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Bernd Neumann · Gernot Wimmer

Elias Canetti in seiner


Zeit
Kulturelle, wissenschaftliche und
politische Deskriptionen
Elias Canetti in seiner Zeit
Bernd Neumann · Gernot Wimmer

Elias Canetti in seiner


Zeit
Kulturelle, wissenschaftliche und
politische Deskriptionen
Bernd Neumann Gernot Wimmer
NTNU Trondheim Universität Wien
Institutt for språk og litteratur Institut für Germanistik
Trondheim, Norwegen Wien, Österreich

ISBN 978-3-476-05649-8 ISBN 978-3-476-05650-4  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung................................................................................................... 1
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation ..................... 21
1.1 Canetti und das Schreiben: Zur Ausgangssituation ....................... 21
1.2 Ein disparates Werk, so meinungstark wie facettenreich ............. 23
1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa ........ 28
1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau ...................................... 38
1.5 Ein Roman als Vorspiel zur Selbstbiografie ................................... 45
1.6 Judentum, Verwandlung und Menschenfresserei ........................ 52
1.7 ‚Dichtung‘ neben der ‚Wahrheit‘................................................... 58
1.8 Canettis großes Vorbild und seine Nachfolger .............................. 64
1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument ..................... 70
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung ............................. 85
2.1 Das Utopismus-Konzept ................................................................ 86
2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis ......................... 93
2.3 Masse- und Macht-Phänomene .................................................. 101
2.4 Canettis Geschichtsverständnis .................................................. 109
2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘ ............................................................. 124
2.6 Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik ................. 138
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus ...................... 141
3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise ....................... 141
3.2 Kien, der jüdische Sündenbock ................................................... 178
3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen ........................ 191
3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen ............... 200
VI Inhaltsverzeichnis

3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments ............... 208


3.6 Der verlängerte ‚Dolchstoß‘ ........................................................ 225
Konklusion ............................................................................................. 231
Literaturverzeichnis ............................................................................... 241
Einleitung

Canetti hat sich zur Bedeutung der Gemälde, die seine dichterische Ent-
wicklung beeinflussten, wiederholt geäußert. Neben Pieter Bruegels d. Ä.
„Triumph des Todes“ und „Blindensturz“ nennt er im zweiten Teil der vier-
teiligen Autobiografie, in Die Fackel im Ohr, der seine Jahre von 1921 bis
1931 beschreibt, auch ein Gemälde Rembrandt van Rijns. Während ihn
Bruegels Todesszenerie an die Endlichkeit des Menschseins gemahnte,
und damit zu einem „Kampf“ (FO 113) gegen den Tod inspirierte, erklärt
er die Bedeutung von Rembrandts „Die Blendung Simsons“ wie folgt: „An
diesem Bild, vor dem ich oft stand, habe ich erlernt, was Haß ist.“ (FO 114)
Die Darstellung einer unsittlichen Tat, die auf einem Hinterhalt von Delila,
der Geliebten des Opfers, gründet, erregte Canettis Zorn. Der israelitische
Held diente ihm als ethnisch wie ethisch relevanter Repräsentant, mit
dem er sich verbunden fühlte. Martin Bollacher erkennt, dass der „Auto-
biograph“ darin die „Matrix eines antisemitischen Hasses“ ausmacht.1 Die
‚Empathie‘-Perspektive wird durch den Roman bestätigt, der an eine jüdi-
sche Opferthematik gebunden ist. Gleichzeitig weist der Roman eine Dop-
pelbödigkeit auf, weil das Leid eines Einzelnen bzw. einer bestimmten
Ethnie konzeptionell auf einen wirtschaftlich-politischen Komplex bezo-
gen ist. Auch liegen mit der Blendung autobiografische Einschläge vor, die
den Text zu einem fiktionalen Zeugnis der Zeitumstände erheben.
Trotz seines anthropologischen Zuganges, der sich an Macht und Masse
orientiert, zeigt Canetti Gemeinsamkeiten mit ideologischen Positionen
auf dem Feld der Politik.2 Seine frühen politischen Affinitäten bestim-
mend, verweist Göbel auf Übersetzungen von größeren Prosaarbeiten
des Upton Sinclair, die zwischen 1928 und 1932 erschienen (Malik Verlag),

1 Vgl. Martin Bollacher: Canetti und das Judentum. In: „Ein Dichter braucht Ahnen“. Elias
Canetti und die europäische Tradition (= Jahrbuch für Internationale Germanistik:
Reihe A – Kongressberichte; 44). Hg. von Gerald Stieg und Jean-Marie Valentin. Bern
[u.a.]: Lang 1997, S. 37–47, hier: S. 44.
2 Der Begriff der Ideologie wird in einem geweiteten etymologischen Sinn gebraucht,
als adaptierte Ableitung vom Altgriechischen.

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B. Neumann und G. Wimmer, Elias Canetti in seiner Zeit,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4_1
2 Einleitung

sowie auf zwei „kleinere Arbeiten“, einen Essay zu dessen 50. Geburtstag
und die Übersetzung von Mein alter Freund, die in der „Jubiläumsnummer
der ‚Mitteilungen der Sektion Favoriten des Verbandes der sozialistischen
Studenten Österreichs 1928‘“ veröffentlicht wurde.3 Überzeugend
schließt Göbel aus dem Umstand, dass Canetti in dieser Zeitschrift „publi-
ziert“, auf eine „Sympathie mit der österreichischen Sozialdemokratie“.4
Beiläufig, doch treffend, erklärt Sigrid Schmid-Bortenschlager, dass bei
Canetti „trotz seiner kommunistischen Verbindungen (Fischer in Wien,
Herzfeld-Kreis in Berlin)“ die „sozialistische Komponente“ „eher unterbe-
wertet“ wird.5
Die Forschung hat die politischen Verbindungen, die er in seiner Autobio-
grafie marginalisierte – vor allem die Wiener Zeit ist davon betroffen –,
bislang nicht erschöpfend untersucht, wie auch Deborah Holmes zu be-
denken gibt. Sie spricht davon, dass Canettis Beziehung zu den österrei-
chischen Sozialisten vergleichsweise wenig Beachtung zuteilgeworden
sei: „Comparatively little attention has been given to Elias Canetti’s rela-
tionship to the Austrian Social Democrats […].“6 Holmes erklärt sich diese
Leerstelle mit einer intentionalen Verschleierung, mit der Canetti einer
Reduktion auf die sozialistische Haltung vorbeugen wollte: „He wanted to
avoid over-identification with any one political camp – the limitations of
which, even so long after the event, are demonstrated in Veza Canetti’s

3 Vgl. Helmut Göbel: Elias Canetti (= rowohlts monographien; 50585). Reinbek bei Ham-
burg: Rowohlt Taschenbuchverlag 2005, S. 67–69.
4 Vgl. ebenda, S. 69.
5 Vgl. Sigrid Schmid-Bortenschlager: Der Einzelne und seine Masse. Massentheorie und
Literaturkonzeption bei Elias Canetti und Hermann Broch. In: Experte der Macht. Elias
Canetti. Hg. von Kurt Bartsch und dems. Graz: Droschl 1985, S. 116–132, hier: S.
132/Fn. 29.
6 Deborah Holmes: Elias Canetti in Red Vienna. In: The worlds of Elias Canetti. Centenary
essays. Hg. von William C. Donahue und Julian Preece. Newcastle, UK: Cambridge
Scholars Publishing 2007, S. 83–105, hier: S. 83. – Übersetzungen wurden in den je-
weiligen Kapiteln von den Verfassern vorgenommen.
Einleitung 3

reception […].“7 Holmes erkennt darin eine rezeptive Strategie, die Ca-
netti in dem Ansinnen verfolgte, seine weltanschauliche Eigenständigkeit
zu betonen.
Ökonomisch steht Canetti dem marxistischen Theorem nahe, auch wenn
der Ausgangspunkt seiner Anthropologie ein biologischer ist. Geld wird
bei ihm zu einem Machtfaktor, dem zwar jeder Mensch von Natur aus zu-
spricht, der sich aber in Zeiten der Hochmoderne noch verstärkt. Gleiches
gilt für die Massenphänomene, die er im Zeichen der industriemodernen
Zeit stehen sieht. Der grundsätzlichen Unfreiheit des Menschen, die Ca-
netti vielfältig beschreibt, hält er einen innovativen kognitiven Zugang
entgegen, der auf ‚Verwandlung‘, eine Art von ‚Empathie‘, setzt.8 Im Fall
einer Realisierung des vollen utopischen Gehaltes bedeutete dies eine
Rückkehr ins Vorzivilisatorische, in jenem einer moderaten Einsetzung da-
gegen eine Abspaltung vom zweckrationalen Ordnungssystem, das Ca-
netti am Wirken sah. Bereits das soziale Umfeld des Kien, wie auch später
er selbst, wird zum Träger einer Verblendung, die politisch die späte fran-
zisko-josephinische Ära einschließt, im Sinn eines imperialistischen Vor-
laufes, sowie ökonomisch die ‚instrumentelle‘ Ratio.9 So liegen die Para-
meter jener Subjektkrise, die mit dem Protagonisten als ‚deutsche‘ erfahr-
bar wird, in den Bereichen der Staats- und Wirtschaftsform. Erst in Masse
und Macht greift Canetti die zugehörigen Stichworte ‚Versaille‘ und ‚Iden-
titätsentwertung‘ auf – und zwar im nationalistischen Zusammenhang –,
die seinem Dafürhalten nach in der ‚deutschen‘ Zwischenkriegs-Mentali-
tät eine zentrale Position besetzten.

7 Ebenda, S. 104.
8 Der Begriff der Kognition wird im Folgenden in einem weiten Verständnis verwendet,
das nicht ausschließlich den reflexiven Modus der Bewusstwerdung bezeichnet, son-
dern Bewusstes wie Nichtbewusstes umfasst.
9 Siehe hierzu Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Aus den Vor-
trägen und Aufzeichnungen seit Kriegsende. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1967.
4 Einleitung

Was den religiös-ideologischen Einfluss betrifft, ist ein Gespräch von 1992
aufschlussreich, in dem sich Canetti als „Atheist[en]“ bezeichnete.10 Denn
der erwachsene Canetti war, was Religionspraxis und -ideologie betrifft,
weder gläubiger Jude noch Christ. Das wirft die Frage auf, inwieweit er
sich als mythenaffiner Autor zu einem Vertreter eines neu-religiösen Zu-
ganges wandelte. Angesichts seiner Weltsicht, die eine ‚subjektivistische‘
Qualität eignete – wie mit dem Buschmänner-Mythos deutlich wird –, ist
durchaus von einem Irrationalismus zu sprechen. Auch beschwört Canetti
in einer Aufzeichnung von 1943 eine „neue Religion“, die sich eine Über-
windung des Todes zum Ziel setzt, indem sie diesem seine Selbstverständ-
lichkeit nimmt: „Das Wissen kann seine Tödlichkeit erst durch eine neue
Religion verlieren, die den Tod nicht anerkennt.“ (A 66) Thomas Lappe
setzt daher eine „Privat-Eschatologie“ an und eine „Religion“, der er das
Ziel einer „gewünschten – paradoxen – Unsterblichkeit im Leben“ zu-
schreibt.11 Daneben spricht Sven Hanuschek von „Literaturreligion“12 und
Edgar Piel von Canettis Werk als einem „Unternehmen zu einem neuen
Glauben, der den Tod besiegen soll“13. Doch eine klassische Metaphysik,
die vorgibt, naturgesetzliche Prinzipien außer Kraft zu setzen, liegt bei ihm
nicht vor. Selbst die Verwandlungen der australischen Buschmänner, die
etwa das Nahen von Beute emotional erspüren, werden als Resultat einer
archaisch-sinnlichen ‚Empathie‘ beschrieben, die im zivilisierten Men-

10 Vgl. Wenzeslav Konstantinov: Elias Canetti – ein österreichischer Schriftsteller? Ver-


wandlungen zwischen Rustschuk und Wien. https://liternet.bg/publish3/vkonstan-
tinov/canetti.htm (letzter Zugriff 23.08.2018) [Gespräch mit dem Autor vom
18.2.1992].
11 Vgl. Thomas Lappe: Elias Canettis „Aufzeichnungen 1942–1985“. Modell und Dialog
als Konstituenten einer programmatischen Utopie. Aachen: Alano 1989, S. 168 u. 169.
12 Vgl. Sven Hanuschek: „Viele sind eitel, aber wenige dazu auserwählt.“ Elias Canettis
Überlebensstrategien. In: Der Zukunftsfette. Neue Beiträge zum Werk Elias Canettis (=
Beihefte zum Orbis linguarum; 54). Hg. von dems. Dresden: Neisse 2007, S. 225–239,
hier: S. 238.
13 Vgl. Edgar Piel: Elias Canetti (Autorenbücher; 38). München: Beck/Edition Text und
Kritik 1984, S. 174.
Einleitung 5

schen verkümmert ist. Sein utopischer Anspruch, ewiges Leben zu erlan-


gen, zeigt sich so keineswegs metaphysisch fundiert, sondern verbleibt in
einem diffusen Hoffnungshorizont. Hinzu kommt, dass bloß der junge Ca-
netti als expliziter Vertreter der Idee des ewigen Lebens auftritt. Der Ge-
brauch des Begriffes des Irrationalismus erfolgt daher unter den genann-
ten Voraussetzungen.
Canettis ideologische Positionen sind eng an seinen habsburgischen Kul-
turkreis gebunden. Während sich seine industriemoderne Skepsis von ei-
nem Habsburgerreich herleiten lässt, dessen Industriezweige unterentwi-
ckelt waren,14 ist er politisch ein Kind der monarchistisch-konservativen
bzw. sozialistischen Spaltung, die sich auch in der Ersten Republik durch
die Gesellschaftsschichten zog. Dem stellt der junge Canetti als Ausweg
insofern eine Ideologie entgegen, als er das Vorhaben einer kollektiven
Rückkehr in ein vorzivilisatorisches Sein befürwortet, in einen „idealen
Himmel“, wie es in der Blendung heißt. In einer Aufzeichnung von 1953
schreibt Canetti zur Gründung des erforderlichen neuen Mythos,15 dass
„[v]ielleicht“ „alle Gedanken bis heute um einen herum gedacht worden“
sind, „der noch darauf wartet, gedacht zu werden“ (A 187). Eine vorbe-
wusste Wahrnehmung wäre dazu angetan, die Ratio auf ein Rudiment zu
reduzieren.16 Das Extremkonzept der Vorzivilisation, das Canetti als jun-

14 Rürup spricht davon, dass sich für „Österreich bis 1870 keine ähnlich eindeutig ab-
grenzbare Phase einer ‚Industriellen Revolution‘ wie für das spätere Deutsche Reich
feststellen“ lasse; Reinhard Rürup, Bd. 8: Deutschland im 19. Jahrhundert. 1815–1871.
In: Deutsche Geschichte. Hg. von Joachim Leuschner. 10 Bde. 2., durchges. u. bibliogr.
erg. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1992, S. 63. Weiter bezeichnet er die
„Industrialisierung“ im Habsburgerreich als einen „ausgeprägt regionale[n] Vorgang“;
ebenda, S. 63.
15 Der Mythos-Begriff stellt in der Canetti-Forschung ein diffuses Bedeutungsfeld dar. In
dieser Studie realisiert sich insofern eine Präzisierung, als eine Anbindung an die bei-
den Utopie-Varianten des Autors erfolgt.
16 Freud verwendete den Begriff zur Beschreibung eines psychischen Materials, das ori-
ginär dem Unbewussten zugehört, aber ein erhöhtes Potential zur reflexiven Durch-
dringung aufweist. Übertragen auf das Bewusstseinsvermögen der Menschenaffen
6 Einleitung

ger Autor befürwortet, zeigt sich notwendig an einen Zustand des Wah-
nes gebunden, der erst eine derartige Realitätsflucht ermöglicht. Die kog-
nitive Initialzündung tritt bei Individuen in Erscheinung, in denen die
„Masse“, verstanden als „Bestie“, „besonders stark ist und keine Befriedi-
gung findet“ (B 450). Bei dieser Opferschaft, die verstärkt in der moder-
nen Zeit auftritt, ist eine Abkehr von der Industriewirklichkeit per Wahn
zu beobachten. Zugleich hält er kritisch zu dem Kollektiv-„Gedanken“ fest,
dass es „[v]ielleicht“ „noch gar nicht sicher“ ist, „daß er gedacht werden
wird“ (A 187). Wiewohl sich der utopische Wert durch das Vorhaben einer
Todes-Bezwingung definiert, das an das Maximalziel gebunden ist, weist
die zugehörige kognitive Re-Evolution ebenso ein irreales Wesen auf.
Seine Mythenaffinität, die sich gegen Fortschritt und Verstand richtet, ist
bereits in der Strömung der Romantik zu finden. Heike Knoll gibt zu be-
denken, dass der „Mythos als Antipode zu Vernunft, entfremdeter Wirk-
lichkeit und einer in die Legitimationskrise geratenen Kunst“ „seit den An-
fängen der Romantik“ existiert, und betont zugleich Canettis „Anspruch
auf Originalität“.17
Zuweilen hat man Canettis Werk, und nicht nur den Roman Die Blendung,
mit einer Odyssee verglichen. Dieser Vergleich wird auch im Nachfolgen-
den aufgenommen, modifiziert und präzisiert, zudem in den Kontext der
aktuellen Methodendiskussion gestellt. Die Odyssee ist dabei ein durch
europäische Tradition überliefertes Bild, eine zentrale Metapher. Ein der-
artiger Versuch zur Lesbarmachung der (post-postmodernen) Welt kann
sich, sozusagen mit empirischem Fug, auf faktisch Aktuelles stützen: auf

(Gorilla), das Canetti zur Exemplifizierung wählt, wird mit diesem Begriff die Nachran-
gigkeit der Ratio, wie sie den neu-mythischen Menschen kennzeichnet, symbolisch be-
schrieben; Sigmund Freud, Bd. 13: Das Ich und das Es. In: Jenseits des Lustprinzips.
Massenpsychologie und Ich-Analyse. Das Ich und das Es (= Gesammelte Werke. Hg.
von Anna Freud und Edward Bibring [u.a.]. 18 Bde.). London: Imago Publishing Co.
1940, S. 235–289, hier: u.a. S. 241.
17 Vgl. Heike Knoll: Das System Canetti. Zur Rekonstruktion eines Wirklichkeitsentwurfes.
Diss. Frankfurt a. M. 1992. Stuttgart: M und P, Verlag für Wissenschaft und Forschung
1993, S. 156.
Einleitung 7

einen sogenannten Weltbestseller von erheblichen literarisch-hermeneu-


tischen Qualitäten, der im Jahr 2019 (Siedler Verlag) erschienen ist. Die
Rede geht von Daniel Mendelsohns Eine Odyssee, einem Buch, das zwi-
schen Sachbuch und Roman schillert. Laut dem Altphilologen Mendelsohn
vollzieht sich in Homers Epos eine Art Assimilation, in Form einer ‚Tele-
machie‘, die mit den Gesängen 1 bis 4 beginnt.18 So wird das Epos als ein
erster ‚Bildungsroman‘ im Verstand der Begriffseinführung durch Karl
Morgenstern lesbar. Der Mann war ein Schüler des streng philologisch
denkenden Stammvaters der deutschen Klassischen Philologie Friedrich
August Wolf. Im Roman gelangen strenge Textgebundenheit und kultur-
geschichtliche Verankerung breit, unterhaltsam und gleichzeitig gelehrt in
das Geschehen. Das ist ein Beleg für die Wiederentdeckung jener ‚or-
dentlichen Philologie‘, die vor dem zwischenzeitlichen Standard der Post-
moderne lag. Dieser Prozess einer akademischen Umwälzung bewirkt die
Heimkehr in die Verbindlichkeit der Auslegung.
Das hängt eben auch zusammen mit Canettis zentralem Status als Autor
eines umfassenden autobiografischen Werkes. Darf Canetti doch als einer
der letzten europäischen Autobiografen gelten, wenn es sich etwa um die
‚kakanische‘ ‚Welt von Gestern‘ handelt. Der Tatbestand ist inzwischen
auch literaturhistorisch festgeschrieben, denn Canettis Blendungs-Roman
steht in zeitgenössischer Hinsicht neben der Prosa eines Robert Musil
oder Franz Kafka. Aus dieser modernistischen Sicht besticht die „kalku-
lierte Organisation der Zerfallenheit, des Chaos in der Form des Extrems“,
die als „bündige Antwort auf das moderne Problem der ‚Vermassung‘“ zu
verstehen ist.19

18 Siehe Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich. München: Sied-
ler 2019, S. 43.
19 Vgl. Ralf Schnell: Autobiographisches Erzählen: Die siebziger Jahre. In: Geschichte des
deutschsprachigen Romans. Hg. von Volker Meid. Stuttgart: Reclam 2013, S. 680–704,
hier: S. 699.
8 Einleitung

In das Zentrum von Canettis gereifter Weltsicht führt das Verwandlungs-


Konzept. Es ist Teil einer Handlungsanleitung, die ab 1945 einen neuen
zivilisatorischen Weg eröffnen soll. In der Münchner Rede von 1976 be-
schreibt er jene Verwandlungen, die für den „Beruf des Dichters“ bedeut-
sam seien. Ein „Hüter der Verwandlungen“ ist der berufene Dichter in
„zweifachem Sinn“: Zum Ersten wird er sich das „literarische Erbe der
Menschheit zu eigen machen“ (GW 364) – Canetti nennt als „Grundbü-
cher“ Ovids Metamorphosen und Homers Odyssee (GW 365) –,20 um zum
Zweiten dem „Allzweck der Produktion“ ‚entgegenzuwirken‘, denn: „In ei-
ner Welt, die auf Leistung und Spezialisierung angelegt ist, die nichts als
Spitzen sieht, denen man in einer Art von linearer Beschränkung zustrebt,
[…] in einer solchen Welt, die man als die verblendetste aller Welten be-
zeichnen möchte, scheint es von geradezu kardinaler Bedeutung, daß es
welche gibt, die diese Gabe der Verwandlung ihr zum Trotz weiter üben“
(GW 366). Daher rührt beim gereiften Canetti eine entschärfte, minimali-
sierte Utopie, die die Form eines Auftrages an den ‚Hüter‘ annimmt. Die-
sen führt er in seiner poetologisch-programmatischen Rede aus den 70er-
Jahren ein. Canetti beschreibt darin die literarischen Mythen als Verwand-
lungsvorbilder, die erst zu den heutigen zivilisatorischen Errungenschaf-
ten geführt hätten, und kritisiert ein Ausblenden jener Ursprünge: „Von
ihren Wundern [den Verwandlungen der Mythen] erkennt man bloß die,
die durch Erfindungen wahrgemacht wurden und bedenkt nicht, daß wir
jede von diesen ihrem Urbild im Mythos verdanken.“ (GW 370) Der ‚Hü-
ter‘ soll nun, unter Einsatz des geeigneten „literarische[n] Erbe[s]“, eine
zweckrationale, industriemoderne „Welt“ ent-‚blenden‘. Von einer utopi-
schen Rückkehr in die Vorzivilisation, wie das Maximalziel bis 1945 lautet,

20 Ovids Werk bezeichnet Canetti als „beinahe systematische Versammlung aller damals
bekannten, mythischen, ‚höheren‘ Verwandlungen“ (GW 365). Den Gilgamesch-Epos
rechnet er als „ältere[n]“ (GW 365) ebenso zu diesem Ur-Kanon. – Siehe zu Verwand-
lung und ‚Hüterschaft‘, die auch bei Jacob Burckhardt und Franz B. Steiner zu finden
sind: Michael Mack: Anthropology as memory. Elias Canetti’s and Franz Baermann
Steiner’s responses to the Shoah (= Conditio Judaica; 34). Diss. Oxford. Tübingen: Nie-
meyer 2001, S. 41–42.
Einleitung 9

sieht Canetti in der Münchner Rede stillschweigend ab. Zum anderen


dient dem Dichter das Instrument der Verwandlung dazu, sich selbst und
ausgewählten Personen eine literarische Form der Unsterblichkeit zu ver-
schaffen, wobei die Formen und Variationen facettenreich sind.
Was das System der Sprache betrifft, so weist deren Gebrauch für Canetti
stets eine machthaberische Implikation auf, die eine Tendenz zur Massen-
agitation zeigt. Seine Ansicht begründet er mit einer Vernunftergeben-
heit, die in der Hochmoderne zu einem entfesselten Fortschritt geführt
habe. Daher vertritt Canetti die gängigen modernistischen Ressenti-
ments, die im Sprachgebrauch eine Reduktion auf Massentauglichkeit
und Tagesaktualität sehen.21 Im neu-mythischen Extremfall ist nicht län-
ger von Sprache zu sprechen, sondern von einer geräuschhaften Verstän-
digung, die durch einen phonetischen Wechsel, der von der inneren Stim-
mungslage abhängt, gekennzeichnet ist. Die Gorilla-Existenz aus der Blen-
dung, die exemplarisch für die Seinsparameter der ‚vor-prähistorischen‘
Zeit (ARG 250) steht, praktiziert jene variierende Lautgebung. Für diese
tragen die „Gegenstände“ „keine eigentlichen Namen“: „Je nach der Emp-
findung […] hießen sie.“ (B 441) Von einer primitiven Tiersprache hebt sie
sich insofern ab, als Canetti dem neuen Menschen immerhin ein Vorbe-
wusstsein zugesteht. Jener Kognitionsmodus ist notwendig an einen klini-
schen Zustand des Wahnes gebunden. Dieser allein führt, im Zuge einer
Zivilisationsflucht, zu jenem erforderlichen Umschlag im Wahrnehmen.
Mit den unwillkürlichen Lautbildungen, die sich allein aus dem inneren
Befinden des Lautgebers ableiten, schließt Canetti Sprachmuster und wie-
derkehrende Lautmelodien aus. Denn der rationale Einschlag, der zu ei-
nem Rudiment degradiert wird, steht zahllosen Vorgängen der Selbstver-
wandlung nicht länger entgegen. Mit diesen lautlichen Metamorphosen,
die vom Inneren ausgehen, übt sich die vorzivilisatorische Existenz in ‚Em-

21 Eine Kritik am Warencharakter der Sprache formuliert Canetti in der Münchner Rede,
in der er zu bedenken gibt, dass eine „Überzahl der Menschen heute“ des „Sprechens
nicht mehr mächtig“ ist: „sie äußern sich in den Phrasen der Zeitungen und öffentli-
chen Medien“ (GW 367).
10 Einleitung

pathie‘. Im Vorbewusstsein sieht Canetti auch die entscheidende Voraus-


setzung dafür, dass es zu einer sozialen Form der Todesbezwingung
kommt. Denn mit dieser befreienden Kognitionsform sieht er in jungen
Jahren eine Todesvergessenheit eintreten. Die Flucht in die Vorzivilisation
setzte eine kognitive Re-Evolution voraus, die allerdings nicht willentlich
herbeizuführen sei, und würde, was das Verhältnis von Ratio und Gefühl
betrifft, einen Affenmenschen der Meuten erschaffen.
Zu tun hat dies mit einem Logoskeptizismus, der in seiner frühen, extre-
men Form in dem auf Logik basierenden Sprachsystem ein Symptom der
zivilisatorischen Entfremdung vom eigentlichen, vor-prähistorischen Ur-
Selbst sieht. Vor allem in Zeiten der Moderne verdeckte der allgemeine
Sprachgebrauch das originäre Sein, das einst weitgehend frei von rational
berechnenden Machtgelüsten gewesen wäre. In der Hochmoderne wäre
ein Höhepunkt der Starrheit und Gefühlskälte erreicht, der auf der Basis
der Systematisierungen und Differenzierungen (Arbeitsteilung, etc.) den
zwischenmenschlichen Kommunikationsakt, mit seinen unbewussten und
gestischen Signalen, notwendig misslingen ließe. Nur innerhalb des Rah-
mens dieser logozentrischen Beschränkung konstatiert Canetti Formen
der Individualität. Daher nimmt die ‚akustische Maske‘ in seinem poeto-
logischen Verständnis eine zentrale Position ein. Darunter versteht er die
„sprachliche Gestalt eines Menschen, das Gleichbleibende seines Spre-
chens“.22 Die Beziehung zwischen Therese und Kien, die jeweils die Reali-
sierung eines je eigenen „Privatmythus“ anstreben,23 ist dafür beispiel-
haft. Das Roman-Kapitel „Die Millionenerbschaft“ belegt, dass es trotz al-
ler Missverständnisse zu einem einsichtsvollen Moment kommen kann.

22 Vgl. Elias Canetti/Manfred Durzak: Akustische Maske und Maskensprung. Materialien


zu einer Theorie des Dramas. Ein Gespräch. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft
– Gesellschaftswissenschaft; 63). Hg. von dems. Stuttgart: Klett 1983, S. 17–30, hier:
S. 18.
23 Vgl. Elias Canetti/Rudolf Hartung. In: Selbstanzeige. Schriftsteller im Gespräch (= Fi-
scher-Taschenbücher; 1182). Hg. von Werner Koch. Frankfurt a. M.: Fischer Taschen-
buchverlag 1971, S. 27–38, hier: S. 33.
Einleitung 11

Dieses endet damit, dass Kien und Therese „einander zum erstenmal rich-
tig verstanden“ (B 151), also die Erbschaftsabsichten des jeweils anderen
erfassten.
Wie Knoll erkennt, wird bei Canetti die „Sprache zum Paradigma miss-
glückter Welterfassung“.24 Ihrer Ansicht nach handelt es sich um eine
„Einschätzung, die Canetti jedoch nicht der Sprache selbst anlastet, son-
dern die sich gegen die Sprecher richtet“.25 Bedenkt man, dass Sprache
ein auf Ratio basierendes Konstrukt ist, sieht Canetti Sprecher wie Spra-
che gleichermaßen determiniert, durch eine Entwicklung, die in der Mo-
derne zusehends an Dynamik gewinne. Einzig ein von der ‚instrumentel-
len‘ Ratio ‚abgespaltener‘ Zukunftszweig vermöge der Sprache, respek-
tive ihren Sprechern, wie Canettis Überzeugung ab 1945 lautet, ein em-
pathisches Wesen zu verleihen. Am anderen Ende der Utopie steht Canet-
tis Zivilisationsflucht, mit der die semiotische Verbindung überflüssig
würde.26
Zur Funktion jener Sprachmaske, mit der sich Canettis anthropologische
Kategorien in ihrer sozialen Ausstrahlung zeigen, schreibt Manfred
Durzak, dass der „Satiriker“ sein „moralisches Urteil“ „spricht“, „indem er

24 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 109.


25 Vgl. ebenda.
26 In der Broch-Rede von 1936, die maximalutopisch konzipiert ist, erklärt er den „reprä-
sentativen“ Dichter (GW 102) zum „niedrigste[n] Knecht“ der „Zeit“ (GW 101). Als wei-
tere typologische Eigenschaften schreibt er ihm einen „Wille[n] zur Zusammenfassung
seiner Zeit“ (GW 103) und ein sich gegen seine „Zeit“ Stellen (GW 104) zu. Ein „Todes-
haß“ trägt dabei eine leitmotivische Bedeutung: „Denn aus der Tatsache des Todes
leitet sich diese [‚grausam[e]‘] Forderung her.“ (GW 105) Die Maximalutopie zeigt ei-
nerseits eine vorbewusste Todes-Vergessenheit und andererseits einen biologischen
Überwindungs-Anspruch. Im Lauf der Zeit unterliegt er einem Wandel, der hin zu einer
sozialen Dimension führt. Siehe hierzu die Ausführungen im Kapitel „2.4 Canettis Ge-
schichtsverständnis“. Insgesamt reduziert sich der maximalutopische Anspruch zu ei-
nem an der modernen Wirklichkeit ausgerichteten.
12 Einleitung

die Menschen selber sprechen läßt“.27 Unter ‚Maske‘ versteht er einer-


seits die sprachliche Praxis, derer sich das Individuum bedient, wie ande-
rerseits den Grundhabitus an sich. Deshalb fand er in Karl Kraus, der die
von ihm kritisierten Personen auch in ihrem Sprachgebrauch zitierte, in
jungen Jahren ein Vorbild. Canettis fiktionales Werk bezeugt eindrücklich,
dass die moderne Welt, wie er sie sah, eine der zwischenmenschlichen
und empathischen Erstarrung ist. Von daher gilt es für den ‚Hüter‘, der
den Menschen die Augen für die eigene Verblendung zu öffnen hat, in
Sachen Sprachpraxis einen einfachen Satzbau anzuwenden und auf rhe-
torische Figuren möglichst zu verzichten. Denn eine Vorbildrolle, die dazu
angetan ist, mit dem sprachlichen Determinismus souverän zu verfahren,
nimmt jene dichterische Instanz ein. Sie versteht es, die Sprache kognitiv-
dual zu erweitern und als Erkenntnismedium einzusetzen.
Auch Canettis Dramen, die einerseits streng systematisiert und schema-
tisch wirken, unter regelhafter Wiederholung von Motiven, geben ande-
rerseits ein Beispiel dafür, welche Voraussetzungen ein gelingender
künstlerischer Kommunikationsakt in Zeiten der Industriemoderne zu er-
füllen hat. Dem ‚Hüter‘ sei es darum zu tun, sich ‚subjektivistisch‘ in aus-
gewählte Figuren zu verwandeln. Was die Verwirklichung der Sprach-
maske betrifft, hebt Durzak die Unterschiede zwischen den einzelnen Dra-
men hervor. Dabei gelangt er zu der Überzeugung, dass das „Prinzip der
akustischen Maske, das in der Hochzeit und in der Komödie der Eitelkeit
mit der Idee des Grundeinfalls gekoppelt auftaucht, im letzten Stück, den
Befristeten, kaum mehr Bedeutung hat“.28 Canetti bestätigt, dass die
„Idee“ in den Befristeten ist, „daß die Figuren nur in bezug auf ihre Zahlen
bestehen“: „Das geht über die akustische Maske hinaus.“29
Canetti verweist zudem auf seine Haltung zur handlungsmäßigen Entwick-
lung:

27 Vgl. Manfred Durzak: Elias Canettis Weg ins Exil. Vom Dialektstück zur philosophischen
Parabel. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 63).
Hg. von dems. Stuttgart: Klett 1983, S. 121–137, hier: S. 129.
28 Vgl. Canetti/Durzak, akustische Maske und Maskensprung, S. 24.
29 Ebenda.
Einleitung 13

Alles, was einen zeitlichen Ablauf im Sinne von Entwicklung ins Drama hin-
einbringt, ist für mich undramatisch. Die Veränderungen von Figuren er-
eignen sich für mich in Sprüngen. Das ist, was ich den Maskensprung
nenne. […] Es gibt also Mehrfach-Masken, das, was ich den Maskensprung
nenne.30

Davon ausgehend, spricht Durzak von einer Mimesis-Funktion, die sich bei
Canetti „nicht“ auf eine „Wirklichkeit“ bezieht, „die zur Darstellung ge-
bracht wird“, „sondern“ auf die „Sprache“.31 Fraglich ist, ob eine derartige
Engführung auf eine sprachliche Form der Nachahmung sinnvoll ist. Hin-
gewiesen sei etwa auf die sozialkritische Substanz, die handlungsmorali-
sches Fehlverhalten in Zeiten der Hochmoderne vorführt. In diesem Sinn
wäre von einer aristotelischen Form der Mimesis zu sprechen: Der Autor
zeigt, welches Verhalten es zu vermeiden gälte. Deshalb zeichnet sich Ca-
nettis Dramentheorie auch durch eine Art von Katharsis aus, zu der er er-
klärt, dass seine „Auffassung des Dramas“ unter anderem der „Brecht-
schen entgegengesetzt“ ist, weil er keine „Kluft“ will, sondern „Erschütte-
rung“, „Grauen, eine offen anerkannte Teilnahme, wie sie im antiken
Drama schon da war“.32
Während die Rückkehr in die Vorzivilisation das Medium der Sprache zu
einem der ‚inneren‘ Geräusche und lautlichen Wechselhaftigkeit herab-
stufte, sei der Sprachgebrauch, wie er in Zeiten der Hochmoderne erfolgt,
empathisch zu korrigieren. Der maßgebliche Dichter ist dazu berufen, den
verkümmerten Verwandlungs-Sinn zu aktivieren, auch ex negativo, indem
er das Misslingen der Kommunikationsakte beschreibt. Nach Canettis mi-
nimalutopischer Konzeption bedeutete dies einen einfühlsamen Sprach-
gebrauch, der auf Verstehen und Verständnis abzielte. Einsinnig spricht
Lappe in seiner Studie von „‚Sprachmystik‘“ als „Reduzierung auf lautliche

30 Ebenda, S. 29.
31 Vgl. ebenda, S. 21.
32 Vgl. ebenda.
14 Einleitung

Quantitäten“, einer „referenzfreien Autonomie des Wortes“.33 Knoll ver-


weist darauf, dass ein mystisches „Sprachverständnis“ „nicht zuletzt die
Konzeption der ‚Stimmen von Marrakesch‘“ „prägt“: „In seinem Entwurf
einer reinen Sprache gelten die Worte nicht als Vehikel (vermeintlicher)
Kommunikation, sondern behaupten ihre eigene Bedeutung, die sich
schon allein durch die Laute zu erkennen gibt.“34 Knoll leitet davon eine
„Sprachkonzeption“ als „säkularisierten Entwurf“ einer „Sprachmystik“
ab und vertritt die problematische Auffassung, dass diese Canetti zufolge
erst dort ihre Wirkung entfalten kann, wo „Ding und Namen noch unge-
trennt“ sind.35 Doch sowohl die neu-mythische Existenz, mit ihrem vari-
ablen, nach innen gerichteten Lautgebrauch, als auch das Konzept der
‚abgespaltenen‘ Zukunft, mit dem die Ratio zwar synthetisch bereichert
würde, doch weiterhin eine Leitfunktion innehätte, stehen einer naturge-
gebenen Einheit aus Bezeichnetem und Bezeichnendem entgegen.
Als ein weiterer Beleg für Canettis Kritik am Logozentrismus sind die er-
wähnten Stimmen von Marrakesch zu nennen. Dass Canetti im Fall seiner
Marokkoreise, die er in den 50er-Jahren unternahm, die Sprache nicht als
brauchbares Mittel zur Verständigung erlebte, war der touristischen Per-
spektive geschuldet. Doch sein landessprachliches Unwissen war beab-
sichtigt, weil er „nichts von der Kraft der fremdartigen Rufe verlieren“
wollte (SM 21). Das vermeintliche Manko fehlender Fremdsprachen-
kenntnisse, das die Rezeption sprachlicher Vorgänge misslingen ließ,
sollte von den Vorzügen der afrikanischen Naturarchaik überlagert wer-
den. Denn für ihn ist „[j]ede völlig fremde Sprache“ eine „akustische
Maske“ (MM 445). Mit dieser Lautgebung vermittelte sich ihm der Ein-
druck einer Kultur, in die sich die zivilisatorischen Spuren noch nicht in
dem Ausmaß eingezeichnet hatten, wie das in den ‚westlichen‘ Ländern
der Fall war: „Da waren Ereignisse, Bilder, Laute, deren Sinn erst in einem

33 Vgl. Lappe, Aufzeichnungen 1942–1985, S. 48, 49 u. 61.


34 Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 153.
35 Vgl. ebenda, S. 151 u. 154.
Einleitung 15

entsteht; die durch Worte weder aufgenommen noch beschnitten wur-


den; die jenseits von Worten, tiefer und mehrdeutiger sind als diese.“
(SM 21) Ausgehend von seiner kritischen Sicht, die sich zentral auf die in-
dustrielle Produktions-Moderne bezieht, zeigt sich eine Sprachskepsis, die
implizit gegen den politischen Macht- und Massenmissbrauch gerichtet
ist. Darüber hinaus stellt Canetti die Möglichkeit, die Realität mit sprach-
lichen Mitteln umfassend wiederzugeben, infrage. Dagegen gibt er zu be-
denken, dass die sinnlichen Erfahrungen die Schattenseite des Logos bil-
den, die reflexiv nicht zu fassen sei.
Folgerichtig setzte sich Canetti durch die Verwandlungs-Beispiele, die er
in seinem Bericht gibt, in die Position des ‚Hüters‘ ein. Als solcher sieht er
sich dazu berufen, die verkümmerte Anlage zur ‚Empathie‘ zu erwecken.
Die fahrenden Erzähler, die er in Marrakesch auftreten sieht, inspirierten
ihn dazu, auch das Schriftmedium ins Visier zu nehmen: „Unter den Men-
schen unserer Zonen, die der Literatur leben, habe ich mich selten wohl
gefühlt.“ (SM 67) Canetti spricht weiter davon, dass er sie „verachtet“ hat,
weil er „etwas“ an sich „selbst verachte[t]“, und mutmaßt, dass dieses
„Etwas“ das „Papier“ ist: „Hier fand ich mich plötzlich unter Dichtern, zu
denen ich aufsehen konnte, weil es nie ein Wort von ihnen zu lesen gab.“
(SM 67) Die Bevorzugung der Oralität gegenüber der Literalität geht auf
einen Logoskeptizismus zurück, der auf der Hochmoderne mit ihrer
Zweckratio basiert und folglich das Schriftsystem inkludiert.36 Die fahren-
den Erzähler und ihre Zuhörerschaft werden als zivilisatorisch weniger
stark verformte Subjekte beschrieben, die der Überlieferung der Sagen,
Mythen oder Legenden auch in geringerem Maß verpflichtet sind. Denn
der orale Sprachgebrauch jener Erzähler ist weniger starr mit Inhalt auf-
geladen, als das beim Textmedium der Fall ist. Auch vermögen die Vortra-
genden in eine empathische Interaktion mit den Zuhörern, deren Reakti-
onen sich ihnen vermitteln, zu treten. Als solche eignen sie sich eher dazu,
auch wenn dies nicht ihre Profession ist, durch „Verwandlung“ in einem

36 Die Oralität als Wesensmerkmal beschreibt bereits Lappe, der den „Ursprung“ der My-
then im „Mündlichen“ ausmacht; Lappe, Aufzeichnungen 1942–1985, S. 49.
16 Einleitung

„extremen Sinn“ zu „fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten ist“
(GW 367), wie es in der Münchner Rede heißt. Gerhard Melzer fasst die-
sen Sachverhalt in die Worte, dass in den „marokkanischen Aufzeichnun-
gen“ die „Zeichen und Chiffren nicht feste, sondern abgewandelte Bedeu-
tungen“ haben.37
Die fremden Lautspiele, die seinem touristischen Gehör semiotisch nicht
zugänglich sind, nutzt Canetti zur Verklärung einer zivilisationskritischen
Haltung, die im extremsten Fall zu einer Zeit führte, die vor der Zeit liegt.
Sprache brächte im neu-mythischen Fall keinen festgelegten Inhalt mehr
hervor, sondern entstünde lautlich aus dem jeweiligen Empfinden des
„Sprechers“. Da Canetti in jener Reise, die in den 50er-Jahren erfolgte,
bereits das Konzept der Zukunfts-Gabelung vertrat, als moderate Utopie,
die mit der Aufzeichnung von 1945 aufscheint (s. A 93–94), ist vom Vor-
haben einer bloßen Entschärfung der Moderne auszugehen. Abgeleitet
wird diese Misere bei Canetti von einem Fortschritt, der zusehends
zweckrationale Formen annimmt und in eine Zergliederung der Wirklich-
keit mündet. Was Canetti hierin beschwört, ist ein zweck-entfremdeter
Sprachgebrauch, den er, wenn auch nicht zum neu-mythischen Heil, so
zum kleineren zivilisatorischen Übel erhebt.
Neben diesem kritischen Verfahren mit der Sprache, das sich vom ‚west-
lichen‘ Verständnis abhebt, nimmt der Autor auch die Technisierung,
samt dem zugehörigen Wirtschaftssystem, ins Visier, indem er Zeugen der
kolonial-imperialen Herrschaft zu Wort kommen lässt. In einem seiner Ge-
spräche klagt ein Kamelhändler, der nach eigener Aussage im Ersten Welt-
krieg an der Seite von Engländern kämpfte, mit denen er sich „nicht gut“
verstand: „‚Aber heute ist der Krieg kein Krieg mehr. Es ist nicht mehr der
Mann, der zählt, die Maschine ist alles.‘“ (SM 12) Zudem macht sich Ca-
netti Gedanken zur modernen Produktion, die als maschinelle das traditi-
onelle Handwerk ablöst. In modernistischer Manier wird jenen Objekten,

37 Vgl. Gerhard Melzer: Am Rande des Schweigens. Das [Zum] „Geheimnis“ im Werk Elias
Canettis. In: Die verschwiegenen Engel. Aufsätze zur österreichischen Literatur. Graz
[u.a.]: Droschl 1998, S. 101–117, hier: S. 111.
Einleitung 17

die das Ergebnis der Handwerkskunst sind, eine ästhetische Superiorität


zugeschrieben: „Es ist erstaunlich, wieviel Würde diese Gegenstände so
bekommen, die der Mensch gemacht hat.“ (SM 17) Doch störende Ein-
flüsse sind in diesem geografischen Raum bereits auszumachen, denn
„mehr und mehr Gesindel von zweifelhafter Herkunft schleicht sich ein,
von Maschinen erzeugt“ (SM 17). Und anlässlich seiner Begegnung mit
einem Bettler, der Münzen in den Mund steckt und bei den Einheimischen
als Marabu verehrt wird – als Heiliger –, wirft Canetti die bezeichnende
Frage auf: „Was gibt es, das schmutziger wäre als Geld.“ (SM 25) In seiner
Moderneskepsis, die sich in solchen Einlassungen ausdrückt, hatte Canetti
zwar die wirtschaftliche bzw. politische Rückständigkeit, die die ehemali-
gen ‚deutschen‘ Monarchien aufwiesen, gutzuheißen, doch im Vergleich
mit zivilisatorischen Entwicklungsländern tendierte er zur Glorifizierung
von Letzteren.
Neben diesem Beispiel für die Technisierung und die angloamerikanische
Dominanz in Politik und Wirtschaft findet sich eines der Verwandlung, das
aus der Tiersphäre stammt. Einer der Einheimischen schildert den Ge-
ruchssinn des Kamels als Verwandlungs-Gabe, zu der er unter anderem
ausführt: „Wenn es nachts neben seinem Herrn liegt, wittert es Diebe und
weckt den Herrn.“ (SM 14) Die wundersame sinnliche Fähigkeit, die hier
einer Tierart zugeschrieben ist, bezieht sich in Masse und Macht auf das
australische Naturvolk. Anhand der religiösen Baupraxis wiederum, an
der Canetti einen Unterschied in der Mentalität auszumachen meint,
schreibt er dem orientalischen Menschen, indirekt, ein Weniger an Be-
drohlichkeit zu. Fördert doch sein Vergleich der „Minaretts, die sich da
und dort erheben“, mit „Kirchtürme[n]“ ein friedliches Sendungsbewusst-
sein zutage: „Sie sind wohl schlank, aber nicht zugespitzt, ihre Breite ist
oben dieselbe wie unten, und es kommt auf die Plattform in der Höhe an,
von der zum Gebete gerufen wird.“ (SM 29) Dies führt zu Canettis etymo-
logisch gestützter Feststellung, dass die beobachteten Minarettbauten
„eher wie Leuchttürme“ sind, „aber von einer Stimme bewohnt“ (SM 29).
18 Einleitung

Eine gesonderte Bedeutung nimmt, wegen Canettis ethnischer Herkunft


wie zeitgeschichtlicher Zeugenschaft, der Besuch des hiesigen Judenvier-
tels ein. Nachdem Canetti die Mellah besucht hat, spricht er von einer
„glückliche[n] Verzauberung“: „Mir war zumute, als wäre ich nun […] am
Ziel meiner Reise angelangt.“ (SM 40) Canetti fühlt sich in eine Art von
Vor-Vergangenheit zurückversetzt, denn vor „Hunderten von Jahren“ sei
er „hier“ gewesen (SM 40). Göbel spricht von einer „Heimkehr ins spani-
olische Judentum“, einer „Heimkehr sowohl zur eigenen spaniolischen Fa-
milie als auch zu den Ursprüngen der Spaniolen aus der Zeit vor der Ver-
treibung von 1492“.38 Durch Masse und Macht schließlich wird der Leser
mit einem grellen Gegensatz konfrontiert, der sich in der Verhandlung der
jüngeren Geschichtstraumata zeigt. Was sich darin offenbart, in der Klä-
rung der Umstände, die zur Shoa und zum Weltkrieg führten, ist eine Um-
kehr der Rollen von Täter und Opfer.
Canettis Reisebeschreibung entspricht den gängigen Klischees, die man
hinsichtlich Logozentrismus kennt. Marrakesch wird als ein Ort beschrie-
ben, der sich trotz aller Urbanisierung seine Archaik bewahrt hat. Seine
touristische Perspektive beschwört die Minimalutopie, eine Sehnsucht
nach einer ‚verwandelten‘ Industriemoderne. In Anbetracht des finanziel-
len Leides der Juden, das Canetti in seinem Bericht beschreibt, erscheint
die Geldaffinität wie auch der Gelderfolg der jüdischen Ethnie, von der er
in Masse und Macht spricht, als Ergebnis der ‚westlichen‘ Zivilisation.
Dagmar Barnouw sieht in seinem Reisebericht ebenfalls keine neu-mythi-
sche Dimension beschworen, sondern setzt eine „soziale[] Erfahrung“ als
Verwandlungs-Zugewinn an:

Was er in den Stimmen von Marrakesch schildert, sind nicht magische Au-
genblicke der Rückkunft zum Ursprung des Selbst, die dessen Rätsel ein
für allemal lösen, die letzte Verwandlung des Selbst in alle anderen. Es
sind vielmehr Augenblicke einer ‚woanders‘ gemachten sozialen Erfah-
rung des nicht weniger magischen Rätsels der Ankunft, des Selbst als des

38 Vgl. Göbel, Darstellung von Canetti, S. 117.


Einleitung 19

Treffpunkts vieler anderer Menschen, damit vieler weiterer Verwandlun-


gen.39

Letztlich führen alle Bericht-Kapitel in das Zentrum von Canettis gereifter


Weltsicht, eines Logoskeptizismus, der sich zwar dem ‚westlichen‘ Werte-
system entgegenstellt – nämlich der Industriemoderne, als falschem Zu-
kunftszweig –, doch nicht jeglichem Zivilisatorischen als solchem, was
noch für den Autor der Blendung zu gelten hat.

Während Bernd Neumann im ersten Kapitel die kulturellen Verwurzelun-


gen von Elias Canetti untersuchen wird, widmet sich Gernot Wimmer im
zweiten und dritten Kapitel den Fragen zum wissenschaftlichen wie poli-
tischen Zugang.

Trondheim/Wien, Winter 2019


Die Verfasser

39 Dagmar Barnouw: Elias Canetti zur Einführung (= Zur Einführung; 133). Hamburg: Ju-
nius 1996, S. 229.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation

„Assimilation … […] Wissen Sie, was sich wahrscheinlich am Ende herausstellen


wird? Daß wir, wir Juden, mein’ ich, gewissermaßen ein Menschheitsferment
gewesen sind […][.]“ (Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie)40

1.1 Canetti und das Schreiben: Zur Ausgangssituation


Sein literarisches Schaffen war als assimilatorische Lebenstätigkeit im-
mer selbstbiografisch unterfüttert. Die jüdische Assimilation bildet daher
Canettis zentrale Thematik, aus der dann so etwas wie die kollektive Au-
tobiografie des nach Westen strebenden balkanischen Judentums resul-
tierte. Die früh getroffene Entscheidung des Jünglings aus Rustschuk
sollte zu einer Schwindel machenden, nahezu vergleichslosen literari-
schen Apotheose führen. Sie wurde gekrönt mit Nobelpreis und Welt-
ruhm für einen wahren Kosmopoliten, der dennoch nur auf Deutsch zu
schreiben vermochte, wiewohl er nicht nur in Wien und München, son-
dern auch in London und Paris zu Hause war. Mit seiner ausgewiesenen
kulturell-sprachlichen Kompetenz bildete er auch darin eine Ausnahme.
Canettis Werk ist von enigmatischer Prägnanz, die der Garant dafür ist,
dass sich sein Schreiben über den Tod des Verfassers hinaus am Leben
erhält. So sah es der Autor auch selbst, so formulierte er es ausdrücklich
als Maxime. Alle Anstrengungen, den eigenen Nachlass nur sukzessive
freizugeben, sein Biografieverbot für die Zeit von zehn Jahren (ab seinem
Tod gerechnet), in welcher erprobt werden sollte, ob sich seine Texte
auch weiter bewährten, – all dies gehorchte der einen Einsicht, man mag
sie nun vermessen, hybrid oder auch nur rücksichtslos realistisch nen-
nen, dass nämlich der Rätsellose früher zu sterben droht. (Wobei denn
doch zu fragen wäre, ob Canetti nicht auch das Genre der Künstler-Bio-
grafie überschätzte.) Die erste, bereits umfassende und fundierte Biogra-
fie erschien dann genau bei Ausgang der gesetzten Frist. Doch Canettis

40 Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Hg. von Konstanze Fliedl. Salzburg [u.a.]: Residenz
1995, S. 274.

© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch


Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2020
B. Neumann und G. Wimmer, Elias Canetti in seiner Zeit,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4_2
22 1.1 Canetti und das Schreiben: Zur Ausgangssituation

gesamte, so umfangreiche Aufzeichnungen werden, wie auch bestimmte


Briefwechsel, erst im Jahr 2024 freigegeben. Gerade in diesen Verfügun-
gen für das eigene Ableben war Canetti der große, Achtung gebietende
‚Todes-Feind‘ – und darin, wie zu zeigen sein wird, ein eindrucksvoller
Statthalter des europäischen, teilweise noch vorchristlichen Wertesys-
tems. Als ein radikaler Adept des Gilgamesch-Epos brachte Canetti den,
von dort entliehenen, Kampf gegen den Tod in die Literatur Mitteleuro-
pas ein, – an das der sephardische Jude aus Bulgarien sich so konsequent
assimilierte wie sonst wohl nur noch sein großes Vorbild Franz Kafka in
Prag. Die beiden erscheinen darin als die exemplarisch ‚westjüdischen‘
Verfasser einer „neuen Geheimlehre, einer Kabbala“,41 um hier Kafkas
Notiz vom 16.01.1922 zu zitieren. Diese war deswegen ‚neu‘, weil sie die
griechisch-europäischen Elemente so in sich aufgenommen hatte wie zu-
vor Maimonides in Córdoba oder der viel reisende Apostel Paulus im Fall
des sich herausbildenden Christentums.
Als sein Tod nahte, setzte unser literarischer ‚magister ludi‘ eine wir-
kungsmächtige Symbolhandlung: Er ließ seinen Nachlass in der Zentral-
bibliothek Zürich archivieren. Die Wahl des Ortes war viel mehr als nur
eine Liebeserklärung an die Stadt, in der Canetti zur Schule gegangen
war; in der er überdies, eine für ihn hochwichtige Erfahrung, die Entgif-
tung vom Antisemitismus durch kluge, mehr auf Wirkung als auf Political
Correctness bedachte Pädagogik miterleben durfte. Der in Zürich plat-
zierte Nachlass dieses exemplarischen Todes-Feindes, der ihn selbst am
Leben erhalten soll (so wie auch die zahlreichen und meist jüngeren
Frauen, die er zu ‚Delegierten‘ erwählte), umfasst heute gut 100 Schach-
teln im DIN-A3-Format. Was darin ruht, ist teilweise in Kurzschrift ver-
fasst, nämlich in dem Stenografie-System ‚Stolze-Schrey‘. Erst 2024 wird
sich eine wahrhaft umfassende Biografie schreiben lassen (die aber ohne
Hanuscheks bereits vorgelegte biografische Arbeit nicht auskommen

41 Vgl. Franz Kafka: Tagebücher, hg. von Hans-Gerd Koch und Michael Müller [u.a.]. In:
Schriften, Tagebücher. Hg. von Jürgen Born und Gerhard Neumann [u.a.]. 15 Bde.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuchverlag 2002, S. 878.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 23

wird). Insgesamt kann man sich Hanuscheks Folgerung anschließen, was


das Glücken dieser Lebensstrategie betrifft: „Canettis Nachlaß ist ein un-
erschöpflicher Suppenwürfel, aus dem die philologischen Wissenschaf-
ten noch viele Jahre lang ihre Suppen kochen werden […].“42 Das ist tat-
sächlich wahr, wobei erstaunlicherweise, im Unterschied zu seinem gro-
ßen Vorbild Kafka, die Postmoderne sich an Canettis Werk nicht eigent-
lich zu beweisen versucht hat. Ist das womöglich auch deshalb nicht ge-
schehen, weil Canetti sie noch erlebt und tief verächtlich, ganz en pas-
sant, abgetan hat?
Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel und kommen später zur Erör-
terung, mit dem hier unvermeidlichen Paul de Man. Im Folgenden wird
es darum gehen, die Ordnungskonzepte zu rekonstruieren, die hinter Ca-
nettis Konzeption seiner Autobiografie als die eines genuinen Assimilan-
ten erkennbar werden. Sie ergaben sich nämlich von Anfang an auch aus
dem Zusammenprall zwischen Moderne und Postmoderne.

1.2 Ein disparates Werk, so meinungstark wie facettenreich


Canettis Werk musste aus verschiedenen Gründen disparat ausfallen.
Auch deshalb sollte es sich erst einmal weitere Jahre bewähren, ehe der
verewigte Meister seiner eigenen biografischen Entschlüsselung würde
zustimmen können. Sein Placet erfolgte dann aus dem Pantheon der gro-
ßen Dichter heraus. Die verzögerte Rezeption lag auch daran, dass Ca-
nettis Werk (Autobiografien, Dramen und Roman, Essays und Aufzeich-
nungen) zunächst einmal heterogen wirkte und den unmittelbaren, un-
verstellten Zugang erschwerte. Doch dieser Tatbestand war andererseits
auch Canettis Selbstverständnis, als dem eines umfassenden Geistes, ge-
schuldet: ein Magier der Schrift zu sein, der beim Schreiben meinen
konnte, über nahezu unendlich viel Zeit zu verfügen; eine steinalte, hoch-
weise Schildkröte beim Zurücklegen von Marathondistanzen; ein Zen-
Meister der Schrift, dessen vermessenes Ziel schlicht die Unsterblichkeit
hieß.

42 Sven Hanuschek: Elias Canetti. Biographie. München [u.a.]: Hanser 2005, S. 19.
24 1.2 Ein disparates Werk, so meinungstark wie facettenreich

„Eine Lebensgeschichte ist geheim, wie das Leben, von dem es [sic!]
spricht. Erklärte Leben sind keine gewesen“ (A2 442) – das hat dieser Au-
tor, der vor allem ein Selbstbiograf gewesen ist, einmal dekretiert. Der
grammatikalische Fehler darin verrät uns: Sprechen soll hier das Leben
selbst und nicht eine fiktionale Lebensgeschichte. Wie zu sehen sein
wird, spricht Canettis Roman Die Blendung von einer schrecklich-realis-
tisch variierten Lebensgeschichte, die sich erst im Vergleich mit Canettis
Hauptwerk, der Autobiografie, in all ihren Teilen erschließt. Das besaß
seine Logik: Canetti, der als Fortführer des überhaupt ältesten Epos ins
literarische Leben getreten war, daraus die strikte Opposition gegen den
Tod ableitend, konnte gar nicht anders, als eine fast noch schamanen-
hafte Allzuständigkeit zu behaupten. Darin wäre Elias Canettis besondere
Statur als, wenn man so will, Selbstbiograf der (gesamten, aber doch eu-
ropäisch bestimmten) Menschheit zu sehen. Darunter machte es dieser
kauzig-geniale Großschriftsteller nicht, der lange vor seinem Berühmt-
werden bereits als ein „Geheim-Genie“43 (Robert Neumann) galt.
Beim Aufzählen der Gebrechen der Menschheit musste er sich geradezu
als ein Beschwörer der Merseburger Zaubersprüche begreifen. Das galt
für einen, der Leben zuallererst als Verwandlung begriff, realisiert unter
anderem in der Wahl identifikatorischer Menschen, die von den Züricher
Lehrern Eugen Müller und Friedrich Witz bis hin zu Karl Kraus, Abraham
Sonne, Hermann Broch und natürlich – Franz Kafka reichte. Seinen spä-
teren Berlin-Aufenthalt begriff Canetti, trotz aller damit verbundenen
Desillusionierungen, als eine Art von Beseitigung der Vorbilder, was er

43 Vgl. Robert Neumann, Bd. 6: Ein leichtes Leben. Bericht über mich selbst und Zeitge-
nossen. In: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. 15 Bde. München [u.a.]: Desch
1963, S. 112. – Neumann war Canettis allererstes Hass-Objekt, weil er in nahezu allem
sein Gegenteil verkörperte. Während Canetti es gewiss war, für die Nachwelt berühmt
zu werden, wollte Neumann „lebenden Ruhm“, wie Ersterer es selbst niedergeschrie-
ben hat; 20.06.1943, ZB 7; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 343.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 25

als Sachverhalt auch literarisch-künstlerisch höchst einprägsam zu ge-


stalten vermochte.44 Hierbei wird Kulturgeschichte als Lebensgeschichte
sichtbar – und vice versa.
Auch aus diesem Lebenszusammenhang heraus wurden immer wieder
‚Delegierte‘ erwählt (die, wie gesagt, zum Teil mit Canettis zahlreichen
Geliebten identisch waren). Dass, im Gegensatz zu den wichtigsten
Frauen in seinem Leben (seiner Mutter und Veza), diese Geliebten zum
Teil erheblich jünger waren, fügt sich allerdings ins Schema: Sie würden
noch nach seinem Tod Zeugnis von der Bedeutung dieses Mannes als ei-
nes Don Juan der Literatur ablegen können. In seiner Bindung an die Mut-
ter wie an seine Geliebte (und in deren tiefgreifenden Differenzen) war
er der Nachfolger des ersten europäischen Autobiografen Augustin, die-
ses erotischen Platonikers, und darin so etwas wie sein literatur- und kul-
turhistorischer Kontrapunkt.
War dieser Canetti nicht auch ein Spanier, der mit dem Tamburin exo-
tisch hantierend einmal die Komödie der Eitelkeit gelesen hatte,45 ein
moderner Märchenerzähler? Dennoch erschien Canettis „spanische“ Le-
bensbilanz als eine gebrochene: „Das Bedürfnis nach solchen Delegierten
war zweifellos das grösste Arbeitsunglück in meinem Leben. Es ent-
sprang meiner Lust an der mündlichen Rede und dem Bedürfnis, Vorbild
zu sein.“46 Dieser moderne Faun wählte seine zahlreichen Nymphen, die
auch als Künder seiner Größe fungieren sollten, bewusst aus. Daraus re-
sultierte, dass etwa Friedl Benedikt, die für ihn erotisch und in ihrer hei-
teren Gemütsart die anziehendste von allen war, ihn in einem eigenen
Roman eigenwillig-entlarvend, in kalt-ironischer Verehrung, portraitiert

44 Vgl. ebenda, S. 101.


45 Dies ist im Jahr 1935 geschehen: Canetti in Comologno im Schnee sitzend, in dickem
Pullover und Knickerbockern, der Erzähler als Komödiant; siehe Foto bei Hanuschek:
ebenda, S. 295.
46 25.04.1969, ZB 21a; zitiert nach: ebenda, S. 29.
26 1.2 Ein disparates Werk, so meinungstark wie facettenreich

hat: als einen Staubsaugervertreter, der, wasserfallartig redend, zu sei-


nen Verkaufserfolgen gelangt.47 Darunter verstand sie Canetti als einen
manischen Zuhörer, der den Sprachstaub aus allen Ritzen, und den ver-
borgensten sogar, gar meisterlich zusammengekehrt hatte. So werden
die ‚sprachlichen Masken‘ seiner Dramen- wie auch Romanliteratur als
der allüberall aufgelesene, sprachlich-kulturelle Staub des Zeitalters be-
griffen. Elias Canetti, der selbst unbedingt Vorbild sein wollte, hat seiner-
seits Vorbilder gesammelt (und später in der Regel oft rücksichtslos de-
montiert). Begrenzungen erkannte er generell nicht an, auch und gerade
die des überraschenden, blitzartige Einsichten produzierenden Denkens
nicht, das oft zwischen frappierender Nonkonformität und der Banalität
des Gesuchten schwanken konnte.
Statt des archaischen Weiterlebens in größter Nachkommenschaft
wählte er die Form eines literarisch-essayistischen Werkes, dessen Hete-
rogenität seinesgleichen sucht. In einem nahezu 70-jährigen Schreiberle-
ben schuf er es, jeden Tag mit gespitztem Bleistift Seite um Seite be-
schreibend (die er sich aber, anders als Thomas Mann, nicht hanseatisch
pflichtbewusst abverlangte, sondern aus balkanischer Produktionslust
heraus verfertigte). Daraus entstand, als sein selbsterklärtes Hauptwerk,
Masse und Macht, eine vielseitige kulturanthropologische Studie, deren
prismatische Fülle sich der vermessenen Intention schuldet, mit seinem
Werk eine Art von Autobiografie der Menschheit zu schreiben. Geboten
wird hier eine Innensicht jener Mythen, die, vom alten Zweistromland bis
zum modernen London, Paris oder Wien, eben alles Menschsein bis
heute konstituiert und geeint hätten. Der Titel verrät, was als Antrieb da-
hinterstand: der drohende Rückfall in barbarische Zeiten, also die zu Ca-
nettis Lebzeiten sich vollziehende totalitär-faschistische Machtergrei-
fung durch hypnotische Massenbeherrschung.

47 Siehe Anna Sebastian [d. i. Friedl Benedikt]: Das Monster. Hg. von Thomas B. Schu-
mann. Hürth bei Köln [u.a.]: Edition Memoria 2004 (engl. EA 1944).
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 27

Initiiert wurde seine Studie ausgerechnet durch das Erlebnis eines sozia-
listischen Arbeiteraufmarsches, der noch in Canettis Vorkriegs-Wien er-
folgte (und gar nicht frei war von der Lust der Ich-Auslöschung, die zu-
gleich unter Konservativen zu finden war). Ergänzend wie auch kontras-
tierend dazu stehen die einzelnen Autobiografie-Teile mit ihren Stich-
worten ‚Zunge‘, ‚Ohr‘ und ‚Auge‘, die mehrere Jahrzehnte seiner Lebens-
zeit umfassen: von der Geburt in Bulgarien, am Donaustrand, bis zum
Tod der Mutter in Paris, unweit der Seine. Dies alles steht unter dem As-
pekt eines assimilatorischen Hineinwachsens in Europas Kultur.
Mit Blick auf diesen Tatbestand lässt sich begründen, warum gerade die
beiden ersten Bände dieser Lebensbeschreibung das konzentrierte Inte-
resse der Leser wie auch der Literaturwissenschaft auf sich gezogen ha-
ben. Die Autobiografie gilt nicht nur als Bestseller des Autors, sondern
sie war auch entscheidend für die Vergabe des Literatur-Nobelpreises,
wie sie im Jahr 1981 erfolgte. Die Lebenserinnerungen, zu denen ebenso
die Englischen Jahre zählen, wurden begründet (und werden ergänzt)
durch die bislang noch nicht vollständig publizierten Aufzeichnungs-
Bände, die ihrerseits ein Universum bilden, – ein immer noch weithin un-
erschlossenes. So sicherte er sich als Spezialist für das europäische Kul-
turleben schon zu Lebzeiten das Interesse, das sein Nachleben zu verbür-
gen scheint: durch eine Fülle des Disparaten, gebündelt gegen den
Hauptfeind des mythischen Gilgamesch in Stellung gebracht.
Zwischen diesem autobiografischen Universum aber und Canettis einzi-
gem Roman Die Blendung (der als Auftakt für eine achtteilige Romanse-
rie gedacht war) liegen mannigfache Querverweise vor. Sie werden uns
verraten, wo das Herzstück dieses europäisch verbindlichen autobiogra-
fischen Erzählens bei Canetti aufzufinden ist: nämlich in der komplizier-
ten freudianischen Dynamik einer ödipal geprägten Mutter-Sohn-Bezie-
hung, also im Wiener Vermächtnis Freuds. Zu dieser Beziehung gehört
ganz wesentlich die in ihr ausbuchstabierte jüdische Assimilation, die als
bedeutende Leistung der europäischen Kultur gelten darf. Wie aber diese
Psychomechanik in das Canetti’sche Erzählen hineingeriet, als jener Mo-
28 1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa

tor, der das Erzählen erst ins Laufen brachte, auch dies gilt es darzustel-
len. Die Blendung ist dementsprechend, so fühlt man sich versucht zu
formulieren, eine schreckliche (und zugleich komische) Fratze des Unter-
gangs aller Vernunft, entnommen der damals aufschießenden Feuerlohe
totalitär-faschistischer Regression. Die cartesianische Raison, wie sie
einstmals in den Büchern zugegen war, ging darin in Feuer auf; bis sie zu
Asche verbrannt war und verstreut wurde. Das geschah zeitgeschichtlich
im ersten Vorlauf der NS-Herrschaft, und dann wissenschaftlich-metho-
disch im Vollzug der Postmoderne. Canettis Romanheld sollte ursprüng-
lich „Kant“ und nicht „Kien“ heißen und im Untergang ‚Feuer fangen‘ (so
wie die europäische Theorie der Autobiografie, überliefert aus der Auf-
klärung, in de Mans postmoderner Theorie).

1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa


Neben seinem autobiografischen Schreiben, das den größten Umfang
beansprucht, hat Canetti auch Dramen verfasst: Stücke, die der soge-
nannten Wiener Moderne etwa darin verpflichtet sind, dass sie, bei-
spielsweise in Hochzeit oder auch in Komödie der Eitelkeit, die Endzeit
des österreichisch-europäischen Ich-Verfalls beschreiben und die Anfäl-
ligkeit für den Faschismus/Nationalsozialismus apokalyptisch vorweg-
nahmen. Wenn deshalb Horst Bienek 1972, aus Anlass der Büchner-
Preis-Verleihung an Canetti, meinte, dass das Werk der „perpetuierende
Versuch“ sei, „mit verschiedenen Stimmen auf mehreren Ebenen eine
Antwort zu geben“,48 so kann man dem nur zustimmen. Dennoch darf
nicht übersehen werden (und gerade nicht unter dem Aspekt des Auto-
biografischen), dass dieser Elias Canetti stets ein Großmeister und litera-
rischer Hohepriester der Verwandlung war. Deshalb erfolgte seine be-
kannt gewordene Aufforderung an alle Dichter, als ‚Hüter der Verwand-
lungen‘ zu amtieren, wie er sie beispielsweise in Homers Odyssee und in
Ovids Metamorphosen als den verpflichtenden literarisch-kulturellen

48 Vgl. Horst Bienek: Die Zeit entläßt uns nicht. Elias Canetti. In: Der Blinde in der Biblio-
thek. Literarische Portraits. München [u.a.]: Hanser 1986, S. 93–103, hier: S. 101.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 29

Clustern vorliegen sah. Auch Canettis eigenes Schreiben sollte dazu die-
nen, sich das literarische Erbe der Menschheit erneut und variiert anzu-
eignen, als eine Tradition, die ihrerseits an Verwandlungen reich ist. Auf
die zahlreichen Schnittpunkte, an denen sie mit der Bildung des mensch-
lichen Selbst zu schaffen hat, zielte also seine Dichtung. Das war keines-
wegs als bloßes ‚Maskenspiel‘ gemeint, sondern, und im genauen Gegen-
teil dazu, als ein Rückgriff auf das Göttliche in der Literatur selbst.
Darin war Canetti von einem kauzig-verstiegenen (vielleicht auch „spani-
schen“) Stolz getrieben, auch als er in seinem famosen Brief an Gott, der
als Hommage an des Herrn Verwandlungspotential gedacht war, doch
tatsächlich formulierte:

Lieber Gott, verzeih mir, dass du nicht auf der Welt bist […][.] Du warst
abwechselnd böse und gut, herrisch und bescheiden, starr und geschmei-
dig; […] du bist auch hungrig; deine Nahrung gibt es nicht; sie ist zu oft in
Fleisch und Blut verwandelt worden […].49

Das erinnert an den von Canetti bewunderten Kafka, an dessen späte Er-
zählung über die musizierenden Hunde aus Forschungen eines Hundes,
oder eben auch an den Hungerkünstler. In jener Gottesentzogenheit ge-
langt Canetti, der Selber-Menschenbildner, zu sich selbst: „[…] ich könnte
sie [die ‚Nahrung‘] dir reichen; von mir nimmst du keine.“50 Das mochte
so gewesen sein; doch zu ergänzen ist an dieser Stelle, dass es geraume
Zeit, über drei Jahrzehnte, brauchte, bis dieser Elias Canetti, der Brief-
schreiber an den Allmächtigen, selbst gottgleich berühmt geworden war,
am Lebensende und im biblischen Alter. Das wurde ausgerechnet er, der
den zweiten Band zu Masse und Macht wiederholt versprach und nie ge-
schrieben hat; er, der acht Romane schreiben wollte als neue ‚menschli-
che Komödie‘, diesmal der Irren, und der dann tatsächlich einen einzigen
vollendet hat; er, der nach den Befristeten keine Dramen mehr fertigstel-

49 30.10.1944, ZB 8; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 14.


