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Konversationsübung im Bürgerlichen Recht * Sommersemester 2006

Lösungsskizze zu Fall 9

Frage 1

Anspruch des P gegen S auf Zinsen für den Zeitraum 1. September bis 30. November

I. aus § 288 I 1 1

Zu prüfen ist ein Anspruch des P gegen S auf die Zahlung von Verzugszinsen für den
Zeitraum vom 1. September bis 30. November aus § 288 I 1. Voraussetzung für diesen
Anspruch ist eine Geldschuld, mit deren Erfüllung sich S gegenüber P in Verzug befindet.

1. S als Schuldner einer Geldschuld, § 288 I 1

S schuldet dem P, mit dem er einen wirksamen Kaufvertrag abgeschlossen hat, aus § 433 II
Fall 1 BGB einen Kaufpreis i.H.v. 20.000 €. Eine Geldschuld liegt somit zwischen 1-9- und
30.11. vor.

2. Verzug des S im Zeitraum 1.9. mit 30.11. mit dieser Geldschuld, § 286

a) Schuldverhältnis zwischen P und S, § 286 I

S müsste nach § 286 I zwischen 1.9. und 30.1. Schuldner des P sein. Dies wurde
bereits bejaht (§ 433 II).

b) Fälligkeit, § 286 I

Ferner müsste die Forderung des P ab dem 1.9. fällig sein. Zwischen P und S war
vereinbart, dass S den Kaufpreis am 31. August begleichen müsse. Zu diesem
Zeitpunkt war seine Schuld fällig, vgl. § 271. Damit war die Forderung des P ab dem
1. September fällig.

Neben der Fälligkeit ist auch Durchsetzbarkeit Voraussetzung für den Verzug. Dies
ergibt sich aus dem Wesen der Fälligkeit; s. auch § 390 als Ergänzung des § 387 bei
der Aufrechnung. Das Bestehen einer Einrede genügt, um den Verzug
auszuschließen 2 . In Betracht kommt § 320. Diese Einrede scheidet jedoch aus, wenn P
seine Leistung ordnungsgemäß 3 angeboten hat. Davon ist hier auszugehen.

c) Mahnung, § 286 I

Grundsätzlich müsste S von P gemahnt worden sein. Eine Mahnung setzt eine
eindeutige und unbedingte Aufforderung zur Zahlung voraus. Diese Merkmale dürften
bei der Drohung mit dem Gerichtsvollzieher erfüllt sein. Allerdings erfolgte diese

1
§§ ohne Bezeichnung sind solche des BGB.
2
Anders: § 273 wegen § 273 III.
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Dh. In Annahmeverzug begründender Weise (§§ 293 ff), s. MüKo-Emmerich § 286 Rn 23.
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Drohung offenbar erst kurz vor dem 1.12., sicher jedoch erst deutlich nach dem 1.9.
Möglicherweise ist der Verzug aber auch ohne Mahnung schon am 1.9. eingetreten.
Dies könnte sich hier aus § 286 II Nr. 1 ergeben. Hier war der Zeitpunkt der Leistung
nach dem Kalender auf den 31.8. bestimmt. Die Mahnung war also entbehrlich und
der Verzug konnte 4 schon am 1.9. eintreten.

d) Nichtleistung, § 286 I

S hätte spätestens am 31. August leisten müssen. Da er dies nicht getan hat, ist er am
1. September ohne Mahnung in Verzug geraten. Er hat die Leistung auch bis
einschließlich 30.11. nicht mehr erbracht 5 .

e) Vertretenmüssen, § 286 IV

S müsste die Nichtleistung zu vertreten haben. Grundsätzlich hat nach § 276 BGB der
Schuldner Vorsatz und Fahrlässigkeit zu vertreten. Der Schuldner einer Geldschuld
hat seine Nichtleistung auch dann zu vertreten, wenn ihm kein Verschuldensvorwurf
gemacht werden kann, da sich bei einer Geldschuld eine strengere Haftung aus dem
„Inhalt des Schuldverhältnisses“ ergibt nach § 276 I. Auch an § 286 IV scheitert das
Vorliegen der Verzugsvoraussetzungen nicht.

