinlichen Kosten
mit dem möglichen Nutzen ins Verhältnis gesetzt werden. Hätte man das
im Dreißigjährigen Krieg getan - er hätte keine dreißig Jahre gedauert.
Die entscheidende Veränderung, die mit der Westfälischen Ordnung
gegenüber der vorherigen Ordnung des Politischen eintrat, war die Sepa­
rierung der Kriegstypen und die Entflechtung der Konfliktebenen. Die
24 E IN L E IT U N G

lange Dauer des Krieges resultierte nämlich auch daraus, dass in ihm unter­
schiedliche Kriegstypen und unterschiedliche Konfliktebenen ineinander
verschränkt und miteinander verflochten waren. Alle den westfälischen
Verhandlungen vorangegangenen Versuche, den Krieg zu beenden, sind an
dieser Komplexität gescheitert. Sie vermochten sie nicht aufzulösen. Der
Westfälische Frieden schuf die Grundlagen dafür, dass die Komplexität
eines Krieges in die Ordnung des Friedens überführt werden konnte. Unter
dem Eindruck der beiden Weltkriege ist das in Vergessenheit geraten. Die
jüngsten Kriege im Nahen Osten, in der Maghrebregion und in der Sahel-
zone erinnern uns wieder daran.

Hierarchie und Gleichgewicht

Der amerikanische Politikwissenschaftler Kenneth Waltz hat die These


vertreten, internationale Konstellationen seien entweder nach dem Prinzip
der Hierarchie oder dem der Anarchie strukturiert.29 Das ist angesichts der
Fülle möglicher Ordnungsbildungen zu schematisch. So lässt sich als Vari­
ante dessen, was Waltz als Anarchie bezeichnet, durchaus ein sich selbst
regulierendes Gleichgewicht vorstellen, ebenso eines, das keinen hege-
monialen, sondern einen bloß balancierenden Ordnungshüter hat - eine
Rolle, die Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert häufig zugeschrieben
wurde.30 Beides ist kaum angemessen als Anarchie zu beschreiben, ebenso
wenig aber kann die Rolle des Hegemons in einem System sich prinzipiell
als gleich anerkennender Staaten als Hierarchie bezeichnet werden. Eher
kann man diese Konstellation als eine Zwischenform, als Hybridbildung
von Hierarchie und Anarchie begreifen, wenn man denn auf das Opposi­
tionspaar als heuristisches Hilfsmittel nicht verzichten will.31 Für eine ana­
lytische Beschreibung des Dreißigjährigen Krieges ist das insofern relevant,
weil dieser sich nicht zuletzt um die Frage des politischen Ordnungsideals
gedreht hat: Sollte Europa künftig nach den Vorgaben einer Hierarchie
geordnet sein oder nach denen eines Systems gleichberechtigter Akteure,
deren Interessen durch einen Hegemon in gewisser Weise gelenkt wür-
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 25

den?32 Dabei spielten von vornherein die konkreten Interessen der großen
Mächte eine Rolle, schließlich war zu entscheiden, wer am Ende davon pro-
dtieren würde, wenn eine hierarchische Ordnung durch eine des potenziel­
len Gleichgewichts abgelöst wurde. Insofern war dieser Krieg ein «Welt»-
Ordnungskrieg, der als Hegemonialkrieg geführt wurde.
Der Kaiser im «Heiligen Römischen Reich deutscher Nation», wie
die offizielle Bezeichnung lautete, war der erste Aspirant auf die Position an
der Spitze der europäischen Hierarchie; um diese aber wirklich einnehmen
zu können, mangelte es ihm seit dem 13. Jahrhundert an den erforderlichen
Ressourcen. Das Reich war der Verfassung nach ein Wahlkaisertum, und
sobald der Kaiser die Mittel des Reichs in Anspruch nehmen wollte, war er
auf die Zustimmung der Reichsstände angewiesen, die ihm häufig versagt
blieb oder nur unter stark einschränkenden Bedingungen bewilligt wurde.
Möglicherweise wäre im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges Wallenstein
der Mann gewesen, das zu ändern, doch gerade weil sie das befürchteten,
zwangen die Kurfürsten den Kaiser im Jahre 1630 zur Entlassung seines
Generalissimus.
Im Unterschied zum Wiener Zweig des Hauses Habsburg verfügte
dessen Madrider Linie über wirkliche Macht, und spätestens Philipp II.
herrschte über ein Reich, in dem, wie sein Vater Karl V. es einmal formu­
liert haben soll, «die Sonne nie unterging». Die Grundlage der spanischen
Macht waren die Silbervorkommen der Neuen Welt und eine - wesentlich
aus diesem Silber finanzierte - Infanterie, die bis in den Dreißigjährigen
Krieg hinein als das militärisch Beste galt, was es in Europa gab.33 König
Philipp III. sowie sein Sohn Philipp IV. und deren leitender Minister Oli-
vares verfolgten vor und während des Krieges eine Politik, die im Bündnis
mit der Wiener Linie der Casa d’Austria an einer imperialen Ordnung mit
den Habsburgern an der Spitze ausgerichtet war.34 Hätten sie sich durchge­
setzt, so wäre dies wohl auf eine Erneuerung des hierarchischen Modells
der politischen Ordnung in Europa hinausgelaufen. Aber die spanische
Macht war nach demographischen und fiskalischen Krisen im Kernland
verwundbar, und ihre legendäre Infanterie stieß im Unabhängigkeitskrieg
der Niederlande an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.35 Die Niederländer
hatten sich neue Formen militärischer Disziplin und taktischen Agierens
26 E IN L E IT U N G

angeeignet, die sich denen der Spanier nach einiger Zeit als ebenbürtig
erwiesen.36 Im Kriegsverlauf wurde die Kluft zwischen dem imperialen
Anspruch und der schwindenden Macht Spaniens immer deutlicher. Die
politische Ordnung in Europa wechselte auch deshalb, weil es niemanden
mehr gab, der die erforderlichen Ressourcen für die Rolle des Hierarchen
hatte. Der Krieg war gewissermaßen ein sich hinziehender Test auf konti­
nuierliche Ressourcenverfügbarkeit.
Ein weiterer Aspirant auf den Platz an der Spitze der europäischen
Hierarchie war die Römische Kurie, deren Einfluss in großen Teilen Euro­
pas mit Ausbreitung der Reformation jedoch deutlich abgenommen hatte.
Zwar war die Papstkirche mit dem Konzil von Trient und dem Beginn der
Gegenreformation beziehungsweise der katholischen Reform 37 wieder in
die Offensive gekommen; es stand aber außer Zweifel, dass der Protes­
tantismus nur in einem großen Krieg umfassend zurückgedrängt werden
konnte. Unter diesen Umständen wäre eigentlich zu erwarten gewesen,
dass der Papst eifrig den Kaiser und Spanien unterstützte, denn diese hat­
ten sich den Kampf für den katholischen Glauben auf die Fahnen geschrie­
ben. Seit Errichtung des Kirchenstaates war der Papst jedoch auch ein
italienischer Regionalfürst, und als solcher stimmte seine Machträson mit
den Imperativen der Universalkirche nicht überein. Die spanische Macht
in Italien schränkte die Handlungsfähigkeit der dortigen Fürsten ein, wes­
halb Urban V III. ein starkes Interesse daran hatte, Spanien zu schwächen
und ein Gleichgewicht mit Frankreich herzustellen. Es kam also nicht zu
einem Dreibund zwischen Kurie, Kaiser und Spanien, stattdessen unter­
stützte Urban V III. die antihabsburgische Politik Kardinal Richelieus.38
Die konfessionellen Fronten des Dreißigjährigen Kriegs waren keineswegs
so eindeutig, wie die Bezeichnung als Konfessionskrieg es nahelegt; immer
wieder kam es zu Koalitionsbildungen über die Glaubensbekenntnisse hin­
weg. Schon das macht es schwer, den Konflikt wesentlich als Religionskrieg
zu sehen.39 Er war das zweifellos, aber zugleich war er noch viel mehr.
Die französische Politik war in ihrer Opposition zur imperialen Stel­
lung des Hauses Habsburg keineswegs von Anfang an darauf ausgerichtet,
ein System gleichberechtigter Staaten mit Frankreich als Schiedsrichter
zu schaffen. Der sogenannte Große Plan Heinrichs IV., den der Herzog
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 27

von Sully ausgearbeitet hat, drehte sich ebenfalls um die Oberhoheit über
Europa - in diesem Fall freilich die Frankreichs. In dem von Ludwig X III.
und Ludwig XIV. zeitweilig verfolgten Projekt, sich zum Kaiser des Heili­
gen Römischen Reichs wählen zu lassen, ist ein Nachklang dessen zu finden.
Während des Dreißigjährigen Krieges stellte Richelieu derart weitgesteckte
Ziele in den Hintergrund und beschränkte sich darauf, eine habsburgische
Universalmonarchie, wie die zeitgenössische Bezeichnung für ein gesamt­
europäisches Imperium lautete, zu verhindern.40 Das hatte auch damit zu
tun, dass Frankreich im konfessionellen Bürgerkrieg eine relative Schwä­
chung erfuhr und der hugenottische Widerstand periodisch wieder auf­
lebte.41 Selbst der schwedische König Gustav II. Adolf scheint nach seinem
Sieg bei Breitenfeld im Jahr 1631 mit der Vorstellung geliebäugelt zu haben,
sich zum deutschen Kaiser wählen zu lassen, womit das Übergewicht der
Katholiken im Reich durch das der Evangelischen abgelöst worden wäre.
Inwieweit damit die schwedische Ostseehegemonie hätte flankiert wer­
den sollen oder ob sich die Herrschaft Gustav Adolfs von Schweden nach
Deutschland, von Stockholm nach Frankfurt oder Nürnberg verlagert
hätte, mag hier dahingestellt bleiben.42 Bedeutsam für die Beschreibung
des Krieges als Hybrid zwischen Imperial- und Hegemonialkrieg ist, dass
selbst der «Löwe aus dem Norden», der in seinen offiziellen Proklamati­
onen das schwedische Eingreifen mit der Verteidigung des evangelischen
Glaubens begründete, sich den imperialen Suggestionen nicht entziehen
konnte, nachdem er zu einem maßgeblichen Kriegsakteur geworden war.43
Sobald eine Großmacht militärisch die Oberhand bekam, stand sie vor der
Frage, ob sie das in einer imperialen oder hegemonialen Ordnung politisch
festschreiben wollte.
Der ständige Wechsel des Kriegsglücks führte jedoch dazu, dass die
imperialen Projekte schnell zurückgestutzt wurden. Das Ergebnis des Krie­
ges war die Aufteilung Europas in Hegemonialsphären, die zur Grundlage
der europäischen Pentarchie wurden, der Ordnung der fünf großen Mächte.
Sie bestand im 17. Jahrhundert aus Spanien, Frankreich, England, dem Kai­
serhaus in Wien und Schweden. Mit dem Übergang vom 17. zum 18. Jahr­
hundert schieden Spanien sowie Schweden aus und wurden schrittweise
durch Preußen und Russland ersetzt. Die Aufteilung der Hegemonialzonen,
28 E IN L E IT U N G

von denen die normative Ordnung der souveränen Staaten machtpolitisch


überlagert wurde, ist im Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs ausgefochten
worden. Diese Zonen waren so etwas wie ein realpolitischer Kompro­
miss zwischen den imperialen Ambitionen der Großmächte und dem
System souveräner Staaten, als das die Westfälische Ordnung in den Völ­
kerrechtstexten beschrieben wird. Die Bildung eines solchen souveränen
Staates fand in Deutschland jedoch nicht statt; das Heilige Römische Reich
deutscher Nation blieb als Überrest der imperialen Ordnung bestehen.
Die geopolitische Mitte des europäischen Raumes, also Deutschland,
wurde auch deshalb zum Kriegsschauplatz der alten imperialen Mächte
und der neuen Hegemonialaspiranten, weil am Reichsgedanken die Legi­
timität der alten Ordnung hing.44 Nach dem Westfälischen Frieden geriet
das Reich in die ökonomischen und politischen Einflusssphären der euro­
päischen Pentarchie, die Zugriff auf die Verhältnisse in seinem Innern hatte:
Schweden, insofern es mit dem Friedensvertrag zum Reichsstand wurde;
Frankreich, dem das zuvor habsburgische Eisass zufiel, indem es eine bis
zum Rhein und mitunter darüber hinaus reichende Einflusszone in Süd­
westdeutschland errichtete; die Habsburger in Wien durch ihre Stellung
als Kaiser des Reichs; schließlich England, das den Handel in der Nordsee
schrittweise unter seine Kontrolle brachte und dadurch die norddeutsche
Wirtschaft kontrollierte. Allein Spanien hatte durch die in Münster festge­
schriebene Trennung der Wiener von der Madrider Linie der Habsburger
seinen Einfluss auf das Reich verloren, und nach einiger Zeit schied es ganz
aus der europäischen Pentarchie aus und zog sich auf die außereuropäi­
schen Territorien zurück.
Die der Westfälischen Ordnung zugrundeliegenden Normen gleich­
berechtigter souveräner Staaten entsprachen also ebenso wenig der
machtpolitischen Realität Europas, wie das zuvor die hierarchische Ord­
nungsvorstellung des Mittelalters getan hatte. Insofern ist es ratsam, die
Normstruktur des Völkerrechts nicht mit den realen Machtkonstellationen
zu verwechseln. Dennoch wirkten die neuen Normen auf die tatsächlichen
Machtverhältnisse ein und veränderten sie dahingehend, dass die Vorstel­
lung von einer christlichen Einheit mit hierarchischer Spitze zunehmend
obsolet wurde. Die großen Kriege wurden nunmehr um die Reichweite der
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 19

Hegemonialzonen geführt. Bis ins 20. Jahrhundert hinein ging es in Europa


nicht mehr um prinzipiell andere Ordnungsmodelle.

Die Vielfalt der Kriegstypen

Mit der Charakterisierung des Krieges als Ständeaufstand, Staatenkrieg,


Konfessionskrieg sowie Imperial- und Hegemonialkrieg ist die Fülle der
zwischen 1618 und 1648 ineinander verschränkten Kriegstypen noch immer
nicht erschöpft. Der Dreißigjährige Krieg enthielt obendrein Elemente
emes genuinen Bürgerkriegs, insofern es in seinem Verlauf zu Bauernauf­
ständen kam, die vom Militär niedergeschlagen wurden.45 Es gab diese Bau­
ernaufstände in vielen Gebieten des Reichs, auch wenn sie nirgendwo die
Ausdehnung und Intensität des oberösterreichischen Aufstandes annah-
men. Andernorts mündeten sie in einen Kleinkrieg gegen einzelne Solda­
tentrupps, die von den Bauern überfallen und niedergemacht wurden. Das
waren Racheakte für die Gewalt, die marodierende Söldner wie reguläre
Einheiten den Bauern auf der Suche nach Geld und Gut angetan hatten.46
Dabei entstammten die meisten Söldner selbst der Bauernschaft und waren
Soldaten geworden, um der Drangsalierung durch das Militär zu entgehen.
Das berühmteste Beispiel für einen solchen Wechsel ist Grimmelshausens
mit autobiographischen Zügen ausgestattete Romanfigur Simplicius Sim-
plicissimus: Simplicissimus wird nach einem Überfall schwedischer Solda­
ten auf den elterlichen Bauernhof nach einiger Zeit selbst Soldat und ver­
übt Überfälle auf Bauern und Reisende, bis er sich schließlich wieder in
einen Bauern zurückverwandelt.47 So entwickelte sich neben den anderen
Kriegstypen ein «Krieg im Kriege», der durchaus Züge eines Bürgerkrie­
ges trug.
Dieser «kleine Krieg» wurde im Verlauf der 1620er Jahre zum stän­
digen Begleiter des «großen Krieges». Es gehört zu den folgenreichen
Leistungen der Westfälischen Ordnung, den «großen Krieg» reguliert
und den «kleinen Krieg» auf die bewaffnete Macht des Gegners gerich­
tet zu haben.48 Für mehrere Jahrhunderte wurde der kleine Krieg zu einer
30 E IN L E IT U N G

auf die Logistik der gegnerischen Armeen zielenden Strategie. Erst im anti-
napoleonischen Partisanenkrieg der Spanier ist er als «Volkskrieg» in die
europäische Kriegführung zurückgekehrt, und prompt stellten sich erneut
die Grausamkeiten gegen die ländliche Bevölkerung ein, wie sie für den
Dreißigjährigen Krieg typisch waren. Francisco de Goya hat in seinen an
die Arbeiten Hans Ulrich Francks erinnernden Desastres de la Guerra diese
Grausamkeiten festgehalten. Davor und auch wieder danach gelang es im
Rahmen der Westfälischen Ordnung, die völkerrechtliche Trennung von
Kombattanten und Nonkombattanten bis in die Kleinkriegführung durch­
zusetzen. Sieht man von Entwicklungen an der europäischen Peripherie ab,
in Spanien, auf dem Balkan und im Kaukasus, so hatte sie bis ins 20. Jahr­
hundert Bestand.49
Um dieser Trennung zwischen Kombattanten und Nonkombattanten
als Kernbestand regulierter Kriegführung Geltung zu verschaffen, bedurfte
es nach dem Dreißigjährigen Krieg einer grundlegenden Veränderung des
Militärwesens. Diese lässt sich unter der Überschrift «Verstaatlichung»
zusammenfassen: An die Stelle der Söldnerverbände, die von Kriegsunter­
nehmern aufgestellt worden waren, traten nun Armeen, die «des Königs
Rock» trugen, also aus staatlichen Magazinen uniformiert und bewaffnet
und aus Staatsmitteln versorgt und besoldet wurden. Vorläufer und erste
Ansätze lassen sich bereits während des Dreißigjährigen Krieges beobach­
ten;50 die Geschichte des Krieges ist ein ständiges Hin und Her zwischen
Verstaatlichung und Entstaatlichung. In der Westfälischen Ordnung muss­
ten die Truppen im Kriegsfall nicht erst angeworben werden, sondern
standen in den Garnisons- und Festungsstädten zum Einsatz bereit. Sie
mussten lediglich, wie es zeitgenössisch hieß, vom «Friedens- auf den
Kriegsfuß» versetzt werden, was bedeutet, dass die für landwirtschaftliche
Arbeiten abgestellten Soldaten zu ihren Einheiten zurückbeordert wurden.
Die Unterhaltskosten des stehenden Heeres waren im Frieden niedriger als
im Krieg, doch war der Unterschied nicht mehr so groß wie zuvor, als Frie­
den hieß, dass sämtliche Truppen abgedankt wurden.51 Obendrein wurden
jetzt systematisch und von langer Hand Magazine zur Versorgung des Mili­
tärs errichtet, und es wurde ein Staatsschatz gebildet, durch den die Kosten
eines Krieges für einige Zeit gedeckt waren. So wurde zum Ausnahmefall,
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 31

was im Dreißigjährigen Krieg noch die Regel war: dass die angeworbenen
Verbände keinen regelmäßigen Sold erhielten und, da sie nicht anderweitig
versorgt wurden, raubten und plünderten. Dass der Dreißigjährige Krieg
zum Trauma der Deutschen wurde, lag mehr am «kleinen» als am «gro­
ßen Krieg».
Die Vermischung der unterschiedlichen Kriegstypen war es, die es
so ungemein schwierig gemacht hat, den Krieg zu beenden. Wäre es nur
darum gegangen, mit Waffengewalt die Frage zu klären, ob ein bestimmter
Landstreifen oder eine Region zu diesem oder jenem Herrscher gehörten,
so hätte sich das in einer Entscheidungsschlacht der beiden Konkurrenten
schnell klären lassen. Da aber im Dreißigjährigen Krieg die Probleme der
unterschiedlichen Kriegstypen noch hinzukamen, war keine Schlacht aus­
reichend, um von den kriegführenden Parteien als Entscheidung anerkannt
zu werden. Es waren zu viele Fragen, die gleichzeitig beantwortet werden
mussten. Erst in der Westfälischen Ordnung wurde der Krieg als praktika­
ble Entscheidungsinstanz politischer Konflikte wiederhergestellt.

Ressourcenverbrauch, Kriegsfinanzierung
und Heeresversorgung

Jeder Krieg ist eine Form erhöhten und letztlich unproduktiven Ressour­
cenverbrauchs. Aber die Kriege unterscheiden sich durch das Maß, in
dem ihr Ressourcenverbrauch den in Friedenszeiten übertrifff. Ebenso
unterscheiden sie sich durch die Folgen, die sich bei ihrem Ende aus dem
zeitweilig erhöhten Ressourcenverbrauch ergeben. Die oben diskutierten
Thesen Ergangs, Steinbergs und Wehlers, denen zufolge die Verwüstungen
und Menschenverluste im Dreißigjährigen Krieg lange Zeit überschätzt
worden seien, beruhen auf der Annahme, dass für den erhöhten Ressour­
cenverbrauch im Krieg ausschließlich die Waffentechnik verantwortlich sei.
Insbesondere Steinberg hat seine Thesen daher mit dem Verweis auf die
sehr viel größere Zerstörungskraft der Waffen begründet, die in den Welt­
kriegen des 20. Jahrhunderts eingesetzt wurden.“ Dabei wird der Einfluss
3* E IN L E IT U N G

der Militärorganisation auf den Ressourcenverbrauch übersehen, und die­


ser Einfluss dürfte mindestens ebenso groß gewesen sein wie die der Waf­
fentechnik geschuldeten Effekte.
Die Beschäftigung mit dem Niveau des Ressourcenverbrauchs im
Krieg ermöglicht einen neuen Blick auf die traumatischen Folgen des Drei­
ßigjährigen Krieges in Deutschland. Die Westfälische Ordnung hat Krieg
unter anderem dadurch wieder führbar gemacht, dass sie die ineinander
verschränkten Kriegstypen voneinander getrennt und den Krieg einer an
den Staatsinteressen ausgerichteten Kalkülrationalität unterworfen hat.
Zugleich hat sie den Ressourcenverbrauch im Krieg so weit gesenkt, dass
dieser wieder als ein Mittel der Politik, «ein wahres politisches Instru­
ment», wie es bei Clausewitz heißt, gelten konnte.53 Allgemein formuliert
bedeutet das: Das Militär wurde so reorganisiert, dass der Ressourcenver­
brauch in Friedenszeiten erhöht und die Ressourcenvernichtung in Kriegs­
zeiten begrenzt wurde. Die Folge war, dass die Differenz zwischen Krieg
und Frieden nicht mehr als so dramatisch erfahren wurde, wie das im Drei­
ßigjährigen Krieg der Fall war.
Diese eher abstrakte Überlegung zum Verhältnis von Militärwesen und
Kriegführung lässt sich an einigen Beobachtungen zur Heeresversorgung im
Dreißigjährigen Krieg konkretisieren. Dabei sind vier Versorgungstypen zu
unterscheiden. Da ist zunächst das System der Kontributionen, das Wallen­
stein während seines ersten Generalats von 1625 bis 1630 perfektionierte.54
Dieses System beruhte darauf, dass die Truppen über einen größeren Land­
strich verteilt und «einquartiert» wurden, was heißt, dass diese Gebiete
nicht nur Unterkünfte und Lebensmittel für die Soldaten bereitstellen, son­
dern auch noch für ihre Besoldung aufkommen mussten. Zumeist erfolgten
solche Einquartierungen in «Feindesland». Sie waren der Preis, den eine
Bevölkerung zu zahlen hatte, wenn ihr Landesherr Krieg führte, aber sein
Territorium nicht vor gegnerischen Truppen schützen konnte. Einquar­
tierung bedeutete, dass das Mehrprodukt des Landes, sein Überschuss an
Gütern, von den Besatzungstruppen verzehrt wurde. Das traf zunächst den
Landesherrn, denn eigentlich war er es ja, der sich dieses Mehrprodukt in
Form von Abgaben aneignete, um seine Hofhaltung, seine Repräsentati­
onsprojekte, sein Heer und anderes mehr damit zu finanzieren. Einquar-
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 33

tierungen verwehrten einem Landesherrn also den Zugriff auf das Mehr­
produkt seines Landes. Solange es dabei blieb, waren die Folgen begrenzt.
Sobald aber die für die einquartierten Truppen aufzubringenden Leistun­
gen höher waren als das, was der Landesherr in Friedenszeiten abschöpfte,
hatte die gesamte Bevölkerung schwer zu leiden. Das Besondere an der von
Wallenstein praktizierten Methode der Einquartierung bestand darin, dass
er sie nicht auf gegnerisches Gebiet beschränkte, sondern auch auf eigene
Territorien ausdehnte, was im Ergebnis auf die Eintreibung einer Steuer zur
Fmanzierung der Armee hinauslief. Wallenstein scheint eine sehr genaue
Vorstellung davon gehabt zu haben, dass ein stehendes Heer einen effekti­
ven Steuerstaat zur Voraussetzung hattet5
Im Prinzip war dieses System eine Land und Leute belastende, aber
relativ erträgliche Form der Kriegsfinanzierung. Da Nachhaltigkeit belohnt
■ wurde und die Soldaten selbst davon profitierten, wenn sie Menschen, Vieh
und Gebäude schonend behandelten, kam es in der Regel nicht zu sinnlo­
sen Zerstörungen. Außerdem ließ sich die Disziplin des für längere Zeit ein­
quartierten Militärs leidlich aufrechterhalten. Das war anders beim zwei­
ten Versorgungstyp, der dadurch gekennzeichnet war, dass die Truppen in
Bewegung waren und das Interesse der Soldaten am schonenden Umgang
mit Land und Leuten schwand. Man hat das Heer auf dem Marsch als
•wandernde Stadt» bezeichnet,56 weil eigentlich alles mitgeführt wurde,
was zum täglichen Leben erforderlich war. Wenn aber die mitgeführten
Vorräte zur Neige gingen und es für die Soldaten zu einer Frage des Über­
lebens wurde, wo und wie sie an Nahrungsmittel kamen, verwandelte sich
das Heer in eine große Zerstörungsmaschine. Mochten die Ersten, die ein
Dorf plünderten, noch allerhand Brauchbares zurücklassen, so fand doch
iede Gruppe, die danach kam, immer weniger vor, und wenn auch mit
Gewalt und Folter bei den Bauern nichts mehr zu holen war, nahm die Wut
überhand. Die Bauern, ihre Frauen, Kinder und Knechte wurden erschla­
gen, ihre Höfe in Brand gesetzt. Dass die Soldaten damit sich selbst scha­
deten, wenn sie einige Wochen später erneut durch die verwüstete Gegend
marschierten, spielte dabei keine Rolle.
Was bei der Armee auf dem Marsch immer wieder vorkam, war bei
Söldnerverbänden wie denen Ernst von Mansfelds die Regel; sie stehen
34 E I N L E IT U N G

für den dritten Versorgungstyp. Da diese Söldner ständig den Auftraggeber


wechselten, gab es für sie keinen wirklichen Unterschied zwischen Feindes­
und Freundesland. Längere Einquartierungen kamen nicht vor, da sie nur
für den Einsatz und nicht für die Präsenz in einem bestimmten Raum besol­
det wurden. Es gab für die Söldner also keinen Grund, die Bevölkerung zu
schonen. Ihre Art der Kriegführung folgte den Grundsätzen der Verwüs­
tungsstrategie, selbst wenn dabei keine strategische Devise zugrunde lag.57
Während der ersten Phase des Krieges gehörten die Mansfeld’schen Reiter
zu den am meisten gefürchteten Söldnern. Wo sie auftauchten, verbreite­
ten sie Angst und Schrecken. Sie hinterließen eine Spur der Verwüstung,
und dies hatte nicht einmal den Zweck, dem Gegner einen politischen Wil­
len aufzuzwingen, sondern war schlichtweg das typische Verhalten dieser
Söldner. Es gab aber auch Heerführer, von denen die Verwüstung eines
Landes in strategischer Absicht eingesetzt wurde, beispielsweise Gustav
Adolf, der das bis dahin vom Krieg noch kaum berührte Bayern systema­
tisch verwüsten ließ58 - sei es aus Rache für die vorherige Plünderung der
protestantischen Gebiete, sei es, weil der Schwedenkönig damit Kurfürst
Maximilian in die Knie zwingen wollte. War Maximilian erst einmal ausge­
schaltet, glaubte Gustav Adolf mit dem Kaiser leichtes Spiel zu haben - was
sich als Fehlrechnung erweisen sollte.
Die schlimmsten Folgen hatte aber die Bildung von Marodeurshaufen,
die plündernd und sengend durchs Land zogen. Das war der vierte Versor­
gungstyp. Die Marodeure glichen mehr großen Räuberbanden als einem
Truppenverband. Grimmelshausen berichtet in dem Kapitel «Von dem
Orden der Merode-Brüder» seines Simplicissimus: «Wenn ein Reiter sein
Pferd oder ein Musketier seine Gesundheit verliert oder wenn ihm seine
Frau oder sein Kind krank wird und Zurückbleiben will, so hat man schon
anderthalb Merode-Brüder - ein Völkchen, das sich am ehesten mit den
Zigeunern vergleichen lässt, weil es nach eigenem Belieben vor oder hinter
oder neben der Armee oder mittendrin herumstreicht, und das diesen auch
in Sitten und Gebräuchen ähnelt.»59 Grimmelshausen wollte die Maro­
deure gegen die Soldaten absetzen, aber er wusste durchaus, dass auch sie
ein Produkt des Krieges waren: «Denn sie gleichen den Drohnen in den
Bienenkörben, die, wenn sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbei-
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 35

ten und keinen Honig mehr machen, sondern nur noch fressen können.»60
Diese als «Marode-Brüder» oder «Schnapp-Hahnen» bezeichneten Ban­
den trugen die Verheerungen des Krieges in alle Gebiete Deutschlands und
beschränkten sich im Unterschied zu den Streifscharen, die den Durchzug
eines Heeres begleiteten, nicht auf einen spezifischen Kriegsschauplatz.
Das hatte Folgen für den Grad der Verwüstungen, die der Krieg hin­
terließ: Wo die Schröpfung der Landbevölkerung auf das Gebiet begrenzt
blieb, in dem für einen Sommer und Herbst «das Kriegstheater aufgeschla­
gen» worden war, bot sich die Möglichkeit zur Erholung der bäuerlichen
Wirtschaft im darauffolgenden Jahr - wenn denn der Krieg nicht erneut in
diesem Gebiet stattfand. Die Bauern hatten nämlich die Gewohnheit, ihr
Vieh in die Wälder zu treiben und auch Frauen und Kinder dort zu verste­
cken, sobald sich die Nachricht von heranziehenden Soldatentrupps ver­
breitete. Das im Wald verborgene Vieh war nach Abzug der Soldaten die
Grundlage für die Wiederaufnahme der bäuerlichen Wirtschaft.
Mit den Marodeursbanden entwickelte sich der bereits erwähnte
Kleinkrieg zwischen Soldateska und Landbevölkerung. Nachdem die
großen Schlachten in der Mitte des Krieges keine Entscheidung gebracht
hatten und das Kriegsgeschehen mehr und mehr zerfaserte, griff das Maro­
deurswesen um sich. Die intensive Kriegsgewalt, wie sie bei Belagerungen
und Feldschlachten anzutreffen war, verschwand zwar nicht völlig aus dem
Kriegsgeschehen, aber sie wurde durch eine diffuse Gewalt überlagert, die
dem Krieg seine desaströse Wirkung verlieh. Wer nur die von der Waffen-
technik abhängige Intensität der Kriegsgewalt im Auge hat, wie Ergang,
Steinberg und Wehler, um auf dieser Grundlage die mittel- und langfristi­
gen Folgen des Krieges abzuschätzen, hat das für den Dreißigjährigen Krieg
Typische übersehen: die lange Dauer der diffusen Gewalt. Viel stärker als
die großen Schlachten, die keine Entscheidung im Ringen um Macht und
Einfluss gebracht haben, hat sie den Krieg in das kollektive Gedächtnis der
Deutschen eingeschrieben.
Das ist im Übrigen einer der Aspekte, die den Dreißigjährigen Krieg
im Europa des 17.Jahrhunderts mit einigen Kriegen unserer Gegenwart
an der Peripherie Europas verbinden. Diese Kriege werden nicht nach
den Vorgaben der von Clausewitz so bezeichneten «Niederwerfungs-
3<S EIN LEITU N G

Strategie»61 geführt und kulminieren demzufolge auch nicht in großen


Entscheidungsschlachten, die auf den Abschluss eines Friedensvertrags
hoffen lassen. Eher folgten sie einer «Ermattungsstrategie», selbst wenn
sie vermutlich nicht so geplant worden sind.62 Diese Ermattungsstrate­
gie ist häufig mit einer Verwüstungsstrategie gepaart. Die Ermattung der
Kriegsparteien ist das, worauf der Krieg hinausläuft, wenn keine Seite die
Fähigkeit besitzt, den Gegner niederzuwerfen und ihm den eigenen Willen
aufzuzwingen. Wenn die Kriegsparteien es in einer solchen Situation nicht
schaffen, den Krieg zu beenden, dauert er an, bis alle Beteiligten so entkräf­
tet sind, dass der Krieg aus purer Erschöpfung, gleichsam «von selbst», zu
Ende geht. In mancher Hinsicht war das auch 1648 der Fall.

Der Dreißigjährige Krieg und wir

Der Dreißigjährige Krieg war das große Trauma der Deutschen, aber er
ist es nicht mehr. Das mag auch der Grund dafür sein, dass in den letzten
Jahrzehnten keine umfassende Darstellung dieses Krieges mehr geschrie­
ben worden ist. Zugespitzt kann man sagen, dass die letzte große Darstel­
lung die von Cicely Veronica Wedgwood ist, und sie stammt aus dem Jahre
1938. Was zumal nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland veröffentlicht
wurde, waren entweder Analysen des Krieges, die voraussetzten, dass man
mit seinem Verlauf gut vertraut war, oder aber Einzelstudien zu speziellen
Fragen und Aspekten. Der Dreißigjährige Krieg ist zu einem Thema im
Normalbetrieb der Wissenschaft geworden. Das kann als ein zuverlässi­
ger Indikator für die Enttraumatisierung eines Themas beziehungsweise
Abschnitts der Geschichte angesehen werden. Andererseits zeigt das Feh­
len von Gesamtdarstellungen oder auch das Ausweichen auf Biographien
prägender Gestalten wie Wallenstein oder Gustav Adolf, dass eine ausge­
prägte Zurückhaltung besteht, sich auf dieses Terrain zu begeben. Symp­
tomatisch dafür könnte sein, dass der Verfasser dieses Buches von seiner
akademischen Profession her Politikwissenschaftler ist - und eben nicht
Historiker.
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 37

Es gibt zwei Gründe, warum der Dreißigjährige Krieg gerade aus poli­
tikwissenschaftlicher Perspektive ein wichtiger und für gegenwärtige Fra­
gen hochgradig aufschlussreicher Abschnitt der deutschen und europäi­
schen Geschichte ist, und zumindest einer dieser Gründe hat nichts mit der
vordem so dominanten Traumabearbeitung zu tun: Es stellt sich die Frage,
ob und inwieweit der Dreißigjährige Krieg als Paradigma und Analysefo­
lie für einige Kriege der Gegenwart und vor allem die der Zukunft dienen
kann. Diese Frage geht aus von der These, dass die Ära der klassischen Staa­
te nkriege, der «Westfälischen Kriege», definitiv zu Ende gegangen ist, dass
damit entgegen einer zumal in Deutschland verbreiteten Vorstellung der
Krieg jedoch nicht verschwunden, sondern in veränderter Gestalt wieder­
aufgetaucht ist. Aber welche Gestalt ist das, und wie lassen sich diese Kriege
analytisch fassen, um der Politik Fiandreichungen für deren Vermeidung
oder Beendigung zu geben? Die Vermutung, die neuen Kriege besäßen
strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Dreißigjährigen Krieg, also dem gro­
ßen Krieg vor Installierung der Westfälischen Ordnung, ist in jüngster Zeit
immer wieder geäußert worden, aber um darauf eine Antwort geben zu
können, muss dieser Krieg zunächst einmal sorgfältig beschrieben werden:
im Hinblick auf die Motivlagen der beteiligten Mächte, auf seine struktu­
rellen Faktoren, seinen Verlauf, den Kriegseintritt immer neuer Mächte, die
den Krieg nicht «ausbrennen» ließen, und schließlich die Faktoren seiner
Beendigung. Das ist eine komplexe Aufgabe, die nur in einer umfangrei­
chen Darstellung zu bewältigen ist. Diese Darstellung, in der erzählende
und analytische Teile einander abwechseln, ist die Grundlage für das
Schlusskapitel des Buches, das die Frage behandelt, ob und inwiefern wir
aus der Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg lernen können, um
die politischen Herausforderungen unserer Gegenwart besser zu bewälti­
gen.
Der zweite Grund, weshalb der Dreißigjährige Krieg gerade aus poli­
tiktheoretischer Perspektive interessant ist, besteht in dem gravierenden
Defizit an strategischem Denken in der politisch interessierten deutschen
Öffentlichkeit. Stark vereinfacht kann man vielleicht sagen, dass die vorherr­
schende Reaktion auf politikstrategische Herausforderungen hierzulande
der Verweis auf juridische Regelungen ist, zumeist solche des Völkerrechts,
38 E IN L E IT U N G

wobei generell unterstellt wird, dass die Rahmenbedingungen nicht nur für
die Geltung, sondern auch für das Geltendmachen des Rechts selbstver­
ständlich gegeben seien und die Rechtsdurchsetzung mit der Bewältigung
der Herausforderung identisch sei. Die Auseinandersetzung mit dem Drei­
ßigjährigen Krieg ist eine vorzügliche Übung zur Desillusionierung solcher
Erwartungen. In der Anfangsphase des Krieges nämlich sind alle Parteien
in der festen Überzeugung in den Konflikt hineingegangen, das Recht auf
ihrer Seite zu haben, und dementsprechend haben sie den eigenen Gewalt­
gebrauch als einen Akt der Rechtswahrung und Rechtsdurchsetzung legi­
timiert. Das wird nachfolgend im Einzelnen dargestellt. Die ersten Kriegs­
jahre zumindest veranschaulichen auf erschreckende Weise die römische
Formel summum ius, summa iniuria, die den Umschlag von Rechtsinsistenz
in eine Anhäufung von Unrechtsakten auf den Begriff bringt. Wer die Vor­
geschichte und die ersten Jahre des Krieges studiert, wird gegenüber der
Fixierung auf das Recht als Bewältigungsform politischer Herausforderun­
gen skeptisch werden und darüber nachdenken, ob nicht strategische Kom­
promissbildung sinnvoller ist als das dogmatische Insistieren auf rechtli­
chen Bestimmungen. Diese Fragen werden implizit im ersten und zweiten
Kapitel des Buches behandelt.
Neben dem Reaktionsmodell des Rechtlichen steht hierzulande das
des Moralischen. Die Erörterung politischer Herausforderungen im Hori­
zont moralischer Normen und Imperative ist vielfach an die Stelle strate­
gischen Denkens getreten. Das kann man sich leisten, solange nicht die
Gefahr droht, die aufgezeigten Werte und die aus ihnen resultierenden Ver­
pflichtungen durchsetzen zu müssen, jedenfalls nicht außerhalb des eige­
nen Staatsgebiets. Sobald die Moralkommunikation jedoch folgenreich
wird, gerät sie unter die Vorgaben strategischer Überlegungen, bei denen
die Kosten der Wertdurchsetzung gegen deren Risiken abgewogen werden,
und auch dieses Abwägen erweist sich als ein weiterer Prozess der Desil­
lusionierung. Über die verhängnisvollen Folgen unbedingter Wertbindung
lässt sich anhand des Dreißigjährigen Krieges sehr viel lernen - unter
anderem auch, dass es ohne eine Abkehr davon zu keinem Friedensschluss
gekommen wäre. Die auf ihren Werten insistierende Römische Kurie hat
deswegen dem auf Kompromissen beruhenden Friedensschluss von 1648
Deutsche Erinnerung und deutsches Trauma 39

nicht zugestimmt, sondern ihn verurteilt. Die Paradoxien unbedingter


’iVerbindung lassen sich am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges sehr
cenau studieren.
Aber strategisches Denken lässt sich nicht dekretieren, sondern will
ceübt sein. Ein Krieg, der sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren
erstreckt hat, ist ein vorzüglicher Übungsplatz für strategisches Denken.
Das ist der Grund, warum sich die nachfolgende Darstellung immer wie­
der auf strategische Entscheidungen einlässt, indem sie sowohl die Motive
und Zielsetzungen als auch deren unbeabsichtigte Effekte beschreibt - von
Fragen der Fortsetzung oder Beendigung der Krieges über solche der Eröff­
nung neuer Kriegsschauplätze beziehungsweise Schließung bestehender
und der Planung von Feldzügen, insbesondere zur Zeit Tillys, Wallensteins
und Gustav Adolfs, mit der Alternative einer «Verselbständigung» des
Krieges, bei der jegliche Strategie von den Erfordernissen der Logistik auf-
cezehrt wird, bis hin zu den taktischen Dispositionen bei der Führung von
Schlachten. Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Kapitel zwei bis sieben.
Sie sind - auch - eine Übung in strategischem Denken und eine Betrach­
rung von Erfolg und Scheitern.
1. K A P I T E L
« I H R K E N N T N IC H T DIE FO LG EN
EURES TUN S»:
ANFÄNGE UND VORGESCH ICH TEN

Fenstersturz in Prag

i Vormittag des 23. Mai 1618 drängte eine beständig wachsende Men­
schenmenge durch das Zentrum von Prag; sie zog vom Karolinum, wo
sich die Vertreter der Stände versammelt hatten, zum Hradschin, zur Burg,
wo die Statthalter des Kaisers residierten. Die kaiserlichen Beamten sollten
zur Rede gestellt und gefragt werden, weshalb sie die Ständeversammlung
des böhmischen Adels und der Städte nun schon zum zweiten Mal hatten
verbieten lassen und wer für den, wie die Ständevertreter meinten, rüden
Ton des kaiserlichen Verbotsschreibens verantwortlich sei. 1 Manche der in
Richtung Burg Drängenden meinten, das Schreiben sei überhaupt nicht
in Wien, sondern in Prag verfasst worden, und man glaubte aus ihm die
Auffassung einiger Standesgenossen herauszuhören, die der katholischen
Gegenreformation eng verbunden waren, vor allem die des Jaroslaw von
Martinitz und des Wilhelm Slawata. Auch machten in der Menge Gerüchte
die Runde, denen zufolge die kaiserlichen Statthalter einen Anschlag auf die
Ständeversammlung planten, um ein «absolutes Dominat» der Habsbur­
ger in Böhmen durchzusetzen. Dagegen wollte man sich wehren.
An der Spitze des Zuges marschierten Joachim Andreas von Schlick,
der Führer des böhmischen Adels, ein Lutheraner, der bislang eher auf eine
zurückhaltende und vorsichtige Politik gegenüber dem habsburgischen
42 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S TUNS

Kaiserhaus gesetzt hatte, und Heinrich Matthias von Thurn, ein Calvinist,
der seit langem für entschiedenen Widerstand gegen die Eingriffe der kai­
serlichen Beamten in die Rechte des böhmischen Adels eintrat. Die unter­
schiedlichen Einstellungen der beiden protestantischen Konfessionen, der
Lutheraner und der Calvinisten, gegenüber dem Landesherrn spielten auch
in Böhmen eine Rolle. Nun allerdings marschierten die beiden gemeinsam.
Die kaiserlichen Beamten hatten es zu weit getrieben. Das einte Lutheraner
und Reformierte und verband selbst so gegensätzliche Charaktere wie den
gemäßigten Schlick und den Heißsporn Thurn.2
Der Konflikt, der an diesem Vormittag offen ausbrach, betraf die stän­
dischen Rechte. Es handelte sich um einen Verfassungskonflikt, der mit
der unterschiedlichen Interpretation von Verträgen und Vereinbarungen
zusammenhing. Gleichzeitig betraf er aber auch die freie Religionsaus­
übung in Böhmen, also das Recht der Menschen, sich den eigenen Vorstel­
lungen gemäß um ihr Seelenheil zu sorgen. Das Dokument, auf das sich
die Stände als Hüter der Freiheit und Sicherheit Böhmens beriefen, war
der Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. aus dem Juli 1609. In ihm wurden die
Protestanten - im Text als «Utraquisten» bezeichnet - den Katholiken
gleichgestellt, was auf die organisatorische Eigenständigkeit ihrer Kirche
hinauslief und bedeutete, dass sie ungehindert Kirchen- und Schulgebäude
errichten durften. Zudem erlaubte ihnen der Majestätsbrief, aus ihrer Mitte
«Defensoren» zu wählen, die als Verteidiger ihrer Rechte auftraten.3 Mat­
thias, seit 1611 Rudolfs Nachfolger als böhmischer König, hatte diese Pri­
vilegien bestätigt, und auch Erzherzog Ferdinand, der ein Jahr zuvor neu
gewählte böhmische König, hatte ausdrücklich zugesagt, dass er die den
Böhmen im Majestätsbrief zugesicherten religiösen Freiheiten uneinge­
schränkt anerkenne. Darauf hatte die dem neuen König huldigende Stän­
deversammlung - die Huldigung war «der herrschaftsstiftende Akt am
Anfang einer Regierung»4 - Wert gelegt.
Dafür gab es aus ihrer Sicht gute Gründe, und einer davon war, dass Fer­
dinand in der Steiermark eine rigorose Politik der Rekatholisierung betrie­
ben hatte. Einige befürchteten, er werde auch in Böhmen auf diese Weise
Vorgehen. Dass es unter den Adligen des Landes eine kleine Gruppe gab, die
nichts sehnsüchtiger erwartete, als gemeinsam mit dem Landesherrn der
Fenstersturz in Prag 43

Gegenreformation zum Sieg zu verhelfen, war allgemein bekannt. Jaroslaw


von Martinitz etwa, einer der Statthalter des Kaisers in Prag, spielte dabei
eine wichtige Rolle. Der von ihm erteilte Erlass, wer von den Untertanen
seiner Besitzungen nicht zur katholischen Beichte und Kommunion gehe,
müsse 50 Taler Strafe zahlen, richtete sich eindeutig gegen die Protestanten
und verletzte die im Majestätsbrief jedem Bürger und Bauern zugesicherte
Religionsfreiheit.5 Die allgemeine Unruhe wurde noch dadurch gesteigert,
dass die weitgehend protestantische Altstadt von Prag einen Rat erhalten
hatte, der zu mehr als der Hälfte aus Katholiken bestand.6 Generell ließ
sich beobachten, dass bei der Ämtervergabe in der landesherrschaftlichen
Administration entschiedene Anhänger der Gegenreformation bevorzugt
wurden. Das sich ausbreitende Misstrauen gegenüber dem Landesherrn
und den von ihm eingesetzten Beamten kam also nicht von ungefähr. Aber
es war bislang eher diffus geblieben. Am frühen Vormittag des 23. Mai 1618
wurde es zum Antrieb für eine politische Aktion.

Der unmittelbare Anlass für die erste Einberufung der böhmischen Stände
un März 1618 waren die Auseinandersetzungen um protestantische Kirchen­
bauten in Braunau und Klostergrab gewesen. Lutheraner hatten in Braunau
auf dem Land des dortigen Benediktinerklosters eine Kirche errichtet, die
der Abt des Klosters unter Verweis auf seine Besitzrechte wieder schlie­
ßen ließ. Die kaiserlichen Statthalter in Prag unterstützten das, indem sie
die Braunauer, die gegen die Anordnung des Abts protestierten, in einem
Schreiben anwiesen, den Kirchenschlüssel im Kloster abzuliefern. Als
einige von ihnen daraufhin nach Wien reisten, um sich bei Kaiser Matthias
unter Verweis auf die im Majestätsbrief zugesicherten Rechte zu beschwe­
ren, wurden sie kurzerhand in Arrest genommen. In Klostergrab wiederum
hatte der Prager Erzbischof die auf seinem Grund stehende evangelische
Kirche einfach abreißen lassen und evangelische Gottesdienste verboten.
Letzteres war fraglos ein Verstoß gegen den Majestätsbrief. Am 11. März
1618 hatte die Ständeversammlung dann ein Schreiben an den Kaiser auf­
gesetzt, in dem dieser aufgefordert wurde, die Braunau und Klostergrab
betreffenden Beschwerden der Bürgerschaft zur Kenntnis zu nehmen und
die Rechte der Böhmen zu respektieren. In der kaiserlichen Antwort vom
44 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

21. März wurde die Ständeversammlung daraufhin für ungesetzlich erklärt,


und die Magistrate der böhmischen Städte wurden angewiesen, keine
Abordnungen dorthin zu entsenden. Das Vorgehen der Stände wurde «als
Anlaß zu Aufruhr und Zwietracht verurteilt», den «Anstiftern ein Strafver­
fahren angekündigt».7
Die Reaktion aus Wien schweißte die unterschiedlichen Gruppen des
böhmischen Adels und der Bürgerschaft fürs Erste zusammen. Die einen
fühlten sich von Erzherzog Ferdinand betrogen, der den Majestätsbrief ja
ausdrücklich bestätigt hatte, die anderen argwöhnten, bei dieser Antwort
aus Wien hätten die Prager Statthalter die Feder geführt und weder Kaiser
Matthias noch Erzherzog Ferdinand wüssten, worum es gehe. Sie täuschten
sich, denn «der wirkliche Verfasser des kaiserlichen Schreibens war [... ]
der Kardinal Klesl, der es diesmal für angezeigt hielt, eine energische Spra­
che zu führen und, wie er sich brieflich gegen einige Vertrauenspersonen
ausdrückte, es für zweckmäßig erachtete, daß der Kaiser nicht schleichend
<wie ein Fuchs>, sondern gewaltsam <wie ein Löwe> auftrete».8 Dass Mel­
chior Klesl, der eher auf Ausgleich und Kompromiss bedachte Direktor
des Geheimen Rates in Wien,9 in dieser Frage Kompromisslosigkeit und
Schärfe den Vorzug gab, ist ein weiteres Indiz dafür, wie verhärtet die Fron­
ten inzwischen waren. Klesl, Sohn eines Bäckers und evangelisch getauft,
hatte durch die Protektion der Jesuiten in Kirche und Universität Karriere
gemacht und war von seiner inneren Überzeugung her sicherlich ein «kom­
promissloser Reformkatholik»;10 aber er war auch ein geschickter Politi­
ker, der in großen Zusammenhängen dachte und auf lange Sicht plante. Es
war eigentlich nicht seine Art, Dinge übers Knie zu brechen. Wenn Klesl
geglaubt hatte, auf diese Weise die Böhmen einschüchtern zu können, so
hatte er sich jedenfalls getäuscht. Am 21. Mai trafen sich die Stände im Pra­
ger Karolinum erneut, um über die kaiserliche Antwort zu beraten und auf
sie zu reagieren.
Kaum war die Versammlung am 21. Mai eröffnet, wurde ihr im Auf­
trag der Statthalter ein neuer Erlass des Kaisers vorgelegt, der, wenn auch
in verbindlicherem Ton, ihr Zusammentreten untersagte und die Versam­
melten aufforderte, unverzüglich auseinanderzugehen. Damit war in Prag
eingetreten, was am Anfang einer jeden europäischen Revolution stand -
Fenstersturz in Prag 45

vom Abfall der Niederlande über die beiden englischen Revolutionen bis
zur Französischen Revolution von 1789: Das Zusammenwirken von Lan­
desherrschaft und Ständeversammlung hatte sich nach einer längeren Peri­
ode atmosphärischer Störungen und gehäufter Missverständnisse in einen
antagonistischen Konflikt verwandelt, dessen gewaltsame Austragung nur
noch durch das demütige Nachgeben einer Seite hätte vermieden werden
können. Die große Mehrheit der böhmischen Ständevertreter war dazu
nicht bereit. Ihr Zorn richtete sich gegen die kaiserlichen Statthalter in
der Burg: Man wollte von ihnen wissen, ob sie das Versammlungsverbot
gebilligt oder gar dazu geraten hatten. Um sie zur Rede zu stellen, zog man
am besagten Morgen des 23. Mai los. A uf dem Weg zur kaiserlichen Burg
schlossen sich dem Zug immer mehr Personen an; schließlich war es eine
eroße Menschenmenge, die sich Zutritt zum Hradschin verschaffte, und
die Burgwache sah angesichts dieser Überzahl keine Möglichkeit, sie am
Betreten der Burg zu hindern. Wäre nur eine Delegation der im Karolinum
Versammelten in die Burg gekommen, so hätte man sie hier leicht fest­
setzen und dann die Burgtore schließen können. Dass eine führungslose
Menge danach in der Lage gewesen wäre, den Hradschin zu stürmen, darf
bezweifelt werden. So aber überrumpelte man die Statthalter mitsamt der
Burgwache und bekam das Heft des Handelns in die Hand.
In der Burg angekommen, begaben sich die Ständevertreter zunächst
in den Landtagssaal, wo die von den Defensoren verfasste Antwort auf das
kaiserliche Dekret verlesen wurde. Man verständigte sich darauf, diesen
Text den Statthaltern vorzutragen. Also ging es vom Landtagssaal weiter
in deren Sitzungszimmer, wo sich vier von ihnen aufhielten: der Oberst­
burggraf Adam von Sternberg, dessen Schwiegersohn Jaroslaw von Mar-
tinitz, der Oberstlandrichter Wilhelm Slawata sowie der Grandprior des
Malteserordens Diepold von Lobkowitz; bei ihnen befand sich noch der
Sekretär Philipp Fabricius. Zdenko von Lobkowitz, der Großkanzler des
Königreichs Böhmen, fehlte, da er sich zu Amtsgeschäften in Wien aufhielt.
«Unangemeldet, gar keck und mit großer Importunitet», also Frechheit
oder Rücksichtslosigkeit, seien sie hereingekommen, schrieb Martinitz
später in seinem Bericht über die Ereignisse, «daß gemeldete Canzlei fast
allein von denen Herren- und Ritterstandspersonen ganz voll gewesen,
46 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

die Bürger aber meistenteils draußen vor der Tür, welche deshalben auch
ganz offen bleiben müssen, gestanden».11 Martinitz hält genau fest, wer bei
dem Aufruhr welche Rolle spielte: Es war vor allem der Hochadel, der sich
gegen den Kaiser stellte. Nach einem kurzen Wortgeplänkel verlas Paul von
Rziczan die Antwort der Stände auf das Versammlungsverbot: Auch auf
die Gefahr hin, «Leib und Leben, Ehre und Gut» zu verlieren, habe man
sich miteinander verbunden, um der Exekution des Dekrets zu widerste­
hen. Man wisse, dass dieses Schreiben auf Veranlassung einiger Feinde der
freien Religionsausübung in Böhmen verfasst worden sei, und wolle des­
wegen von den Anwesenden darüber Auskunft, «ob sie, oder etliche von
ihnen, von gemeltem [besagtem] Schreiben gewußt, dazu geraten oder das-
selbig approbiert hätten»12.
Der Oberstburggraf verweigerte auf diese fordernde Frage zunächst
jede Auskunft; man habe sich durch Eid zur Geheimhaltung aller Verhand­
lungen verpflichtet. Wenn die Herren wissen wollten, wer dem Kaiser zu
diesem Schreiben geraten habe, so müssten sie sich an den Kaiser selbst
wenden. Einzelne aus der Gruppe der Ständevertreter riefen dazwischen,
man wisse ja ohnehin, dass Martinitz und Slawata bei der Antwort ihre Fin­
ger im Spiel gehabt hätten, und werde sie dafür bestrafen. Sie hätten das
Gemeinwohl geschädigt. Graf Thum wiederholte daraufhin die Frage, wer
der Verfasser des kaiserlichen Dekrets sei und welchen Anteil die Statthal­
ter daran hätten. Vom Auftreten der Eindringlinge eingeschüchtert und
wohl auch unter dem Eindruck ihrer Waffen, erklärte der Oberstburggraf,
nur unter äußerem Zwang verletze er das Dienstgeheimnis, und versicherte,
dass das Schreiben nicht in Prag entworfen worden sei. Doch die Situation
war inzwischen zu aufgeheizt, als dass mit dieser Auskunft die Gemüter
hätten beruhigt werden können. Adam von Sternberg und Diepold von
Lobkowitz wurden aus dem Saal herausgedrängt, während sich einige Stän­
devertreter der Herren Slawata und Martinitz bemächtigten, sie zu den weit
geöffneten Fenstern zerrten und in den 17 Meter tiefen Schlossgraben war­
fen. Und weil sie schon dabei waren, warfen sie den Sekretär Fabricius noch
hinterher. Das Ganze spielte sich zwischen neun und zehn Uhr ab. Aus den
Vertretern der Stände waren politische Rebellen geworden.
Fenstersturz in Prag 47

Es dürfte sich bei dem Fenstersturz keineswegs um eine spontane, aus


Wortwechsel und Handgemenge entstandene Aktion gehandelt haben. Er
scheint vielmehr, zumindest in seinen Grundzügen, geplant und vorbe­
reitet gewesen zu sein - von der Konzentration auf Martinitz und Slawata
bis zu dem Umstand, dass man gegen die beiden keine Waffen gebrauchte,
sie nicht mit dem Degen niederstieß oder Pistolen auf sie abfeuerte, son­
dern «defenestrierte». Damit wiederholte man einen Vorgang, der sich
ziemlich genau zweihundert Jahre vorher ebenfalls in Prag abgespielt hatte:
Am 30. Juli 1419 waren Anhänger des vier Jahre zuvor auf dem Konstanzer
Konzil verbrannten Theologen Jan Hus in das Rathaus der Neustadt ein-
gedrungen, um dort inhaftierte Glaubensgenossen zu befreien. Im Zuge
dieser Befreiungsaktion hatten sie den Bürgermeister, mehrere Ratsherren
und Richter sowie einige Gemeindeälteste, insgesamt zehn Personen, aus
dem Fenster geworfen, die dann im H of von einer aufgebrachten Menge
mit Hiebwaffen totgeschlagen wurden. Dieser erste Prager Fenstersturz
steht für den Anfang der Hussitenkriege, in denen sich die Böhmen gegen
die Ritterheere des Kaisers militärisch behauptet hatten; zuletzt trotzten sie
ihren Widersachern eine Reihe religionspolitischer Zugeständnisse ab.13
Man stellte sich am 23. Mai 1618 also in eine politische Tradition, vollzog
Gewissermaßen ein spezifisch böhmisches Aufstandsritual und ging davon
aus, dass der danach zu erwartende Krieg für die Aufständischen ähnlich
errolgreich verlaufen werde wie die früheren Hussitenkriege.
Es scheint aber nicht nur das mit der Wiederholungstat verbunde­
ne Erfolgsversprechen gewesen sein, das Graf Thum und seine Anhänger
dazu veranlasste, die beiden Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster zu
werfen; die Wiederholungsinszenierung dürfte auch dazu gedient haben,
die Bedenken eines Großteils der Ständevertreter, was einen Mord an den
kaiserlichen Statthaltern anlangt, zu schmälern. Bis zum 23. Mai nämlich
waren Thurn und seine auf offene Konfrontation mit dem Haus Habsburg
setzenden Anhänger immer wieder auf den Widerstand der Moderaten
unter den Ständevertretern gestoßen, zumeist Lutheraner, die zwar ihre
Rechte verteidigen, es aber nicht zum offenen Bruch mit den Habsbur-
cern kommen lassen wollten. Thurn und seine Anhängerschaft hingegen
wollten den Bruch, und dazu brauchten sie eine Tat, deren Symbolkraft so
Matthäus Merians Theatrum Europaeum, das über die großen Ereignisse
in der Politik und auf den Schlachtfeldern berichtete, enthielt zahlreiche
Kupferstiche. Die von Merian ins Bild gesetzte Szene des Prager Fens­
tersturzes ist übersichtlich angelegt: Der Großteil der Personen, die in
die Prager Burg eingedrungen sind, befindet sich außerhalb des Raumes,
in dem die «D efenestration» stattfindet; von links stürmt eine Gruppe
Bewaffneter herein; in einem angrenzenden Raum wird beratschlagt. Das
eigentliche Geschehen wird durch Dreiergruppen bestimmt, je zwei Rebel­
len, die einen der drei Männer ergriffen haben, die sie sogleich aus dem
Fenster stürzen werden: die kaiserlichen Statthalter Martinitz und Slawata
sowie den Sekretär Fabricius.

groß war, dass keine Seite mehr hinter sie zurückkonnte. Zugleich muss­
te sie so angelegt sein, dass sie von den Moderaten mitvollzogen werden
konnte. Was lag da näher als die Reinszenierung des ersten Prager Fens­
tersturzes?
Man hatte sich jedoch mit dem ersten Prager Fenstersturz von 1419
nicht besonders gründlich beschäftigt, sonst hätte man damit gerechnet,
dass ein Sturz aus größerer Höhe nicht zwangsläufig mit dem Tod endet.
Damals hatte man Leute bereitgehalten, die den durch den Sturz Verletzten
Fenstersturz in Prag 49

den Garaus machten. Darauf hatte man bei der Reinszenierung verzichtet,
sei es, weil man zusätzliche Personen ins Vertrauen hätte ziehen müssen
und so das Risiko einer vorzeitigen Aufdeckung des Komplotts erhöht
hätte, sei es, weil man offenes Blutvergießen scheute und darauf setzte, dass
die bei einem Sturz aus solcher Höhe zugezogenen Verletzungen zum Tode
führen würden. Doch genau das trat nicht ein: Alle drei «Defenestrierten»
überlebten. Sie schlugen nicht auf hartem Steinpflaster auf, sondern lande­
ten auf einem großen Abfallhaufen, wie er in Burggräben allenthalben zu
rinden war; offenbar hatten auch die weiten Mäntel die Fallgeschwindig­
keit gebremst, und die drei rutschten eher an der abgeschrägten Burgmauer
hinunter, als dass sie in freiem Fall stürzten. Jedenfalls verletzte sich nur
Siawata so schwer, dass er aus eigener Kraft kaum gehen konnte.
Als die Rebellen an den Fenstern der Burg bemerkten, dass die drei
überlebt hatten, feuerten sie ihre Pistolen auf sie ab, trafen aber nicht. Mar-
tinitz gelang noch in der Nacht die Flucht aus Prag, von wo aus er sich
nach Regensburg und München begab, um über den ungeheuerlichen
Vorfall zu berichten. Auch der Sekretär Fabricius konnte entkommen; er
reiste nach Wien, wo er dem Kaiser die erste Nachricht von den Ereig­
nissen in Prag übermittelte. Fünf Jahre später wurde ihm der treffliche
Adelstitel «von Hohenfall» verliehen. Siawata wurde von seiner herbei-
gelaufenen Dienerschaft in das Haus des Zdenko von Lobkowitz gebracht,
seinem gerade in Wien weilenden Kollegen aus dem Statthalterkollegium.
Als Thurns Leute anrückten, um ihn aus dem Lobkowitz sehen Anwesen
herauszuholen, trat ihnen Polyxena von Lobkowitz entgegen und sorgte
dafür, dass sich Thum und seine Leute wieder zurückzogen. In diesem
Zurückweichen zeigte sich die Halbherzigkeit und Inkonsequenz der Pra-
eer Aufständischen. Polyxena von Lobkowitz hatte in der Zeit davor als
«Muse der Rekatholisierung» in Böhmen gewirkt; 14 wirklich entschlos­
sene Aufständische hätten sich durch sie nicht bremsen lassen. Dass sie
vor Polyxena zurückwichen, ließ von Beginn an Zweifel aufkommen, ob
dieser Aufstand erfolgreich sein würde.
Der Anfang des Dreißigjährigen Krieges war von einer Paradoxie
geprägt: Man scheute vor Blutvergießen zurück und setzte doch (was man
indes nicht wissen konnte) einen Krieg in Gang, der zu einem der groß-
5° « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N E U R E S T U N S »

ten Blutvergießen der Geschichte werden sollte. Der von einer mutigen
und entschlossenen Frau gerettete Slawata blieb bis zu seiner Genesung in
deren Haus; danach verließ auch er heimlich Prag, um angesichts der eska­
lierenden Lage nicht erneut in Gefahr zu kommen.

Der Prager Fenstersturz wurde unmittelbar danach bereits von beiden


Seiten propagandistisch ausgebeutet: von den protestantischen Aufständi­
schen als Anknüpfung an die Hussitenkriege und den heroischen Wider­
stand der Böhmen gegen die fremden Eindringlinge, worauf man mit der
Reinszenierung des ersten Prager Fenstersturzes ja hingearbeitet hatte; von
Seiten der katholischen Landesherrschaft, indem man das Überleben der
«Defenestrierten» auf das Eingreifen der Jungfrau Maria zurückführte, die
ihren Sturz gebremst habe. Die propagandistische Absicht war im letzteren
Fall klar: Wie die Gottesmutter den dreien beigestanden und sie gerettet
habe, so werde sie auch den für die katholische Sache Kämpfenden in dem
bevorstehenden Krieg beistehen. Diese Zuversicht beseelte das ligistische
Heer tatsächlich; sie ging auf die Wundererzählung von der Rettung der
Defenestrierten zurück und zog sich wie ein roter Faden durch das erste
Jahrzehnt des Krieges. Bis zu Tillys Niederlage gegen die Schweden bei
Breitenfeld galten die der Jungfrau Maria gewidmeten Fahnen und Standar­
ten des ligistischen Heeres als Garanten dafür, dass man den Sieg davontra­
gen werde und dass, wenn der Sieg denn das Leben kostete, die Gottesmut­
ter den im Kampf Gefallenen beim Jüngsten Gericht als Fürsprecherin zur
Seite stehen werde. Maria wurde so zum Siegeszeichen der Katholischen.
Die Behauptung, die beiden Statthalter und ihr Sekretär seien durch
das Eingreifen der Heiligen Jungfrau gerettet worden, findet sich erstmals
in dem von Martinitz angefertigten Bericht über den Fenstersturz: Als Ers­
ter sei er selbst mit dem Kopf voran aus dem Fenster geworfen worden und
habe in diesem Augenblick gerufen: «Jesu - fili Dei, miserere mei, Mater
Dei, memento mei - Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, Mutter Got­
tes, gedenke meiner!» Dieser Ausruf habe ihn gerettet: «Als er [Martinitz]
aber allzeit off nacheinander die heiligsten Namen <Jesu-Maria> stark aus-
geruff, hat ihn solcher erschröckliche Wurf und Fall, aus sonderbarer, durch
vornehmste unser lieben Frauen Vorbitte erlangten Gnade und Barmher­
Fenstersturz in Prag Sl

zigkeit Gottes, nicht allein am Leben nichts, sondern auch an der Gesund­
heit wenig geschadet. » 15 Gottesfürchtige Leute hätten gesehen, so Mar-
tinitz weiter, wie «die allerseeligste und lobenswürdigste Jungfrau Maria,
Mutter Gottes, als seine [Martinitz] vortreffliche Patronin erschienen [sei],
welche ihn mit ihrem ausgebreiteten und unterlegten Mantel in dem Fall
gleichsam aufgehalten, desto sanfter zur Erden mählich fallen lassen und
also von gewissem Tod beim Leben und Gesundheit gnädiglich zu erhalten
geholfen hat» . 16

Im Vergleich zur protestantischen Anknüpfung an die Hussitenkriege


war das zweifellos die stärkere Erzählung. In ihrem großen Werk über den
Dreißigjährigen Krieg, halb historische Darstellung, halb historischer
Roman, hat die Schriftstellerin Ricarda Huch die Folgen dieser Wunder­
erzählung ausführlich dargestellt: Einem geschlossenen Reisewagen ent­
steigen in Regensburg zwei in dicke Mäntel gehüllte Männer und begeben
sich eilends zum Kollegium der Jesuiten. Dort angelangt, offenbart sich
einer der beiden dem Rektor des Kollegs als Jaroslaw von Martinitz und
berichtet von dem, was ihm in Prag widerfahren ist. «Indem er laut die
benedeite Jungfrau lobte, kniete der Rektor vor Martinitz nieder; er müsse
durchaus demjenigen Verehrung erweisen, sagte er, den die Heilige Jung­
frau so sichtbarlich beschützt habe. » 17 Von all dem müsse der Bischof erfah­
ren, und umgehend begab er sich mit Martinitz zu dessen Amtssitz. Dort
musste Martinitz erneut berichten. «<Was für ein herrliches Wunder>, rief
der Bischof, und der Rektor fügte mit funkelnden Augen hinzu, da alles
so wohl abgegangen sei, müsse man frohlocken, daß die Unkatholischen
einmal ihre Tücke und mehr als herodische Grausamkeit gründlich offen­
bart hätten. Nun müsse doch jedermann und auch der Kaiser einsehen, daß
Moderation da nicht am Platze wäre, sondern daß Disteln und Dornen nur
mit Feuer könnten ausgerottet werden. » 18

Die Radikalen beider Seiten spielten sich in die Hände, und durch die­
ses Zusammenspiel wurden die politisch Gemäßigten mehr und mehr aus­
geschaltet. In Böhmen waren das die Lutheraner, die auf eine Übereinkunft
mit dem Hause Habsburg gesetzt hatten, und in Wien war es Kardinal Klesl,
der auch nach den Prager Ereignissen an einer Politik des Ausgleichs fest-
halten wollte. Die Erzählung vom wunderbaren Eingreifen der Gottesmut­
52 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

ter stand nicht zuletzt auch für eine Politik der Konfrontation und wurde
zum Einspruch gegen all diejenigen, die auf kompromissorientierte Ver­
handlungen mit den Böhmen setzten: Die Gottesmutter selbst wollte, dass
mit der Rückgewinnung Böhmens für den Katholizismus ernst gemacht
wurde.

Anlässe und Ursachen

Mit dem Prager Fenstersturz begann der Dreißigjährige Krieg - auch wenn
im Mai 1618 keiner der Beteiligten eine Vorstellung davon hatte, wie lange
dieser Krieg dauern und wie viel Leid und Unglück er über die Menschen
bringen würde. Die aufständischen Böhmen orientierten sich außer an den
Hussitenkriegen ihrer Vorfahren am Beispiel der Niederlande, die sich in
einem langewährenden Krieg erfolgreich gegen das übermächtige Spanien
behauptet hatten.19 In Wien dagegen setzte man darauf, dass man den Auf­
stand des böhmischen Adels - denn um mehr handelte es sich zunächst
ja nicht - schnell niederwerfen könne. Nur zu gut wusste man um die
Zerstrittenheit der Böhmen, um die Gegensätze zwischen Tschechen und
Deutschen, Lutheranern und Calvinisten, hohem und niederem Adel, städ­
tischem Bürgertum und bäuerlichen Schichten, und ob sich die Markgraf­
schaften Mähren, Nieder- und Oberlausitz sowie das Herzogtum Schlesien
den Prager Aufständischen anschließen würden, war noch völlig offen.20Im
Augenblick jedenfalls waren die Böhmen auf sich allein gestellt, und einige
kaiserliche Berater in Wien betrachteten den Aufstand als eine gute Gele­
genheit, die seit den Hussitenkriegen gemachten Konzessionen zurück­
zunehmen, vor allem die im Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. gewährten
Privilegien, und im Zuge einer entschiedenen Rekatholisierungspolitik ein
straffes landesherrschaftliches Regiment in Böhmen durchzusetzen. Aus
ihrer Sicht bot der Prager Fenstersturz die Chance für eine Politik, die von
einigen schon vor langem entworfen worden, aber stets an der Zögerlich-
keit der Kaiser Rudolf und Matthias gescheitert war.
Matthias war, als der Prager Aufstand begann, schwer krank, und sein
Anlässe und Ursachen 53

Tod war absehbar. Mit seinem voraussichtlichen Nachfolger Ferdinand, der


bereits böhmischer König war, würde man eine entschlossenere Politik
betreiben können. So jedenfalls dachten diejenigen, die mit Klesls Kurs
des Verhandelns und Ausgleichens zutiefst unzufrieden waren und jetzt
die «Ära der Schwäche» beenden wollten. In der Frage, wie es in Böhmen
weitergehen solle, standen sich zwei Parteien gegenüber, die in den zurück­
hegenden zehn Jahren bereits im Reich auf Konfrontationskurs gegangen
waren. Hatte es bislang jedoch immer wieder Möglichkeiten des Sich-
Arrangierens, des Hinausschiebens und der Formelkompromisse gegeben,
so war das in der böhmischen Angelegenheit kaum noch der Fall. Der Fens­
tersturz hatte eine Entwicklung in Gang gesetzt, die von den Radikalen auf
beiden Seiten als unumkehrbar betrachtet wurde. Nicht das Ereignis selbst
rührte zum Krieg, sondern eine bestimmte Interpretation dieses Ereignis­
ses und seine politische Verbindlichmachung.
War der Prager Fenstersturz somit die Ursache des Dreißigjährigen
Krieges? Oder war er doch nur der Anlass, den seit langem schwelenden
Konflikt in einen offenen Krieg zu überführen, wozu auch jeder andere
.Anlass hätte dienen können? War der große Krieg in Mitteleuropa unver­
meidlich, weil sich zwischen den Parteien so viel Konfliktstoff angesam­
melt hatte, dass er mit politischen Mitteln nicht mehr zu entschärfen war?
Oder hätte er bei einem anderen Verlauf des zwischen Landesherrn und
Ständevertretung ausgetragenen böhmischen Machtkampfs vermieden
werden können? Ob der Funkenflug, der die mitteleuropäischen Spannun­
gen explodieren ließ, vermeidbar oder unvermeidbar war, ob er von einigen
aus Leichtsinn oder mutwillig und im Bewusstsein der möglichen Folgen
erzeugt wurde - das ist eine Frage, zu deren Beantwortung immer wieder
zwischen Anlass und Ursache unterschieden worden ist.21

Die geschichts- wie politiktheoretisch elementare und doch so überaus


heikle Unterscheidung von Anlass und Ursache geht auf den griechischen
Historiker Thukydides zurück, dessen Werk auch in anderer Hinsicht für
die Analyse des Dreißigjährigen Krieges aufschlussreich ist. Thukydides
hat die aus einer Abfolge verschiedener Kriege bestehende Epoche der
athenisch-spartanischen Konfrontation in den letzten Jahrzehnten des
54 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N E U R E S T U N S »

5. vorchristlichen Jahrhunderts zu einem einzigen Krieg, dem «Peloponne-


sischen Krieg», zusammengefasst; seine Darstellung wurde daher zunächst
auch unter dem Titel Xyngraphe, «Zusammenschreibung», überliefert.22
Die Historiographie des großen Krieges im 17. Jahrhundert hat sich an die­
ser thukydideischen Vorgabe orientiert, als sie die durch Waffenstillstände
und Friedensschlüsse voneinander getrennten Kriege zwischen 1618 und
1648 in Mitteleuropa ebenfalls zu einem einzigen zusammenhängenden
Krieg, dem Dreißigjährigen Krieg, «zusammenschrieb».23 Thukydides
ging es bei dieser «Zusammenschreibung» darum, die außerordentli­
che Ausdehnung des Krieges und damit seine paradigmatische Bedeu­
tung gegenüber allen anderen Kriegen herauszustellen: Der von Homer
beschriebene Trojanische Krieg hatte zehnJahre gedauert, die von Herodot
behandelten Perserkriege hatten sich über zwanzig Jahre hingezogen, aber
der Krieg zwischen Athen und Sparta hatte sich über nahezu dreißig Jahre
erstreckt.24Allein durch seine Dauer war er der Krieg aller Kriege, und wer
die in ihm ausgetragenen Konflikte, ihre Ursachen und ihre Folgen betrach­
tete, drang zum Kern des Politischen vor. Die «Zusammenschreibung»
der einzelnen Kriege zu einem einzigen Krieg war also die Voraussetzung
dafür, dass dieser Krieg einen paradigmatischen Charakter erhielt, durch
den er alle anderen Kriege in den Schatten stellte. «Wer [ ...] das Gewe­
sene klar erkennen will», so Thukydides am Ende seiner Vorrede über die
Bedeutung des Peleponnesischen Krieges, «und damit auch das Künftige,
das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein
wird, der mag sie [die Darstellung dieses Krieges] für nützlich halten, und
das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs
einmalige Hören ist sie verfaßt.»25
Dieser Wertung konnten sich die meisten Autoren, die seit Mitte des
17. Jahrhunderts das Erlebte und Gehörte zu begreifen versuchten, durchaus
anschließen: Der große Krieg in Mitteleuropa war der schrecklichste, der je
stattgefunden hatte, und da dieses Urteil der allgemeinen Wahrnehmung
entsprach, hat sich die Bezeichnung «Dreißigjähriger Krieg» schnell und
umstandslos durchgesetzt. So heißt es im Widmungstraktat zum sechsten
Band von Matthäus Merians Theatrum Europaeum, der sich mit der Schluss­
phase des Krieges beschäftigt, dass die Zeitzeugen dieses Ereignisses «auf
Anlässe und Ursachen SS

dem Theatro oder Schawplatz deß Teutschlands in praxi, zumalen als viel
die Materiam von Krieg und Frieden belanget, so viel gelernet und erfahren
haben, als hiebevor und für Alters keiner in etlichen seculis thun können » . 26

Dieser Krieg übertrefFe durch seine Länge und die Härte der Auseinander­
setzung alle früheren historischen Beispiele, aus ihm sei ein Wissen über
Krieg und Frieden zu gewinnen, das allem anderen Wissen so weit über­
legen sei, dass sich daraus sogar ein privilegierter Standort gegenüber dem
rer Antike ergebe.27 Das wollte etwas heißen in einer Zeit, da die Ereignisse
und Konstellationen der Antike noch allgemein als unerreichtes Vorbild
wie Wahrzeichen galten. Ein solcher Krieg konnte angesichts seiner zeit­
lichen Dauer und räumlichen Ausdehnung nicht die Folge eines einzigen
Ereignisses sein, schon gar nicht die Folge eines so randständigen Vorgangs,
wie es der Prager Fenstersturz nun einmal war. Die Historiker mussten die
untergründigen Entwicklungen herausfinden, die zu diesem Krieg geführt
hatten, und dabei mussten sie zeigen, dass alle Ereignisse, die sich in der
Vorgeschichte des Krieges zugetragen hatten, in dessen Richtung wiesen.
«Den wahrsten Grund [für die Entstehung des Krieges] freilich»,
schrieb Thukydides, «zugleich den meistbeschwiegensten, sehe ich im
Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang. » 28

Auf diesen stummen Zwang der Entwicklungsprozesse kam er immer wie­


der zu sprechen: dass die Athener nicht länger Athener hätten bleiben kön­
nen, wenn sie den Spartanern die Furcht vor dem ständigen und selbst im
Frieden anhaltenden Machtzuwachs Athens hätten nehmen wollen. Die
Spartaner dachten bei ihren Entscheidungen mehrfach darüber nach, ob
sie sich Athen mit Krieg entgegenstellen sollten und ob dieser Krieg wirk-
uch unvermeidlich war.29 Während sie in Thukydides’ Darstellung zögerten
und vor dem Krieg zurückschreckten, weil sie dessen furchtbare Folgen zu
kennen glaubten, gab es in Athen eine Reihe von Politikern, die im Prinzip
an der Erhaltung des Friedens interessiert waren, zumal Athen davon ja in
besonderem Maße profitierte - aber, da auch sie davon überzeugt waren,
uer Krieg werde zwangsläufig kommen, eine Politik betrieben, die von der
Gegenseite als aggressiv verstanden werden musste: «Denn sie meinten,
der Peloponnesische Krieg werde auch so kommen, und wollten Kerkyra
nicht den Korinthern überlassen mit seiner großen Flotte, sondern die bei­
S<5 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N E U R E S T U N S »

den [Kerkyra und Korinth] sollten sich möglichst aneinander reiben, damit
im Notfall, wenn Athen Krieg führen müsse, Korinth und die anderen See­
mächte schon geschwächt wären. » 30 Unter solchen Umständen waren alle
Ereignisse, die den Krieg auslösten, bloße Anlässe; die eigentliche Ursache
des Krieges lag in einer weithin selbstläufigen Entwicklung, jenseits der
Reichweite der politischen Akteure: im steten Wachstum des auf Handel
und Wandel angelegten Athen und in der sozioökonomischen Stagnation
des Militärstaats Sparta. 31
Wer in seiner Darstellung des Dreißigjährigen Krieges der thukydi-
deischen Unterscheidung zwischen Anlass und Ursache folgte, musste
historisch weit zurückgreifen, um jene Entwicklungen auszumachen, die
zwangsläufig zum Krieg führten, ihn unvermeidlich machten. Friedrich
Schiller etwa geht in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges ein ganzes
Jahrhundert zurück, wenn er mit den Anfängen der Reformation in Sach­
sen beginnt, sich danach mit dem Augsburger Religionsfrieden beschäftigt,
um anschließend auf das Zerwürfnis von Lutheranern und Calvinisten ein­
zugehen. Erst dann kommt er zu den genuin politischen Konflikten im Vor­
feld des Krieges, der Reichsexekution gegen Donauwörth, der Bildung der
protestantischen Union und der katholischen Liga, dem Erbfolgestreit von
Jülich-Kleve-Berg, bevor er sich schließlich den Konstellationen in Böhmen
und dem Prager Fenstersturz zuwendet. Die aufgeführten politischen Kon­
flikte, die auch anders hätten ausgehen können und deswegen eher dem
weiten Feld der Kontingenz zugehören als dem der Determination, sind für
Schiller nur ein Ausdruck des großen Streits zwischen den Konfessionen.
Bei einer solchen Herleitung konnten die Ereignisse in Prag bloß der Anlass
des Krieges, nicht aber dessen Ursache sein. Diese lag, wenn man bis zur
Reformation zurückging, wesentlich in der Glaubensspaltung. Schiller war
jedoch nicht der Auffassung, die Glaubensspaltung habe zwangsläufig zum
Krieg führen müssen; er beschreibt sie vielmehr als die Grundierung von
Konstellationen, in denen machtpolitische Konflikte eine deutlich größere
Eskalationsdynamik und damit Kriegswahrscheinlichkeit entfalteten, als
das üblicherweise der Fall gewesen wäre. Wer unter solchen Bedingungen
den Krieg vermeiden wollte, musste eine sehr viel aktivere und weitsichti­
gere Friedenspolitik betreiben als sonst.
Anlässe und Ursachen 57

Seit Anfang des 17. Jahrhunderts, so Schillers implizite Kriegsursachen-


inalyse, kam es im Reich zu einer eskalatorischen Abfolge von Konflikten,
ice einen großen Krieg immer wahrscheinlicher machten und eine Reihe
von Problemen derart miteinander verknoteten, dass, sobald der Krieg
einmal begonnen hatte, nicht mehr mit einem schnellen Ende zu rechnen
war. Die Ätiologie des Krieges bei Schiller ist zugleich die Erklärung seiner
langen Dauer und des Verstreichens so vieler Gelegenheiten, bei denen es
rar rationale Akteure nahegelegen hätte, den Krieg zu beenden. Der Prager
Fenstersturz ist aus der Sicht Schillers nur der Schlussakt einer Entwick­
lung, die in den vorangegangenen Jahrzehnten immer schneller auf den
Krieg zulief und im Frühjahr und Sommer 1618 von niemandem mehr zu
stoppen war. Diesem von Schiller vorgegebenen Modell der Kriegsursa-
ahenanalyse sind die meisten Historiker gefolgt, zumal Moriz Ritter, des­
sen zwischen 1889 und 1908 veröffentlichte dreibändige Deutsche Geschichte
Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges bis heute
aas an Detailreichtum der Darstellung unübertroffene Standardwerk dieser
Zroche darstellt. Fast alle Reihenwerke der Zeit behandeln Reformation,
Gegenreformation und Dreißigjährigen Krieg in einem Zusammenhang -
und das heißt in der Regel: in einem Band.32 Der Dreißigjährige Krieg ist
bei diesem Ansatz fest an die Geschichte des 16.Jahrhunderts rückgebun-
ien: Das 16.Jahrhundert ist die Vorgeschichte des Krieges, und im Krieg
kulminiert alles, was sich im 16. Jahrhundert entwickelt hat.

Rcarda Huch ist einen anderen Weg gegangen, als sie in ihrem mehr als
tuusendseitigen Werk Der Dreißigjährige Krieg, zunächst in drei Bänden
zwischen 1912 und 1914 unter dem Titel Der große Krieg in Deutschland ver-
orentlicht, die von den Historikern in die Zeit vor 1618 eingezeichneten
Hauptlinien des Konflikts in eine Fülle von Episoden aufgelöst hat; diese
stehen unvermittelt nebeneinander, und erst im Nachhinein erschließt sich,
wie sie Zusammenhängen und was sie mit dem Krieg zu tun haben. Huch
schleicht sich gleichsam über diverse Erzählstränge in das Geschehen ein:
Der Krieg entsteht fast unmerklich aus einer Reihe von politischen Pro-
ekten, Machenschaften und Intrigen, mit denen die fraglichen Akteure
beschäftigt sind. Es gibt in Huchs Erzählung keine Zäsur, die für das Ende
58 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N E U R E S T U N S »

des Friedens und den Beginn des Krieges steht. Der Krieg schleicht sich
ein, nicht überall, sondern nur in begrenzten Räumen, und man hat den
Eindruck, diese Kriege, die zunächst nicht mehr als eine bewaffnete Fort­
setzung der vorangegangenen Machenschaften und Intrigen sind, könnten
auch schnell wieder beendet werden. An die Stelle der großen Erzählung
vom unversöhnlichen Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken
tritt bei Huch ein mosaikförmiges Bild vom Wollen und Tun zahlloser
Akteure, die auf ihren Vorteil bedacht sind und ihre Position im verwirren­
den Spiel um Macht und Reichtum zu verbessern trachten. Der Übergang
vom Frieden zum Krieg ändert dieses Spiel nicht grundsätzlich; eigentlich
machen alle unter den Bedingungen des Krieges so weiter, wie sie zuvor im
Frieden agiert haben. Mit einem Mal ist Krieg, und kaum einer hat gemerkt,
wie es dazu kam. Bei Schiller entsteht der Krieg, weil einflussreiche Akteure
ihn bewusst angesteuert haben, nachdem ihnen die Konflikte der Zeit nicht
mehr anders lösbar schienen; bei Huch ist er die Folge dessen, dass sich die
politischen Akteure nicht entschiedener um die Bewahrung des Friedens
gekümmert, sondern den Ereignissen ihren Lauf gelassen haben.
In Huchs Darstellung hätte die Unterscheidung von Anlass und Ursa­
che keinerlei Sinn. Es gibt für sie keine beherrschenden Entwicklungen, die,
wie ein großer Magnet, die verwirrende Fülle der Episoden strukturieren
und ordnen. Demzufolge können Entscheidungen und Ereignisse auch
nicht zu bloßen Anlässen gegenüber den eigentlichen Ursachen herabge­
stuft werden. Überall hat der Zufall seine Hand im Spiel, und die Darstel­
lung der Vorgeschichte des Krieges wird zu einer großen Studie über Kon­
tingenz. An die Stelle der konfrontativen Gruppenbildung, auf der Schillers
Ätiologie des Krieges beruht, treten bei Huch die persönlichen Dispositi­
onen der kleinen und großen Machthaber, ihre Ziele und Absichten, vor
allem auch ihre charakterlichen Eigenschaften, die vorsichtige Zurückhal­
tung bei den einen und die hochfliegenden Pläne bei den anderen. Sie alle
wissen nicht, worauf ihr Tun und Handeln hinausläuft - und sie machen
sich auch keine Gedanken darüber. Der Krieg ist nicht die Folge langfristi­
ger Entwicklungen, sondern das unbeabsichtigte Ergebnis eines leichtfer­
tigen Spiels. Selbstverständlich wäre er, folgt man Huchs Darstellung, zu
verhindern gewesen - wenn der eine Herrscher länger gelebt hätte und der
Anlässe und Ursachen 59

andere früher gestorben wäre, wenn Laune und Mutwille hier und da zu
änderen Entschlüssen geführt hätten, wenn die Mutterliebe im einen Fall
cennger und die väterliche Anerkennung im anderen Fall größer gewesen
wäre. Wo solche Kontingenzen das politische Feld beherrschen, ist jeder
Anlass immer auch eine Ursache, weil sich, wenn er ausgeblieben wäre, die
gesamte Abfolge des Geschehens verändert hätte.
Das ist eine Sichtweise, die sich in dieser Radikalität eher in literari-
j>dien als in historiographischen Darstellungen des Krieges findet - wobei
mmzuzufügen ist, dass die Erzählerin Ricarda Huch Historikerin war, eine
cer ersten Frauen, die an einer Universität promoviert wurden, in diesem
rali in Zürich, weil Frauen an deutschen Universitäten noch nicht zum Stu­
dium zugelassen waren. Methodische Prinzipien und der Imperativ narrati­
ver Stringenz hindern den Historiker daran, der Vorstellung einer völligen
Kontingenz der Ereignisse zu folgen - dass alles auch anders hätte kom­
men können, wenn nur an einer einzigen Stelle eine andere Entscheidung
verrotten worden wäre. Das sind, wie die Lektüre von Huchs Werk zeigt,
- Hintergrundannahmen», und die Darstellung des Krieges kann sich nicht
dann erschöpfen, Kontingenzen zu beobachten und herauszustellen, wie
es denn so hätte gewesen sein sollen. Das Wirrwarr der Episoden muss sich
schließlich auch bei Huch zu einem Mosaik formen, und das ist am ehes­
ten möglich, wenn sich die Darstellung auf einzelne Personen konzentriert
_r.d deren Handeln ausleuchtet. In diesem Sinn beruhen die Biographien
m den großen Gestalten des Dreißigjährigen Krieges, die umfangreichen
Werke vor allem zu Wallenstein und Gustav Adolf, auf der Annahme einer
weitgehenden Zufallshaftigkeit des Geschehens, in das die jeweilige Haupt-
i r u der Darstellung ordnend und wegweisend eingreift. Solche Biogra-
rhien sind von ihren theoretisch-methodologischen Voraussetzungen her
das Gegenstück zu den Gesamtdarstellungen, in denen der Dreißigjährige
Krieg als eine zwangsläufige Folge der bis weit ins 16. Jahrhundert zurück­
reichenden Entwicklungen erscheint. In den biographisch ausgerichte-
:en Darstellungen tritt die Anlass-Ursache-Unterscheidung zurück, und
das politische Geschehen wird zu einem offenen Feld, in das die großen
Akteure ihren Willen einschreiben - eine Sicht also, bei der der Krieg
aus einer bestimmten Verkettung von Umständen und Zufällen entstand,
6o « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

denen ein kluger und vorausschauender Akteur durchaus eine andere Rich­
tung hätte geben können.
Kaiser Rudolf II. hätte, wenn er ein anderer gewesen wäre, eine solche
Rolle spielen können. Wenn Rudolf, so der Historiker Volker Press, ange­
sichts der wachsenden religionspolitischen Konflikte im Reich und der
SelbsÜähmung der Reichsinstitutionen eine aktivere Politik betrieben und
dabei seine kaiserliche Rolle konfessionsubergreifend verstanden hätte, ori­
entiert etwa an der Politik seines Vaters Maximilian II., dem «eigentlichen
Kaiser des Religionsfriedens»,33 dann wäre es womöglich nicht zur Bildung
der konfessionellen Gruppierungen, der protestantischen Union und der
katholischen Liga, gekommen, und die eskalatorische Konfliktdynamik,
die von den Deterministen herausgestellt wird, wäre gebremst, wenn nicht
gestoppt worden. Aber Rudolf war für eine solche Rolle völlig ungeeignet;
wochenlang verharrte er in grüblerischer Untätigkeit, ließ niemanden zu
sich, beschäftigte sich mit Astrolabien oder alchemistischen Experimenten
und widmete sich allerlei Skurrilitäten; dann wieder reagierte er bei jeder
Gelegenheit mit Tobsuchtsanfällen und wütete gegen seine Umgebung.
Außerdem lag er in beständigem Streit mit seinen Brüdern, namentlich
mit Matthias, der ihn von der Macht zu verdrängen suchte. Der «Bruder­
kampf im Hause Habsburg», der in Form einer schrittweisen Entmachtung
Rudolfs durch Matthias ausgetragen wurde,34hat zur Paralyse der Reichsin­
stitutionen erheblich beigetragen. Von Rudolf jedenfalls ist keine Initiative
gekommen, die den Konflikt moderiert oder entschärft hätte. Denkt man
diesen Ansatz zu Ende, so war es das Verhängnis Deutschlands, dass in der
politisch entscheidenden Phase vor dem großen Krieg eine psychisch labile
Person, ein von Depressionen und Entschlusslosigkeit geplagter Mann an
der Spitze des Reichs stand, der mit seinen kaiserlichen Aufgaben hoff­
nungslos überfordert war.35
Matthias, der seinem älteren Bruder Anfang des Jahres 1612 offiziell
als Kaiser nachfolgte, nachdem er seit längerem schon de facto als solcher
agiert hatte, besaß zwar einen stärkeren Machtwillen als Rudolf und war
auch in höherem Maße von seinen Fähigkeiten überzeugt,36 aber auch er
unternahm keinen Versuch, die gelähmten Reichsinstitutionen als Vermitt-
lungs- und Schiedsinstanzen wieder arbeitsfähig zu machen. Im Rückblick,
Der Streit um das Marburger Land 61

der im Unterschied zu den Zeitgenossen um den Fortgang der Geschichte


weiß und diese auf «verpasste Gelegenheiten» hin absucht, sind die
Regierungszeiten Rudolfs und Matthias’ durch Stillstand und Zuwarten
gekennzeichnet. Aber konnte man in dem Jahrzehnt vor Kriegsausbruch
überhaupt erkennen, dass dringender Handlungsbedarf bestand, wenn
man den bewaffneten Zusammenstoß der Konfessionen noch vermeiden
•»sollte? Oder erschien es aus zeitgenössischer Perspektive nicht viel sinn­
voller, angesichts der bestehenden Verhältnisse eine grundlegende Reform
ier Reichsinstitutionen hintanzustellen, um die allenthalben zutage tre­
tenden konfessionellen Konflikte nicht noch weiter anzuheizen? Der Blick
des Historikers auf die Vorgeschichte eines Krieges hat in der Regel etwas
Besserwisserisches - zum einen, weil er es tatsächlich besser weiß als die
rändelnden Personen in ihrer Zeit, die eben nicht über das Wissen des
Historikers verfügen; zum anderen aber auch deswegen, weil der Histori­
ker häufig unterstellt, dass alles, was er weiß, auch die Zeitgenossen hät­
ten wissen können, und als Beleg dafür führt er eine Reihe von Zitaten an,
ite den Eindruck vermitteln, die Klügeren unter den Zeitgenossen hätten
tatsächlich gewusst, was der spätere Historiker weiß. Welche Relevanz das
•eweilige Wissen hat, bleibt dabei freilich unterbelichtet.

