Sie sind auf Seite 1von 63

Jacques Derrida

Gesetzeskraft
Der »mystische Grund der Autorität«
Aus dem Französischen
von Alexander Garcia Düttmann

Die Frage nach Begründung und Funktion des Rechtes und dessen
Verhältnis zu Gerechtigkeit ist gegenwärtig zu einem Thema geworden,
das nicht allein Juristen und Rechtshistoriker beschäftigt, sondern im-
mer stärker ins Zentrum generell philosophisch-geisteswissenschaft-
licher Überlegungen rückt. Jacques Derrida geht im vorliegenden Text
auf das Verhältnis von Dekonstruktivismus zu Recht und Gerechtig-
keit ein. Kann der Begriff der Gerechtigkeit in dessen Diskurs, der ja
jede feststehende Opposition aufzulösen sucht, überhaupt eine Rolle
spielen, können die Dekonstruktivisten den Begriffen Recht und Ge-
rechtigkeit sozusagen gerecht werden? Ist nicht vielmehr dieses Analy-
severfahren von jedem Diskurs über Gerechtigkeit ausgeschlossen?
Jacques Derrida, und dies macht sein Buch für die deutsche Tradition
besonders interessant, versucht diese Fragen zu lösen anhand einer
Lektüre von Walter Benjamins Zur Kritik der Gewalt. Er leistet damit
einen substantiellen Beitrag zu den aktuellen rechtsphilosophischen
Fragen und weist zugleich Möglichkeit, Notwendigkeit und Gerech-
tigkeit einer dekonstruktivistischen Lektüre nach. Suhrkamp
Originaltitel:
Force de loi. Le "fondement mystique de l'autorite«;
Gesetzeskraft
zuerst in englischer Übersetzung erschienen in:
Deconstruction and the Possibility ofJustice, Der »mystische Grund der Autorit;it«
published by The Cardozo Law Review, vol. I I, July/August '990,
numbers 5-6, New York.
Für die vorliegende deutsche Ausgabe ist der Text vom Autor
und vom Übersetzer durchgesehen und bearbeitet worden.

edition suhrkamp 1645


Neue Folge Band 645
Erste Auflage '99 I
© dieser Ausgabe: Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main '99'
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Hümmer, Waldbüttelbrunn
Druck: Druckhaus Nomos, Sinzheim
Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus
Printed in Germany
ISBN 3-jI8-I 1645-2

5 6 7 8 9 10 - I I 10 09 08 07 06
p

Es handelt sich hier um eine Pflicht: ich muß mich auf Eng-
lisch an Sie richten, ich muß Sie auf Englisch anreden (C'est
ici un devoir, je dois m'adresser avous en anglais: dieser Satz
soll zunächst auf Französisch vorgelesen werden, dann auf
Englisch; beim Sprechen gilt es, das Wort adresse hervorzu-
heben).
Der Titel dieses Colloquiums und das Problem, das ich,
um mich eines von Ihnen transitiv gebrauchten Wortes zu
bedienen, »address« soll, sind für mich seit Monaten ein
Anlaß zum Nachdenken, zum Ausschweifen, zum Träu-
men. Obwohl man mir die furchteinflößende Ehre einer
»keynote address« erweist, habe ich an der Erfindung dieses
Titels und an der impliziten Formulierung des Problems kei-
nerlei Anteil. »Deconstruction and the Possibility of Jus-
tice«: die Konjunktion »and« assoziiert Wörter, Begriffe,
vielleicht sogar Sachen oder Dinge, die kategorial nicht zu-
sammengehören. Eine solche Konjunktion (»and«) wagt es,
1 Mit Ausnahme einiger Anmerkungen, die erst im nachhinein hinzugekommen
sind, entspricht dieser Text der Fassung, die während des Colloquiums Decon-
struction and the Possibility of Justiee (Oktober 1989, Cardozo Law School,
New York City) vervielfältigt und verbreitet wurde. Jacques Derrida hat bei
der Eröffnung dieses Colloquiums nur den ersten Teil des vorliegenden Textes
vorgetragen. Aus Mangel an Zeit hat er darauf verzichten müssen, die fortdau-
ernde Arbeit an dem Vortrag abzuschließen; deshalb handelt es sich hier ledig-
lich um eine erste Fassung. Der zweite Teil des Vortrags, jener also, der auf der
gerade erwähnten Konferenz diskutiert, nicht aber vorgelesen wurde, diente
am 26. April 1990 als Eröffnungsrede bei einem von Saul Friedlander veranstal-
teten Colloquium (Nazism and the ,Final Solution<: Probing the Limits of
Representation), das an der University of California, Los Angeles, stattfand.
Es scheint uns angemessen zu sein, am Anfang und am Ende des zweiten Teils
die Einführung und den Schluß, die für dieses andere Colloquium geschrieben
und der ursprünglichen Textfassung hinzugefügt wurden, zu veröffentlichen.
Jacques Derrida möchte Sam Weber für seine Hilfe bei der Durchsicht des
Textes danken [der englischen - zweisprachigen - Ausgabe vorangestellte Be-
merkung, A.d. Ü.].

7
die Ordnung, die Taxinomie, die klassifizierende Logik her- fährdet und bereits die Bedingung der Möglichkeit von
auszufordern, gleichgültig, ob sie eine analogisierende, eine Gerechtigkeit zunichte macht? Ja, würden wiederum einige
unterscheidende oder eine entgegensetzende Funktion er- antworten, nein, würde die andere »party« erwidern. Schon
füllt. Ein schlecht gelaunter Redner würde wohl sagen: ich im Laufe dieses ersten fiktiven Wortwechsels zeichnet sich
vermag hier keinen Zusammenhang zu erkennen, keine zwischen Recht und Gerechtigkeit ein zweideutiges und
Rhetorik darf sich einem solchen Unternehmen beugen und zweifelhaftes Gleiten ab. Die Unterbrechung, der Schmerz,
ihm dienlich sein. Zwar möchte ich durchaus versuchen, das Leiden der Dekonstruktion, jenes, an dem sie leidet
von jeder einzelnen Sache oder von jeder einzelnen Katego- oder an dem die leiden, die sie leiden läßt, besteht vielleicht
rie (»Deconstruction«, »possibility«, »justice«) zu reden, ja in der Abwesenheit einer Regel, einer Norm oder eines ge-
sogar von jedem einzelnen Synkategorem (»and«, »the«, sicherten Kriteriums, die es erlauben, auf eine nicht-äqui-
»of«), keinesfalls aber im Sinne dieser (An)ordnung, dieser voke Weise zwischen Recht und Gerechtigkeit zu unter-
Taxis, dieser Taxinomie oder dieses Syntagmas. scheiden.
Ein solcher Redner wäre nicht nur schlechter Laune [de So sieht die Wahl aus, dies ist das »Entweder ... Oder«,
mauvaise humeur], er wäre auch bösgläubig [de mauvaise das »Ja oder Nein«, von dem ich argwöhne, daß es dem Titel
[gt). Und sogar ungerecht. Denn es wäre ein leichtes, eine innewohnt. Betrachtet man ihn aus solcher Sicht, trägt er
den Absichten des Titels oder dem von ihm Bedeuteten ge- eher gewaltsame, polemische, inquisitorische Züge. Man
recht werdende Deutung vorzuschlagen - und das heißt in kann darin irgendein Folterinstrument vermuten und sich
diesem Fall eine angemessene und hellsichtige, also wohl davor fürchten - ein Folterinstrument, also eine Art und
eher argwöhnische Deutung. Der Titel legt eine Frage nahe, Weise, Fragen zu stellen, die nicht die angemessenste und
die selbst die Gestalt des Argwohns annimmt: Trifft es denn auch nicht die gerechteste ist. Ich muß nicht eigens hervor-
zu, daß die Dekonstruktion die Möglichkeit der Gerechtig- heben, daß ich auf Fragen, die diese Gestalt annehmen
keit sichert, daß sie diese Möglichkeit zuläßt, daß sie ihr (»entweder ... oder«, »ja oder nein«), keine Antwort geben
stattgibt und sie so autorisiert? Ermöglicht die Dekonstruk- kann; zumindest nicht eine Antwort, die eine der beiden
tion Gerechtigkeit, ermöglicht sie einen Diskurs über die Parteien beruhigt oder einer der beiden Erwartungshaltun-
Gerechtigkeit und über die Möglichkeitsbedingungen von gen entgegenkommt.
Gerechtigkeit? Ja, würden einige antworten; nein, würde Ich muß mich also, ich soll mich (es handelt sich hier um
die andere »party« entgegnen. Haben die »so called« De- eine Pflicht), auf Englisch an Sie richten Ue dois donc, c'est
konstruktionisten zur Gerechtigkeit etwas zu sagen, haben ici un devoir, m'adresser a vous en anglais: dies zuerst auf
sie mit der Gerechtigkeit etwas zu tun? Weshalb reden sie im Französisch, dann auf Englisch vortragen). Ich muß es, ich
Grunde so wenig davon? Interessiert sie das am Ende wirk- soll es: damit ist mehreres zugleich gemeint.
lich? Muß man nicht annehmen, daß die Dekonstruktion, 1. Ich muß, ich soll [je dois] Englisch sprechen (wie kann
wie manche argwöhnen, es aufgrund ihres Wesens nicht ge- man dieses »dois«, dieses Müssen, dieses Sollen, diese Auf-
stattet, eine richtige, gerechte, gesetzesmäßige Handlung gabe übersetzen? I must? I should, I ought to, I have to?),
auszuführen? Daß sie es nicht erlaubt, der Gerechtigkeit weil man mich dazu verpflichtet, weil man für mich eine Art
diskursiv gerecht zu werden? Daß sie sogar das Recht ge- Pflicht oder Notwendigkeit daraus macht, eine Bedingung,
8 9
die mir von einer Art symbolischer Kraft oder von so etwas setz der Demokratie? Verweist dieses Gesetz auf die Ge-
wie einer Gesetzeskraft auferlegt wird, in einer Situation, rechtigkeit oder gehört es zum Recht? Damit ich mich
die ich nicht kontrolliere. Eine Art polemos zeichnet bereits diesem Gesetz beuge, damit ich es annehme, müssen freilich
die Anpassung an eine Sprache, ihre Aneignung aus: Wenn noch einige Bedingungen erfüllt werden: ich muß zum Bei-
ich überhaupt Gehör finden und verstanden werden will, spiel auf eine Einladung antworten und meinen Wunsch,
muß ich Ihre Sprache sprechen, ich muß es und ich soll es hier zu sprechen, äußern - niemand hat mich, wie es
tun, ich bin es schuldig. scheint, dazu gezwungen. Zugleich aber muß ich zumindest
2. Ich muß, ich soll Ihre Sprache sprechen: denn was ich in einem gewissen Maße fähig sein, den Vertrag und die
in Ihrer Sprache sagen kann, wird angemessener [plus jus te ] Bedingungen des Gesetzes zu verstehen: ich muß mir also
sein, man wird es für angemessener [plus juste] halten, man Ihre Sprache aneignen können, ich muß zumindest eine mi-
wird es besser, richtiger beurteilen und genauer, angemesse- nimale Kenntnis dieser Sprache erwerben; zumindest in
ner [plus justement] einschätzen: juste meint in diesem Zu- dieser Hinsicht ist sie dann für mich keine Fremdsprache
sammenhang die Angemessenheit, die Richtigkeit, die An- mehr. Sie und ich selbst, wir müssen die Übersetzung mei-
gleichung zwischen dem, was ist, und dem, was ausgesagt nes zunächst auf Französisch geschriebenen Textes auf un-
oger gedacht wird, zwischen dem, was ausgesagt, und dem, gefähr gleiche Weise verstehen; so vorzüglich diese Überset-
was verstanden wird, ja zwischen dem, was gedacht und zung auch ist (ich möchte an dieser Stelle Mary Quaintance
dem, was von der Mehrheit der Anwesenden, die hier offen- dafür danken), sie bleibt zwangsläufig eine Übersetzung,
sichtlich disponieren, gebieten, ihr Gesetz diktieren [font la das heißt ein zwar immer möglicher, aber stets unzureichen-
lot1, ausgesagt oder aufgenommen wird. »Faire la loi« (»ma- der, unvollkommener Kompromiß zwischen zwei Spra-
king the law«) ist ein interessanter Ausdruck, auf den wir chen.
noch zurückkommen müssen. Diese Frage der Sprache und des Idioms wird zweifellos
3. Ich muß, ich soll in einer Sprache sprechen, die nicht im Mittelpunkt dessen stehen, was ich Ihnen heute abend
meine eigene Sprache ist, weil dies angemessener, richtiger vortragen möchte, um Sie zu einer Diskussion anzuregen,
ist und ich (Ihnen) damit eher gerecht werde [plus juste]; das um sie anzuregen, darüber zu diskutieren.
Wort juste wird jetzt in einem anderen Sinne gebraucht, im Ihre Sprache kennt eine bestimmte Anzahl idiomatischer
Sinne der Gerechtigkeit, in einem Sinn, von dem wir, ohne Wendungen, die mir immer recht kostbar erschienen sind,
zunächst allzusehr darüber nachzudenken, behaupten, daß weil es im Französischen keine genaue Entsprechung für sie
er ein juridisch-politisch-ethischer Sinn ist: Es ist richtiger, gibt. Bevor ich anfange, möchte ich mindestens zwei solche
angemessener, die Sprache der Mehrheit zu sprechen, man Wendungen nennen. Sie stehen in einem Bezug zu dem, was
wird der Mehrheit eher gerecht [plus juste], vor allem wenn ich heute abend versuchsweise sagen möchte.
sie dem Fremden das Wort überläßt und so ihre Gastfreund- A. »To enforce the law«, oder auch: »enforceability of the
schaft erweist. Wir beziehen uns hier auf ein Gesetz, das law or of the contract«: so lautet die erste Wendung. Wenn
man nur schwer bestimmen kann: handelt es sich um man »to enforce the law« ins Französische übersetzt und
Schicklichkeit, um Höflichkeit, um das Gesetz des Stärke- zum Beispiel mit »appliquer la loi« wiedergibt, geht die un-
ren oder um das unparteiische, gerecht ausgleichende Ge- mittelbare oder wörtliche Anspielung auf die Gewalt verlo-
IO II
ren: auf die Gewalt, die uns von innen her daran erinnert, für ungerecht hält, unterscheiden? Welcher Unterschied be-
daß das Recht stets eine Gewalt ist, der man stattgegeben, steht zwischen einer Gewalt, die gerecht und angemessen
die man autorisiert hat, eine gutgeheißene, gerechtfertigte sein kann, von der sich auf jeden Fall behaupten läßt, sie sei
Gewalt, eine Gewalt, die sich durch ihre Anwendung recht- legitim, einer Gewalt, die nicht einfach ein Instrument im
fertigt oder die von ihrer Anwendung rechtfertigt wird, Dienste des Rechts ist, sondern die vielmehr dessen Erfül-
selbst wenn diese Rechtfertigung ihrerseits ungerecht ist lung,dessen Wesen darstellt, jenes, wodurch es sich geltend
oder sich nicht rechtfertigen läßt. Die Anwendbarkeit, die macht - und einer Gewalt(tätigkeit) [violence], die man im-
»enforceability« ist keine äußere oder sekundäre Möglich- mer für ungerecht hält? Was ist eine gerechte Gewalt, eine
keit, die zusätzlich, als Supplement zu dem Recht hinzu- Gewalt, die nicht gewalttätig ist? Um bei der Frage nach den
kommen mag. Sie ist die Gewalt, die wesentlich in dem Eigentümlichkeiten einer Sprache zu bleiben, möchte ich
Begriff der Gerechtigkeit als Recht einbegriffen ist: in dem auf ein deutsches Wort zurückkommen, das uns bald sehr
Begriff der Gerechtigkeit, die zum Recht wird, in dem Be- beschäftigen wird: das Wort Gewalt':·. Im Französischen
griff des Gesetzes als Recht (ich möchte hier schon insistie- und im Englischen wird es häufig mit dem Wort »violence«
ren, um einen Raum zu schaffen, welcher der Möglichkeit übersetzt. Der Text Benjamins, von dem ich noch sprechen
einer Gerechtigkeit, ja eines Gesetzes vorbehalten bleibt, werde und der den Titel Zur Kritik der Gewalt':· trägt, heißt
die nicht nur das Recht übersteigen oder ihm widerspre- in der französischen Übersetzung »Critique de la violence«,
schen, sondern die vielleicht keinerlei Bezug zum Recht in der englischen »Critique of Violence«. Aber diese beiden
haben, oder die in einem derart seltsamen Bezug zum Recht Übersetzungen, die nicht einfach unangemessen oder unge-
stehen, daß sie es erforderlich machen und zugleich aus- recht, also nicht einfach gewaltsam sind, erscheinen als
schließen können). Das Wort »enforceability« erinnert äußerst aktive Interpretationen, die der Tatsache nicht ge-
daran, daß es kein Recht gibt, das nicht in sich selbst, a recht werden, daß Gewalt':· für die Deutschen auch die
priori, in der analytischen Struktur seines Begriffs die Mög- Bedeutung einer legitimen Gewalt oder Macht, einer Amts-
lichkeit einschließt, »enforced«, also mit oder aufgrund von gewalt, einer öffentlichen, staatlichen Gewalt annimmt. Die
Gewalt angewendet zu werden. Sicherlich gibt es Gesetze, gesetzgebende Gewalt" nennt die Legislatur, die geistliche
die nicht angewendet werden, es gibt aber kein Gesetz ohne Gewalt" meint die Kirche, die Staatsgewalt':· die Macht und
Anwendbarkeit und keine Anwendbarkeit oder »enforce- die Autorität des Staates. Das Wort Gewalt" vereint folglich
ability« des Gesetzes ohne Gewalt - mag diese Gewalt zwei Bedeutungen: die der Gewalt(tätigkeit/samkeit) [vio-
unmittelbare Gewalt sein oder nicht, mag sie physische oder lence] und die einer legitimen Macht, einer gerechtfertigten
symbolische, äußere oder innere, zwingende oder regula- Autorität. Wie soll man einen Unterschied machen zwi-
tive Gewalt sein, brutal oder auf subtile Weise diskursiv und schen der Gesetzeskraft [force de 101J einer legitimen Gewalt
hermeneutisch usw. oder Macht und der angeblich ursprünglichen Gewalt(tat)
Wie soll man zwischen dieser Gewalt, dieser Kraft [force] [violence], die diese Gewalt oder Macht instauriert haben
des Gesetzes, dieser »Gesetzeskraft«, wie man im Französi- muß und die sich selber nicht auf eine vorgängige Rechtmä-
schen und ebenso - wenn ich mich nicht irre - im Englischen ßigkeit berufen konnte, so daß sie in diesem anfänglichen
sagt, und einer Gewalt(tätigkeit) [violence], die man immer " Hier und im folgenden im Original deutsch. (A.d. Ü.)