Damit befand sich S vom 1.9. bis 30.11. in Schuldnerverzug. Ob sich der Schuldnerverzug
des S hier auch aus § 286 III herleiten lässt, kann dahinstehen 6 , da der Schuldnerverzug auf
Grundlage dieser Vorschrift frühestens dreißig Tage nach Fälligkeit beginnt.

3. Höhe der Verzugszinsen, §§ 288 II, 247 I 1

Der Verzugszinssatz beträgt gemäß § 288 I 2 grundsätzlich fünf Prozentpunkte über


dem Basiszinssatz, der in § 247 angesprochen ist (zur Zeit: 1,17 %). Hier könnte
abweichend von § 288 I 2 jedoch § 288 II (Zinssatz: acht Prozentpunkte über dem
Basiszinssatz) eingreifen. Dazu dürfte weder P noch S Verbraucher sein. Die
Verbrauchereigenschaft regelt § 13 BGB. P und S fallen nicht darunter. Damit ist §
288 II für den Zinssatz maßgeblich.

Ergebnis:
P kann von S aus § 288 I 1, II im Zeitraum vom 1. September bis zum 30. November 9,17 %
Zinsen aus einem Betrag in Höhe von 20.000,- € verlangen. Zinseszins kann P gemäß § 289
S. 1 aber nicht verlangen.

4
Ob er wirklich eingetreten ist, kann noch nicht gesagt werden, da noch nicht alle
Voraussetzungen geprüft wurden.
5
Anbieten in Annahmeverzug begründender Weise hätte ausgereicht, um den
Schuldnerverzug zu beenden.
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Denkbar wäre auch, § 286 III nach dem Endergebnis von Teil 1 unter der Überschrift
„Hilfsgutachten zu § 286 III BGB“ zu prüfen.
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II. aus §§ 280 I, II, 286

P kann die Zinsen von S möglicherweise auch als Schadens wegen Verzögerung der Leistung
verlangen. Doch besteht insoweit kein Bedürfnis für eine Anwendung des § 280 I, II, 286.
Dies zeigt auch § 288 IV, der nur einen „weiteren Schaden“ behandelt.

Frage 2

A. Anspruch des P gegen D auf 75.000 € Schadensersatz aus §§ 280 I, II, 286 BGB

P könnte gegen D einen Anspruch auf Ersatz des Produktionsausfalls und der Vertragsstrafe
aus §§ 280 I, II, 286 BGB (Schadensersatz wegen Verzögerung der Leistung) haben.

I. Schuldverhältnis

P hat mit S einen Vertrag über die Lieferung von 24 von D hergestellten Walzen zum Preis
von 36.000,- € geschlossen. In diesem von P und D geschlossenen Werklieferungsvertrag (§
651 BGB) liegt ein Schuldverhältnis iSd § 280 I BGB.

II. Pflichtverletzung: Verzug (§§ 280 I, II, 286)

D müsste seine vertragliche Pflicht verletzt haben (§ 280 I BGB). In Betracht kommt hier die
Pflicht zur Walzenlieferung, § 651 iVm § 433 I 1 BGB.

Bei § 280 II BGB liegt eine Pflichtverletzung vor, wenn sich D in Verzug befand 7 hinsichtlich
der Walzenlieferung.

1. Fälligkeit

Nach § 271 I BGB ist eine Leistung, für die keine Zeit bestimmt ist, sofort fällig. Zwischen P
und D ist jedoch vertraglich eine Lieferfrist von drei Wochen nach Übermittlung der
Maßangaben vereinbart. Die Maßangaben sind am 10. März übermittelt worden. Es handelt
sich um eine Ereignisfrist iSd § 187 I BGB. Folglich enden nach § 188 II BGB die drei
Wochen am 31. März. D. h. die Fälligkeit tritt erst am 1. April ein, weil erst dann P die

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D muss sich nicht jetzt mehr in Verzug befinden! (Er tut es auch nicht, da er inzwischen
geleistet hat!) Es genügt, dass er sich in der Vergangenheit in Verzug befand und darauf
beruhend die Verzögerungsschäden eingetreten sind. Auch muss hier – anders als in Teil 1 bei
§ 288 I 1 – kein Zeitraum in der Vergangenheit für den Verzug festgelegt werden.
Entscheidend ist allein, dass der Verzug kausal für die Verzögerungsschäden war.
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Leistung verlangen kann. Aber auch die vereinbarte Frist von drei Wochen nach Bekanntgabe
der Angaben ist bereits abgelaufen. Die Leistung des D war damit seit dem 1. April fällig.