50 30.10.1944, ZB 8; zitiert nach: ebenda.
30 1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa

len konnte, dann aber, mit den Stimmen von Marrakesch, einen eher tou-
ristischen Bestseller schuf. Das war jener ebenso eurozentrische wie
selbstbezogene Canetti, der dann noch ein ganzes System von Aufzeich-
nungen und eine der letzten gültigen Autobiografien Europas schreiben
sollte. Das alles geschah zu Zeiten, in denen ein ehemaliger Nationalso-
zialist, ein Todes-Diener, die vormals Goethe’sche Substanz in der selbst-
biografischen Entelechie schlankweg, doch fremdwortreich zum ‚Mas-
kenspiel‘ erklärte, – was für Canetti selbstverständlich Teufelswerk sein
musste. Denn nicht erst der Nobelpreisträger perhorreszierte den Tod als
den Erzfeind des Menschen. Das erfolgte anfänglich als neuer Gilga-
mesch und dann als neuer Odysseus, womit durchaus ein Fortschritt vor-
liegt, wie zu sehen sein wird.
Dass Canettis europäisches Jahrhundertleben, in seine mehrbändige Au-
tobiografie gefasst und von der Mythen-Erzählung Masse und Macht
flankiert, Werke hervorbrachte, die eine sehr lange Entstehungszeit auf-
wiesen, hing womöglich auch mit seiner sephardischen Herkunft zusam-
men. Aus der Distanz von gut 70 Jahren zeichnete er, in diesem Lebens-
lauf im engeren Sinn, eine exemplarische europäische Autobiografie
nach. Darin zeigen sich die immanenten, europäisch hergebrachten Ge-
setzmäßigkeiten, die er als solche reflektierte. Sein Verfahren beruhte
auf Herkunft wie Erlebnis gleichermaßen, und eben auf der literarischen
Reflexion beider Einflüsse im selbstbiografischen Rückblick.
Gegenüber der orthodoxen Religiosität seiner Herkunftswelt hatte sich
der Denker Canetti seine Unabhängigkeit durch Anschluss an die europä-
ische Vernunft, die von Erasmus über Descartes bis hin zu Kant reichte,
gesichert. Die eschatologische und messianische Dimension des jüdi-
schen Glaubens verlor für ihn früh ihre Gültigkeit. Die endgültige Absage
an sie erfolgte dann aus jener Bannmeile heraus, die Canettis alles über-
schattender Kampf gegen den Tod in ihm errichtete: „Die Menschen kön-
nen nur einander erlösen. Darum verkleidet sich Gott als Mensch.“ (A 52)
Der Komplex wird literarisch beglaubigt durch das neu errichtete Tö-
tungsverbot, das der – mythisch auftretende – sephardische Großvater
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 31

aussprach. Der Anlass dazu war, dass Canetti in Rustschuk jenes Mäd-
chen totschlagen wollte, das ihm den Zugang zur Schrift verweigerte.
Seine frühe kritische Haltung gegenüber den Religionen „bestätigt“ sich,
„wenn er in ‚Die Fackel im Ohr‘ schildert, mit welcher Empörung er als
Kind im Religionsunterricht in Manchester auf die Geschichte von Abra-
hams Opferung des eigenen Sohnes reagierte: Die Anmaßung Gottes,
sich im Verhältnis zu den Menschen eines Todesbefehls zu bedienen,
hielt Canetti für immer davon ab, ‚zum gläubigen Juden zu werden‘
[…].“51 Nun war es freilich in der Glaubenswirklichkeit der Bibel so gewe-
sen, dass der (jüdische) Gott seinen Opferungsbefehl widerrief – und da-
rin Religionsgeschichte schrieb. Der Aufrührer Canetti aber verzeihte kei-
nem Gott, egal welcher religiöser Provenienz, dass der Mensch zu ster-
ben hat. Geradezu empört wies er alle Tröstungen darüber zurück.
Früh reduzierte er die jüdische Offenbarungs- und Verkündigungstheolo-
gie, die ihn als Knaben noch erreicht hatte, auf diesseitige, im Wesentli-
chen soziale Beziehungen. Für diesen von der europäischen Aufklärung
geprägten Geist hatten die eschatologischen und messianischen Dimen-
sionen des jüdischen Glaubens so ihre Gültigkeit verloren. Was Canettis
Selberlebensbeschreibung zu einer für die Aufklärung repräsentativen,
und damit zu einer paradigmatisch europäischen, Schrift erhob, war
nicht zuletzt sein Glaube an das Weiterleben des Autors in seinem Text
auf Erden, statt in einem von Gott lizensierten Jenseits. Davon lebt die
Emphase jenes berühmt gewordenen Beginns der Geretteten Zunge, wo
das Sprechwerkzeug des Knaben vor der balkanischen Gewalt eines ty-
rannischen Erwachsenen gerettet werden muss – um dann in der be-
wahrten Erinnerung seinen Ewigkeitsraum zu finden.
Der sephardische Jude, an einen katholisch-österreichischen Kulturbe-
griff assimiliert, ging hier in die Tradition der europäischen Aufklärung
ein. Auch Canettis großes Vorbild Kafka war auf seine Art ein Kind der

51 Vgl. Martin Bollacher: „Spaniole“ und „deutscher Dichter“. Elias Canettis Verhältnis
zum Judentum. In: Elias Canetti (Text + Kritik; 28). Hg. von Heinz L. Arnold. 4. Aufl.
München: Edition Text und Kritik 2005, S. 92–103, hier: S. 93.
32 1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa

josephinischen Aufklärung gewesen.52 Canetti jedenfalls fand so (para-


doxerweise) zu lutherischer Glaubensgewissheit: Wiewohl sich die Auto-
biografie geradezu emphatisch auf die Authentizität der individuellen Er-
innerung beruft – die Maxime „die Erinnerung sie sollen lassen stân“
(FO 289) erscheint als Umsetzung von Luthers Diktum.53 Damit wird of-
fenkundig, dass die zentralen Themen seines Werkes Verwandlung, Spra-
che, Masse, Macht und Tod lauten. In ihnen arbeiten jene Ordnungssys-
teme, die Canettis Schreiben strukturiert haben. Auch ist das autobiogra-
fisch vergegenwärtigte Leben selbst Teil einer auktorialen Selbstrekon-
struktion, einer literarisch betriebenen Hermeneutik des Selbst, weshalb
Canetti, in Die gerettete Zunge, über seine frühen Kinderjahre schreiben
konnte: „Alles was ich später erlebt habe, war in Rustschuk schon einmal
geschehen.“ (GZ 11) Indem der sephardische Canetti zu einem an die ös-
terreichische Kultur Assimilierten, einem ‚Dichter deutscher Zunge‘ ge-
riet, wurde er zu einem der letzten authentischen Lebensschreiber des
‚alten Europa‘. Diese jahrhundertealte Kultur wurde bewahrt in der zur
Schrift gewordenen Bewältigung der Assimilation. Durzak gibt daher zu
bedenken, dass „Muttersprache und Vaterland“ für ihn „keine sponta-
nen Identifikationsmuster“ waren: „In gewisser Weise war er von Anfang
an im Exil, einfach kraft Herkunft und biographischen Schicksals.“54 Das
jüdische ‚Ferment‘ verlieh seine Verve dem Schreiben derer, denen die
‚kakanische‘ Kultur einst Zutritt gewährt hatte, in einer epochalen Aus-
weitung der Kulturzone, die wohl einzigartig in der Geschichte des Erd-
balls war.

52 Siehe hierzu das Kapitel „Habsburg und die ‚Emancipation der Jüden‘ im Jahr 1883: Ein
für Franz Kafka zentraler Diskurs“ bei: Bernd Neumann: Der andere Franz Kafka. Ein
Prager Dandy zwischen Einsteins Relativitätstheorie und Mozarts Musik. Würzburg:
Königshausen und Neumann 2018, S. 155–159.
53 In Luthers Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“ lautet der erste Vers der vierten
Strophe: „Das wort Sie sollen laßen stan“; Philipp Wackernagel (Hg.): Martin Luthers
geistliche Lieder. Mit den zu seinen Lebzeiten gebräuchlichen Singweisen. Stuttgart:
Samuel G. Liesching 1848, S. 56.
54 Durzak, Elias Canettis Weg ins Exil, S. 123.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 33

Die Gerettete Zunge ist, in ihren Abschnitten zu Manchester, Wien und


Zürich, vor allem eine Bildungsgeschichte. Es gibt, so scheint es, im ge-
samten historischen Fundus der europäischen Autobiografik keine an-
dere Lebensbeschreibung, die so ausschließlich Bildungsgeschichte wä-
re. Das war nicht einmal Gervinus gelungen, und zuvor nicht dem großen
Augustinus.55 Nur bei Canetti, dem einstigen Sepharden, gelangte die En-
kulturation in die (mittel-)europäische Kultur mit dem Bildungsprozess
selbst zur Deckung. Denn Assimilation bedeutete bei den ‚Westjuden‘
den intensiven Erwerb der abendländischen Kultur, ihr existentielles Auf-
gehen darin, also die Beherrschung des neu betretenen kulturellen Fel-
des. Allein dazu diente Canetti das zu Literatur gewordene Bios: „Alle Er-
eignisse außerhalb von Literatur-, Buch-, Kunst-Debatten werden min-
destens auf ihre Bedeutung für ein künftiges, spätestens mit der Nieder-
schrift der Blendung erreichtes Dasein als Dichter bewertet.“56 Durch die
Verschriftlichung erst entlässt das Bios den Kultus aus sich; beide Ord-
nungssysteme weisen darin eine hierarchische Struktur auf. Eben darin
zeigt seine Autobiografie das exemplarische Muster, das die europäische
Selberlebensbeschreibung auszeichnet.
Der Tatbestand besaß seinen besonderen kultur- und politikgeschichtli-
chen Hintergrund. Drei Jahre nach Canettis Geburt erklärte König Ferdi-
nand I. Bulgarien zum unabhängigen Königreich. Das Land und so auch
Canettis Geburtsstätte Rustschuk wurden immer stärker in den gesamt-
europäischen Handel einbezogen, der hauptsächlich mit England und Ös-
terreich als Partnern betrieben wurde. Eine neue bürgerliche Handels-
herren-Schicht, der wesentlich auch die herkunftsstolzen Sepharden zu-
gehörten, entstand. Sie verwandelte die Geburtsstadt Canettis in ein klei-
nes Wien mit Fin-de-Siècle-Gebäuden und zelebrierte vorzüglich
deutsch-österreichische Kultur. Den neuen sozialen Energien entsprach

55 Siehe hierzu Bernd Neumann: Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiogra-
phie (= Athenäum-Paperbacks Germanistik; 3). Diss. Frankfurt a. M. Frankfurt a. M.:
Athenäum 1970, S. 33 u. 52.
56 Hanuschek, Biografie, S. 56.
34 1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa

die Tatsache, dass Canettis Eltern, die zeitweise in Wien zur Schule ge-
gangen waren, das Wiener Deutsch zur Sprache ihrer Liebe erklärten und
darin ein kulturelles Kraftfeld schufen. In jenem sich entfaltenden Gesell-
schaftsraum war auch der Buch- und Drucksektor zunehmend auf die
Habsburger Monarchie ausgerichtet. So überrascht es nicht, dass Wien,
wie Hanuschek schreibt, der „Mittelpunkt des bulgarischen Buchdrucks“
war: „Die kulturelle Elite des Landes studierte vor allem in Wien und in
München, parallel zur Entwicklung der bulgarischen Literatur wurde die
deutsche in Übersetzungen gelesen – Wieland, Lessing, Goethe, Schiller
und Heine waren gewissermaßen auch bulgarische Kanonautoren.“57 Die
Stadt Rustschuk europäisierte sich. Der osmanische Balkan verschwand
sukzessive unter dieser neuen Welthaltigkeit – und dennoch ist die do-
minierende Farbe der Canetti’schen Jugend das „Rot“ (GZ 9) der Leiden-
schaft.
Anderes kam hinzu: Canetti wurde von der Mutter nicht nur das Bewusst-
sein vermittelt, einer reichen Familie anzugehören (in der noch eine ar-
chaisch anmutende, „osmanische“ Sippengehorsamkeit herrschte). Auch
hielten sich die Sepharden für Juden ganz besonderer Art: für ein auser-
wähltes Volk innerhalb des auserwählten Volkes, was jede Assimilation
noch einmal zur besonderen Aufgabe geraten ließ. Canetti freilich eman-
zipierte sich im Sinn der mitteleuropäischen Aufklärung schon bald vom
Glauben seiner Väter. Noch die Spottfigur Fischerle in der Blendung de-
monstriert dies auf ihre Weise.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlers Deutschland musste Ca-
netti, der Religionskritiker, dann realisieren, dass von allen alten wie
neuen Religionen offenbar nur die der Macht übriggeblieben war. Das
war jene Macht, die nicht zuletzt als antisemitisch ausgerichtete den Tod
in sich barg und deshalb bedingungslos zu bekämpfen war. Die Macht der
Masse wiederum, Canettis anderes Leitthema, hatte der Autor in Wien
kennengelernt. Anlässlich des Brandes des Justizpalastes vom 15. Juli
1927 geschah dies. Er erlebte die Masse und die Macht in gleichermaßen

57 Ebenda, S. 34.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 35

archaischen Konfigurationen, – und sah sich (in seiner Opposition zu Sig-


mund Freud und Le Bon) in dem Theorem bestätigt, dass die Masse kei-
nerlei Führer brauche.
Die Gültigkeit von Canettis Theorien in Masse und Macht soll hier nicht
diskutiert, allenfalls kommentiert werden. Erneut bleibt aber festzuhal-
ten, dass seine umfängliche Selbstbiografie auch als eine der Menschheit
gelesen werden kann, stellvertretend durch den Rustschuker Elias Ca-
netti als ihren Advokaten gegen den Tod verfasst. Canettis Lebenserfah-
rung, von den totalitären Ereignissen im 20. Jahrhundert bestimmt, fügte
diesem Themenkomplex immer neue Facetten hinzu. Nicht erst nach
dem Zweiten Weltkrieg, sondern bereits während des Ersten, dessen
Präludium der Balkankriege Canettis Vater zu Tode brachte (in der Schil-
derung des Sohnes), herrschte in einer entgötterten und nur noch sich
selbst verantwortlichen Nietzsche-Welt „das Lachen [als] Freude über
das baldige Fressen“.58
Selbst die europäischen Theoretiker der Macht wie Thomas Hobbes, Jo-
seph de Maistre und eben Friedrich Nietzsche wurden nun zu Canettis
Feinden. Sie paktierten ihrerseits mit der todbringenden Macht. So sah
es jedenfalls der zum deutschen Dichter gewordene, prototypisch assi-
milierte balkanische Jude. In Übereinstimmung damit beschwor Canetti
in seiner Münchner Rede vom Januar 1976 die ‚Berufung‘ des Dichters,
der der Macht und dem Tode abzusagen habe im Dienste der Bewahrung
alles Lebendigen in der Schrift.59 Denn die politische Geschichte war fort-
geschritten. Mit der Atombombe hatte, nach 1945, die neue Bedrohung
einer planetarischen Auslöschung die Welt betreten. Das wiederum be-
stätigte den Autobiografen Europas in der Statuierung der Autonomie ei-
nes postreligiösen Menschen, der ganz allein auf sich selbst gestellt sein

58 Ende März 1934, Block 21, ZB 3; zitiert nach: ebenda, S. 439.


59 In gewisser Weise vollzog Canetti darin die empfindsam-frühromantische Geburt der
neueren Literatur nach, die Albrecht Koschorke facettenreich beschrieben hat: Kör-
perströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. Habil.-Schr. Berlin.
München: Fink 1999.
36 1.3 Die Dramen, die Autobiografie und das aufgeklärte Europa

musste. Dieser sah sich nun ausschließlich auf sich als Individuum gewor-
fen, womit sich das Ziel des Weiterlebens in der schriftlichen Erinnerung
verband. Damit aktualisierte sich mithin die Innerlichkeit des europäi-
schen Menschen, wie Canetti sie unter anderem bei dem Denker Michel
de Montaigne vorgebildet gefunden hatte: „Das Jenseits ist in uns: eine
schwerwiegende Erkenntnis […]. Dies ist die große und unlösbare Zer-
klüftung des modernen Menschen. Denn in uns ist auch das Massengrab
der Geschöpfe.“ (A 220)
Seit seiner Bekanntschaft mit dem Gilgamesch-Mythos führte dieser Au-
tor einen monomanisch-grandiosen Feldzug gegen den Tod. Der Bleistift,
ein Schreibgerät, das zu Dutzenden gespitzt auf dem Schreibtisch vorrä-
tig gehalten wurde, gab das Schwert dieses Mythomanen ab. Die tägliche
Literaturproduktion fungierte als seine Unsterblichkeitsdroge, der er al-
les andere unterordnete, selbst seine mythisch-faunischen Liebesbezie-
hungen. Seine bedingungslose Abneigung gegen Krieg und Gewalt erhielt
er vom gütigen, belesenen Vater vermacht (worin ihn später die Mutter
bestätigte). All das steht für ein prägendes kulturgeschichtliches Rhizom,
entsprach damals auch der Zeit und der Umgebung. Die „meisten Ver-
wandten lebten schließlich noch auf dem Balkan, der Krieg würde für Bul-
garien fatale Folgen haben und den Ersten Weltkrieg einläuten, an des-
sen Ende das Land wirtschaftlich und politisch zerrüttet war“.60
Dennoch ist die Canetti’sche Erzählung vom Herztod des Vaters, der
durch den Beginn der Balkankriege ausgelöst worden sei, eine bloße
Mutmaßung (s. GZ 78). Sie ist mithin ‚Dichtung‘, aber auch ‚Wahrheit‘.
Also könnte man Platons Verdikt nach schlussfolgern, dass die Dichter,
allein indem sie lügen, die Wahrheit ans Licht bringen? Was dieser Schrei-
ber als Mensch erfuhr, ging stets in seine Literatur ein. Selbst Canettis
notorische ‚Menschenfresserei‘, jene intensiven Gespräche mit teils un-
bekannten Personen, die sich ihm gegenüber seelisch entblößten – wie
unter Zwang geschah dies –, fallen darunter. Seine lauschfreudigen Café-
haus-Besuche dienten dem Herstellen der ‚akustischen Masken‘ für die

60 Vgl. Hanuschek, Biografie, S. 51.


1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 37

Theaterstücke. Das war dem weltläufigen, polyglotten Emigranten nur in


Wien (und auch noch in Zürich) möglich. Ruth von Mayenburg, die ade-
lige Gefährtin des Austro-Marxisten Ernst Fischer, war damals in Wien
mit den Canettis gut bekannt und hat den kleinen, bulligen Mann mit
dem gespannten Mund und den scharfen Augen, die hinter einer mäch-
tig-eulenhaften Brille saßen, bestrickend beschrieben. Ausgestattet mit
„Geheimohren“ (O 287), in der Stadt Wien als sein Jagdgebiet, war Ca-
netti stets auf der Pirsch: Die „ausgefallensten Berufe, alle Altersklassen,
sozialen Schichten, die Bildungsstufen vom Analphabeten bis zum Enzyk-
lopädisten“ nahm dieser lauschende Autor in sich auf.61 Unersättlich war
die Gier dieses großschädeligen Brillen- und Schnauzbartträgers auf
Oberklasse-Menschen, auf bekannte Künstler und stadtbekannte Gesell-
schaftsmenschen wie etwa Anna Mahler, „die Tochter Gustav Mahlers,
die in bildschöner Blondheit, von weißen Gipstupfen übersät, in einem
Hietzinger Atelier bildhauerte“.62 Solches geschah eben nicht in London
oder Paris, was seine geografische Grenze keineswegs durch einen Man-
gel an Englisch- oder Französisch-Kenntnissen gezogen bekam, sondern
ausschließlich durch seine Abhängigkeit vom (Wiener wie auch Züricher)
Deutschen bedingt war. Der zum Aufklärungs-Europäer gewordene, vom
Balkan endgültig getrennte Sepharde brauchte für sein autobiografisches
Schreiben einen vertrauten gesellschaftlichen Humus: einen ‚kakani-
schen‘ eben. Darin schwelte wiederum der kommende NS-Antisemitis-
mus, der sich gärend herausbildete und seine Sprachblasen an die Ober-
fläche entsendete, wo sie stinkend explodierten. Canettis Ohren fingen
sie auf. Freilich ergab Canetti sich diesem gärenden Untergrund nie, so
genau er ihn auch studierte, durchwühlte und vermaß – weil er am auf-
klärerisch-klassischen Ideal der europäischen Selbstbiografie festhielt.

61 Vgl. Ruth von Mayenburg: Blaues Blut und rote Fahnen. Ein Leben unter vielen Namen.
Wien [u.a.]: Molden 1969, S. 110.
62 Vgl. ebenda, S. 111.
38 1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau

Anders verhielt es sich darin mit seinem Antipoden de Man, der sich, un-
ter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg, durch das Aufspüren jü-
discher Elemente in der belgischen Literatur darauf vorbereitete, die
klassische Autobiografie in ‚Maskenspiele‘ aufzulösen. Dagegen entstand
Canettis Literatur noch aus einer strikten Resistenz gegenüber dem To-
talitär-Faschistischen (gegen das der Masse und Macht-Autor keines-
wegs von vornherein gefeit zu sein schien). Im Gegensatz zu dem belgi-
schen Kollaborateur war Canetti das entelechische Prinzip durch den gü-
tigen Vater und eine medusenhaft werdende Mutter eingesenkt worden.
Beide Bezugspersonen hatten mit der Welt der Bücher, der österreich-
deutschen Sprache und Kultur zu tun als dem Telos einer Verwandlungs-
Entelechie, einer vollständigen kulturellen Metamorphose. Während de
Man sich ins Rhetorische flüchtete und seine Identität modegerecht um-
montierte, hielt Canetti (das Pathetische war immer schon seine Positur)
tapfer an seinem renaissancehaften Allzuständigkeitsgedanken fest:

Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitstei-
lung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf
zusammenfindet und darüber wieder Eines wird. […] Es ist beinahe sicher,
daß ein solches Unternehmen nicht gelingen kann. Aber die sehr geringe
Aussicht, daß es gelingen könnte, ist an sich schon jede Mühe wert. (A 52)

Das war nicht nur transdisziplinäre Deklamation, denn Canetti löste das
Deklamierte später auch in seiner Selbstbiografie ein: eben weil er in ihr
die Verwandlung gegen das ‚Maskenspiel‘ setzte, darin eine Konzeption
vom ‚ganzen Menschen‘ bewahrend, wie sie Europas Autobiografie von
ihren Anfängen her eingesenkt war.

1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau


Auf diese Weise ist zu rekonstruieren, wie gerade Canetti zum paradig-
matischen europäischen Kultur-Assimilanten geriet. Seine sephardische
Persönlichkeit legte ihn auf die Enkulturation von Beginn an fest und
überstieg diese dann, indem er ihr zu ihrem einzig adäquaten literari-
schen Ausdruck verhalf – vor allem im Spielfeld der Autobiografie als der
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 39

genuin europäischen Literaturgattung. Das wurde diesem Spaniolen nur


darin an der Wiege gesungen, dass die Mutter deutsch-österreichische
Kinderlieder bevorzugt haben wird. Laut Canettis Erinnerungen, darge-
tan in seiner exemplarisch ‚geretteten Zunge‘, herrschte damals am bul-
garischen Gestade des völkerverbindenden Donaustromes keineswegs
ein idyllischer Einklang. Die Eltern etwa sprachen deutsch miteinander,
ein wienerisch gefärbtes Bildungs-Idiom, einen insofern elaborierten
Code, als er den Normen des Burgtheater-Deutschs im fernen Wien ent-
sprechen sollte. Sie verwendeten ihr Deutsch als Sprache ihrer Liebe und
zur Absetzung vom sephardischen Alltag. Auch der Knabe sollte sie nicht
verstehen, die Eltern, deren Liebe als Schauspieler-Dasein am weltbe-
rühmten Wiener Burgtheater inszeniert wurde. Das alles senkte folglich,
mit freudianischer Dialektik, in den Knaben den unwiderstehlichen
Wunsch ein, einmal gerade diese Sprache zu seinem Lebensidiom zu ma-
chen (und keine der zahlreichen anderen, die ihm mühelos zur Verfügung
standen: Ladino, Englisch oder Französisch).
Hier wurde doch tatsächlich einer nicht nur durch die sozialen Energien
seiner Gesellschaft, sondern auch durch die Psychodynamik, wie sie
Freud bereits im fernen Wien ins System gebracht hatte, zu einem rest-
losen Assimilanten, zu einem vollends Enkulturierten vorbestimmt. Darin
war Canetti ein zweiter Kafka, waren beide typische ‚Westjuden‘, wie-
wohl in Kafkas Fall der ödipale Konflikt eine noch größere Rolle einge-
nommen hatte und anders strukturiert gewesen sein dürfte. Canetti
wurde so zu einem Autor, der diesen Prozess autobiografisch beschrieb
wie romanhaft bearbeitete: biografisch in Die gerettete Zunge und fikti-
onal in seinem Roman Die Blendung. Dabei war die Romanfiktion der au-
tobiografischen Wahrheit vorausgegangen, in manchen ihrer Züge ge-
wiss konturschärfer, aber notwendigerweise von geringerer kulturge-
schichtlicher Breite wie Tiefe. Diese doppelte literarische Objektivierung
seines individuell-entelechischen Lebenslaufes stärkte Canettis Rang als
exemplarischen europäischen Autobiografen.
40 1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau

Als Geschichte einer Jugend erschien die ‚Errettung der Zunge‘ 1977.
Weitere wesentliche Organe des Kopfes gaben ihrerseits den Nachfolge-
bänden ihre Titel: den Büchern Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte
1921–1931 und Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937, die dann
1980 bzw. 1985 (ebenfalls in München) erschienen. Mithin vollendete
Canetti den zweiten und dritten Band seiner Autobiografie im achten Le-
bensjahrzehnt. Aber dürfen sie auch als Literaturbeleg für erreichte Le-
bensweisheit gelten? Immerhin kann man Canettis Lebenserinnerungen
allgemein bescheinigen, ein klassisches Alterswerk zu sein in ihrer heik-
len Balance zwischen Intimität und Distanz sowie in dem Bestreben, den
Aufbau des Textes ganz auszurichten auf die zu erreichende Einheit von
Leben und Schreiben. Damit strebte er ein europäisches Ideal an, das seit
den Zeiten der Griechen und Römer bestand, sich aber erst wesentlich
ausbildete mit der mitteleuropäischen Renaissance.63
Elias Canetti strebte durchaus ein integrales Erinnerungsschreiben an,
ohne betonte Selbstanalyse, Erzählexperimente, ideologische Fixierung64
oder bohemische Provokation. So stand er der sich damals konstituieren-
den Moderne mit ihrem desillusionierenden Erzählen entgegen. Er hin-
gegen praktizierte ein pointiertes wie beiläufiges, aber blick- und tiefen-
scharfes Erzählen, das zuweilen sarkastisch war und stets temperament-
voll im Rückblick auf ein langes Leben. Daraus ging der berühmt gewor-
dene Auftakt der Geretteten Zunge hervor, wo der zweijährige Knabe ein
Trauma erfährt, als ihm der Liebhaber eines Dienstmädchens mit dem
Herausschneiden der Zunge droht, damit beider Verhältnis nicht bekannt

63 Siehe zum Subjekt-Begriff Martina Wagner-Egelhaaf: Autobiographie (= Sammlung


Metzler; 323). 2., aktualisierte und erw. Aufl. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2005, S. 203–
204. – Eigler spricht in Bezug auf Canettis Autobiografie davon, dass die „Distanz zwi-
schen schreibendem und beschriebenem Ich in der Lebendigkeit und Intensität der
Erinnerungen zwar nicht aufgehoben, aber doch überbrückbar“ „scheint“; Friederike
Eigler: Das autobiographische Werk von Elias Canetti (= Stauffenburg-Colloquium; 7).
Diss. Washington 1987. Tübingen: Stauffenburg 1988, S. 66.
64 So gibt Eigler zu bedenken, dass Canetti in seinem Anspruch, literarisch „‚Sinn‘“ zu ver-
mitteln, „hinter den Wissensstand der ‚großen Theorien‘ der Moderne (Psychoana-
lyse, Marxismus, Strukturalismus)“ „zurück“-„fällt“; ebenda, S. 196.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 41

werde. Das früh von Sprache und Schrift faszinierte Kind verschwieg das
(eher erahnend wahrgenommene) Verhältnis dann auch.
Es wuchs auf im fast noch orientalischen Milieu einer sich rasant am ös-
terreichisch-ungarischen Modell modernisierenden Donau-Kleinstadt.
Der Knabe sprach noch das altertümliche Spanisch seiner sephardischen
Herkunft. Er wurde – in diesem Idiom – schon früh mit dem archaischen,
teils osmanischen Gewaltcharakter, der innerhalb des Familienverbun-
des herrschte, vertraut gemacht. Der verfügte zwar über Besitz und in-
ternationale Verbindungen, aber die europäische Kultur nahm darin eine
geringere Bedeutung ein. Gegen dessen archaische Bindungsgewalt hat-
ten bereits die Eltern ihren geschilderten Burgtheater-Kultus eingerich-
tet, stets auf das Deutsche als Geheimsprache ihrer Liebesentscheidung
bedacht. Canettis Assimilationswahl erfolgte aus einem anderen Anlass
als bei (dem von ihm hochverehrten) Franz Kafka, der einem ernormen
Sozialdruck ausgesetzt war. Entscheidend war der Wunsch des sephardi-
schen Knaben, untrennbar der deutschsprechenden Liebes- und Kultur-
welt seiner Eltern anzugehören. Das ferne, leuchtende, klingende Wien
erschien darin, westlich donauaufwärts gelegen, sozusagen als das
Schloss des „Grafen West-West“ aus Franz Kafkas letztem Roman, – beim
frühen Canetti war dies ein mythischer Ort, der aus Opernkultur und Psy-
choanalyse bestand.
Wien jedenfalls wurde zum Magnetpol eines exemplarischen europäi-
schen Assimilantenlebens. Entsprechend fand diese Lebenssehnsucht
die einzig angemessene Darstellungsweise im Muster der europäischen
Autobiografie, mit deren Elementen des Bildungsromans. Dem war in der
Thematisierung des lebensgeschichtlich Kennzeichnenden die freiere
Form seines Romans, mit der Blendung, vorausgegangen. Der Sachver-
halt bestätigt lediglich die, hier angesprochene, notorisch enge Verbin-
dung zwischen (deutschem) Bildungsroman und europäischer Autobio-
grafie.
Auch von daher erscheint es als kein Zufall, dass Canettis späterer Durch-
bruch zum Weltschriftsteller (zu dem er in der Zuerkennung des Nobel-
42 1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau

preises avancierte) ganz wesentlich auf seiner Lebensbeschreibung be-


ruhte. Hierin drücken sich die beiden epochalen Grundthemen eines am
bulgarischen Donauufer begonnenen Schriftstellerlebens symbolisch
aus. Zum einen geschieht dies darin, dass der noch balkanisch hitzköpfige
fünfjährige Knabe sich in den Versuch der Tötung einer älteren Cousine
verstrickte. Daraus resultierte das, biblisch hergebrachte, Tötungsverbot,
ausgesprochen durch den Großvater, der zwar schon europäisch-human,
doch noch jüdischer Jehova war. Das geschah mit weitreichenden Folgen
für Canettis kommende Lebenstätigkeit, das Schreiben als dem unbe-
dingten Gegenpol zum Tod. Töten durfte man nicht einmal die, die einen
aus dem Zauberreich der Schrift ausschließen wollten – das musste die-
ser Feuerkopf am Donauufer damals erst lernen. Dabei hatte dieser
Großvater nur nachvollzogen, was bereits der biblische Jehova gegen-
über Abraham statuiert hatte (was aber der frühe Canetti nicht anerken-
nen wollte): die Abschaffung des Menschenopfers.
Als weiteres Todeserlebnis erscheint das Ableben des Vaters, mit dem
sich ebenfalls ein Sprachkonnex herstellte:

Auch der Tod des Vaters, der zeitlich zusammenfällt mit dem Beginn des
Balkankrieges und damit der Herrschaft von Macht, Massengehorsam und
Tod, verschmilzt in der kindlichen Psyche mit dem Glauben an die lebens-
erhaltende Magie der Sprache; durch das Erzählen von Geschichten
kämpft das phantasiebegabte Kind gegen den Einbruch von Krankheit,
Krieg und Vernichtung in seine Welt an.65

Derart geriet das europäisch-humanistische Verfahren, den Tod durch


die (verschriftete) Erinnerung zu bannen, zum lebensgeschichtlichen Mo-
vens für diesen Sepharden.
Zum Zweiten war dieses Verfahren Freuds psychischem, sozialenergeti-
schem Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter ausgesetzt – und darin

65 Cornelia Fischer, Bd. 3: Elias Canetti: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend. In:
Bp–Ck (= Kindlers Neues Literaturlexikon. Hg. von Walter Jens. 20 Bde.). München:
Kindler 1989, S. 575–577, hier: S. 576.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 43

einer Vorliebe, die für die deutschsprachige Kultur bestand. Durch die
psychoanalytische Prägung im balkanischen Rustschuk geriet Canettis Le-
bensthema in eine besondere, eben sephardische, Ontogenese hinein. In
der Folge ergibt sich eine erstaunliche Modellierung des Bildungsverlaufs
durch freudianische Mächte: Als später die Mutter ihren Ehepartner ver-
loren hatte, übertrug sie ihre Bindungslust ganz auf den Sohn. Mit einer
Gewaltkur, gegen alle Regeln einer humanen Pädagogik, führte sie ihn in
das Deutsch als ihre Sprache ein. So wurde er zwangsverbunden mit die-
sem bereits heimlich geliebten Idiom. Derart erfolgte der entscheidende
Spracherwerb für diesen kommenden ‚Dichter deutscher Zunge‘; es tat
sich ein freudianisch zutiefst kontaminiertes Be- und Erziehungsfeld auf,
das von einer nun megärenhaften Mutterfigur beherrscht wurde. Canet-
tis Mutter zwangsassimilierte den Sohn mit der archaischen Gewalt einer
neurotisierten Liebe auch an die Kulturwelt der Literatur und des Thea-
ters. Das geschah vorzugsweise auf dem österreichisch-deutschen Sek-
tor, wie er zu Rustschuker Zeiten für die Eltern noch die ‚Welt bedeutete‘.
Nicht nur hierin scheinen charakteristische Reflexe einer exemplarischen
europäischen Autobiografie auf, die der eines Aurelius Augustinus ent-
spricht (auch im Verhältnis zu einer bereits christlich überzeugten Mut-
ter). Denn der heranwachsende Elias Canetti trat nun die musterhafte
Lebensentwicklung eines assimilierten Juden im deutschsprachigen Be-
reich an (und schrieb, dank seiner literarisch-kulturellen Begabung, am
Ende auch eine musterhaft-kollektive Selbstbiografie). Als kommender
Selbstbiograf nahm Canetti die Geschichte einer Kulturentwicklung in
sich auf, wie sie ausschließlich in Europa auf ihren Gipfelpunkt getrieben
werden konnte.
Dabei hatte der Frauenliebhaber Canetti auch einen Vorläufer in Casa-
nova, der ebenso ein bedeutender Selbstbiograf gewesen ist. In der Lite-
raturgeschichte, deren Überschrift lauten kann „Von Franzos zu Canetti.
Jüdische Autoren aus Österreich“,66 stellt sich Canettis Autobiografie

66 Siehe Mark H. Gelber (Hg.): Von Franzos zu Canetti. Jüdische Autoren aus Österreich
(= Conditio Judaica; 14). Tübingen: Niemeyer 1996.
44 1.4 Eine sephardische Jugend an der Donau

ganz selbstverständlich, und gerade in ihrer Welthaltigkeit, an die Seite


von Casanovas Buch, in dem etwa Vorahnungen zur Französischen Revo-
lution aufblitzten (mit ihrem jakobinischen Terror wie auch der Durch-
setzung der Menschenrechte). Was hier für Canetti gilt, trifft auch auf
Casanova zu: „Der Versuch der narrativen Rekonstruktion einer Lebens-
geschichte verbindet sich mit dem für die neuzeitliche Autobiographie
charakteristischen Authentizitätsanspruch des Erzählens, der Intention,
die wesentlichen Entwicklungslinien und prägenden Einflüsse zu erfas-
sen.“67 An der Tradition will nämlich der, der sich an sie einst assimilierte,
auch im Rückblick emotional, denkerisch, in literarischer Vergewisserung
teilhaben. Darin war er in der Tat ein ‚Hüter‘ der Erinnerung, der der Ge-
walt den Garaus machen wollte: „Das Werk Canettis ist im ganzen nicht
nur eine Materialsammlung all der Schlechtigkeit, die […] von Menschen
bis heute in die Welt gesetzt wurde, vielmehr ist diese Materialsamm-
lung von Anfang an als eine beeindruckende Dokumentation gegen den
Tod angelegt.“68 Diese Stoßrichtung ist auch der europäischen Autobio-
grafie zu eigen. Sie bestimmt deren eigentliche Signatur. Doch Canettis
Ausrichtung ist insofern doppelköpfig, als sie doch in der Identitätsge-
winnung zugleich auch immer die ewige Verwandlung verherrlicht und
mithin das bekannte Goethe’sche Diktum über „Gestaltung, Umgestal-
tung, / Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“, das Mephisto formu-
liert.69 Nur wer den final starr machenden Tod verherrlicht, kann darin
ein bloßes ‚Maskenspiel‘ erblicken. Bereits am Rustschuker Donauufer
wurde über die Gültigkeit der letztzitierten Klassikermaxime entschie-
den.

67 Johannes Pankau (Hg.): Nachwort. In: Arthur Schnitzler, Casanovas Heimfahrt (= Rec-
lams Universal-Bibliothek; 18160). Stuttgart: Reclam 2003, S. 135–156, hier: S. 139.
68 Edgar Piel: Der Gewalt den Garaus machen. Archaische Szenerie und neuer Mythos
bei Canetti. In: Hüter der Verwandlung. Beiträge zum Werk von Elias Canetti. München
[u.a.]: Hanser 1985, S. 148–166, hier: S. 163.
69 Johann W. von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil (= Reclams Universal-Biblio-
thek; 2). Stuttgart: Reclam 1999, S. 49/V. 6287–6288.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 45

1.5 Ein Roman als Vorspiel zur Selbstbiografie


Den angesprochenen Sachverhalt bestätigt jener Roman, der mit Canet-
tis literarischer Entwicklung mannigfach verbunden ist: Die Blendung. Er
war als Auftaktband zu einer vielbändigen ‚Komödie der Irren‘ gedacht,
die aber nie geschrieben wurde. Sein ursprünglicher Titel lautete „Kant
fängt Feuer“ und verwies auf das zentrale Thema des Buches: das Schei-
tern der Aufklärung. Dieses gewann die Form einer Bücherverbrennung
(von heute aus gesehen, eine eindeutige Vorwegnahme nationalsozialis-
tischer Praxis). Der Romanautor wurde zu einem Propheten – und dies in
einem Text, der bereits 1931 abgeschlossen werden (und dann 1936
dank eines Mäzens erstmals erscheinen) konnte. Erst in der Neuauflage,
die durch Carl Hanser in München erfolgte, fand er seine verdiente Be-
achtung.
Die Handlung ist marginal und, wie auch bei Kafka oder Samuel Beckett,
nicht entscheidend, deshalb schnell erzählt. Ein weltfremder Gelehrter
der Sinologie, die Büchersammlung ist sein größter Schatz, gerät an eine
Haushälterin namens Therese. Die Dame gewinnt allein durch gespielte
Ehrfurcht, die sie einem seiner Bücher entgegenbringt, sein Vertrauen
und dann seine Hand. Die Hochzeitsnacht bringt er auf der Toilette zu,
keineswegs gewillt, ihre sexuellen Erwartungen zu erfüllen. Darin drückt
sich auch die Ehe mit Veza aus, die in bestimmten Zügen eben die Prob-
lemgemeinschaft von zwei durch Liebe wie durch literarisch-kulturelle
Interessen voneinander Abhängigen gewesen ist. Die zur Ehefrau avan-
cierte Therese vertreibt diesen Weltfremden mit entscheidender Hilfe ei-
nes Hausmeisters, der bereits unverkennbar totalitär-faschistisch ge-
zeichnet ist, zuerst aus seiner Wohnung und dann aus seinem Dasein.
Beide treiben den Mann in die Enge, bis dieser sich selbst verbrennt, in
der auflodernden Sammlung seiner seltenen, ausgesuchten, fetischisier-
ten Bücher: Das ist ein Menetekel, das zeitlich vor dem Jahr 1933 liegt.
Der Bruder dieses Bücherhelden, ebenfalls ein Dr. Kien, ist ein in Paris
lebender erfolgreicher Psychiater. Er will seinem Bruder helfen. Doch
verkennt er gründlich, dass dieser in seiner radikalen Weltfremdheit
wirklich ver-rückt ist.
46 1.5 Ein Roman als Vorspiel zur Selbstbiografie

In all solch erfundene Szenerie spielt Erlebtes dadurch hinein, dass neben
Canettis Wien auch die Eindrücke aus der Großstadt Berlin zur Geltung
gelangen. In deren Chaos der 20er-Jahre musste er erleben, wie gegen-
über dem dominanten und revolutionären Brecht selbst sein Idol Kraus
zum servilen Plauderer herabsank. Auch der bereits prä-nationalsozialis-
tische Brand des Wiener Justizpalastes aus dem Jahr 1927 samt dem er-
lebten Aufgehen des Individuums in der Masse (und andererseits die be-
sinnungslos ausgeübte Gewalt des Staates), – sie sind beklemmend zu-
gegen und gelangen breit ins Bild. Alle diese Elemente verliehen dem
Text die Canetti’sche Signatur.
Sie entstammen der konstruktivistischen Technik von ‚Sprechmasken‘,
also Dialekt sprechenden Personen, und keineswegs einer harmonischen
Figurenzeichnung. Die Wiener Alltags-Monstren erinnern in manchem an
Kraus’ Letzte Tage der Menschheit, und die ‚akustischen Masken‘ späte-
rer Theaterstücke sind in der romanhaften Gestaltungsweise bereits
sichtbar. Angesiedelt sind diese in einem bereits Dollfuß’schen Öster-
reich, wo das Habsburgische gespenstisch ins Klerikalfaschistische um-
schlägt. Während der Krüppel Fischerle jüdischen Selbsthass und wahn-
hafte Selbstüberschätzung figuriert, gleicht der Hausmeister, in seiner
vorgeblichen Gemütlichkeit, bereits einem SA-Schläger. Das Buch ist da-
rin von einer beklemmenden politisch-zeitgeschichtlichen Hellsichtig-
keit. Es stellt eben nicht nur die Demontage des idealisierten bürgerli-
chen Individuums dar, das Gegenstand der klassischen Selbstbiografie
wie des Bildungsromans war, wie Mechthild Curtius erkannt hat,70 son-
dern überdies dessen Übergang in das NS-Kleinbürgertum.71

70 Curtius spricht davon, dass der Roman „viele Sadismen und andere Pervertierungen
belegt“ und „Menschen dieser psychischen Struktur“ für den „Faschismus anfällig“
sein müssen; Mechthild Curtius: Kritik der Verdinglichung in Canettis Roman Die Blen-
dung. Eine sozialpsychologische Literaturanalyse (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik-
und Literaturwissenschaft; 142). Diss. Marburg 1971. Bonn: Bouvier 1973, S. 75.
71 Siehe hierzu Elemér Tarján: Wirklichkeitsdarstellung in Elias Canettis Roman Die Blen-
dung. In: Die österreichische Nation (Salzburg) 25 1973, S. 50–54, hier: S. 52.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 47

Bis zur Unkenntlichkeit verformt, paradieren nämlich die wichtigen Men-


schen aus Canettis Leben durch diese lakonisch gezeichnete Krisenland-
schaft: der Pariser Psychiater-Bruder, der seinen Mediziner-Bruder Geor-
ges darstellt, so wie Therese, die als eine kompromisslos finstere Spielfi-
gur von Canettis Angebeteter Veza zu entziffern ist (und zugleich als dä-
monisch verhexte Mutter). Jene aus der fürsorglichen Mutterfigur, wie
sie die Gerettete Zunge zeichnet, verstörend herausgesprungene Hexe
fordert, als fiktive Gestalt, nun von Kien all das zurück, was das biografi-
sche Vorbild ihm einst ermöglichte: die Erforschung der Bildungswelt, be-
trieben mit einem kulturell raffinierten Geschmack. Das Leben als Bü-
chererfahrung ist eben das, was Canetti sowohl als Romanautor wie auch
als Autobiograf beschreibt: Enkulturation in eine (zumeist deutschspra-
chige) Kulturwelt hinein, die durch die Mutter (und dann durch Veza) re-
präsentiert erscheint. Überdies waren die beiden deshalb von hoher Re-
levanz für ihn, weil sie ihm Lesezeit, Bücherkenntnis, und darin Leben vo-
raushatten. Ein Frau ist es auch, die dem Helden gegenüber konsequent
als Doppelbinder auftritt, ihn also systematisch ins Netz gegensätzlicher
Forderungen verstrickt, wobei das Double Bind dann exemplarisch lau-
ten kann: „‚Lebe, um mich sexuell zu befriedigen, aber stirb, damit ich
dich beerben kann‘ […].“72 Thereses Haltung konzentriert sich in einer
‚sprachlichen Maske‘, die abgründig wienerisch Sexus und Geldgier ver-
knüpft: „‚[…] Eine Frau muß die Bank wissen. Ohne die Bank sagt sie nein.
[…] Ist das ein Mann, der die Bank nicht sagt? Das ist ja kein Mann. Ein
Mann sagt die Bank!‘“ (B 126) So verhielt es sich mit Canettis Beziehung
zu seinen Lebensfrauen.
In der verkappten Mutter des Romans verkörpert sich eine besondere
Verwandlung. Aus Penelope wird Medusa, mithin eine Figur, mit der
Geldgier, Sexgier und die europäische Bücherwelt verwirrend ineinander
spielen. Daneben steht das tendenziell erratische jüdische Thema mit der

72 Barbara Meili: Erinnerung und Vision. Der lebensgeschichtliche Hintergrund von Elias
Canettis Roman Die Blendung (Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik;
115). Diss. Zürich 1984/85. Bonn: Bouvier 1985, S. 52.
48 1.5 Ein Roman als Vorspiel zur Selbstbiografie

Figur des Siegfried Fischerle. Auch darin ist das, was Canettis Autobiogra-
fie sozusagen in geheiligter Erinnerung abhandeln wird, in der Romanfik-
tion ins Grotesk-Böse verhext. Fischerle wird in der Selbstbiografie dann
als weiser Krüppel mit Schachspielkenntnissen gezeichnet, als ein Aus-
nahmestudent namens Thomas Marek, der von seinem Philosophieleh-
rer mit Liebesdienerinnen versorgt wurde, womit Wien zum Ort einer
speziellen Menschenliebe wird. Dieser Stachel im Fleisch der ‚kakani-
schen‘ Humanität wurde in der Blendung zugespitzt und schneidend ver-
schärft. Es entsteht eine durch und durch paradoxale Erzählwelt. Sie ge-
mahnt in dieser Eigenschaft tatsächlich an Kafkas Assimilations-Romane.
Auf den Proceß hat sich Canetti später auch explizit berufen, mit bedeu-
tenden Folgen für die Kafka-Forschung. Gerade deshalb hat der Roman-
autor Canetti seine Lebenserfahrung zu einer Diagnose der Epoche aus-
zufalten vermocht; und das nicht nur darin, dass das einsame Gelehrten-
leben Kiens in einem selbstzerstörerischen Akt endet. Das nämliche eu-
ropäisch-autobiografische Prinzip, wonach das, was man erlebt hat, ei-
nen auch lebenstüchtiger machte, wird ins karikierte Negativum einer
ganz modern gehaltenen Romanfiktion hinübergespielt. In der Forschung
hat man diesen Sachverhalt überzeugend entfaltet, zumal es sich keines-
wegs so verhält, dass „[a]ugenfällige Analogien zwischen Fischerle und
Canetti“ „ganz“ „fehlen“ würden,73 was übrigens der Text selbst weiß.
Canetti war zwar ein stolzer und kompromissloser spaniolischer Jude, ein
verführerischer Faun in der europäischen Künstler-Szene, der bereits er-
folgreich ‚seinen Mann gestanden‘ hatte – in Wien, Zürich, London und
Paris. Doch aus ihm, dem am Ende die Identitätsverwandlung in den
‚Dichter deutscher Zunge‘ und international gefeierten Nobelpreisträger
triumphal gelang, hätte durchaus auch der ‚getriebene‘ und hässliche Fi-
scherle werden können. Dabei hätte es sich um einen Charakter gehan-
delt, der seine Assimilationskarriere mit einer Schachweltmeisterschaft

73 Vgl. ebenda, S. 98.


1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 49

zu krönen versucht haben könnte. Richtig sieht Bollacher das „aufkläre-


rische Paradigma der Assimilation“ durch Fischerle in „Frage gestellt“.74
Dennoch ist es nicht so, dass nur für Fischerles Scheitern der Terminus
Assimilation (und dann eben negativ konnotiert) taugte.75
Dagegen ist die Schilderung des Philosophiestudenten in der Fackel im
Ohr durchweg versöhnlich gehalten. Während dieser innerhalb der Le-
bensempirie sachlich-ruhig, empathisch und doch konturscharf geschil-
dert ist, hat er sich in der Romanfiktion in den falschen Siegfried gewan-
delt. Jener werkgeschichtliche Salto besaß seine Gründe: In der Züricher
Lebensrealität wurde der bereits bestehende Antisemitismus durch eine
pädagogische Handhabung im Gymnasium noch souverän gebändigt. Zü-
rich fühlte er sich daher treu verbunden – was als besonderer Dank an
die Anstalt gedacht war.
Wiewohl die restlos geglückte Enkulturation in die Kulturwelt Europas in
Canettis Autobiografien gefeiert wurde, besaß sie zugleich eine dunkle
Seite, die im fiktionalen Nachäffen (west-)europäischer Kultur gesehen
werden konnte. Letzterer, kritischer Zugang wies eine spezifisch ‚kakani-
sche‘ Einfärbung auf. Im Jahr 1931 hatten sich die Zeiten bereits deutlich
geändert. Sie gingen ihrerseits in den Roman ein. Das führte dazu, dass
dieser wienerischer als die Selbstbiografie ausfiel: Stellt der Roman doch
die sozialen Energien im Wien des kommenden „Anschlusses“ an Hitler-
Deutschland ausführlich dar, während die Autobiografie noch eine letzte
europäische heißen kann, weil sie in einer Zeit in Europa zu Hause ist, die
noch vor dem Fall in den Totalitarismus liegt.
Noch ein weiteres Element, bislang nicht bemerkt in der Canetti-For-
schung, kommt hinzu: In die Figur des Schach spielenden Juden ist eben-
falls bedeutend Zeittypisches eingesenkt. Das lehrt einen der Blick auf
den anderen großen (und ebenfalls jüdisch-österreichischen) europäi-
schen Selbstbiografen, Stefan Zweig, den Autor der Welt von Gestern.

74 Vgl. Bollacher, Canetti und das Judentum, S. 41.


75 Siehe zur Diskussion der Termini Bernd Neumann: Franz Kafka. Aporien der Assimila-
tion. Paderborn [u.a.]: Fink 2007.
50 1.5 Ein Roman als Vorspiel zur Selbstbiografie

Zweigs Schachnovelle lebt von der Bedeutung, die Schach einstmals in


Wien und dessen Cafés besaß. Schach konstituierte eine Art Lingua
franca für die Notabeln des K.-u.-k.-Imperiums, eine Verständigungsmög-
lichkeit auch in fremdsprachigen Provinzen. Zweig beschreibt in seiner
bekannten Novelle, in einem seiner anspruchsvollsten Texte, nichts an-
deres als den bestürzenden Untergang ‚Kakaniens‘. Denn der neue Welt-
meister, den Zweigs österreichischer Novellenheld auf einem Passagier-
dampfer besiegt, dieser Klotz stammt aus einer der balkanischen Provin-
zen des nun untergegangenen Imperiums. Er erscheint als Barbar, der
nur eines beherrscht: das Schachspielen.
Die habsburgische Schachwelt genoss damals imperiale Ausdehnung so-
wie globales Ansehen. Wien als ihr Zentrum ist damals vermutlich jene
Stadt gewesen, in der die gesammelte Spielstärke der Einwohner welt-
weit die größte war. Doch auch sie reichte nicht hin zur erstrebten und
ersehnten Eroberung des Weltmeistertitels, – den dann ausgerechnet
der deutsche Jude Emanuel Lasker errang (und mit Können, Geschick,
Rücksichtslosigkeit und Chuzpe jahrzehntelang verteidigte). Ein Rivale
Laskers, aus Breslau stammend, hieß Tarrasch und mit Vornamen zwar
nicht Siegfried, wie Fischerle bei Canetti, doch immerhin Siegbert. Der
hatte just im Jahr der Niederschrift der Blendung ein bedeutendes
Schachlehrbuch veröffentlicht.76 Schachspielen gehörte unzweifelhaft
zum Lebensstil des Habsburgerreiches.
Weltmeister zu werden, war ein alter ‚kakanischer‘ Traum, der durch Fi-
scherles wahnhafte Schachkarriere irrlichtert. Mit dessen Erfüllung in
Amerika hätte die jüdische Figur triumphal ihr Glück machen können. Das
malt sich dieser Jude denn auch in vielen seiner Tagtraumsequenzen lust-
voll aus, bis hin zum Vertauschen des Buckels mit einem Haufen ‚zusam-
mengerollter‘ Dollarnoten (B 212). Viel ‚Kakanisches‘ ist im Figurenkon-
strukt des Fischerle auszumachen. Nicht zu Unrecht hat man auf den
Wiener Otto Weininger verwiesen, der – ebenfalls von (jüdischem)

76 Siehe Siegbert Tarrasch: Das Schachspiel. Systematisches Lehrbuch für Anfänger und
Geübte. Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1931.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 51

Selbsthass zerfressen – einen exemplarischen Typus verkörperte.77 So ak-


tualisiert Canettis Roman, in der negativen Metamorphose seiner Fi-
scherle-Figur, den ‚ewigen Juden‘ als eine Art von Anverwandlungs-
Monster. Wo die Autobiografie die Erinnerung an Besseres ‚stân lassen‘
kann, an die Zeiten der alten Ordnung vor dem Großen Krieg, konstatiert
der Roman, und das im Jahr 1931, das Aufkommen des Antisemitismus.
Nicht zufällig erfolgt dies in Verbindung mit dem Schachspiel – mittels
dieses ganz besonderen Assimilations- wie auch Kriegs-Spiels. Das anti-
semitische Bild vom aufdringlichen und unästhetischen Assimilationsju-
den gewinnt in Fischerle seine Verkörperung, durch einen Autor, der jü-
disch geprägt war:

In den Augen der subkulturellen Gruppe, an deren Rand er sein Dasein


fristet, ist er keiner der ihren, sondern ein Jude und ein Krüppel, der nur
dank seiner Frau im Lokal geduldet wird. Nicht einmal einen Zivilstand
kann man ihm ohne Vorbehalte zuordnen. Formaljuristisch ist Fischerle
zwar der Ehemann der Pensionistin, doch diese betrachtet ihn wiederum
als ihr Kind. […] Zwar gilt er offiziell als ihr Zuhälter, doch in Wirklichkeit
hat sie ihn zu sich genommen, und er ist auf Gedeih und Verderb von ihr
abhängig. […]
Fischerles Identitätslosigkeit ist ein Grundzug seines Wesens […].78

Mit Fischerle verhext sich Canettis Assimilations- und Dichterkonzeption


ins ausweglos Antisemitische, dem Heraufziehen des Faschismus ent-
sprechend. Die Autobiografie entwickelte dann das Gegengift dazu. Sie
allein vermochte dies, weil das Genre sich aus der aufklärerisch-huma-
nistischen Tradition des westlichen Europa speiste.

77 Siehe hierzu Ritchie Robertson: The ‚Jewish question‘ in German literature. 1749–
1939. Oxford University Press: Oxford 1999 (Reprint 2002), S. 341.
78 Meili, Erinnerung und Vision, S. 115.
52 1.6 Judentum, Verwandlung und Menschenfresserei

1.6 Judentum, Verwandlung und Menschenfresserei


Die Canetti-Forschung hat die antisemitischen Züge erkannt und facet-
tenreich entfaltet. Hinzuweisen ist hier darauf, dass der Autobiograf Ca-
netti sein Jüdischsein nie erfahren hat als eines jener „Verbrechen“, „die
sich von selbst bestrafen“ (B 268). Das war weder in Zürich noch im Berlin
der 20er-Jahre der Fall gewesen. Bei Kafka beispielsweise, in dessen Prag,
hatte das anders ausgesehen. Canettis Selbstbiografie dagegen enthält
keinen Hinweis darauf, dass er sich jemals von Natur aus als Verbrecher
gefühlt hätte. Vor dem Ende des Ersten Weltkriegs war dies im deutsch-
sprechenden Mitteleuropa noch kein existentielles Problem (mit eben
der Ausnahme von Kafkas Prag, das aber schon damals nicht mehr als
überwiegend deutschsprachig gelten konnte). Selbst Weininger nahm
sich vor allem aus der Verzweiflung eines (unter anderem von Sigmund
Freud) Zurückgewiesenen, psychopathologisch Ehrgeizigen das Leben.
Die Assimilation, die in Canettis späterer Selbstbiografie als erforderlich
beschrieben wird, vermochte er im Roman, nach der chaotischen Berlin-
Erfahrung (in den Jahren 1928/29) und nach dem Anwachsen des Natio-
nalsozialismus (auch und gerade in Wien), nicht positiv darzustellen. Ca-
nettis Lebensgeschichte dagegen ist ein Produkt der aufgeklärten euro-
päischen Welt, gerade auch in deren Antinomie zum Ursprungs-Balkan;
ein Gegenpol zu jener osmanischen Welt, in der man Zungen abschnitt,
um die unreglementierte Lust zu verbergen. Das Ende des Romans kann
deshalb nur das Autodafé sein, – ganz so, wie die englische Fassung auch
faktisch betitelt ist.
Hierin liegt sie vor, die skandalöse Verbindung des Romans Die Blendung
mit den ersten Teilen der Canetti’schen Autobiografie. Die Erinnerung,
die in der Autobiografie weitgehend unparteiisch ist, verhext sich in der
Fiktion zum rücksichtslosen Erkennen der Gegenwart, tief eingeschwärzt
durch die schon klerikal-faschistischen Zeitläufte im Restösterreich.
Das Buch ist gleichsam auch ein Zauberberg-Pendant, aber eben eines
aus der Feder Canettis, als Literatur gewordene Erkenntnis, dass die Zei-
ten des Bildungsromans vorbei seien. Allerdings war das nicht Canettis
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 53

letztes Wort. Denn in Canetti, dem Romancier, der durch kritische Ein-
sichten selbst einen Stefan Zweig überstrahlte, war eben auch einer der
letzten Autobiografen Europas verborgen. Nur als solcher vermochte der
assimilierte Sepharde die Wahrheit dessen aufleuchten zu lassen, was
Walter Benjamin vor ihm gewusst hat: „Glücklich sein heißt ohne Schre-
cken seiner selbst innewerden können.“79 Kann man sich den Autobio-
grafen Canetti in diesem Sinn als einen glücklichen Menschen vorstellen
– und als einen modernen Nachfolger des Odysseus? Tatsächlich hatte
sich Canetti (eben als ein Odysseus redivivus) bereits 1933 die Maxime
notiert: „[A]lles aufnehmen und nichts hergeben und im Alter die Welt
mit seiner Endgültigkeit überschütten.“80 In solchen Zeilen scheint die
endliche Heimkehr nach Ithaka bereits im Voraus imaginiert gewesen zu
sein. Das ist dem Autobiografen gelungen, weil seine Selbstbiografie den
Roman (wie auch seine Theaterstücke) unter anderem dadurch korri-
giert, dass er mit Dr. Sonne den exemplarisch weisen Juden abkonter-
feite.
Das zentrale Prinzip der Autobiografie, wie auch das allen Dichter-Seins,
besteht laut Canettis Poetologie in der Verwandlung, also in einer Meta-
morphose. Die ist jedoch, wie schon bei Ovid, nicht lediglich Verstellung
oder gar ‚Maske‘ gewesen. Sie war vor allem ein Weg, zu sich selbst zu
gelangen, mit sich selbst identisch zu werden. So sah Canetti den „Ur-
sprung des Menschen in seiner Fähigkeit zur Verwandlung“ (ARG 260),
wie eine Äußerung gegenüber Joachim Schickel lautete. Deren womög-
lich anthropologische Wahrheit ist hier nicht zu diskutieren. Sie hat viel-
mehr als wesentlicher Baustein für die Canetti’sche Vorstellung vom Au-
tobiografischen zu interessieren. Wurde doch Vieles in seiner Anthropo-
logie apodiktisch, eindimensional, aus einem Opponieren gegen die an-
erkannten Autoritäten heraus formuliert. ‚Akustische Masken‘ bestim-
men die Theaterstücke Canettis, und funktional zusammengeschraubte

79 Walter Benjamin: Einbahnstrasse (=Bibliothek Suhrkamp; 27). Berlin [u.a.]: Suhrkamp


1955, S. 59.
80 August 1933; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 89.
54 1.6 Judentum, Verwandlung und Menschenfresserei

Charaktere bevölkern seinen Roman. Die Verwandlung als geglückte As-


similation an die jeweiligen (kulturellen) Bedingungen dagegen macht
erst jene Entelechie aus, die seine Selbstbiografie als europäisch-klassi-
sche bestimmt.
Im Gespräch mit Theodor W. Adorno hat Canetti seine grundsätzliche
Haltung wie folgt deklariert: „Ich habe es mir da wirklich zur Aufgabe ge-
macht, alle Aspekte der Verwandlung ganz von neuem so zu untersu-
chen, daß ich dann schließlich feststellen kann, was ein Vorbild eigentlich
ist, was wirklich vorgeht zwischen Vorbild und dem, der sich ein Vorbild
nimmt.“ (ARG 159) Entscheidend soll sein, dass der Mensch sich nicht nur
„nach oben“, sondern sich – empathisch – auch „nach unten“ hin ver-
wandeln kann. „Vorbild ist in dem Fall etymologisch-wertneutral zu ver-
stehen als das Vor-Gebildete beliebiger Natur“, schreibt Barbara Meili
treffend.81 Kafkas Verwandlung als ein Leitbild zu sehen, liegt nahe, zu-
mal Canetti sich ausführlich mit dem Prager beschäftigte. Mitten im Pro-
zess des Schreibens an der Blendung war Canetti an Kafkas Texte gera-
ten, an Teile der Landarzt-Erzählung und eben – an Die Verwandlung.
Kafka beeindruckte den Meister tief. Der Prager geriet ihm aber auch,
gemäß seiner (balkanisch) agonalen Haltung, die verwandte Literatur-
Größen betraf, zu einem Rivalen, den es zu besiegen galt. Darüber hinaus
erscheint das eigentliche Vorbild für die Canetti’sche Kategorie der Ver-
wandlung älter. Das geht unter anderem auf die Züricher Gymnasiasten-
zeit zurück (in der auch der Antisemitismus so formidabel bewältigt
wurde). Es konzentrierte sich in der Figur des Odysseus: in Homers glor-
reich Listenreichem, der als erster europäischer Entwicklungs-Mensch
auf den Darsteller heldischen Rollenspiels, Achill, folgte. Elias Canetti
imaginierte sich dann umgekehrt (mit Medea, oder auch Medusa) jene
mythische Frauenfigur, die den negativen Part seiner Mutter-Imago auf-
zunehmen imstande war.82

81 Vgl. Meili, Erinnerung und Vision, S. 135.


82 Im Kapitel „Medea und Odysseus“ beschreibt Canetti, wie er in seiner Wiener Zeit von
diesen mythologischen Figuren in den Bann gezogen wurde. Während er die erstere
mit der „Mutter gleichsetzte“ (GZ 117) wurde zweitere für den „Zehnjährigen“
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 55

Der Autobiograf beschwor stets jenen Dichter, der durch Verwandlung


überlebt, seine Kompetenz stetig erweiternd, und am Ende fast gott-
gleich sein Ziel erreicht, Ithaka, wo Penelope wartet, – das alles aber
nicht ohne intimste Berührungen mit göttlich-nymphischen Schönheiten.
Letzteres trug zweifelsfrei dazu bei, gerade den griechischen Seefahrer
für Canetti so sympathisch erscheinen zu lassen. Darin steckte aber, an-
ders als in de Mans Dekonstruktivismus, nicht Liebe zum, sondern Liebe
gegen den Tod.
In ausdrücklichem Rückbezug auf dieses griechisch-antike Vorbild geriet
er schließlich zum ‚Hüter der Verwandlung‘, wie Canettis bekanntes Dik-
tum lautet. Selbst der Autobiograf wird bei ihm zum Sachwalter eines
solchen Dichtens bestellt. Die Figuren sollen nämlich von innen her erlebt
werden. Der ‚Menschenfresser‘ Canetti bemächtigte sich ihrer. Durch
den Dichter sollten die Menschen „imstande sein, zu jedem zu werden,
auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten“ (GW 367). Da-
her gilt es festzuhalten, dass die Autobiografie bloß vermeintlich eine
„Ausnahme“ bildet:

Selbst wer die Verwandlung als Basis aller Werke Canettis […] anerkennte,
würde wohl mit Vehemenz auf e i n e r Ausnahme bestehen: der Autobio-
graphie. […] Und doch behaupte ich, dass das Geheimnis von Canettis Au-
tobiographie darin zu suchen ist, dass es ihm gelingt, sich in sich selbst zu
verwandeln. […] Die eidetische Erinnerung, welche vor allem die „Geret-
tete Zunge“ konstituiert, ist die Erfahrung der eigenen Person als eines
historischen Wesens, aber nicht mit vorgegebenen Methoden, […] son-
dern von innen her, eben mit dem künstlerischen Akt der Verwandlung. 83

Was diese Schrift betrifft, sieht auch Jeremy Adler eine Selbstbezüglich-
keit der Verwandlung: „Die Figuren in der Selbstbiographie sind Canettis

(GZ 120) zu einem „eigentümlichen Vorbild“, „das sich in vielen Verwandlungen prä-
sentierte“ (GZ 119).
83 Meili, Erinnerung und Vision, S. 138–139.
56 1.6 Judentum, Verwandlung und Menschenfresserei

eigene Verwandlungen, er selbst ist die Person, die er liebt und haßt.“84
Deshalb sei es zwar „leicht, ihn zu tadeln“, doch ihn zu „begreifen dürfte
ein schwierigeres Unterfangen sein“.85
Mit dem poetischen Arsenal des alten Europa, ausgehend von dem Kriegs-
ende im Jahr 1918, das für die jüdische Assimilation so verheerend war,
verfertigte Canetti in seiner Lebensbeschreibung einerseits ‚Dichtung‘, die
andererseits einen erheblichen ‚Wahrheits‘-Gehalt aufwies.86 Das war
eine Neuinszenierung, aber eine, die die Aktualität des Themas nicht im
Geringsten verfehlte, wie es im Untergang dieses alten (und nicht zuletzt
deutschsprachigen) Mittel-Europa vorgegeben war. Er formulierte den
Protest gegen das Abtreten jenes Kontinents, eines Europas, das die
exemplarische, und dabei humanistisch beglaubigte, Verwandlung erst
ermöglicht hatte (im Rahmen der jüdischen Assimilation und im Gefolge
der Aufklärung). So ist es kein Zufall, dass gerade hierin die strategische
Verbindung zwischen Thomas Marek (alias Fischerle) und dem Autobio-
grafen Canetti aufscheint, indem er daranging, die kollektive Geschichte
der Assimilation in Mitteleuropa zu schreiben. Im Roman wird die ge-
wünschte assimilatorische Verwandlung, wie dargestellt, karikiert und zy-
nischer Entwertung preisgegeben. Der Roman erzählt von der Infragestel-
lung jener zentralen Kategorie, die als Zentrum mitteleuropäischer Huma-
nität gelten muss, – und die Canetti zu einem der letzten europäischen
Selbstbiografen bestimmte.
Das wurde Wirklichkeit, weil Canetti sich immer gegen die Bewunderung
der großen Tatmenschen ausgesprochen hatte; gegen die Caesars und die
Napoleons, den asiatischen Dschingis Khan (s. A 221). Darin gründete das

84 Jeremy Adler: Nachwort. In: Elias Canetti, Party im Blitz. Die englischen Jahre. Hg. von
Kristian Wachinger. München [u.a.]: Hanser 2003, S. 211–228, hier: S. 224.
85 Vgl. ebenda.
86 Stieg bezieht zum faktualen Gehalt seiner Autobiografie dagegen wie folgt Stellung:
„Ich zweifle nicht an der Wirklichkeit dieser Geschichte. Poetische Intensität ist kein
Argument gegen Wahrhaftigkeit.“; Gerald Stieg: Betrachtungen zu Elias Canettis Au-
tobiographie. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft;
63). Hg. von Manfred Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 158–170, hier: S. 161.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 57

beharrliche Festhalten an der Hoffnung als positive Lebenskraft, wie sie


alle Darstellung eigenen Lebens zu prägen habe. Europas Autobiografie
liebte das Leben – und nicht den Tod. Leben hat in ihr Entwicklung durch
Verwandlung, Entelechie zu sein, und nicht etwa bloßes ‚Maskenspiel‘.
Daher wählte Derrida als Wortführer der Dekonstruktion, in seiner Ausei-
nandersetzung mit Sokrates und Platon, ausgerechnet den in Sokrates Ar-
gumentation enthaltenen Komplex „Schrift/Stummheit/Tod“ – und eben
nicht den entgegengesetzten „Rede/Gesprächsermöglichung/Leben“.87
Canettis Optimismus war auch alles andere als marxistischer Fortschritts-
wahn. Sein Hoffen rang er der Einsicht ab, dass nach den Weltkriegen,
dem Holocaust wie der Erfindung der Atombombe die Apokalypse am Ho-
rizont stehe. Canetti hegte die Hoffnung, dass es in der Macht des Men-
schen liege, sie zu verhindern – durch Aufklärung qua Literatur, durch die
Arbeit des täglichen Schreibens, im Schlagschatten von Masse und Macht
gewissermaßen.
In dieser Hinsicht ist die Blendung auch als eine Vision anzusehen, die aus
den historisch verbürgten Verwandlungen abgeleitet wurde, wie sie be-
reits Canettis frühes Schriftstellerleben prägten:

Der Verführer, der sich den kleinen Mann mit falschen Verheissungen ge-
fügig macht, ist über die poetologische Ebene hinaus eine hochpolitische
Metapher. Es fehlte den ersten Dekaden unseres Jahrhunderts nicht an
Verwandlungskünstlern, die von den Sehnsüchten des Volkes genaueste
Kenntnis besassen. Der junge Canetti hat sie in Deutschland beobachten
können und schärfer noch in Oesterreich, das in der Zwischenkriegszeit
einen grösseren Facettenreichtum an Ideologien aufwies als die Weimarer
Republik.88

Der Namensfetischist Canetti konnte in diesem Zusammenhang auch


festhalten, dass ausgerechnet der Prophet Elias jenen Schlüssel besessen

87 Vgl. Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr, S. 328.


88 Meili, Erinnerung und Vision, S. 164.
58 1.7 ‚Dichtung‘ neben der ‚Wahrheit‘

hat, mit dem man die Toten wiederzuerwecken vermochte.89 Was auf
den ersten Blick banal anmutet, enthielt die Botschaft: Nur authentische
autobiografische Wiederbelebung des Vergangenen war zulässig, nicht
aber bloße Erinnerungskosmetik.

1.7 ‚Dichtung‘ neben der ‚Wahrheit‘


Jeder autobiografisch Schreibende weiß, dass „Erinnerung“ „nicht syste-
matisch“ ist, denn sie kann „Paradoxe und unvereinbare Gegensätze pro-
duzieren, und sie lehnt sich gegen Wünsche auf, die von außen an das
erinnernde Subjekt gerichtet werden“.90 Deshalb ist die Frage nach der
Fiktionalität der Autobiografie als Gattung, wie sie dieses Kapitel auf-
wirft, keine bloß literaturwissenschaftlich relevante. Einem Schreiber ein
gut funktionierendes Gedächtnis zuzugestehen, heißt noch keineswegs,
dass der Betreffende sich einsinnig für die ‚Wahrheit‘ und gegen alle
‚Dichtung‘ entscheidet. Daneben gilt Canettis poetologisch zentrale Gret-
chenfrage, wie für sein gesamtes Schreiben, auch in diesem Fall: ‚Wie
hältst Du es mit dem Tod?‘
Die Gattung Autobiografie stand immer, seit dem Griechen Platon und
dem Römer Augustinus, strikt auf der Seite des lichten elysischen Lebens
und nicht auf jener des dunklen Hades. Die Hallen der Vergangenheit wa-
ren immer heilig und lichterfüllt, und das nicht erst seit dem 19. Jahrhun-
dert, wo sie sich mit dem nostalgischen Entzücken über eine à la Proust
wiedergefundene Zeit zu füllen begannen. Erst mit Paul de Mans Theorie

89 Siehe zur zeitgeschichtlichen Inszenierung des Autors Michael Rohrwasser, der signi-
fikante Stränge der Rezeptionssteuerung offenlegt: Der Prophet Elias. Canettis Selbst-
inszenierung als Autor der Blendung. In: Der Überlebende und sein Doppel. Kulturwis-
senschaftliche Analysen zum Werk Elias Canettis (= Rombach Wissenschaften: Reihe
Litterae; 150). Hg. von Susanne Lüdemann. Rombach: Freiburg i. Br. [u.a.] 2008, S. 19–
37. – Siehe zur zeitgeschichtlichen Beeinflussung Canettis u. a. die Autobiografiestel-
len: „Entzündbarkeit der Welt“ (FO 344) und „Bombennächten des erst kommenden
Weltkriegs“ (Au 11).
90 Vgl. Hanuschek, Biografie, S. 93. – Siehe zu diesem Problemkomplex und zu dem des
Autobiografen als Machthaber u.a.: Eigler, autobiografisches Werk, S. 61–77 u. S. 158–
175.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 59

sollte sie auf die andere, die hadesdunkle und sonnenabgewandte Seite
geschoben werden, nicht ohne rhetorische ‚Tricksterlogik‘. Albrecht Ko-
schorke hält treffend fest, dass es „schwierig“ ist, eine „‚Gegenposition‘
zur Dekonstruktion zu formulieren, weil diese […] sich […] keiner einfa-
chen Logik des Widerspruchs stellt“.91 Dieser von Koschorke formulierte
Tatbestand ist ein Erbe der Sophisten, was im Weiteren von Relevanz
sein wird. Hat man doch versucht, Canetti, der Europas Assimilations-Au-
tobiografie geschrieben hat, mit de Man und seinen Theorien gleichzu-
setzen.
Der durchaus luzid gehaltene Essay, in dem eine solche Zuordnung un-
ternommen wurde, ist ein tragender Bestandteil des Text+Kritik-Heftes
zu Canetti. In ihm scheitert, im übertragenen Sinn gesprochen, die Heim-
kehr Odysseus. Dagegen verschwindet er in der Höhlenwelt des damals
allermodernsten philologischen Unterhaltungsbetriebes, wo man die
problematische Ansicht vertreten findet: Selbst das „scheinbar authenti-
sche autobiografische Ich […] ist das Resultat einer literarischen Kon-
struktion, die aus dem hehren Bereich der Wahrheit in den außermorali-
schen Bereich der Lüge führt“.92 Von „Lüge“ ist hier die Rede, nicht etwa
von ‚Verwandlung‘, wie es zu vermerken gilt. Wieso das so sein soll, wird
nicht dargelegt, sondern dies wird mit dem Gestus des – hoch überlege-
nen – „Modernen“ verfügt. Indem man Canettis Unterscheidung zwi-
schen ‚Verstellung‘ und ‚Verwandlung‘ schleift, löst sich die Goethe’sche
Balance programmatisch auf.93 Im genauen Gegensatz dazu hat Canetti

91 Vgl. Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr, S. 343. – Siehe hierzu auch Jacques
Derrida, der einen „einfachen Gegensatz zwischen dem Akoluth und dem Anakoluth“
zu bestreiten imstande war („there is no simple opposition between the acolyte, or
the ‚acoluthon‘ and the ‚anacoluthon‘“); Michael Payne und John Schad (Hg.): Life.
after. theory. London [u.a.]: Continuum 2003, S. 7.
92 Vgl. Achim Geisenhanslüke: Macht, Autorität und Verstellung. Über Elias Canettis Au-
tobiografie. In: Elias Canetti (Text + Kritik; 28). Hg. von Heinz L. Arnold. 4. Aufl. Mün-
chen: Edition Text und Kritik 2005, S. 31–43, hier: S. 32.
93 Canetti merkt hierzu in Masse und Macht an: „Eine Übergangsform, von der Nachah-
mung zur Verwandlung, die bewußt auf halbem Wege stehenbleibt, ist die Verstel-
lung.“ (MM 438)
60 1.7 ‚Dichtung‘ neben der ‚Wahrheit‘

selbst strikt darauf bestanden, dass nur dem Machthaber die ‚Verstel-
lung‘ wichtig und zugänglich sei, mit kundigen Hinweisen auf deren Stel-
lenwert in der politischen Theorie des Machiavelli, also im Ränkespiel der
italienischen Stadtstaaten im 15. und 16. Jahrhundert. Während jenes
‚Maskenspiel‘ das Überleben sichert, durch das zynische Macht-Konzept
der Machiavelli-Renaissance, bestand gerade der Autobiograf Canetti
beharrlich auf der wahren Gabe der ‚Verwandlung‘. Sie wird gegen die
Starrheit jener Totenmasken gestellt, denen in der Geretteten Zunge ge-
wichtige Passagen gewidmet sind. Auch Geisenhanslüke vermag nicht zu
leugnen, dass, selbst im beschriebenen Chaos des ‚linken‘ und ‚revoluti-
onären‘ Berlin, immer noch jenes althergebrachte Aufrichtigkeits-Pathos
bestimmend zugegen ist, das Canetti’sche Zu-sich-selbst-Stehen (etwa in
den ergreifenden Passagen über Isaak Babel). Nicht zuletzt in der Erfah-
rung der literarisch-gesellschaftlichen Liebedienerei, die selbst durch
Kraus in Berlin erfolgte, kommt dies zum Ausdruck. Die geschah gegen-
über einem Brecht als dem Mann der damaligen kulturrevolutionären
Stunde, der auch nach Canettis scharfem Urteil als der Lyriker des Jahr-
hunderts erscheinen darf, seinen chic-proletarischen Verkleidungen zum
Trotz.
Gewiss nimmt selbst Odysseus an der Figur des „Trickster[s]“ Anleihen
(MM 452). Als „Meisterverwandler“ (MM 452) legt er schon einmal
selbst Masken an, – aber immer nur, um zu überleben und am Ende zu
seiner eigentlichen Gestalt und Ausgangsstätte zurückzukehren. Nur so
gewinnt der Held Substanz. Er repräsentiert, wie ausgeführt, auch die
Gegenfigur zu dem selbst noch griechisch-antiken Achill. Und damit bil-
det er die erste Verkörperung eines bereits modernen Ichs, das im spä-
teren Entwicklungs-Roman seine Gestalt gewann. Kein anderer als Odys-
seus ist schließlich als der Eine und Erste in der Literaturgeschichte Euro-
pas anzuerkennen, den nicht nur Zorn oder Enttäuschung, sondern die
Erinnerung selbst zum Weinen bringt. Alle Verwandlungen bringen ihn
immer nur näher zu sich selbst, nach Ithaka zurück. Der Meerfahrer ist in
seinen passionierten Erzählungen der erste europäische Autobiograf, ne-
ben dem Platon des Siebenten Briefs, denn es gelingt ihm – im genauen
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 61

Gegensatz zu Achill – als ein Entwicklungs- und Verwandlungs-Held am


Ende heimzukehren. Anders als der Krieger Achill fällt er nicht dem Tod
zum Opfer. Nun kann man selbstverständlich dem Autobiografen Canetti
vorhalten, dass er auf „Strategien der Verstellung“ zurückgriff.94 Nur
zeigt sich bei Geisenhanslüke der Vorhalt abstrakt, ohne konkreten Text-
bezug, eben als Resultat ‚theoriegesteuerten‘ Lesens.
Canettis Autobiografie, in ihren drei bzw. vier Bänden, ist alles andere als
bloßes ‚Maskenspiel‘. Diese Texte verstehen sich konträr als die Erinne-
rung eines Menschen, der durch Verwandlungen zu sich selbst fand und
am Ende (mit Hera Buschor) in seine Heimat Ithaka, bzw. Zürich, zurück-
gelangte. So hat er es jedenfalls aufgezeichnet, und man sollte auch wei-
tere Notate beachten. In einem seiner Nachlass-Konvolute etwa hielt er
fest: „du bist deinem Ruhm begegnet, und nach deinem Ruhm etwas
Schönerem, einer heidnischen Leidenschaft, von den griechischen Göt-
tern und deiner jahrelangen Askese genährt.“95 Zwar kann man über die
literarischen Mittel, die eingesetzt wurden, und über die Grenzbereiche
zwischen ‚Verstellung‘ und ‚Verwandlung‘ in der Tat verhandeln. Wo-
rüber freilich keine Verständigung möglich erscheint, ist die Vereinnah-
mung des Autobiografen Canetti für die postmoderne Uneigentlichkeit
und sogar für den Tod. Geisenhanslükes Annahme, dass sich im „Spiegel-
bild der Autobiografie“ die „Maske des Ich im Zeichen des Todes“ zeigt,96
ist mit Rekurs auf Canettis Texte zu widerlegen. Was es mit diesem fa-
mosen ‚theory turn‘, mit diesem „Ich im Zeichen des Todes“ auf sich hat,
muss im Folgenden erörtert werden.
Diese Behauptung berührt den allerinnersten Kern der Canetti’schen
Schreibexistenz. Canettis bzw. Odysseus faktische Heimkehr wird da-
durch bestritten. In Abrede gestellt wird auch die mythenhafte, doch ge-
schehene Heirat Canettis mit seiner Penelope. Die Frau hatte nicht nur
auf ihn gewartet, sondern trug auch noch den Namen der Göttin Hera.