12 13
Augenblick weder rechtmäßig noch unrechtmäßig war, an- Wachsamkeit aufgerufen, ich habe mich selbst ermahnt,
dere würden überstürzt sagen: weder gerecht noch unge- wachsam zu sein. Ich werde diese Texte nicht zitieren, denn
recht? Vor einigen Tagen habe ich in Chicago einen Vortrag das wäre selbstgefällig und würde zu einem Zeitverlust füh-
über verschiedene Texte Heideggers gehalten2 , in denen die ren; ich bitte Sie jedoch, mir Glauben zu schenken. Eine
Wörter Walten':- und Gewalt'; eine entscheidende Rolle Vorsichtsmaßregel, die man als erstes gegen die substantiali-
spielen: man kann ihren Sinn weder mit »force« [Gewalt] stischen oder irrationalistischen Risiken, die ich soeben
noch mit »violence« [Gewalt(tätigkeit/samkeit)] wiederge- hervorgehoben habe, treffen muß, leitet sich gerade aus
ben; Heidegger setzt in diesem Zusammenhang (in dem dem differentiellen Charakter der Kraft und der Gewalt
Zusammenhang, in dem diese Wörter stehen) alles daran, [force] ab. Es geht mir immer um die differentielle Kraft
nachzuweisen, daß Dike (die Gerechtigkeit, das Recht, der und Gewalt, um die Differenz als Kraftdifferenz oder als
Prozeß, das Urteil oder die Züchtigung, die Rache usw_) Differenz der Gewalt, um die Kraft und die Gewalt als dif-
ursprünglich und zum Beispiel für Heraklit nichts anderes ftrance oder als Kraft und Gewalt der differance (die diffe-
ist als Eris (der Konflikt im Sinne des Streits'=-, die Zwie- rance ist eine aufgeschobene-verzögerte-abweichende-auf-
tracht, der polemos oder der Kamp!':-), das heißt also auch schiebende-sich unterscheidende Kraft oder Gewalt [force
nichts anderes als Adikia (die Ungerechtigkeit). Ich möchte dif[eree-differante ]); es geht mir um die Beziehung zwi-
diesen Vortrag hier absichtlich beiseite lassen, obwohl sein schen der Kraft (Gewalt) und der Form, der Kraft (Gewalt)
Gegenstand mit dem vorliegenden verwandt ist; wir kön- und der Bedeutung; es geht mir um die »performative«
nen, wenn Sie es wünschen, in der Diskussion darauf zu- Kraft (Gewalt), die illokutionäre oder perlokutionäre Kraft
rückkommen, aber ich möchte es jetzt lieber nicht tun. (Gewalt), um die persuasive und rhetorische Kraft (Ge-
Da dieses Kolloquium der Dekonstruktion und der Mög- walt), um die Kraft (Gewalt) der Bejahung und Behauptung
lichkeit der Gerechtigkeit gewidmet ist, möchte ich an er- einer Signatur, aber auch und vor allem um all jene parado-
ster Stelle Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, daß in vielen xen Situatonen, in denen die größte Kraft (Gewalt) und die
Texten, die man als dekonstruktiv(istisch) bezeichnet, be- größte Schwäche sich seltsam kreuzen und in einem denk-
sonders in jenen, die ich selber veröffentlicht habe, auf das würdigen gegenseitigen Austausch stehen. Darum geht es,
Wort »force« [Gewalt, Kraft] rekurriert wird: ein ausge- das ist die ganze Geschichte. Freilich bleibt es dabei, daß ich
sprochen häufiger, ich würde sogar behaupten ein an strate- mich bei dem Wort Kraft (Gewalt), das mir häufig unent-
gisch entscheidenden Stellen praktizierter Rekurs, zugleich behrlich erschienen ist, nie wohl gefühlt habe; ich danke
aber ein Rekurs, der stets von einem expliziten Vorbehalt, Ihnen also, mich heute zu nötigen [forcer], ein wenig mehr
von einer Warnung begleitet wird. Was die Risiken betrifft, darüber zu sagen. Das gilt ebenfalls für die Gerechtigkeit.
die man eingeht, wenn man dieses Wort gebraucht (sei es das Es gibt sicherlich ausreichend Gründe dafür, daß die Mehr-
Risiko, das ein dunkler, substantialistischer, okkult-mysti- heit der Texte, die man hastig als »dekonstruktivistische«
scher Begriff darstellt, sei es das Risiko, das die Autorisation Texte identifiziert (etwa meine eigenen), den Anschein er-
einer gewaltsamen Kraft, einer ungerechten, ungeregelten, wecken (ich unterstreiche dies), als würden sie das Thema
willkürlichen Gewalt involviert), so habe ich sehr oft zur der Gerechtigkeit als solches (eben als Thema) nicht in ihren
2 VgL unten, Anm. 24. Mittelpunkt stellen (und ebensowenig das der Ethik oder
15
das der Politik). Selbstverständlich handelt es sich dabei wert, daß Untersuchungen dekonstruktiven Stils in das Pro-
bloß um einen Anschein; man lese zum Beispiel (ich be- blemfeld des Rechts, des Gesetzes und der Gerechtigkeit
schränke mich auf dieses Beispiel) die zahlreichen Texte, die einmünden. Dieses Feld wäre sogar ihr eigentlicher Ort, der
Levinas und der vielschichtigen Beziehung zwischen »Ge- Ort, wo sie am ehesten zu Hause sind, wenn es denn so
walt und Metaphysik« gewidmet sind; jene, die der Rechts- etwas gibt wie einen eigenen Ort. Ein dekonstruktives Fra-
philosophie gelten (die Gerechtigkeit ist ein zentrales Motiv gen, das (so hat es sich tatsächlich zugetragen) damit an-
in Glas [Totenglocke ], einem Buch, das um die Hegeische hebt, den Gegensatz zwischen nomos und physis oder
Rechtsphilosophie und deren Nachkommenschaft kreist); zwischen thesis und physis aus dem Gleichgewicht zu brin-
man beachte die Texte schließlich, die sich mit dem Macht- gen und komplizierter zu gestalten, das also den Gegensatz
trieb und den Paradoxien der Macht auseinandersetzen zwischen dem Gesetz, der Konvention, der Institution
(Speculer - sur Freud [Spekulieren - über Freud)), mit dem einerseits und der Natur andererseits sowie all die Gegen-
Gesetz (Prejuges: devant la loi [Vor-urteile: vor dem Ge- sätze, die davon abhängen (beispielsweise - dies ist jedoch
setz], ein Text über Kafkas >,vor dem Gesetz«; Declaration nur ein Beispiel- den Gegensatz zwischen positivem Recht
d'Independance [Unabhängigkeitserklärung]; Admiration und .Naturrecht), destabilisiert (die differance verschiebt,
dq Nelson Mandela ou les lois de la reflexion [Die Bewunde- verlagert, verlegt diese oppositionelle Logik), ein dekon-
rung Nelson Mandelas oder Die Gesetze der Reflexion] struktives Fragen, das (so hat es sich tatsächlich zugetragen)
USW.).3 Es muß nicht eigens gezeigt werden, daß die Dis- damit anhebt, bestimmte Werte aus dem Gleichgewicht zu
kurse über die doppelte Bejahung, über die Gabe jenseits bringen, komplizierter und paradoxer zu fassen, etwa die
des Tauschs und der Verteilung, über das Unentscheidbare, Werte des Eigenen und des Eigentums (und zwar in all ihren
das Unermeßbare oder das Unberechenbare, über die Sin- Registern), oder die Werte des Subjekts (des verantwort-
gularität, die Differenz und die Heterogenität, ebenso Dis- lichen Subjekts, des Rechtssubjekts, des moralischen Sub-
kurse sind, die von Anfang bis Ende mindestens einen jekts, der Rechtsperson) und der Intentionalität, die Werte
Seitenblick auf die Gerechtigkeit werfen. endlich, die mit den aufgezählten zusammenhängen, ein
Im übrigen war es normal, vorhersehbar, wünschens- solches dekonstruktives Fragen ist in seiner ganzen Spann-
breite ein Fragen, welches das Recht und die Gerechtigkeit
3 Nachweise: Jacques Derrida, Gewalt und Metaphysik. Essay über das Denken
Emmanuel Lt'vinas', in: ders., Die Schrift und die Differenz, Frankfurt am betrifft. Es betrifft die Grundlagen des Rechts, der Moral
Main 1976; Jacques Derrida, Glas, Paris 1974 [englische Ausgabe: Nebraska und der Politik, ohne selber aber ein be-gründendes Verfah-
University Press, 1986 und 1990); Jacques Derrida, Spekulieren - über Freud, ren zu sein oder sich gegen die Be-gründung zu richten. Es
in: Die Postkarte, Zweite Lieferung, Berlin 1988; Jacques Derrida, Prejuges,
in: Spiegel und Gleichnis. Festschrift für Jakob Taubes, Berlin 1983 (erweiterte ist ein Fragen, das keineswegs darauf verzichtet, jene Gele-
französische Ausgabe in: La faculte de juger, hg. von J.-F. Lyotard, Paris genheiten wahrzunehmen, die es ihm gestatten, die Mög-
1985); Jacques Derrida, Declaration d'Independence, in: ders., Otobiogra-
phies. L'enseignement de Nietzsche et la politique du nom propre, Paris 1984
lichkeit oder die letzthinnige Notwendigkeit des Fragens
(deutsche Teilübersetzung: Nietzsches Otobiographie oder Politik des Eigen- selbst, der Frageform, die das Denken annimmt, in Frage zu
namens, in: Fugen. Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik, Olten stellen oder zu übersteigen. Vorurteilsfrei und ohne falsche
1980); Jacques Derrida, Die Bewunderung Nelson Mandelas oder Die Gesetze
der Reflexion, in: Für Nelson Mandela, Reinbek bei Hamburg 1987. Zuversicht prüft es die Geschichte und die philosophische
(A.d.Ü.) Autorität der Frage. Die Form des Fragens, des fragenden
16 17
Vorgehens verfügt nämlich über eine Autorität, also über was man den bürgerlichen, städtischen Raum [eite), die polis
eine legitime Kraft (Gewalt), die uns vor die Frage nach und allgemeiner noch die Welt nennt. Es geht nicht um eine
ihrer eigenen Herkunft stellt: woher stammt eine derart Veränderung in dem zweifellos ein wenig naiven Sinne eines
große Kraft (Gewalt), wovon zehrt sie in unserer Tradi- berechenbaren, beabsichtigten und strategisch kontrollier-
tion? ten Eingriffs; es geht vielmehr um eine Veränderung im
Gäbe es für diese dekonstruktive »Erfragung« oder Meta- Sinne einer maximalen Intensivierung der Verwandlungen,
Erfragung einen ihr zubestimmten, eigenen Ort (genau dies die gerade geschehen, im Sinne einer Intensivierung, die
aber ist unmöglich), so wäre sie wohl eher in den »law weder ein bloßes Symptom noch einfach eine Ursache ist
schools« at horne (oder vielleicht auch in den Instituten für (an dieser Stelle sind andere Kategorien erforderlich). In
Theologie und Architektur, wo sie zuweilen beheimatet ist) einer hyper-technologisierten Industriegesellschaft gleicht
als in den philosophischen Fakultäten; vor allem wäre sie der akademische Raum weniger denn je einem monadisch
jedoch eher dort zu Hause als in den literaturwissenschaft- oder klösterlich umfriedeten Ort: das kann man besonders
lichen Fachbereichen, in deren Grenzen man sie häufig hat an den »law schools« ablesen (er hat im übrigen nie eine
halten wollen. Deshalb denke ich, daß die Entwicklung der solche Gestalt angenommen).
».criticallegal studies« und der Arbeiten, die dort entstehen, Ich beeile mich, in drei kurzen Bemerkungen Folgendes
wo die Literatur, die Philosophie, das Recht und die poli- hinzuzufügen:
tisch-institutionellen Probleme sich kreuzen und wechsel- I. Eine Dekonstruktion, deren Stil eher philosphisch ist
seitig bedingen (genannt seien die Autoren Stanley Fish, oder die von der Literaturtheorie sich anregen läßt, verbin-
Barbara Herrnstein-Smith, Drucilla Cornell, Sam Weber), det sich mit einer juridisch-literarischen Reflexion und den
eine der gegenwärtig fruchtbarsten und notwendigsten Ent- »Critical Legal Studies«: diese Konjunktion oder diese
wicklungen ist; ich behaupte dies vom Standpunkt einer Konjunktur ist sicherlich unvermeidbar.
bestimmten Dekonstruktion aus, auch wenn ich die Innen- 2. Es ist wohl kaum ein Zufall, daß diese zusammenfü-
ansicht dieser Entwicklung nicht wirklich kenne, auch gende Konjunktion, diese Konjunktion, die jetzt als solche
wenn ich keinerlei Vertrautheit mit ihr beanspruchen kann erscheint, gerade in diesem Lande sich auf eine derart inter-
(was ein Schuldgefühl in mir aufkommen läßt). Es handelt essante Weise entfaltet. Dies ist ein anderes Problem, ein
sich um eine Entwicklung, die, wie mir scheint, den radikal- dringliches Problem und ein Problem, dem man sich mit
sten Programmen der Dekonstruktion genügt; sie genügt Leidenschaft zuwenden kann; ich muß es aufgrund des
einer Dekonstruktion, die im Sinne ihrer eigenen Konse- Zeitmangels beiseite schieben. Zweifelsohne gibt es tiefe
quenz nicht in rein spekulativen, theoretischen und akade- und komplizierte Gründe für den Umstand, daß die Ent-
mischen Diskursen eingeschlossen bleiben möchte, und die wicklung, die ich meine, zunächst und vor allem in Nord-
(Stanley Fish möge sich daran nicht stoßen) den Anspruch amerika stattfindet: unter solchen Gründen verstehe ich
erhebt, Folgen zu haben, die Dinge zu ändern und auf eine jene, die von globaler, weltumspannender Tragweite sind,
Weise einzugreifen, die wirksam und verantwortlich ist, die also eine geopolitische und nicht nur eine häusliche Di-
mag sie zugleich auch sehr vermittelt sein: einzugreifen mension in sich bergen.
nicht nur im beruflichen Bereich, sondern ebenfalls in dem, 3. Wenn es besonders dringend anmutet, dieser Entwick-
18 19
lung zusammengefügter oder konkurrierender Ausrichtun- Ich sagte es soeben: In jenen Ausprägungen, die man mit
gen Aufmerksamkeit zu schenken, wenn man es für beson- ihrem Namen versieht und die am bekanntesten sind, hat
ders dringend erachtet, an dieser Entwicklung teilzuneh- die Dekonstruktion nur dem Anschein nach das Problem
men, so ist es ebenso lebenswichtig und unumgänglich, daß der Gerechtigkeit nicht »adress(iert)« (wie man im Engli-
man Diskurse, Stile, diskursive Kontexte, die in hohem schen sagt). Das ist nur ein Anschein, doch muß man über
Maße heterogen und ungleich sind, nicht einfach einander den Schein Rechenschaft ablegen, man muß dem Wort des
angleicht. In manchen Fällen könnte das Wort »Dekon- Aristoteles zufolge den Schein retten; ich möchte versu-
struktion« zu einer solchen Verwirrung führen oder dazu chen, dies hier zu tun: zeigen, warum und wie Die Dekon-
ermutigen, eine solche Verwirrung zu schaffen. Das Wort struktion (wie es gewöhnlich heißt) bislang nichts anderes
selbst verursacht bereits derartige Mißverständnisse, daß getan hat als das, was sie dem Anschein nach nicht getan hat:
man nicht noch weitere hinzufügen sollte, indem man etwa das Problem der Gerechtigkeit zu »adress(ieren)«; sie hat es
die verschiedenen Stile der Critical Legal Studies ihrer Dif- getan, ohne es auf direktem Wege tun zu können, sie hat es
ferenz beraubt oder indem man sie in Beispiele, in Verlänge- auf vermittelte Weise [oblique] getan. Auf vermittelte Weise
rungen DER Dekonstruktion verwandelt. Sie mögen mir wie jetzt auch, in diesem Augenblick, da ich den Nachweis
zwar wenig vertraut sein, ich weiß jedoch, daß die Arbei- dafür liefern möchte, daß man nicht unmittelbar, auf di-
ten der Critical Legal Studies eine eigene Geschichte, einen rekte Weise von der Gerechtigkeit sprechen kann: man kann
eigenen Kontext, eine eigene Sprache haben und daß sie im die Gerechtigkeit nicht thematisieren oder objektivieren,
Vergleich zu einem bestimmten philosophisch-dekonstruk- man kann nicht sagen »dies ist gerecht« und noch weniger
tiven Fragen zuweilen ungleichmäßig, schüchtern, tastend, »ich bin gerecht«, ohne bereits die Gerechtigkeit, ja das
schematisch sind (ich bediene mich dieser Attribute, um Recht zu verraten. 4
mich kurz zu halten); sie zeichnen sich manchmal sogar B. Aber ich habe noch nicht begonnen. Ich habe damit
durch eine gewisse Rückständigkeit aus, obwohl sie doch begonnen, Ihnen zu sagen, daß ich mich in Ihrer Sprache an
wiederum aufgrund ihrer Spezialisierung und der Schärfe Sie richten muß und soll; dann habe ich sogleich behauptet,
ihrer technischen Kompetenz dieser oder jener Verfassung daß es mindestens zwei Wendungen gibt, die Ihrer Sprache
der (literarischen oder philosophischen) Dekonstruktion eigentümlich sind und die mir immer sehr kostbar erschienen
gegenüber weit voraus sind. Die Beachtung der kontextuel- sind, sogar unersetzbar. »To enforce the law« lautete die eine
len, der akademisch-institutionellen, der diskursiven Be- Wendung: sie erinnert uns daran, daß die Gerechtigkeit, die
sonderheiten, das Mißtrauen gegenüber den Analogismen vielleicht nicht dasselbe ist wie das Recht oder das Gesetz,
und den übereilten Transpositionen, gegenüber den verwir- nur dann rechtens zur Gerechtigkeit, nur dann zur Gerech-
renden Angleichungen scheinen mir in der gegenwärtigen tigkeit des Rechts werden kann, wenn sie über Kraft verfügt
Phase die obersten Imperative zu sein. Ich hoffe zumindest, und Gewalt in sich birgt; nur dann, wenn sie von Anbeginn
daß wir nach diesem Treffen nicht nur die Begegnung, das 4 Zur Frage des Indirekten, auf Umwegen oder schräg von der Seite Kommenden
Zusammentreffen und den Konsens im Gedächtnis zurück- [l'oblique], siehe: Jacques Derrida, Du droit a La philosophie [Vom Recht aufl
zur Philosophie], Paris 1990, vor allem S. 71 f. und ders., Passions. An oblique
behalten werden, sondern ebenfalls die Differenzen und Offering, in: D. Wood (Hg.), Derrida. A Critical reader, erscheint bei Black-
den Widerstreit. weIl, London. (A.d. Ü.)

20 21
an, mit ihrem ersten Wort bereits nach Gewalt rufen, die J. D.]; es ist notwendig, daß man jenem folgt [daß jenes
Kraft anrufen kann. »Am Anfang der Gerechtigkeit (der enforced wird, J. D.], was stärker und kräftiger ist.«
Rechtsprechung) wird der Logos gewesen sein, die Spra- »Die Gerechtigkeit ohne Kraft (Gewalt)«, fährt Pascal
che«; dies widerspricht nicht zwangsläufig einem anderen fort, »ist kraftlos, ohnmächtig [das heißt, daß die Gerech-
incipit: »Am Anfang wird die Kraft (Gewalt) gewesen sein.« tigkeit nur dann das ist, was sie ist, daß nur dann Gerechtig-
In einem Fragment, in einem seiner berühmten »Gedan- keit widerfahren kann, wenn sie die Kraft hat, »enforced«
ken« [pensees], deren Schwierigkeitsgrad höher ist als man zu werden; eine ohnmächtige, kraftlose Gerechtigkeit
gemeinhin annimmt, stellt Pascal genau diese Behauptung (Rechtsprechung) kann nicht zur Rechtsprechung dienen,
auf; ich werde später vielleicht darauf zurückkommen. Der J. D.]; Kraft (Gewalt) ohne Gerechtigkeit ist tyrannisch.
»Gedanke« beginnt mit folgenden Worten: »Gerechtigkeit Gerechtigkeit ohne Kraft (Gewalt) wird nicht anerkannt,
[justice], Kraft/Gewalt [force]. - Es ist gerecht und ange- weil es immer Bösewichte gibt; Kraft (Gewalt) ohne Ge-
messen, daß jenes, was gerecht und angemessen ist, befolgt rechtigkeit wird angeklagt. Man muß also Gerechtigkeit
wird; es ist notwendig, daß man jenem folgt, was stärker und Kraft (Gewalt) zusammenstellen, damit was gerecht
und kräftiger ist.« Der Anfang dieses Fragments ist bereits und angemessen auch stark und kräftig, was stark und kräf-
ein großartiger Anfang, zumindest, wenn man die Strenge tig auch gerecht und angemessen ist.«5 Das »man muß«
und die Schärfe der Rhetorik in Betracht nimmt. Gesagt dieser Schlußfolgerung (»Man muß also Gerechtigkeit und
wird, daß jenes, was gerecht und angemessen ist, befolgt Kraft (Gewalt) zusammenstellen«) läßt sich nicht leicht be-
werden muß und soll (es muß Folgen haben, Wirkungen stimmen: wird es von dem vorgeschrieben, was an der
zeitigen, angewendet, enforced werden, man muß ihm kon- Gerechtigkeit gerecht und angemessen ist, oder von dem
sequenterweise folgen), und daß man dem Stärksten und Kräftigen und Starken der Kraft (Gewalt)? Dieses Zögern
Kräftigsten ebenfalls folgen muß (es muß Folgen haben, bleibt jedoch gegenstandslos, weil die Gerechtigkeit als sol-
Wirkungen zeitigen usw.). Anders formuliert: das gemein- che den Rekurs auf Gewalt (Kraft) erfordert. Das Gerechte
same Axiom besagt, daß man dem Gerechtesten, dem An- und Angemessene der Gerechtigkeit impliziert folglich die
gemessensten und dem Stärksten, dem Kräftigsten folgen Notwendigkeit der Gewalt (Kraft).
muß und soll, dem Gerechtesten und Angemessensten (so- Dieser Gedanke (jenes, was - aus - ihm folgt und ihn
wohl) als (auch) dem Kräftigsten und Stärksten. Dieses beschließt: »Da man nicht hat erreichen können, daß das
»man muß und soll (be)folgen«, dem Gerechtesten, Ange- Gerechte und Angemessene auch stark und kräftig ist, hat
messensten und dem Kräftigsten, Stärksten gemeinsam, ist man dafür gesorgt, daß das Starke und Kräftige gerecht und
in dem einen Fall »gerecht«, »angemessen«, im anderen angemessen ist«) verdient eine lange Analyse, der ich mich
»notwendig«: »Es ist gerecht und angemessen [juste], daß an dieser Stelle nicht zu widmen vermag. Das Prinzip mei-
jenes, was gerecht und angemessen ist, befolgt wird [das ner Analyse oder vielmehr meiner aktiven, niemals gewalt-
heißt: der Begriff oder die Idee des juste im Sinne der Ge- freien Interpretation - das Prinzip dieser Interpretation, die
rechtigkeit impliziert analytisch und apriori, daß es »be- 5 Derrida zitiert folgende Ausgabe: Pascal, Pensees et opuscules, edition
folgt«, enforced, wird, daß es Folgen hat, und es ist juste, L. Brunschvicg, Paris 1912 [sämtliche Pascal-Zitate sind neu übersetzt worden,
auch im Sinne der Angemessenheit, daß man so denkt, A.d. Ü.]; an dieser Stelle wird der Gedanke Nr. 298, S. 470 zitiert.