Der Anspruch des P auf Lieferung muss aber nicht nur fällig, sondern auch durchsetzbar sein.
Dem Anspruch dürfen also keine Einreden des D entgegenstehen. In Betracht käme allenfalls
§ 320 BGB. Da P aber bereits bezahlt hat, steht dem D die Einrede des nicht erfüllten
Vertrages aber nicht zu.

2. Mahnung

Auch bei fälliger Leistung kommt der Schuldner nach § 286 I 1 BGB jedoch grundsätzlich
erst nach einer Mahnung in Verzug. In dem Brief des P an D, in dem er ihn an die Lieferfrist
erinnert, könnte eine Mahnung gesehen werden. Die Erinnerung erfolgte nach Eintritt der
Fälligkeit (Ablauf der drei Wochen s.o.). Allerdings ist fraglich, ob es sich um eine Mahnung
i.S.d. § 286 I BGB handelt. Dazu ist eine eindeutige und unbedingte Aufforderung zur
Leistung erforderlich. Ein solches Leistungsverlangen lässt sich dem Text jedoch nicht
entnehmen. Es handelt sich nur um einen Hinweis auf die Fälligkeit.

Möglicherweise könnte D hier jedoch auch ohne Mahnung in Verzug geraten sein. In den
Fällen des § 286 II BGB ist eine Mahnung nicht erforderlich. Es könnte sich hier um eine
nach dem Kalender bestimmte Zeit für die Leistung i.S.d. § 286 II Nr. 1 BGB handeln. Dazu
ist erforderlich, dass allein durch die Zeitbestimmung unmittelbar oder mittelbar ein
Kalendertag bezeichnet ist. Indem die Parteien eine Lieferzeit von drei Wochen nach
Maßangaben vereinbaren, ist ein bestimmter Kalendertag für die Fälligkeit der Leistung nicht
eindeutig bestimmbar.
In Betracht kommt aber die Entbehrlichkeit der Mahnung nach § 286 II Nr. 2. Hierzu müsste
der Leistung ein Ereignis vorauszugehen haben und eine angemessene Zeit bestimmt sein, die
sich nach dem Ereignis nach dem Kalender berechnen lässt. Ein Ereignis ist eine Handlung
oder ein anderer sinnvoll wahrnehmbarer Umstand. Die Bekanntgabe der Maßangaben stellt
ein derartiges Ereignis dar. Ferner ist es möglich nach dieser Bekanntgabe die Zeit nach dem
Kalender zu berechnen. Schließlich erfolgt diese Bekanntgabe an einem feststellbaren Datum,
hier dem 10. März. Ferner verbleiben dem D noch drei Wochen zur Herstellung. Da D sich
schon vor Vertragsschluss über die Zeitspanne im Klaren war und nichts dagegen eingewandt
hat, ist diese Zeit als angemessen zu bewerten.

Die Mahnung war daher gem. § 286 II Nr. 2 BGB entbehrlich.

3. Nichtleistung

D hat trotz Fälligkeit, Einredefreiheit und Mahnung zunächst nicht geleistet. Die spätere
Leistung lässt den Verzug nur für die Zukunft entfallen.

Eine Pflichtverletzung in Form des Verzugs liegt also vor.