94 Vgl. Geisenhanslüke, Macht, Autorität und Verstellung, S. 35.


95 N. dat., Anfang April, ZB 22; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 476.
96 Vgl. Geisenhanslüke, Macht, Autorität und Verstellung, S. 41.
62 1.7 ‚Dichtung‘ neben der ‚Wahrheit‘

Als Tochter eines (unter anderem in Griechenland arbeitenden) Archäo-


logen war sie in solcher Sozialisations-Konstellation offenbar zur adäqua-
ten Partnerin für Canetti herangewachsen. An Heras Seite fand dieser
balkanisch-heidnische Faun dann auch erotisch seine Ruhe; er war ein
Mann, der die intime Begegnung mit diversen Circen eben als Verwand-
lung in das Eigentliche, ganz wie Homers seefahrender Held, erfahren
hatte.97
Canettis Zürich war auch darin seine zentrale Stadt, neben erwähntem
Umstand, dass sich dort als einzigem Ort in seinem Leben die Bekämp-
fung des Antisemitismus erfolgreich ereignet hatte. Gewiss waren Canet-
tis Griechen eigentlich die vorsokratischen gewesen, die der Mysterien
von Eleusis, der Orakelsprüche und der dunklen, in Rauchschwaden ge-
hüllten Ahnungen der Pythia. All das vermochte unser Mann ganz offen-
bar in Hera wiederzufinden. Der Autobiograf Canetti kehrte gewisserma-
ßen als neuer Odysseus qua Verschriftlichung seines Bios aus der Höhle
der Circe nach Ithaka zurück. Dort machte er dann ‚reinen Tisch‘. Seine
Pfeile trafen damals nicht nur die Mitbewerber, sondern ebenso die erst
anbrechende, sich siegreich entfaltende Epoche der Postmoderne. Der
unbestechliche Canetti erkannte im Oberflächen-Kult des Nouveau Ro-
man bereits die heraufziehende Postmoderne: „[…] die Oberfläche der
Dinge ist heilig. […] Ich glaube nicht, dass je etwas Dümmeres mit soviel
Anspruch vorgebracht wurde.“98 In Canettis Autobiografie realisiert sich
die Einsicht im Sterben der Mutter, das strategisch an den Schluss ge-
stellt wurde. Mit dieser Medea starb der freudianisch verhängte Fluch.
Nun wurde der Weg frei für eine monogame Beziehung des Götter-Soh-
nes.

97 Siehe Sven Hanuschek: „Alle grossen Beziehungen sind mir ein Rätsel“. Paarverweige-
rungsstrategien bei Elias Canetti. In: Elias Canetti (Text + Kritik; 28). Hg. von Heinz L.
Arnold. 4. Aufl. München: Edition Text und Kritik 2005, S. 110–117, hier: S. 116.
98 12.09.1965, ZB 22a; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 501.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 63

Zum Schluss ist es die sterbende Mathilde Canetti, der der Autobiograf
großzügig alles zuzusprechen vermochte, was ihn als Bildungsbürger aus-
zeichnete: die unterschiedlichen Sprachen, das Erbe der europäischen
Kultur in Literatur und Philosophie. Anlässlich ihres Begräbnisses ver-
fasste der Sohn daher die Notiz: „Für kurze Zeit beherrscht meine Mutter
die Stadt Paris.“99 Paris war die Stadt, wo Canettis Mediziner-Bruder ge-
lebt und praktiziert hatte, er, dessen fiktionales Abbild in der Blendung
vergeblich versucht, den psychisch kranken Titelhelden zu heilen. Erst
Elias selbst, als Vorbild des Kien, gelang auf autobiografischem Weg die
Heilung. In Zürich, wo er sich als Jude letztlich behütet fühlte, lebten Ca-
netti und seine zweite, junge Frau, – bis dann, wie schon im Fall der hei-
ter-erotischen Friedl aus Wien, der tragische Krebstod ihn in seiner To-
des-Feindschaft bestärkte. So scheint es, als wollte der Tod den innersten
Antrieb des europäischen Autobiografen – das Lebensbewahrende – in
Canetti ein letztes Mal rechtfertigen.
So wenig wie schon Achill war sein Nachfolger Odysseus ein ‚Masken-
spieler‘ – selbst da nicht, wo er sich gegenüber dem Polyphem lebensret-
tend in einen Niemand verwandelte. Auch der Autor, der seine Autobio-
grafie angeblich als ein solcher verfasste, hatte sich zuvor als seine origi-
näre Wirklichkeit ausdrücklich und ausdrucksstark notiert: „Im Lesen und
Schreiben bin ich nur deutsch am Leben. Es ist nicht wahr, dass ich meh-
rere Sprachen habe, in anderen Sprachen bin ich nur dasselbe wie alle
Anderen.“100 Diese Maxime ist ebenso wenig nationalistisch wie etwa
Mozarts Deutschsein gegenüber Salieri.101 Zudem hatte er bei seiner
Heimkunft zu Hera, dem vielfältigen Meer der europäischen Nationen
entstiegen, seine deutschsprachig-europäische Identitätsherkunft bestä-
tigt wie überwunden. In Canettis Aufzeichnungen steht weiter geschrie-
ben: „Ich liebe sie [Hera Buschor] als Kafka und als Robert Walser und als

99 Juni 1937, ZB 4; zitiert nach: ebenda, S. 279.


100 24.10.1964, ZB 22a; zitiert nach: ebenda, S. 310.
101 Siehe hierzu Bernd Neumann: Kafkas Karl und Österreichs Mozart. Musikbestimmte
Metamorphosen in Kafkas Debüt-Roman Der Verschollene und in Werfels Verdi-Ro-
man. In: Wirkendes Wort 3 (2017), S. 433–465, hier: S. 459.
64 1.8 Canettis großes Vorbild und seine Nachfolger

alles, was ich nicht bin. Ich liebe sie als Griechin, als Göttin und als Deut-
sche.“102 Eine tiefsinnigere wie übernationalistischere Haltung ist nicht
denkbar. Vor solchem Ausdruck, vor solcher Einsicht zerplatzt jeder post-
moderne Basilisk.

1.8 Canettis großes Vorbild und seine Nachfolger


Canetti hat eines der bekanntesten Bücher über Kafka verfasst: einen
von seinen Autor-Interessen bestimmten, subjektiven Text, der dann
meist als eine Auslegung gelesen wurde, die Kafkas eigentliche Antriebe
rekonstruieren würde. Sieht man näher hin, zeigt sich: In seiner Deutung
des Proceß als (tiefen-)psychologischen Text (zur angeblichen Schuldver-
strickung gegenüber Felice) hat sich der agonale Autor Canetti in seiner
neuen Identität als Göttergatte einer Hera gefeiert. Er, der wusste, wie
viel sein Schreiben Franz Kafka verdankte, wollte wenigstens im vitalen
Bereich der Erotik ein Überlegener sein. An einer Stelle in den Nachlass-
notizen heißt es schlicht:

Überall, überall, selbst bei Kafka neuplatonische Spuren. Ich aber mag
nicht die Reden vom Gefängnis des Leibs. Der Leib meiner Geliebten ist
die Freiheit, und über der Sonne. Wenn sie mich umfängt, wenn ich in sie
eingehe, ist ihr mein Leib kein Gefängnis […].
Wenn ich an Kafka denke, komm ich mir vor wie ein Springinsfeld oder wie
ein Student […].103

Das war ein Zelebrieren des neu gewonnenen erotischen Lebens, ironi-
scherweise auch eine Übernahme der (‚ostjüdischen‘) Kennzeichnung
Kafkas als Sexualneurotiker. Auch auf diesem Hintergrund wird deutlich:
Wer mit Blick auf Canettis Leben und dessen schriftlicher Fixierung von

102 03.09.1967, ZB 23; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 526.


103 10.07.1968, ZB 15; zitiert nach: ebenda, S. 507. – Zu dem ganzen Komplex ist zu sagen,
dass Canetti hier eine alte ‚ostjüdische‘ Tradition aufnahm, die Kafka als exemplari-
schem ‚Westjuden‘ sexuelle Gebrechen unterstellte.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 65

‚Maskenspiel‘ zu sprechen wünscht, muss schon ein in allen Belangen ge-


festigter Postmodernist sein. „Umso schlimmer für die Tatsachen“104 –
was Hegel noch grimmig-ironisch gemeint hatte, mutierte in der Nach-
folge von de Man zum maskenspielerischen, sich philologisch-rhetorisch
gebenden Ernst. Jener verblieb im Fall von Canetti auch deshalb im Spe-
kulativen, weil dessen Universum von den im Archiv verteilten autobio-
grafischen Einsprengseln lebt (die bislang nicht zur Gänze erschlossen
sind). Auch darin kann man vom ‚System Canetti‘ sprechen, weil so gut
wie alles auf einen selbstbiografisch durchgängigen Faden bezogen er-
scheint. Man steht hier vor einem „pulsierende[n] Universum, die glei-
chen Themen und persönlichen Konstellationen kommen immer wieder
zwischen all den neuen Wahrnehmungen und Gedanken, auch die zum
Teil heftige Emotionalität bleibt die gleiche, vom Zwanzigjährigen bis zum
knapp Neunzigjährigen“.105 Doch die Postmoderne konnte nichts Sub-
stantielles dulden.
Gegen die Fama vom ‚Maskenspiel‘ des Autobiografen Canetti steht auch
das Faktum, dass die Tugenden seiner Selbstbiografie allgemein aner-
kannt sind. Das ist eine dokumentierte Anerkennung, die zur Verleihung
des Nobelpreises – gerade an den Autobiografen Canetti – führte:

Canettis Selbstbiographie, die in drei Bänden sein Leben vom Jahre 1905
bis 1935 erzählt, überraschte beim Erscheinen in den späten siebziger Jah-
ren durch die Klarheit ihrer Sprache, durch die Vollendung ihrer Form.
Zum Erfolg des Werkes trug wesentlich die an Goethe und Stendhal ge-
schulte Klassizität bei. Wie in einem Bildungsroman wird der Werdegang

104 Eine Belegstelle hierzu konnte nicht aufgefunden werden, so dass Mauthner schreibt:
„Ich weiß nicht gleich, ob der Scherz mehr als ein Scherz ist, der oft erzählt wird. Je-
mand habe behauptet, die Natur stimme nicht ganz mit Hegels Naturphilosophie zu-
sammen; Hegel habe geantwortet: ‚Desto schlimmer für die Natur.‘“; Fritz Mauthner,
Bd. 1: Geist. In: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache.
2 Bde. München [u.a.]: Georg Müller 1910, S. 373–393, hier: S. 390.
105 Vgl. Hanuschek, Biografie, S. 173.
66 1.8 Canettis großes Vorbild und seine Nachfolger

des Autors durch die Wirrnisse der Zeit verfolgt, wobei er eine Fülle be-
deutender Persönlichkeiten schildert, deren Porträts eine literarische Ga-
lerie ergeben, die ihresgleichen sucht.106

Dabei geht es um Knappheit, schlichte Direktheit; darum, die Lebendig-


keit der Figuren als Mittel gegen den Erzfeind des Autobiografen einzu-
setzen – den Tod. Der Autobiograf Canetti sah sich so wenig dem ‚Mas-
kenspiel‘ verpflichtet, wie das gesamte Genre der europäischen Selbst-
biografie das vor ihm war. Vielmehr kommt der klassische Existenzbogen
des Odysseus zur Veranschaulichung, der eines mythischen Vorbilds. In
dieser Konstellation herrscht Nachvollzug, ein zudem stupend gelunge-
ner, ein überraschend vollbrachter: Denn Canetti schrieb seine Autobio-
grafie erst nieder, als er bereits mit Hera bekannt und sozusagen nach
Ithaka zurückgekehrt war.
Er und seine junge Frau erfanden gemeinsam Figuren, die weiterentwi-
ckelt wurden im gemeinsamen Erzählspiel. Der Meister revidierte sogar
seine kauzig-faunische Paar-Aversion. Nichts kann vom ‚Maskenspiel‘
weiter entfernt liegen, zumal der erste Band der Selbstbiografie in den
Jahren des Heranwachsens der Tochter geschrieben wurde, „weil jetzt
ein Kind da ist, das ich auf ähnliche Phänomene hin betrachte“.107 Hier
lag geradezu eine Rückkehr zur Hausvater-Situation vor, wie man sie von
den Renaissance-Autobiografen kennt. Der bei Betrachtung seines eige-
nen Lebens gereifte Canetti war nun ein anderer, nicht mehr der bohe-
misch-ausschweifende Mensch von einst, so dass er nunmehr aus seiner
Selbstbiografie der Tochter vorlas.
Erst die Reise Heras, die wie als Göttergabe an seine Seite gestellt war,
an den Jugendort ihres Mannes, an die Strände der Donau, im Oktober
1971 unternommen, setzte damals die Erinnerungen frei, die Canetti
zum epochalen Selbstbiografen geraten ließen. Auch das war kein ‚Mas-

106 Adler, Party im Blitz, S. 211.


107 Vgl. Manfred Durzak: Aversionen gegen Arien. Gespräch mit dem Autor: Elias Canetti.
In: Die Welt, 05.09.1974.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 67

kenspiel‘, sondern im Gegenteil ein klassisch-mythischer Substantialis-


mus: ein konzentriert anti-postmodernes Verfahren, angewandt in Zei-
ten der sich verfestigenden Herrschaft des Oberflächenkults.
Ungeachtet der damaligen Zeitströmung, gerieten Canettis Erinnerungen
zu einem Bestseller-Erfolg allerersten Grades, womöglich mit der Tiefen-
wirkung von Jean-Jacques Rousseaus Confessions vergleichbar. Das war
die Krönung für einen Schriftsteller, der nun seinen Verlag gefunden
hatte, samt rasant ansteigender Verbreitung eines bislang eher obskuren
Werkes. Solchem literaturgesellschaftlichen Großerfolg entsprach auch
das Finanzielle: Für die Fackel gab es „drei Jahre lang Garantiezahlungen
von 5000 DM monatlich“, bei einer „Mindestauflage von 40.000“ Exemp-
laren.108 Das sind Zugeständnisse, die der Verlag noch vor der gegenwär-
tigen Hausse von Prominenten-Selbstbiografien zu leisten bereit war.
Gewiss konnte es nach dem Augenspiel auch deshalb keine Fortsetzung
mehr geben, weil der dort abschließend beschriebene Tod der Mutter
den Schlussstrich setzen musste, aus den ästhetisch-selbstbiografischen
Gründen.
Was seine Beziehung zu den Frauen betrifft, bleibt festzuhalten, dass der
Machtkritiker Canetti ein autokratischer Herrscher sein konnte, so wie
umgekehrt seine Macht-Aura, die auch Klamm in Kafkas Schloß verbrei-
tet, zu seinen faunischen Erfolgen beitrug, etwa in der Beziehung zu Iris
Murdoch. Nicht nur dies: Murdoch, so wie die zahlreichen anderen Ne-
benfrauen, sollte ihre Rolle spielen im Befestigen seiner literarischen Be-
deutung und des literaturhistorischen Eingedenkens an ihn. Denn Canetti
war nur partiell ein Anhänger des dunklen Griechentums und vor allem
einer des hellen Spötters Lichtenberg. Als solcher hat unser Autor wenig
gemein mit dem Krypto-Tragiker de Man, der seinerseits nur das Ober-
flächliche zu feiern wagte.
Elias Canetti, nach dem biblischen Propheten benannt, der Tote erwe-
cken konnte, sah sich durchweg als jemand, dem es auferlegt war, noch

108 Vgl. Hanuschek, Biografie, S. 600. – Siehe hierzu die Geschichte von Canettis erfolgrei-
chem Durchbruch als Autor bei Hanser: ebenda, S. 481–486.
68 1.8 Canettis großes Vorbild und seine Nachfolger

einmal alles Menschliche zu durchleben und literarisch beschreibend


durchzudeklinieren. Im Autobiografischen seines Schreibens, wie dann
auch im Aufzeichnen des ihm verliehenen Bios, gewinnt er literarische
Größe. Wie hätte einer am ‚Maskenspiel‘ interessiert sein können, der
nach der scharfsichtig-luziden Beschreibung des (austromarxistischen)
Kunsttheoretikers Ernst Fischer folgendermaßen zu begreifen war:

Der extreme Individualist, der Canetti war, haßte das Individuum als das
dem Tode Verfallene, durch seine Geburt den Tod in die Welt Bringende.
Das Individuum mußte daher […] bis zu dem entblößt werden, was zu ver-
hüllen es trachtete durch seine sich spreizende Eitelkeit, durch die Bruta-
lität des Zertretens, Zermalmens, Zerquetschens, durch wütende, unflä-
tige, die Beute zerfleischende Sexualität, durch die Grimasse des grinsen-
den, treuherzigen, edelmütigen Menschenfressers, das Individuum als
Produzent und Vollzugsorgan des Todes. 109

Solch eindringliche Charakteristik meinte stets auch den Verfasser des


Romans und der Komödien: den noch auf hoher See befindlichen Odys-
seus, und dann jenen auf gefahrvollen, erotisch verlockenden Inseln. Als
solcher hatte dieser neue Odysseus mit Die Blendung bedeutende Ge-
genwartsautoren wie Günter Grass oder Salman Rushdie beeinflusst.
Den Manipulator Grass hat Canetti in einer Erinnerung aufgespießt, die
zeigt, wie dieser seinen eigenen literarischen Nachruhm in einer Sitzung
der Berliner Akademie der Künste dadurch zu pflegen suchte, dass er wie
der „Führer einer Parlamentspartei“ auftrat.110 Grass protestierte näm-
lich gegen das – damals noch übliche – Verlesen von Nachrufen, was
Hans Mayer darauf zurückführte, dass es mit ihm „als Dichter bergab
gehe“.111 Zugrunde lag Canettis Akademie-Mitgliedschaft damals kein
(womöglich marxistisches) Ideal radikaler Gesellschaftsveränderung,

109 Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1969,
S. 238.
110 02.12.1970, ZB 23; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 556.
111 02.12.1970, ZB 23; zitiert nach: ebenda.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 69

sondern ein genuin europäischer Aufbewahrungswunsch, der dem cha-


otisch Erlebten mittels der Sinn gebenden Schrift zu sich selbst verhelfen
sollte.
Elias Canettis Gebote, noch um das Jahr 1933 herum, lauteten immerhin:
„1. Du sollst nicht sterben. / 2. Du sollst nicht lieben. / 3. Du sollst nicht
haben.“112 Doch sie galten für ihn wohl nur solange, bis er selbst wieder
nach Ithaka zurückgefunden hatte – mit Ausnahme des ewig gültigen Ers-
ten Hauptgebots als der Magna Charta aller Lebensbeschreibung: der
ewigen Todes-Feindschaft. Um diesen Komplex zu schließen: Der sein Le-
ben beschreibende Autobiograf, der sich später zunehmend selbstkri-
tisch zu den Weltuntergangs-Szenarien seiner Dramen (wie auch seines
Romans) äußerte, wäre nie damit einverstanden gewesen, seine schrift-
stellerische Tätigkeit als ein ‚Maskenspiel‘ bezeichnet zu sehen. Selbst
die einleuchtende Zuschreibung des ‚Tricksters‘ hat er nur begrenzt ak-
zeptiert: „Die Tricks der Verwandlung sind Tricks der Selbstbefreiung.
Nichts Anderes kann Aristoteles mit seiner Katharsis gemeint haben.
Aber zu glauben, dass darin sich das Wesen der Verwandlung erschöpft,
ist unsinnig und gemein.“113 Das wurde von einem zu Papier gebracht,
der, wie bereits angesprochen, den Nouveau Roman kritisch betrachtete.
Elias Canetti war durchaus ein Freund des Eigentlichen, und selbst sein
bester Feind Robert Neumann, dessen scharfsichtiger Konkurrenten-
Hass ihm lebenslang gewiss war, sah zu formulieren sich genötigt: „Er ist,
ich sage das allen Ernstes, ein faszinierender Mann und, sehr wohl mög-
lich, tatsächlich ein Genie.“114 Daraus lässt sich die Feststellung ableiten,
dass Canettis Selbstverständnis das eines Geheim-Genies war, dem wohl
brillanter Sarkasmus, aber nur wenig (Selbst-)Ironie zugänglich war.

112 Februar/März 1933, Block 14, ZB 3; zitiert nach: ebenda, S. 199.


113 09.09.1944, ZB 8; zitiert nach: ebenda, S. 444.
114 R. Neumann, Bd. 6, leichtes Leben, S. 112.
70 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument


Bereits die Confessiones zeigen die charakteristisch zweigeteilte Form des
europäischen autobiografischen Schreibens, die von den Jugendjahren zu
den Memoiren des Gesellschaftsmenschen führt.115 Aurelius Augustinus
Confessiones berichten in den ersten neun Büchern über die Geschichte
der Selbstausbildung samt abschließender Bekehrung. Danach bietet der
Text ein Kompendium von Lehrmeinungen, die er als späterer Bischof von
Hippo durchsetzte: Das Individuum soll in den Objektivationen seiner so-
zialen Tätigkeit erfasst werden. Der siegreiche Bischof verkündete den
neuesten Stand der von ihm beherrschten theologischen Diskussion, er
schrieb seinen Status als Sieger fest und teilte seinen Erfolg mit seiner Ge-
meinde. Insofern erscheint als bezeichnend, dass man die Dazugehörig-
keit der letzten drei Bücher immer wieder bestritten hat. Der Autor re-
flektierte den hier zur Rede stehenden Genrewechsel – von der Autobio-
grafie hin zu Memoiren – wie folgt: „Vom ersten bis zum zehnten Buch
handeln sie von mir, in den drei übrigen von der Heiligen Schrift […].“116
Die Confessiones werden dadurch zu einem Beleg für den unausweichli-
chen Wandel der Autobiografie zu Memoiren (der bei Canetti in der Ab-
folge seiner Lebensbücher erfolgt). Dieser kann erfolgen, sobald der Autor
eins wird mit seiner endlich erworbenen sozialen Rolle – was dem ‚Mas-
kenspiel‘ immerhin nahesteht (und selbst auf den Autor von Augenspiel
und Fackel ansatzweise zutrifft).117
Das bedeutende Buch des Kirchenvaters kann als die erste Autobiografie
im modernen Sinn des Wortes gelten. Deshalb ist seine Erörterung hier

115 Vgl. hierzu B. Neumann, Identität und Rollenzwang, S. 33. – Siehe zum Stellenwert und
Profil dieser Arbeit innerhalb der Autobiografie-Theorie: Wagner-Egelhaaf, Autobio-
grafie, u.a. S. 29–37.
116 [Aurelius] Augustinus: Confessiones/Bekenntnisse. Lateinisch und deutsch. 3. Aufl.
München: Kösel 1966, S. 845.
117 Siehe zur theoretischen Basis der neuen Form der Autobiografie Bernd Neumann: Die
Verunmöglichung der Autobiographie und das „außengeleitete“ Facebook-Individu-
um. In: Von Augustinus zu Facebook. Zur Geschichte und Theorie der Autobiographie.
Würzburg: Königshausen und Neumann 2013, S. 208–215.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 71

richtig am Platz, zumal es im Ordnungssystem des Autobiografen Canetti


einen entscheidenden Wegpunkt markiert. Im Jahr 400 nach Christus ver-
fasst, steht es einzig da in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung: als
eine Art Alpha wie Omega für sämtliche europäische Autobiografik. Hier
begann etwas, was noch mit Canetti sich fortsetzen, zum Teil sogar mit
ihm enden sollte. Wenn Augustinus auch von antiker Philosophie geprägt
erscheint, ordnet sich sein Buch in keine der von der Antike gepflegten
literarischen Gattungen ein. Denn es fiel anders aus als die philosophische
Selbstbetrachtung eines Marc Aurel oder auch die Schrift Ad Donatum des
Cyprianus, die Augustins Text thematisch verwandt ist. Noch die bekann-
ten Erinnerungen des Kirchenfürsten Gregor von Nazianz antizipieren kei-
neswegs den literaturgeschichtlichen Quantensprung, wie er im Werk des
Augustinus vorliegt. Überdies erscheint die Differenz zu Platons Sieben-
tem Brief signifikant. Bei Augustin ging das alte in das neue Europa über,
die Antike in die christlich geprägte europäische Neuzeit, endete das
‚Maskenspiel‘ zugunsten der Innerlichkeit.
Fragt man nach dem bedeutenden Unterschied, dem epochemachenden
Schritt, der Augustin zum ersten modernen Selbstbiografen werden ließ,
so liegt dieser in der Kategorie der Innerlichkeit. Der gehörte nämlich das
Bewusstsein zu, dass dieser neu entdeckte Raum – als triebbestimmter –
Gefahren für die Lebensführung enthalte, die sie im Extremfall zum Schei-
tern bringen. Dann erreichte Odysseus, im übertragenen Sinn, nicht mehr
sein Ziel. Michel Foucaults spätere Überlegungen zu Augustinus kreisen
ebenfalls um diesen Komplex.
So verwundert es nicht, dass Augustin der führende Theologe des
menschlichen Sündenfalls mit all seinen sexuellen Konnotationen war und
darin einer, der die Schopenhauer’sche und schließlich Freud’sche Sicht
der Dinge überhaupt erst möglich machte. Diese Wende mag bereits in
Augustins Manichäismus angelegt gewesen sein. Doch sie gelangte erst
wahrhaft zu sich selbst in der Bekehrung des Selbstbiografen, dargelegt
im dramatisch zugespitzten Höhepunkt seiner Erinnerungsschrift, in dem
bekannten Erweckungserlebnis. Ihm entspricht in gewisser Weise die
72 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

markante Canetti’sche Urangst, wie sie in der Geretteten Zunge am über-


zeugendsten zum Ausdruck gelangt. Diese Wende wurde erst existentiell
exekutiert, dann schriftlich fixiert, so dass sie nicht nur in der Reflexion
ihren Platz besaß. Sie erscheint bei Augustinus von Kierkegaard’scher In-
tensität, insbesondere in ihren lebensgeschichtlich bedeutsamen Konse-
quenzen wie der Verstoßung der nordafrikanischen Geliebten und der
endlichen Rehabilitierung der christlich-erotophoben Mutter. Der Vor-
gang findet beim späten Canetti ebenso statt, wenn auch als umgekehrter
Vektor. Mit anderen Worten: Erst jene Vergiftung des Eros, die der an den
Vorsokratikern orientierte Friedrich Nietzsche dem Christentum vorge-
worfen hat, bewirkte die historisch völlig neue Qualität von Augustins
Selbstbiografie.
Der Kirchenvater Aurelius Augustinus mischte das Gift selbst – und ver-
ewigte zugleich die Schönheit des Vergifteten in großer Erinnerungslite-
ratur, machte sie darin unsterblich als ein außerordentlich bedeutendes
Ferment der europäisch-neuzeitlichen Literatur. Hierin war der sein Faun-
Sein überwindende Canetti, der endlich seine Selbstbiografie nieder-
schrieb, ein später Zeuge – in Zürich, ausgerechnet, der einstigen Hoch-
burg eines asketischen Protestantismus. Wenn in neuerer Zeit jemand
den Sachverhalt erfasst hat, dann ausgerechnet der Denker Foucault, der,
darin kein Postmoderner, seine Erkenntnisse noch aus Quellenstudien be-
zog. Indem die Liebe in das Leben einbezogen und, wie im später sich aus-
bildenden Bildungsroman, zu einem Fokus für alle Identitätsbildung erho-
ben wurde, „löste sich laut Foucault auch die intime Verknüpfung von phi-
losophischer Wahrheitssuche und sexueller Enthaltsamkeit“118 – die Pla-
tons Erzählen noch respektierte, aber nicht mehr das des Rousseau, Goe-
the oder Canetti. Erst damit wird der Mensch zu einem ‚Getriebenen‘ und
das autobiografisch darzustellende Leben zu einer Ganzheit. Nun verbot
sich alles Horaz’sche ‚Maskenspiel‘, wie es noch vorliegen konnte in der

118 Vgl. Marius Gudmand-Høyer und Sverre Raffnsøe [u.a.]: Foucault. Studienhandbuch
(= UTB; 8452). Paderborn: Fink 2011, S. 255.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 73

Liebeslyrik des Römers. Es entstand die komplexe Schilderung einer ge-


samtmenschlich geprägten Suche nach Wahrheit, die sich eben nicht
mehr (wie noch in Augustinus Traktaten) auf das Zwiegespräch des Ver-
fassers mit seiner Ratio beschränkte.
Die Wahrheit liegt laut Augustin nicht mehr außerhalb des Menschen,
sondern konträr in seinem – weitgehend unerhellten – Inneren. Augustin
verlässt die Ebene der Objektivität, mit der noch die griechischen Denker
der Gottheit begegnet waren, um dieselbe zu einem dialogischen, gera-
dezu erotisch vertrauten Du werden zu lassen. Hier können „wir den Un-
terschied beobachten zwischen der ‚objektiven‘, für die antike Philoso-
phie charakteristischen Art, von Gott in dritter Person zu reden, und der
‚subjektiven‘, durch das Christentum bestimmten Wendung, die die
Selbst- und Gotteserkenntnis aus der religiösen Lebensbeziehung von Ich
und Du hervorgehen läßt“: „In Augustins Soliloquien herrscht noch die
erste Art vor, während in seinen ‚Konfessionen‘ die letztere sich durch-
setzte.“119 Diese Erkenntnis vermag zu belächeln, wer ihre kultur- und
geistesgeschichtliche Bedeutung nicht erfasst hat.
Im sich erhellenden Dunkel der eigenen Innerlichkeit begann nun ein ero-
tisches Zentralgestirn zu strahlen. In ihr ist sein neu entdeckter Erinne-
rungs-Gott angesiedelt, dem auch Canetti uneingeschränkt huldigte. Erst
die Annahme, dass alle Wahrheit im Inneren liegt, macht diesen römi-
schen Text zum wahren Vorläufer der späteren Erinnerungen eines
Francesco Petrarca oder Rousseau – oder eben auch eines Canetti. Wer
diesen Gedanken denkt, wird zu einem Vorgänger Montaignes, dieses von
Canetti favorisierten Philosophen. Anders als noch in der platonischen
Tradition wendet sich der Erkenntnissuchende nicht mehr einer ewig ver-
bürgten, unwandelbaren kosmischen Ordnung zu. Während Platon deren
transzendentale Dignität in ewigen Ideen zu erblicken meinte, zu deren
Erfassen er die Vernunft des Menschen befähigt sah, stand Augustin vor
einem zunächst ungeordneten, chaotisch dunklen Inneren. Auch Canetti

119 Georg Misch, Bd. 1.2: Das Altertum. In: Geschichte der Autobiographie. 4 Bde. 3., stark
verm. Aufl. Frankfurt a. M.: Schulte-Bulmke 1950, S. 641.
74 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

entrann seiner chaotisch-intensiven balkanischen Ursprungswelt und


fand in die Ordnung der ‚kakanischen‘ Kunst, im konsequent zu Ende ge-
brachten Nachvollzug der elterlichen Assimilation. Die neue Transzendenz
liegt also innen. Man hat daher mit Blick auf Spracherwerb, säuglingshafte
Lustreaktionen und pubertäres Erwachen der Libido in Augustin einen
Vorläufer freudianischer Erkenntnisse ausmachen können, die ihrerseits
ein zentrales Beschreibungsfeld in Europas Autobiografie, von Rousseau
über Adam Bernd bis zu Karl Ph. Moritz, besaßen. Stets wiederholte sich
der epochemachende Umschwung in der Entdeckung der Innerlichkeit,
wie sie dem Selbstbiografen Augustin buchstäblich als Erstem in der
Menschheitsgeschichte gelang.
Das durchaus als existentialistisch zu bezeichnende Glaubensringen die-
ses Selbstbiografen wird uns deshalb auch in seinen Schriften zu Musik
und Ästhetik überliefert, zentral jedoch in der Lebensbeschreibung. Als
erster Selbstbiograf wusste er um diesen Sachverhalt: „Ich […] mühe mich
an mir selber ab: es ward mein eigen Ich mir zum Boden der Mühsal“, so
steht es im 10. Buch der Confessiones.120 Solche Sätze notierte sich einer,
dessen Introspektion die Wunder des Seelenlebens, wie etwa Gedächtnis,
Traum und Einbildungskraft, ans Licht holte. Der Autobiograf richtete sei-
nen Erkenntniswillen nicht mehr auf die ewigen Ideen am platonischen
Himmel, sondern er begann die Wahrheit im eigenen, noch dunklen In-
nern zu suchen. Wo Chaos herrscht, bedrohliche Gefährdung der eigenen
Existenz, soll die Ordnung des Selbsterkennens eingerichtet werden. Die-
ser Zielsetzung, die in späteren Jahrhunderten eine freudianische zu nen-
nen ist, gehorcht bereits Augustin, der Autobiograf heißen darf und der
am Anfang einer völlig neuen Epoche steht. Sie entfaltete sich von der
Renaissance bis in unsere Moderne hinein. Deren großer Vertreter war
der dem Balkan entstammende Canetti, der nicht zuletzt für seine Lebens-
beschreibung den Literaturnobelpreis erhielt. Indem er die augustinische
Wende als Assimilant wiederholte, bekräftigte dieser exemplarische

120 Vgl. Augustinus, Confessiones, S. 525.


1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 75

‚Westjude‘ Schnitzlers epochale Erkenntnis: dass die jüdische Assimilation


ein ‚Menschheitsferment‘ sei.
Augustins autobiografisches Projekt besaß seinerseits einen Vorläufer im
Siebenten Brief Platons. Georg Misch hat in dieser Epistel ein bedeutendes
frühes Zeugnis autobiografischer Schreibtätigkeit erblickt und sie ausführ-
lich besprochen.121 Der Tyrann suchte die Anerkennung des Philosophen-
königs, und dieser wollte den Gewaltherrscher zu strikt gesetzeskonfor-
mem Handeln bekehren. Die paradigmatische Annäherung der beiden en-
dete mit lebensbedrohlicher Festsetzung und endlicher Flucht des Athe-
ners. Sie war eine Expedition ins Zentrum der Finsternis, von Platon in
selbstbiografischer Rückschau geschildert. Will man die beiden eigentlich
Unvergleichbaren Platon und Augustinus vergleichen, kann man sagen:
Die Anfänge allen selbstbiografischen Darstellens lägen dann darin, das
Unbegriffene und potentiell Gewaltvolle zu erkunden. So geschieht es
auch in der Geretteten Zunge, wo der Knabe die erschlagen will, die ihm
die Einsicht in die Schrift verweigerten, und lernen muss, sich diese auf
andere Weise anzueignen. Der Umgang mit dem Göttlichen ist dagegen
ein anderer, ein neuer und dem Genre entsprechend subjektiver.
Augustins Nähe zu einem neuen Gott bewirkt, dass die Reise jetzt nicht
mehr durch das Mittelmeer nach Sizilien, sondern durch das Meer der
Triebe ins Innere der Libido ging. Denn die Geschichte der Bekehrung ist
bei Augustin, dem Großmeister der Lehre von der Erbsünde, auch die sei-
ner Abwendung von den sinnlichen Verlockungen. Das ist eine Abkehr, die
seine eigene christliche Mutter immer schon gefordert hatte, so wie die
Mutter Canettis dann die Hinwendung zur europäischen Literatur und
Philosophie zum Zweck der Triebregulierung forderte. Diese vollzog sich
auch darin, dass Augustin, der Bekehrte, die erotischen Qualitäten des
Geschöpfs auf den Schöpfer übertrug. Derart lernte der erste Selbstbio-
graf der Menschheit, seinen Gott zu lieben: einen Gott, der seinen Sohn
in die Welt sendete, damit er darin stürbe. Dass dessen Verehrer dann das

121 Siehe hierzu Georg Misch, Bd. 1.1: Das Altertum. In: Geschichte der Autobiographie.
4 Bde. 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Schulte-Bulmke 1976, S. 114–158, bes. S. 157–158.
76 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

Weihnachtsfest zum Ausgangspunkt des Angedenkens machten, löste


den römischen Totenkult ab. Was hier begründet wurde, galt auch für den
Mythomanen Canetti, und nicht nur mit Blick auf dessen Odysseus-Iden-
tifikation.
All diese Elemente verleihen Augustins Bekenntnissen ihren modernen
Charakter: Die Autobiografie geriet, wenn man es so ausdrücken mag,
zum Bildungsroman. Augustin ist, verglichen mit Platon, nicht nur ein
‚homo novus‘; sondern bei ihm erfährt die erotische Sinnlichkeit, der er
sich in Leben und Lehre entsagte, auch eine enorme, paradoxe Aufwer-
tung. Er verkörpert jenen Umbruch, den der Vergleich mit Platons Sieben-
tem Brief deutlich macht und den Foucault mit seiner epochemachenden
Rekonstruktion der ‚Begehrensgeschichte‘ des Menschen herausgearbei-
tet hat:

Wie sich noch zeigen wird, meinte Foucault also einen gewissen Umbruch
zwischen der klassischen Antike und dem frühen Christentum feststellen
zu können. Das berühmte Diktum ‚Kenne dich selbst‘ (gnōthi seauton) war
in der klassischen Antike der weniger bekannten Devise der ‚Selbstsorge‘
(epimeleia heautou) im Dienste der konkreten Lebensführung unterge-
ordnet gewesen. Das sollte sich im frühen Christentum ändern, als die
Kenntnis des Selbst allmählich in das Bekenntnis integriert wurde, indem
das Individuum einem spirituellen Führer und Ratgeber die intimsten De-
tails seiner sündigen Gedanken und Handlungen offenbarte. 122

Hierin liegt der Unterschied zwischen Platon und Augustinus beschlossen,


wenn auch Letzterer noch entschieden an der antiken Geistigkeit teil-
hatte. Nicht mehr nur eine Gesellschaft vom Turm als gesellschaftliche
Macht, sondern vor allem eine beschreibende Erforschung der eigenen
Triebgebundenheit ließ die moderne Autobiografie entstehen. Verglichen
mit der philosophierenden griechischen Aristokratie, die sich mit Platon
auf die ersten Könige Athens zurückzuführen wusste, war Augustin ein

122 Gudmand-Høyer und Raffnsøe, Foucault, S. 243.


1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 77

durch Bildung hervorstechender Emporkömmling, so wie dann auch Ca-


netti, der am anderen Ende des kulturhistorischen Verlaufs angesiedelt
ist. Durch stupende individuelle Begabung machte einer auf sich aufmerk-
sam, der spektakulär als Gerichtsredner durch die glitzernden Metropo-
len des bereits in Auflösung begriffenen Römischen Reichs zog. Als eine
Art Gladiator des Geistes erntete Augustin Geld und Ruhm, bevor er
schließlich Christ und Bischof wurde. Als Bischof, der seine Geliebte nach
Afrika zurücksandte, wurde er durchaus zu demjenigen, an den Nietzsche
gedacht haben kann, als er, wie erwähnt, dekretierte, das „Christenthum“
habe dem „Eros Gift zu trinken“ ‚gegeben‘.123 Erst der christlich denun-
zierte Eros, und gerade Augustin wirkte daran mit, begann jene Laufbahn,
die ihn zur treibenden Kraft in der dominierenden Kunstgattung der Mo-
derne, dem Roman mit seiner Nähe zur Autobiografie, geraten ließ. Nicht
zuletzt die Tatsache, dass Augustin seine Lebensgeschichte auch als Lie-
besgeschichte zu erzählen vermochte, verleiht ihm seinen Rang als ersten
Autobiografen Europas.
Zum ersten Mal in der Geschichte des Genres kam es zur Engführung zwi-
schen der Geschichte des Individuums und den Verwandlungen des Eros.
Jener war in der Antike mächtig, aber eigentlich unproblematisch gewe-
sen. Erst seine christliche Verwandlung, von der Augustinus Leben zentral
berichtet, verlieh ihm eine neue und flammende Macht, die sich vor allem
in der Renaissance gebieterisch entfalten konnte, das Zeitalter der Auto-
biografie endgültig einleitend: „Diese erste Selbstdarstellung Augustins
gibt Anknüpfung und Maß für die innere Arbeit, die zu leisten war, bis die
spätere Selbstbiographie hervortreten konnte.“124 So steht in seiner
Schrift Über die wahre Religion die Anweisung: „Geh nicht aus dir hinaus,

123 Vgl. Friedrich Nietzsche, Abt. 6/Bd. 2: Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der
Moral, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. In: Werke. Kritische Gesamtaus-
gabe. Hg. von dens. [u.a.]. Berlin [u.a.]: de Gruyter 1968, S. 102/Aph. 168.
124 Misch, Bd. 1.2, Altertum, S. 640.
78 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

in dich selber kehr ein, denn im innern Menschen wohnt die Wahrheit
[…][.]“125
Diese geistesgeschichtliche Wende führte dazu, dass in der Renaissance
selbstbiografische Schilderungen von vollgültiger Individualität entstan-
den, in denen die Erinnerung die Reflexion durchdrang, die Phantasie ge-
steigert und das eigene Lebensmuster in den allgemeinen Zusammen-
hang menschlichen Daseins gestellt wurde. Auch Foucault war sich dessen
bewusst, so dass es bei ihm heißt:

In dem […] Band […], der sich auf das Christentum bezieht! – versuche ich
zu zeigen, wie sich diese gesamte [griechisch-römische] Moral verändert
hat. Dass sich das telos selbst verändert hat: Jetzt ist damit die Unsterb-
lichkeit, die Reinheit, usw. gemeint. Die Form der Askese hat sich ebenfalls
verändert, denn von nun an nimmt die Selbstprüfung die Form einer
Selbstentzifferung an.126

Erst jetzt entstand eine Hermeneutik des Selbst, was auch dadurch be-
dingt war, dass das Begehren nicht mehr als von außen kommend gese-
hen wurde, als Gottesgabe, sondern aus einem Inneren, das als dämoni-
sche Gefahr und zugleich als erkenntnis- wie glücksverheißende Tiefe er-
lebt wurde. Jenes Thema faszinierte auch Canetti, den Autor von Masse
und Macht. Vor dieser Ich-Hermeneutik kann kein ‚Maskenspiel‘ mehr Be-
stand haben, kann aber auch kein Hermes als Verwandlungskünstler die
Selbsterkenntnis ersetzen, wie das in Thomas Manns Bekenntnisse des
Hochstaplers Felix Krull erfolgt. Indem Augustin den Willen zur Bekehrung
in den Mittelpunkt rückte, wurde ein zentrales menschliches Vermögen
aktiviert. Nun wurde der Eros beschrieben, wie er sich unwillkürlich Bahn
bricht, aus einem eben auch Lust hervorbringenden Inneren heraus, voll
von unregierbarem Eigenwillen. Der freudianische Mensch trat damals ins

125 Joseph Bernhart: Zur Biographie: In: Augustinus, Confessiones, S. 943–1007, hier:
S. 979.
126 Michel Foucault, Bd. 4: Zur Genealogie der Ethik: Ein Überblick über die laufende Ar-
beit. In: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Hg. von Daniel Defert und François
Ewald. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005, S. 461–498, hier: S. 482–483.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 79

Leben. Bei dem Selberlebensschreiber Canetti wurde er dann zum Inbe-


griff der jüdischen Assimilation in (Mittel-)Europa.
Augustinus Text, mit seinem Fokus auf der Beziehung zur Mutter und zur
Geliebten, bezeugt jene „römische[] Kolonialisierung der Erotik, mit der
der respektvolle Umgang mit der Frau in einem gegenseitigen Verhältnis
allmählich das Werben um den Knaben ersetzte“.127 Mit der Zähmung des
Eros und der späteren Ablösung von der Mutter, wie auch in der intensi-
ven Beschreibung von Freundschaften, entstand in den Confessiones die
erste moderne Autobiografie – die sie aber auch nur so lange blieb, wie
ihr Autor als Lebenssuchender und nicht als ein Dogmen verkündender
Bischof agierte. Das Ringen des sinnlichen Augustin um eine asketische
Lebensführung fand schließlich im berühmten Bekehrungserlebnis im
Mailänder Garten seinen Höhepunkt: „‚Nimm es, lies es, nimm es, lies
es!‘“128 Diese Aufforderung, die Augustin zu vernehmen meinte, bekehrte
ihn endgültig zum Glauben und änderte radikal sein Leben. Er gab die Mai-
länder Rhetorikprofessur auf und wendete sich gänzlich einer kirchlichen
Tätigkeit zu. Die Confessiones berichten nun über das Tun und Denken des
Bischofs von Hippo. An die vorhandenen Bücher „fügte“ Augustin „als
letzten, mehr als ein Viertel des Ganzen füllenden Teil rein lehrhafte Erör-
terungen an, die am Faden des ersten Kapitels des ersten Buches Mose
verlaufen und sich nacheinander über Gott, die Dreieinigkeit, die Schöp-
fung der Welt verbreiten“: „Er wollte mit ihnen ein Zeugnis seiner Glau-
benslehre geben, statt von seiner Berufung zum Bischof und Wirksamkeit
im Priesteramt zu erzählen, wofür ihm die ‚Tropfen der Zeit zu kostbar‘
waren.“129 In diesen Bibelexegesen, die Beiträge zum rechten Leben und
Glauben und Ausführungen zur Dogmatik bilden, sprach Augustin als der
Bischof von Hippo gleichsam ex cathedra. In abstrakt belehrender Form,

127 Vgl. Gudmand-Høyer und Raffnsøe, Foucault, S. 255.


128 Augustinus, Confessiones, S. 415.
129 Misch nennt in der zugehörigen Fußnote 3 die Teile 11 bis 13; Misch, Bd. 1.2, Altertum,
S. 650.
80 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

ohne jeden autobiografischen Bezug, katechisierte er seine Leser. Das In-


dividuum war zur Institution geworden, der Sucher zur Autorität, der rin-
gende Mensch zum lehrhaften Würdenträger: Der Wandel der Confessio-
nes, von der Autobiografie erst zum memoirenhaften Bericht und über
das äußere Ergehen des Bischofs von Hippo dann zum Kompendium des
rechten Glaubens, spiegelt Augustins individuelles Befinden wider.
Von nun an hat die Autobiografie am Bildungsroman-Muster teil, wird die
Gattung zum literarisch-kulturellen Ferment der europäischen Mensch-
heitsgeschichte. Wenn es später in Novalis philosophischen Skizzen heißt:
„[N]ach innen geht der geheimnisvolle Weg“,130 so erscheint diese Wen-
dung in den Confessiones vorformuliert in Ausführungen wie diesen: „Und
da gehen die Menschen hin und bewundern die Höhen der Berge, das
mächtige Wogen des Meeres, die breiten Gefälle der Ströme, die Weiten
des Ozeans und den Umschwung der Gestirne – und verlassen dabei sich
selbst.“131 Damit erinnert der erste moderne Autobiograf daran, dass er
sich selbst zu einer ‚großen Frage‘ wurde. Das hatte dann bis zu Canettis
Zeiten gegolten; und als kein Zufall mag erscheinen, dass genau diese zi-
tierten Sätze in der italienischen Renaissance von Petrarca, laut deklamie-
rend, als Verkündung einer neuen Zeit vorgelesen wurden. Dabei stand
der Dichter, die ihm von Dionigi di Borgo San Sepolcro überreichte Ta-
schenausgabe der Confessiones in der Hand, auf dem Gipfel des Mont
Ventoux, was buchstäblich einen Höhepunkt europäischer Geistigkeit bil-
dete. Von Augustin an galt: Nicht mehr nur rationale Geistesschau, son-
dern zugleich die Leidenschaft der irdischen Liebe, die übergeht in die jen-
seitige, setzen den Rahmen für eine Rekonstruktion des Lebens und kön-
nen am Ende eine Relation zu Gott herstellen.
In der Tat erscheint der kommende Bischof von Hippo hier als ein Vorgän-
ger der großen psychologischen Romandichter – in der literarischen Schil-
derung der Wege, die die Seele durch die Welt zurücklegt, auf der Suche

130 Vgl. Gerhard Schulz (Hg.): Novalis Werke. 4. Aufl. auf der Grundlage der 2., neubearb.
Aufl. München: Beck 2001, S. 326.
131 Augustinus, Confessiones, S. 509.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 81

nach dem „göttliche[n] Walten“, das Augustin in dem „inneren seelischen


Geschehen selber findet“.132 Dies bezeichnet einen epochalen Umbruch,
einen Paradigmawechsel im europäischen Erinnerungserzählen, für den
Augustinus mit seinen Bekenntnissen steht. Der Autobiograf Canetti
wurde insofern fündig, als er jenes „Walten“ passenderweise in Hera
fand.
Augustin abschließend zu beschreiben, ist niemand besser geeignet als
Charles Taylor, dessen Quellen des Selbst keiner übergehen kann, der sich
mit Canettis Schreiben und der Genese der Autobiografie beschäftigt.
Hierzu ist ein ausführliches Zitat notwendig, das sich wie folgt liest:

Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass Augustin derjenige war, der die
Innerlichkeit der radikalen Reflexivität ins Spiel gebracht und sie dann der
abendländischen Denktradition vermacht hat. Das war ein schicksalhafter
Schritt, denn inzwischen haben wir zweifelsohne dafür gesorgt, daß sich
der Standpunkt der ersten Person zu einer Sache von enormer Bedeutung
ausgewachsen hat. […] Auf diese Weise ist sogar die Anschauung hervor-
gebracht worden, es gebe einen speziellen Bereich ‚innerer‘ Gegenstände,
die nur von diesem Standpunkt aus zugänglich seien. Ein weiteres Resultat
ist die Vorstellung, der Ausgangspunkt des ‚Ich denke‘ liege irgendwie au-
ßerhalb der Welt der Dinge, die wir erfahren. 133

Entscheidend ist, dass von nun an das Eigentliche als verborgen gesehen
wurde: dass es, wie Foucault auch an überzeugenden Fallbeispielen ge-
zeigt hat, seit der christlichen Fixierung der Libido auf die Frau seinen Sie-
geszug durch die Identitätskonzepte Europas hielt. Bei Canetti kehrte es
noch einmal zu Odysseus inselspringender Erotik zurück, bevor er nach
Ithaka heimfand.

132 Vgl. Misch, Bd. 1.2, Altertum, S. 653.


133 Charles Taylor: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität
(= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1233). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1996, S.
243.
82 1.9 Augustinus Confessiones: Ein Gründungsdokument

Auch Jean-Jacques Rousseau, der den Erziehungsroman Emile schrieb und


darin den natürlichen Menschen als den guten erfand, mit (blutigen) Fol-
gen für die Französische Revolution, ließ andererseits seine Kinder im
Waisenhaus erziehen. Er lebte gleichsam zwei Leben. Das eine spielte in
der Realität, es war ein profanes, keineswegs reines, mit Rousseaus Idea-
len schlechtweg unverträgliches Leben. Das andere hatte seinen Platz in
der Phantasie: Unbekümmert um die Tatsachen, idealisierte Rousseau
sein Ergehen zum Schicksal des natürlichen und edelmütigen, eben des-
halb von der Gesellschaft verfolgten Menschen. Letzteres beschreiben die
Rousseau’schen Bekenntnisse, die in der Nachfolge der augustinischen
Autobiografie stehen. Rousseau besorgte qua dichterischer Phantasie
eine Restitution des Eigentlichen, also dessen Befreiung aus seinem Ver-
decktsein im gesellschaftlichen Rollenspiel.
Bereits Johann G. Herder konnte zu diesem Komplex schreiben, dass
Rousseau sich noch posthum genötigt sah, folgende Worte zu sprechen:
„Lernt also aus meinem Beispiel, ihr Menschen, wie anders es sey zu
schreiben, […] und wie anders zu handeln, zu seyn.“134 Einzig der einsam
phantasierende Rousseau fühlte sich glücklich in der Erinnerung an ver-
gangenes und darum unwiderrufliches Glück. Das subjektive Glück des
Träumers stellte er der realen gesellschaftlichen Welt gegenüber – „unse-
rer Gesellschaftsordnung“, in der er „nur noch Unterdrückung und Elend“
sah.135 Darin lag die neue schöpferische Antinomie, in der das Genre Au-
tobiografie von nun an gefangen war. Canetti steht inmitten seiner Nach-
folge.
Für beide gilt jedenfalls Theodor W. Adornos Satz aus dem Fragment Kul-
turindustrie, Aufklärung und Massenbetrug: „Das Moment am Kunstwerk
[…] besteht nicht in der geleisteten Harmonie, der fragwürdigen Einheit

134 Johann G. von Herder, Bd. 12: Über Müllers Bekenntnisse merkwürdiger Männer von
sich selbst. Leibnitz Weissagung. In: Briefe zu Beförderung der Humanität. Schluß
(= Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Hg. von Johann von Müller. 16 Bde.). Wien:
Grund 1813, S. 18–45, hier: S. 38.
135 Vgl. Jean-Jacques Rousseau: Bekenntnisse. Unverkürzt aus dem Französischen über-
tragen von Ernst Hardt. Berlin: Wiegandt und Grieben 1907, S. 548.
1 Kultur: Der Autobiograf Europas und seine Assimilation 83

von Form und Inhalt, Innen und Außen, Individuum und Gesellschaft, son-
dern in jenen Zügen, in denen die Diskrepanz erscheint […].“136 Adorno
und Canetti: Seinen Gesprächspartner schätzte der Frankfurter Sozialphi-
losoph womöglich mehr als dieser ihn. In diesen Zusammenhang fügt sich
eine frühe Skizze Canettis von 1941 zu der zu schreibenden Autobiografie,
die ein Entwurf für ein großes Lebens-Buch ist: „Die Erinnerungen an
meine ersten sechs Jahre will ich so niederschreiben, wie Jugenderinne-
rungen noch nie geschrieben worden sind. Alles soll darin enthalten sein;
mein eigenes Leben; aber auch das Leben der ganzen Welt. Jedes Omen
soll darin verzeichnet werden.“137 Jenes wahrhafte „Orakel-Buch“138
sollte, unter anderem, heißen: „Die Gurgel der Kindheit“.139 Von hier aus
war es nicht mehr weit zu den beiden Langzeit-Schreibprojekten des ‚un-
sterblichen‘ Elias Canetti, zu der autobiografischen Selbsterfassung und
zu Masse und Macht.

136 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbe-
trug. In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.: S. Fischer
1969, S. 128–176, hier: S. 139.
137 07.02.1948, ZB 10; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 576.
138 07.02.1948, ZB 10; zitiert nach: ebenda.
139 22.08.1976, ZB 58; zitiert nach: ebenda.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung

Canettis 38-seitige Dissertation „Über die Darstellung des Tertiärbutylcar-


binols“, die sich in einen theoretischen und experimentellen Teil gliedert,
abgeschlossen 1929 am „analytischen Institut der Universität Wien“,140
bildete den zeitlichen Ausgangspunkt seines ‚dichterischen‘ Schaffens.
Dennoch handelte es sich keineswegs um ein Kausalitäts-Denken, das er
sich in weltanschaulicher Hinsicht aneignete, sondern um geweitete de-
terministische Denkmuster, die er zur Beschreibung des Masse-Macht-
Kontinuums für brauchbar erachtete. Zwar sah er unter anderem aus sei-
nem Chemie-Studium, neben anderen Erlebnissen, eine „Strenge der Ar-
beitsweise“ für sein „Schreiben“ im Allgemeinen resultieren, wenn er
mutmaßt, „daß auch die Vertrautheit mit der Chemie, mit ihren Prozessen
und Formeln in diese Strenge eingeflossen ist“ (GW 332). Eine nennens-
werte Kausalitäts-Relevanz lässt sich bei ihm, obwohl er ein akademischer
Vertreter eines Ursache-Wirkungs-Prinzips war, jedoch nicht nachweisen.
So äußert sich Canetti im Gespräch mit Rudolf Hartung zum Anlass, Che-
mie zu studieren, rückblickend auch selbstkritisch, indem er das Ansinnen,
ein „universales Wissen“ zu „erwerben“, als „beinahe kindisch[]“ bezeich-
net.141 Dieses „Wissen“ stellte er in einen rhetorischen Dienst, unter fast
vollständigem Verzicht auf einen Kasus. Als Vertreter eines moderaten
Determinismus sieht er einerseits davon ab, regelhaften Gebrauch von ei-
nem derartigen Kausal-Denken zu machen, um andererseits eine Masse-
und Macht-Phänomenologie von anthropologischer Verbindlichkeit zu
beschreiben.142

140 Siehe Elias Canetti: Über die Darstellung des Tertiärbutylcarbinols. Diss. Wien 1929,
Titelblatt [Kopie].
141 Vgl. Canetti/Hartung, Schriftsteller im Gespräch, S. 29.
142 Honneth nennt ihn einen „kruden Behavioristen“ und spricht davon, dass es bei ihm
„kein Ereignis in der Interaktion zwischen Menschen“ gibt, „das nicht in irgendeiner
Weise auf archaische Antriebe des menschlichen Körpers zurückgeführt werden
müßte“; Axel Honneth: Die unendliche Perpetuierung des Naturzustandes. Zum theo-

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Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2020
B. Neumann und G. Wimmer, Elias Canetti in seiner Zeit,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4_3
86 2.1 Das Utopismus-Konzept

2.1 Das Utopismus-Konzept


Wenngleich allein seine Masse-Macht-Schrift, als einzige menschenkund-
liche Studie, die er verfasste, einen methodisch willkürlichen Zugang auf-
weist, zeigt der fast zeitgleich mit der Dissertation entstandene Roman,
dessen Handlungszentrum eine Gelehrtenfigur einnimmt, immerhin eine
Bezugnahme auf ein unorthodoxes Wissenschaftsverständnis. Letzteres
ist anhand eines Sinologen, der einen philologisch-kulturwissenschaftli-
chen Zugang pflegt, realisiert und greift dem deutschen Totalitarismus so-
zialempirisch voraus. Canetti steht hierbei in einer modernistischen Tra-
dition, die sich gegen einen blinden Zivilisationsgang wendet und im tech-
nischen Wandel einen Weg ins Unheil ausmacht. Literaturhistorisch ver-
bindet ihn seine Kritik, die teleologisch ausgerichtet ist, mit bedeutenden
Modernisten deutscher Sprache wie Musil oder Kafka. Canetti hat als lite-
rarischer Vorreiter einer zweckrationalen Skepsis zu gelten, wie sie fast
zeitgleich von Adorno/Horkheimer methodisch beschrieben wurde, und
zwar in ihrem dialektischen Verhältnis zum Mythos. Adorno/Horkheimer
konstatieren eine „neue Art von Barbarei“ und eine „Selbstzerstörung der
Aufklärung“, die zu einem „Rückfall[]“ in die „Mythologie“ geführt hät-
ten.143 Das vorrangige Ziel seiner Kritik, das sich als die Industriemoderne
zu erkennen gibt, beschreibt Canetti in einem Notat, in dem er konsta-
tiert, dass der „Fortschritt“ seine „Nachteile“ hat: „von Zeit zu Zeit explo-
diert er“ (A 76). Die ideelle Verwandtschaft mit den Theoretikern der

retischen Erkenntnisgehalt von Canettis Masse und Macht. In: Einladung zur Verwand-
lung. Essays zu Elias Canettis Masse und Macht. Hg. von Michael Krüger. München
[u.a.]: Hanser 1995, S. 105–127, hier: S. 105 u. 111. – Vaas wiederum spricht unspezi-
fisch von einem „philosophische[n]“ Zugang; Rüdiger Vaas: Masse, Macht und der Ver-
lust der Einheit. Aspekte einer Anthropologie. In: Einladung zur Verwandlung. Essays
zu Elias Canettis Masse und Macht. Hg. von Michael Krüger. Hanser: München [u.a.]
1995, S. 219–260, hier: S. 222. – Robertson dagegen beschreibt Masse und Macht ver-
engend als „Sozialanthropologie“; Ritchie Robertson: Canetti als Anthropologe. In:
ebenda, S. 190–206, hier: S. 192.
143 Vgl. Adorno und Horkheimer: Vorrede. In: Dialektik der Aufklärung, S. 1–7, hier: S. 1 u.
3.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 87

Frankfurter Schule, die von einer „Besinnung auf das Destruktive des Fort-
schritts“ sprechen,144 ist offensichtlich. Im Gespräch mit Theodor W.
Adorno betont Canettis Gesprächspartner denn auch ausdrücklich die
„Übereinstimmung“, die im Punkt einer „wildgewordenen Selbsterhal-
tung“ besteht (ARG 141–142).
Als Kritiker einer ‚instrumentellen‘ Vernunft glaubt der gereifte Canetti
insofern an Aufklärung, als er dem maßgeblichen Dichter die Gabe zu-
schreibt, die anthropologischen Gesetzmäßigkeiten zu erfassen und sei-
nen Zeitgenossen vor Augen zu führen. Das utopische Maximalziel wiede-
rum läge in einem vor-urzeitlichen Dasein, das re-evolutionär sich von der
hochmodernen, differenzierten Lebensrealität ablöste. Der kognitive Mo-
dus dieses Wandels ist der klinische Wahn, der sich gehäuft beim Men-
schen der modernen Zeit einstellt und der willentlich nicht zu initiieren
ist. Eine Gefühlsdominanz ist dazu auserkoren, den Menschen an seine
archaischen Anfänge zurückzuführen, unter fast vollständiger Aufgabe
der Vernunftbegabung. Wie Canetti behauptet, zöge dies das Ergebnis ei-
ner Neukreation der Lebensordnung nach sich, in Form eines Übertrittes
in ein Vorbewusstsein. Sofern es sich um den Modus der Rück-Verwand-
lung in einen neuen Mythos handelt, findet der Leser jedoch keine prak-
tikable Handlungs- und Lebens-Anleitung vor.
Ein Hoffnungshorizont fehlt auch seiner Universalschrift, in ihrer minimal-
utopischen Anlage, über die er in einer späten Aufzeichnung von 1982 die
ungeschönten Wörter schreibt: „So wie es jetzt ist, zwingst du die Leser
dazu, ihre Hoffnungen zu suchen.“ (A 495) Canetti evoziert damit, dass
seine Schrift eines praktikablen Heilskonzeptes entbehre und für Irritati-
onen in der Erwartungshaltung der Rezipienten sorge. Wiewohl ein sol-
cher Erwartungshorizont beim informierten Lesenden, der mit Canettis
Utopismus vertraut ist, nur bedingt vorliegen kann, erteilt er mit dem No-
tat jeglicher Hoffnung auf kollektive Praktikabilität, die in einer Synthese
qua Verwandlung läge, eine Absage. Denn was für den Neu-Mythos und

144 Vgl. ebenda, S. 3.


88 2.1 Das Utopismus-Konzept

seine spezifischen Voraussetzungen gilt, trifft auch auf die Minimalutopie


zu.
Seine unversöhnliche Position gegenüber der modernen Zeit geht aus ei-
ner Aufzeichnung von 1980 hervor, in der er beklagt, dass der „‚moder-
ne[]‘ Mensch“ der „Moderne“ „nichts entgegenzusetzen hatte“ (A 443).
Canetti war ein Kulturpessimist, der sich schon in jungen Jahren vom in-
dustriemodernen Fortschritt, samt seinem Vernunftprinzip, abwendete
und Zuflucht zu einer Welt der Mythen im weiten Sinn suchte.145 Später
gilt ihm der Dichter als Aktivator einer Verwandlung, die bei ihm unver-
brüchlich an die ältesten Epen, an „Märchen“ (MM 400) und mit Ein-
schränkungen auch an völkerkundliche Aufzeichnungen gebunden ist.
Diese im modernen Menschen verkümmerte Fähigkeit, die eine Art „Em-
pathie“ meint (GW 367), findet er in den überlieferten Menschheitsmy-
then beschrieben. In einer Aufzeichnung von 1958 schreibt er dazu, dass
es „keine tiefere Respektbezeugung für die Menschheit als der [sic!] Hun-
ger nach ihren Mythen“ „gibt“: „[…] und wenn man mehr gelesen hat, als
das Herz erträgt, darf man auf die geheime Kraft dieser Nahrung hoffen.“
(A 239) Seine Aufzeichnungen bilden, bei allem Changieren zwischen den
Textgattungen, eine wichtige Quelle des Canetti’schen Selbstverständnis-
ses.146 Beispiele für Verwandlungen geben vor allem seine längeren

145 Canetti erklärt zu seinem Interesse an den „Mythen“, dass er „nichts lieber“ „lese“ als
ebendiese: „Der wichtigste Teil meiner Bibliothek besteht daraus, es mögen an die 300
Bände sein. Die meisten stammen von den sogenannten Naturvölkern.“; Elias Ca-
netti/Horst Bienek: „Die Wirklichkeit wie mit Scheinwerfern von außen her ableuch-
ten“. Ein Gespräch. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissen-
schaft; 63). Hg. von Manfred Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 9–16, hier: S. 11.
146 Lappe hält zu Canetti und seinen Aufzeichnungen fest, dass es „falsch“ ist, ihn zu den
„Aphoristikern zu zählen“, denn: „Ihm zählt die Last des Tages und nicht die Schönheit
der Worte.“; Lappe, Aufzeichnungen 1942–1985, S. 75. – Zum Werkcharakter der Auf-
zeichnungen hält Strucken fest, dass sie „[t]rotz der Spontaneität ihrer Entstehung“
„eigenständige Werke“ bilden; Stefan Strucken: Masse und Macht im fiktionalen Werk
von Elias Canetti (= Düsseldorfer Schriften zur Literatur- und Kulturwissenschaft; 3).
Diss. Düsseldorf 2004/2005. Essen: Klartext 2007, S. 92. – Canetti selbst vesieht seine
Aufzeichnungen mit den Prädikaten der „Gegensätzlichkeit und Spontaneität“, weil sie
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 89

Schriften: Wenn er in der Autobiografie einem klassischen Bildungsver-


ständnis huldigt, das ihn zu dem Autor gemacht hat, der mit der Blendung
und seinen Dramen erkennbar wird,147 zeigt sich die Masse-Macht-Schrift
als sozialanthropologisches Konvolut, dessen empathische Zeugnisse bis
in die Frühzivilisation reichen.
Auf die Frage, welcher Art von Philosophie er sich eng verbunden fühlte,
lässt sich eine präzise Antwort formulieren. In einer Notiz von 1968 betont
er seinen Unwillen, was ein etwaiges „[L]oskommen“ von den alten „chi-
nesischen ‚Lehrern‘“ betrifft: „Nur die Vorsokratiker beschäftigen mich
schon ebensolange wie sie, mein ganzes Leben. […] Zusammen, aber nur
zusammen, enthalten sie alles, was der denkende Mensch als Stachel
braucht […].“ (A 322–323) Von den alten Meisterdenkern sieht er das Ziel
einer methodischen Ganzheitlichkeit vertreten, so wie er selbst ein uni-
versales Herangehen praktiziert. So vermag Stefanie Wieprecht-Roth der
philosophischen Orientierung die „Vorsokratiker“ „Demokrit, Empedok-
les und Heraklit“ sowie die von ihm „geschätzten ‚chinesischen Meister‘,
etwa Konfuzius, Laotse oder Dschuang Dsi“, hinzuzurechnen.148 Als Beleg
für sein synthetisches Kognitionsverständnis, das der Superiorität des
Vernunftdenkens seiner Zeit entgegenstand, ist eine Aufzeichnung von

„ganz disparaten Teilen des Menschen“ „entstammen“; Elias Canetti: Aufzeichnungen.


1942–1948. München: Hanser 1965, S. 9.
147 Magris gibt zu Recht zu bedenken, dass in der „Autobiographie“, „hinter der Maske
der Humanität und der objektiven Darstellung, eine Leere, ein schwarzes Loch“, exis-
tiert: „Der heutige Canetti versucht, den gestrigen zu verbergen oder sogar zu verwi-
schen.“; Claudio Magris: Der Schriftsteller, der sich versteckt. In: Modern Austrian Li-
terature 16, H. 3/4 (1983), S. 177–195, hier: S. 191. – Witte relativiert, dass seine „Le-
benserzählung“ „zugleich Auskunft über die Funktion, die er der Literatur zuspricht“,
„gibt“, womit vor allem der minimalutopische Ansatz angedeutet ist; Bernd Witte: Der
Erzähler als Tod-Feind. Zu Elias Canettis Autobiographie. In: Elias Canetti (Text + Kritik;
28). Hg. von Heinz L. Arnold. 3., erw. Aufl. München: Edition Text und Kritik 1982, S.
65–72, hier: S. 66.
148 Vgl. Stefanie Wieprecht-Roth: „Die Freiheit in der Zeit ist die Überwindung des Todes“.
Überleben in der Welt und im unsterblichen Werk. Eine Annäherung an Elias Canetti
(= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; 478). Diss. Köln 2000. Würzburg: Königs-
hausen und Neumann 2004, S. 34.
90 2.1 Das Utopismus-Konzept

1973 zu zitieren, in der Canetti erklärt, dass er „nichts“ „[b]eweisen“ will,


er „aber immer“ „heftig“ „glaube“ und seinen „Glauben“ „verbreite“
(A 381).
Wenn Wieprecht-Roth von einer ‚Entscheidung‘ für das „[G]egenaufklä-
rerisch[e]“ spricht,149 gilt es zu präzisieren, dass Canetti, betreffend die
Zeit nach 1945, keineswegs jeglichem Aufklärungsstreben abschwor. Er
beschritt einen dualistischen Weg, um der rational gestützten Reflexion
die ‚Empathie‘ an die Seite zu stellen. Die vorgeblich zweckhaft simplifi-
zierte Ratio, wie sie innerhalb der Industriemoderne ausgemacht wurde,
sieht er lediglich in jungen Jahren auf eine Regression zusteuern, auf den
Status eines Vorbewusstseins. Im Fall der Minimalutopie dagegen hat die
Welterfassung vorrangig rational zu erfolgen – auch durch den auserwähl-
ten ‚Hüter‘, der dazu berufen ist, seinen Beitrag zur Abspaltung von einem
katastrophischen Zukunftspfad zu leisten.
Sein Anspruch der Spaltung geht aus einer Aufzeichnung von 1945 hervor.
Darin fordert er die Fortführung der „wirklich[en]“ Geschichte, deren End-
punkt mutmaßlich aufzufinden wäre: „Eine peinigende Vorstellung: daß
von einem bestimmten Zeitpunkte ab die Geschichte nicht mehr wirklich
war.“ (A 97) Mit der un-‚wirklichen‘ Geschichte meint er eine Menschheit,
die akut von der eigenen Auslöschung bedroht ist: „Unsere Aufgabe sei es
nun, diesen Punkt zu finden, und so lange wir ihn nicht hätten, müßten
wir in der jetzigen Zerstörung verharren.“ (A 97) Ungeklärt bleibt, wie aus-
geführt, jener Weg der Anverwandlung, der aus dem hochzivilisatorischen
Homo sapiens nun keinen Affenmenschen mehr machte, sondern ein em-
pathisches, aber weithin rational gesteuertes Wesen – mit allen Vorteilen,
die Canetti gegeben sieht. In einer anderen Aufzeichnung, die aus den
50er-Jahren stammt, fragt er daher nach einem „neuen“, „ganz unerhör-
ten“ „Mythus“ und danach, ob er als Dichter „dazu da“ ist, ihn zu „suchen“
(A2 125).
Im Zentrum der Canetti’schen Utopie steht die Verwandlung, wie er die-
sen archaischen Modus der Wahrnehmung in Masse und Macht nennt.