22 23
ich im Laufe meines Vortrags wohl letztlich auf indirekte Montaigne redet in der Tat von einem »mystischen
Weise vorbringen werde, wird sich, vor allem im Falle des Grund« der Autorität, also des Ansehens und der Anerken-
Pascalschen Gedankens, der Tradition und dem traditionel- nung der Gesetze: »Die Gesetze genießen ein dauerhaftes
len Kontext, dessen Evidenz am sinnfälligsten ist, widerset- Ansehen und verfügen über einen Kredit, nicht etwa, weil
zen. Dieser stark ausgeprägte Kontext und die konventio- sie gerecht sind, sondern weil sie Gesetze sind: das ist der
nelle Interpretation, die durch ihn vorgegeben ist und die mystische Grund ihrer Autorität; es gibt keinen anderen
von ihm bestimmt wird, sind auf einen Konventionalismus [ ... ] Wer immer auch den Gesetzen gehorcht, weil sie ge-
gerichtet, sie führen zu einer Art pessimistischem, relativi- recht sind, folgt ihnen nicht auf angemessene Weise, so, wie
stischem und empiristischem Skeptizismus, der zum Bei- er ihnen folgen soll und muß.«7
spiel Arnaud veranlaßt hat, diesen Gedanken aus seiner Offenbar unterscheidet Montaigne hier die Gesetze, das
Port-Royal-Ausgabe zu streichen - mit der Behauptung, heißt das Recht, von der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit
Pascal habe während der Niederschrift unter dem Eindruck des Rechts, die Rechtsprechung, die Gerechtigkeit als
einer Lektüre Montaignes gestanden, demzufolge die Ge- Recht ist nicht (dasselbe wie) die Gerechtigkeit. Als Gesetze
setze nicht als solche gerecht sind, sondern einzig deshalb, sind die Gesetze nicht gerecht und angemessen. Man folgt
w~il sie Gesetze sind. Es stimmt, daß Montaigne einen inter- und gehorcht ihnen nicht, weil sie gerecht und angemessen
essanten Ausdruck gebraucht, den Pascal dann übernimmt; sind, sondern weil sie über Ansehen und Anerkennung ver-
auch ihn möchte ich neu interpretieren, um ihn der konven- fügen, weil ihnen Autorität innewohnt.
tionellsten und konventionalistischsten aller Lesarten zu Schritt für Schritt werde ich erläutern, was ich unter dem
entziehen. Der Ausdruck lautet: »der mystische Grund Ausdruck »der mystische Grund der Autorität« verstehe.
[oder die mystische Begründung: fondement mystique] der Montaigne hat auch folgende Sätze geschrieben, die man
Autorität«. In dem Pascalschen Gedanken, der die Nummer ebenfalls so deuten muß, daß man weiter blickt als bloß auf
293 trägt6 , wird Montaigne zitiert, aber nicht genannt. Pas- die konventionelle und konventionalistische Oberfläche,
cal schreibt: »[ ... ] der eine sagt, daß das Wesen der Gerech- die sie uns zukehren: »(man sagt, daß unser Recht selber
tigkeit in der Autorität des Gesetzgebers besteht, der andere legitime Fiktionen beinhaltet, auf denen es die Wahrheit sei-
dagegen, daß jenes, was dem Souverän zweckdienlich ist, ner Gerechtigkeit - seiner Rechtsprechung [justice] - grün-
dieses Wesen ausmacht; ein dritter schließlich meint, daß die det)«. Dieses Wort habe ich einem Text vorangestellt, der
Gerechtigkeit in den jeweils geltenden Gewohnheiten ihr (Kafkas) Vor dem Gesetz zum Gegenstand hat. Was ist eine
Wesen hat. Diese Meinung ist wohl jene, die am ehesten zu- legitime Fiktion? Was heißt: die Wahrheit der Gerechtig-
trifft: folgt man nämlich der Vernunft, gibt es nichts, was von keit - der Rechtsprechung - begründen? Diese beiden Fra-
sich aus gerecht ist. Alles gerät mit der Zeit in Bewegung. gen gehören zu jenen, die uns erwarten. Montaigne stellt
Weil sie übernommen wird, bestimmt die Gewohnheit gänz-
lich die Gerechtigkeit: das ist der mystische Grund ihrer 7 Montaigne, Essais III, XIII (»Oe l'experience« - Von der Erfahrung), in: CEu-
Autorität (ihrer Anerkennung und ihren Ansehens). Wer sie vres, edition de La Pleiade; texte etabli et annote par A. Thibaudet, Paris 1950,
S. 1203 [sämtliche Montaigne-Zitate sind neu übersetzt worden, A. d. Ü.]. ZU
auf ihr Prinzip zurückführt, zerstört sie. « diesem Begriff des Kredits, vgl. Jacques Derrida, Donner le temps, I: La fausse
6 Ebd., S. 467. monnaie [Zeit geben. I: Das Falschgeld], Paris 1991.

24
zwischen der legitimen Fiktion (zwischen der Fiktion, de- Wenn man jedoch die funktionale Schicht und Spannkraft
ren es zwangsläufig bedarf, um die Wahrheit der Gerechtig- von Pascals Kritik isoliert, wenn man sie von ihrem christ-
keit - der Rechtsprechung - zu begründen) und dem zusätz- lichen Pessimismus dissoziiert, was durchaus möglich ist,
lichen Kunstgriff, den ein Mangel der Natur erforderlich dann kann man, wie übrigens auch bei Montaigne, auf die
macht, eine Analogie her: so, als würde die Abwesenheit Prämissen einer modernen kritischen Philosophie stoßen, ja
eines Naturrechts den Zusatz an historischem oder positi- auf eine Kritik der rechtlichen Ideologie: Eine Freilegung,
vem, das heißt fiktionalem Recht herbeirufen; in diesem eine Loslösung, eine Abtragung der Sedimente des recht-
Sinne - es handelt sich um Montaignes eigene Analogie - lichen Überbaus, dessen Strukturen die ökonomischen und
»gebrauchen die Frauen an jenen Stellen, wo sie keine natür- politischen Interessen der herrschenden gesellschaftlichen
lichen Zähne mehr haben, Zähne aus Elfenbein, und benüt- Kräfte verbergen und zugleich spiegeln, wäre nicht nur
zen fremde Stoffe, um ihren wahren Teint durch einen möglich, sondern immer auch nützlich.
anderen, von ihnen hergestellten zu ersetzen [ ... ]«. 8 Jenseits seines Prinzips, jenseits des begrenzten Bereichs,
Pascals Gedanke, der, nach seinen eigenen Worten, die den man als den seiner Zugehörigkeit erkennt, rührt eben
Gerechtigkeit und die Kraft (Gewalt) »zusammenstellt«, dieser Pascalsehe Gedanke vielleicht an eine Struktur, die
un~ der die Kraft (Gewalt) in eine Art wesentliches Prädikat weitaus bezeichnender und wesentlicher ist und die eine
der Gerechtigkeit verwandelt (justice bedeutet hier aber Kritik der rechtlichen Ideologie niemals aus den Augen ver-
eher Recht als Gerechtigkeit), hat vielleicht eine Tragweite, lieren darf. Das Aufkommen des Rechts und der Gerechtig-
die ihn jenseits des konventionalistischen oder utilitaristi- keit, von denen Pascal redet, das Moment der Stiftung, der
schen Relativismus führt, jenseits eines alten oder moder- (Be)gründung, der Rechtfertigung des Rechts impliziert
nen Nihilismus, der von dem Gesetz nichts zurückbehält eine performative Kraft (Gewalt), das heißt es impliziert
als ein »masked power«, jenseits der zynischen Moral der regelmäßig eine deutende Kraft (Gewalt): jetzt nicht in
Lafontainschen Fabel Der Wolf und das Lamm, die uns dem Sinne, daß das Recht einer Macht dient, daß es ein
lehrt, daß »der Stärkste immer recht hat«. folgsames, unterwürfiges und also äußerliches Instrument
Die Pascalsehe Kritik verweist ihrem Prinzip nach auf den der herrschenden Mächte ist, sondern in dem, daß es mit
Sündenfall, auf das Verderben der von der Natur vorgegebe- der sogenannten Kraft, Gewalt, Macht, Gewalttätigkeit in
nen Gesetze, das von einer selber verdorbenen Vernunft einem Verhältnis steht, das tiefer ins Innere reicht und eine
verursacht wird (»Zweifellos gibt es von Natur aus Gesetze; höhere Komplexität aufweist. Die Gerechtigkeit im Sinne
aber unsere edle Vernunft hat alles verdorben«9; an anderer des Rechts (»right or law«) würde aus solcher Sicht nicht
Stelle: »Unsere Gerechtigkeit, unser Recht wird vor der einfach in den Dienst einer gesellschaftlichen (etwa ökono-
göttlichen Gerechtigkeit zunichte.«lo Ich zitiere diese Ge- mischen, politischen, ideologischen) Kraft oder Macht ge-
danken, um die Lektüre des Benjaminsehen Aufsatzes vor- stellt, die außerhalb ihrer selbst Bestand hätte oder ihr selbst
zubereiten). gegenüber vorgängig wäre, einer Kraft oder Macht, der sie
sich beugen oder an die sie sich anpassen müßte, in dem
8 Montaigne, a. a. 0., S. 601.
9 Pascal, a. a. 0., S. 466 (Gedanke N r. 294). Maße nämlich, in dem sie nützlich oder brauchbar sein
10 Ebd., S. 435 (Gedanke Nr. 23}). könnte. Das Moment ihrer Stiftung, ihrer (Be)gründung
27
oder ihrer Institutionalisierung (das niemals dem gleichmä- tion, die ich vorschlage, könnten in die Auseinandersetzung
ßigen Gewebe einer Geschichte eingeflochten ist, da es die einbezogen werden, auf die sich Stanley Fish in seinem Auf-
Gestalt einer Entscheidung hat und dieses Gewebe zer- satz Force!! einläßt: eine Auseinandersetzung mit Hart (The
reißt), das Vorgehen, das das Recht stiftet, (be)gründet, Concept of Law) und mit einigen anderen (mit Rawls, der
eröffnet, rechtfertigt, das das Gesetz diktiert, wäre ein Ge- selber von Hart kritisiert wird). Sie könnten ebenfalls zu
waltakt, eine performative und also deutende Gewalt, in einem Bestandteil der Debatten werden, auf die Sam Weber
sich selbst weder gerecht noch ungerecht; eine Gewalt, die Licht wirft, in jenen Texten nämlich, die seine Sammlung
ihrer eigenen Definition gemäß von keiner vorgängigen J u- Institution and Interpretation!2 enthält und die sich mit dem
stiz, von keinem vorgängigen Recht, von keiner im vorhin- agonistischen und nicht bloß intra- oder monoinstitutionel-
ein stiftenden Justiz, von keinem im vorhinein stiftenden len Charakter bestimmter Konflikte beschäftigen.
Recht, von keiner bereits bestehenden Stiftung oder Grün- Weil sie sich definitionsgemäß auf nichts anderes stützen
dung verbürgt, in Abrede gestellt oder für ungültig erklärt können als auf sich selbst, sind der Ursprung der Autorität,
werden könnte. Kein rechtfertigender Diskurs kann oder die (Be)gründung oder der Grund, die Setzung des Gesetzes
darf die Rolle einer Metasprache übernehmen und dafür in sich selbst eine grund-lose Gewalt(tat). Das bedeutet
SQrgen, daß sie gesprochen wird, wenn es um die Performa- nicht, daß sie an sich ungerecht sind (im Sinne von »unrecht-
tivität der instituierenden Sprache oder um deren vorherr- mäßig«). Im gründenden Augenblick, in dem Augenblick,
schende Deutung geht. der ihr eigener Augenblick ist, sind sie weder recht- noch
An diesem Punkt stößt der Diskurs auf seine Grenze: in unrechtmäßig. Sie gehen über den Gegensatz, der zwischen
sich selbst, in seinem eigenen performativen Vermögen, in dem Ge- oder Begründeten und dem Un-be-gründeten
seiner performativen Kraft oder Macht. Ich schLige vor, daß besteht, hinaus, sie übersteigen den Gegensatz zwischen
man dies hier das Mystische nennt. Die gewaltsame Struk- dem, was (be)gründen will, und dem, was sich gegen alle
tur der stiftenden Tat birgt ein Schweigen: ein Schweigen ist (Be)gründung richtet. Selbst wenn das Gelingen performa-
darin eingeschlossen oder vermauert. Vermauert, von Mau- tiver Akte, die das Recht begründen (solcher Akte zum
ern umgeben, weil dieses Schweigen der Sprache nicht Beispiel- dies ist jedoch mehr als nur ein Beispiel-, die den
äußerlich bleibt. Ich wäre versucht, jenes, was Montaigne Grund für den Staat als Rechtsgaranten legen), vorgängige
und Pascal den mystischen Grund der Autorität nennen, in Bedingungen und Übereinkünfte voraussetzen (etwa im na-
dieser Richtung, in diesem Sinne zu interpretieren. Stets wird tionalen oder internationalen Raum), wird die nämliche
man das was ich hier sage oder tue, auf das zurückbeziehen »mystische« Grenze sich dort wieder bemerkbar machen,
oder gegen das kehren können, was ich eben sage (was eben wo diese Bedingungen, Regeln, Konventionen und deren
so geschieht, am oder im Ursprung aller Institutionen). Das vorherrschende Deutung ihren Ursprung haben.
Wort »mystisch« würde ich also so gebrauchen, daß es einen Die Struktur, die ich gerade beschreibe, ist eine Struktur,
wittgensteinischen Anklang erhält (ich riskiere es, auf diese in der sich das Recht seinem Wesen nach dekonstruieren
Weise die Richtung anzugeben, in die ich es wenden würde).
11 Vgl. St.nley Fish, Doing What Comes Naturally, Durh.m & London 1989,
Die fraglichen Texte Montaignes und Pascals, die Tradition, S. 503-524.
der sie angehören, wie auch die ein wenig aktive Interpreta- 12 Vgl. S.muel Weber, Institution and Interpretation, Minne.polis 1987.