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III. Vertretenmüssen, §§ 286 IV, 280 I S. 2 BGB 8

D müsste den Verzug nach §§ 286 IV, 280 I S. 2 BGB zu vertreten haben. Grundsätzlich hat
nach § 276 BGB der Schuldner Vorsatz und Fahrlässigkeit zu vertreten. Dazu, ob ein
Verschulden des D vorliegt gibt es im Sachverhalt keine eindeutigen Anhaltspunkte. Es kann
wohl von einem Organisationsverschulden (§ 276 BGB) ausgegangen werden, da D seine
Produktionsabläufe so zu organisieren hat, dass er alle seine Verpflichtungen einhalten kann.
Letztlich kann dies jedoch dahinstehen, da die Beweislast für das fehlende Verschulden bei D
liegt und keine Gründe ersichtlich sind, die den D entschuldigen würden.

[Hinweis: Für den hier geprüften Fall, dass der Gläubiger von dem sich im Verzug
befindlichen Schuldner Schadensersatz verlangt, ist § 286 IV überflüssig, da sich das
Erfordernis des Vertretenmüssens bereits aus § 280 I 2 ergibt. § 286 IV ist aber nötig,
weil der Verzug nicht nur Schadensersatzansprüche des Gläubiger nach sich zieht; s.zB.
Frage 1: § 288 S. 1]

IV. Ersatzfähiger Schaden: Verzögerungsschaden

Verzögerungsschaden ist derjenige Schaden, der auch dann entstanden wäre, wenn er
Schuldner bei Verzugsende ordnungsgemäß geleistet hätte. Hier wurde der Verzug sogar
durch ordnungsgemäße Leistung beendet.

a) Produktionsausfall i.H.v. 55.000,- €

Bei rechtzeitiger Lieferung der Walzen hätte P die Arbeit an den Papiermaschinen nicht
unterbrechen müssen. Sein Schaden besteht u.a. in den Fixkosten, die er weiter zu bezahlen
hatte (Arbeitslöhne u.s.w.). Dieser Schaden bleibt auch nach der Leistung des D bestehen.

Exkurs: Nach § 254 II S. 1 2. HS BGB besteht eine Schadensminderungspflicht. Wenn


z.B. ein Bauunternehmer mit einem Bauarbeiterteam zwei Baustellen betreibt,
kann er im Einzelfall verpflichtet sein, wenn die Arbeit an der einen Baustelle
aufgrund Verzögerung der Anlieferung von Baumaterial ruhen muss, die
Arbeiter auf der anderen Baustelle einzusetzen. Ein Verzugsschaden entsteht
dann u.U. nur noch aufgrund notwendiger Sicherungsmaßnahmen.

b) Vertragsstrafe, 20.000 €

Bei rechtzeitiger Belieferung durch D hätte P seinerseits die Papiermaschinen rechtzeitig


fertig stellen und an K liefern können und hätte somit keine Vertragsstrafe (§ 339 BGB)
bezahlen müssen.
Auch dieser Schaden bleibt nach der Leistung des D bestehen.

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Da in § 280 I „Pflichtverletzung“ und „Vertretenmüssen“ getrennte Voraussetzungen sind,
werden sie auch hier aufbaumäßig getrennt, obwohl das Vertretenmüssen nach § 286 IV
zugleich Voraussetzung für den Verzug ist, der eigentlich unter II geprüft wurde.
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c) Sonstige Schäden

… sind dem Sachverhalt nicht zu entnehmen. P will zwar auch einen Zinsen haben, doch teilt
der Sachverhalt nicht mit, dass ihm insofern ein Schaden – sei es durch entgangene Zinsen,
sei es durch Kreditzinsen – entstanden wäre.

Ergebnis: P hat einen Anspruch gegen D auf Ersatz eines Verzögerungsschadens i.H.v.
75.000 € aus §§ 280 I, II, 286 BGB.

B. Anspruch des P gegen D auf Zahlung von Verzugszinsen aus § 288 I 1 BGB

Zu prüfen bleibt, ob P von D Zahlung von Verzugszinsen aus § 288 I 1 BGB verlangen kann.
Dies kommt nur in Betracht, wenn sich D mit der Erfüllung einer Geldschuld in Verzug
befunden haben sollte. Hier war er jedoch mit seiner Lieferverpflichtung aus § 433 I 1 BGB in
Verzug. Damit scheidet ein Anspruch nach § 288 I 1 BGB aus.