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sehepunkte 11 (2011), Nr.

10

Walter E. Kaegi: Muslim Expansion and Byzantine Collapse


in North Africa

Der Übergang vom byzantinischen zum arabischen Nordafrika ist aufgrund der
fragmentarischen Überlieferung für die historische Forschung seit jeher ein schwieriges
Terrain. Auf dieses begibt sich nun Walter Kaegi, der als Spezialist für das 7. Jahrhundert
und byzantinische Militärgeschichte einschlägig ausgewiesen ist. [1] Seine Studie versteht
Kaegi als "attempt to reexamine materials in the light of new discoveries about seventh-
century Byzantium and about Byzantine relations with Arabs and Muslims in the seventh
century, and with respect to changing interpretations of broader conditions in the Late
Antique world of the seventh century" (10).

Kaegi nimmt einen recht langen Anlauf. Im ersten Kapitel ("Challenges of the subject and
the sources", 1-15) steckt er die räumliche und zeitliche Dimension seines Themas ab.
Besonders nützlich ist die kommentierte Zeittafel (11-15). Danach (Kap. 2
"Historiographical hurdles", 16-40) skizziert er Forschungsgeschichte und Quellenlage. In
Kapitel 3 ("Fragmented geographical and logistical realities", 41-68) beschreibt Kaegi sehr
ausführlich die heterogene naturräumliche Gliederung ("micro regions") Nordafrikas (48-
64), von der die Byzantiner aber nur fragmentarische Vorstellungen gehabt hätten,
wodurch die Entwicklung effektiver Verteidigungskonzepte verhindert worden sei (67f.). In
Kapitel 4 geht es um die Religionspolitik der Kaiser Herakleios und Constans II ("Christian
contexts in seventh-century North Africa", 69-91). Kaegis Hypothese ist, dass "religious
acrimony and discord" unter den nordafrikanischen Christen die Abwehr arabischer Angriffe
behindert hätten (91). In Kapitel 5 ("The military heritage of Heraclius on the eve of
Muslim military operations", 92-115) verortet Kaegi Nordafrika in der byzantinischen
Militäradministration. Die Verteidigung sei auf den Schutz von "key towns and
communications" ausgerichtet gewesen (107), eine "coherent defensive line on land" habe
nicht existiert (111).

Mit dem "Shock of Sbeitla" (Kap. 6, 116-144) begann die arabische Eroberung Nordafrikas.
In der Nähe des heutigen Sbeitla (des antiken Sufetula) erlitt der Exarch Gregorios im Jahr
647 eine vernichtende Niederlage gegen ein aus Tripolitanien vorstoßendes arabisches
Heer. Kaegi trägt überzeugende militärisch-strategische Überlegungen vor. Den Verlauf der
Schlacht versucht er mit Hilfe der Passage über die so genannte "Afrikanische Ausbildung"
im "Strategikon des Maurikios" zu erhellen (135-140). Da aber die historiographischen
Quellen keine hinreichenden Informationen über den Schlachtverlauf bieten, bleiben diese
Überlegungen hypothetisch. Nach der Niederlage von Sbeitla brach die byzantinische
Administration vorübergehend zusammen. Wegen anhaltender arabischer "raids" leisteten
lokale Provinzialeliten in Eigeninitiative Tributzahlungen (143).
Zwar gelang es Konstantinopel, die Lage zwischenzeitlich zu stabilisieren (Kap.7 "Options
for offensives and resistance", 145-165), letztendlich sei diese Konsolidierung aber
gescheitert: "the Byzantines failed to tap the local manpower and technical ability and
financial resources" (154).

Sehr ausführlich behandelt Kaegi die Herrschaft Constans II (Kap. 8 "The riddle of Constans
II", 166-199), die er als "decisive turning point for the collapse of Byzantium in North
Africa" sieht (194). Kaegi zufolge nahm Nordafrika in Constans' Westpolitik eine zentrale
Rolle ein (175). Nach erneuten arabischen Angriffen Ende der 660er Jahre zeichneten sich
unter den provinzialen Eliten Tendenzen ab, auf lokaler Ebene von Konstantinopel
unabhängig Politik zu machen. Aus der arabischen Überlieferung erschließt Kaegi "willing
cooperations" mit arabischen Machthabern und die aufkommende Bereitschaft, eine
arabische Herrschaft zu akzeptieren (192).