28
läßt: entweder, weil es in Text-Schichten gründet, die man den oder legitimierten Autorität trennt. Als Erfahrung des
deuten und verwandeln kann (das ist die Geschichte des Unmöglichen ist sie, selbst wenn es sie (noch) oder nie gibt,
Rechts, seine mögliche und notwendige Verwandlung, dort möglich, wo es Gerechtigkeit gibt. Überall dort, wo
manchmal sogar seine Verbesserung), oder weil sein letzter man das X der Gerechtigkeit ersetzen, übersetzen, festset-
Grund per definitionem grund-los, un-be-gründet ist. Daß zen kann, sollte man sagen: Die Dekonstruktion ist in dem
sich das Recht dekonstruieren läßt, ist kein Unglück. Man Maße / dort als unmögliche mögliche, in dem / wo es X
kann darin auch die politische Chance historischen Fort- (Undekonstruierbares) gibt; sie ist also in dem Maße / dort
schritts erblicken. Doch das Paradoxon, das ich in die Dis- möglich, in dem / wo es gibt (dies ist das Undekonstruier-
kussion einbringen möchte, hat folgende Gestalt: Weil sie bare).
sich dekonstruieren läßt, sichert die Struktur des Rechts Mit anderen Worten: Die Hypothese oder die Aussagen,
oder - wenn Sie wollen - der Gerechtigkeit, der Justiz als denen ich mich hier tastend annähere, tragen eher den Un-
Recht, die Möglichkeit der Dekonstruktion. Wenn es so tertitel »Die Gerechtigkeit als Möglichkeit der Dekonstruk-
etwas gibt wie die Gerechtigkeit als solche, eine Gerechtig- tion, die Struktur des Rechts oder des Gesetzes, der (Be)
keit außerhalb oder jenseits des Rechts, so läßt sie sich nicht gründung, der Auto-Autorisation oder der Selbst-Ermäch-
dctkonstruieren. Ebensowenig wie die Dekonstruktion tigung des Rechts als Möglichkeit einer Ausübung der De-
selbst, wenn es so etwas gibt. Die Dekonstruktion ist die konstruktion«. Ich bin sicher, daß dies (noch) nicht deutlich
Gerechtigkeit. Vielleicht verhält es sich gerade so, weil sich ist, ich hoffe, ohne freilich sicher sein zu können, daß es
das Recht (ich werde versuchen, es regelmäßig von der Ge- bald ein wenig deutlicher werden wird.
rechtigkeit zu unterscheiden) konstruieren läßt, in einem Ich habe also gesagt, daß ich noch nicht begonnen habe.
Sinne, der den Gegensatz zwischen Konvention und Natur Vielleicht werde ich nie anfangen, vielleicht wird dieses Col-
übersteigt; vielleicht läßt es sich konstruieren, weil es diesen loquium eine »keynote« entbehren müssen - dennoch habe
Gegensatz übersteigt, und vielleicht läßt es sich deshalb ich bereits angefangen. Ich erlaube mir, ich ermächtige mich
auch dekonstruieren, oder besser: ermöglicht es die Dekon- selbst - habe ich das Recht dazu? -, die Umwege und die
struktion, das Praktizieren einer Dekonstruktion, die im protokollarischen Formeln zu vermehren. Ich habe mit der
Grunde stets Rechtsfragen, Fragen der Rechtmäßigkeit und Behauptung angefangen, daß ich zumindest von zwei Ihrer
der Berechtigung, Fragen, die das Recht betreffen, aufwirft. Sprachwendungen, zwei Wörter oder Ausdrücke, die Ihrer
I. Das Sich-dekonstruieren-Lassen, die Dekonstruktibili- Sprache eigentümlich sind, eingenommen bin. Das eine
tät des Rechts, der Legalität, der Legitimität oder der Legi- Wort lautet »enforceability«, das andere ist das Verb »to
timation (zum Beispiel) ermöglicht die Dekonstruktion. adress«, das transitiv gebraucht wird. Im Französischen
2. Das Sich-nicht-dekonstruieren-Lassen der Gerechtigkeit richtet man sich [s'adresser] an jemanden, man richtet
ermöglicht ebenfalls die Dekonstruktion, ja läßt sich von ihr [adresser] an jemanden das Wort oder einen Brief (adresser
nicht unterscheiden. 3. Konsequenz: die Dekonstruktion wird also auch transitiv gebraucht), ohne jemals sicher sein
ereignet sich in dem Zwischenraum, der die Unmöglichkeit zu können, daß das Wort oder der Brief ihr Ziel - dem sie
einer Dekonstruktion der Gerechtigkeit von der Möglich- zugeschickt werden - erreichen; man kann jedoch nicht sa-
keit der Dekonstruktion des Rechts, von der legitimieren- gen: adresser un probleme. Auch »adressierte« man nicht
3° 31
jemanden. Heute abend habe ich mich vertraglich dazu ver- turen (die von der Religion, der Philosophie, dem Recht,
pflichtet, ein Problem auf Englisch »zu adressieren«, das usw. gebildet werden) wurzeln. Sie sind, wenn man sich so
heißt: ich habe mich dazu verpflichtet, geradewegs auf das ausdrücken kann, in sich selbst unendlich, da sie die Erfah-
Problem zuzugehen, das Thema ausdrücklich zu behan- rung der Aporie fordern, die mit dem, was ich gerade das
deln, ohne mich auf Umwege zu begeben; ich habe mich Mystische genannt habe, in einem Zusammenhang steht.
verpflichtet, Ihnen in dieser Weise entgegenzukommen und Wenn ich sage, daß sie die Erfahrung der Aporie selbst for-
mich in Ihrer Sprache an Sie zu richten. Zwischen dem dern, meine ich zwei verschiedene Sachverhalte: I. Eine
Recht(en), dem Geraden, der Richtigkeit der Anrede Erfahrung ist eine Reise, ein Durchqueren - das Wort »Er-
[adresse], der Richtung und der Rechtschaffenheit müßte fahrung« [experience] zeigt dies an -; die Erfahrung bahnt
eine gerade, direkte Linie der Kommunikation verlaufen: sich einen Weg quer hindurch, sie reist zu einem Ziel und
wenn man auf sie stößt, müßte man sich dort befinden, wo findet zu diesem Zweck den Weg, die Bahn, den Durch-
es in die richtige Richtung geht. Weshalb steht die Dekon- gang. Sie findet einen Durchgang, einen Zugang, sie schafft
struktion (zu Recht oder zu Unrecht) in dem Ruf, die Dinge es, sich einen Weg zu bahnen, es ist möglich, eine Erfahrung
von der Seite anzugehen, indirekt, im Stil indirekter Rede zu machen: die Erfahrung ist möglich. Deshalb kann es
vpn ihnen zu handeln, sie mit »quotation marks« zu verse- keine wahre, volle Erfahrung der Aporie geben; die Aporie
hen und immer nachzufragen, ob sie auch dort ankommen, versperrt den Durch- oder Zugang. Eine aporia ist das, was
wo sie ankommen sollen, an der angegebenen Adresse? Ist kein Weg ist. Aus solcher Sicht wäre die Gerechtigkeit die
dieser Ruf berechtigt, hat sie ihn verdient? Und selbst wenn Erfahrung dessen, wovon wir keine Erfahrung machen kön-
sie ihn nicht verdient hat, welche Erklärung gibt es dafür, nen. Wir werden bald auf mehrere Aporien stoßen, ohne sie
daß sie in einem solchen Ruf steht? umgehen oder über sie hinweg-, hindurchgehen zu können.
Der Umstand, daß ich die Sprache des anderen spreche Aber 2. glaube ich, daß es ohne diese Erfahrung keine Ge-
und meine eigene aufgebe, daß ich mich zum anderen be- rechtigkeit gibt, ohne diese unmögliche Erfahrung der
gebe, daß ich mich ihm ergebe, ihm hingebe, stellt bereits Aporie. Die Gerechtigkeit ist eine Erfahrung des Unmög-
eine eigenartige Mischung aus Kraft, Gewalt, Richtigkeit, lichen. Ein Gerechtigkeitswille, ein Gerechtigkeitswunsch,
Genauigkeit, Treffsicherheit, Recht und Gerechtigkeit ein Gerechtigkeitsanspruch, eine Gerechtigkeitsforderung,
dar. deren Struktur nicht in einer Erfahrung der Aporie bestün-
Es handelt sich um eine Pflicht: Ich muß, ich soll die den, hätten keine Chance jenes zu sein, was sie sein wollen:
unendlichen, unzähligen Probleme, die der Titel Decon- ein gerechter, angemessener Ruf nach Gerechtigkeit. Wann
struction and the Possibility o[Justice in sich birgt (unzählig immer auch die Dinge einen geraden Verlauf nehmen und
aufgrund ihrer Anzahl, unzählig in ihrer Geschichte und alles gut geht, wann immer auch man eine gute, brauchbare
Struktur), auf Englisch »adressieren«, wie Sie in Ihrer Spra- Regel auf einen besonderen Fall anwendet, auf ein Beipiel,
che sagen. Wir wissen es jedoch schon: diese Probleme sind das man richtig subsumiert hat, einem bestimmenden Urteil
nicht einfach deshalb unzählig oder unendlich, weil ihre gemäß, kann man davon überzeugt sein, daß vielleicht das
Anzahl so groß ist oder weil sie in der aller Eingrenzbarkeit Recht einen Vorteil davon hat, nicht aber die Gerechtigkeit.
trotzenden Unendlichkeit des Gedächtnisses und der Kul- Das Recht ist nicht die Gerechtigkeit. Das Recht ist das
33
Element der Berechnung; es ist nur (ge)recht, daß es ein Norm oder eines universalen Imperativs vorauszusetzen.
Recht gibt, die Gerechtigkeit indes ist unberechenbar: sie Wie soll man den Akt der Justiz [acte de justice], der stets ein
erfordert, daß man mit dem Unberechenbaren rechnet. Die Besonderes in einer besonderen Lage betrifft, Individuen,
aporetischen Erfahrungen sind ebenso unwahrscheinliche Gruppen, unersetzbare Existenzen, mich, einen/den/als
wie notwendige Erfahrungen der Gerechtigkeit, das heißt anderen, mit der Regel, der Norm, dem Wert oder dem
jener Augenblicke, da die Entscheidung zwischen dem Ge- Imperativ der Justiz in Einklang bringen, wenn diese
rechten und dem Ungerechten von keiner Regel verbürgt zwangsläufig eine allgemeine Form aufweisen, mag es sich
und abgesichert wird. auch um eine Allgemeinheit handeln, die eine jeweils beson-
Ich muß, ich soll mich also an Sie richten [m'adresser] und dere Anwendung vorschreibt? Begnüge ich mich damit,
Probleme »adressieren«, ich muß, ich soll mich dabei kurz eine angemessene, richtige Regel anzuwenden, ohne Ge-
fassen, ich muß, ich soll es in einer fremden Sprache tun. rechtigkeitssinn und ohne jedesmal die Regel und das Bei-
Um mich kurz fassen zu können, muß ich so direkt wie spiel gleichsam zu erfinden, werde ich vielleicht vom Recht
möglich reden, geradewegs (auf Sie zu) [tout droit], ohne gedeckt, werde ich dem objektiven Recht gemäß handeln,
Umwege, ohne historisches Alibi, ohne mich von der Seite aber ich werde nicht gerecht sein. Kant würde sagen, daß ich
ijer zu nähern, auf Sie zugehend, auf Sie, die ersten ver- pflichtmäßig handle, nicht aber aus Pflicht, aus Achtung vor
meintlichen Empfänger oder Adressaten dieses Diskurses, dem Gesetz. Kann man je sagen, daß eine Handlung nicht
aber auch zugleich in Richtung auf jenen Ort, wo die frag- nur rechtmäßig, sondern auch gerecht ist? Daß eine Person
lichen Probleme sich wesentlich entscheiden. Wie die Rich- nicht nur ihr Recht wahrnimmt, sondern auch sich gerecht
tung, wie die Richtigkeit, verrät auch das Sich-richten-an verhält? Daß jemand, daß eine Entscheidung gerecht ist?
etwas, was mit dem Recht zu tun hat, mit dem, was man Kann man je sagen: ich weiß, daß ich gerecht bin? Gestatten
nicht verfehlen darf, wenn man Gerechtigkeit will, wenn Sie mir, mich auf einen weiteren Umweg zu begeben.
man sich gerecht oder angemessen zu verhalten sucht; das Sich an den anderen in der Sprache des anderen zu rich-
ist die Richtigkeit des Sich-richtens-an [adresse]. Man darf ten, ist, wie es scheint, die Bedingung jeder möglichen
es nicht an Höflichkeit fehlen lassen, man muß sich richtig, Gerechtigkeit; anscheinend läßt sich dies jedoch nicht mit
auf rechte Weise an den anderen richten, es muß jemanden aller erforderlichen Strenge durchführen (ich kann nämlich
geben, an den man sich richtet, il ne laut pas manquer die Sprache des anderen einzig in dem Maße sprechen, in
d'adresse, würde ich auf Französisch sagen. Man darf sich dem ich sie mir aneigne und sie mir nach dem Gesetz eines
nicht auf falsche, unrichtige, unrechte Weise an jemanden eingeschlossenen Dritten anverwandle); es ist sogar deshalb
richten, man darf sich nicht an die falsche Adresse wenden. ausgeschlossen, weil die Gerechtigkeit in der Gestalt des
Jedesmal handelt es sich um ein besonderes Sich-richten-an, Rechts ein Element der Allgemeinheit impliziert: den Re-
um eine besondere Adresse, um eine besondere Bestim- kurs auf ein Drittes, das die Einseitigkeit oder die Besonder-
mung. Das Sich-richten-an, die Adresse oder der Adressat heit der jeweils eigenen Sprachen aufhebt.
sind stets besonders, eigentümlich, sie haben stets eine ih- Wenn ich mich auf Englisch an jemanden richte, ist dies
nen eigene Sprache; in der Gestalt des Rechts scheint die für mich immer eine Prüfung. Ich stelle mir vor, daß es dem
Gerechtigkeit aber die Allgemeinheit einer Regel, einer Empfänger, dem Adressaten - Ihnen nicht anders ergeht.
34 35
Anstatt Ihnen den Grund dafür zu nennen und mit solchen nennt. Das Gewaltsame der Ungerechtigkeit, die darin be-
Erklärungen Zeit zu verlieren, beginne ich in medias res, steht, daß man die verurteilt, die die besondere Sprache
und zwar mit einigen Bemerkungen, die in meinen Augen nicht verstehen, in der Recht gesprochen wird und Gerech-
die peinigende Ernsthaftigkeit dieses Sprachproblems an die tigkeit widerfahren soll (im Französischen sagt man: justice
Frage der Gerechtigkeit und ihrer Möglichkeit binden. est faite), ist nicht unbedeutend, und es ist auch nicht ein-
Erste Bemerkung: Auf der einen Seite scheint es uns (aus fach das Gewaltsame einer unbedeutenden Ungerechtig-
grundlegenden Erwägungen) richtig, angemessen, gerecht keit. Diese Ungerechtigkeit supponiert, daß der andere, das
zu sein, daß man »Recht spricht«, rendre lajustice, wie es im Opfer der Ungerechtigkeit der Sprache, fähig ist, eine Spra-
Französischen heißt: in einer gegebenen, besonderen Spra- che im allgemeinen zu sprechen; daß das Opfer ein Mensch
che, in einer Sprache, von der man annimmt, daß alle be- im Sinne eines sprechenden Tieres ist, in dem Sinne, den wir
troffenen »Subjekte« sie beherrschen; alle betroffenen »Sub- Menschen dem Wort »Sprache« verleihen. Vormals (das wa-
jekte« sind dazu fähig, zu verstehen und zu deuten, jene ren Zeiten, die noch nicht allzu weit zurückliegen und die
also, die Gesetze festsetzen, jene, die urteilen, und jene, die sogar noch andauern) bedeutete »wir Menschen« soviel wie
verurteilt werden, jene, die Zeugen im weiten, und jene, die »wir erwachsenen weißen männlichen fleischessenden op-
~eugen im engen Sinne sind, jene schließlich, die sich dafür ferbereiten Europäer«.
verbürgen und dafür sorgen, daß das Recht ausgeübt wer- In dem Raum, dem ich diese Bemerkungen zuordne oder
den kann. Es ist ungerecht, jemanden zu verurteilen (beur- in dem ich diesen Diskurs wiederherstelle, sagt man nicht,
teilen), der die Sprache nicht versteht, der das Gesetz daß einem Tier Unrecht oder Gewalt angetan wird; noch
einbeschrieben, in der es niedergeschrieben ist, in der das weniger redet man von Gewalt und Ungerechtigkeit im
Urteil ergeht usw. Wir könnten dramatische Beispiele auf- Hinblick auf Pflanzen und Steine. Man kann ein Tier quä-
zählen, die uns Situationen der Gewalt vor Augen führen, in len, man kann es leiden lassen; niemals wird man jedoch im
denen einzelne oder Gruppen verurteilt werden, ohne daß eigentlichen Sinne behaupten, daß es sich um ein Subjekt
sie die besondere Sprache verstehen, deren sich jene bedie- handelt, dem man Schaden zugefügt hat, um das Opfer ei-
nen, die sie verurteilen; zuweilen verstehen sie diese Sprache ner Gewalttat, eines gewaltsamen Todes, einer Vergewalti-
kaum, manchmal aber auch überhaupt nicht. So wenig die gung oder eines Raubs, eines Meineids; a fortiori gilt, wie
subtilen Unterschiede ins Gewicht fallen mögen, die über man glaubt, daß man so auch nicht über Pflanzen und Mine-
die Fähigkeit entscheiden, eine besondere Sprache zu be- ralien (oder über dazwischenliegende Arten wie den
herrschen: das Gewaltsame, das die Ungerechtigkeit aus- Schwamm) reden kann. Es hat im Menschengeschlecht viele
zeichnet, läßt sich bereits dort ausmachen, wo die beson- »Subjekte« gegeben (es gibt sie immer noch), die man nicht
dere Sprache nicht allen Mitgliedern einer Gemeinschaft in als solche anerkannt hat (und nicht anerkennt) und die wie
gleicher Weise zu eigen ist, wo nicht alle den gleichen Anteil ein Tier behandelt worden sind (und behandelt werden).
an ihr haben. Da eine solche ideale Situation streng gespro- Das ist die noch anhaltende, noch nicht an ihr Ende gelangte
chen sich nie herstellen läßt, nie möglich ist, kann man Geschichte, auf die ich gerade angespielt habe. Was den un-
bereits einen Schluß ziehen, der jenes betrifft, was der Titel bestimmten, keineswegs eindeutigen Namen des Tiers er-
unseres Colloquiums »die Möglichkeit der Gerechtigkeit« hält (das bloß Lebendige), ist kein Subjekt des Gesetzes
36 37
oder des Rechts. Es hat keinen Sinn, den Gegensatz zwi- welche die Intersubjektivität beim Säugen, bei der Liebe,
schen dem Rechten und dem Unrechten, dem Rechtmäßi- bei der Trauer und eigentlich bei allen symbolischen oder
gen und dem Unrechtmäßigen, dem Gerechten und dem sprachlichen Aneignungen strukturieren, nähere ich mich
Ungerechten auf es beziehen zu wollen. Ob es sich nun um hier nicht.
Tier-Prozesse handelt (die es gegeben hat) oder um die Straf- Wenn wir von Ungerechtigkeit, von Gewalt und von
verfolgung derer, die Tieren bestimmte Leiden zufügen Mangel an Respekt sprechen wollen und dabei das meinen,
(manche westliche Gesetzgebung sieht diese Form der Straf- was wir auf eine noch verwirrend-verworrene Weise »das
verfolgung vor und spricht nicht allein von Menschenrech- Tier« nennen (dieses Problem ist aktueller denn je, ich
ten, sondern auch von Tierrechten im allgemeinen), in möchte es im Zuge der Dekonstruktion mit einer ganzen
jedem Fall hat man es entweder mit einer angeblich alter- Reihe von Fragen verknüpfen, die den Phallogozentrismus
tümlichen Praktik zu tun oder mit Randphänomenen, mit des Fleischessers, den Fleisch-Phallogozentrismus betref-
noch seltenen und seltsamen Phänomenen, mit Phänome- fen), so müssen wir die gesamte metaphysisch-anthropo-
nen, die für unsere Kultur nicht konstitutiv sind. In unserer zentrische Axiomatik neu untersuchen, die im Abendland
Kultur ist das Opfer des Fleischessers, das Fleischesser-Op- das Denken des Angemessenen und des Unangemessenen,
f~r grundlegend und vorherrschend; es richtet sich an der des Gerechten und des Ungerechten beherrscht.
gewaltigsten industriellen Technologie aus, so wie das bio- An dieser Stelle, da wir nur einen ersten Schritt tun,
logische Experimentieren mit Tieren, das für unsere Mo- zeichnet sich bereits eine erste Konsequenz ab: eine dekon-
derne so lebenswichtig ist. Wie ich an anderer Stelle zu struktive Annäherung an die Grenzen, die das menschliche
zeigen versucht habe 13 , ist das Fleischesser-Opfer der Subjekt (vornehmlich und paradigmatisch den erwachsenen
Struktur von Subjektivität wesentlich; es ist wesentlich für Mann, ihn jedenfalls eher als die Frau, das Kind oder das
die Begründung, für den Grund des intentionalen Subjekts, Tier) zum Maßstab des Angemessenen und des Unangemes-
und wenn nicht für das Gesetz, so doch zumindest für das senen, des Gerechten und des Ungerechten machen, führt
Recht. Es tut sich hier ein Abgrund auf, der es verwehrt, den nicht zwangsläufig zur Ungerechtigkeit und auch nicht
Unterschied zwischen Gesetz und Recht, zwischen Ge- dazu, daß der Gegensatz zwischen dem Angemessenen und
rechtigkeit und Recht, zwischen Gerechtigkeit und Gesetz dem Unangemessenen, zwischen dem Gerechten und dem
zu festigen. Ich nähere mich ihm im Augenblick nicht; auch Ungerechten getilgt wird; eine solche Annäherung führt
der Affinität zwischen dem Fleischesser-Opfer, das unsere vielleicht im Namen einer Gerechtigkeitsforderung, die
Kultur und unser Recht (be )gründet, und den symbolischen größer ist und die sich noch weniger zufriedenstellen läßt,
(oder nicht symbolischen) Gestalten des Kannibalismus, zu einer neuen Deutung des be- und eingrenzenden Appa-
rates, der es einer Geschichte und einer Kultur ermöglicht
13 Zum Problem des Tiers vgl. Jacques Derrida, Vom Geist. Heidegger und die
Frage. Aus dem Französischen von Alexander Garcia Düttmann, Frankfurt hat, ihre Kriteriologie zu umschließen. Im Sinne der Hypo-
am Main 1988. Zahlreiche Belegstellen finden sich in diesem Buch, vor allem these, die ich jetzt nur oberflächlich streife, entspricht das,
im 6. Kapitel, S. 58 ff. Zum Problem des Opfers vgl. Jacques Derrida, .ll faut was man geläufig unter Dekonstruktion versteht, nicht etwa
bien manger, ou le calcul du sujet, entretien avecJean-Luc Nancy [.Man muß
wohl - ordentlich - essen< oder das Kalkül - der Stein - des Subjekts, ein einer beinahe nihilistischen Abdankung, die dort erfolgt,
Gespräch mit Jean-Luc Nancy], in: Confrontation, Nr. 20, Paris 1989. wo die ethisch-politisch-juristische Frage nach der Gerech-
39
tigkeit sich stellt und der Gegensatz zwischen dem Ange- wir beschränken uns bei diesen Beispielen auf europäische
messenen und dem Unangemessenen, dem Gerechten und Spracheigentümlichkeiten, die man vielleicht im Hinblick
dem Ungerechten relevant wird (eine derartige Vorstellung auf andere oder von anderen aus bestimmen müßte -wir
von der Dekonstruktion entspringt einer Verwirrung: man- werden darauf zurückkommen). Wir müssen dabei auch
che verbreiten sie, weil sie daran interessiert sind, Verwir- wissen, daß sich diese Gerechtigkeit immer an das vielfältig
rung zu stiften) - sondern einer doppelten Bewegung, deren Besondere [singularites] richtet, an die Besonderheit des an-
Form ich auf folgende Weise beschreiben möchte: deren, unbeschadet oder gerade aufgrund ihres Anspruchs
I. Als Sinn für eine grenzenlose und folglich notwendig auf Universalität. Daß die Dekonstruktion an dieser Stelle
übermäßige, unberechenbare Verantwortung gegenüber nicht nachgibt, daß sie stets die Befragung des Ursprungs,
dem Gedächtnis; also als Aufgabe, die Geschichte, den Ur- der Grundlagen und der Grenzen unseres begrifflichen,
sprung, den Sinn, will sagen die Grenzen der Begriffe der theoretischen, normativen Apparates, der um die Gerech-
Gerechtigkeit, des Gesetzes, des Rechts, und die Grenzen tigkeit kreist, in Atem hält, bedeutet deshalb alles mögliche,
der Werte, der Normen, der Vorschriften ins Gedächtnis nur nicht eine Neutralisierung des Interesses an der Ge-
zurückzurufen: die Grenzen der Begriffe und der Werte, die rechtigkeit, eine Unempfindlichkeit gegenüber der Unge-
si,ch (im Laufe dieser Geschichte) durchgesetzt und sedi- rechtigkeit. Es bedeutet sogar, daß die Forderung nach
mentiert haben, die mehr oder weniger lesbar sind, die in Gerechtigkeit von einer hyperbolischen Überbietung er-
höherem oder in geringerem Maße vorausgesetzt werden. griffen wird, es bedeutet, daß man empfindlich ist für eine
Mit dem Namen der Gerechtigkeit - der Justiz versehen, wesentliche Disproportion, die dieser Forderung das Un-
wird uns in mehr als einer Sprache etwas vererbt, was der mäßige und das Unangemessene einzeichnet und die dazu
Dekonstruktion in ihrem Herzen die Aufgabe eines ge- drängt, daß man nicht allein die theoretischen Grenzen an-
schichtlichen und auslegenden Gedächtnisses überträgt; es zeigt, sondern auch konkrete Ungerechtigkeiten denun-
handelt sich hierbei nicht einfach um eine philologisch-ety- ziert, solche Ungerechtigkeiten, die dort geschehen und
mologische Aufgabe, um die Aufgabe des Historikers, son- deren Wirkungen dort besonders sinnfällig sind, wo das
dern um die Verantwortung einem Erbe gegenüber, das gute und ruhige Gewissen dogmatisch bei dieser oder je-
auch das Erbe eines Imperativs oder eines Bündels an Wei- ner überkommenen Bestimmung der Gerechtigkeit stehen-
sungen ist. Die Forderung nach unendlicher Gerechtigkeit, bleibt.
die unendliche Forderung nach Gerechtigkeit, die die von 2. Diese Verantwortung gegenüber dem Gedächtnis ist
mir erwähnte Gestalt einer »Mystik« annehmen kann, ver- eine Verantwortung gegenüber dem Begriff der Verantwor-
pflichtet bereits dielzur Dekonstruktion. Man muß der tung selbst, der das Gerechte und Angemessene unserer
Gerechtigkeit gegenüber gerecht sein; es muß ihr zunächst eigenen Verhaltensweisen, unserer theoretischen, prakti-
in dem Sinne Gerechtigkeit widerfahren, daß man auf sie schen, ethisch-politischen Entscheidungen bestimmt. Ein
hört, sie liest, sie deutet, daß man versucht, zu verstehen, solcher Begriff der Verantwortung läßt sich nicht von einem
woher sie kommt und was sie von uns will, dessen gewahr, Netz verwandter Begriffe trennen (Eigenschaft, Richtig-
daß sie in besonderen Sprachen, Wendungen, Ausdrücken keit, Eigentum, Intentionalität, Wille, Freiheit, Bewußt-
uns überkommt (dike, jus, justitia, justice, Gerechtigkeit':-; sein, Selbstbewußtsein, Subjekt, Ich, Person, Gemein-

