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Geschichte der Philosophie

Neuzeit II

Einführung in Kants Kritik der reinen Vernunft


Giovanni Pietro Basile

Hochschule für Philosophie München


Sommersemester 2020

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Vorrede A
Einleitung
Transzendentale Logik – Einleitung: Von der Idee einer
transzendentalen Logik
Die Transzendentale Dialektik – Einleitung
Des Kanons der reinen Vernunft – Zweiter Abschnitt. Von dem Ideal
des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des letzten
Zwecks der reinen Vernunft
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Sekundärliteratur
Zu Kants Leben und Werk:
Cassirer, Ernst: Kants Leben und Lehre. Cassirer: Berlin 1923.
Höffe, Otfried: Immanuel Kant. Beck: München 2007.
Irrlitz, Gerd: Kant-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J. B. Metzler: Stuttgart
2002.
Schöndorf, Harald: Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts. Grundkurs
Philosophie 8,2. Kohlhammer: München 52016, 39–83.
Vorländer, Karl: Immanuel Kant. Der Mann und das Werk. Meiner: Hamburg
1924. 3. erw. Aufl. 1992.
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Zur Kritik der reinen Vernunft:

Höffe, Otfried: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der
modernen Philosophie. Beck: München 2003.
Tetens, Holm: Kants Kritik der reinen Vernunft. Ein systematischer
Kommentar. Reclam: Stuttgart 2006.

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KrV – Vorrede A

1. Abs.: Das Hauptproblem der menschlichen Vernunft


2. Abs.: Metaphysik als Kampfplatz
3. Abs.: Die Metaphysik als in Ungnade gefallene Königin
4. Abs.: Historische Perspektive
a) Dogmatiker und Skeptiker
b) John Locke
c) Indifferentismus und Aufklärung
5. Abs.: Der Gerichtshof der Vernunft
a) Indifferentismus führt letztendlich zurück zur Metaphysik.
b) Kritik der reinen Vernunft als Selbsterkenntnis der Vernunft
c) Mathematik und Naturwissenschaft als gründliche Erkenntnisarten
d) Von der Kritik der Vernunft zur Kritik der Religion und der Politik
6. Abs.: Die Kritik der reinen Vernunft als Propädeutik zu einer neuen Metaphysik
Zusammenfassung 5
1. Abs.: Das Hauptproblem der menschlichen Vernunft

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung


ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht
abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst
aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen
alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (KrV A VII)

„pantes anthropoi tou eidenai oregontai physei“ „Πάντες ἄνθρωποι τοῦ


εἰδέναι ὀρέγονται φύσει“ („Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.“)
(Met 980 a 22)

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2. Abs.: Metaphysik als Kampfplatz
„In diese Verlegenheit geräth sie ohne ihre Schuld. Sie fängt von Grundsätzen an, deren
Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewährt
ist. Mit diesen steigt sie (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu entfernteren
Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, daß auf diese Art ihr Geschäfte jederzeit unvollendet
bleiben müsse, weil die Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich genöthigt, zu Grundsätzen ihre
Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch überschreiten und gleichwohl so
unverdächtig scheinen, daß auch die gemeine Menschenvernunft damit im Einverständnisse steht.
Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar abnehmen
kann, daß irgendwo verborgene Irrthümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht
entdecken kann, weil die Grundsätze, deren sie sich bedient, da sie über die Gränze aller
Erfahrung hinausgehen, keinen Probirstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz
dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.“ (KrV A VII f.)
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3. Abs.: Die Metaphysik als in Ungnade gefallene Königin
„Es war eine Zeit, in welcher sie die Königin aller Wissenschaften genannt wurde,
und wenn man den Willen für die That nimmt, so verdiente sie wegen der vorzüglichen
Wichtigkeit ihres Gegenstandes allerdings diesen Ehrennamen. Jetzt bringt es der
Modeton des Zeitalters so mit sich, ihr alle Verachtung zu beweisen, und die Matrone
klagt, verstoßen und verlassen, wie Hecuba: modo maxima rerum, tot generis natisque
potens – nunc trahor exul, inops – Ovid. Metam.“ (KrV A VIII f.)