Der Streit um das Marburger Land


zwischen den hessischen Landgrafen

- Ich befürchte sehr», schrieb Landgraf Moritz von Hessen-Kassel am


: c März 1615 an den französischen König Ludwig XIII., «daß die Staaten
des Reichs, die jetzt so grimmig miteinander im Streit liegen, einen ver­
hängnisvollen Brand entzünden, von dem nicht nur sie selbst ergriffen
werden [...], sondern auch all jene Länder, die in irgendeiner Weise mit
Deutschland verbunden sind. All dies wird zweifellos die gefährlichsten
Folgen haben und zum vollständigen Zusammenbruch und einer unver­
meidlichen Änderung des gegenwärtigen Zustandes von Deutschland
mhren. Und davon werden vielleicht auch einige andere Staaten betrof­
62 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

fen sein.»37 Drei Jahre vor den Prager Ereignissen hat Moritz die künftige
Entwicklung recht präzise vorweggenommen, so jedenfalls könnte man
meinen. Man sollte darum annehmen, dass er selbst als Herrscher eines
mittelgroßen Landes einiges unternommen hätte, um den «verhängnisvol­
len Brand» zu verhindern, von dem er in dem Brief spricht. Getan hat er
jedoch das genaue Gegenteil: Die Landgrafschaft Hessen-Kassel war eines
der energischsten Mitglieder der protestantischen Union und gehörte -
im Unterschied zu den Reichsstädten, die sich ebenfalls der Union ange­
schlossen hatten, aber auf eine eher vorsichtige und zurückhaltende Politik
drängten - zu den entschiedenen Unterstützern der kurpfälzischen Politik,
die das Risiko einer bewaffneten Konfrontation mit der katholischen Liga
in Kauf nahm. Das mag damit zu tun gehabt haben, dass sich Moritz als
Reformierter der Kurpfalz, die als politische Speerspitze des Calvinismus
in Deutschland galt, eng verbunden fühlte; ebenso aber dürfte er von der
Vorstellung geprägt gewesen sein, dass der Krieg in Deutschland unver­
meidlich sei und man deswegen auf ihn vorbereitet sein sollte.
Landgraf Moritz verfolgte diese Politik des Vorbereitetseins schon seit
längerem; im Jahre 1600 bereits hatte er eine 9000 Mann starke Söldner­
truppe aufgestellt, die zu unterhalten seinem nicht gerade reichen Land
durchaus schwerfiel. 1604 besetzte er unter Einsatz dieser Söldner den grö­
ßeren Teil des Marburger Landes und überrumpelte damit seinen Cousin,
den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der in der Marburger Erbangele­
genheit auf einen Entscheid des kaiserlichen Hofes gesetzt hatte. Seitdem
musste Moritz damit rechnen, dass der Kaiser gegen ihn entschied und
eine Reichsexekution anordnete, um diese Entscheidung durchzusetzen,
was ihn umso fester an die Kurpfalz und die kurpfälzisch dominierte Union
band. Außerdem suchte er Rückhalt bei Frankreich, zu dem bereits sein
Vater enge politische Kontakte gepflegt hatte.38 Man kann den Brief an
Ludwig X III. darum auch ganz anders verstehen, nämlich als eine durch
Anlehnung an Frankreich erfolgte politisch-militärische Rückversicherung
für den Fall, dass der Kaiser gegen die Interessen des Landgrafen entschied.
Liest man den Brief im politischen Kontext, so handelte es sich bei ihm
weniger um die Warnung vor einem großen Krieg in Deutschland als viel­
mehr um eine Vorbereitung darauf: Der französische König - also eine
Der streit um das Marburger Land 63

ixreme Macht - wird daraufhingewiesen, dass bestimmte Entwicklungen


m Reich auch seine Interessen berühren könnten; er wird aufgefordert, die
rohtischen Entwicklungen genau zu beobachten und gegebenenfalls auf
eme militärische Intervention vorbereitet zu sein.
Der Streit um die Aufteilung der Landgrafschaft Hessen-Marburg, der
r_e PoÜtik der Kasseler wie der Darmstädter Linie der hessischen Landgra-
:en vor dem Dreißigjährigen Krieg und während seines Verlaufs bestimmte,
ac raradigmatisch für die Konfliktlagen im Reich und die darin regelmäßig
zutage tretende Vermischung dynastischer Interessen und konfessioneller
lacehörigkeiten, kühler Interessenpolitik und religiöser Überzeugungen.
Landgraf Philipp der Großmütige, neben Kurfürst Friedrich dem Weisen
rer wichtigste Unterstützer Luthers, hatte die Landgrafschaft unter seinen
wer Söhnen aufgeteilt: Wilhelm erhielt Hessen-Kassel, Ludwig Hessen-
Marburg, Georg Hessen-Darmstadt und Philipp die Gegend um Rheinfels.
Nur zwei dieser Söhne, nämlich der Kasseler und der Darmstädter, hatten
selbst Nachkommen, während der Rheinfelser 1583 und der Marburger
:cc4 kinderlos starben. Ludwig von Hessen-Marburg hatte sein Herr­
schaftsgebiet, das zwischen dem der Darmstädter und dem der Kasseler
Lerne lag und deswegen für beide von Interesse war, zu gleichen Teilen bei-
cen Linien vermacht. Der Erbschaftsstreit zwischen Moritz, der 1592 sei­
nem Vater Wilhelm gefolgt war, und Ludwig V. von Hessen-Darmstadt, der
:59b die Nachfolge seines Vaters Georg angetreten hatte, drehte sich um die
Frage, ob «zu gleichen Teilen» nach Linien oder nach Köpfen geteilt wer-
aen sollte: Moritz, der einzige Sohn Wilhelms, bestand auf einer Teilung
rach Linien, während Ludwig, der Älteste von drei Geschwistern, unter
Verweis auf die Landesteilung seines Großvaters Philipp auf einer Teilung
rach Köpfen bestand; dann hätte die Darmstädter Linie drei Viertel, die
Kasseler hingegen nur ein Viertel aus der Erbmasse des Marburger Onkels
erhalten.
Das Austrägalgericht, vor dem der Streit verhandelt wurde, entschied
auf eine Teilung nach Linien, woraufhin Moritz die um Marburg gelege-
ren Gebiete mit seinen Truppen umgehend okkupierte und Oberhessen
mit Gießen als Zentrum seinem Vetter Ludwig überließ. Der wiederum
ernannte das Urteil des Gerichts nicht an und rief den Kaiser zu Hilfe. Am
64 « I H R K E N N T N I C H T DIE F O L G E N E U R E S T UNS

ii. Februar 1605 erging ein Erlass des Kaisers mit dem Hinweis darauf, «daß
Reichslehen nicht ohne Zustimmung des Kaisers vermacht, geteilt und
schiedsrichterlichem Spruche unterworfen werden dürften»; «die Akten
über die Marburger Erbfolge [wurden] eingefordert».39 Das kaiserliche
Eingreifen verschärfte den Streit, denn während Moritz bei seiner Auffas­
sung blieb, ihm stehe die Hälfte der Erbschaft zu, erklärte Ludwig, der Kas­
seler Cousin habe durch sein eigenmächtiges Vorgehen den Erbanspruch
verwirkt und das Erbe stehe nunmehr in Gänze der Darmstädter Linie zu.
Da Moritz jedoch mit Hilfe seines Militärs vollendete Tatsachen geschaffen
hatte, blieb der Status quo zunächst bestehen. Erst mit Beginn des Dreißig­
jährigen Krieges kam in die Marburger Angelegenheit wieder Bewegung,
und je nach Kriegsglück war das umstrittene Gebiet einmal bei Kassel und
dann wieder bei Darmstadt. Beigelegt wurde der Streit im Rahmen der
Festlegungen des Westfälischen Friedens - im Übrigen ganz so, wie das
Austrägalgericht dies entschieden hatte.40
Es ging in der Marburger Angelegenheit indes nicht nur um die Zuge­
hörigkeit von Territorien zu der einen oder der anderen Landgrafschaft,
sondern auch um religionspolitische Fragen. In der Tradition Philipps des
Großmütigen, der im Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und
Zwingli und ihren unterschiedlichen Abendmahlsauffassungen zu vermit­
teln versucht hatte, war Hessen in der Abendmahlskontroverse zwischen
Lutheranern und Calvinisten in allen vier Landgrafschaften lange Zeit neu­
tral geblieben. Das hatte sich mit Moritz’ Regierungsantritt in Hessen-Kas­
sel geändert; der junge Landgraf neigte der calvinistischen Abendmahls­
auffassung zu, begnügte sich aber zunächst damit, dieser Auffassung
nahestehende Theologen in die maßgeblichen Kirchenämter zu berufen.
Im Sommer 1605, nach der Besetzung des Marburger Gebiets durch sein
Militär, gab er die zurückhaltende Linie auf und ordnete für das gesamte
Land eine Reihe konfessioneller Neuerungen an: Eine davon besagte, «daß
das Abendmahl nicht durch Reichung der Hostie, sondern durch Brechung
des Brotes gespendet werden sollte», eine weitere, «daß das Verbot, Gott
abzubilden, als zweites Gesetz der zehn Gebote gelehrt und demgemäß der
Bilderschmuck aus den Kirchen entfernt werden solle».41 Auch wenn in
den landgräflichen Anordnungen nirgendwo ein Wechsel der Konfession
Der Streit um das Marburger Land 65

vom Luthertum zum Calvinismus angekündigt wurde, so konnte Moritz


doch davon ausgehen, dass die veränderte Austeilung des Abendmahls,
Erkennungszeichen für die unterschiedlichen Auffassungen Luthers und
Calvins, zu einer allmählichen Verdrängung des Luthertums in der Land-
Grafschaft Hessen-Kassel führen würde.
Diese Verordnungen waren freilich nur der Anfang, denn nun for­
derte Moritz, der sich dabei auf die Position eines «Bischofs» seines
Herrschaftsgebiets berief, von den Geistlichen seines Landes, dass sie sich
den Vorgaben fügten oder aber ihr Amt niederlegten und emigrierten;
von seinen Untertanen erwartete er, dass sie sich die Belehrung durch die
von ihm eingesetzten Geistlichen anhörten - «die Annahme der wahren
lehre dürfe er zwar nicht erzwingen, aber sie anzuhören könne er selbst
cen Juden befehlen».42 Dagegen regte sich Widerstand, den der Landgraf
umgehend brechen ließ: Pfarrer, die den landgräflichen Anordnungen
nicht folgen wollten, wurden entlassen; ebenso erging es vier widerspens­
tigen Theologieprofessoren der hessischen Landesuniversität in Marburg,
und als dem ein Tumult der Marburger Bürgerschaft folgte, wurden Trup-
ren in der Stadt einquartiert, die für Ruhe sorgten. Schließlich wurde die
Ritterschaft an der Werra dazu gebracht, in ihren Patronatspfarreien nicht
Anger Geistliche mit lutherischer Gesinnung zu dulden.43 Die aus Marburg
vertriebenen Lutheraner gingen ins darmstädtische Gießen, wo die beste-
nende Akademie im Jahre 1607 zur Universität erhoben wurde. Die Theo-
logische Fakultät dort war der Luther sehen Abendmahlsauffassung wie
überhaupt dessen Theologie verpflichtet, und dementsprechend wurden
die in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt angestellten Pfarrer künftig in
Gießen ausgebildet.
Aber in demselben Maße, wie sich Moritz in seinem Herrschaftsbe­
reich mit Hilfe der Söldnereinheiten durchzusetzen vermochte, machte
er sich im Teilungsstreit mit seinem Darmstädter Vetter politisch und
rechtlich verwundbar. Im Testament des verstorbenen Landgrafen von
Hessen-Marburg hieß es nämlich, dass das im Jahre 1530 von Philipp dem
Großmütigen für seine Lande angenommene «Augsburger Bekenntnis»
•unversehrt bewahrt werden solle und dass Verletzungen des Testaments -
und darum handelte es sich bei Moritz’ Vorgehen zweifellos - den Verlust
66 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

der Erbschaft zur Folge hätten. Für den Fall, dass der Konflikt als Rechts­
streit ausgetragen worden wäre, bei dem ein Reichsgericht das letzte Wort
gehabt hätte, hätte Moritz’ Wechsel zur reformierten Abendmahlspraxis
eine erhebliche Schwächung seiner Erbansprüche bedeutet. Vermutlich
war deshalb in seinen Anordnungen nicht von einem Wechsel der Konfes­
sion die Rede. Die Folge war jedenfalls, dass Hessen-Kassel mehr an einer
militärischen als an einer rechtlichen Lösung des Erbschaftsstreits gelegen
war, während Hessen-Darmstadt in enger Anlehnung an Kursachsen eine
ausgesprochen kaisertreue Politik betrieb.44

Die beschriebene Konfrontation zwischen den beiden Landgrafen ist bei­


spielhaft für die Vorgeschichte und den Verlauf des Krieges: Zunächst ging
es um eine dynastische Erbschaftsangelegenheit und einen daraus resultie­
renden Konflikt, der im Rahmen der vorhandenen Institutionen auf dem
Rechtsweg gelöst werden konnte. Die Ordnung des Reichs war darauf
angelegt zu verhindern, dass solche Konflikte zu einem Krieg eskalierten,
aber die schiedlich-friedliche Lösung funktionierte nur so lange, wie die
an einer Auseinandersetzung beteiligten Parteien von der Neutralität der
Entscheidungsinstanzen überzeugt waren und darauf vertrauten, dass jede
Seite ein faires Verfahren bekommen würde. Das war jedoch mit Beginn
der von den Landesherren betriebenen Konfessionalisierung und wachsen­
den Zweifeln an der Neutralität des Kaisers sowie der Reichsinstitutionen
immer weniger der Fall.45 Das Misstrauen gegenüber dem Kaiser und den
Institutionen des Reichs wurde noch verstärkt, wenn, wie im Fall von Hes­
sen-Kassel, ein Konfessionswechsel erfolgte, der zur Entstehung einer Exil­
partei führte, von der die Zulässigkeit des Konfessionswechsels bestritten
und die Legitimität des dafür verantwortlichen Herrschers in Zweifel gezo­
gen wurde. Das war insbesondere bei einem Wechsel zum calvinistischen
Bekenntnis so, denn dieses war nicht in den Augsburger Religionsfrieden
eingeschlossen und stand deswegen auch nicht unter dessen besonderem
Schutz. Im Fall von Landgraf Moritz kam noch hinzu, dass der de facto
erfolgte Konfessionswechsel seinen Erbanspruch auf Hessen-Marburg
deutlich geschwächt hatte.
Im Prinzip konnte Moritz also gar kein Interesse an einem Verfahren
Wir der Krieg wirklich «unvermeidlich»? 67

haben, sondern musste darauf setzen, dass die Reichsinstitutionen wei­


terhin blockiert blieben. Seine im Brief an Ludwig X III. ausgesprochene
Warnung vor einem drohenden Krieg im Reich, der auch die angrenzen­
den Staaten in Mitleidenschaft ziehen werde, zielte darauf, die politische
Sendung an Frankreich zu erneuern, mit der sich Moritz Rückhalt gegen­
über seinem Darmstädter Vetter und dem Kaiser verschaffen wollte. Das
reim Luthertum verbliebene Hessen-Darmstadt wiederum hatte wegen
ies Streits um Hessen-Marburg ausgeprägtes Interesse an einem starken
Kaisertum, war dieses doch der Garant dafür, dass es seine Ansprüche auf
rem Rechtsweg geltend machen konnte und diese nach der Entscheidung
r_ seinen Gunsten qua Reichsexekution auch durchgesetzt würden. In
Verbindung mit der Paralyse der Reichsinstitutionen führte die Konfessio-
nulisierungspolitik der Landesherren dazu, dass jeder Konfessionswechsel
-mes Landes die Gruppe der bedingungslos am Frieden orientierten Fürs­
ten verkleinerte. Deswegen wurde die Gruppe derer, die auf Krieg setzten,
» eil sie ihn für unvermeidlich hielten, nicht unbedingt größer - aber sie
erlangte immer größeren Einfluss.

War der Krieg wirklich


«unvermeidlich» ?

Das pohtische Dilemma des Reichs lässt sich auch an der «Komposi-
uenspolitik» des Kardinals Klesl aufzeigen, der die kaiserliche Politik seit
Anfang 1611 leitete und mit den Folgen, die die Blockade der Reichsinstitu-
nenen mit sich brachte, bestens vertraut war. Mit dieser Politik versuchte
Klesl die unterschiedlichen Komponenten der habsburgischen Herrschaft
neu zu ordnen. A uf der einen Seite setzte Klesl, wie an seiner Reaktion
auf den Protest der böhmischen Stände gegen die wiederholte Verletzung
ues Majestätsbriefs ablesbar,44 in den habsburgischen Erblanden auf eine
entschiedene Politik der Konfessionalisierung, durch die er sicherstellen
»olite, dass das Haus Habsburg gegenüber den anderen Reichsfürsten
nicht ins machtpolitische Hintertreffen geriet; auf der anderen Seite war
68 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

Klesl sich aber durchaus darüber im Klaren, dass die Reichsinstitutionen


wieder funktionstüchtig gemacht werden mussten, und sei es nur, um bei
der nächsten Kaiserwahl erneut einen Habsburger an die Spitze des Reichs
zu stellen. Zwar verfügte die katholisch-habsburgische Seite mit den drei
geistlichen Kurfürstentümern Mainz, Köln und Trier sowie der an der böh­
mischen Krone hängenden Kurstimme der Habsburger seihst gegenüber
den drei protestantischen Kurfürsten der Pfalz, Sachsens und Brandenburgs
über die Mehrheit im Kurfürstenkollegium; aber Mehrheitsentscheidun­
gen bei der Kaiserwahl waren unüblich, und eine Kaiserwahl entlang der
konfessionellen Gegensätze hätte die innere Spaltung des Reichs noch wei­
ter vertieft. Da die böhmischen Stände überwiegend protestantisch waren,
musste bei einer knappen Entscheidung obendrein mit deren Widerspruch,
wenn nicht Widerstand gerechnet werden. Das sprach für eine entschie­
dene Rekatholisierung Böhmens, was wiederum das Misstrauen der Pro­
testanten im Reich gegenüber dem Kaiser und seiner Politik geschürt hätte,
und zwar bei Lutheranern wie Calvinisten. In der Folge wäre die protestan­
tische Seite noch stärker darauf bedacht gewesen, die Reichsinstitutionen
zu blockieren, was Klesl ja gerade zu verhindern suchte.
Klesl befand sich somit in einem klassischen Dilemma, das er auflö-
sen wollte, indem er die Politik in den habsburgischen Erblanden von der
im Reich entkoppelte. Die Politik der Rekatholisierung in den Erblanden
sollte mit einem Ausgleich der konfessionellen Gegensätze im Reich ver­
bunden werden, um das gespaltene Reich mit Hilfe des Reichstags wieder
zusammenzufügen. Klesl war bewusst, dass eine solche Neukomposition
der Teile und Faktoren des Reichs nur gelingen konnte, wenn er sich auf
weitgehende Konzessionen gegenüber den protestantischen Administra­
toren ehemals geistlicher, inzwischen säkularisierter Territorien einließ.
Das aber hieß, dass der Augsburger Religionsfrieden großzügig ausgelegt
werden musste.47 Dies wiederum lehnten die Strikten unter den Anhän­
gern der Gegenreformation ab, während viele Protestanten Klesl wegen
der von ihm forcierten Rekatholisierungspolitik in den Erblanden miss­
trauten und den Verdacht hatten, er wolle sie in einen politischen Hinter­
halt locken. Klesls Problem war, dass er zu viele Bälle gleichzeitig im Spiel
halten musste und infolgedessen nicht in der Lage war, Vertrauensverhält­
War der Krieg wirklich «unvermeidlich»? 69

nisse aufzubauen, ohne die seine Ausgleichs- und Kompositionspolitik


keinen Erfolg haben konnte.48 So scheiterte der Regensburger Reichstag
von 1613, und als die Gesandten auseinandergingen, ohne einen Reichs­
tagsabschied beschlossen zu haben, war der Reichstag als Institution lahm­
gelegt.49 Damit waren auch Klesls Anstrengungen zunächst einmal geschei­
tert. Aber Klesl ließ sich durch solche Rückschläge nicht aus dem Konzept
bringen und suchte immer wieder nach Gelegenheiten, doch noch zum
Erfolg zu kommen.
In vielen Darstellungen der Vorgeschichte des Krieges wird die Kom­
positionspolitik Klesls nur beiläufig dargestellt und Klesl als ein Politiker
behandelt, der allenfalls ein Taktiker ohne Blick für strategische Konstella­
tionen gewesen sei. Deswegen, so der Tenor dieser Arbeiten, könne es auch
nicht überraschen, dass ihm zuletzt niemand mehr vertraut habe. Letzteres
mag durchaus der Fall gewesen sein, und doch ist dieses Urteil über Klesl
ungerecht. Er hatte erkannt, dass die institutioneile Blockade des Reichs
durch eine umfassende Reform der Reichsverfassung nicht zu lösen war.
Zwar gab es ein verbreitetes Bewusstsein von den strukturellen Proble­
men der Reichsverfassung, das seinen Höhepunkt in der Debatte über die
Frage fand, wo der Ort der Souveränität im Reich sei - beim Kaiser, bei
den Kurfürsten oder gar bei den Reichsständen insgesamt - , so aber gleich­
zeitig wollte keine Seite den ersten Schritt machen, um einen größeren
Reformprozess in Gang zu setzen. Klesl vermied es, sich in einer Reform
der Reichsinstitutionen zu verhaken; vielmehr versuchte er, unterhalb des­
sen Bewegung in die Verhältnisse zu bringen, indem er die in der gelähmten
Struktur des Reichs festsitzenden Parteien neu gruppierte. Der Schlüssel
zu dieser Neugruppierung war die Trennung zwischen Territorialstaat
und Reich, um den politischen Akteuren auf beiden Ebenen voneinander
unabhängige Spielräume zu verschaffen und auf diesem Wege Kompro­
misse zwischen ihnen zu ermöglichen. Durch die Entkopplung von Ter­
ritorialstaat und Reich sollte die Politik der Konfessionalisierung auf die
Landesherrschaft begrenzt und das Reich als überkonfessionelle Ebene
wieder funktionsfähig gemacht werden - das jedenfalls war die leitende
Idee. Klesl ist daran gescheitert, dass ihm diese Trennung, die er als Auf­
gabe der operativen Politik und nicht einer strukturellen Neuordnung des
70 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

Reichs behandelte, nicht gelang. Eine weitere Chance war dahin, vom Weg
einer zunehmenden Polarisierung abzubiegen. Aber war der Krieg damit
wirklich unvermeidlich?

Nicht nur das Versagen oder Scheitern von Politikern war für die politisch
gefährliche Lage im Reich verantwortlich, sondern auch die Entstehung
von Konstellationen, bei denen der äußere Zwang schwand, im Reich über
alle konfessionellen Gegensätze hinweg zusammenzuarbeiten. Einer der
Gründe war der im November 1606 in Zsitva-Torok geschlossene zwanzig­
jährige Waffenstillstand mit den Türken, der 1615 vorzeitig für weitere zwan­
zig Jahre verlängert wurde. Damit hatte der «äußere Feind» an Bedeutung
eingebüßt, der in der Vergangenheit immer wieder zur Kooperation genö­
tigt hatte.51 Über Jahrzehnte hatte die «Türkengefahr» den Kaiser davon
abgehalten, sich den inneren Problemen des Reichs und insbesondere des­
sen konfessioneller Spaltung zu widmen; stattdessen hatte ihn die Heraus­
forderung durch das Osmanische Reich gezwungen, ein ums andere Mal
auf die Protestanten zuzugehen, wenn er deren Zustimmung benötigte,
um Sondersteuern für die Finanzierung der Türkenkriege zu erheben. Der
Wegfall der «Türkengefahr» veränderte die Lage im Reich von Grund auf;
wahrscheinlich wäre die Geschichte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhun­
derts anders verlaufen, wenn die Heere der Osmanen weiterhin in Rich­
tung Wien vorgestoßen wären. Die militärischen Kräfte der Hohen Pforte
waren während dieser Zeit im Südosten ihres Reichs jedoch durch fortge­
setzte Kriege gegen die offensiv gewordenen Perser gebunden.
Die Folge war, dass die Habsburger bei der Konsolidierung ihrer Herr­
schaft in den Erblanden weithin freie Hand hatten, dass sie auf die Stände
weniger Rücksicht nehmen mussten als zuvor und deswegen auch in Böh­
men auf eine Politik setzen konnten, in der besänftigende Konzessionen
keinen Platz mehr hatten. Pointiert gesagt: Die Deeskalation des einen
Konflikts hat die Eskalation des anderen Konflikts zu einem veritablen
Krieg überhaupt erst möglich gemacht. Bei fortbestehender «Türken­
gefahr» hätte der Prager Fenstersturz keineswegs zum Bruch zwischen
den böhmischen Ständen und dem habsburgischen Landesherrn führen
müssen. Für sich genommen war der Fenstersturz ein Ereignis, das man
War der Krieg wirklich «unvermeidlich»? 71

politisch hätte kleinreden können, zumal ja auch niemand zu Tode gekom­


men war. Doch das habsburgische Interesse, den politischen Eigensinn der
Stände zu brechen, um die eigenen Handlungsspielräume zu vergrößern,
aeß die am 23. Mai r6r8 entstandene Lage als gute Gelegenheit erschei­
nen, in Böhmen ein für alle Mal klare Verhältnisse zu schaffen. In diesem
S:nn war der Fenstersturz im Prager Hradschin tatsächlich nur der Anlass,
um ein politisches Projekt zu verwirklichen, das seit einiger Zeit auf der
habsburgischen Agenda stand. Das hätte jedoch lediglich für einen zeitlich
begrenzten Feldzug gegen die Böhmen gesprochen, bei dem sich dieser
Krieg nicht mit den Spannungs- und Spaltungslinien im Reich verbunden
hatte. Gerade das hatte Klesl mit seiner Politik der Separation und Kompo-
s.aon verhindern wollen. Erst durch die Verbindung mit den Problemen im
Reich erhielten die Ereignisse in Prag die Sprengkraft, die sie zum Auslöser
eines sich dann über dreißig Jahre hinziehenden Krieges werden ließen.
Der Wegfall der äußeren Bedrohung seitens der Türken war jedoch nur
aas eine, was die Handlungsfähigkeit der Habsburger erhöhte; das andere
war die seit 1613 in Gang gekommene Wiederannäherung zwischen der
Wiener und der Madrider Linie, aus der eine neue Geschlossenheit der
Zs s j d’Austria erwuchs.52 Sorgte der Waffenstillstand mit den Osmanen
dafür, dass die Kräfte der Erblande nicht länger an der ungarischen Süd-
c-stgrenze gebunden waren, so flössen dem Kaiserhaus in Wien durch den
zwischen Juni und Juli 1617 vertraglich festgehaltenen Ausgleich beider
Linien Ressourcen zu, ohne die es den böhmischen Feldzug nicht hätte
rarren können. Der Onate-Vertrag, wie der Interessenausgleich nach dem
iranischen Gesandten am Wiener Hof, Don Iiiigo Velez de Guevara, Graf
von Onate, genannt wurde, schloss den Kaiser an die große spanische Geld-
rumpe an, die mit dem Silber aus der Neuen Welt gespeist wurde. Ferdi­
nand II., der seinem Vetter Matthias Anfang 1619 als Kaiser folgte, besaß
infolge der spanischen Gelder sowie der Verfügung über kriegserprobte
iranische Truppen eine Handlungsfähigkeit wie keiner seiner Amtsvor-
rar.cer in den Jahrzehnten zuvor. Auch hier kann man sagen: Hätte Spanien
am 1617 eine andere Politik verfolgt, dann hätte der böhmische Konflikt
einen anderen Verlauf genommen.
Dabei hatte die Annäherung zwischen den beiden Linien der Habs­
7* « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

burger mit einer Auseinandersetzung begonnen, die auch mit einem poli­
tischen Zerwürfnis hätte enden können: Philipp III. von Spanien machte
nämlich als Enkel Kaiser Maximilians II. Erbrechte auf Ungarn und Böh­
men geltend, die nach Madrider Auffassung höher waren als die des vom
Wiener Erzhaus zum Erben bestimmten Ferdinand von Steiermark, der
«nur» ein Enkel von Ferdinand I. war. Ferdinand hätte die Berechtigung
dieses höherwertigen Anspruchs unter Verweis auf das Wahlrecht der
ungarischen und böhmischen Stände bestreiten können, aber dann hätte
er sich auf eine weitere Stärkung der Stände in beiden Ländern eingelassen,
und das hätte im Widerspruch zu der unter Matthias begonnenen Konso-
lidierungspolitik in den habsburgischen Erblanden gestanden.53 Ferdinand
entschloss sich deshalb, mit seinem spanischen Vetter Verhandlungen auf­
zunehmen, die einen Interessenausgleich der beiden zum Ziel hatten. Die
Verhandlungen wurden von Ferdinands Onkel Maximilian vorangetrieben.
Erzherzog Maximilian, selbst kinderlos und also ohne wesentliche eigene
Interessen in dieser Frage, besaß bei den deutschen Reichsständen großes
Ansehen, so dass man ihm Zutrauen konnte, die geistlichen Kurfürsten
sowie Johann Georg von Sachsen, den Kopf der lutheranischen Partei, für
die Kaiserwahl Ferdinands zu gewinnen.54Es war jedenfalls ein geschickter
Schachzug der Wiener Politik, neben den ungarischen und böhmischen
Erbansprüchen sogleich die Kaiserwürde ins Spiel zu bringen, denn der
Spanier Philipp hätte nie und nimmer eine Chance gehabt, zum deutschen
Kaiser gewählt zu werden. Damit wäre den Habsburgern eine seit mehr als
anderthalb Jahrhunderten besetzte Position verlorengegangen, und ohne
die Kaiserwürde hätte, wie sich bei den Verhandlungen schon bald zeigte,
das spanische Interesse an einer engen Verbindung mit der Wiener Linie
keine rechte Substanz mehr gehabt. Wien war für Madrid nur interessant,
weil und solange es über die Kaiserwürde verfügte.55 Insofern kann man
wohl davon ausgehen, dass die Erbansprüche Philipps auf Ungarn und
Böhmen nur aus verhandlungstaktischen Gründen ins Spiel gebracht wur­
den und es in politikstrategischer Hinsicht um ganz andere Ziele ging.
Die zwischen dem spanischen Gesandten am Kaiserhof, Don Baltha­
sar de Züniga, dem Vorgänger Onates, und Hans Ulrich von Eggenberg,
einem engen Vertrauten Ferdinands,56 geführten Verhandlungen liefen
Das Porträt zeigt Ferdinand II. auf dem Höhepunkt seiner Macht,
nicht nur als gewählten Kaiser, sondern auch, verdeutlicht durch den
Lorbeerkranz auf seinem Haupt, als Sieger im Krieg. Für den Kriegskaiser
Ferdinand stehen auch die Waffen, Feldzeichen und Pauken, die das
Porträt umrahmen. 1619 zum Kaiser gewählt, waren die achtzehn Jahre
seiner Regierungszeit wesentlich durch Kriege gekennzeichnet, in denen es
Ferdinand um die Festigung der habsburgischen Macht in den Erblanden
and im Reich sowie die Ausbreitung der katholischen Gegenreformation in
Deutschland ging.

zerrauf hinaus, dass Philipp auf seine ungarisch-böhmischen Erbansprüche


verzichtete und dafür mit den italienischen Fürstentümern Piombino und
Finale abgefunden wurde. Beides waren Reichslehen, die seit 1598 bezie-
rrr.gsweise 1603 faktisch bereits unter spanischer Herrschaft standen. Fol-
rerreicher als dieser Tausch war, dass Ferdinand Barmittel in Höhe von
e r e r Million Taler zugesagt wurden, für die er als Gegenleistung die öster­
reichischen Herrschafts- und Hoheitsrechte im Eisass an Philipp abtreten
sollte. Das war der eigentliche Kern des Vertrags: Wien bekam die dringend
: -endigten Finanzmittel, ohne die der Kaiser notorisch von der Zustim­
mung der Stände in seinen Erblanden abhängig war, und Madrid erhielt
74 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

mit dem Eisass ein zentrales Teilstück der «spanischen Gasse», die von
Genua über die Alpenpässe und den Rhein bis in die südlichen Nieder­
lande führte. A uf diese Verbindungslinie war man angewiesen, um die in
den Niederlanden stehenden Truppen im Fall eines Wiederaufflammens
des Krieges versorgen und verstärken zu können.57 Zwar dienten die spani­
schen Gelder Ferdinand zunächst dazu, die zur Steiermark gehörige Stadt
Gradiska, die von venezianischen Truppen hart bedrängt war, militärisch
zu entsetzen, aber schon bald wurden die Soldaten dort (zusammen mit
spanischen Truppen aus Flandern) gegen die rebellierenden Böhmen ins
Feld geführt, und das spanische Geld finanzierte (mit weiteren Subsidien)
den Krieg des Kaisers in Mitteleuropa. «Die eindrucksvolle und sofortige
Unterstützung Ferdinands durch den König von Spanien [machte] den lan­
gen Jahrzehnten des Mißtrauens und der Mißverständnisse ein Ende, die
die beiden Hauptzweige des Hauses Habsburg voneinander geschieden
hatten» - so das Resümee des britischen Historikers GeofFrey Parker.58
Im Gefühl seiner neuen Handlungsmacht war Ferdinand nicht bereit,
sich auf Verhandlungen mit den Prager Rebellen einzulassen. So wurde
die bei einigen von ihnen durchaus vorhandene Konzessionsbereitschaft
nicht weiter ausgetestet. Trotz der spanischen Hilfe war die neu gewon­
nene Macht des Kaisers nicht groß genug, das böhmische Heer ohne den
militärischen Beistand Herzog Maximilians von Bayern und der unter sei­
ner Führung stehenden Liga-Truppen schnell und vernichtend zu schlagen.
Im Gegenzug für die militärische Hilfe hatte der Kaiser dem Bayernher­
zog aber Zugeständnisse machen müssen, die einer schnellen Beendigung
des Krieges entgegenstanden.59 Dabei ging es um die Übertragung der
Kurwürde von den pfälzischen Wittelsbachern auf die bayerischen Wit­
telsbacher und die Einverleibung der Oberpfalz in das Herzogtum Bayern.
Außerdem nutzten die Spanier die Chance, am Rhein zwecks Sicherung der
«spanischen Gasse» militärische Präsenz zu zeigen und sich dadurch stra­
tegische Vorteile für die zu erwartende Auseinandersetzung mit den nörd­
lichen Niederlanden zu verschaffen.60 So hatte sich der Krieg in Böhmen
mit der spanischen Politik in den Niederlanden verbunden. Was sich auf
den ersten Blick wie ein regional begrenzter Aufstand ausnahm, war von
Beginn an ein tief in die europäischen Konstellationen verstricktes Ereignis,
Kalenderstreit und Reichsexekution gegen Donauwörth 75

und erst dadurch wurde es zu dem Funken, der das Pulverfass entzündete.
Insofern war der Prager Fenstersturz mehr als ein bloßer Anlass zum Krieg,
der gegen jeden anderen Anlass auszutauschen gewesen wäre.

Kalenderstreit und Reichsexekution


gegen Donauwörth

Wie stark die Polarisierung zwischen Protestanten und Katholiken im


Reich inzwischen war, zeigt der Streit um die Annahme des gregoriani­
schen Kalenders. Dieser brachte die kalendarische und astronomische
Zeit wieder zur Deckung, indem er durch eine Datumsumstellung die im
"manischen Kalender pro Jahr fehlenden elf Minuten und zwölf Sekunden
ausglich. Im 16. Jahrhundert war seit der Neuordnung des Kalenders durch
’ mus Caesar eine Zeitverspätung von zehn Tagen entstanden, die sich bei
der Bestimmung der Fest- und Feiertage, aber auch im gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Leben West- und Mitteleuropas zunehmend als Pro­
blem erwies. Am 24. Februar 1582 veröffentliche Papst Gregor X III. die
Bulle Inter gravissima, die anordnete, «dass am 4. Oktober des Jahres bei
Zahlung des folgenden Tages zehn Tage übersprungen werden sollten».
Diese Anordnung erließ der Papst auf der Grundlage seiner päpstlichen
Gewalt; «an alle Regierungen richtete er die Bitte und den Befehl, den
neuen Kalender in ihren Landen einzuführen».61
Die Annahme des neuen Kalenders wäre für alle europäischen Länder
von Vorteil gewesen, insbesondere dann, wenn sie diese Kalenderreform
jeschlossen und gleichzeitig durchgeführt hätten. Als Kaiser Rudolf nach
längerem Zögern im September und dann abermals im Dezember 1583, also
bereits mit einer mehr als einjährigen Verzögerung, die Einführung des
neuen Kalenders anordnete, verschwieg er die päpstliche Urheberschaft der
Reform, um sie für die protestantischen Reichsstände zustimmungsfähig
zu machen. Während die katholischen Stände den neuen Kalender annah-
nen, trat ein, was die kaiserliche Kanzlei befürchtet hatte: Die Protestanten
verweigerten die Übernahme der Kalenderreform mit dem Argument, sie
76 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

komme vom Papst, dem jede Befugnis zu Eingriffen in weltliche Angele­


genheiten fehle; sie sprachen von einem usurpatorischen Übergriff der
Kurie, dem man mit aller Entschiedenheit entgegentreten müsse. Infolge­
dessen bestanden im Reich nunmehr zwei Zeitrechnungen nebeneinander.
Dieses Nebeneinander mit seinen um zehn Tage abweichenden Datierun­
gen dauerte bis zum Jahr 1700, als schließlich auch das Corpus Evangelico-
rum den gregorianischen Kalender für seine Territorien übernahm, indem
es auf den 18. Februar unmittelbar den 1. März folgen ließ.
Bis dahin bereitete die doppelte Zeitrechnung jedoch erhebliche
Probleme: In den Einrichtungen des Reichs mussten Termine mit unter­
schiedlicher Datierung angegeben werden, und in den bikonfessionellen
Reichsstädten, von denen es seit dem Augsburger Religionsfrieden einige
gab, wurden die kirchlichen Feiertage von den Katholiken zehn Tage frü­
her begangen als von den Protestanten, was das wirtschaftliche und gesell­
schaftliche Leben in diesen Städten beeinträchtigte.62 Außerdem wurde
beim Übertritt eines Reisenden von katholischem in protestantisches
Hoheitsgebiet und umgekehrt sofort erfahrbar, dass das Reich tief gespal­
ten war. Die gesellschaftliche Tragweite der unterschiedlichen Zeitord­
nungen dürfte in mancher Hinsicht größer gewesen sein als die der unter­
schiedlichen Abendmahlsauffassungen.

Es war denn auch ein Konflikt in einer dieser bikonfessionellen Städte, der
dazu führte, dass sich politisch-militärische Parteien der beiden Konfessio­
nen im Reich formierten. Von 1595 bis 1618 ist es in etwa zwanzig Städ­
ten zu konfessionell geprägten Krawallen und Aufständen gekommen,63
aber keiner davon hatte derart weitreichende Folgen wie der von 1607 in
Donauwörth.64 Donauwörth hatte damals etwa 4000 Einwohner; bereits
Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Augsburger Religionsfrieden in Kraft
trat, waren die Protestanten in der großen Mehrheit. Zudem befanden sie
sich im Besitz der einzigen Pfarrkirche und stellten die Mehrheit der Rats­
mitglieder. Um 1600 gab es in Donauwörth nur noch sechzehn katholische
Haushalte. Die Seelsorge für die Katholiken fand in dem an der Stadtmauer
gelegenen Benediktinerkloster «Zum Heiligen Kreuz» statt. Die religiösen
Rituale beider Seiten waren so räumlich hinreichend voneinander getrennt,
Kalenderstreit und Reichsexekution gegen Donauwörth 77

und es gab über lange Zeit keine Konflikte, wenn man einmal davon absieht,
dass der protestantische Rat der Stadt die katholische Seite notorisch
benachteiligte, indem er alles daransetzte, die Vergabe des Bürgerrechts an
Katholiken zu verhindern.
Mit der Gegenreformation kamen dann jedoch zunehmend Zöglinge
des Dillinger Jesuitenkonvikts in das Donauwörther Kloster, denen die bis
dahin praktizierte Zurückhaltung bei der öffentlichen Präsentation der
eigenen Rituale zuwider war. Um den Katholizismus wieder sichtbar zu
machen, erneuerten sie untergegangene Prozessionspraxen, statteten die
Prozessionen mit neuem Gepränge aus und sorgten dafür, dass Katholiken
aus der näheren und ferneren Umgebung Donauwörths daran teilnahmen.
Da man über Land zu benachbarten Kirchen zog und in Donauwörth selbst
das offene Präsentieren von Symbolen eher mied, blieb es anfänglich bei
einem konkurrierenden Nebeneinander; es waren voneinander getrennte
Raume, die symbolisch als «Eigenräume» markiert wurden.65
Das änderte sich im Frühjahr 1605, als man erstmals die der Prozession
vorangetragenen Fahnen beim Durchschreiten des städtischen Gebiets ent­
faltete und frei flattern ließ, anstatt sie, wie bisher, eingerollt zu lassen. Bei
eingerollter Fahne waren die Bilder und Schriffzeichen verdeckt, und das
meß, dass man den durchschrittenen Raum als «fremden Raum» respek­
tierte. Das Ausrollen der Fahne hingegen stand für weitergehende Ansprü­
che. was eine Reihe radikaler Protestanten in Donauwörth umgehend
als Provokation begriff. Der Rat der Stadt, der zu Recht eine Eskalation
befürchtete, erhob Einspruch gegen die veränderte Form der Prozession
und nötigte die Mönche, bei der für den 16. Mai 1605 vorgesehenen Veran­
staltung die Fahnen eingerollt zu lassen. Der Augsburger Bischof Heinrich
von Knöringen, der sich auf eine seitens des Donauwörther Stadtrats frei­
lich bestrittene Schirmvogtei über das Benediktinerkloster berief, wandte
sich daraufhin an den kaiserlichen Hofrat und forderte ihn auf, gegen
Donauwörth einzuschreiten, um die freie Religionsausübung in der Stadt
zu gewährleisten. Am 24. Oktober 1605 wertete der Reichshofrat das Ein-
wirken des Donauwörther Rats auf die Mönche als Religions- und Land-
riedensbruch. Dieser Bescheid des Hofrats erging als mandatum sine clau­
sula, womit prozessuales Einreden keine aufschiebende Wirkung für den
7« « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

Vollzug der Anordnung hatte; bei Zuwiderhandlung sollte unverzüglich


die Acht über die Stadt verhängt werden. Das war eine klare Parteinahme
des Reichshofrats, verfahrenstechnisch fragwürdig, da die Aufhebung des
Einredevorbehalts nur bei unzweifelhaft rechtswidrigen Handlungen oder
einer nicht wiedergutzumachenden Schädigung der klagenden Partei als
zulässig galt. Dass dies im Falle Donauwörths gegeben war, kann bezweifelt
werden. Die Intervention des kaiserlichen Hofrats war für die protestanti­
sche Seite ein weiteres Indiz dafür, dass der Kaiser und die Institutionen
des Reichs nicht länger konfessionsneutral handelten und die katholische
Seite stets begünstigten.
Es kam, wie es unter solchen Umständen kommen musste: Während
die Donauwörther Einreden gegen den kaiserlichen Erlass noch zur Ver­
handlung anstanden, setzte das Kloster für den 25. April 1606 eine Pro­
zession an, die mit vollem Gepränge über den Markt der Stadt zu einem
nahe gelegenen D orf führen sollte. Als die Prozession auf dem Marktplatz
ankam, wurden ihre Fahnen von einem protestantischen Mob zerrissen,
die mitgeführten Reliquien in den Straßendreck getreten sowie die Prozes­
sionsteilnehmer verprügelt und ins Kloster zurückgejagt. Auf eine erneute
Klage des Augsburger Bischofs wurde das Mandat in verschärfter Form
erneuert; nachdem der Donauwörther Rat die Schuld an den Ereignissen
vom 25. April auf «den Pöbel» der Stadt geschoben hatte, «schritt der Kai­
ser zwar noch nicht zur Verhängung der Acht, aber er erteilte am 16. März
1607 dem Herzog Maximilian von Bayern den Auftrag, in seiner, des Kai­
sers, Vertretung die Donauwörther Klostergeistlichen und Katholiken
in der Ausübung ihrer Religion zu schützen».66 Das war eine neuerliche
einseitige Entscheidung, wenn nicht ein Rechtsbruch des Kaisers, denn
Donauwörth gehörte nicht dem bayerischen, sondern dem schwäbischen
Reichskreis an, so dass für die Durchsetzung des kaiserlichen Mandats
nicht der (katholische) Herzog von Bayern, sondern der (protestantische)
Herzog von Württemberg zuständig gewesen wäre. Diese Entscheidung
des Kaisers beziehungsweise seiner engeren Umgebung sollte weitrei­
chende Folgen haben.
Offenbar war sich Herzog Maximilian über die Probleme im Klaren,
die sein Eingreifen in einer dem schwäbischen Reichskreis zugehörigen
Kilenderstreit und Reichsexekution gegen Donauwörth 79

Szadt nach sich ziehen würde, und entsprechend zurückhaltend trat er


zunächst auf: Die von ihm instruierten Subdelegierten erhielten den Auf­
trag, den Rat der Stadt Donauwörth darauf zu verpflichten, die katholische
Religionsausübung ohne jede weitere Störung zu ermöglichen; als Beweis
cieser Bereitschaft verlangten sie von ihm, eine Prozession in Donauwörth
zu gestatten, die sofort stattfinden sollte, mit vollem Gepränge und bei
freier Wahl des Weges. Während der Rat im Wissen darum, was eine Ableh­
rung dieses Vorschlags für Konsequenzen haben würde, darauf einzugehen
bereit war, verlangte eine erregte, zum Teil bewaffnete Bürgerschaft, die
sch vor dem Rathaus versammelt hatte, dass die Prozession auf die frühere
rescheidene Form beschränkt blieb. Die bayerischen Subdelegierten muss­
ten unverrichteter Dinge abziehen; sie seien in ihrer Sicherheit bedroht
»■ erden, berichteten sie dem Herzog. Danach schlug Maximilian eine
ir.iere Gangart ein: Entweder die Stadt erfülle ohne Wenn und Aber die
Rrrierungen (zu denen er inzwischen weitere hinzugefügt hatte), oder die
Acht werde über sie verhängt, und er, Maximilian, werde das Geforderte
zu: Waffengewalt durchsetzen.
.Am 10. November 1607 wurden die Verhandlungen mit Donauwörth
iz-cebrochen, zwei Tage später veröffentlichten die bayerischen Subdele-
cierren die vom Kaiser bereits im August unterschriebene Ächtung der
Scadt.' Innerhalb weniger Tage setzte Maximilian ein aus 6000 Fußsolda­
ten und 500 Berittenen bestehendes Heer in Marsch. Die schnelle Verfüg­
barkeit dieser Streitmacht spricht dafür, dass Maximilian den Schlag gegen
r-enauwörth seit längerem vorbereitet hatte. Angesichts dieser erdrücken-
re r Übermacht und ohne Aussicht auf fremde Hilfe kam es in Donauwörth
rr keinem ernstlichen Widerstand. «Nachdem sie gegen die vom Rat bewil-
zrze Übergabe der Stadt einen letzten Tumult erregt hatten, machten sich
zze Agitatoren mitsamt den Predigern aus dem Staube», fasst Moriz Ritter
den Schlussakt der Donauwörther Affäre zusammen.68 Am 17. Dezember
jcc- rückte bayerisches Militär in Donauwörth ein, und bayerische Kom-
zw'-care übernahmen die Verwaltung. Der Status einer Freien Reichsstadt
»zlz damit vorerst kassiert.
Aber das war nur der Anfang: Im Juni 1609 überließ der Kaiser dem
bavemherzog die Stadt als Pfand für die Maximilian bei der Vollstreckung
P R E"• U S S E N :■ r\

POLEN

BÖHMEN
(kein Kreis)

Kreise
BBMB Kurrheinischer Kreis
m HHl Oberrheinischer Kreis
EHÜZ3 Burgundischer Kreis
1' 1 Österreichischer Kreis
I 1 Westfälischer Kreis
I. - : I Obersächsischer Kreis
L l ■/1 Niedersächsischer Kreis
I ' I Fränkischer Kreis
1 I Schwäbischer Kreis
1 I Bayerischer Kreis
.... ■■ 11 Reichsgrenze
82 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S

der Reichsacht entstandenen Ausgaben. Da Donauwörth für die von Maxi­


milian geforderte Summe von 250 000 Gulden - vornehmlich handelte es
sich dabei um den Sold für die aufgebotenen Soldaten - nicht aufkommen
konnte, wurde sie zu einer bayerischen Provinzstadt. Unter Berufung auf
seine landesherrschaftliche Kirchenhoheit verbot Maximilian, das protes­
tantische Bekenntnis in der Stadt weiter auszuüben. Alle, die sich diesem
Verbot nicht unterwerfen wollten, wurden vertrieben. So entstand eine
weitere Gruppe von Exilanten, der mit Beginn des Dreißigjährigen Krie­
ges noch viele folgen sollten; mit Flugschriften wurde ein Propagandakrieg
um die Affäre von Donauwörth geführt, der die Unversöhnlichkeit beider
Konfessionen immer mehr verfestigte. «Maximilian, Maximilian, ihr kennt
nicht die Folgen eures Tuns», soll Herzog Philipp Ludwig von Pfalz-Neu­
burg geklagt haben, als er von der Besetzung Donauwörths durch bayeri­
sches Militär erfuhr.69

Die Gründung von Union und Liga

Das bayerische Vorgehen in Donauwörth hat die einander keineswegs


wohlgesonnenen Protestantengruppen im Reich aufgeschreckt. Die Unter­
drückung des evangelischen Bekenntnisses in der einstigen Reichsstadt war
geeignet, die immer wieder kursierende Behauptung zu bestätigen, wonach
es eine stillschweigende Übereinkunft der Katholiken gab, den Protestan­
tismus in Deutschland zurückzudrängen und schließlich gänzlich auszurot­
ten. Das Ziel dieser Verschwörung sei, die religionspolitischen Verhältnisse
wiederherzustellen, wie es sie vor der Reformation gegeben hatte. Sol­
che «Verschwörungstheorien» waren aufgekommen, als ein zunehmend
selbstbewusst auftretender politischer Katholizismus unter Berufung auf
eine bestimmte Auslegung des Augsburger Religionsfriedens damit begann,
die Restitution aller nach 1552 säkularisierten Kirchengüter zu fordern.
Dadurch wurde der territoriale Besitz der meisten protestantischen Herr­
schaftsgebiete in Frage gestellt. Eine solche Restitutionspolitik hätte, konse­
quent durchgeführt, die politische Landkarte des Reichs grundlegend ver­
D ie Gründung von Union und Liga 83

ändert und die Macht der protestantischen Fürsten erheblich beschnitten.


Man konnte bezweifeln, dass diese danach noch in der Lage gewesen wären,
einem entschlossen auftretenden Katholizismus erfolgreich Widerstand zu
leisten. Die Restitutionsforderungen, so argumentierte die protestantische
Bewegungspartei, die einer solchen Entwicklung nicht tatenlos Zusehen
wollte, seien Teil des großen jesuitischen Plans, den Protestantismus im
Reich auszulöschen - und Donauwörth stehe für den Anfang davon. Mit
dem Schlag gegen Donauwörth habe der große Endkampf zwischen den
•<Kindern des Lichts» und den «Kindern der Finsternis» begonnen. Ein
Konflikt, bei dem es zunächst nur um das offene Tragen von Prozessions­
rahnen gegangen war, wurde schon bald danach in apokalyptischen Bildern
beschrieben.
Verschwörungstheorien haben die fatale Eigenschaft, dass sie unab­
hängig voneinander eingetretene Ereignisse, politische Projekte Einzelner
and gelegentliche Äußerungen von Personen, die dem engeren Macht­
zirkel zugerechnet werden, in einen Zusammenhang bringen; mit einem
Mal sind Dinge klar, die bislang unklar waren, und was zuvor unverbun­
den nebeneinandergestanden hat, erweist sich aus solch einer Perspektive
als Element eines großen Vorhabens. Derartige Erklärungen entwickeln
ihre eigene Suggestivität, wie sich auch an der innerprotestantischen
Debatte über die Absichten der katholischen Seite beobachten lässt: Der
wiedererstarkte Katholizismus, so war aus Heidelberg, dem politischen
Zentrum der Reformierten, zu hören, hole nunmehr zum entscheiden­
den Schlag gegen den Protestantismus aus, und auf diesen Schlag müsse
man vorbereitet sein. Das aber hieß: Bündnisse schmieden, um geschlos­
sen handeln zu können und sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen.
.Am besten sei es, dem Schlag der katholischen Seite zuvorzukommen und
seinerseits zuzuschlagen, solange die Gegenseite nicht damit rechnete.
Christian von Anhalt-Bernburg, seit 1595 Statthalter in der Oberpfalz und
strategischer Kopf der kurpfälzischen Politik, war von dem Gedanken
umgetrieben, dass es, wenn man noch länger zuwarte und zaudere, schon
bald zu spät sein werde, um der katholischen Seite noch effektiven Wider­
stand entgegenzusetzen. Christian zog mit solchen Überlegungen eine
Reihe brillanter Köpfe an - neben Ludwig Camerarius sind die Brüder
84 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

Christoph und Achatius von Dohna sowie Vollrad von Plessen und Hip­
polyt von Colli zu nennen - , die diese Sichtweise teilten: Der große Glau­
benskrieg zwischen Katholiken und Protestanten sei unvermeidlich,70
und deswegen könne man nichts Besseres tun, als diesen Krieg politisch
vorzubereiten.
Christian und seine Anhänger waren unentwegt damit beschäftigt,
protestantische Bündnisse zu entwerfen, um der von den beiden Linien
der Habsburger sowie Papst und Jesuiten vorangetriebenen «Verschwö­
rung» entgegentreten zu können. Sie entwickelten über mehr als ein Jahr­
zehnt rege diplomatische Aktivitäten, und dabei variierte eigentlich nur die
Reichweite der Bündnisprojekte, die sie verfolgten. Die Niederlande waren
darin immer eingeschlossen, was schon aufgrund der personellen Verbin­
dungen zwischen der Kurpfalz und dem Haus Nassau-Oranien nahelag.
Den Oraniern oblag die militärische Führung im Krieg der Niederlande
gegen Spanien, und in ihrem Heer dienten auch zahlreiche pfälzische Offi­
ziere. Neben der kurpfälzisch-niederländischen Achse als Zentrum aller
Bündnisprojekte spielte im einen Fall der französische König Heinrich IV.
eine besondere Rolle, im anderen der englische König Jakob I., dem die
politische Führung des internationalen Protestantismus zugetraut wurde,
und fast immer waren die Mächte des Nordens, Dänemark und Schweden,
in den antikatholisch-antihabsburgischen Bündnisplänen der Heidelber­
ger mit von der Partie.71 Die auf katholischer Seite virulente Vorstellung
einer mächtigen «protestantischen Internationalen» war zwar ebenfalls
eine Verschwörungstheorie, die Disparates zu einem großen Ganzen ord­
nete; sie hatte in den kurpfälzischen Bündnisprojekten wenigstens so etwas
wie einen politisch identifizierbaren Kern.
Die meisten dieser Bündnisprojekte waren typische Intellektuellen­
produkte: Sie orientierten sich an den politischen Idealperspektiven der
ins Auge gefassten Mächte, schenkten deren tatsächlicher Politik, den
konkreten Verhältnissen des Landes, seinen internationalen Interessen
und Verwicklungen sowie den Neigungen und Fähigkeiten der Personen,
die es beherrschten, jedoch nur wenig Beachtung. Der vorsichtige und
zögerliche Jakob I. dachte nicht daran, «sich an die Spitze eines interna­
tionalen protestantischen Bündnisses zu stellen», und dem französischen
Die Gründung von Union und Liga 85

König Heinrich IV. ging es zunächst darum, einen «neuen Glaubenskrieg


:n Europa» zu verhindern, «der den schwer errungenen und mühsam
bewahrten inneren Frieden Frankreichs gefährden würde».72 Dänemark
und Schweden wiederum konkurrierten miteinander um die Flegemo-
rde im Ostseeraum, und es war unwahrscheinlich, dass sie, obwohl beide
dem Luthertum verpflichtet, gemeinsam in ein antikatholisches Bündnis
eintreten würden;73 dafür war das gegenseitige Misstrauen zu groß. Der­
lei schnöde Interessenpolitik spielte in den Entwürfen der reformierten
Intellektuellen jedoch eine allenfalls nachrangige Rolle; ihr Blick war ganz
aut die große Auseinandersetzung gerichtet, in der sich das Überleben des
wahren Glaubens und damit das Seelenheil der Menschen entscheiden
würde.
Was die operative Politik in dem Jahrzehnt vor Kriegsbeginn und wäh­
rend der ersten Jahre des Krieges anbetrifff, so erwiesen sich die Heidelber­
ger Bündnisprojekte als Hirngespinste, und wer sich auf sie verließ, endete
in einer politischen Katastrophe - wie sich das dann auch am Schicksal des
Kurfürsten Friedrich V. zeigen sollte. Überblickt man indes den Krieg in
-einer ganzen Länge, so wird in den Bündnisprojekten eine geniale Anti­
zipation langfristiger Interessen und Gegensätze erkennbar, denn alle von
den reformierten Intellektuellen auf antihabsburgischer Seite als Partner
ms Kalkül gezogenen Länder traten irgendwann in ihn ein. Sie taten das
rreilich nacheinander und immer erst dann, wenn eine zuvor in den Krieg
imgetretene antikatholische oder antihabsburgische Macht auf die Ver-
_e:erstraße geraten war. Dementsprechend agierten diese Mächte niemals
i s einheitlicher Block, wie das die kurpfälzischen Projektemacher vor­
gesehen hatten. Hätten sie so agiert, wie man sich das in Heidelberg und
Amberg vorgestellt hatte, dann hätte der Krieg wohl einen anderen Ver­
lauf genommen: Er hätte deutlich kürzer gedauert, und die habsburgische
Macht wäre stark zurückgedrängt, wenn nicht vernichtet worden. Danach
ir-er wäre diese Koalition auch wieder zerfallen, und die unterschiedlichen
Ir.teressen der für geraume Zeit verbündeten Länder wären wieder in aller
Schärfe hervorgetreten. Der Protestantismus war eine wertepolitische
Klammer, mit der die Interessengegensätze für einige Zeit hintangestellt,
irer nicht zum Verschwinden gebracht werden konnten. Die Heidelberger
86 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

Projekte waren analytisch genial, aber realpolitisch naiv. So wurden sie zum
europäischen Verhängnis.
Eines der großen Probleme, mit denen die kurpfälzische Politik zu
kämpfen hatte, war die notorische Distanz Kursachsens gegenüber der für
die Heidelberger elementaren Annahme, der Krieg sei unvermeidlich. In
Dresden war man der Überzeugung, mit etwas gutem Willen und entspre­
chender Kompromissbereitschaft lasse sich der Frieden im Reich bewah­
ren. Grundlage dieser Politik der Friedenswahrung war für Kursachsen
die Orientierung am Augsburger Religionsfrieden, und auch wenn dieser
von Katholiken und Protestanten immer wieder unterschiedlich ausgelegt
wurde - in Anbetracht der Formelkompromisse und der vielen Zusatzver­
einbarungen kaum verwunderlich - , so gab es doch keinen Grund anzu­
nehmen, dass man in strittigen Fragen nicht zu einem für beide Seiten
akzeptablen Ausgleich kommen könne. Das war eine Sicht, die sich im Gro­
ßen und Ganzen nicht von der Kardinal Klesls unterschied, aber in einem
grundlegenden Gegensatz zu der stand, die in Heidelberg vorherrschte -
insofern stand die kursächsische Politik vor dem Krieg und noch in dessen
erstem Jahrzehnt dem katholischen Kaiser näher als den protestantischen
Glaubensbrüdern in Heidelberg, den «Calvinern», wie man sie in Dres­
den nannte, denen gegenüber man eine tiefe Abneigung pflegte.74
Wenn schon in Deutschland keine geschlossene Front des Protestan­
tismus herzustellen war, so einer der Einwände gegen die kurpfälzische
Politik, wie sollte das dann im internationalen Rahmen möglich sein?
Gerade wegen der Uneinigkeit in Deutschland, so die Antwort der Heidel­
berger, müsse man auf internationale Bündnisse setzen, denn nur auf diese
Weise lasse sich die politische Schwäche des deutschen Protestantismus
ausgleichen, die auf die katholische Seite wie eine Einladung zum Angriff
wirken müsse; dies ließe sich schon an den zunehmenden Restitutions­
forderungen erkennen. Damit wurde eine weitere Trennlinie innerhalb
des deutschen Protestantismus sichtbar: In Kursachsen, das sich als Hüter
und Oberhaupt des orthodoxen Luthertums sah, nahm man die politi­
schen Konflikte als Herausforderungen im Kontext des Reichs wahr - man
könnte mit einem anachronistischen Zungenschlag auch von einer nationa­
len Perspektive sprechen75 - und fürchtete, dass die Internationalisierung
Die Gründung von Union und Liga 87

•er Glaubensspaltung die mit ihr verbundenen politischen Probleme end­


gültig unlösbar machen werde. In Heidelberg sah man die Dinge dagegen
cenau umgekehrt: Hier war man der Überzeugung, dass der Protestan­
tismus in Deutschland nur durch die Internationalisierung des Konflikts
iberleben könne.
In dieser gegensätzlichen Beurteilung der politischen Lage kamen zu
5-ecinn des 17.Jahrhunderts die jeweiligen Entstehungsbedingungen der
beiden Zweige des Protestantismus zum Vorschein: die politischen und
sozialen Faktoren sowie die unterschiedlichen theologischen Grundaus-
r.chtungen Luthers und Calvins. Martin Luther hatte in den kämpferischen
Schriften der 1520er Jahre die Reformation des Glaubens eng mit den Gra-
der Deutschen Nation gegenüber der römischen Kurie verbunden.76
3 er Adressat von Luthers Schriften waren «die Deutschen». Dadurch
utte er zahlreiche Humanisten zu Parteigängern der Reformation gemacht,
batte politischen Rückhalt bei einigen Landesherren gefunden und die
S-.mpathien breiter Kreise der Bevölkerung für sich mobilisiert. Das war
bei dem Flüchtling Jean Calvin anders, der, aus seiner französischen Hei­
mat vertrieben, von Genf aus eine über viele Länder verstreute Anhänger­
schaft zu organisieren hatte. Von daher lag bei den lutherischen Kursachsen
eine «nationale» Wahrnehmung der politischen Konstellationen nahe,
* ährend die Heidelberger Reformierten von vornherein gewohnt waren, in
m.:e[nationalen Zusammenhängen zu denken und bedrohlichen Entwick-
. mgen in diesem Kontext zu begegnen. Dementsprechend betrachteten sie
me Jesuiten als Speerspitze der Gegenreformation und als ihre Hauptgeg-
r.er: die Lutheraner dagegen nahmen die von den Jesuiten ausgehende Her-
aisrorderung lange Zeit nicht sonderlich ernst. Was für die Reformierten
m_ Heidelberg ein internationales Netzwerk war, das einen beherrschenden
Einfluss auf die Politik der katholischen Fürsten erlangt hatte, war für die
Dresdner Lutheraner bloß ein neuer Orden, der in den katholischen Tei-
.en Deutschlands einige Universitäten und Konvikte übernommen bezie-
rungsweise gegründet hatte. Diese Sichtweise bewegte sich innerhalb der
".Ergaben des Augsburger Religionsfriedens und berührte nicht den Status
110 . Also gab es auch keinen Grund, die reichskonservative Politik zu Über­
reifen oder gar in Frage zu stellen.
88 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

Ein weiterer Unterschied zwischen Lutheranern und Calvinisten


in der Wahrnehmung politischer Herausforderungen resultierte aus der
Luther sehen Obrigkeitslehre sowie der Calvin’schen Auffassung von der
Prädestination. Luther hatte unter Rekurs auf Römer 13 immer wieder
betont, dass jeder Christ der Obrigkeit Gehorsam schuldig sei, denn diese
sei von Gott als «A m t», als Institution, eingesetzt und diene dazu, der
Bosheit in der Welt zu wehren. Ohne Gehorsam gegenüber der Obrigkeit
werde jede Gesellschaft im Chaos der Gewalttätigkeit versinken. Das stellte
sich für Calvinisten, die nicht, wie Luther, auf den Rückhalt des Landes­
herrn zählen konnten, sondern heftigen Verfolgungen ausgesetzt waren,
gänzlich anders dar; unter dem Eindruck einer sie bekämpfenden Obrig­
keit entwickelten sie monarchomachische Theorien, in denen Widerstand
gegen die Obrigkeit gerechtfertigt, mitunter sogar gefordert wurde.77 Für
Kursachsen war der Kaiser eine dem Landesherrn übergeordnete Obrig­
keit, und der war man Gehorsam schuldig, wie der Dresdner Oberhofpre-
diger Matthias Hoe von Hoenegg seinem Herrn, Kurfürst Johann Georg,
immer wieder versicherte. In Heidelberg dagegen sah man im Kaiser und
seinen Verbündeten eine Obrigkeit, gegen die jede Form von Widerstand
gerechtfertigt war.
Neben diesen Differenzen in der «politischen Theologie» spielten bei
der unterschiedlichen Lagebeurteilung in Heidelberg und Dresden auch
genuin theologische Fragen eine Rolle: In Luthers Theologie kam der Vor­
stellung von der Gnade Gottes eine zentrale Bedeutung zu, und auf diese
Gnade musste der Christ vertrauen; im Zentrum der Calvin’schen Theo­
logie stand dagegen der Gedanke einer doppelten Prädestination, durch
die im Leben eines Menschen von Anfang an festgelegt war, ob er zu den
Erlösten oder zu den Verdammten gehörte. Es war also naheliegend, dass
man in Heidelberg von der Unvermeidlichkeit eines großen Krieges zwi­
schen Katholiken und Protestanten überzeugt war, wobei freilich nur die
Auserwählten zu erkennen vermochten, worauf die Entwicklung hinauslief.
Dass die Lutheraner Einwände gegen diese Sicht hatten, zeigte - aus calvi-
nistischer Perspektive - nur, dass sie nicht zu den Erwählten zählten. Für
die reformierte Aktionspartei war der große Konflikt determiniert. Dage­
gen setzte man in Dresden darauf, dass Gott, wenn er nur wolle, die Dinge
Die Gründung von Union und Liga 89

ederzeit zum Guten wenden und den Frieden erhalten könne, und dabei
dürfe ihm die Politik nicht durch fehlendes Vertrauen in seine Güte und
Gnade im Wege stehen.

Die Folgen der bayerisch-katholischen Aneignung Donauwörths für das


rohtische Selbstverständnis der Protestanten - und insbesondere das
•curpfälzisch-kursächsische Verhältnis - zeigten sich auf dem am 12. Januar
:?oS in Regensburg eröffneten Reichstag.78 Kaiser Rudolf hatte die Ver­
sammlung der Reichsstände vor allem deswegen einberufen, damit sie die
Finanzmittel für die Aufstellung eines Heeres von 24 000 Mann über einen
Zeitraum von mehreren Jahren bewilligten; mit diesen Truppen wollte der
Kaiser Stefan Bocskay, dem Fürsten von Siebenbürgen, entgegentreten, der
nach Ungarn eingefallen war und dem sich zahlreiche mit der habsburgi­
schen Herrschaft unzufriedene ungarische Adlige angeschlossen hatten.
Außerdem sollte das Heer die Festungen Gran, Erlau und Kaniza von den
Türken zurückerobern, was darauf hinauslief, dass der gerade erst geschlos­
sene Friedensvertrag von Zsitva-Torok aufgehoben wurde. Die Mehrheit
de: Reichsstände, und zwar die katholischen wie die protestantischen, war
•edoch wenig geneigt, die dafür benötigten Finanzmittel zu bewilligen,
schon gar nicht über einen so langen Zeitraum und für eine so große Streit­
macht. Wäre der Reichstag störungsfrei verlaufen, so hätte der Kaiser wohl
Mittel für ein kleines Heer über eine knapp bemessene Zeit erhalten, um
die Ordnung in Ungarn wiederherzustellen.
Aber nach dem bayerischen Auftreten gegen Donauwörth war dies
iäin normaler Reichstag. Die protestantische Seite war vor allem darauf
redacht, sich künftig gegen Übergriffe seitens der Katholiken abzusichern.
Die Erregung bei den Protestanten war so groß, dass selbst Kursachsen und
cce seiner Politik folgenden Länder zu der von den Pfälzern einberufenen
Versammlung erschienen, auf der das gemeinsame Auftreten der protestan­
tischen Seite abgestimmt werden sollte. Zu einer solchen Geschlossenheit
mitte die evangelische Seite sich seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr
curchringen können. Und mehr noch: die Kursachsen schlossen sich die­
ses Mal der von der Kurpfalz seit langem verfolgten Linie an, die Bewilli­
gung der Türkensteuer vom Entgegenkommen des Kaisers und der katholi-
90 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

sehen Reichsstände bei den protestantischen Ansprüchen auf Garantie der


Religionsfreiheit abhängig zu machen. Unter dem Eindruck der Ereignisse
in Donauwörth sollte der Augsburger Religionsfrieden im Reichstagsab­
schied förmlich bestätigt und Angriffe auf seine Geltung, gleichgültig, ob
in Büchern oder Predigten, unter Strafe gestellt werden. Diese Forderung
wurde am 6. und 7. Februar 1608 der Versammlung vorgetragen.
Die gemäßigten Vertreter der katholischen Seite waren unter Führung
des Mainzer Erzbischofs Johann Schweikhard von Kronberg bereit, dem
protestantischen Antrag zu folgen. Doch dann setzte sich in den Reihen der
Katholiken die Gruppe der Intransigenten unter dem bayerischen Herzog
Maximilian durch, die fürchtete, ein solches Zugeständnis könne als Bestä­
tigung der nach dem Stichjahr von 1552 erfolgten Säkularisierungen angese­
hen werden und die Restitution des katholischen Besitzes ein für alle Mal
erledigen. Diese Position wurde durch Erzherzog Ferdinand unterstützt,
der den nicht nach Regensburg gekommenen Kaiser Rudolf vertrat. So for­
mulierte man einen Zusatz, der die Rückgabe all dessen verlangte, was den
Katholiken seit 1552 abgenommen worden sei. Die protestantische Seite
lehnte diesen Zusatz in aller Entschiedenheit ab, und als die katholische
Partei auf ihm bestand, erklärten die Protestanten am 27. Februar, den Ver­
handlungen bis auf weiteres fernzubleiben. Damit stand die Versammlung
kurz vor dem Scheitern. «Der Reichstag selber», so das Urteil des Histo­
rikers Moriz Ritter, «hatte sich in einen Kongress aufgelöst, in welchem
die beiden Parteien wie selbständige Mächte einander gegenüb erstanden,
zwischen denen keine Mehrheitsentscheidung, sondern nur freiester Aus­
gleich statthaft ist.»79
Diese Entwicklung lag keineswegs im Interesse der katholischen Seite,
und dementsprechend machte sie einen Rückzieher, der im Wesentlichen
auf die Beseitigung des von ihr eingebrachten Zusatzes und die Bestätigung
des Religionsfriedens hinauslief. Aber man wollte sich nicht zur Gänze
geschlagen geben, zumal die Bedenken fortbestanden, die zu dem Zusatz
geführt hatten. Also fügte man die Bemerkung an, die Zusätze beider Sei­
ten sollten übergangen werden, doch dürfe daraus keiner der beiden Seiten
ein Präjudiz erwachsen. Die Pfälzer lehnten diesen revidierten Zusatz mit
der Begründung ab, bei Reichstagsverhandlungen seien solche Vorbehalte
D ie Gründung von Union und Liga 91

und Erwähnungen gegensätzlicher Auffassungen unzulässig, während die


Kursachsen den nunmehrigen Zusatz annehmbar fanden und ihm zustim-
men wollten. Damit war die Einmütigkeit der Protestanten bereits beendet,
und erneut standen sich die von der Pfalz angeführte radikale Aktionspar-
:ei und die von Sachsen dominierte konservative Gruppierung gegenüber.
Die Pfälzer bekräftigten noch einmal ihre Position und beschlossen,
zusammen mit ihrer Anhängerschaft den Reichstag zu verlassen. Neben der
Kurpfalz waren dies die Gesandten von Pfalz-Zweibrücken, Braunschweig-
"Ablfenbüttel, Brandenburg-Ansbach, Kurbrandenburg, Baden-Durlach,
Hessen-Kassel, Anhalt und die Wetterauer Grafen. In Regensburg blieben
aeben Kursachsen die Gesandten von Pfalz-Neuburg, Pommern, Lüneburg
u r i Hessen-Darmstadt sowie die Vertreter der Reichsstädte. Die Spaltung
rer deutschen Protestanten trat damit erneut in aller Deutlichkeit zutage.
'— r erhin waren Sachsen und die ihm folgenden Parteien nicht bereit,
zusammen mit den katholischen Ständen den Reichstag fortzusetzen und die
rr«~unschten Beschlüsse zu fassen. Infolgedessen gingen die Stände ohne
Eeizhstagsabschied auseinander. Der Reichstag war gesprengt, und damit
wur die letzte bis dahin noch arbeitsfähige Institution des Reichs lahmgelegt.
Aut Mai 1608 löste Erzherzog Ferdinand den Reichstag offiziell auf.
Als man zwischen August und Oktober 1613 in Regensburg erneut
zu einem Reichstag zusammenkam, wiederholten sich die Abläufe, ja
—ehr noch: Die auf Konfrontation setzenden Parteien hatten an Stärke
rfwonnen, und die auf Ausgleich bedachte Mittelpartei war zusammenge-
iunrumpft. Jetzt freilich setzte die katholische Seite auf das Majoritätsprin-
ur und stimmte am 22. Oktober 1613 für einen Reichstagsabschied, der von
rer protestantischen Minderheit umgehend verworfen wurde. «Die Krise
wir da, das Reich brach auseinander, wie es sich 1608 schon abgezeichnet
raue.» Der nächste Reichstag sollte knapp dreißigjahre später stattfinden,
* : u September 1640 bis Oktober 1641, also in der Schlussphase des Krieges
und unter völlig veränderten Bedingungen.
Mit der Lahmlegung des Reichstags im Frühjahr 1608 war das Erfor­
dernis alternativer Kooperationsstrukturen nicht länger von der Hand zu
* iden. Als Erste reagierte die kurpfälzische Politik: Sie strebte ein Bündnis
icr protestantischen Mächte an, in dem die Spaltung zwischen Luthera­
91 « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

nern und Calvinisten keine Rolle spielen sollte, das also eine breitere Basis
hatte, als dies bei einer Koalition ausschließlich der Reformierten der Fall
war. Die Pfälzer vollzogen damit eine strategische Wende, weg von den
internationalen Bündnisprojekten, die sie bis dahin favorisiert hatten, hin
zu einem nur aus Reichsständen bestehenden Bündnis, und dieses Bündnis
sollte im Unterschied zu den bisher verfolgten Projekten keinen Offensiv-,
sondern Defensivcharakter haben. Es ging nicht länger um die Revision des
Augsburger Religionsfriedens, in den die Calvinisten ja nicht eingeschlos­
sen waren, sondern um dessen Verteidigung, wie man sie bereits in der
auf dem Regensburger Reichstag eingebrachten Beschlussvorlage formu­
liert hatte. Damit betrieb man eine sehr viel wirklichkeitsnähere Politik als
zuvor. Die kurpfälzische Politik wechselte aus dem Bereich der utopischen
Projektemacherei auf das Feld der Realpolitik hinüber.

Am 12. Mai 1608 (nach dem julianischen Kalender, dem die Vertragschlie­
ßenden folgten, war es freilich erst der 2. Mai), also knapp zwei Wochen
nach Schließung des Reichstags in Regensburg, trafen sich reformierte und
lutherische Fürsten im säkularisierten Kloster Auhausen nahe Nördlingen,
um die Protestantische Union zu bilden, ein auf zehn Jahre abgeschlossenes
Bündnis, in dem sich die Mitglieder für den Fall eines Angriffs von außen
zu gegenseitiger Hilfe verpflichteten.81 In der Präambel des Vertrags wurde
auf den 1495 vom Wormser Reichstag verkündeten Allgemeinen Land­
frieden und die zu seiner Bewahrung im Jahre 1555 festgelegte Exekutions­
ordnung mit den dafür verantwortlichen Reichskreisen Bezug genommen,
sogleich aber betont, dass beides in jüngster Zeit durch «beschwerlichen
mißverstanndt» in Zweifel gezogen und durch «feindtliche und thetli-
che handtlungen uberschrieten und in mehr weeg frefenlichen darwieder
gehandelt» worden sei.82 Das protestantische Sonderbündnis legitimierte
sich also mit dem Anspruch, die bestehende Ordnung des Reichs erhalten
und verteidigen zu wollen. Das war ein geschickter Schachzug, der auf die
reichskonservativen Lutheraner abzielte und Distanz hielt zu der bislang
von den Pfälzern betriebenen Revisionspolitik. Ausdrücklich wurde ver­
sichert, dass man dem Kaiser den gebührenden Gehorsam erweise, den
Reichsständen in guter Nachbarschaft zugetan sei und der Verfassung
D ie Gründung von Union und Liga 93

des Reichs keinerlei Abbruch tun wolle, sondern das Bündnis «vielmehr
zu besterckung derselben und beßeren erhaltung friedes und einigkeit im
Reich» geschlossen habe und «alß liebhaber und gehorsame Stendte des
Reichs Teütscher nation unsers geliebten Vatterlandts» handele.83 Die auf
diese Präambel folgenden achtzehn Artikel des Vertrags legen dann detail-
jert die Führung des Bündnisses, die gegenseitigen Verpflichtungen sowie
den Umgang mit Beute und Gefangenen fest. Hier ging es um die Konditi­
onen von Koalitionskriegführung. Der Vertrag von Auhausen war nicht nur
eine politische Deklaration oder Absichtserklärung; er schuf die Voraus­
setzungen für eine operative Politik, mit der die Unterzeichner sich hinfort
cegen eine Wiederholung der Ereignisse von Donauwörth zur Wehr setzen
wollten. Entgegen den Bekundungen der Präambel veränderte das sehr
wohl die Verfassungswirklichkeit im Reich.
Es kann also nicht verwundern, dass das reichs- und verfassungskon­
servative Kursachsen den Auhausener Vertrag nicht unterschrieb und
uer Union nicht beitrat. Aber es folgten nicht länger alle dem Luthertum
inhängenden Fürsten der kursächsischen Linie, sondern Herzog Johann
Friedrich von Württemberg, Herzog Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg
und Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach, allesamt strenge
Lutheraner, waren in Auhausen dabei und unterschrieben am 14. Mai
den Vertrag im Kapitelsaal des einstigen Klosters - einem Ort somit, dem
svmbolische wie programmatische Bedeutung zukam. Außer ihnen Unter­
zeichneten Fürst Christian von Anhalt-Bernburg für die Kurpfalz, Mark­
ern Christian von Brandenburg-Bayreuth sowie Markgraf Joachim Ernst
von Brandenburg-Ansbach. Einige Zeit später traten dann noch Kurfürst
rr.ann Sigismund von Brandenburg, Landgraf Moritz von Hessen-Kassel,
Gottfried Graf zu Oettingen sowie die Reichsstädte Nürnberg, Straßburg
und Ulm dem protestantischen Schutz- und Trutzbündnis bei. Vor allem
der Beitritt der traditionell reichsfreundlichen Städte zeigte die tiefgrei-
rer.de Veränderung, die sich zwischenzeitlich vollzogen hatte: Kursachsen
war nicht länger der dominante Anführer des deutschen Protestantismus,
und die Kurpfalz war nicht mehr bloß ein Sammelpunkt der notorisch
Unzufriedenen; nunmehr befand sich Sachsen in der Außenseiterposi-
ron. und die politische Führung des deutschen Protestantismus war von
94 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

Dresden nach Heidelberg übergewechselt. Das war für die kurpfälzische


Politik ein großer Erfolg, aber zugleich war es auch eine große Bürde: Von
nun an kam es nämlich nicht mehr darauf an, in politischen Fragen ent­
schlossen vorzupreschen, sondern die in der Union Verbündeten zusam­
menzuhalten und eine Politik zu verfolgen, die von allen mitgetragen wer­
den konnte.
Die Aufgabe, den Zusammenhalt der Union zu sichern und sie gleich­
zeitig als eine politisch handlungsfähige Größe im Reich zu positionieren,
lag bei dem durch den Bündnisvertrag eingerichteten Direktorium, das der
Kurpfalz übertragen wurde. Realiter lag es damit bei Christian von Anhalt-
Bernburg, dem in Amberg residierenden Statthalter der Oberpfalz, der seit
mehr als einem Jahrzehnt die kurpfälzische Politik bestimmte, da Kurfürst
Friedrich IV. infolge von Trunksucht und daraus resultierender körper­
licher Schwäche dazu nicht in der Lage war. Als Friedrich IV. im Herbst
1610 starb, übernahm sein erst vierzehnjähriger Sohn Friedrich V. die Herr­
schaft in der Pfalz. Er stand zunächst unter der Vormundschaft des Herzogs
Johann II. von Pfalz-Zweibrücken, geriet aber schnell unter den Einfluss
Christian von Anhalts, der für sein politisches Schicksal entscheidend wer­
den sollte. War Friedrich IV. physisch und psychisch nicht in der Lage, die
kurpfälzische Politik zu leiten, so war Friedrich V. dazu wenig motiviert: Er
lebte - jedenfalls bis 1618 - weitgehend «unbekümmert in den Tag hinein,
überzeugt, Gott habe ihm sein Amt verliehen, er sei auserwählt»; darum
werde alles, was er in die Hand nehme, schon gutgehen.84Indes - alles, was
Friedrich in die Hand bekam, war von Christian von Anhalt vorsortiert und
ausgesucht, eingeschlossen Elisabeth Stuart, die Tochter des englischen
Königs Jakob I., die Christian im Zusammenhang mit seinen großange­
legten bündnispolitischen Projekten für den pfälzischen Kurfürsten ausge­
wählt und die Friedrich am 24. Februar 1613 in London geheiratet hatte. Eli­
sabeth, mit der Friedrich eine offenbar glückliche Ehe führte, sollte in den
ersten Jahren des Krieges für dessen Verlauf eine fast ebenso wichtige Rolle
spielen wie der Kurfürst selbst. Zunächst aber gab Christian von Anhalt
politisch den Ton an.
Man hat Christian von Anhalt als den «Agitator des europäischen
Umsturzes» bezeichnet, den eigentlich Verantwortlichen für den Dreißig-
Die Gründung von Union und Liga 95

Im Allgemeinen wird
Friedrich V. als ein Opfer der
unverantwortlichen Politik
seiner Räte dargestellt, die ihn
in das «böhmische Abenteuer»
hineinmanövriert haben. In
einer Mischung aus politischer
Sorglosigkeit, calvinistischem
Vertrauen in die eigene
Gottesauserwähltheit und dem
Bestreben, seiner attraktiven
Gemahlin Elisabeth Stuart eine
repräsentativere Residenzstadt
als Heidelberg zu bieten, hat
er sich auf das von seinen
Räten forcierte Projekt zur
Annahme der böhmischen
Krone eingelassen - und ist nach
einjähriger Herrschaft wieder
aus Böhmen vertrieben worden.

ihrigen Krieg. Jedenfalls handelte es sich bei ihm um einen hochgradig


.ieologisch ausgerichteten Politiker, der die politischen Konstellationen
wesentlich nach der Unterscheidung von Freund und Feind beurteilte und
_r.ausgesetzt mit dem Schmieden antihabsburgisch-antikatholischer Koa-
rnonen beschäftigt war.85 Der 1568 geborene Christian war in einem luthe-
ramschen Elternhaus aufgewachsen, in dem man Melanchthons Theologie
cevenüber einem orthodoxen Luthertum, den sogenannten Gnesioluthe-
ranem, bevorzugte. 1592 bekannte Christian sich offen zum Calvinismus
m d folgte damit einem Weg, den viele Anhänger Melanchthons einschlu-
;en. um sich von einer zunehmend selbstzufriedenen und behäbig gewor­
renen lutheranischen Orthodoxie abzusetzen. Christian war ungewohn­
ten sprachbegabt und hatte eine überaus gewinnende Art im Umgang mit
Menschen. Schon früh entfloh er der Enge des anhaltinischen Hofes mit
reu beiden Residenzen Dessau und Bernburg; er reiste nach Dresden, Prag
r d Wien, beteiligte sich an einer Gesandtschaft zum türkischen Sultan
rach Konstantinopel und unternahm schließlich die für junge Adlige obli-
n :e Italienreise. 1591 war er Führer eines Hilfskorps, das die deutschen Pro-
96 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

testanten zur Unterstützung des Hugenottenführers Heinrich von Navarra


geworben hatten, und im Jahr darauf kommandierte er ein protestantisches
Heer in der Straßburger Bischofsfehde. Christian verfügte somit, als er 1594
Statthalter in der Oberpfalz wurde, über militärische Erfahrungen und
internationale Kontakte, und vor allem hatte er gute Beziehungen zu Hein­
rich IV., dem früheren Hugenottenführer, der nach seiner Konversion zum
Katholizismus («Paris ist eine Messe w ert») französischer König gewor­
den war. Im Prinzip hätte sich die relativ kleine Kurpfalz, deren Reputa­
tion im Reich größer war als ihre Ressourcen,86keinen erfahreneren Mann
wünschen können. Aber Christian neigte dazu, seine eigenen Fähigkeiten,
zunächst die des Diplomaten, später auch die des Feldherrn, zu überschät­
zen, und besonders überschätzte er das Gewicht der Pfalz in dem politi­
schen Spiel, auf das er sich eingelassen hatte.
Die protestantische Union, an deren Zustandekommen Christian maß­
geblichen Anteil hatte, war als Bündnis für eine riskante Politik ungeeignet,
was sich auch in ihrer strukturell defensiven Ausrichtung zeigte. Sie war
entstanden, weil nach der Affäre von Donauwörth auch die lutherischen
Landesherrn Süddeutschlands sowie die süddeutschen Reichsstädte eine
ausgreifende Restitutionspolitik der katholischen Seite fürchteten, und
Kurbrandenburg stieß zur Union, weil es sich bei der Verfolgung seiner
Erbansprüche am Niederrhein, von denen noch die Rede sein wird, deren
politisch-militärischen Rückhalt sichern wollte. Die Interessen der in der
Union Verbündeten waren somit überaus heterogen, und schon deswegen
erforderte deren Führung großes politisches Geschick, viel Geduld und
immer wieder Zurückhaltung bei Möglichkeiten, die eine auf Risiko hin
angelegte Politik nutzen würde. Für eine von Geduld und Zurückhaltung
gekennzeichnete Politik aber war Christian nicht der richtige Mann.
Der große Erfolg, den die Pfälzer mit der Bildung eines auch Luthe­
raner einschließenden Bündnisses erzielt hatten, der Übergang von der
Projektemacherei zur Realpolitik, legte nahe, dass sich Christian und die
Intellektuellen in seiner Umgebung von den internationalen Koalitionspro­
jekten verabschiedeten und sich auf die Konstellationen im Reich konzen­
trierten. Darauf aber wollte sich Christian nicht beschränken; für ihn war
die Union erst der Anfang eines großen Systems protestantischer Bündnisse,
Die Gründung von Union und Liga 97

ein wichtiges Glied darin, aber auch nicht mehr. Damit verschätzte er sich
jedoch im Charakter der Union, schwächte sie letzten Endes und machte
das Schwert, das er für den Kampf geschmiedet hatte, wieder stumpf. Das
begann mit dem Bündnis, das die Kurpfalz 1612 mit dem englischen König
Jakob I. schloss und zu dessen Besiegelung die Ehe zwischen Friedrich und
Elisabeth angebahnt wurde. Dieses Bündnis, das die Risikobereitschaft der
pfälzischen Politik nur noch bestärkte, beruhte auf einer doppelten Fehl­
einschätzung: Jakob überschätzte die innere Festigkeit und Handlungsfä­
higkeit der Union, und die Pfälzer wiederum überschätzten die Bereitschaft
des englischen Königs, sich in die Konflikte des Kontinents verstricken zu
lassen.87In der Folge überschätzten die Pfälzer ihr politisches Gewicht, und
gleichzeitig vermochten sie die politischen Möglichkeiten, die ihnen die
Union bot, nicht zu nutzen.

Auch die katholische Seite war nicht untätig geblieben: Unter Führung
Herzog Maximilians von Bayern wurde am 10. Juli 1609 in München die
L:ga als Pendant zur Union gegründet; neben Bayern gehörten ihr vor
allem süddeutsche Prälaten an, die sich durch das Bündnis der Protestan-
;en bedroht fühlten. Es waren dies der Fürstbischof von Würzburg, die
Bischöfe von Konstanz, Augsburg, Passau und Regensburg, der Propst von
Ellwangen und der Fürstabt von Kempten. Schon ein Jahr später traten die
Erzbistümer am Rhein der Liga bei, Kurmainz, Kurtrier und Kurköln, und
bald danach erlangten auch die habsburgischen Erzherzoge Maximilian,
Regent von Tirol, und Ferdinand, Herr über die Steiermark, sowie der bur-
gundische Reichskreis Aufnahme. Damit konnte es die Liga ohne weiteres
mit der Union aufnehmen, zumal ihre finanzielle Ausstattung eine sehr viel
solidere Grundlage hatte als die der Union. Außerdem stand mit Herzog
Maximilian ein umsichtiger und sehr viel realistischerer Politiker an ihrer
Spitze, als das mit Friedrich V. und Christian von Anhalt bei der Union
der Fall war. Freilich hatte auch die Liga das Problem, das der Union so
sehr zu schaffen machte, nämlich die recht unterschiedliche Interessenlage
ihrer Mitglieder, die einer entschiedenen Politik des Bündnisses ein ums
andere Mal im Wege stand. Maximilian hat den Beitritt der beiden habs­
burgischen Erzherzoge nicht als Stärkung, sondern als Lähmung der Liga
98 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

begriffen. Er hat das Bündnis darum zeitweilig verlassen, um es 1619, ganz


im Sinne seiner eigenen Vorstellungen, zu reorganisieren. Diese Vorstel­
lungen liefen darauf hinaus, dass er die Politik des Bündnisses bestimmte
und es keinen gab, der ihn daran hindern konnte. Das Ausscheiden der
beiden Habsburger aus der Liga hat ihm diese Möglichkeit verschafft. Von
nun an war das katholische Bündnis - auch - ein Instrument der bayeri­
schen Interessenpolitik.
In fast jeder Hinsicht war Maximilian das Gegenteil von Friedrich V.
und Christian von Anhalt.88 Zwar wies auch seine Politik religiös geprägte
Züge auf, aber diese fanden dort ihre Grenze, wo landesherrschaftliche
Interessen betroffen waren. Das zeigte sich im Kriegsverlauf immer wieder,
sowohl im Konflikt mit Wallenstein als auch in der Auseinandersetzung mit
Ferdinand II. und Tilly über die Frage, ob die nach Norddeutschland vor­
gestoßenen Truppen der Liga von Ostfriesland aus in die Niederlande ein­
fallen und die Generalstaaten im Verbund mit der im Süden operierenden
spanischen Flandernarmee in die Zange nehmen sollten. Maximilian hat
dieses, rein militärstrategisch betrachtet, überaus attraktive Projekt mehr­
fach verhindert: Erstens, weil er «seine» Truppen nicht im Interesse Spa­
niens eingesetzt wissen wollte, und zweitens, weil er eine «Internationa­
lisierung» des Krieges fürchtete, die der Verfolgung seiner Interessen nur
abträglich sein konnte. In der Literatur über Maximilian ist darum immer
wieder die Frage diskutiert worden, ob der Bayernherzog tatsächlich ein
so entschiedener Kämpfer für die Wiederaufrichtung des Katholizismus in
Deutschland gewesen sei, wie er selbst dies dargestellt hat, oder ob es nicht
vielmehr die Direktiven der Staatsräson waren, welche die Leitlinien seiner
Politik bildeten.
Die Voraussetzungen für eine derart entschlossene und kraftvolle Füh­
rung der katholischen Liga hatte Maximilian nach seinem Regierungsan­
tritt am 4. Februar 1598 selbst geschaffen. Er übernahm von seinem Vater
Herzog Wilhelm V. ein Land, das sich ein Jahrzehnt lang notorisch am
Rande des Staatsbankrotts bewegt hatte. Wilhelm, der eine große Leiden­
schaft für Prachtbauten hatte, musste abdanken, weil niemand mehr bereit
war, ihm Kredit zu gewähren, und auch die Landstände angesichts des rui­
nierten Staatshaushalts am Ende ihrer Geduld waren. Maximilian war das
Die Gründung von Union und Liga 99

Das Porträt zeigt


Maximilian in der zweiten
Hälfte des Krieges, als
es ihm vor allem darum
ging, die herkömmlichen
Kräfteverhältnisse im
Reich zu bewahren. In
der ersten Kriegshälfte
trat er dagegen als ein
entschiedener Anhänger
der Gegenreformation
auf, die er mit Hilfe
der katholischen Liga
politisch durchsetzen
wollte. Trotz seiner
Bemühungen um den
Sieg der katholischen
Kirche in Deutschland
verlor Maximilian
niemals seine spezifisch
bayerischen Interessen
aus dem Auge.

genaue Gegenteil seines Vaters: sparsam und finanzpolitisch versiert, auf


iie Rationalisierung der Verwaltung bedacht und von ungeheurem Fleiß
zei der Überwachung all dessen, was er angeordnet hatte. In der Regel
stand er morgens gegen vier Uhr auf, um Dokumente und Briefe durch­
zuarbeiten sowie die Berichte seiner Administratoren zu studieren. Maxi­
milian war eine jener frühabsolutistischen Persönlichkeiten, die sich vom
Staatsinteresse leiten ließen und den Staat nicht als Mittel ihrer Selbstdar­
stellung nutzten. Bei der Entwicklung dieser strengen Selbstdisziplin dürfte
mm zugutegekommen sein, dass er von Jesuiten erzogen und ausgebildet
worden war, zunächst in München, dann an der Universität Ingolstadt, wo
Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser, sein Kommilitone war. Jedenfalls
schaffte es Maximilian innerhalb weniger Jahre, die Defizite im bayerischen
Staatshaushalt zu beseitigen und stattdessen einen Staatsschatz anzule-
een, der ihm den gewünschten politischen Spielraum gab: gegenüber den
anderen mittelstarken Mächten im Reich, gegenüber der protestantischen
lO O « I H R K E N N T N IC H T DIE F O L G E N EU R E S T U N S »

Union, gegenüber dem Kaiser, aber auch gegenüber den eigenen Landstän­
den, die ihm während seiner langen Regierungszeit von 1598 bis 1651 nie­
mals Schwierigkeiten bereiteten. Sie vertrauten darauf, dass der Herzog in
seiner Finanz- und Kriegspolitik stets die allgemeinen Interessen des Lan­
des im Auge hatte, so dass sie sich nicht als Repräsentanten des Gemein­
wohls gegen das fürstliche Eigeninteresse stellen mussten. Das waren her­
vorragende Voraussetzungen für die Führung eines Bündnisses.
Auch hatten die Bündnispartner der Liga größeres Vertrauen zu ihrem
Bundesobristen Maximilian als die Unierten zu Christian von Anhalt. Die
Liga hatte die deutlich effizientere und autoritärere Bundesstruktur.89 Des­
wegen war sie in Krisen und Konflikten schneller reaktionsfähig, und ihre
letztlich unter bayerischem Kommando stehenden Truppen waren sehr
viel schlagkräftiger als das zusammengestückelte Heer der Union. Da Maxi­
milian bei der Verfolgung seiner politischen Ziele keine anderen Optionen
hatte als die Liga, konzentrierte er sich ganz auf sie und baute sie zu einem
Instrument aus, mit dem er seine Macht als bayerischer Herzog erweitern
wollte. Das war auch deswegen möglich, weil der Kaiser (zum Zeitpunkt
der Gründung noch Rudolf II., danach Matthias) dem Bündnis zunächst
nicht beitrat, es aber wohlwollend unterstützte, so dass es zu einer struktu­
rellen Arbeitsteilung zwischen Liga und Kaiser kam: Die Liga konzentrierte
sich ausschließlich auf die katholischen Interessen im Reich, während die
internationalen Verbindungen der katholischen Seite vom Kaiser gepflegt
wurden. Das betraf vor allem die Kontakte zu Spanien, also das Verhält­
nis zwischen den beiden Zweigen des Hauses Habsburg. So blieb die Liga
frei von Verpflichtungen gegenüber Madrid und konnte sich, als diese an
sie herangetragen wurden, erfolgreich dagegen zur Wehr setzen. Kurzum:
Die Liga verfügte im Vergleich zur Union über eine sehr viel größere ope­
rative Beweglichkeit, und das sollte sich in der Anfangsphase des Krieges in
aller Deutlichkeit zeigen.90Die mit jeder Form von Koalitionskriegführung
verbundenen Probleme wurden bei der Liga durch die starke Stellung des
Bundesobristen in Grenzen gehalten, und Maximilian sorgte dafür, dass
es dabei blieb. Als die Liga durch den Beitritt zweier habsburgischer Erz­
herzoge nur noch schwer zu steuern war, trat Maximilian, wie gesagt, aus
und paralysierte sie dadurch, um bei ihrer Wiederbelebung dafür zu sor­
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 101

gen, dass sie ein politisches Instrument in seinen Händen blieb. Im Fall der
Union dagegen führten die Koalitionsfragen zur Lähmung des Bündnisses,
und um diese Lähmung zu überwinden, hätte es einer sehr viel stärkeren
Macht an ihrer Spitze bedurft als der Kurpfalz und eines sehr viel stärker
auf die Handlungsfähigkeit des Bündnisses bedachten Anführers als eines
Christian von Anhalt.