schaft, Entscheidung usw.); jede Dekonstruktion dieses was ich heute Dekonstruktion nenne (ich sage nicht, daß ich
begrifflichen Netzes, dieser in einer gewissen Form vorge- nichts kenne, was so legal und so legitim ist), so weiß ich,
gebenen oder vorherrschenden Begriffe kann einer Entla- daß ich damit unvermeidlich etwas sage, was überraschend
stung der Verantwortung, einem Beitrag zur Vergrößerung und anstößig klingt, nicht bloß für die mit Bestimmtheit
der Unverantwortlichkeit ähneln - und zwar gerade in dem auftretenden Gegner der Dekonstruktion (oder dessen, was
Augenblick, in dem die Dekonstruktion einen Zuwachs an sie sich unter diesem Namen vorstellen), sondern auch für
Verantwortung fordert. Wann immer die Dekonstruktion jene, die als ihre Anhänger, als ihre praktischen Vertreter
einem Axiom den Kredit entzieht oder aufkündigt (dies ist gelten, für jene, die sich dafür ausgeben. Ich sage es also
ein strukturell notwendiges Moment), kann man des Glau- nicht, zumindest nicht auf direkte Weise und ohne mich
bens sein, daß es für die Gerechtigkeit keinen Platz mehr zuvor auf einige Umwege zu begeben, um die nötige Vor-
gibt, weder für die Gerechtigkeit selbst noch für das theore- sicht walten zu lassen.
tische Interesse, das den Problemen der Gerechtigkeit ent- Wie Sie wissen, hat in vielen Ländern eine der für das
gegengebracht wird. Dieses Moment der Aufkündigung, Gesetz oder für die Auferlegung und Durchsetzung des
der Suspension, diese Zeit der Epoche, ohne die in der Tat Staatsrechts grund-legenden Gewalttaten darin bestanden,
k~ine Dekonstruktion möglich ist, sind beängstigend, doch daß man den nationalen oder ethnischen Minderheiten, die
wer wird behaupten, daß er gerecht ist, wenn er die Angst ein Staat zusammenfaßt, eine Sprache auferlegt hat; dies ist
ausspart? Das Moment beängstigender Suspension, das in der Vergangenheit so gewesen und ist heute immer noch
auch den Zwischenraum der Verräumlichung darstellt, in so. In Frankreich ist mindestens zweimal eine solche Gewalt
denen juridisch-politische Verwandlungen, ja Revolutionen angetan worden, zunächst, als der Erlaß von Villers-Cotte-
stattfinden, vermag einzig in der Forderung nach einem Zu- ret die Einheit des monarchischen Staates gefestigt hat:
wachs an Gerechtigkeit, nach einem Gerechtigkeits-Sup- dieser Erlaß hat das Französische als juridisch-administra-
plement (also einzig in der Erfahrung einer Unangemessen- tive Sprache auferlegt und verboten, daß das Lateinische,
heit, eines Sich-nicht-Anpassens, einer unberechenbaren die Sprache des Rechts oder der Kirche, es allen Einwoh-
Disproportion) seinen Grund haben und den ihm eigenen nern des Königtums erlaubt, sich durch einen vermittelnden
Zug oder die ihm eigene Stoßkraft finden. Denn woher und übersetzenden Anwalt in einer gemeinsamen Sprache
würde die Dekonstruktion ihre Kraft schöpfen, woher vertreten zu lassen, ohne Auferlegung des Französischen,
würde sie ihre Gewalt nehmen, woher würde sie ihren Be- das noch eine besondere, partikulare Sprache war. Es
wegungsimpuls oder ihre Motivierung haben, wenn nicht stimmt freilich, daß das Lateinische bereits etwas Gewaltsa-
von diesem immer unzufriedenen Ruf, von dieser nie zufrie- mes an sich hatte und daß aus solcher Sicht der Übergang
denzustellenden Forderung, jenseits der vorgegebenen und vom Lateinischen zum Französischen nichts anderes gewe-
überlieferten Bestimmungen dessen, was man in bestimm- sen ist als der Übergang von einer Gewalt(tat) zur anderen.
ten Zusammenhängen als Gerechtigkeit, als Möglichkeit Das zweite bedeutende Moment der Auferlegung war das
der Gerechtigkeit bezeichnet? Doch es bedarf noch einer der Französischen Revolution, als die sprachliche Verein-
Deutung dieser Disproportion. Wenn ich sage, daß ich heitlichung manchmal pädagogische Züge annahm, die
nichts kenne, was gerechter und angemessener ist als jenes, äußerst unterdrückend, in jedem Fall ausgesprochen autori-
42 43
tär waren. Ich werde mich nicht auf die Geschichte dieser tragener, codierter Vorschriften). Ich bin versucht, den Be-
Beispiele einlassen. Wir könnten auch Beispiele aus diesem griff der Gerechtigkeit, den ich hier tendenziell von dem des
Land wählen, heute, da das Problem der Sprache immer Rechts unterscheide, in gewissem Maße jenem anzunähern,
noch besonders akut ist und es noch lange Zeit bleiben wird, der sich bei Levinas findet, und zwar gerade aufgrund der
gerade hier, an diesem Ort, an dem die Fragen der Politik, Unendlichkeit, die ihn auszeichnet, und des heteronomen
der Erziehung und des Rechts untrennbar sind. Verhältnisses zum Anderen, zum Antlitz des Anderen, das
Ich bewege mich nun geradewegs (ohne mich auf den mir befiehlt, dessen Unendlichkeit ich nicht thematisieren
Umweg eines geschichtlichen Gedächtnisses zu begeben) kann und dessen Geisel ich bin. Levinas schreibt in seinem
auf die formale, abstrakte Formulierung einiger Aporien Werk Totalität und Unendlichkeit (»Wahrheit und Gerech-
zu; diese Aporien sind die bevorzugte Gegend, der bevor- tigkeit«): »[ ... ] die Beziehung zum Anderen - das heißt die
zugte Ort der Dekonstruktion, oder vielmehr: die Dekon- Gerechtigkeit«14 - die Gerechtigkeit, die in einem anderen
struktion findet hier, zwischen Recht und Gerechtigkeit, Abschnitt als »Geradheit und Rechtschaffenheit [droiture]
ihr bevorzugtes Ungleichgewicht. Im allgemeinen folgt die des Empfangs, [der dem] Antlitz bereitet [wird]«ls definiert
Ausübung der Dekonstruktion zwei verschiedenen Bahnen wird. Die Geradheit, die Rechtschaffenheit reduziert sich
~der Stilen, die sie meistens einander aufpfropft. Der eine selbstverständlich nicht auf das Recht, obwohl zwischen
Stil ist von begründender und dem Anschein nach unge- beiden ein Bezug besteht.
schichtlieher Art: vorgetragen, vorgeführt werden logisch- Levinas spricht von einem unendlichen Recht: es hat sei-
formale Paradoxien. Der andere, geschichtlicher und ana- nen Ort in dem von ihm so genannten »jüdischen Humanis-
mnestischer, scheint der eines Lesens von Texten zu sein, mus«, dessen Grundlage nicht »der Begriff des Menschen«
einer sorgfältigen Interpretation und eines genealogischen ist, sondern der Andere; »das Sich-Ausstrecken des Rechts
Verfahrens. Ich werde mich nunmehr beiden (Stil-)Übun- des Anderen« ist das »ein[ es] praktisch unendliche[ n]
gen nacheinander widmen. Recht[s]« (»Ein unendliches Recht«16). Die Gerechtigkeit
Ich lege zunächst in trockenem, spröden Stil, ohne Zie- beruht hier nicht auf Gleichheit, auf einem berechneten
rat, die folgenden Aporien dar, ich »adressiere« sie. Im Gleichmaß, auf einer angemessenen Verteilung, auf der aus-
Grunde handelt es sich um eine einzige Aporie, um ein ein- teilenden Gerechtigkeit, sondern auf einer absoluten Asym-
ziges aporetisches Potential, das sich selbst unendlich ver- 14 Der Satz lautet in der deutschen Übersetzung: .Aber wir wollen auch zeigen,
teilt. Ich werde nur einige Beispiele vorbringen, die eine wie, ausgehend vom Wissen qua Thematisierung, die Wahrheit dieses Wissens
schwierige und unbeständige Unterscheidung zwischen zur Beziehung mit dem Anderen, das heißt zur Gerechtigkeit führt .• (E. u-
vinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität, München
Recht und Gerechtigkeit voraussetzen, erläutern, ja viel- 1987, S. 124.) Derrida zitiert nur das Satzende -la relation avec autrui - c'est-
leicht sogar hervorbringen: eine Unterscheidung zwischen '-dire la justice.; vgl. Uvinas, Totalite et infini, Paris '1974, S. 62.
15 In der deutschen Ausgabe lautet wiederum der betreffende Satz: _Die Rede
der Gerechtigkeit (die unendlich ist, unberechenbar, wider- ihrerseits zeigte sich als Gerechtigkeit in der Geradheit des Empfangs, den sie
spenstig gegen jede Regel, der Symmetrie gegenüber fremd, dem Antlitz bereitet .• (Uvinas, Totalität und Unendlichkeit, a. a. 0.,
heterogen und heterotrop) und ihrer Ausübung in Gestalt S. I I 2.) Derrida zitiert auch hier nur das Satzende: _droiture de I'accueil fait
au visage.; vgl. Uvinas, Totalite et infini, a. a. 0., S. 54.
des Rechts, der Legitimität oder Legalität (ausgleichbar und 16 Vgl. Emmanuel Uvinas, Judaisme et revolution, in: Du Sacre au Saint. Cinq
satzungsgemäß, berechenbar, ein System geregelter, einge- nouvelles lectures talmudiques, Paris 1977, S. 18.