149 Vgl. ebenda, S. 35.


2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 91

Als Reservoir dienen Canetti etwa die ethnologischen Beschreibungen pri-


mitiver Völker, in denen er zivilisatorisch unverfälscht die andere Seite der
Kognition repräsentiert sieht: die ‚Empathie‘. Zu einem Anhänger der Ora-
lität und einem Opponenten der Schrifttradition macht ihn sein Interesse
für die frühesten Epen, Mythen und Rituale, die der jeweils nächsten Ge-
neration mündlich überliefert wurden. Weiteren Aufschluss darüber, wel-
che Bedeutung der Mündlichkeit und der Zivilisationsskepsis zukommt,
geben seine Stimmen von Marrakesch, von denen er sich auch sprachlich
in die Nähe eines frühzivilisatorischen Daseins geführt meinte. Der Schrift-
form gesteht Canetti insofern eine tragende Funktion zu, als die neue Zu-
kunft durch das dichterische Werk zu erschaffen sei – zum Zweck der Ab-
kehr von der ‚instrumentellen‘ Vernunft.
Wiewohl Canetti es sich nicht nehmen ließ, auf naturwissenschaftliche
Begriffe und Modelle zurückzugreifen, wenn es um Masse und Macht
ging, geschah dies zum rhetorischen Zweck der Veranschaulichung biolo-
gischer Determinismen. Einerseits lässt sich in seiner Universalschrift ver-
einzelt das Kasus-Prinzip nachweisen, das stets die Zeitgeschichte betrifft,
doch andererseits lag ihm ein weltanschaulicher Kausalitätszugang
fern.150
In der Blendung fungiert die Weltfremdheit des Kien, bzw. dessen Schick-
sal, als Symptom einer Gesellschaft, die sich zunehmend einem ökonomi-
schen Druck von politisch-nationalistischer Tragweite ausgesetzt sieht
und sich, aus dieser Empirie heraus, an Schwächeren schadlos zu halten

150 Kuhnau vertritt die abweichende Meinung eines Kausalitätsdenkens und betont mit
Blick auf die Rezeption, dass „erst bei Zapotoczky angedeutet“ wird, dass mit der „Ver-
wendung naturwissenschaftlicher Terminologien und Methoden auch deren Inhalte
transferiert werden“, doch bei diesem die „Auswirkungen des Erkenntnismodus auf
die Darstellung des Phänomens“ ausgeklammert bleiben; Petra Kuhnau: Masse und
Macht in der Geschichte. Zur Konzeption anthropologischer Konstanten in Elias Canet-
tis Werk Masse und Macht (= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; 195). Diss. Bo-
chum 1995. Würzburg: Königshausen und Neumann 1996, S. 36. – Siehe hierzu Hans
G. Zapotoczky: Canettis Massentheorie zwischen Adler und Broch. In: Canettis Masse
und Macht oder Die Aufgabe des gegenwärtigen Denkens. Hg. von John Pattillo-Hess.
Wien: Bundesverlag 1988, S. 120–131, hier: S. 126.
92 2.1 Das Utopismus-Konzept

sucht. So bezeichnet der ‚Blendungs‘-Begriff, auf der Basis einer ‚westli-


chen‘ Subjektkrise, die ideologische Anfälligkeit des Menschen der Wei-
marer Republik, der vom volkswirtschaftlichen Moment der Inflation ent-
scheidend geprägt wurde. Indem Kien sich anfänglich als Sinologe ver-
steht und letztlich dem Wahnsinn verfällt, steht er als der krankhafte Ir-
rationalist, der er nun ist, der positivistischen Wissenschaftspraxis, wie sie
in den industriemodernen Nationen anzutreffen war, entgegen und dar-
über hinaus den demokratisch-kapitalistischen Entwicklungen, die auf
Deutschland übergriffen. Canetti beschreibt ein Krisenmoment, für das,
neben einem Zerfall etablierter Welterklärungsmuster, auch die Geld-
wert-Problematik von bestimmender Relevanz ist.151 Er zeichnete dann in
der anthropologischen Schrift den gesellschaftlichen Verfall theoretisch
nach und setzte dabei den angloamerikanischen Raum dezidiert in eine
Auslöseposition ein, sofern es sich um die Umstände, die zum Krieg führ-
ten, handelt.152
Die Erfahrungen, die Canetti in jungen Jahren mit Massenphänomenen
machte, deren Zeuge er in Frankfurt und Wien wurde, beeindruckten ihn
tief und regten ihn zu einer eingehenden Auseinandersetzung mit den zu-
grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten an. Zurück reichen diese bis zu den
Demonstrationen in Frankfurt, die anlässlich der Ermordung des deut-
schen Außenministers Walter Rathenau im Jahr 1922 erfolgten. Im Ge-
spräch mit Joachim Schickel mutmaßt Canetti, dass der „Entschluß, her-
auszubekommen, was Masse eigentlich ist“, „akut auf diese Erlebnisse in
Frankfurt“ zurückging (ARG 248). Neben den Massendemonstrationen in

151 In Zu ‚Masse und Macht‘ spricht Canetti im Rückblick auf seine Zeit, die er in Frankfurt
am Main verbrachte, die ökonomische Problematik an: „Es war die turbulente Zeit der
deutschen Inflation, 1921–1924.“ (ARG 61) Jenes Elend der breiten Masse hatte sich
ihm eingeprägt und wirkte sich auf sein Schaffen aus.
152 Zu Canettis Geld-Aversion, so sie die Fackel im Ohr betrifft, bemerkt Widdig treffend,
dass es „auffällig“ ist, „daß sich durch seine gesamte Lebensgeschichte der zwanziger
Jahre jene Dichotomie zwischen ‚Geld‘ und ‚Geist‘ zieht“; Bernd Widdig: Tägliche
Sprengungen: Elias Canetti und die Inflation. In: Einladung zur Verwandlung. Essays zu
Elias Canettis Masse und Macht. Hg. von Michael Krüger. Hanser: München [u.a.]
1995, S. 128–150, hier: S. 134.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 93

Frankfurt formte der Justizpalastbrand von 1927 in Wien sein Denken. Ei-
nen gesonderten Stellenwert nimmt das ideelle Klima ein, dessen Zeuge
er später, Ende der 20er-Jahre, in Berlin wurde. Selbiges gilt für den
Machtaspekt, der im Fall von Canetti ebenso untrennbar mit den politi-
schen Umbrüchen jener Zeit verbunden ist und aus der Exilperspektive
noch an Relevanz zu gewinnen hatte. Der Abgleich mit dem Blendungs-
Roman wird eine Gewichtung zutage fördern, die – in jenem literarischen
Fall – jüdisch-ethnisch und empathisch fundiert ist, während die spätere
Masse-Macht-Schrift sich einer deterministischen Universalmethodik be-
dient, unter besonderer Bezugnahme auf die jüngere Zeitgeschichte.

2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis


Canettis Zugang zu den Wissenschaften, bzw. deren institutionalisiertem
System, zeigt sich von einer Attitüde der Universalgelehrtheit bestimmt.
Sein methodischer Pragmatismus bedient in Masse und Macht einen ver-
nunftkritischen Gestus, der gegen ein Denken gewendet ist, das sich als
zweckorientiertes verengt zeige. Über seinen irrationalen Zugang schreibt
er 1943, dass es ihm an „nichts andere[m]“ als den „Mythen selbst“ (A 54)
gelegen war. Bezeichnend für das Wesen seiner Anthropologie ist der
Umstand, dass er erst, „um den Hunger nach Mythen“ vor sich zu „recht-
fertigen“, eine „wissenschaftliche Angelegenheit daraus“ „machte“
(A 54), wie es darin weiter heißt. In ganzheitlicher Absicht, was den Wahr-
nehmungs- und Erkenntnis-Modus betrifft, nimmt er sich die Riten natur-
verbundener Völker zum Vorbild. Literarische Mythen (Epen, etc.) sowie
völkerkundliche Studien dienen ihm als Anschauungsmaterial dafür, wie
ein vollwertiges Menschendasein, das nicht von Arbeitsteilung und Sys-
temzwängen parzelliert wäre, auszusehen hätte. Während er in den „Li-
teraturen“ (GW 370) einen Speicher für Verwandlungsmuster sieht, die
zur ‚Einübung‘ taugen, gelten ihm die alten ethnologischen Überlieferun-
gen vor allem als Beleg der Gewaltkonstante. Eine synthetisierte Kogni-
tion wäre für ihn nach 1945 die Voraussetzung dafür, dass sich ein empa-
thisch aufgeladener neuer Weg der Aufklärung einschlagen ließe.
94 2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis

Kuhnau gibt hinsichtlich der Rezeption von Masse und Macht zu beden-
ken, dass, während die „erste Phase“ „vorwiegend“ durch eine „Ableh-
nung“ der Verstöße gegen die „wissenschaftlichen Konventionen“ „ge-
prägt“ war, es in der „neueren Forschung vor allem als ein multiperspek-
tivisches, bewußt gegen wissenschaftliche Traditionen, Systeme und Be-
grifflichkeiten angeschriebenes und somit aufklärungskritisches Werk be-
griffen“ wird.153 Die neuere Rezeptionstendenz sieht Kuhnau aus der
„Wissenschaftsdiskussion der späten 80er Jahre und ihrer Forderung nach
einer holistischen Betrachtung der Welt“ hervorgehen.154 Dazu ist in ei-
nem weiteren Sinn etwa John Pattillo-Hess zu zählen, der in einem Ein-
führungsaufsatz zu seiner Herausgeberschrift, die anlässlich des 1. Inter-
nationalen kulturanthropologisch-philosophischen Canetti-Symposions
von 1987 entstand, Canettis Kulturstudie als „erste[s] Werk in der abend-
ländisch-alphabetisch-horizontalen Kultur nach Homer“ klassifiziert,
„dessen Aussagen auf mythologisch-partizipierendem Denken beru-
hen“.155 So, wie in der Wiener Spätmoderne einzelne Vertreter zu finden
sind,156 die eine Synthese von simplifizierter Ratio und somatisch wirken-
dem Gefühl befürworten, vertritt auch der gereifte Canetti einen kogniti-
ven Dualismus, der beiden Konstituenten eine Funktion zuweist. Dafür,
dass die Ganzheitlichkeit dezidiert erkenntniskritisch angelegt ist, kann
auf der Basis seiner Mythengebundenheit ein gesicherter textpraktischer
Nachweis erbracht werden. Lediglich sein vor-prähistorischer Zugang, den
er in jungen Jahren befürwortete, hebt ihn von jenen Mitstreitern ab.
Denn mit der weitgehenden Ausschaltung der Ratio, die er vor 1945 be-

153 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 8.


154 Vgl. ebenda.
155 Vgl. John Pattillo-Hess: Die Aufgabe des gegenwärtigen Denkens. Einführende Worte.
In: Canettis Masse und Macht oder Die Aufgabe des gegenwärtigen Denkens. Hg. von
dems. Wien: Bundesverlag 1988, S. 7–11, hier: S. 11.
156 Bei Robert Musil, der die Ratio als simplifiziert beanstandet (deren positivistische wie
rationalisierende Praxis), erfährt der Gefühls- und Empfindungsbereich eine Aufwer-
tung – wovon er die Notwendigkeit eines ‚gefühlsmäßigen‘ Rationalismus ableitet.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 95

fürwortete, nahm er selbst für modernistische Verhältnisse einen extre-


men Standpunkt ein. In seiner programmatischen Münchner Rede von
1976 dagegen, in der er den Dichter zum ‚Hüter der Verwandlung‘ erklärt,
stellt er die neue Wahrnehmung in die Nähe von „Einfühlung“ bzw. „Em-
pathie“ (GW 367), ohne länger ein Rudiment der Ratio gutzuheißen. Wie-
precht-Roth gibt zu bedenken, dass Canetti darin das „‚anspruchsvollere
Wort Verwandlung‘ dem geläufigeren Wort ‚Einfühlung vorzieht‘“,157 wo-
mit eine Präzisierung seines Konzeptes der Welterfassung vorliegt.
Zu seinen Vorstellungen, wie die Ratio in den „Erkenntnis“-Prozess einzu-
binden ist, besagt eine Aufzeichnung von 1972, dass die „Vernunft gegen“
die eigene „eingeborene Böswilligkeit ein[zu]setzen“ sei, „aber nicht zur
Verstellung von Erkenntnis“ (A 363). Canettis Synthese von Denken und
Fühlen geht von der Annahme aus, dass „Vernunft“ und „Erkenntnis“ sich
einander nicht notwendig bedingen. Seine Haltung basiert auf der Über-
zeugung von der „Wissenschaft“, und ihrer „instrumentalisierte[n] Ver-
nunft“, als „selbsttätigen Mechanismus, der die Selbstbestimmung des
Menschen sukzessive aufhebt“.158 Wie bei Adorno/Horkheimer korreliert
die Ratio mit dem Mythos, diesem Speichermedium der Archaik, so dass
bei diesem Autor ebenso von Dialektik zu sprechen ist. So, wie die Dialek-
tiker der Frankfurter Schule eine ‚instrumentelle‘ Ratio aufzubrechen
trachteten, ist auch beim gereiften Canetti eine Ratio zu einer vorrangigen
Anschlussstelle für die Verwandlung auserkoren. Der ausgerufene Kampf
gegen die „eingeborene Böswilligkeit“ meint das Überwinden einer Mo-
derne, die auf einer strikten Zweckhaftigkeit des Denkens gründet. Ca-
netti, der sich keiner einzelnen Methode verpflichtet sah, strebte in die-
sem Sinn ebenfalls Ganzheitlichkeit an.
Canettis Methode ist so unspezifisch wie ‚unsystematisch‘ (A 320) und
nimmt sich darin anthropologischen Fragen an, die eine deterministische
Schlussfolgerung nach sich ziehen. Denn „[w]er etwas wirklich Neues fin-
den will, muß sich vor allem vor jeder Untersuchungsmethode hüten“

157 Vgl. Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 172.


158 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 187.
96 2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis

(A 257). So lautet die Maxime, die seinen Methodenpluralismus rechtfer-


tigt. Canetti spricht in einer Aufzeichnung von 1949 auch davon, dass er
sich „nie“ „einer Methode und schon gar nicht einer eigenen verschreibe“,
sondern der „Enge etablierter Disziplinen durch Rösselsprünge in andere
entweiche“ (A 162). In einem Notat von 1968 ist zu seinem methodischen
Verständnis, das sich nicht zuletzt gegen den Positivismus wendet, zu er-
fahren, dass das „Hoffnungsvolle an jedem System“ darin liegt, „was von
ihm ausgeschlossen bleibt“ (A 320). Dazu fügt sich sein Bekenntnis von
1947, dass er die „Leute“ „hass[t]“, „die rasch Systeme bauen“, was zu
dem Vorsatz führt: „und ich werde dazu sehen, daß meines sich nie ganz
schließt“ (A 131). Und indem er schreibt, dass „Gedanken, die sich zu ei-
nem System zusammenfügen“, „pietätlos“ sind, findet sich endlich das
Leitmotiv seines Denkens benannt, das in einer Überwindung des Todes
liegt: „Sie schließen das Unausgesprochene allmählich aus und lassen es
dann hinter sich, bis es verdurstet.“ (A 46) ‚Holistisches‘ ist bei ihm, wenn
es sich um seine Kulturstudie handelt, im Komplementärpaar von ent-
simplifizierter Ratio und archaischem Gefühl zu finden.
Bereits in seiner Arbeitsweise manifestierte sich ein ungleichberechtigter
Dualismus. Diese gibt wiederholt vor, auf chemisch-physikalischen Kon-
stanten zu beruhen, beschreibt jedoch komplexe und vielschichtige Phä-
nomene deterministisch (und ausnahmsweise monokausal). Das Fehlen
einer direkten Willenssteuerung, das auch in ethischer Hinsicht vorliege,
beraube das Subjekt der Möglichkeit, das eigene Handeln substantiell zu
bestimmen. Die befreiende Seite jener Dualität zeigt sich mit einem Argu-
mentationsgang, der darauf ausgerichtet ist, eine Art von ‚Empathie‘ in
ihr kognitives Recht einzusetzen.
Knoll, die Canettis Darlegung seiner Thesen, sofern sie an die Mythen-Zi-
tate gebunden sind, untersucht hat, gibt zu bedenken, „daß Mythen im
Rahmen seiner anthropologischen Argumentation meist nur als kurze Re-
ferenzen auftauchen“.159 Weiter erklärt Knoll, dass in der „Abfolge von
beschreibender Beobachtung, Interpretation und Rekurs auf mythische

159 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 172.


2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 97

Überlieferung“ er einem „einmal gewonnenen Muster“ „weitgehend“


„treu“ „bleibt“.160 Eigler spricht, neben dem „Verzicht auf quellenkritische
Anmerkungen“,161 auch von einer „mimetisch[en]“ „Quellenpräsenta-
tion“, die seine Universalschrift auszeichnet: „Mythen, Legenden, Be-
richte von Riten archaischer Kulturen bis zu denen der Weltreligionen,
Kriegsberichte und psychiatrische Dokumente dienen alle gleichermaßen
der konkreten Herleitung seiner Thesen.“162 Insofern setzt Barnouw tref-
fend eine „poetische Anthropologie“ an.163 Mack wiederum weist auf das
Kuriosum hin, dass die neolithischen Beispiele aus Masse und Macht ge-
prägt sind durch ein fast vollständiges Fehlen von Humanität, die nach Ca-
nettis Verständnis bei jenen Frühzivilisationen zu erwarten seien.164 Da-
mit legt sich die Dominanz einer biologischen Determinierung offen, die
sich im Zivilisationsverlauf bloß verschärft. Treffend spricht Peter von
Matt davon, wenn auch in Bezug auf einen „phantastischen Aphorismus“,
der für Canettis Aufzeichnungen prägend sei, dass er „kleine Brücken“
zum „vorwissenschaftlichen Denken und mythischen Erleben“ zu „schla-
gen“ versucht.165

160 Vgl. ebenda.


161 Zu seinem Umgang mit Quellen ist schon bei Schmid-Bortenschlager zu lesen, dass
„Namen, die er nennt“, sich „immer nur auf die Verfasser von ethnographischen Be-
richten“ „beziehen“, „die er als Beispiele einführt, ohne daß er allerdings in irgendei-
ner Weise wissenschaftliche Quellenkritik übt“; Schmid-Bortenschlager, der Einzelne
und die Masse, S. 118. – Relativierend sei dem beigefügt, dass er Solly Zuckermans
Ansichten zur „sexuelle[n]“ Motivation (MM 251) der Fellaffinität unter den Affen
nachhaltig hinterfragt: The Social Life of Monkeys and Apes. London: Kegan Paul,
Trench, Trubner and Co. 1932.
162 Eigler, autobiografisches Werk, S. 91.
163 Vgl. Dagmar Barnouw: Elias Canettis poetische Anthropologie. In: Canetti lesen. Erfah-
rungen mit seinen Büchern (= Reihe Hanser; 188). Hg. von Herbert G. Göpfert. Mün-
chen [u.a.]: Hanser 1975, S. 11–31, hier: S. 11.
164 Vgl. Mack, anthropology as memory, S. 80.
165 Vgl. Peter von Matt: Der phantastische Aphorismus bei Elias Canetti. In: Wortmasken.
Texte zu Leben und Werk von Elias Canetti (= Werke. Dreizehn Bände und ein Begleit-
band. 14 Bde.). Hg. von Ortrun Huber. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuchverlag
1995, S. 77–88, hier: S. 87. Matt vertritt zwar die Ansicht, dass dieser ‚Brückenschlag‘
98 2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis

Canetti hat sich zur systematisierenden Wissenschaftsmethode, wie er sie


von Aristoteles und seiner Logiklehre beispielhaft praktiziert sah, in meh-
reren Aufzeichnungen unmissverständlich geäußert, so auch in einer von
1943: „Das Forschen als Selbstzweck, wie er es betreibt, ist nicht wirklich
objektiv.“ (A 48) In Aristoteles, dem Wegbereiter des modernen Wissen-
schaftssystems, fand Canetti einen weltanschaulichen Gegner, weil er in
dessen „Denken“ in „allererster Linie ein Abteilen“ sah (A 49). Daher
spricht er 1955 von seiner „Angst vor der Aristotelisierung“ der „Gedan-
ken“, „vor Einteilungen, Definitionen und ähnlichen leeren Spielereien“
(A 207). Canetti wendet sich bewusst gegen ein Vernunftprinzip, das sich
die Welt rationalisierend anzueignen versucht. In Aristoteles, der frühauf-
klärerische Ideen vertrat, hatte er notwendigerweise einen Gesinnungs-
feind zu sehen: „Er ist ein traumloser Denker (ganz im Gegensatz zu Plato);
seine Verachtung für Mythen trägt er offen zur Schau […].“ (A 49) Eine
Aufzeichnung von 1968 stellt, überraschend einseitig, den antiken Einfluss
ausklammernd, den sinologischen Einschlag heraus: „Von allen Denkern
haben nur die alten Chinesen erträgliche Würde.“ (A 323)
Canetti beanstandet das „kalt Technische“ des „modernen Wissen-
schaftsbetriebs“ – nämlich die „Spezialisiertheit der Wissenszweige“ –
und ein „System von Schachteln“ als Ergebnis einer Klassifizierungssucht
(A 48), die sich in den Worten von Adorno/Horkheimer als „Intellektuali-
tät der Wahrnehmung“ liest.166 An der neuen Zeit kritisiert er eine profes-
sionalisierte Geistlosigkeit, eine Ablösung des Körpers vom Geist: „Es [das

„gewiß“ keine „Wiederkehr einer Herrschaft des Mythos“ anstrebt, doch hält er an-
hand eines Beispieles fest, dass sich der „wissenschaftliche[] Diskurs mit dem radikal
fremden Reden des phantastischen Aphorismus vermischt“; ebenda, S. 79 u. 87. Was
Matt hier beschreibt, trifft auch auf die Masse-Macht-Schrift zu, die den Boden me-
thodisch gesicherter wissenschaftlicher Arbeit verlässt, zumal der minimalutopische
Anspruch sich ab 1945 nachweisen lässt.
166 Adorno/Horkheimer sprechen davon, dass der „Verstand“ die „Verständlichkeit“
„prägt“ und andernfalls „kein Eindruck zum Begriff“ „paßte“, „keine Kategorie zum
Exemplar“, und „nicht einmal die Einheit des Denkens, geschweige des Systems“
„herrschte“; Adorno und Horkheimer: Exkurs II. Juliette oder Aufklärung und Moral.
In: Dialektik der Aufklärung, S. 88–127, hier: S. 89.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 99

‚Forschen‘] will, daß der Körper nicht merkt, was die Fingerspitzen trei-
ben.“ (A 48) Diese Stelle aus den Aufzeichnungen gehört zu den wenigen,
mit der es zu einer Art von ‚Maskensprengung‘ kommt und der Idealfall
vorliegt, dass das wahre Gesicht eines argumentativen Labyrinthikers
sichtbar wird. Wenngleich Canetti nicht das Streben nach Wissen und Ver-
stehen abzusprechen ist, wird er doch erkennbar als ein Utopist, dessen
Antworten vorrangig der Irratio verpflichtet sind. Diese Haltung mündet
in die Erklärung, dass dem „einen Aristoteles“ eine „ganze moderne Uni-
versität“ „entspricht“ (A 48). Darüber hinaus sieht Canetti von einer logi-
schen Beweisführung ab, weil jeder „Beweis“ eine „zerstör[ende]“ Wir-
kung entfaltet, wie er in einem Notat von 1970 erklärt: „Selbst das
Wahrste zerstört der Beweis.“ (A 336)
Die Zersplitterung der professionellen Verstehensbemühungen in Metho-
den – mit der ein Bedeutungsverlust der philosophischen Disziplin einher-
ging – wird von Canetti als Verlust der Möglichkeit einer umfassenden
Wirklichkeitserfassung verstanden. Sein Anliegen ist ab 1945 die Aktivie-
rung einer somatisch relevanten Empfindung, die den Logozentrismus zu
erweitern habe. Der maßgebliche ‚Hüter‘ weist daher eine rationale Aus-
nahmestellung auf, als Initiator jenes Konzeptes, und zugleich einen ge-
fühlsmäßigen Überhang. Handelt es sich doch um einen zivilisatorischen
Zukunftsweg, der per Verwandlung ‚abzuspalten‘ und zu beschreiten sei.
Jener neue Fortschrittsweg setzt eine Synthese des Denkens und Gewah-
rens voraus. Davon hebt sich der frühe Canetti ab, der einen Rückbau der
Kognition voraussagt, weil die Industriemoderne für mehr und mehr Men-
schen unerträglich würde. Das System der Sprache etwa, das auf einem
logischen Fundament gründet, stünde nun für eine scheinbare phoneti-
sche Beliebigkeit, die sich vom ‚Inneren‘ her bestimmt.
Wie sich der angepeilte Zustand des Vorbewusstseins mit einer nachran-
gigen Ratio vereinbaren ließe, ist eine der Kernfragen, die Canettis Maxi-
malutopie betreffen. Mit Blick auf die vorzivilisatorische Re-Evolution, die
als Verfallsform vorausgesagt wird, drängt sich die Annahme einer natur-
nahen, archaischen Gefühlsdirektion auf. So, wie er die Modernisierung
100 2.2 Das antiaristotelische Wissenschaftsverständnis

und Technisierung auf einen verengten wissenschaftlichen Fortschritt zu-


rückführt, macht er auch im ökonomischen Bereich zweckrationale Symp-
tome der Parzellierung aus. In einem Notat aus der Provinz des Menschen,
das aus dem Jahr 1943 stammt, heißt es zu seinem Neu-Mythos, unter
begrifflichem Bezug auf die industriekapitalistische Zeit und die moderne
Arbeitswelt: „Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch,
die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich
in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.“ (A 52)
Was sich auf den ersten Blick als ‚provinzielle‘ Kritik am Rentabilitätsden-
ken darstellt, zeigt sich letztlich als eine am etablierten Verstehensmodus,
der zu Canettis Zeiten in den Wissenschaften methodisch spezifisch prak-
tiziert wurde. Die Zielsetzung, den Fortschrittsdrang und seine ideelle Ver-
fasstheit in einen neu-mythischen Zugang zu führen, leitet sich von dem
Anspruch ab, einer zu Scherben zerbrochenen Welt wieder ihre alte Ge-
stalt zu verleihen. Damit klingt der Auftrag an den Dichter an, wie er ihn
in der Broch-Rede formuliert. Das „[B]edenken“, das Canetti auf sich als
Dichter bezieht, steht für ein Erfassen des einzigen Fluchtweges, der in
eine kognitive Re-Evolution führte. So artikuliert Canetti in einer Aufzeich-
nung von 1944 modernekritisch seine Affinität für die „Denker, die auf
alles aus waren“: „Ihre Namen sind groß geblieben, ihre Lösungen nimmt
man nicht mehr ernst, weil sie keine Spezialisten waren.“ (A 78) Die uto-
pische Grundierung seines Vorhabens, sofern es sich um eine Rückwen-
dung in eine neue „Vor-Prähistorie“ handelt (ARG 250), verstärkt sich mit
dem Nachsatz: „[…] die sehr geringe Aussicht, daß es gelingen könnte, ist
an sich schon jede Mühe wert.“ (A 52) Indem Canetti seinen neu-mythi-
schen Weltzugang eindeutig von der modernen Zeit abgrenzt, zeichnen
sich die Konturen einer fortschrittsfeindlichen Haltung ab.
Auch für den gereiften Canetti handelt es sich darum, das volle empathi-
sche Potential des rational reduzierten Daseins zu aktivieren und eine
Weltordnung zu überwinden, die aus den Fugen geraten sei. Das Grund-
übel ist für ihn ein anthropologisches, wobei dessen historische Verschat-
tungen progressiver Natur sind – was den Macht- und Masse-Aspekt an-
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 101

belangt – und in der Hochmoderne ihren Höhepunkt finden. Das Vorge-


hen ist in seiner Universalschrift interdisziplinär und methodenreich – in
einem nicht streng wissenschaftlichen Sinn. Ein „Drang zur Universalität,
der sich durch keine Einzelaufgabe abschrecken läßt“ (GW 103) ermög-
licht es ihm, seinen Polyhistorismus zur Behebung der ausgemachten Zu-
kunftskrise einzusetzen. Der Rückbezug auf die literarischen Epen etwa,
diese Verwandlungs-Zeugnisse, die er als Mythen bezeichnet, und die Ab-
kehr von der instrumentalisierten Vernunft seien dazu angetan, einen
neuen Zukunftspfad einzurichten.
Für seinen Utopismus, vor allem für die maximierte Variante, ist bezeich-
nend, dass er einem „[V]erzweifeln“, wenn es sich um Tod, Macht und Ge-
walt handelt, eine obligatorische Qualität zuschreibt: „Im Ungewissen sol-
lte der Geist seine Fragen stellen; […] verzweifeln im Ungewissen.“ (A 78)
Der irreale Grundanspruch, die großen Weltdilemmata – wie etwa den
Machtmissbrauch und selbst den Tod – einer Lösung zuzuführen, verdeut-
licht sich an der Attitüde der ‚alten‘ Denker.

2.3 Masse- und Macht-Phänomene


Canetti, der das erste Kapitel seiner Schrift den Masse-Erscheinungen
widmet, weist in der zugehörigen Abhandlung zum „Umschlagen der Be-
rührungsfurcht“ auf eine biologisch im Menschen verankerte Bereitschaft
zur Massenbildung hin. Laut Canetti tritt, ausgehend von einer angebore-
nen ‚Berührungsfurcht‘, die fremde „‚Angriff[e]‘“ fürchtet (MM 13), im
Zuge der zivilisatorischen Entwicklung eine Verschärfung dieser Nä-
heproblematik ein. Die angeborene Angst der „Berührung durch Frem-
des“ (MM 13) sei durch die Entfremdung des modernen Menschen signi-
fikant verstärkt worden. Im Unterkapitel „Der Ausbruch“ präzisiert er zum
Aspekt der Wirtschaftsform, dass die „offene Masse“ „vielleicht auch wei-
terhin nicht mit dem Ernste betrachtet worden“ wäre, „der ihr gebührt“,
wenn „nicht die ungeheuerliche Zunahme der Bevölkerungszahl überall
und das rapide Wachstum der Städte, die unser modernes Zeitalter kenn-
zeichnen, zu ihrer Bildung immer häufiger Gelegenheit gegeben“ hätten
102 2.3 Masse- und Macht-Phänomene

(MM 20). Die sogenannte Massengesellschaft, wie sie die Industriemo-


derne präge, wird als Grund für die „immer häufiger“ auftretende offene
Form benannt. So weist das Bevölkerungs- und Städte-Wachstum den in-
dustriellen Fortschritt als Katalysator der Massenerscheinungen aus. Den
urbanen Raum, der das Kraftzentrum der Industrialisierung bildet, be-
nennt Canetti so als potentiellen Schauplatz der Massenphänomene.
Indem er von einer „Berührungsfurcht“ (MM 13) als zwischenmenschli-
chem Grundgefühl ausgeht, das in modernen Zeiten noch eine Verstär-
kung erfährt, vertritt er die Auffassung, dass es die „Masse allein“ ist, „in
der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann“:

Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt.
[…] In ihrem idealen Falle sind sich alle gleich. Keine Verschiedenheit zählt,
nicht einmal die der Geschlechter. Wer immer einen bedrängt, ist das glei-
che wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selber spürt. Es geht dann
alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich. (MM 14)

Canetti beschreibt einen dem Menschen inhärenten psychologischen


Drang, der Massenphänomene in modernen Zeiten begünstigt bzw. un-
ausweichlich macht. Canettis breitem Determinismus, der sich in der Re-
gel kausal nicht bestimmen lässt, entspricht die zugehörige Mutmaßung,
dass dies „[v]ielleicht“ nur „einer der Gründe“ ist, „warum die Masse sich
so dicht zusammenzuziehen sucht“ (MM 14). Seine Beanstandung der In-
dustriemoderne und ihrer Taylor’schen Arbeitsteilung impliziert eine Kri-
tik an der Verstärkung der sozialen Entfremdung. Canetti spricht von einer
Degradierung des Menschen zum „Sklaven“, die dann gegeben sei, wenn
seine „Verrichtungen“ auf eine „einzige beschränkt wird“ und er „mög-
lichst“ „produktiv sein soll“ (MM 455).167 So hegte der moderne Mensch
ein gesteigertes Bedürfnis nach einer kompensatorischen Körpererfah-
rung – als die andere Seite der Furcht vor physischer Nähe. Canetti, der

167 Curtius, die von einer „psychische[n] Verelendung der Individuen“ spricht, konstatiert
theoretische Übereinstimmungen mit Karl Marx und Georg Lukács; Curtius, Kritik der
Verdinglichung, S. 17.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 103

von der Massenerscheinung als Phänomen unserer Zeit spricht, sieht den
modernen Menschen, durch seine Erfahrungen von urbaner Anonymität
und technischer Entmenschlichung, als prädestiniert für jene körperliche
„Furcht“ (MM 14).
Indem die ‚Berührungsfurcht‘ auch als Machtimplikator gewertet wird,
weil sie symptomatisch für ein angeborenes Gefühl der Bedrohung steht,
zielt der gereifte Canetti auf einen abzweigenden Zukunftsweg, dem ein
synthetisiertes neues Denken und Erfahren zugrunde liegt. Das Vorbe-
wusstsein wiederum, wie es die Maximalutopie kennt, machte sogar Vor-
gänge der potentiell gefährlichen Massenbildung überflüssig und ließe le-
diglich Meuten zu.168 In der Blendung wird die Bruderfigur des Georg, in-
dem sie die Zerstörung eines Termitenbaues beschreibt, die von den In-
sekten selbst ausgeht, diesen Prozess des kollektiven Wahnes in gleich-
nishafte Worte fassen. Bei diesem Umkippen der sozialen Ordnung, wie
es im Insektenstaat erfolgt, kommt es insofern zu einem Masseereignis,
als dieses einen Abfall von einem hochorganisierten Rang bedeutet.
Im zugehörigen Unterkapitel „Offene und geschlossene Masse“ heißt es
zu den Umständen, unter denen die erstere Form der Massenbildung ein-
setzt:

Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die
plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisam-
men gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist
angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Men-
schen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur
eine Richtung. (MM 14)

Die Motivation, die Unbeteiligte dazu veranlasst, sich zu einem Teil der
offenen Masse zu machen – was im zeitgenössischen Wien und Berlin
nicht zuletzt auf öffentlichen Plätzen geschah –, wird von Canetti mit dem

168 Der „Ausdruck[] ‚Meute‘ für diese ältere und begrenztere Form von Masse soll daran
erinnern, daß auch sie ihre Entstehung bei den Menschen einem tierischen Vorbild
verdankt“ (MM 113). Diese Meuten existierten „schon“, „bevor es menschliche Mas-
sen in unserem modernen Sinne gab“ (MM 111).
104 2.3 Masse- und Macht-Phänomene

Leidensdruck der sozialen Entfremdung begründet. Diese treibe vor allem


den industriemodernen Menschen dazu, in der Anonymität der Masse
aufzugehen.
Zu bedenken gilt es, dass Canetti sich einer idealistischen Beschreibung
bedient, mit der sich, neben dem Geschlecht, auch soziale Unterschiede
wie etwa Rang oder Abkunft einebneten. Dieser ‚Ideal‘-Zustand, wenn es
um sein Erreichen geht, setzt einen besonders hohen Grad an „Dichte“
voraus (MM 14), der die Teilnehmer erst vollumfänglich ihrer trennenden
Eigenschaften beraubte. Die offene Modellbeschreibung behauptet, dass
mit dem Vorgang der Entladung eine soziale Gleichstellung erfolgt,169 die
im „idealen Falle“ (MM 14) selbst Geschlechtsunterschiede in der Wahr-
nehmung der Beteiligten beseitigt. Möglich wird dies durch ein „Abheben
der Distanzlasten“, das in der Masse zu einer ungekannten „Freiheit“
führt (MM 19). Damit tun sich theoretische Folgefragen auf: eine wesent-
liche lautet, ob die vom Individuum erlebte Massenidentität durch eine
einmalige Entladung nachhaltig hergestellt bzw. das Einheitsempfinden
sichergestellt ist. Zu jenem „Entladung[s]“-„Prozeß“, der für das Fortbe-
stehen der offenen Form sorgt, heißt es aufschlussreich:

Die Masse selbst aber zerfällt. Sie fühlt, daß sie zerfallen wird. Sie fürchtet
den Zerfall. Sie kann nur bestehen bleiben, wenn der Prozeß der Entla-
dung fortgesetzt wird, an neuen Menschen, die zu ihr stoßen. Nur der Zu-
wachs der Masse verhindert die ihr Angehörigen daran, unter ihre priva-
ten Lasten zurückzukriechen. (MM 18)

Mit dieser Darlegung löst Canetti zwar die Frage, wodurch das offene
Masseereignis fortbesteht – mittels eines Wachstumsprozesses –, doch
hält sein Modell den empirischen Ansprüchen nicht stand. Denn trotz der

169 Kuhnau macht im Entladungsprozess ein physikalisches Modell aus: „Der Moment der
Entladung als Entstehungsdatum der Masse […] wird von Canetti als psychischer Vor-
gang gekennzeichnet, kann jedoch im Hinblick auf den physikalischen Prozeß der Ent-
ladung als Phänomen der Elektrizität weitaus deutlicher entschlüsselt werden.“;
Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 59.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 105

politischen Unruhen, die sich Canetti eindrücklich darboten, vertritt er in-


direkt die Ansicht, dass für den Massenvorgang ideologische Vorgefasst-
heiten, wie sie etwa in der Arbeiterbewegung vorlagen, ohne Relevanz
sind. Wenn die politische Rede als einheitsstiftendes Mittel unbenannt
bleibt, führt dies dazu, dass sein Massenbildungs-Modell zivilisatorisch
verengt determiniert ist: und zwar in zweiter Instanz, nachdem in erster
die anthropologischen Kategorien vorliegen. Dass individualpsychologi-
sche Verfasstheiten als Einflussfaktor nicht vorgesehen sind, reduziert das
Modellkonzept überdies.170 Dieses mündet in die paradoxe Aussage, dass
das Fortbestehen der Masse ausschließlich quantitativ, durch Wachstum,
gesichert wird. Gleichwohl bleibt ein Kausalitäts-Anspruch ausgeschlos-
sen, dem einschlägigen Rhetorikgebrauch zum Trotz. So spricht Michael
Mack in seinem Vergleich Canettis mit Le Bon davon, dass beide Denker
„soziale Bewegungen nur als eine Gelegenheit für Massenanhäufung se-
hen, was auch immer die politischen Ziele dieser Bewegungen sind“
(„both see social movements only as an opportunity for crowd gathering,
whatever the political aims of these movements are“).171
Die physikalische Rhetorik kleidet die beschriebenen Vorgänge nur in ein
bildliches Gewand, ohne dass die Umstände, die das Einsetzen der Mas-
senbildung betreffen, naturwissenschaftlich differenziert – im Sinn des je-
weiligen Modells – geklärt würden. Während er sich gegen einen Kausali-
täts-Determinismus als Weltanschauung wendet, neigt er in der Beschrei-
bung von spezifischen Masse- und Macht-Vorgängen zu Vereinfachungen,
die vom komplexen Modellcharakter abweichen. Seine Suggestion, dass
eine Nähe zum Ursache-Wirkungs-Prinzip besteht, erfolgt durch Begriffe
wie ‚Masse‘ und ‚Mechanik‘. Im Unterkapitel zu den „Eigenschaften der
Masse“ ist etwa zu erfahren, dass die Masse „immer wachsen“ will und
„[i]nnerhalb der Masse“ „Gleichheit“ „herrscht“ (MM 30). In Die Fackel im
Ohr erklärt er daher, dass ihn die Frankfurter Massenerfahrung an das

170 Siehe zu den Unterschieden, die zu Hermann Broch bestehen, u.a.: Schmid-Borten-
schlager, der Einzelne und die Masse, S. 116–132.
171 Vgl. Mack, anthropology as memory, S. 62.
106 2.3 Masse- und Macht-Phänomene

Wirken der „Gravitation“ denken ließ (FO 80), ohne darin aber ein befrie-
digende Erklärung zu finden. Kuhnau betont, dessen ungeachtet, dass Ca-
netti die „Masse durch ihr Wachstum und ihre Dichte bestimmt und damit
der Newtonschen Definition der physikalischen Masse (‚quantitas mate-
riae‘) als dem Produkt von Dichte und Volumen eines Körpers ent-
spricht“.172 Kuhnau erweitert den physikalischen Hintergrund noch, wenn
sie erklärt, dass Canetti „[s]owohl mit der Definition der Masse als auch
der Bestimmung ihrer Haupteigenschaften“ „grundlegende physikalische
Gegebenheiten und ihre Modellvorstellungen in der Newtonschen Mas-
sen- und Gravitationstheorie“ verwendet.173
Dem Lesenden, dem sich ein physikalischer Wachstumsprozess sugge-
riert, im Zusammenspiel mit dem Entladungs-Begriff, zeigen sich alle Vor-
gänge auf einen singulären, psychologischen Ausgangspunkt bezogen: die
Furcht vor körperlicher Nähe. Und obwohl Canetti insgesamt zivilisato-
risch-biologische Determinismen ausmacht, fühlt er sich einem Kausali-
täts-Denken nicht verpflichtet. Der Canetti’sche Utopismus zielt darauf,
den modernen Hang zur Massenbildung zu überwinden und in eine neue
Einheit des Denkens und Erfahrens umzuleiten. Seine grundsätzliche Mo-
derneskepsis beschwört einen Überlebenstrieb, der sich deterministisch
nicht reduzieren lässt und weiter gefasst ist.
Canetti fährt mit der Beschreibung fort und erklärt, dass die „offene Mas-
se“ die „natürliche Masse“ ist:

Es wird manches über diese extreme Form der spontanen Masse zu sagen
sein. Sie ist dort, wo sie entsteht, in ihrem eigentlichen Kern, nicht ganz so
spontan, wie es den Anschein hat. Aber überall sonst, wenn man von den
fünf oder zehn oder zwölf Leuten absieht, von denen sie ihren Ausgang
nahm, ist sie es wirklich. Sobald sie besteht, will sie aus mehr bestehen.
Der Drang zu wachsen ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse. Sie
will jeden erfassen, der ihr erreichbar ist. Wer immer wie ein Mensch ge-
staltet ist, kann zu ihr stoßen. Die natürliche Masse ist die offene Masse:

172 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 53.


173 Vgl. ebenda, S. 54.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 107

ihrem Wachstum ist überhaupt keine Grenze gesetzt. […] Die offene
Masse besteht, solange sie wächst. Ihr Zerfall setzt ein, sobald sie zu wach-
sen aufhört. (MM 15)

Da die Masse „jeden erfassen“ will, „der ihr erreichbar ist“, ist auch jeder,
der sich im öffentlichen bzw. offenen Raum bewegt, ihr potentielles Op-
fer. Obgleich der Mensch einen anthropologischen Hang zur sozialen
Gleichwerdung aufweise, wertet Canetti das Phänomen der Massenbil-
dung – wie ausgeführt – als soziokulturell beeinflusstes. Als solches er-
fährt es zum Ersten im urbanen Raum und zum Zweiten in Inflationszeiten
eine charakteristische Verschärfung. Das Motiv der zeittypischen Erschei-
nung greift Canetti wenig später wieder auf, wenn er schreibt, dass die
„Geschichte der letzten 150 Jahre“ sich zu einer „raschen Vermehrung
solcher Ausbrüche zugespitzt“ hat (MM 22). Demnach hätte der Faktor
Zeit auch einen qualitativen Wandel bewirkt, was die offene Form und
deren Auftreten betrifft.
Grundsätzlich bleibt festzustellen, dass der Schauplatz der großen sozia-
len und politischen Konflikte der öffentliche Raum war, so dass Canettis
theoretische Abhandlung vor allem auf dieser Massen-Form basiert – ge-
mäß seiner Zeitzeugenschaft zu den historischen Massendemonstratio-
nen. Canetti unterscheidet von der offenen Masse, „die ins Unendliche
wachsen kann, die überall ist und eben darum ein universelles Interesse
beansprucht“ (MM 15), die geschlossene. Diese Form, die das „Hauptau-
genmerk auf Bestand“ „legt“, „schafft sich ihren Ort, indem sie sich be-
grenzt“: „der Raum, den sie erfüllen wird, ist ihr zugewiesen“
(MM 15). Zu beachten ist der ‚Verzicht‘ auf stetiges „Wachstum“, das für
die hermetische Masse charakteristisch ist, auf eine Voraussetzung, die
sich bei der offenen Form auf den „Prozeß der Entladung“ bezieht
(MM 15 u. 18).
In Bezug auf Canettis Bestandslogik stellt sich unweigerlich die Frage,
wodurch der Zusammenhalt der geschlossenen Masse gewährleistet ist,
wenn der prozessuale Faktor der Entladung wegfällt. Deutlich zeigt sich
darin der Schwachpunkt seiner Massentheorie, die sich zwecks bildhafter
108 2.3 Masse- und Macht-Phänomene

Eingängigkeit an eine naturwissenschaftliche Modellhaftigkeit anlehnt,


physikalische Wachstumsprozesse bemühend, und selektiv an der ‚Berüh-
rungsfurcht‘ orientiert. Ausgeklammert werden ideelle bzw. ideologische
Voreingenommenheiten, die den weltanschaulichen Antrieb der beteilig-
ten Individuen bilden und im besten Fall Massenerscheinungen zu Ereig-
nissen machen, die den jeweiligen Erwartungshorizont bestätigen – was
wiederum Folgen für den Zeithorizont nach sich zöge. Das ‚unsystemati-
sche‘ Vorgehen, das Canetti wiederholt in seinen Aufzeichnungen be-
schwört, spiegelt sich im Modell von Massenbildungs-Prozessen, die –
auch nach physikalischer Logik – unwillkürlich einsetzen.174
Bemerkenswert ist überdies der Umstand, dass Canetti von den zeitge-
nössischen Massenphänomenen, die er im Zeichen der modernen Zeit
stehen sieht, auch die Form der Kriege in Mitleidenschaft gezogen meint.
Ausgehend vom technischen Fortschritt, leitet er daraus folgende Bedeu-
tung für kriegerische Gewaltkonflikte im Industriezeitalter ab: „sie sind zu
Massenkriegen geworden“ (MM 22). Durch diesen Konnex bereitet er ei-
ner Argumentation den Boden, die ein phänomenologisch weit gefasstes
Moderne-Dilemma, das vor allem durch die Bereiche der Ökonomie und
Politik gekennzeichnet sei, dem angloamerikanischen Raum zurechnet.
Weiterhin wird der ideelle Wandel, der in Frankreich von der Monarchie
zur Republik geführt hat – zum politisch selbstbestimmten Menschen –,
in Bezug zu einer „modern[en]“, aufgeklärten Massen-Wirkung gesetzt:
„Seit der Französischen Revolution haben diese Ausbrüche eine Form be-
kommen, die wir als modern empfinden.“ (MM 22) Der Wegfall einer me-
taphysischen Grundierung, der weltanschaulich zu beobachten war,
schärft den Blick für die „biologisch[en]“ Prinzipien, wie Canetti betont:
„Vielleicht weil sich die Masse vom Gehalt der traditionellen Religionen

174 In seiner Schrift vom Menschen betont er daher, dass es beim Redner auf die rhetori-
sche Gewalt, die zugleich eine des „Befehl[s]“ sei, ankommt: „Die Kunst des Redners
besteht darin, daß er alles, was er bezweckt, in Schlagworten zusammenfaßt und kräf-
tig vorbringt, die der Masse zu Entstehung und Bestand verhelfen.“ (MM 367) Denn
er „erzeugt die Masse und hält sie durch einen übergeordneten Befehl am Leben“
(MM 367).
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 109

so weitgehend freigemacht hat, ist es uns seither leichter, sie nackt, man
möchte sagen, biologisch zu sehen, ohne die transzendenten Sinngebun-
gen und Ziele, die sie sich früher einimpfen ließ.“ (MM 22) Auf die Frage,
was Canetti unter den eigentlichen religiösen Massenphänomenen ver-
steht, können die Kreuzzüge als „Fall“ einer „bewußten Massenbildung“
genannt werden (MM 186).

2.4 Canettis Geschichtsverständnis


Canetti vertritt keinen starren strukturalistischen Ansatz, der mit einer al-
leinigen Fokussierung auf biologisch-anthropologische Konstanten vor-
läge, sondern bezieht den Fortschrittswandel als Einflussgröße in seine
Überlegungen ein. Seine ‚subjektivistische‘ Haltung, die einen strikten De-
terminismus ausschließt, gewinnt in der Beschreibung historiografischer
Verblendungen an Kontur. Canetti wendet sich gegen ein objektivitäts-
gläubiges Wissenschaftsfach, in dem innerhalb eines bedeutenden Me-
thodenzweiges das Kausalitätsdenken als ‚modus primus‘ praktiziert
wird.175 Dadurch würde der Eindruck erweckt, „etwas historisch richtig
einzuordnen“, doch der Beschreibungsgegenstand seiner „Unmenschlich-
keit“ beraubt.176 Der retrospektive Blick des Historikers, der sich einer
spezifischen Faktenlage gegenübersieht, tendiere dazu, die Geschehnisse
durch eine Fakten- und Kausalitätshörigkeit zu rationalisieren. Ein solches
Verfahren korreliere mit einem Fortschrittsglauben, der eine Zweckhaf-
tigkeit der zeitgeschichtlichen Vorgänge ansetzt.
So hinterfragt eine Aufzeichnung von 1943 eine historiografische Haltung,
die Gewaltkonflikte als notwendiges Übel erachtet. Aus dieser Zweckper-
spektive heraus werden Kriege zu „heilsame[n]“ „Gewitter[n]“, deren
Auftreten „unvermeidlich[]“ wäre: „Den Historikern sind die Kriege wie

175 In Bezug auf Leopold von Rankes Objektivität hält Canetti fest, dass für diesen die „Er-
füllung durch Macht“ „Geschichte“ sei: „[…] er ist ein Polytheist der Macht.“ (A 167)
176 Vgl. Penka Angelova: Über die Dekonstruktion des Begriffes der Nationen bei Canetti.
In: Pulverfass Balkan. Mythos oder Realität. Internationales Symposium Russe, Okto-
ber 1998 (= Schriftenreihe der Elias-Canetti-Gesellschaft; 3). Hg. von ders. und Judith
Veichtlbauer. St. Ingbert: Röhrig 2001, S. 19–40, hier: S. 27.
110 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

heilig, diese brechen […] aus der Sphäre des Übernatürlichen in den
selbstverständlichen und erklärten Lauf der Welt ein.“ (A 41) Die überir-
dische Korrektur, von der im übertragenen Sinn die Rede ist, bezieht sich
auf eine Überzeugung, die dem Kriegsleid zweckrational einen Sinn abzu-
gewinnen trachtet. Jene Rechtfertigung von Gewalt leitet sich von dem
Glauben an einen Zukunftshorizont ab, der durch die Gewaltexzesse erst
geschaffen würde: „Keine Vergangenheit kann abstoßend und verhaßt
genug gewesen sein, daß sich nicht irgendein Historiker irgendeine Zu-
kunft nach ihr vorstellen würde.“ (A 41) Den Objektivitäts- wie Kausalan-
spruch eint die Überzeugung von einer strikt rational zu erfassenden Ge-
schichte.
Weiter zeigen sich mit jener Objektivität, die sich zuweilen mit vermeint-
lichen Fakten tarnt, ideelle Voreingenommenheiten. Canetti zielt so auf
eine Geschichtsschreibung, die in vorauseilendem, institutionellem bzw.
ideologischem Gehorsam Mythen stiftet. Letztere Problematik zeigt sich
als nationale Ergebenheit, die den Blick auf die faktischen Zusammen-
hänge verstellt. Kuhnau schreibt zu Canettis Historismus-Kritik, dass er
seinen „Ideologievorwurf an die Historiker“ in Form von „unreflektierte[r]
Affirmation von Herrschaft und grundlegende[r] Naivität“ zwar artikuliert,
doch der „Begriff der ‚Ideologie‘“ in seiner „Komplexität“ „nicht erkannt“
wird.177 Als Grund dafür erklärt Kuhnau, dass die „Ebene der rezeptiven –
oder gar die Ideologie mitverursachenden – Historikerschaft nicht von der
Ebene der Akteure der Nationen, d. h. ihrer Politiker und Regierungen,
unterschieden wird“.178 Im Kapitel zur politischen Prägung seiner Literatur
wird ersichtlich, dass Canetti selbst als Vertreter nationalistischer Vorge-
fasstheiten auftrat. Die ideologischen Denkmuster des totalitären
Deutschland erkennt er zwar an, wenn es sich um die Universalschrift
handelt. Doch zieht er die moderne Zeit zur Schuldentlastung der Täter
heran und darüber hinaus für eine Umkehr der Verantwortlichkeiten.

177 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 135.


178 Vgl. ebenda.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 111

Dazu fügt sich eine Aufzeichnung von 1981, die suggeriert, dass die sieg-
reichen Namen als Profiteure von Macht- bzw. Gewaltmissbrauch zu gel-
ten hätten. Dem stellt Canetti eine alternative Historiografie gegenüber,
nach der die Unterlegenen eine Sache des „Recht[s]“ vertreten hätten:
„Eine Geschichtsschreibung, nach der die Verlierer immer im Recht gewe-
sen wären.“ (A 467) Mit diesem Gedankenspiel erklärt er jene Opfer von
Gewalt und Tot, die die unterlegene Partei bilden, konjunktivisch zu mo-
ralischen Siegern. Er begründet dies mit einem Fortschrittsdiktat, das die
historischen Fakten einseitig erfasst und insofern die Sieger zu Vertretern
einer gerechten Sache macht. Sein Verfahren mit den Akteuren, die in Ge-
waltkonflikte involviert sind, bezweckt ein gedankliches Aufbrechen der
Machtproblematik, also ein Beschreiten alternativer Denkwege.
Die historischen Vorgänge gründen bei Canetti auf biologischen Konstan-
ten, die er mit den Modellen zu Masse und Macht deterministisch, und
zwar in keinem strikten Sinn, bestimmt hat. Beide Modelle, die er auf die
Weltgeschichte und ihre Vertreter überträgt, führen zu einer fatalisti-
schen Weltsicht, die den Geschichtsverlauf zu einem Kreislauf des Allzeit-
Bösen degradiert. Dadurch wird nicht nur der Machthaber, sondern der
Mensch an sich zum Spielball biologischer Gesetzmäßigkeiten, die auf den
Einfluss von Masse und Macht zurückgehen. Besonders verschärfend
trete, als Teil des zivilisatorischen Fortschrittes, das industriemoderne
Wesen hinzu, das für eine Dynamisierung der Gewaltspirale sorge. Dem-
nach seien die historischen Akteure in ein deterministisches Handlungs-
Korsett gepresst, das diesen keine nennenswerte Wahlmöglichkeit biete
und keine substantielle Möglichkeit der Einbeziehung ethisch-moralischer
Überlegungen.179
Ein strenger Determinismus liegt insofern nicht vor, als zahlreiche Strate-
gien der Modifikation möglich seien, um den Determinanten nicht auf di-

179 Vgl. hierzu Kuhnau, die erklärt, „daß der Intellekt als Faktor einer Ethik per definitio-
nem ausgeschlossen wird, wenn Canetti die Funktionalisierung von Wissenschaft und
Technik durch ein mechanisches Modell erklärt, das den Körper vom Geist trennt,
ohne letzteren als übergeordnete Instanz und Korrektiv zu aktivieren“; ebenda, S. 302.
112 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

rektem Weg entsprechen zu müssen. Ein Notat von 1950 setzt daher Al-
ternativen des Handelns an, indem einleitend die Feststellung erfolgt,
dass die „Geschichte“ „alles so“ „dar“-„stellt“, „als hätte es nicht anders
kommen können“: „Es hätte aber auf hundert Arten kommen können.“
(A 166) Im variablen Ereignishorizont drückt sich keineswegs Canettis
neu-mythisches Verständnis aus, wie es seinem frühen Utopismus vor-
steht. Denn mit derartigen Wahlmöglichkeiten zeigen sich zwar keine of-
fene Stellen in seinem Determinismus, doch immerhin parallel laufende
Alternativpfade, wenn es sich um die zu treffenden Entscheidungen han-
delt. So erreicht das Determinantenpaar zwar ebenfalls sein Ziel, aber auf
mitunter verschlungenen Wegen. Dessen Zielpunkt steht zwar wesenhaft
fest, doch den Verlauf vermag der einzelne Mensch unwillkürlich oder wil-
lentlich zu beeinflussen.
Canetti kritisiert eine Faktenhörigkeit, die historische Ereignisse tenden-
ziell für zweckdienlich erachtet, und schließt die Aufzeichnung von 1950
mit den Worten: „So wirkt die Geschichte immer, als ob sie fürs Stärkere
wäre, nämlich fürs wirklich Geschehene: es hätte nicht ungeschehen blei-
ben können, es mußte geschehen.“ (A 166) Bei den geschichtlichen Alter-
nativereignissen handelt es sich, wenn man sich Canettis Verständnis von
Masse und Macht in Erinnerung ruft, um eine Kritik an einer verengten
historiografischen Sicht, die den Einflussfaktor der Modifikationen noto-
risch außer Acht lässt. Das ‚Es‘ steht dabei für einen Grundzustand von
kollektiver Gewalt, die vielfältige Erscheinungsformen annehmen kann.
Obwohl das Handeln jedes Einzelnen stets im Zeichen von Masse und
Macht steht, erlaubt die Ratio einen bedingt reflektierten Zugriff darauf.
Eine Aufzeichnung aus der Fliegenpein zieht folglich die Möglichkeit einer
‚Beeinflussbarkeit‘ – und zwar der Zeit- oder Weltgeschichte – in Betracht:
„Eines zeigt sich, das unwiderlegbar ist: es gibt keinen voraussehbaren
Gang der Geschichte.“ (A2 103) Die Vor-Prägeschichte behöbe zwar das
Existential-Dilemma, schlösse darin jedoch geschichtliche Vorgänge nach
tradiertem Verständnis aus. Unter der konjunktivischen Annahme, dass
sie „immer offen“ ist, sorgt Canetti zugleich für eine Relativierung: „Das
würde bedeuten, daß sie in ihrer Offenheit immer beeinflußbar ist […].“
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 113

(A2 103) Gemäß seinem Determinismus, der nur Modifikationen zulässt,


haben sich enge Grenzen einer „Offenheit“ zu zeigen, die hier spielerisch
hermeneutisch auch umschrieben sind. So beschränkt sich die Beeinfluss-
barkeit auf jene Moderation der Masse- und Macht-Ziele, die durch eine
rational-reflexive Grundbefähigung erfolgt. Ungeachtet der Einflusskraft
der vielfältigen Determinanten, zu denen Tod, Trieb und Gewalt als signi-
fikante Faktoren zählen, sieht Canetti den Menschen als Entscheidungs-
träger innerhalb eines engen, doch handlungsmäßig auszufüllenden Rah-
mens. So setzt Barnouw, diese Moderations-Form einbeziehend, eine
„Flexibilität von Canettis Geschichtsbegriff“ an.180
Friederike Eigler erkennt in Bezug auf die „soziale[n] Verhaltensweisen“
zwar ebenfalls Determinismen, die sie jedoch „analog zu chemischen Re-
aktionen erklärt“ sieht.181 Eigler ist der Überzeugung, dass bei Canetti
„[j]eglicher Raum für Selbstbestimmung und Selbstverantwortung“ „aus-
geschlossen“ ist.182 Kuhnau argumentiert ebenso mit unüberwindlichen
Determinismen, die sie auf kausale Theoreme gründen sieht:

So werden historische Entwicklungs- und Handlungsspielräume über die


Anwendung der Physik der Masse ausgeschlossen, die zu einer Phäno-
menologie der Masse, ihrer Eigenschaften und Formen nach makro- und
mikrophysikalischen (Gravitation, Quantentheorie), chemischen (chemi-
sches Gleichgewicht), elektro- und thermodynamischen (Entladung, Ent-
ropie) Kategorien führt.183

Zu beachten ist im Fall seiner Studie zum Menschen, dass er sich in seiner
Theoriebildung erstens an chemisch-physikalische Modelle rhetorisch an-
lehnt (z. B. im Fall des Entladungseffektes), zweitens die zugehörigen Vor-
gänge begrifflich meist unbenannt lässt und drittens sie den vielfältigen

180 Vgl. Dagmar Barnouw: Masse, Macht und Tod im Werk Elias Canettis. In: Zu Elias Ca-
netti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 63). Hg. von Manfred
Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 72–91, hier: S. 88.
181 Vgl. Eigler, autobiografisches Werk, S. 95.
182 Vgl. ebenda.
183 Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 401.
114 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

Beeinflussungsformen von Masse und Macht unterordnet. So einprägsam


die naturwissenschaftliche Logik vordergründig auch durchschschlägt, so
zurückhaltend hat man in der Ansetzung eines Ursache-Wirkungs-Prinzips
zu sein. Da bei Canetti eine prinzipielle Skepsis bestand, was die Welthal-
tigkeit des Kausal-Systems betrifft, hatte dem Autor eine Reduktion auf
chemisch-physikalische Sinnzusammenhänge fremd zu erscheinen. Ein
‚geöffneter‘ Determinismus, wie ihn der ‚Hüter‘ bereitstellt, enthält end-
lich die Möglichkeit, der Gewaltspirale zu entkommen.
Einem Ansatz, wie ihn Kuhnau vertritt, gilt es erstens entgegenzuhalten,
dass sich Canetti, etwa in den Aufzeichnungen, gerade gegen eine histo-
riografische Attitüde der absoluten Alternativlosigkeit stellt. Seine Forde-
rung nach einem Denken in konjunktivischen Kategorien deutet zweitens
auf den Versuch einer Überwindung methodischer Systemzwänge hin, die
er als paradigmatisches Modernesymptom wertet. Dazu fügt sich eine
Aufzeichnung von 1955, in der Canetti erklärt, dass „[a]lles was gewesen
ist“ sich „verbessern“ „läßt“: „Das Herz der Geschichtsschreibung, ihr sel-
ber verborgen.“ (A 209) Das utopische Minimalziel der Etablierung eines
neuen Zukunftsweges ist bei ihm an das Konzept der Verwandlung gebun-
den. Ein neues, synthetisiertes Denken und Wahrnehmen hat in der In-
tention des Autors zu einem alternativen Handeln zu führen, das als sol-
ches allerdings aus dem Rahmen der ‚schlechten‘ Geschichte fiele.
Erst die Verwandlungs-Gabe, die Canetti dem ‚Hüter‘ zuschreibt, vermag
diesen Kreislauf von Tod, Macht und Bösem aufzubrechen.184 Zu den
anthropologischen Konstanten tritt eine historische Variable, in Gestalt
des Fortschrittes, so dass der Tod zwar nicht das alleinige Existenzübel
bildet, doch ein zentrales. Er gilt ihm als biologische Basis des Macht-Di-
lemmas, von der auch die Massenvorgänge entscheidend geprägt sind. In
machttheoretischer Hinsicht geht dieser Ansatz auf das Dilemma des
„Überlebens“ als „Erbübel“ (MM 267 u. 557) zurück, das sich bei Canetti

184 Vgl. hierzu Eigler, die eine im „Verwandlungskonzept“ „angelegt[e]“ „Möglichkeit“


ausmacht, das „System der Machtausübung zu durchbrechen“; Eigler, autobiografi-
sches Werk, S. 97.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 115

stets als Vorgang der Machtakkumulation vollzieht.185 Canetti war es da-


rum, das doppelte biologische Diktat zu überwinden, was im besten Fall
zu einer Ausschaltung des (natürlichen) Todes hätte führen sollen. Tref-
fend sieht Uwe Schweikert jenen Todes-Kampf als Grundmotivation, an
der alle Probleme zusammenlaufen: „[…] im Tod sieht er nicht den Be-
freier, sondern das Urbild des Siegers, dessen, der überlebt und allein
dadurch die Macht hat.“186
Nicht allein für den Despoten stellt sich der Mord, respektive die Bedro-
hung anderer, als geeignetes Mittel dar, um die eigene Macht zu festigen.
Zwischen dem Tod, der einen absoluten Machtverlust bezeichnet, und ei-
nem Leben in Sicherheit gibt es vielfältige Schattierungen, die keineswegs
an bestimmte Gesellschaftsschichten gebunden sind. In einer Aufzeich-
nung von 1951 fasst er zusammen, dass ihm der Tod [„Er“] „so nichtsnut-
zig und böse wie je“ „scheint“, jener das „Grundübel alles Bestehenden“
ist, „der Knoten, in dem alles von jeher geschürzt und verfangen ist und
den niemand zu zerhauen gewagt hat“ (A 172). Annemarie Auer zeigt tref-
fend den machttheoretischen Hintergrund seiner „Denkweise“ auf, wenn

185 Von den Hierarchien leitet sich sein Befehls-Verständnis ab, das darauf beruht, dass
unter „jedem Befehle“ das „Todesurteil“ durchscheint (MM 358). Er ist der Überzeu-
gung, dass die „Handlung, die unter Befehl ausgeführt ist“ sich von „allen anderen
Handlungen“ unterscheidet, weil ebendiese als „etwas Fremdes“ „empfunden“ wird
(MM 359). Daher spricht er von einem ‚Befehlsstachels‘, der beim Befehlsempfänger
zurückbleibe: „dieser muß ihn herausziehen und weitergeben, um sich von seiner Dro-
hung zu befreien“ (MM 363). Dagegen sei im Fall des Henkers, der entweder töte oder
getötet würde, für die „Bildung eines Stachels“ „keine Zeit“ (MM 390). – Das Verhalten
des Henkers, bei dem das implizite „Todesurteil“ mit dem expliziten zusammenfällt,
sieht Eigler als im „höchsten Grad deterministisch“ angelegt; ebenda, S. 95. Eigler, die
Canettis „Schlußfolgerung, der Henker könne also niemals Schuldgefühle entwickeln“,
zeitgeschichtlich betrachtet, kommt zu dem Schluss, dass „diejenigen, die direkt am
Massenmord in den KZs beteiligt waren, selbst Opfer des nationalsozialistischen Sys-
tems waren“; ebenda. Damit stellt sich, in Bezug auf diese Gruppe der Lager-Henker,
eine Parallele zu den beiden Zeitgeschichts-Kasus (von Shoa und NSDAP-Gründung)
her.
186 Uwe Schweikert: Der Weg durch das Labyrinth. Versuch über Elias Canettis Aufzeich-
nungen. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 63).
Hg. von Manfred Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 92–101, hier: S. 95.
116 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

sie erklärt, dass Canettis „Schlußfolgerung“ „lautet“: „Gäbe es den Tod


nicht, gäbe es keine Gewalt […].“187 Canetti, der von seiner Todes-Feind-
schaft Getriebene, schreibt in einer Notiz von 1943 auch, dass ihn „[s]eit
vielen Jahren“ „nichts so sehr bewegt und erfüllt“ hat „wie der Gedanke
des Todes“ (A 56). Das „ganz konkrete und ernsthafte, das eingestandene
Ziel [s]eines Lebens ist die Erlangung der Unsterblichkeit für die Men-
schen“ (A 56). Was die Bedeutung des Gilgamesch-Mythos für Canetti be-
trifft, verweist unter anderen Stefan Strucken auf seinen Kampf gegen je-
nes Existential-Schicksal.188
Erst in einer Aufzeichnung von 1960 zeigt sich ein eindeutiger Bruch in
seinem utopischen Ziel, wenn er, nach der eindeutigen Stellungnahme
von 1943 und der allgemein gehaltenen von 1951, nun schreibt: „Das Rät-
sel des Lebens ist ein soziales Rätsel.“ (A 257) An späterer Stelle, in einer
Aufzeichnung von 1980, rückt er schließlich unverkennbar eindeutig von
seinem Vorhaben ab. Er schreibt nun, dass es ihm „nicht um seine Ab-
schaffung, die nicht möglich sein soll“, „geht“, sondern „um die Ächtung
des Todes“ (A 441). Diese Stellen stehen exemplarisch für die Wider-
sprüchlichkeit der Aufzeichnungen, sofern darunter ein resignativer Wan-
del, der weg vom Ausgangspunkt des biologischen Todesdilemmas führt,
verstanden wird. Barnouw dagegen formuliert die abweichende Grund-
überzeugung, dass es Canetti einzig „um bessere Verhältnisse, ein länge-
res und besseres Leben“ geht, und relativiert die Bedeutung des Todes,
indem sie einseitig eine „soziale Dimension“ ansetzt.189 Die soziale Seite
der Todes-Problematik sieht Barnouw in dem Drama Die Befristeten ge-
staltet: „Unser privates Tabu des Todes ist das öffentliche Tabu der Befris-
teten.“190 Belegen lässt sich durch eine Figurenrede daraus, dass Canetti
eine Haltung zum Tod beschreibt, die eine biologische Überwindung nicht

187 Annemarie Auer: Elias Canettis Essays. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft –
Gesellschaftswissenschaft; 63). Hg. von Manfred Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 151–
157, hier: S. 153.
188 Siehe Strucken, Masse und Macht, S. 91.
189 Vgl. Barnouw, Einführung zu Canetti, S. 8 u. 206.
190 Ebenda, S. 204.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 117

notwendig ausschließt. Fünzig spricht in diesem nach 1945 ausgearbeite-


ten Werk von einer „Gelegenheit zu erproben, ob einer in seinem Augen-
blick sterben muß, auch wenn er nicht daran glaubt“ (Be 216).
Die Relativierung der Todesrelevanz, die von grundsätzlicher Natur gewe-
sen ist, korreliert mit seiner Abkehr von einer neu-mythischen Glorifika-
tion. Seiner Idee vom ewigen Leben, die an eine kognitive Re-Evolution
gebunden ist, steht jene der ‚abgespaltenen‘ Zukunft entgegen. Die vor-
bewusste Todesvergessenheit und das maximalutopische Hoffen auf eine
biologische Todesbezwingung weichen einem realistischeren Zugang. So
ist, mit Blick auf seine Rede von 1976, zu beobachten, dass sein Abrücken
von einer körperlichen Todes-Feindschaft mit der Einführung des Ver-
wandlungs-Konzeptes korreliert. Abgesehen von einer sozialen Gegner-
schaft, ist dieses dazu auserkoren, eine Lösung der Macht- bzw. Tötungs-
Problematik zu erreichen. Maßgebliche dichterische Vermittlerinstanzen
wären dazu berufen, dem Normalsterblichen mythische Beispiele der An-
verwandlung zu geben.
Canettis Weltsinn eignet die Grundüberzeugung, dass es der Menschheit
von sich aus nicht möglich wäre, der Dynamik der Macht-Masse-Spirale
zu entgehen. Bedingt sieht dies der Autor durch ein angeborenes Macht-
wesen und eine Anfälligkeit für Massenbildungen, die sich in modernen
Zeiten akut verstärkten. Eindeutig nimmt der Autor in einem Notat zu sei-
nem Sendungsbewusstsein nach 1945 Stellung, wenn er einleitend er-
klärt, dass die „Verwirrung, die daraus entstand“, „Geschichte“ „heißt“:
„Hier hätte die wahre Aufklärung zu beginnen […].“ (A 366) Damit er-
scheint der zivilisatorische Fortgang als Schattenriss der Macht- und
Masse-Faktoren und die Aufklärung als Schatten ihrer selbst. In dem No-
tat von 1972 nimmt er sich auch der Problematik an, die mit den Massen-
vernichtungswaffen vorliegt. Aufgrund der Tatsache, dass die technischen
Vernichtungsmittel dem Machthaber neue Möglichkeiten eröffnen, mut-
maßt er: „Es ist aber möglich, daß wir eine falsche Geschichte sehen. Viel-
leicht kann sich die richtige erst offenbaren, wenn der Tod geschlagen
ist.“ (A 366) Der „gespalten[e]“ Geschichts-Begriff steht ab 1945 für eine
118 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

variierte Fortsetzung des Zivilisationsprogresses, die angesichts der Erfin-


dung der „Atombombe“ (A 94) zu vollziehen sei. Denn da sich mit dieser
Waffe „alle Furcht“ verbindet, wie er 1945 schreibt, hat sie zugleich „alle
Hoffnung“ zu wecken (A 94). Im Sinn einer „gespalten[en]“ „Zukunft“, die
„so“ sein wird „oder so“, „gibt“ es „Wege anderswohin“ (A 94), die nun
notwendig zu beschreiten wären, um ein politisches Machtverhängnis
auszuschließen.191 Die Todes-Feindschaft weist hierin noch eine starke bi-
ologische Ausrichtung auf.
In Masse und Macht präzisiert sich sein Anliegen dann. Einerseits tritt er
als Mahner auf, wenn er darauf verweist, dass die „modernen techni-
schen Geheimnisse die konzentriertesten und gefährlichsten sind, die es
je gegeben“ hat (MM 350–351). Andererseits sieht er eine ‚vergrößerte‘
„Macht“, die unter normalen Bedingungen den Einsatz der atomaren
Massenvernichtungsmittel ausschließt: „Alle werden überleben oder nie-
mand.“ (MM 558) Die eindringliche Forderung, den „Befehl“ seines „Sta-
chels zu berauben“ (MM 559), weist auf das ‚Empathie‘-Anliegen, das sich
ab 1945 im zivilisatorischen Rahmen realisieren soll. Insgesamt zeichnet
er ein Drohszenario, das für Labilität und eine Anfälligkeit für Krisen steht.
Stellt die selbstverantwortliche Moderation die Verwaltung eines Grund-
übels dar, die dem reflektiert handelnden Zeitgenossen zu Verfügung
steht, bietet das ‚Empathie‘-Konzept dem Dichter die Möglichkeit, neu-
schöpferisch tätig zu werden. Dass Canetti in einer Aufzeichnung von
1946 das Wort ‚Getriebenheit‘ verwendet, eine Freud’sche Begrifflichkeit,
von der er sich ansonsten strikt abzugrenzen weiß, ist durch den Versuch
der Definition der anthropologischen Keimzelle bedingt: „Es gibt nichts
Häßlicheres als Triebe.“ (A 115) Mit den weiteren Worten „wer mehr als
sie will, ist ein Narr“ verweist er auf die Anmaßung, eine neue zivilisatori-
sche Zeit kreieren zu wollen, doch gesteht er sich ein: „Ich bin gern ein

191 In Realismus und neue Wirklichkeit, einem Text aus 1965, spricht er erneut davon, dass
sich die „Wirklichkeit des Kommenden“ „gespalten“ habe: „auf der einen Seite die
Vernichtung, auf der anderen das gute Leben“ (GW 162). Ganz bewusst spricht er nun
von „mannigfaltigste[n]“ „Utopien“ und beschwört deren „Stoßkraft“ (GW 163).
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 119

Narr.“ (A 115) Einzig jenem Auserwählten, dem Dichter, sei ein exempla-
risches Ausbrechen aus dem Masse-Macht-Kontinuum möglich. Canetti
trägt ihm unter anderem die Aufgabe zu, mit seiner Dichtung als Ver-
wandlungs-Vorbild in Erscheinung zu treten.
In der Diktion von Masse und Macht spricht Canetti davon – hier in Bezug
auf den zweiten Faktor –, dass es „[k]ein unbefangener Mensch“ „als Un-
freiheit“ „empfindet“, „seinen eigenen Trieben zu folgen“ (MM 361). Da-
gegen „wendet sich jeder in sich gegen den Befehl, der ihm von außen
zugesandt worden ist“ (MM 361). Deshalb habe das, vom ‚Hüter‘ beför-
derte, Ziel darin zu liegen, den „Befehl ohne Scheu ins Auge“ zu „fassen“
und die „Mittel“ zu „finden, ihn seines Stachels zu berauben“ (MM 559).
In seiner Broch-Rede von 1936, die sich am frühen Weltzugang orientiert,
spricht Canetti von der „Mission einer totalitätserfassenden Erkenntnis,
die über jeder empirischen oder sozialen Bedingtheit steht“ (GW 104).192
Mit dem zugehörigen kognitiven Auftrag versieht er in der Broch-Rede,
die das Motto „Die Zeit entläßt dich nicht“ trägt, den „repräsentativen“
Dichter (GW 102). Dessen Aufgabe besteht in der Beförderung einer
nicht-bewussten Lebens- und Weltordnung. Ein neu-mythischer Modus,
der zur Überwindung der ‚empirisch-sozialen‘ Determinanten dient, wird
so sichtbar. Erst mit der Masse-Macht-Schrift und der Münchner Rede von
1976 beschreibt Canetti einen Verwandlungs-Modus, dessen ‚Hüter‘ der
Dichter ist.
Ein Nebenziel der Verwandlung/Empathie liegt darin, sich einerseits
selbst, in Form der Kanonisierung, literarische Unsterblichkeit zu ver-
schaffen („noch ist es nicht sicher, ob auch du sterben mußt“, GW 99) so-
wie andererseits den im Werk genannten und beschriebenen Personen.
Der kognitive Modus ist mit ‚Voreinfühlung‘ alias Verwandlung zu be-
zeichnen. Im Fall der zweiten Gruppe soll dieses Ziel, wenn nicht über Cha-
rakterisierung, so zumindest durch Nennung von Namen erreicht werden.
Im Idealfall hat dieses Verfahren zur Folge, wie aus einer Notiz von 1980
hervorgeht, dass man „urplötzlich“ „wieder alles über“ die „Toten“

192 Canetti zitiert dabei aus Brochs Rede „James Joyce und die Gegenwart“ (1932).
120 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

„weiß“, „was man vergessen glaubte“ (A 457).193 Die Auferstehung der


Verstorbenen, die an eine weltgerichtliche Diktion gemahnt, ist vollstän-
dig säkularisiert. Sie meint ein Einhauchen von Leben, das der Dichter ver-
antwortet, der insofern als Weltenrichter auftritt, als er die Toten in die
Kategorien von Erinnernswert und -unwert unterteilt.
Abgesehen von dieser literarischen Konservierung, dient die Dichtung vor
allem dazu, mythische Vorbilder der Verwandlung/Empathie zu beschrei-
ben, um sie den Zeitgenossen als Lebensanleitung zu offerieren oder den
„[s]päteren“ Generationen (GW 99) zu hinterlegen. Darin besteht die ge-
meinsame Schnittmenge zwischen minimal- und maximalutopischer Aus-
richtung, wie sie sich mit den beiden programmatischen Reden in Mün-
chen und zu Broch zeigt.
An den historischen Namen lässt sich ebenso die verwässerte Form der
Konservierung beobachten. Wenn Canetti in einer Aufzeichnung von 1956
über „Namen in der Geschichte“ schreibt, gewinnt diese Spielart der se-
kundären Funktion an Kontur:

Es sind nur mächtige Namen, die anderen sterben. – Am Namen ist also
einmal die Kraft des Überlebens zu messen. Es ist bis heute die einzige
wirkliche Form des Überlebens. (A 210)

Angewandt auf seine polymythische Schrift vom Menschen, ist davon aus-
zugehen, dass Canetti im Menschen ein nicht von komplexer Vernunft be-
stimmbares, sondern von Macht bzw. Entfremdung ‚getriebenes‘ Wesen
sah – sei es der Machthaber oder der Geknechtete. Als solches sei er erst
ab einem gewissen Grad eines allgemeinen Bedrohungspotentials zu ei-

193 Dass Canetti einzig die Dichtung zum Vermittlungsmedium erkürt, betont den moder-
nekritischen Zugang. – Stocker macht bereits in der Blendung einen Mediendiskurs
aus, der die „Wissenskrise“ der „Schriftkultur“ beschreibt; Günther Stocker: Eine an-
dere Welt – Die Bibliothek in Canettis Blendung. In: Bibliotheken in der literarischen
Darstellung. Libraries in literature (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des
Buchwesens; 33). Hg. von Graham Jefcoate und Peter Vodosek. Wiesbaden: Harrasso-
witz 1999, S. 65–88, hier: S. 77.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 121

nem grundsätzlichen Umdenken zu bewegen. Allein dem ‚Hüter‘ mit sei-


nem Auftrag, wie ihn Canetti formuliert, wäre es möglich, einen zukunfts-
trächtigen Ausweg aufzuzeigen: einen neuen Weg der Zivilisation. Dass
dieser Ansatz, trotz seiner minimalutopischen Ausrichtung, in der Canetti-
Forschung einerseits als utopisch gewertet wurde, andererseits aber als
konzeptionell unvollständig kritisiert, geht zu einem hohen Grad auf das
Wesen seiner Zielsetzung zurück. Kuhnau beanstandet dennoch unklare
Ausführungen zum Auftrag des Dichters und zur Verwandlung, indem sie
zwar eine defätistische Sichtweise konstatiert, den Canetti’schen Utopis-
mus als solchen jedoch unberücksichtigt lässt:

Mit dem Verweis auf seine Anthropologie wird der Mensch der Möglich-
keit vernunftgeleiteten ethischen Handelns in der Geschichte beraubt, die
sich mit der Überführung der geschichtlichen Phänomene von Masse und
Macht in Natur (Physik der Masse, Physiologie der Macht) nur noch als
Wiederholung des Immergleichen und als Theorie von Zuständen darstellt
[…].194

Bei aller Abstraktheit der Verwandlungs-Idee bleibt festzuhalten, dass Ca-


netti sich eines Modells bediente, das dem Verständnis seiner je eigenen,
neuen Aufklärung entspricht. Aus erkenntnis- und wahrnehmungstheore-
tischer Sicht wird die Forderung nach einem dualen Modus erhoben, einer
synthetisierten Hybridform, die das nicht-rationale Wesen aufwertete.
Canetti beschreibt einen Seins-Zustand, der empathisch bereichert würde
und dem ein zweckrationales Denken, wie es den ‚Homo industrialis‘ aus-
zeichnet, fremd würde. Die Maximalutopie einer kognitiven Regression,
die hin zu einem Vorbewusstsein führte, bildet lediglich bis 1945 den Sta-
chel im Canetti’schen Schöpferdrang.