Der Erbschaftsstreit um
das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg

Die Probleme der Union zeigten sich umgehend im Erbschaffsstreit um das


Herzogtum Jülich-Kleve-Berg mit den Grafschaften Mark und Ravensberg.
Seit langem war absehbar, dass Herzog Johann Wilhelm kinderlos sterben
würde. Der Streit um Jülich-Kleve-Berg fand seinen Niederschlag in zwei
Krisen: Die erste zog sich vom März 1609 bis zum Oktober 1610 hin und
stürzte Westeuropa beinahe in einen großen Krieg, der nur durch eine
Reihe von Zufällen nicht stattfand; in der zweiten Krise zwischen Mai und
September 1614 bewährten sich dann ein letztes Mal die Krisenbearbei-
rungsmechanismen des Reichs, die sich seit dem Augsburger Religionsfrie-
ien herausgebildet hatten. In beiden Krisen um Jülich-Kleve-Berg zeigte
sich einmal mehr der labile, ungeklärte Zustand, in dem sich das Reich zu
Beginn des 17. Jahrhunderts befand: Es taumelte ständig am Rande eines
Krieges, und jeder regional begrenzte Konflikt hatte das Zeug, zum Anlass
eines ganz Europa erfassenden Konfliktes zu werden; andererseits verstri­
chen viele Ereignisse, die ein Anlass zum Krieg hätten sein können; und
schließlich blieben einige Kriege, die stattfanden, räumlich wie zeitlich eng
begrenzt. Es gab darum im Frühjahr 1618 keinen Grund zu der Annahme,
dass der Konflikt in Böhmen zwangsläufig zu einem großen europäischen
Krieg führen werde. Nachdem man die beiden großen Krisen um das Her-
zojtum Jülich-Kleve-Berg gemeistert hatte, war man sogar zuversichtlich,
auch mit diesem Problem fertigwerden zu können, ohne in einen Krieg
hineinzuschlittern.
102 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N EU R E S T U N S »

Am Niederrhein war wegen des benachbarten Kurköln, wo der Ver­


bleib bei der katholischen Kirche in den Jahren 1583 bis 1585 nur unter
Einsatz von Militär hatte sichergestellt werden können, sowie der Nähe zu
den Niederlanden die Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges um einiges
höher als danach in Böhmen. Der Historiker Volker Press hat den Nieder­
rhein darum eine «Wetterecke der europäischen Politik» genannt.91 Es
war nicht zuletzt die Zuversicht der Akteure, die politischen Prozesse unter
Kontrolle behalten zu können, die den Konflikt in Böhmen eskalieren ließ.
Selbstverständlich spielte die beschriebene Lähmung der Reichsinstitu­
tionen im böhmischen Fall eine wichtige Rolle, aber die hatte es auch schon
beim Jülicher Erbfolgekrieg gegeben, und doch waren dort die Militärope­
rationen eng begrenzt geblieben. Gerade das scheint dazu beigetragen zu
haben, dass einige leichtsinnig wurden und die Risiken falsch einschätzten.
Daneben gab es all jene, die ohnehin von der Unvermeidlichkeit eines gro­
ßen Krieges in Europa überzeugt waren und deswegen keinerlei Anstalten
machten, einen Waffengang zu verhindern. Aber auch die hatte es bereits
im Streit um Jülich-Kleve-Berg gegeben, und trotzdem ist es dort zweimal
«gutgegangen». Dass dabei der Zufall eine Rolle gespielt hatte, übersahen
die meisten, wie ja Politiker häufig dazu neigen, den Faktor Kontingenz bei
der Betrachtung von Ereignissen und deren Ausgang zu unterschätzen, weil
sie alles (oder doch fast alles) ihrem eigenen Planen und Handeln zuschrei­
ben.
Die Nachfolge im Herzogtum Jülich-Kleve-Berg war ebenso attrak­
tiv wie kompliziert. Sie war attraktiv, weil die fraglichen Gebiete zu den
wohlhabendsten Deutschlands gehörten und aus ihnen demgemäß hohe
Einnahmen zu erzielen waren; außerdem waren sie geopolitisch zentral
gelegen: Wer den Niederrhein beherrschte, war ein starker Akteur in der
nordwesteuropäischen Politik. Letzteres war auch der Grund, warum die
Nachfolge in Düsseldorf, der Residenz des Herzogs, keine Angelegenheit
war, die ausschließlich innerhalb des Reichs geklärt werden konnte; die
Interessen Spaniens, Frankreichs und der Niederlande waren unmittelbar
berührt. Die Nachfolgefrage war kompliziert, weil zu der internationalen
Interessenkollision eine konfessionelle Zersplitterung im Herzogtum hin­
zukam; die Herrscher hatten angesichts der verschiedenen Einflussnahmen
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 103

auf ihre Gebiete darauf verzichtet, eine Konfessionalisierungspolitik nach


den Vorgaben des Augsburger Religionsfriedens (cuius regio eius religio)
zu betreiben. Daher lagen hier katholische, lutherische und reformierte
Gemeinden nebeneinander. Vor allem aber gab es eine Reihe von Prä­
tendenten auf die Erbfolge, deren unterschiedlich begründete Ansprüche
nicht leicht gegeneinander zu gewichten waren. Schließlich verbanden sich
mit den verschiedenen Prätendenten auch noch unterschiedliche konfessi­
onelle Zugehörigkeiten, womit einmal mehr die opponierenden Parteien
der Protestanten und Katholiken im Spiel waren.92 Der Erbfolgestreit um
das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg hatte somit alle Voraussetzungen, zu
einem großen europäischen Krieg zu eskalieren.
Als Herzog Johann Wilhelm am 25. März 1609 in Düsseldorf starb, hat­
ten sich alle Seiten bereits auf den Eintritt des Erbfalls eingestellt: Johann
Wilhelm war nämlich nicht nur kinderlos, sondern auch «geisteskrank»,
und da er nicht in der Lage war, sein Land selbst zu regieren, stand seine
Herrschaft von Anfang an unter einer Regentschaft. Deren Befugnisse
waren freilich umstritten: Bereits unter Johann Wilhelms Vater, Herzog
Wilhelm V., war eine solche Regentschaft eingerichtet worden, weil der
Herzog in den letzten Jahren seines Lebens als schwachsinnig galt und seine
Entscheidungen zahlreiche Streitigkeiten verursacht hatten. Die Regenten
hatten ihre Entscheide jedoch dem Herzog zur Unterschrift vorlegen müs­
sen. Die Frage war nun, ob im Fall des geisteskranken Johann Wilhelm die
Entscheidungsbefugnisse der vom Kaiser eingesetzten Regenten größer
wurden, etwa der Art, dass sie Entscheidungen ohne herzogliche Einwilli­
gung treffen konnten, oder ob die Ehefrau Johann Wilhelms, die Herzogin
Jakobe, die Position ihres Schwiegervaters übernahm und die Regentenent­
scheide gegenzeichnete. Nun hatte Johann Wilhelm aber noch vier Schwes­
tern, die für ihre Ehemänner ebenfalls Erbansprüche erhoben, nämlich für
die Häuser Brandenburg, Pfalz-Neuburg, Pfalz-Zweibrücken und schließ­
lich, nicht ganz ebenbürtig, da der Verbindung Erzherzog Ferdinands von
Tirol mit der Augsburger Bürgertochter Philippine Welser entstammend,
noch der Markgraf Karl von Burgau. Sie widersetzten sich einer stärkeren
Rolle der Herzogin Jakobe und verlangten, den «irrsinnigen Herzog und
die Administration seiner Lande unter Curatel» zu stellen.93
104 « IH R K E N N T N IC H T D IE FO L G E N EU R E S T U N S »

Jakobe, eine, wie immer wieder zu lesen, eigenwillige und machtbe­


wusste Frau, geriet sehr schnell mit den Prätendenten des Erbes in Konflikt,
danach mit den katholischen Räten und den protestantischen Vertretern
in den Ständen des Landes. Nachdem sie sich mit allen relevanten Grup­
pen überworfen hatte, kam es zu einem Ausbruch des sogenannten Volks­
zorns gegen sie. Dieser Tumult war von ihren Gegnern mit der Behauptung
angezettelt worden, sie sei ebenso herrschsüchtig wie untreu und halte den
Herzog ohne Not gefangen. Ihre Schwägerin Herzogin Sibylla erhob gegen
Jakobe Anklage wegen Ehebruchs, und so wurde Jakobe unter Kassierung
aller Rechte und Befugnisse kurzerhand eingekerkert. Am 3. September
1597 fand man sie tot in ihrer Zelle, wahrscheinlich ermordet von Schergen
eines ihrer Widersacher, des prokaiserlichen Marschalls Wilhelm von Wald­
burg. Anschließend verpflichteten sich die mit der Regentschaft betrauten
Räte, nach dem Tod des geisteskranken Herzogs keinem der Prätendenten
Zugang zu den Landen zu gewähren, bevor nicht die Rechte aller Bewerber
von Kaiser und Reich geprüft und beurteilt worden seien. Das zielte darauf
ab, die zu diesem Zeitpunkt allesamt protestantischen Bewerber vom Her­
zogtum fernzuhalten und dort den katholischen Einfluss sicherzustellen.94
Die Distanz zu den Erbprätendenten wurde noch verstärkt, als der geistes­
kranke Herzog in zweiter Ehe Antonie von Lothringen heiratete, die auf
eine enge Verbindung mit dem Kaiser achtete, und die vierte von Johann
Wilhelms Schwestern, die bereits erwähnte Sibylla, den ebenfalls bereits
genannten Markgrafen von Burgau heiratete, der katholisch war. Den drei
protestantischen Prätendenten blieb damit nichts anderes übrig, als sich
auf die Suche nach Verbündeten zu begeben, die ihnen im Erbfall beiste­
hen würden. Das war der Stand der Dinge, als Johann Wilhelm am 25. März
1609 starb.
Politisch waren die Erbstreitigkeiten um das Herzogtum Jülich-Kleve-
Berg eine Zeitbombe: Spanien und die südlichen Niederlande waren an
einer katholischen, die nördlichen Niederlande dagegen an einer protes­
tantischen Nachfolge interessiert, die Anwärter konnten sich untereinander
nicht verständigen, und die kaiserliche Macht war durch den «Bruderzwist
im Hause Habsburg» gelähmt. Zudem gab es gute Gründe dafür, dass sich
der Kaiser, wenngleich seine Präferenzen einer katholischen Lösung galten,
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-KIeve-Berg l°S

nicht allzu sehr exponierte, um zu vermeiden, dass sich eine gegen seine
Entscheidung gerichtete Koalition aus Reichsständen und auswärtigen
Mächten bildete. Solange er nicht entschieden hatte, konnte man die Erb­
prätendenten gegeneinander ausspielen; hatte er sich erst einmal festgelegt,
war das nicht mehr möglich. Es war nicht zuletzt diese Konstellation, die
dazu führte, dass man im Reich nicht gerade tatkräftig nach einer Lösung
des Problems suchte. Durch die Untätigkeit des Kaisers verlor der Herzog
von Burgau im Ringen um die Nachfolge an Bedeutung, und auch der Her­
zog von Pfalz-Zweibrücken spielte zuletzt keine Rolle mehr, da es ihm nicht
gelungen war, relevante Verbündete auf seine Seite zu ziehen.
So konkurrierten in der Erbschaftsfrage mehr und mehr der branden-
burgische Kurfürst Johann Sigismund und Herzog Philipp Ludwig von
Pfalz-Neuburg beziehungsweise dessen Sohn Wolfgang Wilhelm. Da Bran­
denburg sich die Unterstützung der Kurpfalz und der vereinigten niederlän­
dischen Provinzen, der Generalstaaten, gesichert hatte, war es naheliegend,
dass die Neuburger auf der Gegenseite nach Verbündeten suchten. Aber
wer war die Gegenseite? Philipp Ludwig, ein Lutheraner, setzte auf ein
lutherisches Bündnis, kam dabei aber infolge der notorisch abwartenden
Haltung Kursachsens nicht sonderlich weit. Sein Sohn Wolfgang Wilhelm
verhandelte nicht nur mit dem Kaiser, sondern nahm auch mit Philipp III.
von Spanien und Erzherzog Albrecht, dem Regenten der spanischen
Niederlande, Kontakt auf. Als klar war, dass er dort auf Gegenliebe stieß,
stellte sich der französische König Heinrich IV., um dessen Unterstützung
zunächst beide Seiten geworben hatten, auf die Seite Brandenburgs. Nicht
weil er, wie einige meinten, im Grunde seines Herzens nach wie vor Calvi­
nist war, sondern weil aus machtpolitischen Gründen das fragliche Gebiet
an der sensiblen Nordostflanke Frankreichs keinem prospanischen Fürsten
anheimfallen sollte.95
Bei dieser Entwicklung spielte einmal mehr Christian von Anhalt eine
zentrale Rolle: In der entscheidenden Phase der Koalitionsbildung reiste
er selbst nach Frankreich, um Heinrich IV. für das von ihm seit langem
verfolgte Projekt einer internationalen antihabsburgischen Koalition zu
gewinnen. Und dieses Mal stieß er beim französischen König auf offene
Ohren, denn jetzt passten die eher geopolitischen Überlegungen Heinrichs
io 6 « I H R K E N N T N IC H T D IE FO L G E N EU R E S TU N S

und die antikatholisch-antihabsburgischen Pläne Christians zusammen. Es


muss offenbleiben, wer hier wen instrumentalisiert hätte, wenn das Vorha­
ben gelungen wäre, den Erbschaftsstreit um Jülich-Kleve-Berg zu nutzen,
um die Machtverhältnisse in Europa neu zu ordnen. Dazu ist es jedoch
nicht gekommen, denn Heinrich IV. wurde am 14. Mai 1610, wenige Tage
bevor er an der Spitze seiner Armee in den Krieg ziehen wollte, von dem
katholischen Fanatiker Francois Ravaillac ermordet. Die Königinwitwe
Maria de’Medici, die für ihren noch minderjährigen Sohn Ludwig X III.
die Regentschaft führte, ließ die Armee zwar gegen die Festung Jülich mar­
schieren, aber nach deren schnellem Fall zog sie das Militär zurück und
verzichtete auf jede weitere Provokation gegen Erzherzog Albrecht in den
südlichen Niederlanden, die zu einem Zusammenstoß zwischen Spanien
und Frankreich hätte führen müssen. A uf einen solchen hatte Heinrich IV.
jedoch gerade gesetzt - jedenfalls lassen seine Planungen den Schluss zu,
dass er einen gleichzeitigen Angriffskrieg gegen das spanisch kontrollierte
Herzogtum Mailand und gegen die spanischen Niederlande mit dem Zen­
trum Brüssel führen wollte. Sein Vorstoß auf Jülich sollte Spanien zu einer
Reaktion zwingen, die den großen europäischen Krieg ausgelöst hätte.96
Maria de’Medicis «Rückzieher» erfolgte aufgrund einer Lagebeschrei­
bung, wie sie in ähnlicher Weise auch dem spanischen Agieren im Erbfol­
gestreit von Jülich-Kleve-Berg zugrunde lag: Eine protestantische Erbfolge
am Niederrhein lag nicht im spanischen Interesse, aber man wollte in
Madrid den gerade geschlossenen zwölfjährigen Waffenstillstand mit den
Generalstaaten nicht durch eine Intervention in Deutschland aufs Spiel
setzen; deswegen hatte der in Brüssel residierende Erzherzog Albrecht alle
Hilfsersuche, die ihn aus Jülich erreichten, dilatorisch behandelt - zweifel­
los in Abstimmung mit Madrid.97 Die führenden Politiker in Madrid, vom
Herzog von Lerma über Balthasar de Züniga und den Grafen Onate bis zum
Grafen Olivares, gingen ebenso wie die führenden Männer in Paris, vom
Herzog von Sully, dem strategischen Kopf hinter Heinrich IV., bis zu Kar­
dinal Richelieu, der die französische Politik unter Ludwig X III. bestimmte,
davon aus, dass der Kampf um die Hegemonie in Europa zwischen Spa­
nien und Frankreich ausgetragen werden würde. Spanien sah sich dabei in
der Rolle des beatus possidens, der die Hegemonialposition innehatte und
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 107

sie lediglich verteidigen musste, während Frankreich angreifen und sie


erobern musste, woran es durch ein halbes Jahrhundert innerer Streitigkei­
ten und konfessioneller Bürgerkriege gehindert worden war. Deutschland
und Italien waren die Gebiete, in denen dieses Ringen um die europäische
Hegemonie ausgetragen würde. Insoweit stimmten beide Mächte in der
Analyse der politischen Lage überein, und dementsprechend beobachteten
ihre führenden Politiker jede Veränderung und jede politische Erbange­
legenheit in beiden Territorien mit äußerster Aufmerksamkeit.98 Aber die
Schlussfolgerungen, die man für die operative Politik daraus zog, unter­
schieden sich doch deutlich voneinander, und diese Unterschiede betrafen
nicht nur Madrid und Paris, sondern sie änderten sich auch mit dem poli­
tischen Führungspersonal, das in den Herrschaftszentren jeweils das Sagen
hatte. Natürlich suchte man nach mächtigen Verbündeten im Kampf um
die europäische Hegemonie, wobei England immer wieder ins Spiel kam,
und nicht zuletzt wurde in diesem Dreieck notorisch über Heiratsprojekte
nachgedacht, die Konkurrenz in Kooperation verwandeln sollten.
Dafür, wie Madrid und Paris die allgemeine Lage beurteilten, spielten
mehrere Parameter eine Rolle: Da war zunächst der Blick auf die Situa­
tion im Innern des jeweiligen Landes, auf die wirtschaftliche Entwicklung,
die finanzielle Leistungsfähigkeit und auf die inneren Konflikte, die offen
zutage tretenden, aber auch die latent vorhandenen. Je nachdem, zu wel­
chem Ergebnis man dabei kam, hielt man das Land für fähig, Krieg zu füh­
ren, oder eben nicht. Heinrich IV. war schließlich zu dem Ergebnis gekom­
men, die innere Spaltung der französischen Gesellschaft sei überwunden
und die von ihm eingeleitete Reform der Verwaltung habe dazu geführt,
dass es keine Staatsschulden mehr gebe und stattdessen ein Staatsschatz
angesammelt worden sei, der eine offensive Außenpolitik ermögliche.99
Zur selben Zeit gelangte in Madrid der Herzog von Lerma zu der Auf­
fassung, dass Spanien den Krieg in den Niederlanden beenden müsse, da er
gewaltige Ressourcen verschlungen hatte, ohne dass Fortschritte oder gar
ein militärischer Sieg absehbar waren, und dass die administrative Struktur
des Imperiums neu geordnet werden solle.100 Trotz des permanenten Sil­
berzuflusses aus der Neuen Welt - er deckte bis zu einem Viertel der Staats­
ausgaben Spaniens - hatte man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten
io 8 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

ständig am Rande des Staatsbankrotts bewegt, und mehrere Male hatte


man diesen auch erklären müssen. Im Jahr 1607 standen Einnahmen von
etwa sechs Millionen Dukaten Ausgaben in Höhe von dreizehn Millionen
Dukaten gegenüber.101 Unter diesen Umständen war die Verwicklung in
einen neuerlichen Krieg unbedingt zu vermeiden.
Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Lagebeurteilung: Lief die Zeit
für oder gegen die eigene Macht und die von ihr erhobenen Ansprüche?
Bei dieser Frage ging es nicht nur um die internationalen Konstellationen
im Allgemeinen, also die Veränderung von Bündnissystemen oder sich
abzeichnende Koalitionen, sondern auch um die Entwicklung der eigenen
Ressourcen im Vergleich zu denen des Hauptkonkurrenten im Ringen um
Macht und Einfluss. Erwogen wurde, ob man der Profiteur einer ungestör­
ten Entwicklung sein würde - oder ob man eingreifen musste, um Nach­
teile zu vermeiden, und Eingreifen lief in der Regel darauf hinaus, dass man
Krieg führte. Die Spanier kamen gegen Ende des zwölfjährigen Waffenstill­
stands mit den Niederlanden zu dem Ergebnis, dass dessen Folgen für sie
unbefriedigend waren, weil er zu einer Verschlechterung der eigenen und
zu einer Verbesserung der niederländischen Position geführt hatte. Don
Carlos Coloma, einer der Kommandeure der spanischen Armee in Flan­
dern, formulierte das so: «Wenn die Holländer in nur zwölf Jahren des
Friedens all dies unternommen und erreicht haben, so ist leicht zu sehen,
wozu sie imstande sind, wenn wir ihnen noch mehr Zeit geben. [... ] Wird
der Waffenstillstand fortgesetzt, so sind wir dazu verurteilt, alle Übel eines
Friedens und zugleich alle Gefahren des Krieges zu erdulden.»102
Derartige Schlussfolgerungen aus der Analyse der internationalen
Lage waren indes keineswegs zwingend, und oft kamen die damit Befassten
zu entgegengesetzten Ergebnissen. Es handelte sich um Urteile, bei deren
Zustandekommen die Gewichtung einzelner Faktoren sowie die Grund­
einstellung des Beurteilenden eine große Rolle spielten: Wie man Risiken
einschätzte und gegen Chancen abwog, lag letzten Endes «im Auge des
Betrachters». In dieser Frage kamen sowohl spanische als auch französi­
sche Politiker mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen, und welches
davon sich durchsetzte und zur Leitlinie der Politik wurde, entschied sich
häufig in einem Machtkampf. Man kann es auch umgekehrt formulieren:
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 109

Bei den Machtkämpfen in den europäischen Metropolen ging es immer


auch um unterschiedliche Beurteilungen der politischen Konstellationen
auf dem Kontinent und die daraus zu ziehenden Konsequenzen.
Wenn diese diversen Aspekte gegeneinander abgewogen wurden, dürfte
das Okkasionelle häufig eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben - also
das unerwartete und an den Augenblick gebundene Eintreten von Gele­
genheiten, die, sofern energisch wahrgenommen, eine Veränderung der
Machtverhältnisse zu eigenen Gunsten versprachen. Solche Gelegenheiten
waren häufig jedoch trügerisch, und was auf den ersten Blick große Vorteile
verhieß, konnte sich schnell als das Gegenteil erweisen. Alles hing davon
ab, wie man die Lage im Allgemeinen beurteilte: Wer den großen Krieg
in Europa für unvermeidlich hielt, hatte eine stärkere Neigung, «günstige
Gelegenheiten» zu ergreifen und einen Krieg zu beginnen, als derjenige,
der von der Zwangsläufigkeit eines großen Krieges nicht überzeugt war
und in Betracht zog, dass man einen solchen Krieg auch verlieren konnte.
In der Regel bewegten sich diejenigen, die über die Entscheidungskompe­
tenz verfügten, irgendwo dazwischen: Sie wollten nicht auf die allererste
Gelegenheit hereinfallen, gingen aber durchaus davon aus, dass es günstige
Gelegenheiten gab, erfolgreich einzugreifen, beziehungsweise Situationen,
in denen man nicht länger zuwarten konnte, wenn man den Kampf um die
Macht nicht verheren wollte. In einer Ordnung, die Entscheidungskompe­
tenz bei wenigen zentrierte und überdies Macht- und adlige Statusfragen
unmittelbar miteinander verknüpfte, spielte der Charakter des jeweiligen
Herrschers und seiner Berater die ausschlaggebende Rolle.

Heinrich IV., um zum Jahr 1610 zurückzukommen, war einerseits ein kühl
kalkulierender Kopf, andererseits aber durchaus entscheidungsfreudig.103
Darin war er dem Schwedenkönig Gustav Adolf vergleichbar, der ebenfalls
viele Aspekte zu bedenken vermochte und doch in der Lage war, alles auf
eine Karte zu setzen, wenn er den Einsatz für lohnend hielt. Ein solcher Typ
von Politiker befand sich in Spanien nicht an den Schalthebeln der Macht.
In Frankreich hatte nach Heinrichs Ermordung mit der Königinwitwe
Maria de’Medici für einige Zeit ein Charaktertyp das Sagen, der gänzlich
andere Präferenzen hatte als Heinrich, der auch die Lage anders beurteilte
110 « I H R K E N N T N IC H T D IE FO L G E N EU R E S T U N S »

und eher am Status quo als an dessen Veränderung orientiert war. Insofern
kann man wohl sagen, der Attentäter Ravaillac habe entscheidend in den
Gang der europäischen Geschichte eingegriffen, als er Heinrich erstach. Er
hat wahrscheinlich verhindert, dass der große Krieg in Europa bereits 1610
oder 1611 begann. A uf den ersten Blick verhinderte Ravaillac den Krieg, tat­
sächlich aber hat er ihn lediglich verzögert. Vermutlich hat die Ermordung
Heinrichs IV. dazu geführt, dass der Krieg, als er dann tatsächlich losbrach,
sich sehr viel länger hinzog, als er gedauert hätte, wenn es 1610 zur Mäch­
tekonfrontation gekommen wäre. Es spricht vieles dafür, dass eine solche
Konfrontation sich wegen des gleichzeitigen Kriegseintritts sämtlicher
relevanter Großmächte explosionsartig entladen hätte und vergleichsweise
schnell auf dem Schlachtfeld entschieden worden wäre. Man kann das als
eine müßige kontrafaktische Spekulation über Geschichtsverläufe abtun,104
und doch handelt es sich dabei um die analytische Kehrseite der Theorien,
die mit der Unterscheidung von Anlass und Ursache arbeiten: Wo diese
erwägen, ob der Krieg unvermeidlich war und jeder beliebige Anlass zu sei­
nem Ausbruch hätte führen können oder ob es, wenn es diesen oder jenen
Anlass nicht gegeben hätte, auch nicht zum Krieg gekommen wäre, geht es
hier um die Frage, mit welchen politischen, gesellschaftlichen und nicht
zuletzt menschlichen Kosten der Krieg verbunden gewesen wäre, wenn es
sich von Anfang an um eine große Konfrontation gehandelt hätte und er
nicht erst schrittweise zu einem Krieg geworden wäre.
Durch den Tod Heinrichs IV. blieb der Jülicher Erbfolgekrieg räum­
lich wie zeitlich eng begrenzt. Er ist für die Vorgeschichte des Dreißigjähri­
gen Krieges vor allem deshalb von Interesse, weil er einen anderen Verlauf
nahm als der Konflikt zwischen Ständen und Landesherren in Böhmen.
Nach dem Tod Johann Wilhelms ergriffen Kurfürst Johann Sigismund von
Brandenburg und Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm die Initiative und ließen
durch entsprechend instruierte Vertrauensmänner von Jülich-Kleve-Berg
Besitz ergreifen. Dabei waren sie in einigen Teilen des Landes zunächst
erfolgreich, aber sobald sich ihre Aktionen überschnitten und die beiden
um Loyalität konkurrierten, rief das die Stände des Niederrheins auf den
Plan, die erklärten, sich vor einer abschließenden Entscheidung des Kaisers
keinem der beiden anschließen zu wollen. Damit war aus Sicht der Präten­
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg tu

denten eine dritte Partei im Spiel, denn sie sahen im Kaiser eher einen Kon­
kurrenten als eine neutrale Entscheidungsinstanz - zu Recht, wie sich im
weiteren Verlauf der Auseinandersetzung zeigen sollte.105
In dieser Situation ergriff Landgraf Moritz von Hessen-Kassel die
Initiative; er wollte verhindern, dass sich die protestantischen Mächte
gegenseitig blockierten, so dass am Schluss die katholische Seite obsiegte.
Moritz vermittelte ein Treffen beider Seiten in Dortmund, wo diese sich
im «Dortmunder Rezeß» vom 10. Juni 1609 auf eine vorläufige Teilung des
Landes verständigten: «Daß erstlich beyde Persohnen / biß zur fernem
gütlichen oder rechtlichen Austragh / sich jure familiaritatis, vnd als nahe
Verwandten vndt Bludtfreunden mit einander freundlich wollen begehen /
vndt wieder alle andere Anmassunge / zu erhaltung vnd defension der Lan­
den / zu sammen setzen So gelang es, den Widerstand der Stände
gegen die Inbesitznahme der Territorien zu überwinden und in Düssel­
dorf eine gemeinsame Regierung der beiden «Possedierenden», wie sie
sich fortan bezeichneten, zu errichten. Dabei missachteten sie die kaiserli­
chen Mandate, die jede Inbesitznahme durch einen Erbprätendenten ver­
boten, bis der kaiserliche Reichshofrat in der Angelegenheit entschieden
hatte. Aus Sicht des Kaisers standen sie damit in offenem Aufruhr gegen
das Reich, während sie selbst argumentierten, der Reichshofrat sei in der
Angelegenheit gar nicht zuständig, sondern in einem solchen Fall könne
der Kaiser nur gemeinsam mit einer Versammlung der Standesgenossen
entscheiden. Insofern sei ihr Handeln nicht Aufruhr, sondern Widerstand
gegen Unrecht.107 Das war ein Legitimationsmuster, wie es im Verlauf des
Dreißigjährigen Krieges immer wieder auftauchte: der Vorwurf des Auf­
ruhrs und die dem entgegengesetzte Rechtfertigung, man leiste nur legiti­
men Widerstand.
Die kaiserliche Seite beließ es indes nicht bei bloßen Ankündigungen:
Erzherzog Leopold, Bischof von Passau und Straßburg, traf am 23. Juli in
der von einer kaisertreuen Garnison unter dem Amtmann Johann von Rau­
schenberg gehaltenen Festung Jülich ein und wurde dort umgehend zum
einzig legitimen Vertreter der Landesregierung erklärt. Damit veränderte
sich die Konstellation gravierend, denn Leopolds Erscheinen mobilisierte
nicht nur die katholischen Vertreter innerhalb der Stände, sondern ließ
112 « I H R K E N N T N IC H T D IE FO L G E N EU R E S T U N S »

auch die beiden «Possedierenden» wieder auf Distanz zueinander gehen:


Während Kurbrandenburg offen gegen den Kaiser opponierte, betrieb
Wolfgang Wilhelm, der ja zuvor bereits bei den katholischen Mächten son­
diert hatte, inwieweit sie seine Ansprüche unterstützen würden, eine Poli­
tik des Lavierens. Da er mit Geldmitteln sehr viel besser ausgestattet war als
die chronisch klammen Vertreter Kurbrandenburgs, neigte die Waage sich
zu seinen Gunsten. Das wiederum rief Christian von Anhalt und Landgraf
Moritz auf den Plan, die der Loyalität des Pfalzgrafen gegenüber der Union
misstrauten, dazu die nördlichen Niederlande, die seit längerem schon in
einer festen Verbindung zu Kurbrandenburg standen. Auch König Jakob I.
von England plädierte dafür, dass Jülich-Kleve-Berg von einer wirklichen
Macht regiert werden solle und nicht von einem kleinen Fürsten wie dem
von Pfalz-Neuburg, der, da notorisch von der Unterstützung anderer
abhängig, ein Element der Instabilität in diesen politisch sensiblen Raum
bringen werde.108 So blieb Kurbrandenburg im Spiel, obwohl es selbst nur
einen bescheidenen Einsatz aufbrachte. Das lag weniger an seinem gerin­
gen Interesse an den Besitzungen am Niederrhein als vielmehr an dem
Umstand, dass Johann Sigismund zu dieser Zeit seine Aufmerksamkeit und
die Ressourcen seines Staates auf das ihm als Lehen der polnischen Krone
überlassene Preußen konzentrieren musste.
Zwischenzeitlich hatte sich freilich gezeigt, dass das Eingreifen Erzher­
zog Leopolds überstürzt erfolgt war und keinem rechten Plan folgte; seine
Bemühungen, von Erzherzog Albrecht in Brüssel und von Spanien militä­
rische Unterstützung zu bekommen, schlugen fehl, da die spanische Politik
zu diesem Zeitpunkt jeden neuerlichen Krieg in Nordwesteuropa vermei­
den wollte. Darauf aber wäre eine militärische Parteinahme für Leopold
hinausgelaufen, nachdem sich Heinrich IV. auf die Seite Brandenburgs
gestellt hatte. Als auch eine Versammlung der kaisertreuen Fürsten in Prag
ohne Ergebnis blieb, gab Leopold die Jülicher Angelegenheit verloren und
verließ den Niederrhein. Die in der Festung Jülich verbliebenen Soldaten
mussten ebenfalls einlenken: Der vereinigten Streitmacht der Possedieren­
den, der sie unterstützenden Union, den nach dem Tod Heinrichs IV. dann
doch in Marsch gesetzten französischen Truppen (die zahlenmäßig freilich
erheblich kleiner waren als die vom König zugesagten Kontingente) sowie
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 113

einer Armee der nördlichen Niederlande und einer Hilfstruppe Jakobs I.


waren die Soldaten des Amtmanns Rauschenberg nicht gewachsen - nach
einer Belagerung von knapp einem Monat übergaben sie die Festung.109
Damit endete die erste Etappe des Jülicher Erbfolgekriegs zugunsten Bran­
denburgs und Neuburgs, die entsprechend den Festlegungen des Dort­
munder Vertrags das Land zunächst gemeinsam verwalteten.

Für Christian von Anhalt war das ein großer Erfolg der protestantischen
Aktionspartei: A uf dem Unionstag in Schwäbisch Hall hatten sich die ver­
sammelten Fürsten und Städte nach anfänglichem Zögern entschlossen, die
Possedierenden zu unterstützen, und damit faktisch offensiv agiert; außer­
dem hatten die oberdeutschen Unionsmitglieder, als Erzherzog Leopold in
seinen Bistümern Passau und Straßburg mit Truppenwerbungen begann
und mehrere Regimenter Fußsoldaten sowie berittene Einheiten aufstellen
ließ, diese blockiert und am Durchzug in Richtung Niederrhein gehindert,
so dass sie den bedrängten Verteidigern Jülichs nicht zu Hilfe kommen
konnten; schließlich waren Truppen der Union in Straßburger Gebiet ein­
gefallen und hatten das dort bereitgestellte Militär Leopolds «zerstreut»
- bei alldem hatte auf Seiten der Protestanten Kursachsen kaum eine Rolle
gespielt. Währenddessen hatte die katholische Liga dem Scheitern Erz­
herzog Leopolds am Niederrhein tatenlos zugesehen und darauf verzich­
tet, militärisch einzugreifen.110 Es dürften nicht zuletzt diese Erfolge im
Jülicher Erbfolgekrieg gewesen sein, die Christian acht Jahre später davon
überzeugt sein ließen, dass die Union beim böhmischen Ständeaufstand
gegen Habsburg zu einer ähnlich geschlossenen Politik und einer ebenso
wirkungsvollen Unterstützung der protestantischen Sache fähig sein werde.
Das war ein Irrtum mit weitreichenden Folgen.
Bereits damals gab es Anzeichen dafür, dass die Union zu einer offen­
siven Politik, wie sie Christian vorschwebte, ungeeignet war und dass bei
riskanteren Entscheidungen eine größere Zahl von Bündnispartnern für
strikte Zurückhaltung eintreten würde. Das zeigte sich auf dem Unionstag
von Heilbronn, der ein halbes Jahr nach den Beschlüssen von Schwäbisch
Hall ein ganz anderes Gesicht der Union zeigte. Als die Versammlung am
29. Juni 1610 eröffnet wurde, hatte die Belagerung Jülichs noch nicht begon­
114 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

nen, und es war nicht absehbar, wie sich die Lage am Niederrhein entwi­
ckeln würde. Stattdessen kam aus Prag die Nachricht, der Kaiser wolle in
Übereinstimmung mit den katholischen und den von Sachsen angeführten
konservativen protestantischen Ständen die Unierten zu Landfriedensbre­
chern erklären und bestrafen. Sosehr man sich in der Jülicher Angelegen­
heit im Recht sah, so unsicher waren sich nun viele wegen des offensiven
Vorgehens auf Straßburger Gebiet. Einige machten geltend, derlei sei durch
die Beschlüsse von Schwäbisch Hall nicht gedeckt; es handele sich dabei
um die Aktionen einiger Fürsten, bei der man die Städte nicht gefragt
habe, weswegen sie für die entstandenen Kosten nicht aufkommen wür­
den.111 Neben den unterschiedlichen Sichtweisen der Reformierten und
der Lutheraner trat damit der alte Gegensatz zwischen Städten und Fürs­
ten hervor, und die Städte wehrten sich gegen eine Entwicklung der Union,
bei der sie für die Kosten dessen aufkommen mussten, worüber die Fürsten
allein entschieden hatten. Die Städte befanden sich bei diesem Konflikt in
einer starken Position, denn die Fürsten waren auf ihr Geld angewiesen:
Die finanziellen Mittel der Städte machten sie von den Steuerbewilligun­
gen ihrer Landstände unabhängig und verschafften ihnen einen politischen
Spielraum, den sie sonst nicht gehabt hätten. Das wussten die Reichsstädte
und spielten ihre Karten dementsprechend aus. Die Versammlung in Heil­
bronn zeigte, dass die Union alles andere als eine geschmeidige Waffe in der
Hand der kurpfälzischen Politik war.
Tatsächlich war der Jülicher Erfolg der Union mit einem Zurückwei­
chen in drei anderen Fragen verbunden: erstens dem am 6. September in
Willstätt Unterzeichneten Vergleich mit dem Stift Straßburg, wonach die
Union unverzüglich ihre Truppen aus Straßburger Gebiet abzog und im
Gegenzug die dort für Leopold geworbenen Truppen entlassen wurden.
Zweitens verzichtete man auf ein offensives Vorgehen gegen Herzog Maxi­
milian, durch das dieser gezwungen werden sollte, die ursprünglichen Ver­
hältnisse in Donauwörth wiederherzustellen. Dieser Verzicht wiederum
war, drittens, die Voraussetzung dafür, dass man sich mit Maximilian darauf
verständigen konnte, dass beide Seiten, Union und Liga, abrüsteten und
bis zum 15. November 1610 das angeworbene Militär wieder abdankten.
So entledigte sich die Union der «Unternehmungen, die ihr zu schwer zu
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-KIeve-Berg US

werden begannen»112. Nur weil der Erfolg im Jülicher Erbfolgekrieg dieses


Zurückweichen in anderen Fragen überstrahlte, konnten die Vertreter der
protestantischen Aktionspartei glauben, mit der Union lasse sich offensive
Politik betreiben. Der Ausnahmefall Jülich täuschte über die tiefen Gegen­
sätze innerhalb der Union hinweg, die in Heilbronn für den, der sie sehen
wollte, gut erkennbar geworden waren. Die Union funktionierte nur, wenn
die Interessen all ihrer Mitglieder verletzt wurden. Wer dieses Bündnis
offensiv einsetzen wollte, musste es zwangsläufig zerstören. Andererseits
zeigte sich in dem Übereinkommen zwischen Union und Liga aber auch,
dass der Vorrat an Verständigungswillen und Kompromissbereitschaft
noch nicht aufgebraucht war und man Übereinkünfte treffen konnte, die
den Frieden bewahrten.

Derweil hatte sich die gemeinsame Regierung von Jülich-Kleve-Berg als


schwieriger erwiesen denn erwartet; eine Schlüsselrolle kam dabei einmal
mehr konfessionellen Fragen zu. Im Herzogtum bestanden, wie erwähnt,113
katholische, lutherische und reformierte Gemeinden nebeneinander, was
diese aber nicht als Vorzug gegenüber monokonfessionellen Territorien
begriffen. Vielmehr versuchten sie, den Machtwechsel in Düsseldorf dafür
zu nutzen, die eigene Position zu verbessern und die der anderen zu ver­
schlechtern. Die brandenburgische Verwaltung begünstigte die refor­
mierten Gemeinden, während Wolfgang Wilhelm den Vorgaben seines
Herkunftsgebiets entsprechend - sein Vater Philipp Ludwig war einer der
großen lutherischen Landesfürsten - das Luthertum unterstützte und dafür
sorgte, dass das Augsburger Bekenntnis in den lutherischen Gemeinden
von einer dezidiert anticalvinischen Abendmahlspraxis und Gnadentheo­
logie begleitet wurde. Durch den Einbezug altkirchlicher Elemente wurde
vielen Katholiken der Übertritt ins Luthertum erleichtert.114
Der sich anbahnende Konflikt zwischen den beiden Possedierenden
hätte sich noch weiter verschärft, wenn nicht der Kaiser erneut eingegrif­
fen und das sächsische Fürstengeschlecht der Wettiner ins Spiel gebracht
hätte. Die sächsischen Ansprüche hatten früher schon einmal eine Rolle
gespielt, wurden am Prager H of aber nicht weiter verfolgt, solange Aussicht
auf eine katholische Lösung mit Erzherzog Leopold an der Spitze bestand.
116 « I H R K E N N T N IC H T D IE FO L G E N E U R E S T U N S »

Mit Leopolds kläglichem Scheitern hatte sich das geändert, und das kai­
sertreue und reichskonservative Sachsen erschien aus habsburgischer Sicht
nun als optimale Lösung. Kurfürst Christian II. von Sachsen erklärte sich
bereit, zwei der auf Straßburger Gebiet geworbenen Infanterieregimenter
in Sold zu nehmen und sie durch eigene Kavallerie zu verstärken, um die
beanspruchten Gebiete zu besetzen. Doch das von den rheinischen Erz­
bischöfen verfolgte Projekt, das lutherische Sachsen in die katholische
Liga aufzunehmen und dessen Ressourcen für militärische Operationen
am Niederrhein zu nutzen, scheiterte am Widerstand des Bayernherzogs
Maximilian, der die Liga als Bündnis unter seiner Führung erhalten wissen
wollte; an ihrer Umwandlung in eine Exekutionsmacht kaiserlicher Ent­
scheidungen war er nicht interessiert - er wäre der Verlierer einer solchen
Bündnistransformation gewesen. Damit war klar, dass Sachsen für die Kos­
ten eines Gebietsgewinns am Niederrhein selbst würde aufkommen müs­
sen, und das dämpfte angesichts der leeren Staatskasse den zeitweiligen
Enthusiasmus der Dresdner Politik.
Das sächsische Intermezzo blieb am Niederrhein nicht ohne Folgen,
machte es den beiden Possedierenden doch klar, wie prekär ihre Stellung
war, nachdem sich die Union als Unterstützungsmacht zurückgezogen
hatte und mit Frankreich unter der Regentschaft Maria de’Medicis nicht
länger zu rechnen war. Unter diesen Umständen gab es für Kurbranden­
burg und Pfalz-Neuburg prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder man
reaktivierte die alten Verbündeten beziehungsweise suchte neue Unter­
stützer - oder aber man ließ sich auf einen Kompromiss ein, in den alle in
die Jülicher Angelegenheit involvierten Akteure des Reichs eingeschlossen
waren. Zunächst versuchte man es mit der letztgenannten Möglichkeit; das
Ergebnis war der am 31. März 1611 zwischen Brandenburg, Pfalz-Neuburg
und Sachsen geschlossene Jüterboger Vertrag, der eher auf einen For­
melkompromiss als auf eine politisch handhabbare Übereinkunft hinaus­
lief. Moriz Ritter hat ihn so zusammengefasst: «Hier suchte man in der
zunächst drängenden Frage des Besitzes der Jülicher Lande alle Teile zu
befriedigen: Brandenburg und Neuburg, indem man sie in ihrem Besitze
beließ, Sachsen, indem man es unter gewissen Voraussetzungen in den
ungeteilten Mitbesitz aufnehmen wollte, den Kaiser, indem man ihm die
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg 117

Bestätigung dieser Anordnung zuerkannte. In ähnlicher Weise regelte man


die Frage der schließlichen Rechtsentscheidung: als Richter erkannte man
den Kaiser an, aber als Beisitzer sollte er in diesem Fall sich sechs zwischen
Sachsen, Brandenburg und Neuburg zu vereinbarende Fürsten gefallen las­
sen. » 115

Dass es überhaupt zu diesem Vertrag kam, zeigt einmal mehr, wie


gering der Rriegswille bei den Beteiligten war: Was man hier verhandelt
hatte, war eine «Übereinkunft um jeden Preis». Dass der Vertrag dann
doch nicht umgesetzt wurde, lag zunächst an Johann Sigismunds Gemah­
lin Anna, die als Enkelin Herzog Wilhelms V. und Nichte des kinderlos
verstorbenen Johann Wilhelm Trägerin der Erbansprüche war; gegen ihren
Willen konnte und wollte der Kurfürst sich nicht durchsetzen. Da brachte
der andere Possedierende, der Neuburger Wolfgang Wilhelm, wieder
Bewegung in die Angelegenheit, indem er auf Brautsuche ging. Zwischen
Brandenburg und Bayern hin- und herpendelnd, sondierte er mögliche
Eheschließungen, bei denen ihn vor allem die politischen Konsequenzen
interessierten: Eine Ehe mit der Tochter des brandenburgischen Kurfürs­
ten hätte den Konflikt unter den Possedierenden entschärft; die Eheschlie­
ßung mit der Schwester des bayerischen Herzogs würde ihm dagegen einen
wichtigen Verbündeten im Ringen um die Macht am Niederrhein einbrin-
gen. Wolfgang Wilhelm entschied sich für Letzteres und erfüllte auch die
Bedingung, die Maximilian ihm als Hürde für das Bündnis vorgegeben
hatte: Er konvertierte zum Katholizismus, zunächst nur heimlich, um die
Nachfolge als Herzog von Pfalz-Neuburg nicht zu gefährden,116 später auch
öffentlich.
Fast zeitgleich, am 13. Dezember 1613, erklärte der Brandenburger
Johann Sigismund seinen Übertritt zum reformierten Bekenntnis, verzich­
tete aber darauf, dies mit einer Inanspruchnahme des ius reformandi, also
einer Zwangskonversion der Bevölkerung in seinen Herrschaftsgebieten,
zu verbinden. Dafür hingen in Brandenburg die Landstände und die Geist­
lichkeit zu stark dem Luthertum an, zumal auch in der kurfürstlichen Fami­
lie einige am lutherischen Bekenntnis festhielten. In Preußen hatte der Kur­
fürst gegenüber dem polnischen Lehnsherrn zusichern müssen, die freie
Ausübung des katholischen Bekenntnisses in keiner Weise einzuschränken.
n8 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

Darüber hinaus hatte er den preußischen Landständen zugesagt, keine vom


Augsburger Bekenntnis abweichende protestantische Religionsausübung
zuzulassen. Kurbrandenburg hätte damit zu einem Vorbild dafür werden
können, wie die gefährliche Verknüpfung von Politik und Konfession auf­
zulösen war. Doch vor dem Dreißigjährigen Krieg sah man darin eher einen
Ausnahme- und Sonderfall als ein Vorbild für den Umgang mit konfessio­
nellen Konflikten.
Durch die Konfessionswechsel Wolfgang Wilhelms und Johann Sigis­
munds hatten sich die politisch-militärischen Bündnisoptionen am Nie­
derrhein verändert: Der Madrider H of ebenso wie Erzherzog Albrecht
in Brüssel gaben nun ihre zurückhaltende Einstellung auf, unterstützten
den in Düsseldorf residierenden Neuburger mit einer Jahrespension von
12 ooo Gulden und gaben Ambrosio Spinola, dem Kommandeur des spa­
nischen Militärs in den südlichen Niederlanden, den Auftrag, im Fall eines
brandenburgischen Angriffs auf den Jülicher Besitz des Pfalzgrafen diesem
mit seiner gesamten Heeresmacht zu Hilfe zu kommen. Der Übertritt des
Brandenburger Kurfürsten zum Calvinismus hatte die vorherige Lagebeur­
teilung geändert: Ein Lutheraner wurde nicht eo ipso als ein Verbündeter
der nördlichen Niederlande angesehen - ein Calvinist schon. Und umge­
kehrt sagte Prinz Moritz von Oranien, der die Streitkräfte der nördlichen
Niederlande kommandierte, Kurprinz Georg Wilhelm von Brandenburg,
der zwischenzeitlich die Verwaltung der brandenburgischen Territorien
am Niederrhein übernommen hatte, jede mögliche Hilfe zu. Konfessio­
nelle Konflikte innerhalb der Aachener Bürgerschaft, Kontroversen um
die kommerziellen Rechte der Kölner Kaufleute und die handstreichartige
Ersetzung des neuburgischen Truppenteils in der Festung Jülich durch eine
Einheit der nördlichen Niederlande führten schließlich zum Einmarsch der
flandrischen Armee unter Spinola - und kurz darauf zur Gegenintervention
der Generalstaaten unter Moritz von Oranien. Aber beide Seiten operier­
ten vorsichtig und beschränkten sich darauf, einige Festungen unter ihre
Kontrolle zu bringen. Während die Spanier Wesel besetzten, sicherten sich
die Niederländer neben Jülich noch Emmerich und Rees; da keine der bei­
den Seiten den Waffenstillstand von 1609 sprengen wollte, einigte man sich
im Vertrag von Xanten auf die Festschreibung des Status quo: Kurbranden-
Einige Schlussfolgerungen für die Darstellung des Krieges 119

bürg wurde Kleve-Mark zugesprochen, Pfalz-Neuburg Jülich-Berg, und so


wurde aus dem bisherigen Provisorium eine Dauerlösung, bei der Sachsen,
Burgau und Pfalz-Zweibrücken leer ausgingen. Die fremden Truppen, so
die Vereinbarung, sollten abziehen, was sie jedoch nicht taten. Die Spanier
blieben in Wesel und die Holländer in Jülich; beide Seiten benutzten die
Festungen als militärisches Glacis für das mit dem Auslaufen des Waffen­
stillstands in den Niederlanden erwartete Wiederaufleben des Krieges."7
Dieser Vorteile wegen hatte man sie ja schließlich besetzt.

Einige Schlussfolgerungen
für die Darstellung des Krieges

Der Verlauf der Erbfolgestreitigkeiten um Jülich-Kleve-Berg und die zwei­


malige Eskalation ist für die Debatte über Anfänge und Ursprünge des
Dreißigjährigen Krieges in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zum
einen zeigt sich darin wie in einem Brennglas die Fülle der Konflikte, die,
sobald sie sich überlappten, das Potenzial hatten, zum Krieg zu werden; es
waren dies Erbfälle und unklare Nachfolgeregelungen, Bekenntnisfragen in
gemischtkonfessionellen Gebieten und Konfessionswechsel von Landes­
herren sowie deren Suche nach mächtigen Verbündeten, bei der schnell die
Grenzen des Reichs überschritten und die Konflikte «internationalisiert»
wurden. Aus einem im Modus von Rechtsansprüchen ausgetragenen Kon­
flikt im Reich - bevorzugt war von Aufruhr und Landfriedensbruch, aber
auch von Widerstand gegen Unrecht und Wiederherstellung des Rechtszu­
stands die Rede - 118 wurde so Krieg im genuinen Sinn.
Andererseits wird im Konfliktverlauf am Niederrhein deutlich, dass es
eine Reihe von Mechanismen gab, Konflikte zu begrenzen, Übereinkünfte
zu finden und Eskalationsdynamiken aufzuhalten, die in der böhmischen
Krise von 1618 hätten genutzt werden können. Der Verlauf der Auseinan­
dersetzungen um Jülich-Kleve-Berg zeigt, dass der Krieg keineswegs unver­
meidlich war und es nur eines «Anlasses» bedurfte, um ihn in Gang zu
setzen, wie dies eine Ex-post-Betrachtung nahezulegen scheint. Hätte sich
120 « I H R K E N N T N IC H T D IE F O L G E N E U R E S T U N S »

in Spanien 1617/18 nicht die ökonomische Lagebeurteilung geändert/19


dann hätte Ferdinand im Konflikt mit den Böhmen ohne Geld und ohne
Truppen dagestanden, und unter diesen Umständen hätte er sich wohl
auf Verhandlungen mit den böhmischen Ständen einlassen müssen, wie
das vor ihm die Kaiser Rudolf und Matthias getan haben. Der böhmische
Konflikt hätte dann einen Verlauf nehmen können, der dem des Jülicher
Erbfolgestreits ähnlich gewesen wäre. Festzuhalten ist aber auch: Flätte der
Fanatiker Ravaillac Fleinrich IV. nicht erstochen, dann hätte sich der Jüli­
cher Erbfolgestreit ganz anders entwickelt und vermutlich einen großen
Krieg in Europa ausgelöst, in dem es um den Hegemonialkonflikt zwischen
Spanien und Frankreich gegangen wäre. So stehen beide Sichtweisen, die
der Zwangsläufigkeit des Krieges und die seiner Kontingenz, nebeneinan­
der, und es ist kaum möglich zu begründen, warum die eine der anderen
überlegen sein soll.
Die Grundannahme einer Determiniertheit des politischen Gesche­
hens relativiert die Bedeutung von Entscheidungen ebenso sehr wie die
Grundannahme einer weitgehenden Geschehenskontingenz. Das aber ist
es, was für den heutigen Leser jenseits gepflegter Unterhaltung mit histo­
rischen Themen oder einfühlsamer Anteilnahme am Leid der Bevölkerung
den Dreißigjährigen Krieg interessant und lehrreich macht: die Beschäf­
tigung mit Entscheidungen beziehungsweise Nicht-Entscheidungen und
deren mittel- und langfristigen Folgen. Wenn richtig ist, was im Schlusska­
pitel des Buches ausführlicher behandelt wird, dass nämlich der Dreißig­
jährige Krieg sehr viel stärker als die Kriege des 18. bis 20. Jahrhunderts zum
Analysemodell für die religiös grundierten und konfessionellen Kriege
unserer Gegenwart geeignet ist, dann ist die Auseinandersetzung mit ihm
sowie mit seiner Vor- und Nachgeschichte eine Schulung der politischen
Urteilskraft.
2 . KAPITEL
E IN A U F S T A N D , D E R DAS R E I C H
ERSCH Ü TTERT: DER BÖ H M ISCH ­
PFÄLZISCH E K R IEG

Auf Bündnissuche

er böhmisch-pfälzische Krieg kam nur zögerlich in Gang. Zum einen


hatten die beiden Konfliktparteien keine Streitkräfte zur Hand, mit
denen sie sogleich hätten losschlagen können; zum anderen waren sie
zunächst damit beschäftigt, die Verhältnisse im Innern ihrer Herrschaft zu
konsolidieren und potenzielle Gegner des Waffengangs auszuschalten. Vor
allem aber ging es über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr darum,
Verbündete und Unterstützungsmächte zu finden und dabei die für den
Krieg erforderlichen Ressourcen zu sammeln. Das kostete Zeit, nicht nur
wegen der schwierigen Entscheidungsprozesse bei den um Hilfe Gebete­
nen, sondern auch wegen der Langsamkeit der Kommunikationswege, die
in der Regel der Reisedauer der Gesandten entsprach. Bis zum Sommer
1620 gab es lediglich sporadische Kampfhandlungen, die jedoch nur dem
gegenseitigen Abtasten der Heere und der Demonstration militärischer
Handlungsfähigkeit dienten.
Die innere Machtkonsolidierung auf Seiten der Habsburger begann
mit dem Sturz des Kardinals Klesl, der unter Kaiser Matthias die Staats­
geschäfte geleitet hatte. Klesl wollte die Böhmen durch scharfe Mandate
in die Schranken weisen, setzte ansonsten aber auf Verhandlungen und
unternahm keine energischen Anstrengungen, um Streitkräfte aufzustel­
122 E IN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

len, mit denen man eine militärische Entscheidung hätte suchen können.1
Dazu hätte er sich freilich auch an die Stände der österreichischen Erb­
lande wenden müssen, die aufgrund ihrer Sympathien für den böhmischen
Ständeaufstand nicht bereit waren, ein kaiserliches Heer für den Feldzug
gegen die Böhmen zu finanzieren. Das Geld für die Kriegführung musste
anderweitig beschafft werden. Obendrein war der schwerkranke Kaiser
weder willens noch in der Lage, einen Unterwerfungskrieg gegen die Böh­
men zu führen. Die Verhaftung Klesls, die von den Erzherzogen Ferdinand
und Maximilian angeordnet wurde, und seine anschließende Deportie­
rung nach Tirol zielten deshalb vor allem auf Kaiser Matthias, dem damit
sein politisches Ausführungsinstrument aus der Hand geschlagen wurde.
Als Ferdinand und Maximilian an Matthias’ Krankenbett traten, um dem
Noch-Kaiser von Klesls Verhaftung zu berichten, wurde dieser «erst von
Grimm, dann von Angst erfaßt, um sich schließlich ins Unvermeidliche zu
schicken»2. Es ist also durchaus zutreffend, wenn die Verhaftung Klesls als
«Staatsstreich» (oder «Hausstreich») bezeichnet wird,3 durch den der
Kaiser entmachtet und Erzherzog Ferdinand zur entscheidenden Person
in Wien wurde.
Die Machtverteilung in Wien wurde neu geordnet, aber das wäre kaum
ohne die Einwilligung der spanischen Linie möglich gewesen. Graf Onate,
der Madrider Botschafter am Kaiserhof, scheint von Anfang an in den Coup
d’Etat der beiden Erzherzoge eingeweiht gewesen zu sein, und vermutlich
war er bei der Vorbereitung der Aktion sogar die treibende Kraft im Hin­
tergrund. In Madrid war man zuvor nämlich zu dem Ergebnis gekommen,
dass die Gesamtinteressen des Hauses Habsburg großen Schaden nehmen
würden, wenn man die rebellischen Böhmen gewähren lasse und nicht mit
aller Entschiedenheit gegen sie vorgehe. Da solches mit Kaiser Matthias
nicht möglich war, musste man dem Schwerkranken seine rechte Hand
nehmen, um das aus spanischer Sicht erforderliche militärische Vorgehen
gegen die Böhmen durchsetzen zu können.
Dabei hatte ausgerechnet Klesl in einer Denkschrift, die er kurz
nach Eintreffen der Nachricht vom Prager Fenstersturz verfasst hatte, die
Grundlinien dieser neuen Politik entwickelt. Die eigentliche Ursache
des Aufstands, so schrieb er darin, sei in der protestantischen Ketzerei zu
Auf Bündnissuche 123

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Der Schlachtenmaler Friedrich Wilhelm (Fritz) L’A llemand (1812 bis


1866) hat in seinem Aquarell «D as Heer sammelt sich vor der Hofburg in
Wien und ruft nach <Nandl> [Erzherzog Ferdinand]» dem Kriegsbeginn
einen markant heroischen Anfang verliehen: Eine Kürassiereinheit
ist vor die Hofburg geritten und ruft nach ihrem Oberbefehlshaber -
unübersehbar eine Rückprojektion der bellizistischen Vorstellungswelt
des 19. Jahrhunderts in die Anfänge des Dreißigjährigen Krieges. Offenbar
handelt es sich bei der Szene um die Ankunft der Dampierre’schen
Kürassiere am 11. Juni 1619, durch die Erzherzog Ferdinand aus der
Bedrängnis durch die Landstände befreit wurde.

suchen, die ihrer Natur nach zu Unzufriedenheit und Empörung führe.4


Das eigentliche Ziel des Aufstands sei die Regierungsübernahme durch die
protestantischen Stände, die Bildung einer Konföderation aus allen habs­
burgischen Erblanden und folglich die Unterdrückung des Landesherrn
124 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

und der Katholiken. Es bleibe dem Kaiser darum gar nichts anderes übrig,
als den Kampf gegen die Böhmen aufzunehmen und ihn mit äußerster Ent­
schlossenheit zu führen. In der offiziellen Begründung solle aber, so die
Denkschrift weiter, nicht der religiöse Streit, sondern die Verteidigung der
Rechte des Landesherrn herausgestellt werden. Nicht als Religionskonflikt,
sondern als Streit um die politische Ordnung und die Position des Lan­
desherrn solle dieser Krieg propagandistisch dargestellt werden. Was Klesl
unter allen Umständen vermeiden wollte, war eine Konfrontation der Kon­
fessionen, die dazu hätte führen können, dass sich die zerstrittenen Protes­
tanten zu einer geschlossenen Front formierten. Wenn es hingegen um die
Rechte des Landesherrn und die der Stände gehe, würden sich auch viele
protestantische Landesfürsten fragen, ob sie einen Aufstand unterstützen
sollten, der ihren Interessen eindeutig zuwiderlief.
Selbst Klesl hielt den Krieg inzwischen für unvermeidlich, aber er wollte
verhindern, dass er zu einer eskalierenden Konfrontation der Konfessionen
wurde; stattdessen setzte er auf eine sukzessive Ausschaltung der landstän­
dischen Gegner der habsburgischen Herrschaft. Klesl wollte vermeiden,
dass das angesammelte Pulver schlagartig explodierte, es sollte langsam
abbrennen. In diesem Sinne erging am 18. Juni eine kaiserliche Antwort auf
die böhmischen Beschwerden und die dort ergriffenen Maßnahmen, der
zufolge der Majestätsbrief von Seiten des Kaisers nicht verletzt worden
sei und über aufgekommene Missverständnisse eine noch einzusetzende
Kommission befinden werde. Alle von den Pragern vorgenommenen krie­
gerischen Maßnahmen, wie die Mobilisierung des Landesaufgebots und
zusätzliche Truppenwerbungen, seien sofort einzustellen; sie seien gegen
die Landesverfassung gerichtet und griffen in die Rechte des Landesfürsten
ein. Kennt man den Hintergrund des kaiserlichen Patents nicht, lässt sich
diese Antwort als Ausdruck von Verhandlungs- und Kompromissbereit­
schaft missverstehen; tatsächlich handelte es sich um ein politisches Strate­
gen! für den bevorstehenden Krieg, das die protestantische Unterstützung
für die Böhmen möglichst gering halten sollte. Faktisch ist die kaiserliche
Politik in ihrer offiziellen Selbstdarstellung bis zum Restitutionsedikt von
1629 diesen Vorgaben Klesls gefolgt.
Auf Bündnissuche US

Die habsburgische Strategie, den Streit mit den Böhmen als Verfassungs­
und nicht als Konfessionskonflikt darzustellen, zeigte bald Wirkung. Als
die böhmischen Stände auf der Suche nach Verbündeten bei der Union
und einer Reihe protestantischer Mächte außerhalb des Reichs um Unter­
stützung nachsuchten, wurden sie allenthalben abschlägig beschieden -
mit Ausnahme der Niederlande, bezeichnenderweise der einzigen Macht,
für die das Argument, die Rechte des Landesherrn seien in Gefahr, keine
Rolle spielte. Im Frühjahr 1619 beschloss man im Haag, den Böhmen
Hilfsgelder von 25 000 Talern pro Monat zu zahlen, zunächst freilich auf
drei Monate begrenzt und nur für den Fall, dass die Böhmen tatsächlich
Krieg führen und die Niederlande sich im Frieden befinden würden. Stellt
man dem allein die päpstlichen Subsidien gegenüber, die an Wien gezahlt
wurden - sie beliefen sich von Juli 1618 bis Ende 1620 auf eine Summe
von 304 000 Talern, hinzuzurechnen sind die im selben Zeitraum an die
Liga gezahlten 204 000 Taler - , 5 so zeigt sich darin der Erfolg von Klesls
Doppelstrategie, den Krieg als Verfassungskonflikt zu deklarieren und ihn
allenfalls verdeckt als Konfessionskrieg zu führen. Dem hatten die Böhmen
nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.
Innerhalb Böhmens war die Suche nach Verbündeten durchaus erfolg­
reich, aber auch hier nicht auf allen Ebenen gleichermaßen. Man ging kon­
sequent vor: Unmittelbar nach dem Fenstersturz wurde ein dreißigköpfiges
Direktorium eingesetzt, das Ständeheer wurde aufgeboten und unter den
Befehl des Grafen Thurn gestellt, des Weiteren wurden die Jesuiten aus
dem Land vertrieben und das Eigentum jener Adligen konfisziert, die als
Anhänger der Gegenreformation hervorgetreten waren. Man war bemüht,
die Kontrolle über das gesamte Land zu gewinnen, und dazu gehörte auch,
dass man gegen die Städte vorging, die sich dem Aufstand nicht angeschlos­
sen hatten. Vergleicht man indes die Entwicklung des Aufstands in Böhmen
mit der des Aufstands in den Niederlanden ein halbes Jahrhundert davor,
so fällt auf, dass der böhmische Aufstand überwiegend eine Angelegenheit
des Adels war und es nicht oder nur unzulänglich gelang, die Bauernschaft
auf dem Lande und die Bürger in den Städten für seine Ziele zu mobili­
sieren. In den Adelskreisen gab es eine ausgeprägte Neigung, die für den
Erfolg des Aufstands erforderlichen Anstrengungen zu unterschätzen, was
126 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

sich unter anderem darin zeigte, dass nur bescheidene finanzielle Mittel für
die Werbung von Söldnern und die Aufstellung eines schlagkräftigen Hee­
res bereitgestellt wurden .6 Offenbar gab man sich der Hoffnung hin, man
könne mit relativ geringem Aufwand erfolgreich sein.
Zur Selbsttäuschung der böhmischen Aufständischen über das Risiko,
das sie eingegangen waren, und die radikalen Maßnahmen, die vonnöten
waren, um den Aufstand zum Erfolg zu führen, trug auch bei, dass sie von
den Ständen der anderen habsburgischen Erblande Zuspruch und Unter­
stützung erfuhren. Im Oktober 1618 schlossen sich die Stände Schlesiens
dem böhmischen Aufstand an, und mit dem Tod von Kaiser Matthias am
20. März 1619 sahen sich auch die Stände Mährens sowie der Ober- und
Niederlausitz von ihren Loyalitätsverpflichtungen gegenüber dem Hause
Habsburg entbunden. Am 31. Juli 1619 schlossen sich die Böhmen, Mähren,
Schlesier und Lausitzer zur Confoederatio Bohemica zusammen, indem sie
sich eine aus hundert Artikeln bestehende libertäre und föderative Verfas­
sung gaben. Auch den ober- und niederösterreichischen Ständen wurde der
Beitritt zu dem «Staatenbund» angetragen, doch diese zögerten, den ent­
scheidenden Schritt in den Aufstand mitzumachen. Immerhin traten sie in
enge Beziehungen zur Böhmischen Konföderation und sagten ihr alle nur
denkbare Unterstützung zu.7 Von den habsburgischen Erblanden blieben
zunächst nur die Ungarn abseits und steuerten einen loyalistischen Kurs.
Für Ferdinand bedeutete das freilich keine nennenswerte Unterstützung,
da stets mit einem Einfall Bethlen Gabors, des Fürsten von Siebenbürgen,
nach Ungarn gerechnet werden musste, so dass die ungarischen Kräfte
im eigenen Land gebunden waren. Außerdem konnte die Stimmung in
Ungarn jederzeit Umschlagen, und die antihabsburgischen Kräfte konnten
die Oberhand gewinnen.
Ferdinand durfte nicht damit rechnen, in den habsburgischen Erblan­
den nennenswerte Kräfte mobilisieren zu können - weder in Gestalt von
Militäreinheiten, die man ihm zur Verfügung gestellt hätte, noch in Form
von Sondersteuern, die ihm von den Ständen bewilligt worden wären.
Unter diesen Umständen war er auf auswärtige Hilfe angewiesen. Das war
einer der Gründe dafür, warum der sich abzeichnende Krieg von den Habs­
burgern nicht als eine innerhalb ihrer Erblande zu erledigende Angelegen­
Auf Bündnissuche 127

heit behandelt wurde. Ferdinand, seit 1617 böhmischer König und gemäß
den hausinternen Absprachen der Casa d'Austria designierter Nachfolger
auf dem Kaiserthron, war also noch stärker als die Böhmen auf Unterstüt­
zung von außen angewiesen. Er erhielt sie, wie schon erwähnt, vom Papst,
weiterhin von einigen italienischen Mächten, unter anderem der Republik
Genua, die Subsidien zahlte, und dem Großherzog der Toskana, der Sol­
daten schickte,8 vor allem aber vom spanischen König, der in großem Stil
Finanzmittel zur Verfügung stellte und kriegserprobte Truppen in Marsch
setzte, und schließlich auch von der neuformierten katholischen Liga unter
Führung Herzog Maximilians. Doch die spanische und die bayerische
Hilfe hatte ihren Preis, und die Entrichtung dieses Preises lief auf eine Ent­
grenzung des Krieges hinaus. Auch wenn einige Historiker die erste Hälfte
des Krieges bis zum militärischen Eingreifen Schwedens als «deutschen
Krieg» bezeichnen und davon die zweite Hälfe als «europäischen Krieg»
absetzen,9 so war dieser Krieg doch von Anfang an ein europäischer Kon­
flikt: Dafür sorgten die Subsidien des Papstes an die Habsburger und die
der Holländer an die Böhmen, die Entsendung flandrisch-wallonischer
Truppen zugunsten des Kaisers sowie das Eingreifen des Siebenbürger
Woiwoden Bethlen Gabor und schließlich die zeitweilige Finanzierung
eines auf Seiten der Böhmen stehenden Söldnerverbands unter Ernst von
Mansfeld durch den savoyischen Herzog Karl Emanuel.
Dass Spanien den österreichischen Habsburgern zu Hilfe kommen
würde, stand trotz der Wiederannäherung beider Linien und des Onate-
Vertrags keineswegs von Anfang an fest. Spanien war, wie beschrieben, wirt­
schaftlich erschöpft und brauchte dringend eine längere Friedensperiode.10
Der Herzog von Lerma, der bis Oktober 1618 die spanische Politik leitete,
plädierte dafür, auf Matthias und Ferdinand besänftigend einzuwirken
und ihnen nahezulegen, den böhmischen Forderungen entgegenzukom­
men.11 Bei den am 14. Juli 1618 geführten Beratungen im Staatsrat bot er
100 000 Dukaten an, die mit dem Hinweis zu versehen seien, das sei das
Letzte und Äußerste, was Spanien erübrigen könne. Dagegen bestanden Bal­
thasar de Züniga und der Herzog von Infantado darauf, dass Kaiser Matthias
und König Ferdinand unverzüglich 200 000 Dukaten zur Verfügung gestellt
würden und man darüber hinaus bereit sein müsse, diese Summe noch ein­
128 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

mal deutlich zu erhöhen, falls die Niederlande auf Seiten der Böhmen in den
Konflikt eingriffen. Dann werde man auch nicht umhinkönnen, Wien mit
Truppen zu Hilfe zu kommen, indes nicht mit Einheiten aus Italien, wie es
Graf Onate vorgeschlagen hatte, sondern mit Truppen aus Flandern und der
Wallonie, die Erzherzog Albrecht, Statthalter der südlichen Niederlande, in
seiner Eigenschaft als Reichsstand nach Böhmen entsenden solle.
Züniga, der lange die spanischen Interessen am Kaiserhof vertreten
hatte und mit den Verhältnissen im Reich gut vertraut war, wusste um die
dort grassierenden antispanischen und antiitalienischen Affekte, die er
nicht unnötig mobilisieren wollte.12 Lerma dagegen fürchtete, weitgehende
Zusagen an die österreichischen Habsburger würden diese dazu verleiten,
einen Krieg zu beginnen, den am Ende Madrid finanzieren müsse. Die
anschließend getroffene Entscheidung war ein Kompromiss: Man über­
wies 200 ooo Dukaten sofort und stellte weitere Gelder in Aussicht, wies
Graf Onate aber an, auf die Wiener Politik im Sinne eines Ausgleichs mit
den Böhmen einzuwirken. Dem konnte auch Züniga zustimmen, denn er
wollte kriegerische Auseinandersetzungen vermeiden, bis die Wahl des
neuen Kaisers erfolgt war.
Für die spanische Unterstützung war ausschlaggebend, dass Züniga
nach Lermas Sturz seit Oktober 1618 die Außenpolitik Madrids bestimmte;
zusammen mit Graf Onate steuerte er einen Kurs, der auf eine immer stär­
kere Unterstützung Wiens hinauslief. Bis Juli 1619 hatte Spanien bereits
3,4 Millionen Taler an die österreichischen Habsburger gezahlt; Ende 1624
summierten sich diese Hilfsgelder auf sechs Millionen Taler. Des Weite­
ren waren im März 1621 etwa 40 000 von Spanien finanzierte Soldaten aus
den südlichen Niederlanden an Orten im Einsatz, an denen sie direkt oder
indirekt zur Durchsetzung der Wiener Politik dienten.13 Auch unter Züniga
hatte sich Spanien nicht in diese Rolle hineingedrängt, sondern man hatte
zunächst auf die Wiederherstellung der katholischen Liga im Reich gesetzt,
die den Habsburgern zu Hilfe kommen sollte. Graf Onate hatte sich
mehrfach an Herzog Maximilian gewandt, damit dieser die Initiative zur
Erneuerung der Liga ergriff, war damit aber über lange Zeit nicht durchge­
drungen. Währenddessen verschlechterte sich die Lage für die Habsburger
zusehends. Unter diesen Umständen entschloss sich Züniga, die spanische
Auf Bündnissuche 119

Politik grundsätzlich zu verändern: Er gab die von Lerma verfolgten mittel-


meerischen Zielsetzungen auf, um sämtliche Ressourcen des Imperiums in
den Krieg im Reich werfen zu können. Aus Zünigas Sicht war das kein Akt
der Selbstlosigkeit oder gar Selbstaufopferung, sondern ein Kampf um die
Stellung Spaniens in Europa: Würden die österreichischen Habsburger in
Böhmen unterliegen, wären auch die südlichen Niederlande nicht mehr zu
halten und Spanien würde über kurz oder lang aus Mittel- und Westeuropa
herausgedrängt. Zunächst waren Züniga jedoch die Hände gebunden, denn
vor der Wahl Ferdinands zum Kaiser, so seine Überzeugung, konnte ein gar
zu sichtbares spanisches Agieren dazu führen, dass die Wahl scheiterte und
das Haus Habsburg den Zugriff auf die Kaiserkrone verlor.14 Diese Konstel­
lation war dafür verantwortlich, dass der Krieg nur langsam in Gang kam,
als wüssten die Konfliktparteien noch nicht, ob sie wirklich Krieg führen
oder doch noch versuchen wollten, auf dem Verhandlungsweg eine Über­
einkunft zu finden.
Herzog Maximilian von Bayern hatte sich lange bitten lassen, bevor
er den Entschluss fasste, die seit 1615 zerfallene Liga wiederzubeleben. Er
strebte ein Bündnis unter seiner alleinigen Führung an, in dem die Habs­
burger nichts zu melden hatten. Um seine Bedingungen durchzusetzen,
ließ er Ferdinand warten, und dabei konnte ihn auch Onate nicht aus der
Ruhe bringen, der ihn zur Eile drängte. Erst als die Wahl des neuen Kaisers
bevorstand, schien es Maximilian an der Zeit, den katholischen Block neu
zu formieren und dabei nicht nur die Stimmen der drei geistlichen Kurfürs­
tentümer zu kontrollieren, sondern auch die regelmäßigen Einzahlungen
von Mainz, Köln und Trier in die gemeinsame Kasse der Liga wieder ein­
zuführen - um eine Armee zu finanzieren, die schon bald das wichtigste
Instrument zur Durchsetzung seines politischen Willens sein würde. Es war
absehbar, dass im Portfolio der Machtsorten militärische Macht in nächster
Zeit die wichtigste sein würde, und die Liga war für Maximilian das Mit­
tel, um die ökonomische und finanzielle Macht der katholischen Partei im
Reich in militärische Macht zu verwandeln. Im Unterschied zu den ande­
ren Machtsorten, bei denen zur wirtschaftlichen noch die ideologische hin­
zukam,15 wollte er in der Liga die militärische Macht allein kontrollieren.
Erst als absehbar war, dass Ferdinand den Preis für seine Unterstützung
13° EIN A UFSTAND, D ER DAS REIC H E R S C H Ü T T E R T

zu zahlen bereit war, organisierte Maximilian die Instrumente, die vonnö­


ten waren, damit der Kaiser den Gehorsam seiner böhmischen Untertanen
erzwingen konnte. Maximilians Agieren zwischen dem Sommer 1618 und
dem Sommer 1619 war ein Meisterstück machiavellistischer Politik. Die
auf seine Initiative hin wiederbelebte Liga wurde zum politischen Para­
dox: Sie wurde mit der doppelten Aufgabe gebildet, den Habsburgern in
ihren Erblanden wieder in den politischen Sattel zu helfen, und gleichzeitig
sollte sie sicherstellen, dass ein wiedererstarkter habsburgischer Kaiser den
Reichsständen gegenüber nicht zu mächtig wurde. Manches, was an der
Politik Maximilians auf den ersten Blick als widersprüchlich und inkonse­
quent erscheint, wird verständlich, wenn man die paradoxe Doppelfunk­
tion der Liga und die beiden Imperative der bayerischen Politik betrachtet:
die katholische Partei im Reich zu stärken, was nur in Zusammenarbeit
mit dem habsburgischen Kaiser möglich war, und zugleich die politische
Handlungsmacht der Reichsstände zu verteidigen, was auf eine Konfronta­
tion mit dem Kaiser hinauslaufen musste.
Zunächst aber bestand im Reich ein Interregnum: Kaiser Matthias war
am 20. März 1619 gestorben, und da es zu seinen Lebzeiten nicht möglich
gewesen war, unter dem Titel «Römischer König» einen Nachfolger zu
wählen, blieb der Thron vorerst unbesetzt. In dieser Zeit führte der Mainzer
Erzbischof Johann Schweikhard von Kronberg als Erzkanzler des Reichs
die Amtsgeschäffe. Er lud erst für Juli nach Frankfurt, wo seit 1147 die meis­
ten Kaiserwahlen stattgefunden hatten. Die Wahl Ferdinands erfolgte am
28. August 1619, die anschließende Kaiserkrönung am 9. September. Für
Ferdinand, den durch Übereinkunft der habsburgischen Erzherzoge desi­
gnierten Nachfolger auf dem Kaiserthron, begann dabei die Zeit knapp zu
werden, denn nur als Kaiser verfügte er über den Einfluss und die Legiti­
mation, um hinreichend Verbündete für den Krieg um Böhmen an sich zu
binden. Ohne Kaisertitel war er für die spanische wie die bayerische Politik
uninteressant. Die Zeit drängte auch deshalb, weil Bethlen Gabor, der mit
den Böhmen ein Militärbündnis geschlossen hatte, im August 1619 mit sei­
nen Truppen in Ungarn einfiel.16Er konnte sich dabei auf die Unterstützung
der meisten ungarischen Adligen verlassen, die aus konfessionellen Grün­
den größere Sympathien für den siebenbürgischen Calvinisten hegten als
Auf Bündnissuche 131

für den streng katholischen Landesherrn in Wien. Sie hatten Sorge, dass
der Habsburger in Ungarn die rigide Konfessionalisierungspolitik fortset­
zen würde, die er in der Steiermark betrieben hatte, und obendrein konn­
ten sie bei ihm keine Neigung erkennen, ständische Rechte zu respektieren.
Ferdinand musste den Verlust eines weiteren seiner Erblande befürchten,
und tatsächlich wählte am 25. August ein schnell einberufener Landtag des
ungarischen Adels Bethlen Gabor zum König von Ungarn. Erst eineinhalb
Jahre später, am 31. Dezember 1621, verzichtete Gabriel Bethlen von Iktar,
wie er auf Deutsch hieß, auf die Stephanskrone und ließ sich dafür mit den
Herzogtümern Oppeln und Ratibor belehnen.17
Mit Überfällen und schnellen Eroberungen war Bethlen Gabor sehr
erfolgreich, doch wenn es darum ging, die von seiner leichten Reiterei über­
rannten Gebiete zu halten und zu verteidigen, zeigten sich die Schwach­
punkte des siebenbürgischen Fürsten. Das begrenzte seinen Wert als Bünd­
nispartner, der für den Augenblick der Überraschung groß war, aber mit der
Dauer eines Konflikts kontinuierlich sank. Bethlen Gabor agierte als grausa­
mer Eroberer und beutegieriger Plünderer der habsburgischen Lande; eine
längerfristige Politik konnte nicht auf ihn zählen. Das war ein Problem für
die Böhmen, denn was sie brauchten, war ein durchhaltefähiger Verbündeter.
Der Fürst von Siebenbürgen verursachte mit seinen blitzschnellen Überfäl­
len zwar jedes Mal großes Entsetzen, aber dann verschwand er wieder dort­
hin, woher er gekommen war, und spielte für längere Zeit keine Rolle mehr.
Am 18. August 1619 setzte die Ständeversammlung in Prag Ferdinand
als böhmischen König mit der Begründung ab, dass er die Rechte des
Landes fortgesetzt verletzt habe. Damit war unklar, ob Ferdinand bei der
Kaiserwahl in Frankfurt überhaupt über die böhmische Kurstimme ver­
fügen konnte. Ferdinands Angelegenheiten standen auf Messers Schneide.
Er hatte nur eine Chance, das Heft des Handelns wieder in die Hand zu
bekommen, und die bestand darin, dass er möglichst schnell zum Kaiser
gewählt wurde, um anschließend unter Nutzung der kaiserlichen Rechte
eine offensive Politik gegen seine Feinde und Widersacher betreiben zu
können. Der Kaisertitel war zunächst nicht viel mehr als symbolische
Macht, aber die Symbole der Macht sollten Ferdinand Zugang zu den Res­
sourcen der Macht verschaffen.
m EIN A U FSTA N D , DER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

Die kurpfälzische Politik hatte das Dilemma Ferdinands erkannt. Man


war darum bemüht, die Wahl des Kaisers zu verschieben, jedenfalls so
lange wie möglich hinauszuzögern, um in Prag vollendete Tatsachen zu
schaffen, die Operationen Bethlen Gabors in Ungarn wirken zu lassen und
den Habsburgern den Zugriff auf die Legitimitätssymbole des Kaisertitels
zu verwehren. Aber man befand sich selbst in einem Dilemma, aus dem
man nicht herauskam: Es gab nämlich keinen Gegenkandidaten zu Ferdi­
nand.18 Mögliche Alternativen wären Kurfürst Johann Georg von Sachsen
und Herzog Maximilian von Bayern gewesen, doch beide hatten sich nicht
zu einer Gegenkandidatur bereitgefunden. Johann Georg wäre trotz sei­
ner reichskonservativen Grundhaltung als Protestant nicht mehrheitsfähig
gewesen, und Maximilian meinte, dass er seine politischen Ziele eher im
Gefolge des Habsburgers erreichen könne als in Gegnerschaft zu ihm. Das
Dilemma, in dem die pfälzische Politik steckte, war also noch größer als das
Ferdinands. Ferdinand ging es darum, dass die Wahl möglichst bald statt­
fand; die Pfälzer setzten darauf, sie möglichst lange hinauszuzögern. Aber
während Ferdinand am Ziel war, sobald die Wahl stattgefunden hatte - da
er der einzige Kandidat war, konnte sie nur zu seinen Gunsten ausfallen -,
würden die Pfälzer mit einer Verzögerung um ein paar Wochen nichts
erreichen, wenn sich in dieser Zeit die politischen Konstellationen nicht
grundlegend veränderten. So gelang es den Pfälzern wohl, die Kaiserwahl
vom zunächst dafür ausgeschriebenen 20. Juli bis zum 28. August hinaus­
zuzögern, aber damit war für sie nichts gewonnen, da das Kurfürstenkolle­
gium nicht bereit war, auf die zuvor erfolgte Absetzung Ferdinands durch
die böhmischen Stände zu reagieren und den in Frankfurt eingetroffenen
böhmischen Ständevertretern das Wahlrecht zu übertragen. Für Ferdinand
und die geistlichen Kurfürsten kam das ohnehin nicht in Frage, weil damit
die Mehrheit im Kurfürstenkollegium von den Katholiken zu den Protes­
tanten übergegangen wäre, und auch Kursachsen und Kurbrandenburg
wollten sich nicht darauf einlassen, Rebellen zu unterstützen. Das Inter­
esse, die eigene Macht zu sichern, war für beide deutlich größer als eine
wie auch immer geartete protestantische Solidarität. Demzufolge waren
die Konstellationen Ende August dieselben wie Ende Juli: Die katholische
Seite war sich einig, die Protestanten waren zerstritten beziehungsweise
Auf Bündnissuche 133

wussten nicht, was sie wollten. Das Hinauszögern der Wahl hatte nichts
gebracht.

Durch die Berichte der Beteiligten sind wir über den Ablauf der Kaiserwahl
gut informiert: Alle wurden nacheinander einzeln um einen Wahlvorschlag
und die anschließende Stimmabgabe gebeten. 19 Kurfürst Schweikhard
eröffnete den Wahlakt, indem er den Trierer Kurfürsten um die Stimmab­
gabe bat. Der nannte König Ferdinand, Erzherzog Albrecht (den Statthalter
der spanischen Niederlande) und Herzog Maximilian als geeignete Kandi­
daten und gab schließlich seine Stimme für Ferdinand ab. Ihm folgte der
Kurfürst von Köln, der erklärte, er wisse, dass sein Bruder, der Bayernher­
zog Maximilian, auf die Kandidatur verzichte, und seine Stimme ebenfalls
König Ferdinand gab. Das war der entscheidende Augenblick der Wahl:
Eigentlich wäre den Regeln nach jetzt die böhmische Stimme abzugeben
gewesen, aber Schweikhard wandte sich an den pfälzischen Gesandten, den
Grafen Johann Albrecht von Solms-Braunfels, der daraufhin sechs Kandi­
daten für wählbar erklärte: König Christian IV. von Dänemark, Kurfürst
Johann Georg von Sachsen, König Ferdinand, Erzherzog Albrecht sowie
die Herzoge Maximilian von Bayern und Karl Emanuel von Savoyen. Da
Kurfürst Friedrich V., für den er spreche, wünsche, dass die traurigen Ver­
hältnisse, in denen sich das Reich seit langem befinde, beendet würden,
halte er Herzog Maximilian von Bayern für den am besten Geeigneten. Das
war ein letzter Versuch der Pfälzer, die katholische Phalanx aufzusprengen,
indem sie Maximilian doch noch ins Spiel brachten; nach der vorange­
gangenen Erklärung des Kölner Kurfürsten musste er aber ins Leere lau­
fen. Schweikhard forderte nach der pfälzischen Erklärung Ferdinand zur
Stimmabgabe auf, doch der bat darum, dass in Anbetracht seiner beson­
deren Situation erst die anderen Wähler befragt wurden. Also wurde der
sächsische Gesandte aufgerufen, der sich ohne Einschränkung für Fer­
dinand aussprach. Der anschließend befragte Brandenburger Gesandte
nannte noch einmal Erzherzog Albrecht und Herzog Maximilian, stimmte
dann aber für Ferdinand, da Maximilian die Wahl ja ausschlagen würde.
Schweikhard gab daraufhin seine eigene Stimme ab, und zwar ebenfalls für
Ferdinand, nachdem auch er Albrecht und Maximilian für geeignet erklärt
134 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

hatte. Nun war Ferdinand daran, sich zu erklären, und unter Verweis auf die
Goldene Bulle gab er sich selbst die Stimme. Damit hatten sechs der sieben
Wahlberechtigten für Ferdinand gestimmt, und es war klar, dass der Pfälzer
Gesandte am Ergebnis der Kaiserwahl nichts mehr würde ändern können.
Gefragt, ob er sich von der Mehrheit absondern oder doch Ferdinand die
Stimme geben wolle, erklärte sich Graf Solms ebenfalls für Ferdinand, der
damit einstimmig zum neuen Kaiser gewählt war.20
Die Wahl Ferdinands war eine desaströse Niederlage der pfälzischen
Politik, mit der alle zuvor erzielten Erfolge zunichte waren. Als bedeutungs­
los hatten sich auch einige Maßnahmen im Vorfeld der Wahl erwiesen. So
hatte man Truppen der Union in der Umgebung Frankfurts zusammenge­
zogen - angeblich um ligistische Anschläge auf die Kaiserwahl zu verhin­
dern,21 tatsächlich eher eine Machtdemonstration der Protestanten, die
deutlich machen sollte, dass die katholische Partei trotz ihrer Mehrheit im
Kurfürstenkollegium im Reich keineswegs das Sagen hatte. Der Rat der
Reichsstadt Frankfurt, der den Unierten zuneigte, hatte zudem von der
Union zwei Kompanien mit je zweihundert Mann ausgeliehen, um mit
ihrer Hilfe die Stadt gegen Anschläge zu sichern. Das hatte bei den geist­
lichen Kurfürsten erhebliche Besorgnis ausgelöst: Der Kölner Kurfürst
dachte zeitweilig über die Auflösung des Treffens nach, und der Mainzer
fürchtete gar eine zweite Bartholomäusnacht, bei der nicht die Protestan­
ten, sondern die Katholiken die Opfer sein würden.22 Zuletzt freilich blieb
die militärische Machtdemonstration folgenlos, da sich die kurfürstlichen
Wähler nicht einschüchtern ließen und die Pfälzer Seite sich nicht traute,
das Militär einzusetzen, um die Kaiserwahl zu verhindern.
Der einzige Erfolg, den die Pfälzer im Verlauf dieser für den weiteren
Gang der Ereignisse entscheidenden Zeitspanne erzielt hatten, war die am
26. August 1619, also zwei Tage vor der Frankfurter Entscheidung, erfolgte
Wahl Friedrichs V. zum böhmischen König. Friedrich war keineswegs der
von den Böhmen bevorzugte Kandidat gewesen. Außer ihm waren noch
Herzog Karl Emanuel von Savoyen und Kurfürst Johann Georg von Sach­
sen im Spiel. Karl Emanuel, der sich immer wieder auf riskante Projekte
einließ, wenn sie ihm Macht und Prestige versprachen, war nicht wirklich
ein aussichtsreicher Kandidat, da sein Herrschaftsgebiet zu weit entfernt
Auf Bündnissuche 135

lag und es keine mächtigen Verbündeten in seinem Gefolge gab. Das war
anders bei Kurfürst Johann Georg von Sachsen, den die von Graf Schlick
angeführten Lutheraner in Böhmen präferierten. Johann Georgs Herr­
schaftsgebiet grenzte unmittelbar an Böhmen, und zusammen mit den in
der Confoederatio Bohemica zusammengeschlossenen Ländern hätte Kur­
sachsen einen beachtlichen Machtblock in Mitteleuropa bilden können.
Außerdem war Johann Georg das Haupt der Lutheraner im Reich, konnte
also in Norddeutschland, im ober- und niedersächsischen Reichskreis, auf
eine Reihe von Verbündeten zurückgreifen, zu denen im Falle eines Krieges
gegen den Kaiser auch die Reformierten mit den in der Union verbündeten
süddeutschen Lutheranern gehören würden. Unter diesen Umständen war
der Kurfürst von Sachsen die erste Wahl.
Aber der Kandidat wies alle diesbezüglichen Ansinnen zurück.23
Johann Georg, seit 1611 Kurfürst, war kein entschlossener Machtpolitiker,
und man sagte ihm nach, er könne erst ab Mittag politische Entscheidungen
treffen, weil er dann so viele Kannen Bier geleert habe, dass er seiner Sinne
nicht mehr mächtig sei. Jedenfalls galt «Bierjörge», wie man ihn nannte,
als ein großer Zecher und leidenschaftlicher Jäger, der die meiste Zeit mit
dem Verzehr von Wildbret und Bier verbrachte. In politischen Entschei­
dungen folgte er seinem Hofprediger Matthias Hoe von Hoenegg,24 der auf
ihn einen ähnlich großen Einfluss hatte wie die (jesuitischen) Beichtväter
auf die katholischen Fürsten; in militärischen Fragen verließ Johann Georg
sich, nachdem er schließlich doch in den Krieg eingetreten war, völlig auf
seinen General Hans Georg von Arnim-Boitzenburg. Letzteres war auch
angezeigt, denn Arnim war ein erfahrener Soldat,25 während der Kurfürst
sich auf dem Schlachtfeld als kopflos und furchtsam erwies. So jedenfalls
sah ihn die protestantische Aktionspartei, die Johann Georg wegen seiner
konservativ-reichstreuen Politik verachtete und diese auf persönliche Las­
ter und Schwächen des Kurfürsten zurückführte.
Man kann den Sachsen indes auch in ein besseres Licht rücken, wenn
man das politisch-militärische Scheitern der Aktionspartei in Böhmen und
der Pfalz sowie schließlich im niedersächsisch-dänischen Krieg dagegen­
stellt und das Leid und Elend bedenkt, das durch die Hochrisikopolitik der
Pfälzer verursacht wurde. Schließlich stand der sächsische Kurfürst später
13<S E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

auch dem schwedischen und dem französischen Eingreifen in den Krieg


ausgesprochen skeptisch gegenüber, obwohl es auf protestantischer Seite
erfolgte; er fürchtete, dass die «Internationalisierung» des Krieges diesen
nur verlängern und seine Beendigung erschweren würde. In der Beurtei­
lung der Lage hatte er durchaus recht, nur spielte das für die operative Poli­
tik keine Rolle, denn der Krieg war durch die niederländischen Subsidien
für die aufständischen Böhmen, vor allem aber durch die massive päpstli­
che wie spanische Hilfe für Ferdinand von Anfang an «internationalisiert».
Indem Sachsen sich heraushielt, wurde es allerdings nicht, wie man sich das
in Dresden wohl vorgestellt hatte, zur «dritten Partei», die als Vermittler
und Friedensstifter auftreten konnte, sondern zum Objekt der Entschei­
dungen anderer - zunächst denen Ferdinands, später auch denen Gustav
Adolfs, für beide war Johann Georg eine wichtige, letzten Endes aber nicht
ausschlaggebende Größe. Dennoch gehörte er am Ende des Krieges zu
den Gewinnern, denn die beiden Lausitzen, die er gleich bei Kriegsbeginn
weitgehend kampflos besetzt hatte, wurden ihm im Frieden von Münster
zugesprochen. Andererseits hatte das Kurfürstentum Sachsen einen hohen
Preis dafür zu zahlen, denn es wurde in der zweiten Kriegshälfte zum
Durchzugsgebiet, Schlachtfeld und Quartier für die Heere beider Seiten.