44 45
metrie. Der Begriff der Gerechtigkeit, den Uvinas bildet, gerechten Ausgleichs. Wenn jedoch die Handlung, die Tat,
nähert sich eher dem, was im Hebräischen der Heiligkeit der Akt einfach in der Anwendung einer Regel, in der Ent-
[saintetel entspricht (dem, was wir mit dem Wort »Heilig- faltung eines Programms, in der Durchführung einer Be-
keit« - saintete übersetzen). Da ich aber an den schwierigen rechnung bestehen, wird man vielleicht sagen, daß sie
Diskurs von Levinas noch andere, schwierige Fragen rich- gesetzmäßig sind und dem Recht entsprechen, daß sie, me-
ten möchte, kann ich mich an dieser Stelle nicht damit taphorisch gesprochen, sich als gerecht erweisen; allerdings
begnügen, ihm einen begrifflichen Wesenszug zu entneh- würde man zu Unrecht behaupten, es sei eine gerechte Ent-
men, nicht zumindest, ohne das Risiko der Verwirrung und scheidung getroffen worden.
der Analogisierung einzugehen. Ich verfolge also nicht län- Um gerecht sein zu können, darf zum Beispiel die Ent-
ger diesen Weg. Alles wäre viel einfacher, wenn der Unter- scheidung eines Richters nicht bloß einer Rechtsvorschrift
schied zwischen Gerechtigkeit und Recht ein wahrer Unter- oder einem allgemeinen Gesetz folgen, sie muß sie auch
schied wäre, ein Gegensatz, dessen Wirken sich logisch übernehmen, sie muß ihr zustimmen, sie muß ihren Wert
regeln und beherrschen ließe. Das Recht enthält aber den bestätigen: dies geschieht durch eine Deutung, die wieder
Anspruch einer Ausübung, die im Namen der Gerechtigkeit eine Gründung oder Stiftung ist, so, als würde am Ende das
geschieht; die Gerechtigkeit wiederum erfordert, daß sie in Gesetz zuvor nicht existieren, als würde der Richter es in
einem Recht sich einrichtet, das »enforced« werden muß. jedem Fall selbst erfinden. Jede Ausübung der Gerechtig-
Es folgen also nun einige Beispiele für Aporien. keit als Recht kann nur gerecht sein, wenn sie ein »fresh
judgment« ist (ich entleihe diesen englischen Ausdruck
Stanley Fish, der ihn in seinem Aufsatz Force - siehe oben -
I. Erste Aporie: Die Epoche der Regel gebraucht). Dieses »fresh judgment« kann mit einem bereits
vorgegebenen Gesetz übereinstimmen, es muß und soll da-
Gemein ist uns das Axiom, daß wir frei sein müssen, verant- mit wahrhaft übereinstimmen; doch die Deutung, die wie-
wortlich für unsere Handlungen, für unser Verhalten, für der eine Gründung, die wieder eine Erfindung, die ein frei
unser Denken, für unsere Entscheidungen, um gerecht oder Entscheidendes ist und in der Verantwortung des Richters
ungerecht sein zu können, um in der Lage zu sein, Gerech- steht, ja über dessen Verantwortlichkeit entscheidet, erfor-
tigkeit walten zu lassen. Wenn ein Wesen nicht frei ist, wenn dert, daß ihre »Gerechtigkeit« nicht nur in der Überein-
es bei dieser oder jener Tat sich nicht frei verhält, sagen wir stimmung, in der erhaltenden und reproduzierenden Wirk-
wohl kaum, daß seine Entscheidung gerecht oder ungerecht samkeit des Urteils besteht. Kurz: damit eine Entscheidung
ist. Diese Freiheit, diese Entscheidung, die das Gerechte gerecht und verantwortlich sein kann, muß sie in dem
und Angemessene betrifft, muß sich jedoch, um als solche Augenblick, da sie getroffen wird, in dem Augenblick, und
erkannt zu werden, an einem Gesetz ausrichten, einer Vor- der ihr eigener Augenblick ist (gibt es einen solchen Augen-
schrift oder einer Regel folgen. Aus dieser Sicht muß sie in blick?), einer Regel unterstehen und ohne Regel auskom-
ihrer eigenen Autonomie, in ihrer Freiheit, das Gesetz zu men. Sie muß das Gesetz erhalten und es zugleich so weit
befolgen oder sich selbst ein Gesetz vorzugeben, dem Bere- zerstören oder aufheben, daß sie es in jedem Fall wieder
chen- und Programmierbaren zugehören, etwa als Akt des erfinden und rechtfertigen muß; sie muß es zumindest in
46 47
dem Maße wieder erfinden, indem sie erneut sein Prinzip 2. Zweite Aporie: Die Heimsuchung durch das
frei bestätigen und bejahen muß. Jeder Fall ist anders, jede Unentscheidbare
Entscheidung ist verschieden und bedarf einer vollkommen
einzigartigen Deutung, für die keine bestehende, eingetra- Ohne ausschlaggebende Entscheidung kann keine Gerech-
gene, codierte Regel vollkommen einstehen kann und darf. tigkeit in der Gestalt des Rechts eine praktische Anwendung
Wenn eine solche Regel ein ausreichender, ein ausreichend erfahren. Diese Entscheidung zeichnet sich nicht einfach
sicherer Garant für die Deutung ist, erweist sich der Richter durch die Form aus, die sie letztlich annimmt, etwa die der
als eine Rechenmaschine (was manchmal zutrifft) und kann Straffolgen, mag sie in dieser Form angemessen und berech-
nicht als gerecht, frei und verantwortungs bewußt gelten. tigt sein oder nicht, der austeilenden oder der proportionel-
Umgekehrt kann er auch dann nicht als gerecht, frei und len Gerechtigkeit sich zurechnen lassen. Sie wurzelt bereits
verantwortungsbewußt gelten, wenn er sich auf kein Recht, dort, sie sollte von Rechts wegen oder im Prinzip bereits
keine Regel bezieht, oder wenn er keine Regel für vorgege- dort wurzeln, wo die Initiative eines Kennenlernens, Sich-
ben hält, die über seine Deutung hinausgeht, und deshalb bewußt-Werdens, Lesens, Verstehens, Deutens der Regel, ja
die Entscheidung suspendiert, beim Unentscheidbaren ste- wo die Initiative des Berechnens ergriffen wird. Wenn eine
I;enbleibt oder bar aller Regeln und Prinzipien improvisiert. Berechnung nämlich eine Berechnung ist, so läßt sich die
Aus diesem Paradoxon folgt, daß man niemals in der Gegen- Entscheidung, etwas zu berechnen, nicht dem Berechenba-
wart sagen kann: eine Entscheidung oder irgend jemand ren zuordnen: sie darf sich ihm nicht zuordnen lassen.
sind gerecht (das heißt frei und verantwortlich); und noch Das Unentscheidbare, ein Motiv, ein Thema, das man
weniger: »ich bin gerecht«. häufig mit der Dekonstruktion in Verbindung bringt, ist
Statt »gerecht« kann man »gesetzmäßig« oder »legitim« nicht einfach ein Schwanken zwischen zwei widersprechen-
sagen, in Übereinstimmung mit einem Recht, mit Regeln den und äußerst bestimmten Bedeutungen oder Regeln, die
und Konventionen, die ein Berechnen ermöglichen, deren auch einen imperativen, befehlenden Charakter haben (in
(be)gründender Ursprung aber das Problem der Gerechtig- diesem Zusammenhang zum Beispiel die Achtung vor dem
keit lediglich aufschiebt. Denn im Augenblick der Grün- allgemeinen Recht und der Gerechtigkeit im Sinne der An-
dung oder der Einrichtung dieses Rechts, wird sich gen au gemessenheit, der Billigkeit [equitej, sowie vor der stets
dieses Problem der Gerechtigkeit gestellt haben, wird es heterogenen und einzigartigen Besonderheit des Beispiels,
gewaltsam gelöst worden sein, also begraben, verborgen, das man nicht subsumieren kann). Das Unentscheidbare ist
verdrängt. Das beste Paradigma ist hier das der Gründung nicht einfach das Schwanken oder die Spannung zwischen
der Nationalstaaten oder der Akt, der den Grund für eine zwei Entscheidungen, es ist die Erfahrung dessen, was dem
Verfassung legt und jenes instauriert, was man im Franzö- Berechenbaren, der Regel nicht zugeordnet werden kann,
sischen etat de droit (und im Deutschen Rechtsstaat) weil es ihnen fremd ist und ihnen gegenüber ungleichartig
nennt. bleibt, was dennoch aber - dies ist eine Pflicht - der unmög-
lichen Entscheidung sich ausliefern und das Recht und die
Regel berücksichtigen muß. Eine Entscheidung, die sich
nicht der Prüfung des Unentscheidbaren unterziehen
49
würde, wäre keine freie Entscheidung, sie wäre eine pro- ein Gespenst inne, wie ein wesentliches Gespenst. Sein Ge-
grammierbare Anwendung oder ein berechenbares Vorge- spensterhaftes dekonstruiert im Inneren jede Gegenwarts-
hen. Sie wäre vielleicht rechtens, nicht aber gerecht. Im Versicherung, jede Gewißheit, jede vermeintlicbe Kriterio-
Augenblick der Suspension, der der Augenblick des Unent- logie, welche die Gerechtigkeit einer Entscheidung (eines
scheidbaren ist, ist sie allerdings ebensowenig gerecht, da Entscheidungs-Ereignisses) (ver)sichert, ja welche das Ent-
allein eine Entscheidung gerecht sein kann (um den Satz scheidungs-Ereignis selbst sicherstellt. Wer wird jemals
»allein eine Entscheidung kann gerecht sein« zu rechtferti- (ver)sichern können, daß sich eine Entscheidung als solche
gen, muß man keineswegs die Entscheidung auf die Struk- ereignet hat? Daß sie nicht auf diesem oder jenem Umweg
tur eines Subjekts oder auf die propositionelle Form eines einem Grund, einem Zweck, einem Rechtshandel, einer Be-
Urteils beziehen). Hat sie sich der Prüfung des Unent- rechnung, einer Regel gefolgt ist - ohne diese kaum wahr-
scheidbaren unterzogen, hat sie dessen Erfahrung gemacht, nehmbare Suspension, die jede freie Entscheidung aus-
gehören Prüfung und Erfahrung zur Vergangenheit (ist dies zeichnet, im Augenblick, da eine Regel angewendet oder
möglich?), so hat die Entscheidung wieder eine Regel be- nicht angewendet wird?
folgt, so hat sie sich selbst erneut eine Regel vorgegeben; Die gesamte subjektale Axiomatik der Verantwortung,
~ie hat eine Regel erfunden oder wieder erfunden, wieder des Bewußtseins, der Intentionalität, der Eigenschaft und
behauptet und ist gegenwärtig, in der Gegenwart nicht län- des Eigenen, Eigentümlichen, die den gegenwärtig vor-
ger voll und ganz gerecht. Wie es scheint, kann man nie- herrschenden juridischen Diskurs und die Kategorie der
mals sagen, daß eine Entscheidung jetzt, im gegenwärtigen Entscheidung (die Bestellung medizinischer Gutachten ein-
Augenblick vollkommen gerecht ist: entweder hat man sich begriffen) bestimmt, ist derart anfällig und theoretisch
noch nicht entschieden und dabei eine Regel befolgt (nichts grobschlächtig, daß man darauf nicht eigens hinweisen
erlaubt uns in diesem Fall, zu sagen, die Entscheidung sei muß. Die Auswirkungen dieser Begrenztheit sind konkret
gerecht) - oder man hat schon eine Regel befolgt - empfan- und auffällig genug, um ein Aufzählen von Beispielen über-
gen, bestätigt, erhalten, wieder erfunden -, die ihrerseits flüssig erscheinen zu lassen.
nicht absolut verbürgt werden kann; wäre diese Regel eine Diese zweite Aporie oder diese zweite Gestalt der näm-
verbürgte Regel, wäre also die Entscheidung eine verbürgte lichen Aporie macht bereits deutlich, daß die Dekonstruk-
Entscheidung, so hätte sie sich in ein Berechenbares ver- tion des Glaubens an die bestimmende Gewißheit einer
wandelt, und man könnte wiederum nicht sagen, sie sei gegenwärtigen Gerechtigkeit selber von der »Idee der Ge-
gerecht. Deshalb ist die Erfahrung, die Prüfung des Unent- rechtigkeit«, von der Idee einer unendlichen Gerechtigkeit
scheidbaren, durch die, wie ich gerade ausgeführt habe, jede ausgeht: unendlich ist diese Gerechtigkeit, weil sie sich
Entscheidung hindurch muß, die den Namen einer Ent- nicht reduzieren, auf etwas zurückführen läßt, irreduktibel
scheidung verdient, niemals ein Vergangenes, Überholtes ist sie, weil sie dem Anderen gebührt, dem Anderen sich
oder Überschrittenes, sie ist nie ein in der Entscheidung, verdankt; dem Anderen verdankt sie sich, gebührt sie vor
durch die Entscheidung aufgehobenes':- Moment. Jeder Ent- jedem Vertragsabschluß, da sie vom Anderen aus, vom An-
scheidung, jeder sich ereignenden Entscheidung, jedem deren her gekommen, da sie das Kommen des Anderen ist,
Entscheidungs-Ereignis wohnt das Unentscheidbare wie dieses immer anderen Besonderen. In meinen Augen ist
5° 51
diese »Idee der Gerechtigkeit« aufgrund ihres bejahenden tiblen Wetteiferns wahrzunehmen oder begrifflich festzu-
Wesens irreduktibel, aufgrund ihrer Forderung nach einer halten; er erlaubt uns dies aber von einem Rand aus, an
Gabe ohne Austausch, ohne Zirkulation, ohne Rekogni- dem der Schwindel oder der Taumel auf uns lauern, in dem
tion, ohne ökonomischen Kreis, ohne Kalkül und ohne Augenblick, da wir nichts anderes mehr erspähen als Bei-
Regel, ohne Vernunft oder ohne Rationalität im Sinne des spiele und da einige unter uns nicht mehr wetteifern, nicht
ordnenden, regelnden, regulierenden Beherrschens. Man mehr konkurrieren, sich dem Wettrennen nicht mehr zuge-
kann darin also einen Wahn erkennen, ja sie des Wahns an- hörig fühlen; damit ist gesagt, daß wir von nun an stets das
klagen. Man erkennt darin vielleicht sogar eine (andere) Art Risiko eingehen (ich rede hier zumindest in meinem eigenen
Mystik (und klagt sie deshalb an). Die Dekonstruktion ist Namen), nicht mehr »im Rennen« zu sein (etre dans la
verrückt nach dieser Gerechtigkeit, wegen dieser Gerech- course, wie es im Französischen heißt). Daß man jedoch
tigkeit ist sie wahnsinnig. Dieses Gerechtigkeitsverlangen nicht mehr »im Rennen« ist, mitten im Verkehr der Straße,
macht sie verrückt. Diese Gerechtigkeit, die kein Recht ist, läuft nicht darauf hinaus, daß man am Anfang stehenbleiben
ist d;e Bewegung der Dekonstruktion: sie ist im Recht oder kann oder daß man zu einem bloßen Zuschauer wird - weit
in der Geschichte des Rechts am Werk, in der politischen davon entfernt. Genau das bringt vielleicht (die Dekon-
<jeschichte und in der Geschichte überhaupt, bevor sie sich struktion) ständig auf Trab f/aire courir] , genau das hält (die
als jener Diskurs präsentiert, den man in der Akademie, in Dekonstruktion) vielleicht an, schneller und intensiver zu
der modernen Kultur als »Dekonstruktionismus« betitelt. laufen.
Ich würde zögern, wenn es darum ginge, diese »Idee der
Gerechtigkeit« mit einer regulativen Idee im Sinne Kants
oder mit einem messianischen Versprechen gleichzusetzen, 3. Dritte Aporie: Die Dringlichkeit, die den Horizont
wenn man sie also in einen Horizont solchen - desselben - des Wissens versperrt
Typs rücken wollte. Ich rede nur von einem Typ, von jenem
Typ Horizont, dessen Arten zahlreich sind und miteinander Einer der Gründe dafür, daß ich hier einen Vorbehalt gegen
wetteifern. Daß sie miteinander wetteifern bedeutet, daß sie alle Horizonte anmelde, etwa gegen den der regulativen
sich ziemlich ähnlich sind und daß sie stets das absolute Idee Kants oder gegen den des messianischen Ereignisses,
Privileg einer irreduktiblen Besonderheit beanspruchen. des messianischen Kommens (mein Vorbehalt gilt zunächst
Das Besondere des geschichtlichen Orts (der vielleicht un- der konventionellen Interpretation dieser Horizonte), liegt
ser geschichtlicher Ort ist, der in jedem Fall der ist, auf den darin, daß es sich eben um Horizonte handelt. Wie das grie-
ich mich hier dunkel beziehe) erlaubt es uns, den Typ(us) chische Wort anzeigt, ist ein Horizont eine Öffnung und
selber zu erahnen, und zwar als Ursprung, Bedingung, zugleich eine Grenze, welche die Öffnung beschränkt; ein
Möglichkeit und Versprechen all seiner Exemplifikationen Horizont ist eine Öffnung und eine Grenze, und als solcher
(Messianismus jüdischen, christlichen oder islamischen erweist er sich entweder für einen unendlichen Fortschritt
Typs, Idee im Kantischen Sinne, Eschato-teleologie neo- oder für eine Erwartung als bestimmend.
hegelianischen, marxistischen oder postmarxistischen Typs So wenig sie sich auch vergegenwärtigen, präsentieren,
usw.). Er erlaubt es uns ebenfalls, das Gesetz des irreduk- darstellen läßt: die Gerechtigkeit wartet nicht. Sie ist jenes,
52 53
was nicht warten darf, was nicht warten muß. Um einen dem Performativen und dem Konstativen trauen (das damit
direkten und einfachen Stil zu wählen, um mich kurz zu angezeigte Problem kann ich an diesem Ort nicht behan-
halten, lassen Sie mich folgende Behauptung aufstellen: deln), so müßte man die Irreduktibilität der überstürzenden
Eine gerechte, angemessene Entscheidung ist immer sofort, Dringlichkeit, ja im Grunde die Irreduktibilität der Unbe-
unmittelbar erforderlich, »right away«. Sie kann sich nicht sonnenheit, der Ahnungslosigkeit, des Unbewußtseins -
zuerst eine unendliche Information besorgen, das gren- gleichgültig, welchen verständigen Grund und welches Ge-
zenlose Wissen um die Bedingungen, die Regeln, die hy- schick man darin erblickt - der performativen Struktur der
pothetischen Imperative, die sie rechtfertigen könnten. Sprechhandlungen (speech act) zuordnen, der performati-
Selbst wenn sie über ein solches Wissen verfügen würde, ven Struktur der Handlung als Justizakt oder Rechtstat; ob
selbst wenn sie sich die hierzu nötige Zeit ließe und das es sich dabei nun um ein gründendes, einrichtendes Perfor-
notwendige Wissen sich aneignete, so wäre trotzdem der mativum handelt oder um ein abgeleitetes, das bereits vor-
Augenblick der Entscheidung - so wäre trotzdem dieser handene Konventionen voraussetzt. Ein Konstativum kann
Augenblick als solcher stets ein endlicher Augenblick der angemessen, niemals aber gerecht sein. Da aber ein Perfor-
Dringlichkeit und der Überstürzung; zumindest, wenn mativum nur dann gerecht sein kann, wenn es auf Konven-
~an voraussetzt, daß er nicht die Konsequenz oder die Wir- tionen gründet, also auf vorgängigen performativen Akten,
kung dieses theoretischen oder historischen Wissens, dieses die sichtbar oder verborgen sind, birgt es in sich stets eine
Nachdenkens oder dieser Überlegung sein kann - sein darf, plötzlich ausbrechende Gewalt und gehorcht nicht einfach
und daß er immer eine Unterbrechung der juridisch-, den Erfordernissen der theoretischen Rationalität. Beruht
ethisch- oder politisch-kognitiven Überlegung, die ihm nun jede konstative Aussage ihrerseits auf einer zumindest
vorausgehen muß und vorausgehen soll, darstellt. Der impliziten performativen Struktur (»ich sage Dir, daß ... ,
Augenblick der Entscheidung ist, wie Kierkegaard schreibt, ich spreche mit Dir, ich richte mich an Dich, um Dir zu
ein Wahn. Dies trifft vor allem auf den Augenblick der ge- sagen, daß es wahr, daß es so ist, ich verspreche Dir, ich
rechten, angemessenen Entscheidung zu, die die Zeit zer- erneuere mein Versprechen, einen Satz zu formulieren
reißen und den verschiedenen Dialektiken trotzen muß. Ein [faire une phrase] und das, was ich sage, zu unterschreiben,
Wahn (ist's). Auch wenn man von der Hypothese ausgeht, wenn ich sage, daß ... , wenn ich Dir die Wahrheit sage oder
daß die Zeit und die Überlegtheit, die Geduld des Wissens zu sagen versuche ... usw.«), so supponiertfolglich die Di-
und die Meisterschaft unbegrenzt sind, ist die Entscheidung mension der Angemessenheit oder der Wahrheit theore-
in ihrer Struktur endlich, so spät sie auch getroffen werden tisch-konstativer Aussagen (in allen Bereichen, besonders
mag: dringliche, überstürzte Entscheidung, in der Nacht in dem des Rechts) die Dimension der Gerechtigkeit perfor-
des Nicht-Wissens und der Nicht-Regelung. Diese Nacht mativer Aussagen, das heißt: sie supponiert deren wesent-
ist nicht die eines Fehlens der Regel und des Wissens, son- liche Überstürzung, der immer eine gewisse Asymmetrie
dern die einer erneuten Einrichtung oder Einsetzung der und ein gewisser gewaltsamer Zug anhaften. Ich bin ver-
Regel, der definitions gemäß kein Wissen und keine Garan- sucht, das, was Levinas in einer ganz anderen Sprache und
tie vorausgehen. Könnte man einer wenig differenzierten in der Folge eines ganz anderen diskursiven Vorgehens sagt,
und auf Eindeutigkeit angelegten Unterscheidung zwischen in einem solchen Sinne zu verstehen; Levinas behauptet,
54 55
daß »die Wahrheit die Gerechtigkeit voraussetzt«.!7 Wollte man immer »vielleicht« sagen. Die Gerechtigkeit ist der Zu-
man eine idiomatische französische Wendung auf gefähr- kunft geweiht, es gibt Gerechtigkeit nur dann, wenn sich
liche Weise parodieren, könnte man am Ende sagen: »La etwas ereignen kann, was als Ereignis die Berechnungen, die
justice, ya qu'r;a de vrai« [»Nichts ist so wahr, so echt wie Regeln, die Programme, die Vorwegnahmen usw. über-
die Gerechtigkeit«]. Es muß nicht eigens darauf hingewie- steigt. Als Erfahrung der absoluten Andersheit ist die Ge-
sen werden, daß dies für den Status der Wahrheit - wenn rechtigkeit undarstellbar, doch darin liegt die Chance des
man sich denn überhaupt so noch ausdrücken kann - nicht Ereignisses und die Bedingung der Geschichte. Die Bedin-
ohne Folgen bleibt.!8 gung einer zweifellos unkenntlichen Geschichte, unkennt-
Paradox genug liegt es an diesem Übergreifen des Perfor- lich für jene, die zu wissen meinen, wovon sie genau
mativen (an diesem Übergriff über das streng unterschie- sprechen, wenn sie das Wort »Geschichte« in den Mund
dene Performativum hinaus), an diesem stets übermäßigen nehmen - mag es um die Sozialgeschichte, um eine Ge-
Vorstoß und Vorsprung der Deutung, an dieser Dringlich- schichte der Ideologie, um ideologische, politische oder
keit und an dieser Überstürzung, die der Gerechtigkeit juridische Geschichte gehen.
strukturell eignen, daß sie keinen (regulativen oder messia- Das Übermäßige der Gerechtigkeit, durch das sie sich
IJischen) Erwartungshorizont kennt. Gerade deshalb steht nicht im Recht und in der Berechnung erschöpft, das Über-
ihr vielleicht eine Zu-kunft (to-come) offen, kommt sie viel- mäßige des Undarstellbaren, durch das es über das Be-
leicht auf uns zu; diese Zu-kunft, dieses Zu-Kommen und stimmbare hinausschießt, dürfen nicht als Alibi dienen, um
jene Zukunft, welche die Gegenwart stets zu reproduzieren sich im Inneren einer Institution oder eines Staates (in der
vermag, halte ich strikt auseinander. Die Gerechtigkeit Beziehung zwischen einer Institution oder einem Staat zu
bleibt im Kommen, sie muß noch kommen, sie hat, sie ist anderen Institutionen oder Staaten) von den juridisch-poli-
Zu-kunft, sie ist die Dimension ausstehender Ereignisse, tischen Kämpfen fernzuhalten. Auf sich selbst gestellt, sich
deren Kommen irreduktibel ist. Diese Zu-kunft wird im- selbst preisgegeben, aufgegeben und allein gelassen, befin-
mer die ihre (gewesen) sein. In dem Maße, in dem sie nicht det sich die allen Berechnungen, allem Kalkül trotzende,
einfach ein juridischer oder ein politischer Begriff ist, Gerechtigkeit spendende Idee stets in nächster Nähe zum
schafft darum vielleicht die Gerechtigkeit zu-künftig Of- Bösen, ja zum Schlimmsten, da das perverseste Kalkül sie
fenheit für eine Verwandlung, eine Umgestaltung oder eine sich stets wieder aneignen kann. Diese Möglichkeit bleibt
Neu(be)gründung des Rechts und der Politik - öffnet sie immer bestehen. Die jeder Berechnung, jedem Kalkül gänz-
vielleicht diese Verwandlung, Umgestaltung oder Neu(be) lich fremde Gerechtigkeit befiehlt also die Berechnung und
gründung der Zu-kunft. das Kalkül. Dieses Berechnen muß sich so eng wie möglich
>>Vielleicht« - wenn es um (die) Gerechtigkeit geht, muß an jenes halten, was man mit der Gerechtigkeit in Verbin-
17 Es handelt sich um den Titel eines Abschnitts des Kapitels »Wahrheit und
dung bringt: das Recht, die juridische Sphäre, die man
Gerechtigkeit« aus dem ersten Teil von Totalität und Unendlichkeit, a. a. 0., durch eine Abgrenzung nie völlig zu isolieren vermag, de-
S. 12 5; französische Ausgabe S. 62 (»la verite suppose la justice«). ren Grenzen also nie sicher sind, all jene Bereiche schließ-
18 Zu dem, was Augustinus das Veritatern facere nennt, vgl. Circonfession, in:
G. Bennington und]. Derrida,Jacques Derrida, Paris [99[, vor allem S. 48 f. lich, von denen man das Recht nicht abtrennen kann, die in
[Deutsche Übersetzung in Vorbereitung, A. d. Ü.] es hineinreichen und die nicht mehr bloß(e) Bereiche oder
57
Felder sind: das Ethische, das Politische, das Ökonomische, Politisierung), die in großem Maße geopolitisch ist, jenseits
das Psycho-Soziologische, das Philosophische, das Litera- aller absichtlichen Ablenkungen, jenseits aller bestimmten
rische usf. Man muß nicht nur kalkulieren, den Bezug und besonderen Wiederaneignungen des internationalen
zwischen dem Berechenbaren und dem Unberechenbaren Rechts, müssen sich andere Zonen regelmäßig auftun, Zo-
aushandeln - und zwar ohne Regel: ohne Regel, die man nen, die man zunächst für zweitrangig, für Randzonen
nicht dort, wo wir »geworfen« sind, wo wir uns aufhalten, halten mag. Dieses Marginale bedeutet auch, daß hier Ge-
wieder erfinden müßte -; man muß dies auch in der größt- walt(tätigkeit), ja Terrorismus und andere Formen der Gei-
möglichen Entferntheit tun, jenseits des Ortes, an dem wir selnahme hier wirksam sind und sich geltend machen
uns aufhalten, jenseits der bereits identifizierbaren Gebiete (wollte man Beispiele aus unserem Umkreis nennen, so
der Moral, der Politik, des Rechts, jenseits der Unterschei- müßte man an die Gesetze denken, welche die Erziehung
dung zwischen dem Nationalen und dem Internationalen, und das Reden einer Sprache regeln, an die Legitimierung
dem Öffentlichen und dem Privaten usw. Dieses »Müssen« eines herrschenden Kanons, an die militärische Benützung
gehört eigentlich weder zur Gerechtigkeit noch zum Recht. wissenschaftlicher Forschung, an die Abtreibung, an die
Dem einen oder dem anderen Raum gehört es nur in dem Euthanasie, an die Probleme der Organverpflanzung, des
Maße an, in dem es die Grenzen des betreffenden Raums Gebärens außerhalb der Gebärmutter, an das Bio-enginee-
zum anderen hin öffnet. Die Politisierung etwa ist ein end- ring, an die medizinischen Laborversuche, an den gesell-
loser Prozeß, sie kann und darf aber niemals zu einem schaftlichen Umgang mit Aids, an die Makro- oder Mikro-
Abschluß kommen, eine totale Politisierung sein. Damit politik, die den Drogengebrauch, die Homeless usw.
dies nicht wie eine Binsenwahrheit oder etwas Triviales betrifft, ohne freilich die Behandlung dessen, was man als
klingt, gilt es, folgende Konsequenz zu erkennen: Jedes Tierleben, als Tierheit bezeichnet, zu vergessen. Was dieses
Vorstoßen der Politisierung zwingt uns dazu, die Grundla- letztgenannte Problem angeht, verdeutlicht der Text, dem
gen des Rechts, die aus einer schon erfolgten Berechnung ich mich nun zuwende, daß Benjamin, der Autor dieses
und Abgrenzung resultieren, erneut in Erwägung zu ziehen Textes, sich ihm gegenüber nicht taub gestellt hat, daß er
und folglich neu zu deuten. So hat es sich zum Beispiel bei ihm gegenüber nicht unempfindlich geblieben ist, mögen
der Erklärung der Menschenrechte zugetragen, bei der Ab- auch seine Aussagen zu diesem Thema recht dunkel, viel-
schaffung der Sklaverei, im Zuge all jener Befreiungskämp- leicht sogar ziemlich traditionell sein).
fe, die statthaben und weiterhin statthaben werden, überall
in der Welt, im Namen der Frauen und der Männer. Nichts
scheint mir weniger veraltet zu sein als das klassische eman-
zipatorische Ideal. Man kann heute nur dann versuchen, es
(auf ausgeklügelte Weise oder in grobschlächtiger Manier)
zu dillkreditieren, wenn man sich' einer gewissen Leicht-
fertigkeit schuldig macht und die schlimmsten Bünde ein-
geht. Jenseits aber dieser identifizierten Gebiete juridischer
Politisierung (jenseits dieser erkannten Gebiete der Juridi-
58
II über der gespenstischen Erfahrung und dem Gedächtnis des Ge-
spenstes, gegenüber der Erfahrung und dem Gedächtnis dessen,
was weder tot noch lebendig ist, was mehr ist als bloß tot oder
lebendig, was einfach über-lebt, Gesetz des Gedächtnisses, das
Aus berechtigten oder aus unberechtigten Gründen habe ich ange- besonders gebieterisch und unabweislich ist, mag es auch gänzlich
nommen, daß es vielleicht nicht vollkommen unangemessen wäre, ausgelöscht sein (den größten Anspruch stellt es gerade deshalb,
wenn ich bei der Eröffnung eines Colloquiums l9 über den Nazis- weil es sich am stärksten auslöschen läßt).
mus, die Endlösung und die Grenzen der Vorstellung oder der Dieser Text Benjamins wird nicht nur von einem Denker si-
Darstellung (der Repräsentation) einen Text Walter Benjamins gniert, von dem es heißt (und der von sich selber behauptet), er sei
prüfe und befrage, genauer: einen 1921 verfaßten Aufsatz, der den in gewisser Weise Jude (vor allem von diesem Rätsel der Signatur
Titel Zur Kritik der Gewalt"· trägt; ich habe dies auch deshalb an- möchte ich reden). Zur Kritik der Gewalt"· steht auch in einer
genommen, weil mein Vortrag gleichzeitig (diese doppelte Gast- jüdischen Perspektive, welche die gerechte göttliche (jüdische) Ge-
freundschaft ehrt mich) unter den Auspizien eines Zentrums steht, walt, die das Recht zerstört, der mythischen Gewalt (griechischer
das den Critical Studies and the Human Seien ces geweiht ist. Wenn Herkunft), die das Recht einsetzt und erhält, entgegenstellt.
2. Folgt man der tiefgreifenden Logik dieses Aufsatzes, die eine
ich also die Wahl getroffen habe, Ihnen eine Lesart des Benjamin-
schen Textes vorzulegen, die ein wenig gewagt ist, so aus mehreren bestimmte Deutung der Sprache (des Ursprungs und der Erfah-
Gründen, die sich hier, wie es scheint, kreuzen. rung der Sprache) ansetzt, so fällt das Böse - eine tödliche Kraft -
I. Diesen unruhigen, rätselhaften, furchtbar zweideutigen Text
in die Sprache ein, und zwar durch die Repräsentation, durch eine
halte ich bereits im voraus (kann man an dieser Stelle sagen: »im re-präsentative, vermittelnde, technische, semiotische, informa-
voraus«?) für einen Text, der vom Thema der radikalen Zerstö- tive, am Gebrauch ausgerichtete Dimension: die Kräfte dieser
rung, der vollkommenen Vernichtung und Auslöschung heimge- Dimension sind Kräfte, die die Sprache von ihrer ursprünglichen
sucht wird. Zunächst soll das Recht, ich ~age nicht: die Gerechtig- Bestimmung (von der Benennung, vom Beim-Namen-Rufen, von
keit ausgelöscht werden; zum Recht zählen dabei auch die der Gabe oder dem Ruf der Anwesenheit im Namen) fortreißen,
Menschenrechte, zumindest in dem Maße, in dem sie im Rahmen die sie zu Fall, die sie in große Ferne zu ihrer Bestimmung brin-
einer naturrechtlichen Überlieferung griechischen oder aufkläreri- gen oder gar außerhalb dieser Bestimmung in Verfall geraten las-
schen'" Typs gedeutet werden können. Ich rede bewußt davon, daß sen. Wir werden uns fragen müssen, wie sich dieses Denken des
das Thema der vernichtenden Gewalt den Text heimsucht, da er Namens einerseits und die Heimsuchung durch das Gespenst -
(ich werde versuchen, dies zu zeigen) insbesondere von der Heim- und die Logik des Gespenstes andererseits ineinanderfügen. Ben-
suchung selber heimgesucht wird, von einer Quasi-Logik des Ge- jamins Aufsatz, der also vom Bösen handelt, von dem Bösen, das
spenstes, die man an die Stelle einer ontologischen Logik der kommt und das durch die Repräsentation zur Sprache kommt, ist
Anwesenheit, der Abwesenheit und der Re-präsentation setzen ebenfalls ein Aufsatz, in dem die Begriffe der Verantwortung und
müßte, da sie stärker ist als diese. Ich frage mich, ob eine Gemein- der Verschuldung, des Opfers, der Entscheidung, der Lösung, der
schaft, die sich (ver)sammelt, um jenes zu denken, was an der Strafe und der Sühne eine unauffällige, in meinen Augen aber
namenlosen Sache, der man den Namen »Endlösung« beigelegt wichtige Rolle spielen: meistens werden sie mit dem, was dä-
hat, dem Denken zugänglich ist, jenes, was sich davon aufnehmen monisch oder »dämonisch zweideutig« ist, in Zusammenhang ge-
läßt, nicht zuerst dem Gesetz des Gespenstes gastfreundlich be- bracht.
gegnen muß: sie muß sich gastfreundschaftlich verhalten gegen- 3. Zur Kritik der Gewalt"· ist nicht einfach eine Kritik der Reprä-
sentation als Perversion 'md (Sünden)fall der Sprache, sondern
19 Vgl. Anm. I.