194 Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 402.


122 2.4 Canettis Geschichtsverständnis

Penka Angelova versucht, jenen Zugang zum Mythos zu beschreiben, in-


dem sie die Gemeinsamkeiten mit Karl Jaspers und dessen Kritik an „lee-
ren Aufklärungsgedanken“ wie an der „Verstandesdogmatik“ betont.195
Als Transzendentalphilosoph weist Jaspers, der in der Nachfolge Kants
steht, eine antipositivistische Haltung auf. So zeigt sich mit Jaspers die von
der Ratio abgewandte Seite, die auch den Canetti’schen Weltzugang
prägt. Durch eine Dialektik, in der die Aufklärung seit jeher zum Mythos
stünde, wird Canetti zu einem literarischen Vertreter der Theoretiker
Adorno und Horkheimer, trotz seiner „Subjektivität“ (ARG 142), wie sie
das Verwandlungs-Konzept mitunter zeigt – etwa im Fall der Buschmän-
ner. Die Verwandlung, die das „Eigentlichste des Mythus“ ist (A 352), wie
er in Bezug auf Ovid schreibt, bildet den vorgefühlsmäßigen Antrieb in der
Schaffung eines neuen Zukunftsweges. Eigler weicht von dieser Position
ab, wenn sie erklärt, dass Canetti „[a]nders als Adorno und Horkheimer“
die „Anfänge menschlicher Kultur“ „noch nicht unwiderrufbar in Herr-
schaftsausübung“ „verstrickt“ „sieht“.196
Mit der re-evolutionären Regression ist dagegen ein Rückbau der Ratio zu
einem rudimentären Status beschrieben, der dem Willen entzogen ist.
Dabei stellt sich die Frage, ob Canettis Verwendung des Menschen-Begrif-
fes im Sinn der biologischen Klassifikation der Gattung Homo erfolgt oder
der übergeordneten Rangstufe der Familie der Menschenaffen.197 Miss-
verständlich spricht Canetti von einer „sehr große[n] Zeit, in der Men-
schen gelebt haben“ (ARG 250), wenn es sich um das kognitive Vorbild für
sein neu-mythisches Anliegen handelt. Auch wenn die Begrifflichkeit des

195 Vgl. Penka Angelova: Elias Canetti. Spuren zum mythischen Denken. Wien: Zsolnay
2005, S. 60.
196 Vgl. Eigler, autobiografisches Werk, S. 80.
197 Neben dem Menschen zählen zur Familie der (Großen) Menschenaffen die Gattungen
Gorilla, Schimpanse und Orang-Utan; Winfried Henke und Hartmut Rothe: Stammes-
geschichte des Menschen. Eine Einführung. Berlin [u.a.]: Springer 1998, S. 22. Der
Mensch grenzt sich unter anderem „als aufrecht gehende[r], großhirnige[r], vernunft-
und sprachbegabte[r] Affe[]“ von den „nicht-menschlichen Primaten“ ab; ebenda, S.
23.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 123

„Menschen“ für erstere Annahme (Gattung) spricht, belegt die Gorilla-


Existenz aus der Blendung einen klassifikatorisch geweiteten Gebrauch.198
Diese steht für das vorbewusste Dasein der Hominiden (Menschenaffen)
und degradiert den Homo sapiens der Moderne – im Umkehrschluss – zu
einem zweckrational geleiteten Wesen. Er nimmt als solcher zwar eine
superiore zivilisatorische Stellung ein, gehorcht dabei aber einem Masse-
Macht-Dilemma, das sich mit seiner rationalen Befähigung zusehends ver-
stärkt hat.
So betont der Begriff der „Vor-Prähistorie“ (ARG 250) eine Zeitphase, die
vor der Entstehung des Homo sapiens liegt. Aufschluss über seine Vorstel-
lungen zu dieser Vor-Vor-Geschichte gibt sein Gespräch mit Joachim Schi-
ckel. Darin führt Canetti aus, dass „keine sichtbare Entwicklung in dieser
Vor-Prähistorie“ erfolgt (ARG 250). Zu dieser Vorform einer Vorge-
schichte, die insofern keine „sichtbare“ Evolution kennt, als sie einzig die
Hominiden meint, führt Canetti weiter aus: „Aber es ist eine sehr große
Zeit, in der Menschen gelebt haben.“ (ARG 250) Seine Stellungnahme ge-
genüber Schickel macht deutlich, dass es sich um einen vorzivilisatori-
schen Zustand handelt, mit dem die Ratio in einem rudimentären Zustand
befindlich wäre. Mit dem Begriff des Vorbewusstseins versehen, wird ein-
sichtig, dass es sich bei dieser Regression, die vermehrt der moderne
Mensch zeige, um eine Art von Re-Evolution handelt. Kognitiv rückgeführt
wird der Homo sapiens auf ein rationales Rudiment, wie es die Biologen
und Verhaltensforscher bei den Menschenaffen ausmachten. Bei aller De-
terminierung durch die Macht- und Masse-Prozesse beschreibt Canetti
eine Möglichkeit der Flucht, die unwillentlich erfolgt und bei ihm an einen
Zustand des Wahnes gebunden ist. In seinem späteren Werk wird er
schließlich die Vorstellung einer innerzivilisatorischen Verwandlung be-
fürworten.

198 In der Blendung spricht Georg Kien folgende Worte, die Aufschluss über Canettis ge-
weitetes Menschheits-Konzept geben: „‚Die Menschheit‘ bestand schon lange, bevor
sie begrifflich erfunden und verwässert wurde, als Masse.“ (B 449) Die Anführungszei-
chen, in die der Menschheits-Begriff gesetzt ist, weisen auf ein im biologischen Sinn
nicht klassisches Verständnis.
124 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘


Der Moderne entgegen hält auch der späte Canetti das Mittel des Dich-
tens. Als maßgeblicher Dichter sieht er sich dazu auserkoren, Beispiele für
den Modus der Verwandlung zu geben.199 Von dieser primären Funktion
gilt es, wie dargelegt, die sekundäre zu unterscheiden. Erfährt der Dichter
durch die Kanonisierung seines Werkes eine hochwertige Form von Un-
sterblichkeit, so stellt sich für Außenstehende über die Möglichkeit der
Namensnennung und Personen-/Figurenbeschreibung eine schwächere
Variante der Konservierung dar. Erst mit Masse und Macht (1960) und der
Münchner Rede (1976) führt er den Begriff der Verwandlung theoretisch
ein, um ihn im ersten Fall in seiner kognitiven Bedeutung zu beschreiben
und im zweiten auch zu einem Auftrag an den ‚Hüter‘ zu machen. Bernd
Witte gibt zu bedenken, dass die Vorstellung, „Kranke“ zu „heilen“ und
„Menschen vor dem Tod“ zu „retten“, eine der „ältesten Begründungs-
und Rechtfertigungsmythen für das rätselhafte Phänomen der Literatur“
ist.200
Als Zweck der Verwandlung gilt Canetti, unter anderem, die erwähnte Na-
menszitation, der die Auserwählten deskriptiv passiv zugehören. So, wie
der Name des Dichters zu seiner Unsterblichkeit maßgeblich beitrage, in-
dem er von seiner Kunst als authentisches Zeugnis der Persona noch auf-
gewertet werde, stellten Namensnennungen von Erwählten ein derarti-
ges Überleben bereit. Mit diesem Sekundärziel zeigt sich, abseits der ‚ab-
gespaltenen‘ Zukunft, eine zweifache, qualitativ abgestufte Variante. Mit
dem Zitieren von Namen, derer sich der Dichter bedient, schaffe sich für
Auserwählte, so Canetti, die Möglichkeit einer Überwindung des Todes,
wenn auch in einer niedrigen Form. So verwirft er in einem Notat von

199 Es handelt sich im Wesentlichen um einen einzigen Mythos, den der Buschmänner,
den er als Beispiel für jene empathische Kognition anführt, und zwar deren „Ansätze“
(MM 400). Die „Ursprungslegenden“ der Australier (MM 128), die von den Ahnen han-
deln, sind dagegen den Vorstellungsformen von Verwandlung gewidmet.
200 Vgl. Witte, Erzähler als Tod-Feind, S. 65.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 125

1955 für sich die Gültigkeit „rechnerische[r] Zusammenhänge“ und „ellip-


tische[r] Schicksale“, um zu bekennen, dass ihm „alle Zusammenhänge
durch Namen“ „erregend und wahr“ sind (A 208). Demgemäß fährt er
fort, dass sein „Gott“ der „Name“ und der „Atem“ seines „Lebens“ das
„Wort“ ist (A 208).
Eine gefühlsmäßige Einfühlung des Dichters in Außenstehende, begleitet
von einer vertiefenden Literarisierung, bedeutete eine qualitative Auf-
wertung dieser niedrigeren Überlebensform. Denn das Ergebnis wäre
eine intime Figuren- bzw. Personencharakterisierung, die dazu auserko-
ren ist, dem physischen Tod durch dichterische Lebenssicherung zu be-
gegnen. Dennoch bleibe diese Einschiffung anderer Namen ins eigene
Werk, das als eine Art Arche Noah fungiere, in Sachen Authentizität und
Beschreibungstiefe in der Regel hinter dem literarischen Kunstwerk und
seinem Schöpfer zurück. In Masse und Macht erklärt Canetti, indem er
sich mit dem „Überleben auf zeitliche Distanz“ befasst, dass man verstor-
benen Personen durch sein „Bewußtsein“ für gewöhnlich zu einer „sehr
gelinden“ „Form des Überlebens“ „verhilft“ (MM 294 u. 295). Im Werk
eines Dichters hingegen, wie es Stendhal erschuf, vermag man „ihn selbst
und alles“ ‚wiederzufinden‘, „das um ihn war“ (MM 329). Eine gesteigerte
Stufe, die Canetti innerhalb der Sekundärfunktion ansiedelt, zeigt sich mit
Selbstbeschreibungen des Dichters. Dieses selbstbezügliche Ziel, dem er
bis in seine späten Lebensjahre treu blieb, fasst Canetti in einer Notiz von
1983 in die Worte: „Am meisten wünscht du dir – wie bescheiden! – eine
Unsterblichkeit des Lesens.“ (A 497)
Die höchste Form der Namens-Unsterblichkeit, die Canetti allein dem
Dichter zugesteht und vom Gros der Normalsterblichen abgrenzt, denen
in der Regel bloß ein Hoffen auf mindere Aufnahme vorbehalten bleibt,
beschreibt er in Masse und Macht. Darin grenzt er den „schöpferisch[]“
tätigen Menschen, wenn es sich um „Unsterblichkeit“ handelt, vom Nicht-
Dichter ab: „Denn die einzige Lösung, die sich dem leidenschaftlichen
Drange zu überleben bietet, eine schöpferische Einsamkeit, die sich die
Unsterblichkeit verdient, ist ihrer Natur nach nur für wenige eine Lösung.“
(MM 558) Seine Autobiografie legt Zeugnis davon ab, dass die Nennung
126 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

von Namen – sei es nun ein erkennbar pseudonymer oder bürgerlicher


Gebrauch – sowie die Beschreibung der Begegnungen mit den jeweiligen
Personen eine Konservierung besorgen, die den Autor privilegierend ein-
begreift.
Gleichwohl ist nicht zu leugnen, dass dieser Form von Unsterblichkeit et-
was Künstliches anhaftet. Kritisch erklärt Canetti in einem Notat von
1968, indem er vorausschickt, dass ein „Name an sich, was immer einer
geleistet haben mag“ „trist“ ist: „[…] und selbst, wenn einem diese Art
von Unsterblichkeit gelingt, so wird sie immer etwas Abstoßendes und Ar-
tifizielles behalten.“ (A 316) Dazu fügt sich der Inhalt einer Aufzeichnung
von 1957, in der Canetti davon spricht, dass er „[s]o“, „wie“ er in diesem
„Leben nicht einen Menschen gerettet“ hat, „auch nach [s]einem Tode
keinen einzigen retten“ wird (A 223). Canettis anmaßend anmutender
Utopismus ist bedingt durch seine Todes-Feindschaft, hinter der ein le-
bensgeschichtliches Movens steht. Von ihm strahlen die paradoxen Eigen-
schaften aus, die seinen Weltzugang konstitutiv bestimmen.
In Canettis Lebensbesessenheit drückt sich das Trauma des Ablebens des
Vaters aus. 1973 deutet der Autor noch dezent darauf hin, indem er vo-
rausschickt, dass er sich „Ruhm“ wohl „gewünscht“ hatte, um daraufhin
zu fragen: „Aber hast du das andere nicht tausendmal mehr gewünscht,
die Rückkehr eines Toten?“ (A 377) Schließlich verfasste er im Jahr 1979,
nun mit deutlichem Bezug auf den Vater, folgendes Notat: „Wäre er da-
mals nicht tot umgesunken, – wäre dein Glaube ein anderer?“ (A 433) Erst
eine Aufzeichnung von 1978 belegt, nach erfolgter Ausformung seiner
Weltsicht, eine Aussöhnung mit diesem lebensbestimmenden Trauma:
„Im neuen Leben, das mit 75 begann, vergaß er den Tod seines Vaters.“
(A 426) Das Notat liest sich so, als hätte er die Zuerkennung des Nobel-
preises von 1981 erahnt, der dem Namen Canetti ewiges Leben verlieh
und auf das zentrale Trauma heilend einwirkte. Wieprecht-Roth relati-
viert das lebenshistorische Substrat in seiner Relevanz, wenn sie das Va-
ter-Trauma als motivationalen Antrieb ausblendet: „Es geht Canetti nicht
darum, den frühen Verlust des Vaters zu überwinden, gar zu rächen, son-
dern – wie er mehrfach betont – darum, daß [sic!] Leben jedes Menschen
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 127

zu retten.“201 Die biologische Seite seines Todes-Kampfes hätte sich vor


allem mit der neu-mythischen Seins-Archaik, die den zivilisierten Men-
schen in eine vorbewusste Todesvergessenheit führte, zu realisieren. Ca-
nettis Relativierung jener Art der Todes-Feindschaft korreliert mit der
Aufwertung der sozialen Dimension des Todes, die sich ebenfalls in den
späteren Jahren vollzog.202
Ein mögliches Resultat der ‚abgespalteten‘ Zukunft, das auch seine Todes-
Feindschaft berührt, wird ersichtlich, wenn er im Gespräch mit Joachim
Schickel von einem „längere[n], reichere[n], auch verwandlungsreiche-
re[n] Leben“ spricht (ARG 259). Diese Ausführungen zeugen, im Zusam-
menspiel mit der selektiven Zivilisationsaffinität, die er in diesem Ge-
spräch von 1972 beschreibt – in Bezug auf „Medizin“ und „soziale Fort-
schritte“ etwa (ARG 251) –, von einer Desillusionierung. Diese setzte in
der Spätphase seines Schaffens ein und führte zu der Bereitschaft, nach
Kompromissen und Mittelwegen zu suchen. Das Ergebnis war ein Abrü-
cken von einer grundsätzlichen Zivilisationsferne und das Beziehen einer
pragmatischeren Position. So tritt mit dem Mindestziel nun eine soziale
Dimension in den Vordergrund.
Dagegen tritt in der Broch-Rede, die er zur Würdigung des 50. Geburtsta-
ges des Dichters hielt, der archaische Aspekt hervor. Das Wesen der Seins-
metamorphose wird an der Forderung ablesbar, dass es eine „andere
Luft“ (GW 107) bereitzustellen gelte, eine bisher nicht bekannte „atmo-
sphärische[] Einheit“ (GW 106). Die Rede von einer Luft, in der sich der
Mensch „noch wie Adam im Paradies“, „rein und schuldlos“ „bewegt“
(GW 112), rekurriert auf ein Sein, das als vor-urzeitliches im Zeichen der
Existenzdilemmata steht. In zitierter Broch-Rede ist zu erfahren, dass das
„Leben, wie es vor aller Religion und Philosophie war, das animalische,
seiner selbst und seines Endes nicht bewußte Leben“, dem Dichter selbst
eine „unersättliche Gier“ verleiht (GW 106). So, wie sich das „nicht be-

201 Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 192.


202 Vgl. die entsprechenden Aufzeichnungen aus den Jahren 1960 und 1980.
128 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

wußte Leben“ auf das vor-vor-historische Vorbewusstsein und seine To-


desvergessenheit bezieht, meint das aufgewertete Gefühl die ‚Empathie‘-
Gabe, die es durch den Dichter im Voraus zu aktivieren gilt. Dessen Sen-
dungsbewusstsein basiert zwar auf rationalen Einsichten und Schlussfol-
gerungen. Denn wenn es sich um Konzeption wie Ausgestaltung seines
Werkes handelt, gelangt eine elaborierte Form der Ratio ins Spiel. Gleich-
wohl tritt zur logischen Erfassung der Weltverfahrenheit eine rezeptive
Einfühlung, von der aus die Beschwörung der Re-Evolution erfolgt. Wie
ein solches literarisches Werk beschaffen zu sein hätte, zeigt Canettis
Blendung, die mit dem Gorillamenschen den Maximalfall eines „nicht be-
wußte[n] Leben[s]“ beschreibt.
Insgesamt bleibt jene Umkehr der Verhältnisse, was Wahrnehmung und
Erkenntnis betrifft, eine nicht näher beschreibbare Utopie. Deren Mini-
malvariante überließe der Ratio zwar die Leitfunktion, doch synthetisch
verformt. In dem Umstand, dass Canetti es unterließ, eine spezifische An-
leitung auszuarbeiten, seiner tiefen Hoffnung in die Praktikabilität zum
Trotz, spiegelt sich das „utopische[] Potential[] der Verwandlung“ wi-
der.203 Zum Verwandlungs-Konzept schreibt Wieprecht-Roth dennoch kri-
tisch, dass die „zahlreichen Beispiele für Verwandlungen in Canettis
Werk“ „kein einheitliches epistemologisches Muster erkennen“ „lassen“
und „keine Rückschlüsse auf vertraute Aneignungsweisen“ „erlauben“.204
Eine Uneinheitlichkeit ist in Bezug auf die beiden Utopien gegeben, in der
Doppelung von neuem Mythos einerseits und zivilisatorischer Abspaltung
andererseits, als deren Verbindungsstück ebenjene Verwandlung (‚Vorge-
fühl‘) dient.
Eine neue Vor-Vor-Geschichte, die dem Menschen einen selbstvergesse-
nen Seins-Zustand gewährte, war bis 1945 dazu auserkoren, einen voll-
ständigen Abfall von der Industriemoderne zu rechtfertigen. So stellt das
Irreale, das mit der Todes-Feindschaft wie dem Vorzivilisatorischen anzu-
setzen ist, die utopische Seite eines grundsätzlich durchdachten Zuganges

203 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 162.


204 Vgl. Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 168.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 129

dar. Dies ist der „wunde“ bzw. offene Punkt in Canettis Konzept, der sich
konzeptionell nicht schließen lässt – eben weil er wesenhaft bedingt ist.
Andererseits kann ihn dieser Makel nur darin bestärkt haben, sich gegen
Systematik und Klassifizierung aufzulehnen und rationale Engführungen
als unzulänglich darzustellen. Davon abgesehen, bekennt Canetti, dass
das Phänomen der Verwandlung bei ihm ein vielfältiges ist, dem man sich
von „verschiedenen Seiten nähern“ müsse (MM 397).
Das spätere Konzept der Verwandlung wird in der Münchner Rede, die
der Rolle des ‚Hüters‘ gewidmet ist, mit wichtigen Charakteristika verse-
hen. Deren Beschreibung als „älteste, vorwissenschaftliche Weise“ der
Wahrnehmung wendet sich gegen ein aristotelisches Ideensystem: „[…]
denn er sammelt Menschen nicht, er legt sie nicht ordentlich beiseite, er
[…] nimmt sie lebend auf, – da er von ihnen heftige Stöße erfährt, ist es
sehr wohl möglich, daß die plötzliche Hinwendung zu einem neuen Wis-
senszweig auch von solchen Begegnungen bestimmt ist.“ (GW 368) Die
„Begegnungen“ vermöchten so für einen ‚Anstoß‘ zu sorgen, etwa zu ei-
ner neuen Methode oder gar einem „neuen Wissenszweig“. Die Wirkung
wird am Beispiel der Masse-Macht-Schrift deutlich, in der Canetti als Mo-
dus Operandi eine Universalmethode wählte. Von der Öffnung der zweck-
rationalen Verengung versprach sich Canetti ein nicht-atomisiertes Ver-
fahren, das dazu prädestiniert sei, einen erhellenden Blick auf die Masse-
und Macht-Phänomene zu eröffnen. Canetti sieht den auserwählten Dich-
ter als ‚Hüter‘ der Verwandlung und für diesen die Notwendigkeit, sich
einem unkonventionellen „Chaos“ auszusetzen, dem durch ‚hoffnungs-
frohe‘ Versuche der Überwindung (GW 369) zu begegnen sei. Das „tau-
sendfältige Leben“ sieht er als eine Quelle, die ihm die „Kraft“ „gibt“, „sich
dem Tod entgegenzustellen“ (GW 371).205

205 Die Korrelation zwischen dem ‚Empathie‘-Modus und dem denkerischen Niederschlag
zeigt, dass bei einer derartigen ‚Hüterschaft‘ auch die Gattungsgrenzen zu verschwim-
men haben. Tatsächlich weist seine Masse-Macht-Schrift zwar keinen wesentlichen
Anteil an Erfundenheit auf, doch ein mimetischer Umgang mit Quellen (Eigler) wie ein
entsprechender Argumentationsaufbau machen neben dem Dichter auch den Denker
zum Verwandlungs-‚Hüter‘; Eigler, autobiografisches Werk, S. 91.
130 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

Hinter seinem paradoxen Ziel steht die Aussicht auf eine ‚kraftspendende‘
Einheit des Seins, die sich nicht auf eine (Zweck-)Ratio reduzieren lasse.
Aufgewertet wird als deren Gegenpart das Gefühl bzw. die Emotion, mit
dem sich qua Synthese eine Ganzheitlichkeit des Denkens und Handelns
herstellte. Im Gegensatz zum Ziel der Vorzivilisation behält nun die Ratio,
der Aufwertung des Empfindens zum Trotz, ihre Leitfunktion bei. Dass es
sich für den Dichter darum zu handeln hat, die Determinismen von Masse
und Macht zu erfassen und einen (Lebens-)Kreis des Bösen zu durchbre-
chen, wird an einer späteren Stelle der Rede deutlich: „Daß man das
Nichts nur aufsucht, um den Weg aus ihm zu finden, und den Weg für
jeden bezeichnet.“ (GW 371) Mit dem Begriff des „Nichts“ klingt ein trieb-
teleologisches Verhängnis an, das Canetti, der sich als ‚Hüter‘ begreift,
durch eine Synthese von Erkenntnis und Wahrnehmung zu beheben ver-
sucht – eine ‚abgespaltene‘ Zukunft.
Der Mythos der australischen Buschmänner nimmt, wenn es um Konzep-
tion und Verständnis seines Verwandlungs-Modells geht, eine zentrale
Bedeutung ein. In Masse und Macht bezieht sich Canetti auf das Buch Spe-
cimens of Bushman Folklore von Wilhelm H. Bleek und Lucy C. Lloyd, das
1911 in London (Allen Verlag) erschien. Auch wenn in diesem Fall von kei-
nem vor-prähistorischen Beispiel zu sprechen ist, und von einem Mythos
nur in einem weiten Sinn, diente ihm die besondere Fähigkeit des Einfüh-
lens, die er darin beschrieben fand, als Beleg wie Vorbild für eine dem
Menschen angeborene, doch im Fortschrittsverlauf verkümmerte Grund-
anlage206: „Aus einem dieser Bücher über die Buschmänner habe ich mehr
gelernt als aus manchen der bedeutendsten Werke der Weltliteratur.“207
Im Unterkapitel „Vorgefühl und Verwandlung bei den Buschmännern“ be-
schreibt er ein gleichnamiges Sinnesvermögen, das sich mit schulmedizi-
nischen Mitteln nicht erklären lässt. Canetti spricht bei diesen „Vorge-

206 Unter Wahrung einer kritischen Distanz mutmaßt Canetti, dass die Buschmänner „Fä-
higkeiten ausgebildet“ haben, „die uns abhanden gekommen sind“ (MM 400).
207 Canetti/Bienek, ‚die Wirklichkeit ableuchten‘, S. 11.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 131

fühle[n]“ von „Ansätze[n] zu Verwandlungen“ (MM 400–401): „Die Zei-


chen, an denen sie die Annäherung eines Tiers oder auch eines anderen
Menschen erkennen, sind Zeichen an ihrem eigenen Körper.“ (MM 400)
Die Identität des Verwandelten „bleibt in der Verwandlung gewahrt“,
wird jedoch nur „[]zwischen“ (MM 402) den Akten der Verwandlung wie-
der aktiviert. Zu dem Buschmänner-Mythos, den Canetti als das „kost-
barste Dokument der frühen Menschheit“ bezeichnet (MM 397), schreibt
Wieprecht-Roth, dass „Berühren, Benennen, Begreifen“ zur „wissenden
Ahnung“ „verschmelzen“.208 Als weiteres Beispiel der Verwandlung, das
sich jedoch von der kognitiven Form abhebt – als „zentralste[s]“ –, setzt
er die „Fluchtverwandlung“ an, die man schon von den „Tieren“ kennt
(MM 408).
Aufschluss über die „Verwandlungslehre“ (A 51) gibt auch eine frühe No-
tiz von 1943. Darin spricht Canetti davon, dass sie so „etwas wie eine See-
lenwanderungslehre oder ein Darwinismus“ ist (A 51). Indem die ‚Seelen-
wanderung‘ die Funktion eines ‚Vorgefühles‘ beschreibt, wie es die Busch-
männer einsetzten, steht Darwin bei Canetti für eine neue Kognition.
Axel Honneth weist auf Gemeinsamkeiten mit führenden Theoretikern
der Frankfurter Schule hin. Den Auftrag an den Dichter, den Canetti im
Sinn einer ‚Hütung‘ erteilt, sieht Honneth als kongruent mit dem Mimesis-
Begriff jener Denkrichtung:

Dieser Begriff übernimmt in der Konzeption Canettis exakt dieselbe zwie-


spältige Rolle, die der Begriff der ‚Mimesis‘ in der Dialektik der Aufklärung
[…] innehat: er bezeichnet eine Weise des menschlichen Verhaltens, die
phylogenetisch zwar auf den archaischen Impuls zurückgeht, sich durch
plötzliche Anverwandlung an die Umwelt im Kampf zu behaupten […], im
Zuge der geschichtlichen Entwicklung aber schließlich zum übriggebliebe-
nen Potential einer ästhetischen Freiheit wird.209

208 Vgl. Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 173.


209 Honneth, theoretische Erkenntnis in Masse und Macht, S. 123–124. – Adorno/Hork-
heimer sind der Ansicht, dass in der „bürgerlichen Produktionsweise“ das „untilgbar
132 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

In seinem Abgleich führt er weiter aus, dass „auch die Verwandlung hand-
lungstheoretisch genau in der Mitte zwischen strategischer List und ge-
stalterischem Spiel“ angesiedelt ist: „Dieser zweiten Seite der menschli-
chen Verwandlungsfähigkeit größtmöglichen Raum zu geben, stellt den
Kern der Vorstellung dar, in der Canetti sein Bild einer befreiten Gesell-
schaft umreißt […].“210 Wie der Buschmann-Mythos exemplifiziert, ver-
tritt Canetti ein ‚Vorgefühls‘-Konzept, das von Adornos/Horkheimers Mi-
mesis-Begriff durch erwähnte „Subjektivität“ abweicht (ARG 142). Zudem
ist zu sagen, dass etwa die Zukunftsspaltung eine „strategische[] List“ dar-
stellt, die der maßgebliche Dichter verfolgt – und zwar unter Anwendung
der Verwandlung –, so dass bei Canetti beide Konzeptionsaspekte vorlie-
gen.
Kuhnau kommt in ihrem Vergleich mit der Dialektik der Aufklärung zu
dem einseitigen Schluss, dass Canetti die „Entstehung und Entwicklung
von Wissenschaft und Technik mit ihren destruktiven Folgen als Ergebnis
eines vom Intellekt völlig abgelösten“ „‚Zerstörungstriebs‘“ der „Hände“
sieht, während Horkheimer/Adorno die „Entwicklung der Vernunft zur
Wissenschaft des technisch Machbaren als Pervertierung der Aufklärung
im geschichtlichen Prozeß erkennen“, die „aber im Moment der Reflexion
dieses Prozesses zugleich das Mittel, sich daraus zu lösen, enthält“.211 Was
Canetti betrifft, verkennt Kuhnau den neu-aufklärerischen Zug, der das

mimetische Erbe aller Praxis dem Vergessen überantwortet“ wird; Adorno und Hork-
heimer: Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung. In: Dialektik der Auf-
klärung, S. 177–217, hier: S. 190.
210 Honneth, theoretische Erkenntnis in Masse und Macht, S. 124. Honneth gibt überdies
zu bedenken, dass die „Übereinstimmungen mit der Lehre“ von Helmuth Plessner in
diesem Punkt „noch“ „stärker“ sind, und lässt dazu einen kurzen Vergleich folgen;
ebenda, S. 124.
211 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 384. – Adorno/Horkheimer spre-
chen davon, dass die zur „Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen
der Aufklärung zu durchbrechen“; Adorno und Horkheimer, Elemente des Antisemi-
tismus, S. 217.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 133

Verwandlungs-Konzept prägt. Einerseits beschreibt er eine „separate Zer-


störungssucht der Hände“, die „rein mechanischer Art“ ist und sich in
„mechanischen Erfindungen fortgesetzt“ hat (MM 256). Andererseits ist
es ab 1945 sein Anliegen, die ‚westliche‘ zweckrationale Weltordnung
durch eine kognitive Synthese aufzubrechen. In frühen Jahren beschwört
Canetti noch den wahnhaften Abfall von der Industriemoderne, was sei-
nem Maximalkonzept entspricht. Folgende Aufzeichnung von 1942 steht
für den vorgefühlsmäßigen Anspruch des Dichters, der sich als ‚Zeit-
knechtschaft‘ schon mit der Blendung eingelöst hat: „Der Dichter ist wohl
der Mensch, der, was früher war, spürt, um was sein wird vorauszusa-
gen.“ (A 23) Was Canetti gewissermaßen wahrsagte, am Beispiel des jüdi-
schen Kien, der in den Selbsttot getrieben wird, macht ihn als Autor zu
einem solchen Dichter. Eigler dagegen spricht mit Blick auf die frühen Dra-
men und die Blendung davon, dass der „Dichter“ „hier nur insofern ‚Hüter
der Verwandlungen‘“ zu sein „scheint“, „als er die Mißtöne der Zeit stei-
gert und gerade in der Aufspaltung in die verschiedenen literarischen Fi-
guren die herrschende Verwandlungsarmut“ „darstellt“.212 In Masse und
Macht, worin Canetti als Befürworter der Minimalutopie auftritt, verbin-
det sich schließlich ein empathischer Zugang mit einer ganzheitlichen Me-
thode. Die Entfesselung einer Kognition, die in einem Netz von Zweckra-
tionalismen gefangen ist, hat bei Canetti zu einer partiellen Destruktion
der zivilisatorischen Ordnungsstrukturen zu führen.
Am prozessualen Ende der kognitiven Regression, wie sie die Maximaluto-
pie bestimmt, stünde dagegen Canettis Affenmensch, der sein vorbe-
wusstes Dasein innerhalb von Meuten fristete. Eine weitgehende Abkehr
von der Ratio schlösse Massengesellschaften, wie sie Canetti im urbanen
Raum paradigmatisch ausmacht, aus. Da es Canetti um ein neues Denken
und Wahrnehmen zu tun ist, hat es sich in diesem Punkt ausschließlich
um einen sensuellen Reaktionsprozess zu handeln (Wahn), der willentlich
nicht zu steuern ist, wenn es um den Einzelnen geht, sondern vom Dichter
lediglich zu befördern. Auch gilt es zu bedenken, dass der Homo sapiens

212 Vgl. Eigler, autobiografisches Werk, S. 109.


134 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

zwar der biologischen Familie der Menschenaffen zugehört, sich als am


höchsten entwickeltes Säugetier jedoch biologisch nicht rückstufen lässt.
Angesichts von Canettis logokritischem Grundton ist dem Gefühl, bzw.
der Emotion, entweder eine superiore hierarchische Position oder zumin-
dest die Funktion einer Aufwertung zugeschrieben. Der Neu-Mythos, der
für eine physische Todes-Feindschaft steht, schließt aufklärerische Bemü-
hungen aus. Vor diesem konzeptionellen Hintergrund wird das volle uto-
pische Potential seines Strebens nach ewigem Leben deutlich. Dem maß-
geblichen Dichter dagegen kommt ab 1945 ein neu-aufklärerischer Sen-
dungsauftrag zu, der strategisch auf einem Vernunftprinzip gründet. Ei-
nem dialektischen Verständnis der Kognition ist es geschuldet, dass das
Empfinden dazu auserkoren ist, eine neue Synthese mit der Ratio zu voll-
ziehen. Wieprecht-Roth, die mit Recht auf die „späte Einführung der Ver-
wandlung“ im Werk verweist, sieht in seiner Literatur einen Motivkreis
der „aufklärerische[n] Erstarrung“ dominieren.213 Alfred Doppler weist
grundsätzlich richtig darauf hin, „daß der Gedanke der Verwandlung Ca-
nettis schriftstellerische Tätigkeit von Anfang an bestimmt und alle seine
Werke durchzieht“.214
Der neue Wahrnehmungs- und Verstehens-Modus schüfe ein neues Da-
sein, das für eine entschärfte zivilisatorische Dimension stünde. An die
Verwandlung ist insofern ein moralischer Anspruch gebunden, als erst das
Durchbrechen des Masse-Macht-Zirkels ein lebenswertes Dasein schaffe.
Doch selbst in seiner Rolle als ‚Hüter‘ nahm Canetti Züge der Macht an,
wie Berichte von Zeitgenossen nahelegen.215 Unvermeidlich scheinen
diese deshalb, weil selbst der Dichter sich im Koordinatensystem einer
„machtbestimmten Gesellschaft“ zu bewegen hat.216 Seine literarische
Personenselektion wie auch die Sprachmaskengewinnung haben daher

213 Vgl. Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 219.


214 Vgl. Alfred Doppler: „Der Hüter der Verwandlungen“. Canettis Bestimmung des Dich-
ters. In: Elias Canetti. Blendung als Lebensform. Hg. von Friedbert Aspetsberger und
Gerald Stieg. Königstein/Ts.: Athenäum 1985, S. 45–56, hier: S. 46.
215 Siehe Mayenburg, blaues Blut und rote Fahnen, S. 110.
216 Vgl. Eigler, autobiografisches Werk, S. 190.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 135

zwangsläufig Hierarchisierungen aufzuweisen. In Canettis Fall ist, dem


nicht zu negierenden Herrschaftsprinzip zum Trotz, entscheidend, dass
dieses Jagen und Sammeln einem höheren Zweck diente: nämlich dem
der ‚dichterischen‘ Verwandlung. Einen Sonderstatus nimmt der tenden-
ziell subjektive Darstellungsmodus ein, wie er etwa in der Autobiografie
bei Personenporträts vorliegt, in denen sich Canetti wiederholt als Obsie-
gender inszeniert. Melzer verweist zum Ersten auf eine „dunkle[] Seite“
in seinem Werk, die darin besteht, „daß die Instanz, die die ‚Rettung‘ ver-
fügt, gelegentlich auch das Gegenteil verfügen kann“.217 Zum Zweiten er-
klärt er, dass diese „‚Ordnung‘ des Textes“ ‚symbolisch‘ „herstellt, worauf
letztlich jeder Machthaber aus ist: überschaubare Strukturen, Hierar-
chien, Sinn und Zusammenhang“.218
Eigler gibt auch ein „problematisch[es]“ Verhältnis zwischen dem „seman-
tischen Feld der Verwandlung und dem der Machtausübung“ zu beden-
ken, wenn es um den spezifischen Begriff der Verstellung geht.219 Eigler
führt als Beleg den „ritualisierten Gebrauch der Maske in archaischen Kul-
turen“ an, von dem Canetti behauptet, „der Maskenträger könne in der

217 Vgl. Gerhard Melzer: Der einzige Satz und sein Eigentümer. Versuch über den symbo-
lischen Machthaber Elias Canetti. In: Experte der Macht. Elias Canetti. Hg. von Kurt
Bartsch und dems. Graz: Droschl 1985, S. 58–72, hier: S. 68.
218 Vgl. ebenda. – Canetti sieht tatsächlich Gemeinsamkeiten zwischen dem „Ruhmsüch-
tigen“ einerseits und dem „Reiche[n]“ und „Machthaber“ andererseits (MM 470 u.
471). Übertragen auf den Dichter, lässt sich daher vom egoistischen Ziel der Unsterb-
lichkeit qua Literatur sprechen. Auch Eigler hält in Bezug auf den Macht-Aspekt fest,
dass im Gegensatz zu den Stimmen von Marrakesch, wo es dem Autor „gelingt, sein
Leben ‚in Sprüngen‘ zu verzeichnen“, der „Versuch“ in der Autobiografie, „die eigene
Lebensgeschichte als kontinuierlichen und sinnvollen Werdegang ein für alle Mal fest-
zuschreiben“, „machtvolle Züge“ „trägt“; Eigler, autobiografisches Werk, S. 190. In die-
sem Punkt bleibt festzuhalten, dass eine poetologische Differenz zwischen seiner Le-
bensgeschichte und seiner Literatur im engeren Sinn besteht. Während sich die „Ver-
änderungen von Figuren“ für ihn in „Sprüngen“ vollziehen, sieht er sich selbst nicht an
diese unharmonische Form der Entwicklung gebunden; Canetti/Durzak, akustische
Maske und Maskensprung, S. 29.
219 Vgl. Eigler, autobiografisches Werk, S. 83.
136 2.5 ‚Hüter der Verwandlung‘

Zeremonie einer Verwandlung sehr nahe kommen“.220 Diese Annahme


widerspräche gerade Canettis Unterscheidung der „archaischen Maske“
vom „Mienenspiel des Gesichts“, die die „Differenz“ zwischen Verstellung
und Verwandlung aufzeigen soll.221 Unter Einbeziehung der mythisch-ar-
chaischen Beschwörungsriten, die den Teilnehmern ein transzendentes
Erlebnis vermitteln sollen, ist allerdings von einem Sondergebrauch der
Maske zu sprechen. Deren vordergründige Statik des Ausdruckes ist in der
Regel in einen Gesangs- und Tanzritus eingebunden, der der Aktivierung
mythischer/mystischer Zustände dient. Dem „Wesen“ dieser Maske
„kommt“ man laut Canetti am „nächsten, wenn man an die Götterfiguren
sehr alter Religionen denkt“ (MM 442). Als Beispiel für jene „Figuren“
nennt er die „mythischen Ahnen der Australier“, die „Mensch und Tier“
sind (MM 442). Mit derartigen „Figuren“ wird der „Vorgang der Verwand-
lung“ zur „ältesten Figur“ (MM 443).
Canetti geht es letztlich, wie ausgeführt, um eine Verbindung von Irratio
und Ratio, wobei dem empathischen Gefühl gegenüber der Reflexion eine
modifizierte Stellung zukommt. Er sendet den ‚Hüter‘ auf die Suche nach
einem zukunftsträchtigen Fortschritt, der zwar nicht das Unrealisierbare
zu realisieren verspricht: doch immerhin eine soziale Form der Enthebung
vom Tod. In ihrer Minimalform entbehrt die Verwandlung/Empathie kei-
neswegs eines neu-aufklärerischen, vom Logos getragenen Anspruches.
Die Maximalutopie wiederum zeigt sich als wahnhafter Abfall von der In-
dustriemoderne, als Erkrankung an einer Zeit, die aus den Fugen geraten
scheint. Die Rolle des Dichters, wie sie Canetti vor 1945 verstand, lag für
ihn in einer Beschwörung eines vorzivilisatorischen Menschen, der in ei-
nen Zustand des Vorbewusstseins verfällt. Dieser erinnert an den Mythos
des biblischen Paradieses, bzw. an die Rückkehr zu diesem, und meint
eine kognitive Existenz als Affenmensch222 – ein „nicht bewußte[s] Leben“

220 Vgl. ebenda.


221 Vgl. ebenda.
222 Bereits Kafka bediente sich in Ein Bericht für eine Akademie eines Menschenaffen, und
zwar eines Schimpansen, wie zu folgern ist, was aus stammesgeschichtlicher Sicht sei-
nen Grund darin hat, dass die „rezenten afrikanischen Menschenaffen Gorilla und
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 137

(GW 106). Im Jahr 1942 verfasste er eine Aufzeichnung, mit der das Irreale
dieser Regression zum Ausdruck gelangt: „Mein größter Wunsch ist es zu
sehen, wie eine Maus eine Katze bei lebendem Leibe frißt.“ (A 13) Später
stellt er das Gleichnis, das nun unter verkehrten Vorzeichen ein von der
Katze inszeniertes Spiel beschreibt, in den Dienst der Beschreibung des
„Macht“-Dilemmas (MM 333). Uwe Schweikert erkennt die utopische
Substanz dieser Aufzeichnung, wenn er unter minimalutopischem Be-
griffsgebrauch erklärt, dass die „Verwandlung“ dem „Dichter eine Frei-
heit“ gibt, die ihn das „Prinzip der Kausalität auf den Kopf stellen, eben
umkehren läßt“.223 Wiewohl der junge Canetti darauf aus war, eine neue
Vor-Vor-Historie zu kreieren, darf daraus, wenn auch kein humanistisches
Ansinnen, so zumindest ein solches Sinnen abgeleitet werden. Denn da-
hingestellt hat zu bleiben, ob mit einer Flucht, deren kognitives Vehikel
der Wahn ist, jenem Anspruch tatsächlich Genüge getan wäre. Gerald
Stieg, der sich auf Masse und Macht bezieht, spricht von einer der „gro-
ßen Ethiken unserer Epoche“.224 An anderer Stelle schreibt Stieg auch,
dass Canetti „vielleicht der letzte Humanist“ ist.225 Knoll spricht ebenso
vom „Humanen“ und „Humanitäre[n]“ bei Canetti.226 Auer konstatiert,
dass das „Menschheitsmotiv aller großen Revolutionen“, „wie es uns als
Marxisten tief vertraut ist“, zu „erkennen“ ist: „Es bildet das Herzstück
auch des realen Humanismus.“227 Ob es sich nun um seine Schrift vom
Menschen oder seine Literatur zum zivilisatorisch verhärmten Dasein

Schimpanse und der Mensch“ von einer „gemeinsamen Stammart“ „ab“-„stammen“;


Henke und Rothe, Stammesgeschichte des Menschen, S. 16. Beide Verfahrensweisen
dienen dazu, eine biologische Nähe zum Menschen herzustellen.
223 Vgl. Schweikert, Weg durch das Labyrinth, S. 98.
224 Vgl. Gerald Stieg: Masse und Macht – Das Werk eines „verwilderten Gelehrten“?. In:
Canettis Masse und Macht oder Die Aufgabe des gegenwärtigen Denkens. Hg. von
John Pattillo-Hess. Wien: Bundesverlag 1988, S. 95–102, hier: S. 99.
225 Vgl. Stieg, Betrachtungen zu Canettis Autobiografie, S. 169.
226 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 162 u. 171.
227 Annemarie Auer: Ein Genie und sein Sonderling – Elias Canetti und die Blendung. In:
Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 63). Hg. von
Manfred Durzak. Stuttgart: Klett 1983, S. 31–53, hier: S. 41.
138 2.6 Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik

handelt: Gemein ist seiner Literatur wie Universalanthropologie, dass er


von ethisch-moralischen Fragen getrieben ist.

2.6 Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik


Hinsichtlich der Frage, inwieweit für die Canetti’sche Weltsicht, die einer
unkritischen Haltung zum Fortschritt entgegensteht, das Feindbild im
Technischen und in seinen Neuerungen liegt, genügt ein Blick in die Auf-
zeichnungen. Unter anderem die Massenvernichtungswaffe der Atom-
bombe dient ihm als symbolisches Bild, in dem er ideell versammelt sieht,
was er als Dichter auch in Sachen des Machtstrebens beschreibt. In einem
Notat von 1960 schreibt er zeitkritisch, dass „[s]elbst nach dem ersten
Krieg“ es für „manche Dichter noch möglich“ war, „sich mit Atemholen
und Kristallschliff zu begnügen“, um dann fortzufahren: „Aber heute, nach
dem zweiten, nach Gaskammern und Atombomben fordert das Mensch-
sein in seiner äußersten Gefährdung und Erniedrigung mehr.“ (A 251) Ver-
deckt übt Canetti Kritik am politisch-wirtschaftlichen Fortschritt, wie er im
angloamerikanischen Raum zu beobachten war. Im Kapitel zu seiner poli-
tischen Überzeugung wird zu sehen sein, dass dieser den Mythos eines
zeitlich ‚verlängerten Dolchstoßes‘ schuf, mit dem, neben der Monarchie,
auch die Weimarer Republik zu einem Opfer der Fortschrittsdynamik er-
klärt wird. Die Täter-Opfer-Umkehr, die Canetti dadurch argumentativ in
die Wege leitet, spiegelt sich in dieser Aufzeichnung von 1960 wider. Denn
dem technischen Fortschritt rechnet er – in Form einer Aneinanderrei-
hung – sowohl die technischen Einrichtungen zu, die in den NS-Vernich-
tungslagern verwendet wurden, als auch die Nuklearwaffen, ohne die to-
talitären Kriegsparteien von den demokratisch-liberalen zu scheiden. Da-
mit erklärt er die Shoa, die Massenvernichtung der Juden, auf zynische
Weise zu einem Symptom der Industriemoderne. Das Böse im Menschen
mache nämlich einen ethisch gesicherten Fortschritt unmöglich, wie auch
diese Stellungnahme lautet. Einzig die Funktion, die er der Verwandlung
zuschreibt, verspreche zu einer Behebung der Grunddilemmata zu führen,
unter Ausschaltung partieller zivilisatorischer Errungenschaften.
2 Wissenschaft: Dichtung, Utopie und Verwandlung 139

Wie ausgeführt, ginge man fehl in der Annahme, dass es sich bei Canetti
um einen Kausalitäts-Deterministen handelt, als der er jenseits seiner
Utopien erscheinen würde. Der naturwissenschaftliche Modellgebrauch
gehorcht einer rhetorischen Regel und hebt sich auch von einem strikten
Polydeterminismus ab. Von diesem fällt ausgerechnet die Klärung der
Frage der NSDAP-Gründung wie jene der Shoa-Vernichtung ab, indem er
in diesen beiden Fällen tatsächlich ein Ursache-Wirkungs-Prinzip am Wir-
ken sieht.
Da seine Universalanthropologie insgesamt in keinem Einklang mit den
akademischen Gepflogenheiten steht, trägt seine Beschreibung zu Masse
und Macht in facto mythisch-mimetische Züge. Kuhnau gibt zu bedenken,
dass die „Gefahr, daß Wissenschaft zum Mythos wird, die im Bereich der
Verwandlung durch die Gleichberechtigung verschiedener Sichtweisen
der Welt in der Regel vermieden wird“, „immer dann“ „hervor“-„tritt“,
„wenn Canetti sich naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle be-
dient“.228 Wie ausgeführt, erhebt Canetti den antizivilisatorischen An-
spruch, den anthropologischen Kreis, in dessen Zentrum er das Grundübel
des Todes wähnt – ab 1945 zunehmend seine soziale Dimension –, zu
durchbrechen. Das zugehörige Instrument der Verwandlung/Empathie
schreibt dem Dichter eine Führungsrolle zu, doch lediglich im Fall des mi-
nimalutopischen Zuganges ist dieses für den alltagspraktischen Einsatz ge-
dacht.

228 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 385.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus

Die Hauptfigur seines Romans Die Blendung, die anfänglich mit dem Na-
men B. (für Büchermensch) versehen worden war, dann mit Brand und
letztlich mit Kant, vertritt als Sinologe den Bereich der Kulturwissenschaf-
ten. Zur Klärung der Frage, welchem weltanschaulichen Zugang der Ge-
lehrte vorsteht, trägt ein Blick auf den Erstnamen bei. Ursprünglich sollte
der Büchermensch eine modernetypische Entfremdung und Zersplitte-
rung figurieren, im Sinn einer ‚deutschen‘ Subjektkrise. Doch wiewohl Ca-
netti vom literarischen Gesamtunternehmen einer „Comédie humaine an
Irren“ gesprochen hat,229 und einem entsprechenden Figureninventar,
wurde mit dem Erlebnis des Justizpalastbrandes das „Gleichgewicht unter
den Figuren“ „zerstört“ (FO 342). Aus diesem Reigen blieb ein einzelner
Protagonist übrig, der sich als Abtrünniger gegen eine Gesellschaft stellt,
die erstens in eine irrationale Ratio abgeglitten ist und zweitens eine
‚deutsche‘ Krisendynamik durchlebt.

3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise


In der Forschung wird das Ur-Vorhaben mit der Kien-Figur und der Kon-
zeption des Romans gemeinhin als realisiert betrachtet. In diesem Kapitel
wird dagegen die These vertreten, dass es zu einer Abwandlung des
Grundkonzeptes kam, mit dem nun kein reiner Repräsentant der Hoch-
moderne beschrieben wurde, sondern ein Gegner einer irrationalen Ver-
nunftpraxis. Unterscheidet sich Kien doch von allen anderen ‚deutschen‘
Figuren seiner ‚Comédie humaine‘, wie er sie ursprünglich konzipiert
hatte. In seiner ersten Entwicklungsphase zeigt sich Kien teilweise noch
dem zweckrationalen Wissenschaftsverständnis verhaftet, wobei es ihm
zum Teil bereits gelungen ist, sich davon zu lösen. Denn die empirischen
Irritationen, denen Kien ausgesetzt ist, sind mit einer allmählichen Ironi-
sierung der modernen Gelehrtenpraxis einhergegangen. Seine Entwick-
lung in der zweiten Phase verstärkt, was als Modernekritik bereits die

229 Vgl. Canetti/Bienek, ‚die Wirklichkeit ableuchten‘, S. 9.

© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch


Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2020
B. Neumann und G. Wimmer, Elias Canetti in seiner Zeit,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4_4
142 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

erste kennzeichnet, und endet in folgender Beschreibung der modernen


Wissenschaftspraxis: „Wissenschaft ist die Kunst des Übersehens.“
(B 423) Während einer aus den Fugen geratenen modernen Zeit, aus der
Sicht des Erzählers, das Attribut einer irrationalen Vernunft zuzuschreiben
ist, verfolgt Kien den Anspruch, eine erträgliche Parallelrealität zu kreie-
ren. Der Autor hat mit seiner Figur wesentliche Züge seiner Vorstellungen
verwirklicht, was eine Abkehr bzw. einen Abfall vom Fortschritt betrifft.
Während Kien als Privatgelehrter, der als „erste[r] Sinologe[] seiner Zeit“
(B 16) akademisch anerkannt ist, sich zu einem Opfer seiner Zeit entwi-
ckelt, kommt Canetti die Stellung des „wahre[n]“ Dichters (GW 101) zu.
Doch ein gelehrter Mythenzentrismus, dem Kien wie Canetti huldigen,
verbindet den Autor mit seinem Protagonisten. Dass zu den bevorzugten
Interessengebieten des Gelehrten etwa die Philosophie des Siddhartha
Gautama (Buddha) zählt, weist auf ein frühhistorisches Forschungsgebiet,
das auch Canetti für sich präferierte. Bereits Rushdie schreibt zum Bil-
dungswissen von Autor und Figur, dass Canetti ein „ebenso genauer Ken-
ner des alten China“ zu sein „scheint“ „wie sein Held“.230 Die Ambivalenz,
die jene scheinbar eindeutige Gemeinsamkeit aufweist, wird im Folgen-
den zu beschreiben sein.
Autobiografisch steht Kiens Weltfremdheit in einer vom Fortschritt ge-
prägten Zeit, die auch ökonomische Verwerfungen zeigte, für Canettis ei-
gene Moderneskepsis. Im Zusammenspiel mit den zahlreichen biografi-
schen Parallelen, die zu seinem Autor bestehen, bildet der Büchermensch
dessen eigene Gelehrtenpraxis wie -attitüde ab: eine Abkehr vom profa-
nen Leben, um eine Gegenposition zur ‚instrumentellen‘ Ordnung zu er-
richten.231 Dadurch, dass sich mit Kien die Maximalutopie realisiert, wird

230 Vgl. Salman Rushdie: Die Schlange der Gelehrsamkeit windet sich, verschlingt ihren
Schwanz und beißt sich selbst entzwei. In: Hüter der Verwandlung. Beiträge zum Werk
von Elias Canetti. München [u.a.]: Hanser 1985, S. 85–89, hier: S. 87.
231 Bereits Stieg spricht verallgemeinernd von „‚Sublimierung‘“, „die nach dem Vorbild
eines Säulenheiligen alle natürlichen Grenzen überschritten hat“; Gerald Stieg: Frucht
des Feuers. Canetti, Doderer, Kraus und der Justizpalastbrand. Wien: Edition Falter im
ÖBV 1990, S. 144.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 143

Canettis einjährige Arbeit am Roman zu einem dichterischen Akt, der ei-


nen vorbewussten Rückfall beschwört.
Wenn Dissinger beim Protagonisten die Idee der „literarischen Unsterb-
lichkeit“ ausmacht, die das „Töten[]“ als „niedrigste Form des Überle-
bens“ überwindet (MM 267), geht dies auf dessen sinologisch-akademi-
sche Tätigkeit zurück:

Er fühlt sich über die Jahrhunderte mit den bedeutendsten Schriftstellern


verbunden; man denke an seine Gespräche mit Konfuzius und anderen.
[…] Aus dieser Konstellation schließt Georg überzeugend auf seines Bru-
ders literarische Unsterblichkeit […].232

Was der Namenskonservierung, die der Sinologe vollzieht, jedoch fehlt,


ist die Selbstverwandlung in sein Werk, die mit wissenschaftlichen Schrif-
ten bloß marginal vorliegen kann. Daher stellen sich dichterische Fragen
der empathischen Seinsanleitung für ihn gar nicht erst. Dissinger, der
grundsätzlich zu bedenken gibt, dass Kien dem „Tode ein Schnippchen“
„schlägt“, schränkt im Zuge des Vergleiches mit der Canetti’schen Würdi-
gung von Stendhal treffend ein: „Kien findet man dagegen nicht in seinem
Werke, dazu ist sein Sprachverhältnis zu abstrakt.“233 Kien figuriert eine
primitive, passive Form jener Funktion, die Canetti in seiner Broch-Rede
allein dem maßgeblichen Dichter zubilligt. Er tritt als lebendes Beispiel-
Opfer auf, ohne einen Beitrag dazu zu leisten, die Sinne für die Industrie-
moderne kritisch zu aktivieren. Die Krisensymptome der Moderne, wie sie
Kien zu gewahren meint, sind für ihn keineswegs der Anlass, eine neu-
mythische Seinsalternative aufzuzeigen. Im Gegenteil erfolgt seine Flucht

232 Dieter Dissinger: Vereinzelung und Massenwahn. Elias Canettis Roman Die Blendung
(= Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik; 11). Diss. Bristol 1969. Bonn:
Bouvier 1971, S. 171.
233 Ebenda. – Stieg streicht ebenso die grundsätzliche Vorbildwirkung Stendhals für den
Autor hervor, indem er von „Figuren der Erinnerung“ spricht, die jene „Stendhalsche
Maschine zur Besiegung des Todes und des Vergessens“ „beherrschen“; Stieg, Be-
trachtungen zu Canettis Autobiografie, S. 162.
144 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

vorwiegend unwillentlich wie unwissentlich: die selbstkritischen Gedan-


ken, die mit der Rückkehr in das Zinshaus einsetzen und seinen Geistes-
zustand betreffen, bilden eine rare Ausnahme. Kien ist zu sehr ein Opfer
der Zeitumstände, als dass er sich aktiv, als „wahre[r]“ Dichter (GW 101),
gegen die Misere der Moderne stellen könnte. Gleichwohl liegt mit seiner
Mythengebundenheit, die eine intellektuelle ist, ein empathischer An-
satzpunkt vor, den der späte Canetti, der von Verwandlung spricht, zu in-
strumentalisieren bezweckt. Eine abweichende Meinung vertritt Joseph
P. Strelka, wenn er schreibt, dass dieses Forschungs-„Gebiet“ seiner „Aus-
gefallenheit wegen“ „gewählt“ wurde und „nicht wegen des ehrwürdigen
Alters der chinesischen Kultur oder ihrer tiefen Weisheit“.234
Kiens Weltgeltungsanspruch, der an jenen von Canetti gemahnt, spiegelt
sich bereits im Bücherbestand seiner Bibliothek, in der „alles enthalten“
war, „was für die Welt von Bedeutung war“, wie im Augenspiel zu erfah-
ren ist: „[…] die Bücher aller Religionen, die aller Denker, die der östlichen
Literaturen insgesamt, die der westlichen, soweit sie auch nur das ge-
ringste ihres Lebens bewahrt hatten.“ (Au 9) Seine Interessen sind weit
gestreut, so dass die Sinologie sein „Hauptfach“ ist (B 8), nicht aber sein
einziges Studiengebiet. Doppeldeutig verbindet sich Kiens Anspruch, den
er als Gelehrter hegt, mit einem der Wahrheits-Findung. Ist das Ziel an-
fangs ein akademisch-sinologisches, das auf der Überzeugung gründet,
dass „Wissenschaft und Wahrheit“ „identische Begriffe“ sind (B 13), zeigt
es sich später zunehmend als wahnhaft-irrationales, wie die Guckloch-
Episode belegt. Ursprünglich meint er „Wahrheit“ allein in seinen akade-
mischen Studien sichtbar zu machen, unter Abgrenzung von der profanen
Wirklichkeit, die neben der abstrakten Zweckratio auch den Lebensalltag
betrifft; denn für den Kien der ersten Phase gilt: „Man näherte sich der
Wahrheit, indem man sich von den Menschen abschloß.“ (B 13)

234 Vgl. Joseph P. Strelka: Elias Canettis Roman Die Blendung. In: Ist Wahrheit ein Meer
von Grashalmen? Zum Werk Elias Canettis (= New Yorker Studien zur Neueren Deut-
schen Literaturgeschichte; 9). Hg. von dems. und Zsuzsa Széll. Bern [u.a.]: Lang 1993,
S. 35–52, hier: S. 33 u. 36.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 145

Wenn er die Allgemeinheit als sich „veränder[nde]“ „Masse“ bezeichnet


und mit dem Attribut von „schlechten Schauspielern“ versieht (B 13),
weist dies erstens auf die industrielle Massengesellschaft und zweitens
auf die politisch-ökonomische Verschärfung ‚deutscher‘ Provenienz. Dar-
aus folgt für Kien eine Abwendung von modernen Systemzwängen und
einer gesellschaftsdynamischen Krise – und letztlich eine Flucht in den
Wahn. Die Kognition jenes verhinderten Dichters, deren Wurzeln nur in
Form einer Opferschaft in die „Vor-Prähistorie“ zurückreichen (ARG 250),
steht für das maximalutopische Gefühl. Wenn es in Kiens Sprachgebrauch
heißt, dass er für die „Stöße“ empfänglich ist, die „Menschen ihre Rich-
tung fürs Leben“ „geben“ (B 11),235 erinnert dies nicht zufällig an die pro-
grammatischen „Stöße“ (GW 368), von denen Canetti, Jahrzehnte später,
in der Münchner Rede spricht. Doch seine akademisch-sinologische Ver-
formung der Zweckratio, die zum Teil vorliegt, geht mit der zweiten Phase
in einen klinischen Zustand über. Eine ‚Empathie‘-Leistung, verstanden als
‚Zeitknechtschaft‘, erfolgt lediglich durch seinen jüdischen Opferstatus.
Canetti beugte der fälschlichen Annahme, dass Kien ein direktes Symptom
seiner Zeit ist, unter anderem dadurch vor, dass dessen frühhistorischer
Forschungsschwerpunkt auf einen grundsätzlichen Hang zur Nichtmo-
derne deutet. Zudem bedeutete die Umbenennung von Brand zu Kant
zwar keine Einsetzung in einen philosophischen Typus, wie ihn der ge-
schichtsträchtige Philosoph darstellt, doch immerhin wies sie auf eine kri-
tische Haltung gegenüber einer simplifizierten, funktionellen Ratio. Der
historische Name übertrug die aufklärungs-humanistische Strömung inso-
fern auf Kien, als dieser keine Position vertritt, wie sie in Bezug auf die
Industriemoderne als simplifiziert und zentristisch kritisiert wurde. Folg-
lich ist im Fall des Privatgelehrten auch eine Distanz zum institutionalisier-
ten Wissenschaftsbetrieb festzustellen. Mack vertritt die Ansicht, dass Ca-
nettis Roman als Kritik an einer Art von Aufklärung gelesen werden sollte,

235 Diese Gedanken gehen der Kien-Figur anlässlich ihrer Begegnung mit dem „Junge[n]“
namens Franz Metzger (B 8) durch den Kopf.
146 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

die sich in einen Positivismus gewandelt habe und Kien zu einem Positi-
visten macht („Canetti’s novel Auto Da Fé should be read as a critique of
a kind of Enlightenment that has turned into positivism“/„the positivist
Kien“).236 Weiter sieht Mack in Kien ein Spiegelbild einer zersplitterten
Gesellschaft, die in einen totalitären Massenstaat abgleite, in dem die Ra-
tio irrationalen Zwecken diene, so dass eine Differenz zwischen Canetti
und der Figur anzusetzen sei („Kien […] mirrors an atomized society that
drifts towards a totalitarian mass-state […] in which rationality serves ir-
rational ends“/„differences between Canetti and Kien“).237
Mit dem Kien’schen Sinologen, der unter anderen den Namen Kant trug,
erfolgt eine Abwendung vom Logozentrismus, die in zwei Phasen verläuft.
So, wie Canetti in Masse und Macht eine ‚instrumentelle‘ Vernunftpraxis
ins Visier nimmt, führt sein Roman – anhand der Zentralfigur – die Unzu-
länglichkeit einer Fortschrittsratio vor, die als intellektuell eindimensional
abzulehnen sei. Indem Kien in der Wissenschaftspraxis ein Symptom der
modernen Zeit erblickt, hat er auch im Wirtschaftssystem eine zweckbe-
dingte Verformung der Vernunft vorzufinden. Wenn auch nicht in metho-
discher Hinsicht, so darf man ihn zumindest durch seine uneingeschränk-
ten Interessen als den Universalisten bezeichnen, als der Canetti mit sei-
ner Schrift vom Menschen in Erscheinung tritt. Die von Kien gewahrte De-
formation der Aufklärung macht deutlich, warum er, neben allen Unter-
schieden, weitere Gemeinsamkeiten mit der historischen Person Imma-
nuel Kants aufweist,238 die etwa für ihren rigorosen Arbeitsstil bekannt
war. Kien ist der verehrte Forscher, der er ist, ebenso erst durch den „Fleiß
und die Geduld von Jahrzehnten“ geworden (B 175): „Punkt acht begann

236 Vgl. Mack, anthropology as memory, S. 20.


237 Vgl. ebenda, S. 33 u. 38.
238 Bereits Dissinger erkannte in Kien das historische Vorbild, wobei er im Zuge eines um-
fassendes Vergleiches zu dem Ergebnis kommt, dass er „bestenfalls als eine einseitige
und bösartige Karikatur Kants angesehen“ werden darf; Dissinger, Vereinzelung und
Massenwahn, S. 127–128.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 147

die Arbeit, sein Dienst an der Wahrheit.“ (B 13)239 Dass diesen Arbeitsstil
wiederum Canetti pflog,240 vereint die fiktionale Gelehrtenpraxis mit der
(indessen gedoppelten) biografischen.241
Elias Canetti selbst erscheint in seinem Gelehrtenhabitus als der weltbe-
rühmte Sinologe, jener weltabgewandte Geistesmensch, als den ihn be-
reits Horst Bienek erkannte, als er ihn 1965 in London besuchte:

Ich hatte gerade erneut Die Blendung gelesen, und als ich ihn sah, wie er
mich vor seinem Haus in Hampstead empfing, ging es mir plötzlich durch
den Kopf: Das ist doch der Herr Doktor Kien, seine Gestalt, sein Kopf, seine
Gesten, seine Ausrufe … Und als ich in das Haus hineinging, eine schmale,
enge Treppe hoch, an schweren, alten Möbeln vorbei, an Zeitungs- und
Bücherstapeln, da trat ich in die Bibliothek und zugleich in den Roman ein,
ja, hier war Kien zu Hause […].242

Zwar greift Canetti seiner Bibliophilie dadurch voraus, dass er sich sein
Reich aus Büchern vorerst fiktional erschafft, doch unverkennbar be-
schreibt er sich mit dem Hüter eines Bücherschatzes selbst. Auf unmittel-
bare Weise zeigt sich Lebensgeschichtliches darin, dass er die Vorhaltun-
gen der Mutter, die ihn als Stubengelehrten kritisierte (s. u.a. GZ 324–325
u. FO 109), im Roman in einer ironischen Übersteigerung aufgriff.243 Eigler
sieht insofern die „Vorwürfe der Mutter in dem ‚Büchermenschen‘ Peter

239 Stieg spricht von einem an „Kant gemahnenden Stundenplan[]“; Stieg, Frucht des Feu-
ers, S. 192.
240 Canetti erklärt in seiner Autobiografie, dass beim Abfassen seines Romans „strenge
Gesetze herrschten“ (FO 343).
241 Dissinger erklärt, dass „[s]owohl der Name Kien wie der ursprüngliche Name Kant“ auf
„versteckte Weise den Namen Canetti anklingen“ „lassen“: „Aus Canetti wird durch
Kontraktion Kant.“; Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 129.
242 Horst Bienek: Elias Canetti. In: Werkstattgespräche mit Schriftstellern (= dtv; 291). 3.,
vom Autor durchges. u. erw. Ausg. München: DTV 1976, S. 273–285, hier: S. 273.
243 Mathilde Canetti, die in dem hehren Anspruch ihres Sohnes, „[a]lles lernen“ zu wollen,
eine Gefahr für den Erwerb von Lebenstüchtigkeit sah, leitete deshalb die Übersied-
lung nach Deutschland, in ein vom „Krieg gezeichnet[es]“ „Land“, in die Wege (GZ 324
u. 330).
148 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

Kien verarbeitet“, als er mit dieser „Figur ein Gegenbild entworfen“ hätte:
„Kiens Verhältnis zu Büchern und Texten ist in der Autobiographie das Li-
teraturverständnis des Autors dezidiert entgegengesetzt: Ein lebendiges
Verhältnis zur (Bücher-)Welt, das in den Augenblicken existentiellen Er-
faßtwerdens kulminiert.“244 Wiewohl die Unterschiede fiktionaler und bi-
ografischer Natur unverkennbar sind, ist statt von einem „Gegenbild“ von
einem Zerrbild zu sprechen. Zu substantiell sind die Überschneidungen,
was Bibliophilie und Bildungsdrang betrifft, als dass man von gegensätzli-
chen Anlagen sprechen könnte.
Eine zweite Parallele, die mit den Umständen der Romanentstehung vor-
liegt, ist ein zusätzlicher Beleg für eine enge autobiografische Matrix. Eig-
ler selbst spricht davon, dass die einjährige Arbeit am Roman in der Auto-
biografie keine Beschreibung findet. Daher sieht sie sich zu der Mutma-
ßung veranlasst, dass diese „Konstellation“ den „Eindruck“ „erweckt“,
„als sei dieses ausgesparte Lebensjahr ganz in den Roman eingesogen und
nur von seinen Rändern her erzählbar“.245 Tatsächlich spiegelt sich im
weltfremden Dasein des Sinologen die menschenferne Schreibtätigkeit
Canettis, durch die in Wien sein Roman entstand.
Die Krise, die er künstlerisch zu bewältigen suchte, ist die Folge einer Irri-
tation, die aus der Konfrontation mit der ‚deutschen‘ Moderne hervor-
ging. Der Autor sieht, nach seiner Rückkehr aus Berlin, „viele Wirklichkei-
ten“ und eine „zentrifugale“ Kraft am Wirken (FO 296). In einer Aufzeich-
nung aus dem Nachlass, die vom 10.04.1963 stammt, erklärt Canetti, dass
er mit der Figur des Sinologen seine eigenen Irritationen in Worte fasste.
Von Kien, „der ich damals war“, habe er sich gelöst, wie er mit Bezug auf
Hera Buschor schreibt: „Wird sie verstehen, dass ich Kien so gar nicht
mehr bin, nicht zuletzt durch sie, auf meine Erlösung von Kien hat sie das
letzte Siegel gedrückt.“246 Was der Autor der Blendung hiermit offenlegt,

244 Eigler, autobiografisches Werk, S. 132.


245 Vgl. ebenda, S. 134–135.
246 10.04.1963, ZB 22; zitiert nach: Hanuschek, Biografie, S. 476.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 149

ist, neben dem lebensgeschichtlichen Fundament des Romans, dass er


selbst an der ‚deutschen‘ Krise verzweifelt war.
Im Roman wird der Bildungsaspekt, dem vor allem Peter Kien vorsteht,
auch durch einen Kommentar des Bruders Georg aufgegriffen. Daraus
geht hervor, dass es sich bei der zivilisatorisch bezweckten „Ertötung der
Masse in uns“ um ein „wildes“ „Tier“ handelt (B 449), um einen Urtrieb
der Vorzivilisation, der, rational gesteuert, zu einem höherwertigen ge-
sellschaftlichen Dasein führt. Später sprach Canetti in der Münchner Rede
davon, dass man „jede“ der „Erfindungen“ ihrem „Urbild im Mythos ver-
danken“ würde (GW 370). Die Entfremdung von den archaischen Ur-
sprüngen, die auf zivilisatorischem Weg erfolgt, geht allerdings mit einem
Verlust der Verwandlungs-Fähigkeit einher. Nicht zu unterscheiden ist
dieser Masse-Begriff von dem gleichnamigen Phänomen, das zwar im Zei-
chen des Fortschrittes steht, aber ein Verfallssymptom bezeichnet – der
modernen Massengesellschaft. Mit Blick auf Georg liegt eine Differenz in
der Frage des Antriebes vor, wenn es sich um einen kollektiven Massen-
vorgang handelt. Während Canetti in Masse und Macht von ‚Berührungs-
furcht‘ als Antrieb zur Massenbildung spricht, setzt er mit Georgs Sicht
noch eine innere Naturgewalt an, die nur bedingt zu steuern ist.
Aufschluss gibt in diesem Punkt seine Kritik an den Vertretern der Schul-
medizin, die sich an den „Mehrheitssitten und -anschauungen ihrer Zeit
treu“ orientierten (B 449). Als Motiv der Kranken meinen sie so „alther-
gebrachte[] Unarten“ des ‚Genusses‘ zu erkennen, eine strikte Bedürfnis-
orientierung, die sich zu einer „Modemanie“ entwickelt habe (B 449). Die
fremden Mächte, die ihr Handeln bestimmen und in einen kulturellen
Dienst gestellt sind, seien ihnen selbst in der angeblich aufgeklärten Hoch-
moderne fremd. Von der „viel tieferen und eigentlichsten Triebkraft der
Geschichte, dem Drang der Menschen, in eine höhere Tiergattung, die
Masse, aufzugehen und sich darin so vollkommen zu verlieren, als hätte
es nie einen Menschen gegeben“, „ahnten“ diese Ärzte „nichts“ (B 449).
Folgerichtig lautet die Begründung für ihre Blindheit, dass sie „gebildet“
sind und „Bildung“ ein „Festungsgürtel des Individuums gegen die Masse
150 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

in ihm selbst“ ist (B 449). Durch den Kien der ersten Phase wird jene ‚Fes-
tung‘ auf unkonventionelle Weise errichtet, durch einen Studienalltag,
der ihn einerseits vom profanen wie krisenhaften Leben trennt und ande-
rerseits von den Institutionen und Praktiken, die dem aristotelischen Prin-
zip gehorchen. Auch dem ersten Faktor vermag Kien erst ab dem Zeit-
punkt, als es zur Vermählung kommt, nicht mehr zu entsprechen. So, wie
er mit dem Hinauswurf aus der Wohnung seine Arbeit einstellt, so schutz-
los ist er nun einer Sozietät ausgeliefert, die ihn bald in das Reich der
Schattenexistenzen führt.
Die Regression setze ein, wenn die „Masse über uns“ „kommt“, „ein brül-
lendes Gewitter, ein einziger tosender Ozean, in dem jeder Tropfen lebt
und dasselbe will“ (B 449). Laut Georg Kien führt sie zu Massenvorgängen,
deren Ursprung im Archaischen liegt: „In der Erinnerung fassen wir es
nicht, daß wir je so viel und so groß und so eins waren.“ (B 450) Während
der mit „Verstand Geschlagene[]“ von einer „‚Krankheit‘“ spreche, setze
das „Lamm der Demut“ eine „Bestie im Menschen“ an (B 450). Doch be-
schreibt Georg die Massenbildungen deshalb nicht als Phänomen der mo-
dernen Zeit, weil er sie nicht auf die ‚Berührungsfurcht‘ rückführt. Im Ge-
genteil sind sie für ihn Ereignisse, die unberechenbar wie unerklärlich vor
allem über ungebildete Menschen hereinbrechen. Allerdings scheint den
modernen Menschen eine zivilisatorische Verweichlichung dafür anfälli-
ger zu machen. Seine Voraussage, dass sie „[e]inmal“ „nicht zerfallen“
wird, „vielleicht in einem Land erst, und von diesem aus um sich fressen“
(B 450), deutet auf eine neu-mythische Zeit. Der Vorgang meint hier nicht
die Erschaffung einer neuen modernen Realität, sondern tatsächlich eine
‚innere‘ Masseneinheit, die sich kollektiv herstellt und von der Massenge-
sellschaft unterscheidet, „weil es kein Ich, Du, Er mehr gibt, sondern nur
noch sie, die Masse“ (B 450). Was Georg hier voraussagt, ist, dass der zi-
vilisatorisch verfeinerte Mensch den Anforderungen der archaischen, ‚in-
neren‘ „Bestie“, trotz seines Bildungsstrebens, auf Dauer nicht zu genü-
gen vermag. Dieser Vorgang der Masse wäre deswegen unvermeidlich, da
sie „trotz ihrem Alter das jüngste Tier, das wesentliche Geschöpf der Erde,
ihr Ziel und ihre Zukunft“ ist (B 450). Daher lägen die Vertreter der ersten
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 151