Friedrich V. war in fast jeder Hinsicht das Gegenteil Johann Georgs; er


schien risikobereit und war von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt.26
Dass sich die Böhmen schließlich für ihn als neuen König entschieden, lag
sowohl an diesen Eigenschaften, die ihn dazu brachten, sich überhaupt auf
das böhmische Abenteuer einzulassen, als auch an der Aussicht, dass der
Kurpfälzer nicht alleine stand, sondern mächtige Verbündete auf seiner
Seite hatte: die nördlichen Niederlande, seinen Schwiegervater Jakob I.,
König von England, und die Union der protestantischen Reichsfürsten,
deren Direktorium beim pfälzischen Kurfürsten lag. Außerdem hatte Fried­
rich die von dem savoyischen Herzog Karl Emanuel zeitweilig finanzierte
Söldnertruppe unter Ernst von Mansfeld in seine Dienste übernommen;
seit September 1618 operierte sie in Böhmen und bildete dort einen wichti­
gen Faktor im militärischen Kräfteverhältnis.27
Seiner Risikofreude zum Trotz scheint Friedrich der Abschied aus
Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian 137

Heidelberg nicht leicht gefallen zu sein. Einerseits fühlte er sich durch die
Wahl zum böhmischen König geschmeichelt, andererseits ängstigte ihn die
Größe der damit verbundenen Aufgabe. Tatsächlich überdeckte sein unbe­
kümmertes Auftreten nur, dass er eigentlich entscheidungsschwach war und
zu einem guten Teil den Vorgaben seiner Berater folgte. Die aber gaben
ihm in der böhmischen Angelegenheit unterschiedliche Ratschläge. Jakob I.,
Friedrichs Schwiegervater, riet entschieden davon ab, die böhmische Krone
anzunehmen, und auch der Herzog von Bouillon, einer der Führer der fran­
zösischen Hugenotten, auf dessen Ritterakademie Friedrich ausgebildet
worden war, empfahl politische Zurückhaltung. Ähnliches war von einer
größeren Zahl der Unionsmitglieder zu vernehmen. Aber Friedrich stand
unter Zugzwang, denn die pfälzische Politik hatte seit Monaten in Prag dar­
aufhingewirkt, dass er zum neuen König gewählt wurde. Ein Rückzug hätte
Christian von Anhalt und Achatius von Dohna, der in Prag verhandelt hatte,
desavouiert. Dementsprechend drängten sie Friedrich zum Aufbruch nach
Prag. Für seine Entscheidung dürfte schließlich auch die Haltung seiner
Ehefrau Elisabeth Stuart von Bedeutung gewesen sein, die ihm entschlossen
zuriet, nach Prag zu gehen und die böhmische Krone zu tragen.28Elisabeth
kam aus London, und die pfälzische Residenzstadt Heidelberg wirkte auf sie
provinziell, während Prag die Wiederaufnahme eines mondänen höfischen
Lebens versprach. Zu diesem Zeitpunkt war Elisabeth wie ihr eine Woche
jüngerer Mann gerade dreiundzwanzig Jahre alt, und sicherlich haben beide
die Reichweite ihrer Entscheidung nicht erfasst. «Ach, nun geht die Pfalz
nach Böhmen», soll Friedrichs Mutter ihrem Sohn nachgerufen haben, als
dieser an einem nebligen und regnerischen Herbsttag Heidelberg verließ.29

Kaiser Ferdinand
und Herzog Maximilian

Als Friedrich in Prag eintraf, brachte er keineswegs die Bündniszusagen mit,


auf die man bei seiner Wahl gesetzt hatte. Im September hatte in Rothen­
burg ob der Tauber eine Unionsversammlung stattgefunden, auf der
13« EIN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

debattiert wurde, ob man Friedrich zu- oder abraten solle, die böhmische
Krone anzunehmen, und wie die Union ihm bei deren Verteidigung helfen
könne.30Wie nicht anders zu erwarten, trafen zwei Positionen aufeinander;
nur der Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach unterstützte das
böhmische Projekt uneingeschränkt, während die überwiegende Mehrheit
der Versammelten auf Distanz blieb. Die Reichsstädte meinten sogar, es
spreche mehr gegen die Annahme der böhmischen Krone als dafür, wes­
halb die Union nicht verpflichtet sei, das Vorhaben zu unterstützen. Ver­
pflichtet sei sie, kam man schließlich überein, Friedrich bei der Verteidi­
gung seiner Erblande zur Seite zu stehen, während er in Böhmen auf sich
selbst gestellt bleiben sollte. Damit konnten Friedrich und die ihn beraten­
den Politiker immerhin davon ausgehen, dass das Risiko des böhmischen
Projekts begrenzt war: Die Erblande des Kurfürsten waren demnach durch
die Union gesichert, und der Einsatz bestand im Wesentlichen aus den
finanziellen Mitteln, die Friedrich zur Verteidigung Böhmens aufbringen
musste.31
Ausgesprochen enttäuschend war dagegen die englische Reaktion auf
Friedrichs Ersuchen nach Unterstützung. Jakob wollte einem Konflikt mit
Spanien unter allen Umständen aus dem Weg gehen, und diesen hielt er
für unausweichlich, wenn er sich entschlossen auf die Seite seines Schwie­
gersohns stellte. Es war vor allem die Furcht vor einem großen Hegemo-
nialkrieg in Europa, die Jakob veranlasste, als Vermittler in dem Konflikt
auftreten zu wollen, statt sich als Partei in den Krieg hineinziehen zu las­
sen.32 Jakob verfolgte eine Politik der friedlichen Koexistenz mit Spanien,
und um diese abzusichern, versuchte er seit längerem, eine Ehe zwischen
seinem Sohn Karl und einer Tochter des spanischen Königs Philipp anzu­
bahnen. Dabei kam ihm das böhmische Abenteuer seines Schwiegersohns
in die Quere. Er war ungehalten darüber, dass Friedrich sich überhaupt um
die böhmische Krone bemüht hatte. Dass er sie nun auch noch aus den
Händen von Aufrührern und Rebellen entgegennehmen wollte, war für
ihn, Jakob, der in England eine frühabsolutistische Politik verfolgte und der
Vorstellung vom Gottesgnadentum anhing,33 eine einzige Provokation. Ein
solches Projekt wollte er weder mit Soldaten noch mit Subsidien unterstüt­
zen.
Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian 139

Auch die Unterstützung durch die nördlichen Niederlande fiel mit


25 000 Talern pro Monat geringer aus als erwartet. Das Land war durch die
Auseinandersetzungen zwischen der Friedenspartei um Johan van Olden-
barnevelt und der Kriegspartei unter Führung Moritz von Nassaus politisch
gespalten, und auch nach der Verhaftung und Hinrichtung Oldenbarne-
velts steuerte man einen vorsichtigen Kurs, um einen Bruch des Waffen­
stillstands mit Spanien zu vermeiden.34 Immerhin beschloss man für den
Fall, dass Erzherzog Albrecht in Brüssel seine Truppen gegen die Pfalz
einsetzte, einen Diversionskrieg gegen die südlichen Niederlande zu eröff­
nen, der Albrecht dazu zwingen sollte, seine Truppen zur Verteidigung der
eigenen Position im Land zu behalten.35 Das war ungefähr die Linie, auf die
sich auch die Union verständigt hatte. Im Ergebnis hieß das, dass Friedrich
beim Krieg um Böhmen auf sich allein gestellt war.
Das wäre zu verkraften gewesen, wenn sich Ferdinand in einer ähn­
lichen Lage befunden hätte, was infolge der spanischen und päpstlichen
Hilfsgelder jedoch nicht der Fall war,36 und die Kaiserwahl verbesserte
Ferdinands Situation noch einmal erheblich. Als Kaiser war Ferdinand ein
überaus attraktiver Verbündeter, nicht nur für Spanien, sondern auch für
Maximilian von Bayern und die katholische Liga. Die meisten der katho­
lischen Fürsten im Reich wären jedoch in dem absehbaren Krieg um Böh­
men am liebsten neutral geblieben, einem Konflikt, in dem sie selbst nichts
zu gewinnen hatten und der sie eine Menge Geld kosten würde. Darin
unterschieden sie sich nicht von den meisten ihrer protestantischen Kon­
trahenten. Andererseits waren sie sich aber auch darüber im Klaren, dass
eine dauerhafte Inbesitznahme Böhmens durch Friedrich die konfessio­
nellen Machtverhältnisse im Reich grundlegend verändern würde, allein
schon durch die dann protestantische Mehrheit im Kurfürstenkollegium.
Als Herzog Maximilian im Sommer 1619 noch vor der Frankfurter Kaiser­
wahl aktiv wurde und die Liga unter seiner Führung wiederbelebte, schlos­
sen sie sich ihm an, ohne dass zunächst klar war, ob und wie die Liga in den
böhmischen Konflikt eingreifen würde.
In dieser Situation hing alles von Maximilian ab, und der nutzte seine
komfortable Lage aus, als Kaiser Ferdinand, begleitet von dem spanischen
Gesandten Onate, der einmal mehr im Hintergrund die Fäden zog, auf dem
140 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

Rückweg von Frankfurt in München eintraf, um mit ihm über die Unter­
stützung zu sprechen, die der Kaiser von der Liga erwarten konnte.37 Maxi­
milian machte für jedwede Hilfe seitens der Liga zur Voraussetzung, dass
diese unter seiner alleinigen Direktionsgewalt stand; der Kaiser dürfe die
«ihro Fürstlichen Durchl. vberlassene absolut, vnd völlige Direction, weder
Selbsten verhindern / noch andernn / zu thun gestatten / sondern vielmehr
auf allerley Weise vnd Weg trachten / daß selbiges aller orthen befurdert
werde» - so die erste Festlegung des Münchner Vertrags.38Zweitens wurde
bestimmt, «daß ihro May. vnd dero hauß sich mit den Feinden in keinem
Tractat, Suspension vnd Niederlegung der Waffen oder einigerley Friedens-
Conditiones einlassen soll ohne Wissen / Willen und Zuziehung Ihro fürst­
lichen Durchleuchtigkeit in Bayrn»39. Damit war Maximilian im Rahmen
der Koalitionskriegführung als gleichberechtigter Akteur anerkannt, der
nicht nur Hilfe leistete, sondern dem auch ein unbeschränkter Einfluss auf
die Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen bis zum Ende des Krie­
ges zugestanden wurde. Außerdem bedang sich Maximilian aus, dass der
Kaiser ihm alle infolge des Krieges entstandenen Schäden und Auslagen
aus seinem Besitz erstatte; so «soll Ihre Kayserliche May. vnd dero gantzes
löbl. Hauß bey Verpfändung aller dero Haab vnd Güter/nichts davon aus­
genommen / obligirt und verbunden seyn / Ihre Fürstl. Durcheuchtigkeit in
Bayrn / so wol die erlittne Schäden [... ] als auch alle angewandte Unkosten
zu refundirn vnd abzustatten / welche sie zu der Kriegsverfassung vnd der
Soldatesca [... ] angewendt zu haben»40. Das bedeutete, dass Ferdinand dem
Bayernherzog einen Teil seiner österreichischen Erblande als Pfand abtreten
musste, bis er in der Lage war, die dem Herzog entstandenen Kriegskosten
zu bezahlen. Damit bekam Maximilian einen Hebel in die Hand, mit dem
er seine Vorstellungen von der Nachkriegsordnung durchsetzen konnte.
Aber das war keineswegs alles, denn es kamen noch zwei im Vertrag nicht
enthaltene, nur durch den Grafen Onate bezeugte Verabredungen hinzu.
Erstens durfte Maximilian im Verlauf des Krieges im Reich gemachte Erobe­
rungen auf Dauer behalten und seinem Herzogtum einverleiben. Das betraf
pfälzisches Gebiet, namentlich die an Bayern grenzende Oberpfalz, auf die
Maximilian seit längerem ein Auge geworfen hatte. Als diese Verabredung im
Mai 1620 schriftlich fixiert wurde, stand fest, dass der Krieg nicht auf Böhmen
Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian 141

begrenzt bleiben würde. Im Prinzip war damit ein Krieg zwischen Liga und
Union unvermeidlich - jedenfalls wenn Letztere zu ihren Defensivverspre­
chen für Friedrichs Erblande stand. In der zweiten Nebenabsprache sagte
Ferdinand dem Bayernherzog die Übertragung von Friedrichs Kurwürde zu.
Beide, Kurfürst Friedrich wie Herzog Maximilian, waren Wittelsbacher, und
im Hausvertrag von Pavia aus dem Jahre 1329, der die Teilung in eine pfäl­
zische und eine bayerische Linie regelte, war vorgesehen, dass beide Linien
die Kur abwechselnd innehaben sollten. Doch in den knapp zwei Jahrzehnte
später getroffenen Festlegungen der Goldenen Bulle (1356) wurde die Kur­
würde definitiv den Pfälzern zugesprochen.41 Die Übertragung der Kur auf
den Bayern war insofern ein Eingriff in das Grundgesetz des Reichs, und es
stellte sich die Frage, ob der Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit und
ohne Mitwirkung der Kurfürsten dazu überhaupt berechtigt war. Immerhin
gab es einen Präzedenzfall: Kaiser Karl V. hatte nach dem Schmalkaldischen
Krieg die Kurwürde innerhalb des wettinischen Fürstenhauses neu vergeben,
indem er sie von dem Ernestiner Johann Friedrich dem Großmütigen auf
den Albertiner Moritz übertragen hatte.

Maximilian hatte die Notlage des Kaisers optimal genutzt. In dem Positio­
nierungsspiel, das die verschiedenen Akteure im unmittelbaren Vorfeld des
Krieges betrieben, hatte er die erfolgversprechendsten Züge gemacht, die
eigenen Risiken überschaubar gehalten und die Aussicht auf Zugewinne
gesteigert, wo dies nur möglich war. Als Person ist Maximilian nicht leicht
zu fassen: A uf der einen Seite pflegte er einen asketischen Lebensstil, der
von tief religiöser Überzeugung getragen war, auf der anderen Seite war
er ein kalt berechnender Politiker, der im Konfliktfall die Staatsinteres­
sen höher stellte als die Forderungen der Religion. Maximilians Biograph
Andreas Kraus hat deswegen die Frage aufgeworfen, ob Maximilian «die
Religion als Vorwand für politische Ziele mißbraucht» habe und nur so
lange gut katholisch gewesen sei, wie «die Interessen seines Staates und
die Interessen seiner Konfession» miteinander zur Deckung gebracht
werden konnten.42 Jedenfalls hat Maximilian niemals darauf gesetzt, dass
eine Sache siegen werde, weil sie gottgefällig war, sondern ging stets davon
aus, dass er selbst mit politischen Schritten und militärischen Maßnahmen
142, EIN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

für den Sieg seiner Sache Sorge tragen müsse. Da die Ressourcen seines
Herrschaftsgebiets keine selbständige Großmachtpolitik erlaubten, musste
er darauf bedacht sein, günstige Gelegenheiten entschlossen zu nutzen
und aus Bündnissen möglichst viel herauszuholen, und schließlich galt es
sicherzustellen, dass keiner, der ihm gefährlich werden konnte, zu mächtig
wurde. In der politischen Metaphorik Machiavellis war Maximilian eher
ein Fuchs als ein Löwe, und dementsprechend galt er Freund wie Feind
«als besonders unberechenbar, verschlagen und unzuverlässig»43.
Kaiser Ferdinand, Maximilians Bündnispartner im Münchner Vertrag,
war in vieler Hinsicht das Gegenteil des Bayernherzogs: «E r war», schreibt
Moriz Ritter über ihn, «ein Fürst von schwachem Urteil, mäßiger Arbeit­
samkeit und ohne wahre Herrscherkraft, ein vollgültiger Vertreter jener
Mittelmäßigkeit, welche die deutschen Fürsten und Staatsmänner zu blo­
ßen Werkzeugen der großen geistigen Gegensätze machte, die die Welt in
den Krieg hineintrieben. » ^ Das ist aus einer Perspektive heraus formuliert,
die den Krieg für unvermeidlich hielt und dementsprechend die Herrscher
und Politiker als bloße Instrumente der «großen geistigen Gegensätze»
betrachtete, die ohnehin in den Krieg führen mussten. Im Fall Ferdinands
kann man sagen, dass er, um seine Macht als Landesherr durchzusetzen,
den Krieg bewusst in Kauf genommen, wenn nicht gar angestrebt hat - frei­
lich nicht als den großen und langen Krieg, der daraus geworden ist und
der nach Ferdinands Tod noch mehr als ein Jahrzehnt andauern sollte. Er
wolle als «princeps absolutus» in den Erblanden herrschen, hatte Ferdi­
nand erklärt,45was ihn nicht davon abhielt, alle Entscheidungen mit seinem
Beichtvater Wilhelm Lamormaini zu besprechen und sie auf ihre Überein­
stimmung mit den Geboten der Religion überprüfen zu lassen. Gleichzeitig
sah Ferdinand sich seit seiner Italienreise im Frühjahr 1598 als ein «Werk­
zeug Gottes», dem die Aufgabe übertragen war, die Gegenreformation in
den habsburgischen Erblanden voranzutreiben.46 Diese Überzeugung ver­
lieh ihm eine gewisse Standhaftigkeit, die sein Kalkül begrenzte und seinen
Durchhaltewillen bestärkte. Einen erheblichen Teil seiner Zeit verbrachte
er mit Andachtsübungen, und diese Zeit fehlte ihm dann bei der Bewäl­
tigung seiner politischen Aufgaben. So hörte er täglich zwei Messen und
betete das große Brevier herunter. Wenn man ihm die Wunder der Heili-
Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian 143

sen schilderte, so Ritter, sei er in andächtige Geistesruhe versunken.47 Die


Stärke des Kaisers war zugleich seine größte Schwäche, denn sie hinderte
ihn daran, eine Entwicklung, an deren Zustandekommen er maßgeblich
beteiligt war, auch zu beherrschen und zu lenken.
In Maximilian und Ferdinand hatten sich zwei Partner gefunden, die
über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten das Kriegsgeschehen vor­
antrieben - zumeist in dieselbe, gelegentlich aber auch in unterschiedliche
Richtungen. Die in der Literatur anzutreffende Vorstellung, die beiden
hätten während ihrer gemeinsamen Zeit an der Ingolstädter Jesuitenuni­
versität eine enge Freundschaft geschlossen, die dann die Grundlage des
Kriegsbündnisses gebildet habe, verdeckt die komplexe Gemengelage.
Während Maximilian Ferdinand mehrfach instrumentalisierte und ihn
einige Male an der Verwirklichung seiner Pläne hinderte, blieb Ferdinand
immer wieder auf das Entgegenkommen des Bayernherzogs angewiesen,
wenn er seine Ziele verfolgen wollte. Insofern herrschte in der Beziehung
der beiden eine Asymmetrie, die nicht nur aus unterschiedlichen Machtpo­
tenzialen erwuchs, sondern auch damit zu tun hatte, dass Maximilian der
geschicktere Politiker war, der sich stets mehrere Optionen offenhielt. Bei
Ferdinand stand Politik oft nicht im Mittelpunkt; wenn er seine religiösen
Exerzitien absolviert hatte, widmete er sich der Musik und der Jagd .48

Es gab indes im Bunde mit Ferdinand noch einen Weiteren, den man
dort wohl nicht erwartet hatte: den sächsischen Kurfürsten Johann Georg.
Nachdem dieser sich nicht dazu hatte entschließen können, die ihm mehr­
fach angetragene Krone Böhmens anzunehmen, weil er in seinem luthe­
rischen Obrigkeitsverständnis den Aufstand der Stände zutiefst ablehnte
und darin eine Rebellion gegen die von Gott gesetzte Ordnung sah, wollte
er in dem bevorstehenden Krieg doch auch nicht ganz beiseitestehen und
tatenlos Zusehen, wie andere die Beute unter sich aufteilten. In der Umge­
bung des Kaisers, wo man zunächst auf die sächsische Neutralität gesetzt
hatte, spürte man diese Neigung und nahm wahr, dass Johann Georg, wie­
wohl er alles dafür getan hatte, dass die Böhmen ihn nicht zu ihrem König
wählten, doch darüber indigniert war, dass nun sein innerprotestantischer
Widersacher Friedrich böhmischer König war.49 Offenbar hatte er darauf
144 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

gesetzt, trotz seiner ablehnenden Haltung gewählt zu werden, um dann die


Krone auszuschlagen und in dem Streit als friedenwahrender Vermittler
auftreten zu können. Dieses Kalkül war nicht aufgegangen. Aber Johann
Georg wollte und konnte nicht hinnehmen, dass sich Friedrich in der
unmittelbaren Umgebung seines Herrschaftsgebiets etablierte und, wenn
er sich dort behauptete, zum gefeierten Anführer des Protestantismus im
Reich aufsteigen würde.
Der sächsische Kurfürst konnte sich jedoch nicht ohne weiteres auf die
Seite des Kaisers stellen, wenn er seinen Anspruch, den Protestantismus im
Reich politisch zu führen, aufrechterhalten wollte. Er musste Forderungen
formulieren, die diesen Führungsanspruch unterstrichen.50 Erstens ging
es um die ursprünglich geistlichen Güter, die nach 1552, dem Stichjahr des
Augsburger Religionsfriedens, in protestantischen Besitz gelangt waren
und gegenüber denen die katholische Seite in den vorangegangenen drei
Jahrzehnten regelmäßig Restitutionsforderungen erhoben hatte. Daran
dürfe nicht gerührt werden, verlangte er. Im Grundsatz erwartete Johann
Georg für seine Hilfe also eine «Besitzstandsgarantie». Sodann forderte
er, dass der Kaiser nach dem Sieg die Lutheraner (ausdrücklich nur sie!)
in seinen Ländern nicht verfolgen, sondern ihre bisherige Religionsfreiheit
bestätigen werde. Und schließlich bestand er darauf, dass ihm als Entschä­
digung für seine Kosten die Ober- und Unterlausitz verpfändet würden.
Beide grenzten unmittelbar an Johann Georgs Territorien und boten sich
zu deren Arrondierung an. Der Sachse verfolgte eine ähnliche Politik wie
der Bayer: Was für Maximilian die Oberpfalz, waren für ihn die beiden Lau­
sitzen. Überhaupt hatten Maximilian und Johann Georg mehr gemeinsam,
als man bei den konfessionellen Gegensätzen erwartet hätte: Beide sorgten
sich um die Rechte der Reichsstände, also das, was im damaligen Sprachge­
brauch «teutsche Libertät» hieß, und dabei hatten sie ein wachsames Auge
auf den Kaiser, der diese Rechte immer wieder in Frage stellte. Beide posi­
tionierten sich als Anführer ihrer Glaubensrichtung im Reich, wobei Maxi­
milian mit dem Kaiser und Johann Georg mit den Pfälzern beziehungs­
weise dem süddeutschen Protestantismus um diese Position konkurrierten,
und beide waren alles andere als uneigennützig, sobald sich eine Gelegen­
heit zur Erweiterung ihres Territoriums und zum Ausbau ihrer Macht bot.
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz HS

Im Prinzip kam Ferdinand dem sächsischen Kurfürsten ebenso entge­


gen, wie er das bei dem Bayernherzog getan hatte. Er sicherte Johann Georg
zu, dass er den Majestätsbrief gegenüber allen, die sich ihm unterwürfen,
beachten werde, dass er die Lausitz an ihn verpfänden werde, und stellte
in Aussicht, sie «nach Zeit und Umständen ihm [...] als Fürstentum zu
übertragen»51. Die Frage der ursprünglich geistlichen Besitztümer wurde
am 11. März 1620 bei einem Zusammentreffen der ligistischen Fürsten mit
Johann Georg in Mühlhausen verhandelt. Man kam überein, dass die geist­
lichen Stifte in den ober- und niedersächsischen Kreisen bei ihren gegen­
wärtigen Besitzern verbleiben sollten, freilich mit der Klausel, dass diese
Zusage nur so lange gelte, wie sich die betreffenden Reichsstände dem
Kaiser gegenüber als gehorsam erwiesen. Im Gegenzug verpflichtete sich
Johann Georg, die Stände des ober- und niedersächsischen Reichskreises
für ein Bündnis mit dem Kaiser zu gewinnen.
Auch Maximilian versuchte in Mühlhausen, seinem großen Ziel, der
Übertragung der Kurwürde von der Pfalz auf Bayern, ein paar Schritte
näherzukommen. Er beantragte, dass der Kaiser Pfalzgraf Friedrich wegen
dessen Annahme der böhmischen Krone mit der Acht belege. Diese Forde­
rung mitzutragen, lehnte Johann Georg freilich ab, da er sonst als derjenige
dagestanden hätte, der einen protestantischen Kurhut preisgab. Man solle
den Gegner nicht durch die Verhängung der Acht aufreizen, solange die
Angelegenheit nicht auf dem Schlachtfeld geklärt sei, wandte er ein, und so
einigte man sich darauf, dass es vorerst bei einer Androhung bleiben solle.52
Als man in Mühlhausen auseinanderging, war das prokaiserliche Bündnis
fähig, einen Krieg zu führen.

Auf dem böhmischen


Kriegsschauplatz

Während die Bündnisse noch geschmiedet wurden, hatten die Kriegshand­


lungen längst begonnen. Es blieb zunächst bei Scharmützeln, in denen
jede Seite ihre Position zu behaupten oder zu verbessern bestrebt war, aber
146 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

davor zurückscheute, sich auf eine größere, womöglich kriegsentschei­


dende Schlacht einzulassen. Beide Seiten rechneten mit Verstärkung, und
unter diesen Umständen war es nicht ratsam, schon jetzt alles auf eine Karte
zu setzen. Bis zum Frühjahr 1620 war der Krieg, der in Böhmen, Mähren,
Ungarn und Teilen Österreichs geführt wurde, ein Manöverkrieg, in dem es
darum ging, den Gegner durch die Besetzung seines Landes zu schädigen
und die eigenen Streitkräfte zusammenzuhalten und zu versorgen, indem
man sie nach Möglichkeit nicht in eigenen Territorien operieren ließ oder
einquartierte, sondern sich dafür die des Gegners aussuchte. Wo es doch
zu größeren Kampfhandlungen kam, wie etwa bei der Belagerung und
Eroberung der kaisertreu gebliebenen Stadt Pilsen durch die Streitmacht
Ernst von Mansfelds oder bei dem Gefecht der Truppen des kaiserlichen
Feldherrn Bucquoy gegen die Mansfeldischen Reiter bei Sablat (Zäblati),
waren dies Kämpfe zwischen Berufssoldaten, die aus anderen Regionen
nach Böhmen dirigiert worden waren.
Mansfelds Söldnertruppe war im Kern in Savoyen aufgestellt und
danach mehrfach verstärkt worden; es handelte sich überwiegend um
deutsche Söldner, die in dem zwei Jahre dauernden Krieg um Monferrat
Kampferfahrung gesammelt hatten. Bucquoys Streitkräfte bestanden aus
Wallonen und Flandern, aber auch vielen Niederdeutschen, die in der
Armee der südlichen Niederlande ihr Auskommen gesucht und gefunden
hatten.53 Die Kampfkraft dieser Truppen war um ein Vielfaches höher als
die des böhmischen Ständeheeres und ähnlich aufgestellter Verbände, in
denen die Männer über wenig oder keine Kampferfahrung verfügten, im
Zusammenhalt von Gefechtsformationen nicht geübt waren und auch das
Zusammenwirken von Pikenieren und Musketieren nicht beherrschten.54
Mit ihnen konnte man bewegliche Operationen durchführen, Territorien
besetzen, Angst und Schrecken verbreiten, aber keine Schlachten schlagen.
Das sollte sich am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg in
aller Deutlichkeit zeigen.
Die Aufstellung von kriegstüchtigen Truppen kostete Zeit. In der
Regel verfügten die Landesherren zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch
nicht über ein stehendes Heer, den sogenannten miles perpetuus, sondern
boten je nach Erfordernis Streitkräfte auf, die aber nicht sofort einsatzfähig
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz 147

Ernst von Mansfeld, der in


den ersten Jahren des Krieges
eine maßgebliche Rolle
spielte, war der Inbegriff
eines Söldnerführers, der die
Aufgaben eines Generals mit
denen eines Condottiere aus
der Renaissancezeit verband.
In heutiger Begrifflichkeit
würde man ihn als «W arlord»
bezeichnen. Aufgrund der
zahllosen Gewalttaten seiner
Söldner gegen Bauern und
Kaufleute ist Mansfeld
auch als einer der großen
«Kriegsverbrecher» der
Zeit kritisiert worden.
Konfessionelle Bindungen
spielten für ihn ebenso wenig
eine Rolle wie politische
Loyalitäten.

waren. Sie mussten erst ausgerüstet und in Form gebracht werden - außer
man übernahm einen just verfügbaren, das heißt: einen aus einem gerade
beendeten Krieg abziehenden Söldnerverband, wie das die Böhmen mit
den Einheiten unter Ernst von Mansfeld taten.S5 Wer eine solche Option
besaß, hatte einen klaren Vorteil - jedenfalls dann, wenn es gelang, die Ein­
heiten strategisch sinnvoll einzusetzen, solange die Gegenseite über keine
vergleichbaren Streitkräffe verfügte. Hier zeigte sich die Schwäche der böh­
mischen Kriegführung: Statt das Mansfeld’sche Korps gegen die Zentren
der gegnerischen Macht einzusetzen, betraute man es mit der Belagerung
von Pilsen, immobilisierte es damit und verspielte so den kurzfristigen
Vorteil. Als die Mansfelder nach siebenwöchiger Belagerung die Stadt
am 21. November 1618 im Sturm nahmen, war der Zeitvorteil dahin, denn
nun standen dem Kaiser die in den Kämpfen um Gradiska freigeworde­
nen Einheiten56 sowie die aus den südlichen Niederlanden herangeführten
Truppen zur Verfügung, so dass sich auf dem böhmisch-mährisch-österrei­
chischen Kriegsschauplatz ein militärisches Gleichgewicht herausgebildet
148 E IN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

hatte. Außerdem stand der Winter vor der Tür, und damit wurden größere
Truppenbewegungen unmöglich.
Immerhin besaß Mansfeld mit Pilsen nun eine Festung, von der aus
er Westböhmen beherrschte und die Verbindungen in die Oberpfalz kon­
trollierte. Zudem konnte er Pilsen zum Waffenplatz seiner Streitmacht
ausbauen. Bei der vorangegangenen Belagerung hatten sich freilich schon
bald die Probleme gezeigt, mit denen die militärische Führung während
des ganzen Krieges zu kämpfen hatte: Um Pilsen vollständig einzuschlie­
ßen und es von der Versorgung durch das Umland abzuschneiden, hatten
die Prager Direktoren Mansfeld zwar Adelsreiterei und bewaffnetes Land­
volk zu Hilfe geschickt, sich aber knausrig gezeigt, was die Mittel für die
Besoldung seiner Truppen und die Heranführung von schwerem Geschütz
anging. Das fehlende Geld wurde zum Problem, weil durch den Herzog von
Savoyen nur 2000 Söldner finanziert wurden, Mansfeld seine Truppe aber
inzwischen auf 4000 Mann aufgestockt hatte, und große Kanonen waren
die Voraussetzung für die vorgesehene Erstürmung der Stadt. Die von den
Prager Direktoren bevorzugte Aushungerung hätte dagegen zu viel Zeit in
Anspruch genommen. Neben den strategischen Nachteilen, die ein so zeit­
aufwendiges Vorhaben zur Folge gehabt hätte, wären in dieser Zeit auch die
Söldner sowie deren Hilfstruppen zu besolden gewesen. Die Prager Regie­
rung war mit den Soldzahlungen aber schon jetzt im Rückstand. Dement­
sprechend machte sich Unzufriedenheit unter den Berufssoldaten breit.
Mansfeld musste mehrfach die Truppe verlassen und sich um die finan­
ziellen Probleme kümmern, also neues Geld für seine Männer auftreiben.37
Er war bestrebt, dies in den Wintermonaten zu tun, in denen das Kriegsge­
schehen weitgehend ruhte. Seine längere Abwesenheit vom Kriegsschau­
platz war einer energischen Kriegführung jedoch abträglich. Auch wenn
in seinem Fall die Doppelfunktion als General und Kriegsunternehmer
besonders ausgeprägt war, so lassen sich die damit verbundenen Probleme
doch bei fast allen Heerführern des Dreißigjährigen Krieges beobachten.
Geld war der nervus rerum des Krieges, und wenn die Soldzahlungen aus­
blieben, riskierten die Generäle und Obristen nicht nur eine Meuterei unter
den Soldaten, sondern auch die Schwächung des Heeres. Die Soldaten
mussten sich häufig selbst versorgen, und wenn sie kein Geld hatten, um
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz 149

sich etwas zu kaufen, verschwanden auch schon bald die Marketender, die
sonst den Truppen auf dem Fuß folgten.58 Söldnertruppen neigten daher
dazu, eine Stadt zu stürmen, anstatt durch lange Belagerung ihre Kapitula­
tion zu erzwingen, denn eine gestürmte Stadt durften sie nach Kriegsrecht
plündern, während dies bei einer Kapitulation nicht der Fall war.59 Immer
wieder wurde in diesem Krieg die rechtlich abgesicherte Gelegenheit, in
großem Stil Beute zu machen, zum Ersatz für ausbleibenden Sold und zu
einem Mittel, die Soldaten bei Laune zu halten. Solche Plünderungen aber
waren ein Problem, wenn man nach der Eroberung auf die Stadt und ihre
Bevölkerung angewiesen war, sei es, weil man keine großen Kräfte für die
Besatzung zurücklassen wollte, sei es, weil die Stadt zum eigenen Herr­
schaftsgebiet gehörte und man auf ihre zukünftige Loyalität zählen musste.
So war es auch im Falle Pilsens, und Mansfeld hatte seinen Söldnern trotz
der Erstürmung der Stadt deren Plünderung untersagt.60 Umso dringlicher
war es für ihn, Geld für die ausstehenden Soldzahlungen aufzutreiben.
Als Erstes verabschiedete Mansfeld einen Teil der Truppen, um so die
Summe des zu zahlenden Soldes zu vermindern. Er entließ all jene, die er
nur für Schanzarbeiten zur Vorbereitung der Belagerung gebraucht hatte,
und behielt von den Kampftruppen nur seine erfahrenen Soldaten, mit
denen er schon in der Vergangenheit Krieg geführt hatte. Solche Abdan­
kungen waren ein probates Mittel, um die im Verhältnis zu den finanziellen
Möglichkeiten einer kriegführenden Partei überdimensionierten Militärap­
parate wieder zu verschlanken. Zurück blieben dabei nur die Kadertrup­
pen, die man brauchte, um die Truppenstärke, wenn es erforderlich und
finanziell möglich war, wieder zu erhöhen. Mansfelds erfahrene Soldaten
waren ein Kaderverband, der schnell verdoppelt und verdreifacht werden
konnte. Diese Kader zusammenzuhalten und sie den jeweils Interessierten
zur Verfügung zu stellen, war Mansfelds Geschäftsmodell. Militärverbände,
die eine solche Kaderstruktur aufwiesen und je nach Lage vergrößert und
verkleinert werden konnten, waren sehr viel leistungsfähiger als neu auf­
gestellte Truppen, denen im Gefecht die erfahrenen Soldaten fehlten, das
«geübte, versuchte und beschossene Volck», wie man es nannte.61 Vor
allem verfügte ein auf diese Weise flexibler Truppenverband über eine hin­
reichend große Zahl von Drillmeistern, denen es oblag, die neu Angewor­
150 EIN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

benen möglichst schnell im Gebrauch der Waffen und in taktischen Forma­


tionen zu unterweisen.
Dass die Mannschaftsstärke des Mansfeld’schen Korps Ende Novem­
ber reduziert wurde, war mit Blick auf die jahreszeitlich bedingte Einstel­
lung der Kampfhandlungen aus finanziellen Gründen naheliegend. Es
zeigte aber auch die strategische Kurzsichtigkeit der böhmischen Stände
und ihrer Direktoren, denn gerade diese Zeit hätte man zur Ausbildung
neu angeworbener Soldaten nutzen können, um im Frühjahr dann zeitig
mit starken Kräften in die Offensive zu gehen und die Entscheidung des
Krieges auf dem Schlachtfeld zu suchen. Dazu hätten freilich erhebliche
Finanzmittel bereitgestellt werden müssen, doch dafür waren die Stände zu
knausrig. Sie wollten, um es zu pointieren, politische Mitspracherechte und
religiöse Freiheiten, aber beides sollte nicht viel kosten. Am liebsten hätten
sie einen Dritten gefunden, der die militärischen Unternehmungen finan­
zierte, und entsprechend sind die Stände im darauffolgenden Jahr auch an
die Königswahl in Böhmen herangegangen. Das ist der wohl entscheidende
Unterschied zwischen dem Aufstand der Niederlande und dem in Böhmen.
Die Niederländer hatten eine Vorstellung davon, worauf sie sich einließen,
wenn sie gegen ein Weltreich rebellierten, und dementsprechend waren sie
bereit, das Projekt ihrer Unabhängigkeit von Spanien durch den Einsatz
von Hab und Gut zu unterstützen. Das war bei den Böhmen nicht der Fall,
und so hielten sie die Trappe Mansfelds knapp und glaubten, den Krieg
mit einem kostengünstigen Aufgebot aus Adel und bewaffnetem Landvolk
gewinnen zu können.

Militärgeschichtlich gesehen war das frühe 17. Jahrhundert die Endphase


einer Zwischenzeit, in der das Kriegswesen aus zwei miteinander konkur­
rierenden, mitunter auch komplementären Elementen bestand. Einerseits
gab es die überkommenen Formen des mittelalterlichen Lehnswesens, das
Kriegführung über personale Bindungen und Verpflichtungen organisierte
und durch ein Aufgebot freier Bauern, häufig in Gestalt eines Landesde-
fensionswesens modernisiert, ergänzt wurde. Die Defensionsregelungen
sahen vor, dass im Verteidigungsfall die wehrhaften Männer, Städter wie
Bauern, zu den Waffen gerufen und relativ ortsnah eingesetzt wurden.
Das Bild - ein Holzstich nach einem Gemälde von Werner Schuch -
zeigt die Vorstellung, die man sich Ende des 19. Jahrhunderts in der
akademischen Historienmalerei vom Dreißigjährigen Krieg und den
berüchtigten Söldnerverbänden Ernst von Mansfelds gemacht hat: keine
Heersäulen, keine nach Infanterie und Kavallerie geordneten Verbände,
auch keine Trennung von Tross und Kampftruppen, sondern alles in
bunter Mischung. Im Zentrum ein schwerer Wagen, der über einen vom
Regen aufgeweichten Weg gezogen wird; Fass und Frau unter der Zeltplane
lassen vermuten, dass es sich um einen Marketenderwagen handelt. Rechts
davon ein störrischer Esel, der vorangeprügelt wird: Dieser Trupp hat es
nicht auf den Feind, sondern auf das nächste Gehöft oder Dorf abgesehen.

Andererseits war ein professionelles Kriegertum entstanden, dessen Wur­


zeln ebenfalls bis ins Mittelalter zurückreichten, das aber im Verlauf des
15. Jahrhunderts durch das Condotteri-System Italiens, die Organisation
militärischer Arbeitskraft durch einen Kriegsunternehmer, einen erheb­
lichen Entwicklungsschub erfahren hatte. Dabei trat der Sold, also Geld­
zahlung als Grundlage der Dienstbereitschaft, an die Stelle der personalen
Bindung.62 In beiden Fällen wurde militärische Leistungsfähigkeit je nach
Bedarf verfügbar gemacht: Die Ritter und die Bauern wurden aufgeboten,
wenn ein Kampf zu bestehen war, aber sie befanden sich nicht ständig im
Krieg, und die Truppen eines Condottiere (von italienisch condotta, Füh­
rung) wurden von einem Fürsten oder einer Stadt unter Vertrag genom-
152 EIN A UFSTAND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

men, wenn ein Krieg drohte oder man seine Ansprüche gegen andere mit
Waffengewalt durchsetzen wollte. Stehende Heere gab es so gut wie nicht,
und die Handvoll Soldaten, die von den Städten für den Wachdienst an
ihren Toren besoldet wurden, hatten eher polizeiliche als militärische Auf­
gaben. Das war, gemessen an späteren Strukturen, ein relativ günstiges Ver­
fahren, um militärische Arbeitskraft zu organisieren: Kosten - sieht man
einmal von der auf die Gesamtbevölkerung bezogen dünnen Schicht der
Ritter ab - fielen nur im Bedarfsfall an. Krieg war ein saisonal und regional
beschränktes Ereignis. Nur dort, wo eine verdichtete Staatlichkeit und ein
gesellschaftliches Mehrprodukt, ein Überschuss an Gütern, zusammenka­
men, war es möglich, Krieg in größeren Räumen und über längere Zeit zu
führen. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war das eigentlich nur in den Nie­
derlanden der Fall, wo mit dem spanischen Weltreich und den aufständi­
schen Provinzen zwei reiche Akteure aufeinandertrafen, die über stehende
Heere verfügten. Was sich hier entwickelte, war eine neue Art der Kriegfüh­
rung, in der Festungssysteme eine besondere Rolle spielten und oft mehr
gegen die Logistik des Gegners operiert wurde als gegen dessen Streitkräfte.
In diesem Krieg erfuhren die Waffensysteme und die taktischen Forma­
tionen einen Entwicklungsschub, der zum Schwungrad dessen wurde, was
man als die militärische Revolution in Europa bezeichnet.63
Während in Westeuropa mit dem Geld, das in das Kriegswesen floss,
die Waffentechnologie weiterentwickelt wurde und Heere professioneller
Söldner entstanden, hielt man im östlichen Mitteleuropa an den leichten
Reiterverbänden fest, die schwarmartig in ein Gebiet einfielen und es ver­
wüsteten. Diese Verbände waren nicht in der Lage, eine Schlacht gegen die
modernen Heere mit ihren unterschiedlichen Waffengattungen zu füh­
ren.64Andererseits war die leichte Reiterei nicht überflüssig geworden, und
wenn sie auch in den Feldschlachten des Dreißigjährigen Krieges keine
ausschlaggebende Rolle spielte, so war sie doch bei der Verfolgung eines
geschlagenen Gegners überaus nützlich. Geradezu unentbehrlich war sie,
wenn es darum ging, große Räume zu beherrschen, gegen den Feind aufzu­
klären oder die Versorgungslinien gegnerischer Truppen anzugreifen. Die
ständige Klage Mansfelds, dass ihm die Reiterei fehle und er deswegen nur
beschränkt handlungsfähig sei, belegt dies nur allzu deutlich.65
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz 153

Das Geschehen des Dreißigjährigen Krieges entwickelte sich zwi­


schen diesen beiden Elementen der Kriegführung, ihrem direkten Zusam­
mentreffen, ihrer Vermischung und schließlich ihrer strategischen wie
taktischen Kombination. Die wiederholten Einfälle Bethlen Gabors nach
Ungarn und bis vor die Tore Wiens stehen für den mittelosteuropäischen
Typ der Kriegführung,66 während die Operationen am Niederrhein wäh­
rend der zweiten Jülicher Erbfolgekrise den westeuropäischen Typ von
Kriegführung repräsentieren.67 Der Krieg in Böhmen und den angrenzen­
den Gebieten wurde in einer Mischform beider Typen ausgetragen, wobei
schon früh absehbar war, dass langfristig derjenige die Oberhand behal­
ten würde, der an modernen Truppen überlegen und weniger der Tradi­
tion verhaftet war. Insofern war es eine weitere Fehlentscheidung, dass die
Prager Direktoren stärker auf ihr Ständeheer als auf die Söldnerverbände
Mansfelds setzten. Sie investierten einfach nicht genug in den Erfolg ihres
politischen Projekts.

Im Herbst 1619 sah es für die Böhmen indes noch recht gut aus. Der Einfall
Bethlen Gabors nach Ungarn war erfolgreich, die Verbände des Sieben­
bürgers stießen vor bis Preßburg, das heutige Bratislava, und eroberten
die Stadt. Damit war der Weg nach Wien offen, so dass dem in Böhmen
stehenden Bucquoy vom kaiserlichen Kriegsrat der Befehl erteilt wurde,
sich mit seinen Einheiten zurückzuziehen, um das Zentrum der habsbur­
gischen Lande zu decken.68 In diesen Rückzug hineinzustoßen und dem
Gegner dabei größere Verluste zuzufügen, ihm vor allem den Tross und die
mitgeführten Kanonen wegzunehmen, wäre die Chance des böhmischen
Ständeheeres gewesen. In einer geordneten Schlacht hätten die kriegs­
unerfahrenen Bauernsoldaten dieses Heeres die wallonisch-flandrischen
Berufssoldaten Bucquoys kaum besiegen können, aber fortgesetzte Atta­
cken auf einen nicht in Gefechtsformation befindlichen Heereszug hätten
gute Erfolgsaussichten gehabt. Die Böhmen ließen diese Gelegenheit unge­
nutzt verstreichen und folgten den Kaiserlichen erst in größerem Abstand.
Es fehlte die militärische Initiative, um den «Beobachtungskrieg» in einen
auf militärische Entscheidungen ausgerichteten Krieg zu verwandeln, und
es fehlte am Sold, um die Truppen für die erforderlichen Anstrengungen zu
1 54 E IN A UFSTAND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

motivieren: Als sie den Befehl erhielten, den abziehenden Gegner zu ver­
folgen, erklärten ihre Wortführer, sie würden ihre Stellungen erst verlassen,
nachdem ihnen zumindest ein Teil des rückständigen Soldes ausbezahlt
worden sei.
Gleich zu Beginn des Krieges zeigte sich hier ein Problem, das immer
wieder auftreten sollte: der «Kampfstreik» beziehungsweise die Befehls­
verweigerung von Truppen, die seit längerem keinen Sold erhalten hatten.
Indem die Truppen meuterten, griffen sie auf das einzige ihnen zur Ver­
fügung stehende Mittel zurück, um Soldzahlungen, zumindest Abschlags­
zahlungen auf den Sold, zu erzwingen. Sie verweigerten die Befehle, um
die ihnen gegebenen Zusagen durchzusetzen und den Kriegsherrn zur
Vertragstreue zu zwingen.69 Die Alternative zur Meuterei war die Deser­
tion, aber damit gab der Betreffende seinen Anspruch auf den ausstehen­
den Sold auf.70 Beides, Meuterei wie Desertion, stand unter strenger Strafe,
und diese Strafen waren in den Artikelbriefen, die den Kriegsknechten bei
ihrer Anwerbung verlesen wurden, eingehend beschrieben. Desertion war
im Prinzip ein individueller Vorgang, auch wenn es im Verlauf des Krieges
immer wieder zu Massendesertionen kam; Meuterei dagegen war nur im
Kollektiv möglich und setzte ein gefestigtes Vertrauensverhältnis innerhalb
der Truppe voraus. Dass Soldaten desertierten, war ein normaler Begleit­
vorgang der Kriegführung dieser Zeit, und in bestimmten Phasen nahm die
militärische Führung Desertion hin, ohne größere Anstrengungen dagegen
zu unternehmen. Sie wurde verschiedentlich als ein Vorgang der Reinigung
der Truppe von unwilligen und unfähigen Soldaten angesehen und hatte
erhebliche Soldersparnis zur Folge. Desertion in großem Stil führte dazu,
dass eine Einheit auf ihre Kaderstruktur abgeschmolzen wurde.71 Das war
manchem Obristen in Phasen, in denen das Kriegsgeschehen Stillstand,
durchaus recht. Vor und während einer Schlacht war das anders: Hier
wurde Desertion als Feigheit und Verrat begriffen und hart bestraft - in der
Regel mit dem Tod. Dementsprechend wurden in gefechtsnahen Konstel­
lationen auch geeignete Vorkehrungen getroffen.
Meutereien dagegen waren stets eine überaus ernst zu nehmende Her­
ausforderung für die Heeresführung, und sie verlangten eine unmittelbare
Reaktion - in der Regel Abschlagszahlungen auf den Sold, mit denen die
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz ISS

Situation beruhigt wurde. So war es auch beim böhmischen Heer im Herbst


1619. Als es sich endlich in Bewegung setzte, war die Gelegenheit vertan, die
Truppen Bucquoys auf dem Rückzug anzufallen und in Einzelgefechte zu
verwickeln.72 Schließlich kam es am 24. Oktober bei Ulrichskirchen doch
noch zu einem Zusammenstoß beider Seiten, der sich aber nicht zu einer
Schlacht entwickelte, da Bucquoy dem kräftemäßig überlegenen Gegner
auswich und sich über die Donau zurückzog. Die Kaiserlichen brachen die
Donaubrücke hinter sich ab, und so konnten Thurn und Hohenlohe mit
den Böhmen nicht nachsetzen. Die böhmischen Truppen bezogen links
der Donau Stellung, und Thurn und Hohenlohe begaben sich nach Preß-
burg, wo sie mit Bethlen Gabor das weitere Vorgehen besprachen. Man
kam überein, einen Vorstoß auf Wien zu unternehmen, wobei freilich offen
blieb, welches strategische Ziel dabei verfolgt werden sollte: die Einnahme
Wiens und damit die Besetzung des feindlichen Zentrums, die Verheerung
des Landes, um die Ressourcen des Kaisers für eine offensive Kriegführung
nach Böhmen und Mähren hinein zu vermindern, oder die Unterstützung
der österreichischen Opposition gegen die Habsburger, die eine Rebellion
der Landstände anstoßen sollte, um nach böhmischem Vorbild die Abset­
zung des Landesherrn zu betreiben.
Das Problem des von den aufständischen Böhmen und Bethlen Gabor
geführten Koalitionskrieges war, dass man sich nie auf einen gemeinsamen
Zweck des Krieges verständigen konnte, so dass beide Seiten ihre je eige­
nen Ziele verfolgten.73 Das Ergebnis war strategisches Chaos. Um Wien zu
erobern, fehlte den verbündeten Heeren, die am 21. November bei Preß-
burg in einer Stärke von mehr als 40 000 Mann die Donau überschritten,
das schwere Geschütz, mit dem man die Mauern der stark befestigten Stadt
hätte brechen können. Die beiden anderen Ziele schlossen sich gegensei­
tig aus: Wenn man einen Aufstand gegen die Habsburger entfachen wollte,
musste man die Bevölkerung gut behandeln und durfte sie nicht ausplün­
dern. Genau das aber tat das Heer: die Böhmen, um sich für den rückstän­
digen Sold durch Beute schadlos zu halten, und die Reiter Bethlens, weil
sie genau dafür in den Krieg gezogen waren. Die Dörfer und Städte auf
dem Weg nach Wien wurden ausgeplündert, einige niedergebrannt. Die
siebenbürgischen Reiter Bethlens, denen sich inzwischen auch Ungarn
156 EIN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

angeschlossen hatten, taten sich dabei durch besondere Grausamkeiten


hervor.74
Graf Thurn wiederum scheint darauf gesetzt zu haben, dass ihm dieses
Mal gelingen werde, woran er im Frühjahr des Jahres bei seinem ersten Vor­
stoß vor die Tore Wiens gescheitert war: die österreichischen Stände zum
Aufstand gegen die Habsburger zu bringen und damit den Krieg erfolgreich
zu beenden. Obwohl Thurn Anfang Juni mit einer sehr viel geringeren Hee­
resmacht vor Wien aufgetaucht war - es dürften 10 ooo Mann gewesen sein,
die sich bis zum Abzug Mitte Juni auf 5000 Mann verringerten - , waren
seine Erfolgsaussichten damals erheblich größer gewesen als jetzt. Als sich
die Truppen beim ersten Vorstoß am 5. Juni den Vorstädten Wiens näher­
ten, war die Stadt nämlich so gut wie nicht verteidigungsbereit.75 Ferdi­
nand. der sich zu dieser Zeit in Wien aufhielt, reagierte auf die Bedrohung,
indem er seine geistlichen Übungen verdoppelte; gleichzeitig erteilte er die
Anweisung, die in der näheren Umgebung stehenden eigenen Militärver­
bände umgehend nach Wien in Marsch zu setzen. Am Vormittag des 5. Juni
empfing er die protestantischen Landstände zu einer Audienz, bei der diese
von ihrem Landesherrn in harschem Ton verlangten, den Krieg gegen die
böhmischen Glaubensgenossen zu beenden und in den österreichischen
Erblanden dieselbe Religionsfreiheit zu gewährleisten, die den Böhmen
im Majestätsbrief zugestanden worden war. Es ist unklar, ob sich die Szene
tatsächlich so zugetragen hat oder ob es sich um eine nachträgliche Stili­
sierung zu einem Mythos des historischen Augenblicks handelt. Jedenfalls
wird berichtet, Ferdinand habe dieses Ansinnen in großer Ruhe und Gelas­
senheit zurückgewiesen, woraufhin die Ständevertreter eine drohende Hal­
tung eingenommen hätten. Just in diesem Moment seien vier Kornetts des
Kürassierregiments Dampierre in die Wiener Hofburg eingeritten, womit
sich die Lage sofort verändert habe. Die Ständevertreter hätten sich schleu­
nigst entfernt, und die «fünfte Kolonne», die in Wien bereitgestanden habe,
um den vor der Stadt stehenden Böhmen die Tore zu öffnen, habe sich eine
solche Aktion nicht mehr zugetraut und sei untätig geblieben. Da Thurn
die Voraussetzungen für eine Belagerung der Stadt oder gar ihrer Erstür­
mung fehlten, trat er eine Woche später den Rückzug an. Wahrscheinlich
nötigte ihn dazu auch der militärische Erfolg, den die in Böhmen operie­
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz 157

renden kaiserlichen Verbände unter Bucquoy bei Sablat errungen hatten.


Mansfeld hatte unvorsichtig agiert und war in eine Falle gegangen. Seine
Söldner hatten erhebliche Verluste erlitten, und das in Österreich stehende
Heer der Böhmen geriet in Gefahr, von seinen rückwärtigen Verbindun­
gen abgeschnitten zu werden.76 «Der Zug des Grafen Thurn gegen Wien»,
so das Urteil Moriz Ritters, «bezeichnete einen Höhepunkt, aber auch die
vorläufige Grenze der böhmischen Erfolge.»77
Der neuerliche Vorstoß auf Wien Ende November 1619 verlief nach
demselben Muster - allerdings befanden sich dieses Mal von Anfang an
starke Verbände in Wien, so dass an einen Sturm trotz der sehr viel größe­
ren Zahl der Angreifer nicht zu denken war.78Bucquoy war nämlich nicht in
Böhmen geblieben, sondern hatte sich nach Wien zurückgezogen, wo die
Einquartierung seiner Soldaten in Bürgerhäusern für erhebliche Unruhe
sorgte. Eine längere Belagerung der Stadt kam für die Böhmen nicht in
Frage, da die Versorgung einer so großen Armee zu viele Probleme mit sich
gebracht hätte. Der Einfall polnischer leichter Reiter nach Siebenbürgen
veranlasste Bethlen und mit ihm auch Thurn schließlich zum Rückzug. Es
war das letzte Mal, dass die Böhmen zu einer strategischen Offensive in der
Lage waren, denn nun stellte Bethlen Gabor das Bündnis mit der Confoede-
ratio Bohemica in Frage. Für ihn zeichnete sich ab, dass er in das Bündnis
mehr investieren musste, als er im günstigsten Fall an Gewinn einstreichen
konnte. Er schloss mit dem Kaiser einen Vertrag, der ihn und seine Nach­
folger in den Besitz größerer Teile Ungarns brachte. Ferdinand ließ sich
auf so weitgehende Konzessionen ein, weil er hoffte, dadurch den Fürsten
von Siebenbürgen auf längere Zeit militärisch neutralisieren und sich ganz
auf einen Krieg gegen die Confoederatio Bohemica konzentrieren zu kön­
nen: Gegen sie wollte er im Jahr 1620 die Entscheidung herbeiführen. Die
Voraussetzung dafür schuf er, indem er die Böhmen Schritt für Schritt von
ihren Verbündeten trennte und mögliche Nebenkriegsschauplätze schloss.
Dadurch war er in der Lage, alle verfügbaren Kräfte gegen das Zentrum der
antihabsburgischen Koalition einzusetzen.
158 E IN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

König für ein Jahr:


Friedrich von der Pfalz in Böhmen

Unterdessen zog Friedrich von der Pfalz mit großer Pracht in Prag ein
und ließ sich zum König von Böhmen krönen. Von Heidelberg aus war er
zunächst nach Amberg gereist, dem Verwaltungszentrum der Oberpfalz,
wo der kaiserliche Gesandte Graf Fürstenberg ihn noch einmal von seinem
Vorhaben, die böhmische Königskrone anzunehmen, abzuhalten suchte. Er
brachte einen eigens dafür einberufenen Reichstag ins Gespräch, auf dem
alle kontroversen Fragen geklärt werden sollten. Von einem Reichstag, so
Friedrichs Entgegnung, sei keine Lösung zu erwarten, wie ja auch die letzten
Reichstage zu nichts geführt hätten, und was die böhmische Krone anbe-
treffe, so wolle er sich diese Frage noch offenhalten.79 Nach einwöchigem
Aufenthalt in Amberg reiste der Kurfürst bis zur böhmischen Grenze, wo
ihn eine Delegation aus Prag erwartete, die ihn als neuen König begrüßte.
Von dort zog der über 500 Personen umfassende Hofstaat über Eger weiter
nach Prag, wo man am frühen Morgen des 31. Oktober ankam. Prächtige
Kutschen, über 1000 reich ausstaffierte Reiter, zahllose Bürger, die Spalier
standen - der Einzug Friedrichs soll etwa 50 000 Gulden gekostet haben.
Das war in Anbetracht der Soldrückstände, unter denen die Armee litt
und die gerade im Winter 1619/20 dramatische Ausmaße annahmen, eher
unangemessen. Ludwig Camerarius, einer der Friedrich begleitenden Räte,
stellte dazu in einem Brief an den kurpfälzischen Kanzler Johann Chris­
toph von der Grün fest: «M eo judicio [nach meinem Urteil] wäre das Geld
zu Zahlung des Kriegsvolks besser angelegt gewest.»80
Am 4. November folgte die Krönung im Veitsdom, ein nicht weniger
prachtvolles und aufwendiges Ereignis, das so gar nicht zu der Lage passte,
in der sich das Land befand: Dukaten wurden in die Menge geworfen, und
aus einem Brunnen floss weißer und roter Wein für jedermann. Es hat den
Anschein, als wollte man mit der Feier davon ablenken, dass man sich im
Krieg befand, dass dieser Krieg bislang nicht wirklich glücklich verlief und
immer mehr Mächte, auf die man als Bündnispartner gesetzt hatte, auf
Distanz gingen. Friedrich ließ sich offenkundig von der optimistischen
Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz, wird im Prager Veitsdom zum
König von Böhmen gekrönt. Die Zeremonie wird nicht von dem
Prager Erzbischof vorgenommen, sondern von dem utraquistischen
Administrator Georg Dicastus. Friedrich ist umgeben von den Direktoren
der Confoederatio Bohemica, die ihm huldigen, indem sie die Krone
berühren. An der Zeremonie nehmen nur wenige Reichsfürsten teil; sie
sitzen auf den bezifferten Plätzen am linken unteren Bildrand, wo sie als
Beglaubiger der Krönung dienen. Der zeitgenössische Stich zeigt, wie man
Friedrich salbt, ihm den Königsmantel anlegt und die Krone aufsetzt.

Stimmung in Prag anstecken und unternahm nicht die Anstrengungen, die


erforderlich gewesen wären, um das Heft des Handelns in die Hand zu
bekommen. «E r macht sich die Sache leicht und setzt alles auf Gott», so
sein Berater Camerarius.81 Aber Friedrich waren auch die Hände gebun­
den: Fast alle wichtigen Ämter in Prag waren mit Personen besetzt, die bei
i6 o EIN A UFSTAND, DER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

der Adelsrebellion eine Rolle gespielt hatten und sich nicht durch die ange­
reisten Pfälzer Räte ablösen ließen. Wenn es zu Revirements kam, dann
wurden Böhmen durch Böhmen ersetzt. Schließlich hatten sie ihre liber­
tär-ständischen Freiheiten nicht erkämpft, um die kaiserlich-katholischen
gegen kurpfälzisch-reformierte Amtsträger austauschen zu lassen. Doch
die im Verlauf der Rebellion an die Macht gekommenen Männer waren
ihren Aufgaben nicht oder nur unzureichend gewachsen, und so mangelte
es an vielem, was hätte funktionieren müssen, um sich gegen eine Koalition
übermächtiger Feinde zu behaupten. Bei den kurpfälzischen Räten machte
sich Skepsis breit, ob das böhmische Abenteuer ihres Fürsten ein glückli­
ches Ende nehmen werde.
«Es ist allenthalben», so berichtet Camerarius im Anschluss an die
Krönung Friedrichs nach Heidelberg, «tarn in politicis quam re militari
[in politischen wie in militärischen Angelegenheiten] ein übermachte Con-
fusion und Unordnung / bey der Cantzley und Cammer alles unrichtig
und im üblen Zustand / daß unser gnädigster Herr in eine sehr schwere
gefährliche Regierung einsitzet.» Und: «D er grösste Mangel ist an Geld /
und da deßwegen nicht Rath und Mittel gefunden werden / dürffte einmal
urplötzlich groß Ungelegenheit entstehen.»82 Immerhin wurde Christian
von Anhalt, der das böhmische Abenteuer Friedrichs initiiert und den Kur­
fürsten maßgeblich zur Annahme der böhmischen Krone gedrängt hatte,
an die Spitze des böhmischen Militärs gestellt. Damit wurde die bislang
zwischen Graf Thurn und Graf Georg Friedrich von Hohenlohe geteilte
Führung beseitigt, die unter anderem für die zögerliche und widersprüchli­
che Kriegführung verantwortlich war.
Camerarius war aus der Pfalz mitgekommen, um zu helfen, effiziente
Strukturen herzustellen, und sah sich nun in Prag zu Passivität verurteilt. Er
wurde in eine Beobachterposition hineingedrängt, und was er sah, erfüllte
ihn mit großer Sorge. Dazu gehörte auch der Umstand, dass Friedrich selbst
zwar von der Prager Bevölkerung freundlich und offenherzig aufgenommen
wurde, seine Frau Elisabeth aber auf wachsende Ablehnung stieß. Camera­
rius vermerkt mit Genugtuung, dass Friedrich bei der Krönungszeremonie
die vom Oberstburggrafen vorgesprochene Verpflichtungsformel «in Böh­
mischer Sprache» nachgesprochen habe und ihm das so gut gelungen sei,
König für ein Jahr: Friedrich von der Pfalz in Böhmen 161

«daß die Böhmen es nicht genug rühmen können / und daher die vorhin /
GOtt lob / ins gemein starcke Benevolentz vermehret wird».83 Was ihn
dagegen beunruhigte, war das Auftreten der Königin: Sie beherrschte das
Deutsche nur rudimentär, pflegte deswegen Englisch oder Französisch zu
sprechen; Böhmisch sprach und verstand sie überhaupt nicht. Schon bald
wurde in Prag mit Missfallen beobachtet, dass sie sich bei der Einteilung
des Tagesablaufs an keine Ordnung hielt, weder bei den Mahlzeiten noch
beim Kirchenbesuch. Und auch ihre Kleidung, zumal das üppige Dekollete
- «die entblößte Brust» - , das von ihr und ihrem Hofstaat gepflegt wurde,
erregte erheblichen Unwillen.84 Camerarius hält fest: «Wann nur das Eng­
lisch exorbitirn [gemeint ist das Auftreten der Königin] nicht die Gemühter
ändert / so ist alles gut. Daß man mit dem Essen / und zur Kirchen gehen
aufs Frauenzimmer warten muß / und andere puntilien verursachen schon
offendicula, und ärgert sonderlich die Böhmischen Damen / daß man die
Brüste nicht zudecket. Sed forte corrigenda ista, ut omnino corrigenda sunt
[das ist entschieden zu ändern, so wie alles zu verändern ist]. » 88Camerarius
beobachtete all dies, und da er daran nichts ändern konnte, weil er auf die
böhmische Verwaltung keinen Zugriff und auf die selbstbewusste Königin
- Moriz Ritter nennt sie «übermütig»86 - keinen Einfluss hatte, brachte er
seine Hoffnung und sein Vertrauen auf Gott zum Ausdruck: « Gott kan und
wird alles zu erwünschtem End schicken / der bißhero alles so wunderbar
geführt hat.»87
Neben Stil- und Geschmacksfragen gab es zwei größere Probleme, die
zur Entfremdung zwischen Friedrich und den Böhmen beitrugen: das eine
war dynastischer, das andere konfessionspolitischer Art. Friedrich wollte
die Verbindung zwischen der Pfalz und Böhmen durch die Vererbung der
ihm gerade übertragenen Königswürde gesichert wissen und drängte darauf,
dass die Stände seinen ältesten Sohn Friedrich Heinrich so schnell wie mög­
lich zum künftigen König wählten.88 Friedrich war damals dreiundzwanzig
Jahre alt, sein Sohn erst fünf, und so kam diese Forderung vielen Stände­
vertretern wie eine Verhöhnung des gerade erst durchgesetzten Wahlrechts
vor. Sie vertrösteten den König, indem sie ihm versprachen, dass sich die
im Frühjahr 1620 zusammentretende Ständeversammlung mit dieser Frage
befassen werde. Immer deutlicher wurde sichtbar, dass Friedrichs dynasti­
1Ö2 E IN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

sehe Ambitionen, die für ihn das Risiko des böhmischen Abenteuers abfe­
dern sollten, und das politische Selbstbewusstsein der Ständevertreter nicht
zusammenpassten.
Friedrichs Auftreten in Prag stellte aber nicht nur das Verfassungsver­
ständnis der Böhmen in Frage, sondern berührte bald auch den zweiten
Grund, weshalb die Böhmen gegen die Habsburger revoltiert hatten. Die
Prager waren stolz auf ihren Veitsdom, der die Grablege der böhmischen
Könige und der letzten drei hahsburgischen Kaiser war und den man im
Laufe der Zeit mit Altären, Bildern und Schnitzwerk reich ausgestattet
hatte. Die lutheranisch-hussitischen Pfarrer, die hier den Gottesdienst hiel­
ten, hatten sich daran ebenso wenig gestört wie die Prager Bevölkerung.
Für die calvinistische Verkündigungsauffassung, die sich ganz auf das Wort
konzentrierte, war die aufs Auge gerichtete Pracht jedoch unerträglich,
und so drängte Abraham Scultetus, der aus Heidelberg mitgekommene
Hofprediger des Kurfürsten, auf die Reinigung des Domes von den «ver­
dammten Götzenbildern». Als man ihm zur Geduld riet, um die Empfin­
dungen der Prager nicht zu verletzen, erwiderte er mit den Worten des Pro­
pheten Samuel, wer mit der Zerstörung der Götzenbilder warte, sei nicht
mit ganzem Herzen zu Gott bekehrt.89 Also wurde der Dom von seinen
Kunstwerken «gesäubert», damit Friedrich dort ein Weihnachtsfest nach
reformiertem Verständnis feiern konnte. In der Folge wuchs bei den Böh­
men der Verdacht, ihre Verbindung mit den Reformierten könne sich als
ein großes Missverständnis heraussteilen. Dieser Verdacht verstärkte sich,
als Scultetus im Frühjahr 1620 forderte, Friedrich solle die unter königli­
chem Patronat stehenden Pfarrstellen nicht länger durch die lutherisch
dominierte Landesbehörde besetzen lassen, sondern die Besetzungen nach
eigenem Ermessen selbst vornehmen, um durch calvinistische Pfarrer das
reformierte Bekenntnis in Böhmen zu befördern. Das war für viele Böh­
men eine Erneuerung der religiösen Bevormundung, von der sie sich mit
der Vertreibung der Jesuiten gerade erst befreit zu haben glaubten.

Unterdessen hatte sich die militärische Lage für die Böhmen verschlechtert,
ebenso die Aussicht auf zuverlässige Verbündete. Bethlen Gabor wollte
zwar trotz des mit dem Kaiser geschlossenen Vertrags seine Verbindungen
König für ein Jahr: Friedrich von der Pfalz in Böhmen 163

zu ihnen nicht aufgeben, aber in Anbetracht seines notorischen Schwan­


kens konnte man bei der strategischen Planung für das Jahr 1620 nicht auf
ihn bauen. Die Union, der Bündnispartner im Reich, hatte zwar Truppen
geworben, diese blieben jedoch, wie man das in Rothenburg beschlossen
hatte, in Wartestellung an der oberen Donau. Jakob I. weigerte sich wei­
terhin, seinem Schwiegersohn irgendeine Hilfe zu gewähren, was er noch
einmal bekräftigte, als der württembergische Hofrat Benjamin Bouwing-
hausen im Sommer 1620 in Den Haag, London und Paris sondierte, mit
welcher Unterstützung der bedrängte Pfälzer rechnen könne. In England
wurde ihm am deutlichsten beschieden, dass von dort keinerlei Unterstüt­
zung zu erwarten sei.90Auch die Niederlande zögerten, sich auf den Diver­
sionskrieg einzulassen, den sie für den Fall zugesagt hatten, dass spani­
sche Truppen aus den südlichen Niederlanden eingesetzt würden, um die
Kurpfalz zu erobern.91 Genau das zeichnete sich aber ab. Währenddessen
brachen im böhmischen Ständeheer im Frühjahr und Sommer 1620 Meu­
tereien aus, mit denen die Soldaten die ausstehenden Soldzahlungen ein­
forderten, und Christian von Anhalt, dem neuen Oberkommandierenden,
war es bis dahin nicht gelungen, in der aus Einzelteilen zusammengefüg­
ten Heeresmasse militärische Disziplin durchzusetzen und die Truppen
taktisch so zu schulen, dass sie in einer Schlacht aussichtsreich eingesetzt
werden konnten.92
Während sich die Dinge für Friedrich immer weiter zum Schlechten
wandelten, entwickelten sie sich für Ferdinand zum Besseren. Den Anstoß
dafür gab der spanische König, der durch die Nachricht von der neuerlichen
Bedrohung Wiens im November 1619 aufgeschreckt worden war. Zuvor
schon hatte Philipp angeordnet, wie er an Erzherzog Albrecht in Brüssel
schrieb, «daß von den Truppen, die in Italien stehen, sogleich 7000 Infan­
teristen nach dem Elsaß aufbrechen sollen, davon sind 2000 Wallonen und
1000 Neapolitaner für Böhmen, die übrigen 4000 zur Verstärkung Euren
Heeres [in den spanischen Niederlanden] bestimmt; und zwar zusätzlich
zu dem Regiment portugiesischer Infanterie, das in Portugal aufgestellt
wird und ebenfalls so bald wie möglich in Marsch gesetzt wird. Bis zur
Ankunft der Geldmittel, die für den Unterhalt der Truppen nötig sein wer­
den, die von jetzt an in Böhmen auf meine Rechnung versorgt werden müs­
164 EIN AUFSTA ND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

sen - nämlich 12000 Infanteristen und 1000 Pferde - , habe ich befohlen,
dem Grafen Onate sofort von hier aus 200 000 Dukaten, zumindest aber
150 000 zu schicken; der Rest, der erforderlich ist, muß aus Italien beschafft
werden, nämlich 80 bis 90000 Dukaten pro Monat, mehr kann ich beim
gegenwärtigen Zustand meiner Finanzen nicht tun.»93 Das war eine völlig
andere Sprache als die, welche die Gesandten Friedrichs und der Union zu
hören bekamen, wenn sie um Unterstützung baten.
Anfang Januar spätestens dürfte Philipp sich entschlossen haben, den
Kaiser mit den Truppen zu unterstützen, die unter dem Befehl Bucquoys in
Österreich und Böhmen der böhmischen Ständearmee gegenüberstanden.
Zudem wollte er durch einen großangelegten Angriff auf die Pfalz Bewe­
gung in den Krieg bringen und eine Entscheidung herbeiführen - auch
auf die Gefahr hin, dass dies auf das Ende des Waffenstillstands mit den
nördlichen Niederlanden hinauslaufen würde. Am 11. Januar 1620 teilte
er Erzherzog Albrecht mit, dass die aus Italien nach Flandern in Marsch
gesetzten 6000 Infanteristen und das in Portugal aufgestellte Regiment
mit allen «in Flandern entbehrlichen Truppen» zusammengefasst werden
sollten, «um eine Armee zu bilden, die von dort aus in die Pfalz einmar­
schiert». Noch einmal verwies er auf die Geldmittel, die in Spanien sowie
den unter spanischer Herrschaft stehenden Königreichen Neapel und Sizi­
lien aufzubringen seien, und forderte von Albrecht, auf den Bayernherzog
Maximilian und die Fürsten der katholischen Liga einzuwirken, damit auch
sie dem Kaiser zu Hilfe kämen. Er schloss mit der Feststellung, es sei «für
eine Sache, die so sehr Unserem Herren dient», angebracht, «zu allen Mit­
teln zu greifen».94Die politische Führung in Madrid hatte eine sehr genaue
Vorstellung, worum es ging und was sie erreichen wollte - dass Gott dabei
auf ihrer Seite war, weil sie dessen Willen ins Werk setzte, stand für sie
außer Frage.
Man muss sich dieses spanische Agieren vor Augen führen, um einen
Eindruck davon zu bekommen, wie kraftlos, zögerlich und unentschlos­
sen die protestantische Union vorging: Man hatte zwar eine Armee auf­
gestellt, um die Erblande des pfälzischen Kurfürsten gegen Angriffe zu
schützen, wollte sich aber aus dem böhmischen Abenteuer heraushalten.
Die Unionstruppen standen dem Heer der Liga an der Donau gegenüber;
König für ein Jahr: Friedrich von der Pfalz in Böhmen löS

man beobachtete sich, doch dabei blieb es. Zwischenzeitlich wurde seitens
der Union erwogen, die Truppen zu nutzen, um einen Schlag gegen das
inzwischen bayerische Donauwörth zu führen, was wohl zur Konfronta­
tion mit dem Liga-Heer geführt hätte; dann kam die Idee auf, den Schlag
gegen Donauwörth mit einem Angriff des in Böhmen stehenden Mansfeld
auf Passau zu kombinieren, womit die Versorgungslinien der Kaiserlichen
in Böhmen durchtrennt worden wären. Die Liga-Truppen hätten damit
auch gegen Mansfeld operieren und sich infolgedessen auffeilen müssen -
aber das alles waren nur Ideen, die nie zu strategischen Projekten wurden,
geschweige denn zur Ausführung kamen.95 Stattdessen wurde am 3. Juli
1620 unter französischer Vermittlung der Ulmer Vertrag unterzeichnet, in
dem Union und Liga übereinkamen, sich gegenseitig nicht anzugreifen
und die Territorien der je anderen Seite zu respektieren. Die Vertreter der
Lmon willigten wohl auch darum ein, weil das militärische Kräfteverhält­
nis sich stark zugunsten der Liga verschoben hatte: Ihren 24500 Fußsolda­
ten und 5500 Reitern, nach damaligen Maßstäben ein kriegsstarkes Heer
exercitus formatus), konnte die Union gerade einmal 9500 Mann entge­
genstellen.96 An ein offensives Agieren war unter diesen Umständen nicht
zu denken.
Auf den ersten Blick nahm sich die wechselseitige Neutralisierung bei­
der Heere im Ulmer Vertrag9, als ein Erfolg der Union aus. Man war wei­
terhin in der Lage, die Zusage einer Verteidigung der Kurpfalz einzuhalten
und hatte, wie man meinte, den Bayernherzog in einen Vertrag eingebun­
den, der ihn an einem Angriff auf die Oberpfalz hinderte. Zu mehr hatte
man sich nicht verpflichtet. Böhmen spielte in den vertraglichen Verein­
barungen ausdrücklich keine Rolle. Vermutlich war den protestantischen
Verbündeten klar, dass mit dem Ulmer Vertrag die Streitkräfte der Liga für
den Einsatz in Böhmen frei würden. Zwar war nicht ausgeschlossen, dass
auch die Truppen der Union in Böhmen eingreifen konnten, aber das war
nach Lage der Dinge und angesichts der bestehenden Kräfteverhältnisse
völlig ausgeschlossen. Ob nun «das Selbstgefühl der Union schon weit
genug herabgedrückt [war], um einem derartigen Anerkenntnis keine erns­
ten Schwierigkeiten entgegenzusetzen», wie Ritter schreibt,98 ob man sich
angesichts der Anstalten Ambrosio Spfnolas, mit einem starken spanischen
166 E IN AUFSTA ND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Heer in die Rheinpfalz einzufallen, auf die Verteidigung dieser Gebiete


konzentrieren wollte und der Ulmer Vertrag die Möglichkeit eröffnete,
die Truppen zusammenzuhalten, wie Anton Gindely meint," oder ob die
französischen Vermittler und die Union in ihrer wechselseitigen Wahrneh­
mung von falschen Voraussetzungen ausgingen, wie Cicely Veronica Wedg­
wood erklärt100 - das Ergebnis war dasselbe: Maximilian hatte freie Hand,
seine Heeresmacht gegen Friedrich und die Böhmen einzusetzen, und die
Union war am Schluss mit ihren schwachen Kräften nicht in der Lage, die
Rheinpfalz gegen den Angriff der flandrischen Armee zu schützen. Das
Neutralitätsversprechen des Ulmer Vertrags nutzte somit allein der Liga
und dem Kaiser. Wahrscheinlich wäre die Lage aber auch nicht anders
gewesen, wenn die Union den Ulmer Vertrag nicht geschlossen hätte. Die
Übermacht der Gegenseite war einfach zu groß. Um daran etwas zu ändern,
hätte die Union massiv aufrüsten müssen, wozu sie nicht in der Lage war,
weil die Reichsstädte, die als Einzige die dafür erforderlichen Mittel hätten
aufbringen können, dazu nicht bereit waren. Vor allem aber hätten die Pro­
testanten geschlossen auftreten und eine gemeinsame Front bilden müssen.
Davon waren sie weit entfernt.

Entscheidungsschlacht
am Weißen Berg

Für die Böhmen hatte sich die Lage seit Beginn des Jahres 1620 nicht ver­
bessert. Über Monate hin lag die Hauptarmee unter Christian von Anhalt
den Truppen Bucquoys bei Eggenburg gegenüber, beide Seiten in starken
Verschanzungen, so dass keine von ihnen sich einen Angriff auf die gegneri­
schen Positionen zutraute. Die Böhmen litten darunter stärker als die Kai­
serlichen, denn der ausgebliebene Sold hatte zu massiver Unzufriedenheit
im Heer geführt; hinzu kamen Hunger und Desertion, Kälte und Krank­
heiten. Der Mannschaftsbestand des Ständeheeres nahm kontinuierlich ab:
Im Frühjahr waren es gerade einmal 9000 Mann, über die Christian von
Anhalt noch verfügte.101 Währenddessen trafen auf kaiserlicher Seite die
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 167

Verstärkungen ein, die Philipp III. zum Jahreswechsel 1619/20 in Marsch


gesetzt hatte. Vor allem die 7000 Mann unter Don Balthasar de Marra-
ias, der zuvor Gradiska verteidigt hatte und nun als Generalwachtmeister
nach der heutigen Rangordnung Generalmajor) das aus Italien eingetrof­
fene spanische Kriegsvolk führte, machten sich bemerkbar. Marradas, der
von Passau aus in das südliche Böhmen eingedrungen war, band die im
Raum Pilsen konzentrierten Kräfte Mansfelds; beide Seiten führten einen
auf feste Plätze gestützten Kleinkrieg gegeneinander, bei dem sie sich von
ihren jeweiligen Versorgungsbasen abzuschneiden suchten.102 Eine solche
Art der Kriegführung ließ sich, wie sich im weiteren Verlauf des Krieges
noch zeigen sollte, unendlich lange ausdehnen. Hauptleidtragende war die
ländliche Bevölkerung, die ausgeplündert und drangsaliert wurde, ohne
dass für sie ein Ende dessen absehbar war.
Mansfeld, inzwischen zum böhmischen Feldmarschall ernannt, sah in
dieser Strategie die einzige Möglichkeit, sich gegen den kräftemäßig überle­
genen Gegner zu behaupten. Eine große, womöglich kriegsentscheidende
Schlacht war unter allen Umständen zu vermeiden; stattdessen sollten die
Kräfte der Gegenseite durch die Verteidigung der festen Plätze gebunden
und zur Aufteilung gezwungen werden, um sie anschließend, sofern eine
punktuelle Überlegenheit hergestellt werden konnte, überfallartig anzu­
greifen und so nach und nach aufzuzehren.103 Man kann dieses Vorhaben
als strategische Defensive unter Einbezug taktischer Offensiven bezeich­
nen, kann aber auch von einem «lange auszuhaltenden Krieg» im Sinne
Mao Tse-tungs sprechen, bei dem am Schluss die Oberhand gewinnen
würde, wer den längeren Atem und die höhere Opferbereitschaft hätte. Die
Pointe dieser Strategie war, dass sie die zahlenmäßige Überlegenheit der
Gegenseite in deren Schwäche verwandelte, denn die großen Truppenmas­
sen mussten über längere Zeit versorgt werden, und die Versorgung der
durch die Belagerung eines festen Platzes gebundenen Truppen bot zusätz­
liche Angriffspunkte. Wenn die gegnerische Überlegenheit nur unter der
Voraussetzung der Beschleunigung wirksam werden konnte, war ein auf
Entschleunigung angelegtes Gegenhandeln die naheliegende Antwort. Auf
die Bevölkerung des Kriegsgebiets nahm man dabei keine Rücksicht. Und
da das Kriegsgebiet im Unterschied zur Entscheidungsschlacht bei einer
i6 8 EIN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

solchen Art der Kriegführung räumlich immer weiter ausgedehnt wurde,


war die Bevölkerung Süd- und Westböhmens unmittelbarer Gewalt ausge­
setzt.
Mansfelds Operationen im Frühjahr und Sommer 1620 haben wesent­
lich zu seinem R uf als besonders grausamer Heerführer beigetragen. In
Prag konnte und wollte man seinen strategischen Vorschlägen nicht fol­
gen. Ob Mansfelds Strategie als Leitlinie für die gesamte Kriegführung
erfolgreich gewesen wäre, muss dahingestellt bleiben. Mit dem Vorstoß
des ligistischen Heeres auf den böhmischen Kriegsschauplatz veränderte
sich die Lage jedenfalls weiter zu Ungunsten der Böhmen. Unmittelbar
nach Abschluss des Ulmer Vertrags hatte Herzog Maximilian seine Trup­
pen nach Osten in Marsch gesetzt. Am 24. Juli überschritten erste Verbände
die Grenze nach Oberösterreich, um das Bayern als Pfand zugestandene
Gebiet «ob der Enns» unter Kontrolle zu bringen.104 Seit Beginn des böh­
mischen Aufstands befand sich Oberösterreich im Widerstand gegen die
Habsburger. Man weigerte sich, Steuern zu zahlen und Soldaten zu werben.
Stattdessen hatte man eine kleine Söldnereinheit und ein aus bewaffneten
Bauern bestehendes Heer aufgeboten, um sich zu verteidigen. Außerdem
setzte man darauf, dass man im Notfall von den Böhmen Hilfe bekommen
würde. Als die ligistischen Truppen in Oberösterreich einrückten, waren
aber sowohl die Einheiten Mansfelds als auch die Thurns durch starke
gegnerische Kräfte gebunden. Die Truppen der Liga trafen auf keinen nen­
nenswerten Widerstand; so wurde das Land besetzt und unter bayerische
Verwaltung gestellt. Unter dem Statthalter Adam von Herberstorff wurde
ein strenges Regiment errichtet - der Historiker Axel Gotthard spricht von
einer «drückenden, demütigenden Zwangherrschaft»105 - , das jedes Auf­
begehren im Keim erstickte.

Mit dem Eindringen der Streitkräfte der Liga und des Kaisers nach Böh­
men veränderte sich die militärische Lage. Aus dem Kleinkrieg des Früh­
jahrs und Frühsommers wurde ab dem späten August ein Bewegungskrieg,
bei dem vor allem Tilly, der Kommandeur des ligistischen Heeres, die
Initiative an sich riss und seine strategischen Vorstellungen durchsetzte.
Johann Tserclaes Graf von Tilly,106 in Brabant geboren und aufgewachsen,
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 16 9

Ein Porträt aus den beiden


letzten Lebensjahren des
Feldherrn Johann Tserclaes
Graf von Tilly, als der 1559
Geborene bereits über
siebzig Jahre alt war. Im
Lütticher Jesuitenkolleg
erzogen, blieb Tilly durch
eine Religiosität geprägt, die
vor allem in einer großen
Marienfrömmigkeit bestand.
Man hat Tilly darum auch
als «Heiligen im Harnisch»,
«geharnischten M önch»
(er blieb unverheiratet) und
«General der Mutter G ottes»
bezeichnet.

hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Militärkarriere hinter sich.


In den Niederlanden hatte er in spanischen Diensten gekämpft, später in
Ungarn in kaiserlichem Dienst gegen die Türken; dementsprechend war
er mit den neuen Strategien Nordwesteuropas107 ebenso vertraut wie mit
der Kriegführung, die sich in den Türkenkriegen herausgebildet hatte. Er
beherrschte die Gefechtstaktik der spanischen Tercios, die Kombination
von Pikenieren und Musketieren, ebenso wie den Einsatz der schweren
Reiterei in der Schlacht und den leichter Reiterei davor und danach. Vor
allem aber scheute er nicht davor zurück, eine Schlacht zu schlagen. Tilly
war ein Mann des kontrollierten Risikos, und das vor allem unterschied
ihn von den anderen Generälen, die bis dahin auf dem böhmischen Kriegs­
schauplatz das Geschehen bestimmt hatten. Während diese nach dem von
Graf Johann V II. von Nassau-Siegen formulierten Prinzip handelten, dass
nicht geschlagen zu werden auch eine Art des Siegens sei,108 hatte Tilly die
170 EIN AUFSTA ND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Kosten dieser zähen Art der Kriegführung in den Niederlanden kennen­


gelernt und bevorzugte auf Entscheidung ausgerichtete Operationen. Das
ließ Tilly zur beherrschenden Gestalt in der ersten Hälfe des Dreißigjähri­
gen Krieges werden.
Herzog Maximilian, der das ligistische Heer offiziell führte und sich
auch ständig bei ihm aufhielt, war sich darüber im Klaren, dass er kein
Heerführer, sondern ein Politiker war, und überließ darum alle militäri­
schen Entscheidungen seinem Generalleutnant. Tilly, wie Maximilian jesu­
itisch erzogen, nutzte das nicht aus, um eigene Macht zu gewinnen oder
politisch zu intrigieren, sondern diente dem Bayernherzog in militärischer
Unterordnung. Man hat Tilly auch als «geharnischten Mönch» bezeichnet,
und das war eine weithin zutreffende Charakterisierung. Als Tilly den Feld­
zug gegen die Böhmen begann, hatte er das siebte Lebensjahrzehnt bereits
begonnen, war aber rüstig und infolge seiner strengen Lebensführung den
körperlichen Strapazen des Krieges gewachsen. Auch darin unterschied er
sich von den meisten anderen Generälen dieses Krieges, die dem Trunk
und der Völlerei ergeben waren und an der Gicht und anderen Krankhei­
ten litten. «Daß der Führer von Mietlingstruppen», so Moriz Ritter, «die
Ausbrüche der niedrigsten und der schrecklichsten Triebe der Menschen­
natur bald passieren lassen, bald auch den kriegerischen Zwecken dienstbar
machen müsse, war ein Grundsatz, den ihn die spanisch-niederländische
und eindringlicher noch die kaiserlich-ungarische Kriegführung gelehrt
hatten; nach eigener Sinnesrichtung indes schlicht und wohlwollend,
suchte er gewissermaßen ein Gegengewicht gegen solche Zugeständnisse,
indem er selber lebte wie ein Mönch und die grausige Kriegführung der
Zeit durch den Gedanken der Vernichtung von Ketzerei und Aufstand zu
adeln suchte.»109 Man kann diese Formel von der Veredelung der Gewalt
durch den guten und frommen Zweck freilich auch umkehren und Tilly als
Inbegriff der Bigotterie begreifen, für den die Marienverehrung bloß der
Deckmantel für die zahllosen grausamen Verbrechen war, die von Soldaten
unter seinem Kommando gerade auch gegen Frauen verübt wurden.
Tilly schloss sich nach der Besetzung Oberösterreichs zunächst nicht
den bei Eggenburg festsitzenden Truppen Bucquoys an, sondern bewegte
sein Heer über beschwerliche Wege durch Böhmen, um dann in einer
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 171

überraschenden Wendung nach Niederösterreich vorzustoßen und in


der Flanke des böhmischen Heeres aufzutauchen. Das stand damit in der
Gefahr, umfasst zu werden, und so entschloss sich Christian von Anhalt,
die verschanzten Stellungen bei Eggenburg aufzugeben und sich nach
Mahren zurückzuziehen. So kam wieder Bewegung in das Kriegsgesche­
hen. und diese wurde noch dadurch gesteigert, dass Tilly, statt den Böhmen
nach Mähren zu folgen, in Richtung Prag marschierte. Nicht Christian von
Anhalt, sondern Tilly bestimmte den Kriegsschauplatz. Die Initiative war
damit endgültig auf die kaiserlich-katholische Seite übergegangen.
Ende September zog sich auch Mansfeld, der zeitweilig eine Stellung
eingenommen hatte, die den Weg nach Prag blockierte, mit den ihm verblie­
benen Truppen nach Pilsen zurück. Bald darauf marschierte die kaiserlich-
dgistische Hauptmacht vor der inzwischen wieder gut befestigten Stadt
a u f.10 Mansfeld hatte Pilsen mit reichlich Proviant versorgt und umfang­
reiche Befestigungs- und Schanzarbeiten durchführen lassen. Das kaiser-
lich-ligistische Heer dagegen war durch Krankheiten geschwächt,111 und
die schlechte Witterung machte ihm zu schaffen. Unter diesen Umständen
entschlossen sich Tilly und Bucquoy, Pilsen nicht anzugreifen, sondern mit
Mansfeld zu verhandeln. Das kam diesem durchaus entgegen, denn seine
Soldaten hatten zuletzt wieder keinen Sold erhalten, und wenn seine Geg­
ner für die Übergabe Pilsens entsprechend zahlten, würde er seine Truppen
womöglich entlohnen und Zusammenhalten können. Aus Sicht des Kriegs­
unternehmers Mansfeld waren diese Truppen eine zwingende Vorausset­
zung seines Geschäftsmodells, und er musste alles dafür tun, sie in ihrem
Grundbestand zu erhalten. Andererseits durfte er seinen R uf als solider
Partner bei der Führung eines Krieges nicht gefährden, denn von diesem
Ruf hing ab, ob man ihn in Zukunft - von welcher Seite auch immer - wie­
der unter Vertrag nahm. Jemand, dem nachgesagt wurde, seinen Auftrag­
geber im Stich zu lassen und mit dem Feind Geschäfte zu machen, konnte
kaum auf neue Verträge hoffen.
Bis heute streitet man darüber, ob Mansfeld die Verhandlungen zur
Übergabe Pilsens in aufrichtiger Absicht oder doch nur geführt hat, um Zeit
zu gewinnen. Für die kampflose Übergabe Pilsens und der anderen von ihm
kontrollierten Plätze in Westböhmen forderte er die gewaltige Summe von
172 EIN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

400 000 Gulden, und es spricht manches dafür, dass die Gegenseite durch­
aus bereit war, ihm diese Summe zu zahlen - nicht mit einem Mal, denn
auch Maximilian war sich über Mansfelds Absichten nicht im Klaren, aber
doch in mehreren Tranchen und bei entsprechenden Sicherheiten. Über
diesen Verhandlungen verging Zeit, und der Winter kam immer näher.112
Sollte Mansfeld auf Zeitgewinn gesetzt haben, dann nicht im Hinblick auf
Entsatz, mit dem nicht zu rechnen war, sondern in Erwartung eines kalten
Winters, in dem eine Belagerung nicht aufrechterhalten werden konnte.
Als Christian von Anhalt Mansfeld aufforderte, mit allen Soldaten
und seinem Geschütz zum böhmischen Hauptheer zu stoßen, entsprach
Mansfeld dem nicht. In Anbetracht des bei Pilsen stehenden kaiserlich-
ligistischen Hauptheeres wäre das auch schwer möglich gewesen: Wäre
Mansfeld der Aufforderung umgehend gefolgt, hätte das mit großer Wahr­
scheinlichkeit zur Vernichtung seiner Streitmacht geführt. Für den weite­
ren Verlauf des Krieges war indes ausschlaggebend, dass Tilly und Bucquoy,
als sie den Entschluss fassten, das böhmische Hauptheer anzugreifen, das
mit ihrer gesamten Streitmacht tun konnten. Durch den Pilsner Akkord,
in dem Mansfeld fürs Stillhalten bezahlt wurde, war es nicht erforderlich,
Kräfte zurückzulassen, um Mansfeld in Pilsen eingeschlossen zu halten. Es
wäre für Mansfeld eigentlich naheliegend gewesen, Tilly und Bucquoy zu
folgen, um dem böhmischen Hauptheer im entscheidenden Augenblick
zu Hilfe zu kommen. Was auch immer Mansfelds Absichten gewesen sein
mögen - durch den Pilsner Akkord ermöglichte er den Kaiserlichen und
der Liga, ihre Kräfte zusammenzufassen und diese konzentriert gegen das
böhmische Hauptheer einzusetzen. Das sollte sich als kriegsentscheidend
erweisen.
Ebenso kriegsentscheidend war indes, dass sich Maximilian und Tilly
Ende Oktober 1620 gegen Bucquoy durchsetzten.113 Bucquoy nämlich
wollte es mit der Neutralisierung Mansfelds und dem Zurückdrängen des
böhmischen Hauptheers aus Niederösterreich und Mähren bewenden las­
sen und seine erschöpften Truppen in die Winterquartiere verlegen. Durch
die Erfolge im Herbst war das Kriegsjahr 1620 das beste, das die kaiserliche
Seite in diesem Krieg bislang gehabt hatte, und das sollte nach Bucquoys
Auffassung genügen. Maximilian und Tilly dagegen suchten die Entschei-
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 173

düng und strebten eine Schlacht gegen die böhmische Hauptmacht an.
Es kam zum Streit, und erst als Maximilian drohte, das Heer zu verlassen
und nach München zurückzureisen, gab Bucquoy nach und marschierte
mit Tilly zusammen auf Prag. Als die Heere beider Seiten am 8. November
am Weißen Berg unweit von Prag aufeinandertrafen, waren die kaiserlich-
ligistischen Truppen mit etwa 19000 Fußsoldaten, 6000 Berittenen und
:i Kanonen den Böhmen, die über 11600 Fußsoldaten, 11400 Berittene
und 10 Kanonen verfügten, leicht überlegen.114 Wären Mansfelds Söldner
zum böhmischen Hauptheer gestoßen, so hätten die Böhmen eine zahlen­
mäßige Überlegenheit gehabt. Ob das zu einem anderen Schlachtverlauf
geführt hätte, kann in Anbetracht der Art und Weise, wie sich die kaiser-
lich-ligistischen Truppen durchsetzten, jedoch bezweifelt werden.
Mehrere Tage bewegten sich beide Heere auf dem Marsch in Rich­
tung Prag nebeneinanderher; bei dem Ort Rakonitz (Rakovnik) kam
es zu einem Scharmützel, doch dann entfernten sich die Heeressäulen
wieder voneinander. Am Morgen des 8. November stellte die Vorhut des
kaiserlich-ligistischen Heeres fest, dass sich die Böhmen nicht nach Prag
zurückgezogen, sondern vor der Stadt auf einem langen Bergrücken, dem
Weißen Berg, Stellung bezogen hatten, um dort den Angriff des Gegners
zu erwarten. Christian von Anhalt rechnete freilich damit, dass Bucquoy
und Tilly unter dem Eindruck der von ihm gewählten günstigen Position,
die inzwischen noch durch zwei große Schanzen an den Flanken der Auf­
stellung verstärkt worden war, vor einem Frontalangriff zurückschrecken
und den Rückzug antreten würden. Wenn sie doch angriffen, so mussten
sie das den Berg hinauf tun, wo sie von den Verteidigern mit Kanonenfeuer
und Musketensalven empfangen würden, wodurch ihre Ordnung leicht
erschüttert werden konnte. In die so entstandene Unordnung hinein sollte
dann der böhmische Gegenangriff erfolgen. Das Gelände kam den Vertei­
digern auch darin zugute, dass sich unterhalb des Bergrückens ein Flüss­
chen hinzog, die Särka, die auf beiden Seiten von morastigem Gelände
gesäumt wurde, so dass sie kaum passierbar war. Über die Särka führte nur
eine einzige Brücke, bei deren Überschreiten die Angreifer in hohem Maße
verwundbar waren.
Christian von Anhalt hatte das böhmische Heer in zwei taktisch zusam­
174 EIN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

mengehörigen Truppenteilen, sogenannten Treffen, aufgestellt.115 Das erste


Treffen lehnte sich mit seinem linken Flügel an einen ummauerten Park an;
es wurde von elf Truppenkörpern gebildet, die abwechselnd aus Fußsolda­
ten und Reiterei bestanden. Das dahinterstehende zweite Treffen war ähn­
lich aufgestellt, wobei die Truppenkörper so postiert waren, dass sie sich in
die Zwischenräume des ersten Treffens schieben ließen. So entstand eine
schachbrettartige Struktur, die ein hohes Maß an Beweglichkeit ermögli­
chen sollte. Da Anhalt sich für die niederländische Art der Gefechtsaufstel­
lung entschieden hatte, waren die Truppenkörper nicht so tief gegliedert,
wie das bei den Spaniern üblich war. Das verschaffte der Aufstellung Breite,
nahm ihr aber für den Fall des eigenen Angriffs die Wucht. Man setzte dabei
stärker auf die Musketiere als die Pikeniere. Der gefechtsverbundene Ein­
satz von Musketieren und Pikenieren sollte die Vorzüge von Schuss- und
Stichwaffe kombinieren: Solange das Gefecht auf Distanz geführt wurde,
standen die Pikeniere mit ihren aufgestellten Stoßwaffen im Zentrum des
Truppenkörpers, während die Musketiere beziehungsweise Arkebusiere116
um diesen Kern herum formiert waren; auf diese Weise hatten sie das
erforderliche Schussfeld für das Feuergefecht. Aber die Feuerfrequenz der
damaligen Schusswaffen war nicht besonders hoch, und selbst wenn die
Musketiere in fünf Gliedern hintereinander aufgestellt waren und nachein­
ander ihre Salven abfeuerten, waren sie doch durch schnelle Kavallerieatta­
cken hochgradig verwundbar: Brach in einem Truppenkörper erst einmal
Panik aus, dann geriet die ganze Gefechtsordnung durcheinander. Den Ein­
bruch von Kavallerie in die Reihen der Musketiere zu verhindern, war die
Aufgabe der Pikeniere, die bei einer Kavallerieattacke oder dem Ansturm
gegnerischer Fußsoldaten mit den Musketieren die Position wechselten
und mit ihren gesenkten Stoßwaffen einen schützenden Ring oder Halb­
kreis um die ins Innere des Gefechtskörpers zurückgewichenen Musketiere
bildeten. Ein so aufgestellter Truppenkörper - in der Regel handelte es sich
um ein Regiment, das bei Kriegsbeginn etwa 3000 Mann umfasste - war im
Gefecht um so leistungsfähiger, je besser und zuverlässiger das Zusammen­
wirken von Musketieren und Pikenieren klappte. Das galt gerade bei einer
geringeren Tiefe der Gefechtsformationen, die eine breitere Front und
dadurch stärkeres Salvenfeuer möglich machte, aber bei stoßkeilförmigen
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R e g im e n t-

Die Schlachtenbilder und Skizzen von Schlachtordnungen aus Merians


Theatrum Europaeum sind als historische Dokumente nicht unbedingt
zuverlässig. Diese Skizze von der Aufstellung des böhmischen Heeres vor
der Schlacht am Weißen Berg etwa zeigt die durch Schanzen gesicherten
Artilleriepositionen auf beiden Flügeln, positioniert davor aber jeweils
ein Infanterieregiment (Hollach und Schlick), so dass die Kanonen
kein freies Schussfeld haben. Unzutreffend ist auch die Aufstellung der
Infanterieeinheiten nach dem Vorbild der spanischen Tercios mit dem
Pikenierviereck in der Mitte, darum eine «H eck e» von Musketieren und
vier Musketierpelotons an den Ecken. Tatsächlich hatten die Böhmen am
Weißen Berg, orientiert an den Vorgaben der oranischen Heeresordnung,
eine erheblich flachere Aufstellung gewählt, die ihnen dann zum
Verhängnis wurde.