60 61
auch eine Kritik der Repräsentation als politisches System der for- als Philosoph, Richter oder Jurist, als Moralist, Glaubensmensch,
malen und parlamentarischen Demokratie. So gesehen, gehört Dichter, Filmemacher)? Die eigentümliche Vielfalt der Sprach-
dieser 1921 geschriebene revolutionäre Aufsatz (revolutionär auf codes, die sich in diesem Text kreuzen, und - um uns auf dieses
eine marxistische und zugleich messianische Weise) der großen Beispiel zu beschränken - die Aufpfropfung der Sprache der mar-
anti-parlamentarischen und gegen-aufklärerischen'" Welle an, an xistischen Revolution auf die der messianischen Revolution (beide
deren Oberfläche dann der Nazismus auftaucht [faire surface] kündigen nicht allein ein neues historisches Zeitalter an, sondern
und - in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre - sogar den Anfang einer wahren, wahrhaft vom Mythos befreiten Ge-
»surft«. schichte), erleichtern es nicht, Hypothesen aufzustellen, die einen
4. Die vielflächige und vieldeutige Frage der Repräsentation Benjaminschen Diskurs über die »Endlösung« und einen Benja-
stellt sich in diesem seltsamen Aufsatz auch noch aus anderer Sicht. minschen Diskurs über Möglichkeit und Unmöglichkeit eines
Während (oder weil) er zunächst zwei Gewalten unterscheidet (die solchen Diskurses zum Gegenstand haben. Es wäre freilich unvor-
setzende und die erhaltende Gewalt), muß Benjamin, hat er einmal sichtig zu behaupten, daß Benjamin von der »Endlösung« gar
einen bestimmten Punkt erreicht, zugeben, daß die eine Gewalt im nichts gewußt hat - zumindest wenn man sich dabei einfach an die
Verhältnis zur anderen nicht gänzlich heterogen sein kann: die so- objektiven Daten hält, daran, daß die Wannsee-Konferenz im Jahr
genannte »setzende« Gewalt wird von der erhaltenden zuweilen 1942 stattgefunden und daß Benjamin 1940 an der französisch-
»repräsentiert« . spanischen Grenze Selbstmord begangen hat. Die Chronologie
I Aus all diesen Gründen und vor der Folie all dieser miteinander derartiger Ereignisse hat niemals etwas Selbstverständliches. Man
verknüpften Fäden, auf die ich zurückkommen werde, kann man wird immer auf etwas stoßen, was es erlaubt, die Hypothese zu
eine Reihe von Fragen aufwerfen. Sie werden den Horizont meiner stützen, daß Benjamin bereits von 1921 an nichts anderes im Sinne
Textlektüre bilden, mag ich hier auch nicht über die Zeit und die hatte als die Möglichkeit dieser Endlösung: sie fordert die Ord-
Mittel verfügen, um sie im einzelnen zu erläutern. Was hätte Ben- nung der Repräsentation deshalb besonders heraus, weil sie viel-
jamin von der »Endlösung« gedacht, welche Gedanken lassen sich leicht in Benjamins Augen vom radikal Bösen zeugt, vom (Sün-
in diesem Aufsatz ausmachen, deren Gestalt zumindest virtuell mit den)fall als Fall der Sprache in die Repräsentation. Folgt man einer
der »Endlösung« (mit ihrem Vorhaben, mit ihrer Umsetzung in die gleichbleibenden Logik des Benjaminschen Diskurses, so kann
Wirklichkeit, mit der Erfahrung ihrer Opfer, mit den Urteilen, man an zahlreichen Anzeichen ablesen, daß nach dieser unvorstell-
Prozessen, Deutungen, den erzählerischen, erklärenden, literari- baren und und ars teilbaren Sache, welche die »Endlösung« gewe-
schen, geschichtlichen Darstellungen oder Repräsentationen, die sen sein wird, nicht nur der Diskurs, die Literatur und die
versucht haben, sich an ihr zu messen) in einen Zusammenhang Dichtung keineswegs unmöglich sind, sondern sogar ursprüng-
gebracht werden kann - wenn denn eine solche Vorwegnahme licher und eschatologischer denn je die Bestimmung erhalten, sich
möglich ist? Wie würde Benjamin von der »Endlösung« gespro- von einer Rückkehr oder einer - noch - versprochenen Ankunft
chen haben; wie müßte man seinem Wunsch gemäß von ihr spre- der Namensprache (einer Sprache oder einer Poetik des Beim-
chen, sie repräsentieren (dar- und vorstellen) oder von ihrer Namen-Rufens, die sich der Sprache der Zeichen, der informati-
Repräsentation (von ihrer Dar- und Vorstellung) ablassen, wie ven oder kommunikativen Repräsentation widersetzt) bestimmen
müßte man sie im Sinne eines solchen Wunsches identifizieren oder zu lassen. Ich habe mich an anderer Stelle (im Zusammenhang mit
es sich verbieten, sie zu identifizieren, wie müßte man es bewerk- Celan, dem Datum und dem Akt) mit diesen Fragen beschäftigt
stelligen, um ihr, Benjamins Wunsch entsprechend, einen Ort, [vgl. Derrida, Schibboleth. Für Paul Celan, Graz-Wien 1986,
einen Ursprung, eine Verantwortlichkeit zuzuweisen, wie müßte A. d. Ü.]. Am Ende, nach einer Textlektüre, in deren Verlauf der
man es anstellen, um dies nicht zu tun (und zwar in der Eigenschaft Horizont des Nazismus und der Endlösung nur durch ankündi-
gende Zeichen oder Blitzlichter sich abzeichnen und einzig auf flächige Analyse der Geschichte und der Struktur dieser jüdisch-
virtuelle, indirekte oder elliptische Weise (von der Seite her) be- deutschen »Psyche« (Spiegelung) sich nicht ersparen. Wir haben
handelt werden wird, möchte ich einige Hypothesen vorbringen, in dem angeführten Seminar unter anderem bestimmte - zuwei-
die die Möglichkeiten betreffen, heute, nach dem Aufkommen des len besonders zweideutige und unheimliche - Analogien studiert,
Nazismus und dem Ereignis der Endlösung diesen Text aus dem die zwischen den Diskursen mancher »großer« deutscher Denker
Jahre 1921 zu lesen. und mancher »großer« deutsch-jüdischer Denker bestehen: zu
Bevor ich nun eine Lesart dieses besonderen, eigentümlichen diesen analogen Merkmalen zählen ein gewisser Patriotismus, ein
Textes vorschlage und einige Fragen aufwerfe, die im engeren Sinne ziemlich häufiger Nationalismus, manchmal sogar (während des
sich an ihn richten, muß ich in dieser bereits allzu langen Einfüh- Ersten Weltkriegs und danach) ein deutscher Militarismus, zum
rung kurz etwas zu dem Kontext sagen, in dem ich - zu einem Beispiel bei Cohen oder Rosenzweig - doch erschöpfen sich die
Zeitpunkt, da ich an dieses Colloquium noch gar nicht denken Analogien nicht in diesen Merkmalen. Genau in diesem Zusam-
konnte - damit begonnen habe, ihn zu lesen. Es handelt sich um menhang haben mich begrenzte, aber bestimmbare Affinitäten
einen dcppelten Kontext; ich möchte ihn so schematisch wie ir- zwischen Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt und Texten
gend möglich definieren und beschränke mich auf jene Züge, die Carl Schmitts, ja Heideggers fasziniert und neugierig gemacht.
uns hier, heute abend interessieren können, weil sie in meiner Les- Von derartigen Affinitäten kann man nicht nur aufgrund einer
~rt eine Spur hinterl~ssen. haben. ...... .. gemeinsamen Feindseligkeit gegenüber der parlamentarischen De-
(I) Zunächst muß Ich eme lange, emJahnge Semmarfolge erwah- mokratie, der Demokratie überhaupt und der Aufklärung'~ reden,
nen (Kant, der Jude, der Deutsche [der Vortrag Interpretations at und auch nicht nur aufgrund einer gewissen Deutung des polemos,
War, veröffentlicht in dem Sammelband Phenomenologie et Politi- des Kriegs, der Gewalt und der Sprache: von Affinitäten läßt
que. Melanges offerts aJacques Taminiaux, Brüssel 1990, ist dar- sich ebenfalls aufgrund einer gemeinsamen Thematik der »De-
aus hervorgegangen, A. d. Ü.]), die im Rahmen eines über drei struktion« sprechen, die zu jener Zeit weit verbreitet war. Zwar
Jahre hinweg fortdauernden Seminars zum Thema »Philosophi- geht Heideggers Destruktion'~ nicht einfach in den Begriff der Zer-
sche Nationalitäten und Nationalismen« gestanden hat. In dieser störung über, der im Mittelpunkt des Benjaminsehen Denkens
Seminarfolge habe ich die verschiedenartige, aber doch beharrlich steht; man kann sich jedoch fragen, was zwischen den beiden Welt-
wiederkehrende Bezugnahme auf Kant, ja auf ein bestimmtes Ju- kriegen eine Thematik ~ :deutet, vorbereitet oder ankündigt, die
dentum Kants, untersucht; diese Bezugnahme läßt sich bei all eine so große Heimsuchungskraft besitzt: um so mehr, als diese
jenen Denkern und Schriftstellern ausmachen, die, von Wagner Destruktion auch die Bedingung einer authentischen Tradition,
und Nietzsche bis Adorno, sich anschicken, auf die Frage »Was eines echten Gedächtnisses und einer Bezugnahme auf eine Ur-
ist deutsch?«* zu antworten. Besonders interessiert hat mich dabei sprache sein soll.
das, was ich als jüdisch-deutsche Psyche oder als jüdisch-deutschen (2) Ein anderer Kontext: bei Gelegenheit eines vor kurzem an
Drehspiegel bezeichnet habe: also die Logik gewisser Phänomene, der Cardozo Law School of Yeshiva University (New York) veran-
die sich durch eine beunruhigende und verstörende Spiegelung stalteten Colloquiums, dessen Gegenstand die Dekonstruktion
auszeichnen, durch eine Spiegelung, die sich in manchen großen und die Möglichkeit der Gerechtigkeit war, habe ich - nach einer
jüdisch-deutschen Schriftsteller- und Denkergestalten dieses Jahr- langen Besinnung über Dekonstruktion und Gerechtigkeit im all-
hunderts ihrerseits spiegelt: ich meine zum Beispiel Cohen, Buber, gemeinen - damit angefangen, diesen Text Benjamins zu analysie-
Rosenzweig, Scholem, Adorno, Arendt - und eben Benjamin. ren; ich wollte mit der größtmöglichen Vorsicht einer irreführen-
Eine ernstzunehmende Reflexion über den Nazismus und die den Bahn folgen, einer aporetischen Bahn, die in ihrer Aporie
»Endlösung« kann, glaube ich, eine mutige, unendliche und viel- selbst seltsame Ereignisse zeitigt: nämlich eine Art Selbstzerstö-
rung, ja eine Art Selbstmord des Textes, die als dessen Erbe nur des Strafrechts im allgemeinen (des Rechts, zu bestrafen)
noch die Gewalt seiner Signatur aufscheinen lassen: die Gewalt eine schmerzhafte Aktualität erlangen. Die tiefgreifenden
seiner Signatur als einer göttlichen Signatur. Wie kann man diesen Veränderungen, denen die Strukturen der Öffentlichkeit
Text im Sinne eines »dekonstruktiven« Gestus' lesen, eines nicht
aufgrund des Erscheinens neuer starker, mächtiger Medien
einfach Heideggerischen oder Benjaminschen Gestus', eines Ge-
(aufgrund etwa des Aufkommens des Radios) unterworfen
stus', der niemals Heideggerisch oder Benjaminisch ist? So lautet
schließlich die dunkle und schwierige Frage, an die sich diese Text- sind, beginnen damit, dieses liberale Modell der parlamen-
lektüre wagen möchte. tarischen Debatte und Beschlußfassung, welches das Her-
vorbringen von Gesetzen bestimmt, in Frage zu stellen.
Wenn ich Ihre Geduld nicht erschöpft habe, schlage ich vor, Solche Umstände sind für das Denken deutscher Juristen
daß wir uns jetzt in einem anderen Stil der versprochenen und Rechtstheoretiker wie Carl Schmitt, um nur einen Na-
Lektüre jenes kurzen und verstörenden Textes zuwenden, men zu nennen, Anlaß und motivierende Kraft. Mein Inter-
Walter Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt':- (1921). esse ist also auch von einigen geschichtlichen Indizien
Ich wage es nicht, zu behaupten, daß dieser Text beispielhaft geweckt worden. So hat zum Beispiel dieser Text, »my-
ist. Wir befinden uns auf einem Gebiet, auf dem es am Ende stisch« in dem überdeterminierten Sinne, der uns hier inter-
lediglich besondere, singuläre Beispiele gibt. Nichts ist ab- essiert, und zugleich überkritisch - dieser Text, den man,
solut beispielhaft. Ich unternehme nicht den Versuch, die wenn man gewisse Anzeichen beachtet, als eine Aufpfrop-
Wahl dieses Beispiels zu rechtfertigen. Ich möchte aber dar- fung jüdisch-neomessianischer Mystik auf einen postsoreI-
tun, weshalb dieser Text nicht das schlechteste Beispiel schen Neomarxismus (oder umgekehrt) lesen kann, hat
dessen ist, was in einem relativ bestimmten Kontext wie Benjamin unmittelbar nach seiner Veröffentlichung einen
dem unseren beispielhaft sein könnte. Glückwunsch Carl Schmitts eingebracht, einen Brief die-
I. Benjamins Analyse reflektiert die Krise, in der sich das ses großen konservativen, katholischen Juristen, der zu je-
europäische Modell der bürgerlichen, liberalen und parla- ner Zeit noch ein Konstitutionalist war, dessen seltsame
mentarischen Demokratie - und folglich der davon un- Bekehrung zum Hitlerismus im Jahr 1933 und dessen Kor-
trennbare Rechtsbegriff - befindet. Das besiegte Deutsch- respondenz mit Benjamin (aber auch mit Heidegger) Ih-
land ist zu jenem Zeitpunkt der Raum, in dem sich diese nen bekannt sind. Was die Analogien angeht, die zwischen
Krise äußerst verdichtet; ihre Eigentümlichkeit läßt sich Zur Kritik der Gewalt':- und manchen Wendungen des Hei-
auch an bestimmten modernen Zügen ablesen, wie etwa an deggerschen Denkens bestehen (vor allem, wenn man an
dem Streikrecht oder an dem Begriff eines Generalstreiks die Motive des Waltens':- und der Gewalt" denkt), so wer-
(mit oder ohne Bezugnahme auf SoreI). Der Zeitabschnitt, den sie wohl niemandem verborgen bleiben. Zur Kritik der
um den es hier geht, folgt auf einen Krieg und eine Vor- Gewalt':- endet mit der göttlichen Gewalt; am Ende sagt
kriegszeit, in der sich in Europa ein pazifistischer Diskurs, Walter Benjamin von dieser Gewalt, daß man sie als »wal-
ein Antimilitarismus, eine Kritik der Gewalt (auch der juri- tende«':- Gewalt bezeichnen kann: »Die göttliche Gewalt
disch-polizeilichen Gewalt) entfalten und scheitern; all dies mag die waltende heißen.« »[ ... ] die waltende heißen «':-
wird sich alsbald (in den folgenden Jahren) wiederholen. Es sind die letzten Worte des Textes. An diesem geschicht-
ist auch der Augenblick, da die Fragen der Todesstrafe und lichen Netzwerk zweideutiger Verträge interessieren mich
66
die (ihm eigene) Notwendigkeit und die (ihm eigenen) Ge- gens (wenn sie denn eines hat), liegt in einer gewissen Erfah-
fahren. Mit einigem Arbeitsaufwand und unter Berücksich- rung des Unmöglichen.«20
tigung bestimmter Vorsichtsmaßnahmen kann man 1989 in Benjamins Darlegung hat also die Frage des Rechts zum
den westlichen Demokratien noch Lehrreiches daraus fol- Gegenstand. Sie zielt sogar, wie wir bald mit aller erforder-
gern. lichen Strenge erkennen werden, auf die Begründung einer
2. Dieser Text ist in meinen Augen beispielhaft, zumin- »Rechtsphilosophie«. Diese »Rechtsphilosophie« nimmt
dest bis zu einem gewissen Punkt: in dem Maße nämlich, in Gestalt an, indem sie auf einer Anzahl Unterscheidungen
dem er sich (erinnern wir uns an die Thematik unseres Co 1- fußt, die alle interessant, provozierend, notwendig erschei-
loquiums) einer Übung in dekonstruktivem Lesen anemp- nen - zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Ich glaube
fiehlt; ich werde versuchen, dies nachzuweisen. allerdings, daß ihnen etwas grundsätzlich Problematisches
3. Eine solche Dekonstruktion ist aber, wie mir scheint, eignet.
der Eingriff, den dieser Text selbst vornimmt, die Erfah- An erster Stelle steht die Unterscheidung zwischen zwei
rung, die dieser Text zunächst selbst macht, Erfahrung Rechtsgewalten, zwei Gewalten, die das Recht betreffen:
seiner selbst - mit sich selbst, selber - in sich selbst eingrei- zwischen einer (be)gründenden Gewalt, der »rechtsetzen-
fend. Was heißt das? Ist das möglich? Was bleibt dann von den Gewalt«, und einer erhaltenden Gewalt, der »rechtser-
einem solchen Ereignis? Von seiner Auto-Hetero-Dekon- haltenden Gewalt«, die das Recht bestätigt, dessen Fort-
struktion? Von seiner angemessenen und unangemessenen dauer und Anwendbarkeit sichert. Der Einfachheit halber
Unvollendetheit? Was ist die Ruine eines solchen Ereignis- schlage ich vor, daß wir im Französischen das Wort violence
ses oder die offene Wunde einer solchen Signatur? Worin beibehalten, um Gewalt" zu übersetzen; ich habe schon
besteht die Kraft dieses Ereignisses, seine Gewalt, sein Ge- darauf hingewiesen, welche Vorsicht man dabei walten las-
waltsames, seine Autorität, seine Legitimität? So lautet eine sen muß. Ein anderes Problem, auf das ich hier nicht einge-
erste Reihe Fragen, die ich aufwerfen möchte. Sie betrifft hen kann, ist die englische Übersetzung des Wortes Recht:
die Möglichkeit der Dekonstruktion. Erlauben Sie mir, soll man es eher (wie in der veröffentlichten englischen Fas-
mich selber zu zitieren; ich habe gelegentlich Folgendes be- sung des Textes) mit »law« oder eher mit »right« überset-
hauptet: »Die strengste, unbeugsamste, genaueste Dekon- zen?
struktion hat sich nie [ ... ] als ein Mögliches dargestellt. Ich Sodann stößt man auf die Unterscheidung zwischen der
würde sogar sagen, daß der Dekonstruktion nichts abgeht, rechtsetzenden Gewalt, die Benjamin als »mythisch« be-
wenn sie ihre Unmöglichkeit eingesteht; und daß jenen, die zeichnet (ich glaube, »mythisch« bedeutet hier implizit
sich allzu schnell an diesem Geständnis erfreuen, auch »griechisch«), und der rechtsvernichtenden Gewalt, von der
nichts abgeht, wenn sie sich gedulden. Die Gefahr, die auf es heißt, sie sei göttlich (ich glaube, »göttlich« meint hier
die Aufgabe des Dekonstruierens lauert, muß man eher in implizit »jüdisch«).
der Möglichkeit suchen; gefährdet ist es davon, sich in ein Schließlich haben wir es mit einer Unterscheidung zwi-
verfügbares Ganzes geregelter Vorgehensweisen, methodi- schen der Gerechtigkeit als ,.Prinzip aller göttlichen Zweck-
scher Praktiken, begehbarer Wege zu verwandeln. Das In- 20 jacques Derrida, ,Psyche<. Erfindung des Anderen, in: Psyche, Paris 19 87;
teresse der Dekonstruktion, ihrer Kraft und ihres Verlan- S. 26-27 (deutsche Übersetzung in Vorbereitung).