Ansicht, die eine verborgene „Bestie“ ansetzen, „nah“ an der „Wahrheit“


(B 450). Alexander Schüller ist der prinzipiell zutreffenden Ansicht, dass
sich mit Georg eine „Massentheorie“ zeigt, „in der Canetti seinen zentra-
len Gedanken aus dieser Zeit verarbeitet und weiterdenkt“.247
In Masse und Macht greift er die gleichnishafte Bedeutung, die zwischen
den Tropfen und dem Meer besteht, auf. Canetti erklärt zu jenen vom
Meer getrennten Tropfen, dass sie an „hoffnungslos abgesonderte Men-
schen“ erinnern (MM 93). Das poetisch aufgeladene Bild des „Ozean[s]“,
der als Begriff die „feierlichste Würde“ hat, verweist auf eine ‚Universali-
tät‘ und Globalität (MM 93). Die erweiterte Begründung dafür lautet, dass
das Meer ein „Vorbild einer in sich gestillten Humanität“ ist (MM 94). In
der Schrift vom Menschen ordnet er die Massenbildungen nun differen-
zierend ein. Auch vertritt er darin nicht mehr seine Maximalutopie, son-
dern einen moderaten Ansatz. Die „Vor-Prähistorie“ (ARG 250) als kogni-
tive Gegenwelt ist daher nicht länger im Bild des ‚Meeres‘ (B 449) darge-
stellt.
Georg Kiens Beschreibung der Vorzivilisation deckt sich mit der Vorstel-
lung, die Canetti von den tierischen Meuten hat, nicht auf den ersten
Blick. Denn der neu-mythische Mensch, der von der Industriemoderne ab-
fällt, lebte höchstens in kleinen Gruppen. Doch die geschlossene Masse
der Nervenheilanstalt, deren Direktor Georg ist, hebt sich mit ihren „acht-
hundert“ Patienten (B 501) bereits von der urbanen Masse ab. Deren In-
sassen, die insofern eine kognitive Form der Affen-Existenz führen, als sie
schwere Beschädigungen ihrer Ratio erlitten haben, grenzen sich vom
normalen, modernen Umfeld ab. Sie bilden eine Parallelwelt, in der die
klinische Irratio zu einem Lebensprinzip erhoben worden ist. Die nächste
Stufe der Entwicklung wäre eine Massenbewegung und ein Ende der Mo-
derne. Warum ausgerechnet der Wahn für ein Umkippen sorgt, wird er-
sichtlich, wenn Georg ausführt, dass „[z]ahllose Menschen“ „verrückt“

247 Vgl. Alexander Schüller: Namensmythologie. Studien zu den Aufzeichnungen und po-
etischen Werken Elias Canettis (= Conditio Judaica; 91). [EPub], Diss. Aachen 2016.
Berlin [u.a.]: de Gruyter 2017, S. 475.
152 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

werden, „weil die Masse in ihnen besonders stark ist und keine Befriedi-
gung findet“ (B 450).
Wenn nun beim Sinologen ein geistiger Verfall einsetzt, dann hängt dies
erstens mit den grundsätzlich problematischen Lebensbedingungen zu-
sammen, die in irrational rationalen Krisenzeiten für Moderneopfer be-
stehen. Zum Zweiten bewirkt ein allgemeines politisch-wirtschaftliches
Krisenmoment eine Verschärfung, die bei Kien zu einer Steigerung der Ir-
ritation führt. Ausgehend von seinen Kenntnissen zur frühen chinesischen
Kultur im Speziellen und dem Weltwissen im Allgemeinen, entwickelt Kien
eine Belesenheit, die vom neuzeitlichen Akademiebetrieb (der Spezialisie-
rung) abfällt und ob ihrer Interessenfelder die ‚instrumentelle‘ Ordnung
aufbricht.
Sein Bruder Georg dagegen, der eine ähnliche Verwandlung durchläuft,
die ihn von der Hochmoderne wegführt, nimmt sich auf aktive Weise des
kognitiven Modus an, den der Dichter bei Canetti vor 1945 zu aktivieren
hat. Ihm ist es gelungen, sich vom akademisch anerkannten Betrieb (der
Psychiatrie) zu lösen und darin zu einem führenden Vertreter seines Fa-
ches aufzusteigen. Behandlungsmethodisch praktiziert er einen vorbe-
wussten Modus, in dessen Zentrum eine Art von ‚Empathie‘ steht.
Daneben erfindet er als Arzt einen neuen, ebenfalls empathischen Heil-
modus. Dieser ermöglicht es ihm zwar, die Opfer der modernen Parzellie-
rung, die zu einer der Psyche führt, zu heilen, indem er deren Ichs wieder
zu einem vereint: „[i]n seinem eigenen Bewußtsein näherte er die ge-
trennten Teile des Kranken […] und fügte sie langsam aneinander“
(B 435). Doch dient dies der medizinischen Wiederherstellung, der Rück-
kehr in die Hochmoderne, also einem Ziel, mit dem er sich nicht zu iden-
tifizieren vermag. Folglich ist er nicht vor der Versuchung gefeit, eine em-
pathische Re-Evolution zu befürworten, wenn er innerlich den „festen
Vorsatz“ verfolgt, „keinen zu heilen“ (B 441) und die Kranken in ihrer Irre-
alität zu belassen.
Bereits die Begegnung mit der Gorilla-Existenz, die seinen Wandel von der
Gynäkologie zur Psychiatrie einleitet, legt offen, dass er ob der „Großar-
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 153

tigkeit der Irren“ (B 441) vor einer Heilung zurückschreckt. Der Möglich-
keit, die von der Produktionsmoderne abgefallenen Individuen zu heilen
und mit der Zeit zu versöhnen, stehen seine Einsichten entgegen. Wie Ca-
netti, sein Schöpfer, ist auch er kein Vertreter eines Kausalitätsdetermi-
nismus. In seiner am Menschen orientierten Heil- wie Behandlungsme-
thode sieht er die „Wissenschaft“, die ihren Vertretern, den „Scheuklap-
penherzen“, den „Glauben an Gründe eingetrichtert“ hatte (B 449), kri-
tisch.
Einzig die Personen, die seine „empfindliche Liebe“ „kränkten“ (B 441),
„führte“ er aus Rache nach „Ägypten zurück“ (B 442). Bezeichnend für den
neu-mythischen Berührungspunkt ist, dass die ehemaligen „Gäste“, an
denen er seine Heilmethode anwendet, nun auch den „Tod“ „wieder als
natürlich hinnahmen“ (B 442). Denn die Flucht der Patienten vor der Ra-
tio, die hin zu einer der Gefühle führt, entspricht tendenziell der kogniti-
ven Wegrichtung, die Canetti zur zweifachen Todesbekämpfung vorgibt.
Durzak hingegen ist der Ansicht, dass Georg seine Berufung keineswegs
darin sieht, sich mitsamt seinen Patienten von der Zivilisation abzuwen-
den, sondern in dem Ziel, „den Verstand wieder zu jenen archetypischen
Schichten des Menschen in Beziehung zu setzen, die zu seiner Existenz
unverlierbar gehören“, was eine neue „Erkenntnisform“ erschüfe.248 Da-
gegen sieht Doppler in Georg einen „verwandlungsunfähige[n] Machtha-
ber“, der als solcher auch „keine Gegenfigur“ zu Peter Kien darstellt.249
Ebenso sieht Bischof bei Georg keine „pure[] Leidenschaft für die Ver-
wandlung“, denn in „Wirklichkeit läßt auch er sich nur von der Macht
blenden, die ihm allein schon aufgrund seiner sozialen Position an der
Spitze der Irrenanstalt zufließt“.250

248 Vgl. Manfred Durzak: Elias Canetti. In: Deutsche Dichter der Gegenwart. Ihr Leben und
Werk. Hg. von Benno von Wiese. Berlin: Erich Schmidt 1973, S. 195–209, hier: S. 208.
249 Vgl. Doppler, Hüter der Verwandlungen, S. 53.
250 Vgl. Rita Bischof: Kien oder die Implosion des Geistes. In: Canettis Aufstand gegen
Macht und Tod. Hg. von John Pattillo-Hess und Mario R. Smole. Wien: Löcker 1996, S.
9–29, hier: S. 25.
154 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

Dass Peter Kiens Fähigkeiten der ‚Empathie‘ stark verkümmert sind, er-
klärt sich im Roman mit den ökonomischen und politischen Bedingungen
einerseits und einer charakterlichen Erbschaft andererseits. Doch ausge-
rechnet er wird der Ratio vollständig abschwören und einer kognitiven
Regression unterliegen. Wie ausgeführt, bilden die beiden Brüder einer-
seits die maximalutopische Fluchtvariante ab und andererseits die Spiel-
form eines empathischen Verwandlungs-Modus, der jedoch nicht zu einer
‚abgespaltenen‘ Zukunft, weg von der Industrieratio, führt. Geht es nach
Georgs Selbstverständnis, so sieht er seine Aufgabe darin, von einer Hei-
lung abzusehen und seine Patienten in ihrer seelischen Vorzivilisation zu
belassen. Damit zeigt sich die Funktion des Dichters, wie sie Canetti vor
1945 beschrieb. An Peter Kien vollzieht sich diese nur dadurch, dass sein
Selbsttod performativ von der Vernichtung der jüdischen Ethnie kündet.
Wenn Peter Kien sich das „Verstandesgedächtnis“ zuschreibt, und seinem
Bruder ein „Gefühlsgedächtnis“ (B 478), trifft dies in Bezug auf seine Per-
son vor allem auf die erste Phase zu. Seine Selbstwahrnehmung stellt ei-
nen Unterschied zu Georg heraus, der auf der Fähigkeit zur ‚Empathie‘
beruht: „Statt sich in die andern zu verteilen, maß er sie, wie er sie von
außen sah, an sich, den er auch nur von außen und vom Kopf her kannte.“
(B 454) Mitgefühl zeigt der Bruder im behandelnden wie heilenden Ver-
fahren, wobei sein Mitleid mit der industriemodernen Opferschaft sein
Tun bestimmt. Peter zeigt bloß insofern Einfühlung, als er das Schicksal
seiner ethnischen Gruppierung antizipiert. Georg wiederum erklärt sich
seine Liebe zur „Wissenschaft“ (B 468) mit Peters „vollendete[r] Selbstlo-
sigkeit“ (B 469). Daneben hat er sein „Interesse für die Probleme der Spra-
che“ „angeregt“, wie Georg ausführt (B 468). Dissinger schreibt seinem
Bruder Georg zu Recht „Fähigkeiten zu Verwandlungen“ zu und hält
grundsätzlich fest: „Bei den Brüdern Kien handelt es sich um Gelehrte, die
als solche mit dem Dichter Sprachprobleme gemein haben.“251 Die
sprachkritische Haltung, die der Kien der ersten Phase bei Georg geweckt
hat, entspricht einem ratiokritischen Zugang, der sich in Canettis Schriften

251 Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 118.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 155

selbst früh nachweisen lässt. Schüller dagegen ist der Ansicht, „dass Ca-
netti in Gestalt der Gebrüder Kien nichts anderes darzustellen beabsich-
tigt als die Antinomie von Verwandlung und Spezialisierung, Vergangen-
heit und Gegenwart“.252
Von einem pseudo-aufklärerischen Anspruch hebt sich Kien dadurch ab,
dass er mit der Hochmoderne samt ihrem zweckdienlichen Wissensideal
bricht. Aus einer Aufzeichnung von 1943, in der Canetti sich auf das neue,
technisierte Zeitalter bezieht, geht seine Vernunftskepsis eindrücklich
hervor. Darin konstatiert er einen Selbst-‚Verrat‘ der „Wissenschaft“, der
dadurch erfolgt wäre, dass sie sich zum „Selbstzweck gemacht“ hätte: „Sie
ist zur Religion geworden, zur Religion des Tötens […].“ (A 36) Daher
spricht Claudio Magris mit Blick auf den Roman von einer „äußerst klar-
sichtige[n] Parabel des selbstzerstörerischen Deliriums, auf das in unse-
rem Jahrhundert die westliche Ratio zusteuert“.253 Weiter erklärt Magris,
dass Kien „gleichzeitig Quintessenz und Opfer der bürgerlichen Ratio“ ist,
weil er die vom „bürgerlichen Denken mit Nachdruck proklamierte Auto-
nomie der Kultur gegenüber der ökonomischen Realität“ „lebt“.254 Seine
kulturellen Bestrebungen, sofern sie einem bürgerlichen Bildungsideal
entsprechen, erstrecken sich in erster Linie auf seine akademisch-sinolo-
gische Phase, die bereits durch Distanzen gekennzeichnet ist. Auer sieht
in Canetti einseitig den Vertreter einer neuen, ‚abgespaltenen‘ Zeit des
Fortschrittsglaubens, wenn sie schreibt, dass mit der „Geschichte von
dem hirnverbrannten Sinologen“ die „Frage“ abgehandelt wird, „ob es ge-
lingen wird, die scheinbare Verselbständigung, nämlich den Mißbrauch
von Wissenschaft und Technik, aufzuhalten und sie unter eine humane
Kontrolle und Lenkung zu bringen“.255 Auch Stieg, der in Canetti einerseits

252 Vgl. Schüller, Namensmythologie, S. 474.


253 Vgl. Claudio Magris: Die rasenden Elektronen. In: Canetti lesen. Erfahrungen mit sei-
nen Büchern (= Reihe Hanser; 188). Hg. von Herbert G. Göpfert. München [u.a.]: Han-
ser 1975, S. 35–47, hier: S. 37.
254 Vgl. ebenda, S. 45.
255 Vgl. Auer, Genie und Sonderling, S. 44.
156 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

einen „Kritiker[] des Fortschritts“ erkennt, verweist andererseits auf ei-


nen „Drang nach Wissen und Klarheit“, der an die „großen Geister der
Aufklärung“ gemahnt: „Mit den technisch verfügbar gewordenen ‚Kern‘-
Spaltungen wird ein Prozeß, der mit der Aufklärung eingesetzt hat, in
seine kritische Phase gebracht, eben die Möglichkeit einer ‚gespaltenen
Zukunft‘, d. h., daß der Mensch anscheinend ganz potentieller Herr über
seine Zukunft ist.“256 Canettis Idee, wie er sie im Gespräch mit Joachim
Schickel formuliert, mit ihrer Abspaltung der positiven Zukunfts-„Seite“
vom Fortschritt, zu dem er unter anderem „Atomkrieg“ und „Übervölke-
rung“ rechnet (ARG 251), weist ein minimalutopisches Wesen auf. Denn
die Verwandlung, die das Vernunft-Prinzip in Gut und Böse spaltet, eignet
durch ihre Ausrichtung auf die Alltagsrealität ein Weniger an Utopie. Jene
Position, die aus den späteren Jahren stammt, vermag dennoch bloß eine
Suggestion einer höheren Alltagstauglichkeit zu leisten. Steht der relati-
vierte Status, den Canetti der Ratio zuweist, doch einem superioren Zivi-
lisationsstand entgegen, wie er selbst nach Vollzug der beschriebenen
Spaltung vorzuliegen hätte.
Welche genaue Funktion der Ratio im Zuge der Etablierung eines ‚abge-
spaltenen‘ Zukunftszweiges, der das zivilisatorisch Gute in sich versam-
melte, zuzukommen hätte, bleibt nur vordergründig undefiniert. Denn
wie in den Fällen der sozialen Todes-Feindschaft, artikuliert im Jahr 1980,
und des literarischen Überlebens wird der Empathie eine Funktion zuge-
standen, die zwar aufgewertet wird, doch der Ratio untergeordnet
bleibt.257 Das Gespräch mit Joachim Schickel belegt, dass die Aufzeichnung
von 1980 kein unverbindliches Gedankenspiel war, sondern eine mode-
rate Position beschreibt, die für Canetti in seinen späteren Jahren bindend
war. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine adaptierte, erweiterte
Ratio gegen eine kognitive Regression und ihr Nicht-Bewusstsein spricht

256 Stieg, Betrachtungen zu Canettis Autobiografie, S. 166.


257 Letztlich läuft dieser Ansatz nicht auf eine Agrarmoderne, eine Synthese von Agrar-
und Industriewirtschaft hinaus, der eine ausgewogene Verbindung von Ratio und Ge-
fühl zugrunde läge. Robert Musil spielt derartige Möglichkeiten in seiner Grigia-Erzäh-
lung durch.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 157

– die Maximalutopie. Canettis Spaltungs-Konzept, das eine Fortführung


des zivilisatorischen Fortschrittes verheißt, steht für Erschütterungen ei-
nes bis dahin dominanten neu-mythischen Selbstverständnisses. Ein uto-
pisches Grundwesen zeigt der re-evolutionäre wie ‚abgespaltene‘ Ansatz,
die Gemeinsamkeiten mit der Dialektik der Aufklärung aufweisen, obwohl
sich Canetti ausdrücklich gegen eine „dialektische Fassung [s]einer Ge-
danken“ (ARG 258) verwahrt hat. Vor allem die biologische Todes-Feind-
schaft, die im Zentrum des erstgenannten Vorhabens steht, bewirkt eine
diesbezügliche Maximierung.
Mit der Vorsorgemaßnahme, die Canetti mit dem Preußen Kant einst im-
plementiert hatte, sollte den Rezipienten eine Trennung des Problemfel-
des der allgemeinen Orientierungslosigkeit (auf der Basis einer irrationa-
len Ratio) von jenem der wahnhaften Krisensymptome seiner Zeit erleich-
tert werden. Der Hinweis auf Kant, diesen Vertreter des Aufklärungsdog-
mas, fügte sich konzeptionell jedoch nicht in den neu-mythischen Kon-
text, dem Kien vorsteht, so dass die erneute Namensänderung, zu der
Hermann Broch riet, eine absehbare Folge war.
Bezogen auf den kognitiven Hintergrund, bleibt festzuhalten, dass im Kien
der zweiten Phase nicht länger ein Vertreter einer primärfunktionalen Ra-
tio zu sehen ist, sondern bereits ein Beispiel einer wahnhaften Irratio.
Nach dem Einbrechen von Krumbholz in seine „Kabine“ (B 69), seine Bib-
liothek, gehen ihm aufschlussreiche Gedanken durch den Kopf: „Blindheit
ist eine Waffe, gegen Zeit und Raum […]. […] Der Zeit, die ein Kontinuum
ist, zu entrinnen, gibt es nur ein Mittel.“ (B 73) Die Konfrontation, die mit
der Frauenfigur erfolgt, verstärkt seinen Schutzmodus (‚Blindheit‘) und
führt letztlich in den Wahn. Dass seine Blindheit bereits vor der Inflations-
verschärfung gegeben war, als Reaktion auf die ‚westliche‘ Subjektkrise,
belegt die nachfolgende Passage: „Diese bedruckte Seite, so klar und ge-
gliedert wie nur irgendeine, ist in Wirklichkeit ein höllischer Haufe rasen-
der Elektronen. Wäre er sich dessen immer bewußt, so müßten die Buch-
staben vor seinen Augen tanzen.“ (B 73) Nun geht er dazu über, die „Blind-
heit“ auf „alle störenden Elemente in seinem Leben zu übertragen“: „Die
Möbel existieren für ihn so wenig, wie das Heer von Atomen in ihm und
158 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

um ihn.“ (B 73) Die „Möbel“ stehen für einen grundsätzlich kritischen


Blick, mit dem Kien die bedarfsorientierte Produktion von Waren sieht.
Jener lässt sich auf keine bestimmte Phase des Kien reduzieren. Im Ge-
genteil bildet die Distanz zur produktionsorientierten Wirtschaftsform –
im Zusammenspiel mit den physikalischen Irritationen – die Basis einer
Subjektkrise, die nicht zuletzt mit Krumholz einer ‚deutschen‘ Verformung
unterliegt. Daneben artikulierte sich Canetti, der Romanautor, als Kritiker
des technischen Fortschrittes, dessen heilsbringerische Dimension er
durch Kien infrage stellt. Ein zweckrationaler Vernunftglaube, der in sei-
ner Blindheit in die falsche Zukunft führe, so seine Aussage, fordert die
Maximalutopie mit ihrer je eigenen Realität heraus.
Durzak führt grundsätzlich richtig aus, dass in Entsprechung zu Broch und
Musil „auch von Canetti nicht einem flachen Irrationalismus das Wort ge-
redet“ wird: „So […] zielt auch Canetti auf die aus Geist und ‚Masse‘ gleich-
ermaßen erwachsende umfassende Erkenntnis.“258 In dieser Deutung be-
zieht sich Durzak auf eine Roman-Passage, die besagt, dass der gesunde
Mensch auf seinem „Verstand“ ‚sitzt‘ „wie Habgeier auf ihrem Geld“
(B 444). Darin befürwortet Georg Kien, als „junge[r] Direktor“ (B 443), die
Realitätsflucht der Kranken, die eine neu-mythische Dimension aufweist.
Dies veranlasst Durzak zu der Annahme, dass der auf die „logische Funk-
tion empirischer Sachverhalte reduzierte Verstand“ „so blind wie die
Wahnideen in den Köpfen der einzelnen Protagonisten der Blendung“
ist.259 Durzak macht auch im Nachsatz, „Der Verstand, wie wir ihn verste-
hen, ist ein Mißverständnis“ (B 444), eine Kritik am modernen Wissen-
schaftsverständnis aus, mit dem jeder Disziplin ihr Zuständigkeitsbereich

258 Manfred Durzak: Der Roman des abstrakten Idealismus als satirischer Roman. Elias
Canettis Die Blendung. In: Gespräche über den Roman. Formbestimmungen und Ana-
lysen (= Suhrkamp Taschenbuch; 318). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976, S. 103–127,
hier: S. 124.
259 Vgl. Manfred Durzak: Einleitung: Anmerkungen zu einer Vaterfigur der deutschen Ge-
genwartsliteratur. In: Zu Elias Canetti (= Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissen-
schaft; 63). Hg. von dems. Stuttgart: Klett 1983, S. 5–8, hier: S. 7.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 159

zugewiesen wird, was eine „Vielzahl von punktuellen Erkenntnisansät-


zen“ zur Folge hat.260
Seine Gegnerschaft fand Canetti tatsächlich in den hochindustriellen und
technischen Erscheinungsformen, die er als Symptome einer verhängnis-
vollen Vernunftpraxis (von Simplifizierung bzw. Zentrismus) wertete. Al-
lerdings hält der frühe Canetti seiner Kritik am zur „bloßen rationalen
Funktion“ degenerierten „Geist[]“ noch keine „umfassende Erkennt-
nis“,261 sondern eine vorbewusste Kognition entgegen. Entsprechend be-
jahend äußert sich Canetti einerseits im Gespräch mit Horst Bienek, was
dessen Frage nach einer „Attacke gegen den reinen Intellekt“ betrifft, um
andererseits zu relativieren, dass das „Buch“ die „verschiedensten As-
pekte“ „bietet“.262 Eine „Verdinglichung“ der zentralen Romanfigur, die
infolge gesetzter Abwehrmaßnahmen Züge des „Totalitarismus der In-
dustriegesellschaft“ trägt, macht wiederum Magris aus.263 Auch laut Fatih
Tepebaşılı „zeigt“ sich Kiens „Bewußtsein“ der „Verdinglichung“ „ver-
pflichtet“.264 Der zugehörige Ökonomie-Aspekt klingt im Roman mit der
Kapital-‚Habgier‘ an und steht für ein Inflations-Moment, das sich zuse-
hends verstärkt.
Durzak, der die in der Blendung formulierte Kritik am simplifizierten Ver-
nunftprinzip erkennt, stellt als Feindbild eine Verbindung zur Philosophie
des logischen Empirismus bzw. Neopositivismus des Wiener Kreises her:

Das geistige Klima Wiens zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde vom Neo-
positivismus des Wiener Kreises, der Philosophen Carnap, Schlick, Mach
und anderer, bestimmt. Ihr Denken ist auf empirisch überprüfbare Ratio-
nalität ausgerichtet und weist jede Metaphysik als unphilosophisch zu-
rück. Durch reines Nachdenken zu Aufschlüssen über die Beschaffenheit

260 Vgl. ebenda.


261 Vgl. Durzak, abstrakter Idealismus und Satire, S. 124.
262 Vgl. Canetti/Bienek, ‚die Wirklichkeit ableuchten‘, S. 10.
263 Vgl. Magris, versteckter Schriftsteller, S. 185.
264 Vgl. Fatih Tepebaşılı: Elias Canetti: Das Gefühl absoluter Verantwortlichkeit. Die Wis-
senschaft und die Wissenschaftler in Elias Canettis Roman Die Blendung und Aufzeich-
nungen. Konya: Ҫizgi 2003, S. 70.
160 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

der Wirklichkeit zu gelangen, wird als illusionäres Unterfangen zurückge-


wiesen. Die Philosophie, die einmal die Mutter und Königin der Einzelwis-
senschaften war, wurde zu ihrer Dienerin gemacht. Sie war nicht mehr
übergreifende Wissenschaft, sondern Reflexionsorgan der Methoden und
Denkverfahren der Einzelwissenschaften.265

Eine Aufwertung der Transzendentalphilosophie erfolgte durch Canetti in


dem Sinn, dass seine neu-mythische Ausrichtung einen erkenntniskriti-
schen, irrationalen Zugang impliziert. Deshalb ginge man fehl in der An-
nahme, dass es ihm allein um eine Komplizierung der Vernunftpraxis zu
tun wäre. Jener Weltzugang wird selbst noch in Masse und Macht deut-
lich, einer nach 1945 entstandenen Schrift, die sich durch erwähntes uni-
versalmethodisches Verfahren auszeichnet, das sich mit wissenschaftli-
chen Mitteln nicht bestimmen, sondern lediglich als biologisch-anthropo-
logisch fundiertes wie ethnologisch orientiertes beschreiben lässt. Bar-
nouw, die sich auf Adorno bezieht, erkennt in Canetti einen „wirkungs-
volle[n] Mitstreiter gegen schädliche Einseitigkeiten des wissenschaftli-
chen Positivismus“.266 Magris spricht in Bezug auf die Blendung von einer
„Zertrümmerung des – psychologischen und sprachlichen – Subjekts, wie
sie vor allem von der Wiener Kultur des fin de siècle vorgenommen
wurde“, und führt als Vorbild Mach an.267 An anderer Stelle argumentiert
Magris auch mit dem ‚auflösenden‘ „Einfluß“ von Mach und Nietzsche,
der sich mit Kien in der „Psychologie“ eines „monomanischen Ichs“ zeigt,
„das sich im Kampf gegen die eigene Auflösung abschirmt“.268 Bollacher
spricht allgemein von der „Beschreibung einer zerfallenen Welt“ und ei-
ner „psychologischen, moralischen und sprachlichen Desintegration der
selbstentfremdeten Figuren-Subjekte“.269

265 Durzak, Anmerkungen zu einer Vaterfigur, S. 6–7.


266 Vgl. Barnouw, Masse, Macht und Tod, S. 85.
267 Vgl. Magris, rasende Elektronen, S. 42.
268 Vgl. Magris, versteckter Schriftsteller, S. 183 u. 184.
269 Vgl. Martin Bollacher: Chaos und Verwandlung – Bemerkungen zu Canettis „Poetik des
Widerstands“. In: Euphorion 73 (1979), S. 169–185, hier: S. 178. Bollacher sieht darin
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 161

Die Kien-Figur nimmt deshalb eine Sonderstellung ein, weil sie sich dezi-
diert gegen die geistigen Verfallserscheinungen (Subjektkrise) auf eine
Weise abgrenzt, „als hätte sich jemand gegen die Erde verbarrikadiert“
(B 68). In einem ersten Schritt erfolgt der Abgrenzungsversuch – neben
einer generellen „Blindheit“ (B 73) – auf (sinologisch-)akademischem
Weg, der bereits eine teilweise Abwendung von einem aristotelischen
Wissenschaftsverständnis zeigt. Schon zu Beginn dieser Entwicklung, de-
ren Ansätze auf den Romananfang datieren, sind eine eigenwillige Dis-
kurs- und Studienpraxis sowie eine Abkehr von den offiziellen akademi-
schen Institutionen gegeben, was teils auf sein vererbtes Außenseitertum
zurückzuführen ist.270 Die soziale Außenseiterposition, die durch die
‚deutschen‘ Verfallsphänomene befördert wird, hat ihm die Distanzierung
vom etablierten Akademiebetrieb zu erleichtern.
In einem zweiten Schritt geht Kien dazu über, seine Abschottung von der
Realität durch eine innere wie äußere Lossagung von seinem Fach der Si-
nologie zu vollziehen. Nach dem physischen Angriff auf ihn, den Krumb-
holz ausführt, ist einleitend zu erfahren, dass Buddha ihn „schon vor Jahr-
zehnten“ das „Schweigen“ gelehrt und so die „entscheidende Wende in
seiner Entwicklung“ eingeleitet hat (B 99). Ist Buddha einst sein Vorbild
gewesen, distanziert er sich jetzt von diesem „arme[n] Geist“, indem er
die „primitive Logik“ und dessen „Kausalitätsreihe“ beanstandet (B 100).
Darüber hinaus „kehrte“ er der „phantastischen Hölle der deutschen Phi-
losophie den Rücken“ (B 100), neben der französischen und englischen.
Gleichzeitig wendet er sich von der „konservative[n] Form der Evolutions-
theorie“ ab, um mit „flatternden Blättern ins Lager der Revolutionäre“ zu
wechseln (B 146). Insgesamt zeichnet sich mit Kien ein Wandel ab, der ihn

eine poetische Entsprechung zu Ernst Machs „forschungspsychologischen Skizzen


über ‚Erkenntnis und Irrtum‘“; ebenda.
270 Der innerfamiliäre Erziehungs- und Bildungsgang, der bei Kindern jüdischer Familien
jener Zeit oftmals zu beobachten war, spiegelt sich in der unorthodoxen Studien- und
Forschungspraxis des Kien wider. Dabei handelt es sich, neben grenzenlosen For-
schungsinteressen, auch um seine Haltung zu Konferenzen, auf denen er nicht persön-
lich auftritt, sondern Eingaben über dritte Hand tätigt (s. B 17).
162 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

vom Prinzip der Vernunft mehr und mehr entfernt. Krumbholz gelingt es
nämlich, durch ‚Verstellung‘ (B 48) den Sinologen für sich zu gewinnen.
Gebieterisch dringt sie, die der ‚deutschen‘ Verformung der ‚westlichen‘
Krise ein Gesicht gibt, in die Intimität seines Bücherlebens ein.
Folglich erklärt er im „Prügel“-Kapitel, auch seine wissenschaftliche Arbeit
einzustellen, „da seine aufklärende Mission ja erledigt war“ (B 153). Dem
entspricht, dass er auf ein „begonnene[s] Manuskript“ – „ganz gegen sei-
ne Gewohnheit“ – „Zeichen“ „malte“, „die keinen Sinn ergaben“ (B 153).
Auf ein beeinträchtigtes Verhältnis zur Büchersammlung, die seine wis-
senschaftliche Arbeit erst ermöglicht hat, weist sein Traum von einem „gi-
gantischen Bibliotheksgebäude“, das an einem „Krater des Vesuvs er-
baut“ war (B 153). Schließlich „empfand“ er „[n]ur für Bücher, die er nicht
besaß“, „Zärtlichkeit“ (B 156). Erst als er auf der „Straße lag“, erwacht sein
„Interesse für seine Abhandlungen zu Hause“ wieder (B 182 u. 183). Nach-
dem er die Bekanntschaft von Fischerle gemacht hat, „hoffte“ er auch,
„sich bald wieder ganz in sein wissenschaftliches Leben zurückzuziehen“
(B 294). An anderer Stelle „gedenkt“ er, seine „wissenschaftliche Leis-
tung“ „bald fortzusetzen“ (B 345). Doch welche Züge seine Forschung in-
nerhalb der zweiten Phase annimmt, wird mit der Guckloch-Episode deut-
lich, in der er als Folge „gedankliche[r]“ und „empirische[r]“ „Argu-
mente[]“ die Ansicht vertritt: „Blau ist eine Erfindung der Physik.“ (B 427)
Durch die Erfahrungen mit Krumbholz, die ihren blauen Rock wie eine Uni-
form trägt, verzerrt sich seine Wahrnehmung ins Wahnhafte. Dem Kien
der zweiten Phase dient die Wissenschaft allein dazu, sich seiner Ängste
zu entledigen. Wenn Kien im Zuge seiner Guckloch-Expertise erklärt, dass
das „Übersehen“ einem „Gelehrten im Blut“ „liegt“ (B 423), macht sich
auch gegen Handlungsende eine kritisch-ironische Distanz zur empiri-
schen, zweckorientierten Wissenschaftspraxis bemerkbar. Doch führt
dies zu keiner Fortsetzung seiner universalgelehrten Existenz, die auf eine
Ganzheitlichkeit des Wissens zielt, sondern zu einer unentwegten Be-
schäftigung mit der Farbe Blau, der Farbe von Krumbholz’ Rock, und der
Leugnung ihrer Existenz.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 163

In diesem Sinn spricht Knoll treffend von einer ‚Verhöhnung‘ der „empiri-
schen Wissenschaften“ durch Canetti, die sich anhand eines Protagonis-
ten vollzieht, der „Wissenschaft“ dem angleicht, „was er als ihr Gegenteil
begreift: dem Aberglauben“.271 Dissinger gibt zu bedenken, dass es sich
um einen Gelehrtentypus handelt, in dessen Verhalten sich, als Folge der
modernen Krisenerfahrung, der Wahnsinn von Beginn an abzeichnet: „[…]
Kien hat nie seinen Verstand an der Realität ausgerichtet, sondern umge-
kehrt immer erwartet, daß sich die Realität seinem Verstand füge.“272 Dis-
singers Blickwinkel ist dadurch verengt, dass er den neu-mythischen Zu-
gang in seiner prozessualen Ausformung verkennt: Wissenschafter und Ir-
rationalist werden zwar durch ein und dieselbe Figur personifiziert, sind
voneinander jedoch zu trennen. Während der Sinologe sich zwangsläufig
an Mindeststandards der wissenschaftlichen Gepflogenheiten zu halten
hat – und damit der Ratio verpflichtet ist –, um die Anerkennung der Fach-
kollegen zu erlangen, beschreitet der Realitätsabtrünnige einen davon ab-
zweigenden Weg. Die „Blindheit“ (B 73), die er sich früh angeeignet hat,
dient ihm nun dazu, die westliche Subjektkrise ‚deutscher‘ Prägung er-
träglich werden zu lassen, ist jedoch nicht mit seinem Modus Operandi
einer Universalität des Wissens zu verwechseln.
Kien, der in einem imaginären Gespräch mit Konfuzius um Rat bittet –
„Das Rechte sehen und es nicht tun ist Mangel an Mut“ (B 48) –, lässt sich
von Krumbholz’ Sorge um die Bücher täuschen und in eine Heirat treiben.
Der traditionstreue Konfuzius, der in seinen Schriften einen moralischen
Anspruch vertritt, und der Transzendentalphilosoph Kant, der sich zu-
gleich der Vernunft verpflichtet fühlt, dienen ihm, neben anderen Den-
kern, als Lebensratgeber. Dennoch bleibt zu betonen, dass er sich ihren
Maximen in keinem engen Sinn verpflichtet fühlt, denn unter anderem
„gegen Laotse und alle Inder“ war er aus „Nüchternheit“ „gefeit“ (B 454–

271 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 65 u. 77.


272 Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 83. Dissinger spricht von „Gefahren“,
„die gerade dem modernen Menschen drohen“; ebenda, S. 95.
164 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

455). Tepebaşılı erkennt die westlich-östliche „Dualität“ und ihr Konflikt-


potential, das darin begründet liegt, dass er „als Mitglied einer Gesell-
schaft die Gelehrten anderer Traditionen zu Rate zieht, um sich im Leben
zurechtfinden“ zu können, und sich der „östlichen Tradition anzupassen
versucht“.273 China, das gegen „Ende des 17. Jahrhunderts“ „immer stär-
ker in das Bewußtsein der Europäer“ trat, beeinflusste führende europäi-
sche Aufklärungsdenker.274
Die extremen Figuren treten einerseits – wie von Canetti intendiert – als
Repräsentanten der ‚westlichen‘ Subjektkrise auf, wobei andererseits,
wenn es sich etwa um die politischen Folgen in Deutschland handelt, ein
nationaler Kriseneinschlag nicht zu übersehen ist. Eine Ausnahmestellung
kommt der zentralen Roman-Gestalt zu. Das autobiografische Material,
das fiktional verformt ist, doch unverkennbar die Eigenheiten des Autors
als Person beschreibt, weist Kien spiegelverzerrt als Canetti aus. Während
Canetti ein denkender (oder auch: philosophierender) Dichter ist, stellt
seine Figur insofern einen dichtenden Denker dar, als zumindest eine wis-
senschaftliche Form der Literarisierung erfolgt. Dagegen kommt Rushdie,
der die Frage aufwirft, ob Kien ein „verkleideter“ Elias Canetti ist, zu dem
Schluss, dass es dem Autor gelungen ist, durch die „solipsistische Stuben-
gelehrsamkeit“ der Figur sich von seinem „Bücherwurm-Helden zu lö-
sen“.275 Wieprecht-Roth spricht indes von einem „homo clausus“, einem
„Prototyp[en]“, wie ihn Horkheimer und Adorno mit ihrer Aufklärungskri-
tik ins Visier genommen haben.276 Auch Dissinger kommt zu demselben
Ergebnis, indem er auf das Selbstverständnis des Gelehrten verweist, das

273 Vgl. Tepebaşılı, Wissenschaft und Wissenschaftler, S. 61.


274 Vgl. Rolf Elberfeld: Kitarō Nishida (1870–1945). Moderne japanische Philosophie und
die Frage nach der Interkulturalität. Amsterdam [u.a.]: Rodopi 1999, S. 24. – Siehe
hierzu auch Wolfgang Franke: China und das Abendland (= Kleine Vandenhoeck-Reihe;
146/148). Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1962.
275 Vgl. Rushdie, Schlange der Gelehrsamkeit, S. 86.
276 Vgl. Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti, S. 79.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 165

ersichtlich wird, als Kien bei seinen Beobachtungen durch Pfaffs Guckloch
seine selektive Wahrnehmung „wissenschaftlich“ „begründet“.277
Aufschluss über Canettis Motiv, den Roman zu verfassen, geben seine Äu-
ßerungen zu den beiden Berlin-Aufenthalten, die er Ende der 20er-Jahre
absolvierte. Canetti siedelte einen eigenwilligen Gelehrten-Typus in einer
zeitgeschichtlich problematischen, ‚extremistischen‘ Zeit an, die der Au-
tor im Gespräch mit Durzak wie folgt beschrieb:

Ich hatte nie zuvor das Gefühl gehabt, der ganzen Welt an jeder ihrer Stel-
len zugleich so nah zu sein, und diese Welt, die ich in drei Monaten nicht
bewältigen konnte, schien mir eine Welt von Irren. […] Der zweite Aufent-
halt (im Sommer 1929), der wieder ungefähr drei Monate dauerte, war
etwas weniger fiebrig. […] Aber was mich nach meiner Rückkehr aus Berlin
am meisten beschäftigte, was mich nicht mehr losließ, waren die extre-
men und besessenen Menschen, die ich da kennengelernt hatte.278

Die Subjektkrise, die Canetti mit der niederen Wiener Gesellschafts-


schicht beschreibt, entwickelt sich ausgerechnet mit jener Figur, die sich
davon abgrenzen möchte, zu klinischem Irrsinn. Die Weltfremdheit des
Kien bedingt eine Anfälligkeit für unsittliches Verhalten, zumal er sich die
entsprechenden Akte anfangs vor allem durch Rationalisierungen zu er-
klären versucht und später verstärkt mit wahnhaften Irrationalismen.279
Treffend führt Dissinger aus, dass die „Personen des Romans“, bis auf
Georg, „Irrsinnigen“ „gleichen“, doch der „Irrsinn nur bei Kien“ eine „kli-
nische Phase“ erreicht.280 Wenn der größten Existenzgefahr der Sinologe
ausgesetzt ist, dann hat dies mit seiner Gelehrtenwelt zu tun, die für ihn

277 Vgl. Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 82.


278 Manfred Durzak: Die Welt ist nicht mehr so darzustellen wie in früheren Romanen.
Gespräch mit Elias Canetti. In: Gespräche über den Roman. Formbestimmungen und
Analysen (= Suhrkamp Taschenbuch; 318). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976, S. 86–102,
hier: S. 91–92.
279 So erklärt er sich im Nachhinein zum Sieger in der Auseinandersetzung mit Krumbholz,
indem er in Bezug auf sein vorübergehendes „Statue[n]“-Dasein von einem „Streich“
spricht und davon, dass er sie in die „Wohnung“ „ein“-„sperrte“ (B 187).
280 Vgl. Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 197.
166 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

die Funktion eines Schutzwalles hat. Erst als im übertragenen Sinn die Bü-
cherdämme brechen, mündet sein Rückzug in ein Gelehrtendasein in eine
pathologische Realitätsverrückung.
Die Konzeption des Roman-Projektes war das Resultat einer Berliner Em-
pirie, die Canetti verschreckte und verstörte. Der „Welt“-Geltungs-An-
spruch relativiert sich mit der Krisenerfahrung des ‚deutschen‘ Subjektes
nur insofern, als für dessen Lebensraum ein gesondertes Maß der Irrita-
tion galt:

Eines Tages kam mir der Gedanke, daß die Welt nicht mehr so darzustellen
war, wie in früheren Romanen, sozusagen vom Standpunkt eines Schrift-
stellers aus. Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie
in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vor-
stellung von ihr zu geben. Das bedeutete aber nicht, daß man sich an ein
chaotisches Buch zu machen hatte, in dem nichts mehr zu verstehen war.
Im Gegenteil: man mußte mit strengster Konsequenz extreme Individuen
erfinden, so wie die, aus denen die Welt ja auch bestand, und diese auf
die Spitze getriebenen Individuen in ihrer Geschiedenheit nebeneinander-
stellen.281

Die „Zerfallenheit“ verweist neben der Taylor’schen Arbeitsteilung, von


der Canetti in einer Aufzeichnung von 1943 spricht (s. A 52), auf die Aus-
differenzierung insgesamt, die sich in der modernen Zeit mit allumfassen-
der Relevanz vollzieht. Mit der industriemodernen Gewichtung errichtet
sich im Roman dadurch eine ökonomische Bühne, die auch der Zurschau-
stellung der ideologischen Verlorenheit dient, dass die Etablierung einer
gefühlskalten Technisierung (Fließbandarbeit, etc.) Hand in Hand mit ei-
nem Verlust ideologischer Gewissheiten (Religion, etc.) ging.
Die extremen Gesellschaftsphänomene, deren Zeuge Canetti in Berlin
wurde, stehen für eine ‚deutsche‘ Form der Desorientierung, die er durch
repräsentative Figuren darzustellen beabsichtigte, wie er sich auch Bienek
gegenüber äußerte:

281 Durzak, Gespräch mit Elias Canetti, S. 92.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 167

Die Sache wurde ernst, als ich 1929 von meinem zweiten Berliner Besuch
nach Wien zurückkehrte. […] Berlin, seine grelle Lebendigkeit, hatte mich
sehr aufgewühlt. Ich beschloß, eine „Comédie humaine an Irren“ zu
schreiben und entwarf acht große Romane. Jeder von ihnen war um eine
extreme Figur angelegt, eine Figur am Rande des Irrsinns. Sie waren alle
Übersteigerungen, bestimmte Phänomene der Zeit. Es gab einen religiö-
sen Fanatiker darunter, einen technischen Phantasten, einen Sammler, ei-
nen Verschwender, einen Gegner des Todes, den ich den Todfeind nannte,
einen gelehrten Pedanten usw. Mit diesen Figuren und ihren sehr ab-
wechslungsreichen Schicksalen wollte ich die Wirklichkeit wie mit Schein-
werfern von außen her, vom Rande her, ableuchten.282

Dass von den „acht große[n] Romane[n]“, die jeweils „um eine extreme
Figur angelegt“ waren, ausgerechnet der „gelehrte[] Pedant[]“ seine Rea-
lisierung erfuhr, weist auf die genannte autobiografische Folie. Die Philo-
logen-Figur bot dem Autor die Möglichkeit, kontrastiv mit der Vernunft-
praxis einer fortschrittsgläubigen Zeit zu verfahren. Kiens irrationaler Zu-
gang, der sich allmählich von seiner, teils unkonventionellen, wissen-
schaftlichen Praxis abhebt, steht jenem Zweckfortschritt entgegen. Indem
er sich als Privatgelehrter gegen Gepflogenheiten des wissenschaftlichen
Arbeitens (Universalbildung) wie des akademischen Bereiches wendet
(Konferenzen, etc.), zeigt sich seine Sonderposition zur Ratio schon vor
Beginn der Wandlung.
Die Ausnahmestellung des Kien, der nicht bloß als „Figur am Rande des
Irrsinns“ zu gelten hat,283 sondern letztlich dessen Zentrum bildet, ist die
Folge einer krisenhaften Zeit. Die war in ihrem blinden Vernunftglauben
teils technisch, aber in den ‚deutschen‘ Landen auch politisch-ökono-
misch, aus den Fugen geraten. Der erste, ‚westliche‘ Faktor definiert sich
zudem durch die weltanschauliche Brüchigkeit, der das industriemoderne
Subjekt ausgesetzt war. Was Kien in den (klinischen) Wahnsinn treibt, in

282 Canetti/Bienek, ‚die Wirklichkeit ableuchten‘, S. 9.


283 Vgl. ebenda.
168 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

eine „zweite Wirklichkeit“,284 ist gerade das Scheitern seiner Bemühun-


gen, sich der allgemeinen Desorientierung zu entziehen. Eingeleitet wird
der Verfall durch eine Repräsentantin der österreichischen Primärgesell-
schaft, die in seine Bücherwelt vordringt und ihn systematisch hintergeht.
Bei anderer Gelegenheit, im Gespräch mit Durzak, beschreibt der Autor
erneut sein Urkonzept der ‚extremistischen‘ Haltungen:

Ich faßte jenen Plan einer Comédie Humaine an Irren und entwarf acht
Romane, um je eine Figur am Rande des Irrsinns angelegt, und jede Figur
war bis in ihre Sprache, bis in ihre geheimsten Gedanken hinein von allen
anderen verschieden. Was sie erlebte, war so, daß keine andere dasselbe
hätte erleben können. Nichts durfte austauschbar sein, und nichts durfte
sich vermischen. Ich sagte mir, daß ich acht Scheinwerfer baue, mit denen
ich die Welt von außen ableuchte. Ein Jahr lang schrieb ich an diesen acht
Figuren durcheinander, je nachdem, welche mich im Augenblick am meis-
ten reizte.285

Wenn die zeitliche Eingrenzung, was die Romanidee betrifft, die Berlin-
Besuche in den Jahren 1928 und 1929 (Sommer) zutage fördert, die kurz,
aber faktisch unbestreitbar, vor der Weltwirtschaftskrise von 1929 liegen,
spricht dies für eine kulturkritische Analyse als vorrangigen Schreibzweck.
Zwar sah er zwischen den Erfahrungen, die er in Wien und Berlin machte,
mitunter substantielle Unterschiede, wie aus seiner Erklärung hervorgeht,
dass die Blendung zum „Teil“ aus einem „merkwürdigen Konflikt“ der
„Wiener Eindrücke mit den Berliner Erlebnissen entstanden“ ist.286 Doch
unbestreitbar war das Krisengefühl in Wien wie Berlin, den ehemaligen
Residenzstädten, ein gleichgeschaltetes. Da es sich im Roman um ein Wie-
ner Milieu handelt – das des/der ‚kleinen Mannes/Frau‘ –, legt sich die
Annahme nahe, dass der Autor, ausgehend von den Parallelen in der Ent-
wicklung, wahrsagerisch die Phänomene von Berlin aus auf Wien über-
greifen sah. Denn was Canetti mit einem ‚Extremismus‘ des Denkens und

284 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 41.


285 Durzak, Gespräch mit Elias Canetti, S. 92.
286 Vgl. ebenda, S. 90.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 169

Handelns autobiografisch bezeichnete, liegt mit seinem Blendungs-Ro-


man exemplarisch gestaltet vor.287 Peter Pabisch erkennt den Teilaspekt
„wirtschaftlich und politisch kritische[r] Zeiten“ und jenen einer „typi-
schen Unmoral“, die er jedoch, in ausdrücklicher Abgrenzung von Berlin,
an die Erfahrung des Zerfalles des Habsburgerreiches knüpft und an eine
psychologische Notwendigkeit zur „Überkompensierung im Wunsch nach
Weltgeltung“.288
Innerhalb der Schichten von Arbeiterschaft bzw. Kleinbürgertum, die
mittlerweile religiös-ethischer Gebote verlustig gegangen waren, schlägt
nicht zuletzt das ökonomische Krisenmoment durch – als besagte mone-
täre Inflation. Zum Zentrum der Romanhandlung, die sich von der Krisen-
mentalität der Stadteinwohner maßgeblich speist, zählt ein Geldwertver-
fall, der keine hyperinflationären Züge trägt. Die Figur der Krumbholz be-
schreibt die Teuerungsproblematik, gemäß ihrem Sprachgebrauch, mit
den Worten, dass „alles von Tag zu Tag teurer“ wird: „Die Kartoffeln kos-
ten bereits das Doppelte.“ (B 28) Auch ihre Klage darüber, dass es eine
„Kunst“ ist, bei den „Preisen auszukommen“ (B 28), verweist auf eine
wirtschaftlich prekäre Zeit. Dissinger schreibt der Haushälterin, neben
„Habgier“, eine rationalisierende „Kartoffellogik“ zu.289 Strucken ergänzt
massentheoretisch zum Geldwert-Motiv, dass ihr die „steigenden Preise,

287 Dem 1930/31 entstandenen Werk wurde vor der Veröffentlichung keine Überarbei-
tung im engeren Sinn mehr zuteil, wie Canetti in seiner Autobiografie betont
(s. FO 344).
288 Vgl. Peter Pabisch: Leben, Überleben, Weiterleben als literarisches Anliegen in Elias
Canettis Die Blendung. In: John Pattillo-Hess und Mario R. Smole (Hg.): Canettis Auf-
stand gegen Macht und Tod. Wien: Löcker 1996, S. 30–40, hier: S. 33.
289 Vgl. Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 107 u. 108. – Die Klage seiner Ver-
mieterin, dass die „Kartoffeln“ „bereits das Doppelte kosteten“ (FO 219), deren Zeuge
er 1927 wurde, hat den Hintergrund einer Missernte, die zu einer „außergewöhnlichen
Verteuerung der ‚heurigen‘ Kartoffeln“ führte; Bundespressedienst (Hg.): Österreichi-
sches Jahrbuch 1927. Nach amtlichen Quellen. Wien: Verlag des Bundespressediens-
tes 1928, S. 64. Canetti weicht im Roman von den faktisch-empirischen Gegebenhei-
ten dadurch ab, dass er eine generelle Inflationsproblematik beschreibt, die zu dieser
Zeit nicht (mehr) vorlag.
170 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

die Inflation, wie eine Wertminderung ihrer eigenen Persönlichkeit vor-


kommen“ müssen.290 Strucken erkennt in Krumbholz’ Verhalten eine
kompensatorische Identitätsentwertung, die sich als jene Determinante
zu erkennen gäbe, die in Masse und Macht die Shoa zu erklären vorgibt:
„Diesen Prozess [der ‚Wertminderung‘] vollzieht sie an Kien: Sie demütigt
ihn, setzt ihn herab und misshandelt ihn.“291 Beiden Fällen, jenem der fik-
tionalen Einzel- wie der historischen Massen-Vernichtung, legt Canetti
eine Inflationserfahrung zugrunde, wobei er allein für die Shoa eine hy-
perinflationäre Kausalität ansetzt. Die in der Blendung beschriebenen
Massenphänomene, die als Folge des politisch-wirtschaftlichen Wandels
zu werten sind, stützen die Ansicht einer Kollektiv-Krise.292 Auer erkennt
darin jene ‚innere‘ Masse, die Georg Kien beschreibt und die als solche
„Ziel und Ursache aller im Roman vertretenen Ideen“ sei: „Die Masse […]
ist die Triebkraft des Geschehens, und sie bestimmt auch seinen tödlichen
Ausgang.“293 Die Folgefrage, ob Canettis Nationalismus und seine Argu-
mentationsmuster sich bereits im Roman niederschlagen, noch vor der
Masse und Macht-Schrift, ist ebenfalls zu bejahen.
So hat man, ausgehend von Canettis Kritik, in den Berliner Städtern jener
Zeit Paradevertreter einer Subjektkrise zu sehen, die zum Ersten, maß-
geblich von Einstein und Freud fundiert, in den ‚westlichen‘ Gesellschaf-
ten um sich griff und zum Zweiten im deutschsprachigen Raum von nati-
onalistischen Rachegefühlen, die sich in der Inflationsökonomie akkumu-
lierten, noch verschärft wurde (Dolchstoßlegende). Canetti hatte das Ber-
lin der Jahre 1928/29 nicht zuletzt vor einem politisch-ideellen Hinter-
grund als belastet zu erscheinen. Erinnert sei an die Extrempositionen der
Oppositionsparteien, die in ökonomischen Krisenzeiten den Zeitgenossen

290 Vgl. Strucken, Masse und Macht, S. 188.


291 Ebenda.
292 Siehe zu den Motivkomplexen von Masse und Macht im fiktionalen Werk: Strucken,
Masse und Macht. – Siehe v. a. zum Aufbau der Blendung und zur thematischen An-
lage: Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn.
293 Auer, Genie und Sonderling, S. 70.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 171

einfache Lösungen offerierten. Gerade der Kien-Figur in ihrer abgekapsel-


ten Gelehrsamkeit gelingt es lange Zeit, wie zu mutmaßen ist, den gesell-
schaftlichen Irritationen zu entgehen. Davon, dass dies nur unter der Vo-
raussetzung der Weltfremdheit und Subjektsubstitution zu realisieren ist,
gibt Kien ein beredtes Beispiel. Der gesellschaftliche Rahmen bestätigt die
Annahme, dass dessen Höchstmaß an Gelehrten- und Lektüredisziplin ein
Spiegelbild der sozialen Umstände ist. Gleichzeitig ist nicht zu verkennen,
dass sein Universalitätsanspruch ein den originären Studieninteressen
entsprechender ist.
Wie ausgeführt, bildet die ‚deutsche‘ Ausformung nur einen, wenn auch
signifikanten, Aspekt der Berliner Mentalität zu Weimarer Zeiten. Im all-
gemeinen, ‚westlichen‘ Krisenzentrum steht die Erschütterung der Selbst-
wahrnehmung des Menschen, die unter anderem durch dessen ‚Getrie-
benheit‘ definiert wurde. Zu diesem grundsätzlichen Bezugsrahmen sind
auch der moderne Mensch und seine verengte Vernunftgläubigkeit zu
rechnen. Peter Russell ist der abweichenden Ansicht, dass der Roman
„kein Abbild unseres Zeitalters“ ist, sondern eine „perverse und groteske
Phantasie“ („is not an image of our age; it is a perverse and grotesque
fantasy“).294
Neben dem Verlust tradierter Muster der Welterklärung, den der Autor
in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen beschreibt, suggeriert sich
dem Lesenden so eine Anfälligkeit für Nationalismen, die nicht zuletzt als
ökonomisches Resultat zu verstehen ist. Warum er damit eine Folge des
Fortschrittes beschreiben wollte, wird historisch einsichtig, wenn man die
Labilität der politischen Lage bedenkt, die sich mit der jungen Weimarer
Republik verband und in der Hauptstadt Berlin maßgeblich abzeichnete.
Erst die Masse-Macht-Schrift wird die zugehörigen Ressentiments, die un-
ter den ‚deutschen‘ Reichs-Sentimentalisten bestanden, in ganzer Fülle
zutage befördern und in ihrer Angemessenheit zu erklären versuchen. Die

294 Vgl. Peter Russell: The vision of man in Elias Canetti’s Die Blendung. In: German Life &
Letters 28 (1974/75), S. 24–35, hier: S. 30.
172 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

angesetzte „Welt“-Geltung der Subjektkrise,295 die bei Canetti die Grund-


konzeption bildet, meint dagegen den ‚westlichen‘ Aspekt.
Zwar ist es möglich, die beschriebene Orientierungslosigkeit als Synonym
für Irrationalität an sich zu lesen. Doch zeigt es sich, unter Berücksichti-
gung der Erklärungen des Autors, dass sein vornehmliches Ziel darin lag,
Kritik an der technisch-wissenschaftlichen Vernunftpraxis jener Zeit zu
üben. Die neuen politischen Wahrheiten im deutschsprachigen Raum, die
ausgeprägte Züge der Unvernunft trugen, erscheinen so als mittelbare
Folgewirkung. In der Masse und Macht-Schrift konstruiert Canetti eine
historische Determinantenkette, mit zweimaligen Kausalitäts-Einschlag,
an deren Ende eine Opferrolle des ‚deutschen‘ Kulturkreises steht. Bereits
mit seinem Roman setzt Canetti die Deutschen in den Status von Opfern
ein – wenn auch hintergründig –, was Auswirkungen auf das repräsenta-
tive Schicksal des jüdischen Kien nach sich zieht.
Die ideelle Verfasstheit der Deutschen in der Zwischenkriegszeit, die eine
Folge des problembeladenen Fortschrittes war, zeigte nicht zuletzt ein
Streben nach nationalistischem Neuanfang. Angesiedelt im Interbellum,
macht der (dynamische) Opferstatus des Kien eine kollektive Geistesver-
fasstheit deutlich, die sowohl im Gegensatz zum gelehrten Weltzugang
der Romanfigur und seines Autors als auch zum Lebensumfeld des histo-
rischen Kant steht, zum weltoffenen Königsberg des 18. bzw. 19. Jahrhun-
derts. Lediglich ersterer, autobiografischer Aspekt trägt das Romankon-
zept, während durch den zweiten ein verallgemeinertes Verständnis be-
fördert wird.
Canettis Kritik gilt weder allein dem Bürgertum noch einzig der Arbeiter-
schaft, sondern vereint beide Gesellschaftsbereiche in seiner Darstellung
einer zur Konvention gewordenen Irratio. Die zeigt sich im Roman auch
ökonomisch fundiert, bei aller motivischen Dezenz, und greift in ihrer Kol-
lektivdynamik der anthropologischen Masse-Macht-Schrift voraus. Eine
Kritik am Fortschritt übt Canetti in der Blendung unter anderem in dem

295 Vgl. Durzak, Gespräch mit Elias Canetti, S. 92.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 173

Sinn, dass er die Auflösung der Welterklärungskonzepte als Zwischen-


phase betrachtet, die zu einem kapitalistisch-demokratischen Weltzu-
gang geführt hat.
In seiner universalanthropologischen Schrift sind die kulturellen Errun-
genschaften an die Kategorien des Herrschens und der ‚Berührungsfurcht‘
gekoppelt – und zwar moderat deterministisch in erster Instanz. Lediglich
eine bedingte Steuerung der Ereigniswege, deren Ziel notwendig ein de-
fätistisches zu sein habe, sei den jeweiligen Zeitgenossen bzw. ihren Ver-
antwortungsträgern möglich. Im hochindustriellen Zeitalter ergebe sich
etwa die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.
Erst in zweiter Instanz tritt der ‚Hüter‘ und seine Fähigkeit zur Verwand-
lung hinzu. Dem entgegen steht seine frühe Auffassung vom Dichter, den
Canetti in der Broch-Rede als „schöne[n] Vogel“ bezeichnet, „dem die Flü-
gel gestutzt wurden, aber seine Freiheit sonst belassen“ (GW 107). Den
gewöhnlichen Zeitgenossen als „eigentlichen Herren und Insassen der Kä-
fige“, denen er sich „entzieht“ (GW 107–108), ist keine Selbstbefreiung
möglich. Nur eine dichterisch erwirkte Entfesselung vermöge der Welt –
letztinstanzlich – ein anderes Antlitz zu verleihen, wie Canetti in seiner
Broch-Rede ausführt: „Seine Sehnsucht nach jenem großen Zusammen-
hang, nach der Freiheit über allen Käfigen, behält er [der Dichter] immer.“
(GW 108) Wenn er das Ziel eines „animalische[n], seiner selbst und seines
Endes nicht bewußte[n] Leben[s]“ ansetzt (GW 106), schließt sich ein neu-
mythischer Weltsichtkreis.
Die Konzeption dieser Rede von 1936 basiert auf der maximalutopischen
Vorstellung, die den Menschen zu einem vorbewussten Wesen degra-
dierte, das sich seines Todes nicht länger bewusst wäre. Dass so die Ratio
zu einer archaischen Form degenerierte, geht aus dem kognitiven Ziel her-
vor. Denn auch der frühe Canetti ist kein Vertreter einer reinen Vernunft,
die die Masse-Macht-Defizite auf klassisch aufklärerische Weise, durch
schlichte Bewusstwerdung, zu überwinden sucht. Geschuldet ist seine
Haltung, die der ‚Empathie‘ eine Primärposition zuspricht, einer Forde-
rung nach Irrationalität. Selbst der späte Canetti ist als ein Zivilisations-
pessimist zu benennen, der sich nie seinen Hang zur Utopie nehmen ließ,
174 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

indem er die Möglichkeit eines neuen Zivilisationspfades ansetzte. Seine


empathische Attitüde wird in die offizielle Einführung der Verwandlungs-
Funktion münden, und zwar in der Masse-Macht-Schrift, die später mini-
malutopisch an die Rolle des ‚Hüters‘ gekoppelt wird.
Durch ein einerseits weltanschauliches (Ismen) und andererseits poli-
tisch-wirtschaftliches (Nationalismen/Inflation) Krisenmoment, das sich
moralisch in Form von Unberechenbarkeit und Hinterhältigkeit zeigt, fällt
Kien seinen Mitmenschen – finanziell wie gewaltmäßig – wiederholt zum
Opfer. Bereits das Einsiedlerhafte seiner Gelehrtenexistenz verleiht Kien
die Züge einer mythischen Gestalt, die in friedlicheren Zeiten partiell für
jenen Dichter taugte, der von der „Zeit“ „nicht“ ‚entlassen‘ wird (GW 99).
Abgesehen von der ‚Zeitknechtschaft‘, zeigt sich ein Schriftschaffen, das
bei Kien als dichterisches Rudiment vorliegt. Denn der Dichter habe eine
Lebensanleitung zu formulieren, die seine Zeitgenossen aus ihrem zweck-
rationalen Alptraum erwachen lasse und – idealerweise – in einen neu-
mythischen Zustand überführte. Dazu hätte sich Kien, in philosophischer
Auseinandersetzung mit einer deutungswürdigen Zeit, dichterisch zu be-
tätigen. Daher realisiert sich mit ihm auch die ‚literarische‘ Variante des
„Überlebens“ als ‚Hüter‘ (MM 267), die Canetti als sekundäre, doch zeit-
lose Form der Todesbezwingung würdigt, in einem niederen Grad.
Die Figur stellt wiederholt unter Beweis, dass sie zu den altchinesischen
Meistern, die der europäischen Aufklärung als Leitsterne dienten, ein af-
fines Verhältnis pflegt. Mit der zweiten Phase wird eine allumfassende
Lossagung erfolgen, die eine neu-mythische „Vergangenheit“ zum Ziel
hat.296 Insgesamt zeigt sein Gelehrtenleben, das sich gegen die „Dumm-
heit der Menschen“ auflehnt (B 19), einen fortschrittskritischen Zug.

296 Nach dem tätlichen Übergriff auf Kien folgen Überlegungen, die nicht nur von einer
Flucht vor der Realität zeugen, sondern überdies von der Idee einer Vorzivilisation.
Denn Kien überlegt, dass am „Anfang“ das „Wort“ war: „aber es war, also war die
Vergangenheit vor dem Wort“ (B 169). So hegt er die Hoffnung nach einer „Zeit“, „da
die Menschen ihre Sinne zu Erinnerung und alle Zeit zu Vergangenheit umschmieden
werden“ (B 169). Wenn er kurz vor dem Rauswurf noch der Meinung ist, dass er seine
wissenschaftlichen „Notizen“ für „später“ „braucht“ und die „Arbeit“ auf ihn „wartet“
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 175

Gleichwohl ist dieser Büchermensch der Beweis dafür, dass in einer ext-
remen Zeit den von Macht- und Massegelüsten getriebenen Normalbür-
gern mittels herkömmlicher Bildung nicht beizukommen ist. Verfällt Kien
doch selbst, er, der sich von den akuten Zeitsymptomen abgekapselt hält,
jener Irratio, die bei ihm obendrein zu einem klinischen Wahn wird. Aus-
gerechnet Kien, dem die Verfallssymptome von historischen Sozietäten
vertraut sind, scheitert an seiner „Dummheit“ (B 220),297 an seinem Bil-
dungs-Anspruch.
Seine Bücherwelten, in denen er lebt, bieten zum einen Schutz, machen
ihn zum anderen aber auch anfällig für sittliches (Fehl-)Verhalten, das ihm
zwar von seinen Büchern her bekannt ist, das er an seinen Mitmenschen
der ‚deutschen‘ Hochzivilisation jedoch nur bedingt zu erkennen vermag.
Sein Narrentum erscheint darin, dass der weltabgewandte Gelehrte in
Konflikt mit deren Verderbtheit gerät, ohne dem eine Attitüde der Reali-
tätsnähe und Lebenstüchtigkeit entgegenzusetzen, sondern allein welt-
fremde Rationalisierungen oder Verklärungen. Hervorgerufen wird seine
Flucht vor der Realität, die zuerst närrische und später, nach der Heirat,
pathologische Züge trägt, durch eine verhängnisvolle Massendynamik,
die ihn in den Feuertod treibt.
Zwar setzt ein „wahre[s]“ Dichten (GW 101), das Canetti in der Broch-
Rede beschreibt, eine Loslösung von „jeder empirischen oder sozialen Be-
dingtheit“ voraus (GW 104), doch gleichzeitig gilt ihm der Dichter als
„Hund seiner Zeit“ (GW 102). Jene Zeit-‚Verfallenheit‘ trifft, neben dem
Dichter, auch auf Kien zu, der mit seiner Zeit auf das „engste verhaftet“
ist (GW 101). Allerdings zeigt sich mit der Entfremdung, die schon in der
ersten Phase einsetzt, kein ‚dichterischer‘ Mehrwert. Zieht man seine
Existenz als Vorform der Dichter-Instanz, der Canetti huldigt, in Betracht,

(B 175), zeigt sich so ein verzweifeltes, unglaubwürdiges Festhalten am einstigen Le-


bensinhalt.
297 Diese Zuschreibung nimmt Fischerle vor, nachdem er den zerrütteten Geisteszustand
Kiens erfasst hat.
176 3.1 Die ‚deutsche‘ Form der westlichen Subjektkrise

liegt keine aktive ‚Zeitknechtschaft‘ vor. Dennoch ist ihm eine antizipato-
rische Leistung, die das jüdische Schicksal betrifft, nicht abzusprechen.
Wenn Kien in den Flammen seiner Bücher aufzugehen wünscht, geht dies
auf das gesellschaftliche Krisenmoment zurück. Mit seiner Selbstauslö-
schung stellt er dar, was die jüdische Ethnie in jener ‚deutschen‘ Krisenzeit
zu erwarten hatte. Insofern handelt es sich um eine extreme Form von
‚Knechtschaft‘, die performativ das Unheil, das den Juden in der NS-Zeit
drohte, zum Ausdruck bringt. Mit Kiens Flammentod, der das Ergebnis der
Zeitumstände ist, erscheint die eingeforderte Empathie somit als selbst-
bezügliche.
Daneben finden sich im Roman Figuren-Belege für jenen Abfall von der
Industriemoderne, den Canetti als Massenphänomen voraussagte. So
zeigt das Beispiel des am Gorilla-Wahn Erkrankten, dessen Bekanntschaft
Georg in Paris macht, dass dieser ein ähnliches Existential-Dilemma zu
verarbeiten sucht wie Peter. Jener Opferschaft entspricht, dass der Sino-
loge, nach seinem Hinauswurf aus der Wohnung, Station im sogenannten
„ideale[n] Himmel“ macht (B 189). Dieses gleichnishafte Lokal, in dem
überaus zwielichtige Existenzen verkehren („Was waren das für Ge-
schöpfe?“, B 189), erscheint als jene „Vor-Prähistorie“, mit der sich der
Mensch in ein vorbewusstes Affenwesen wandelte. Der einführende Ab-
satz, der die Szenerie in den Rang eines Gleichnisses erhebt, spricht von
„haarige[n] Geselle[n]“ mit „Affengesicht[ern]“, die jeweils an einem ei-
genen „Tisch[]“ saßen (B 189). Während die prekären räumlichen Verhält-
nisse definieren, wie lebenswert jene Vorzivilisation wäre – als einziger
Ausweg aus der Moderne –, bildet sich mit dem Umstand, dass „[j]edes
Marmortischchen“ ein „gesondertes Planetendasein“ „führte“
(B 189), der Aspekt der Meute ab. Analog dazu ist zur Welt des Gorilla-
mannes zu erfahren, dass Georg auf seinem „Planeten gelandet war“
(B 441). In dessen Verhältnis zur Sekretärin bildet sich ein Beziehungsver-
hältnis zwischen Mann und Frau ab, das für den jungen Canetti paradig-
matische Bedeutung hatte. Georg Kiens Wahrnehmung dazu lautet, dass
das „Bild“ die „Vereinigung zweier affenartiger Menschen“ zeigt (B 438)
und es sich um ein „mythisches Liebesabenteuer“ handelt (B 439).
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 177

Darauf, dass die utopische Zielsetzung kognitive Implikationen in sich


birgt, verweist Angelova, die über den Gorilla-Wahn als „Ausstiegsversuch
aus der Sinnlosigkeit des zivilisatorischen Denkens, an dem alle Sinne be-
teiligt sind“, spricht und von dem „Versuch, eine eigene Welt zu fin-
den“.298 Die Dimension der Kognition, die Angelova ausmacht, sieht sie im
Ziel einer ‚ontisch‘-‚logischen‘ Synthese begründet:

Insofern versucht Canetti, im Wahn des Gorillas einen Anti-Platon-Mythos


zu stiften, den Mythos eines von den Fesseln der Nachahmung befreiten,
zur Natur der Dinge und der Beziehungen und zu der ursprünglichen De-
notation zurückkehrenden Menschen, in dem das Ontische und der Logos
sich verbinden.299

Die angesetzte Ganzheitlichkeit ist kennzeichnend für den Neo-Mythos,


der eine neue Beziehung zwischen Gefühl und Ratio zu schaffen beabsich-
tigt.
Dem Krisenmoment begegnet Kien auf neu-mythischem Weg – durch eine
Realitätsverweigerung aus Prinzip, die wahnhaft endet, weil sie die politi-
schen Macht- und Masse-Ereignisse der 30er-Jahre antizipiert. Während
er dem Logos anfangs noch kritisch distanziert huldigt, geht er allmählich
dazu über, irrationale Versuche der Befreiung zu unternehmen. In auch
ökonomisch stabilen Zeiten wäre bei Kien dagegen von einer bemerkens-
werten Eigenheit zu sprechen. Indem er sich politisch-wirtschaftlichen Be-
reicherungs- und Demütigungsabsichten, die vielfältig auf ihn einströ-
men, ausgesetzt sieht, verschärft sich seine wissenschaftliche Weltfremd-
heit zu einem irrationalen Weltzugang. Dabei bleibt festzuhalten, dass
Kien sich charakterlich und prinzipienhaft lange Zeit in hohem Maß treu
geblieben ist, während sich die Gesellschaft in ihrer Krisenempirie bereits
gewandelt hat.