Angriffen in höherem Maße verwundbar war. Gerade an diesem Zusam­


menspiel aber haperte es im böhmischen Heer. Christian von Anhalt hatte
eine Aufstellung gewählt, die für ein gut geübtes Heer geeignet war, aber
hochriskant für ein Heer wie das der Böhmen.
Die beiden Flanken der böhmischen Schlachtaufstellung waren
durch Erdschanzen gesichert, hinter denen man Kanonen postiert hatte.
Diese flankierenden Geschützbastionen sollten der Aufstellung Festigkeit
verleihen und Angriffe auf die Flanken des Heeres unmöglich machen.
176 E IN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Außerdem hatte Anhalt hinter dem Hügelrücken die leichte ungarisch-


siebenbürgische Reiterei als drittes Treffen aufgestellt, das durch einen
wuchtigen Gegenangriff entweder die ins Wanken geratene Front stabili­
sieren oder einen zurückweichenden Gegner attackieren und dessen Rück­
zug in Flucht verwandeln sollte. Die Stärke der böhmischen Position waren
also der leichte Bergrücken, der morastige Flusslauf davor und die beiden
Kanonenschanzen an den Flanken. Eine Schwäche dagegen war der Man­
gel an Gefechtserfahrung, von den einfachen Soldaten bis zur Generali­
tät, der zur Folge hatte, dass die militärische Führung den Truppen mehr
abverlangte, als diese zu leisten imstande waren, sowie der Umstand, dass
infolge des wieder einmal ausgebliebenen Soldes im Heer eine Stimmung
der Gleichgültigkeit und latenten Einsatzverweigerung entstanden war.117
Die Kämpfe begannen am frühen Morgen mit einem Reitergefecht
zwischen einer unterhalb des Bergrückens bei dem Dorf Rusfn als Siche­
rung postierten ungarischen Abteilung und einem kaiserlichen Kaval­
lerieregiment. Bei diesem Vorhutgefecht trieb die kaiserliche Kavallerie
die Ungarn in einer entschlossenen Attacke in die Flucht, ohne dass den
Ungarn berittene Einheiten der böhmischen Hauptmacht zu Hilfe gekom­
men wären. Daraufhin ging Tilly das Risiko ein, die Särka auf der einzigen
in diesem Abschnitt vorhandenen Brücke zu überschreiten; er setzte darauf,
dass Anhalt die Gelegenheit zum Angriff auf die ligistische Avantgarde ver­
streichen lassen würde, um seine Position auf dem Hügelrücken nicht auf­
zugeben. Hätte Anhalt, so Tillys Kalkül, derlei vor, so hätte er zuvor bereits
die Ungarn bei dem Örtchen Rusin unterstützt. Womöglich hat Anhalt
diese Chance zum Angriff auf die ligistische Avantgarde, die im Augenblick
der Särka-Überschreitung auf sich allein gestellt war, aber auch gar nicht
erkannt, denn als der Übergang begann, lag noch dichter Morgennebel in
der Senke und erschwerte die Sicht. Jedenfalls konnte Tilly seine Truppen
auf dem linken Flügel ungestört entwickeln und den nachfolgenden Kaiser­
lichen den rechten Flügel überlassen.
Das kaiserlich-ligistische Heer war in drei Treffen gegliedert, eine
Gefechtsformation, die im Vergleich zu derjenigen der Böhmen eine grö­
ßere Tiefe aufwies und eher für den Angriff als die Abwehr ausgelegt war.
Die zwölf Kanonen des kaiserlich-ligistischen Heeres wurden, ebenfalls
Pikeniere (links), Arkebusiere (Mitte) und Musketiere (rechts) bildeten
die schwere Infanterie, also die in größeren Gefechten und Schlachten
eingesetzten Fußtruppen. Sie waren mit Stangen- und Handfeuerwaffen
ausgerüstet, und die effektive Kombination beider entschied über Sieg und
Niederlage. Der bis zu 4,5 Meter lange Spieß, seit etwa 1560 als Pike (von
französisch «p iq u e r», stechen) bezeichnet, bestand aus einem hölzernen
Schaft mit einem zwischen 25 und 50 Zentimeter langen Spießeisen.
Die Arkebuse (Hakenbüchse) war die im Vergleich zur Muskete
(Doppelhaken) leichtere Handfeuerwaffe; sie verschoss Kugeln mit einem
Gewicht von 23 Gramm, während die Muskete Kugeln von 46 Gramm
verschoss. Die Arkebuse war leichter zu handhaben, die Muskete (benannt
nach dem Luntenschloss in Form eines Raubvogelkopfs, lateinisch
«m uchetus», Sperber) hatte dafür eine höhere Durchschlagskraft.
Aufgrund der langen Nachladedauer blieben Arkebusiere und Musketiere
bei Kavallerieangriffen auf den Schutz der Pikeniere angewiesen.
Außerdem führten die Pikeniere den Stoßangriff auf die gegnerischen
Infanterieverbände. Das war auch der Grund, warum Pikeniere im
Unterschied zu Arkebusieren und Musketieren, wie auf den Abbildungen
zu sehen, zumeist gepanzerte Rüstungen trugen.

im Unterschied zu den Böhmen, nicht auf den Flügeln, sondern mitten


vor der Front aufgestellt, von wo sie die Gefechtskörper im ersten Treffen
der Böhmen unter Feuer nehmen sollten. Aufgrund der tieferen Staffelung
der Regimenter und der Aufstellung in drei Treffen hatte das kaiserlich-
ligistische Heer eine geringere Breite als das der Böhmen. Tilly, der den
Aufmarsch befehligte, hatte die Schwachstelle der breiteren böhmischen
Aufstellung sofort erkannt: Die flankierenden Kanonen schützten gegen
Angriffe auf die Flügel, ließen das Zentrum aber weithin ungedeckt, und
genau dort wollte er die Entscheidung herbeiführen.
i?8 EIN A UFSTAND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Vorerst aber war nicht klar, ob die Schlacht überhaupt stattfinden würde.
A uf böhmischer Seite ging man anscheinend nicht davon aus, denn Fried­
rich, der sich zunächst beim Heer aufgehalten hatte, ritt am Morgen nach
Prag zurück, um dort mit den gerade eingetroffenen englischen Gesandten
zu sprechen. Offenbar vertraute man darauf, dass die bezogenen Stellun­
gen «unangreifbar» waren. Auch auf kaiserlich-ligistischer Seite war man
zunächst uneins, ob man die von den Böhmen angebotene Schlacht wagen
solle. Tilly drängte darauf, Bucquoy war dagegen. In einem am Vormit­
tag stattfindenden Kriegsrat verwies Bucquoy darauf, dass man aufgrund
der topographischen Gegebenheiten die Tiefe der gegnerischen Aufstel­
lung nicht erkennen könne, also nicht wisse, welche Reserven Anhalt auf
der Rückseite des Hügels bereithalte. Wenn man auf einen standhaften
Feind treffe und sich zurückziehen müsse, hätte man erneut das morastige
Gelände der Särka zu durchqueren, was bei einem entschlossen nachdrän­
genden Feind zu einer Panik im eigenen Heer führen könne. Tilly hielt
dagegen, dass mit einem Gegenangriff Anhalts nicht zu rechnen sei. Ihm
sprangen einige Offiziere bei, die die gegnerische Aufstellung erkundet hat­
ten und zu dem Ergebnis gekommen waren, dass sie keineswegs so stark
sei, wie sie sich auf den ersten Blick ausnehme. In ihrer Zuversicht ließen
sie sich auch durch den Einwand Bucquoys nicht erschüttern, der Angriff
müsse bergauf geführt werden und sei allein dadurch äußerst riskant.
In dieser Situation scheint ein Karmelitermönch den Ausschlag gege­
ben zu haben: Domenicus a Jesu Maria war im Heerestross mitgezogen
und hatte die Hauptfahne des ligistischen Heeres mit dem Bild der Jung­
frau Maria geweiht. Ungebeten drang er in den Kriegsrat ein und präsen­
tierte dort ein Gemälde von der Anbetung des Jesuskindes durch die Hir­
ten, das er einige Tage zuvor in Strakonitz (Strakonice) gefunden habe.118
Maria und Josef waren die Augen ausgestochen worden - ein unter Calvi-
nisten durchaus verbreiteter Akt «frommer Bildschändung», der für die
zumeist katholischen Bauernsöhne im kaiserlich-ligistischen Heer eine
grässliche Versündigung am Göttlichen war. Pater Domenicus machte die
calvinistische Bildschändung zum entscheidenden Argument: Die Heili­
gen verlangten die Schlacht, und die Schar der himmlischen Engel werde
den Soldaten in der Schlacht beistehen. Das wirkte. Bucquoy ließ sich
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg 179

_mstimmen, und Maximilian gab die Parole Sancta Maria als Feldgeschrei
i_s. Neben der regelmäßigen Besoldung führte die Vorstellung, für eine
heilige Sache zu kämpfen, dazu, dass die katholische Seite an Motivation
überlegen war.
-\ls der Angriff begann, zogen sich Maximilian und Bucquoy aus dem
unmittelbaren Hauptgeschehen zurück: Maximilian, weil er Tilly die allei­
nige Kommandogewalt überlassen wollte und seine Anwesenheit eher
störend gewirkt hätte; Bucquoy, weil er sich bei dem Scharmützel nahe
Rakonitz eine Verwundung am Bein zugezogen hatte. Er übertrug das
Kommando über die kaiserlichen Truppen dem Generalwachtmeister
Rudolf von Tiefenbach.119 Die Kaiserlichen, die den rechten Flügel bilde­
ren und den geringeren Geländeanstieg vor sich hatten, griffen etwas früher
an als die Ligistischen; sie trafen auf den von Graf Thurn kommandierten
linken Flügel der Böhmen. Thurn schickte ihnen zunächst seine Berittenen
entgegen, und als diese von der kaiserlichen Kavallerie zurückgeworfen
wurden, setzte er die Musketiere ein. Diese feuerten ihre Musketen aber
hastig und auf viel zu große Entfernung ab, so dass die Salven beim Geg­
ner wenig Wirkung zeitigten. Überstürzt zogen sie sich daraufhin zurück,
und ihr eiliger Rückzug hätte die gesamte böhmische Front erfasst, wenn
nicht zwei von Anhalts Sohn - er trug wie sein Vater den Vornamen Chris-
nan - geführte Reiterschwadronen die Kaiserlichen in einem wuchtigen
Gegenangriff wieder zurückgetrieben hätten. Oberst Leonhard Helfried
von Meggau, der eine Schwadron kaiserlicher Arkebusiere führte, fiel bei
dieser Attacke, und das Regiment Tiefenbach-Breuner, das den Vorstoß
regen die Böhmen angeführt hatte, geriet in große Unordnung. Das war
die Krise der Schlacht, und wenn die Böhmen dieses Momentum genutzt
r.ätten und zu einem konzentrierten Gegenangriff übergegangen wären,
hätte die Schlacht am Weißen Berg einen anderen Verlauf nehmen können.

A u f der folgenden Doppelseite: Zu sehen ist der Augenblick der Schlacht, in


dem die Ordnung der böhmischen Armee bereits zerbrochen ist und sich
mit Ausnahme des Thurn’schen Regiments (H) alles auf der Flucht befindet,
allem voran die ungarische Reiterei (D). Die linke Artilleriebastion der
Böhmen (B) ist schon gestürmt, die rechte steht kurz davor, erobert zu
werden. Während das erste Treffen des kaiserlich-ligistischen Heeres in
Einzelgefechten den Gegner niederkämpft, rückt das zweite Treffen (A)
in geschlossener Ordnung nach. Im oberen rechten Bildviertel ist Prag zu
erkennen, wo die Flüchtenden Schutz suchen.
182 E IN AUFSTA ND, D E R DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Aber Hohenlohe, der den rechten Flügel der Böhmen führte, kam Thurn
nicht zu Hilfe; Anhalt, der Oberkommandierende, setzte weiterhin strikt
auf Defensive, und so ging der für die böhmische Seite günstige Augenblick
ungenutzt vorüber.
Er währte ohnehin nur kurz, denn Tilly hatte die Probleme des rech­
ten Flügels erkannt und Oberst Johann Philipp Cratz von Scharffenstein
befohlen, mit seinen bayerischen Kürassieren den böhmischen Reitern
in die Flanke zu fallen. Das war die Wende: Der kaiserliche Oberst Hans
Philipp Breuner wurde befreit, die Ordnung seines Regiments wiederher­
gestellt, und der junge Anhalt, der die schneidigen Attacken der Böhmen
geführt hatte, geriet nun selbst in Gefangenschaft. Das kaiserlich-neapo­
litanische Regiment des Obersten Carlo Spinelli wurde ins erste Treffen
beordert, um die Wucht des Angriffs zu verstärken. Die Neapolitaner war­
fen das Kavallerieregiment des Obersten Solms zurück,120 und damit war
der linke böhmische Flügel zertrümmert. Der Angriff hatte die Kammlinie
des Weißen Bergs erreicht, und ein Teil der kaiserlichen Truppen wandte
sich nun gegen den rechten böhmischen Flügel, um ihn von der Seite her
aufzurollen, während der andere Teil gegen den ummauerten Park vor­
stieß, in dem sich das mährische Regiment des Grafen Schlick festgesetzt
hatte und noch für einige Zeit erbitterten Widerstand leistete. Unterdes­
sen hatten sich auf dem linken Flügel der Angreifer Tillys polnische Reiter,
zumeist als Kosaken bezeichnet, gegen eine fünffache Übermacht ungari­
scher Husaren durchgesetzt und diese in die Flucht geschlagen. Die wilde
Flucht der Ungarn, von denen etwa 1000 bei dem Versuch, die Moldau auf
einem Wehr zu überqueren, den Tod fanden, ließ - mit dem Flankenangriff
von Spinellis neapolitanischer Infanterie - den rechten böhmischen Flügel
zusammenbrechen. Die Musketiere warfen, oftmals ohne einen einzigen
Schuss abgefeuert zu haben, ihre Gewehre weg, die Pikeniere entledigten
sich ihrer Piken, und alles strebte in ungeordneter Flucht auf Prag zu.
Am frühen Nachmittag war die Schlacht entschieden. Als Friedrich um
diese Zeit mit einer Eskorte von 500 Reitern aus Prag zu seinen Truppen
zurückreiten wollte, kamen ihm diese entgegen, unter ihnen auch Christian
von Anhalt, der seinem König zurief, alles sei verloren, er solle eilends die
Stadt verlassen. Die Schlacht hatte gerade einmal zwei Stunden gedauert,
Ein satirisches Flugblatt auf die Versuche des als «W interkönig»
verspotteten Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, wieder in den Besitz
des in der Schlacht am Weißen Berg verlorenen Königreichs Böhmen zu
gelangen. Auf dem linken Bilddrittel reißt der kaiserliche Adler dem am
Boden liegenden Friedrich die Krone vom Kopf; das Szepter in Friedrichs
Hand ist zerbrochen. Die im geöffneten Zelt hinter dem Adler stehenden
Kurfürsten statten diesen mit neuen Federn aus: von Oppenheim über
Creütznach bis Simmeren Städte aus Friedrichs Herrschaftsgebiet. Das
mittlere Bilddrittel zeigt Friedrich auf dem Heidelberger Fass («vorzeit
voll Wein jetzt bodenloß») mit einem Affen sitzend; der Genuss des
böhmischen Bieres ist ihm nicht bekommen, und so speit er «Länder /
Stätt und C ron», die er sich einverleibt hatte, wieder aus. Die drei Männer,
die den Fasswagen ziehen, hoffen im Gasthof Geld und Gut zu bekommen,
werden aber abgewiesen, während die Räte, die den Pfalzgrafen zu
dem böhmischen Abenteuer verführt haben, niedergeschlagen dem
Wagen folgen; über ihnen einige Vögel, die vom Zelt wegfliegen: «D ie
Predicanten mit Geheul / Fliegen davon wie Kauz und E u l.» Noch aber
ist Hoffnung: Ein mit Gold beladener Esel lockt englische Soldaten
herbei, und ein dahinjagender Reiter steht für die Hilfe aus dem Südosten:
«Bethlen kombt / bringt Türcken m it.»

und obwohl sie keineswegs zu den besonders blutigen des Dreißigjähri­


gen Krieges gehörte - einige Tage später sollen auf dem Schlachtfeld etwa
1600 Leichen gezählt worden sein121 - , war es doch eine Entscheidungs­
184 EIN AUFSTA ND, D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

schiacht: Das Heer der böhmischen Rebellen bestand nicht mehr, über
hundert Fahnen und sämtliche Kanonen der Böhmen waren den Truppen
des Kaisers und der Liga in die Hände gefallen; Friedrich, den man von nun
an spöttisch den «Winterkönig» nannte, war mit vielen seiner Getreuen
auf der Flucht, andere waren in Gefangenschaft geraten; an eine Weiter­
führung des Ständewiderstands war nicht zu denken. Die katholische Seite
hatte auf ganzer Linie gesiegt.
Eine so dramatische Wende des Krieges nahm sich aus wie ein Wunder,
und so war es naheliegend, sie auch mit einem Wunder in Verbindung zu
bringen. Im entscheidenden Augenblick der Schlacht, so wussten Augen­
zeugen zu berichten,122 sei aus dem Rauch und Donner des Gefechts ein
Karmelitermönch aufgetaucht, habe ein Bild hochgehalten, auf dem der
Mutter Gottes die Augen ausgestochen gewesen seien, und habe mit dem
Kruzifix den eigenen Soldaten den Weg zum Angriff auf die Feinde gewie­
sen. Einige berichteten später, sie hätten auch gesehen, wie Gemälde und
Kruzifix Flammen auf die Feinde gespien hätten, die daraufhin geflohen
seien. Es war die alte Erzählung von den himmlischen Heerscharen, die mit
den irdischen Streitern in den Kampf zogen und ihnen schließlich zum Sieg
verhalfen. Offenbar haben diese und ähnliche Erzählmuster die auf katho­
lischer Seite kämpfenden Soldaten angefeuert und ihnen Siegeszuversicht
eingeflößt. Sie haben - neben anderem - dazu beigetragen, dass die katho­
lische Seite im ersten Jahrzehnt des Krieges immer wieder die Oberhand
gewann. Der Vorstellung, dass Maria, die Mutter Gottes, auf Seiten der
Katholischen mit in den Kampf zog, hatten die Protestanten über lange
Zeit nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Das kaiserliche Strafgericht


über die böhmischen Rebellen

Friedrich hatte kurze Zeit geschwankt, ob er in Prag bleiben und die Vertei­
digung seiner Königsstadt organisieren oder nach Schlesien fliehen sollte.
In Anbetracht der Auflösung des Heeres und unter dem Eindruck wüten-
Das kaiserliche Strafgericht über die böhmischen Rebellen 185

der Soldaten, die durch Prag zogen und den ausstehenden Sold verlang­
ten, war an eine Verteidigung der Stadt jedoch nicht zu denken. Als die
Königin mit ihren Kindern Prag verließ, kam in der engeren Umgebung
Friedrichs, bei den aus Heidelberg Mitgekommenen und den Trägern der
Rebellion gegen Habsburg, eine panikartige Stimmung auf, und sie alle
verließen überstürzt die Stadt.123 Dabei wurde ein Teil der böhmischen
Kanzlei zurückgelassen, so dass den in Prag einziehenden Siegern wichtige
Dokumente in die Hände fielen, auf die sie ihre anschließende Politik der
•<Säuberung» stützen konnten. Auch die Krone von Böhmen blieb in Prag
zurück - sei es, weil man fürchtete, dass ihre Mitnahme zu einem Aufstand
empörter Bürger führen würde, sei es, weil man sie in der Eile schlichtweg
vergaß. Es war ein langer Zug von Flüchtlingen, der Prag verließ, und mit
den politischen und konfessionellen Veränderungen in Böhmen sollten
ihm noch viele folgen. Während die Anführer der Rebellion nach Nord­
osten zogen, brachten die Sieger eine Kiste auf den Weg nach Wien, in
der die Dokumente über die Privilegien des Landes einschließlich der von
Rudolf und Matthias unterschriebenen Majestätsbriefe lagen: Die Selbst-
omdung der habsburgischen Landesherrn gegenüber den böhmischen
Untertanen stand nunmehr zur Disposition, und «es heißt, daß der Kaiser
von dem Majestätsbrief selbst das Siegel herausgerissen und ihn der Mitte
nach zerschnitten habe»124. Ob das erfunden ist oder den Tatsachen ent­
spricht - das Gerücht bringt zum Ausdruck, was die einstigen Vorrechte
der Böhmen jetzt noch wert waren: nichts mehr. Dieses Schicksal teilten
die Böhmen mit den Ständen in Mähren und Österreich, deren ursprüngli­
che Rechte allesamt kassiert wurden.
Um einiges besser erging es Schlesien und den beiden Lausitzen, wo
der sächsische Kurfürst Johann Georg die Aufgabe übernommen hatte, die
Rebellion zu beenden. Die sächsischen Truppen marschierten Anfang Sep­
tember 1620 in die Niederlausitz ein, rückten auf Bautzen vor und zwangen
die gut befestigte Stadt nach dreiwöchiger Belagerung zur Kapitulation.
Die kleine Streitmacht, die von den Lausitzern und Schlesiern aufgestellt
worden war und unter dem Kommando des Herzogs von Jägerndorf ope­
rierte, traute sich eine unmittelbare Konfrontation mit dem sächsischen
Heer nicht zu und wich diesem aus. Neben dem Beschuss von Bautzen
i8 6 EIN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

kam es zu keinen weiteren Kampfhandlungen, denn schon Anfang Novem­


ber unterwarf sich der Adel der Niederlausitz. Mitte Januar 1621 folgten die
Stände der Oberlausitz - unter der Voraussetzung, dass ihre politischen
und religiösen Freiheiten respektiert würden. Der sächsische Kurfürst wil­
ligte ein, und damit war der erste Teil der von ihm übernommenen Aufgabe
erledigt. Johann Georg war der Hauptprofiteur des bisherigen Kriegsver­
laufs, hatte er doch mit geringem Aufwand zwei Markgrafschaffen unter
seine Kontrolle gebracht, die er im weiteren Fortgang des Krieges dann sei­
nem Herrschaftsbereich einverleibte. Nicht ganz so einfach wie in den bei­
den Lausitzen verliefen die Dinge in Schlesien, dessen Unterwerfung der
Kaiser ebenfalls den Sachsen übertragen hatte. Nach seiner Flucht aus Prag
hatte Friedrich zunächst in Breslau Quartier bezogen, von hier aus wollte er
die Rückeroberung Böhmens organisieren. Sein bisheriges Auftreten hatte
die schlesischen Stände jedoch wenig überzeugt, und so machten sie ihm
keine Zusagen. Kurz vor Weihnachten flüchtete Friedrich weiter in den
Herrschaftsbereich des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, der
mit einer Schwester des «Winterkönigs» verheiratet war und dem calvi-
nistischen Bekenntnis anhing. Friedrich hoffte, dass er ihm helfen würde,
seine Herrschaft in Böhmen wiederherzustellen. Aber auch daraus sollte
nichts werden.
Die schlesischen Stände verhandelten nach der Abreise Friedrichs mit
dem sächsischen Kurfürsten, ob er ihnen dieselben Friedensbedingungen
gewähren wolle wie den Lausitzern. Als Johann Georg für eine allgemeine
Amnestie sowie den Erhalt sämtlicher politischer und religiöser Freiheiten
eine Sühne von 500 000 Gulden verlangte, die an den Kaiser zu zahlen sei,
willigten die Stände ein; die Summe wurde dann noch auf 300 000 Gulden
heruntergehandelt. Am 28. Februar 1621 wurde der «Dresdner Accord»
unterschrieben, der diese Vereinbarungen festhielt. Kaiser Ferdinand
sperrte sich zwar für einige Zeit gegen die darin gegebenen Zusagen und
verlangte, über Leben und Besitz der Rädelsführer in Schlesien frei verfü­
gen zu können, womit dort dieselben Bedingungen gegolten hätten wie
in Böhmen und Mähren. Der sächsische Kurfürst blieb jedoch bei seiner
Linie, die schließlich auch in Wien akzeptiert wurde.125 Nur dem Herzog
Johann Georg von Jägerndorf wurde sein Fürstentum aberkannt - mit der
Das kaiserliche Strafgericht über die böhmischen Rebellen 187

Der Stich aus dem 19. Jahrhundert zeigt Kaiser Ferdinand, der das Siegel
vom Majestätsbrief abgeschnitten hat und im Begriff steht, das Wiener
Exemplar des Briefes ins Feuer zu werfen. Die Bindungen des Landesherrn,
die Kaiser Rudolf am 6. Juli 1609 in einer Situation der Schwäche von
den böhmischen Ständen abgerungen worden waren, wurden damit für
ungültig erklärt.

Folge, dass er in den nächsten Jahren ein Organisator des antihabsburgi­


schen Widerstands in Mitteleuropa blieb. Die Amnestie stellte sicher, dass
der Adel Schlesiens und der beiden Lausitzen seine Rechte und seinen
Besitz behielt - der entscheidende Unterschied zum kaiserlichen Strafge­
richt in Böhmen und Mähren.

Am 9. und 10. November 1620 zogen große Teile der siegreichen Armee in
Prag ein; dabei kam es zu Gewalttaten und Plünderungen, die aber bald
eingedämmt und unterbunden wurden. Am 13. November nahm Herzog
Maximilian in Stellvertretung des Kaisers die Unterwerfung der Ständever­
treter entgegen. Da Maximilian sich nun wieder den genuin bayerischen
Interessen zuwenden wollte, übertrug er am 17. November die kaiserlichen
Vollmachten dem Fürsten Karl von Liechtenstein und trat die Heimreise
188 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

nach München an. 126 Damit hatten die Anhänger des Kaisers und alle, die
sich für die Ereignisse der letzten zweieinhalb Jahre rächen wollten, freie
Hand. Das nun folgende Strafgericht bestand im Wesentlichen aus drei Ele­
menten: aus politischen und religiösen Maßnahmen, mit denen die Herr­
schaft Habsburgs und der Gegenreformation durchgesetzt werden sollte;
der körperlichen Bestrafung derer, die am Aufstand gegen Habsburg und an
der Herrschaft Friedrichs beteiligt waren; und schließlich der Enteignung
jener, die diesen Aufstand im weiteren Sinn unterstützt hatten. Zusammen­
genommen lief das auf einen radikalen Elitenwechsel hinaus, bei dem die
traditionelle Führungsschicht Böhmens durch eine aus Deutschen, Italie­
nern, Spaniern und Franzosen bestehende «internationale» Elite ersetzt
wurde. 127 Böhmen wurde nicht nur der Herrschaft der Sieger, sondern auch
einer Herrschaft von Fremden unterworfen.
Unmittelbar nach dem Einzug der kaiserlich-ligistischen Truppen in
Prag begann auch die Rekatholisierung Böhmens. Die calvinistischen Pre­
diger wurden umgehend vertrieben; mit den Lutheranern ließ man sich
noch zwei Jahre Zeit; danach mussten auch die ersten lutherischen Pfar­
rer das Land verlassen. Der Kaiser wollte den Sachsen Johann Georg, der
sich als Schutzherr des Luthertums sah und auf den er als Verbündeten
womöglich noch angewiesen sein konnte, zunächst nicht verprellen. 128
Aber dann machten die Jesuiten im Umfeld des Kaisers Druck, indem
sie die Duldung der Ketzerei als Sünde bezeichneten. Vor allem Wilhelm
Lamormaini, seit Februar 1624 Beichtvater des Kaisers, sorgte für eine voll­
ständige Durchsetzung der Gegenreformation . 129 Im Sommer 1627 wurde
den noch in Böhmen gebliebenen evangelischen Adligen die Entscheidung
abverlangt, binnen sechs Monaten das Land zu verlassen oder zum katho­
lischen Bekenntnis überzutreten. Ein Viertel von ihnen wählte die Emigra­
tion; ihnen schlossen sich viele Handwerker und Gewerbetreibende an, so
dass bis Ende 1627 etwa 150 000 Menschen das Land verließen. Der Verlust
eines Zehntels der Gesamtbevölkerung Böhmens war ein wirtschaftlicher
Aderlass, von dessen Folgen sich das Land so schnell nicht wieder erholen
sollte.
Verglichen mit der konfessionellen betraf die politische Neuordnung
Böhmens nur die Elite des Landes. Bis Mai 1627 regierte Karl von Liech-
Dis kaiserliche Strafgericht über die böhmischen Rebellen 189

:enstein das Land willkürlich nach dem Recht des Siegers. Dann wurde die
erneuerte Landesordnung» in Kraft gesetzt, mit deren Ausarbeitung
man sich in Wien reichlich Zeit gelassen hatte.130 Als Eroberer des Landes
sah sich Ferdinand an frühere Gesetze nicht gebunden, und die Rebellen
hatten keinen Anspruch mehr auf ihre einstigen Privilegien. Das Gesetz-
jebungsrecht lag allein beim König, der hinfort nicht mehr gewählt wurde,
sondern aus dem Hause Habsburg durch Erbrecht bestimmt wurde. Nur
das Steuerbewilligungsrecht verblieb bei den Ständen, aber auch dieses
Recht wurde so zurechtgestutzt, dass es keine Eingriffe in die königlichen
Hoheitsrechte mehr erlaubte. Der alte Dualismus zwischen dem Landes­
herrn und dem Landtag, der Ständevertretung, durch den beide Seiten
;:ch wechselseitig eingeschränkt und kontrolliert hatten, wurde abgeschafft,
und die Stände wurden auf ein untergeordnetes Organ des Landesherrn
reduziert. Lfm jeden Zweifel zu beseitigen, wer im Land das Sagen hatte,
wurde die Böhmische Hofkanzlei, in der die Verwaltungs- und Justizange-
.egenheiten des Landes verhandelt wurden, von Prag nach Wien verlegt.
Böhmen wurde fortan von Wien aus regiert.
Am tiefsten griffen die vollzogenen Enteignungen in die soziopolitische
Ordnung Böhmens ein: Die Hälfte des Bodens wechselte den Besitzer.131
Das vom Kaiser eingesetzte Gericht hatte drei Kategorien von Schuldigen
gebildet: die Hauptschuldigen, die führend am Aufstand beteiligt gewesen
waren - ihr gesamtes Vermögen wurde eingezogen, und sie sollten auch
roch an Leib und Leben gestraft werden; die Mitschuldigen, die während
ces Aufstands ein Amt innegehabt oder sich dem Aufstand danach ange­
schlossen hatten beziehungsweise dem «Winterkönig» zu Diensten gewe­
sen waren - sie sollten die Hälfte ihres Vermögens verlieren; schließlich die
bloßen Mitläufer des Aufstandes - sie sollten «mit der Verschlechterung
ihres Besitzes bestraft werden, ihr Allodbesitz in Lehnbesitz umgewandelt
oder ein jährlicher Zins ihnen auferlegt».132 Es war im Übrigen einer der
• Defenestrierten» vom Mai 1618, Wilhelm Slawata, der dem Kaiser diese
Politik der systematischen Konfiskation antrug und auf ihre Ausgestaltung
Einfluss nahm. Insofern war das kaiserliche Strafgericht auch eine Ausein­
andersetzung innerhalb des böhmischen Adels, durch die alte Geschlechter
enteignet und entmachtet wurden und neue Familien nach oben kamen.
190 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Der Bedeutendste dieser «Kriegsgewinnler» war Albrecht Wenzel Euse­


bius von Waldstein beziehungsweise Wallenstein, der als Oberst eines
Kürassierregiments an der Schlacht am Weißen Berg teilgenommen hatte
und nun bei der Neuverteilung des böhmischen Grundbesitzes eine große
Rolle spielte. Im Rahmen der Enteignungen wurde er zu einem der größten
Landbesitzer Böhmens.133 Der Krieg selbst brachte die Existenzen hervor,
die ihn weiterführten und intensivierten.134
Einige Monate zögerte Liechtenstein - Wedgwood nennt ihn «einen
mittelmäßigen Politiker, zaghaft, vorsichtig, mäßig unehrlich und ziemlich
schlau»135 - noch damit, die große Umwälzung in Böhmen voranzutreiben.
Mansfeld hielt weiterhin verschiedene Positionen in Westböhmen, und es
stand zu befürchten, dass ihm mit Beginn der Straf- und Rachemaßnahmen
gegen die Anführer des Aufstands eine Unterstützung zuteilwürde, mit der
er den Krieg um Böhmen neu entfachen konnte. Noch bevor Tilly Ende
März 1621 mit den in Pilsen verbliebenen Söldnern Mansfelds - der selbst
hielt sich zu dem Zeitpunkt in der Oberpfalz auf - einen Vertrag zur Über­
gabe der Stadt geschlossen hatte und die Mansfeld’schen Truppen gegen
die Zahlung von 140 000 Gulden136 aus Pilsen sowie Falkenau und Elbo-
gen abgezogen waren, ließ Liechtenstein am 20. Februar 1621 die führenden
Köpfe des Aufstandes festnehmen und den Prozess gegen sie vorbereiten.
Keiner der Betroffenen hatte an Flucht gedacht; sie gingen davon aus, der
Kaiser werde sie amnestieren und wieder in Gnade aufnehmen. Darin zeigt
sich ein weiteres Mal die grenzenlose Naivität, mit der ein Großteil des
böhmischen Adels den Aufstand betrieben hatte: als Spiel mit begrenztem
Einsatz, bei dem, wenn man verlieren würde, am Schluss alles so blieb, wie
es zuvor gewesen war. Umso größer war jetzt das Entsetzen; die Herren
wandten sich mit einer Bittschrift an den sächsischen Kurfürsten, der sich
beim Kaiser für sie verwenden und dafür sorgen sollte, dass sie weiterhin
im Genuss ihrer Besitzungen blieben.137 Die Frauen der Gefangenen schrie­
ben ähnlich lautende Bittgesuche an den Herzog von Bayern - doch vergeb­
lich. Der Kaiser wollte in Böhmen ein Exempel statuieren.
Das in Prag eingesetzte Gericht ordnete bei allen am Fenstersturz
Beteiligten die Konfiskation der Güter an und verhängte siebenundzwanzig
Todesurteile. Diese sollten bei einigen in besonders grausamer Weise voll­
Das kaiserliche Strafgericht über die böhmischen Rebellen 191

zogen werden. «So sollten dem ehemaligen Hauptmann des Prager Schlos­
ses, Dionys Cernin, weil er die Stände bewaffnet in die Burg eingelassen und
so den Fenstersturz ermöglicht hatte, zuvor zwei Finger der rechten Hand
abgehauen, dem Dr. Jessenius und dem Martin Fruewein die Zunge ausge­
schnitten, einigen andern früher die Hände abgehauen, einige bei lebendi­
gem Leib gevierteilt werden.»138 Die Urteile wurden Ferdinand vorgelegt,
und der wiederum befragte seine Vertrauten, wie er damit umgehen solle.
Peter Heinrich von Stralendorff riet dazu, alle Urteile in eine lebenslängliche
Galeerenstrafe umzuwandeln, fand dafür aber keine Unterstützung. So wur­
den die Urteile bestätigt, wenngleich ihr Vollzug in einzelnen Fällen abge­
mildert wurde. An dem Tag, an dem sie in Prag vollstreckt wurden, wollte
Ferdinand auf einer Wallfahrt in der Kirche Maria Zell frommen Übungen
nachgehen. Als Weihegeschenk für die Gottesmutter, die ihm so eindrück­
lich geholfen hatte, stiftete er eine goldene Krone im Wert von 10 000 Gul­
den.139Es ging dem Kaiser darum, sich durch das Prager Blutgericht nicht zu
beflecken und weiterhin des Beistands der Heiligen gewiss zu sein.
Die Exekution der Rebellen war auf den 21. Juni angesetzt und fand vor
dem Altstädter Rathaus statt. Den zum Tode Verurteilten hatte man geist­
lichen Beistand zugestanden, auch durch lutherische und utraquistische
Pfarrer, nicht jedoch durch reformierte Prediger und solche der böhmi­
schen Bruderunität. Das Abendmahl wurde in lutherischer Form ausgeteilt,
weshalb überzeugte Reformierte, wie Wenzel Budowecz, seine Annahme
verweigerten. Vereinzelt fanden auch Bekehrungsversuche durch katholi­
sche Geistliche statt, die aber erfolglos blieben. Ein Kanonenschuss kün­
digte den Beginn der Hinrichtungen an. Um Unruhen vorzubeugen, hatte
man die Stadttore geschlossen und Militär aufgeboten, darunter auch
Wallensteins Kürassiere, die als besonders zuverlässig galten. Graf Joachim
-Andreas von Schlick wurde als Erster aufs Schafott geführt und enthaup­
tet, erst danach wurde ihm die rechte Hand abgeschlagen; als Nächster war
Wenzel Budowecz an der Reihe, als Vierter Kaspar Cappleri de Sulewicz,
ein sechsundachtzigjähriger Mann, der stolperte und den Pfarrer Johan­
nes Rosacius bitten musste, ihn bis zum Richtblock zu führen, damit kei­
ner meine, er sei von Verzweiflung ergriffen.140 Vierundzwanzig Personen
wurden enthauptet, drei gehängt. Es war das Privileg des Adels, mit dem
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Die Hinrichtung der siebenundzwanzig zum Tode verurteilten Anführer


des böhmischen Aufstands vor dem Prager Rathaus erfolgte in einer
feierlichen Zeremonie, durch die der Aufstand formell gesühnt und damit
beendet wurde. Auf dem Rathausbalkon vorne links haben sich die neuen
Herren mit dem kaiserlichen Statthalter Fürst Karl zu Liechtenstein
an der Spitze versammelt. Die Verurteilten werden nach Rang und
Stand exekutiert: Drei Bürgerliche werden gehängt, zwei auf dem
Exekutionspodest, einer gesondert im rechten oberen Bildviertel, während
die Adligen durch das Schwert hingerichtet werden. Die abgeschlagenen
Köpfe der wichtigsten Personen wurden anschließend am Brückenturm
aufgehängt (rechts oben), um möglichen Nachahmern als Abschreckung zu
dienen.

Schwert gerichtet zu werden; Bürger mussten mit dem Strick vorliebneh­


men. Dr. Jan Jessenius, Mediziner und Rektor der Prager Universität, wurde
zuvor noch die Zunge herausgeschnitten. Die Exekutionen zogen sich über
vier Stunden hin, ständig von Trommelwirbel begleitet, der verhindern
sollte, dass die Verurteilten sich an die Menge wenden konnten, die sich auf
dem Altstädter Ring versammelt hatte. Der Scharfrichter Jan Mydlär ver-
Der Krieg um die Pfalz 193

rrauchte vier Schwerter, da ein Richtschwert nach sechsmaligem Gebrauch


i_s stumpf galt. Er verdiente an diesem Tag 634 Taler, eine stattliche Summe.
Gemäß der Logik der Zeit machte er seine Sache gut, es kam zu keinen Pan­
nen. Die Köpfe von zwölf Verurteilten, dazu zwei abgehackte Hände und
i:e Zunge des Dr. Jessenius wurden am Turm der Altstädter Moldaubrü­
cke aufgehängt und blieben dort zehn Jahre lang, bis sie bei einem Vorstoß
sächsischer Truppen nach Prag entfernt wurden. Der böhmische Aufstand
endete am Vormittag des 21. Juni 1621 vor dem Rathaus der Prager Altstadt.
Aber der Krieg ging weiter. Mehr noch: Er begann jetzt erst richtig.

Der Krieg um die Pfalz

Ferdinand habe in Wien seinen Sieg gefeiert, aber die wahren Sieger dieser
ersten Phase des Krieges seien der spanische König Philipp III. und der
3 ayernherzog Maximilian gewesen - so das Urteil der britischen Historike­
rin Cicely Veronica Wedgwood.141 Legt man das Frühjahr 1621 zugrunde, so
hatten spanische Truppen die Rheinpfalz besetzt, womit die Spanier zwar
die logistischen Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Krieges
gegen die niederländischen Generalstaaten zweifellos verbessert, zugleich
aber eine weitere Front eröffnet hatten, an der Soldaten und Ressourcen
gebunden waren. Ob das von Vorteil sein würde, musste sich erst noch
zeigen. Immerhin, die nördlichen Niederlande hatten, entgegen den der
Union gegebenen Zusagen, keinen Diversionskrieg gegen die südlichen
Niederlande eröffnet, um die spanischen Truppen dort zu binden. Es war
durchaus möglich, dass der über zwölfJahre geltende und nun auslaufende
Waffenstillstand verlängert werden würde. Spanien wollte dem aber nur
unter Bedingungen zustimmen, die für das Weltreich günstiger waren als
die bisherigen,142 und ob die Holländer dann noch zur Verlängerung des
Waffenstillstands bereit wären, blieb abzuwarten. Genaugenommen hatte
Spanien noch gar nichts gewonnen, sondern nur seine Ausgangspositionen
verbessert. Das galt nicht weniger für den Bayernherzog Maximilian: Er
war zwar der glänzende Sieger des Böhmenkriegs, und Kaiser Ferdinand
194 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

stand tief in seiner Schuld, aber weder hatte Bayern zu diesem Zeitpunkt
den erhofften Gebietszuwachs erfahren, noch war die in einem geheimen
Zusatz zum Münchner Vertrag in Aussicht gestellte Übertragung der pfäl­
zischen Kur auf Maximilian erfolgt. 143 Maximilian hatte Oberösterreich als
Pfand in der Hand, mehr nicht.
Den eigentlichen Sieger der Ereignisse nennt Wedgwood nicht: Es war
Johann Georg von Sachsen, der nicht nur die Kontrolle über die Ober- und
Niederlausitz erlangt, sondern sich auch als der wahre und weitsichtige Füh­
rer der deutschen Protestanten positioniert hatte. Sein Rivale Friedrich V.
hatte sein Renommee verspielt; selbst in Brandenburg wollte (und konnte)
man ihm keinen Schutz gewähren, eine Rückkehr in die Pfalz war infolge
der Kriegslage und der am 29. Januar 1621 erfolgten Ächtung des Pfalzgrafen
unmöglich, und die Union, deren Direktor der Pfälzer war, stand kurz vor
der Auflösung. Der einzige Ort, wo er einen einigermaßen sicheren Exilauf­
enthalt fand, war Den Haag in den Niederlanden.144Aus Sicht der Luthera­
ner in Dresden, Darmstadt und weiten Teilen Norddeutschlands war jetzt
die Gelegenheit, Frieden zu schließen und die Verhältnisse im Reich so zu
ordnen, dass dieser Friede von Dauer war.
Aber ein solcher Friedensschluss war für den reichskonservativen Pro­
testantismus nicht einfach zu erreichen. Cicely Veronica Wedgwood, die
das Problem in den 1930er Jahren sorgfältig durchdacht hat, nennt vier Vor­
aussetzungen für einen Friedensschluss nach dem Ende des böhmischen
Krieges:145 Kurfürst Friedrich musste unter Verzicht auf die böhmische
Krone den Kaiser um Vergebung bitten, und dieser musste die erbetene
Amnestie gewähren; sodann musste Spanien sich aus der Pfalz zurückzie­
hen und die dort errungenen Vorteile wieder aufgeben, damit Friedrich in
die Kurpfalz zurückkehren konnte; weiterhin musste der in der Oberpfalz
mit der Neuaufstellung eines Heeres beschäftigte Mansfeld seine Soldaten
abdanken; und schließlich musste Ferdinand seine Schulden bezahlen, und
zwar vollständig, damit die im geheimen Zusatz zum Münchner Vertrag
vorgesehene Übertragung der Kurwürde nicht vollzogen werden musste.
Tatsächlich wurde keine dieser Voraussetzungen erfüllt. Die letztgenannte
war sachlich unerfüllbar, und zwei weitere hätten die Akteure gezwun­
gen, gegen ihre objektiven Interessen zu handeln. Nur auf die böhmische
Der Krieg um die Pfalz 195

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^an Jtrf IjnJjren 3 al>fclc, tui(7 dem. Palmen. 174 £s Weben J tr „
QVIa. aVDIcrVnt o M n la Verira. orls t V I .

Das Flugblatt stellt den Protestantismus in der lutherischen


Ausprägung als die wahre Religion dar: im Zentrum ein siebenarmiger
Leuchter, der auf der Bibel als sicherem Fundament steht. Die Kerzen
an den Spitzen des Leuchters sind durch den als Taube dargestellten
Heiligen Geist entzündet worden. Der Altarsockel, auf dem der
Leuchter steht, wird durch Kurfürst Johann Georg von Sachsen und
Martin Luther flankiert, die den Bund mit Gott schützen: der Kurfürst
mit dem Schwert, der Reformator mit dem Buch.
196 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Krone hätte Friedrich verzichten können, ohne seine tatsächliche Lage zu


verschlechtern. Doch er dachte nicht an einen derartigen Schritt, sondern
bemühte sich um große Bündnisprojekte, wie sie schon früher die pfälzi­
sche Politik gekennzeichnet hatten. Er entsandte Boten, die mit den Schwe­
den, den Dänen, den Niederländern und den Briten Verhandlungen über
die Weiterführung des Krieges einleiten sollten, und beauftragte Mansfeld,
Werbungen vorzunehmen und neue Truppen aufzustellen.
Für Friedrich fiel all dies unter die Vorstellung eines legitimen Wider­
stands. Solange er sich jedoch nicht unterwarf, gab es für Spanien auch kei­
nen Grund, die in der Rheinpfalz stehenden Truppen abzuziehen. Zudem
war unklar, welche Politik Spanien gegenüber den Niederlanden verfolgen
würde: Philipp III. starb am 31. März 1621, und sein Sohn Philipp IV. war
damit beschäftigt, den Kreis seiner Vertrauten und Berater neu zu ordnen.
Eine gewisse Rolle spielte auch, dass die Truppen Spinolas nicht als Ver­
bände Spaniens, sondern als solche des burgundischen Reichskreises in
die Rheinpfalz eingerückt waren und damit über dieselbe Legitimation
verfügten, wie sie auch Maximilian in Böhmen für sich in Anspruch nahm.
Aber das war bloß die Fassade, hinter der sich die Interessen der den Kai­
ser unterstützenden Mächte verbargen - und da Ferdinand II. notorische
Geldprobleme hatte, zumal jetzt, als mit Böhmen das reichste seiner Erb­
länder wirtschaftlich ruiniert war, war es ihm unmöglich, seine Helfer zu
bezahlen. Er musste sie anderweitig entschädigen. Im Falle Maximilians war
das die in Aussicht gestellte Inbesitznahme der Oberpfalz und die Übertra­
gung der pfälzischen Kurwürde. Vor allem deswegen konnte der Krieg nach
der Schlacht am Weißen Berg und der Vertreibung der letzten Truppen, die
Friedrichs Sache unterstützten, nicht beendet werden. Mit anderen Wor­
ten: Die Abhängigkeit des Kaisers vom Bayernherzog führte dazu, dass der
Krieg, der bislang auf den ostmitteleuropäischen Raum beschränkt war,
nunmehr nach Westen, an Rhein, Main und Neckar, verlagert wurde.
Diese Verlagerung146begann am 29. Januar 1621, als über Kurfürst Fried­
rich die Reichsacht verhängt wurde. Es handelte sich dabei um einen reichs­
rechtlich äußerst fragwürdigen Vorgang, denn der Kaiser griff damit in die
Rechte derer ein, die ihn in Frankfurt gewählt hatten und denen gegenüber
er gelobt hatte, die Ordnung des Reiches jederzeit zu achten und zu bewah­
Der Krieg um die Pfalz 197

ren. Bei einem so weitreichenden Schritt, wie es die Ächtung eines Kurfürs­
ten war, hätte Ferdinand zumindest die Zustimmung der anderen Kurfürs­
ten einholen müssen - was er wohlweislich nicht tat, denn Kursachsen und
Kurbrandenburg hätten sie in jedem Fall verweigert. Der Kaiser musste den
Schritt jedoch tun, um seine Zusagen gegenüber Maximilian einlösen zu
Können, denn erst wenn Friedrich geächtet war, konnte die Besetzung der
Oberpfalz als Reichsexekution dargestellt werden. Obendrein war Maxi­
milian erst durch die Ächtung Friedrichs von den Regelungen des Ulmer
Vertrags entbunden, in dem er sich gegenüber der Union verpflichtet hatte,
dass Truppen der Liga nicht in das Gebiet von Unionsmitgliedern Vordrin­
gen würden. Gegenüber einem Geächteten, so ließ sich argumentieren, gal­
ten solche Zusagen nicht. Der Kaiser saß in einer Falle, die er selbst aufge­
stellt hatte, als er im Oktober 1619 den Bayern um Hilfe gegen die Böhmen
gebeten und unter dem Einfluss von Graf Onate Maximilians Forderungen
akzeptiert hatte.147
Friedrich mochte am Ausbruch des Krieges eine gewisse Mitschuld
haben, denn ohne sein leichtfertiges Agieren wäre der böhmische Aufstand
eine «innerhabsburgische» Angelegenheit geblieben. Aber daran, dass der
Krieg mit der Niederschlagung des böhmischen Aufstands nicht zu Ende
w ar, trugen Ferdinand und Maximilian die Hauptschuld - wenn man über­
haupt von Schuldigen sprechen will. Die Feststellung von Schuld ist an
eine auf Akteure zentrierte Perspektive gebunden; betrachtet man das Jahr
1621 dagegen aus systemischer Perspektive, so ist festzustellen, dass durch
den Krieg in Böhmen - im Unterschied zu dem vorangegangenen Krieg
am Niederrhein148 - so viele Streitpunkte und Problemfelder miteinander
verknüpft worden waren, dass sie sich mit politischen Mitteln vorerst nicht
voneinander trennen ließen. Eine solche Trennung aber wäre die Vorausset­
zung dafür gewesen, dass man sich im Frühjahr 1621 auf einen Frieden hätte
verständigen können. Erst siebenundzwanzig Jahre später, in den Verhand­
lungen von Münster und Osnabrück, sollte es gelingen, die Problemfelder
zu separieren.

Mansfeld und seine Kadertruppen waren bei alldem noch die geringste
Schwierigkeit. Nach dem Rückzug aus Westböhmen hatte der Kriegsun­
198 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

ternehmer sein Rriegsvolk zwischen dem Flüsschen Naab und der böh­
mischen Grenze versammelt. Er war Friedrichs Wunsch gefolgt und stellte
neue Truppen auf, um erneut nach Böhmen vorzustoßen beziehungsweise
die Oberpfalz gegen den erwarteten Angriff der Liga-Truppen zu verteidi­
gen. Mansfelds ständig wachsende Streitmacht wurde aus den begrenzten
Ressourcen der Oberpfalz versorgt, Subsidien aus den Niederlanden kamen
noch hinzu. 149 Im Mai bezog Mansfeld nahe der böhmischen Grenze eine
feste Stellung, von der aus er Vorstöße auf böhmisches Gebiet unternahm;
behaupten konnte er sich dort nicht, da ihm auf der böhmischen Seite Tilly
mit den verbliebenen ligistischen Truppen gegenüberstand. 150
Es kam zu gelegentlichen Scharmützeln, die sich zwischen Juli und Sep­
tember 1621 zu einem regelrechten Stellungskrieg steigerten, in dem sich
beide Seiten mit Kanonen beschossen und Kommandoaktionen gegen die
Stellungen der anderen Seite durchführten.151 In diesen stationären Abnut­
zungskrieg kam Bewegung, als Maximilian im Raum Straubing einen grö­
ßeren Truppenverband aufstellte, mit dem er von Süden her in die Ober­
pfalz vorstieß, so dass Mansfeld in Gefahr geriet, von Tilly und Maximilian
in die Zange genommen zu werden. In die Enge getrieben, nahm Mansfeld
die zuletzt erfolgreiche Praxis wieder auf, mit dem Gegner zu verhandeln
und den Eindruck zu erwecken, er werde, wenn man ihm nur genügend
Geld biete, die Seiten wechseln. Diese Aussicht war für Maximilian äußerst
attraktiv, da sie ihm die Chance bot, die Oberpfalz ohne Kampf und die
damit verbundene Verwüstung des Landes in Besitz zu nehmen, während
der Pfälzer Friedrich mit einem Schlag ohne eigene Truppen dastünde.152
Wie üblich zogen sich die Verhandlungen in die Länge; Mansfeld erhöhte
seine Forderungen, reduzierte sie wieder, und so verging die Zeit. Zwi­
schen dem 8. und 10. Oktober verließ Mansfeld dann, von der Gegenseite
offenbar unbemerkt, jedenfalls nicht daran gehindert, die Oberpfalz und
marschierte in Eilmärschen nach Westen. Das von ihm geführte Heer
bestand aus 10 000 bis 12 000 Fußsoldaten, 3000 bis 4000 Reitern und
18 Kanonen.153 Das war eine beachtliche Streitmacht, mit deren Ankunft
sich das Kräfteverhältnis am Rhein schlagartig veränderte.
Die Verteidigung der Rheinpfalz gegen die spanischen Truppen stützte
sich auf drei Festungen: die Festungsstädte Mannheim und Frankenthal
Der Krieg um die Pfalz 199

sowie die gut befestigte Residenzstadt Heidelberg. Die kurpfälzischen


Streitkräfte, nicht mehr als 5000 Mann, hatten sich dorthin zurückgezogen,
wo sie im Frühherbst 1621 von niederländischen und englischen Truppen
verstärkt wurden.154 Die niederländischen Generalstaaten hatten sich doch
noch entschlossen, ihrem alten Verbündeten zu Hilfe zu kommen, aber da
i er Waffenstillstand mit Spanien bald auslief und sie ihre Kräfte « zu Hause »
brauchten, hatten sie nur kleine Einheiten entsandt. Auch Jakob I. leistete
seinem ins Unglück geratenen Schwiegersohn nun militärischen Beistand
und hatte ein Regiment unter Oberst Horace Vere über den Ärmelkanal
geschickt, das von Holland aus rheinaufwärts in die Pfalz marschiert war.
Die pfälzischen Truppen und ihre niederländisch-englischen Unterstüt­
zer waren den in die Rheinpfalz eingerückten spanisch-flandrischen Ein­
heiten unter Ambrosio Spinola kräftemäßig deutlich unterlegen, aber der
Rückhalt durch die drei Festungen glich das vorerst aus. Schließlich war
ein Teil der spanischen Truppen in die spanischen Niederlande zurückmar­
schiert, um dort den Krieg gegen die Generalstaaten wieder aufzunehmen.
Für einen umfassenden Belagerungskrieg indes genügten die verbliebe­
nen etwa 11000 Mann unter dem Kommando des spanischen Generals
Gonzalo Fernändez de Cordoba kaum. Sie konzentrierten sich auf Mann­
heim, die stärkste der drei Festungen, in der Erwartung, dass ihr Fall auch
die beiden anderen zur Kapitulation bewegen würde. Aber in Mannheim
Kommandierte der Engländer Vere, ein erfahrener Soldat, den der Pfalzgraf
zum General in der Rheinpfalz ernannt hatte, und der dachte nicht daran,
die Festung zu übergeben.
Zwar hatte man auch in Böhmen und Mähren zeitweise einen Festungs-
Krieg geführt, aber dieser war vorwiegend ein Begleiter des Bewegungs- und
Scharmützelkrieges gewesen, der bis zur Entscheidungsschlacht am Weißen
Berg das Kriegsgeschehen geprägt hatte. In der Rheinpfalz trafen dagegen
Truppen und Kommandeure aufeinander, die mit dem Festungskrieg, wie
er während der letzten drei Jahrzehnte in den Niederlanden praktiziert wor­
den war, aufs Beste vertraut waren. Festungskrieg beruht auf dem Grund­
satz der Entschleunigung, durch die der Gegner erschöpft und ermattet
werden soll. Die sich über Monate hinziehende Belagerung einer Festung
war teuer, hatte große logistische Anstrengungen vor allem bei den Belage­
200 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

rern zur Folge, führte bei widrigen Wetterverhältnissen gerade bei ihnen
zu erhöhten Krankheitsraten beziehungsweise zum Ausbruch von Seuchen
und demoralisierte die Soldaten, wenn die Belagerung schließlich erfolglos
aufgehoben werden musste. Auch erhöhte diese Art der Kriegführung die
Verwundbarkeit der Belagerer, die leicht zwischen zwei Fronten geraten
konnten, wenn den Belagerten Entsatz zu Hilfe kam. Also mussten sie nicht
nur Erdwerke zum Schutz gegen Ausfälle der Festungstruppen errichten,
sondern auch solche zum Schutz ihres Rückens, was zusätzlich Zeit kostete
und bei den Soldaten für Unzufriedenheit sorgte. Schanzarbeiten waren
nämlich ausgesprochen unbeliebt, und die Söldner bevorzugten es, wenn
dazu Bauern aus der Umgebung herangezogen wurden. Eine Stadt verteidi­
gungsfähig zu machen, war aber auch nicht ganz einfach. In Friedenszeiten
entstanden vor den Stadtmauern und Bollwerken Vorstädte, zumeist aus
kleinen Häusern und Katen, in denen die ärmere Bevölkerung lebte, und
diese Vorstädte wurden von den Verteidigern nunmehr abgerissen oder
niedergebrannt, um freies Schussfeld zu haben und dem Angreifer keine
Unterkünfte für seine Soldaten zu bieten. Belagerungskrieg war stets mit der
ausgreifenden Verwüstung der Umgebung einer Festung verbunden. 155
Um einem Angreifer, der über schwere Kanonen verfügte, Widerstand
leisten zu können, hatte sich der Bau von Befestigungswerken seit dem
Spätmittelalter grundlegend verändert. 156 An die Stelle der hohen Mauern,
die mit Leitern gestürmt werden mussten, waren abgeschrägte Bastionen
getreten, die sich nach einem geometrisch ausgeklügelten System von Win­
keln und Vorsprüngen gegenseitig deckten, so dass ein Angreifer unter flan­
kierendes Feuer genommen werden konnte. Unter solchen Umständen war
ein Frontalangriff unmöglich oder zumindest mit so schweren Verlusten
verbunden, dass die meisten Angreifer davor zurückschreckten. Während
in die herkömmlichen Burg- und Stadtmauern, die umso furchteinflößen­
der waren, je höher sie aufragten - man spricht auch von einer «vertikalen
Verteidigung» - , von schweren Belagerungsgeschützen relativ schnell eine
Bresche geschlagen werden konnte, hielten die auf ihrer Innenseite durch
Erdaufschüttungen abgestützten Bastionen der neuartigen Festungsanla­
gen auch längerem Artilleriebeschuss stand. Der Sturm auf eine Festung
musste also gründlich vorbereitet werden, und dazu gehörte neben syste­
Der Krieg um die Pfalz 201

matischem Beschuss auch das Vortreiben gedeckter Gräben, in denen die


Belagerer bis in unmittelbare Nähe der Verteidigungswerke kamen, um sie
zu unterminieren oder in einem handstreichartigen Angriff zu nehmen. Bei
dieser Art der Kriegführung spielten Mathematiker und Ingenieure eine
zentrale Rolle, womit eine Verwissenschaftlichung des Krieges um sich
griff und an die Stelle von Tapferkeit und Schneid Berechnung und Syste­
matik traten.157 Vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte es im Reich
euren regelrechten Bauboom bei der Modernisierung von Festungsstädten
gegeben.158 Der Festungs- und Belagerungskrieg wurde neben der eher
seltenen Entscheidungsschlacht, dem Scharmützelkrieg sowie dem Beute­
krieg zur vierten «Säule» der Kriegführung zwischen 1618 und 1648. Durch
die systematische Entschleunigung des Kriegsgeschehens hat er das Seine
zur langen Dauer des Krieges beigetragen.
Seit dem Auftauchen Mansfelds und seiner Streitmacht war es mit dem
Festungs- und Belagerungskrieg in der Rheinpfalz vorerst vorbei: Cordoba
musste die Belagerung Mannheims aufgeben und sich auf gesicherte Posi­
tionen in der nördlichen Rheinpfalz zurückziehen, um von Mansfeld nicht
im Rücken gefasst zu werden. Da sich Vere und Mansfeld nicht über das
Oberkommando verständigen konnten und offenbar auch unterschiedliche
Vorstellungen darüber hatten, wie der Krieg weitergeführt werden sollte,
verfolgten sie Cordoba nicht, sondern trennten sich wieder; Vere konzen­
trierte sich auf die Verteidigung der rheinpfälzischen Festungen, während
Mansfeld am Mittel- und Oberrhein einen Beutekrieg begann, der gegen
die dortigen Mitglieder der katholischen Liga gerichtet war und der Versor­
gung seiner Söldner diente. Bistümern und Städten wurden Nahrungsmit­
tel und Geld abgepresst, und dabei entwickelte sich ein Typ von Kriegfüh­
rung, der sehr schnell Schule machte. «Die Mansfelder», heißt es in einem
zeitgenössischen Bericht, «haben die armen unbewehrten Bauern hau-
tenweise in die brennenden Häuser mitten in die Flammen geworfen, und
diejenigen, die sich retten wollten, wie die Hunde niedergeschossen. Sie
haben die Kirchen aufgebrochen, beraubt, die Altäre abgerissen, das heilig
hochwürdige Sakrament mit Füßen getreten, einander ihre blutrünstigen
Schuhe mit dem heiligen Öle und Chrysam angestrichen und beschmiert.
Sie haben die Taufsteine ausgeschüttet und beschmiert und sie auf unehr-
202 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

liehe Weise zuschanden gemacht. Sie haben alle Weibspersonen öffentlich


geschändet und nach verübtem Mutwillen dieselben ins Feuer geworfen.
Sie haben junge Kinder von neun, zehn Jahren mit unaussprechlicher teuf­
lischer Unzucht verderbt, so lange unmenschlich rottenweise geschändet,
bis sie unter ihnen gestorben. Wie dann junger und alter Weibsbilder eine
gute Anzahl danach in offenen Wegen, in den alten verbrannten Scheuern
noch unehrlich, unbedeckt tot gefunden worden, andere aber dermaßen
verderbt, daß sie kaum atmen können und nach wenigen Tagen ebenfalls
weggestorben.»159 Die der Truppenversorgung dienenden Plünderungen
gingen einher mit sadistischen Grausamkeiten, sexueller Gewalt und der
Schändung sakraler Gegenstände. In Letzterem zeigte sich die religiöse
Aufladung der Gewalt, die daraufhinweist, in welchem Maße dieser Krieg
durchweg auch ein Religionskrieg war. Mansfeld jedenfalls war bestrebt,
seine Söldner auf Kosten des Hauses Habsburg zu versorgen, und da der
Habsburger Erzherzog Leopold Bischof von Straßburg war, fiel er ins Eisass
ein, um dort Kontributionen einzutreiben und zu plündern.160
Die Schwierigkeiten Veres und Mansfelds, sich auf einen gemeinsamen
Kriegsplan und über das Oberkommando zu verständigen, wiederholten
sich im Verhältnis zwischen Cordoba und dem Ende Oktober an Neckar
und Rhein eingetroffenen Tilly.161 Möglicherweise warf Cordoba Tilly
vor, dass er Mansfeld aus der Oberpfalz habe entkommen lassen, aber mit
Sicherheit zeigten sich darin auch die unterschiedlichen politischen Inter­
essen der Spanier und der Liga: Während Tilly die Pfalz für Bayern erobern
sollte, setzten die Spanier zu diesem Zeitpunkt noch auf die Wiedereinset­
zung des Kurfürsten Friedrich unter ihrem Protektorat. Nachdem sich die
beiden Männer uneins getrennt hatten, schickte sich Tilly an, Heidelberg
zu belagern, während Cordoba in der nördlichen Pfalz Quartier bezog.
Mansfeld behielt derweil infolge seiner höheren Beweglichkeit die strate­
gische Initiative. Er hatte die Fußtruppen im Rhein-Neckar-Raum einquar­
tiert, während er mit seinen Reitern hier und dort auffauchte, um Beute zu
machen und das Land zu verheeren.

So ging das Jahr 1621 zu Ende, ohne dass erkennbar war, welche Seite an
Rhein und Neckar die Oberhand gewinnen würde. Ein schwerwiegendes
Der Krieg um die Pfalz 203

Manko lastete freilich auf der Sache des Kurfürsten, und das bestand darin,
dass sich die protestantische Union am 14. Mai 1621 aufgelöst hatte. Friedrich
hatte dadurch seine letzte eigene Machtbasis verloren; fortan war er gänz­
lich auf die Hilfe fremder Mächte angewiesen. Was die Schlacht am Weißen
Berg für ihn als böhmischen König bedeutet hatte, war der Heilbronner
Beschluss zur Auflösung der Union für ihn als pfälzischer Kurfürst. 1617
war das Unionsbündnis um vier Jahre verlängert worden, im Frühsommer
1621 hätte es erneut verlängert werden müssen. Dies wurde zum Problem,
seitdem Friedrich, der Kopf und Anführer der Union, vom Kaiser geächtet
war: Jeder, der ihn nun unterstützte, lief selbst Gefahr, der kaiserlichen Acht
zu verfallen. Zwar hatte man bei einer ersten Versammlung in Heilbronn
am 7. Februar 1621 noch die finanziellen Mittel zum weiteren Unterhalt der
Truppen bewilligt und auch die Verpflichtung zum Schutz der Kurpfalz
anerkannt, aber einige Unionsangehörige hatten das unter dem Vorbehalt
getan, dass diese Verpflichtung in zwei Monaten auslaufen werde und die
beschlossenen Zahlungen nur noch zur Abwicklung der Armee dienten.162
Der vom Kaiser damit beauftragte Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt
war nach Heilbronn gekommen, um den Versammelten die Risiken einer
weiteren Unterstützung des Pfalzgrafen in aller Deutlichkeit vor Augen zu
führen. Bei den traditionell reichstreuen Städten stieß er damit schon halb
geöffnete Türen auf. Als erste Stadt kündigte Straßburg die Beteiligung an
den Kriegskosten der Union, und als den anderen Städten eine Frist von
sechs Wochen eingeräumt wurde, um dem Straßburger Beispiel zu folgen,
taten sie es allesamt. Einer der Gründe dafür war, dass die Städte durch
die Achtung am stärksten verwundbar waren, da ihre über Land ziehenden
Kaufleute ohne kaiserlichen Schutz nicht auskamen. War eine Stadt geäch­
tet, so konnte sich jeder ungestraft am Eigentum ihrer Händler und Kauf­
leute vergreifen, und wer in der Stadt Geld geliehen hatte, musste es nicht
zurückzahlen. Unter diesen Umständen war den Städten ihr Eigeninteresse
wichtiger als die Solidarität mit den protestantischen Glaubensbrüdern.
Als Nächstes fiel ausgerechnet Landgraf Moritz von Hessel-Kassel ab.
Was er fürchtete, war nicht die Ächtung durch den Kaiser, sondern die an
seiner Grenze aufmarschierten spanischen Truppen des Generals Spfnola.
Dieser Macht waren die Streitkräfte des Landgrafen nicht gewachsen, und
204 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

da mit nennenswerten Bündnispartnern nicht zu rechnen war, gab ausge­


rechnet einer der frühen Anführer des kämpferischen Protestantismus als
Erster unter den Fürsten auf und erließ am 24. März 1621 Instruktionen, die
auf ein Ausscheiden seines Landes aus der Union hinausliefen.163 Danach
gab es kein Halten mehr: Der Herzog von Württemberg und der Markgraf
von Ansbach beantragten, unter Vermittlung des Landgrafen Ludwig und
des Erzbischofs von Mainz mit Spinola einen Vertrag auszuhandeln, der es
ihnen ermöglichte, die Truppen der Union aus der Rheinpfalz zurückzuzie­
hen beziehungsweise sie von den kurpfälzischen Truppen zu trennen. Dazu
wurde ihnen zunächst eine Frist bis zum 14. Mai und dann bis zum 31. Juli
zugestanden. Am 14. Mai trafen die verbliebenen Mitglieder der Union ein
letztes Mal in Heilbronn zusammen, um die besagte Auflösung des Bünd­
nisses zu beschließen.
Dieser Beschluss nimmt sich aus wie der Schlusspunkt einer länger­
währenden Agonie. Darum handelte es sich zweifellos auch; insofern hat
die Heilbronner Übereinkunft: vom 14. Mai 1621 nichts Dramatisches, son­
dern steht nur für das formale Ende eines längeren Zerfallsprozesses. Er
war zugleich aber auch das Ende eines handlungsfähigen Protestantismus
innerhalb des Reichs; von nun an handelten die einzelnen protestantischen
Fürsten und Städte unabhängig voneinander, orientiert an der allgemeinen
Lage und den eigenen Interessen. Unter diesen Umständen war man den
vereinten Kräften der Liga und des Kaisers nicht gewachsen. Politische
Handlungsfähigkeit erlangte der deutsche Protestantismus fortan nur noch,
wenn ihm auswärtige Mächte zu Hilfe kamen, sei es aus konfessioneller
Solidarität, sei es aus machtpolitischen Interessen. Insofern war das Ende
der Union ein weiterer Schritt bei der Internationalisierung des Konflikts,
und tatsächlich wirkte die Schwäche des deutschen Protestantismus wie
ein Sog, der unablässig Kräfte von außen in den Krieg hineinzog.
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig 205

Der Markgraf von Baden


und Christian von Braunschweig

Bevor unter der Führung des Dänen Christian IV. und des Schweden Gus­
tav Adolf die nordischen Mächte in den Krieg eingriffen, waren es zwei
deutsche Reichsfürsten, die dafür sorgten, dass die militärische Wider­
standskraft des Protestantismus nicht auf die Söldner des notorisch unzu­
verlässigen Mansfeld beschränkt blieb. Dieser hatte die im Eisass und in Tei­
len der Rheinpfalz bezogenen Winterquartiere genutzt und seine Truppen
durch neue Werbungen verstärkt. Sein Ruf, dass bei ihm der Sold zwar nur
unregelmäßig ausgezahlt werde, man aber ungehemmt rauben und plün­
dern könne, sorgte dafür, dass er entsprechenden Zulauf hatte. Im Frühjahr
1622, als die Witterung wieder größere militärische Bewegungen erlaubte,
hatte Mansfeld seine Truppen auf insgesamt 35 000 Mann gebracht. Das
war eine beachtliche Streitmacht, freilich eine von sehr unterschiedlicher
Kampfstärke, bei der man bezweifeln konnte, dass sie einem zahlenmäßig
gleich starken Gegner, wie den Truppen der Liga unter Tilly oder einem
spanisch-flämischen Heeresverband unter Cordoba, auf dem Schlachtfeld
gewachsen war. Mansfeld scheint das gewusst und selbst an der Kampfkraft
seiner Truppen gezweifelt zu haben, denn er achtete während des gesamten
Kriegsjahres rö22 darauf, dem Gegner auszuweichen. Nur einmal stellte er
sich zur Schlacht, und das auch nur, weil er dabei aus einem Hinterhalt agie­
ren konnte und außerdem drückend überlegen war. Zumeist aber waren
das Heer der Liga, die spanischen Truppen, die Verbände des Erzherzogs
Leopold sowie die kaiserlichen Einheiten, die zusammen über eine Stärke
von etwa 100 000 Mann verfügten, deutlich überlegen - jedenfalls solange
sie koordiniert agierten.164
Wäre es dabei geblieben, hätte sich Mansfeld in der Pfalz nicht halten
können. Aber im Kriegsjahr rö22 tauchen zwei Männer auf, die auf eigene
Faust und eigene Rechnung Truppen anwarben und mit ihnen auf Seiten
des Kurpfälzers in den Krieg zogen. Einer der beiden war Markgraf Georg
Friedrich von Baden-Durlach, ein kämpferischer Protestant, obwohl
Lutheraner, den die Selbstauflösung der Union zutiefst beschämt hatte und
206 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

für den es mit seinem Glauben und seiner Ehre nicht vereinbar war, den
Pfalzgrafen im Stich zu lassen.16s Georg Friedrich war sich über das Risiko
seines Eintretens für den geächteten Pfalzgrafen im Klaren, deswegen
dankte er am 22. April 1622 zugunsten seines Sohnes Friedrich ab. Im vor­
angegangenen Winter hatte er eine aus Landeskindern und Geworbenen
bestehende Streitmacht zusammengestellt, mit der er in den Krieg um die
Pfalz eingreifen wollte. Die Markgrafschaft Baden und das Erbe seines Soh­
nes sollte dadurch jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, deswe­
gen trennte Georg Friedrich seine Herrschaft von dem geplanten Kriegszug.
Da er in den zurückliegenden Jahren solide gewirtschaftet hatte, verfügte
er über genügend Geld, um die Truppen auszurüsten und für einige Zeit
zu versorgen. Der Markgraf konnte sich freilich keine langwierige Krieg­
führung erlauben und musste darum die Entscheidungsschlacht suchen.
Georg Friedrich war mit den zeitgenössischen Kriegstheorien gut ver­
traut und hatte viel gelesen, verfügte aber über keine größeren praktischen
Kriegserfahrungen.166 Er war ein Theoretiker, der sich anheischig machte,
den Praxistest zu bestehen.
Christian von Braunschweig, der andere der beiden, die Pfalzgraf
Friedrich zu Hilfe kamen, war das genaue Gegenteil des Markgrafen.167 Er
war mehr als ein Vierteljahrhundert jünger als der Markgraf und handelte
in einer Mischung aus jugendlichem Überschwang und Abenteuerlust,
romantischen Ritterlichkeitsvorstellungen, in denen sich Minne- und Waf­
fendienst miteinander verbanden, und einer Abneigung gegen jede Form
traditioneller Autorität und deren Bedeutung für die Ordnung des Reichs.
Als jüngerer Bruder des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wol-
fenbüttel hatte er keinen Anspruch auf ein eigenes Herrschaftsgebiet. Seine
Mutter hatte deshalb dafür gesorgt, dass er im Alter von sechzehn Jahren
als Administrator des Bistums Halberstadt eingesetzt wurde, aus dem er
hinreichend Mittel bezog, um ein angenehmes Leben zu führen. Das aber
war Christians Sache nicht, und so hatte er die Halberstädter Mittel bereits
1621 genutzt, um in den Krieg einzugreifen, war dabei aber nicht sonderlich
weit gekommen.168 Ein überzeugter Glaubenskämpfer scheint Christian
nicht gewesen zu sein, auch wenn der Spott, mit dem er seine katholischen
Gegner überschüttete, nahelegt, dass er sich mit den theologischen Kontra-
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig 207

Der jüngere Sohn


des Herzogs von
Braunschweig-
Wolfenbüttel war eher
ein Abenteurer als ein
Kriegsunternehmer,
tollkühn und verwegen,
aber militärisch ohne
Fortune. Er inszenierte
sich als Ritter der aus
Böhmen vertriebenen
Elisabeth Stuart und
brachte dadurch einen
romantischen Zug
in die Kriegführung.
Das heroische
Porträt Anton van
Dycks zeigt ihn nach
der erfolgreichen
Durchbruchsschlacht
von Fleurus, in der er
den linken Unterarm
verlor.

versen seit der Reformation beschäftigt hatte. Die Folge waren aber nicht
tiefere religiöse Überzeugungen, sondern zynische Distanz gegenüber dem
katholischen Heiligenglauben.
Christian war indes ein glühender Verehrer der Pfalzgräfin Elisabeth,
die nach der Flucht aus Prag einige Monate durch Norddeutschland gezo­
gen war und um Unterstützung für ihren Mann gebeten hatte, jedoch
überall auf taube Ohren gestoßen war. Nicht so bei dem gerade einund­
zwanzigjährigen Christian, der sich zum ritterlichen Streiter der gedemü-
tigten Frau machte, was er unter anderem dadurch zum Ausdruck brachte,
dass er im Gefecht einen Handschuh Elisabeths am Hut trug. Auch soll
er geschworen haben, er wolle sein Schwert nicht eher in die Scheide ste­
cken, als bis die böhmische Krone wieder auf dem Haupte Elisabeths sitze.
Immerhin - Christian hatte einige militärische Erfahrungen in den Nieder­
landen gesammelt, sah sich als Schüler Moritz von Oraniens und war davon
überzeugt, zum Kriegsmann geboren zu sein. Aufgrund seiner tollkühnen
208 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Aktionen nannte man ihn schon bald «den tollen Halberstädter», was mal
Bewunderung, mal Distanz zum Ausdruck brachte. In jedem Fall ist Chris­
tian von Braunschweig eine der interessantesten Gestalten des Krieges. Er
konnte dazu werden, weil der Krieg Leuten wie ihm die Möglichkeit ver­
schaffte, sich in die Geschichte einzuschreiben. Gleichzeitig verliehen Per­
sonen wie Christian dem Kriegsgeschehen etwas Bizarres, wie es in Frie­
denszeiten nur selten zu finden ist.
Am 22. April 1622 vereinbarten Mansfeld und Markgraf Georg Friedrich,
den Krieg von nun an gemeinsam zu führen und ihre Operationen aufein­
ander abzustimmen. Als Erstes wollten sie dem von ligistischen Truppen
weiträumig umfassten Heidelberg zu Hilfe kommen und Tilly mit verein­
ten Kräften schlagen. Bei Mingolsheim ging die Armee Mansfelds, bei der
sich inzwischen auch Pfalzgraf Friedrich eingefunden hatte, über den Rhein
und näherte sich Tilly, der daraufhin die Umschließung Heidelbergs auf­
gab. Einige Zeit belauerte man sich, dann zog sich Mansfeld wieder zurück,
und Tilly, der zwischenzeitlich Zuzug erhalten hatte, folgte ihm, während
Cordoba in der nördlichen Rheinpfalz blieb. Nahe Mingolsheim stellte
Mansfeld dem nachdrängenden Tilly am 27. April eine Falle, in die dieser
hineintappte: Mansfeld hatte den Eindruck erweckt, er wolle sich weiter
zurückziehen, und Tilly stieß in diese scheinbare Rückzugsbewegung (es
war indessen nur der Tross, der abzog) mit einer schnellen Kavallerieat­
tacke hinein. Da Mansfeld den Ort Mingolsheim in Brand gesetzt hatte,
konnte Tilly nicht erkennen, dass dessen Heer hinter dem brennenden
Städtchen in Kampfaufstellung bereitstand. Die Kavallerie Tillys wurde
zurückgeworfen und brachte dabei, ihrerseits nun von Mansfelds Kavalle­
rie attackiert, die nachfolgende Infanterie in Verwirrung. Die Liga-Armee
verlor hier 2000 Männer, die Hälfte davon Berittene, dazu vier Kanonen
und acht Fahnen. Das war eine bemerkenswerte Schlappe, auf die Tilly mit
Rückzug nach Osten reagierte.169 Für seine Gegner blieb es indes bei einem
taktischen Erfolg, weil der in der Nähe stehende Markgraf von Baden es für
unritterlich hielt, einen geschlagenen Feind anzugreifen, und Mansfeld auf
eine Verfolgung verzichtete, da der Vorteil der Defensive dann auf Seiten
Tillys gelegen hätte. Womöglich spielte dabei auch das Gerücht eine Rolle,
der bei dem Gefecht verwundete Tilly sei gefallen und man könne damit
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig 209

rechnen, dass sich das Heer der Liga auflösen werde. Jedenfalls ließen Mans­
feld wie Georg Friedrich die Gelegenheit, das Heer der Liga auseinanderzu­
treiben, ungenutzt verstreichen, und das sollte sich rächen.
Von Wiesloch zog sich Tilly nach Wimpfen zurück, wo er eine starke
Position einnahm. Wimpfen war eine oberhalb des Neckars liegende Fes­
tung, von der aus sich das angrenzende Gebiet gut kontrollieren ließ. Aber
Tilly war besorgt, denn die Schlappe bei Mingolsheim hatte gezeigt, dass
der Krieg um die Rheinpfalz verloren werden konnte, wenn es den Katho­
lischen nicht gelang, ihre potenzielle Überlegenheit in der Operationsfüh­
rung auch zur Geltung zu bringen. «Das Wohl des Heiligen Römischen
Reichs steht auf dem Spiel», schrieb Tilly an Cordoba und forderte ihn
eindringlich auf, zu Hilfe zu kommen und seine Streitkräfte mit den eigenen
zu vereinen.170Der Brandbrief zeigte Wirkung, denn Cordoba traf am 4. Mai
mit 4000 Fußsoldaten und 1300 Reitern in Wimpfen ein - just zu dem
Zeitpunkt, als sich die seit dem 1. Mai vereinigten Truppen Mansfelds und
des Markgrafen von Baden wieder trennten. Die Folge war, dass die etwa
13 000 Mann des Markgrafen am oberen Neckar der auf 20 000 Mann ange­
wachsenen ligistisch-spanischen Streitmacht allein gegenüberstanden.
Über die Gründe für die, wie sich schon bald herausstellte, verhäng­
nisvolle Entscheidung, die Truppen zu trennen, sind in der Forschung
allerhand Vermutungen angestellt worden. Eine davon ist, dass sich Georg
Friedrich und Mansfeld nicht über den gemeinsamen Oberbefehl ver­
ständigen konnten; der Markgraf war der Ranghöhere, der Rriegsunter-
nehmer der Erfahrenere, und wer von beiden den Vorrang erhalten sollte,
war unter diesen Umständen nicht zu klären. Natürlich hätte man dem im
Mansfeld’schen Heer weilenden Pfalzgrafen den Oberbefehl übertragen
können, aber Friedrich war gänzlich kriegsunerfahren und hatte auch, wie
sein Verhalten in der Schlacht am Weißen Berg gezeigt hatte,171 keine Nei­
gung, diese Aufgabe zu übernehmen. Eine weniger auf Rangfragen und
persönliche Animositäten abzielende Erklärung bringt die mit einer so
großen Armee verbundenen logistischen Probleme ins Spiel: 30 000 Sol­
daten ließen sich kaum über eine längere Zeit versorgen. Man hätte diese
Zeit verkürzen können, wenn man das ligistisch-spanische Heer angegrif­
fen hätte, aber das verfügte mit Wimpfen über einen starken Rückhalt, und
210 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Mansfeld war ohnehin kein Anhänger einer auf Entscheidungsschlachten


ausgerichteten Kriegführung. Womöglich gab es auch strategisch-operative
Überlegungen, die bei der Trennung beider Heere eine Rolle spielten, und
die könnten darauf hinauslaufen, dass der Markgraf die katholischen Kräfte
am oberen Neckar binden wollte, während Mansfeld zum unteren Neckar
zog, der Gegenseite Ladenburg als wichtigen Waffenplatz mit Rheinüber­
gang entriss und die Verbindung zu dem von Norden anrückenden Chris­
tian von Braunschweig herstellte. Das war jedoch ein riskanter Plan, der
leicht schiefgehen konnte.172 Letztlich spricht vieles dafür, dass es vor allem
persönliche Gründe waren, die zur Trennung der protestantischen Heere
führten.173
Am Mittag des 5. Mai 1622 hatte Georg Friedrich südlich von Wimpfen
eine Position bezogen, die im Osten vom Neckar und im Süden vom Böllin-
ger Bach begrenzt war. Mit seinen 13 000 Mann war er dem Liga-Heer deut­
lich unterlegen; überlegen war er hingegen an Kanonen, was eine Defen­
sivschlacht nahelegte.174 Vor allem verfügte er über 70 Wagen, auf denen
jeweils eine leichte drehbare Kanone montiert war, gesichert mit schweren
Holzplanken und daran befestigten Speerspitzen. Man kann darin eine
Frühform des Panzerwagens im Sinne eines gut geschützten Artillerieträ­
gers sehen; zu dieser Konstruktion ist der Markgraf wahrscheinlich durch
die Beschäftigung mit den Hussitenkriegen motiviert worden, in denen die
böhmischen Heere ebenfalls Wagen zur Defensivformation eingesetzt hat­
ten. Zudem kann man in diesen Wagen eine Variante der Kombination von
Musketieren und Pikenieren erkennen, wie sie seit dem 16. Jahrhundert bei
den Fußsoldaten üblich geworden war.
Der Markgraf hatte die Kanonenwagen in Form eines Halbkrei­
ses aufstellen lassen; zwischen ihnen standen die schwereren Kanonen.
2000 Musketiere waren bei den Kanonenwagen postiert, der Rest der
Fußtruppen knapp dahinter. A uf der linken Flanke, die an ein Wäldchen
grenzte, standen weitere Kanonen, und die Kavallerie Georg Friedrichs war
so postiert, dass sie an der Wagenburg vorbei angreifen konnte. Das war
eine starke Verteidigungsstellung, deren Stärke jedoch auch eine Schwäche
war, da diese starre Front nicht erlaubte, taktisch auf gegnerische Schwer­
punktbildungen zu reagieren. Tilly wiederum hatte seine Infanterie in zwei
Der Kupferstich in Merians Theatrum Europaeum zeigt jenen Augenblick
der Schlacht bei Wimpfen, als explodierende Pulverwagen die
Abwehrlinien der markgräflichen Truppen aufrissen. In den Berichten ist
von einigen hundert verstümmelten Toten die Rede. Die grauen Vierecke
im unteren Bilddrittel zeigen die ursprünglichen Positionen der Truppen
Tillys an, so dass die Entwicklung der Schlacht nachverfolgt werden kann.

und die Kavallerie in drei Treffen aufgestellt, um die Kräfte je nach Stand
des Kampfgeschehens einsetzen zu können. Die vier leichten Geschütze,
über die ei .verfügte, hatte er vor der Front des ersten Treffens postiert, die
schweren Kanonen in deren Rückraum auf dem höchsten Punkt, von wo
aus sie über die eigene Infanterie hinwegschießen konnten, um Breschen in
die festgefügte gegnerische Front zu schlagen.
Am frühen Morgen des 6. Mai begann die Schlacht mit einer von bei­
den Seiten geführten Kanonade. Aufgrund der großen Entfernung, über
die sie geführt wurde, hatte sie freilich wenig Wirkung. Tilly zeigte Respekt
vor der Abwehrlinie des Badeners und suchte ihn durch vorgeschickte
Plänkler zum Angriff zu verleiten. Der Markgraf reagierte darauf nicht
212 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

und blieb unbeirrt in der Defensive, auch dann, als seine Kürassiere eine
größere Kavallerieeinheit Tillys in die Flucht schlugen. Gegen Mittag trat
eine Waffenruhe ein; das Kanonenfeuer flaute ab, und auch die Musketiere
hörten auf zu schießen. Tilly nutzte die Ruhephase, um die Truppen im
Rückraum seiner Angriffsformation umzustellen, und der dabei aufstei­
gende Staub verführte den Markgrafen zu der Annahme, es sei Mansfeld,
der sich nähere, um Tilly in den Rücken zu fallen. Das war ein Irrtum mit
fatalen Folgen, denn er brachte den Markgrafen dazu, von nun an offensiver
zu agieren; so setzte er, durch Artilleriefeuer vorbereitet, seine Kavallerie
gegen den rechten Flügel des Gegners ein. Als Georg Friedrich auch noch
Infanterie nachschob, gerieten Tillys Tercios zeitweilig ins Wanken, und
die markgräflichen Einheiten fingen an, sich als Sieger zu fühlen, zumal sie
davon ausgingen, Mansfelds Einheiten stünden im Rücken des Gegners.
Jedenfalls ließ die Wucht ihres Angriffs nach, und Tillys Einheiten fanden
wieder Halt. Unterdessen rückte Cordoba mit den spanisch-flämischen
Truppen auf dem linken Flügel vor, und jetzt rächte sich, dass der Markgraf
die feste Defensivposition aufgegeben hatte. Zwar rissen seine Kanonen
große Lücken in die Formationen der Angreifer, aber die ließen sich nicht
stoppen, so dass sich die badischen Truppen zurückziehen mussten. Hätte
Georg Friedrich in dieser Situation über Reserven verfügt, hätte er seine
Front wahrscheinlich stabilisieren können. Doch dann explodierten fünf
in der Nähe der Kanonen platzierte Pulverwagen und rissen eine breite
Lücke in den Abwehrring. Bei den Truppen des Markgrafen brach darauf­
hin Panik aus, die Kavallerie floh in Richtung Böllinger Bach, und Teile der
Infanterie schlossen sich ihr an. Damit war die Schlacht entschieden.
Wie erbittert das Gefecht geführt worden war, zeigt der Umstand, dass
die Verluste auf dem Schlachtfeld mit etwa 2000 Toten auf beiden Seiten
gleich hoch waren.175 Es war dennoch eine vernichtende Niederlage für
die Badener, da sie ihren gesamten Artilleriepark sowie die mitgeführte
Kriegskasse verloren hatten. Zwar konnte der Markgraf Ende Mai aus den
Geflohenen wieder fünf Infanterieregimenter mit einer Gesamtstärke von
6000 Mann formieren, aber als eigenständiger Akteur sollte er im pfälzi­
schen Krieg keine Rolle mehr spielen.
Die Trennung der Truppen, namentlich der Abzug Mansfelds aus dem
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig ai3

Raum Wimpfen, war der ausschlaggebende Fehler, der den Krieg um die
Pfalz zugunsten der Katholischen entschied - wenn man nicht den Zufalls­
treffer auf einen Pulverwagen als die entscheidende Wende ansehen will.
Der verbreitete Wunderglauben wollte sich nicht mit einem Zufall zufrie­
dengeben, und so berichtete ein Wimpfener Dominikaner später, ein Engel
habe in das Schlachtgeschehen eingegriffen und die überraschende Wende
herbeigeführt. Das war eine Variation der Erzählung vom Eingreifen der
Gottesmutter in der Schlacht am Weißen Berg,176 nur dass es in diesem
Fall ein ganz reales Ereignis war, das zur göttlichen Einmischung stilisiert
wurde.177

Nach dem hart errungenen Sieg bei Wimpfen gönnte Tilly seinen Truppen
eine Ruhepause. Er verzichtete darauf, sich umgehend gegen Mansfeld zu
wenden, um ihn aus der Rheinpfalz herauszudrängen oder zur Schlacht zu
stellen. Schließlich erreichte ihn die Nachricht, dass Christian von Braun­
schweig, der sich Ende des vergangenen Jahres nach Westfalen zurückgezo­
gen hatte, inzwischen aus den im Raum Paderborn bezogenen Winterquar­
tieren aufgebrochen war und in südliche Richtung vorrückte. Dabei musste
er auf das in Oberhessen stehende ligistische Korps unter Graf Anholt sto­
ßen, von dem Christian im Jahr zuvor zum Rückzug gezwungen worden
war, das jedoch zu schwach war, um diesen Erfolg gegen Christians mittler­
weile erheblich stärkere Kräfte zu wiederholen. Anholt zog sich zum Main
zurück und wartete auf Unterstützung durch die Hauptmacht Tillys. Der
war damit beschäftigt herauszufinden, welche Pläne Mansfeld verfolgte. Er
befürchtete, dass Mansfeld von Ladenburg aus, wo er zum Zeitpunkt von
Tillys Sieg bei Wimpfen stand, nach Norden marschieren könnte, um sich
mit den nach Süden vorrückenden Truppen des Braunschweigers zu verei­
nigen. Diese Vereinigung wollte Tilly verhindern. Mansfeld dachte jedoch
nicht daran, auf Christian zuzumarschieren; stattdessen wandte er sich in
die entgegengesetzte Richtung, um das von Truppen Erzherzog Leopolds
belagerte Hagenau zu unterstützen. Er führte Krieg, als ginge es allein und
ausschließlich um ihn und seine Interessen: Das Projekt, im nördlichen
Eisass ein eigenes Fürstentum zu erobern, war für ihn wichtiger als eine
koordinierte Strategie im pfälzischen Krieg.178 Pfalzgraf Friedrich, der sich
2 X4 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

immer noch bei Mansfelds Heer befand, konnte daran nichts ändern; da
er nicht in der Lage war, für eine regelmäßige Besoldung der Truppen zu
sorgen, war er auf das Wohlwollen des Kriegsunternehmers angewiesen.
Immerhin: Nach einer Woche im nördlichen Eisass, dem erfolgrei­
chen Entsatz Hagenaus und der Verstärkung seiner Verbände durch etwa
3000 Soldaten Erzherzog Leopolds, die Mansfeld in eigene Dienste über­
nahm, marschierte er wieder nach Norden, um nunmehr in das Gebiet des
kaisertreuen Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt einzufallen. Dort
trieb er Kontributionen ein und ließ seine Soldaten plündern. Außerdem
wollte er den Landgrafen zwingen, ihm die Festung Rüsselsheim auszulie­
fern, damit Christian von Braunschweig dort den Main überschreiten und
seine Truppen sich mit denen Mansfelds vereinigen konnten. Als der Land­
graf die Übergabe Rüsselsheims verweigerte, ließ Mansfeld ihn zum Gefan­
genen erklären, was an der landgräflichen Weigerung indes nichts änderte.
Jetzt rächte sich, dass man durch den Zug nach Hagenau eine ganze
Woche verloren hatte, denn es fehlte die Zeit, um das gut befestigte Rüssels­
heim, das im Handstreich nicht zu nehmen war, zu belagern und zur Über­
gabe zu zwingen. Zudem hinterließ die rüde Behandlung des Landgrafen
Ludwig bei den evangelischen Reichsständen einen überaus ungünstigen
Eindruck.179 Friedrich, so die vorherrschende Ansicht, hatte sich mit einer
Räuberbande eingelassen, um seine augenscheinlich verlorene Sache doch
noch zu retten, und unter diesen Umständen hielt man sich besser, wie der
sächsische Kurfürst, an den Kaiser. Durch die Verbindung mit Mansfeld
geriet Pfalzgraf Friedrich immer stärker in die politische Isolation. Das war
das Problem mit Mansfeld: Er machte, was er wollte, und wer sich mit ihm
verbündete, hatte einen hohen Preis zu zahlen.
Dass Mansfeld die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt so ungehindert
plündern konnte, lag auch an der Trennung Tillys und Cordobas nach der
Schlacht von Wimpfen; während Tilly in Wimpfen blieb, um seinen Sol­
daten eine Ruhephase zu verschaffen und die Verluste auszugleichen, zog
Cordoba nach Oppenheim, das er zuvor bereits als Waffenplatz und Ope­
rationsbasis genutzt hatte. Anfang Juni brach Tilly schließlich von Wimp­
fen auf, um dem Landgrafen zu Hilfe zu kommen und die Vereinigung der
Mansfeld’schen Truppen mit denen des Braunschweigers zu verhindern.
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig US

Nachdem Mansfeld die Festung Rüsselsheim nicht in die Hand bekom­


men hatte, hatte man sich für Aschaffenburg als neuen Ort der Vereinigung
entschieden und Christian von Braunschweig dorthin beordert; die Haupt­
macht des pfälzisch-badischen Heeres - Markgraf Georg Friedrich war mit
seinen reorganisierten Truppen zu Mansfeld gestoßen - brach von Darm­
stadt in Richtung Aschaffenburg auf.180 Man kam aber nicht weit, denn als
das auf dem Weg liegende kurmainzische Dieburg den Durchzug verwei­
gerte, nachdem man Nachricht vom Anmarsch Tillys bekommen hatte, ent­
schlossen sich die Mansfeldischen zum Rückzug in Richtung Rhein. Bei
diesem Rückzug verlor das Heer einen Teil seines schwerfälligen Trosses
an die entschlossen nachdrängende leichte Reiterei Tillys, der die bei Min-
golsheim erlittene Schlappe auszuwetzen suchte. Am n. Juni überschritten
Mansfelds Truppen den Neckar, und damit endeten auch die Nachhutge­
fechte. Tilly nämlich wandte sich nunmehr dem Main zu, um Christian und
sein Heer an dessen Überquerung zu hindern.
Im Unterschied zum vergangenen Jahr führte Christian im Frühjahr
1622 eine beträchtliche Streitmacht - es dürfte sich um etwa 15 000 Mann
gehandelt haben - , und bei diesem Heer befand sich auch der große, in
Westfalen zusammengeraubte Kriegsschatz. Beides, Heer wie Kriegsschatz,
konnte erheblichen Einfluss auf den Fortgang des Kriegs um die Pfalz
haben. Hatte Christian im Jahr 1621 noch mit den ihm als Administrator
von Halberstadt verfügbaren Mitteln Truppen geworben, so hatte er im
Winter 1621/22 in großem Stil damit begonnen, die zum kurkölnischen
Bistum Paderborn gehörenden Städte, Lippstadt und Soest etwa, zu beset­
zen und auszuplündern.181 Im Unterschied zu Mansfeld, der plündern und
brandschatzen ließ, um seine Soldaten zu entlohnen, bei dem es sich also
um ein «Von der Hand in den Mund»-Plündern handelte, ging es Chris­
tian um die Bildung eines Kriegsschatzes, mit dem er Söldner anwerben
und in seinen Diensten halten konnte. Die Ausplünderung von Teilen
Westfalens durch Christian von Braunschweig war also ein Projekt der
Vorsorge, bei dem geraubt wurde, um Kriegführung in großem Umfang zu
ermöglichen. Der Krieg befand sich zum Jahreswechsel 1621/22 noch im
Anfangsstadium, und die Akteure erprobten unterschiedliche Methoden,
ihn zu finanzieren. Bei Mansfeld waren Kriegsschauplatz und geplünderte
2 16 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Territorien tendenziell identisch, wobei er verschiedentlich den Kriegs­


schauplatz wechselte, um noch nicht verwüstete Gebiete ausplündern zu
können; Christian dagegen suchte sich reiche Gebiete aus, um dort einen
Kriegsschatz zusammenzurauben, den er dann auf einem anderswo gelege­
nen Kriegsschauplatz einsetzte. Er plünderte Westfalen aus, um in der Pfalz
Krieg führen zu können.
Dabei ging der Braunschweiger mit großer Gründlichkeit zu Werke:
Von Januar an erschienen seine Obristen mit einer Schar Berittener vor
den Toren westfälischer Städte und verlangten deren Übergabe, die Aus­
lieferung der Vorräte und der Waffen, vor allem der Kanonen, und dazu
eine hohe Entschädigungszahlung dafür, dass man nicht in die Stadt ein­
drang und sie in Brand setzte. Man nannte das Brandschatzung, und die
Städte und Dörfer, die bezahlten, erhielten ein Salvaguardia genanntes
Schreiben, das so etwas wie einen Schutzbrief darstellte. Je wohlhabender
eine Stadt, desto höher die Summe, mit der sie sich freikaufen musste. Die
Zahlungsbereitschaff stellte Christian sicher, indem er Dörfer in Stadtnähe
zu Demonstrationszwecken niederbrennen ließ. In Soest fiel ihm der dem
Propst des Patroklistiffes anvertraute Paderborner Domschatz mit einem
Wert von 330 000 Gulden in die Hände, im Kloster Olinghausen war es der
Erbschatz Dietrichs von Fürstenberg, der 50 Zentner Silber und 63 Säcke
Gold umfasste, und von der reichen Beute in Paderborn selbst war der ver­
goldete Silberschrein des heiligen Liborius das wertvollste Stück. In den
ebenfalls ausgeraubten Gräbern des Paderborner Doms fanden sich meh­
rere Tausend Gulden. Aus dem Paderborner Schrein ließ Christian Mün­
zen mit der Aufschrift «Gottes Freund, der Pfaffen Feind» prägen. Über
die vergoldeten Apostelfiguren an den Längsseiten des Schreins soll er vor
deren Einschmelzung gesagt haben, Jesus habe sie aufgefordert, hinauszu­
gehen in alle Welt, und er, Christian, sorge nun dafür, dass sie das auch tat­
sächlich täten.182
Auf Seiten des Kaisers hat man die von Christian und seinem Verfahren
der Kriegsfinanzierung ausgehende Gefahr schnell erkannt; um zu verhin­
dern, dass derlei Schule machte, bot ihm der Kaiser eine Amnestie und
die offizielle Belehnung mit dem Stift Halberstadt an, die Kaiser Matthias
verweigert hatte. Offenbar ging man in Wien davon aus, dass Christian zu
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig 217

den Waffen gegriffen hatte, weil er seine Verfügung über das Stift Halber­
stadt gefährdet sah, und wollte ihm mit der reichsrechtlich korrekten Ein­
setzung als Bischof von Halberstadt entgegenkommen. Christian hätte so
ein Leben in materieller Sicherheit führen können, doch darum ging es ihm
nicht. Er suchte das Abenteuer und sah sich als ein Ritter der schönen Eli­
sabeth Stuart, der Gemahlin Friedrichs, die er unter keinen Umständen im
Stich lassen wollte, wie das viele andere getan hatten. Also lehnte er das kai­
serliche Angebot ab und trieb seine Kriegsvorbereitungen weiter voran.183

Durch das Wesertal und durch Hessen rückte Christian mit 12 000 Fuß­
soldaten, 5000 Reitern und 3 Kanonen Richtung Main vor. Nachdem sich
die geplante Vereinigung mit Mansfeld bei Aschaffenburg zerschlagen
hatte, wollte er den Main in der Umgebung von Frankfurt überqueren. Am
15. Juni erreichte er bei Oberursel kurmainzisches Gebiet; zwei Tage später
überschritten die inzwischen wieder vereinigten Truppen Tillys und Cor­
dobas bei Aschaffenburg den Main, um den Braunschweiger nördlich der
Mainlinie zum Kampf zu stellen, bevor er sich mit den Truppen Mansfelds
verbinden konnte. Die Freie Reichsstadt Frankfurt, die über eine beidseitig
gesicherte Mainbrücke verfügte, war für alle Parteien ein lohnendes Ziel;
wer es schaffte, sie unter Kontrolle zu bringen, hatte einen großen Vorteil.
Der Rat der Stadt fürchtete, in einen Kampf hineingezogen zu werden,
bei dem man nur verlieren konnte, und ließ die Ebenen vor der Stadtum­
wallung unter Wasser setzen, so dass sich keine von beiden Seiten der Stadt
bemächtigen konnte. Das war für Christian mehr von Nachteil als für Tilly.
Christian ließ daraufhin das nahe Frankfurt gelegene Städtchen Höchst
besetzen, das, auf der nördlichen Seite des Mains gelegen, den Flussüber­
gang seiner Armee decken sollte. Einen Fluss zu überqueren, war ein mili­
tärisch überaus riskantes Manöver. Diejenigen, die den Fluss bereits über­
schritten hatten, konnten denen, die noch auf der anderen Seite standen,
nicht zu Hilfe kommen, wenn sie vom Gegner angegriffen wurden. Fluss­
übergänge waren deshalb eigentlich nur dann möglich, wenn keine feind­
lichen Truppen in der Nähe standen, die sich auf die Nachhut werfen und
diese in den Fluss hineintreiben konnten, oder wenn eine Schanze oder
Befestigung vorhanden war, die den Flussübertritt deckte. Der Verbindung
218 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

mit Mansfeld wegen musste sich Christian auf dieses riskante Manöver
einlassen - oder er musste sich Tilly allein zum Kampf stellen und ihn
angreifen. Das aber war keine attraktive Option, da Tilly den Truppen des
Braunschweigers im Verhältnis von drei zu zwei überlegen war und über die
kampferprobteren Soldaten verfügte.
Am 18. Juni befahl Christian den Bau einer Schiffsbrücke über den Main,
die bereits am darauffolgenden Tag fertig wurde. Das war in solch kurzer
Zeit nur möglich, weil ihm die Frankfurter mit Holzlieferungen halfen -
ein Beleg für protestantische Solidarität, auch wenn man darauf bedacht
war, politisch neutral zu bleiben. Die zentrale strategische Devise lautete
nunmehr, nach dem Übergang der Avantgarde, die das linke Mainufer
sichern sollte, den Tross über den Fluss zu setzen, in dem die westfälische
Beute mitgeführt wurde, die für die weitere Kriegsfinanzierung unerläss­
lich war. Derweil hatte Tilly Frankfurt umgangen und das Flüsschen Nidda
überschritten, er näherte sich schon den Positionen des Braunschweigers.
Der bezog Gefechtspositionen hinter dem Sulzbach, wobei diese auf ihrer
rechten Seite an die Niddasümpfe angelehnt waren. Dem Übergang über
den Sulzbach bei dem D orf Sossenheim kam entscheidende Bedeutung
zu; wer ihn beherrschte, beherrschte die Lage. Christian war an Kavalle­
rie, Tilly an Artillerie überlegen. Durch eine entschlossene Kavallerieatta­
cke auf Tillys Zentrum wollte sich der «tolle Halberstädter» die Chance
eines geordneten Mainübergangs verschaffen: Es ging ihm also nicht um
eine Entscheidungsschlacht, sondern um einen harten Schlag, der Tillys
Zentrum davon abhalten sollte, nachzudrängen, wenn seine Truppen den
Main überschritten.184
Der Schlachtplan des Braunschweigers war im Prinzip vernünftig, nur
setzte er höhere Kampfkraft, Disziplin und Durchhaltefähigkeit voraus, als
sie die von ihm geführten Truppen besaßen. Deren Stärke lag im schnel­
len Ansturm, aber nicht im längeren Gefecht. Alles kam somit darauf an,
dass die Kavallerieattacke, mit der Christian die Schlacht eröffnen wollte,
bei den Truppen Tillys eine deutliche Wirkung zeigte, diese weit zurück­
warf und ihre Formationen derart durcheinanderbrachte, dass sie für einige
Zeit gefechtsunfähig waren. Tatsächlich gelang es Christians Kavallerie,
über Sossenheim hinaus vorzustoßen, aber dann geriet sie in das Feuer von
Der Markgraf von Baden und Christian von Braunschweig 219

Tillys Kanonen, die dieser im Halbkreis um sein Zentrum herum postiert


hatte; dabei erlitt die Kavallerie schwere Verluste, und der Angriff kam zum
Stehen. Seit seinem Eintritt in die Dienste Herzog Maximilians hatte sich
Tilly um die Artillerieausbildung gekümmert, und so gehörte die bayeri­
sche Artillerie seit Kriegsanfang zum Besten, was auf den Kriegsschauplät­
zen ins Gefecht geführt werden konnte.
Die größte Wirkung zeitigte der Einsatz von Kanonen zu Beginn
einer Schlacht, wenn die Truppen einander gegenüberstanden und sich
noch nicht im Handgemenge befanden. Danach nämlich waren Freund
und Feind für die Kanoniere nicht mehr zu unterscheiden. Die Kanonen
wurden vor der Front von Infanterie und Kavallerie postiert, wo sie freies
Schussfeld hatten. Man schoss mit Eisenkugeln aufeinander, die, wenn sie
in eine geschlossene Formation einschlugen, verheerende Wirkung hatten.
Mitunter wurden auch Kugeln eingesetzt, die beim Aufprall auseinander­
klappten oder in zwei durch eine Kette verbundene Teile zersprangen, was
die Wirkung bei dicht aufgestellter Infanterie noch einmal erhöhte. Auch
Kartätschen wurden verschossen, mit Bleikugeln oder kleinen Eisenstü­
cken gefüllte Hohlgeschosse, die über dem Gegner explodieren sollten und
deren Streueffekt zu schweren Verwundungen führte. Kartätschenfeuer
setzte freilich Artilleristen voraus, die ihr Handwerk genau verstanden. Das
taktische Ziel beim Einsatz der Artillerie war, die festgefügte Ordnung der
gegnerischen Tercios «aufzuweichen» und so den Angriff der eigenen
Kavallerie, vor allem aber die Stoßattacke der Infanterie vorzubereiten.185
Unter diesen Umständen war jede Seite bestrebt, die Wirkung der
gegnerischen Artillerie auf die eigene Aufstellung so weit wie möglich
zu begrenzen. Ein Mittel dazu war eine entschlossene Kavallerieattacke
auf die Kanonen, die infolge ihrer Postierung vor der eigenen Infanterie
überaus verwundbar waren. Um den Verlust der Kanonen zu verhindern,
reagierte die angegriffene Seite mit einer Gegenattacke ihrer Kavallerie
oder dem Vorrücken der Infanterieformationen. A uf diese Weise entwi­
ckelte sich nahezu jede Schlacht des Dreißigjährigen Krieges. Bei der Auf­
stellung der Schlachtordnung kam es somit darauf an vorwegzunehmen,
wo der Schwerpunkt des gegnerischen Angriffs liegen würde, auf einem
der Flügel oder im Zentrum, um die eigenen Kanonen entsprechend zu
220 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

postieren. Ein Stellungswechsel während der Schlacht war unter günstigen


Bedingungen vielleicht mit den leichten Kanonen möglich, den Falkonetts
und Feldstücken, nicht aber mit den schweren Kanonen, den sogenann­
ten Kartaunen.186 Deren Geschützrohr wog etwa 90 Zentner und war auf
einer schweren Lafette montiert; um diese Ungetüme zu bewegen, muss­
ten mehr als 20 Pferde vorgespannt werden. Die Stellung während des
Gefechts zu wechseln, war auch deshalb unmöglich, weil die neue Position
der Kanonen vorbereitet werden musste, und dafür waren aufwendige
Schanzarbeiten erforderlich. Dazu gehörte die Aufstellung von mit Erde
gefüllten großen Schanzkörben rechts und links von der Kanone, um deren
Bedienung gegen Musketenfeuer zu schützen, weiterhin die Vorbereitung
des Untergrunds, der den Rückstoßbewegungen der Kanone beim Abfeu­
ern genügen musste, um ein Herausspringen des Rohrs aus der Lafette oder
deren Umkippen zu verhindern. Während die Kavallerie die beweglichste
und damit für den Heerführer am freiesten einsetzbare Waffengattung
im Gefecht war, war die Artillerie, erst einmal postiert, unbeweglich und
oftmals nur bei Schlachtbeginn einsetzbar. Das sollte sich erst mit Gus­
tav Adolf ändern. Für den Verlauf einer Schlacht war somit entscheidend,
dass der Feldherr den Schlachtplan des Gegners aus der Topographie des
Geländes, den Gepflogenheiten und Vorlieben des Kontrahenten und der
Disposition seines Aufmarschs frühzeitig ablesen konnte und dementspre­
chend seine Anordnungen traf. Tilly war ein Meister dieses antizipierenden
Ablesens, und einen Großteil seiner Siege verdankte er dieser Fähigkeit.

