Sie sind auf Seite 1von 4

Jahrelang sang er gegen die Mauer an, dann stand er endlich dem

mächtigsten DDR-Funktionär gegenüber: Als Udo Lindenberg vor 20 Jahren


Erich Honecker traf, prallten zwei Welten aufeinander. Heute steht fest: Der
Rock 'n' Roll hat über die Polit-Bürokratie gesiegt.

"Gitarren statt Knarren": Das war der denkwürdige Moment, als Rock 'n' Roll auf Polit-
Bürokratie traf: Udo Lindenberg überreicht dem damaligen SED-Generalsekretär Erich
Honecker bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine E-Gitarre. Laut Lindenberg war
sie "nicht ganz billig". Aufschrift: "Gitarren statt Knarren".

Ein gut versifftes Teil aus dem Gulli

Man muss sich diese Szene ganz plastisch vorstellen, um ihre damalige
Wirkung auf die Menschen diesseits und vor allem jenseits der Mauer
begreifen zu können: Da hatte es der Genosse Generalsekretär nach Jahren
endlich geschafft, zu einem offiziellen Staatsbesuch in die Bundesrepublik,
mithin das Territorium des Klassenfeindes, eingeladen zu werden, und dann
trat ihm dort dieser lederbejackte Lulatsch entgegen, dessen Krachmusik
immer mehr seiner Landsleute daheim in der DDR immer von
eingeschmuggelten LPs und Kassetten abspielten.

Sonderzug: Udo mit Signalkelle und Bahnmütze am Bahnhof in Leipzig. Er gab das
Abfahrt-Signal für den ehemaligen DDR-Regierungszug, den "Sonderzug nach
Pankow", mit dem Fans des Jugendsenders DT64 zu einem Rockkonzert von Leipzig
nach Berlin chauffiert wurden.

"Honey, ich glaub', Du bist doch eigentlich auch ganz locker. Ich weiß, tief in
dir drin, bist Du eigentlich auch'n Rocker. Du ziehst dir doch heimlich auch
gerne mal die Lederjacke an und schließt Dich ein auf'm Klo und hörst West-
Radio", hatte Lindenberg in seinem Sonderzug-Song im Jahr 1983
gezwitschert und den Herrn Honecker einen "Oberindianer" genannt. Die
Lederjacke schickte er ihm wenig später hinterher, ein "altes, gut versifftes
Teil aus dem Gulli", die übrigens, das sei hier der Welt verraten, Lindenbergs
Leibwächter Eduard dereinst im Ruhrpott aufgelesen hatte.
Udos Lederjacke für Honecker: Voilà, das ist das gute Stück, ein "versifftes Teil aus
der Gosse". Die Lederjacke, die Lindenberg dem "Steiff-Tier" Honecker kredenzte, ist
heute im Kulturhistorischen Museum Rostock ausgehängt und wird ab und an in
anderen Ausstellungen gezeigt, so auch - wie hier im Bild - in Leipzig. Ob Honecker
die Kutte jemals trug, ist unklar.

Woraufhin sich Honecker, immerhin so viel Humor bewies er dann doch, mit
einer Schalmei revanchierte. Wozu man wissen muss, dass eine Schalmei -
ein Blasinstrument mit eher volkstümlichem Charakter - ungefähr so gut zu
einer Lederjacke passt wie das Wörtchen "locker" zu einem Generalsekretär.

Geschenk von Honey: So sieht sie aus, die Schalmei, die Udo gemeinsam mit einem
Brief von Erich Honecker bekam. Zuvor hatte der Rocker dem DDR-Staatschef als
Aufforderung zu mehr Toleranz eine Lederjacke geschenkt.

Und nun, am 9. September 1987, stand Lindenberg dem Oberindianer endlich


persönlich gegenüber. Nicht in Ost-Berlin, nicht in Leipzig, nein, in Wuppertal.