298 Vgl. Angelova, mythisches Denken, S. 265.


299 Ebenda.
178 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

3.2 Kien, der jüdische Sündenbock


Liest man Canettis Roman als zeitgeschichtliches Sozial- wie Sittenbild,
sieht man sich einerseits mit einem feindlichen Kleinbürger- und Arbeiter-
milieu konfrontiert, das in der Hauptfigur zwar nicht nachweislich ein eth-
nisches Feindbild ausmacht, doch diese entschieden bekämpft, und ande-
rerseits einer Außenseiterfigur gegenüber, die von der Irratio der gesell-
schaftlichen Zustände lange Zeit abgeschottet bleibt. Wiewohl Kiens Ar-
beitsweise und Studieninteressen das Signum des Absonderlichen eignen,
sind sie darin – unter impliziter Bezugnahme auf Canetti – geniehaft auf-
gewertet. Die Besonderheit des Kien hebt sich, zusammen mit Fischerle
und der Bruderfigur des Georg, vom übrigen Inventar ab. Die Pole von
pathologischem Irrsinn bzw. gelehrter Enthobenheit/genialischer Abnor-
mität sind soziologisch insofern miteinander verbunden, als anhand der
Kien-Figur assoziativ das nahende Unheil avisiert wird, dem maßgeblich
die jüdische Ethnie ausgesetzt war. Dass Kiens jüdischer Hintergrund die
Feindseligkeiten deshalb nicht erklärbar macht, weil ein antisemitisches
Sentiment (figurensprachlich) nicht nachweisbar ist, verklausuliert die
Prophetie (des Autors).
Die zugehörige Frage nach der ethnischen Abkunft, die Kien wie Fischerle
zu Landsleuten im kulturellen Sinn macht, lässt sich erst in Form eines
punktuell gesetzten Erzähler-Kommentars klären, der inmitten einer erle-
benden Rede des Fischerle vorliegt und eine Schlüsselinformation ent-
hält:300

Fischerle machte eine ganz kleine Pause, um die Wirkung des Wortes ‚jü-
disch‘ auf sein Visavis zu beobachten. Kann man wissen? Die Welt wim-
melt von Antisemiten. Ein Jude ist immer auf der Hut vor Todfeinden.
Bucklige Zwerge und gar solche, die es trotzdem zum Zuhälter gebracht

300 Vgl. Gernot Wimmer: Enteignung, Vertreibung und Vernichtung. Elias Canettis Die
Blendung als Antizipation der Judenpolitik im NS-Totalitarismus. In: Traditionen, Her-
ausforderungen und Perspektiven in der germanistischen Lehre und Forschung. 90
Jahre Germanistik an der St.-Kliment-Ochridski-Universität Sofia. Hg. von Emilia Dent-
schewa und Maja Frateva [u.a.]. Universitätsverlag Sofia: Sofia 2015, S. 85–98, hier: S.
89.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 179

haben, sind scharfe Beobachter. Das Schlucken des andern entging ihm
nicht. Er deutete es als Verlegenheit und hielt von diesem Augenblick an
Kien, der nichts weniger war, für einen Juden. (B 196)

Die Attribuierung, dass Kien „nichts weniger“ als ein Jude war, die Fischer-
le vornimmt, erlaubt entweder die strenge sprachlogische Deutung einer
Verneinung oder die sprachkonventionelle einer Bestätigung (im Sinn von
‚nichts anderes‘). Für letztere Auslegung spricht die konzeptionelle Anlage
des Romans. Denn der Gebrauch einer uneindeutigen Wendung fügt sich
zur hintergründigen Dezenz, mit der Canetti die späte ‚deutsche‘ Zwi-
schenkriegsgesellschaft in ihrer Opferrolle beschreibt. Die missverständli-
che Phraseologie führt zu einer Verschleierung der jüdischen Verweis-
struktur und zur Notwendigkeit einer umsichtigen Rekonstruktion. Sigurd
P. Scheichl dagegen geht von einer Verneinung aus, die vonseiten des Er-
zählers aus Gründen einer breiter angelegten Gesellschaftskritik erfolgt
(„not wanting him to appear (only) as a Jew at the expense of more gene-
ral levels of meaning“): „In saying that Kien is not a Jew, Canetti admits
that he could be taken as such.“301 Die ableitbare Frage, ob figurensprach-
liche Bezugnahmen abwertender Natur auf Kien als Juden deshalb unter-
bleiben, weil damit hermeneutisch labyrinthisch das Grundkonzept ver-
schleiert werden sollte und die Exegese erschwert, ist daher zu bejahen.
Gleichzeitig spiegelt sich in jener Verwischung der jüdischen Identität die
erfolgreiche Assimilationsleistung des Kien, die zu einem Schwund an jü-
disch-kulturellem Einschlag führt.302

301
Sigurd P. Scheichl: Is Peter Kien a Jew? A reading of Elias Canetti’s Auto-da-fé in its
historical context. In: The Jewish self-portrait in European and American literature
(= Conditio Judaica; 15). Hg. von. Hans-Jürgen Schrader und Elliott M. Simon [u.a.].
Tübingen: Niemeyer 1996, S. 159–170, hier: S. 170.
302 Stieg spricht davon, dass ein „zweiter Blick, der nicht zuletzt jener Fischerles ist“, „ver-
muten“ „läßt“, „daß Kien doch auch das Schicksal der jüdischen Assimilation repräsen-
tiert“; Stieg, Frucht des Feuers, S. 127. – Trotz der vollzogenen Assimilationsleistung
ist ein ethnisch einschlägiges Sichidentifizieren auszumachen, wie der Abschnitt zur
„Mobilmachung“ zeigt (B 97). Siehe hierzu Fußnote 323.
180 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

Der intermediale Abgleich mit Rembrandts Die Blendung Simsons, einem


Gemälde, das Canetti beeindruckte, bestätigt die These zur originären
Ethnie. Der israelitische Übermensch diente ihm als Identifikationsfigur,
in deren Schicksal sich jenes des Kien widerspiegelt. Demgemäß steht der
physiognomischen Kenntlichmachung der ethnischen Herkunft des Fi-
scherle, die auf gängige Klischees wie Buckel, Kleinwüchsigkeit und Na-
senform setzt, die Anomalie eines „lange[n]“ und „hagere[n]“ (B 8), groß-
gewachsenen Kien gegenüber, was dessen asketische Intellektualität be-
tont.
Vordergründig stellen sich als Leidens-Motive die ökonomische Not des
genannten Wiener Milieus dar, wie aus dessen Bereicherungsakten zu er-
schließen ist, sowie eine institutionelle Benachteiligung von Hilfsbedürfti-
gen. Unverdeckt wird eine antisemitische Gesinnung dagegen an der jü-
dischen Fischerle-Figur deutlich, die in ihrer veritablen Existenznot be-
schrieben ist. Ihre derb-kollektive Sprachmaske drückt aus, dass es im
Verständnis von christlich-deutschen Österreichern zu jener Zeit keine ge-
ringere Existenz gegeben habe als die eines Juden. Im Gegensatz zu Kien,
einem Abkömmling des vermögenden Bürgertums, fungiert Fischerle als
Personifikation eines Menschentypus, der intellektuell zwar begütert
ist,303 doch von der Gesellschaft ob seiner jüdischen Herkunft an den Exis-
tenzrand gedrängt wird: „Zwanzig Jahre wart ich auf ein Stipendium.“
(B 196) Dass Fischerle, der trickreich seinen Lebensunterhalt zu bestreiten
weiß und als vernunftbegabter Mensch zu bezeichnen ist, in seinen assi-
milatorischen Versuchen scheitert,304 zeichnet ein pessimistisches Bild
von der Wiener Gesellschaft. Bollacher spricht davon, dass das „aufkläre-
rische Paradigma der Assimilation“ in der „Gestalt Fischerles in Frage ge-
stellt“ wird.305

303 Curtius ist der weitgehenden Ansicht, dass er unter „anderen sozialen Verhältnissen“
„Wissenschaftler“ geworden wäre; Curtius, Kritik der Verdinglichung, S. 52.
304 In Bezug auf Fischerle erkennt Stieg, dass dieser von der „Assimilation“ „träumt“;
Stieg, Frucht des Feuers, S. 128.
305 Vgl. Bollacher, Canetti und das Judentum, S. 41.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 181

Gestützt findet sich die These zum potentiellen Spannungsfeld von


Deutsch-Österreichischem und kulturell Fremdem, wie es sich historisch
in Krisenzeiten zeigte,306 durch die Tatsache, dass im jüdischen Bürgertum
der Intellektualität ein hoher Stellenwert zukam. Aus historischer Sicht
war es das in überdurchschnittlichem Umfang angehäufte symbolische
Bildungskapital, das Teilen jener Ethnie den ökonomischen Erfolg be-
scherte. Dies verschaffte ihnen eine (superiore) gesellschaftliche Außen-
position, trug in Krisenzeiten aber zu der Bereitschaft der ‚Deutschen‘ bei,
sich an dieser Minderheit – auch psychisch kompensatorisch – schadlos
zu halten.
Aus diesem ethnischen Blickwinkel wird einsichtig, warum Kiens Lebens-
weg mit einem Akt der Selbstzerstörung endet, durch den die allgemeine
Feindseligkeit, die auf ihn einströmt, ihren tragischen Höhepunkt findet.
Für das Schicksal der jüdischen Ethnie, der die Figur verschleiert, doch er-
kennbar zugeschrieben wird, ist bezeichnend, dass es sich um einen Flam-
mentod handelt, um eine Einäscherung, initiiert von eigener Hand. Diese
sollte nur wenige Jahre später im NS-Reich, zu dem sich die Weimarer Re-
publik abrupt gewandelt hatte, staatlicherseits vollzogen werden.307 Das
Feuermotiv, das in der Blendung an die Bücherschriften gekoppelt ist, ruft
eine Passage aus Heinrich Heines Tragödie Almansor in Erinnerung, der-

306 Die industrielle Revolution, die Gewinner wie Verlierer hervorbrachte, war einer jener
Umbruchsmomente, die eine Aktivierung des antisemitischen Sentiments bewirkten:
„In Europe, some revived old stereotypes of ‚the Jews‘ as exploiters of the poor and
usurers who get rich from the financial misfortunes of others.“; Phyllis Goldstein: A
convenient hatred: The history of antisemitism. Brookline, MA: Facing History and
Ourselves National Foundation 2012, S. 207.
307 Stieg spricht verallgemeinernd davon, dass mit Kien die „Gefahr“ „germanische[r]
Weltbrandphantasien“ zum Ausdruck gelangt, als „‚Wiederkehr‘ des Massentriebs“;
Stieg, Frucht des Feuers, S. 144.
182 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

zufolge man „dort“, „wo man Bücher / Verbrennt“, „auch am Ende Men-
schen“ „verbrennt“.308 Heines Lehrsatz, der sich auf eine historische Bü-
cherverbrennung bezieht, die im Rahmen der Zwangsbekehrung der Mau-
ren erfolgte – und von der Koranexemplare betroffen waren –, ist in der
Folgezeit als dichterische Prophetie der Shoa gedeutet worden. So nimmt
Canetti mit dem Sinologen das Schicksal vorweg, das seiner Ethnie im Ge-
samten beschieden war: eine rational wie rationell geplante Vernichtung,
vollzogen in einer extremistischen modernen Zeit, deren Opfer dem deut-
schen Volk noch über den Tod hinaus zur materiellen Bereicherung die-
nen sollten. Damit erweist sich der Gelehrte als stummer Wahrsager des
zivilisatorischen Niederganges.309 Barnouw ist der ambivalenten Ansicht,
dass mit Kiens „Selbstverbrennung“ einerseits hellsichtig die „Bücherver-
brennungen im Nazideutschland“ antizipiert werden und andererseits der
Lesende zugleich ins „China des dritten vorchristlichen Jahrhunderts“ zu-
rückgewiesen wird.310 Treffend schreibt Auer zur zeitgeschichtlichen Be-
deutung, dass der Romanautor der „Geschichte ihre Irrsinnsbilder dort
entlockte, wo sie am modernsten ist“: „Im Jahre der Nazi-Bücherverbren-
nungen und des Reichstagsbrandes war sein Roman abgeschlossen. Kris-
tallnacht, Krieg und KZs standen noch bevor.“311 Die historische Prophetie
lässt sich, binnenfiktional gesprochen, auf Kiens neu-mythische Wandlung
zurückführen. Er zielt zwar nicht darauf ab, für die ‚Käfig‘-„Insassen“
(GW 107) eine Fluchtempfehlung zu formulieren, doch stellt sein Wahn,
dem er verfällt, den maximalutopischen Ausweg dar. Dass sich Kien damit
nicht zufrieden gibt, im Gegensatz zum Gorillamann, ist die Folge der zeit-
geschichtlichen Pression. Seinem Abdriften ins klinisch Pathologische
liegt, wie ausgeführt, eine politisch-wirtschaftliche Krise zugrunde. Bloß

308 Vgl. Heinrich Heine: Tragödien. Nebst einem lyrischen Intermezzo. Berlin: Ferdinand
Dümmler 1823, S. 148. – Auf Heine hat in diesem Punkt bereits Rushdie verwiesen;
Rushdie, Schlange der Gelehrsamkeit, S. 87.
309 Siehe zum Motiv der Bücherverbrennung den Aufsatz des Vf.s: Enteignung, Vertrei-
bung und Vernichtung, S. 93–96.
310 Vgl. Barnouw, Einführung zu Canetti, S. 152.
311 Auer, Genie und Sonderling, S. 71.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 183

auf den ersten Blick stellt sich Kiens Schicksal, seine „Blendung“, als
exemplarisches „Gegenteil von Verwandlung“ dar.312 Kien erfährt durch
das soziale Umfeld jene „Stöße“ (GW 368), die in der Münchner Rede im
Zeichen der Verwandlung stehen. In der Rede von 1936 wird allgemeiner
eine ‚Zeitknechtschaft‘ angesetzt.
Die Bruderfigur des Georg, der in Paris tätige Psychiater, erkennt den
‚deutsch-westlichen‘ Wahn von Krumbholz und Pfaff, den er unter An-
wendung seiner Professionskünste zu bändigen versteht. In seinem Bru-
der, den er auf den rechten Weg gebracht sieht, täuscht er sich allerdings.
In seiner Emigrantenperspektive wäre vor allem er dazu berufen, das Un-
heil, das sich mit Peter verbindet, als jenes des verfolgten Juden zu erah-
nen. Dass er dieser Berufung tatsächlich gerecht wird, doch in Form einer
unbewussten Antizipation, wie sie mit dem Termiten-Gleichnis vorliegt,
weist auf ein Verdrängen der Erstsymptome der großen jüdischen Kata-
strophe hin. Bischof sieht den Mediziner am ‚Empathie‘-Modus scheitern,
wenn sie undifferenziert erklärt, dass er den „Wahnsinn seines Bruders“
„nicht“ „erkennt“.313 Und Auer spricht, die diffizile Motivstruktur verein-
fachend, von der Abwandlung eines Befehles: „Kien wird dem Überre-
dungskünstler [‚Psychiater‘] aufs Wort folgen – jedoch anders, als jener
sich’s träumen läßt.“314 Dies ist die politisch-zeitgenössische Seite, die an-
tizipativ an Georg Kien gebunden ist.
Doch nicht nur ein derartiger Massenvorgang spiegelt sich im Schicksal
des Kien, sondern auch eine kollektive Realitätsumkehr nach der Art der
Maximalutopie. Diese realisiert sich dann, wenn es der ‚inneren‘ Masse
gelingt, den Bildungswall zu überwinden. Georg Kiens Ausführungen zum
Zerfall einer Termiten-Kolonie erinnern eindringlich an gesellschaftliche
Dynamiken, die insofern aus dem Gleichgewicht geraten, als sich die ein-
zelnen Mitglieder nun von ihrer Funktion als Rädchen im politisch-wirt-

312 Vgl. Bischof, Implosion des Geistes, S. 26.


313 Vgl. ebenda.
314 Auer, Genie und Sonderling, S. 56.
184 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

schaftlichen Getriebe lossagen. Den widernatürlichen Vorgang der Selbst-


vernichtung, die im Termitenstaat einsetzt, beschreibt er als Folge einer
Aktivierung der „Geschlechtlichkeit des Stockes“. Damit setzt der Bruder
eine „Orgie“ der Masse (B 474) an, die ein symbolischer Stellvertreter der
‚inneren‘ Masse ist. Wenn im Insektenstaat der Trieb zur Reproduktion
das Gefüge erschüttert, erfolgt – so die abstraktive Vorhersage – im mo-
dernen Menschen ein Zusammenbruch, der zweckrational bedingt ist.
Der zivilisatorisch kranke Mensch würde dem ‚inneren‘ Drängen der Ar-
chaik nicht länger widerstehen.
Dieses Gedankenspiel führt zu einem Massenereignis, das eine neue
Wirklichkeit zu schaffen vorgibt, und kündet von einem Bruch mit der in-
dustriemodernen Ordnung:

Die Tiere vergessen – eine ungeheuerliche Erinnerung hat sie gepackt –,


was sie sind, blinde Zellen eines fanatischen Ganzen. Jedes will für sich
sein, bei hundert oder tausend von ihnen fängt es an, der Wahn greift um
sich, ihr Wahn, ein Massenwahn […]. […] als ob du dich eines hellichten
Tages, bei gesunden Augen und voller Vernunft, mitsamt deinen Büchern
in Brand setzen würdest. […] Das wäre ein Geschehen, das entfernt an je-
nes im Termitenstock heranreichte, ein Hervorbrechen des Sinnlosen, wie
dort, nur nicht in so großartigen Maßen. (B 474–475)

Das Gleichnis beschreibt die Rückkehr in die vorzivilisatorische Zeit, voll-


zogen vom modernen Menschen, der sich seiner archaischen Vergangen-
heit ‚erinnert‘. Hierbei greifen die ‚innere‘ „Bestie“ (B 450) und der Kol-
lektiv-Aspekt ineinander. Georg Kien beschreibt damit eine Mentalität der
Industriemoderne, die in ihren Zeitgenossen eine kognitive Abkehr von
der Ratio auslöst. Ab einem gewissen Grad des Leidensdruckes trete ein
Umschlag in den „Wahn“ ein – in einem kollektiven Ausmaß –, der sie in
eine Vorzivilisation führe.
Wenn Peter Kien im Anschluss an seine Darlegung einen Abgleich anstellt,
der die Gelehrtenpraxis des Bruders zum Inhalt hat, die unter idealen Be-
dingungen erfolge, dient dies nur vermeintlich dazu, die „Sinnlos[igkeit]“
des einen wie des anderen selbstzerstörerischen Vorganges zu betonen.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 185

Nicht überzeugend ist die Ansicht des Bruders, dass ein Einbruch der ‚in-
neren‘ Masse, gedacht als Erosirritation, bei Peter der fehlenden Ge-
schlechtsrelevanz wegen ausscheidet.315 Tatsächlich repräsentiert der un-
orthodoxe Psychiater, in seinen Sympathien für den Gorillamann, selbst
die neu-mythische Utopie. Seine variierte Funktion als ‚Hüter‘, die ihm so-
zial zugeschrieben ist, würde dagegen nur dazu taugen, sie zum Schaden
der Kranken einzusetzen – zur Heilung.
Dissinger weicht von dieser Deutung ab; er setzt unter dem Hinweis da-
rauf, dass Kien sich auch von seiner „‚Geschlechtlichkeit‘“ „befreit“ hat –
worin er eine Parallele zum Gleichnis ausmacht –, eine neue Form der
Massenbewegung an: „Sie führt ganz zwangsläufig zum ‚Wahn‘, zum
‚Massenwahn‘.“316 Kiens Asexualität ist als Folge seiner biologisch-sozia-
len Erbschaften zu betrachten und hat als solche keine Funktion, wenn es
um die Initiierung seines „Wahn[s]“ geht (B 474),317 der ihn aus der ‚deut-
schen‘ Zwischenkriegsmoderne führt. Der Gelehrte wird in eine Psychose
fallen, die industriekapitalistisch bedingt ist und eine politische Dimension
mit einschließt. Kiens Wandel ist das Ergebnis einer Haltung, die der all-
gemeinen irrationalen Ratio, die eine ‚deutsche‘ Verschärfung erfährt,
eine Abkehr entgegenstellt. Sein Scheitern resultiert aus der Konfronta-
tion mit einer Umwelt, die sich einem ökonomischen Druck wie einem
ressentimenthaften Drang ausgesetzt sieht. So setzt im Fall des Sinologen

315 Was die Beherrschung jener Masse anbelangt, bildet Kien in Bezug auf seine Ge-
schlechtslosigkeit, die laut Georg „beinahe“ vorliegt (B 455), lange Zeit eine vorbildli-
che Ausnahme. Selbst in der zweiten Phase, nach Einbruch der ‚inneren‘ Masse, wird
er „geschlechtslos[]“ bleiben (B 455).
316 Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 99. – In einem von Canetti an Dissinger
gerichteten Brief vom 03.09.1969 schreibt Ersterer anerkennend, wie es scheint, über
dessen Studie: „Sehr originell und noch von niemand erkannt ist z. B. die tiefere Be-
deutung des Gleichnisses vom Termitenstock.“; ebenda, S. VIII.
317 Dies lässt jedoch nicht den Umkehrschluss zu, dass der Wahn, der „nichts Verächtli-
ches sei“ (Au 19), zwangsläufig zu einer Überwindung der Masse-Macht-Determina-
tion führt. Das Beispiel Schrebers, das Canetti in der gleichnamigen Schrift gibt, ist ein
eindrücklicher Beleg für die typologische Nähe zum Machthaber (s. MM 526). Demge-
mäß erklärt Georg zum „Paranoiker“, dass er „mehr Scharfsinn“ aufbietet, „seine Bahn
zu erklären und zu schützen, als wir alle zusammengenommen an die unsre“ (B 444).
186 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

eine Antizipation der zeitgeschichtlichen Übergriffe ein, die gegenüber


der jüdischen Ethnie erfolgten.
Doch Dissinger erkennt in Georgs Termiten-Allegorik die ‚Sinnlosigkeit‘
der „Vereinzelung der Menschen“, wie sie die Industriemoderne aus-
zeichnet: „Die Menschen [der Stadt] darin ähneln den Termiten, auch sie
sind ‚zurückgebildet‘, sind also menschenunähnlich; sie haben sich bis zur
Blindheit spezialisiert.“318 Im einzelnen Individuum vollzöge sich so ein
„Erinnerung[s]“-Prozess (B 474), der eine gesellschaftliche Dimension im-
pliziert. Daher meint ‚Masse‘ einerseits das kollektive Ausmaß, das zwecks
neuer Seinsrealität vorzuliegen hätte, und andererseits die kognitive
Rückkehr zu archaischen Schichten, die im Menschen als „Masse in ihm
selbst“ (B 449) wirken. Bereits Peter Kien hegt zu Kognition und Telos die
Überzeugung, dass eine „Zeit“ „kommen“ wird, „da die Menschen ihre
Sinne zu Erinnerung und alle Zeit zu Vergangenheit umschmieden wer-
den“ (B 169). In jenem Fall der Maximalutopie führt die Zerschlagung der
Massen zur Organisationsform der Meuten, die an einen vorbewussten
Zustand gebunden sind. Knoll ist prinzipiell der richtigen Ansicht, dass bei
Canetti das „Ewige erst in der Gemeinschaft der Individuen ruht, und daß
die Aufspaltung der großen Einheit in Individuen immer nur das im wah-
ren Sinne Abnormale ergeben muß“.319 Beim frühen Canetti wird das In-
dividuum insofern in sein Kollektiv-Recht eingesetzt, als die Wende hin
zur ‚inneren‘ Masse nur Gruppenverbände kennt.
Eine Doppeldeutigkeit erlangt der neu-mythische Einfluss dadurch, dass
sich darin die ideelle Basis einer ‚westlichen‘ Subjektkrise spiegelt, die von
einem ‚deutschen‘ Krisenempfinden noch gesteigert wird. Konzeptionell
zeigt die soziale/existentielle Lossagung, die ausgerechnet von Kien, dem
jüdischen Opfer der ‚deutschen‘ Gesellschaft, realisiert wird, weltan-
schauliche Ressentiments des Erzählers bzw. Autors, die nicht zuletzt den
angloamerikanischen Raum betreffen. Denn letztlich handelt es sich, ne-

318 Dissinger, Vereinzelung und Massenwahn, S. 99.


319 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 166.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 187

ben der ‚deutschen‘ Inflations- und Nationalismus-Verschärfung, um ei-


nen Moderneprozess, der von Canetti als kulturfremd gewahrt wird. Da-
mit relativiert sich die Opfer-Position insofern, als Kien zum Opfer von Op-
fern des Fortschrittes wird. Dass die Weltkriege von Canetti unter ande-
rem als Symptome des technischen Wandels gewertet werden, macht
seine Masse-Macht-Schrift deutlich. Somit bleibt festzuhalten, dass es Ca-
netti, wenn er der Bruder-Figur jenes Gleichnis in den Mund legt, darum
war, einen nahenden Bruch mit der modernen Zeit zu beschreiben, wie
sie sich verstörend in Deutschland abzeichnete. Dabei ist die neu-mythi-
sche Grundanlage nicht zu leugnen, so dass die Voraussage einer Zeit des
„Massenwahn[s]“ (B 474), der sich im Einzelnen vollzöge, eine eigenstän-
dige, doch zugehörige Aussage bildet. Die davon ableitbare politische Di-
mension schafft eine Nähe zum Marxismus, der in der Darstellung Ernst
Fischers überbetont erscheint oder zumindest zum Zeitpunkt der Abfas-
sung des Romans für Canetti keine Relevanz mehr besaß.320
Präzisierend erklärt Canetti, dass das „Ende Kiens“ zum einen sein „Urteil“
ist, zum anderen aber ist es „gleichzeitig“ die „Erfüllung seines Traumes,
denn was er während seines ganzen Lebens wollte, war die Einheit mit
seinen Büchern“.321 So erklärt er die Tat auch mit dem „Privatmythus“ der
Figur, einem Lebens-„Traum“, den „jeder Mensch“ hat und der „immer
wiederkehrt“.322 Da die Bücher jenen Wall bilden, der die ‚innere‘ Masse
im Zaum hält, stellt sich – im Zuge ihrer Vernichtung – eine „Erfüllung sei-
nes Traumes“ lediglich ex negativo ein. Der Modus, in dem er seinen
Wunsch, eins mit den Büchern zu werden, realisiert, leitet sich aus der
kulturellen Entwurzelung eines jüdischen Menschen ab, der eine antise-
mitische Dimension zukommt. Aus ethnischer Sicht weist das Buch, das
Kien als substitutives Massenelement dient, eine gesonderte Bedeutung

320 Siehe Fischer, Erinnerungen und Reflexionen, S. 239.


321 Vgl. Canetti/Hartung, Schriftsteller im Gespräch, S. 35.
322 Vgl. ebenda, S. 33.
188 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

auf, so dass der Wahn des „Privatmythus“ wiederum auf die sozialen Um-
stände zurückverweist.323 Vereinigung wie Neu-Mythos fallen in ihrer
Funktion insofern ineinander, als in beiden Fällen die Realisierung miss-
lingt.
Mit Georg Kien korreliert der Gorillamann. Mit dieser Form der Realitäts-
abkehr, die der Bruder eines Bankiers zeigt, liegt das Ziel in einer Entsa-
gung von den biologisch-sozialen Determinanten. Die Abkehr von der
Masse-Macht-Spirale realisiert sich durch eine Scheinrealität, die auf dem
kognitiven Weg des Wahnes erfolgt. Zwar ist der Hintergangene sprich-
wörtlich dem Irrsinn verfallen, doch geht damit seine Errettung einher.
Sein Sprechen ist „stärker, mehr aus der Tiefe“ und „hinter seinen Lauten
lauerten Affekte“ (B 438). Die semiotische Verbindung ist aufgelöst, denn
die „Namen hingen von der Gebärde ab, mit der er hinwies“ (B 439).
Durzak spricht von einer „mythischen Wirklichkeitsganzheit“ und einer
‚synthetischen‘ Abkehr von der „konventionellen Wirklichkeit“, die „Züge
der Utopie tragen[]“.324 Weiter ist er der Ansicht, „daß die Reflexion zu
diesem mythischen Zustand gehört: Sie erscheint verwandelt in der neu-
erschaffenen magischen Sprache.“325 Mit Durzak bleibt die These, dass
sich der Mensch in einen vorbewussten Zustand zurückzuverwandeln
hätte, ausgeschlossen, denn der „Mensch wird nicht zum Tier, sondern
erscheint in der Verkleidung des Tieres verwandelt, die ihm die Freiheit

323 Wenn er sich im Zuge der „Mobilmachung“ mit „mein Volk“ an seine Bücher wendet,
und von deren „Kraft“, „Größe“ und „Weisheit der Jahrtausende“ spricht sowie von
einem „Heiligen Krieg“ (B 97), wird eine ethnisch begründete Massenrelevanz deut-
lich. Für eine jüdische Dimension der Rede steht auch der vorangehende Abschnitt
(„Wollt ihr aus eurer Heimat in alle Welt zerstreut werden, als Sklaven“, B 97) sowie
ein noch früherer („An eure uralte und stolze Leidensgeschichte brauche ich euch […]
nicht zu erinnern“, B 94). Eingeleitet wird die Ansprache von Ausführungen zu dem
Autodafé, dem im China des Jahres 213 v. Chr. „sämtliche Bücher“ (B 94) zum Opfer
fielen. Auf die Relevanz der ‚inneren‘ wie äußeren Masse für die Mobilmachung deutet
der Hinweis, der sich dem „großen Meister“ Mong verdankt, dass die „Leute[] der
Masse“ „gefährlich“ sind, „weil sie keine Bildung, also keinen Verstand“ haben (B 96).
324 Vgl. Durzak, Dichter der Gegenwart, S. 202.
325 Ebenda, S. 203.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 189

zum Selbstsein ermöglicht“.326 Durzak, der die andere Seite der Utopie
beleuchtet, geht zwar von einer tierrelevanten Verwandlung aus, die den
Existential-Status des Menschen betrifft, setzt gleichzeitig aber einen Zu-
stand des Bewusstseins an: „Nicht Verherrlichung eines reflexionslosen
Elementaren ist also bei Canetti beabsichtigt.“327 Mit dem Gorillamann
zeigt sich jene Maximalutopie verwirklicht, der der gereifte Canetti
schließlich einen neuen Pfad der Zivilisation entgegensetzt. Knoll beleuch-
tet die Bedeutung des ‚westlichen‘ Logozentrismus, wenn sie zu beden-
ken gibt, dass die gesellschaftliche Klassifizierung als Wahn von diesem
einseitig beeinflusst ist: „Die […] Einheit mit der Welt […] ist im eigentli-
chen Wortsinn a-normal und daher von der rationalistisch bestimmten Zi-
vilisation mit dem Stigma der Devianz belegt.“328 Penka Angelova vertritt
die Ansicht, dass das irrationale Wesen durch den psychotischen Zustand
definiert ist. Denn diese „Gestalt stellt die Entgrenzung zum Tierischen,
zum Göttlichen, zum Abnormalen als erlebte Welt dar – eine Freiheit par
excellence, die nur im Sinne des Wahns erlebbar und darstellbar ist“.329
Indem Canetti einen Wahrnehmungsmodus des Vorbewusstseins befür-
wortet, stellen sich fließende Grenzen zur Tierexistenz ein. Der Gorilla-
mensch, der durch einen vorbewussten Status geprägt ist, stellt eindrück-
lich dar, was Canetti unter Vor-Prägeschichte und Neu-Mythos versteht.
Das Logikprinzip des Sprachgebrauches wird durch den Gorilla untermi-
niert und gegen eine ‚sprachmystizistische‘ Form ersetzt, wie Knoll mit ih-
rem Verweis auf die „subjektive, diskontinuierliche Sprache“ betont.330
Wenn Canetti sich in einer Aufzeichnung von 1982 eingesteht, dass er die
„neue Lebensform nicht sieh[]t“ (A 479), deutet das auch auf das para-
doxe Unternehmen hin, eine Vorzivilisation zu befördern.

326 Vgl. ebenda.


327 Durzak, abstrakter Idealismus und Satire, S. 113.
328 Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 151.
329 Vgl. Angelova, mythisches Denken, S. 265–266.
330 Vgl. Knoll, Wirklichkeitsentwurf bei Canetti, S. 147.
190 3.2 Kien, der jüdische Sündenbock

Ruft man sich Canettis Fortschrittsphobie in Erinnerung, und seinen wahr-


nehmungs- und erkenntnistheoretischen Zugang, wird einsichtig, warum
er dem neu-mythischen Menschen lediglich ein Vorbewusstsein zuge-
steht. Die bewusstseinsevolutionäre Frage, und die Suche nach den An-
fängen, führt zurück zur Familie der Menschenaffen. Die Affenexistenz,
die der Bankiersbruder fristet, entspricht Canettis Idealvorstellung einer
Zivilisationsflucht. Georg Kien mutet diese Existenz geheimnis- wie reiz-
voll an, was in seinem Fall erst zu dem Wechsel seines Faches und einer
Ablehnung der schulpsychiatrischen Methoden führt. Da er mit der mo-
dernen Zeit, die sich zusehends differenziert und ‚teilt‘, prinzipiell verhaf-
tet ist, sieht er sich genötigt, eine innovative Heilmethode, die auf ‚Empa-
thie‘ beruht, zu kreieren. Dem Verständnis des frühen Canetti nach spre-
chen die Individuen der Hochmoderne, als Folge ihrer Seins-Entfremdung,
verstärkt dem Wahn als Fluchtmittel zu. Treffend erklärt Gerhard Melzer,
dass Georg Kien und „wohl auch“ Canetti der „‚Gorilla‘ wie der Inbegriff
wahren Menschentums erscheinen“ will.331
Als problematisches Existential, das einen sozialen Abglanz aufweist, setzt
Canetti auch in dieser Episode einen entfesselten „Vermehrung[s]“-Drang
an (MM 554). Dieser ist in der politisch-wirtschaftlichen Hülle einer kapi-
talistischen Misere enthalten. Von ihr sieht er die Industriezeit krisenhaft
bestimmt, unter Verstärkung der Problematik von Masse und Macht.
Treffend macht Strelka in der Bruder-Figur, die den Gorilla um seinen Teil
am Erbe betrügt, ein antikapitalistisches Motiv aus. Denn „[n]icht zufällig
ist es das Hauptsymbol des Kapitalismus, ist es ein Bankier, der seinen un-
schuldigen Bruder, den Gorilla, dessen Erbteil er natürlich unterschlagen
hat, in zwei Räumen seiner lächerlichen Villa gefangen hält“.332 Nahtlos
fügt sich diese Roman-Episode in den Ressentimentkomplex, den der Au-
tor in seiner Schrift vom Menschen vertritt. Als maximalutopischer Aus-
weg aus einer Zeit, in der sich die Menschen unter anderem der Kapital-

331 Vgl. Melzer, am Rand des Schweigens, S. 102.


332 Vgl. Strelka, Canettis Die Blendung, S. 51.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 191

akkumulation verhängnisvoll unterworfen hätten, hat jene absurde Go-


rilla-Irratio zu gelten. Ahnungsvoll beschreibt Canetti im Roman die Ent-
wicklungen, die sich bereits in der Zeit zwischen den Kriegen andeuteten,
in der sich die krisenhaften Erregungszustände nicht selten an ethischen
Minderheiten entluden.

3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen


Wenn der Autor seinen Protagonisten einen selbstgewählten Flammen-
tod sterben lässt, ergeben sich, im historischen Zusammenspiel, motivi-
sche Verbindungslinien zum Massenphänomen des Feuers. Dessen archa-
ische Bedeutung ist eingehend in Masse und Macht beschrieben. Indem
für die Menschheit ein wesentlicher Grundnutzen des Feuers in der Kulti-
vierung des Bodens liegt, wie im Unterkapitel zu den „Massensymbolen“
zu lesen ist, macht er darin eine „wichtige Wurzel“ für den Hang zu
„Brandstiftungen“ aus: „Unter den gefährlichen Zügen der Masse […] ist
am auffallendsten die Neigung zu Brandstiftungen.“ (MM 89) Canetti
schreibt weiter, dass „[z]wischen Wald und Feuer“ eine „einleuchtende,
urgeschichtliche Verbindung“ „besteht“, die ihnen die Signatur „uralte[r]
Massensymbol[e]“ verleiht: „Der Wald, selber ein uraltes Massensymbol,
wird von den Menschen oft angezündet, um Platz für Siedlungen zu schaf-
fen.“ (MM 89) In der Blendung wird die Verbindung des Feuers zum Holz
über das Buchpapier hergestellt und die Bücherregale, aus denen die Bib-
liothek besteht. Dass Thereses Möbel, die für die Produktion – hier von
Einrichtungsgegenständen – stehen, Kien ein Dorn im Auge sind,333 ver-
weist auf die ‚westliche‘ Grundform der Subjektkrise. Deren Basis sieht
Canetti kapitalistisch beschaffen, so dass ein striktes „Vermehrung[s]“-
Denken (MM 554), seien es nun Geldwert-, Produktions- oder Bevölke-
rungszahlen, symptomatisch sei.

333 Kien vertritt den Anspruch einer „Möbelreinheit seines Arbeitszimmers“ (B 68): „Alles,
was ihn von der Arbeit ablenkte, war im Grunde Verrat.“ (B 71) Die antimaterielle At-
titüde, die in erster Instanz sichtbar wird, verweist in zweiter auf eine antikapitalisti-
sche.
192 3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen

Da die Feuerlegung gerade nicht der Nutzbarmachung eines Lebensrau-


mes dient – einem Kultivierungsziel –, sondern der In-Asche-Legung der
betreffenden Insignien, stellt die Vernichtung des Kulturgutes Buch einen
Akt der Barbarei dar. Daher greift der Sinologe das Gleichnis seines Bru-
ders dadurch auf, dass er den „Brand“ seiner „Bibliothek“, den er als „un-
möglich[]“ bezeichnet, mit einer „Zerstörung der Sixtina-Decke durch Mi-
chelangelo“ vergleicht (B 490). In der Erfahrung des Verlustes eines Habi-
tats, das an die gewählte Todesart gebunden ist, spiegelt sich das Schick-
sal der Juden, die aus vielen der angestammten Nationen vertrieben wur-
den (nicht zuletzt aus Deutschland), massenhaft enteignet und vernichtet.
So stellt die Tat der Büchervernichtung, mit der sich die Hauptfigur in den
Feuertod stürzt, eine Voraussage des zivilisatorischen Bruches dar. In sol-
chen Zeiten sei eine Masseneinheit mit den Büchern, wie Kiens Wahrneh-
mung zu lauten hat, nur bedingt, auf destruktivem Weg herzustellen.
Mit der Verbrennung bildet sich ein Motiv ab, das bei Canetti zwar auf
eine „einzelne“ jüdische Figur (MM 219) bezogen ist, das aufgrund der
sozialen und ethnischen Verflechtungen, die sich konzeptionell einstellen,
jedoch als exemplarisch für die antisemitischen Tendenzen jener Zeit gel-
ten darf. Vom Motivbereich einer figurensprachlich nicht präzisierten eth-
nischen Feindseligkeit hebt sich so, wie ausgeführt, jener der kulturellen
Stellvertreterschaft ab.
Das Feuer mit seinem Potential zur Zerstörung, von dem sich die Täter-
Masse repräsentiert fühlt, ist bei Canetti für Gewaltakte prädestiniert. Im
Kapitel „Die Masse“, bzw. im darin enthaltenen Unterkapitel die „Zerstö-
rungssucht“, heißt es zum Feuer auch, dass es das „kräftigste Symbol“ ist,
„das es für die Masse gibt“:

Die Masse, die Feuer legt, hält sich für unwiderstehlich. Alles wird zu ihr
stoßen, während es um sich greift. Alles Feindliche wird von ihm vernich-
tet werden. Es ist, wie man noch sehen wird, das kräftigste Symbol, das es
für die Masse gibt. Nach aller Zerstörung muß es wie sie erlöschen.
(MM 20)
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 193

Im Fall des jüdischen Kien handelt es sich um die erwähnte Autoaggres-


sion, die individuell verwirklicht, was kollektiv an Ressentiments und For-
men der Gewalt besteht. Auch wenn der spätere Kulturbruch unausge-
sprochen bleibt, wird der Protagonist darin zu einem stillen Stellvertreter.
Durch die ökonomischen und institutionell-hierarchischen Umstände, un-
ter denen die Feindseligkeiten erfolgen, wird deutlich, dass der Kien-Fi-
gur, obwohl es sich um einen Einzelnen handelt, das Massewesen des An-
tisemitismus repräsentativ eingezeichnet ist. Die realitätsnahe Ausgestal-
tung eines jüdischen Einzelschicksales machte es für Canetti nicht erfor-
derlich, auf Gleichnishaftes zurückzugreifen. Daher bestätigt sich mit
Kien, dem assimilierten Abkömmling der jüdischen Ethnie, ex negativo die
folgende Massen-These: „Hätte es sich bei der Inflation um Entwertungs-
vorgänge in den Deutschen als einzelnen gehandelt, so hätte die Erwe-
ckung von Haß gegen bestimmte Juden genügt.“ (MM 219) Mittelbar ma-
nifestiert sich so im Roman eine Leitthese, die in der späteren Massenthe-
orie den Kollektivmord zu erklären sucht: „Es war aber nicht so, auch die
Deutschen als Masse fühlten sich im Absturz ihrer Millionen gedemütigt.“
(MM 219) Was Canetti mit der Hyperinflation beschreibt, ist ein Vorgang,
der den einzelnen deutschen Staatsbürger und – darüber hinaus – das
deutsche Volk als Masse betroffen habe. Die Demütigungen eines jüdi-
schen Protagonisten, die durch soziologisch repräsentative Figuren voll-
zogen werden, führen im Roman zu einem prophetischen Tod. Kien er-
reicht zwar das maximalutopische Ziel, doch er zieht seine eigenen
Schlüsse aus seinen ‚deutschen‘ Erfahrungen. Auf sich allein gestellt, von
einem Bruder verlassen, der ihm das richtige Umfeld hätte zu Verfügung
stellen können, sieht er der Wahrheit prophetisch ins Auge. Einem dem
Tod geweihten Juden, so lautet seine empathische Entscheidungsfindung,
ist auch der Wahn kein Ausweg. Scheichl erkennt das Motiv eines feindli-
chen sozialen Umfeldes, das antisemitische Züge trägt: „The conflict
between the isolated intellectual […] can be read as the conflict between
194 3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen

the isolated Jew and the gentile majority around him into which he wants
to be integrated but which brutally refuses this integration.“334
Ein Beispiel für das Phänomen des Feuers, das sich auf geschlossene
Räume bezieht, wird gegeben, wenn es im Unterkapitel „Panik“ heißt,
dass im „Theater hingegen“ die „Masse auf die gewaltsamste Weise zer-
fallen“ muss (MM 27). Beschrieben ist damit die Perspektive von Opfern,
die sich einer Naturgewalt gegenübersehen: „Jenes nachdrückliche Tram-
peln auf Menschen aber, das so häufig bei Paniken beobachtet wird […],
ist nichts anderes als das Austreten von Feuer.“ (MM 28) Wird das ‚sym-
bolische‘ Feuer als Gefahr wahrgenommen, wirkt es als „feindliche Mas-
se“, die zu „Paniken“ führt (MM 28).
In Entsprechung zu seinen Macht- und Masse-Theoremen, die er Jahre
später formulierte, ereignen sich im Lauf der Romanhandlung mehrere
Episoden, die Canettis Lehrsätze zur ‚offenen‘ und ‚geschlossenen‘ Masse
exemplifizieren.335 Obwohl Kien nicht nachweislich ethnisch motivierten
Anfeindungen zum Opfer fällt, sondern ökonomischen und sadistischen
Gelüsten, fungiert dieser für die Täter erkennbar als Subjekt, das sie in
ihrem brutalen Selbstverständnis, das eines des ‚Rechtes des Stärkeren‘
ist, festigt und eint. In der Blendung, die sich durch einen diffusen Diskri-
minierungs-Reigen auszeichnet, sind die Entwürdigungs-Vorgänge und
damit die einheitsstiftenden Ereignisse zahlreich. Der Autor zeichnet ein
aufschlussreiches Wiener Massenbildnis nach Berliner Vorbild, angefan-
gen bei den polizeilichen Herabwürdigungen, die Kien zuteilwerden, über
die materielle Ausbeutung, die Fischerle (in seinem jüdischen Selbsthass)
einleitet, bis hin zu der kriminellen Enteignung durch seine Haushälterin
und ihren brutalen Übergriffen, die schließlich im Zusammenwirken mit
dem Hausbesorger Pfaff erfolgen. Wiewohl damit keine eigentliche Be-

334 Scheichl, Canetti’s Auto-da-fé in its historical context, S. 167.


335 In Zu ‚Masse und Macht‘ deutet Canetti an, dass die Massensymbole, die in der Blen-
dung vorliegen, nicht Teil eines schriftstellerischen Bewusstseinsprozesses waren:
„Viele Symbole für die Masse sind schon in diesem Buche – man wäre versucht zu
sagen unabsichtlich – gestaltet.“ (ARG 61)
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 195

schreibung von Massenphänomenen vorliegt, stellt sich eine gesellschaft-


liche Dimension durch eine episodenhafte Aneinanderreihung ein, die
sozusagen in konzentrischen Kreisen entfaltet, was an Menschenverach-
tendem in der Gesellschaft sich verbirgt, mit dem Protagonisten (als
Feindbild) in deren Zentrum.
Der Massen-Übergriff, der gegenüber Fischerle erfolgt, bildet eine auf-
schlussreiche Ausnahme. Aufgehetzt von der Haushälterin, geht die Mas-
se dazu über, diesem physischen Schaden zuzufügen. Fischerle, der „Krüp-
pel!“ (B 356), wird wegen seiner körperlichen Auffälligkeiten von der
Masse malträtiert. Sein physisches Erscheinungsbild fungiert für die Ver-
sammelten vernehmbar als Ausweis der ethischen Zugehörigkeit: „[…] so
ein Krüppel, und die Judennase gehöre abgehackt.“ (B 358) Wenn Fi-
scherle schließlich stirbt – die Figur des Blinden schneidet ihm den Buckel
vom Leib –, vollzieht sich an der jüdischen Figur das Schicksal, das Kien
selbst in die Hand nimmt. Allein der Tatsache, dass die Masse ihn mit sei-
ner Frau verwechselt, hat er es zu verdanken, dass er von den schwersten
Folgen ihrer Lynchjustiz verschont bleibt.
Den „wichtigste[n] Vorgang“, der „innerhalb“ der offenen Masse stattfin-
det, bestimmt Canetti im Unterkapitel zur „Entladung“ mit den Worten,
dass die „Masse“ davor „eigentlich nicht“ existent ist, denn die „Entla-
dung macht sie erst wirklich aus“ (MM 16). Aus einem nicht strikt deter-
ministischen Geflecht greift er regelmäßig Beispielereignisse heraus, die
für ihn ein paradigmatisches Wesen aufweisen. Wie im „Wissenschafts“-
Kapitel dargelegt, beschreibt er damit Vorgänge, die sich ob ihrer Simpli-
zität nicht auf die zugehörigen chemisch-physikalischen Modelle übertra-
gen lassen. Eine Nähe zum jeweiligen Ursache-Wirkungs-Prinzip sugge-
riert sich dem Lesenden durch Begriffe wie ‚Masse‘ und ‚Mechanik‘. Die
Kausal-Logik, derer er sich zu rhetorischen Zwecken bedient, vermittelt
sich dem Lesenden in der Regel unaufdringlich. Der Begriff der Entladung
bildet in diesem Sinn eine Ausnahme. Mit dieser, die den Eindruck natur-
wissenschaftlicher Modellhaftigkeit transportiert, verbindet sich ein iden-
titätsstiftender „Vorgang“: „Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr
gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen.“
196 3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen

(MM 16) Vorgänge der ‚Entladung‘, als einheitsbildende Prozesse verstan-


den, erfolgen im Roman im Zuge der Konfrontation mit Feindbildern bzw.
mit Figuren, die als solche wahrgenommen werden.336
Insbesondere spricht der behördliche Umgang mit Schwächeren bzw. Hil-
fesuchenden, wie ihn die Szenen zum Agieren der staatlichen Schutzge-
walt zeigen, für eine starr autoritäre Gesellschaft, die sich ihres Leidens-
druckes auf Kosten der Schutzlosen entledigt.337 Ein Beispiel dafür ist der
Konflikt, der gegen Romanende tätlich ausbricht. Nachdem Kien die Nach-
richt vom behaupteten Tod seiner Frau erreicht hat, die Fischerle in Um-
lauf bringen lässt, wendet sich nun auch der Hausbesorger – als ehemali-
ger Polizeibeamter – gegen ihn. Die entscheidende Begegnung erfolgt in
der Pfandleihanstalt – dem sogenannten Theresianum –, wo seine Gegen-
spieler gerade daran sind, seine Bücher zu versetzen. Als es unter den vier
Personen zu Handgreiflichkeiten kommt, Fischerle gesellt sich noch hinzu,
treffen schließlich die alarmierten Polizisten ein. Die Auseinandersetzung
eskaliert zu einem Ereignis der geschlossenen Masse, die Kien physisch
malträtiert, was der Erzähler in die Worte fasst: „Gegen Kiens Richter ver-
hält sich die Polizei ruhig.“ (B 322) Die Auseinandersetzung führt dazu,
dass die drei Beteiligten in Gewahrsam genommen werden. Der vorein-
genommene Kommandant, der im Zuge der Einvernahme lustquälerisch
agiert, vertritt gegenüber dem Sinologen das ‚Recht des Stärkeren‘: „Er
hatte Lust, ihn zwischen den Nägeln zu zerquetschen.“ (B 339) Canettis
Ideensystem zufolge ist der institutionalisierte Sadismus ein Abkömmling
eines franzisko-josephinischen Befehls-Denkens, in das nun, als Resultat
einer modernen Subjektkrise, eine ökonomische Krisenerfahrung hinein-
spielt.

336 Undifferenziert erklärt Kuhnau zur „Berührungsfurcht“ als Faktor für die „Entstehung
der Masse“, dass diese neben einem offensichtlichen ‚psychologischen‘ Faktor auf ei-
nem „physikalisch[en]“ Kasus beruht; Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S.
56.
337 Stieg spricht in Bezug auf Pfaff davon, dass der „‚gute Vater‘“ „demaskiert“ wird als
das, „was er wirklich ist, eine ‚Polizeibestie‘“; Stieg, Frucht des Feuers, S. 108.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 197

So vermag Fischerle, im Kontext weiterer Vorkommnisse, der staatlichen


Ordnungsmacht die moralische Integrität abzusprechen338: „Die Polizei
stiehlt, und ein Mensch soll anständig bleiben!“ (B 366) Wiewohl Fischerle
damit seine eigene kriminelle Bereicherungsabsicht offenbart, fasst er die
Tendenz im Umgang mit Schwachen und Kranken in eingängige Worte.
Auch ist zu betonen, dass erst Kiens nachfolgende Halluzinationen, die
maßgeblich die erlittene Polizeigewalt betreffen, zur Inbrandsetzung von
Bibliothek und Wohnung führen.
Peter Kien wertet die behördlichen Misshandlungen als Resultat einer
Mordtat, was in seiner finalen Phase darin gipfelt, dass er auf einem der
„alten Blätter“ (B 504) in der Wohnung eine Überschrift, die von „Brand“
und „Mord“ handelt (B 505), auszumachen meint. In der wahnhaften Ein-
bildung, dass die Pfandleihanstalt brennt, das Theresianum, und mit ihr
die darin befindliche Bücherabteilung, geht er dazu über, die vermeintli-
chen „Spuren“ (B 507) des eingebildeten Mordes mit Hilfe von „Streich-
hölzer[n]“ zu beseitigen (B 508). Aufschluss über seine irrationalen Mo-
tive, die Bibliothek in Brand zu setzen, gibt auch ein Bewusstseinsvorgang,
der eine vor „Zeugen“ „gestanden[e]“ Tat ansetzt (B 508). Damit gerät die
frühere polizeiliche Einvernahme ins Gedankenspiel. Dies veranlasst ihn
zu der Halluzination, dass seine Wohnung durch die staatliche Gewalt be-
droht ist: „Polizei steht vor der Tür.“ (B 508) Unmittelbar darauf steigert
sich seine Zerrüttung noch, indem jetzt eines der Bücher gewalttätig ge-
gen ihn wird, wie er meint: „Aus der ersten Zeile löst sich ein Stab und
schlägt ihm eine um die Ohren. Blei.“ (B 508) Selbst die Büchermasse sei-
ner Bibliothek, die ihm lange Zeit als Rückhalt gedient hat, sieht er jetzt
gegen sich gewandt, so dass er ihr mit dem „Feuertod“ „droht“ (B 509).
Die Vorgänge finden dadurch ihren Abschluss, dass er die „Welt“ als „Räu-
berhölle“ bezeichnet, in der die „Menschen“ „Bücher“ „fressen und rau-
ben“ (B 509).

338 Siehe hierzu Wimmer, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung, S. 93.


198 3.3 Literarische Verarbeitung von Masse-Symbolen

Wenn er schließlich „so laut“ „lacht“, „wie er in seinem ganzen Leben nie
gelacht hat“, erfolgt ein Verweis auf die Erlösung, die als maximalutopi-
sche einzig im Wahn zu erlangen sei. Allerdings ist selbst diese Existenz-
form für ihn – als einzig mögliche – der sozialen Bedingungen wegen nicht
lebenswert. Und da die jüdische Bücher-Masse indes als akut bedrohlich
ausgemacht wird – durch eine Art von ethnischem Selbsthass –, fallen
„Privatmythus“339 und Maximalutopie auf verquere Weise zusammen. Zur
Bedrohung des jüdischen Lebens tritt eine kulturell selbstbezügliche Ge-
walt hinzu. Von Deckungsgleichheit ist nur insofern zu sprechen, als in bei-
den Fällen das Erreichen des eigentlichen Zieles misslingt. Sowohl die kog-
nitive Regression, die – im idealen Fall – in ein vorbewusstes Affen-Dasein
mündete, als auch die Verschmelzung mit der Bücher-Masse, die von Kien
als Destruktion vollzogen wird, lassen sich nicht realisieren. So hat sich die
klinische Irratio im letzten Lebensmoment noch zu verstärken, was durch
sein singuläres Lachen zum Ausdruck kommt. Wäre es seinem Bruder
möglich gewesen, das wahre Ausmaß der Irritationen zu erkennen, hätte
Peter Kien, befreit vom ‚deutschen‘ Umfeld, seiner Realitätsflucht huldi-
gen können.
So, wie der frühe Canetti die Industriemoderne ablehnt, um im Gegenzug
die Vorzivilisation zu verklären, ist auch seine Figur des Kien dabei, einer
Kognition zu huldigen, die Massengesellschaften zu Meuten zurückver-
wandelte. Nachdem er eine Vorform einer Gorilla-Existenz bereits gelebt
hat, verschafft ihm aus besagten Gründen einzig der physische Nieder-
gang Erlösung. Die Vernichtung der Bücher ist zugleich als Absage an die
Dichter-Funktion zu verstehen, die der Beförderung einer neu-mythi-
schen Rückkehr dient. Die entscheidende Wahrnehmung, die mit der
Übergabe des einen, tätlichen Buches an das Feuer einhergeht, lautet:
„Mit gewaltiger Kraft packt er das Buch und klappt es zu. Da hat er die
Buchstaben gefangen, alle, und läßt sie gewiß nicht mehr frei. Nie! Er ist
frei.“ (B 508–509) Dadurch vermittelt sich die Aussage, dass den jüdischen

339 Vgl. Canetti/Hartung, Schriftsteller im Gespräch, S. 33.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 199

Bürgern, die der ‚deutschen‘ Gesellschaft mit ihrem Kollektivwahn ausge-


setzt sind, nicht zu helfen sei. Felix Ingold spricht allgemein von „Wahn-
sinn“ und davon, dass er sich vom „Leben“ „befreit“, indem er „alles je
Geschriebene in einem großen Buch verschließt und es dem Feuer über-
gibt“.340 Nicht jegliche Form einer dichterischen Todes-Bezwingung führt
sich damit ad absurdum. Zwar beseitigt Kien, der sich biologisch aus-
löscht, seine forscherisch-literarische Hinterlassenschaft, doch sein Name
wird Bestand haben (unter der Einschränkung, die für akademische Schrif-
ten gilt).
In Anbetracht der Antizipations-Leistung, die das Shoa-Verbrechen be-
trifft, ist zu mutmaßen, dass Canetti als sephardischer Jude, der von An-
feindungen betroffen war, teils intuitiv, teils rational reflektierend ein an-
tisemitisches Feindbild in seiner historischen Relevanz beschrieb. So weist
das Grundkonzept des Romans, samt seinen motivischen Abzweigungen,
„zumindest zum Teil“ auf eine „bewusst vollzogene[]“ dichterische Pro-
phetie, die die Zeichen der Zeit richtig deutete.341 Scheichl sieht das
Schicksal der österreichischen Juden („the fate of the Jews in Austria“)
vorweggenommen: „But the novel itself […] also seems to be an anticipa-
tion, an anticipation of an even more terrible catastrophe.“342 Daher
spricht auch Rushdie, der „Quellen des Faschismus“ ansetzt, von einer
‚analytischen‘ und „prophetische[n] Welt“.343
Mit dieser ‚Empathie‘-Leistung wird Canetti zu jenem „Hund seiner Zeit“
(GW 102), als den er den maßgeblichen Dichter vor 1945 preist. Die Ein-
fühlung, in die sich der Erzähler respektive Autor versenkt, ist allerdings
trügerisch. Trotz aller Offenheit für die Leidensempirie eines ethnischen
Repräsentanten versteht der Autor die ‚deutschen‘ Täter als Opfer der

340 Vgl. Felix Ph. Ingold: Bis zum letzten Atemzug. Zu Elias Canetti. In: Im Namen des Au-
tors. München: Fink 2004, S. 83–115, hier: S. 90.
341 Vgl. den Aufsatz des Vf.s, in dem auf diesen Punkt verwiesen wird: Enteignung, Ver-
treibung und Vernichtung, S. 97.
342 Scheichl, Canetti’s Auto-da-fé in its historical context, S. 170.
343 Vgl. Rushdie, Schlange der Gelehrsamkeit, S. 86.
200 3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen

Umstände. Wenn Canetti später von „extremen und besessenen Men-


schen“ spricht,344 und damit dezidiert eine Kritik am Fortschritt formuliert,
beschreibt er – im Sinn einer Schuldumkehr – die ‚deutsche‘ Sonderform
der Subjektkrise, und ihre Einmündung in den NS-Extremismus, als Ergeb-
nis einer angloamerikanischen Fehlentwicklung.

3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen


Mit dem Leitmotiv der finanziellen Bereicherung zeichnet sich Zeitge-
schichtliches ab, das an eine vermögende Gelehrten-Figur, die von ein-
schlägiger Ethnizität ist, verklausuliert, doch entschlüsselbar gebunden
ist. Vor dem Hintergrund der Inflations-Problematik, die krisenhaft die
Frühphase der Weimarer Republik prägte,345 kommt den Versuchen der
Selbstbereicherung die Bedeutung einer Flucht aus ökonomisch tristen
Verhältnissen zu. Nicht zufällig erfolgt dies zum Schaden eines Repräsen-
tanten der jüdischen Minderheit. Jenes Motiv hat Canetti wahrsagerisch,
den zivilisatorischen Bruch voraussagend, in die Handlung eingeführt. Ob-
wohl die Antisemitismen figurensprachlich nicht artikuliert werden, näm-
lich in Bezug auf Kien, erlangt die Zentralfigur, ob ihrer ethnischen Zuge-
hörigkeit, den Status eines Stellvertreters. Ein Unterschied besteht dabei
zu Fischerle, der an ökonomisch tristen Lebensverhältnissen leidet. Wäh-
rend Kiens persönliches Krisenmoment nur konzeptionell als Ressenti-
ment durchschlägt, zeichnet sich mit Fischerle, und seiner ökonomischen
Randstellung, die soziale Schlechterstellung der Juden ab. Indem zu erfah-
ren ist, dass ihm, der „nie“ eine „Schule“ „besucht“ hatte (B 229), ein Sti-
pendium vorenthalten blieb, stellt sich sein Abstieg in das Zuhälter-Milieu
als Ergebnis der Absenz eines Bildungsweges dar. Die Konzeption des Ro-
mans legt so die Annahme nahe, dass sein Scheitern insofern ein staatlich-

344 Vgl. Durzak, Gespräch mit Elias Canetti, S. 91.


345 Siehe zur monetären Inflation zwischen 1914 und 1924 in Deutschland und zu ihren
volkswirtschaftlichen Auswirkungen Gerald D. Feldman: The great disorder. Politics,
economics, and society in the German inflation. New York [u.a.]: Oxford University
Press 1993.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 201

institutionell bedingtes ist, als Juden als Menschen zweiter Klasse behan-
delt wurden.
Der Deflation, die erst ab 1929 einsetzte und zum Aufstieg des National-
sozialismus beitrug,346 kommt in diesem Kontext deshalb keine Bedeu-
tung zu, weil dem Autor nach eigener Aussage allein das Berlin der Jahre
1928 bzw. 1929 (mit seiner Inflations-Geschichte) als Inspiration gedient
hat. Da die Handlung noch vor der ökonomischen Katastrophe der Welt-
wirtschaftskrise von 1929 angesiedelt ist (wenn man Canettis glaubhafte
Ausführungen gelten lässt), schlägt in seinem Roman dagegen die Inflati-
ons-Problematik und die Entwürdigung durch, die die mehrheitlich christ-
lich geprägte Gesellschaft zu durchleben hatte. Jenem zeitlichen Kontext
entsprechend, bezieht sich Canetti auch in Masse und Macht allein auf die
Wirkung der Inflation, hier der galoppierenden, der die ‚deutschen‘ Re-
publiken ausgesetzt waren.
Ausgehend von den desaströsen Folgen, die maßgeblich als wirtschaftli-
che einwirkten, beschreibt er die Suche der Nationalsozialisten nach Sün-
denböcken wie folgt:

Als Objekt für diese Tendenz [der Entwertung] fand Hitler während der
deutschen Inflation die Juden. Sie waren dafür wie geschaffen: ihre alte
Verbindung mit dem Geld, für dessen Bewegungen und Wertveränderun-
gen sie etwas wie ein traditionelles Verständnis hatten; ihre Geschicklich-
keit in Aktivitäten der Spekulation; ihr Zusammenströmen auf Börsen, wo
ihre Art sehr grell von dem militärischen Verhaltensideal der Deutschen
abstach, das alles mußte sie in einer Zeit, die von der Fragwürdigkeit, La-
bilität und Feindseligkeit des Geldes erfüllt war, besonders fragwürdig und
feindselig erscheinen lassen. (MM 219)

Demnach hob sie ihre monetäre Attitüde, „ihre alte Verbindung mit dem
Geld“, wie seine Bestätigung des Klischees lautet, „sehr grell von dem mi-
litärischen Verhaltensideal der Deutschen“ ab. Dass das Phänomen des

346 Siehe zu den globalen Auswirkungen der Deflation wie zu jenen auf Deutschland Jan-
Otmar Hesse und Roman Köster [u.a.]: Die Große Depression. Die Weltwirtschaftskrise
1929–1939. Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2014.
202 3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen

Antisemitismus eines von katastrophischer Dimension war, erklärt Ca-


netti mit der erlittenen ‚Demütigung‘ der deutschen Masse, die darauf als
Inflations-Trauma kompensatorisch gegen die Juden gewendet wurde.347
Diese Definition, die erklärbar zu machen vorgibt, warum ausgerechnet
die jüdische Ethnie zum Ziel der kollektiven deutschen Verfolgung wurde,
ist bemerkenswert. Was Canetti in der Nachschau beschreibt, reflektie-
rend auf die zeitgeschichtliche Massendynamik Bezug nehmend, setzte er
bereits Jahrzehnte zuvor in seinem Blendungs-Roman um, und zwar am
Schicksal eines „[E]inzelnen“ (MM 219), der aus der angefeindeten Ethnie
stammt. Die Figuren sehen in Kien einerseits einen finanziell vermögen-
den Menschen – dass dabei sein Jüdischsein gewahrt wird, ist nicht belegt
–, der andererseits nicht ihre Lebensgewohnheiten teilt und ein befremd-
liches Verhalten an den Tag legt. Später fasste Canetti massentheoretisch
zusammen, was zu dem sozialen Außenseitertum und dem Niedergang
der Figur beiträgt bzw. führt. Verdeckt ist bereits in der Blendung die er-
wähnte Ökonomiekritik auszumachen, die im Zusammenspiel mit Canet-
tis Definition der Subjektkrise das angloamerikanische Modell ins Visier
nimmt.
Den historischen Prozess der jüdischen Massenvernichtung, der in meh-
reren Stufen ablief und einen propagandistischen Anfang nahm, erklärt
Canetti mit den Worten, dass es die „Inflation als Massenphänomen“ ist,
die auf die „Juden abgewälzt“ wurde (MM 220):

In der Behandlung der Juden hat der Nationalsozialismus den Prozeß der
Inflation auf das genaueste wiederholt. Erst wurden sie als schlecht und
gefährlich, als Feinde angegriffen; dann entwertete man sie mehr und
mehr; da man ihrer selber nicht genug hatte, sammelte man sie in den
eroberten Ländern; zum Schluß galten sie buchstäblich als Ungeziefer, das
man ungestraft in Millionen vernichten durfte. (MM 219)

347 Juden waren lange Zeit nicht zum Handwerk und Gewerbe zugelassen und mussten
daher auf kreative Weise, etwa durch Geldleihgeschäfte, ihren Lebensunterhalt be-
streiten. In der franzisko-josephinischen Ära wurde die liberale Politik gegenüber der
jüdischen Minderheit fortgeführt.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 203

Demnach bildete das Ereignis der Hyperinflation die Ursache für die fol-
gende biologisch-existentielle Vernichtung der Juden – die Shoa. Deren
Wurzel wäre in der großen Inflation (1923) gelegen, die eine Kette an Fol-
geereignissen nach sich gezogen hätte. Die Kausalität nimmt ihren Anfang
in der Einsetzung der Juden zum Feindbild, führt über deren sukzessive
Entwertung („entwertete man sie mehr und mehr“) und mündet in einer
millionenfachen Vernichtung. Kennzeichnend für diesen Vorgang sei, dass
die vom deutschen Volk durchlittene Existenzgefahr sich in die Auslö-
schung einer Ethnie steigerte. Obwohl sich die ökonomische Not bei Ca-
netti einzig auf den Vorgang der Inflation bezieht, kann in dieser eine
Chiffre gesehen werden, unter der die Volatilität im Gesamten subsumier-
bar ist.
Bei der Klärung der Ursache, die zu dem Massenmord der NSDAP an den
Juden führte, bedient sich Canetti einer psychologischen Kausalität:

Man ist noch heute fassungslos darüber, daß Deutsche so weit gegangen
sind, daß sie ein Verbrechen von solchen Ausmaßen, sei es mitgemacht,
sei es geduldet oder übersehen haben. Man hätte sie schwerlich so weit
bringen können, wenn sie nicht wenige Jahre zuvor eine Inflation erlebt
hätten, bei der die Mark bis auf ein Billionstel ihres Wertes sank.
(MM 219–220)

Während Canetti den Deutschen einerseits, im Sinn eines Kollektivverge-


hens, die Verantwortung zuschreibt („Verbrechen“), spricht er diese an-
dererseits von jeglicher Schuld frei, indem er eine massen-psychologische
Ursache ansetzt.348 Wenn er zu dem beispiellosen „Verbrechen“ der Shoa
erklärt, dass man die Deutschen unter anderen Umständen „schwerlich
so weit“ hätte „bringen können“, beschreibt er deren psychologisch ver-
ursachte Bereitschaft, der Demütigung eine Gegendemütigung folgen zu
lassen (MM 219). Die Kausalität gründet in einer Kompensation des Lei-
des, die zu einer Suche nach einem geeigneten Sündenbock geführt habe.

348 Bei diesem Inflationsphänomen erlangt die ‚Berührungsfurcht‘ keine Bedeutung, wie
noch zu sehen ist.
204 3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen

Angesichts der Unausweichlichkeit des Vorganges sei die Wahl der Opfer-
gruppe, entgegen einem moderaten Determinismus, auch nicht steuerbar
gewesen. Mit dieser Darlegung zum NS-Antisemitismus liegt ein Ursache-
Wirkungs-Prinzip vor – als Übereinstimmung von Bildlichkeit und Modell.
Die scheinbare Naturgesetzlichkeit fungiert in der Regel als Platzhalter für
eine biologisch-soziale, doch keineswegs strikte Determination. In der Be-
wertung der Umstände, die zur Shoa führten, weicht Canetti von diesem
Muster allerdings ab. Die chemisch-physikalische Modellhaftigkeit ist da-
für prädestiniert, die behauptete Unabwendbarkeit der Vorgänge darzu-
stellen.
Problematisch ist die Reduktion zeitgeschichtlicher Vorgänge auf Biologi-
sches deshalb, weil damit – auf der gesellschaftlichen Massenebene – ei-
ner deterministischen Notwendigkeit das Wort gesprochen wird. Wäh-
rend mit der Shoa eine abweichende Handlungsweise ausgeschlossen
bleibt, sieht Canetti in der Regel einen eng bemessenen Entfaltungsraum
gegeben. Das ermöglicht es ihm, in der Fliegenpein den Schluss zu ziehen,
dass sich „[e]ines zeigt“, „das unwiderlegbar ist: es gibt keinen vorausseh-
baren Gang der Geschichte“ (A2 103). Bezogen auf die Shoa, folgt hinge-
gen, dass ein Identitätsverlust, wie ihn die Deutschen in den frühen 20er-
Jahren erlebten, zwangsläufig zu Schuldprojektionen auf die Juden zu füh-
ren hatte.
Kuhnau spricht treffend vom Vorliegen einer Kausalität, die Canetti da-
durch konstruiert, dass er die „Ermordung der Juden als einen aus dem
Massenhaushalt der Deutschen unvermeidbar resultierenden Prozeß“
wertet.349 Weiter behauptet Kuhnau, dass in Bezug auf die Täterschaft
zwar von einem kausalen, doch zugleich moderierbaren, nicht vollständig
geschlossenen System auszugehen ist, wenn sie erklärt, dass „Entste-
hungszeitpunkt und Objekt der Erniedrigung“ „gesteuert“ werden kön-
nen.350 Damit vertritt sie die problematische These, dass in Canetti ein
Vertreter einer geöffneten Kausalität zu sehen ist, eines Modells, das als

349 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 205.


350 Vgl. ebenda, S. 199.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 205

solches gegen Ursache und Wirkung steht. Tatsächlich sind Canettis mo-
derater Determinismus und die Einzelfälle, die Kausalitäten darstellen –
als wechselseitiges Determinantenspiel –, prozessual nicht voneinander
zu trennen. Dennoch schließt das bei ihm kausale Doppelgleisigkeiten aus,
wie die beschriebenen Umstände zeigen, die zur Shoa und zum Aufstieg
der NSDAP geführt hätten. Wie Kuhnau, die in Bezug auf die Shoa grund-
sätzlich einen Kasus ansetzt, sprechen Bernd Widdig von „monokausalen
Erklärungsmodellen“351 und Bollacher von einer „seltsam monokausalen
Bahn“352.
Während es sich bei der Shoa-Kompensation, die allgemein eine Sünden-
bock-Ursache bezeichnet, um das zweite Glied einer Kausalitäts-Kette zur
jüngeren Geschichte handelt, wird das andere – zeitlich vorausgehende –
im Umfeld von Weltkrieg, Zerfall der ‚deutschen‘ Monarchien und der
Friedensverträge gebildet. Die grundsätzliche Begeisterung für den Mili-
tarismus, die in der deutschen Monarchie bestand, erklärt Canetti natio-
nal-deterministisch mit der „geschlossenen Masse der Armee“ (MM 211).
Diese Masse bestehe deshalb, und wirke darin als „Massenkristall“, weil
die deutsche „Nation“ das Massensymbol des „‚Wald-Heer[s]‘“ in sich
trage (MM 210 u. 211). Und wenn auch „nur bestimmte Jahrgänge von
jungen Männern“ in der Armee „dienten“, „ging“ „jeder Mann“ „einmal
durch sie durch“ und „blieb“ „innerlich“ an sie „gebunden“ (MM 210). Da-
her sei, von „vereinzelte[n]“ Ausnahmen (MM 210) abgesehen, diese
massensymbolische Attitüde für den einzelnen deutschen Staatsbürger
zwingend anzunehmen.
Wenngleich das Phänomen der Armeeaffinität noch keine kausale Dimen-
sion impliziert, wird es mit der Bewertung der Gründe, die zur NSDAP-
Gründung führten, wieder aufgenommen. Canetti wertet die vertraglich
angesetzte Bestimmung von Versailles, die eine signifikante Reduktion
der deutschen Armee vorsah, als Ursache für den Aufstieg der National-

351 Vgl. Widdig, Elias Canetti und die Inflation, S. 141.


352 Vgl. Bollacher, Canetti und das Judentum, S. 42.
206 3.4 Der ökonomische Faktor der Geldwertschwankungen

sozialisten. Während die „ersten Augusttage des Jahres 1914“ ein „Zeu-
gungs-Moment“ der NSDAP waren, weil Hitler darin den „einzige[n] Au-
genblick“ erlebte, „in dem er selber redlich Masse war“, ‚sprang‘ nach
1918 die „Partei“ für das „Heer“ ‚ein‘ (MM 211). Deswegen sei das „Ver-
bot der allgemeinen Wehrpflicht“ die „Geburt des Nationalsozialismus“
(MM 211). Der Geburtsakt der NSDAP, der daraus folgt, bildet das erste
Glied in einer Kausalitäts-Kette, deren zweites und letztes mit der Klärung
der Sündenbock-Opferschaft vorliegt. So, wie von einem kausaldetermi-
nistischen ‚Zeugungs‘-‚Geburts‘-Komplex im Punkt des Aufstieges der
NSDA-Partei auszugehen sei, habe man eine Ursache auch im Fall der
Shoa anzusetzen.
Die politische Rede vom „‚Versailler Diktat‘“ (MM 213) habe eine vielfäl-
tige propagandistische Symptomatik nach sich gezogen und die Rezipien-
ten mit einschlägigen nationalistischen Affekten aufgeladen: „Man kann
ohne Übertreibung sagen, daß alle wichtigen Schlagworte der National-
sozialisten, mit Ausnahme derer, die den Juden galten, sich aus dem einen
Wort vom ‚Versailler Diktat‘ durch Spaltung ableiten lassen: ‚Das Dritte
Reich‘, ‚Sieg-Heil‘ und so weiter.“ (MM 213) Denn im Sinn des „natio-
nale[n] Massensymbol[s]“ gilt, dass, „[w]er das Wort vom ‚Versailler Dik-
tat‘ hörte oder las“, auf das „tiefste“ „empfand“, „was ihm weggenom-
men war: die deutsche Armee“ (MM 212).
Wie im Fall der Sündenbock-Opferschaft zeigt sich auch in dem der
NSDAP-Geburt ein kausales Gesicht, das moralisch schuldentlastend
wirkt. Daher hat der an Canetti gerichtete Vorwurf wiederholt gelautet,
dass er eine problematische Simplifizierung komplexer Sachverhalte be-
treibt. Kuhnau greift den Gedanken von der Geschichtsklitterung auf,
wenn sie ein „monokausale[s] Erklärungsmodell des Versailler Vertrags“
sieht und von „physikalische[n] Gesetzmäßigkeiten in Verbindung mit
triebhaften und emotionalen Strukturen“ spricht.353 Angelova vertritt die
relativierende Ansicht, dass Canetti erstens eine „Kausalität der Ge-

353 Vgl. Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte, S. 167.


3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 207

schichte“ ablehnt und zweitens eine „Destruktion des Nationen-Begrif-


fes“ betreibt354: „Und wenn er in dem Kapitel über ‚Masse und Ge-
schichte‘ das ‚Deutschland von Versailles‘ unmittelbar nach den Massen-
symbolen betrachtet, so dann nur als historisches Zitat, so wie er auch
prähistorische und mythologische Zitate gebraucht.“355 Canetti vertritt
grundsätzlich die Ansicht, dass sich die „nationalen Ideologien“ keines-
wegs „alle gleichsehen“ (MM 197). Dennoch geht er dazu über, ausge-
wählte Nationen auf die in ihnen wirkenden nationalen „Symbole hin zu
betrachten“ (MM 199). Wiewohl er selbstkritisch davon spricht, dass es
sich „um eine Reduktion auf ganz simple und allgemeine Züge“ handelt
(MM 199), greift er in den Fällen seines zeitgeschichtlichen Kausalver-
ständnisses darauf zur argumentativen Begründung zurück.
Canetti, der einen universalanthropologischen Ansatz vertritt, sah sich im
Fall der NS-Massenvernichtung der Juden veranlasst, wie dargelegt, eine
Kausaldeterminante (Sekundärglied) anzusetzen. Die machte er bezeich-
nenderweise im zeitlichen Rahmen der Weimarer Republik, bzw. in deren
Frühphase, in Form der großen Inflation aus, die zum ersten veritablen
Krisenmoment innerhalb dieser Staatsform führte. Gleiches trifft auf den
zugehörigen Erstkasus der NSDAP-Gründung zu, den der Autor durch ein
Zusammenspiel aus Massenkristall und Versailler Vertrag gegeben sieht.
Den späteren Reichskanzler, als politisch Hauptverantwortlichen, sieht er
dem masserelevanten Spannungsfeld auf besondere Weise ausgesetzt.
An diesem Einzelnen hätte sich psychologisch vollzogen, was – im We-
sentlichen – für das deutsche Volk im Gesamten unentrinnbare Relevanz
besaß.
Zum methodischen Vorgehen Canettis, der ansonsten ein Ursache-Wir-
kungs-Schema aufbricht – und zwar fast ausnahmslos –, ist auszuführen,
dass sich der Autor von einem strukturalistischen Ansatz dadurch abhebt,
dass er, in der Beschreibung der Fortschrittssymptome, geschichtliche Dy-
namiken ins interpretative Spiel bringt.