Das war auch in der Schlacht bei Höchst der Fall: Aus der von Christian
gewählten Aufstellung - der Anlehnung seines rechten Flügels an das
Sumpfgebiet der Nidda vor deren Mündung in den Main und der Anleh­
nung des linken Flügels an den Schäferberg, eine kleinere Erhebung in dem
sonst eher ebenen Gelände - schlussfolgerte Tilly, dass Christians Attacke
bei Sossenheim erfolgen würde, weshalb er dem Dorf gegenüber seine
zwölf Kanonen aufstellte.187 In ihrem konzentrischen Feuer erlitt Chris­
tians Kavallerie schwere Verluste; es gelang ihr nicht, bis zu den gegneri­
schen Kanonen vorzudringen, um diese auszuschalten, geschweige denn
Tillys Infanterie in Unordnung zu bringen. Es kam hinzu, dass von den
Merians Kupferstecher, der den Kampf zwischen Tilly und Christian von
Braunschweig um den Mainübergang im Juni 1622 festgehalten hat, war, da
im nahe gelegenen Frankfurt tätig, mit den geographischen Verhältnissen
gut vertraut. Die Mündung der Nidda in den Main ist gut zu erkennen.
Gekämpft wird auf der linken Bildhälfte, wo die Infanterieformationen
stehen und der Rauch abgefeuerter Kanonen zu sehen ist. In der unteren
Bildmitte das befestigte Höchst, davor, ganz am unteren Bildrand,
Trosswagen und Kavalleristen, die der Brücke über den Main zustreben,
dem Nadelöhr des Rückzugs, wo das Desaster für Christian seinen Lauf
nahm.

drei Geschützen, die Christian südlich von Sossenheim am Knick des Sulz­
bachs zur Unterstützung des Angriffs aufgestellt hatte, eines aufgrund von
Überladung zerbarst und ein weiteres durch einen Volltreffer seitens Tillys
Artillerie zerstört wurde. Christians Kanoniere waren unerfahren, die Tillys
hingegen Meister ihres Fachs. Christian ließ wegen des ins Stocken gera­
tenen Kavallerieangriffs seine Infanterie vorrücken, woraufhin auch Tilly
seine Infanteriemassen zum Angriff Vorgehen ließ. Sossenheim fiel in die
Hände von Tillys Truppen, und damit war die Position Christians unhalt­
bar geworden.
222 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Der Braunschweiger befahl den Rückzug nach Höchst und die Über­
querung des Mains, wobei die wertvolle Bagage, zumal die Wagen mit den
zusammengeraubten und erpressten Schätzen, den Anfang machen sollte.
Aber die Flussüberquerung der schweren Wagen nahm Zeit in Anspruch,
und derweil brach in dem wenig kampferprobten Heer Panik aus: Alles
drängte zur Brücke, die diese Massen nicht aufnehmen konnte; viele stürz­
ten ins Wasser, andere versuchten, den Fluss schwimmend oder zu Pferd zu
durchqueren, aber der Main war an seinem Unterlauf recht tief und hatte
eine beachtliche Strömung, so dass die meisten ertranken. Dass es nicht zur
vollständigen Vernichtung der Armee Christians von Braunschweig kam,
lag an der Standhaftigkeit des als Reserve bereitgehaltenen Eschwey sehen
Kavallerieregiments unter Oberst Heinrich Piper von Minden. Es brachte
die auf die rechtsmainische Seite der Schiffsbrücke vorstoßenden sieben
Kavalleriekompanien Tillys unter Oberstleutnant Winand von Eynatten
zum Stehen. So konnte Christian zwei Drittel seines Heeres sowie große
Teile des Trosses retten, vor allem die Kriegskasse, und mit 3000 Reitern
sowie 8000 Fußsoldaten zu Mansfeld stoßen, mit dessen Truppen er sich
zwischen Bensheim und Pfungstadt vereinigte.188 Das Leibregiment Chris­
tians und ein Infanterieregiment unter Oberst Kochler waren zerschlagen,
aber aus dem Rest der Armee formten Christian und sein Stellvertreter,
Reichsfreiherr Dodo zu Imhausen und Rnyphausen, schon bald wieder
eine einsatzfähige Truppe.
Man kann die Schlacht bei Höchst als eine schwere Niederlage Chris­
tians beschreiben, wie das in der älteren Literatur zumeist der Fall ist.189
Damit verbindet sich in der Regel ein vernichtendes Urteil über Christi­
ans Fähigkeiten als Feldherr: Der «tolle Halberstädter» sei zu unerfahren
gewesen und habe übermütig und unvorsichtig agiert. Dem steht eine
jüngere Sichtweise gegenüber, die von den Problemen ausgeht, mit denen
Christian bei Höchst konfrontiert war: der Unerfahrenheit seiner Trup­
pen, der Kriegserfahrenheit seines Gegenspielers, den Schwierigkeiten im
Zusammenwirken mit Mansfeld, der ständig seine Dispositionen änderte
und Christian nicht bis zum Main entgegenkam. Die neuere Forschung
wertet daher den erfolgreichen Mainübergang sowie die Rettung eines
Großteils der Truppen mitsamt der Kriegskasse als einen beachtlichen Teil­
Das Ende des Kriegs um die Pfalz 223

erfolg des Halberstädters, dessen Attribut «toll» somit für seine Tollkühn­
heit und seinen Wagemut steht.190
Die Darstellung der Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622 kann nicht
abgeschlossen werden, ohne einen Blick auf das Schicksal derer zu wer­
fen, die von Christians Armee auf der rechten Mainseite zurückgeblieben
waren: Erstmals zeigte sich hier die Wut der Bauern auf die, die sie zuvor
ausgeplündert hatten. Mit Sensen und Dreschflegeln fielen sie über ein­
zelne Soldaten her und machten sie gnadenlos nieder, um sie anschließend
ihrerseits auszuplündern. Sie beschränkten sich dabei nicht auf die Wertsa­
chen der Soldaten, sondern beraubten sie auch ihrer Kleider und Stiefel; das
galt auch für die angetriebenen Leichen der im Main Ertrunkenen. Besser
erging es den Soldaten, die sich den Truppen Tillys ergaben und in dessen
Heer «untergesteckt» wurden, also den Eid auf die Fahne des Regiments
ablegen mussten, in dem sie zukünftig dienten.191 Zurück blieb außerdem
die Besatzung des Schlosses Höchst, die lange Widerstand geleistet und
dann unter der Bedingung kapituliert hatte, dass Tilly ihr einen ehrenvollen
Abzug zusicherte. Als Oberstleutnant von Eynatten unter den Abziehen­
den jedoch Plünderer zu identifizieren glaubte, darunter auch diejenigen,
die zuvor einen katholischen Priester kastriert haben sollten, ließ er diese
gefangen nehmen und aufhängen. Das war die übliche Strafe, die auf Plün­
derung und Vergewaltigung stand. So zeigen Jacques Callots Radierungen
den Lebenszyklus von Soldaten, die zu Plünderern und Vergewaltigern
wurden und zuletzt am Galgen oder auf dem Rad endeten.192 In diesem Fall
war der Strafvollzug indes ein Problem, weil er mit dem Bruch von Tillys
Ehrenwort verbunden war.193

Das Ende des Kriegs um die Pfalz

Am Tag der Höchster Schlacht schied Markgraf Georg Friedrich von


Baden-Durlach aus dem Krieg aus. Niedergeschlagen von der verlorenen
Schlacht bei Wimpfen, infolge der zur Neige gehenden finanziellen Mittel
in seinen Möglichkeiten begrenzt und vermutlich auch durch die schwa­
22.4 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

che Position Friedrichs neben Mansfeld irritiert, verließ er das Lager, ohne
sich zu verabschieden. Anschließend befahl er Oberst Pleickhard von
Heimstatt die Abdankung der von ihm besoldeten Truppen.194 Im Ergeb­
nis war das ein größerer Verlust für die pfälzische Sache als der, den Chris­
tian bei Höchst erlitten hatte. Zwar konnte man die vom badischen Mark­
grafen entlassenen Soldaten, wenn sie wollten, unmittelbar in die Armeen
Mansfelds oder Christians übernehmen, doch dadurch wurden die Finan­
zierungsprobleme des Heeres nur größer, als sie ohnehin schon waren.
Vor allem aber wurde die politische Basis des Widerstands gegen Kaiser
und Liga mit dem Ausscheiden des lutherischen Markgrafen noch schma­
ler. Es kam hinzu, dass das Verhältnis zwischen Ernst von Mansfeld und
Christian von Braunschweig alles andere als kooperativ war: Christian
warf Mansfeld vor, dass er ihn am Main im Stich gelassen habe, und Mans­
feld erwiderte, Christians Anmarsch zum Main habe zu lange gedauert, er
habe sich bei seinem Vorstoß nach Süden zu viel Zeit gelassen. Obendrein
gab es Streitigkeiten, weil der Herzog an der Tafel des Kurfürsten einen
höheren Rang einnahm als der Graf und Christian im Vergleich zu dem
kränkelnden und körperlich klein geratenen Kriegsunternehmer eine sehr
viel eindrucksvollere Figur abgab.195
Bei einem Kriegsrat am 22. Juni 1622 beschloss man, das rechte Rheinu­
fer aufzugeben und, da im nördlichen Teil der Rheinpfalz spanische Trup­
pen standen, in das Gebiet des Straßburger Bischofs, des Erzherzogs Leo­
pold, einzufallen und die Soldaten dort durch Plündern und Brandschatzen
bei Laune zu halten. Das waren freilich Operationen, die eher im Interesse
Mansfelds als in dem des Pfalzgrafen lagen, der mehr und mehr zu dem
Ergebnis gelangte, dass die Verteidigung der Rhein- und die Rückeroberung
der Oberpfalz mit Hilfe Mansfelds ein Projekt ohne Erfolgsaussicht war. In
dieser Situation entschloss sich Friedrich, anstatt weiterhin auf die militä­
rische Karte zu setzen, eine politische Lösung anzustreben, zu der ihn sein
Londoner Schwiegervater seit längerem drängte. Am 22. Mai 1622, also etwa
einen Monat zuvor, hatten in Brüssel Verhandlungen zwischen dem Statt­
halter der südlichen Niederlande als Vertreter Spaniens und Gesandten
König Jakobs begonnen, in denen es um die Zukunft der Pfalz ging. Wären
diese Verhandlungen erfolgreich gewesen und hätten zu einem alle Seiten
Das Ende des Kriegs um die Pfalz 225

befriedigenden Ergebnis geführt, so wäre damit der Krieg beendet worden:


Es wäre beim böhmisch-pfälzischen Krieg geblieben, und der Dreißigjäh­
rige Krieg hätte nicht stattgefunden. Man kann darüber streiten, ob die
Brüsseler Verhandlungen von vornherein zum Scheitern verurteilt waren,
weil Jakob I. sowie sein Verhandlungsführer Sir John Digby, der seit länge­
rem schon im Reichsgebiet die Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges
sondiert hatte, sie nur benutzten, um sich vor einer größeren militärischen
Unterstützung Friedrichs zu drücken - tatsächlich finanzierte England zu
dieser Zeit nur die zwei Regimenter unter Horace Vere, die sich auf die
Verteidigung von Heidelberg, Mannheim und Frankenthal beschränkten -,
oder ob ein Ausgleich zu erzielen gewesen wäre, wenn der aus dem Hin­
tergrund agierende Bayernherzog die Verhandlungen nicht sabotiert hätte.
Maximilian war nämlich an einem friedlichen Ausgleich nicht interessiert,
solange die Pfälzer Kurwürde nicht auf ihn übertragen, also die geheime
Zusatzklausel des Münchner Vertrags erfüllt war.196Die Frage war indes, wie
Hel Macht der Bayer tatsächlich hatte und wie sehr sich Kaiser Ferdinand
gegenüber seinem bayerischen Verbündeten in der Pflicht sah.
In Brüssel trafen die unterschiedlichen Interessen der am Konflikt
Beteiligten unmittelbar aufeinander, und dabei zeigte sich, dass es nicht nur
den Gegensatz zwischen der katholischen und der protestantischen Seite
gab, sondern auch erhebliche Spannungen innerhalb der beiden Parteien.
Infolgedessen zogen sich die Verhandlungen bis Ende September 1622 hin,
ohne dass Fortschritte gemacht wurden.197 Als man auseinanderging, wur­
den die Gespräche nicht abgebrochen, sondern nur verschoben; im Prinzip
war jedoch klar, dass man beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht zu
einer Einigung kommen würde. Spanien und England strebten die Wie­
dereinsetzung Friedrichs in der Pfalz an, Maximilian widersetzte sich dem,
solange die Kur nicht auf ihn übertragen war, der Kaiser changierte, da er
dem Bayern Oberösterreich als Pfand für dessen Kriegskosten abgetreten
hatte, das er zurückhaben wollte, und Friedrich wiederum war nicht bereit,
auf die böhmische Krone als Vorleistung für eine Verständigung zu verzich­
ten. Seine Position war jedoch schwach, und vor die Entscheidung gestellt,
weiterhin im Gefolge des Mansfeld’schen Heeres auf die Rückeroberung
seiner Länder zu setzen oder der Aufforderung seines Schwiegervaters in
2ZÖ E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

London zu folgen und in die Beendigung der Kriegshandlungen einzuwilli­


gen, entschied er sich für Letzteres. Das bedeutete, dass Friedrich sich von
Mansfeld und dem Braunschweiger trennen musste, denn deren Truppen
waren ohne Raubzüge in die angrenzenden Territorien nicht zusammenzu­
halten. Also erteilte Friedrich am 13. Juli 1622 den beiden einen ehrenvollen
Abschied und begab sich nach Sedan in den Schutz des lothringischen Her­
zogs von Bouillon.

Mansfeld und Christian waren von diesem Augenblick an selbständige


Kriegsunternehmer, die in niemandes Auftrag standen und sich entschei­
den mussten, ob sie ihre Truppen abdanken und ihr bisheriges Geschäffs-
modell beziehungsweise das politische Projekt einer Wiedereinsetzung
Elisabeths aufgeben198 oder sich nach einem neuen Auftraggeber umtun
sollten. Am ehesten kamen dafür die Generalstaaten der Niederlande in
Frage, die sich nach dem Auslaufen des Waffenstillstands mit Spanien im
Kriegszustand befanden und seitdem einige Schlappen erlitten hatten. Im
Januar 1622 hatte Spinola die Festung Jülich erobert, die über mehr als ein
Jahrzehnt von einer niederländischen Besatzung gehalten worden war,199
und Ende Juli hatte Cordoba die Truppen, die nicht länger in der Pfalz
gebraucht wurden, mit seinen Streitkräffen vereinigt, um die niederländi­
sche Festung Bergen op Zoom zu belagern. Durch den Verlust von Ber­
gen op Zoom hätte sich die strategische Lage der nördlichen Niederlande
erheblich verschlechtert. Ende August wurden sich die Generalstaaten mit
Mansfeld und Christian - beide hatten sich zwischenzeitlich wieder einmal
zerstritten - handelseinig, und es wurde vereinbart, dass deren Truppen
in die Dienste des Prinzen von Oranien traten, um das belagerte Bergen
op Zoom zu entsetzen. Das war die Voraussetzung dafür, dass die Truppen
zusammengehalten werden konnten. Von nun an übernahmen die Gene­
ralstaaten die Besoldung.200
Das Problem, das sich damit stellte, war die Heranführung der in
Lothringen festsitzenden Truppen Mansfelds und Christians; sie muss­
ten die spanischen Niederlande, also Feindesland, durchqueren, und
das in möglichst kurzer Zeit.201 Also wurden mehr als 200 Bagagewagen
verbrannt, man verzichtete auf die Mitführung der schwerfälligen Artil­
Das Ende des Kriegs um die Pfalz 227

lerie (mit Ausnahme zweier leichter Kanonen) und nutzte die so freige­
wordenen Pferde, um Fußsoldaten zu Reitern zu machen. Da es sich um
Zugpferde handelte, saßen oft zwei Mann auf einem Tier; so wurde das
Tempo, mit dem sich das Söldnerheer durch das nördliche Frankreich und
danach die südlichen Niederlande bewegte, erheblich gesteigert, weshalb
man auch von einer armee volante, einer fliegenden Armee, sprach. Da sie
keinen Tross mitführte, musste sie sich aus dem Land versorgen, und das
hatte zur Folge, dass sie eine breite Spur der Verwüstung hinterließ. Befes­
tigte Städte wurden umgangen, Widerstand leistende Scharen von Bauern,
etwa im Flennegau, auseinandergejagt. Nahe Fleurus stieß man dann auf
spanische Truppen, die unter dem Kommando Cordobas in Eilmärschen
herbeigezogen waren, um das feindliche Söldnerheer abzufangen. Wollten
Mansfeld und Christian ihr Ziel, Bergen op Zoom, erreichen, so mussten
sie eine Schlacht wagen und den Durchbruch schaffen, um auf der alten
Römerstraße von Köln nach Cambrai weitermarschieren zu können.
Am frühen Morgen des 29. August begann die Durchbruchsschlacht
von Fleurus. Cordoba verfügte über etwa 7000 Mann zu Fuß, Mansfeld
und Christian waren bei den Fußsoldaten nahezu gleich stark; an Reiterei
waren sie mit etwa 6000 Mann den etwa 2500 Reitern Cordobas deutlich
überlegen, während dieser mit sieben Feldstücken gegenüber den zweien
des Söldnerheeres im Vorteil war. Zudem konnte Cordoba sich leisten, in
der Defensive zu bleiben; Mansfeld und Christian dagegen mussten angrei­
fen, um den Durchbruch zu schaffen. Außerdem standen sie vor dem Pro­
blem, dass in der Nacht zuvor 1500 Berittene erklärt hatten, sie würden sich
an der Schlacht nicht beteiligen, da sie keinen Sold erhalten hätten. Immer­
hin erreichte Mansfeld, dass sie auf dem Schlachtfeld blieben und sich so
postierten, dass man sie für eine Reserveeinheit halten konnte.
Fleurus wurde zu der Schlacht, in der Christian von Braunschweig sei­
nem R uf als der «tolle Halberstädter» gerecht wurde: In einem kühnen
Angriff zersprengte die von ihm geführte Kavallerie des linken Flügels die
gegnerische Reiterei, drang bis zu den Trosswagen des spanischen Heeres
vor und attackierte anschließend die Infanterieregimenter Cordobas von
der Seite und vom Rücken her, während der das Zentrum kommandie­
rende Mansfeld die Fußtruppen zum Angriff führte. Durch die ständigen
Bei Fleurus gelang den Truppen Mansfelds und Christians von
Braunschweig im August 1612 unter hohen Verlusten der Durchbruch in
Richtung Niederlande. Da der spanische General Gonzalo Fernändez de
Cordoba dies hatte verhindern wollen, ist Fleurus als ein Sieg der beiden
protestantischen Söldnerführer anzusehen. Aber auch die Spanier feierten
Fleurus als einen Sieg, da sie das Schlachtfeld behaupteten. Das heute im
Madrider Prado hängende Bild von Vincenzo Carducci zeigt die Schlacht
mit dem von rechts ins Bild reitenden Cordoba.

Kavallerieattacken standen die spanischen Tercios dicht gedrängt und bil­


deten so ein gutes Ziel für die beiden Kanonen Mansfelds, während die
Artillerie Cordobas bereits von Christians Kavallerie ausgeschaltet worden
war. Das war schlachtentscheidend, denn damit war Cordoba die Waf­
fengattung genommen, bei der er überlegen war. Nach sechsstündigem
Gefecht wichen die spanischen Verbände zurück und gaben den Weg nach
Nordosten frei.
Die Verluste beider Seiten waren mit 2000 bis 3000 Mann etwa gleich
Das Ende des Kriegs um die Pfalz 229

groß, und beide beanspruchten hernach den Sieg für sich: Mansfeld und
Christian, weil sie den Durchbruch erzwungen hatten, die Spanier, weil sie
nach dem Durchzug der Söldner das Schlachtfeld wieder besetzen konnten,
was üblicherweise als Zeichen des Sieges galt. In diesem Fall aber täuschte
die Symbolik, denn strategisch hatten sich Mansfeld und Christian durch­
gesetzt, und Cordoba hatte die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllt. Als
die Truppen Anfang Oktober vor Bergen op Zoom eintrafen, mussten die
Spanier die Belagerung aufheben. Das war ein herber Rückschlag für sie,
zumal sie auf einen schnellen und durchschlagenden Erfolg gesetzt hatten.
Der lag nun in weiter Ferne.
Bei den von ihm angeführten Kavallerieattacken hatte Christian einen
Schuss in den Arm bekommen; einige sprechen von einem Durchschuss
der linken Hand, andere von einem Einschuss vier Finger oberhalb des Ell­
bogens.202 Vorerst war keine Zeit, die Wunde zu behandeln, da das Heer
eilends weiterziehen musste. Nach einigen Tagen hatte Wundbrand den
Arm befallen, und als das Heer in Breda, einer Festungsstadt der Gene­
ralstaaten, angelangt war, musste der Arm amputiert werden. Die Art, wie
Christian diese Amputation vornehmen ließ, war typisch für den «tollen
Halberstädter»: Sie fand in Anwesenheit des Heeres statt, jedenfalls der
braunschweigischen Truppen, und Christian ließ während des Schnei­
dens und Sägens die Trommel schlagen, um seine Schmerzensschreie zu
übertönen. Christian tat alles, um den Eindruck zu vermeiden, er werde
als Versehrter nun aus dem Kriegsgeschehen ausscheiden. Als er nach der
Amputation, so berichtet das Theatrum Europaeum, in Breda das Bett hüten
musste, ließ er einen spanischen Trompeter, der sich wegen des Austauschs
von Gefangenen in der Stadt aufhielt, an sein Lager kommen und trug ihm
auf, «dem Spinola zu sagen, der tolle Herzog hätte zwar seinen einen Arm
verloren, aber den anderen behalten, sich an seinen Feinden zu rächen»203.
Seinem Bruder schrieb Christian, «und ob zwar der eine Arm großen Man­
gel erlitten, so verhoffen [wir] doch dem Vaterlande noch mit dem übrigen
gute Dienste zu erweisen»204. Aus der bei Fleurus gemachten Beute ließ er
Münzen mit der Aufschrift «Altera restat» schlagen - der andere ist geblie­
ben. Das war, wie auch die Spinola zugesandte Botschaft, als Beleg eines
Durchhaltewillens zu verstehen.
23° E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

Symbolkrieg, Propagandakrieg
und die Übertragung der Kurwürde

Christian von Braunschweig wusste um den Wert politischer Symbole und


hatte eine ausgeprägte Neigung zu großen Gesten. Solche hatte er bereits
gezeigt, als er aus dem Paderborner Domschatz «Pfaffenthaler» schlug
oder als er den Handschuh Elisabeths, den diese hatte fallen lassen, erst
wieder zurückzugeben versprach, wenn sie durch seine Hilfe als böhmische
Königin nach Prag zurückgekehrt sei. Als er 1623 die Niederlande verließ,
um im niedersächsischen Kreis Truppen zu werben, die den Krieg um die
Pfalz wiederaufnehmen sollten, ließ er auf seiner Leibfahne die Parole Tout
pour Dieu et pour Elle anbringen: Für Gott und für Sie, womit Elisabeth
gemeint war. Andere Fahnen trugen neben dem Namenszug Christians
die Aufschrift Recuperare aut mori, Zurückgewinnen oder Sterben, womit
das Programm seiner Kriegführung Umrissen sein sollte.205 Die Parole Tout
pour Dieu et pour Elle war jedoch nicht nur eine Reverenz an die Gemahlin
Friedrichs, sondern zugleich auch eine Verhöhnung Tillys, der ein glühen­
der Marienverehrer war und dessen Leibregiment Fahnen mit Symbolen
der Marienverehrung führte. Eine davon zeigte die Wallfahrtskapelle von
Altötting, die Tilly selbst mehrfach aufgesucht hatte, und oberhalb der
Kapelle Maria mit dem Jesuskind im Strahlenkranz.206 Tillys Komman­
dofahne, die in der Schlacht von Breitenfeld in schwedische Hände fiel
- sie wird heute als Trophäe aus dem Dreißigjährigen Krieg in Stockholm
aufbewahrt - , trug die auf Bernardino da Siena zurückgehende Symbolik
« IH S » - für griechisch Iesous, Hyos, Soter: Jesus, Sohn (Gottes), Retter/
Heiland - , und auf dem Querbalken des « H » war ein Kreuz mit Maria
und Johannes sowie ein von Lanzen und Kreuznägeln durchbohrtes Herz
zu sehen. Es war die marienzentrierte Heiligensymbolik des gegenrefor-
matorischen Katholizismus, die Tilly als militärische Emblematik nutzte,
um deutlich zu machen, worin die Legitimation seines Kampfes bestand.
Höhepunkt dieser Marienverehrung war im Jahr 1638, also noch während
des Krieges, die Errichtung der Mariensäule im Zentrum Münchens: Maria
als Patrona Bavariae, Schutzheilige Bayerns, ist darauf umgeben von vier
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 131

Putten, die als Kämpfer gegen Hunger, Pest, Krieg und Ketzerei dargestellt
werden - die gegenreformatorische Variante der vier apokalyptischen Rei­
ter aus der Offenbarung des Johannes.207
Die böhmischen Reformierten hatten gegen den katholischen Marien­
kult opponiert, indem sie auf den Bildern, die in ihre Hände fielen, den
Heiligen und vor allem der Mutter Gottes die Augen ausstachen. Das war
eine demonstrative Provokation, ergab aber keine eigene politisch-religiöse
Symbolik. Der «tolle Halberstädter» war da mit der Aufschrift Toutpour
Dieu etpourElle einen Schritt weiter; der Elisabeth-Bezug war eine Symbolik
seines ritterlichen Minnedienstes, spielte aber für die Soldaten seines Hee­
res keine Rolle. Christian hatte offenbar ein Gespür für die symbolpolitische
Schwachstelle des Protestantismus - was Mansfeld dagegen völlig abging - ,
konnte jedoch keine wirkliche Lösung anbieten. Das pour Elle blieb auf
ihn und die Verhöhnung Tillys beschränkt. Dem «geharnischten Mönch»
wurde eine für ihre körperliche Schönheit gerühmte Frau entgegengestellt.

Derweil hatte der Abzug von Mansfelds und Christians Truppen Tilly den
nötigen Spielraum verschafft, um die Eroberung der Rheinpfalz zu been­
den und die drei noch in der Hand Friedrichs befindlichen Festungsstädte
- Mannheim, Frankenthal und die Residenzstadt Heidelberg - unter seine
Kontrolle zu bringen. Mit Heidelberg machte Tilly den Anfang.208 Nach
dem Abrücken Cordobas in die südlichen Niederlande zog er die Truppen
Erzherzog Leopolds an sich, und am r6. August 1622 war die Residenzstadt
des Pfalzgrafen vollständig eingeschlossen. Die vor allem aus englischen
Soldaten bestehenden Verteidiger unter dem Kommando des Niederlän­
ders Hendrik van der Merven waren nicht gewillt, sich kampflos zu erge­
ben, und leisteten zunächst an den äußeren Bastionen, dann in der Kern­
stadt am linken Neckarufer und schließlich, nachdem man auch die Stadt
hatte aufgeben müssen, im Schloss erbitterten Widerstand. Tilly hatte sie
mehrfach zur Kapitulation aufgefordert, doch van der Merven hatte dies
zurückgewiesen, so dass die Soldaten Tillys, als sie am 16. September in
das Stadtzentrum eindrangen, das dem Kriegsbrauch entsprechende Recht
auf Plünderung ausgiebig in Anspruch nahmen. Die Bevölkerung erlebte
drei Tage lang «eine Orgie von Mord, Schändung und Plünderung».209
131 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

In der alten Stadt, so heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, sei «ein


•rmmerlich Zetergeschrei [entstanden] durch Massacrieren, Plündern und
Geldherausmartern mit Däumeln, Knebeln, Prügeln, Peinigen, Nägelboh­
ren, Sengen an heimlichen Orten, Aufhenken, Brennen an den Fußsohlen,
mit Schänd- und Wegführung der Frauen und Jungfrauen», und «dieses
P.andern sei bis in den dritten Tag continuiert worden».210 Die hier berich­
teten Vorgänge sollten sich bei der Eroberung von Städten noch viele Male
■ «tederholen. Fleidelberg machte den Anfang, und neben den Ereignissen
in Magdeburg 1631, also neun Jahre später, war es vor allem die Plünderung
der «Neckarperle», die für den schlechten R uf Tillys bis heute verantwort-
jch ist. Tilly steht darin Mansfeld nur wenig nach - auch wenn jüngere
Biographen sich bemüht haben, Tilly in besseres Licht zu rücken, indem
sie betonten, dass die Plünderung Heidelbergs dem damaligen Kriegsrecht
entsprochen habe.211
Kurz nach der Eroberung der Kernstadt kapitulierten die Verteidiger
ces Schlosses, nachdem sie von Horace Vere, dem in Mannheim befind-
rchen Oberkommandierenden des englischen Truppenkontingents,
die Erlaubnis dazu erhalten hatten. Am 20. September zogen die etwa
500 Mann van der Mervens mit Waffen und Tross - «mit klingendem
Spiel», also in allen Ehren - in Richtung Frankfurt ab. Tilly wandte sich
unterdessen gegen Mannheim, das, nachdem sich Vere zunächst in die
Zitadelle zurückgezogen hatte, am 2. November kapitulierte. Damit war
nur noch Frankenthal in pfälzischer Hand; um mit dessen Belagerung zu
beginnen, war die Jahreszeit bereits zu weit fortgeschritten. Am 23. März
1623 Unterzeichneten die englische und die spanische Regierung einen Ver­
trag, der die Übergabe Frankenthals nicht an die Liga, sondern an die Brüs­
seler Statthalterschaft vorsah, und zwar zu treuhänderischen Bedingun­
gen: Die Festung sollte an die englische Besatzung zurückgegeben werden,
wenn es nicht innerhalb von achtzehn Monaten zu einer Aussöhnung zwi­
schen dem Kaiser und dem Kurfürsten gekommen sein sollte.212 Danach
zog eine spanische Truppe in Frankenthal ein, und damit stand die gesamte
Fü.einpfalz unter der Kontrolle des Kaisers und seiner Verbündeten. Ende
1622 und Anfang 1623 war die Herrschaft Friedrichs in seinen Erblanden zu
Ende gegangen. Der Krieg schien für ihn endgültig verloren.
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 233

Zu den Siegestrophäen gehörte die berühmte Heidelberger Bibliotheca


Palatina, die bedeutendste Büchersammlung nördlich der Alpen, mit der
nur die Vatikanische Bibliothek in Rom vergleichbar war. Sie enthielt grie­
chische Handschriften, vor allem aber sämtliche reformatorische Schriften,
und Letzteres war wohl der Grund, warum die Römische Kurie so großen
Wert darauf legte, dass diese Bestände nach Rom überführt wurden. Auf
Seiten der Sieger konnte man dem Papst diesen Wunsch schlecht abschla-
gen, nachdem er die Kriegführung mit erheblichen Subsidienzahlungen
unterstützt hatte. Mit 50 Wagen wurden die Schätze nach Rom gebracht,
wo sie der Vatikanischen Bibliothek einverleibt wurden und wo sie sich
bis heute befinden.213 In der Forschung wird immer noch darüber gestrit­
ten, wer für dieses «Geschenk» an den Papst verantwortlich sei, Herzog
Maximilian oder Kaiser Ferdinand II. - immerhin hat Maximilian, als der
Wagenzug durch München kam, die Heidelberger Bücher mit seinen «Exli­
bris» versehen lassen.214 Dieser Streit bezieht seine Brisanz nicht zuletzt
daraus, dass eine solche Plünderung von Kulturgütern gemäß den kriegs­
rechtlichen Regelungen nach 1648 ein Kriegsverbrechen dargestellt hätte,
das nur durch die Rückführung des Beuteguts wiedergutgemacht werden
konnte. Noch aber galten diese Regelungen nicht. Bibliotheken waren wäh­
rend des gesamten Krieges ein bevorzugtes Beutegut der Fürsten; als die
Schweden Würzburg eroberten, ließen sie die bischöfliche Bibliothek nach
Uppsala bringen, und auch die kaiserlichen Generäle Gallas und Aldrin-
gen hielten sich an die herzogliche Bibliothek, als sie 1630 Mantua ausplün­
derten.215
Wahrscheinlich wären im Herbst 1622 und Frühjahr 1623 Verhand­
lungen zur Beendigung des Krieges leichter gefallen, wenn sich Friedrich
gegen Tilly und Cordoba in der Rheinpfalz militärisch behauptet hätte. Die
von England immer wieder ins Spiel gebrachte Formel eines Ausgleichs
zielte nämlich darauf ab, dass Friedrich V. auf Böhmen sowie die zugehö­
rigen Gebiete verzichtete und der Kaiser im Gegenzug Friedrich im Besitz
seiner Erblande sowie der damit verbundenen Stellung im Reich beließ.
Das lief, wenn man von den inneren Verhältnissen Böhmens absieht, auf
die Wiederherstellung des Status quo ante hinaus.216
Spanien hatte große Sympathien für eine solche Lösung, denn man
234 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

spürte in Madrid zunehmend die finanziellen Belastungen des Krieges, die


das Land inzwischen deutlich überforderten. Die 1618 diskutierte Frage, ob
Spanien dringlich Frieden brauche und sich diesen Krieg überhaupt leis­
ten könne,217 tauchte mit dem Tod Philipps III. und dem Regierungsan­
tritt seines Sohnes Philipp IV. erneut auf. Außerdem hatten die Spanier das
Ziel, um dessentwillen sie in den Krieg eingetreten waren, im Wesentlichen
erreicht: Die Position der Habsburger in Mitteleuropa war wiederherge­
stellt. Es gab aus der Perspektive Madrids also keinen Grund, den kräfte­
zehrenden Krieg weiterzuführen. Bei einer Restitution des Pfalzgrafen
unter spanischer Mitwirkung konnte man zudem davon ausgehen, dass
die geostrategischen Interessen Spaniens - man wollte über eine sichere
Verbindung zwischen Norditalien und den Niederlanden verfügen, die
«spanische Gasse», den camino espanol oder camino real - berücksichtigt
würden.
Die Spanier waren sich darüber im Klaren, dass Maximilian mit einer
solchen Lösung nicht einverstanden war, gingen aber davon aus, dass der
Kaiser andere Möglichkeiten als die Absetzung des Pfalzgrafen finden
würde, den Bayernherzog angemessen zu belohnen und zufriedenzustel­
len. Ende 1622 und Anfang 1623 war die Position Maximilians nicht mehr
so stark wie noch im Jahr zuvor: Die zeitweilige Übereinstimmung seiner
Interessen mit Kursachsen begann sich aufzulösen, und der Kaiser war seit
dem Zerfall der protestantischen Union und der Eroberung der Rhein­
pfalz erheblich weniger auf eine militärische Unterstützung durch die Liga
angewiesen. Jetzt hing alles davon ab, wie sich der Kaiser gegenüber Maxi­
milian verhalten würde und ob Spanien sich auf Konzessionen gegenüber
den bayerischen Ansprüchen einließ. Bayern und Spanien, die beiden
wichtigsten Unterstützungsmächte des Kaisers in den vorangegangenen
Feldzügen, standen sich nun gegenüber, und beide suchten auf den Kaiser
in ihrem Sinne einzuwirken.
Aber das war nur die machtpolitische Sicht der Lage. Sobald man eine
konfessionspolitische Perspektive einnahm, stellten sich die Konstellatio­
nen gänzlich anders dar: Dann nämlich ergab sich infolge der Niederlagen
des kämpferischen Protestantismus die einmalige Chance, große Teile des
Reichs wieder dem Katholizismus zuzuführen und sicherzustellen, dass
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 2.35

weder die Katholiken noch das Haus Habsburg je wieder in eine so prekäre
Lage kommen würden wie in den Jahren 1618 und 1619. Natürlich hatte
man in Spanien kein Interesse daran, es mit dem Bayernherzog Maximilian
zu verderben, ohne den der Siegeszug der zurückliegenden drei Jahre nicht
möglich gewesen wäre. Die Ansicht, Spanien solle an einem mächtigen
katholischen Block im Reich interessiert sein, wurde vor allem von Baltha­
sar Züniga vertreten, aber es war unklar, ob er sich gegen die «Friedens­
partei» am spanischen H of unter dem Herzog von Lerma würde durch­
setzen können. A uf der Seite Zünigas stand die Römische Kurie unter dem
neuen Papst Gregor XV., und dessen Beauftragter, der Kapuzinerpater
Hyazinth von Casale (eigentlich Federico Natta, Conte dAlfiano), wirkte
nachdrücklich auf den Kaiser ein, seine Versprechen gegenüber dem Bay­
ernherzog nunmehr einzulösen.218 Pater Hyazinth wurde in dieser Situa­
tion zum wichtigsten Unterstützer Maximilians. Es war offenbar auch der
diplomatisch versierte Kapuziner, der die Formel erfunden hatte, mit der
die Übertragung der Kur auf den Weg gebracht worden war, ohne dass
dabei neue Fronten geschaffen wurden. Man hatte Maximilian einstweilen
zuffiedengestellt, ohne den offenen Widerspruch Spaniens und Kursach­
sens zu riskieren: Durch die geheime Ausstellung der Belehnungsurkunde
war die Übertragung der Kur bereits im Herbst 1621 faktisch vollzogen
worden, aber dieser Akt wurde nicht öffentlich gemacht. Um die Öffent-
lichmachung und den formellen Vollzug der Kurübertragung ging es jetzt.
Ende September 1621 bereits hatte Hyazinth dem Bayernherzog eine dies­
bezügliche Urkunde des Kaisers überbracht. Doch würde der Kaiser nun,
mehr als ein Jahr danach und unter dem Eindruck einer deutlich verän­
derten Gesamtlage, zu dieser Vereinbarung stehen? Und würde es möglich
sein, für die offizielle Übertragung der Kur eine klare Mehrheit im Kurfürs­
tenkollegium zu finden? Die Antwort darauf stand im Spätherbst 1622 auf
Messers Schneide.

Der Dreißigjährige Krieg war - neben vielem anderen - auch ein Propagan­
dakrieg, und er war dies in einem Ausmaß, in dem ihm erst die Kriege des
20. Jahrhunderts mit ihrer ausgeprägten propagandistischen Komponente
vergleichbar sind. Das gilt nicht nur für die karikierenden Flugblätter, mit
23<* E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

denen sich die Parteien gegenseitig herabzusetzen suchten,219 sondern auch


für die Publikation geheimer Dokumente, aus denen hervorging, dass die
Begründungen und Erklärungen, deren sich eine Partei öffentlich bediente,
keineswegs mit den von ihr insgeheim verfolgten Zielen und Plänen über­
einstimmten. Die Offenlegung dieses «Insgeheimen» warf nicht nur ein
Licht auf das machtpolitische Ränkespiel, es schuf auch Raum für Ver­
schwörungstheorien, denn mit der Publikation von Geheimabsprachen
verbreitete sich die Auffassung, dass es natürlich noch weit mehr Geheim­
nisse gebe - und so kursierten bald die wildesten Vorstellungen über die
verborgenen Absichten der Gegenseite. Die Realisierung dieser Absichten
zu verhindern, wurde wiederum zur Motivation für neue Kriegsanstren­
gungen.
Die Veröffentlichung geheimer Absprachen und Übereinkünfte
brachte beide Seiten immer wieder in Schwierigkeiten. Als Bucquoy 1619
den Mansfeldern bei Seblat in Südböhmen eine gehörige Schlappe zufügte,
fielen ihm Briefe in die Hände, die zwischen Mansfeld und dem Herzog von
Savoyen gewechselt worden waren und aus denen das Interesse des Savoy-
ers an der böhmischen Krone sowie seine an Mansfeld geleisteten Zahlun­
gen hervorgingen. Die Veröffentlichung dieser Korrespondenz durch die
kaiserliche Kanzlei stellte den Herzog bloß und zwang ihn, sich aus dem
eben erst beginnenden Krieg zurückzuziehen.220 Auch die im November
1620 bei der kopflosen Flucht Friedrichs aus Prag den Katholischen zugefal­
lene Korrespondenz Christians von Anhalt mit den protestantischen Fürs­
ten Europas, die im Frühjahr 1621 als «Anhaitische Geheime Cantzley»
veröffentlicht wurde, war ein großer Propagandacoup für den Kaiser und
seine Verbündeten, da daraus das ganze Gespinst der reformierten Bünd­
nisbestrebungen ersichtlich wurde. Als im November 1621 dann Soldaten
des Regiments Löwenstein, das zu den Truppen Mansfelds gehörte, Briefe
zwischen dem Wiener Kaiserhof und der Brüsseler Statthalterschaft in die
Hände fielen, in denen es auch um die geheime Mission des Kapuziners
Hyazinth und die Übertragung der pfälzischen Kur auf die Wittelsbacher
in München ging, wurde daraus ein Propagandacoup der protestantischen
Seite: Im Frühjahr 1622 veröffentlichte Ludwig Camerarius diese Briefe
in drei Flugschriften und legte darin die geheimen Absprachen zwischen
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 237

Maximilian und Ferdinand, aber auch den Dissens zwischen dem Kaiser
und Madrid in der Frage der Kurübertragung offen.221
Durch diese Briefe kamen Johann Georg von Sachsen und seine reichs ­
konservativen beziehungsweise kaisertreuen Anhänger unter Druck. Es
wurden umgehend Gesandtschaften des süddeutschen Protestantismus
und des niedersächsischen Reichskreises in Dresden vorstellig, die den
Kurfürsten beschworen, sich mit aller Entschiedenheit diesem Vorhaben
entgegenzustellen, das nicht im Interesse des Reichs, sondern allein in dem
der katholischen Partei liege. Verfüge die katholische Seite nämlich erst ein­
mal über eine klare Mehrheit im Kurfürstenkollegium, dann werde sie auch
die bisher bloß angekündigte Restitutionspolitik in die Tat umsetzen, was
die norddeutschen Fürstenhäuser in arge Bedrängnis brächte.222 Wenn Fer­
dinand II. an einer Übertragung der Kur von Heidelberg nach München
festhielt, so riskierte er nicht nur, seinen bisherigen Verbündeten Kursach­
sen zu verlieren, sondern auch die gerade zerfallene Front des Protestantis­
mus im Reich wiederherzustellen. Zudem musste er damit rechnen, dass
dann Jakob I. mit seiner Drohung ernst machen und in den Krieg eingrei-
fen würde. Es gab somit gute Gründe dafür, dass der Kaiser zögerte und
den immer drängender auffretenden Maximilian, der die Übertragung der
Kur öffentlich machen wollte, um den damit verbundenen Einfluss endlich
auch nutzen zu können, weiter hinzuhalten suchte.
Irgendwann musste jedoch eine Entscheidung fallen, und die bis auf
Frankenthal vollständige Kontrolle über die Rheinpfalz legte es der Wiener
Politik nahe, im November 1622 zu einem Deputationstag nach Regens­
burg einzuladen. A uf ihm sollte die feierliche Übertragung der Kur vollzo­
gen werden - und das hieß, dass der Krieg mit großer Wahrscheinlichkeit
weitergehen würde.223 Es war kein Kurfürstenkonvent, der in Regensburg
stattfinden sollte, sondern ein Deputationstag - und allein das war reichs­
rechtlich problematisch: Wenn überhaupt, so hatten die Kurfürsten über
die Kurübertragung zu befinden. Der Kaiser wollte sich indes gar nicht mit
den Kurfürsten beraten, um anschließend eine gemeinsame Beschlussfas­
sung umzusetzen, sondern hatte die Entscheidung bereits aus jener eige­
nen Machtvollkommenheit (plenitudo potestatis) getroffen, die er für sich
in Anspruch nahm und die reichsrechtlich ebenfalls höchst umstritten
238 E IN A U FSTA N D , D ER DAS R EIC H E R S C H Ü T T E R T

war.224 So bestätigte er den auch von katholischen Reichsständen geäußer­


ten Vorwurf, er verfolge eine Politik, die am Ende auf eine Aufhebung der
«teutschen libertät» hinauslaufe und den Kaiser zum Souverän im Reich
nach Art des spanischen Königs mache. Die Formel von der «spanischen
servitut» wurde zum Gegenbegriff der «teutschen libertät», wiewohl
zu diesem Zeitpunkt die spanische Politik de facto auf eine Verteidigung
ständischer Rechte hinauslief, während einer dieser Reichsstände, näm­
lich Maximilian von Bayern, durch sein Drängen auf die pfälzische Kur zu
deren ärgsten Gefährdern gehörte.
Ferdinand wollte die Regensburger Versammlung, deren Nutznießer
Maximilian sein würde, in der Tat dazu nutzen, auch für sich einen Vorteil
herauszuschlagen, indem er seine Befugnisse gegenüber den Reichsstän­
den demonstrativ ausweitete. Der Zeitpunkt dafür war gut gewählt, denn
die katholischen Kurfürsten würden dem nicht offen widersprechen oder
sich dem Projekt gar widersetzen können, der geächtete Pfälzer konnte an
der Versammlung nicht teilnehmen, und die Einwände der beiden verblie­
benen Protestanten, des Sachsen und des Brandenburgers, ließen sich als
konfessionelles Agieren abtun, mit dem die Protestanten auch schon in
der Vergangenheit den Ablauf von Reichstagen blockiert hatten. Deswegen
musste der Kaiser auch aus eigener Machtbefugnis und ohne Beratung mit
dem Kurfürstenkollegium handeln. Für einen solchen Akt brauchte Fer­
dinand eine Bühne, und dazu genügte ihm ein Kurfürstenkonvent nicht.
«D er Deputationstag», so Anton Gindely, «unterschied sich dadurch vom
Kurfürstenkonvent, daß dazu außer den Kurfürsten auch die Herzoge von
Baiern, Braunschweig und Pommern, der Landgraf von Darmstadt, der
Erzbischof von Salzburg und die Bischöfe von Würzburg, Bamberg und
Speyer Zutritt hatten. Die zahlreichere Versammlung sollte den zu fassen­
den Beschlüssen mehr Glanz verleihen.»225 Der Glanz der Veranstaltung
sollte kompensieren, was ihr an reichsrechtlichen Grundlagen mangelte.
Zunächst aber gingen die Brüsseler Beratungen zwischen England
und Spanien über die Frage weiter, wie, unabhängig von der Kurübertra­
gung, mit den rheinpfälzischen Besitzungen Friedrichs verfahren werden
sollte. Graf Onate machte den Vorschlag, dem Pfalzgrafen die Einkünfte
der Ämter Heidelberg, Mannheim und Frankenthal zu überlassen und
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die Übertragung der Kurwürde 239

ihm Heidelberg als Residenz zu übergeben, wohingegen Frankenthal und


Mannheim unter spanischer Kontrolle verbleiben sollten. Dagegen spra­
chen sich das von Maximilians Bruder regierte Kurköln und der bayerische
Herzog selbst aus; sie wollten von Friedrich zuvor eine Erklärung, in der er
ieder Zusammenarbeit mit Mansfeld entsagte. Da Friedrich dazu aber nicht
bereit war, kamen diese Gespräche nicht voran, und es ging daraufhin nur
noch um die Übertragung der Kur, die in Regensburg öffentlich vollzogen
werden sollte. Die katholische Partei war dafür, die protestantische dagegen,
und Spanien hatte Bedenken. Man verständigte sich schließlich auf einen
Mittelweg, der dem Herzog von Bayern Genugtuung verschaffen und die
Lutheraner nicht weiter provozieren sollte. So einigte man sich darauf, die
Kur auf Maximilian persönlich und nur für dessen Lebzeiten zu übertragen
und für den Fall einer Aussöhnung zwischen dem Pfälzer und dem Bay­
ern die Möglichkeit offenzulassen, dass die Kur an einen Sohn oder Nef­
fen Friedrichs zurückfiel. Das war ein Formelkompromiss, der die weitere
Behandlung dieser Frage vom Fortgang des Krieges abhängig machte. Er
war indes dazu geeignet, die protestantische Seite erneut zu spalten, so dass
sie keinen geschlossenen Widerstand mehr leistete, und die reichstreuen
Lutheraner so weit zufriedenzustellen, dass sie an ihrer kaiserfreundli­
chen Politik festhalten konnten.226 Bis auf weiteres waren Formelkompro­
misse das Mittel, dessen sich der Kaiser bediente, um sich im Dickicht der
Abhängigkeiten, in das er sich begeben hatte, überhaupt noch bewegen zu
connen. Diese Formelkompromisse dienten dazu, den Krieg nicht weiter
anzuheizen, aber sie trugen nicht dazu bei, ihn zu beenden oder einen Weg
zu eröffnen, der zu seiner Beendigung führte. Sie lösten die Probleme ein­
zelner Protagonisten des Krieges, halfen aber nicht, die Krise im Reich zu
bewältigen.
De facto wurden auf diese Weise Konstellationen geschaffen, die nicht
mehr umkehrbar waren, und das fand seinen Ausdruck in der feierlichen
Inauguration Maximilians als neuer Kurfürst, die am 25. Februar 1623 in
Regensburg stattfand. Sachsen und Brandenburg blieben der Zeremonie
rern, ebenso Graf Onate als spanischer Gesandter, der bis zuletzt auf eine
Verschiebung der öffentlichen Inauguration gedrängt hatte. Vom Mainzer
Erzbischof heißt es in einem Bericht des sächsischen Gesandten, er habe
24° E IN A U FSTA N D , D ER DAS R E IC H E R S C H Ü T T E R T

«sich etlich mal im Kopf gekratzt und gar unlustig erzeiget», und auch Kai­
ser Ferdinand habe bei den Feierlichkeiten «gar forchtsamb geredet».227
Die Infantin Isabella in Brüssel, die von Onate über den Gang der Ver­
handlungen und die Inauguration Maximilians als Kurfürst unterrichtet
worden war, schrieb an Philipp IV.: «Der Kaiser hat sich damit in neue
und gefährliche Kämpfe eingelassen; Euer Majestät aber wird zu erwägen
haben, was hinsichtlich der deutschen Angelegenheiten und Hülfeleis-
tung zu thun ist.»228 Bei denen, die auf ein Ende des Krieges gesetzt hat­
ten, machte sich Resignation breit; sie spürten mehr oder weniger deutlich,
dass das Geschehen eine Eigenlogik entwickelt hatte, gegen die sie nicht
anzukommen vermochten. Die Anhänger einer entschiedenen Stärkung
der katholischen Macht im Reich, namentlich der Kapuziner Hyazinth und
etliche Jesuiten in seinem Umfeld, «frohlockten» hingegen, wie der säch­
sische Gesandte Lebzelter nach Dresden berichtete.229 Für sie war die Ver­
sammlung von Regensburg nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu ihrem
Ziel, den Protestantismus im Reich gänzlich auszutilgen. «M an mußte auf
keine Allianzen oder andern Respekt und Personen, sondern nur darauf
sehen, daß die katholische Kirche befestigt und befördert werden möchte»,
soll Pater Hyazinth in einer Predigt verkündet haben, wie die sächsischen
Gesandten mitzuteilen wussten.230 Die Weichen waren auf Fortsetzung des
Krieges gestellt.
3. K A P I T E L
FORTGANG UND AUSW EITUNG:
DER N IED ERSÄ CH SISC H ­
DÄNISCH E KRIEG

Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht

P
eriodisierungen des Dreißigjährigen Krieges orientieren sich zumeist
an den zentralen Kriegsschauplätzen und den Ereignissen, die ihre
Verlagerung auslösen. In vielen Darstellungen wird der Beginn des nieder-
sächsisch-dänischen Krieges deshalb auf das Jahr 1625 datiert, jenes Jahr, in
dem sich König Christian IV. von Dänemark zum Obersten des niedersäch­
sischen Reichskreises wählen ließ.1 Die Zwischenphase von 1623 bis 1624
wird dabei ohne weitere Begründung dem mit dem Jahreswechsel 1622/23
zu Ende gegangenen böhmisch-pfälzischen Krieg zugerechnet. Im Unter­
schied dazu werden hier die Rriegshandlungen dieser Zwischenphase als
Auftakt zum niedersächsisch-dänischen Krieg begriffen: Mit dem Vorstoß
Tillys nach Hessen, wo er den Konflikt zwischen der Darmstädter und der
Kasseler Linie der hessischen Landgrafen zugunsten des kaisertreuen Darm­
städters entschied,2 und anschließend nach Westfalen begann eine weitere
Ausdehnung der Kriegsschauplätze - mit der Folge, dass der Krieg immer
mehr Gebiete erreichte und mit der Zeit ganz Deutschland verheeren sollte.
Einen solchen Krieg ohne räumlich abgegrenzte Kriegsschauplätze hat es
in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg - genaugenommen bis zum
Beginn des systematischen Bombenkriegs - nicht mehr gegeben. Vor allem
das hat den Dreißigjährigen Krieg zum großen Trauma in der historischen
242 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Erinnerung der Deutschen werden lassen. Die Jahre 1623 und 1624 bilden
die Phase, in der sich diese Veränderung vollzogen hat; deswegen soll ihnen
hier größere Aufmerksamkeit zuteil werden, als das sonst üblich ist.
Zunächst fand lediglich eine Verlagerung des Krieges statt: Die böhmi­
schen, pfälzischen, kurmainzischen und elsässischen Schauplätze, auf denen
sich das Kriegsgeschehen bis dahin überwiegend abgespielt hatte, wurden
vorerst geschlossen, und in West- und Norddeutschland entstanden neue
Schauplätze, auf denen der Krieg in den folgenden zehn Jahren im Wesent­
lichen geführt wurde. Viele der bis dahin verwüsteten und ausgeplünderten
Gebiete Süddeutschlands erhielten dadurch eine «Erholungspause», in
der sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben erneuerte, bis diese
Territorien dann ein weiteres Mal von der Kriegsfurie überrollt wurden. Für
den Gesamtverlauf des Krieges spielten solche regionalen «Rekreationspe-
rioden» eine wichtige Rolle (zumindest in der ersten Kriegsphase), denn
so blieben die Ressourcen verfügbar, die den Krieg nicht «ausbrennen»
ließen. Anders formuliert: Was für die Menschen zeitweilig von Vorteil war,
sorgte über den gesamten Raum und die gesamte Zeit hin dafür, dass der
Krieg länger andauerte. Ein so vielfältig verflochtenes Geschehen wie das
des Dreißigjährigen Krieges ist durch fundamentale Ambivalenzen gekenn­
zeichnet, und zu diesen Ambivalenzen gehörte, dass das Glück der einen
Region zum Unglück einer anderen Region wurde.
Die militärischen Protagonisten bei der Verlagerung des Kriegsge­
schehens von Süd- nach Norddeutschland waren Mansfeld, Christian
von Braunschweig und Tilly: die beiden ersten durch ihren Abzug aus
der Rheinpfalz und den Vorstoß in die Niederlande; Tilly durch die Ver­
schiebung seiner Truppen nach Oberhessen, wo sie im Konflikt der beiden
Landgrafen dafür sorgten, dass die vom Kaiser bestätigten Ansprüche der
Darmstädter Linie durchgesetzt wurden und Moritz von Hessen-Kassel,
den man in Wien als Usurpator ansah, das gesamte Marburger Erbe vorerst
verlor. Tilly verlegte starke Kräfte in die Wetterau nördlich von Frankfurt,
wo sie im Winter 1622/23 Quartier bezogen. Er selbst hatte sein Hauptquar­
tier in Assenheim bei Friedberg eingerichtet, von wo er im Frühjahr 1623
in die Kernlande des Kasseler Landgrafen vorstieß.3 Die Legitimation zu
diesem Vorstoß weit über die Territorien der Liga hinaus hatte ihm unge­
Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht 243

wollt Herzog Christian verschafft, der sich nach einem kurzen Aufenthalt
in den Niederlanden in neuerlichem Streit von Mansfeld trennte und mit
den ihm verbliebenen Einheiten in die welfischen Territorien seines Bru­
ders, des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, zog,
wo er mit neuen Werbungen begann.4Angesichts dieser Gefahr erhielt Tilly
den Auftrag, nach Norden vorzurücken und gegen Christians Rüstungen
einzuschreiten.
Der Bruch mit Mansfeld kam Christian sehr zupass, denn so konnte
er dem niedersächsischen Kreis gegenüber erklären, die Präsenz seiner
Soldaten und die Werbung weiterer Einheiten dienten bloß dem Schutz
des Kreises vor einem bevorstehenden Angriff ligistischer Truppen, und
als Beleg dafür verwies er auf die Truppen Tillys. Womöglich hatte er den
Bruch sogar fingiert, um politischen Spielraum zu gewinnen.5 Im nieder­
sächsischen Kreis war man tatsächlich besorgt, da man fürchtete, Kaiser
und Liga könnten den Siegeszug der zurückliegenden Jahre nutzen, um in
Norddeutschland, wo ein großer Teil des katholischen Kirchenbesitzes von
protestantischen Fürsten übernommen worden war, die Restitutionsforde­
rungen der Katholiken durchzusetzen.6Jedenfalls trat Christian für einige
Monate in die Dienste seines Bruders Friedrich Ulrich, der 50 000 Gulden
für den Unterhalt der Truppen zahlte,7 und ließ über König Christian IV.
von Dänemark gleichzeitig sondieren, ob und unter welchen Bedingungen
er sich mit dem Kaiser doch noch aussöhnen könne. Vermutlich war das
ebenso eine Finte wie das demonstrative Zerwürfnis mit Mansfeld, denn
nun ließ sich gegen ihn kaum mehr der Vorwurf erheben, er sei ein Rebell
gegen Kaiser und Reich. A u f diese Weise gegen eine Reichsexekution
durch Tilly geschützt, gewann Christian Zeit, um seine Truppen einsatzfä­
hig zu machen. Welche Pläne er für das Jahr 1623 hatte, bleibt unklar, aber
es spricht vieles dafür, dass er einen Vorstoß nach Böhmen führen wollte.
Dabei sollte ihm aus der entgegengesetzten Richtung Bethlen Gabor ent-
gegenkommen; es handelte sich also um eine Operation auf der «äußeren
Linie», bei der es darum ging, die Kräfte der «inneren Linie» in die Zange
zu nehmen. Offenkundig hatte Christian sein Elisabeth Stuart gegebenes
Versprechen nicht vergessen, er werde nicht eher ruhen, bis sie wieder als
böhmische Königin in Prag residiere.
244 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Für Christian war die Festung Wolfenbüttel, wo er im Februar 1623 mit


seinem Stab Quartier bezog, ein vorzüglicher Standort, um die Kriegsvor­
bereitungen voranzutreiben. Am nördlichen Harzrand gab es Eisenhütten
mit angeschlossenen Manufakturen, in denen Harnische und Handfeuer­
waffen produziert wurden; außerdem hatten ihm die Generalstaaten Waf­
fen für 5000 Mann sowie einige Kanonen zur Verfügung gestellt. Inzwi­
schen hatte Christian 12000 Mann unter den Fahnen seiner Regimenter
versammelt.8Außerdem warb Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, mit
dem er seit der Schlacht von Fleurus verbunden war, im Eichsfeld Trup­
pen an; Ende März stießen sie zu Christian, um sich seinem Kommando
zu unterstellen. So bildete sich eine zahlenmäßig beträchtliche, wenn auch
nicht sonderlich kriegserfahrene Streitmacht, und die löste sowohl im
niedersächsischen Kreis als auch bei Kaiser und Liga erhebliche Befürch­
tungen aus: im Reichskreis wegen der zahlreichen Räubereien und Gewalt­
taten der Söldner, bei Ferdinand und Maximilian wegen der neuen Bedro­
hung, die von dieser Armee ausging.
Der Kaiser verlangte die unverzügliche Abdankung von Christians
Truppen, und Kurfürst Maximilian erteilte Tilly den Auftrag, mit seinen
Regimentern aus der Wetterau bis an die Grenze des niedersächsischen
Kreises vorzurücken, um die angeordnete Auflösung von Christians Heer
notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Also zog Tilly mit 13 000 Fußsoldaten
und 4000 Reitern in das Gebiet des Landgrafen Moritz, zunächst bis Hers-
feld, wo der kaiserliche General Collalto mit drei Regimentern Infanterie
und zwei Regimentern Kavallerie zu ihm stieß - allesamt kampferfahrene
Truppen, gegen die eine Schlacht zu wagen für Christian nicht ratsam war.9
Jetzt war der niedersächsische Kreisobrist Georg von Lüneburg in einer
schwierigen Situation: Stellte er sich auf die Seite Christians, um zu ver­
hindern, dass Tilly die Oberhand erhielt und der gesamte Reichskreis das
büßen musste, war das Rebellion gegen den Kaiser; ergriff er dagegen für
den Kaiser Partei, musste er mit Gegenmaßnahmen Christians rechnen,
und dessen Macht hatte er wenig entgegenzusetzen, zumal Tilly inzwi­
schen seinen Vorstoß gestoppt und quer zur Werra eine Linie besetzt hatte,
auf der er den Weg nach Süden für Christians Truppen blockieren konnte.
Verhandelte er aber mit Christian, so die dritte Möglichkeit des Lünebur-
Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht *45

Sers, und dieser willigte in die Abdankung seiner Truppen ein, so wäre das
mithin das Schlimmste, da dann Tausende marodierender Kriegsknechte
durchs Land ziehen und die Bevölkerung ausrauben würden.10 Angesichts
dieses Entscheidungsdilemmas lavierte der Kreisoberst und versuchte,
Herzog Christian dazu zu bringen, den Reichskreis zu verlassen. Christian
wiederum war damit beschäftigt, seine Kriegskasse zu füllen, indem er die
Vermögenswerte des von ihm verwalteten Stifts Halberstadt verpfändete
und alles dort vorhandene Gold und Silber einsammeln ließ. So kamen
schließlich 110000 Gulden für seine Kriegskasse zusammen.11 Das war
indes ein Anzeichen dafür, dass Christian nicht länger im Kreisgebiet blei­
ben wollte. Vor die Entscheidung gestellt, die Truppen abzudanken und
den Kaiser um Gnade zu bitten oder den Kampf gegen Tilly aufzunehmen,
entschied er sich für Letzteres. Am 28. Juli erklärte er seinen Rücktritt als
Halberstädter Administrator. Damit hatte er alle Brücken zur Rückkehr in
ein friedliches Leben abgebrochen.12
Inzwischen war es zu ersten Vorhutgefechten zwischen Truppen Tillys
und denen Christians gekommen; Letztere hatten sich dabei gut behaup­
tet, was Christian Mut machte, gegen Tilly bestehen zu können. Dennoch
entschloss er sich, der ultimativen Aufforderung des niedersächsischen
Kreises Folge zu leisten und mit seinem Heer abzuziehen. Zwei Gründe
dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein: Zum einen versuchte Chris­
tian, seinen Bruder, den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, aus dem
Konflikt herauszuhalten, um zu verhindern, dass er vom Kaiser geächtet
und sein Herrschaftsgebiet verwüstet wurde; zum anderen wollte er seine
der Tilly sehen Streitmacht unterlegenen Truppen mit denen Mansfelds
vereinen. Diese standen in Ostfriesland, und die Verbindung beider Heere
würde die Siegchancen gegen Tilly deutlich erhöhen. In der Folge entwi­
ckelte sich ein intensiver Briefwechsel der beiden Kriegsunternehmer, in
dem Christian den Mansfelder bedrängte, ihm zu Hilfe zu kommen. Wie
fast immer war Mansfelds Reaktion undurchsichtig; er machte keine ein­
deutigen Zusagen, lehnte das Vorhaben aber auch nicht rundweg ab. Er
wollte die uneingeschränkte Handlungsfähigkeit behalten, und seine eige­
nen Interessen waren ihm wichtiger als der Ausgang des Krieges. Darin
unterschied er sich von Christian, bei dem es genau umgekehrt war.
246 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Im Oktober 1622 hatte Mansfeld nach Auslaufen des Dienstvertrags mit


den Niederlanden seine Truppen nach Ostfriesland verlegt, wo sie Winter­
quartiere bezogen. Er versuchte von dort, auf die politischen Verhältnisse
des Landes Einfluss zu nehmen.13 Nachdem das Projekt eines elsässischen
Herzogtums aussichtslos geworden war, strebte Mansfeld nun etwas Ver­
gleichbares in Ostfriesland an, wo die Herrschaft der Adelsfamilie Cirksena
auf recht unsicheren Füßen stand. Mansfeld ging es darum, die Parteien
gegeneinander auszuspielen, die Konflikte zu befeuern und für sich Vor­
teile daraus zu schlagen. Zunächst hatte er damit einigen Erfolg, aber schon
bald erwies sich die Einquartierung des Heeres für alle im Land als derart
drückend, dass sich eine Koalition bildete, die Mansfeld und seine Söldner
so schnell wie möglich wieder loswerden wollte.
Das war indessen nicht so einfach, denn die nördlichen Niederlande
hatten ein vitales Interesse daran, dass Mansfeld mit seinem Heer in Ost-
friesland blieb. Im Haag betrachtete man sie als strategische Reserve für
den Fall, dass Kaiser oder Liga doch noch auf Seiten der spanischen Statt­
halter in Brüssel eingreifen sollten. Mansfelds Standort in Ostfriesland war
für die Holländer geradezu optimal: Er befand sich nicht auf ihrem Gebiet,
weswegen seine Söldner dort auch keinen Schaden anrichteten, aber er war
in der Nähe, so dass er jederzeit zu Hilfe kommen konnte, wenn man ihn
anforderte. Die Voraussetzung dafür war freilich, dass Mansfeld sein Heer
zusammenhielt, und um das sicherzustellen, übernahmen die General­
staaten einen Teil der Besoldung. Auch für Mansfeld war das eine zufrie­
denstellende Konstellation: Sie bot ihm Ruhe nach den Anstrengungen
des vergangenen Jahres, war mit keinen größeren Risiken verbunden und
eröffnete die Aussicht, dass er, sobald der Krieg im Nordwesten des Reichs
aufflammte, sofort dabei sein konnte. Derweil verhandelte er mit England
und Frankreich, um sich als Söldnerführer wieder ins Gespräch zu bringen.
Diese Verhandlungen verliefen vielversprechend.14 Mansfeld verspürte
daher wenig Neigung, seine komfortable Ausgangslage aufzugeben, um
den Braunschweiger zu unterstützen und mit ihm das Risiko einer Schlacht
gegen Tilly einzugehen.15
Mitte Juli begann Christians Heer mit dem Abzug aus dem Raum
Göttingen und Halberstadt. Ende Juli durchquerte es den Teutoburger
Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht 247

Wald, und Christian nahm bei Iburg Quartier, um dort auf das Eintref­
fen Mansfelds zu warten. Er wusste, dass Tilly aus Eschwege, wo er sich
zuletzt aufgehalten hatte, aufgebrochen war und am 29./30.Juli bei Höxter
auf einer Schiffsbrücke die Weser überquert hatte. Tilly wollte die Truppen
des Braunschweigers nicht entkommen lassen; er ging davon aus, dass sich
Christian wie im vergangenen Jahr in die Niederlande zurückzog, wohin er
ihn nicht verfolgen durfte, weil weder Kurfürst Maximilian noch Kaiser Fer­
dinand in den Krieg um die Niederlande hineingezogen werden wollten.16
.Also setzte er ihm in Eilmärschen nach, um ihn zu einer Verfolgungsschlacht
zu stellen. Christian von Braunschweig wiederum wollte, sobald er Zuzug
von Mansfeld erhalten hatte, den anrückenden Tilly in einer für den Vertei­
diger vorteilhaften Stellung erwarten und ihm eine Falle stellen, ähnlich wie
Mansfeld das bei Mingolsheim gelungen war.17 Aber Mansfeld kam nicht,
und so verlor Christian bei Iburg wertvolle drei Tage, die ihm beim Rückzug
m die Niederlande fehlten. Als er sich entschloss, den Rückzug fortzusetzen,
war ihm Tilly, der ihn sonst kaum eingeholt hätte, bereits dicht auf den Fer­
sen; in den nächsten Tagen kam es zu einer Reihe von Nachhutgefechten, in
denen sich die Halberstädter Truppen behaupten konnten.18
Christian ließ sich durch die kleinen Abwehrerfolge jedoch nicht täu­
schen; ihm war klar, dass es nach dem Fernbleiben Mansfelds das Beste
war, das Heer dem Zugriff Tillys zu entziehen, indem er die niederländi­
sche Grenze überschritt.19 Für die Nacht vom 4. auf den 5. August wurde
ein detaillierter Abmarschplan entworfen: Zuerst der Tross, dann die
Artillerie, anschließend das Heer; wenn der Morgen graute, sollte Tilly das
Lager verlassen vorfinden. Aus welchen Gründen auch immer - das Heer
«verschlief» den Abzug,20 und als die Nachhut unter Graf Thurn endlich
abrückte, hatte man bereits fünf Stunden Verspätung. So wurde der weitere
Marsch ununterbrochen von Rückzugsgefechten begleitet, in denen Tilly
seinem Kontrahenten schwer zusetzte, um den Rückzug in Flucht zu ver­
wandeln. Christian erkannte die Gefahr und kam zu dem Ergebnis, dass
eine Schlacht gegen Tilly unvermeidlich geworden war; andernfalls würde
das Heer auf dem Rückzug aufgerieben werden und die gesamte Ausrüs­
tung verlieren. Also bezog er nahe Stadtlohn im westlichen Münsterland
eine Stellung und erwartete Tillys Angriff.
248 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Die Schlacht von Stadtlohn sollte für Christian ein militärisches Desas­
ter und für Tilly einer seiner größten Erfolge werden.21 Christian hat sich
von der Niederlage bei Stadtlohn nie mehr erholt. Zwar versuchte er bis
zu seinem Tod am 6. Juni 1626, also knapp drei Jahre nach Stadtlohn, als
Heerführer Jakobs von England sowie Christians von Dänemark erneut ins
Geschehen einzugreifen, aber eine größere Rolle war ihm dabei nicht mehr
vergönnt. Sein früher Tod - er war, als er an Tuberkulose starb, noch keine
siebenundzwanzig Jahre alt - war auch eine Folge der Katastrophe von
Stadtlohn, die ihm Selbstvertrauen und Zuversicht geraubt hatte. Für Tilly
dagegen war Stadtlohn eine weitere Etappe in der langen Abfolge seiner
Siege. Obwohl die Schlacht von Stadtlohn Tillys glänzendster Sieg war, da
der Gegner hier nicht nur geschlagen, sondern vernichtet wurde,22 hat sie
in der Ruhmesgeschichte Tillys keine besondere Stellung, denn sie blieb
politisch ohne größere Folgen. Das wäre anders gewesen, wenn Tilly, was er
eigentlich wollte, anschließend die nördlichen Niederlande hätte angreifen
dürfen. «D a doch das Heilige Römische Reich», so schrieb er an Maximi­
lian, «bis diese Widerspenstigen [die nördlichen Niederlande] exstirpiert
sind, des festen Friedens sicherlich sich nit zu vertrösten hat.»23
Christians Fehler bei Stadtlohn war einmal mehr die Schlachtaufstel­
lung, bei der er die Rückzugsmöglichkeiten nicht hinreichend berücksich­
tigte. Im Rücken von Christians Heer floss das Flüsschen Berkel, das nur an
zwei Brücken mit schweren Wagen überquert werden konnte. Dort drohte
sich das Heer beim Rückzug zu stauen, was zwangsläufig zu einer Panik füh­
ren würde. Christians linker Flügel war an ein Morastgebiet angelehnt, das
sich bis nach Stadtlohn erstreckte und, obwohl es infolge des heißen Som­
mers ziemlich ausgetrocknet war, größere Kavallerieattacken auf die Flanke
des braunschweigischen Heeres unmöglich machte. Der rechte Flügel
wiederum war durch den Almsicker Liester gedeckt, einen dichten Fichten-
und Kiefernwald, der ebenfalls keine geschlossene Kavallerieattacke zuließ.
Wie bei Höchst im Jahr zuvor hatte Christian auf den Schutz der Flanken
geachtet, aber ebenso wie dort hatte er seine Truppen so aufgestellt, dass
jede Rückwärtsbewegung die Gefahr einer Panik einschloss. Zudem hatte
er, wie schon beim Mainübergang, das Problem, dass der Tross des Heeres
nicht verloren werden durfte, denn in ihm befanden sich die Wagen mit
Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht 249

dem in Halberstadt zusammengerafften Schatz, der nun, da Christian des


Stifts entsagt hatte, der einzige Rückhalt für die Besoldung seiner Truppen
war. Die Sicherung des Trosses hatte damit strategische Relevanz. Es war
eine «Alles-oder-nichts-Aufstellung», die Christian gewählt hatte: Seine
Truppen mussten siegen beziehungsweise den ganzen Tag über den Angrif-
:en Tillys standhalten, oder das Heer würde untergehen.
Tilly scheint die vertrackte Lage, in die sich der Braunschweiger gebracht
natte, schnell erkannt zu haben - womöglich auch deswegen, weil ihn Graf
-Anholt, der früher bereits in diesem Raum operiert hatte, über die örtliche
Geländebeschaffenheit informierte.24 Er begriff, dass er, sobald er Christi­
ans Front ins Wanken gebracht hatte, einen großen Sieg erringen konnte.
Gegen zwei Uhr nachmittags eröffnete Tilly die Schlacht mit einem Angriff
seines linken Flügels, vier Infanterie- und fünf Kavallerieregimentern. Für
.curze Zeit wogte das Gefecht hin und her, dann wich die von Reichsfreiherr
Dodo zu Knyphausen kommandierte Infanterie Christians zurück, und die­
ser Rückzug artete schnell in eine Flucht aus. Vergebens suchte Knyphausen
die Truppen zum Stehen zu bringen; sie drängten zur Berkelbrücke, die sie
in Panik überquerten. Damit entblößten sie den rechten Flügel des braun­
schweigischen Heeres, so dass der schnell vorrückende linke Flügel Tillys
Christians Zentrum von der Flanke her mit Kavallerie angreifen konnte. Der
Schutz, den der Almsicker Liester gerade gegen Kavallerieattacken hatte bie-
:en sollen, war durch den überstürzten Rückzug des rechten Flügels unter
Knyphausen dahin. Als dann auch das von Tilly selbst kommandierte Zen­
trum zum Angriff überging, gab es kein Halten mehr. Nach zweistündigem
Kampf löste sich das Heer des Braunschweigers auf, und was folgte, war ein
Massaker. Tilly gab der von seinem Neffen geführten kroatischen leichten
Kavallerie den Angriffsbefehl, und die machte die Reste des Halberstädter
Heeres gnadenlos nieder. In ihrer Panik hatten die Soldaten Christians viel­
rach die Waffen weggeworfen, um schneller flüchten zu können. A uf einen
toten Soldaten Tillys kamen zehn auf Seiten Christians, was dafür spricht,
dass die meisten von ihnen nicht während der Schlacht, sondern auf der
Flucht den Tod fanden. Die gesamte Artillerie des Braunschweigers, aber
auch der Tross mit den Schatzwagen fielen Tilly in die Hände, und dazu
gerieten nahezu sämtliche höheren Offiziere in Gefangenschaft. Christian
250 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

selbst konnte mit einigen Begleitern entkommen. Als sich die Reste des
Heeres hinter der niederländischen Grenze sammelten, waren von dem
21 ooo Mann starken Heer gerade einmal 6ooo übrig geblieben.
Tilly, der Christian nicht verfolgen durfte, wandte sich nun gegen
Mansfeld in Ostfriesland. Zu einer größeren Offensive war er aber nicht
in der Lage, da Mansfeld das Land hatte fluten lassen, um es für die ligis-
tischen Truppen unpassierbar zu machen. Außerdem wurden die kaiser­
lichen Regimenter unter Collalto nach Mähren und Ungarn beordert, wo
Bethlen Gabor ein weiteres Mal eingefallen war. Tilly zog sich daraufhin
nach Westfalen zurück.25Mansfeld wiederum konnte diesen Rückzug nicht
ausnutzen, denn auch seine Truppen waren infolge der verschlechterten
Versorgungslage in Ostfriesland zusammengeschmolzen. Also verhan­
delte er wieder einmal, dieses Mal in der Absicht, von den Ständen Ost­
frieslands 300 000 Gulden zu bekommen, mit denen er den rückständigen
Sold auszahlen und die Truppen abdanken konnte.26Im Januar 1624 bekam
er, was er wollte: Das Mansfeld sehe Heer, von dem nicht mehr viel übrig
geblieben war, löste sich auf, während Mansfeld selbst mit einigen seiner
Offiziere nach England reiste, um Verhandlungen über die Neuaufstellung
eines Heeres zu führen.
Damit stand dem deutschen Protestantismus erstmals seit Gründung
der Union keine Streitmacht mehr zur Verfügung. Der Kaiser und die
Liga hatten auf der ganzen Linie gesiegt. Wäre der Krieg zu diesem Zeit­
punkt ausschließlich ein «deutscher Krieg» gewesen, so wäre er zu Ende
gewesen: Pfalzgraf Friedrich hatte keine Truppen mehr, die Armee des
Braunschweigers war zerschlagen, und die Mansfelds hatte sich aufgelöst;
Kursachsen war ruhiggestellt, nachdem am 23. Juni 1623 die bislang bloß
besetzte Oberlausitz an Sachsen verpfändet worden war;27 die Reichsstädte,
zumeist protestantisch, fürchteten die Macht des Kaisers sowie Tillys, und
dem niedersächsischen Kreis saß noch die Furcht aus der Zeit im Nacken,
als Christian von Braunschweig dort Truppen geworben hatte. Es waren die
äußeren Mächte, die dafür sorgten, dass der Krieg im Reich weiter schwelte
und bald wieder aufloderte. Bethlen Gabor gehörte dazu, aber auch Eng­
land und Frankreich, die Niederlande und Dänemark sollten von nun an
eine größere Rolle spielen.
Auftritt Wallenstein 251

Auftritt Wallenstein

Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, unter dem Namen Wallenstein in


die Geschichte eingegangen, hatte bereits im böhmischen Krieg eine Rolle
gespielt, als er das von ihm geführte Reiterregiment mitsamt der mähri­
schen Kriegskasse dem Zugriff der Stände entzog und beides den Habsbur­
gern zur Verfügung stellte. Im Konflikt der Loyalitäten hatte Wallenstein
sich auf die Seite Wiens und gegen die Aufständischen in Prag gestellt.
Diese Entscheidung war alles andere als selbstverständlich, denn ursprüng­
lich gehörte Wallenstein, von den Eltern her lutherisch-utraquistisch, durch
den Verwandten, bei dem er aufwuchs, der böhmischen Brüderunität an.
Die Böhmischen Brüder ( Unitas Fratrum) waren eine Reformgruppe der
Hussiten und folgten pazifistischen Idealen.28
Im August 1599 nahm Wallenstein an der zur Reichsstadt Nürnberg
gehörenden Akademie Altdorf sein Studium auf. Offiziell war Altdorf eine
Hochschule, die dem Luthertum zugerechnet wurde, doch die meisten
Professoren vertraten die Theorie vom legitimen Widerstand der Stände
und Magistrate gegen eine ungerechte Obrigkeit.29 So kann es nicht ver­
wundern, dass viele von denen, die in den ersten zwei Jahrzehnten des
17. Jahrhunderts gegen die Herrschaftsansprüche des Hauses Habsburg
opponierten, in Altdorf studiert hatten. Zu ihnen gehörten auch Wilhelm
von Ruppa (Vilem von Roupov), Präsident des Prager Direktoriums, und
Georg Erasmus von Tschernembl, der Kopf des adeligen Widerstands gegen
die Habsburger in Österreich.30Wallenstein hat sich für solche Fragen nicht
interessiert, wie er denn überhaupt kein theoretischer Kopf war. Als man
nach seiner Ermordung in Eger Wallensteins Prager Stadtpalast durch­
suchte, fand man so gut wie keine Bücher. Die wenigen, auf die man stieß,
befassten sich mit Militärwesen und Festungsbau - und selbst bei diesen
ist unklar, ob sie Wallenstein oder seinem Architekten Pieroni gehörten.31
In Altdorf fiel Wallenstein vorwiegend durch seine Beteiligung an Schläge­
reien und Degenstechereien auf, und als er nach gerade acht Monaten im
April 1620 die Universität verließ, kam er damit seiner Relegation zuvor.32
Seine Weltgewandtheit und Vielsprachigkeit - «neben Tschechisch
252 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

und Deutsch beherrschte er das Italienische, das Spanische las er fließend,


vom Französischen hatte er zumindest einen sicheren Begriff»33 - erwarb
Wallenstein auf den Reisen, die er nach dem Scheitern seines Studiums in
Altdorf gemäß den damaligen Gepflogenheiten des Adels durch Europa
unternahm. Italien hatte es ihm besonders angetan. So pflegte er einen
italienischen Lebensstil und schätzte es, wenn er von Italienern umgeben
war, von seinem Lieblingsarchitekten Giovanni Pieroni über seinen Hofas­
trologen Giovanni Battista Senno (Seni) bis zu dem unter den führenden
Offizieren des Heeres ihm besonders nahestehenden Ottavio Piccolomini.
Das vorherrschende Bild des älteren Wallenstein als eines verbitterten und
von Krankheiten gezeichneten Mannes verdeckt, dass Wallenstein in den
knapp zwei Jahrzehnten vor Kriegsbeginn und auch noch in den ersten
Jahren danach bestrebt war, das Leben eines italienischen Hofmannes,
eines Cortegiano, zu führen.34 Mehr als eigentliche Glaubensfragen dürf­
ten es die Orientierung an Italien sowie karrierestrategische Überlegun­
gen gewesen sein, die ihn veranlasst hatten, zum Katholizismus überzutre­
ten.35
Um dem Cortegiano-Ideal genügen zu können, brauchte Wallenstein
freilich ein Vermögen, und das hatte er infolge häufiger Erbteilungen inner­
halb seiner Familie nicht.36 Aber Wallenstein war ehrgeizig und wollte es
nach oben schaffen. Zwei Ehen mit begüterten Frauen, eine überaus aktive
Rolle bei der Vermögensumwälzung in Böhmen nach der Niederschlagung
des Adelsaufstandes, die Beteiligung am Prager Münzkonsortium, das aus
der systematischen Münzverschlechterung gewaltigen Gewinn schlug, und
schließlich die Tätigkeit eines Kriegsunternehmers waren die Mittel, um
das eigene Vermögen schnell zu vermehren. Noch mehr als um Reichtum
ging es ihm jedoch um Macht und Einfluss, und da war eine militärische
Karriere naheliegend. Zum Höfling war Wallenstein trotz aller Orientie­
rung am Cortegiano-Ideal nicht geeignet. Dafür war er zu unbeherrscht
und auch zu ungeduldig. Obwohl er durchaus Intrigen spinnen und Koali­
tionen schmieden konnte, fehlten ihm doch die Voraussetzungen für einen
bei Hofe umtriebigen Politiker. Die mitunter schroffe Art, in der er seine
Umgebung behandelte, schuf ihm Feinde, die er von der Sache und seinen
Interessenlagen her nicht unbedingt hätte haben müssen.
Auftritt Wallenstein 253

Das Porträt
zeigt Wallen­
stein am Anfang
seines kometen­
haften Aufstiegs.
Im Unterschied
zu späteren
Porträts, die
einen erschöpf­
ten und bereits
von Krankheit
gezeichneten
Feldherrn
zeigen, lässt
sich auf dem
Kupferstich von
1625 die Energie
und der Durch­
setzungswille
Wallensteins
erkennen. Der
a d db.Jb c xxv Feldherrnstab
verweist auf die
gerade erfolgte
Ernennung zum
kaiserlichen
Generalissimus.

Wallensteins Fähigkeiten waren vor allem organisatorischer Art, und


sowohl bei der Verwaltung des riesigen Besitzes, den er nach 1620 an sich
gerissen hatte, als auch bei der Aufstellung von Heeren, deren Größe bis
dahin niemand für möglich gehalten hätte, waren seine Leistungen über­
ragend. Wallensteins Aufstieg vollzog sich im Zeichen des Mars: In tak­
tischen Fragen war er tüchtig und verfügte über einen klaren Blick für
Konstellationen des Gefechtsfelds und die sich daraus ergebenden Mög­
lichkeiten. In dieser Hinsicht waren ihm Tilly und Gustav Adolf jedoch
mindestens ebenbürtig. Als Stratege dachte Wallenstein in geopolitisch
umfassenden Zusammenhängen und erkannte Schwerpunktbildungen
und ihre Folgen. Dabei war er Tilly eindeutig überlegen, und womöglich
254 FO RTG A N G UND A U SW EITU N G

auch Gustav Adolf.37 Aber keiner kam Wallenstein gleich, sobald es um


die Aufstellung und Versorgung großer Heere ging. Er war ein hervorra­
gender Organisator und Logistiker, und besser als jeder andere wusste er
um die Abhängigkeit der Truppen von einer regelmäßigen Versorgung.
A uf diesem Wissen baute er seine strategischen Projekte auf, und in die­
sem Bereich entdeckte er schnell Schwächen des Gegners, die andere nicht
sahen. Dementsprechend war Wallensteins Strategie auch nicht auf eine
Entscheidungsschlacht, sondern auf die Ermattung und Auszehrung des
Gegners gerichtet - ganz im Gegensatz zu Gustav Adolf, der sehr viel stär­
ker an der Entscheidungsschlacht orientiert war. In der Folge erscheint der
Schwede in Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges als der strahlende
Held, als ein Heerführer, der sich immer wieder selbst ins Gefecht stürzte,
während Wallenstein als der große Organisator und Strippenzieher im Hin­
tergrund präsentiert wird, als einer, der, wenn er doch einmal eine Schlacht
schlug, dies vom Feldherrnhügel aus tat und das unmittelbare Kampfge­
schehen mied. Gustav Adolfs Körper war mit den Wunden und Narben sei­
ner Feldzüge bedeckt; Wallensteins Körper dagegen war von Krankheiten
gezeichnet, die, wie Gicht und Syphilis, zwar typische Soldatenkrankheiten
waren, die man sich jedoch nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Lager
zuzog.38
Was für Tilly die Marienverehrung war, war für Wallenstein der Glaube,
dass ein Menschenleben weitgehend durch Gestirnskonstellationen vor­
bestimmt sei. Im Herbst 1608 ließ Wallenstein sich von dem kaiserlichen
Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler, der sich mit astrologi­
schen Nebentätigkeiten materiell über Wasser hielt, das Horoskop stellen.39
Kepler sagte dem im Sternzeichen des Wassermanns und der Konjunktion
von Saturn und Jupiter Geborenen einen fulminanten Aufstieg voraus,
hielt aber auch fest, Wallenstein würde mit der Zeit habgierig, falsch und
machthungrig werden, dazu launisch, streitsüchtig und grausam.40 Bemer­
kenswert dabei ist, dass Kepler Wallenstein weder persönlich noch vom
Namen her, sondern nur dessen Geburtsdatum kannte. Wahrscheinlich
hat Wallenstein dieses Horoskop erst gelesen, nachdem der über einen
Mittelsmann engagierte Kepler endlich bezahlt worden war und es dem
Mittelsmann Wallensteins übergeben hatte, und das war einige Jahre spä­
Auftritt Wallenstein 255

ter. Kepler stellte in dem Horoskop Parallelen zu zwei Politikern her, die
unter ähnlichen Gestirnskonstellationen geboren waren: der englischen
Königin Elizabeth und dem polnischen Großkanzler Zamoyski. Inwieweit
deren Lebensgeschichte Kepler in seiner Vorhersage beeinflusst hat, muss
ebenso offenbleiben wie die Frage, welchen Einfluss das Horoskop auf Wal­
lenstein hatte, nachdem es ihm seit 1614 bekannt war. 1624 trat Wallenstein
nochmals an Kepler heran und bat um Antwort auf sehr konkrete Fragen,
worauf Kepler allerdings mit Zurückhaltung reagierte. Keplers Horoskop
hat jedenfalls das Wallenstein-Bild vieler Historiker wie Schriftsteller stark
beeinflusst: Es hat die Struktur vorgegeben, nach der Wallensteins Pläne
und Handlungen beurteilt wurden. Auch dadurch lässt sich die Überein­
stimmung zwischen dem Horoskop und dem uns präsenten Wallenstein-
Bild erklären.