„Modo maxima rerum, tot generis natisque potens – nunc trahor exul, inops“ (Ovid,
Metamorphosen, XIII, 508–510)
„Gerade noch Mittelpunkt von allem und durch so viele Schwiegersöhne und
Kinder mächtig […], werde ich jetzt, hilflos, aus meiner Heimat weggeführt.“
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4. Abs.: Historische Perspektive

a) Dogmatiker und Skeptiker


„Anfänglich war ihre Herrschaft, unter der Verwaltung der Dogmatiker,
despotisch. Allein weil die Gesetzgebung noch die Spur der alten Barbarei an
sich hatte, so artete sie durch innere Kriege nach und nach in völlige
Anarchie aus, und die Sceptiker, eine Art Nomaden, die allen beständigen
Anbau des Bodens verabscheuen, zertrennten von Zeit zu Zeit die
bürgerliche Vereinigung. Da ihrer aber zum Glück nur wenige waren, so
konnten sie nicht hindern, daß jene sie nicht immer aufs neue, obgleich nach
keinem unter sich einstimmigen Plane, wieder anzubauen versuchten. =

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b) John Locke
= In neueren Zeiten schien es zwar einmal, als sollte allen diesen
Streitigkeiten durch eine gewisse Physiologie des menschlichen Verstandes
(von dem berühmten Locke) ein Ende gemacht und die Rechtmäßigkeit jener
Ansprüche völlig entschieden werden; es fand sich aber, daß, obgleich die
Geburt jener vorgegebenen Königin aus dem Pöbel der gemeinen Erfahrung
abgeleitet wurde und dadurch ihre Anmaßung mit Recht hätte verdächtig
werden müssen, dennoch, weil diese Genealogie ihr in der That fälschlich
angedichtet war, sie ihre Ansprüche noch immer behauptete, wodurch alles
wiederum in den veralteten, wurmstichigen Dogmatism und daraus in die
Geringschätzung verfiel, daraus man die Wissenschaft hatte ziehen wollen. =

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c) Indifferentismus und Aufklärung
= Jetzt, nachdem alle Wege (wie man sich überredet) vergeblich versucht
sind, herrscht Überdruß und gänzlicher Indifferentism, die Mutter des Chaos
und der Nacht, in Wissenschaften, aber doch zugleich der Ursprung,
wenigstens das Vorspiel einer nahen Umschaffung und Aufklärung
derselben, wenn sie durch übel angebrachten Fleiß dunkel, verwirrt und
unbrauchbar geworden.“ (KrV A IX f.)

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5. Absatz: Der Gerichtshof der Vernunft
a) Indifferentismus führt letztendlich zurück zur Metaphysik.
„Es ist nämlich umsonst, Gleichgültigkeit in Ansehung solcher
Nachforschungen erkünsteln zu wollen, deren Gegenstand der
menschlichen Natur nicht gleichgültig sein kann. Auch fallen jene
vorgebliche Indifferentisten, so sehr sie sich auch durch die Veränderung
der Schulsprache in einem populären Ton unkenntlich zu machen
gedenken, wofern sie nur überall etwas denken, in metaphysische
Behauptungen unvermeidlich zurück, gegen die sie doch so viel Verachtung
vorgaben. =