354 Vgl. Angelova, Dekonstruktion des Nationenbegriffes, S. 20.


355 Ebenda, S. 36–37.
208 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments


Canettis ‚deutsche‘ Attitüde zeigt sich nicht allein im kausalen Determi-
nismus, den er in seiner Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung hin
zur Shoa anwendet, sondern auch mit einer ausgeprägten antikapitalisti-
schen Haltung. Dadurch scheint auch eine post-habsburgische Sentimen-
talität auf, vor allem aber eine Form von implizitem Nationalismus, die
sich gegen das angloamerikanische Modell wendet. Zu belegen ist diese
Annahme durch eine Zitatstelle aus Masse und Macht, die den Aspekt von
„Inflation und Masse“ fokussiert. Darin äußert sich Canetti zu der alten
Geldwert-Bedeutung, die dem „Schatz“ trotz der Abstrahierung, die sich
in modernen Zeiten durch das „Papiergeld“ vollzog, noch erhalten geblie-
ben sei:

Aber die Bedeutung der Golddeckung für eine gute Währung, die Tatsa-
che, daß überhaupt noch an einer Goldwährung festgehalten wird, be-
weist, daß der Schatz seine alte Bedeutung noch keineswegs verloren hat.
Der weitaus größte Teil der Menschen, auch in den technisch am höchsten
entwickelten Ländern, wird für seine Arbeit nach Stunden entlohnt, und
die Größe dieses Lohnes bewegt sich in einer Ordnung, die man sich fast
überall noch in Münzen vorstellt. Man bekommt noch Münzen auf Papier
heraus; das alte Gefühl für sie, die alte Einstellung zu ihnen sind jedem
vertraut […]. (MM 216)

Allerdings gibt Canetti zu bedenken, „daß sich neben dieser älteren eine
andere, moderne Beziehung zum Geld entwickelt hat“, wobei er eine Kor-
relation zwischen Geldvermehrung und Bevölkerungssteigerung konsta-
tiert: „Wenn die Münzen früher etwas von der strikten hierarchischen Or-
ganisation einer geschlossenen Gesellschaft an sich hatten, so geht es un-
ter dem Papiergeld mehr zu wie unter den Menschen der Großstadt.“
(MM 216) Unter anderem der Wertpapierhandel, der an den Börsen er-
folgt – und zwar exemplarisch innerhalb der kapitalorientierten Wirt-
schaftsform –, wird damit mittelbar verunglimpft, als ein Vermehrungs-
prozess des Geldes, der auf Spekulationsgeschäften basiert. Diese hätten
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 209

dazu beigetragen, dass die „Münzeinheit in jedem Land“ einen „mehr abs-
trakten Wert“ erhalten hat (MM 216).
Die ‚Abstrahierung‘, die die Lebensrealität des Einzelnen prägt, wird zum
Ersten auf den Umstand der Verbriefung zurückgeführt (der Geldschein
als Wertpapier im weiten Sinn) und zum Zweiten auf die gesteigerte Ka-
pitalhöhe („Größe“ des „Lohnes“, MM 216), die in Ansätzen bereits zu be-
obachten ist. Gleichzeitig erfolgt eine verdeckte Kritik am Nationalstaat-
gedanken, wenn die Ausdifferenzierung des Tauschhandels, die mit den
modernen Wachstumsprozessen einherging, auf die nunmehrige Vielzahl
der Länder übertragen wird („in jedem Land“), nämlich im Sinn eines glo-
balen Verfallsprozesses. Dass Canetti die „Hybris“ der Produktion auf die
„Vermehrungsmeute“ zurückführt (MM 224), tut der Vorreiterrolle, die
er das kapitalistische System einnehmen sieht, keinen Abbruch. In Sachen
„Vermehrung“ vertritt er zwar die Ansicht, dass für den Menschen, „[d]a-
mit er gedeihe und mehr werde“, „von allem da sein“ muss, „dessen er zu
seinem Leben bedarf“ (MM 128). Doch „[w]as früher eine Erzeugung und
Steigerung von Erwartung“ war, etwa auf „Regen, auf Korn“, „ist heute
zur unmittelbaren Erzeugung selbst geworden“ (MM 224). Der Hochmut
habe inzwischen „Vermehrungszentren“ gebildet und sich auf „verschie-
dene Sprachen und Kulturen verteilt“ (MM 554). Implizit schreibt er hier-
bei dem Kapitalismus eine federführende Position zu. Denn in den „‚kapi-
talistischen‘ Ländern“ sticht die „ungehemmte Vervielfältigung“ am
„meisten ins Auge“ (MM 225). Dadurch, dass so vorrangig angloamerika-
nische Phänomene ins Fadenkreuz geraten, weist sich der Autor in seiner
Weltanschauung ex negativo als dem Mythos der Habsburgermonarchie
zugehörig aus. In ökonomischer Hinsicht entspricht Canetti den gängigen
Klischees, wie sie ideologisch die Bewegung des Sozialismus bzw. Kommu-
nismus originär vertrat.356

356 Marx spricht vom ‚Wandel‘ von Geld in Kapital, der sich mit dem Produktionsprozess
vollzieht; Karl Marx, Bd. 1: Der Produktionsprocess des Kapitals. In: Das Kapital. 3 Bde.
Hamburg: Otto Meissner 1867, S. 160.
210 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

Seine Kritik an der „Produktion“, die Canetti in Masse und Macht formu-
liert, sei auf den industriemodernen Staat im Allgemeinen bezogen zu se-
hen, zu dem sich auch Russland in Zeiten des Kommunismus gewandelt
habe:

Ihrem innersten Wesen nach ist die Produktion friedlich. Verminderungen


durch Krieg und Zerstörung sind ihr schädlich. Kapitalismus und Sozialis-
mus unterscheiden sich darin nicht: es sind die streitenden Zwillingsfor-
men ein und desselben Glaubens. […] Sie [die „Produktion“] ist gleicher-
maßen zur Herzensangelegenheit beider geworden. Ihre Rivalität hat zum
wütenden Erfolg der Vermehrung beigetragen. Sie ähneln sich einander
immer mehr an. (MM 554)

So beanstandet er die Anpassung eines kommunistischen Gesellschafts-


entwurfes, der verwässert worden sei, an die Zeichen einer zunehmend
technisierten Zeit. Seiner modernefeindlichen Logik zufolge sei der Sozia-
lismus, seinen heilsamen Ansätzen zum Trotz, in das Fahrwasser einer ka-
pitalistisch dominierten Industriemoderne geraten. Mit der Annäherung
der beiden Produktions-Systeme hat daher eine einseitig vollzogene Be-
wegung beschrieben zu sein. Als eines der Übel, das zu dieser „wütenden“
„Vermehrung“ geführt hat, macht Canetti eine intersystemische „Rivali-
tät“ aus, die Züge des Masse-Macht-Dilemmas trägt.357
Während der frühe Canetti eine prinzipielle Fortschrittsskepsis vertritt,
zeigt sich in seinen späteren Jahren eine differenzierte Bejahung der zivi-
lisatorischen Errungenschaften, die von der Möglichkeit ausgeht, dass der
Lauf der Geschichte zu steuern ist. Dem Fortschrittsdrang setzt er schließ-
lich die ‚Empathie‘, mit dem Ziel einer nachrangigen Synthese, entgegen.
In der Münchner Rede spricht er vom „Allzweck der Produktion“, die in

357 Wenngleich Canetti an anderer Stelle davon spricht, dass, „[o]b man produziert, um
zu verkaufen, oder produziert, um zu verteilen, der Prozeß dieser Produktion“ „ver-
ehrt“ wird (MM 223), überzeugt dieser Versuch einer Verallgemeinerung nicht. Denn
gleichzeitig gesteht er ein, dass in den „Ländern“ des „‚Proletariat[s]‘“ „Probleme der
allgemeinen Verteilung theoretisch gleichwertig neben denen der Vermehrung“ „ste-
hen“ (MM 225 u. 226).
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 211

einer „Welt, die auf Leistung und Spezialisierung angelegt ist“, durch die
„Gabe der Verwandlung“ zu bekämpfen sei (GW 366). Canettis kritische
Bewertung der Industrialisierung, die er unter dem Taylor’schen Zwang
der Rentabilität stehen sieht, leitet sich von autodynamischen Wachs-
tumsprozessen ab. Nicht zuletzt gegen die Differenzierungen in Wissen-
schaft und Wirtschaft, in öffentlichem wie privatem Leben, wendet sich
Canetti, so dass die Phänomene der sozialen Entfremdung wie des Fach-
spezialistentums beanstandet werden.
Auffällig ist die Gegenüberstellung der Bedeutung der Münzen („Schatz“)
mit jener des Papiergeldes („Million“) aus dem Grund, weil sie auch kri-
tisch auf die Börsengeschäfte verweist und damit letztlich auf das indust-
riekapitalistische Modell:

Aus dem Schatz ist heute die Million geworden. Sie hat einen kosmopoli-
tischen Klang, die Bedeutung dieses Wortes erstreckt sich über die ganze
moderne Welt, es kann sich auf jede Währung beziehen. (MM 216)

Was Canetti hier formuliert, sind typologische Ressentiments zur Indust-


riemoderne, wie sie nicht zuletzt in den beiden ‚deutschen‘ Monarchien
bestanden haben. Die Anbindung des Bevölkerungswachstums, das in
den Städten erfolgt, an die erfolgreichen Spekulationsgeschäfte, die an
den Börsen getätigt werden, macht die demografische Entwicklung neben
der Industrie- auch von der Finanzwirtschaft abhängig. Dadurch nimmt er
die vielfältigen Erscheinungsformen einer „ungehemmte[n] Vervielfälti-
gung“ (MM 225) ins Visier, die bei ihm an eine zukunftsrelevante Dimen-
sion gebunden sind. Diesem Verständnis entspricht, dass er der „hierar-
chischen Organisation“ der wilhelminischen wie josephinischen Gesell-
schaft das Chaos des urbanen Raumes, verstanden als Zentrum der (kapi-
talistischen) Industrialisierung, gegenüberstellt (MM 216).
Bereits in der Blendung zeigt sich Canettis antikapitalistische Haltung, die
hintergründig den argumentativen Rahmen für die Subjektkrise bildet. Als
es nach dem Wiedersehen mit Therese zur Einvernahme durch den Kom-
mandanten kommt, ist zu erfahren, dass der „Holzboden des Sessels, den
212 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

er zu benützen pflegte“, „von einem weichen Kissen, dem einzigen dieser


Wachstube, bedeckt“ war, „auf dem man in rot gestickten Buchstaben
PRIVATEIGENTUM las“ (B 339). Zu Recht sieht Strelka deshalb das „Wort
PRIVATEIGENTUM immer in Grossbuchstaben gesetzt“, „[u]m die diffizile
und hochintellektuelle symbolische ‚kapitalistische[‘] Ebene der Bedeu-
tung des Sitzkissens ins rechte Licht zu rücken und die ‚köstliche‘ Ironie zu
unterstreichen“.358 Insgesamt macht Strelka die Kapitalismus-Kritik in „ab-
stossenden Charaktere[n]“ aus, zu denen er Fischerle, Pfaff, Therese und
den Pass-Koch zählt, die deshalb „alle zu Hoffnungslosigkeit und Bösartig-
keit“ „verdammt“ „scheinen“ wie zu „Abscheulichkeit“, „weil sie in einem
kapitalistischen System leben“.359 Zu diesen ‚Verdammten‘ rechnet er
auch den „weltentrückte[n]“ Peter Kien, „in dem vorübergehend zumin-
dest ‚das Erbteil des Kapitalismus in seiner Familie‘ erwacht und die Hab-
gier nach der Bibliothek des alten Silzinger, die er aufkaufen will“.360 In
Kiens kritischer Wahrnehmung war in ihm, wie er im „Prügel“-Kapitel be-
merkt, eine „Gier nach neuen Büchern“ „erwacht“, was mit einer Abkehr
von seiner „aufklärende[n] Mission“ einherging (B 153). Nachträglich
spricht Kien vom „bösen Einfluß“ einer „Irrsinnigen“ – gemeint ist Krumb-
holz –, deren „Krankheit“ er schließlich „nicht mehr widerstehen“ konnte:
„Habgierig bis zum Exzeß, hatte sie einen Teil ihrer Gier auf ihn übertra-
gen.“ (B 186) Weiter erklärt er, dass eine „Sucht nach fremden Büchern“
ihn seinen „eigenen entfremdet“ hätte, denn: „Sein Charakter […] war in
Gefahr, an Geld zu zerschellen.“ (B 186) Dieser Entwicklung, die in Ansät-
zen vorliegt, steht eine Grundhaltung entgegen, die als antimaterialisti-
sche zu bezeichnen ist. Im Zuge seiner Genesung vom Sturz in der Biblio-
thek ist daher zu erfahren: „Geld war das Unpersönlichste, Nichtssa-
gendste, Charakterloseste, was er sich vorstellen konnte.“ (B 116) Seine

358 Vgl. Strelka, Canettis Die Blendung, S. 44. – Bereits Dissinger spricht davon, dass hier-
mit ein „marxistischer Grundgedanke“ „an“-„klingt“; Dissinger, Vereinzelung und Mas-
senwahn, S. 93/Fn. 165.
359 Vgl. Strelka, Canettis Die Blendung, S. 50.
360 Vgl. ebenda.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 213

antikapitalistische Grundhaltung ist, wie dargestellt, in der Folge einer


Erosion unterworfen.
Zu der spezifischen Motivation des Kommandanten, dem das „Kissen“ als
„Indentitäts-Stütze“ [sic!] dienen würde,361 schreibt Curtius, die sich der
marxistischen Methode bedient:

Durch den Anblick seiner ‚unmännlichen‘ Nase macht der Kommandant


sich also aggressiv. Seine Aggressivität verleiht ihm die in seinem Beruf
unentbehrliche Autorität. Diese Teilfähigkeit, entstanden aus einem Un-
fähigkeitsgefühl, das wiederum eine Folge der entfremdeten Sexualität
ist, nützt dem Beamtenapparat, der seinerseits als Konsequenz der Ent-
fremdung, durch Arbeitsteilung und deren Spezialisierung, entstanden
ist.362

Der Versuch, für die Romankonzeption einen ideologischen Nachweis zu


erbringen, sei es nun für eine einzelne oder mehrere Schulen, wird nicht
nur dem Selbstverständnis des Autors nicht gerecht, sondern simplifiziert
auch seinen zweifachen anthropologischen Zugang. Offenbart sich mit
dem Kommandanten doch die biologische Grundierung des Machthabers,
zu der in der modernen Zeit neue, mitunter technische, Gewaltmittel hin-
zutreten. Demgemäß erklärt Canetti, dass „[g]epolsterte Sitze“ dem „Sit-
zenden ein dunkles Gefühl davon“ „vermitteln“, „daß er auf Lebendem
lastet“ (MM 463). Bezogen auf den Kommandanten, zeigt sich ein biolo-
gischer Machtdrang, der selbst in post-‚kakanischen‘ Zeiten noch eine
problematische Verformung erfährt. Bereits in Hochzeit scheint eine Gier
nach Privatbesitz auf, die sich nicht allein mit gesellschaftlichen Befind-
lichkeiten erklären lässt. Vordergründig fungiert die beabsichtigte Erb-
schaft des Hauses, die sich eine Reihe von Figuren zum Ziel setzt, als Aus-
weis der Wertvorstellungen, wie sie die Gesellschaftsschicht des Bürger-
tums kennt. Doch verdeckt beschreibt Canetti einen biologischen Hang

361 Vgl. Curtius, Kritik der Verdinglichung, S. 32.


362 Ebenda, S. 93.
214 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

des Menschen zur Vermehrung, der vor keinen Gesellschaftsschichten


Halt macht.
Curtius stellt schließlich theoretische Übereinstimmungen mit Karl Marx
und Georg Lukács fest, wenn sie die Ansicht vertritt, dass sich im Roman
die „psychische Verelendung der Individuen als Folge weitgehender Ver-
dinglichung“ darstellt.363 Denn Curtius spricht davon, dass die „Million“
für die „Leute der ‚Blendung‘ wie für die meisten Menschen überhaupt
ein Fetisch von besonderer Faszination“ ist.364 Sie schließt daraus, dass
der „Vermehrungsmythos der Gegenwart nichts anderes als ein Bestand-
teil der Verdinglichung“ ist und der Kommandant als „gesellschaftliche[s]
Subjekt“ der „Entfremdung“ seine „Identität im Besitz“ „sucht“.365 Wie
Canettis Begriff der ‚Berührungsfurcht‘ zeigt, die biologisch im Menschen
verankert ist, wäre es unzulässig, seine Kritik an der industriemodernen
„Gegenwart“ einzig sozialgeschichtlich zu deuten. Die Hochmoderne gilt
ihm lediglich als zivilisatorische Klimax einer angeborenen Masse-Macht-
Problematik, die sich in der Affinität zum Geld, als Mittel zur Macht, zu
spiegeln hat. Tepebaşılı spricht mit Blick auf Kien von einer „Flucht vor den
Folgen des modernen Lebens“ und einer impliziten „Kritik“ an der „Kon-
sumgesellschaft“, die den „Menschen“ vom „Leben“ „entfremde[t]“.366
Im Gespräch mit Joachim Schickel, in dem Canetti gefragt wird, ob in der
Masse-Macht-Schrift „Parallelitäten“ zu Marx bestehen, stimmt der Ge-
fragte zu, wenn auch auf relativierende Weise. Zum einen klassifiziert er
dessen „System[]“ als „bedeutende[s]“ und zum anderen betont er seinen
Willen, zu eigenen („meinen“) „Resultaten“ zu gelangen (ARG 254). Ca-
netti, der keine parteipolitische Nähe zum Sozialismus oder Kommunis-
mus aufwies, sympathisierte zwar mit der Lehre des Marxismus, war je-
doch gewillt, eigenständige „Resultate[]“ zu erarbeiten. Ernst Fischers Le-

363 Vgl. ebenda, S. 17.


364 Vgl. ebenda, S. 57.
365 Vgl. ebenda, S. 32, 33 u. 48.
366 Vgl. Tepebaşılı, Wissenschaft und Wissenschaftler, S. 65.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 215

bensbeschreibung bestätigt diese differenzierte Haltung. Seine Erinne-


rungen an die Begegnungen mit Canetti und seiner Frau, die in der späten
Zwischenkriegszeit erfolgten, sind von den Repressionen geprägt, denen
sich die Sozialisten im neuen Österreich ausgesetzt sahen. Massentheo-
retisch aufschlussreich ist Fischers Beschreibung der Vorstellung, die Ca-
netti hinsichtlich einer Erlösung der modernen Gesellschaften gehegt
hätte. Einerseits schreibt er, dass für Canetti der „Kommunismus die ge-
sellschaftliche Voraussetzung“ war, „um dieses Ziel, diese Zukunft, die
nicht mehr zerfallende Masse, zu erreichen“: „Daß von Rußland aus ‚die
Masse um sich fressen werde‘, hielt er für unwahrscheinlich; er dachte an
Asien.“367 Andererseits antwortete Canetti auf seine direkte Frage, ob er
„nicht“ „Kommunist“ sei: „‚Das ist noch unbestimmt.‘“368
Jegliche politische Dimension einer Massenbewegung – so eine solche je
bestanden hat – scheint bereits zu Beginn der 30er-Jahre einem neu-my-
thischen Zugang gewichen zu sein. Der Blendungs-Roman führt beispiel-
haft vor, anhand des Brüder-Paares, dass der irrationalen Ratio der In-
dustriemoderne nur durch einen wahnhaften Verfall zu entkommen sei.
In Bezug auf Masse und Macht, und zum gereiften Canetti, äußert sich
Fischer dann ideologisch eindeutig, indem er von einer „Absage an den
Marxismus“ spricht, die „nicht“ „formuliert und begründet“ wird.369
Der wesentliche Unterschied zu Marx liegt in Canettis biologischer Anth-
ropologisierung der beiden Leitfaktoren, die das soziale Zusammenleben
und folglich den Geschichtsverlauf zu deren bloßem Schattenriss degra-
diert. Deshalb gibt Canetti in dem Gespräch auch zu bedenken, „daß Marx
selbst schärfer als jeder […] vor ihm betont, daß das Bewußtsein von den
gesellschaftlichen Verhältnissen her bestimmt ist“ (ARG 255). Unter Be-
rührung von Canettis Kapitalismusskepsis erkennt Barnouw in der Komö-

367 Fischer, Erinnerungen und Reflexionen, S. 239.


368 Ebenda, S. 239.
369 Vgl. Ernst Fischer: Bemerkungen zu Elias Canettis Masse und Macht. In: Literatur und
Kritik 1, H. 7 (1966), S. 12–20, hier: S. 12.
216 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

die der Eitelkeit eine Kritik an der „technokratischen Massengesell-


schaft“.370 In dem Drama, das unter dem Eindruck der NS-Machtergrei-
fung entstand, zeigt sich eine totalitär agierende Obrigkeit, die es darauf
abgesehen hat, eine „verweiblicht[e]“ Gesellschaft (K 87) von ihrem Nar-
zissmus zu befreien. Das konzeptionell realisierte Wortspiel, das sich in
Bezug zum Nazismus einstellt, deutet auf ein neues Menschenbild, das
mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll. Damit der Verweichlichung
ein Ende bereitet wird, verhängt man für die „Erzeugung von Spiegeln“
die „Todesstrafe“ (K 85). Zugleich vertritt Barnouw die Ansicht, dass Ca-
netti „außerhalb der zur Zeit gängigen Ideologien steht, der marxisti-
schen, der strukturalistischen und der psychoanalytischen“.371 Susan Son-
tag wiederum spricht von einer „antimarxistisch[en]“ Haltung, was sie un-
ter anderem mit einem „ahistorische[n] Ansatz“ begründet.372
Wenn der klassenkämpferische Ansatz auch dadurch unterminiert wird,
dass Canetti biologische Konstanten attestiert, ist anhand der Blendung
hintergründig nachweisbar, dass das Täter-Schicksal der Figuren Pfaff und
Krumbholz im kapitalistischen Opferkontext angesiedelt ist. Der explizite
Kapitalismus-Diskurs ist maßgeblich an die Figur des Fischerle gebunden,
der, ins Rotlicht-Milieu abgegleitet, aus ökonomischer Not heraus seine
Auswanderung in die Neue Welt der USA vorbereitet. Weil es ihm an be-
ruflichen Möglichkeiten gebricht, greift er auf kriminelle Praktiken zurück,
die seinen Lebensunterhalt sicherstellen. An diesem Beispiel macht Ca-
netti die schwierigen Lebensbedingungen sichtbar, denen die jüdische
Ethnie – auch in der Zwischenkriegszeit – in den ‚deutschen‘ Republiken
ausgesetzt war.
Gleichzeitig weisen schon die autobiografischen Aussagen des Autors dar-
über, wodurch er sich veranlasst sah, den Roman zu verfassen, auf eine
nationalistische Voreingenommenheit, die die Deutschen zu Opfern der

370 Vgl. Barnouw, Einführung zu Canetti, S. 161.


371 Vgl. Barnouw, poetische Anthropologie, S. 13.
372 Vgl. Susan Sontag: Geist als Leidenschaft. In: Hüter der Verwandlung. Beiträge zum
Werk von Elias Canetti. München [u.a.]: Hanser 1985, S. 90–110, hier: S. 105.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 217

‚westlichen‘ Moderne macht. Die Gesellschaftskritik zeigt sich verdeckt


vom wirtschaftlichen Zugang getragen, wobei mit der Beschreibung der
Verwirrung, die in der ‚deutschen‘ Zwischenkriegszeit bestand, zugleich
eine politische Aussage erfolgt. Obwohl das Verständnis des Kapitalismus-
Begriffes von Marx und Canetti im Wesentlichen übereinstimmt, wenn es
sich um eine grundsätzlich negative Ausstrahlung auf die Schwachen der
Gesellschaft handelt, ist nur in letzterem Fall von einer prinzipiellen Fort-
schrittsskepsis zu sprechen. Die modernistische Programmatik aufgrei-
fend, spricht Durzak im Fall des Dramas Die Befristeten davon, dass der
„Tod“ im „triebhaften Taumel verleugnet“ und zum „Warenfetisch kostü-
miert“ wird, so dass er „nur als Anlaß zur Besitzerweiterung in den Kalku-
lationen der Menschen eine Rolle spielt“.373
Wie gesehen, erstreckt sich in seiner Masse-Macht-Schrift die Kritik an der
„moderne[n] Welt“ nicht zufällig auf die Börsen- bzw. ‚Spekulations‘-Ge-
schäfte (MM 216). Seine Bezugnahme auf die „Million“, die durch „spe-
kulative Geschicklichkeit sprunghaft zu erreichen ist“, legt eine spezifische
Moderneskepsis offen, die Canetti in der Blendung noch hintergründig
distanziert kundtat:

[…] sie schwebt allen Menschen vor, deren Ehrgeiz auf Geld gerichtet ist.
Der Millionär hat einige der strahlendsten Eigenschaften des alten Mär-
chenkönigs übernommen. (MM 216)

Die Behauptung, dass jenes Symbol für Reichtum „allen Menschen“ „vor“-
„schwebt“, „deren Ehrgeiz auf Geld gerichtet ist“, bezichtigt implizit, doch
unmissverständlich, vor allem die Menschen des angloamerikanischen Le-
bensraumes der Geldgier. Curtius erkennt mit Blick auf den Roman, dass
Canetti mit der Million die „Faszination des Goldschatzes im Märchen“
beschreibt, „mit dessen Hilfe man dort auch die Prinzessin, Sexual-Status-
Symbol par excellence, erlangen konnte“.374 Mit Blick auf den Argumen-
tationspunkt zu den Geschäften, die an den Börsen getätigt werden, zeigt

373 Vgl. Durzak, Elias Canettis Weg ins Exil, S. 136.


374 Vgl. Curtius, Kritik der Verdinglichung, S. 57.
218 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

sich, dass das Deflations-Motiv der Geldwert-Problematik zusätzliches


Gewicht verliehen hätte. Doch war die Beschränkung auf das Inflations-
Dilemma aus rhetorischen Gründen notwendig, wie Canettis Überzeu-
gung lautete. Steht im Zentrum seiner Hypothesen doch die Annahme ei-
ner (zweifachen) Entwertung.
In der Folge sieht Canetti den „abstrakten“ Begriff der Million als prädes-
tiniert für die Übertragung auf „Menschen“ (MM 216). Denn dieser be-
zieht sich aus rhetorischer Sicht nicht allein auf das „Geld“, dessen Wachs-
tumsprozesse er wiederholt beschreibt, um schließlich von seiner Bedeu-
tung in „politischen Reden“ zu sprechen:

Dieser doppelte Charakter des Wortes läßt sich in politischen Reden be-
sonders gut studieren. Die Wollust der springenden Zahl ist zum Beispiel
charakteristisch für Hitlers Reden. Sie bezieht sich dort gewöhnlich auf die
Millionen von Deutschen, die außerhalb des Reiches leben und noch zu
erlösen sind. Nach den ersten, unblutigen Siegen, vor Ausbruch seines
Krieges, hatte Hitler eine besondere Vorliebe für die steigenden Bevölke-
rungsziffern seines Reiches. Er konfrontierte sie mit denen aller Deut-
schen, die es überhaupt auf der Erde gibt. Sie alle in seiner Einflußsphäre
zu haben, war sein eingestandenes Ziel. (MM 216–217)

Den Aufstieg der NS-Partei ordnet er insofern der modernen Zeit zu, als
ein Hinweis darauf erfolgt, dass vor „Ausbruch“ des „Krieges“ eine verrä-
terische Rhetorik angewandt wurde. Dadurch legt er die Macht- und Mas-
sen-Besessenheit eines Diktators offen, der seine Geltungssucht mit dem
Wachstum der Reichsbevölkerung zu befriedigen suchte. Dessen Massen-
Wahn wird in Korrelation zu einem industriellen Vermehrungsdrang ge-
setzt, der selbstzerstörerische Züge trage.
Beachtenswert ist der Umstand, dass Canettis Kritik an der modernen
Wirtschafts- und Staatsform die politischen Wachstums-Motive Hitlers
berührt, was zu einer Aktualisierung der propagandistisch verbreiteten
Opferthese führt:

Immer aber verwendete er für seine Drohungen, Genugtuungen und For-


derungen das Wort Million. Andere Politiker verwenden es mehr für Geld.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 219

Aber der Gebrauch des Wortes hat zweifellos etwas Schillerndes bekom-
men. Die abstrakte Zahl ist von den Bevölkerungsziffern der Länder und
vor allem der Weltstädte, die überall in Millionen ausgedrückt werden,
mit einem Masseninhalt erfüllt worden, wie ihn keine andere Zahl heute
enthält. Da das Geld derselben „Million“ verpflichtet ist, sind sich Masse
und Geld heute näher als je. (MM 217)

In Canettis kritisches Ökonomie- und Urbanitäts-Verständnis, das natio-


nalistisch fundiert ist, sind auch politische Menschen-Millionäre inklu-
diert. So wird die betreffende Industriegesellschaft, dieses Symptom der
„moderne[n]“ Zeit (MM 216), irrigerweise als Nährboden für den Wachs-
tums- und Feldzugswahn der Nationalsozialisten beschrieben. Dass diese
Schuldentlastung vor der Darlegung der „doppelte[n] Entwertung“ erfolgt
(MM 218), die im Zuge der Inflation eingetreten sei, betont die Verbind-
lichkeit der Aussage. Diese Grundhaltung ist kennzeichnend für die Schrift
zu Masse und Macht, mit der er, ausgehend von seinen Erfahrungen mit
Menschenmassen und Machtansprüchen, den kontinuierlichen Aufstieg
der NS-Bewegung zu erklären suchte. Er erkennt das Menschheitsverbre-
chen der Shoa zwar an, platziert dieses jedoch innerhalb einer kausalen
Opfer-Determination, der das deutsche Volk ausgesetzt gewesen wäre.
Darüber hinaus vermittelt sich der Eindruck der politischen Schatzanhäu-
fung sowie einer politischen Münchhausiade, wie Canettis Suggestion lau-
tet. Durch die Behauptung, dass der „Millionär“ „einige der strahlendsten
Eigenschaften des alten Märchenkönigs übernommen“ hat (MM 216), ge-
winnt der gebürtige Österreicher, der 1933 zum Reichskanzler ernannt
wurde und die Massen verführte – so einen Millionär darstellend –, so-
wohl die Bedeutung eines (märchenhaft ‚vermögenden‘) Staatsmannes
als auch jene eines der Realität entfremdeten Lügners. Welcher Akzent
sich mit dieser Stufensemantik realisiert – innerhalb eines verbrecheri-
schen Kontextes –, liegt in der Wahl des Interpreten.
Weiter heißt es zum Vorgang der rapiden Geldentwertung, der Hyperin-
flation, die einen ernormen Anstieg der im Umlauf befindlichen Geld-
menge nach sich zog:
220 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

Die Geldeinheit verliert ganz plötzlich ihre Persönlichkeit. Sie verwandelt


sich in eine wachsende Masse von Einheiten; diese sind immer wertloser,
je größer die Masse wird. Die Millionen, die man immer so gern gehabt
hätte, hält man plötzlich in der Hand, aber es sind keine mehr, sie heißen
nur so. […] So wie man bis zu jeder Höhe hinauf zählen kann, so kann sich
das Geld bis zu jeder Tiefe entwerten. (MM 217)

Canetti beschreibt das Inflationsphänomen in dem Sinn als Erscheinung


des Wertpapierhandels, dass dieses aus Spekulationsgelüsten hervorge-
gangen sei. Denn jene bildeten in der Industriemoderne einen nicht un-
wesentlichen Teil der Kapital-Akkumulation, die auf mehreren Wegen er-
folge.
Wenn Canetti zu bedenken gibt, dass in diesem „Vorgang“ sich die „Eigen-
schaft der psychologischen Masse“ „wieder“-„findet“, referiert er auf die
„Lust am rapiden und unbegrenzten Wachstum“:

Aber dieses Wachstum ist ins Negative gewendet: das Wachsende wird
schwächer und schwächer. Was früher eine Mark war, heißt jetzt 10 000,
dann 100 000, dann eine Million. Die Gleichsetzung des einzelnen Men-
schen mit seiner Mark ist dadurch unterbunden. […] Der Mensch, der ihr
früher vertraut hat, kann nicht umhin, ihre Erniedrigung als seine eigene
zu empfinden. […] Nicht nur gerät durch die Inflation alles äußerlich ins
Schwanken, nichts ist sicher, nichts bleibt eine Stunde am selben Fleck –
durch die Inflation wird er selber, der Mann, geringer. Er selbst oder was
er immer war, ist nichts, die Million, die er sich immer gewünscht hat, ist
nichts. Jeder hat sie. Aber jeder ist nichts. (MM 217)

Da die Nationalwährung einerseits einen Teil des täglichen Lebens bilde,


doch als Identifikationswert auch das nationale Bewusstsein, ergäben sich
aus der ‚Unterbindung‘ der „Gleichsetzung“ kollektive Irritationen. Die
Behauptung, dass die „Inflation“ zu einem „Hexensabbat der Entwertung“
führt, „in dem Menschen und Geldeinheit auf das sonderbarste ineinan-
derfließen“ (MM 218), leitet sich von dem identitätsbildenden Konnex
von Währung und (nationalem) Selbstverständnis ab. Dadurch „verkehrt“
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 221

sich der „Prozeß der Schatzbildung“, wie Canetti ausführt, in sein „Gegen-
teil“ (MM 217). Canetti resümiert, dass mit der „Inflation“ „etwas“ ein-
setzt, „was bestimmt nie bezweckt worden ist […]: eine doppelte Entwer-
tung, die aus einer doppelten Gleichsetzung entspringt“ (MM 218).
Bei dieser Gelegenheit verweist Canetti, der Industrialisierung und Kapi-
talismus als vermehrungsfreudige Einheit beschreibt, erneut auf den ur-
banen Raum als Ort der Massenphänomene: „Es ist gezeigt worden, wie
doppeldeutig der Gebrauch des Wortes Million ist; wie er für beides steht,
die hohe Summe Geld und die große Ansammlung von Menschen, ganz
besonders in der Vorstellung, die man sich von der modernen Großstadt
macht; wie ein Sinn in den anderen übergeht […].“ (MM 218) Bedenkt
man, dass Geld ein Machtmittel darstellt, und berücksichtigt man, dass
der Autor die Massenphänomene als für die moderne Zeit charakteris-
tisch betrachtet, wird der hohe Grad der Moderneskepsis einsichtig, der
seine anthropologische Schrift prägt. Es zeigt sich ein Skeptizismus, der
das größte Übel im Industriekapitalismus sieht, dem die technische Pro-
duktion und die Börsenspekulation als wesentliche Merkmale zugehören.
Zur Entwertung führt Canetti weiter aus, dass „[a]lle Massen, die sich in
Inflationszeiten bilden“, „unter dem Druck der entwerteten Million“ „ste-
hen“: „Wenn die Millionen in die Höhe klettern, wird ein ganzes Volk, das
aus Millionen besteht, zu nichts.“ (MM 218) Der Zusatz, dass sie sich „ge-
rade dann sehr häufig“ „bilden“ (MM 218), weist die Massenvorgänge als
typisches Phänomen der Inflationszeiten aus. Indem der Autor erklärt,
dass die Inflation die „Unterschiede zwischen Menschen“ nivelliert, „die
wie für die Ewigkeit geschaffen schienen“, wird zudem deutlich, dass Bil-
dung und Aufrechterhaltung der „Inflationsmasse“ keine Entladung vo-
raussetzen (MM 218). Mit dem Inflationsakzent relativiert sich die Bedeu-
tung der ‚Berührungsfurcht‘, die laut Canetti die offene Massen-Form auf-
rechterhält. Der Inflationsvorgang eignet aus dem Grund eine identitäts-
stiftende Massen-Funktion, weil das gemeinsame Leid zum Ersten ein Kol-
lektivgefühl schafft und zum Zweiten einen Hang zur Opfer-Kompensa-
tion.
222 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

Da die Identität der Masse in einem nationalen Sinn gefährdet war, trach-
tete das deutsche Volk im Gesamten nach Sühne, wie die von ihm vertre-
tene Auffassung lautet. Dieses Eingedenk-Sein betrifft das Volk als Gan-
zes, das diese „Entwertung nicht“ „vergißt“, so dass daraus eine massen-
psychologische Kausaldetermination resultiert: „Die natürliche Tendenz
ist dann, etwas zu finden, das noch weniger gilt als man selbst, das man
so verachten kann, wie man selbst verachtet wurde.“ (MM 218–219) Für
Canetti ging aus der großen Inflation die Notwendigkeit eines „dynami-
sche[n] Vorgang[s] der Erniedrigung“ hervor (MM 219). Deshalb „genügt“
es „nicht“, die erlittene „Verachtung“ auf „demselben Niveau zu halten“:
„Es muß etwas so behandelt werden, daß es weniger und weniger gilt, wie
die Geldeinheit während der Inflation, und dieser Prozeß muß sich fort-
setzen, bis das Objekt in einem Zustand kompletter Wertlosigkeit ange-
langt ist.“ (MM 219) So legt Canetti dar, dass die nationale Identitätser-
schütterung der Deutschen, die zu Zeiten der Weimarer Republik eintrat,
notwendig die Shoa nach sich zog.
Jene Entwertung hat auch die Kien-Figur zu erfahren, die mit der Buchver-
brennung die Wertlosigkeit gelehrter Schriften in Hochzeiten der irratio-
nalen Ratio zum Ausdruck bringt sowie die seines gedemütigten Lebens,
das als jüdisches gesellschaftlich nullifiziert wird. Das „[Ü]bernehmen“ ei-
ner „vorgefunden[en]“ „Verachtung“ (MM 219), von dem Canetti spricht,
verweist auf das generell bestehende Problemfeld des Antisemitismus, so
dass im Massenmord lediglich eine Radikalisierung einer grundsätzlich
feindlichen Haltung zu sehen ist. Was Canetti in seiner Masse-Macht-
Schrift formuliert, trifft so auch auf Kiens Schicksal zu und führt zur Ein-
äscherung seiner selbst (samt den umsorgten Buchbeständen): „Dann
kann man es [das ‚Objekt‘] wegwerfen wie Papier oder einstampfen las-
sen.“ (MM 219) Hintergründig klingt mit dem Roman eine (politisch fun-
dierte) Ökonomieskepsis an, wie etwa das Inflationsexempel der Kartof-
feln und die Verortung der ‚deutschen‘ Form der Subjektkrise im ‚Welt-
haltigen‘ belegen.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 223

Das Grundprinzip des kapitalistischen Systems tendiert laut Canetti dazu,


die jeweilige Volkswirtschaft zumindest zwischenzeitlich ins Elend zu füh-
ren. Denn die enormen Steigerungen der Geldmenge, die möglich sind,
beinhalten gleichzeitig die Gefahr, so die umschriebene Annahme, dass
hohe Wertschwankungen eintreten. Im „Epilog“ seiner Schrift stellt Ca-
netti schließlich eine Relation zwischen Massenproduktion und Massen-
gesellschaft her. Die Rede von einer „ungeheuerliche[n] Steigerung“, die
in der „modernen Produktion“ der „alte Gehalt der Vermehrungsmeute“
„erfahren“ hat (MM 553), muss vorrangig ein konsumorientiertes Wirt-
schaftssystem betreffen, wie es beispielhaft mit den USA vorliegt. Dass
der hohe Bedarf an Waren technisierte Produktionsabläufe erforderte,
die in den Städten wiederum zu einem rasanten Anwachsen von Arbei-
tern und Hilfskräften führten, war eine Folge davon. Daneben führt Ca-
netti die Notwendigkeit einer Zunahme der Bevölkerungszahlen darauf
zurück, dass mit der modernen „Produktion“ „[a]lle Menschen“ eine „Art
von idealer Gleichheit“ erreichen müssten: „denn wenn sie alle erreicht
sind und alle gekauft haben, würde die Produktion noch immer zunehmen
wollen“ (MM 554). Deren „zweite und tiefere Tendenz ist dann die auf
eine Zunahme der Zahl der Menschen“ (MM 554). Die technischen Neue-
rungen, die die „moderne[] Produktion“ betreffen, und die sogenannte
Massengesellschaft bedingen sich so gegenseitig, wobei Canetti daran
eine unkontrollierbare Dynamik auf den Kapitalmärkten gekoppelt sieht,
mit dem Ergebnis einer Einheit von Million und Masse.
Mit solchen Umschreibungen des gereiften Canetti klingt zwar keine ge-
nerelle Zivilisationsabneigung an, doch eine Modernekritik, wie sie regel-
haft unter führenden Modernisten der deutschen Literatur anzutreffen
ist. Mit zugewiesenen Prädikaten wie „Rapidität“ und „unübersehbare
Vielfalt“ wird ein Drohszenario entworfen, das auf den Leser des deut-
schen Sprachraumes abzielt, der mit nationalistisch-weltanschaulichen
Ressentiments, wie dem vorgeblichen Fehlen von „Augenblick[en] des
Stillstandes“ bzw. „Überlegung“, vertraut war (MM 553). Was ins Feld ge-
führt wird, ist eine Kritik, die sich gegen Modernedynamik und technische
224 3.5 Die Inflations-Entwertung und Kapital-Ressentiments

Verselbstständigung zu richten vorgibt. Demnach sei besonders die Hoch-


moderne, wegen einer „zunehmende[n] Geschwindigkeit“ der „Selbstzer-
störung“ (GW 369), für galoppierende Inflationen und apokalyptische Kri-
sen anfällig.
Dem entgegen hält Canetti anfangs die Utopie eines neu-mythischen Zu-
ganges, der dazu angetan ist, eine weltfremde Klärung der Existential-Di-
lemmata zu bewirken. Andererseits geht er in späteren Jahren dazu über,
den utopischen Anspruch verstärkt an den realen Gegebenheiten auszu-
richten und das Konzept eines ‚abgespaltenen‘ Zukunftszweiges zu ver-
treten. Auch an der Entwicklung des Autors als Dramatiker, die mit den
Befristeten endete, wird deutlich, dass ihn Versuche der Auslotung jenes
Problemfeldes künstlerisch antrieben.
Mit Blick auf Canettis Verständnis der jüngeren Geschichte, das sich zu
weiten Teilen in seinem Werk zu Masse und Macht vermittelt, bleibt fest-
zuhalten, dass der Autor seinen Diskriminierungs- und Verfolgungserfah-
rungen zum Trotz einen Standpunkt einnimmt, der nicht nur die wilhelmi-
nische bzw. josephinische Monarchie,375 wie rekonstruktiv zu folgern ist,
sondern auch das totalitäre Deutschland in ein nationalistisches Recht
einsetzt. Canetti entwirft einen Opferstatus, bezogen auf die ehemaligen
Mittelmächte, der sich nach dem Großen Krieg mit dem Moderneprozess
fortgesetzt hätte, sich zusehends verstärkend und innerhalb der Ersten
bzw. Weimarer Republik zu veritablen Krisensymptomen führend.
Der ökonomischen Krisenerfahrung sind, aus historischer Sicht, zwei
Hauptphänomene zuzurechnen: neben der (großen) Inflation auch die
Deflation (Weltwirtschaftskrise). Dass der Autor in seiner polymythischen
Schrift, in der er vor allem in rhetorischer Absicht auf naturwissenschaft-
liche Modelle zurückgreift, lediglich ersteres Phänomen fokussiert, hatte

375 Durzak schreibt zu jener ‚kakanischen‘ Assimilation: „Gewiß, die kulturelle und sprach-
liche Bindung an die k. u. k. Metropole Wien war schon für die Eltern Canettis konsti-
tutiv. Ihre Bedeutung für den Sohn wurde durch das Studium in Wien und die enge
Vertrautheit mit dem literarischen Leben dieses Kulturbereichs entscheidend gestei-
gert.“; Durzak, Anmerkungen zu einer Vaterfigur, S. 6.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 225

erwähnte argumentative Gründe. Denn im inflationären Verfall des Geld-


wertes sieht er einen der nationalen Identität. Nationalistisch ist diese Zu-
schreibung einer Opferschaft deshalb zu nennen, weil Canetti als verant-
wortliche Nationen, wenn es um das Feld der Wirtschaft geht, indirekt die
angloamerikanischen zur Rechenschaft zieht und aus politischer Sicht
ebenso die europäische Republik Frankreichs, wie seine Ausführungen zur
Masse andeuten. Denn erschwerend kommt bei Canetti, auf der Basis sei-
ner Ökonomie-Ressentiments, eine implizit formulierte Kritik an der
Staatsform der Demokratie hinzu. Seine Beschreibung des „Wesens des
parlamentarischen Systems“ basiert auf der Annahme, dass der moderne
Parlamentarismus wohl für eine Kultivierung, doch nicht für eine Aus-
schaltung der Masse- und Macht-Konflikte sorgt: „Das Zwei-Parteien-Sys-
tem des modernen Parlaments benutzt die psychologische Struktur der
kämpfenden Heere.“ (MM 220) Dem Umstand, dass „alle kontinentalen
Parlamente aus vielen Parteien bestehen“ und diese „nur manchmal sich
zu zwei kämpfenden Gruppen formen“, hält er entgegen, dass dies
„nichts“ am „Sinne der Abstimmung ändert“ (MM 221). Canetti setzt ei-
nen ‚willensmäßigen‘ Antrieb an, der bei der jeweiligen Partei auf der
„Überzeugung“ vom „größeren eigenen Recht[]“ und von der „eigenen
Vernünftigkeit“ basiert (MM 220–221). Trotz aller Aufwertung der archa-
ischen Regungen, die mit der Institution des Parlamentes erfolgt, konsta-
tiert er einen unverbrüchlichen Hang zu Macht und Masse.

3.6 Der verlängerte ‚Dolchstoß‘


Ausgehend von seiner ressentimenthaften Bewertung des Finanzmarkt-
sektors, für den zu dieser Zeit der angloamerikanische Raum als Parade-
vertreter galt – mit seiner liberalen, republikanisch-demokratischen Tra-
dition –, ist eine deterministische Schuldprojektion zu erschließen. Sie
spricht für einen überschießenden Patriotismus, der ins Nationalistische
abdriftet. Canettis Inszenierung der Deutschen als Opfer der Finanz-
märkte und des neuen politischen Systems bleibt von kritischen Fragen zu
226 3.6 Der verlängerte ‚Dolchstoß‘

den Umständen, die zum Zerfall des Kaiserreiches (und der K.-u.-k.-Mo-
narchie) führten, unberührt.376 Weil Canetti die Erste deutsche Republik
als Verfallssymptom der politischen Moderne (Demokratie) deutet, setzte
sich mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg das industriekapitalistische
Dilemma fort. Aus Canettis kausaldeterministischer Sicht hatte, in Anbe-
tracht des „‚Versailler Diktates‘“ und seiner Implikationen, die Wahl des
deutschen republikanischen Volkes zwangsläufig auf parteipolitischen
Extremismus zu fallen. Canettis Nationalismus verbot es ihm, eine demo-
kratische Unreife der Deutschen in Betracht zu ziehen, und gebot ihm da-
gegen, kausal simplifizierend die Wurzel im Versailler Vertrag auszu-
machen.
Insgesamt konstituiert sich eine Moderneskepsis, die neben einem nach-
frageorientierten Marktverständnis auch die politische Erneuerungsbe-
wegung mit einschließt (demokratische Selbstbestimmtheit). Zwar kom-
men die destabilisierenden Kräfte, die zum Beispiel auf die K.-u.-k.-Mo-
narchie einwirkten – in Form der Nationalitätenfrage etwa –, nicht explizit
zur Sprache, doch die Skepsis zu Finanzwirtschaft und Warenproduktion,
die Canetti artikuliert, entspringt einer modernistischen Attitüde. Das his-
torische Faktum, dass diese Voreingenommenheit das deutsche Volk zu
Zeiten des Monarchismus wie der Diktatur wesentlich prägte, und auch
im Interbellum fortbestand, machte ihn zu seinem Fürsprecher.
Canettis Schuldenthebung, die bis zu einer Täter-Opfer-Umkehr führt, ba-
siert auf einem einschlägigen Nationalismus, wie er nach dem verlorenen
Ersten Weltkrieg in Form der Legende vom ‚Dolchstoß‘ zutage trat.377 Ver-
gegenwärtigt man sich die vorgeblichen Schuldigen, die nach 1914 nicht

376 Die nationalistische Lage im Europa zu jener Zeit machte eine Eskalation zu einem Gro-
ßen Krieg wahrscheinlich. Der frühe Briefwechsel zwischen Zweig und Rolland doku-
mentiert, dass sich die europäische Gesellschaft selbst nach der Eskalation zum Welt-
krieg der Dimension dieser Auseinandersetzung nicht bewusst war. – Siehe hierzu Ro-
main Rolland und Stefan Zweig, Bd. 1: Briefwechsel. 1910–1940. Hg. von Waltraud
Schwarze. 2 Bde. Berlin: Rütten und Loening 1987.
377 Rosenthal fasst die Gesellschaftsgruppen, denen die Schuld an der Weltkriegsnieder-
lage zugewiesen wurde, sowie die rhetorische Strategie dahinter wie folgt zusammen:
„Durch diesen genialen Propagandazug war es der militärischen und politischen Elite
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 227

zuletzt die jüdische Minderheit umfassten, wird einsichtig, welche Grund-


faktoren Canetti am Wirken gesehen haben mochte, wenn er die ökono-
mischen Entwicklungen in der Weimarer Republik in das Übel der großen
Inflation münden sah, mit der von ihm genannten „Rapidität“ (MM 553):
einerseits eine kapitalistische Determinante, ethnisch jedoch jene des so-
genannten ‚Geldjuden‘, wie eine einschlägige Verunglimpfung lautete.378
Letztlich handelt es sich bei dieser Mythenerschaffung um einen räumlich
erweiterten wie zeitlich verlängerten ‚Dolchstoß‘, der initial von den Fein-
den jenseits der eigenen Staatsgrenze ausgeführt worden sei.
Als weiteres Vehikel in diesem Prozess hätten die Reparationszahlungen
und die vielfältigen Restriktionen fungiert, die im Zuge der Nachkriegsver-
handlungen beschlossen wurden. Im Aufsatz Hitler, nach Speer. Größe
und Dauer schreibt er zu ersterer Person, dass ihr Antrieb von „Versailles
und der Niederlage des Ersten Weltkriegs“ „ausgegangen“ war: „Schritt
für Schritt gelang es ihm, die Wirkungen Versailles’ rückgängig zu ma-
chen.“ (GW 272) Bereits die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Mo-
narchismus, Republik und Diktatur, wie sie in Canettis Logik Deutschland
implizit, in Form von Folgeereignissen, zugeschrieben wird – wobei das
deutsche Muster dem österreichischen gleicht –, macht deutlich, dass
seine Kritik an der Krisenerfahrung in der frühen Weimarer Republik zu-
gleich eine an den unmittelbaren Vorbedingungen wie Nachwirkungen
war. Der Autor beschreibt die Erste Republik als moderne, unzulängliche
Staatsform, die auch wirtschaftlich einen destabilisierenden Einfluss ent-
wickelt habe. Aus diesem Opfermythos lässt sich folgern, den Großen
Krieg und seine Vorzeit betreffend, dass die moderne Zeit auch zur Er-
schütterung der ohnehin labilen ‚deutschen‘ Monarchien und schließlich

von 1914 gelungen, in aller Öffentlichkeit die Verantwortung für die Katastrophe von
sich auf die ‚Dolchstoßenden‘ abzuwälzen, d.h. auf die Sozialisten, die Pazifisten und
vor allem auf den ewigen Sündenbock – die Juden.“; Jacob Rosenthal: „Die Ehre des
jüdischen Soldaten“. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen (= Campus
Judaica, 24). Diss. Jerusalem, o. D. Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2007, S. 130.
378 Das Ressentiment des ‚Geldjuden‘ („alte Verbindung mit dem Geld“, MM 219) steht
für eine ethnisch einschlägige Verantwortlichkeit.
228 3.6 Der verlängerte ‚Dolchstoß‘

zu deren unheilvollem Zerfall geführt hätte. Die weitere Eskalationsphase,


die den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eingeleitet habe, sei demnach
als Folgeereignis zu betrachten.
Die Behauptung, dass das Deutschland der ‚Weimarer Zeit‘ kulturfremden
Phänomenen zum Opfer fiel, erschafft letztlich die Legende eines zweiten,
zeitlich verlängerten Dolchstoßes, die in diesem Fall nicht sozialistische,
sondern kapitalistische Strömungen in die Verantwortung einsetzt (wobei
auch mit dieser Erweiterung ein antisemitisches Ressentiment mit-
schwingt, das die Blendung noch kritisch-distanziert offenlegt). Im Roman
werden die zugehörigen Leitmerkmale der jüdischen Intellektualität und
der Kapital-Affinität an Kien wie Fischerle dargelegt. Während Kien als fi-
nanziell abgesichertem Gelehrten von Weltrang, mit dem sich Canetti
selbst porträtierte, eine sorgenfreie Existenz beschieden ist, zeigt sich
Zweiterer als intellektuell reich begüterter, doch verarmter Schachama-
teur bestrebt, das nötige Kapital anzuhäufen, das ihm die Überfahrt in die
Vereinigten Staaten von Amerika ermöglichte.379 Mit jener Fischerle-Fi-
gur, dem Kleinkriminellen, der sich mangels beruflicher Möglichkeiten in
das Milieu der Ganoven gedrängt sieht, schlägt überdies ein jüdischer
Selbsthass durch. Dieser zeigt sich etwa an folgender Stelle, mit der eine
Gleichsetzung von ethnischer Zugehörigkeit und unethischer Gesinnung
erfolgt: „Er glaubte an nichts, nur daran, daß ‚Jud‘ zu den Verbrechen ge-
hört, die sich von selbst bestrafen.“ (B 268) An dieser Selbstanklage kon-
kretisiert sich – bezüglich des ‚deutschen‘ Lebensraumes – die prekäre
Stellung der jüdischen Minderheit, deren Vertreter die Sündenbock-Men-
talität mitunter autoaggressiv verinnerlicht hatten.
Der zu rekonstruierenden Grundhaltung Canettis, die nicht erst nach 1945
bestanden hatte, entsprechen Textpassagen aus Masse und Macht, die
zwar einem Kontext entstammen, der die verbrecherische Vernichtung
der Juden kritisiert, die aber ebenso eine Art von jüdischen Selbsthass des

379 Siehe zur Funktion der Motive von Kapital und Verstand, die an beide jüdische Figuren
gebunden sind: Wimmer, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung, S. 88–96. – Siehe
zur zweifachen Figurencharakterisierung im Punkt der jüdischen Intellektualität auch:
Scheichl, Canetti’s Auto-da-fé in its historical context, S. 164 u. 166.
3 Politik: Biologische Anthropologie und Nationalismus 229

Autors zum Ausdruck bringen – oder zumindest eine Entfremdung. Dass


Canetti trotz der sephardischen Variante des Judentums, die ihm vermit-
telt wurde, seine jüdischen Leidensbrüder mit Ansätzen von Zynismus und
Verachtung bedachte, darf als weiterer Hinweis auf einen zwischen die
ethnisch-kulturellen Fronten geratenen Exilanten gelten, wobei in seinem
Fall – letztlich – eine assimilatorische Akkulturation, eine klare Identifika-
tion mit der christlich-deutschsprachigen Gesellschaft anzusetzen ist. So
lässt sich die grobe Entwicklungslinie nachzeichnen, dass, während Ca-
netti mit seiner Blendung der Zwischenkriegszeit das Leid der jüdischen
Ethnie antizipierte und hellsichtig voraussah (in einer teils bewusst zu
nennenden Wahrsagung), sein Werk zu Masse und Macht erstens durch
eine unempathische Distanzierung vom Judentum geprägt ist und zwei-
tens durch eine Identifikation mit der deutschen bzw. österreichischen
Gesellschaft.
In einer Aufzeichnung von 1944, in der Canetti von der hohen Relevanz
des Alten Testamentes spricht, berichtet er zugleich von seiner prinzipiel-
len Affinität für ausgewählte Nationen: „Kann ich nicht weiterhin allen ge-
hören [den ‚Russen‘, ‚Chinesen‘ und ‚Deutschen‘], wie bisher, und doch
Jude sein?“ (A 74) Wenngleich man bei Canetti eine Weltbürgerschaft an-
setzen könnte, die mit der jüdischen Heimatlosigkeit kongruierte, spricht
der Abgleich mit Leben und Werk für eine weitgehende Anpassung an ei-
nen spezifischen Kulturkreis. Die übrigen, mit China und Russland genann-
ten, Nationen stehen als maßgeblich marxistisch geprägte für eine ten-
denzielle ideologische Sympathie. In seinem Fall geht sie auf eine Lehre
zurück, die dem Begriff des Kapitalismus eine symbolisch diffuse Negati-
vität zuweist. Zumindest einen Abglanz seines Judentums vermag Sontag
auszumachen, wenn sie erklärt, dass er „Jude“ ist – oder immerhin einem
solchen „vergleichbar“ –, und ihm etwa folgende Attribute zuschreibt:
„polykulturell, rastlos, frauenfeindlich“.380 Allerdings ist nicht zu überse-
hen, dass seine Zuneigung zur deutschen Kultur bereits mit dem Roman

380 Vgl. Sontag, Geist als Leidenschaft, S. 93.


230 3.6 Der verlängerte ‚Dolchstoß‘

durchschlägt; dazu rufe man sich das modernekritische Wesen der Sub-
jektkrise, wie er es sah, in Erinnerung.
Konklusion

Den Anspruch einer universellen Gelehrsamkeit, den Canetti mit den The-
sen von Masse und Macht still erhebt, hatte er in seiner Beschreibung
konstanter wie modernetypischer Verhaltensmuster erfüllt zu sehen. Die
Methodenpluralität, mit der Canetti disziplinäre Schranken zu überwin-
den trachtete, zeigt sich in einem freien, am Menschen orientierten Ver-
fahren, das auf einer biologischen Ausrichtung basiert und überdies dem
sozialen Einfluss Rechnung trägt. Der psychologische Standpunkt, den er
in Bezug auf das Machtmodell vertritt, schlägt auch bei seiner Beschrei-
bung der Massenphänomene durch. In der Bewertung der Shoa kulmi-
niert ein deterministisches Schema, das die zeitgeschichtlichen Täter zu
Opfern wirtschaftlicher und politischer Vorgänge erklärt. In der vorgebli-
chen Klärung der Umstände, die zum zivilisatorischen Bruch führten, be-
schreibt er die politische Aktivierung der Entwertungserfahrung auf rati-
onalisierende Weise.
Wollte man für das Wesen seiner Schrift, die sich in erster Instanz gegen
die Wissenschaftspraxis wendet („Nichts zudecken mit der Vernunft“,
A 363), einen Titel formulieren, könnte dieser auch „Mythos und Mensch“
lauten.381 Sein Interesse gilt vornehmlich den ältesten Menschheitsmy-
then, die in die Frühzeit der Zivilisation reichen, so dass man neben Kul-
turpraktiken auch von Epen erfährt, die sich im Lauf von Jahrhunderten
und Jahrtausenden als fiktionale Sinngebilde bewährt haben. In diesen
Mythen, die unbestreitbar von ethnologischem Wert sind, sieht Canetti
zuweilen die von ihm geforderte Verwandlung/Empathie beschrieben. In
solchen Fällen gelangt der Dichter als ‚Hüter‘ ins deterministische Spiel,
aus diesem ein neu-aufklärerisches Unternehmen machend.

381 Wieprecht-Roth ist der Ansicht, dass, „[w]ährend das Aufklärerische im Roman und
den Dramen vorherrscht und auch in den eindimensionalen Charakterisierungen des
Ohrenzeugen auszumachen ist“, „Mythisches vorrangig in den dem Dichter zugewie-
senen Äußerungen und Schriften“ vorliegt; Wieprecht-Roth, Überleben bei Canetti,
S. 48.

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Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2020
B. Neumann und G. Wimmer, Elias Canetti in seiner Zeit,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05650-4_5
232 Konklusion

Mit der Blendung beschreibt er instinktiv und darin empathisch ein Mo-
dell, das vordergründig nicht die christliche Gesellschaft deutsch-österrei-
chischer Provenienz in einen zeitgeschichtlichen Opferstatus einsetzt,
sondern die jüdische Ethnie, die in Deutschland vermehrt wie forciert ab
1933 dem antisemitischen Sentiment ausgesetzt war. Während aus der
zynischen Perspektive der Masse und Macht-Schrift die ermordeten und
um ihr Leben gebrachten Juden narrativ als Opfer von Opfern erscheinen
– als die des deutschen Machthabers und seines Volkes –, und konzeptio-
nell als Täter,382 beschreibt sein Blendungs-Roman die Ressentiments aus
der Perspektive der Betroffenen. Doch zugleich zeichnet sich mit der
Geldentwertung (Kartoffelpreise) und der ‚westlichen‘ Subjektkrise als
Anlassfall ein antimoderner Ressentimentkomplex ab, der den Verlust
etablierter Ideologien und eine rentabel ausgerichtete Marktwirtschaft
umfasst. Dass dies unter Bezugnahme auf eine Berliner wie Wiener Zeit-
verfasstheit geschah, mit der sich die Weltwirtschaftskrise noch nicht er-
eignet hatte, verengt den historischen Beschreibungskontext – auch im
Fall des Romans – auf die Erfahrung der Inflation.
Ein werkgenetischer Gegensatz liegt nur scheinbar darin, dass durch Ca-
nettis Massetheorem die vorgebliche Opfergemeinschaft der Deutschen
mit der Inflationserfahrung begründet wird, während der Roman als Spie-
gelbild antisemitischer Tendenzen die Krisenmentalität durch ein ‚einzel-
nes‘ Opfer beschreibt. Denn verdeckt zeigt bereits der Roman die kultu-
relle Zugehörigkeit eines jüdischen Autors zum Deutschtum an – und da-
mit einschlägige Rationalisierungen. Die Differenz in der Gewichtung un-
terscheidet den Roman, der die Realphänomene fokussiert, aber dadurch

382 In einer Aufzeichnung von 1945 kommt es zu einer weiteren ‚Maskensprengung‘, die
Canettis wahres Gesicht bloßlegt: „Gas ist in diesem Krieg verwendet worden, aber
nur gegen die Juden, und sie waren hilflos. Dagegen hat auch das Geld, das ihnen frü-
her Macht gab, nichts vermocht. Sie sind zu Sklaven, dann zu Vieh, dann zu Ungeziefer
degradiert worden. […] Die sehr alte Geschichte der Beziehung anderer Menschen zu
Juden hat sich grundlegend verändert. Man verabscheut sie nicht weniger; aber man
fürchtet sie nicht mehr. Aus diesem Grund können die Juden keinen größeren Fehler
begehen, als die Klagen fortzusetzen, in denen sie Meister waren und zu denen sie
jetzt mehr als je Anlaß haben.“ (A 99)
Konklusion 233

von der Masse-Macht-Schrift, dass eine empathische Opfer-Sicht domi-


niert, mit der die Juden konzeptionell auch nicht als Täter erscheinen. Den
sozialkritischen Aussagewert verstärkend, tritt hinzu, dass schon in die-
sem zu Beginn der 30er-Jahre fertiggestellten Werk der Enteignungs-,
Vertreibungs- und Vernichtungs-Komplex in seiner späteren zeitge-
schichtlichen Relevanz beschrieben ist. In diesem Sinn gelang es Canetti,
in der Ausarbeitung seines Romans sich in jenen „Knecht“ der „Zeit“ zu
verwandeln (GW 101), dessen Funktion für ihn vor 1945 maßgeblich war.
Mit jenem Selbstverständnis, das früh vorlag, gelang es ihm, empathisch
die Schwingungen aufzufangen, die von den Angehörigen seiner Ethnie
einerseits und dem Tätervolk andererseits ausgingen. Dennoch rückt,
trotz aller ‚Zeitknechtschaft‘, das soziale Umfeld, das das Attribut des Bö-
sen eignet, selbst in eine Opfer-Position.
Die Frage, warum der Autor in seiner Massentheorie einzig auf den Faktor
der Inflation (Entwertung) abzielt, den Krisenfaktor der Geldaufwertung,
der aus der Weltwirtschaftskrise hervorging, allerdings unberücksichtigt
ließ, wurde bereits abgehandelt. Legt Canettis antikapitalistische Logik
doch die Annahme nahe, dass die Krisenerfahrung der Geldwertunsicher-
heit durch die wertmäßige De-facto-Nullifikation der Wertpapiere, wie sie
die Deflation einleitete, noch verstärkt worden war. Doch beschränkte er
das volkswirtschaftliche Krisenmoment auf das Phänomen der Inflation,
um eine geeignete Bildlichkeit für den Identitätsverfall zu schaffen. Wäh-
rend die Hyperinflation sich in besonderer Weise dazu geeignet hat, eine
kausal begründete Opferschaft zu konstruieren, hätte selbst ein Verweis
auf das Deflationsphänomen seine These zur Shoa keineswegs gesprengt,
sondern seine Beweiskette lediglich verbreitert.
Eine derartige Verbreiterung hätte der Argumentation, die einen rhetori-
schen Mehrwert beinhaltet – in Form des Wertverfalles –, allenfalls ihre
eingängige Zuspitzung genommen – im Fall der anthropologischen Schrift
wie auch in dem des Romans. Weist doch die Blendung, konzeptionell wie
figurensprachlich, nachdrücklich auf die ökonomische Not als Grundmo-
vens hin – wenn auch nicht im kausalen Zusammenhang. Die existentiel-
len Schwierigkeiten des normalen Staatsbürgers werden, in zweiterem
234 Konklusion

Sinn, zwar ausschließlich mit der Bedienerin einsichtig, anhand ihrer


Sorge um die Warenpreise, doch die Gewalttaten des Hausbesorgers, die
gegenüber den Bedürftigen (Hausierern, etc.) erfolgen, inklusive der viel-
fältigen Akte der Selbstbereicherung, sind ebenso ein Beleg für eine drü-
ckende Wirtschaftskrise. Insofern erscheinen diese beiden Figuren des
Bösen als Reflexionsmedium einer Existenzangst, die in den 20er-Jahren
in weiten Bevölkerungsteilen um sich griff.
Die Inflations-Krise, wie sie im Roman beschrieben wird, fügt sich nahtlos
in die Argumentation zum Selbstwertverfall, ohne auch nur den Anschein
einer Widersprüchlichkeit in der Genese des Gesamtwerkes zu erwecken.
Im Punkt der Täter-Opfer-Umkehr, die in der Blendung nur als Opfer-Op-
fer-Konstellation aufscheint, wird nachweisbar, dass Canetti zu einem na-
tionalistisch Verblendeten wurde, unter Negierung einer nationalen Ver-
antwortlichkeit für das Schicksal der Juden. Während der Inflations-Faktor
in Masse und Macht an die beschriebene Beweiskette geknüpft ist, die
den späten Canetti als einen außerhalb des jüdischen Kulturkreises Ste-
henden ausweist, zeigt sich die Ökonomie-Zentriertheit des Romans kom-
plexer angelegt. Verdeckt weicht hier das explizite Formulieren einfacher
Wahrheiten einem politisch-wirtschaftlichen Krisenmoment.
Canettis ethnische Selbstentsagung ist beachtenswert und stimmt darin
mit der brüchigen Biografie eines Menschen überein, der zwischen die
Gräben von Tradition, Assimilation und Konversion geraten ist. Die zu
konstatierende Selbstleugnung, die das Jüdische betrifft, ist zum Teil in
seiner Autobiografie nachweisbar, in der er die antisemitischen Tenden-
zen seiner Jugendzeit zu marginalisieren tendiert,383 und beispielhaft in
seiner Schrift zu Masse und Macht, in der aus der Perspektive des Emig-
ranten ein teils kapitalistisch-ökonomisches, teils demokratisch-politi-
sches Feindbild beschworen wird. Das Leid, das den Deutschen Reichen
bzw. der Weimarer Republik erwuchs, dient ihm als Vorwand, um die

383 Siehe hierzu die ‚Rückverlegung‘ der „Verfolgungen“ in eine „ferne Vergangenheit“,
die die Mutter als Spaniolin vorlebte (GZ 252). – Siehe zu seinen Beschreibungen von
antisemitischen Erfahrungen: GZ 102–103, 252, 255–264 u. FO 28–32.
Konklusion 235

deutsche Gesellschaft und ihre Machthaber von jeglichem Vorwurf frei-


zusprechen, indem statt der Kategorie der handlungsmoralischen Verant-
wortlichkeit – in den Fällen der Sündenbock-Entwertung wie der NSDAP-
Geburt – eine Kausalität ins Feld geführt wird.
Canetti verfolgte das Ziel, die jüngeren historischen Vorgänge in biologis-
tischer wie sozialgeschichtlicher Massen-Logik erklärbar zu machen. Eine
Doppelung dieser Haltung zeigt sich mit dem Macht-Aspekt, der deshalb
ein Spiegelbild darstellt, weil er ebenso einen biologischen Ursprung auf-
weist. Erst mit dem Auftreten des Dichters wäre – im extremsten Fall –
eine Regression hin zu todesvergessenen Zeiten möglich, in einen vorzivi-
lisatorischen Zustand, der lediglich Meuten kennt. Bei dieser Rückkehr,
die den Menschen in den Zustand eines Vorbewusstseins führte, handelt
es sich insofern um einen Massenvorgang, als im Idealfall, im Sinn des
Termiten-Gleichnisses, die Gesamtheit der Menschheit in jenen Gorilla-
Zustand, wie er im Roman vorliegt, verfiele. Erst mit der kognitiven Re-
Evolution, einer Flucht in den Wahn, ermöglichte sich eine Abkehr von der
Industriemoderne.
So, wie sich Canettis Haltung zum Jüdischen veränderte, war auch eine
Wandlung im Verhältnis des Autors zu seiner Kien-Figur auszumachen.
Die Gelehrtenlogik des Büchermenschen alias Kien war auch nach 1945
die des Elias Canetti, wenn man darunter eine Weltsicht versteht, die ei-
nen unkritischen Logozentrismus wie ein vereinfachendes Rationalisieren
zu vermeiden sucht. Doch der Canetti der Nachkriegsjahre setzte sich wis-
sentlich der Kritik aus, indem er ein simplifizierendes Geschichtsverständ-
nis vertrat, dessen Symptome er in seinem Romanwerk (narrativ) noch als
ideelle ‚Verblendung‘ ächtete. Zu erklären ist dieser Ansatz von jüdischem
Selbsthass, der ihn selbst zu einem Opfer von vorgeblichen Opfern
machte und England, das ihm Schutz gewährte, mittelbar dem Bereich der
Täter zurechnete, mit einer Entfremdung von seinen kulturellen Wurzeln.
Wie seine späte Heirat und die Übersiedlung nach Zürich nahelegen, ver-
stärkte sich im Lauf der Jahre eine sentimentale Verbundenheit mit dem
deutschen Kulturkreis, die seinen Revisionismus entscheidend befördert
haben dürfte.
236 Konklusion

In der „Vorbemerkung“ zu den Aufzeichnungen (1942–1948) spricht Ca-


netti von einer Abwendung vom literarischen Schaffen und einer Hinwen-
dung zur Erforschung des Menschen mit anderen, systematischen Mit-
teln, um den „Dingen“ auf den „Grund“ zu „gehen“.384 Seine zeitliche Ein-
ordnung besagt, dass jenes „Verbot rein literarischer Arbeit“ „[a]ndert-
halb Jahre vor dem Ausbruch des Krieges“ erfolgte.385 Doch den „Krieg“
und das „Geschehene zu begreifen“, „schien“ ihm bei „aller Bemühung
oft unmöglich“, wie er in Bezug auf den Zeitraum „1942-1948“ erklärt.386
Die Abkehr von der ‚deutschen‘ Schuldfrage ging einher mit dem Bestre-
ben, einer ethischen Entlastung ein theoretisches Fundament zu geben,
wenngleich sich dieses Vorhaben in seinen Worten wie folgt liest: „Ein
Recht auf irgendein Leben hatte man nur, wenn man mit dem Begreifen
ernst machte.“387 Mit dieser Darlegung rechtfertigte sich Canetti dafür,
dass er nicht die dichterische Beschäftigung mit der kollektiven Schuld
präferierte, sondern die Erarbeitung einer anthropologischen Schrift, in
der er das Böse des Menschen im Biologischen fand (und darin den Trieb
als Motor des Fortschrittes). Auer spricht einseitig davon, dass ein „sol-
cher selbstauferlegter Produktionsverzicht eines Poeten voll drängender
Visionen“ ein „so seltener wie imponierender Beweis sittlicher Stärke“
ist.388
Diesem Vorhaben entspricht, dass das zugehörige Kapitel „Masse und Ge-
schichte“, neben industriellen und parlamentarischen Fragestellungen,
ausschließlich den Massensymbolen und der Opferrolle, die Deutschland
nach dem Ersten Weltkrieg erwuchs, gewidmet ist (von einem finalen Un-
terkapitel zur „Selbstzerstörung der Xosas“ abgesehen). Wenngleich sich
Canetti in Masse und Macht auch der Schuldfrage stellte, zeigt er im Sinn

384 Vgl. Canetti, Aufzeichnungen 1942–1948, S. 7.


385 Vgl. ebenda.
386 Vgl. ebenda, S. 8.
387 Ebenda, S. 7.
388 Vgl. Auer, Genie und Sonderling, S. 39.
Konklusion 237

einer ‚deutschen‘ Subjektkrise ein Verfahren, das von politischer und öko-
nomischer Voreingenommenheit geprägt ist.
Literaturgeschichtlich besehen, findet man unter den bedeutenden Auto-
ren jener krisenhaften Zeit tatsächlich eine Reihe von Vertretern einer
Heimatverbundenheit, die aus heutiger, global orientierter Sicht senti-
mental und selbstquälerisch anmutet, in der frühen Hälfte des 20. Jahr-
hunderts aber mitunter ganz lebenspraktische Gründe hatte. Erinnert sei
in diesem Zusammenhang an Stefan Zweig, der in seinem brasilianischen
Exil sich vom intellektuellen Spannungsfeld Europas abgeschnitten fühlte
und leidvoll den Niedergang der ‚Alten Welt‘ beschrieb. Dass er zugleich
die reich befüllten Bibliotheken vermisste, die er aus seiner Heimatstadt
kannte, kam für diesen Geistes- und Büchermenschen erschwerend
hinzu. Diese ‚kakanischen‘ Schicksale bilden eine Momentaufnahme in-
nerhalb eines zivilisatorischen Wandels, der politisch die Staatsform be-
traf. Für den Altösterreicher Zweig hatte sich das damalige Krisengefühl
angstmäßig noch durch eine zweite Zeugenschaft zu verstärken: das ver-
hängnisvolle Scheitern der Weimarer bzw. Ersten Republik. Während be-
reits mit dem Zerfall der Donaumonarchie für die ‚Kakanier‘ die ihnen ver-
traute Welt unterging,389 akkumulierte sich das Krisenempfinden in der
labilen Zwischenkriegszeit nicht selten mit der Machtübernahme der
NSDAP, wie Zweigs Verzweiflung exemplarisch veranschaulicht.
Angesichts der methodisch-argumentativen Simplifizierung, zu der Ca-
netti in der Klärung der Fragen zu Masse und Macht neigte, ist zu bezwei-
feln, ob er mit seinem Werk einen Beitrag dazu leistete, jene Verwand-
lungskräfte zu aktivieren, die die Welt auf den Kopf stellen und einen
neuen Zeitabschnitt der Ganzheitlichkeit einleiten. Jedenfalls hat er das
Bewusstsein für einen sorgsamen Umgang mit dem Erbe der Aufklärung

389 Siehe hierzu die Faktenlage zum Weltgerichts- und Weltuntergangs-Roman Der Pro-
ceß, die mit dem Prager Franz Kafka und dem Schreibbeginn vorliegt: „Man wird also
den Beginn der ‚Proceß‘-Niederschrift auf die Zeit um den 11. August 1914 eingrenzen
können“; Franz Kafka: Der Proceß. Apparatband, hg. von Malcolm Pasley. In : Schrif-
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238 Konklusion

geschärft und die Bereitschaft dafür zu erwecken versucht, eine zweckra-


tional verengte Industriewirklichkeit, wie er sie beanstandete, durch die
andere Seite der Kognition zu bereichern.
Was den Tod als Zentralübel bei Canetti anlangt, bleibt festzuhalten, dass
der „neue[]“, „unerhörte[]“ „Mythus“ (A2 125), über den er noch in den
50er-Jahren spricht, den höchsten Grad an Unsterblichkeit in Aussicht ge-
stellt hätte. Dieser definiert die Bedingungen einer Rückkehr in die Vorzi-
vilisation, ist in dieser Notiz aber bereits – wie zu erwarten war – an die
skeptischen Worte gebunden, dass er die „Antwort auf diese Frage“
„nicht kennen“ möchte (A2 125). Der Universalschrift ist eine literarische,
niedrigere Form der Unsterblichkeit insofern sicher, als darin sich die Per-
son des Autors stärker, als in wissenschaftlichen Schriften üblich, abzubil-
den vermochte. Dem normalen Bürger sei immerhin die Hoffnung auf Na-
mensnennung und Personencharakterisierung gegeben.
Indem ein der Irratio verhafteter Dichter literarisch zur Aktivierung der
Mythen beitrug, ist er selbst in diese eingegangen. Und seine zeitge-
schichtliche Hellsichtigkeit für die Leiden der Juden, die sich in seinem Ro-
man zeigt, macht ihn zu einem festen Bestandteil des Kanons. Retrospek-
tiv hält Canetti zu seiner Prophetie bereits im Jahr 1946 fest: „Was du ent-
setzt erfunden hast, stellt sich später als schlichte Wahrheit heraus.“
(A 104) Wie Hohn mutet es daher an, dass bereits der Roman die ideolo-
gischen Ressentiments, die später in der Masse-Macht-Schrift unver-
fälscht beschrieben sind, konzeptionell beinhaltet.
Im Fall der geschichtlichen Katastrophen von 1914, 1933 und der Shoa ist
nicht nachzuvollziehen, welche Lehren Canetti dem Menschen nach ’45
hätte erteilen können, die nicht bereits durch die Geschichtsschreibung
geliefert worden sind. Gleichwohl aktualisiert seine Autobiografie das
Ideal von Bildung und Erkenntnis, wobei die Tode von Vater und Mutter
gleichsam die zeitlichen Grundpfeiler bilden – als Erzählbeginn und -ende.
Darin ist Canettis Lebensbeschreibung, die sich von seiner unumstößli-
chen Todes-Feindschaft geprägt zeigt, ein aufschlussreiches Zeugnis. Aus-
geklammert bleibt hingegen seine zivilisatorische Desillusionierung, die
das tradierte Bildungsstreben gegen ein utopisches Vorhaben eintauscht,
Konklusion 239

das letztlich im Zeichen einer neuen Aufklärung steht. Der klassische Bil-
dungsbegriff, der sich vom Aufklärungshumanismus ableitet, findet sich
bei ihm durch den neu-aufklärerischen Verwandlungs-Anspruch ersetzt,
der mit einer als ‚instrumentell‘ gewahrten Vernunftpraxis unvereinbar
ist.
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