Mit Wallenstein betrat einer der großen Protagonisten des Dreißigjährigen


Krieges die Bühne, und obwohl er bereits seit 1618/19 an den Ereignissen
beteiligt war, tat er sich als gestaltender Akteur doch erst seit 1623 hervor.
Das war das Jahr, in dem Bethlen Gabor erneut nach Oberungarn und
Südmähren einfiel, um mit dem aus Norden anrückenden Christian von
Braunschweig zusammenzuwirken.41 Da Bethlen wieder einmal verspätet
auf dem vorgesehenen Kriegsschauplatz erschien, konnten die kaiserlichen
Regimenter, die eben noch bei Stadtlohn siegreich gewesen waren, in Eil­
märschen nach Mähren beordert werden, um den Angriff abzuwehren. Sie
kamen zwar zu spät, um noch gegen Bethlen eingesetzt zu werden, wirkten
aber als Reserve für den Fall, dass seine Truppen bis nach Böhmen vor­
stoßen sollten. In diesem Zusammenhang wurde Wallenstein am 3. Juni
1623 zum kaiserlichen Generalwachtmeister (Generalmajor) ernannt, um
als Stellvertreter des mit dem Kommando betrauten Marchese Girolamo
Caraffa di Montenegro (verschiedentlich auch Negromonte genannt)
die Operationen gegen die Einheiten Bethlens zu führen. Das war eine
große Herausforderung, denn die kaiserliche Armee umfasste lediglich
15 000 Mann - und auch das nur, weil Wallenstein seine organisatorischen
Fähigkeiten bei der Ausrüstung der Truppen unter Beweis gestellt hatte - ,
während Bethlen eine Streitmacht von über 40 000 Mann ins Feld führte.42
256 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Dieser Feldzug sollte Wallensteins erstes selbständiges Kommando werden,


und das verschaffte ihm die Grundlage für seinen kometenhaften Aufstieg
im kaiserlichen Heer.
Dabei verlief der Feldzug alles andere als glücklich. Bethlens Heer
bestand vorwiegend aus leichter Reiterei, die den kaiserlichen Infanterie­
verbänden immer wieder überfallartig zusetzte und sich danach so schnell,
wie sie gekommen war, auch wieder zurückzog. Am 24. Oktober schrieb
Wallenstein an seinen Schwiegervater Karl von Harrach in Wien, von dem
er annahm, dass er das Ohr des Kaisers hatte, und machte geltend, der Kai­
ser müsse umgehend leichte Kavallerie in großer Zahl und guter Qualität
schicken, sonst werde der Feldzug in einer Katastrophe enden. Aber der
Kaiser schickte keine leichten Reiter; er hatte sie nicht, und die Staatskas­
sen ließen deren Anwerbung in großem Stil auch nicht zu. Wallenstein zog
daraus die Lehre, dass er hinfort die Heere, mit denen er operierte, selbst
zusammenstellte. Unter keinen Umständen wollte er noch einmal vom
Wiener Kriegskabinett und seinen Entscheidungen abhängig sein - das
heißt, er musste zukünftig, wenn es nach seinen Vorstellungen gehen sollte,
als selbständiger Kriegsunternehmer auffreten. Wallenstein hatte damit
bereits Erfahrungen gesammelt, doch dabei ging es bloß um die Aufstel­
lung eines einzelnen Regiments. Künftig sollte es um die Aufstellung einer
kompletten Armada gehen, wie ein vollständiges Heer zeitgenössisch hieß,
und Wallenstein achtete darauf, für welchen Kriegsschauplatz die Truppen
bestimmt waren. Der Krieg im Osten erforderte eine andere Zusammen­
setzung der militärischen Fähigkeiten als der im Westen, der im Norden
wiederum eine andere als der im Süden - keiner hat das besser begriffen als
Wallenstein. Dementsprechend ungehalten wurde er, wenn ihm der Wiener
Hofkriegsrat einen Strich durch die Rechnung machte und seine Truppen
auf Kriegsschauplätze dirigierte, für die sie nicht vorgesehen waren.
Der Herbstfeldzug der Kaiserlichen gegen Bethlen kam nicht recht
voran. Bethlen stellte sich nicht zur Schlacht, sondern attackierte den Tross
und einzelne Detachements des Heeres. Um dessen Verwundbarkeit auf
dem Marsch zu vermindern, mussten die Truppen zusammengehalten
und zu einer einzigen Marschsäule konzentriert werden. Das wiederum
vergrößerte die Versorgungsprobleme, denn je dichter das Heer mar­
Auftritt Wallenstein 157

schierte, desto weniger Gehöfte und Dörfer, aus denen sich die Truppen
versorgen konnten, lagen auf seinem Weg. Also wurden wieder Einheiten
detachiert, um Nahrungsmittel zu beschaffen, und schon schlug Bethlen
erneut zu. Noch bevor man Pressburg erreicht hatte, entschloss sich die
Führung, das Heer zu teilen: Der Marchese Caraffa und Don Balthasar de
Marradas zogen mit der Kavallerie nach Kremsier weiter, während Wallen­
stein mit den Fußtruppen in einem verschanzten Lager bei Göding blieb.
Die Stellungen ließen sich gegen einen Angriff Bethlens gut verteidigen,
aber der tat den Verschanzten nicht den Gefallen anzugreifen, sondern
beschränkte sich darauf, deren Nachschub zu unterbinden: Irgendwann
würden die Nahrungsmittel knapp werden, Wallenstein müsste das Lager
verlassen und Bethlen würde mit dessen ausgehungerten Soldaten leichtes
Spiel haben, wenn sie nicht kapitulierten. Bethlen hatte Zeit, Wallenstein
nicht - so jedenfalls schien es. Dementsprechend dringlicher wurden Wal­
lensteins Briefe an seinen Schwiegervater Harrach in Wien, in denen er ein
ums andere Mal die Unterstützung durch leichte Kavallerie oder die als­
baldige Eröffnung eines Diversionskrieges gegen Siebenbürgen forderte -
der Einfall eines polnischen Heeres sollte Bethlen zum Abzug aus Mähren
zwingen. Bleibe beides aus, so Wallenstein, würden die hungernden Sol­
daten die Offiziere gefangen nehmen und an Bethlen ausliefern, um dann
selbst in dessen Dienste überzuwechseln. «Das Volk», so schrieb er am
10. November an Harrach, werde «sich eines anderen resolvieren [... ] und
aus Not uns Capi [Anführer] bei die Köpf nehmen, dem Feind übergeben,
und selbst in Feinds Dienst verbleiben, wie sies denn noch alle, die wenig
in Not gewesen, getan haben.»43
Was Wallenstein nicht wusste, war, dass auch für Bethlen die Zeit
begrenzt war: Der Winter stand vor der Tür, die türkischen Einheiten
waren mit der Beute, die sie gemacht hatten, reichlich versorgt und woll­
ten den Rückzug antreten, und selbst in Bethlens eigenen Verbänden
drängte man zum Aufbruch in die Heimat, seitdem Gerüchte aufgetaucht
waren, wonach ein polnisches Heer in Siebenbürgen eingefallen sei. Am
17. November wollte Bethlen die Entscheidung erzwingen und verlangte
von seinen Reitern, zu Fuß die Schanzen des Lagers von Göding anzugrei­
fen. Aber die Reiter weigerten sich, in dieser ihnen unvertrauten Weise zu
x6o FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

kämpfen. Am 19. November kam es durch die Vermittlung des ungarischen


Palatins Stanislaus Thurzo zu einem Waffenstillstand, in dessen Folge Beth-
len nach Osten abzog. Wallenstein und seine Fußtruppen waren gerettet.
Wallensteins erste weitgehend selbständige Operation ist somit alles
andere als glänzend verlaufen. Er entging nur knapp einer Katastrophe.
Doch er lernte daraus. Schon im darauffolgenden Jahr entwickelte er einen
Plan zur Reorganisation des Heeres, in den die Erfahrungen des Herbst­
feldzugs gegen Bethlen Gabor einflossen. Wallensteins Leitidee bestand
darin, zukünftig auf Heere zu verzichten, die aus Truppen unterschiedlicher
Herren mit eigenen Kommandostrukturen zusammengesetzt waren, und
stattdessen ein Heer aufzustellen, das wie aus einem Guss war. Vor allem
sollten die Truppen unter einem Oberbefehl stehen, dem sich alle Kom­
mandeure zu fügen hatten, ohne dass sie erst beim Landesherrn nachfra-
gen mussten, ob er auch mit der Entscheidung einverstanden sei. Das aber
hieß, dass Wallenstein nicht nur als Kriegsunternehmer, sondern auch als
General auftreten musste. Dieses Projekt hat Wallenstein 1625 in die Tat
umgesetzt.

Zunächst aber mussten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Am


3. September 1623 wurde Wallenstein zum Fürsten von Friedland und Rei­
chenberg erhoben, und zwei Tage später wurde ihm Friedland vom Kai­
ser als erbliches Lehen zugeteilt. Dieses geschlossene Herrschaftsgebiet
nordöstlich von Prag, zwischen Elbe und Neisse gelegen, wurde von Wal­
lenstein wirtschaftlich so organisiert, dass es als Ausrüstungs- und Versor­
gungsbasis eines großen Heeres dienen konnte.44 Als im Frühjahr 1625 mit
dem absehbaren Kriegseintritt Dänemarks selbst Kurfürst Maximilian von
Bayern den Kaiser zu verstärkten Rüstungen drängte, weil die Streitkräffe
der Liga allein der neuen Herausforderung nicht gewachsen seien, nahm
Ferdinand Wallensteins Angebot, ein Heer aufzustellen, an und ernannte
ihn zum Oberbefehlshaber aller kaiserlichen Truppen - «zum Capo über
alles Iero Volckh, so diser Zeit im Heiligen Römischen Reich und Nider-
landt vorhanden oder noch dahinwerts geschückht und abgeordtnet wer­
den möchte», wie es im kaiserlichen Intimat heißt.45
Am 13. Juni folgte die Erhebung Wallensteins zum Herzog von Fried-
Dänemarks Kriegseintritt 261

:and, die auch für seine Nachkommen und «zu allewigen Zeiten» gelten
sollte. Mit dieser Rangerhöhung war auch das Verhältnis Wallensteins zu
Tilly geklärt, der als Graf deutlich unter dem neuen Herzog stand, und
auch wenn Tillys Dienstherr Maximilian inzwischen Kurfürst war, so stand
ihm doch Wallenstein als Herzog «fast ebenbürtig zur Seite»46. Das alles
dürfte nicht ohne Wallensteins Einflussnahme - beziehungsweise die sei­
ner Parteigänger in der Umgebung des Kaisers - erfolgt sein. Man kann in
diesem raschen Aufstieg den Ausdruck seines schier unstillbaren Ehrgeizes
sehen, seiner Habgier und seines Machthungers, wie ihn Keplers Horoskop
charakterisiert hatte; man kann das Drängen auf eine nahezu unbegrenzte
Kommandogewalt und auf Rangerhöhung indes auch auf Wallensteins
Umsichtigkeit zurückführen, sich gegen das notorische Kompetenzgeran-
gel und die ewigen Rangstreitigkeiten abzusichern.47 In welchem Ausmaß
es solcher Umsicht bedurfte, konnte Wallenstein schon bald feststellen.48

Dänemarks Kriegseintritt

Die Präsenz des Kaisers und der Liga in Norddeutschland beunruhigte


nicht nur die nördlichen Niederlande, sondern gab auch den Herrschern
von Dänemark und Schweden Anlass, über ein Eingreifen in den Krieg
nachzudenken. Auch König Jakob von England stand im Begriff, seine vor­
sichtige Haltung, die eher an politischem Ausgleich als an militärischer Ein­
mischung orientiert war, zu revidieren. Seine früheren Versuche, mit Spa­
nien zusammen die Wiedereinsetzung seines Schwiegersohns (und damit
auch seiner Tochter) in der Pfalz zu erwirken, hatten keinerlei Erfolg gezei­
tigt, und auch das Projekt einer Ehe zwischen seinem Sohn Karl und der
spanischen Infantin Maria, einer Schwester König Philipps IV., auf dem
Jakob eine Koalition der beiden Seemächte hatte begründen wollen, hatte
sich als Chimäre erwiesen. Der Prinz von Wales war, nachdem sich die Ver­
handlungen über eine Eheschließung immer mehr in die Länge gezogen
hatten, im April 1623 nach Madrid gereist, um deren Fortgang an Ort und
Stelle zu forcieren. Dabei hatte er die zwei für das Verhältnis der beiden
262 FO RTG A N G UND A U SW EITU N G

Königreiche zentralen Fragen, seine Eheschließung mit der Infantin und


die Restitution des Pfalzgrafen, miteinander verbunden, um im «Paket»
eine Lösung zu finden. Graf Olivares, der unter Philipp IV. die Leitung der
spanischen Politik übernommen hatte, wollte beide Fragen indes getrennt
behandelt wissen, weil er bezweifelte, dass man in den zwei Angelegenhei­
ten gleichermaßen Fortschritte erzielen könne.49 Das spanische Angebot
bestand darin, dass sowohl der zukünftige englische König Karl als auch der
am Wiener H of zu erziehende Sohn des Pfälzers zum Katholizismus kon­
vertieren mussten. Das war für England unannehmbar. Jakob fühlte sich
von den Spaniern hingehalten und getäuscht, und in seinem Zorn darüber
war er bereit, sich an die Spitze einer protestantisch-antihabsburgischen
Koalition zu stellen.50Als Erstes wollte er den beschäftigungslosen Söldner­
führer Ernst von Mansfeld in seine Dienste nehmen und ihm Geldmittel
zur Verfügung stellen, mit denen er eine Armee anwerben sollte, um erneut
in den Krieg einzugreifen.51
Auch Frankreich war vom Wiedererstarken der habsburgischen Macht
beeindruckt und suchte nach Möglichkeiten des Gegenhandelns. Vor allem
die spanischen Besatzungen in den linksrheinischen Festungen der Pfalz
beunruhigten die französische Politik. Durch die bereits 1620 errungenen
militärischen Erfolge im Kampf um die Kontrolle der Veltliner Alpenpässe,
die starke Position, die Spanien seit Wiederaufnahme des Krieges in den
Niederlanden innehatte, und die spanische Militärpräsenz in der Pfalz war
ein regelrechter Ring um Frankreich entstanden, der in Paris als systema­
tisch betriebene Einkreisung wahrgenommen wurde.52 Die Politik des 1624
in den Conseil d’Etat berufenen Richelieu stand somit unter zwei Prämis­
sen: den spanischen Einkreisungsring durch eine dagegen gerichtete Bünd­
nispolitik aufzusprengen und darüber hinaus Frankreich (wieder) zum
Schiedsrichter im politischen Machtgefüge Europas zu machen.53 Riche­
lieu nahm damit eine Politik auf, die Heinrich IV. bis zu seiner Ermordung
verfolgt hatte, die unter der Regentschaft seiner Witwe Maria de’Medici
jedoch nicht weitergeführt worden war.54Aber für mehr als ein verdecktes
Eingreifen in den Krieg reichten die französischen Kräfte zunächst nicht
aus, zumal Richelieu die Veltlin-Frage als vordringlich ansah und im Herbst
1624 eine Armee nach Norditalien in Marsch setzte. Der Nutznießer war
Dänemarks Kriegseintritt 263

einmal mehr Ernst von Mansfeld, der zusätzlich zu den Geldern aus Eng­
land und den Niederlanden auch von Frankreich Subsidien erhielt, um ein
Heer für den Kampf gegen die Habsburger aufzustellen.55
Die bislang gemachten Erfahrungen legten jedoch nahe, dass ein von
Mansfeld angeführtes Söldnerheer allein nicht genügen würde, die ver­
bundene Macht von Kaiser und Liga zurückzudrängen. Um dieses Ziel zu
erreichen, boten sich zwei Möglichkeiten an, die gegebenenfalls miteinan­
der kombiniert werden konnten: erstens der Versuch, einen Keil zwischen
Kaiser Ferdinand und Kurfürst Maximilian zu treiben, indem man deren
unterschiedliche Interessen gegeneinander ausspielte; zweitens das Vor­
haben, eine der beiden dem Luthertum verpflichteten nordischen Mächte,
Dänemark oder Schweden (oder auch beide gemeinsam), in den Krieg
zu verwickeln und sie zur militärischen Spitze gegen Kaiser und Liga zu
machen. Das erste Projekt wurde vor allem von Frankreich verfolgt, und
Pere Joseph, der Kapuziner-Diplomat im Dienste Richelieus, war von nun
an damit beschäftigt, den Bayernherzog Maximilian und die geistlichen
Kurfürsten am Rhein gegen das Wiener Kaiserhaus auszuspielen. Bei
Maximilian erzielte die französische Diplomatie Teilerfolge, aber es gelang
den Franzosen nie, den Bayern dauerhaft gegen das Wiener Kaiserhaus in
Stellung zu bringen. Der Kölner Erzbischof Ferdinand, ein Bruder Maximi­
lians, folgte der von München vorgegebenen Linie, der Mainzer Erzbischof
lavierte, hielt sich aber stärker an das Kaiserhaus, und nur der Trierer Erzbi­
schof Philipp Christoph von Sötern ließ sich auf eine profranzösische und
antihabsburgische Politik ein.56Durchschlagende politische Wirkung sollte
die französische Diplomatie erst im späteren Kriegsverlauf erzielen.
Somit konzentrierte sich 1625 alles auf die Frage, ob die nordischen
Mächte in den Krieg eingreifen würden. Das Problem war, dass Dänemark
und Schweden seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft in der Ostsee konkur­
rierten und deswegen auch mehrere Kriege gegeneinander geführt hatten.57
Schweden, das dabei den Kürzeren gezogen hatte, ließ sich danach auf eine
Expansionspolitik in südöstliche Richtung ein, und in mehreren Kriegen
gegen Polen hatten die in Stockholm regierenden protestantischen Wasa
den in Warschau residierenden katholischen Wasa einige Hafenstädte und
einen größeren Küstenstreifen im Baltikum weggenommen. Als es nun um
1Ö4 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

die Frage ging, ob die nordischen Mächte sich in den Krieg im Reich einmi-
schen würden,58war Schweden wieder einmal in einen Krieg mit Polen ver­
wickelt. Dennoch zeigte Gustav Adolf ebenso wie Christian von Dänemark
Interesse, an die Spitze einer protestantischen Koalition zu treten, um den
Kampf gegen die Habsburger und die katholische Liga wiederaufzuneh­
men. Der Kriegseintritt bot beiden Mächten die Möglichkeit, nach Süden
zu expandieren, und wer dabei erfolgreich war, würde auch das Ringen um
die Ostseehegemonie (dominium maris Baltici) für sich entscheiden. Dar­
aus folgte indes, dass beide Mächte sich schwerlich zu einer gemeinsamen
Kriegführung bereitfinden würden. Der Eintritt der einen Seite schloss die
Beteiligung der anderen aus. Die Generalstaaten der Niederlande, der eng­
lische König und Richelieu, die am Zustandekommen einer antihabsburgi­
schen Koalition arbeiteten, mussten sich also für eine der beiden Mächte
entscheiden, und dabei hatten sie sicherzustellen, dass der jeweilige Rivale
die kriegerischen Verwicklungen des anderen nicht nutzte, um ihm in den
Rücken zu fallen. Keine der zwei nordischen Mächte konnte von sich aus
und aus eigenem Antrieb in den Krieg auf deutschem Boden eingreifen,
beide bedurften der «Rückendeckung» durch ein Bündnis.
Für Schweden sprach, dass Gustav Adolf in den Kriegen im Baltikum
reichlich Kriegserfahrung gesammelt hatte und über kriegserprobte Trup­
pen verfügte. Doch ein Eingreifen Schwedens in die Konflikte des Reichs
ließ sich nicht so leicht rechtfertigen, denn bislang hatten weder der Kaiser
noch die Liga schwedische Interessen berührt. Es war darum auch unge­
wiss, ob sich der einflussreiche schwedische Adel auf diesen Krieg über­
haupt einlassen und seinem König folgen würde. Allerdings hatte Gustav
Adolf bereits einen Kriegsplan, und der sah vor, dass er mit seinen Truppen
aus dem polnisch-pommerschen Grenzgebiet die Oder entlang in südlicher
Richtung nach Schlesien vorstoßen würde, wo er sich mit Bethlen Gabor
vereinigen wollte, der sich als Bündnispartner wieder einmal ins Gespräch
gebracht hatte. Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wollte Gustav Adolf
mit Pfalzgraf Friedrich ein festes Bündnis schließen, denn so konnte er als
dessen Interessenvertreter im Reich auftreten.59
Im Falle Dänemarks war eine solche Rechtskonstruktion nicht von­
nöten, denn Christian IV. war auch Herzog von Holstein und gehörte
Dänemarks Kriegseintritt 265

damit zu den Ständen des Reichs. Von einem Eingreifen äußerer Mächte
wäre also nicht die Rede gewesen. Als Reichsstand konnte Christian gegen
illegitime oder ungerechte Entscheidungen des Kaisers Widerstand leisten,
and diese in den zurückliegenden Jahren mehrfach benutzte Rechtsfigur
kam auch hier ins Spiel. Vor allem für den strikt auf Legitimität bedachten
Jakob scheint das ein Grund gewesen zu sein, mehr auf Christian als auf
Gustav Adolf zu setzen. Die Zugehörigkeit Christians zu den Reichsstän­
den war jedoch nur eine Fassade, de facto handelte es sich durchaus um
die Intervention einer äußeren Macht: Zu Dänemark gehörten nämlich
nicht nur die Herzogtümer Schleswig und Holstein, sondern auch Island
und Grönland, weiterhin größere Teile des heutigen Schweden sowie die
Ostseeinseln Gotland und Ösel. Außerdem war Christian in Personalunion
auch König von Norwegen. Sein Königreich umfasste also ein Gebiet, das
vom Nordkap bis nach Hamburg und von Island bis zur Insel Ösel vor der
estnischen Küste reichte.
Die wichtigste Einnahmequelle des Königs waren nicht Steuern, son­
dern Handelszölle, und bei diesen Zöllen hatten die Landstände nicht
mitzureden; der König konnte somit eine von den Ständen weitgehend
unabhängige Politik betreiben.60 Als er sich entschloss, in den Krieg im
Reich einzugreifen, tat er das gegen den Ratschlag des Staatsrats, auf des­
sen Unterstützung er dank der Zölle aus dem Öresund, die alle die Passage
zwischen Nord- und Ostsee durchfahrenden Schiffe zahlen mussten, nicht
angewiesen war. Außerdem wurden ihm von Frankreich, England und
den Generalstaaten Subsidien zugesagt, die ungefähr die Hälfte der veran­
schlagten Kriegskosten abdeckten. Zunächst freilich agierte Christian sehr
vorsichtig, denn ihm war offenbar klar, dass er sich auf ein hochriskantes
Unternehmen einlassen würde. Den Ausschlag dafür dürfte letztlich die
Konkurrenz mit Schweden gegeben haben: Wenn er nicht in den Krieg ein­
getreten wäre, hätte das an seiner Stelle Gustav Adolf getan, und Christian
fürchtete, ein erfolgreicher Feldzug der Schweden in Deutschland würde
sich auf die Machtverhältnisse in der Ostsee auswirken. Er wollte die Ost­
seehegemonie, die nach dem Kalmarkrieg von 1611 bis 1613 eindeutig bei
Dänemark lag, durch sein Eingreifen im Reich festigen. Dazu sollte auch
die Einsetzung seiner Söhne in die Administration ehemals katholischer
266 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Christian IV., König von


Dänemark und Herzog
von Holstein, sah sich als
Herr des europäischen
Nordens. Die Konkurrenz
mit den Niederlanden und
mit Schweden war für ihn
ein wichtiger Grund, in
den «deutschen K rieg»
einzugreifen. Der Stich
zeigt ihn zu Beginn des
niedersächsisch-dänischen
Krieges mit Harnisch und
Feldherrnstab auf dem
Höhepunkt seiner Macht.

Bistümer dienen. Das Stift Halberstadt und das Erzstift Bremen waren
dabei im Gespräch.61
Wie riskant das dänische Kriegsprojekt indes war, zeigt ein Blick auf
seine Finanzierung:62 Im Unterschied zu Schweden, das infolge seiner Mili­
tärverfassung auf eine im eigenen Land ausgehobene Armee zurückgreifen
konnte,63 operierte Dänemark mit geworbenen Söldnern. Christian wollte
diesen Krieg nach demselben Modell führen wie den für ihn überaus erfolg­
reichen Kalmarkrieg, als seine Truppen auf schwedisches Gebiet vorgesto­
ßen waren und durch die Plünderung des Landes ihre Unterhaltskosten
deutlich gesenkt hatten. Diesen Dreischritt - Vorfinanzierung der Armee
aus eigenen Mitteln, Unterhalt der Truppen in Gebieten außerhalb des
Königreichs, Refinanzierung der vorgeschossenen Kriegskosten durch Ent­
schädigungen von Seiten des Kriegsgegners - wollte Christian wiederho­
len. Aber dieses Modell hatte zur Voraussetzung, dass der König siegte und
den Krieg außerhalb des eigenen Territoriums führen konnte. Das war das
Dänemarks Kriegseintritt 267

Risiko, das Christian einging, als er damit begann, eine Armee in der Stärke
von 30 000 Fußsoldaten und 7000 bis 8000 Reitern aufzustellen. Zusam­
men mit den Truppen Mansfelds würde er damit dem Liga-Heer unter Tilly
deutlich überlegen sein, und diese Überlegenheit würde das Risiko des
Krieges begrenzen. Dennoch zögerte Christian, die Kampfhandlungen zu
eröffnen, und das kann als ein Beleg dafür angesehen werden, dass er sich
nicht sicher war, ob er sich auf dieses Risiko tatsächlich einlassen sollte.

Am 29. November 1625 wurde im Haag der Allianzvertrag zwischen Eng­


land, Dänemark und den Generalstaaten geschlossen, in dem die Kondi­
tionen des Zusammenwirkens festgelegt waren.64Angesichts der Kriege im
Reich und der von ihnen ausgehenden Gefährdung der Reichsverfassung,
so heißt es in der Vorrede, habe man sich entschlossen, «zur rechten Zeit
vorzubeugen und den allzu gewaltigen, unerträglichen Fortgang dieser
schlimmen Absichten und Bedrückungen zu hindern, zur Wiederaufrich­
tung und Conservation der besagten Freiheit, der Rechte und Constitu­
tionen des Kaiserreichs, sich einem so voraussehbaren Verderben und all
jenen, die jetzt oder in Zukunft dessen Urheber sein werden, zuwidersetzen
und entgegenzustellen.»65Bereits sieben Monate vor Abschluss der Haager
Allianz hatte Christian sich zum Obristen des niedersächsischen Reichs­
kreises wählen lassen. Damit besaß er eine hinreichende Legitimation, um
im Reich als Verteidiger der Verfassung auftreten zu können, wie das in der
Vorrede des Vertrags annonciert wird. In dieser reichskonservativen Aus­
richtung steckte jedoch ein politisches Problem von großer Sprengkraft.
Legitimationspolitisch mochte die reichskonservative Begründung
des Bündnisses ihre Vorzüge haben, aber es handelte sich dabei lediglich
um einen Kompromiss, der die unterschiedlichen Interessen der Beteilig­
ten verdecken sollte:66 England ging es neben der Restitution des Pfalzgra­
fen vor allem um den Kampf gegen Spanien. Nachdem Jakob I. am 27. März
1625 gestorben war und sein Sohn Karl, der in Madrid Düpierte, die Nach­
folge angetreten hatte, trat dieses Interesse noch stärker hervor. Mindes­
tens ebenso stark wie England waren die Generalstaaten an einem gegen
Spanien gerichteten Krieg interessiert. Christian dagegen bestand darauf,
dass er keinen Krieg gegen Spanien führen wolle. Tatsächlich wurde aber
268 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

im IV. Abschnitt der Haager Allianz noch vor den die Landkriegführung
betreffenden Passagen auf ein englisch-niederländisches Bündnis Bezug
genommen, in dem es um einen gemeinsamen Seekrieg gegen Spanien
ging; auch wenn Spanien nicht namentlich genannt wurde, so waren in den
Seekriegspassagen des Vertrags doch dessen Flotten gemeint. Der König
von England, so heißt es dort, werde «eine weitere Flotte auslaufen lassen,
um derjenigen, die sich schon auf See befindet, zu helfen, um damit die
Kräfte der Gegenpartei abzulenken und zu behindern».67 Die «Gegen­
partei» konnte nur Spanien sein. Vermutlich war mittelfristig auch an eine
Beteiligung der dänischen Flotte gedacht, weil sie die bei weitem stärkste in
der Ostsee war und Dänemark sich aus einem Krieg, in dem es um die Kon­
trolle des Handels ging, kaum heraushalten konnte.68 Auch bezüglich der
Restitution Friedrichs konnte man sich nicht auf ein konkretes Kriegsziel
einigen. Als die Engländer darauf drängten, die Rückführung Friedrichs
in seine Erblande und dessen Wiedereinsetzung in die Kur in den Vertrag
aufzunehmen, lehnte Christian dies mit der Begründung ab, dass die Nie­
dersachsen, an deren Spitze er sich hatte wählen lassen, nur zur Kreisvertei­
digung bereit seien. Es stand also zu befürchten, dass diese Allianz die erste
größere Belastung nicht überstehen würde.
Die Probleme der Haager Allianz zeigten sich noch vor Kriegsbeginn
im Rückzug Kurbrandenburgs aus der Koalition, zu deren Zustandekom­
men Kurfürst Georg Wilhelm zuvor einiges beigetragen hatte. Seit 1616 mit
einer Schwester Friedrichs von der Pfalz verheiratet und durch die Ehe­
schließung seiner eigenen Schwester mit Gustav Adolf auch Schweden eng
verbunden, hatte er auf den schwedischen König als Anführer, zumindest
als Teilnehmer der Koalition gesetzt und dementsprechend Sondierungs­
gespräche für diese Koalition führen lassen.69 Erstmals seit Kriegsbeginn
hatte Brandenburg eine politisch aktive Haltung eingenommen; die Rei­
sen des Rates Christian von Bellin nach Stockholm, Kopenhagen und Den
Haag standen am Anfang der Allianz, aber dann ging die Initiative auf Eng­
land und die Generalstaaten über, und das kleine Brandenburg geriet poli­
tisch an den Rand. Es war jedoch weniger die politische Marginalisierung
seines Landes, sondern die Nichtteilnahme Schwedens, die Georg Wilhelm
einen Rückzieher machen ließen. Jetzt wollte er die Allianz nicht mehr mit
Dänemarks Kriegseintritt 269

Truppen - er hatte zunächst 3000 Mann zugesagt - , sondern nur noch mit
Subsidien unterstützen, und auch das nur, wenn sich der Angriff ausschließ­
lich gegen die Liga und nicht gegen den Kaiser richtete, was jedoch ange­
sichts der Bündnisstruktur von Kaiser und Liga so gut wie unmöglich war.
Der böhmische Historiker Anton Gindely hat deshalb von einer «ebenso
lächerlichen wie unvernünftigen Bedingung» gesprochen.70 Sie hatte auch
nur die Funktion, Brandenburg wieder auf Distanz zur Haager Allianz zu
bringen, nachdem sich das kleine Land zeitweilig für seine Verhältnisse
und Möglichkeiten sehr weit vorgewagt hatte. Für eine solche wagemutige
Politik, so glaubte man in Berlin, brauchte man einen starken Verbündeten
in räumlicher Nähe. Als der infolge der Absage Gustav Adolfs nicht mehr
vorhanden war, näherte man sich wieder der vorsichtigen Politik Kursach­
sens an, in deren Windschatten sich Brandenburg bisher bewegt hatte.
Im Rückzieher Brandenburgs wurde einmal mehr die zögerliche Poli­
tik des deutschen Protestantismus nach dem Zerfall der protestantischen
Union sichtbar: Man war sich nicht sicher, welche Ziele man verfolgen
sollte und wie viel man dafür riskieren konnte. Selbst das reformierte Bran­
denburg zögerte ein ums andere Mal - mit der Folge, dass die lutherischen
Sachsen die Gangart bestimmten, und die war kaisertreu.71 So blieb die
.Anzahl der protestantischen Parteigänger Christians im Reich überschau­
bar; neben den Fürsten des niedersächsischen Kreises war es eigentlich nur
Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der sich ihm vorbehaltlos anschloss.
-Als die Haager Allianz am 29. November beziehungsweise 9. Dezember
1623 besiegelt wurde, war es jahreszeitlich schon zu spät, um die Trup­
pen noch ins Feld zu führen. Unterdessen verhandelten die potenziellen
Kriegsgegner in Braunschweig über die Frage, ob sich nicht doch noch ein
Ausgleich finden lasse, der einen weiteren Krieg unnötig mache. Das war
eine Gelegenheit für die sächsische Politik, ein weiteres Mal die Rolle des
Mittlers zu übernehmen. Als Kompromiss schlugen die Sachsen vor, dass
Christian IV., Mansfeld und die Niedersachsen die Waffen niederlegen
sollten, wenn die Gegenseite, Tilly und Wallenstein, Zusagen würde, mit
ihren Truppen den niedersächsischen Kreis zu verlassen sowie dort keine
Kontributionen zu erheben, und Kaiser Ferdinand den Niedersachsen zusi­
cherte, sie im Besitz der ehemals geistlichen Güter zu belassen.72 Von der
i r jo FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Restitution des Pfalzgrafen war in dem Vermittlungsvorschlag keine Rede,


und dass sich die protestantische Seite überhaupt auf Verhandlungen ein­
ließ, zeigt ihre Schwäche und Gespaltenheit. Doch selbst über diesen Ver­
mittlungsvorschlag konnte man sich nicht verständigen. Als die Parteien
am 8. März 1626 ergebnislos auseinandergingen, war das der Auftakt zur
nächsten Runde des Krieges.

Wallensteins Heer

Im Januar 1625 wiederholte Wallenstein ein Angebot, das er bereits in den


zwei vorangegangenen Jahren mehrfach gemacht hatte,73 ohne dass der
Hofkriegsrat in Wien darauf eingegangen wäre: Er wollte «auf eigene Kos­
ten» ein Heer in der Größe von etwa 20 000 Mann aufstellen. Was sich auf
den ersten Blick wie ein großzügiges Angebot ausnahm, das dem finanz­
schwachen Kaiser ermöglichen sollte, was er unter den gegebenen Umstän­
den am dringlichsten brauchte: ein eigenes Heer, war nichts weniger als ein
Projekt, das die Machtverhältnisse im Reich grundlegend verändern würde
- nicht nur die militärischen, sondern auch die politischen. Wallensteins
Angebot war derart grundstürzend, dass man in Wien nicht binnen weniger
Tage darauf einging. Man verhandelte über bald ein halbes Jahr, bevor der
Kaiser am 27. Juni 1625 die Instruktion für die Aufstellung des Heeres unter­
schrieb und einen Monat später, am 25. Juli, Wallenstein zum General der
kaiserlichen Kriegsmacht ernannte. Ferdinand scheint bewusst gewesen zu
sein, dass er damit sein politisches Schicksal mit dem Wallensteins verband.
Wenn er hinsichtlich der Tragweite seiner Entscheidung der Aufklärung
bedurft hätte, so lieferte ihm diese das von seinem wichtigsten Ratgeber
und Minister, dem Reichsfürsten Hans Ulrich von Eggenberg, angefertigte
Gutachten: Der Präsident der Hofkammer und des Geheimen Rats und
obendrein engste Vertraute des Kaisers führte darin aus, dass Ferdinand
eine Streitmacht wie die von Wallenstein vorgesehene nicht benötige, da er
mit den Türken Frieden geschlossen habe und es vorerst zu einer so grund­
legenden Veränderung der kaiserlichen Politik keinen Anlass gebe.74Eggen­
Wallensteins Heer 271

berg, der nicht zu Wallensteins Gegnern am Wiener H of gehörte, erkannte,


dass es um mehr ging als um ein vorteilhaftes Angebot Wallensteins.
Bei Kriegsbeginn gab es kein kaiserliches Heer, sondern nur einzelne
Regimenter unter dem Befehl des Grafen Heinrich Duval von Dampierre,
die in einem größeren Krieg nur im Verbund mit anderen Einheiten, etwa
den spanischen Regimentern Bucquoys oder denen der Liga, ein operativ
selbständiges Heer bildeten. Der Kaiser war militärisch auf die Unterstüt­
zung durch die Reichsstände beziehungsweise seine internationalen Ver­
bündeten angewiesen, die ihm für begrenzte Zeit und vorgegebene Zwecke
Truppen zur Verfügung stellten. Das war nicht erst seit jüngster Zeit so, und
es war auch kein Spezifikum der habsburgischen Kaiser, sondern reichte bis
weit ins Mittelalter zurück: Wenn der Kaiser Soldaten brauchte, musste er
sich diese von einem Reichstag bewilligen lassen. Er konnte Truppen auch
aus den Ressourcen seiner Erblande aufstellen; dafür hatte er sich jedoch
mit den Ständevertretern ins Benehmen zu setzen, und die reagierten
zumeist mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Ablehnung, lief das
xaiserliche Ersuchen doch darauf hinaus, dass sie als ein Teil des Reiches
rür dessen Gesamtaufgaben aufkommen mussten. Es waren immer nur
Teile des benötigten Heeres, die der Kaiser so bekommen konnte. Nicht
anders verhielt es sich auch in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krie­
ges, als Ferdinand von der Hilfe Spaniens, des Papstes und der katholischen
Liga abhängig war. Sobald militärische Macht im Reich ins Spiel kam, war
der Kaiser auf das Wohlwollen anderer angewiesen.
Das Vorhaben Wallensteins, ein komplettes Heer aufzustellen, über
das der Kaiser frei verfügen konnte, sollte diese seit Jahrhunderten beste­
henden Verhältnisse verändern. Auch wenn man dem in Wien insgesamt
positiv gegenüberstand, so wollten die politischen Folgen dieser - revolu­
tionären - Veränderung doch wohl erwogen werden. Man brauchte also
Zeit, um die Konsequenzen nach allen Seiten hin auszuleuchten, und diese
Konsequenzen waren nicht nur machtpolitischer und finanztechnischer
.Art, sondern betrafen auch die Grundprinzipien der Reichsverfassung. Die
nämlich beruhte auf dem Grundsatz, dass der Kaiser als Kaiser, also abzüg­
lich dessen, worüber er als Landesherr gebot, über politische und recht­
liche, aber so gut wie keine militärische Macht verfügte. Die Macht des
272 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Kaisers gründete sich auf die hierarchisch strukturierte Rechtsordnung des


Reiches; zur Exekution seiner Entscheidungen war der Kaiser auf die Hilfe
der Reichsstände angewiesen. So hatte sich das auch in der Vorgeschichte
des Dreißigjährigen Krieges dargestellt: sowohl bei der vom Bayernherzog
Maximilian durchgeführten Reichsexekution gegen Donauwörth als auch
bei der Nichtexekution der kaiserlichen Entscheidung im Streit um das
Marburger Erbe.75 Die Ordnung des Reichs war eine, die in ihrem Inneren
Krieg als eigenen Aggregatzustand des Politischen nicht kannte, sondern
für die es nur Rebellionen und Rechtsexekutionen gab.76 Krieg gab es nur
in den äußeren Beziehungen des Reichs, und solche Kriege beschränkten
sich zumeist auf zeitlich wie räumlich begrenzte Feldzüge.
Nun dauerte der Krieg aber schon sieben Jahre, und militärische Macht
war inzwischen zur wichtigsten Ressource geworden, wenn es darum ging,
einen politischen Willen geltend zu machen. Die Rechtshierarchie des
Reichs war schon vor Kriegsbeginn durch die konfessionelle Spaltung der
Reichsstände sowie die Lahmlegung einer Reihe von Reichsorganen außer
Kraft gesetzt worden, doch nun kam noch hinzu, dass sich die Grundlage
der politischen Macht von der Rechtsprechung auf die Gewaltanwendung
verschoben hatte. Bis zu Wallensteins großem Angebot hatte man diese
Verschiebung der politischen Ressourcen als einen Ausnahmezustand
begriffen, der nach einiger Zeit wieder enden werde. Was Wallenstein vor­
schlug, lief indes darauf hinaus, den Ausnahmezustand zur Normalität zu
machen und auf der Grundlage dieser veränderten Normauffassung die
realen Machtverhältnisse neu zu ordnen.
Dem wie immer ungeduldigen Wallenstein ging diese Neuausrichtung
viel zu langsam voran. Angesichts der Bedrohung durch das sich abzeich­
nende Bündnis der Seemächte im Nordwesten Europas war er überzeugt,
dass man keine Zeit vergeuden dürfe - und genau das taten die Wiener
Räte nach seiner Auffassung. Wallenstein dachte von außen her, die Wiener
Räte hingegen von innen, und deswegen war das Problembewusstsein bei­
der Seiten unterschiedlich ausgeprägt. Über seinen Schwiegervater suchte
Wallenstein die Wiener Entscheidungen zu beschleunigen. Am 28. April
schrieb er an Karl von Harrach, dieser solle erreichen, «auf dass Ihre Mait.
[Majestät] wegen der Werbung nit länger temporisieren, dieweil der Feind
Wallensteins Heer 273

nicht feiert und Tag zu Tag mehr [Kriegs-]VoIk aufbringt und also eher,
dann wir uns versehen werden, in Schlesien und diesen Landen sein wird.
Darum ist gewiss kein Minuten zu verlieren.»77 Wallenstein drohte damit,
wie er das auch später noch einige Mal tat, sich von dem Vorhaben abzu­
wenden, wenn man in Wien nicht endlich dem von ihm als zwingend ange­
sehenen Zeitrhythmus folge: «Ich hab mich wohl offeriert, Ihr Mait. zu
dienen, welchem ich auch unterthänigst nachkommen will, aber werde ich
sehen, dass man Muthwilligkeit verliert und vermeint, nachher wann uns
der Feind am Hals ist, erst zu der Werbung [der Anwerbung der Soldaten]
zu greifen, so will ich mich in solchen Labyrint nicht stecken, in welchen ich
um meine Ehr kommen müsst, sondern bin resolviert [entschlossen], eher
von allen meinen Diensten abzusehen. Dann ich weiss gewiss, dass nicht
anderes draus erfolgen könnte als dem Kaiser Verlust seiner Länder und
mir Verlust Ehr und Reputation. Bitt derowegen meinen Herrn ganz dienst­
lich, er wolle ihm dies so hochwichtiges Werk befohlen sein lassen.»78
Nicht Wallensteins Ungeduld, sondern die allgemeine Lage dürfte dazu
geführt haben, dass Ferdinand die Instruktion zur Aufstellung eines Heeres
unterschrieb. Darin reklamierte er für sich noch einmal die Rolle dessen,
der den Frieden zu suchen und zu wahren habe, und machte geltend, dass
er von inneren Rebellen und äußeren Feinden dazu gezwungen werde, sich
aus einem Friedensherrn in einen Kriegsfürsten zu verwandeln. Stets habe
er, Ferdinand, darauf gesetzt, dass «ein jeder nach seines Stands und Orts
Vermögen solcher Unserer friedfertigen Intention beistehen und succuriern
helfen [werde], so erfahren Wir doch nicht ohne sonderbare Unsers kaiser­
lichen Gemüths Bittrigkeit und Beschwerung, [dass] die obengenannten
Unsern und des Reichs Feind und Rebellen schädliche Machinationes und
Praktiken auch nach so ansehnlichen gegen sie von Gott dem Allmächtigen
erhaltene Sieg und Victorien nit allein noch nit aufhören oder durch gezie­
mende Mittel bei Uns als dem Oberhaupt den Frieden suchen, sondern
eben dieser Zeit mit mehrer Assistenz ihre rebellische nicht allein gegen
Uns, sondern des ganzen römischen Reichs Stand und Verfassung gemachte
Anschläg durchzudringen im Werk sein, auch neben Aufwieglung frembder
Potentaten den Erbfeind christlichen Namens in die Societät ihrer gottlo­
sen Waffen zu bringen keine Mühe und Arbeit gespart [haben].»79
274 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Hier wird auf die Unternehmungen Ernst von Mansfelds und Chris­
tians von Braunschweig ebenso angespielt wie auf die Beziehungen eini­
ger protestantischer Reichsstände zu Dänemark, England, Schweden, den
Generalstaaten und Frankreich. Schließlich werden auch die neuerlichen
Kontakte zu Bethlen Gabor erwähnt, die über die Hohe Pforte in Kons­
tantinopel zustande kamen. Dagegen positioniert sich der Kaiser als Macht
der Bewahrung und Kraft des Konservativen. Doch das ist nur eine dem
Herkömmlichen verpflichtete Eröffnung, um die revolutionären Schritte
anzukündigen, die in den darauffolgenden Abschnitten der Instruktion
aufgeführt werden. Der Kaiser versicherte sich zunächst der Tradition, um
anschließend mit ihr zu brechen.

Aber was war eigentlich so revolutionär an der Aufstellung einer Streit­


macht, die dem Kaiser zur Verteidigung und Wiederherstellung seiner Posi­
tion im Reich dienen sollte? Zwar hatte der Bayernherzog Maximilian seit
längerem darauf gedrängt, dass der Kaiser größere Rüstungs anstrengungen
unternehmen und neue Regimenter aufstellen solle, anstatt alte abzudan­
ken, aber Maximilian hatte das unter der Voraussetzung gefordert, dass die
neuen kaiserlichen Einheiten zur ligistischen Armee stoßen und sich dem
Oberbefehl Tillys wie den politischen Vorgaben Maximilians unterstellen
würden. So jedenfalls hatte es der Münchner Vertrag vom 13. Oktober 1619
vorgesehen, in dem Maximilian «das völlig Directorium vber der Catholi-
schen Verfassungs- vnd Defensionswesen» übertragen und festgelegt wor­
den war, dass «auch Jhre Kayserliche May. noch iemand anderer vnd dem­
selben Hauß in keinerley Weise oder Orth solch Jhro Fürstlichen Durchl.
vberlassene absolut, vnd völlige Direction, weder selbsten verhindern /
noch andern zu thun gestatten / sondern vielmehr auf allerley Weise vnd
Weg trachten / daß selbiges aller Orthen befurdert werde»80. Indem Ferdi­
nand nun eine eigene Armee unter dem Kommando Wallensteins aufstel­
len ließ, die nicht nur gegen Bethlen Gabor operieren sollte, was Maximi­
lian nicht weiter beunruhigt hätte, sondern im gesamten Reich, löste er sich
aus den Bindungen des Münchner Vertrags, und das sorgte in den nächsten
Jahren für ständigen Konfliktstoff zwischen Maximilian und Ferdinand.
Das also war die machtpolitische Pointe von Wallensteins Ange­
Wallensteins Heer 175

bot, nicht einzelne Regimenter, wie bis dahin üblich, sondern eine ganze
Armada «auf eigene Kosten» aufzustellen: Diese Armee war ein Instru­
ment der kaiserlichen Politik - und keine Verstärkung anderer. Um das
zu unterstreichen, hatte Ferdinand Wallenstein am 25. Juli zum General
ernannt. Wallenstein war dem Grafen Tilly damit nicht nur als Herzog von
Friedland, sondern auch im Rang des Generals übergeordnet, denn Tilly
kommandierte das Heer der Liga als Generalleutnant, somit als Stellver­
treter Maximilians. Wallenstein hingegen war niemandes Stellvertreter,
sondern verfügte über selbständige Kommandogewalt.81 Der Kaiser hatte
ihn, wie es im Ernennungsschreiben heißt, «umb der gueten beywoh-
nenden qualiteten, Kriegs experienz und erfahrenhait zuem General über
dißen Unnßern nach dem Heil. Römischen Reich abgeordtneten succurs»
ernannt und allem Militär im Reich befohlen, «daß ir in allem demjeni­
gen, waß sein, deß Herzogen zue Friedtlandt L. [Liebden] von einer zuer
andern Zeit in Unßerm Nammen schaffen, anordnen und commandiren
würdet, demselben gehorsamblich nachkohmen und volnziehen, alß gene­
ralen über den succurs seine L. erkhennen, ehren, respectiern und in allen
schuldigen, gebührlichen respect, observanz und gehorsamb erzaigen».82
Das lief auf einen grundlegenden Wechsel der militärischen Über- und
Unterordnungsverhältnisse im Reich hinaus. Auch wenn Wallenstein in
den Instruktionen vom 27. Juni ein gutes und kooperatives Verhältnis zu
Tilly nahegelegt wurde,83 so war doch klar, dass Tilly und Maximilian vor­
erst die zweite Geige spielen würden, jedenfalls so lange, wie Wallensteins
Generalat währte - und das sollte bis zum Regensburger Kurfürstentag im
Sommer rÖ3o der Fall sein, als die Kurfürsten den Kaiser zur Entlassung
Wallensteins zwangen.84 Im Sommer 1625 befand sich Maximilian freilich
in einer Zwickmühle, aus der er vorerst nicht herauskam: Erstens hatte er
den Kaiser monatelang bedrängt, endlich größere Kriegsanstrengungen
zu unternehmen, so dass er nun, da der Kaiser dies tat, schlecht dagegen
protestieren konnte, und zweitens war da die äußere Bedrohung durch die
Allianz der protestantischen Mächte im europäischen Nordwesten sowie
die Militärpräsenz des Dänenkönigs im niedersächsischen Kreis, wo inzwi­
schen erste Scharmützel mit den Truppen Tillys stattgefunden hatten. Das
Heer der Liga, das unter Geldmangel und Nachschubproblemen litt,85 war
2 76 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

auf starke Unterstützung angewiesen, und nach Lage der Dinge konnte die
nur von Wallenstein und dem von ihm aufgestellten Heer kommen. Maxi­
milian blieb also nichts anderes übrig, als die missliebige Entwicklung erst
einmal hinzunehmen.
Die andere große Veränderung der bestehenden Verhältnisse betraf
die Finanzierung des Heeres, das in dem Instruktionsschreiben an Wallen­
stein auf eine Stärke von 24 000 Mann festgesetzt wurde,86 wobei sich im
Sommer 1625 bereits abzeichnete, dass es diese Größenordnung erheblich
übersteigen würde. Einer Mitteilung des kaiserlichen Gesandten in Madrid
zufolge soll Wallenstein auf die Frage, wie man ein Heer von 50 000 Mann
unterhalten könne, wenn das bereits bei 20 000 Mann nicht möglich sei,
geantwortet haben, es sei sehr viel leichter, ein Heer von 50 000 Mann zu
unterhalten als eines von 20 000, weil man mit dem größeren Heer auch
sehr viel mehr durchsetzen könne.87 Für Wallenstein war die Frage der
Truppenfinanzierung somit eine Frage der sich verändernden machtpo­
litischen Gesamtkonstellation: A uf den Finanzierungsaufwand für ein
kleines Heer konnten die Reichsstände mit Verzögerungen und Obstruk­
tionstaktiken reagieren; bei einem großen Heer war das nicht möglich, weil
ein solches Heer sich einfach nahm, was es brauchte - so Wallensteins
Rechnung. Es kam nicht darauf an, die Stärke des Heeres den gegebenen
Finanzierungsmöglichkeiten anzupassen, sondern man musste ein so gro­
ßes Heer schaffen, dass sich allein durch dessen Existenz die bestehenden
Finanzierungsstrukturen veränderten. Das war mit Wallensteins Anerbie­
ten gemeint, die Armee «auf eigene Kosten» aufzustellen: Es ging um die
Vorfinanzierung eines Heeres, um die Mittel, die vonnöten waren, dieses
Instrument zu schaffen; war es erst einmal da, so hatte das Heer sich sei­
nen Unterhalt selbst zu besorgen, und wenn es entsprechend groß war, war
es dazu auch in der Lage. Wallensteins Schachzug von 1625 kehrte also die
bisherige Herangehensweise um, bei der man die Größe des Heeres als
abhängige Variable des Finanzaufkommens angesehen hatte. Wallenstein
beabsichtigte dagegen, die Abschöpfung von Steuern und anderen Einnah­
men zu einer abhängigen Variable des Heeres zu machen. Es war neben der
Veränderung der Machtverhältnisse im Reich dieser Vorschlag, der dem
kaiserlichen Hofkriegsrat so großes Kopfzerbrechen bereitet hatte, dass er
Wallensteins Heer 277

monatelang darüber beraten musste. Wallensteins Angebot war verlockend


- aber was war der politische Preis dafür? A uf jeden Fall eine deutliche Ver­
schlechterung des Verhältnisses zwischen Kaiser und Reichsständen.
Dass Wallensteins Angebot nicht bedeutete, er werde das Heer auf
Dauer aus seinen privaten Mitteln finanzieren, war in Wien allen mit der
Materie einigermaßen Vertrauten klar. Die Unterhaltskosten einer solchen
Streitmacht überstiegen die Möglichkeiten auch des reichsten Mannes im
Reich. Karl von Harrach erläuterte dem Kaiser, es sei unmöglich, dass Wal­
denstein «den völligen Krieg auf sein Spesa führen soll und kann», denn
dergleichen Krieg kann niemand als ein großer Potentat und nit ein Pri­
vatmann führen».88Im Grunde genommen gab es nur zwei Wege, das Heer
zu finanzieren: Entweder übernahm der Kaiser nach der Aufstellung des
Heeres dessen Kosten, oder er gab dem Heer die Möglichkeit, sich aus den
von ihm kontrollierten Gebieten selbst zu finanzieren. Der Kaiser hatte
als Einnahmequelle jedoch nur die Besteuerung, und diese war auf seine
Erblande beschränkt. Das Heer dagegen konnte seine Einnahmen aus dem
cesamten Reich beziehen. Es war naheliegend, dass sich Ferdinand ange­
sichts dieser Alternative für die Selbstfinanzierung des Heeres entschied,
und das hieß, dass er Wallenstein das Recht zur Erhebung von Kontribu­
tionen einräumte, aus denen das Heer bezahlt wurde. Zwar drang er im
mstruktionsbrief darauf, das Land nicht zu sehr mit Kontributionen zu
belasten, aber er gab Wallenstein das Mandat dazu und beschränkte dieses
nicht auf Feindesland, sondern ließ ihm freie Hand, wo auch immer für den
Unterhalt der Truppen zu sorgen.89
De facto lief das auf eine reichsweit einzutreibende Kriegssteuer hinaus,
die freilich nicht von der sonst dafür zuständigen Landesverwaltung ein-
jetrieben wurde, sondern von Kommissaren Wallensteins, der sich dabei
auf die durch den Krieg eingetretene Notlage berief. Wie nicht anders zu
erwarten, bedienten sich diese Kommissare häufig erpresserischer Mittel,
um die erforderlichen Summen einzutreiben. So drohten sie vielen Reichs­
städten, in ihnen Werbeplätze für neu aufzustellende Truppen einzurichten,
was für das städtische Wirtschaftsleben katastrophale Folgen gehabt hätte.
Dann ließen sie sich gegen entsprechende Zahlungen die Werbeplätze
-<abkaufen», was heißt, dass sie andernorts eingerichtet wurden, wenn die
278 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Stadt als Entschädigung für dieses «Entgegenkommen» einige zehntau­


send Taler entrichtete. Das von Wallenstein entwickelte Kontributionssys­
tem war ein extrakonstitutionelles Mittel, bei dem unklar blieb, ob Wallen­
stein es auf die Erfordernisse des Krieges beschränken wollte oder ob es
ihm darum ging, mit diesem Hebel die Verfassung des Reichs dauerhaft zu
verändern.
Valeriano Magni, Kapuziner in bayerischem Dienst, der Wallensteins
Stellung und dessen Absichten in Maximilians Auftrag auskundschaften
sollte, hat diese Entwicklung in seinen an den Kurfürsten Maximilian
adressierten Berichten nicht als eine auf den Krieg beschränkte Ausnah­
mesituation, sondern als radikale Veränderung der Verhältnisse im Reich
beschrieben: «So ist es geschehen, daß Friedland [Wallenstein] sich nach
und nach zum absoluten Herren des Kaisers und seines Rathes gemacht
hat. Er selber hat wiederholt sich ausgesprochen: er achte ein oder zwei
Fürstenthümer nicht so hoch wie das Verbleiben in den Waffen.»90 In
den «Kapuziner-Relationen» von 1628 wird das Heer als ein Instrument
beschrieben, mit dem Wallenstein das Machtgefüge im Reich Umstürzen
wolle, und nicht etwa äußere Verhältnisse, sondern Wallensteins charak­
terliche Dispositionen werden dafür verantwortlich gemacht: «Friedland
ist von Natur zur absoluten Herrschaft geneigt.»91 Das waren die noch dif­
fusen, schon bald aber immer stärker ausgeprägten Sorgen, mit denen die
Reichsstände den Aufstieg Wallensteins und den Aufbau eines kaiserlichen
Heeres beobachteten.
«Sichtbar war eine Diktatur über dem Heiligen Römischen Reich
errichtet, deren Gesicht und Ziele unsichtbar waren», hat Alfred Döb-
lin in seinem inzwischen in Vergessenheit geratenen Wallenstein-Roman
aus dem Jahre 1920 geschrieben.92 Die Ziele mögen tatsächlich unsichtbar
gewesen sein, aber ein Gesicht hatte die Diktatur durchaus, wenn man
von ihr denn sprechen will: Es war das Gesicht Wallensteins. Man kann
darin, wie Hellmut Diwald das in seiner Wallenstein-Biographie nahelegt,
einen raffinierten Schachzug des Kaisers sehen, der Wallenstein, ohne das
im Instruktionsschreiben klar zu sagen, mit extrakonstitutionellen Befug­
nissen ausgestattet hatte, um auf diese Weise die Verfassung des Reichs
zu verändern, und zwar in eine Richtung, von der letzten Endes nur einer
Wallensteins Heer 279

profitieren würde - er selbst. Aber der Kaiser blieb im Hintergrund und


erweckte den Anschein, mit all dem nur insofern etwas zu tun zu haben, als
Wallenstein sein General war. Die Zusammenarbeit zwischen Wallenstein
und Ferdinand beruhte somit auf den wechselseitigen Interessen, die beide
miteinander verbanden, und wäre mit den Kurfürsten nicht ein dritter
Akteur dazwischengekommen, hätte dieses Bündnis für lange Zeit Bestand
haben und zu einer grundlegenden Veränderung der Reichsverfassung
führen können. Man kann aber auch die These vertreten, Wallenstein habe
sich in seinen Plänen und Handlungen nur an den Herausforderungen des
Krieges orientiert, keine weiteren politischen Ziele als den Sieg des Kaisers
und die Festigung der kaiserlichen Stellung im Reich angestrebt, wie er das
selbst in seinen Briefen immer wieder herausgestellt hat; alle anderslau­
tenden Behauptungen waren demnach Denunziationen seiner Feinde, die
sich um ihre eigene Macht und ihr Vermögen sorgten und deswegen den
Mann auszuschalten suchten, der als Einziger dem Kaiser zum Sieg verhel­
fen konnte.
Der Staatsrechtler Carl Schmitt ist in seinem Buch Die Diktatur der
Frage nachgegangen, ob man Wallenstein als Diktator bezeichnen könne,
wie das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts häufiger geschah, unter
anderem bei Samuel Pufendorf.93 Der Vorwurf, er habe eine Diktatur
errichtet, war aber bereits während der beiden Generalate Wallensteins zu
hören, und zwar von Seiten der Reichsstände, die ihre Stellung durch den
Aufstieg Wallensteins bedroht sahen. Schmitt nennt zwei Gründe, die dafür
sprechen, dass die beiden Generalate Wallensteins, das zweite in noch grö­
ßerem Maße als das erste, als Diktatur charakterisiert werden könnten: die
völlige Missachtung der Stände und ihrer Rechte im Reich und die Selb­
ständigkeit Wallensteins gegenüber dem Kaiser. In einem ersten Schritt hat
er, der juristischen Herangehensweise entsprechend, die formelle Bestel­
lung Wallensteins geprüft. Er macht geltend, dass die aus dem Italieni­
schen übernommene Bezeichnung «C apo» nur für die Direktionsgewalt
über die kaiserlichen Truppen stehe und die auf Wallenstein übertragenen
Befugnisse rein militärischer Art seien: Schutz und Geleit, Pardon und
Gnade sowie die Freilassung von Gefangenen gegen die Zahlung von Löse­
geld - Letzteres nur eingeschränkt, denn bei Befehlshabern, Fürsten und
280 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Standesherrn sollte das nur mit kaiserlicher Zustimmung möglich sein.94


Außerdem wurden Wallenstein mehrere kaiserliche Räte zur Seite gestellt,
die ihn in allen weiterreichenden Fragen beraten - und wohl auch kontrol­
lieren - sollten. Die juristische Prüfung der Bestellung Wallensteins zum
Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen im Reich, so Schmitts Resü­
mee, lasse keine diktatorischen Befugnisse erkennen.
Aber wie sah es mit Wallensteins tatsächlicher Machtbefugnis aus?
Schmitt räumt ein, dass nicht alles im Rahmen einer Instruktion habe festge­
legt werden können. Immerhin würden darin umfassende Konfiskationen
angesprochen, die Wallenstein vornehmen konnte, aber bei diesen Konfis­
kationen waren seiner Willkür enge Grenzen gesetzt: Der Zugriff auf das
Vermögen von Gegnern war auf eine kleine, durch den Kaiser qua Ächtung
freigegebene Personengruppe begrenzt. Es ist bemerkenswert, dass Schmitt
neben der Befugnis zur Konfiskation nicht deren Praxis angesprochen hat,
zumal Wallenstein Teilkonfiskationen durchführte, bei denen nicht der
Kaiser, sondern Wallenstein selbst und seine Finanzkommissare festlegten,
wer davon betroffen war und wer nicht.95 Nun gehörte es seit langem zu
den kriegsrechtlichen Regelungen, dass die Bevölkerung von Gebieten, in
denen Militär einquartiert war, den Soldaten das «Servis» zur Verfügung
zu stellen hatte: Unterkunft, Holz, Licht und Salz. Für alles andere, insbe­
sondere den Sold, hatte der Kriegsherr zu sorgen.96 Sieht man einmal von
den wilden Plünderungen der Mansfeld’schen und Halberstädterschen
Söldner ab, die sich um das Kriegsrecht nicht scherten, war bereits Tilly
dazu übergegangen, die Bewohner der besetzten feindlichen Gebiete zu
Naturallieferungen an sein Militär zu zwingen. Im Unterschied zu Mans­
feld und Christian ließ Tilly seine Truppen jedoch nicht wahllos plündern
(wenngleich auch das immer wieder vorkam und Tilly nicht in jedem Fall
dagegen einschritt), sondern erlegte den besetzten Städten und Regionen
Lieferungen auf, für die diese zu sorgen hatten, was heißt, dass sie selbst
über die Verteilung der Lasten entschieden. Für die Besoldung des Militärs
aber war selbstverständlich die Liga verantwortlich, auch wenn es mit der
Fortdauer des Krieges immer wieder zu erheblichen Verzögerungen bei der
Auszahlung kam. Im Briefwechsel zwischen Tilly und Maximilian war diese
Klage immer wieder zu hören.
Das 1954 entstandene Gemälde Bernd Bauschkes steht für die geschichts­
politische Auseinandersetzung mit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in
Deutschland. Während die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts sich mit
großen Schlachten und heroischen Momenten beschäftigte, konzentrierte
sich die Historienmalerei der (frühen) DDR auf die Leiden der Bevöl­
kerung: Ein Trupp Soldaten überfällt ein Dorf, Männer werden getötet,
Frauen betteln um ihr Leben; ein Haus ist in Brand gesetzt, während ein
anderes noch geplündert wird; das Vieh wird weggeführt, ein Wagen des
Soldatentrupps mit geplündertem Gut beladen.

Das änderte sich mit Wallenstein, denn der Unterhalt der von ihm auf­
gestellten Armee hing fast ausschließlich an den Kontributionen, die er im
Übrigen nicht auf besetzte Feindgebiete beschränkte. Kein Gebiet, über das
er Macht hatte, war dabei ausgenommen, ob es sich nun um Freundes- oder
um Feindesland handelte, selbst die Erblande des Kaisers bildeten keine
Ausnahme. Ob Wallenstein damit seine Instruktionen überschritt, wie häu­
fig zu lesen ist,97 ist zweifelhaft. Der Text schließt solche Kontributionen
282 FO RTG A N G UND A U SW EITU N G

jedenfalls nicht aus, und der Kaiser hat auf die wiederholten Klagen über
Wallensteins Praxis nicht mit dem Erlass von Beschränkungen reagiert. Er
ließ Wallenstein gewähren, wobei er wohl davon ausging, dass sich die Ver­
bitterung gegen Wallenstein und nicht gegen ihn, den Kaiser, richten werde.
Man könnte meinen, Ferdinand habe hier nach den Vorschlägen gehandelt,
die Machiavelli im V II. Kapitel seines Principe für die Absicherung eines
Macht- oder Verfassungswechsels gemacht hat.98 Nach der Eroberung der
Romagna hatte Cesare Borgia dort mit Ramiro d’Orco einen strengen und
grausamen Statthalter eingesetzt, den er mit weitgehenden Vollmachten
ausstattete. Nachdem dieser in kurzer Zeit für Ruhe und Sicherheit im
Land gesorgt hatte, ließ ihn Cesare absetzen und hinrichten. D ’Orcos in
zwei Stücke zerschlagenen Körper stellte er auf dem Marktplatz von Cesena
aus. Cesare Borgia habe damit sichergestellt, so Machiavelli, dass die Bevöl­
kerung die an ihr begangenen Grausamkeiten nicht ihm, Cesare, sondern
seinem Statthalter anlastete, von dem er sie nunmehr befreit habe.
Legt man dieses Analyseraster zugrunde (wogegen sich der tiefkatho­
lische Ferdinand in Anbetracht der Verfemung Machiavellis durch die Kir­
che mit Sicherheit gewehrt hätte), so hatte der Kaiser seinem General die
Aufgabe zugedacht, mit dem System der Kontributionen eine neue Steuer
im Reich durchzusetzen, die nicht an die Bewilligung durch die Stände
gebunden war und nach Gutdünken wie politischem Erfordernis eingetrie­
ben werden konnte. Das war ein tiefer Eingriff in die Verfassung des Reichs,
die dadurch von einer Mischverfassung mit monarchischen und aristokra­
tischen Elementen (monarchia mixta) in Richtung einer souveränen Mon­
archie verändert zu werden drohte. Das erklärt, warum die Reichsfürsten
schließlich alles daransetzten, Wallenstein wieder loszuwerden. Sie sahen
in ihm den Mann, der mit den Mitteln des Krieges dafür sorgte, dass sich
im Reich eine souveräne Macht des Kaisers ausbildete. Zu diesem Ergeb­
nis kam schließlich auch Carl Schmitt.99 Die Frage nach dem Charakter
der Wallenstein sehen Generalate weiterführend, lässt sich also festhalten,
dass es sich weniger um eine Diktatur Wallensteins, sondern um einen mit
seiner Hilfe versuchten stillschweigenden Staatsstreich gehandelt hat, der,
wenn er von Dauer gewesen wäre, einen grundlegenden Verfassungswech­
sel im Reich zur Folge gehabt hätte. Die Reichsstände polemisierten gegen
Wallensteins Heer 283

Wallenstein; tatsächlich hätten sie jedoch ihre Vorwürfe gegen den Kaiser,
den Nutznießer der Veränderungen, richten müssen.
Betrachtet man den Streit um das von Wallenstein aufgestellte Heer
und die Art seiner Finanzierung als einen Streit um das Recht des Kaisers,
neue Steuern einzuführen, so erkennt man, dass sich damit eine Situa­
tion entwickelte, die in den Niederlanden und in England zur Revolution
geführt hat. In diesen Revolutionen haben sich die Besitzenden gegen eine
Steuer zur Wehr gesetzt, die ohne ihre Zustimmung eingeführt wurde. Auf
dem Erfolg ihres Widerstands beruht bis heute das Budgetrecht des Parla­
ments als dessen wichtigste Befugnis - eine tragende Säule der Gewalten­
teilung. Auch im Reich setzten sich letzten Endes diejenigen durch, die sich
gegen die Einführung einer neuen Steuer wehrten, nur führte ihr Wider­
stand nicht zu einer Revolution, sondern zur Absetzung Wallensteins auf
dem Regensburger Kurfürstentag im Jahr 1630. Will man das Theorem vom
deutschen Sonderweg historisch konkretisieren, so steht am Anfang dieser
Entwicklung, die sich von Westeuropa abhob, die Auseinandersetzung um
das Besteuerungsrecht, bei der es nicht zur Bildung einer revolutionären
Partei mit einem entsprechenden politischen Programm kam - sondern
es genügte, den Generalissimus des Herrschers abzusetzen, um solche
Ansprüche abzuwehren.
Die Austragung dieses Konflikts und sein Ausgang hingen in Deutsch­
land letzten Endes damit zusammen, dass er mit einem Krieg verbunden
war, der sowohl ein innerstaatlicher als auch ein zwischenstaatlicher Krieg
war. Der Unterschied zwischen Verfassungswahrung und Verfassungs­
bruch wurde dadurch unklar: Wie aus den Vorreden zu allen Verträgen und
Deklarationen ersichtlich, nahmen alle Seiten für sich in Anspruch, Vertei­
diger der alten Ordnung zu sein. Dementsprechend verlief die Bildung von
Parteien nach anderen Vorgaben als denen, die zur Gegenüberstellung von
Revolutionären und Konservativen führten. Dabei begannen in den euro­
päischen Revolutionen die nachmaligen Revolutionäre häufig als Konser­
vative, als Verteidiger der Verfassung, und die nachmaligen Reaktionäre
machten zunächst mit tiefen Eingriffen in die bestehende Ordnung von
sich reden.100
Ein weiterer Grund für die Sonderentwicklung Deutschlands war die
284 FO RTG A N G UND A U SW EITU N G

Person Wallensteins und die Rolle, die er bei der Ausweitung der kaiserli­
chen Eingriffsrechte in die Besitz- und Vermögensverhältnisse spielte. Für
Wallenstein stand der casus necessitatis, der Not- und Ausnahmefall, im Mit­
telpunkt seiner Überlegungen. Das ist wenig überraschend, wenn man in
Rechnung stellt, dass seine Vorstellungen durch die Besitzumwälzung nach
dem böhmischen Aufstand geprägt wurden. Der Widerstand gegen Wal­
lenstein war nicht geeignet, eine breite Volksbewegung zu werden. Dass
der Kaiser beziehungsweise seine Räte diesen Mann zum Angelpunkt des
Veränderungsprojekts machten, war ein genialer Schachzug, denn so war es
möglich, dass sich der Hof, wenn dies unumgänglich werden sollte, davon
distanzieren und alle Verantwortung auf Wallenstein abschieben konnte:
Der eigentliche Nutznießer der umstürzlerischen Veränderung konnte so
jederzeit in die Rolle eines Bewahrers des Bestehenden zurückwechseln.
Was eigentlich ein struktureller Prozess war, fand in Wallenstein seine Ver­
körperung. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der Beschreibung der
Verhältnisse im Reich durch den spanischen Botschafter, den Markgrafen
von Aytona, am 12. Februar 1628: «D er Kaiser in seiner Güte hat», heißt
es dort, «ohne daß die Warnungen von vielen Seiten etwas dagegen aus­
zurichten vermochten, dem Herzoge [Wallenstein] eine solche Macht ein­
geräumt, daß man die Besorgnis darüber nicht verwinden kann; denn zur
Stund ist der Herzog der Herr über alles, ohne dem Kaiser etwas Anderes
zu belassen als den Namen. Der Herzog behauptet dem ganzen Hause Ew.
M. sehr getreu zu sein. Er ist es unter der Voraussetzung, daß man ihn über
das Ganze mit der absoluten Macht walten läßt, die er zur Zeit in Händen
hat. Allein bei dem geringsten Widerspruche gegen seine Entwürfe wird
man keine Sicherheit haben; denn er ist von Natur so heftig und unbestän­
dig, daß er seiner selbst nicht Herr zu bleiben weiß.»101
Das verweist auf eine weitere Dimension des Dreißigjährigen Krieges,
die dazu beigetragen hat, dass er so lange dauerte und es so kompliziert und
mühsam war, zu einem Frieden zu finden: die Verbindung der Glaubens­
frage mit dem Souveränitätsproblem. Nun hat es das auch in anderen Län­
dern gegeben, etwa in Frankreich, wo Ludwig XIV. das religiöse Toleranz
garantierende Edikt von Nantes am 18. Oktober 1685 aufhob, um seinen
Souveränitätsanspruch geltend zu machen. Aber der Konfessionskrieg in
Wallensteins Heer 285

Frankreich unterscheidet sich vom Dreißigjährigen Krieg im Reich doch


darin, dass er weitgehend (wenn man von kleineren englischen und spa­
nischen Unterstützungsleistungen für die jeweils verbundenen Parteien
absieht) ein innerer Krieg geblieben ist. Der Krieg im Reich hatte dagegen
aufgrund der geopolitischen Konstellationen, insbesondere der «Mittel­
lage» Deutschlands,102 von Anfang an eine internationale Dimension. Zu
den Fragen der Konfession und den Problemen der Verfassungsordnung
kamen also noch die Spannungen innerhalb der europäischen Machtver­
hältnisse hinzu, und das hatte zur Folge, dass Ferdinand beziehungsweise
Wallenstein den Krieg nutzen konnte, um die VerfassungsOrdnung des
Reichs zu verändern. Das unterscheidet die deutsche Entwicklung von der
Englands, wo nach zwei Revolutionen ein stabiles Gleichgewicht von Par­
lamentsregierung und konstitutioneller Monarchie entstand, und ebenso
von der Entwicklung Frankreichs, wo in einer dem englischen Modell
entgegengesetzten Auflösung des Souveränitätsproblems sich der Proto­
typ absolutistischer Herrschaft entwickelte. Wallenstein hat für das Reich
eine Lösung im Sinne des französischen Modells angestrebt. Nachdem der
Kaiser sich auf dem Kurfürstentag von Regensburg im Jahre 1630 als zu
schwach erwies, diesen Weg gegen die Reichsstände durchzusetzen, ließ
Wallenstein während seines zweiten Generalats, in das einzuwilligen Kaiser
und Reichsstände durch die Siege Gustav Adolfs gezwungen waren, Nei­
gungen erkennen, ihn notfalls auch allein zu beschreiten. Dabei hat er dann
auch diktatorische Elemente ausgebildet, die letzten Endes aber nicht grif­
fen.103 Eine auf Caesar gemünzte Formel des Althistorikers Christian Meier
aufgreifend, könnte man von der «Ohnmacht des allmächtigen Dictators»
Wallenstein sprechen.104
Die Diskussion über Wallenstein, über seinen angeblichen oder tat­
sächlichen Verrat am Kaiser, über seine diktatorischen Bestrebungen und
nicht zuletzt über seinen Charakter, ist seit dem 19. Jahrhundert durch
die Frage bestimmt worden, welchen Verlauf die deutsche Geschichte
genommen hätte, wenn Wallenstein die ihm zugeschriebenen Ziele, einen
Friedensschluss zu erreichen oder die kaiserliche Macht zu stärken, hätte
realisieren können.103 Die von dem «Rätsel Wallenstein» ausgehende Fas­
zination zeigt sich auch in der Diskussion tschechischer Historiker über
2.86 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

die Frage, ob ein Erfolg Wallensteins dazu geführt hätte, dass sehr viel frü­
her ein tschechischer Nationalstaat entstanden wäre.106 Einen Schub hat
die Beschäftigung mit Wallenstein im Übrigen immer dann erfahren, wenn
man seinen Aufstieg und Fall als historischen Spiegel benutzen konnte, um
sich den zukünftigen Weg eines politisch-militärisch durchsetzungsfähigen
Zeitgenossen vor Augen zu führen: Das gilt für Schillers Auseinanderset­
zung mit dem Dreißigjährigen Krieg und insbesondere mit der Person
Wallenstein, in der sich - auch - der Aufstieg Napoleons spiegelt,107 und
das gilt noch einmal für Alfred Döblins Wallenstein-Roman, in dem die
Karriere Ludendorffs reflektiert wird sowie die Frage, welchen Verlauf der
Krieg und die deutsche Geschichte genommen hätten, wenn Kaiser Fer­
dinand beziehungsweise der in ihm gespiegelte Kaiser Wilhelm keine so
schwachen und abhängigen Gestalten gewesen wären.108 Die Undurch­
sichtigkeit Wallensteins, sowohl seines Charakters als auch seiner Pläne,
hat dazu geführt, dass er zu einem geschichtspolitischen Deutungsmuster
wurde, das immer dann griff, wenn man es mit mächtigen Militärs zu tun
hatte, die politische Ansprüche erhoben. Das hat die Beschäftigung mit
Wallenstein intensiviert, teilweise aber den Blick für sein Agieren im Drei­
ßigjährigen Krieg verstellt.

Eine der vielen Kontroversen um Wallenstein dreht sich um die Frage, was
dessen System der Heeresfinanzierung längerfristig für das soziale und
wirtschaftliche Leben Deutschlands bedeutet hätte, wenn es nicht mit dem
Sturz Wallensteins beziehungsweise seiner Ermordung in Eger beendet
worden wäre. A uf der einen Seite steht die These, Wallenstein habe mit
dem Kontributionssystem einen weiteren Eskalationsschub eingeleitet.
Die anderen Söldnerführer hätten rasch vieles von den Wallenstein’schen
Neuerungen kopiert, so dass dem Krieg weitere Ressourcen zugeführt wor­
den seien, die sein baldiges «Ausbrennen» verhindert hätten. Obendrein
habe Wallensteins Art der Heeresfinanzierung auch Folgen für die Krieg­
führung selbst gehabt. «Einmal», so der Erlanger Historiker Axel Gotthard,
der diese Sicht prononciert vorgetragen hat, «weil möglichst weite Land­
striche besetzt, mit Musterplätzen, Garnisonen usw. überzogen sein müs­
sen - damit das kontribuierende Gebiet ausreichend groß ist. Trotzdem
Wallensteins Heer 287

muss man die Schauplätze im Kriegstheater zweitens immer wieder verla­


gern, von erschöpften, ausgesaugten Gebieten in noch prosperierende, weil
bislang unbehelligte, friedliche Gegenden. Dass sich Wallensteins Truppen
in den späten 1620er Jahren über ganz Norddeutschland ergossen, liegt in
der Logik des Systems. Dieses war für eine Eingrenzung, gar Regionalisie­
rung des Konflikts nicht günstig.»109
Gotthard geht in seiner Beurteilung von Wallensteins System der Hee­
resfinanzierung und Kriegswirtschaft davon aus, es habe sich dabei nicht
um eine Neuschöpfung, sondern um eine «konsequente Effizienzsteige­
rung» der bisherigen Methoden zur Kriegsfinanzierung gehandelt. Wallen­
stein habe «mehr Sozialprodukt für den Heeresbedarf» abgeschöpft «als
die Feldherrn vor ihm ».110 Das ist im Prinzip eine Variation der Kapuziner-
Relation des Valeriano Magni, in der freilich weniger strukturelle Zwänge
dafür verantwortlich gemacht werden als vielmehr der Machtwille Wallen­
steins: «Das Verfahren, die Soldaten durch die Erweiterung der Quartiere
zu befriedigen, hängt völlig von seinen Winken ab, so daß der Kaiser über
die Armee des Friedland keine andere Autorität hat als welche dieser will
und zugesteht. [... ] Er sucht alles Geld nicht bloß aus den Erbländern,
sondern auch aus dem ganzen Reiche heraus zu saugen. Darum hört er
nicht auf andere Vorschläge. Wie der spanische Botschafter mir gesagt, hat
seine Regierung um der eigenen Interessen im Reiche willen dem Kaiser
800 000 Thaler jährlich für den Unterhalt des Heeres angeboten. Als der
Kaiser das dem Friedland mittheilte, nahm er es sehr übel und wollte nichts
davon wissen, mit der Behauptung, daß er die Mittel finden werde, das
Heer zu unterhalten. Zu anderer Zeit hat er sich geäußert, daß er das Heer
noch 25 Jahre lang erhalten und in jeden beliebigen Theil Europas führen
werde.»111 800000 Taler waren indes nur ein Bruchteil dessen, was der
Unterhalt des Heeres im Jahr kostete. Ein einziges Infanterieregiment von
etwa 3000 Mann kostete pro Jahr um die 400 000 Gulden; im Jahre 1628
dürfte die gesamte kaiserliche Armee um die 20 Millionen Gulden gekostet
haben.112
Die Gegenposition dazu argumentiert, Wallensteins Kontributionssys­
tem sei eine im Vergleich mit alternativen Formen der Heeresfinanzierung
sozioökonomisch eher schonende Form der Mehrproduktabschöpfung
288 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

gewesen, da es nicht nur das vom Heer kontrollierte Feindesland, sondern


auch die eigenen Territorien einbezog. Dadurch habe sich die Belastung
gleichmäßig verteilt und sei so leichter zu tragen gewesen als bei einem Sys­
tem, das einem begrenzten Gebiet die gesamte Last des Heeres übertrug.
Das destruktive Element der Kriegsfinanz bei räumlich begrenzten Kon­
tributionen steigerte sich noch, wenn der Sold der Soldaten, der anderwei­
tig aufgebracht werden sollte, einmal ausblieb. Dann nämlich schwand die
Disziplin im Heer, und die Soldaten holten sich selbst, wovon sie meinten,
dass es ihnen zustand. Ein zuverlässiges Finanzierungssystem erleichterte
es demgegenüber, die Disziplin aufrechtzuerhalten.
In der «Instruktion für Wallenstein» vom 27. Juni 1625 hieß es aus­
drücklich, Wallenstein solle dafür sorgen, «dass unter dem Kriegsvolk
starke Disciplina gehalten werde, [... ] damit die Freund nicht unterdrückt,
die armen Unterthanen ausgesogen und vertilgt, durch Verschwendung
der Victualien und Vivers [Lebensmittel und Unterkunft] das Kriegsvolk
selbst nachmalen in Hunger und Noth gesetzet, auch andere unzählige aus
einem undisziplinierten Wesen erfolgende Ungelegenheit, Defection und
Abfall verhütet werden»113. Die regelmäßige Soldauszahlung, die durch das
Kontributionssystem gewährleistet werden sollte, wird hier als die Voraus­
setzung eines regulierten Kriegswesens dargestellt, als Vorbedingung der
Disziplin unter den Soldaten, die im Weiteren den eigenen Untertanen wie
dem Heer selbst zugute komme. In den zitierten Abschnitt ist eine lateini­
sche Passage eingeschoben, bei der es sich um die Variation eines bekann­
ten Augustinus-Satzes handelt: «Sine qua [disciplina] bella nihil aliud
quam magna sunt latrocinia» - ohne Disziplin sind Kriege nichts anderes
als [Züge von] Räuberbanden.114 Das von Wallenstein aufzustellende Heer
sollte also für eine Abkehr von dem seit Kriegsbeginn zu beobachtenden
Disziplinverfall sorgen, es sollte die Rückkehr zu den früheren Regeln des
Kriegsrechts bewirken.
Unter diesen Voraussetzungen wurde in der Instruktion von Wallen­
stein erwartet, dass er strikt unterband, was über «die tägliche Nothdurft»
des Heeres hinausging; ausdrücklich genannt werden «das unchristliche
Brennen, Sengen, Brandschätzen, Rauben, Schänden und Nothzwängen
ehrlicher Frauen und Jungfrauen». Gelinge das, so «werde der Zorn Got­
Wallensteins Heer 289

tes von Unserer Armada abgewendet» und Wallenstein dafür gerühmt, dass
durch ihn «die fast verfallene Kriegsdisciplin wieder erhoben und bestätigt
worden, welches allein vielen ansehnlichen Kriegsobristen einen unsterbli­
chen Namen gemacht».115 Ist es Wallenstein nun tatsächlich gelungen, die
«verfallene Kriegsdisciplin» wiederherzustellen? Er hat es jedenfalls ver­
sucht und ist mit drakonischen Strafen gegen willkürliche Plünderungen
vorgegangen. Der Wallenstein-Biograph Diwald bemerkt dazu: «D a sind
Entlassungen, Haftbefehle, Kerkerstrafen bei höchsten Offizieren, da wer­
den Regimentskommandeure in Eisen gelegt, da befiehlt Wallenstein die
Verhaftung eines seiner tapfersten Reiterobristen, Daniel Hebrons, wegen
Gelderpressungen, da stößt er einen Rittmeister aus der Armee, weil ein
Kornett seiner Kompanie Bauern eine Schafherde und neun Kühe geraubt
hat.»116
Das größte Aufsehen erregte die Hinrichtung des Obristen Adam
Wilhelm von Schellard. Nachdem Wallenstein ihn mehrfach aufgefordert
hatte, die exzessiven Übergriffe von Angehörigen seines Regiments auf die
Zivilbevölkerung abzustellen, dies aber nichts fruchtete, ließ er ihn verhaf­
ten und in Ketten legen. Ein Kriegsgericht verurteilte den Obristen zum
Tode auf dem Rad, und Wallenstein erwies ihm die Gnade, ihn erst ent­
haupten zu lassen, bevor sein Körper zerschlagen und aufs Rad geflochten
wurde. Wallenstein tat viel dafür, dass sich die Soldaten seines Heeres an
das Kriegsrecht hielten, und er konnte sich das leisten. Sein Heer litt nie
unter mangelndem Zuzug, denn bei ihm gab es den höchsten Sold, und
der wurde regelmäßig ausgezahlt. Im Unterschied zu Tilly musste Wallen­
stein nie Plünderungen zulassen oder doch hinnehmen, weil sie ein Ersatz
für ausbleibende Soldzahlungen waren.117 Das schloss indes nicht aus, dass
auch Wallensteins Truppen plünderten, aber da der Feldherr dagegen ein­
schritt, war es seltener der Fall als bei anderen Heeren. «Das ist der ganze
Sinn des Kontributionssystems», so der Wallenstein-Biograph Hellmut
Diwald, der die These von der Gesellschaft und Wirtschaft schonenden
Heeresfinanzierung durch Wallenstein am entschiedensten vorgetragen
hat, «dieser eigentümlichen, genialen, verfluchten, gerühmten und bald
von jedem Fürsten imitierten Schöpfung Wallensteins, eines Systems, das
sein Wesen erst im Laufe des Krieges zeigt, eines Systems, das dem Augen­
290 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

schein nach unerhörte Belastungen bringt, das aber - wäre es nach Wal­
lensteins Konzeption befolgt worden - das Reich vor all den grauenvollen
Zerstörungen bis zur Wurzel bewahrt hätte, die nach Wallensteins Ende, im
zweiten Akt des Krieges, Wirklichkeit wurden.»118
Das Finanzierungssystem des Heeres brach mit der Entlassung Wal­
lensteins auf dem Kurfiirstentag in Regensburg zusammen. Mit ihm war
der Garant des Geldflusses herausgebrochen. Hans de Witte, der in Prag
ansässige Bankier Wallensteins, der die Geldströme in Gang hielt, war von
einem Tag auf den anderen bankrott; alle, die ihm bis dahin bereitwillig
Kredit gewährt hatten, waren nun zögerlich, nachdem der große Kriegs­
unternehmer verschwunden war, der die Bedienung der Kredite garantiert
hatte. Vier Wochen nach Wallensteins Entlassung stürzte sich de Witte in
den Brunnen seines Hauses und ertrank.119 Unterdessen lösten sich die
ersten Regimenter der vordem so stolzen Armee auf; nachdem der Kaiser
als Zahlungsverpflichteter an die Stelle Wallensteins getreten war, war kein
Sold mehr zu bekommen; Soldaten wie Offiziere verließen die kaiserlichen
Truppen und suchten anderswo Beschäftigung. Binnen weniger Monate
war die zuvor gefürchtete Armee nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Eine Kriegsetappe:
Der Kampf um die Dessauer Brücke

1625 war der Krieg in Norddeutschland noch nicht richtig in Gang gekom­
men: Tilly war mit dem Heer der Liga zwar in den niedersächsischen
Kreis eingerückt, aber dann hatten Versorgungsprobleme und der starke
Widerstand dänischer und niedersächsischer Truppen ihn am weiteren
Vormarsch gehindert; der Feldzug erstarrte zu einem Positionskrieg, bei
dem feste Plätze und Schlösser belagert und erobert, gehalten und zurück­
erobert wurden. Dabei machte keine der beiden Seiten entscheidende Fort­
schritte. Tilly wartete darauf, dass Wallenstein mit seinem neuen Heer auf
dem Kriegsschauplatz erscheinen würde, und Christian wartete ab, ob es
zu der erhofften Allianz mit England, den Generalstaaten und Frankreich
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die Dessauer Brücke 291

kommen würde. Für die nördlichen Niederlande hatte sich mit dem Fall
der Festung Breda - einem Ereignis, das heute mehr durch Veläzquez’ gro­
ßes Gemälde im Madrider Prado als durch seine Relevanz für den Fort­
gang des Krieges bekannt ist - die militärische Lage verschlechtert, und
es war absehbar, dass die zugesagten Gelder zunächst einmal im eigenen
Land gebraucht würden, um die Festungsbarriere gegen General Spinola,
den Sieger von Breda, wieder zu stabilisieren. In Frankreich war ein neuer
Hugenottenaufstand ausgebrochen, der Richelieus Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm, und in England war König Karl damit beschäftigt, die
Regierungsgeschäffe neu zu ordnen. Außerdem musste noch geklärt wer­
den, welche strategische Rolle Mansfeld spielen würde: ob er sich mit den
Truppen Christians zusammenschließen sollte, um einen großen Schlag
gegen Tilly zu führen, oder als strategische Reserve zurückzuhalten war
für den Fall, dass Wallenstein zum norddeutschen Kriegsschauplatz mar­
schieren würde. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, das belagerte Breda
zu entsetzen, hatte Mansfeld am Niederrhein ein Heerlager errichtet, von
wo aus ihm beide Möglichkeiten offenstanden.120 Tilly wiederum erhielt
aus München die Anweisung, unter keinen Umständen die Armee in einer
Schlacht gegen den Dänen Christian aufs Spiel zu setzen,121 und Wallenstein
blieb bis zum Frühherbst mit der Aufstellung und Musterung seiner Trup­
pen beschäftigt.122 Von Wallensteins Truppen war vorerst nicht zu erwarten,
dass sie in das Geschehen eingriffen, zumal auch noch erwogen wurde, sie
nach Mähren zu verlegen, da ein neuerlicher Einfall Bethlen Gabors drohte.
Und so war 1625 ein Jahr des Scharmützel- und Belagerungskrieges ohne
entscheidende Veränderungen.
Als sich Tilly und Wallenstein am 13. Oktober bei Hemmendorf, einem
Ort an der Straße von Hameln nach Hildesheim, erstmals trafen, ging es
nicht um Kriegsstrategien, sondern um die Aufteilung der Winterquartiere,
die von ihren Truppen bezogen werden sollten. Man verständigte sich dar­
auf, dass Tilly im Raum Hildesheim und Braunschweig und Wallenstein in
den Gebieten um Halberstadt und Magdeburg Quartier nehmen würden.
Wallenstein erhielt damit die besseren Quartiere, denn die von ihm bezo­
genen Gebiete waren bislang vom Krieg verschont geblieben, während in
den Territorien Tillys seit Jahren Truppen konzentriert worden waren und
292 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

gekämpft hatten.123 Diese Aufteilung der Winterquartiere war indes durch­


aus sinnvoll, da Tilly mit den dänisch-niedersächsischen Truppen bereits
Gefechtskontakt gehabt hatte, so dass ein Positionswechsel beider Heere
überaus riskant gewesen wäre. Zudem war es angezeigt, die Winterquar­
tiere nicht in einem Gebiet zu konzentrieren, weil dies zu Versorgungspro­
blemen geführt hätte. Auch war es ratsam, starke Kräfte in der Nähe der
Elbe bereitzustellen, die Kurbrandenburg in Schach hielten, von dem man
wusste, dass es sich dem Dänenkönig eigentlich hatte anschließen wollen.
Überdies musste man immer noch mit einem Eingreifen des schwedischen
Königs rechnen, was vor allem in den Überlegungen Wallensteins eine
große Rolle spielte.124
In Anbetracht der schwierigen Ausgangslage verlief das Treffen zwi­
schen Tilly und Wallenstein überraschend harmonisch. «Ich und der
General Tilly vergleichen uns gar wohl», schrieb Wallenstein nach dem
Hemmendorfer Treffen an den Kaiser, «wolle Gott, daß alle Ihro Majes­
tät Minister mindestens sich so wohl vergleichen täten.»125 Man kann
sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen als zwischen den beiden
Männern:126 auf der einen Seite der jesuitisch erzogene Brabanter Adlige
Tilly mit der Kriegserfahrung von bald fünf Jahrzehnten; auf der anderen
Seite der in religiösen Fragen eher laxe Böhme Wallenstein, der inzwi­
schen zwar ebenfalls einige Kriegserfahrung gesammelt hatte, dem aber der
Ruhm siegreich bestandener Schlachten noch fehlte. Dann der körperliche
Unterschied: Tilly klein und zierlich mit grauem kurzgeschnittenem Haar,
Wallenstein dagegen hochgewachsen, in der Blüte der Jahre und vor Selbst­
bewusstsein strotzend. Und der Rangunterschied: Der Graf auf der einen,
der neugekürte Herzog auf der anderen Seite; Tilly, der sich auch in militä­
rischen Fragen immer wieder in München rückversichern musste, Wallen­
stein, mit weitreichenden Vollmachten des Kaisers ausgestattet, ein Mann
mit eigenen strategischen Vorstellungen und gewillt, diese auch durchzu­
setzen. Das war eine Ausgangslage, bei der mit erheblichen Konflikten zu
rechnen war, doch zu denen kam es nicht. Das Treffen von Hemmendorf
verlief so, dass sich zwischen beiden Männern ein Verhältnis gegensei­
tigen Respekts entwickelte. Es wurde keine Freundschaft, derlei war bei­
den ohnehin fremd; man hatte jedoch so viel Achtung voreinander, dass
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die Dessauer Brücke 293

man die strategischen Dispositionen gemeinsam absteckte und sich dabei


gegenseitig den Raum für eigene Operationsführung ließ. Sofern erforder­
lich, kam man sich aber auch immer wieder zu Hilfe. Das gilt vor allem für
Wallenstein; freilich verfügte er über die größeren Ressourcen, während
Tilly bis zu Wallensteins Entlassung immer der bedürftige und notleidende
Partner war. Davon, dass Wallenstein beabsichtigt habe, «die katholische
Liga zu Grunde zu richten», wie es in den Kapuziner-Relationen heißt,127
kann also keine Rede sein.