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b) Kritik der reinen Vernunft als Selbsterkenntnis der Vernunft
= Indessen ist diese Gleichgültigkeit, die sich mitten in dem Flor aller Wissenschaften
eräugnet und gerade diejenige trifft, auf deren Kenntnisse, wenn dergleichen zu haben
wären, man unter allen am wenigsten Verzicht thun würde, doch ein Phänomen, das
Aufmerksamkeit und Nachsinnen verdient. Sie ist offenbar die Wirkung nicht des
Leichtsinns, sondern der gereiften Urtheilskraft* des Zeitalters, welches sich nicht länger
durch Scheinwissen hinhalten läßt, und eine Aufforderung an die Vernunft, das
beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntniß, aufs neue zu
übernehmen und einen Gerichtshof einzusetzen, der sie bei ihren gerechten Ansprüchen
sichere, dagegen aber alle grundlose Anmaßungen nicht durch Machtsprüche, sondern
nach ihren ewigen und unwandelbaren Gesetzen abfertigen könne; und dieser ist kein
anderer als die Kritik der reinen Vernunft selbst.“ (KrV A X–XII) 13
c) Mathematik und Naturwissenschaft als gründliche Erkenntnisarten
= Man hört hin und wieder Klagen über Seichtigkeit der Denkungsart unserer Zeit
und den Verfall gründlicher Wissenschaft. Allein ich sehe nicht, daß die, deren
Grund gut gelegt ist, als Mathematik, Naturlehre etc., diesen Vorwurf im mindesten
verdienen, sondern vielmehr den alten Ruhm der Gründlichkeit behaupten, in der
letzteren aber sogar übertreffen. Eben derselbe Geist würde sich nun auch in
anderen Arten von Erkenntniß wirksam beweisen, wäre nur allererst für die
Berichtigung ihrer Principien gesorgt worden. In Ermangelung derselben sind
Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich strenge Kritik vielmehr Beweise einer
gründlichen Denkungsart. =

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d) Von der Kritik der Vernunft zur Kritik der Religion und der Politik
= Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles
unterwerfen muß. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch
ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann
erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte
Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt,
was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“ (KrV A XI,
Anm.)

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Beantwortung der Frage: Was ist die Aufklärung? (1784).
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst
verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich
seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht
am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes
liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe
Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch
der Aufklärung.“ (WA, AA 8: 35)

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„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar
die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die:
von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“
(WA, AA 8: 36)

„Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten
Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der
Aufklärung.“ (WA, AA 8: 40).

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6. Abs.: Die Kritik der reinen Vernunft als Propädeutik zu einer
neuen Metaphysik
„Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Bücher und
Systeme, sondern die des Vernunftvermögens überhaupt in Ansehung
aller Erkenntnisse, zu denen sie unabhängig von aller Erfahrung
streben mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder
Unmöglichkeit einer Metaphysik überhaupt und die Bestimmung
sowohl der Quellen, als des Umfanges und der Gränzen derselben, alles
aber aus Principien.“ (KrV A XII)

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Zusammenfassung
Zur Zeit Kants liegt die Metaphysik seit langem in einer tiefen Krise. Keines der metaphysischen
Systeme, die in der Geschichte der Philosophie von Platon bis Wolff entwickelt wurden, konnte sich
durchsetzen. Alle sind aufgrund der Kritik der Empiristen, die Kant mit den Skeptikern gleichsetzt, zugrunde
gegangen. Die kritische Haltung der Empiristen, die an der Möglichkeit jeder Erkenntnis außerhalb der
Erfahrung zweifeln und deswegen von Kant als Skeptiker bezeichnet werden, führt nun zur Indifferenz
gegenüber den metaphysischen Fragen, die jedoch nicht beiseitegelassen werden können. Metaphysische
Fragen sind für die Vernunft unumgänglich, allerdings ist sie unfähig, sie endgültig zu beantworten. Diese
Spannung ist für Kant unauflöslich. Der rationalistische Idealismus hebt sie hingegen auf, indem er
dogmatische Antworten gibt, der skeptische Empirismus dadurch, dass er die Fragen beseitigt. Kant will
sowohl die dogmatische und despotische Haltung von Rationalisten und Idealisten als auch den Skeptizismus
der Empiristen überwinden. Durch seine Kritik der reinen Vernunft beabsichtigt er, Quellen, Umfang und
Grenzen derselben zu bestimmen und mithin zum ersten Mal ein endgültiges Fundament der Metaphysik zu
bieten. Diese Begründung der Vernunft soll seiner Absicht nach die politische und religiöse Aufklärung der
Menschheit vorbereiten.
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