Gitarren statt Knarren

"Der ganze Tag bestand eigentlich nur aus Protokoll", erinnert sich
Lindenberg und nippt am Tee. "Aber Protokoll ist ja nicht so mein Ding. Ich
mach' Freistil. Das Ganze war eine Plattform gegen noch mehr Raketen auf
deutschem Boden. Von deutschem Boden nie wieder Krieg, lautete unser
Spruch. Habe ich mir gedacht, okay, nachdem du mir diese schöne Schalmei
geschenkt hast, da kriegst du eben noch ein Geschenk - eine schöne Gitarre
mit 'nem Spruch drauf: 'Gitarren statt Knarren'. Als Zeichen für die Jungs
drüben: Wir kommen mit Konzerten, im Frieden, für eine gemeinsame
deutsche Haltung gegen das Kriegsgeschehen weltweit.
"Das Treffen in Wuppertal haben wir dann subversiv gemanagt. Damals
hatte ich ein paar Freunde da unten, die sagten, wir kriegen das hin, wir
bauen das irgendwie ein. Honey hatte im Ruhrgebiet ein ziemliches
Besuchsprogramm. In anderen Städten war ich ausgeladen worden, nachdem
man mir erst eine Begegnung mit ihm zugesagt hatte. Im Saarland sollte ich
beim Bankett neben ihm sitzen und bisschen erzählen. Aber ne: 'Das ist zu
locker', sagten sie, 'das Steiff-Tier und daneben die Panik-Nachtigall, das
kriegen wir nicht geregelt.' Also haben sie mich ausgeladen. Aber in
Wuppertal klappte es dann: Schnell und gut, der Mann mit Hut, mit Gitarren

statt Knarren. "

Begegnung der panischen Art

"Da war natürlich alles abgesperrt, aber dann schleichst du dich unauffällig
wie 'ne Wildkatze durch einen Seiteneingang, dann geht das schon irgendwie.
Das Raubtier wird Mensch. Natürlich wussten ein paar Experten Bescheid.
Und ihm hatten sie das wohl auch schon geflüstert: 'Jetzt kommt es zu einer
Begegnung der panischen Art, aber ganz kurz nur. Mach dir keine Sorgen,
geht auch ganz schnell.' Es ging dann auch alles sehr schnell. Es war eine
sehr kurze Begegnung: Ich kam da an mit der wunderschönen Gitarre, Gitarre
statt Knarre, und drückte sie ihm in die Flossen. Da stand er da: 'Öh, öh, öh',
so ein bisschen Rudi-Ratlos-mäßig und wusste nicht so genau. 'Nun lassen Sie
mal, Herr Staatsratsvorsitzender, ein schönes Foto machen', habe ich gesagt.
'Sieht aber gut aus, Sie als Rocker kommt doch gut, sehr vorteilhaft und so.'
Er stand da so und wollte die Klampfe immer weiterreichen: 'Ja, ist jetzt
genug.' Ich: 'Noch einen Moment können wir es so lassen.' Und dann habe ich
ihm diesen Spruch gesagt: 'Die Gitarre als Symbol für unsere gemeinsamen
Friedensbemühungen. Gitarren statt Knarren!' 'Wann spielen Sie denn mal
wieder in der DDR?', hat er gefragt. Und ich: 'Wieder? Möchte ich ja gerne, ich
war aber bisher noch nicht da. Darum geht es ja!' Sagte er: 'Ja, das regelt
dann die FDJ.' Ich: 'Okay, gut, dann mal los. Eierlikör als Verpflegung muss
nicht sein, Rotkäppchen-Sekt nehmen wir auch, wir sind ja flexibel.' Er: 'Ja, ja,
das macht dann der FDJ-Vorsitzende Krenz.' Dann musste er schon weiter. Er
war sehr klemmig, ein totales Steifftier. Das war ihm doch ein bisschen

befremdlich, diese Begegnung.'" "