Im neunten Kapitel ("Muslim interests, calculations, and leadership", 200-219) ordnet Kaegi
die nordafrikanischen Ereignisse in den Gesamtrahmen der arabischen Expansion ein. Vor
allem der anhaltende militärische Druck auf Kleinasien "paralyzed the Byzantine
governement's ability to do much in defense of extremely exposed positions in North
Africa" (212).

Das weitere arabische Vordringen löste Widerstand seitens der indigenen, von Byzanz
unabhängigen Mauren ("autochthonous tribal groupings", 223f.) aus, der den arabischen
Machthabern größere Schwierigkeiten bereitete als die Konfrontation mit den Byzantinern
(Kap. 10 "The shift to tribal resistance 669-95", 220-246). Das Zentrum dieses
Widerstandes, der nur in arabischen Quellen fassbar ist, lokalisiert Kaegi im südlichen
Numidien, im Aurèsgebirge. Das Kapitel hätte durch die Berücksichtigung aktueller
Forschungen zu Wechselwirkungen zwischen nomadischen und sesshaften Kulturen noch
mehr inhaltliche Profilschärfe gewinnen können. [2]

Die Konflikte mit den Mauren dauerten auch nach der Eroberung Karthagos (695/696), die
das Ende des byzantinischen Nordafrika markiert, an (Kap. 11 "The fall of Carthage and its
aftermath 695-711", 247-265). Kaegi vermutet eine im Laufe der Zeit erfolgte Annäherung
zwischen arabischen Militärführern und maurischen Eliten (253).

Im Schlusskapitel (12 "The failures of two cities of Constantine", 266-300) sucht Kaegi nach
Gründen für den "Byzantine collapse" in Nordafrika. Konstantinopel hätte anders als in
Kleinasien nie eine adäquate Verteidigungsstrategie entwickelt und auch nicht die nötigen
Ressourcen für eine wirkungsvolle Abwehr besessen (299). Weder sei es gelungen, eine
gemeinsame Interessensbasis mit den nordafrikanischen Provinzialen zu schaffen (294),
noch das militärische Potential der maurischen Stämme zu gewinnen (281). Religiöse
Differenzen hätten der Kräftebündelung entgegengewirkt (271). Dagegen verlieh der Islam
der arabischen Seite "new cohesiveness" (270) und die arabischen Erfolge hätten eine
"winning dynamic" in Gang gesetzt (280). Letzteres aber ist angesichts des sich über gut ein
halbes Jahrhundert hinziehenden Eroberungsprozesses problematisch.
Walter Kaegi hat zweifelsohne ein Buch verfasst, von dem die Forschung zum
spätbyzantinischen und frühislamischen Nordafrika profitieren wird. Wie man es im Detail
bewertet, hängt letztlich von den Erwartungen ab, mit denen man an die Lektüre geht. Die
von Kaegi zu Beginn formulierte Zielsetzung kann den Eindruck erwecken, eine Studie zu
Transformationsprozessen zwischen Spätantike und Mittelalter vor sich zu haben. Auf
Fragen der Kontinuität oder Diskontinuität zwischen byzantinischem und arabischem
Nordafrika, die in der jüngeren Forschung kontrovers diskutiert wurden [3], geht Kaegi nur
beiläufig ein (sehr knapp zu Karthago, 249). Den "Byzantine collapse" versteht Kaegi als
politisch-militärischen Prozess und in der gründlichen Aufarbeitung dieser politischen
Geschichte liegt die Stärke seines mit aussagekräftigen Karten ausgestatteten Buchs. Durch
die intensive Auswertung der komplexen, viele Probleme aufwerfenden Quellen - ganz
besonders der arabischen Überlieferung - kann Kaegi neue Akzente setzen. Darüber hinaus
steuert er durch seine ausgezeichnete Kenntnis des 7. Jahrhunderts wertvolle
vergleichende Beobachtungen bei. Zuweilen leidet das Buch aber an seinem
Detailreichtum, da Kaegi manchen für sein Thema nicht unbedingt wichtigen Aspekt
aufgreift, und an den nicht gerade seltenen Wiederholungen, die sich mitunter innerhalb
nur weniger Absätze eines Kapitels finden.