Im Winter 1625/26 ruhte der Krieg, und beide Seiten nutzten die Ruhe­
pause, um die bereits erwähnten Verhandlungen in Braunschweig zu führen,
in denen die Chancen für einen schiedlich-friedlichen Ausgleich erkundet
werden sollten. Womöglich wäre das Kriegsjahr 1626 so ähnlich verlaufen
wie das vorangegangene, wenn nicht auf dänisch-niedersächsischer Seite
Ernst von Mansfeld, Christian von Braunschweig und Johann Ernst von
Weimar darauf gedrängt hätten, entschiedener vorzugehen. Christian von
Dänemark, von einem schweren Sturz bei Hameln im zurückliegenden
Jahr wieder gut erholt, war mit dem bisherigen Kriegsverlauf dagegen nicht
unzufrieden und durchaus gewillt, den Krieg auch in diesem Jahr in der
bewährten Form weiterzuführen. Tilly und Wallenstein wiederum hielten
sich zunächst zurück, weil sie ihre Truppen verstärken und in Form bringen
wollten; beide bezweifelten, dass ihre Heere in der gegenwärtigen Verfas­
sung gefechtsfähig waren.128 Hier hatte man nichts dagegen, dass die Kriegs­
pause noch einige Zeit andauerte. Für Mansfeld stellten sich die Dinge
anders dar: Er musste seinen Geldgebern zeigen, dass es sich lohnte, ihn als
Kriegsunternehmer zu beschäftigen, das heißt, er musste Bewegung in das
Kriegsgeschehen bringen. Auch Christian von Braunschweig und Herzog
Johann Ernst von Weimar waren von Ungeduld getrieben und hielten stra­
tegisches Abwarten für bloßes Nichtstun.
Den ersten Vorstoß führte Johann Ernst von Weimar, durchaus in
Abstimmung mit Christian IV., und dieser Stoß richtete sich gegen das Bis­
tum Osnabrück, auf das der Däne seit längerem ein Auge geworfen hatte,
weil er dort einen seiner Söhne als Nutznießer der reichen Stiftseinnahmen
einsetzen wollte.129 Im September 1625 war der amtierende Bischof gestor­
294 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

ben; das Domkapitel hatte sich den dänischen Vorstellungen widersetzt


und stattdessen Graf Franz Wilhelm von Wartenberg, den Kandidaten der
katholischen Seite, zum neuen Bischof gewählt. Der Weimarer marschierte,
die Positionen Tillys umgehend, mit einem größeren Truppenverband in
das Stift ein und zwang die Domherren mit Waffengewalt, den Prinzen
Friedrich von Dänemark als Koadjutor des Bistums zu akzeptieren. Das
freilich war eher ein Randereignis; für den Fortgang des Krieges bedeutsa­
mer war, dass sich Tilly auf seiner linken Flanke bedroht sah und Westfalen
erneut zum Kriegsschauplatz wurde.
Den zweiten Vorstoß führte Christian von Braunschweig, und dieser
richtete sich nach Südwesten: Im April durchbrach er mit einer überwie­
gend aus Reitern bestehenden Truppe die Postenkette Tillys, überschritt
die Weser und fiel in Nordhessen ein, wo er hoffte, zusammen mit Landgraf
Moritz einen neuen Kriegsschauplatz im Rücken Tillys eröffnen zu können,
um die Kräfte der Gegenseite zu zersplittern.130 Moritz war diesem Projekt
zunächst nicht abgeneigt, vor allem wollte er das inzwischen seinem Darm­
städter Konkurrenten zugefallene Marburger Land wieder unter seine Kon­
trolle bringen. Er hatte aber mit einem starken dänisch-niedersächsischen
Verband gerechnet, nicht mit der kleinen Truppe Christians von Braun­
schweig, mit der es nicht möglich war, die Einheiten Tillys von Nordhessen
fernzuhalten geschweige denn aus Oberhessen zu vertreiben. Sich mit dem
Halberstädter einzulassen, hieß für Moritz, die Landgrafschaft zum Kriegs­
schauplatz zu machen und dabei das Schicksal des depossedierten Pfälzers
zu riskieren - und davor schreckte er zurück, zumal die Landstände Hes­
sen-Kassels in gut lutherischer Manier eher kaisertreu waren und schon
in der Vergangenheit der Politik des reformierten Landgrafen die Unter­
stützung verweigert hatten. Die Folge war, dass sich Christian von Braun­
schweig mit seinen Söldnern wieder nach Göttingen zurückziehen musste,
von wo aus er einen weiteren Vorstoß unternahm, um kaiserliche Regi­
menter zwischen Fulda und Werra zu zersprengen. Doch auch hier musste
er angesichts der Bedrohung Göttingens durch Tilly sehr schnell wieder
zurückweichen. Danach warf die Tuberkulose den rastlosen Halberstädter
aufs Krankenbett; er starb am lö.Juni in Wolfenbüttel, noch keine sieben­
undzwanzig Jahre alt. Seine Feinde behaupteten, er sei wie König Herodes
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die Dessauer Brücke 2 95

einem riesigen Wurm erlegen, der seine inneren Organe zerfressen habe.131
Das sollte heißen, dass der Teufel Christian geholt hatte, bevor er weiteres
Unheil anrichten konnte.
«So wüst und unbesonnen der junge Fürst auch sein mochte», urteilt
Moriz Ritter, «unter den schwachen Köpfen und schlaffen Händen, denen
im allgemeinen der Krieg anvertraut war, hatte er als eine zur That drän­
gende Kraft gewirkt. Sein Tod war daher ein Verlust gleich dem einer verlo­
renen Schlacht.»132 Emphatischer noch ist das Urteil Cicely Veronica Wedg­
woods: «Christian hatte das Zeug zu einem großen Führer und wäre einer
geworden, wenn er nur auch die Geduld gehabt hätte zu lernen.» Seine
«zumindest unverzagte Tatkraft [... ] hätte ihm einen besseren Namen als
den eines bloßen Freibeuters antragen sollen. Seine Zeitgenossen nannten
ihn den Hollen Halberstädter>, aber seine Tollheit hatte etwas von höherer
Inspiration.»133 Auch wenn uns heute die Emphase solcher Urteile fremd
ist, so treffen sie doch einen zentralen Punkt: Christian hat den Krieg mit
einer Leidenschaft geführt, die den anderen Protagonisten nicht eigen war;
'.vahrend diese Gewinn und Verlust, Chancen und Risiken gegeneinander
abwogen, zog er bedingungslos in den Kampf. Christian von Braunschweig
war ein Kriegsunternehmer wie Mansfeld oder auch Wallenstein, aber einer
ohne jedweden Geschäftssinn, einer, der den Krieg nicht zur Selbstberei­
cherung oder zum Erwerb eines Herzogtums betrieb, sondern für den er zu
einem Prozess der Verschwendung wurde - und dies wurde von Christian
bewusst vorangetrieben. Insofern hat er die Bezeichnung «der tolle Hal­
berstädter» zu Recht erhalten.

Die eine der drei zur Bindung gegnerischer Kräfte unternommenen Diver­
sionsoperationen, die Christian IV. von Dänemark zur Vorbereitung der
entscheidenden Auseinandersetzung mit Tilly in Gang gesetzt hatte, war
zur Hälfte erfolgreich gewesen; die andere war letztlich im Sand verlau­
fen. Damit hing alles an der dritten Diversion, die von Mansfeld geführt
werden sollte: Sie richtete sich gegen Wallenstein und sollte dessen Heer
binden, so dass es Tilly nicht zu Hilfe kommen konnte, wenn Christian IV.
gegen ihn die Entscheidung in einer Feldschlacht suchte. Mansfeld standen
starke Kräfte zur Verfügung, nämlich ein komplettes Heer. Von seinen Ope­
296 FO RTG A N G UND A U SW EITU N G

rationen hing der Gesamtverlauf des Feldzugs ab, und deswegen verstärkte
Christian dessen Heer noch durch eigene Verbände unter Hans Philipp
Fuchs von Bimbach, einem gemäßigten Lutheraner, der zunächst in der
kaiserlichen Armee und danach in den Truppen der Union gedient hatte.
Fuchs war ein vorsichtiger Stratege aus der niederländischen Schule, der für
derart riskante Operationen wie die Mansfelds denkbar ungeeignet war.134
Mansfeld seinerseits war froh, eigenständig vorgehen zu können, wie er das
gewohnt war, und nicht an die engräumige Operationsführung des Dänen
gebunden zu sein. Gleichwohl war er dessen Oberbefehl unterstellt. Wie
weit Mansfeld sich bei einem Diversionsvorstoß gegen Wallenstein vom
dänisch-niedersächsischen Heer entfernen durfte, war umstritten. Prinzi­
piell bestanden drei Möglichkeiten, Wallenstein an einem Angriff auf die
linke Flanke des dänisch-niedersächsischen Heeres oder an seiner Vereini­
gung mit Tilly zu hindern:135 der direkte Angriff auf die kaiserliche Armada;
die Blockierung ihres Nachschubs, um sie zum Rückzug in die böhmischen
Versorgungsgebiete zu zwingen; schließlich die großräumige Umgehung
der kaiserlichen Truppen, um auf Ziele vorzustoßen, die für den Kaiser
von so großer Bedeutung waren, dass er Wallenstein auffordem würde, den
Mansfeld’schen Scharen zu folgen.
Gegen die erste Option sprach, dass der Ausgang einer Schlacht immer
ungewiss war und Wallenstein eine deutlich größere Zahl an Soldaten
zur Verfügung hatte als Mansfeld. Außerdem hatte Mansfeld eine ausge­
prägte Neigung, große Schlachten zu vermeiden. Für die zweite Möglich­
keit sprach, dass die Elbe in Reichweite lag; wenn es gelang, den Fluss für
den Nachschub des kaiserlichen Heeres zu blockieren, musste Wallen­
stein abziehen - oder seinerseits die Schlacht suchen. Es kam also darauf
an, dass Mansfeld als Erster an der Elbe war, dort eine Blockade errichtete
und aus einer verschanzten Stellung heraus die Angriffe der Kaiserlichen
abwehren konnte, wie er das 1622 in der Oberpfalz getan hatte.136 Mansfeld
selbst präferierte indes die dritte Option: einen Marsch seines Heeres nach
Süden, bei dem die Quartiere der Kaiserlichen im Raum Magdeburg-Hal-
berstadt und das neutrale Kursachsen umgangen wurden, um über Schle­
sien nach Böhmen einzufallen. Dabei konnte er mit der Unzufriedenheit
der böhmischen Bevölkerung infolge der Zwangskatholisierung und der
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die Dessauer Brücke 297

Besitzumwälzungen nach 1620 rechnen. Es gab obendrein Bauernunruhen,


in deren Verlauf bereits einige Lehnsherren von ihren Bauern erschlagen
worden waren. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: «Wie dann um
Markersdorf viel solcher rebellischen Bauern sich zusammengetan, selbi­
gen Ort unversehens überfallen und darin den Herrn von Wartenberg und
seine Gemahlin ermordet. Solchem Exempel haben die Bauern im König-
grätzer Kreis auch gefolgt und ihren Herrn, so einer vom Adel und gleich­
falls reformieren wollen, erschlagen. Nicht besser machten es auch die Bau­
ern um Kuttenberg, welche den Herrn von Werda, Hauptmann daselbst,
um gleicher Ursachen willen hinrichteten.»137 Bei einem Einfall in Böh­
men war ein Aufstand von Teilen der Bevölkerung zu erwarten. Die große
Unwägbarkeit eines solchen Feldzugs bestand jedoch darin, dass Wallen­
stein dem Mansfeld sehen Heer nicht folgte, sondern mit Tilly zusammen
das dänisch-niedersächsische Heer angriff, dem Mansfeld dann nicht zu
Hilfe kommen konnte. Das war auch der Grund, warum sich Christian von
Dänemark für die zweite Option entschied: Ein in Schlesien und Böhmen
stehender Mansfeld würde ihn, Christian, bei einer Konfrontation mit Tilly
nicht unterstützen können, aber ein an der Elbe stehendes Mansfeld sches
Heer würde binnen weniger Tagesmärsche an der Weser sein.
Unter strategischen Gesichtspunkten war Christians Entscheidung
nachvollziehbar: Im Unterschied zu Tilly, der seine Truppen so verteilt
hatte, dass er sie in relativ kurzer Zeit konzentrieren konnte, um mit geball­
ter Macht gegen das dänisch-niedersächsische Heer vorzurücken, hatte
Christian auf eine exzentrische Strategie gesetzt, mit der die Kräfte der
Gegenseite verzettelt werden sollten. Von den 35 000 bis 40 000 Mann, über
die er verfügte, standen ihm in der um sein Hauptquartier in Wolfenbüttel
konzentrierten Hauptstreitmacht etwa 20 000 Mann zur Verfügung; die
anderen waren durch die Vorstöße nach Westfalen und Hessen gebunden,
und die Truppen Mansfelds waren bereits am 20. Februar in die Altmark
abgerückt, wo sie in dem zu Kurbrandenburg gehörenden, also eigentlich
neutralen Gebiet Quartier bezogen hatten.138 Es war eine bunt zusammen­
gewürfelte Truppe, die Mansfeld hatte:139 Neben seiner berittenen Leib­
garde handelte es sich um sechs bis acht Regimenter deutscher Fußtruppen,
dazu 3000 Schotten sowie niederländische Reiterei. Schließlich kam der
298 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

dänische Verband unter dem General Fuchs von Bimbach hinzu, so dass
Mansfeld über 10 000 bis 12 000 Mann verfügte.
Wallensteins strategischem Blick war indes die Bedeutung der Elb­
übergänge nicht entgangen: Zum einen war die Elbe die Versorgungsachse
seines Heeres, auf der er den Nachschub, den er aus Böhmen und dem
Herzogtum Friedland bezog, mit Lastkähnen heranführen ließ; zum ande­
ren deckte sie die Flanke seiner Aufstellung. «Wer Herr der schiffbaren
Flüsse ist, ist auch Herr des Landes», schrieb Collalto an Oberst Johann
von Aldringen, der die Dessauer Brücke sichern sollte.140Die Elbbrücke bei
Magdeburg stand unter Wallensteins eigener Kontrolle, die flussaufwärts
gelegene Brücke bei Wittenberg lag bereits auf kursächsischem Gebiet und
wurde durch Streitkräfte Johann Georgs gesichert. Dass Christian IV. es
Mansfeld gestatten würde, in kursächsisches Gebiet vorzustoßen, war ganz
unwahrscheinlich, weil die dann zu erwartende Parteinahme des sächsi­
schen Kurfürsten zugunsten des Kaisers die Kräfteverhältnisse deutlich
verändert hätte. Der einzige Elbübergang, der für Wallenstein gefährlich
werden konnte, war somit die Elbbrücke bei Dessau, die zum Fürsten­
tum Anhalt-Dessau gehörte, einem jener kleinen Herrschaftsgebiete, die
nicht über die militärische Fähigkeit verfügten, ihre neuralgischen Orte zu
schützen. Wenn Mansfeld, von dem Wallenstein wusste, dass er seit Mitte
Februar in der Altmark stand, ohne dass der brandenburgische Kurfürst
etwas dagegen unternahm, angreifen würde und ihn dabei womöglich der
Brandenburger unterstützte, dann war die Dessauer Brücke die strategisch
wichtigste Position des gesamten Feldzugs.141 Seit Februar, also zur glei­
chen Zeit, als Mansfeld in die Altmark marschierte, ließ Wallenstein beid­
seits dieser Brücke Schanzen aufwerfen, die er mit Kanonen bestückte. Bei
Roßlau am nördlichen Ufer wurde ein starkes Bollwerk errichtet, das von
vier Kompanien unter Johann von Aldringen bezogen wurde;142 das sollte
einen Handstreich gegen die Brücke, «die strategisch wertvollste Posi­
tion der Kaiserlichen in ganz Mitteldeutschland»,143 unmöglich machen.
Wenn man so will, war es Mansfelds Pech, dass er es im Frühjahr nicht mit
einem Taktiker, sondern einem Strategen als Gegner zu tun hatte, dessen
Blick nicht auf das unmittelbar vor ihm liegende Feld möglicher Attacken
beschränkt war, sondern der weiträumig und in großen Zusammenhängen
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die Dessauer Brücke 299

dachte und dabei den Punkt der Entscheidung ausgemacht hatte, bevor
sich der Gegner auf ihn zubewegte.
Wie die Briefe an Harrach zeigen, war Wallenstein im März unsicher
und nervös. Seine Kundschafter berichteten, dass sich zwei feindliche
Kolonnen auf seine Positionen zubewegten, Mansfeld rechts und Fuchs
links der Elbe. Womöglich waren die Truppen von Fuchs nur die Vorhut
der gesamten dänisch-niedersächsischen Armee, deren Stoß sich wider
Erwarten nicht gegen das Heer der Liga, sondern gegen die Kaiserlichen
richtete. Also befahl Wallenstein seinem Obristen Aldringen, die Verschan­
zungen an der Dessauer Brücke weiter auszubauen. Währenddessen blieb
er selbst in einer Wartestellung, um die Gegenseite zu beobachten. Am
12. April versuchte Mansfeld, die Dessauer Brücke im Handstreich zu neh­
men, doch das Unternehmen scheiterte an der Aufmerksamkeit der Vertei­
diger. Bereits zwei Tage zuvor hatte Wallenstein seine abwartende Haltung
aufgegeben und mit überlegenen Kräften einen schnellen Schlag gegen
die linkselbisch vorrückenden Einheiten des Generals Fuchs geführt und
ihnen bei Wolmirstedt in der Nähe von Magdeburg eine schwere Schlappe
zugefügt. Wallensteins Kürassiere hatten das dänische Fußvolk niedergerit­
ten, woraufhin Fuchs sich in größter Eile bis nach Tangermünde zurückzog,
wo er zuvor die Elbe überschritten hatte. Wallenstein griff Fuchs in Tanger­
münde erneut an und zwang ihn zum Rückzug bis Stendal. Damit stand
fest, dass Fuchs die Mansfelder beim Kampf um die Dessauer Brücke nicht
unterstützen würde. Es kam hinzu, dass Fuchs, der seiner Ansicht nach
ungerechtfertigt von Christian dem Kommando Mansfelds unterstellt wor­
den war, Mansfelds Befehl, auf die rechte Seite der Elbe zu wechseln und in
Eilmärschen nach Dessau zu marschieren, keine Folge leistete.
Mansfeld hat Fuchs’ Insubordination später für den Fehlschlag von
Dessau verantwortlich gemacht. Tatsächlich hat Fuchs auf Zeit gespielt;
man muss ihm jedoch zugute halten, dass seine Truppen nach den zwei
für sie unglücklich verlaufenen Zusammenstößen mit Wallensteins Reitern
vorerst nicht einsatzfähig waren und deshalb, selbst wenn sie rechtzeitig
bei Roßlau eingetroffen wären, für Mansfeld keine relevante Verstärkung
dargestellt hätten. Dieser hatte selbst den Fehler begangen, auf die Nach­
richt von Wallensteins Überraschungsschlag bei Wolmirstedt den Angriff
3° o FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

auf die Dessauer Brücke abzubrechen, um dem bedrängten Fuchs bei­


zustehen. Wenn dieses Zurückweichen Mansfelds seinen Grund in der
durch Fuchs’ Rückzug gefährdeten Flanken- und Rückensicherung gehabt
hätte,144 dann wäre es konsequent gewesen, wenn Mansfeld, nachdem er
Fuchs nicht mehr hatte helfen können, das Dessauer Vorhaben abgebro­
chen hätte. Wollte er hingegen die Dessauer Brücke unbedingt unter seine
Kontrolle bringen, so hätte er in der Zeit, da Wallenstein einen Teil seiner
Kräfte gegen Fuchs geworfen hatte und infolgedessen die Verteidiger der
Roßlauer Schanzen nicht verstärken konnte, einen massiven Angriff auf
die Stellungen Aldringens führen müssen, um die Brücke ungeachtet der
hohen Verluste eines Sturmangriffs zu erobern. Als Mansfeld am 21. April
wieder bei Roßlau erschien und durch ein mehrtägiges Bombardement den
Angriff auf die Verschanzungen des nördlichen Brückenkopfes vorbereitete,
war es dafür bereits zu spät, denn inzwischen waren die von Wallenstein
zu Hilfe geschickten Truppen eingetroffen und hatten die vier Kompanien
Aldringens verstärkt. Wallensteins Leibregiment und das Regiment Tiefen­
bach hatten auf der südlichen Seite der Elbe Position bezogen und konnten
die Verteidiger des nördlichen Brückenkopfs jederzeit unterstützen. Und
schließlich war Wallenstein selbst mit seinen schweren und leichten Rei­
tern im Anmarsch, so dass die ihm verfügbaren Kräfte denen Mansfelds um
das Doppelte überlegen waren.145 Durch den Versuch, Fuchs zu Hilfe zu
kommen, hatte Mansfeld Zeit verloren und nichts gewonnen. Dieser Fehler
ließ sich nicht mehr ausbügeln.
Mansfeld hatte also, irritiert durch Wallensteins entschlossenes und
energisches Agieren, den richtigen Zeitpunkt zum Angriff verpasst. Als er
am 25. April den Sturmangriff befahl, konnte er freilich nicht wissen, dass
zwei Tage zuvor Aldringens durch den dauernden Beschuss arg mitge­
nommene Truppen verstärkt worden waren. Da die Brücke mit Zeltpla­
nen verhängt war, hatten die Kaiserlichen unbemerkt die Elbe überquert.
In einem fünfstündigen Gefecht gerieten die Angreifer schon bald in die
Defensive, dann in eine Rückwärtsbewegung, und auch durch den Einsatz
seiner Kavallerie vermochte Mansfeld das Blatt nicht mehr zu wenden.
Gegen Mittag befahl er den Rückzug in Richtung Zerbst, der aber schnell
seine Ordnung verlor, weil Wallensteins Kavallerie immer wieder in die
Der Stich versucht, die verschiedenen Etappen der Schlacht an der
Dessauer Brücke im Jahr 1626 in einem Bild wiederzugeben. Das Haupt­
geschehen spielt sich zwischen der Schanze des Herzogs von Friedland
unmittelbar vor der Elbbrücke (Mitte unten) und der Schanze Mansfelds
(obere Bildmitte) ab. Im Hintergrund Zerbst, wohin Teile der Mansfel-
dischen flüchten. Im Bildzentrum das zweifache Aufeinandertreffen der
Infanterieblöcke und dazwischen ein Reitergefecht, bei dem sich die
Kavallerie Mansfelds bereits zur Flucht gewendet hat. Unten rechts das
Städtchen Dessau, unten links einzelne Soldaten, die sich in die Elbe
gestürzt haben, um sich zu retten.

sich zurückziehenden Mansfeld’schen Regimenter hineinstieß. Vor Zerbst


bezogen sie noch einmal Gefechtsaufstellung, konnten sich aber nicht hal­
ten und flohen oder wurden niedergesäbelt.
Mansfeld verlor an der Dessauer Brücke und bei Zerbst den Großteil
seiner Truppen, sicherlich über 5000 Mann, darunter die gesamte nieder­
ländische Kavallerie und viele Kanonen. Wallensteins Sieg war ein Tri­
umph des entschlossenen Gegenangriffs und der energischen Verfolgung.
Es dürften 2000 bis 3000 Mann gewesen sein, die Mansfeld in den nächsten
302 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Tagen wieder sammelte und zum Aufbau eines neuen Heeres nutzte. Das
war indes nur möglich, weil Wallenstein die Verfolgung bei Zerbst einge­
stellt und sich wieder auf die Elbe zurückgezogen hatte.146 In den Wiener
Hofkreisen, vor allem seitens der «bayerischen Partei», wie Wallenstein
seine Gegner nannte, ist ihm das als Nachlässigkeit vorgehalten worden.
Damit verband sich eine Reihe weiterer Unterstellungen, um nicht zu sagen
Denunziationen gegen Wallenstein, die den Sieg schmälerten oder gar ins
Gegenteil verkehrten.147 Wallenstein hatte bei dem Vorstoß bis Zerbst
jedoch davon ausgehen müssen, dass die Entscheidung des Feldzugs auf
der linken Elbseite fallen würde, und er wollte sich nicht zu weit von Tilly
entfernen, um ihm in der entscheidenden Auseinandersetzung mit dem
dänisch-niedersächsischen Hauptheer beistehen zu können. Das aber hieß,
dass er sich auf die linke Elbseite zurückziehen musste und Mansfeld nicht
weiter verfolgen konnte.

Der oberösterreichische Bauernaufstand


und der Ungarnfeldzug Mansfelds
und Wallensteins

Mansfelds taktische Fähigkeiten mochten begrenzt sein, aber als Organisa­


tor von Heeren war er allen anderen - mit Ausnahme Wallensteins - über­
legen. In der Umgebung von Havelberg sammelte er seine Truppen, ließ
Soldaten werben und formte aus ihnen neue Einheiten. Sechs Wochen nach
den Niederlagen bei Dessau und Zerbst hatte er wieder eine Streitmacht
von 4000 Fußknechten und 2000 Berittenen zusammen sowie 8 Kano­
nen.148 Das war freilich eine sehr viel kleinere Truppe als die, über die er
vor dem 25. April verfügt hatte, und so bat er Christian um eine Verstär­
kung von 3000 Fußsoldaten und 1000 Reitern. Als deren Anführer schlug
er Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar vor. Mit diesem Heer von
10 000 Mann wollte Mansfeld nach Schlesien und Böhmen vorstoßen und
in den kaiserlichen Erblanden einen Aufstand gegen die Habsburger anzet-
teln, der, wie er an Christian schrieb, Wallenstein dazu zwingen werde, mit
Der oberösterreichische Bauernaufstand 3 °3

seinem Heer den norddeutschen Kriegsschauplatz zu verlassen und eben-


ralls nach Schlesien zu ziehen. Währenddessen, so hoffte Mansfeld, werde
er seine eigenen Truppen mit schlesischen und böhmischen Freiwilligen
verstärken und mit den Einheiten Bethlen Gabors Zusammentreffen, der
sich wieder einmal als Bündnispartner angeboten hatte. Mit ihm gemein­
sam wollte Mansfeld einen Bewegungskrieg gegen Wallenstein führen, bei
dem dessen Heer durch ständige Märsche und mangelnde Versorgung rui­
niert werden sollte. Das Heer Mansfelds sollte dagegen vom Ostseehafen
Stettin aus über die Oder mit Nahrungsmitteln und Munition versorgt wer­
den. Da die Ostsee von dänischen Schiffen kontrolliert wurde, stellte eine
Versorgung über Stettin kein Problem dar.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich Mansfeld von der schweren Nie­
derlage gegen Wallenstein erholte und das Scheitern seines Auftrags, die
Dessauer Brücke zu nehmen, dazu nutzte, das von ihm zuvor bereits favo­
risierte Projekt eines Diversionskriegs in Schlesien und Böhmen wieder
ms Gespräch zu bringen. Zunächst aber musste Christian diesem Projekt
zustimmen, und dazu brachte Mansfeld Friedrich von der Pfalz ins Spiel,
als dessen Feldherr er sich gerierte, um gegenüber dem Dänen Bewegungs­
spielraum zu gewinnen. Es waren jedoch zwei ganz andere Einflussnahmen,
die Christian von Dänemark Anfang Juni dazu bewogen, sich mit der schle­
sischen Diversion Mansfelds einverstanden zu erklären: die Fürsprache des
Brandenburger Kurfürsten Georg Wilhelm und das Eintreffen eines Boten
von Bethlen Gabor im dänischen Hauptquartier in Wolfenbüttel.
Der Brandenburger Kurfürst war durch den inzwischen mehrere
Monate andauernden Aufenthalt Mansfelds in der Altmark in eine politi­
sche Zwickmühle geraten: einerseits durch die von Mansfelds Truppen ver­
ursachten Verheerungen und die Werbung neuer Einheiten, andererseits
durch die immer entschiedenere Drohung des Kaisers, man werde ihm die
kaiserliche Armada ins Land schicken, wenn er dem Treiben des «proscri-
birten Reichsaechters» kein Ende setze.149 Von den Ständen der Altmark
und vom kaiserlichen H of bedrängt, forderte der Kurfürst Christian auf,
für einen umgehenden Abzug des Mansfeld’schen Heeres zu sorgen. Infol­
gedessen begann dieser damit, noch einmal über die von ihm zunächst
verworfene dritte Option einer schlesisch-böhmischen Diversion nachzu­
3 °4 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

denken, und angesichts des Umstands, dass außer Tilly nach wie vor auch
Wallenstein seinem Heer gegenüberstand, freundete er sich allmählich mit
dem von Mansfeld favorisierten Projekt an.
Die Entscheidung fiel, als Anfang Juni Matthias Quadt von Wickrath
bei Christian eintraf und ihm mitteilte, Bethlen sei für monatlich 40 000 Ta­
ler Subsidien bereit, sich der Haager Allianz anzuschließen. Er schlug vor,
ein Heer von 12 000 Mann nach Südosten in Marsch zu setzten, das sich
mit seinen Truppen vereinigen solle.150 Das war eine Streitmacht, auf die
Wallenstein in jedem Fall reagieren musste - spätestens dann, wenn die
kaiserlichen Erblande bedroht waren. Als Mansfeld meldete, seine Trup­
pen seien marschbereit, gab Christian die entsprechenden Instruktionen:
Mansfelds um ein dänisches Korps von 7000 Mann verstärkte Söldner
sollten nach Schlesien marschieren und bis zum Eintreffen Bethlens an der
Oder eine feste Stellung beziehen. Das war eine Einschränkung von Mans­
felds Handlungsfreiheit, die dieser hinnehmen konnte, denn sobald seine
Truppen in Schlesien standen, waren die Kommunikationswege nach
Wolfenbüttel lang und unsicher, und Mansfeld würde selbst entscheiden,
was er für richtig hielt. Sehr viel weniger traf das auf die zweite Instruktion
Christians zu, in der er den Herzog von Sachsen-Weimar zum Mitkom­
mandanten des Unternehmens ernannte und anordnete, dass Mansfeld mit
ihm alle größeren Entscheidungen abzustimmen habe. Zudem sollte der
dänische Rat Joachim von Mitzlaff das Heer als Commissarius begleiten
und dafür sorgen, dass Mansfeld nicht zu selbständig agierte. Christian
hatte den Söldnerführer somit an eine doppelte Kette gelegt.

Am 17. Mai war unterdessen in Oberösterreich beidseits der Donau der


seit langem erwartete Bauernaufstand ausgebrochen.151 Bereits im Jahr
zuvor hatten sich bei der Einsetzung eines katholischen Pfarrers in Zwie­
spalten einige hundert Bauern zusammengerottet, den Pfarrer sowie den
Verwalter Grünbacher verjagt und anschließend das Schloss Frankenburg
belagert. Als sich die Bauern schon wieder zerstreut hatten, griff der baye­
rische Statthalter Adam von Herberstorff ein und befahl allen Bewohnern
der Gegend, am Pfingsttag gegen Mittag ohne Wehr und Waffen «bei der
großen Linde», einem bekannten Treffpunkt, zu erscheinen - «und wel-
Der oberösterreichische Bauernaufstand 3°S

eher nicht erscheint», so der Verwalter Grünbacher in seinem Bericht,


sollte «um Leib und Leben, Hab und Gut verfallen sein».152 Als etwa
5000 Personen zusammengekommen waren, ließ HerberstorfF sie von
seinen Soldaten umstellen und hieß die Richter und Ratspersonen der
Gemeinden vortreten. Die vierunddreißig Männer, die sich meldeten,
wurden an einen Platz geführt, der von Musketieren gesichert war. Der
zurückbleibenden Menge wurde befohlen, stillzustehen und zuzusehen,
was sich jetzt ereignen werde. «Darauf Herr Statthalter [HerberstorfF]
den herausgenommenen Richtern, Ratsverwandten und Achtern ange­
zeigt, was massen sie alle das Leben verwirkt; aber zu Gnaden wolle er
dem halben Teil das Leben schenken, solcher Gestalt, daß allerwegen
zwei miteinander um das Leben spielen sollen, der verliert, soll henken.
Ist also ein schwarzer Mantel auf die Erde ausgebreitet, haben allerwegen
zwei miteinander gewürfelt, welche verloren, sind alsbald vom Freimann
[Henker] gebunden. [...] Aus den 19 Personen, welche ihr Leben ver­
spielt, sind durch mich [Grünbacher] und andere zwei Personen ausgebe­
ten und ihnen das Leben geschenkt worden. Die andern 17 Personen sind
justifiziert [hingerichtet] worden.»153
HerberstorfFs «kurzer Prozess» ist als Frankenburger Würfelspiel
bekannt geworden, und die Empörung darüber hat bei dem Bauernauf­
stand des folgenden Jahres, der sich nicht zuletzt gegen den bayerischen
Statthalter richtete, eine erhebliche Rolle gespielt. HerberstorfF hatte ein
bei der Bestrafung von Söldnern und Landsknechten verbreitetes Ver­
fahren auf Zivilpersonen übertragen: das in Paaren erfolgende Würfeln,
wie es auch in Callots Radierung «Die Gehenkten» aus dem Zyklus
Les Miseres et les Malheurs de la Guerre zu sehen ist, wo rechts unter dem
bereits mit Gehenkten bestückten Baum zwei Verurteilte um ihr Leben
würfeln.154 Was bei Söldnern und Landsknechten ein Gnadenerweis war,
wurde im Umgang mit Zivilpersonen zur zynischen Grausamkeit. Vom
Verfahren her war es nämlich kein Gnadenakt, sonst hätten die ausgewähl­
ten Personen zunächst rechtmäßig zum Tode verurteilt werden müssen
- was nicht der Fall war. HerberstorfF ging es vielmehr um einen demon­
strativen Akt der Abschreckung, der die Bauern von künftigen Zusammen­
rottungen und Gewalttaten abschrecken sollte.
Ein Schulwandbild mit dem Titel «Frankenburger Würfelspiel» aus den
frühen 1930er Jahren. Links der bayerische Statthalter Adam von Herbers-
torff zu Pferde, rechts die lokalen Honoratioren der oberösterreichischen
Bauern, im Zentrum die mächtige Linde, an der die gehängt wurden, die
das vor dem Baum stattfindende Würfelspiel verloren hatten. Das Bild
wurde offenbar vielfach als Unterrichtsmaterial eingesetzt, da sich in vielen
Schulmuseen Reproduktionen davon erhalten haben.

Im oberösterreichischen Bauernaufstand trat die religiöse Grundierung


des Krieges in aller Deutlichkeit hervor; der Aufstand begann im Frühjahr
1626 als Widerstand gegen die Rekatholisierungsbestrebungen Kaiser Fer­
dinands, der trotz der Verpfändung Oberösterreichs an Bayern nach wie
vor der Landesherr war. Zu Ostern hatte er angeordnet, dass Adlige und
Bürger das Abendmahl in den katholischen Kirchen zu begehen hätten; wer
sich weigere, müsse das Land verlassen oder habe mit der Einquartierung
von Soldaten zu rechnen - einem verbreiteten Enteignungsverfahren. Als
diese Anordnungen auf die Bauern ausgeweitet wurden, brach der Aufstand
los. Unter Führung von Stefan Fadinger und dessen Schwager Christoph
Der oberösterreichische Bauernaufstand 307

Zeller zogen Tausende von Bauern und Handwerkern los, um ihrerseits


katholische Pfarrer zu vertreiben, vor allem die überaus verhassten Jesui­
ten. Amtspersonen, die sich ihnen entgegenstellten, wurden erschlagen.
Christian IV., der in dem Aufstand die ersehnte Unterstützung sah, mit der
die Macht des Kaisers und der Liga geschwächt werden konnte, schickte
den Prediger Scultetus nach Oberösterreich,155 um die Aufstandsbewegung
weiter anzuheizen.
Fadinger und Zeller legten derweil bemerkenswerte militärische
Fähigkeiten an den Tag, und so gelang es ihnen, die Stadt Linz, wo der
Statthalter Herberstorff residierte, mit 50 000 Mann einzuschließen. Doch
dann fanden beide im Kampf den Tod, die kaiserlichen Truppen wurden
durch die Regimenter Löbl und Breuner verstärkt und fügten den nunmehr
führungslosen Bauern eine Reihe von Rückschlägen zu. Am 7. September
wurde ein Waffenstillstand geschlossen, der festlegte, dass allen Bauern, die
zum Gehorsam zurückkehrten, Amnestie gewährt wurde. Wie bereits beim
Bauernkrieg ein Jahrhundert zuvor zeigte sich hier abermals der Schwach­
punkt von Bauernaufständen: Sie begannen mit großer Wucht, wuchsen
binnen kurzer Zeit zu einer mächtigen Bewegung an, hatten aber kein
Durchhaltevermögen und verliefen sich nach einigen Wochen. Deshalb
gelang es in den abschließenden Verhandlungen auch nicht, der Gegenseite
Zugeständnisse abzuringen. Es war, als sei die anfängliche Wut verraucht,
und die zuvor in ihrer Empörung zu jeder Gewalttat bereiten Bauern kehr­
ten zu ihrer Beschäftigung zurück, als ob nichts geschehen wäre.
Der oberösterreichische Bauernaufstand wäre wohl Mitte 1626 been­
det gewesen, wenn sich nicht Kurfürst Maximilian eingeschaltet hätte.
Ohne Rücksicht auf die zwischen kaiserlichen Gesandten und Vertretern
der Bauern laufenden Verhandlungen ließ er am 18. September ein kaiser­
liches Regiment unter Herzog Adolf von Holstein und tags darauf ein fast
4000 Mann starkes bayerisches Korps unter dem Generalwachtmeister
Thimar von Lindlo in das Hausrückviertel einmarschieren. Daraufhin brach
der Aufstand von neuem los, und innerhalb einer Woche fügten die Bauern
Holstein, Lindlo und einem weiteren kaiserlichen Verband schwere Nie­
derlagen zu. Ihre Wut richtete sich nicht nur gegen die Soldaten, sondern
auch gegen die Katholiken, denen sie vorwarfen, heimtückisch das Militär
308 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

ins Land gerufen zu haben, während gleichzeitig Friedensverhandlungen


geführt wurden. Jetzt wütete der Krieg «mit allen Schrecknissen eines Bür­
gerkriegs»156.

Der neuerliche Bauernaufstand zwang Maximilian, ein kleines Heer auf­


zustellen, das unter Führung des Grafen Gottfried Heinrich zu Pappen­
heim die Rebellion niederschlagen sollte. Mit Pappenheim betrat eine der
bemerkenswertesten Gestalten des Krieges die Bühne.157 Pappenheim war
ein entschiedener Anhänger militärischer Offensivstrategien und prakti­
zierte diese, als er in mehreren Schlachten an der Spitze seiner Kürassiere
mit blanker Waffe in die gegnerischen Linien einbrach. Dabei nahm er auf
sich selbst keine Rücksicht; kein Kampf, aus dem er nicht mit zum Teil
schweren Verwundungen zurückkam, auch solchen am Kopf, wie die Por­
träts zeigen. Wegen der vielen sichtbaren Narben erhielt er von seinen Sol­
daten den Namen «Schrammhans». In der Schlacht am Weißen Berg, in
der Pappenheim ein Regiment von 1000 Kürassieren geführt hatte, wurde
er bei einem Angriff besonders schwer verwundet; sechs der zwanzig Ver­
wundungen, die er in dieser Schlacht erlitten hatte, waren normalerweise
tödlich. Pappenheim überlebte, zunächst wegen seiner robusten Konstitu­
tion, vor allem aber, weil er am Morgen nach der Schlacht, eingeklemmt
unter seinem Pferd, dessen Körper ihn in der kalten Nacht gewärmt hatte,
von Plünderern gefunden und nach Prag gebracht wurde.
Gottfried Heinrich zu Pappenheim wurde als Protestant geboren und
erzogen, trat aber im Alter von zweiundzwanzig Jahren unter dem Einfluss
von Kardinal Klesl zum Katholizismus über - was seiner Karriere in kaiserli­
chen Diensten zugutekam. Zuvor hatte er in Tübingen und Altdorf studiert
und die für junge Adlige obligate Bildungsreise durch Europa absolviert. Er
beherrschte das Lateinische und sprach neben seiner Muttersprache Itali­
enisch, Französisch und Spanisch. Eigentlich war unter diesen Umständen
eine Karriere im Verwaltungsdienst zu erwarten, und Pappenheim, dem das
schwäbische Familienerbe in Treuchtlingen schon früh zu klein wurde, war
zunächst auch als Beamter in kaiserlichem Dienst tätig. Aber dann wech­
selte er ohne einen von außen ersichtlichen Grund im Sommer 1617 in den
Militärdienst und warb im Rheinland für den Bayernherzog Maximilian
Der oberösterreichische Bauernaufstand 3 °9

eine 200 Mann starke Kürassiereinheit an. Die schweren Verwundungen,


die er in der Schlacht am Weißen Berg erlitt, schienen für seine Soldaten­
karriere das Ende zu bedeuten: Als Rekonvaleszent hielt er sich für längere
Zeit in seinem Treuchtlinger Besitz auf und zeigte vorerst wenig Interesse
am Soldatenberuf. Am pfälzischen Krieg nahm er nicht teil.
Der Verwaltung seiner Güter überdrüssig, kehrte Pappenheim schließ­
lich doch wieder in den Militärdienst zurück. 1623 wurde er vom Kaiser
zum Befehlshaber eines Kürassierregiments ernannt, das in den folgenden
Kriegsjahren als «die Pappenheimer» bekannt wurde und in der Schlacht
bei Stadtlohn eine zentrale Rolle spielte; später war es das herausgehobene
Regiment im Verband der von Pappenheim geführten schweren Kavallerie.
Pappenheim bevorzugte den Stoßangriff mit blanker Waffe gegenüber der
Taktik des Caracolierens, bei der die Kavallerie an den Gegner heranritt, in
einem gewissen Abstand die Reiterpistolen abfeuerte und dann gliedweise
zur Seite schwenkte, damit das nachfolgende Glied der Formation seine
Pistolen abfeuern konnte. So entwickelte sich ein rollendes Feuergefecht,
das nach dem spanischen Wort für Schnecke, caracola, benannt wurde.
Wenn der so angegriffene Gegner infolge des ständigen Beschusses schließ­
lich erste Schwächen zeigte, war der Augenblick für den Stoßangriff mit der
Blankwaffe, den «C h ok», gekommen. War dieser erfolgreich, so wurde die
Ordnung des gegnerischen Infanteriegevierts aufgesprengt, was fast immer
einem Wendepunkt der Schlacht gleichkam.
Pappenheims Art, die schweren Reiter zu führen, zeichnete sich
dadurch aus, dass er die Zeit des Caracolierens relativ kurz hielt oder, wenn
die Verhältnisse das hergaben, ohne vorbereitendes Caracolieren zum Stoß­
angriff anreiten ließ. Ausschlaggebend war die Aufstellung der gegnerischen
Tercios und das Zusammenwirken von Musketieren und Pikenieren.158
Zunächst bildeten die Musketiere eine mehrere Glieder tiefe «Hecke»,
aus der heraus regelmäßiges Salvenfeuer auf den Gegner unterhalten wurde.
Währenddessen standen die Pikeniere mit aufgerichteten Lanzen im Zen­
trum der viereckigen Aufstellung. Sobald jedoch die feindliche Kavallerie
gegen die Infanterieformation anritt und die Musketiere infolge der langen
Dauer, die das Nachladen der Musketen in Anspruch nahm, in die Gefahr
gerieten, niedergeritten zu werden, wechselten sie mit den Pikenieren die
3io FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Ein Kupferstich nach einem


Gemälde des Anton van Dyck,
der Gottfried Heinrich Graf
zu Pappenheim im Harnisch,
mit Feldherrnstab in der
Rechten und Visierhelm in
der Linken zeigt. Verwiesen
wird damit auf seinen
militärischen Aufstieg als
Kommandeur der schweren
Schlachtenkavallerie.
Pappenheim galt als tollkühn,
und fast immer stürmte er an
der Spitze seiner Kürassiere in
den Kampf. Das Porträt zeigt
indes auch Verwundungen,
die er dabei erlitten hat, eine
Narbe an der rechten Schläfe
sowie die auf der Stirn.

Position, die mit gesenkten Lanzen eine stachelige Front bildeten, um die
Kavallerie auf Abstand zu halten. Die wiederum nahm dann nach der Tak
tik des Caracolierens die Pikeniere unter Feuer, was diese untätig aushalten
mussten, da die eigenen Musketiere im Innern des Tercios standen und
nicht zurückschießen konnten. Die Pikeniere konnten allerdings auch mit
gefällter Lanze zum Angriff auf die Reiter übergehen, oder es wurden ein­
zelne Musketiere in die Reihen der Pikeniere eingeschoben, um ihrerseits
die Reiter unter Feuer zu nehmen.
Jeder Wechsel der taktischen Formation im Gefecht war riskant, denn
dabei konnte Unordnung entstehen, und diese Unordnung bot für den
Gegner die Chance, in die Infanterieformationen hineinzustoßen und sie
aufzusprengen. War das der Fall, so waren die Fußknechte den Reitern
wehrlos ausgeliefert: Die überlangen Lanzen waren für den Nahkampf
ungeeignet, die Musketen konnten nicht nachgeladen werden, und beim
Kampf mit dem Schwert waren die gepanzerten Reiter den nur leicht
geschützten Fußsoldaten überlegen.159 In der Regel war das der Moment,
Der oberösterreichische Bauernaufstand 3 ll

bei dem in den Reihen der Infanteristen Panik ausbrach und viele sich
zur Flucht wandten.160 Das war der Augenblick der Entscheidung: Wenn
es gelang, ein Tercio zu zersprengen, und die dort entstandene Panik auf
andere Tercios Übergriff, war die Schlacht entschieden.
Pappenheim legte es darauf an, diesen Augenblick möglichst frühzeitig
herbeizuführen. Im Unterschied zu anderen Generälen vertraute er nicht
darauf, dass er im Verlauf eines über Stunden geführten Gefechts eintrat,
sondern versuchte, ihn mit seinen Kürassieren zu erzwingen. Das trug ihm
den Ruf ein, er pflege eine tollkühne Gefechtsführung und gehe übermäßig
hohe Risiken ein, wie Tilly mehrfach klagte. Pappenheim konnte darauf
erwidern, er suche die frühe Entscheidung der Schlacht, um der Gegen­
seite die Chance zu nehmen, in einem sich hinziehenden Gefecht ihrerseits
die Gunst des Augenblicks nutzen zu können.
Im Jahre 1625 stand Pappenheim in spanisch-genuesischem Dienst und
hatte ein selbständiges Kommando im Kampf gegen französische Trup­
pen inne, die das Veltlin als Teil der «spanischen Gasse» sperren sollten.
Nach dem im März 1626 geschlossenen Frieden von Moncon musste er sich
nach einer neuen militärischen Verwendung umtun, und die fand er in den
Diensten des bayerischen Kurfürsten Maximilian. Im Rang eines Gene­
ralwachtmeisters bekam er das Kommando über eine etwa 8000 Mann
starke Truppe, die er nach Oberösterreich führte, um den dortigen Bau­
ernaufstand niederzuschlagen.161 Mit einer Kriegslist gelang es ihm, seine
Truppen in das von den Bauern eingeschlossene Linz zu schleusen und die
Stadt zu entsetzen. Dort unterstellte er die zuvor von den Bauern mehr­
fach geschlagenen Kaiserlichen seinem Kommando, um offensiv gegen die
Aufständischen vorzugehen. In der ihm eigenen Art verlor er dabei keine
Zeit, und schon wenige Tage nach dem Entsatz von Linz, am 9. Novem­
ber, kam es zur ersten Schlacht: Nahe Eferding stieß Pappenheim auf ein
in einer bewaldeten Stellung verschanztes Bauernheer, das er durch einige
Scheinangriffe sowie die demonstrative Positionierung seiner Kanonen
zum Angriff verlockte, um ihm in offenem Gelände eine vernichtende
Niederlage zuzufügen. Während die bayerisch-kaiserlichen Truppen nur
geringfügige Verluste erlitten, blieben mehr als 3000 Bauern tot auf dem
Schlachtfeld, die meisten von ihnen niedergeritten und erschlagen, nach­
311 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

dem sie bei ihrem Angriff von Flankenfeuer erfasst worden und in Panik
geraten waren.
Wenige Tage darauf stieß Pappenheim auf ein weiteres Bauernheer, das
die Stadt Gmunden belagerte. Als sich Pappenheims Truppen näherten,
zogen die Bauern sich auf eine Verteidigungsstellung im Wald zurück, in
der sie mit Kavallerie nicht anzugreifen waren und ein Infanterieangriff im
Kampf Mann gegen Mann enden musste. In einem solchen Kampf spielte
die waffentechnische und taktische Überlegenheit der Soldaten keine
Rolle; letzten Endes entschied die schiere Überzahl. Dann aber ließ sich
der von einem Theologiestudenten geführte Häuf zu demselben Fehler
verleiten, den auch die Bauern bei Eferding gemacht hatten: Die Aufstän­
dischen verließen, durch die Gefechtsaufstellung Pappenheims dazu ver­
leitet, ihre Stellungen und griffen den scheinbar ungedeckten linken Flügel
des Pappenheim’schen Heeres an. Die dort postierten Kaiserlichen zogen
sich bis unter die Mauern Gmundens zurück, wo die Bauern in heftiges
Musketenfeuer liefen und ihr Angriff den Schwung verlor. Ähnlich erging
es denen, die den rechten Flügel angriffen und nach einem Scheinrückzug
des von Pappenheim selbst geführten Flügels ebenfalls in konzentriertes
Musketenfeuer gerieten. Die zum Stehen gebrachten Angreifer wurden
von Kürassieren umfasst und niedergehauen. So war auch die Schlacht von
Gmunden eher ein Massaker als ein Gefecht. Bei Vöcklabrück und Wolfs­
eck besiegte Pappenheim weitere Bauernhaufen; dabei wurden auch die
Anführer des Aufstandes getötet oder fielen in die Hände des ligistisch-
kaiserlichen Heeres.
Das war das Ende des Aufstandes. Ihm folgten in Linz Exekutionen in
großer Zahl, dazu Eingriffe in die Besitzverhältnisse derer, die beim Auf­
stand zwar keine führende Rolle gespielt, aber in der einen oder anderen
Weise die Aufständischen unterstützt hatten. Bei dem Gericht, das der
Statthalter Herberstorff, Pappenheims Stiefvater (er hatte Pappenheims
früh verwitwete Mutter geheiratet), hielt und das von jedem weiteren Auf­
stand abschrecken sollte, zeigte sich auch wieder die religiöse Dimension
des Krieges, die bereits am Anfang des Aufstandes gestanden hatte, denn
jetzt wurde die katholische Gegenreformation konsequent durchgesetzt,
und sie zielte als Erstes auf den Adel und die Bürgerschaft Oberösterreichs.
Der oberösterreichische Bauernaufstand 313

«Sie mußten», so der Historiker Moriz Ritter, «kraft neuer Erlasse aus­
wandern oder katholisch werden. Merkwürdigerweise machte man jedoch
den Bauern gegenüber eine kleine Ausnahme. War es die Sorge vor einem
nochmaligen Verzweiflungsausbruch oder die Rechnung, daß man dem
verwüsteten Land nicht noch weitere Arbeitskräfte entziehen durfte - [ . . . ]
bei der auch jetzt noch nicht gebrochenen Hartnäckigkeit der Bauern ließ
man es bei dem Verbot aller protestantisch gottesdienstlichen Handlungen
und protestantischer Lehrer und Bücher, sowie dem Gebot der Teilnahme
am katholischen Gottesdienst, ohne jedoch zur Ausweisung wegen des
Bekenntnisses zu schreiten. Man durfte erwarten, daß so, wenn nicht die
alte, so doch die jüngere Generation gewonnen werde.»162 Man nahm den
Bauern die adligen wie städtischen Anführer und setzte darauf, dass sie
dann wieder folgsam sein würden.
Auch in Böhmen kam es im Frühjahr und Sommer 1626 vereinzelt zu
Bauernunruhen, doch erreichten diese bei weitem nicht die Dynamik und
Intensität des oberösterreichischen Bauernaufstands. Das war auch eine
Folge der systematischen Vertreibungen, die in den vorangegangenen Jah­
ren stattgefunden hatten. Potenzielle Anführer fehlten, und die Kommuni­
kationsbeziehungen und Vertrauensverhältnisse, ohne die keine Bewegung
auskommt, wurden durch die Emigration zerstört. Eine Rolle dürfte aber
auch gespielt haben, dass Wallenstein seine Beamten zu größter Aufmerk­
samkeit aufgefordert hatte, was Anzeichen von Unruhen anging, und ein
entschiedenes Vorgehen verlangte,163 da er auf eine zuverlässig funktionie­
rende Versorgungsbasis seines Heeres in Friedland angewiesen war. Der
Aufstand in Böhmen, auf den Mansfeld gesetzt hatte, kam nicht in Gang; er
blieb, wie Anton Gindely festhält, «ein rasch vorübergehender Zwischen­
fall, der die Besitzer des Landes bloß schreckte, aber nicht schwächte».164

Das wäre womöglich anders gewesen, wenn Mansfeld im Sommer 1626


nach Böhmen eingefallen wäre und die friedländisch-kaiserliche Verwal­
tung auseinandergejagt hätte. Auch stellte Mansfeld keine Verbindung zu
den Aufständischen in Oberösterreich her, die militärische Kompetenz
durchaus hätten brauchen können, wie sich bei den Niederlagen gegen
Pappenheim zeigte. Stattdessen endete Mansfelds Feldzug in der ungari-
314 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

sehen Tiefebene, wo sich die Truppen mit den Einheiten Bethlen Gabors
verbanden, was aber ohne Bedeutung blieb, weil es in diesem Raum keine
strategischen Ziele gab, die Einfluss auf den Fortgang des Krieges gehabt
hätten. Immerhin war es Mansfeld durch den Vorstoß nach Schlesien,
Mähren und Ungarn gelungen, Wallenstein von seinen Positionen an der
Elbe abzuziehen, wenngleich auch das strategisch bedeutungslos war, weil
am 26. August nicht Christian Tilly, sondern umgekehrt Tilly Christian
besiegte. Der Sieg Tillys über den Dänen beruhte nicht zuletzt darauf, dass
Wallenstein bei seinem Aufbruch 12 000 Fußsoldaten und 5000 Reiter
zurückgelassen hatte, so dass Tillys Truppen denen Christians überlegen
waren. Wallenstein ist Mansfeld also nicht mit dem gesamten Heer gefolgt,
sondern nur mit 14 000 Mann.165
Am 10. Juli brachen Mansfeld und Herzog Johann Ernst von Havelberg
in Richtung Oder auf. Am 13. Juli erfuhr Wallenstein vom Aufbruch der bei­
den; er war sich darüber im Klaren, dass ihr Ziel nur Schlesien sein konnte,
und reagierte darauf, indem er den Obersten Pechmann mit 5000 Reitern
losschickte, um den Vorstoß des Gegners zu beobachten und Nachzügler
sowie Trossknechte in der Weise zu attackieren, wie Wallenstein dies zwei
Jahre zuvor von Seiten Bethlen Gabors erlebt hatte. Wallenstein selbst war­
tete zunächst ab, was ihm später zum Vorwurf gemacht werden sollte: Statt
Mansfeld den Weg nach Schlesien abzuschneiden, habe er diesem einen
uneinholbaren Vorsprung eingeräumt. Aber Wallenstein zögerte, weil das
Gerücht aufgetaucht war, Gustav Adolf werde in Kürze mit 18 000 Mann
in Pommern landen, um parallel zur Oder ebenfalls nach Schlesien vor­
zustoßen. Dieses Gerücht sollte sich als falsch herausstellen, völlig aus der
Luft gegriffen war es jedoch nicht, denn in den Kriegsplänen der Haager
Allianz hatte ein solcher Kriegszug Gustav Adolfs zeitweilig eine Rolle
gespielt.166 Tatsächlich verließ der Schwedenkönig zu dieser Zeit mit einer
großen Flotte Stockholm - aber er landete mit seinen Truppen nicht in
Pommern, sondern in Ostpreußen, um gegen seinen katholischen Vetter
Sigismund III. Krieg zu führen.167
Unterdessen erreichten Mansfelds Truppen Mitte Juli bei Frankfurt
die Oder, wo Mansfeld den Fluss überquerte und auf dessen rechter Seite
weitermarschierte, während Johann Ernst mit seinen Verbänden auf der
Der oberösterreichische Bauernaufstand 315

linken Flussseite blieb und parallel zu Mansfeld nach Schlesien zog. Die
Trennung der beiden hatte vor allem logistische Gründe, denn so hatte
jeder sein eigenes Gebiet, aus dem er sich versorgen konnte. Ohnehin
war es eine verbreitete Praxis, dass größere Heere in mehreren Kolonnen
parallel marschierten, um den sich dahinwälzenden Heerwurm nicht gar
zu lang werden zu lassen. Je länger ein solcher Heereszug war, desto grö­
ßer wurden die Versorgungsprobleme für die Arrieregarde; auch wurden
die Wege für die nachfolgenden Einheiten immer schwieriger zu passieren.
Also marschierte man, wenn die Topographie des Geländes das zuließ, in
mindestens zwei Kolonnen parallel zueinander.168 Lag ein Fluss dazwi­
schen, so hatte das zwar den Nachteil, dass man sich bei Feindberührung
nicht ohne weiteres zu Hilfe kommen konnte, aber auch den Vorteil, dass
man auf Lastkähnen Nachschub mitführen konnte und so von den Versor­
gungsmöglichkeiten des Landes unabhängig war. Letzteres war für Mans­
feld und Johann Ernst von Bedeutung: Schlesien war zu dieser Zeit durch
den Krieg bereits schwer mitgenommen, zunächst durch den jahrelangen
Kleinkrieg des Herzogs von Jägerndorf gegen sächsische und kaiserliche
Truppen und sodann durch die Seuchen, die sich im Gefolge der durchzie­
henden Heere und der Flüchtlingsströme aus Böhmen stark ausgebreitet
hatten.169 Dennoch wurden die Truppen Mansfelds in Schlesien freundlich
aufgenommen; die mehrheitlich protestantische Bevölkerung sah in ihnen
Befreier von der ungeliebten habsburgischen Herrschaft und den Zwängen
der Gegenreformation.
Mansfeld wollte sich diese Sympathien erhalten und drängte darauf,
die Bevölkerung schonend zu behandeln; weil Johann Ernst das nicht in
gleicher Weise tat, kam es mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen
ihnen.170 Meinungsverschiedenheiten dieser Art dürften ein weiterer
Grund dafür gewesen sein, dass die beiden seit Frankfurt getrennt vonein­
ander auf beiden Seiten der Oder marschierten. Der Leidtragende dessen
war Johann Ernst, denn seine Kolonne war den überfallartigen Attacken
von Pechmanns Kavallerie ausgesetzt, die dem Heer auf der linken Oder­
seite folgte. Nahe der Stadt Oppeln gelang es Johann Ernst, das Regiment
des Obersten Hebron in ein längeres Gefecht zu verwickeln und ihm grö­
ßere Verluste zuzufügen. Das änderte freilich nichts an dem permanenten
316 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Aderlass, den die Angriffe Pechmanns zur Folge hatten; an den kaiserlichen
Rat Questenberg berichtete Pechmann, man habe «viel mansfeldisches
Volk, so sich vom Heereszug gesondert hat, gnadenlos niedergemacht».1' 1
Mitte August bezogen Mansfeld und Johann Ernst im Raum Teschen,
Troppau, Jägerndorf eine feste Stellung, die, zwischen Schlesien, Mähren
und Ungarn gelegen, alle Optionen für die Fortsetzung des Feldzugs offen­
ließ. Hier erwarteten sie Bethlen und seine Truppen; nach deren Eintreffen
wollten sie entscheiden, wie es weitergehen sollte. Aber sie warteten ver­
geblich, denn Bethlen traf nicht ein.

Derweil hatte Wallenstein am 8. August den Befehl zum Abmarsch des


Hauptkontingents gegeben:172 Gustav Adolf war nicht in Pommern gelan­
det, zu größeren Gefechtshandlungen zwischen Christian und Tilly war es
ebenfalls nicht gekommen, und außerdem ließ Wallenstein für diesen Fall
starke Verbände an der Elbe zurück. Aber nun musste er Mansfeld verfol­
gen, denn inzwischen befand sich dieser in einer Position, von der aus er
nach Böhmen einfallen konnte, und daran würde ihn Pechmanns Kaval­
lerie kaum hindern können. Wallenstein trieb seine Truppen zur Eile an.
Deren Marschleistung von etwa 30 Kilometern am Tag war beachtlich, und
so schaffte Wallensteins Heer die 600 Kilometer von Zerbst nach Dvur
in 22 Tagen; damit war Wallenstein schneller als Mansfeld, und da er auf
der inneren Linie marschierte, hatte er 200 Kilometer weniger zurückzule­
gen als sein Kontrahent. Er kam gerade noch rechtzeitig, um einen Einfall
Mansfelds nach Böhmen zu blockieren; freilich nur deshalb, weil Mansfeld
so lange auf Bethlen gewartet hatte und untätig geblieben war. Der Preis
der Gewaltmärsche war, dass Wallensteins Heer durch die Abgänge von
Erschöpften und Kranken von Tag zu Tag zusammenschmolz. Am Ende des
Feldzugs, im November, war von denen, die in Zerbst aufgebrochen waren,
nur noch ein Viertel übrig - und das, obwohl man keine einzige Schlacht
geschlagen hatte.
Hatte Wallenstein, der «podagrische Stratege», wie Leopold von
Ranke ihn genannt hat, doch zu lange gewartet? Offenbar ist er von einer
stärkeren Verteidigung Schlesiens durch die Kaiserlichen ausgegangen; dass
Mansfeld ohne nennenswerten Widerstand durch Schlesien marschieren
Der oberösterreichische Bauernaufstand 317

konnte, überraschte ihn. Außerdem graute ihm vor einem weiteren Rriegs-
zug in Ungarn, bei dem sich wiederholen würde, was er dort zwei Jahre
zuvor erlebt hatte.173 Wenn er schon in der ungarischen Tiefebene Krieg
führen sollte, dann wollte er in großem Umfang über leichte Reiterei verfü­
gen. Wallenstein hatte ein Heer für die Kriegführung in Mitteleuropa aufge­
stellt, ein Heer, mit dem man Schlachten gewinnen konnte. Gegen Bethlen
Gabor war damit aber wenig auszurichten, denn der stellte sich, wie Wal­
lenstein ja erlebt hatte, nicht zur Schlacht. Bethlens leichte Reiter konnten
nur mit eigenen leichten Reitern bekämpft werden, und dementsprechend
forderte Wallenstein den Wiener Hofkriegsrat auf, in Polen oder Ungarn
in großem Stil leichte Reiter anzuwerben. Mansfeld spielte in diesen Über­
legungen keine besondere Rolle; es war Bethlen, der Wallenstein Sorgen
machte - und da er ahnte, dass Wien ihm die geforderten Reiter nicht zur
Verfügung stellen würde, zögerte er, mit einem Heer aufzubrechen, das für
den absehbaren Feldzug ungeeignet war. Wallenstein hatte darauf gesetzt,
dass Mansfeld in Schlesien und Ungarn infolge ausbleibender Versorgung
zugrunde gehen würde. Jetzt aber saß dieser in einer Wartestellung, von der
aus er Böhmen bedrohte. Also musste Wallenstein handeln.
Am 27. August vereinigten sich die Heeresteile Mansfelds und Johann
Ernsts bei Fulnek wieder; drei Tage darauf trafen sich beide Heerführer
bei Leipnik an der March, um den weiteren Fortgang des Kriegszugs zu
besprechen. An diesem Kriegsrat nahmen auch die Obersten der einzelnen
Regimenter teil. Mansfeld schlug vor, nicht länger auf Bethlen zu warten
und ihm auch nicht entgegenzuziehen - tatsächlich dauerte es bis zum
13. September, also noch zwei Wochen, bis Bethlen in Debrezin einrückte - ,
sondern stattdessen nach Westen vorzustoßen. Er wollte entweder nach
Mähren und Böhmen bis in die Oberpfalz ziehen, um von dort nach Bayern
oder ins Eisass zu gelangen, oder aber Verbindung mit den aufständischen
Bauern in Oberösterreich aufnehmen, um den dortigen Kriegsschauplatz
zu verstetigen.174 Ob es Mansfeld dabei, wie einige Historiker meinen, um
die Wiederaufnahme der alten Eisassträume ging oder um einen Verhee­
rungskrieg gegen die kaiserlichen Erblande, mit dem die Finanzierungs­
möglichkeiten des kaiserlichen Heeres drastisch eingeschränkt werden
sollten, oder um eine Operation gegen die «spanische Gasse», mit der sich
318 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Mansfeld bei den Niederländern als einem denkbaren Geldgeber wieder


ins Gespräch gebracht hätte, oder nur darum, einen Feldzug in Ungarn zu
vermeiden, das Mansfeld als Kriegsschauplatz aus den Jahren 1595 bis 1604
kannte - all das muss dahingestellt bleiben.
Ebenso wie Wallenstein war Mansfeld offenbar der Auffassung, dass
der Krieg in Mittel- und Westeuropa entschieden würde und Ungarn nur
ein Nebenkriegsschauplatz sei. Er hatte den Diversionsfeldzug nach Schle­
sien ins Gespräch gebracht, jedoch nicht, um von Schlesien nach Ungarn
zu marschieren, sondern um den Krieg von dort nach Böhmen und ins
Reich zurückzubringen. Der Herzog von Sachsen-Weimar war jedoch
gegen eine Wendung nach Westen und bestand darauf, dass man sich mit
Bethlen treffen müsse, wie das vorgesehen sei. Deswegen plädierte er dafür,
den Gebirgszug der Beskiden zu überschreiten und nach Oberungarn zu
marschieren. Da die Mehrheit des Kriegsrats dem Herzog folgte, musste
Mansfeld sich dem erst einmal notgedrungen fügen. Als man in Kremsier
die Oderbrücke zerstört vorfand, auf der anderen Seite des Flusses die
Reiter Pechmanns sah und Wallensteins Hauptmacht am 2. September in
Olmütz eintraf, war klar, dass sich Mansfelds Plan nicht mehr realisieren
ließ.175 Wallensteins Eilmärsche hatten sich doch noch gelohnt. Mansfeld
und Johann Ernst zogen über die Weißen Karpaten nach Oberungarn, wo
sie auf Bethlen Gabor warteten.
Für Wallenstein stellten von da an nicht mehr die Truppen Mansfelds,
sondern die Bethlens die zentrale Herausforderung dar. Bethlen würde
die Vereinigung mit Mansfeld suchen, und deswegen kam es jetzt darauf
an, dass sich Wallenstein mit starken Kräften zwischen die beiden schob.
Wenn Bethlen sich mit Mansfeld vereinigen wollte, würde er eine Schlacht
gegen Wallenstein schlagen müssen. Für diesen war das die einmalige
Chance, den sonst nicht zu fassenden Fürsten von Siebenbürgen zu stel­
len und dessen Schwarmtruppen zu vernichten. Wallenstein hatte zu dieser
Zeit noch 8000 Mann Fußsoldaten und 4000 Reiter; was ihm nach wie vor
fehlte, war leichte Kavallerie. Wallenstein konnte Bethlen darum seinerseits
nicht zur Schlacht stellen, er konnte ihn nicht einmal verfolgen, sondern
musste darauf setzen, dass Bethlen von sich aus die Schlacht suchte oder
einen Fehler machte, der ihn zur Annahme einer Schlacht zwang. Wallen­
Der oberösterreichische Bauernaufstand 319

stein überquerte also den Fluss Waag und rückte bis Neuhäusel vor, womit
er Bethlen den Weg zu Mansfeld abschnitt.

Am 30. September standen sich die Truppen Wallensteins und Bethlens


bei dem D orf Dregelypalänk gegenüber. Bethlen hatte türkische Unterstüt­
zung bekommen und war Wallenstein zahlenmäßig weit überlegen. Aber
die Truppen Mansfelds waren nicht zur Stelle, weswegen Bethlen an einem
für ihn günstigen Ausgang des Treffens zweifelte und um Waffenstillstand
ersuchte, zumindest bis zum nächsten Tag. Wallenstein lehnte den Waffen­
stillstand ab und wollte sofort losschlagen, ließ sich von dem ungarischen
Palatin Nikolaus Esterhazy, der mit einem kleinen Verband Husaren zu ihm
gestoßen war, dann aber doch dazu bewegen, die Schlacht auf den kom­
menden Tag zu verschieben.176 Immerhin war es bereits später Nachmittag,
und eine bei einbrechender Dunkelheit abgebrochene Schlacht lag nicht
in Wallensteins Interesse. Doch am nächsten Tag waren Bethlen und sein
Heer verschwunden: In der Nacht hatten sie sich in aller Stille zurückge­
zogen; zur Irreführung des Gegners hatte man die Nacht über Wachfeuer
brennen lassen, so dass die Vorposten Wallensteins nicht misstrauisch wur­
den. «War noch drei Stund Tag gewest», schrieb Wallenstein an Harrach,
«so hab ich eine schöne victori in Händen gehabt, denn der Feind ist so
verzagt gewest, daß solches dem Herrn Bethlehem noch nie widerfahren
ist.»177
Nun aber war die Gelegenheit zur Schlacht dahin; Bethlen zu verfol­
gen, erschien Wallenstein sinnlos, da dieser sich mit seiner leichten Reiterei
schneller bewegen konnte als Wallensteins Streitmacht. Außerdem nah­
men inzwischen die Versorgungsprobleme überhand. A uf dem Rückzug
nach Neuhäusel breitete sich im Heer die Ruhr aus, eine Folge der Ernäh­
rung mit unreifen Feldfrüchten, und auch andere Krankheiten griffen um
sich, wie etwa die «ungarische Krankheit», ein in der Regel tödliches
Fleckfieber, und der Milzbrand, der den Pferdebestand des Heeres hinweg­
raffte. Auch wenn man das in Wien anders sah und sich eine Verfolgung
Bethlens wünschte, so blieb Wallenstein doch gar nichts anderes übrig, als
den Rückzug nach Mähren und von dort weiter nach Böhmen anzutreten.
Wallenstein habe in Ungarn «wider die Kriegsraison gehandelt», lautet
320 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

einer der Vorwürfe in den Kapuziner-Relationen.178 Das war eine Wertung


vom grünen Tisch, die das Leid der Truppen ignorierte und von strategi­
schen Fragen wenig verstand. Aus der Sicht Wallensteins war das Ziel des
Feldzugs auch ohne Entscheidungsschlacht erreicht: Bethlen war aus den
Erblanden des Kaisers herausgedrängt, er hatte in Ungarn, im Unterschied
zu seinen früheren Zügen, keine Unterstützung gefunden, und Mansfelds
Truppen saßen in Ungarn fest und würden sich infolge von Hunger und
Unzufriedenheit innerhalb weniger Wochen auflösen.
Auch wenn einige in Wien anderer Auffassung waren und allerhand Ver­
dächtigungen gegen Wallenstein streuten, hatte dieser im Grundsatz recht:
Die Chancen Bethlens, seinen Anspruch auf die Stephanskrone in Ungarn
durchzusetzen, waren deutlich kleiner als in den Jahren zuvor, sein Vorstoß
nach Westen war nicht bis Pressburg oder gar in die Nähe Wiens gekom­
men, sondern bereits in Ungarn abgefangen worden, und das, obwohl Beth­
len dieses Mal über türkische Unterstützung verfügte. Zudem hatte das von
Mansfeld über Schlesien nach Ungarn geführte Heer in der entscheidenden
Phase des Feldzugs keine Rolle gespielt - weder in Norddeutschland noch
in Ungarn. Der strategische Plan der Haager Allianz, durch großräumig
angelegte Diversionsoperationen die Kräfte der Gegenseite zu zersplittern
und dadurch im Zentrum des Krieges, in Deutschland, die Oberhand zu
gewinnen, war nicht aufgegangen. Er sollte nach dem Fehlschlag von 1626
auch nicht wieder aufgenommen werden - zum einen hatten die Protestan­
ten inzwischen begriffen, was Wallenstein schon seit längerem wusste, dass
dieser Krieg nämlich im Reich und nicht an dessen Peripherie entschieden
wurde; zum anderen spielte Bethlen Gabor hinfort als Bestandteil einer
antihabsburgischen Koalition keine Rolle mehr, und der Friede, den der
Kaiser mit der Hohen Pforte in Konstantinopel geschlossen hatte, hielt.
Ende 1626 schien Bethlen Gabor definitiv verstanden zu haben, dass
seine eigenen Kräfte für einen Erfolg gegen die habsburgische Position
in Ungarn nicht ausreichten und dass ihm die Unterstützung, die er als
Partner einer antihabsburgischen Koalition erhielt, nicht viel nutzte. Zum
ersten Mal nach den gemeinsam mit den Böhmen geführten Feldzügen
war Bethlen wieder ein Heer der protestantischen Verbündeten zu Hilfe
gekommen, doch mit Mansfelds Truppen war ein noch größeres Heer sei­
Der oberösterreichische Bauernaufstand 321

ner katholischen Gegner auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz erschie­


nen; außerdem bereiteten ihm Mansfelds Truppen durch die Konkurrenz
um die wenigen Versorgungsgüter mehr Probleme, als dass sie ihn entlas­
teten. Das Eintreffen Mansfelds in Ungarn hatte die Handlungsspielräume
Bethlens eher verkleinert als vergrößert. Immerhin hatte Bethlen in diesem
Jahr erstmals nennenswerte Unterstützung durch türkische Truppen erhal­
ten, auch wenn es sich dabei nicht um Einheiten der Hohen Pforte, sondern
um Truppen des bosnischen Paschas handelte. Dies aber waren Truppen
desselben Typs, wie Bethlen sie aus Siebenbürgen mitbrachte, und mit
ihnen ließ sich keine Schlacht gegen ein Heer aus Mittel- und Westeuropa
schlagen. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit hatte sich Bethlen bei Dre-
gelypalánk auf die von Wallenstein gesuchte Schlacht nicht eingelassen,
sondern war zurückgewichen - und als Wallenstein daraufhin Bethlen
nicht verfolgte, also weder in eine Falle gelockt noch durch lange Märsche
aufgerieben werden konnte, war der Feldzug für Bethlen strategisch ver­
loren. Er war klug genug, das zu realisieren. Im Übrigen genügte zu dieser
Einsicht bereits die Unzufriedenheit seiner Reiter, die in diesem Jahr, da
sie in Ungarn festgehalten worden waren und nicht bis nach Mähren, Böh­
men oder Österreich vorstoßen konnten, so gut wie keine Beute gemacht
hatten. Die Aussicht auf Beute aber war die Motivationsressource, mit der
Bethlen sie zu Kriegszügen bewegte. Außerdem spürte er selbst zuneh­
mend den mit seinen Feldzügen einhergehenden körperlichen Verfall. Also
ließ Bethlen sich auf einen dauerhaften Friedensschluss mit dem Kaiser
ein und schied endgültig aus der antihabsburgischen Koalition aus.179 Am
28. Dezember 1626 wurde in Pressburg ein Friedensvertrag unterschrieben,
der im Grundsatz eine Erneuerung des Nikolsburger Friedens war. Damit
endete die Auseinandersetzung zwischen Bethlen und Ferdinand II.
Das Ausscheiden Bethlens bedeutete für den Kaiser eine grundlegende
Veränderung der strategischen Gesamtlage; von nun an konnte er sich aus­
schließlich auf die Kriegsschauplätze im Reich konzentrieren - auch des­
halb, weil die Kräfte des Osmanischen Reichs durch den immer wieder auf­
flackernden Krieg gegen die schiitischen Perser gebunden waren, die den
Osmanen in Mesopotamien eine Reihe schwerer Niederlagen bereitet hat­
ten.180Im Vertrag von Zsön wurde im September 1627 der Frieden zwischen
32 2 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Der Kupferstich zeigt


Bethlen Gabor im Alter
von vierzig Jahren als
ungarischen König, worauf
unter anderem die Kleidung
hindeutet. Da er als Fürst
von Siebenbürgen Vasall des
türkischen Sultans war, legte
Bethlen auf den ungarischen
Königstitel allergrößten
Wert. Er konnte allerdings
nur Teile Ungarns dauerhaft
unter seiner Herrschaft
halten und wurde in den
diversen Friedensverträgen,
die er mit dem Kaiser
schloss, auch nur für diese
anerkannt.

Habsburgern und Osmanen besiegelt, und dieser Frieden hielt für mehrere
Jahrzehnte. Das bedeutete für die politisch-militärischen Konstellationen
im Reich mittelfristig eine größere Veränderung als der große Sieg, den
Tilly zwischenzeitlich über Christian von Dänemark errungen hatte.181

Die Truppen Mansfelds bezogen Mitte Oktober an der unteren Gran


(Hron) ein Heerlager, in dem beraten wurde, welche Möglichkeiten blie­
ben, den Feldzug fortzuführen. Das in Havelberg aufgebrochene Heer
war seit dem späten August zweigeteilt, und zwar in den Hauptverband
in Ungarn und die unter dem Kommando Joachim von Mitzlaffs in Trop-
pau, Teschen und Jägerndorf zur Kontrolle Schlesiens zurückgelassenen
Einheiten. Es lag nahe, beide Heeresteile wieder zu vereinen. Solange das
Heer Wallensteins in Ungarn stand, hatte Bethlen darauf gedrängt, die in
Schlesien zurückgebliebenen Verbände nach Ungarn zu ziehen. Das hatte
Mansfeld jedoch abgelehnt, weil es daraufhinausgelaufen wäre, Schlesien
Der oberösterreichische Bauernaufstand 3i 3

aufzugeben und sich ganz auf den ungarischen Kriegsschauplatz zu kon­


zentrieren, von dem er inzwischen wusste, dass das Heer dort nicht zu ver­
sorgen war. Es war somit sinnvoller, mit den in Ungarn stehenden Truppen
nach Schlesien zurückzukehren, um die dortigen Positionen zu halten und
das Heer wieder aufzufüllen. Damit war jedoch Herzog Johann Ernst nicht
einverstanden, weil es dem Auftrag widersprach, sich mit den Truppen
Bethlens zu vereinigen. Außerdem befürchtete er, ein Rückzug des Heeres
werde die Soldaten demoralisieren und die ohnehin hohe Desertionsquote
weiter in die Höhe treiben. Abermals kam es zum Streit zwischen den bei­
den Heerführern.
In dieser Situation entschloss sich Mansfeld, seine Truppen Bethlen zu
unterstellen und das Heer zu verlassen, um durch den türkisch kontrollier­
ten Teil Ungarns Bosnien zu erreichen. Von einem der dortigen Häfen aus
wollte er nach Venedig reisen und mit dem Rat der Seerepublik über neue
Geldzuweisungen verhandeln. Mansfeld tauschte also wieder einmal die
Rolle, der kommandierende General trat als Rriegsunternehmer auf.182 In
der ersten Novemberwoche verließ er in Begleitung einiger Offiziere und
eskortiert von einer Schar türkischer Reiter das Heer. Über Ofen wollte er
entweder das mit den Osmanen verbündete Ragusa oder das venezianische
Spalato erreichen. In der Nähe von Sarajewo erlitt er jedoch einen Blut­
sturz; am Abend diktierte er seinen letzten Willen, und in der Nacht zum
30. November starb er im Alter von sechsundvierzig Jahren. Seinen Tod ließ
er als einen heroischen Akt inszenieren. Von Gefolgsleuten aufgerichtet,
wurde ihm der Harnisch angelegt und das Schwert vor ihm in den Boden
gerammt, so dass er sich darauf wie auf einen Stock stützen konnte: Ein
Heerführer starb nicht im Bett, sondern stehend und in Rüstung.183 Zwei
Wochen später starb auch Johann Ernst, womöglich an einer Lebensmittel­
vergiftung, vielleicht auch an einer Krankheit, an der er seit dem Sommer
laborierte.184 Der Weimarer Herzog war dreiunddreißig Jahre alt. Bethlen
Gabor blieben nach dem Frieden von Pressburg noch drei Jahre, bis er an
der Wassersucht starb. Mehr noch als auf dem Schlachtfeld forderte der
Krieg seinen Tribut durch Krankheit und Auszehrung.
3M FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

Die Schlacht von


Lutter am Barenberg

Seit Mai 1626 führte Tilly einen Belagerungskrieg, in dessen Verlauf er dem
Dänenkönig eine besetzte Festungsstadt nach der anderen wegnahm. Als
Erstes war Hannoversch Münden an der Reihe, am Zusammenfluss von
Fulda und Werra gelegen, also ein Ort von einiger strategischer Bedeutung.
Wer Münden beherrschte, kontrollierte den nordhessisch-südniedersächsi-
schen Raum, und daran musste Tilly gelegen sein, nachdem Christian von
Braunschweig wenige Wochen zuvor den Versuch unternommen hatte, in
Hessen-Kassel einen Kriegsschauplatz in seinem Rücken zu eröffnen.185
Hatte Tilly Münden in der Hand, so würde das künftig nicht mehr mög­
lich sein. Die Stadt wurde von 800 Soldaten unter Oberst Lawis verteidigt.
Der verweigerte bei der üblichen dreimaligen Kapitulationsaufforderung
die Übergabe,186 woraufhin die Artillerie Tillys eine breite Bresche in die
herkömmlich gebauten Stadtmauern schoss. Lawis setzte darauf, dass die
Angreifer durch die vor der Mauerbresche fließende Werra aufgehalten
würden, doch die fanden an zwei Stellen eine Furt, überschritten den Fluss
und drangen in die Stadt ein. Die Verteidiger zogen sich auf den Friedhof
zurück, konnten sich dort aber nicht halten. Zuletzt leisteten sie im Schloss
Widerstand, wo sie samt und sonders getötet wurden. Weil ein Mündener
Bürger angeblich eine mit Splittern und Nägeln geladene Kanone aus kur­
zer Distanz auf die Angreifer abgefeuert hatte, richtete sich die Gewalt der
Eroberer nicht nur gegen die Soldaten, sondern auch gegen die Bevölke­
rung der Stadt. Über 1000 Einwohner wurden in einem furchtbaren Mas­
saker getötet.187
Tilly ist diesem Morden nicht entgegengetreten. Das hat eine gewisse
Bedeutung für die Beurteilung seines Verhaltens bei der späteren Erobe­
rung Magdeburgs, als es ebenfalls zu einem Massaker kam. Gemäß Kriegs­
recht war nach dreimaliger Ablehnung der Kapitulationsaufforderung die
Plünderung einer im Sturm genommenen Stadt zulässig, und die Soldaten,
die sie verteidigt hatten, durften, auch wenn sie «Quartier» riefen - die
damals übliche Parole, wenn man sich ergeben wollte - , 188 nicht mit Pardon
Die Schlacht von Lutter am Barenberg 315

rechnen. Dass aber die gesamte Einwohnerschaft abgeschlachtet wurde,


war durch keinerlei kriegsrechtliche Regel gedeckt und auch kein Kriegs­
brauch. Offenbar war Tilly bereit, Kriegsrecht und Kriegsbräuche zu igno­
rieren, wenn er sich davon einen Abschreckungseffekt versprach. Das Wort
« magdeburgisieren» als Bezeichnung für die völlige Zerstörung einer Stadt
und die restlose Auslöschung ihrer Bevölkerung geht auf Tillys Eroberung
Magdeburgs zurück, bei der vier Fünftel der Einwohner den Tod fanden;
die entsprechende Praxis gab es - wie an Münden zu sehen - bereits zuvor.
Sicherlich war es heikel, eine in Rage geratene Soldateska im Zaum zu
halten: Sturmangriffe auf einen hartnäckig Widerstand leistenden Feind
waren mit einem hohen Erregungsniveau verbunden, was wiederum die
Voraussetzung dafür war, dass die Angreifer voranstürmten und dabei den
Tod oder schwere Verwundungen in Kauf nahmen. Das konnte sich zu
einem regelrechten Rausch steigern, wenn sich, wie etwa in Münden, das
Gerücht verbreitete, nicht nur das Militär, sondern auch die Bürgerschaft
habe Widerstand geleistet. Solche zur Raserei gesteigerte Erregung entlud
sich allzu off in einem an den gegnerischen Soldaten verübten Massaker.
Wurde eine befestigte Stadt erobert, war - im Unterschied zum Schlacht­
feld, wo sich in der Regel keine Zivilisten aufhielten - die Wahrscheinlich­
keit groß, dass, wie bei der Eroberung Heidelbergs - ebenfalls durch Tilly -,
auch deren Einwohnerschaft Opfer dieser Entladung wurde.189 In solchen
Situationen wäre es die Pflicht der militärischen Führung gewesen, das
Massaker zu stoppen und die Gewaltanwendung zu begrenzen. Das war in
Anbetracht der Wut und der Entfesselung der Soldaten nicht einfach, und
der Umstand, dass Gewaltexzesse des Öfteren eine «Entschädigung» für
ausgebliebene Soldzahlungen waren, machte das Einschreiten der Offiziere
noch schwieriger. Aber es ist doch etwas anderes, wenn der neben Tilly
in die Stadt einreitende Oberst Egon Fürstenberg, der Kommandant des
Regiments, das durch die Mauerbresche gestürmt war und dabei erhebli­
che Verluste erlitten hatte, seinen Soldaten zurief: «Haut die rebellischen
Hunde alle nieder!»190 Spätestens jetzt hätte Tilly eingreifen müssen. Dass
er das nicht tat, war aus heutiger Sicht ein Kriegsverbrechen.
Jenseits der Disposition der Soldaten, Massaker zu begehen,191 gab es
freilich auch eine strategische Rationalität, die hinter solchen Gräueltaten
316 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

stand, und das war deren exemplarischer Charakter. Wenn sich nämlich
herumsprach, was sich bei der Eroberung ereignet hatte und womit man
rechnen musste, wenn man der Kapitulationsaufforderung Tillys keine
Folge leistete, so war das ein starkes Motiv dafür, eine befestigte Stadt ohne
größeren Widerstand zu übergeben. Gleichzeitig war es eine Aufforderung
an die Bürgerschaft, dem Militärkommandanten in den Arm zu fallen, wenn
er Widerstand leisten wollte. Das demonstrative Massaker war ein Strate-
gem, um den potenziellen Interessenkonflikt zwischen Einwohnerschaft
und Verteidigern einer Stadt in einen offenen Gegensatz zu verwandeln
und die einfachen Soldaten zur Befehlsverweigerung zu motivieren. Es gab
also durchaus Gründe dafür, warum Tilly dem Massaker von Münden kei­
nen Einhalt gebot. So kapitulierte Göttingen, die nächste befestigte Stadt,
der er sich näherte, relativ schnell, und als er sich anschließend gegen Nort­
heim wandte, konnte er damit rechnen, dass man dort eher dem Göttinger
als dem Mündener Vorbild folgen würde. Dem wirkte die andere Seite ent­
gegen, indem sie Offiziere, die eine Stadt widerstandslos oder nach bloß
symbolischen Kampfhandlungen übergaben, wegen Feigheit zum Tode
verurteilte und, sofern man ihrer habhaft wurde, öffentlich exekutierte. Die
Androhung des unehrenhaften Todes sollte die Bereitschaft fördern, bei der
Verteidigung einen jedenfalls ehrenhaften Tod zu sterben.

Mit dem Siegeszug Tillys wuchs der Druck auf Moritz, Landgraf von Hes­
sen-Kassel, der nach dem fehlgeschlagenen Vorstoß Christians von Braun­
schweig ohnehin im Verdacht stand, es mit dem Dänen zu halten. Tilly
forderte ihn auf, kaiserliche Garnisonen aufzunehmen beziehungsweise
seine Festungsstädte für kaiserlich-ligistische Einheiten zu öffnen. Weiter­
hin forderte er die Einberufung der Landstände; auf deren Versammlung
sollte der Landgraf erklären, dass er die Regierungsgeschäfte niederlege.
Die lutherisch gesinnte Ritterschaft des Territoriums drängte ihrerseits auf
die Entfernung und Bestrafung der Räte, die sie für die Politik des Land­
grafen verantwortlich machten, während die städtischen Vertreter, die
bisher die landgräfliche Politik unterstützt hatten, vor einem aussichtlosen
Kampf gegen die Übermacht Tillys warnten.192 Moritz warf Tilly daraufhin
in einem langen Schreiben vor, durch die von ihm betriebene Stärkung der
Die Schlacht von Lutter am Barenberg 317

Landstände de facto einen Konfessionswechsel zum Luthertum erzwingen


zu wollen.193 Schließlich begnügte Tilly sich damit, dass Moritz am 19. Juli
ein Revers unterschrieb, in dem er sich zu dreierlei verpflichtete: keine
gegen den Kaiser gerichtete Korrespondenz mit auswärtigen Mächten
mehr zu unterhalten; sich mit der Ritterschaft des Landes nach Maßgabe
der kaiserlichen Erwartungen auszusöhnen; und schließlich in die Festun­
gen seines Landes keine fremden Truppen aufzunehmen und kaiserlich-
ligistischen Truppen jederzeit Durchzug und Quartier zu gewähren. Militä­
risch war Landgraf Moritz damit erst einmal ausgeschaltet.
Die politische Abrechnung mit Moritz kam nicht von Tilly, sondern
von seinem Darmstädter Verwandten: Am 21. April 1626 erging ein durch
den Kölner Erzbischof einzutreibender Vollstreckungsbefehl gegen
Moritz, in dem ihm als Schadensleistung für sein Handeln in der Marbur-
ger Erbstreitigkeit die Zahlung von 1357 000 Gulden auferlegt wurde. Da
Moritz diese Summe nicht zahlen konnte, wurde dem Darmstädter Gläu­
biger ein Großteil der Landgrafschaft: Hessen-Kassel als Pfand zuerkannt,
und diese Verpfändung wurde sogleich mit Hilfe kaiserlich-ligistischer
Truppen durchgesetzt. Es war ein Glücksfall für Hessen-Kassel, dass der
Darmstädter Landgraf am 6. August starb, woraufhin Moritz sieben Monate
später zugunsten seines Sohnes Wilhelm abdankte. Die beiden Nachfol­
ger, besagter Wilhelm in Kassel und Georg II. in Darmstadt, handelten
am 4. Oktober 1627 einen Vergleich aus, in dem die Kasseler als Ausgleich
für die Darmstädter Forderungen die Grafschaft Katzenelnbogen und das
Amt Schmalkalden abtraten. Hessen-Kassel war damit als antikaiserlicher
Akteur vorerst auch politisch erledigt.

Derweil ging der Festungs- und Belagerungskrieg zwischen Christian von


Dänemark und Tilly weiter, und dabei verlor die dänisch-niedersächsische
Seite immer mehr an Boden; ein Detachement Tillys unter Graf Anholt
vertrieb die dänische Besatzung im Bistum Osnabrück, die Herzog Johann
Ernst im Frühjahr dort hinterlassen hatte,194 und am 11. August 1626 kapitu­
lierte Göttingen. Christian begriff, dass er bei dieser Art der Kriegführung
auf Dauer verlieren würde, und entschloss sich, offensiver vorzugehen. Das
war auch deswegen angezeigt, weil die von Wallenstein an der Elbe zurück­
3 i8 FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

gelassenen Truppen sich in Bewegung gesetzt hatten, um zur Hauptarmee


Tillys zu stoßen. Christian wollte diese Vereinigung verhindern und rückte
von Wolfenbüttel auf das Eichsfeld vor. Als die dänische Streitmacht dort
anlangte, hatten die Wallenstein’schen Regimenter unter Oberst Desfours
das Eichsfeld jedoch bereits passiert. Der amerikanische Kriegshistoriker
William Guthrie, der die Schlachten des Dreißigjährigen Krieges einer ein­
gehenden Analyse unterzogen hat, beschreibt die damit für Christian ein­
getretene Lage folgendermaßen: Er hatte die Chance verpasst, Tillybei der
Belagerung einer Stadt anzugreifen, bei welcher der Belagerer in erhöhtem
Maße verwundbar war; es war ihm nicht gelungen, das Wallensteinsche
Armeekorps auf dem Marsch zur Weser zu stellen und zu zerschlagen; und
jetzt sah er sich einem kräftemäßig überlegenen Tilly gegenüber.195 Unter
diesen Umständen blieb Christian nichts anderes übrig, als sich wieder
auf Wolfenbüttel zurückfallen zu lassen, um dort eine feste Position zu
beziehen.
Am 24. August befahl Christian den Rückzug; der Marsch führte am
Westhang des Harzes vorbei. Das war für Tilly die Chance, den Dänen in
schneller Verfolgung zu stellen und ihn zur Schlacht zu zwingen, ganz so,
wie ihm das drei Jahre zuvor mit dem Halberstädter bei Stadtlohn gelungen
war. So kam es vom 25. bis zum 27. August zu fortgesetzten Scharmützeln
zwischen der von General Fuchs geführten Nachhut des dänisch-nieder-
sächsischen Heeres und der von den Wallenstein’schen Reiterregimentern
unter Oberst Desfours gebildeten Vorhut Tillys.196Jetzt wurde für Christian
der Tross zum Hauptproblem, denn auf den von starken Regenfällen auf­
geweichten Wegen kamen die Wagen nur sehr langsam voran. Da die Rück­
zugsstraße durch ausgedehnte Wälder führte, war eine Beschleunigung
durch parallel marschierende Kolonnen nicht möglich. Christian musste
also, wie drei Jahre zuvor der Halberstädter, den Kampf aufnehmen, wenn
er Bagage, Kanonen und einen Teil seines Heeres nicht auf dem Rückzug
verlieren wollte. Nahe dem Dorf Lutter, zu dem auch ein gleichnamiges
Schloss gehörte, beides in der Nähe von Seesen gelegen, stellte er sich zur
Schlacht. General Fuchs hatte Christian nachdrücklich vor einer Schlacht
gewarnt, nachdem er in mehreren Nachhutgefechten die Unterlegenheit
seiner Soldaten registriert hatte; die dänisch-niedersächsischen Truppen
Die Schlacht von Lutter am Barenberg 329

waren demoralisiert. Christian solle sich, wenn es denn sein müsse, zumin­
dest an einem anderen Ort zur Schlacht stellen, da die bezogene Hügelstel­
lung durch die Wälder auf beiden Seiten umgangen werden könne, ohne
dass sich dies verhindern lasse. Es sei besser, die Bagage zu verlieren als das
Heer. Christian jedoch hielt an seiner Entscheidung fest.
Neben dem Umstand, dass das dänisch-niedersächsische Heer über­
wiegend aus kampfunerfahrenen Truppen bestand, waren die Regimenter
aus den darin versammelten Landsmannschaften auch noch bunt zusam­
mengewürfelt: Sie bestanden aus Engländern und Schotten, Franzosen
und Holländern, Holsteinern und, in der großen Mehrzahl, protestanti­
schen Deutschen. Das hätte kein Nachteil sein müssen, wenn diese Einhei­
ten schon einige Male gemeinsam im Kampf gestanden hätten und dabei
«zusammengeschweißt» worden wären, also das Gefühl der Zusammen­
gehörigkeit, des Füreinander-Einstehens, aber auch des Sich-aufeinander-
verlassen-Könnens ausgebildet hätten. Das war aber nicht der Fall, und das
Fehlen eines landsmannschaftlichen Zusammenhalts machte sich negativ
bemerkbar. Hält man den Bericht des Obersten Robert Monro über die
Einsätze seines ausschließlich aus Schotten bestehenden Regiments dage­
gen, so erfährt man, welche Bedeutung das landsmannschaftliche Zusam­
mengehörigkeitsempfinden in einer fremden und feindlichen Umgebung
erlangen konnte. Dieses Schottenregiment, das zunächst in dänischen und
danach in schwedischen Diensten stand, war militärisch sehr viel leistungs­
fähiger als Einheiten, die sich nicht auf solche Kohäsionsfaktoren stützen
konnten.197
Das Gelände bei Lutter war dem am Weißen Berg nicht unähnlich.198
Christian hatte sein Heer in drei Treffen auf einem ansteigenden Hügel
postiert; am Fuß des Hügels zog sich ein Bach, die Neile, mit morastigen
Uferstreifen auf beiden Seiten hin. Er konnte an einer Stelle auf einer Brü­
cke überquert werden. Ansonsten waren Bach und Morast für Fußtruppen
wie Reiterei durchaus passierbar, freilich bei einer deutlichen Verlangsa­
mung der Bewegung und dem absehbaren Verlust der Gefechtsordnung.
Für eine reine Verteidigungsschlacht war die Stellung des dänisch-nieder-
sächsischen Heeres also durchaus geeignet; es hätten allerdings in großem
Stil Verschanzungen aufgeworfen werden müssen, wozu man in der Kürze
33° FO R T G A N G UND A U SW EITU N G

der Zeit nicht gekommen war. Vor allem hätten die Flanken des Heeres im
Hinblick auf die angrenzenden Waldgebiete gesichert werden müssen, was
Christian aus Nachlässigkeit oder Unerfahrenheit unterließ.

Nachdem es an den vorangegangenen Tagen ausgiebig geregnet hatte, war


der 22. August ein sonniger und heißer Tag. Tilly reagierte darauf, indem
er am Vormittag seine Truppen ruhen ließ und sie erst gegen Mittag in
Gefechtsformation brachte; Christians Heer stand dagegen seit dem Mor­
gen in Schlachtlinie. Von Mittag an hatte Tilly die Sonne im Rücken, wäh­
rend sie den dänisch-niedersächsischen Soldaten im Gesicht stand. Die
dänische Kommandostruktur ging in die Tiefe. Fuchs kommandierte das
erste TrefFen, der König selbst das zweite Treffen, und das dritte Treffen, die
strategische Reserve, stand unter dem Befehl von