Trotz der kritischen Anmerkungen: die gründliche und überaus kenntnisreiche Analyse der
politischen und militärischen Prozesse am Übergang vom byzantinischen zum arabischen
Nordafrika macht Kaegis Buch zu einem wichtigen und lesenswerten - nicht nur mit Blick
auf Nordafrika sondern auch generell auf die arabische Expansion im 7. Jahrhundert.

Anmerkungen:

[1] Zu nennen sind vor allem: Kaegi, Walter: Byzantium and the Early Islamic Conquests,
Cambridge 1992 und Ders.: Heraclius. Emperor of Byzantium, Cambridge 2003.

[2] Dass Kaegi auf S. 128 den Exarchen Gregorios, den proconsul Africae Gordianus, der 238
zum Gegenkaiser gegen Maximinus Thrax ausgerufen wurde, und den inschriftlich belegten
maurischen Anführer Masties (AE 1996, 1796) als "series of local potentates" nebeneinander
stellt, halte ich für problematisch, da es sich um drei sehr verschiedene Typen von
Machtinhabern handelt. Dass Masties sich zudem selbst zum "king of Numidians and
Romans" proklamierte, geht aus der Inschrift nicht hervor. Anhand der Literatur, auf die
Kaegi verweist, vermute ich, dass er sich bei dieser Interpretation auf Masuna, der in einer
Inschrift aus Altava als rex gent(ium) Maur(orum) et Romanor(um)bezeichnet wird, bezieht
(CIL VIII 9835 = IdAltava 194).

[3] Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Europe and the Mediterranean, 400 -
800, Oxford 2005, 635-644 vertritt den Standpunkt, dass der archäologische Befund
zumindest in einigen nordafrikanischen Städten auf Besiedlungskontinuitäten hinweise. Wie
Wickham im Vergleich von Sbeitla / Sufetula und Karthago zeigt, ist aber mit lokal recht
unterschiedlichen Dynamiken zu rechnen. Roskams, Steve: Urban Transition in North
Africa. Roman and Medieval Towns of the Maghreb, in: Christie, N. / Loseby, S. T. (Hg.):
Towns in Transition. Urban Evolution in Late Antiquity and the Early Middle Ages, Aldershot
1996, 158-183, hier 166f. betont für Chercel, Sétif und Karthago den Abbruch der urbanen
Besiedlung.

Die Frage nach dem Fortbestehen des Christentums in Nordafrika nach der arabischen
Eroberung klammert Kaegi bewusst aus. Auch hier zeichnen sich teils lange Kontinuitäten
ab, die arabische Eroberung stellt hier nicht unbedingt eine Zäsur dar; s. Handley, Mark A.:
Disputing the End of African Christianity, in: Merrills (Hg.) Vandals, Romans and Berbers.
New perspectives on late antique North Africa, Aldershot 2004, 291-310.

Rezension über:
Walter E. Kaegi: Muslim Expansion and Byzantine Collapse in North Africa, Cambridge: Cambridge University Press
2010, XX + 345 S., 10 s/w- Abb., 10 Kt., ISBN 978-0-521-19677-2, GBP 60,00

Rezension von:
Daniel Syrbe
Historisches Institut, FernUniversität Hagen

Empfohlene Zitierweise:
Daniel Syrbe: Rezension von: Walter E. Kaegi: Muslim Expansion and Byzantine Collapse in North Africa, Cambridge:
Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011],
URL:http://www.sehepunkte.de/2011/10/19564.html

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