68
setzung« (S. 198)21 und der Macht als Prinzip »aller mythi- über sie selbst ein Urteil zu sprechen. Die Kriteriologie um-
schen Rechtsetzung« (ebd.) zu tun. faßt in diesem Fall lediglich die Gewaltanwendung, nicht die
Das Wort »Kritik« im Titel Zur Kritik der Gewalt"· zeigt Gewalt selber: es läßt sich nicht ausmachen, ob die Gewalt
nicht einfach eine negative Bewertung an, ein legitimes Ver- als Mittel in sich selber berechtigt oder unberechtigt, gerecht
werfen oder Verurteilen der Gewalt, sondern ebenfalls eine oder ungerecht, sittlich oder unsittlich ist. Die kritische
Urteilsfindung, eine Abwägung, eine Untersuchung, die Frage bleibt folglich offen: die Frage nach einer Bewertung
sich selbst mit den erforderlichen Mitteln ausstattet, um die und Rechtfertigung der Gewalt selber, unabhängig davon,
Gewalt zu beurteilen. In dem Maße, in dem der Begriff der ob sie ein bloßes Mittel ist und welchen Zwecken sie dient.
Kritik eine Entscheidung und eine Frage beinhaltet (eine Die naturrechtliche Tradition soll, so Benjamin, diese kriti-
Entscheidung in Gestalt des Urteils, eine Frage nach dem sche Dimension ausgeschlossen haben. Der Rekurs auf ge-
Recht, etwas zu [be]urteilen), hängt er wesentlich, in sei- waltsame Mittel erscheint den Verfechtern des Naturrechts
nem Wesen selbst mit der Sphäre des Rechts zusammen. Im keineswegs als fraglich, da die natürlichen Zwecke gerecht
Grunde verhält es sich dabei ein wenig so wie in der kanti- sind. Dieser Rekurs ist genauso gerechtfertigt und gewöhn-
schen Tradition des Kritikbegriffs. Der Begriff der Gewalt lich wie das »Recht« des Menschen, seinen Körper zu bewe-
ermöglicht eine bewertende, abwägende Kritik nur in der gen, um ein Ziel zu erreichen. Aus solcher Sicht ist die
Sphäre des Rechts und der Gerechtigkeit oder in der der Gewalt ein »Naturprodukt«. Benjamin führt einige Bei-
»sittlichen Verhältnisse«. Es gibt keine natürliche oder phy- spiele an, welche diese »Naturalisierung« (dieses Zur-Na-
sische Gewalt. Im übertragenen Sinne kann man freilich von tur-Werden) der Gewalt, die das Naturrecht bewirkt, bele-
Gewalt sprechen, wenn ein Erdbeben sich ereignet oder so- gen sollen:
gar wenn man körperlichen Schmerz empfindet. Man bleibt a) den auf dem Naturrecht gründenden Staat, von dem
aber dessen gewahr, daß es sich dann nicht um eine Gewalt"· Spinoza im Theologisch-politischen Traktat redet; vor Ab-
handelt, die, einem wie immer auch beschaffenen Justizap- schluß eines vernunftgemäßen Vertrages übt der Bürger
parat gegenübergestellt, ein Urteil herbeiführen kann. Der dieses Staats de jure eine Gewalt aus, die er de facto inne-
Begriff der Gewalt gehört der symbolischen Ordnung des hat;
Rechts, der Politik und des Sittlichen an. Allein in dieser b) die ideologische Grundlage der terreur (Benjamin sagt:
Hinsicht kann er einer Kritik stattgeben. Bis jetzt hat sich des »Terrorismus«) in der Französischen Revolution;
diese Kritik stets dem Raum, den die Unterscheidung zwi- c) die ausbeutenden Verwertungen eines bestimmten Dar-
schen Mittel und Zweck beherrscht, eingefügt. Dagegen winismus (was später auf den Nazismus übertragen werden
wendet Benjamin ein, daß die Frage, ob die Gewalt ein Mit- könnte) usw.
tel zu einem (gerechten oder ungerechten) Zweck sein kann, Wenn aber die Überlieferung des positiven Rechts im Ge-
uns bereits daran hindert, die Gewalt selber zu beurteilen, gensatz zum Naturrecht dem geschichtlichen Werden, dem
21 Sämtliche Seitenzahlen, die nach Zitaten in Klammern beigefügt werden, be- das Recht unterworfen ist, eine größere Aufmerksamkeit
ziehen sich auf Benjamins Kritik der Gewalt. Zitiert wird dabei folgende schenkt, so bleibt auch sie diesseits der kritischen Befra-
Ausgabe: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt, in: ders., Gesammelte
Schriften, Band II.I, herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann gung, die Benjamin fordert, die durch ihn erforderlich wird.
Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1977. Ohne Zweifel kann sie nicht davon ausgehen, daß alle Mittel
71
geeignet sind, wenn sie nur als einem natürlichen und unge- In seiner grundlegendsten Verfassung tendiert das euro-
schichtlichen Zweck gemäß sich erweisen. Sie schreibt vor, päische Recht dazu, die individuelle Gewalt zu verbieten
Mittel zu beurteilen, das heißt ihre Angemessenheit an ein und sie in dem Maße zu verurteilen, in dem sie nicht dieses
Recht zu beurteilen, das gerade eingerichtet wird: an ein oder jenes Gesetz bedroht, sondern »die Rechtsordnung«
neues (nicht natürliches) Recht, das sie im Zusammenhang selber. Daher das Interesse des Rechts - denn das Recht hat
mit den Mitteln und folglich aufgrund einer Kritik der ein Interesse daran, sich selber zu setzen und zu erhalten; es
Mittel abschätzt und bewertet. Beide Traditionen haben je- ist daran interessiert, das Interesse, das es ja gerade - und zu
doch eine dogmatische Voraussetzung gemein: die, daß man Recht - repräsentiert, seinerseits zu repräsentieren. Das In-
einen gerechten Zweck mit angemessenen, berechtigten, ge- teresse des Rechts kann »überraschend« anmuten (so Benja-
rechten Mitteln erreichen kann: »Das Naturrecht strebt, mins eigener Ausdruck); soweit das Recht aber in seinem
durch die Gerechtigkeit der Zwecke die Mittel zu >rechtfer- Wesen, in seiner Natur Interesse ist, muß es - daran ist
tigen<, das positive Recht durch die Berechtigung der Mittel nichts Überraschendes mehr - die individuelle Gewalt aus-
die Gerechtigkeit der Zwecke zu >garantieren<.« (S. 180) So schließen, die seine Ordnung bedroht; das Recht muß also
kreisen also die beiden Traditionen in demselben Kreis dog- die Gewalt monopolisieren (Gewalt':' im Sinne von Autori-
matischer Voraussetzungen. Es gibt keinerlei Lösung für tät). Es besteht ein »Interesse des Rechts an der Monopoli-
die Antinomie, wenn ein Widerspruch zwischen gerechten sierung der Gewalt« (S. 183). Dieses Monopol tendiert
Zwecken und berechtigten Mitteln auftaucht. Das positive nicht dazu, diesen oder jenen Rechtszweck in Schutz zu
Recht soll der Unbedingtheit der Zwecke gegenüber blind nehmen, sondern dazu, das Recht selber zu beschützen.
sein, das Naturrecht ist es gegenüber der Bedingtheit der Dem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine tautolo-
Mittel. Obwohl er beide Traditionen gleichermaßen abweist gische Trivialität. Ist indes die Tautologie nicht die phäno-
und ihre Symmetrie aufdeckt, behält Benjamin vom positi- menale Struktur einer bestimmten Gewalt des Rechts, das
ven Recht und seiner Tradition den Sinn für die Geschicht- sich selbst setzt, indem es dekretiert, daß all jenes gewaltsam
lichkeit des Rechts zurück. Allerdings trifft umgekehrt zu, (ungesetzlich, dem Gesetz äußerlich) ist, was es nicht aner-
daß jenes, was Benjamin später dann zur göttlichen Gerech- kennt? Performative Tautologie oder Synthese apriori, die
tigkeit äußert, nicht durchgängig mit dem theologischen die Struktur einer Gesetzesgrundlegung bildet - einer Ge-
Hintergrund oder Wesen aller naturrechtlichen Konzeptio- setzesgrundlegung, die wie jede andere Grundlegung auch
nen unvereinbar ist. Wie es auch sei: Benjamins Kritik der die Möglichkeit schafft, auf performative Weise die Kon-
Gewalt erhebt den Anspruch, über beide Traditionen hin- ventionen zu erzeugen, die die Gültigkeit des Performati-
auszugehen; sie will nicht länger der Sphäre des Rechts vums sichern, dem sich die Mittel verdanken, über die
angehören, sie will nicht mehr von einer Interpretation ab- Legalität der Gewalt zu entscheiden. Die Begriffe der Tau-
hängen, die in die juridische Institution einbezogen ist. Sie tologie, der Synthese apriori und vor allem jenes Performa-
hat ihren Ort in einer »Geschichtsphilosphie« (ein Aus- tivums sind nicht dem Benjaminschen Sprachgebrauch ent-
druck, den Benjamin in einem sehr bestimmten, eigentüm- lehnt; ich wage es aber, zu glauben, daß sie seine Absicht
lichen Sinne gebraucht) und begrenzt sich explizit auf die nicht verraten.
europäischen Gegebenheiten. Die bewundernde Faszination, welche »die Gestalt des
72 73
>großen< Verbrechers« (S. 183) auf das Volk ausübt, läßt sich Staatsgewalt sie nicht mehr umgehen kann. Die Gewalt wird
so erklären: Die heimliche Bewunderung wird nicht von aus solcher Sicht vom Arbeitgeber ausgeübt; der Streik be-
jemandem erregt, der ein bestimmtes Verbrechen begangen steht nur in einer Abkehr, in einem Sich-Entfernen, das
hat, sondern von jemandem, der das Gesetz herausfordert, keineswegs gewaltsam ist und durch das der Arbeiter, der
der ihm trotzt und die Gewalt der Rechtsordnung selbst die Beziehungen zum Unternehmer und zu seinen Maschi-
bloßlegt. Auf diese Weise könnte man auch die Faszination nen abbricht, diesen fremd wird. Brechts späterer Freund
erklären, die in Frankreich der Rechtsanwalt Jacques Verges bestimmt diese Abkehr als »Entfremdung«':-. Er setzt das
ausübt: Verges übernimmt die Verteidigung bei den schwie- Wort in Anführungszeichen. Doch offensichtlich glaubt
rigsten Fällen, dann, wenn es sich in den Augen der Mehr- Benjamin nicht an das Argument der Gewaltlosigkeit des
heit um unhaltbare und unerträgliche Angelegenheiten han- Streiks. Die Streikenden stellen Bedingungen, um die Ar-
delt; er praktiziert, was er die »Strategie des Risses oder des beit wieder aufzunehmen, sie brechen den Streik nur ab,
(Ab )bruchs« [strategie de rupturej nennt, das heißt er macht wenn sich ein bestimmter Stand der Dinge geändert hat.
der bestehenden Rechtsordnung ihre Legitimität streitig, er Gewalt steht also gegen Gewalt. Indem er das Streikrecht an
stellt die gesetzliche Autoriät, die Macht der Justiz und seine eigenen Grenzen rühren läßt, offenbart der Begriff
~chließlich die rechtmäßige Autorität und Macht des Staa- (das Losungswort) des Generalstreiks dessen Wesen. Der
tes, der seine Klienten vor dem Gesetz erscheinen läßt, Staat erträgt dieses Bis-an-die-Grenze-Gehen nur schlecht.
radikal in Abrede. Der Angeklagte erscheint vor der gesetz- Er hält es für einen Mißbrauch (des Streikrechts) und be-
lichen Autorität, ohne (vor ihr) zu erscheinen; er bean- hauptet, daß ein Mißverständnis vorliegt, daß die ursprüng-
sprucht das Recht, der Rechtsordnung ihr Recht streitig liche Absicht falsch verstanden, falsch gedeutet worden ist
machen zu können. Doch um welche Rechtsordnung geht und daß »das Streikrecht >so< nicht gemeint gewesen sei«
es? Geht es um die Rechtsordnung im allgemeinen oder um (S. 184). Er kann den Generalstreik als widerrechtlich ver-
eine spezifische Rechtsordnung, die ein bestimmter Staat urteilen; wenn dieser jedoch weiterhin anhält, stehen wir
eingesetzt und »enforced« hat? Oder um die Ordnung, die vor einer revolutionären Situation. Eine solche Situation ist
mit dem Staat im allgemeinen sich deckt? die einzige, die es uns erlaubt, die Gleichartigkeit von Recht
Das unterscheidende, diskriminierende Beispiel ist hier und Gewalt zu denken: die Gleichartigkeit der Gewalt als
wohl das des Streikrechts. Benjamin merkt an, daß im Klas- Ausübung des Rechts und des Rechts als Gewaltausübung.
senkampf das Streikrecht den Arbeitern garantiert wird: Die Gewalt ist der Rechtsordnung nicht äußerlich. Sie be-
neben dem Staat sind sie also das einzige »Rechtssubjekt«, droht das Recht in dessen Innerem. Sie besteht nicht we-
das die Garantie eines »Rechts auf Gewalt« erhält und das sentlich in der praktischen Kundgebung ihrer Mächtigkeit
folglich an dem Monopol partizipiert, welches der Staat in oder einer brutalen Kraft, deren Ziel das Erreichen eines
dieser Hinsicht innehat. Manche haben dagegen eingewen- Ergebnisses ist, sondern darin, daß sie eine gegebene
det, daß das Streiken, diese Unterlassung von Handlungen, Rechtsordnung bedroht oder zerstört; unter den Umstän-
dieses Nicht-Handeln':- nicht als Gewalt bezeichnet werden den, um die es hier geht, bedroht oder zerstört sie also die
darf, weil es eben keine Handlung ist. Dies dient dann als staatliche Rechtsordnung, die das Recht auf Gewalt (zum
Rechtfertigung für die Einräumung des Streikrechts, wo die Beispiel das Streikrecht) zugestanden hat. Wie soll man die-
74 75
geeignet sind, wenn sie nur als einem natürlichen und unge- In seiner grundlegendsten Verfassung tendiert das euro-
schichtlichen Zweck gemäß sich erweisen. Sie schreibt vor, päische Recht dazu, die individuelle Gewalt zu verbieten
Mittel zu beurteilen, das heißt ihre Angemessenheit an ein und sie in dem Maße zu verurteilen, in dem sie nicht dieses
Recht zu beurteilen, das gerade eingerichtet wird: an ein oder jenes Gesetz bedroht, sondern »die Rechtsordnung«
neues (nicht natürliches) Recht, das sie im Zusammenhang selber. Daher das Interesse des Rechts - denn das Recht hat
mit den Mitteln und folglich aufgrund einer Kritik der ein Interesse daran, sich selber zu setzen und zu erhalten; es
Mittel abschätzt und bewertet. Beide Traditionen haben je- ist daran interessiert, das Interesse, das es ja gerade - und zu
doch eine dogmatische Voraussetzung gemein: die, daß man Recht - repräsentiert, seinerseits zu repräsentieren. Das In-
einen gerechten Zweck mit angemessenen, berechtigten, ge- teresse des Rechts kann »überraschend« anmuten (so Benja-
rechten Mitteln erreichen kann: »Das Naturrecht strebt, mins eigener Ausdruck); soweit das Recht aber in seinem
durch die Gerechtigkeit der Zwecke die Mittel zu >rechtfer- Wesen, in seiner Natur Interesse ist, muß es - daran ist
tigen<, das positive Recht durch die Berechtigung der Mittel nichts Überraschendes mehr - die individuelle Gewalt aus-
die Gerechtigkeit der Zwecke zu >garantieren<.« (S. r80) So schließen, die seine Ordnung bedroht; das Recht muß also
kreisen also die beiden Traditionen in demselben Kreis dog- die Gewalt monopolisieren (Gewalt':· im Sinne von Autori-
matischer Voraussetzungen. Es gibt keinerlei Lösung für tät). Es besteht ein »Interesse des Rechts an der Monopoli-
die Antinomie, wenn ein Widerspruch zwischen gerechten sierung der Gewalt« (S. r83). Dieses Monopol tendiert
Zwecken und berechtigten Mitteln auftaucht. Das positive nicht dazu, diesen oder jenen Rechtszweck in Schutz zu
Recht soll der Unbedingtheit der Zwecke gegenüber blind nehmen, sondern dazu, das Recht selber zu beschützen.
sein, das Naturrecht ist es gegenüber der Bedingtheit der Dem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine tautolo-
Mittel. Obwohl er beide Traditionen gleichermaßen abweist gische Trivialität. Ist indes die Tautologie nicht die phäno-
und ihre Symmetrie aufdeckt, behält Benjamin vom positi- menale Struktur einer bestimmten Gewalt des Rechts, das
ven Recht und seiner Tradition den Sinn für die Geschicht- sich selbst setzt, indem es dekretiert, daß all jenes gewaltsam
lichkeit des Rechts zurück. Allerdings trifft umgekehrt zu, (ungesetzlich, dem Gesetz äußerlich) ist, was es nicht aner-
daß jenes, was Benjamin später dann zur göttlichen Gerech- kennt? Performative Tautologie oder Synthese apriori, die
tigkeit äußert, nicht durchgängig mit dem theologischen die Struktur einer Gesetzesgrundlegung bildet - einer Ge-
Hintergrund oder Wesen aller naturrechtlichen Konzeptio- setzesgrundlegung, die wie jede andere Grundlegung auch
nen unvereinbar ist. Wie es auch sei: Benjamins Kritik der die Möglichkeit schafft, auf performative Weise die Kon-
Gewalt erhebt den Anspruch, über beide Traditionen hin- ventionen zu erzeugen, die die Gültigkeit des Performati-
auszugehen; sie will nicht länger der Sphäre des Rechts vums sichern, dem sich die Mittel verdanken, über die
angehören, sie will nicht mehr von einer Interpretation ab- Legalität der Gewalt zu entscheiden. Die Begriffe der Tau-
hängen, die in die juridische Institution einbezogen ist. Sie tologie, der Synthese apriori und vor allem jenes Performa-
hat ihren Ort in einer »Geschichtsphilosphie« (ein Aus- tivums sind nicht dem Benjaminschen Sprachgebrauch ent-
druck, den Benjamin in einem sehr bestimmten, eigentüm- lehnt; ich wage es aber, zu glauben, daß sie seine Absicht
lichen Sinne gebraucht) und begrenzt sich explizit auf die nicht verraten.
europäischen Gegebenheiten. Die bewundernde Faszination, welche »die Gestalt des
72 73
sen Widerspruch deuten? Ist er nur de facta wirksam, bleibt große Anzahl davon gegeben; sie ähneln sich alle auf un-
er dem Recht äußerlich oder wohnt er ihm, wohnt er dem durchsichtige, verstörende Weise: Benjamin steht häufig
Recht des Rechts inne? zwischen den beiden Extremen), rechtfertigen die Gewalt-
Der Staat, das Recht, das die größte Gewalt und die anwendung, indem sie sich auf die Einrichtung eines neuen
größte Kraft hat, fürchtet nicht eigentlich das Verbrechen Rechts berufen, die gerade stattfindet oder die noch aus-
und die Erpressung, die eine Übertretung des Gesetzes dar- steht. Da dieses ausstehende Recht rückwirkend (im Aus-
stellen, eine Übertretung mit dem Ziel einer partikularen tausch) die Gewalt rechtfertigt, die das Gerechtigkeitsge-
Bereicherung; auch dann nicht, wenn diese Bereicherung fühl verletzen mag, wird sie bereits von dessen vergangener
beachtlich ist und wenn Verbrechen und Erpressung in ei- Zukunft gerechtfertigt. Alle Staaten werden in einer Situa-
nem hohem Maße vorkommen, wie etwa im Falle der Mafia tion gegründet, die man in dem angeführten Sinne revolu-
oder des in großem Umfange betriebenen Drogenhandels. tionär nennen kann. Die Staatsgründung markiert das Auf-
Der Staat fürchtet sich vor der »begründenden« Gewalt kommen eines neuen Rechts, sie tut es immer unter
(S. 185), vor der Gewalt, die in der Lage ist, Rechtsverhält- Anwendung von Gewalt. Immer: selbst dann, wenn sich
nisse zu legitimieren oder zu verändern, und die selbst als nicht jene spektakulären Völkermorde, Ausstöße, Auswei-
j,enes, was ein Recht auf das Recht hat, erscheinen kann. sungen, Deportationen ereignen, die häufig die Gründung
Diese Gewalt gehört im voraus einer Rechtsordnung an, die von Staaten begleiten: von kleinen oder großen, alten oder
noch verwandelt oder begründet werden muß, mag sie auch modernen Staaten, von Staaten, die in unserer Nähe oder in
unser »Gerechtigkeitsgefühl« verletzen. Allein diese Ge- großer Entfernung gegründet werden.
walt erfordert und ermöglicht eine »Kritik der Gewalt«, In diesen Situationen der Staatsgründung oder der Be-
welche die Gewalt nicht bloß als natürliche Kraftausübung gründung des Rechts verhält es sich so, daß die gramma-
bestimmt. Damit eine Kritik, will sagen eine deutende und tikalische Kategorie des zweiten Futurs (der vergangenen
bedeutende Bewertung und Abwägung der Gewalt möglich Zukunft) noch allzusehr einer bloßen Modifikation des Prä-
ist, muß man zunächst einer Gewalt Sinn verleihen, die sens (der Gegenwart) ähnelt, um die gerade statthabende
nicht wie ein Unfall dem Recht von außen zustößt. Jenes, Gewalt zu beschreiben. Jene, die »unsere Zeit« sagen und
was das Recht bedroht, gehört ihm bereits an, gehört zum dabei »unsere Gegenwart« im Lichte einer zukünftig ver-
Recht des Rechts, gehört zum Recht auf das Recht, gehört gangenen Gegenwart oder Anwesenheit denken, wissen de-
zum Ursprung des Rechts - ursprünglich. Der General- finitionsgemäß nicht genau, was sie sagen. Gerade in diesem
streik versieht uns so mit einem kostbaren Leitfaden, da er Nicht-Wissen besteht das Ereignishafte des Ereignisses,
ein verliehenes Recht ausübt, um die existierende Rechts- das, was man auf naive Weise als dessen Gegenwart, als des-
ordnung in Frage zu stellen und eine revolutionäre Situation sen Vorhandensein bezeichnet. 22
zu schaffen, in der es darum geht, ein neu es Recht, ja viel- Diese Augenblicke (vorausgesetzt, man kann sie abson-
leicht auch einen neuen Staat zu (be)gründen (dies wird uns dern und für sich betrachten) versetzen uns in Schrecken.
sogleich deutlich werden). Alle revolutionären Situationen, Sicherlich aufgrund des Leidens, der Verbrechen, der Fol-
alle revolutionären Diskurse, ob sie von links oder von tern, mit denen sie fast immer einhergehen, aber auch, weil
rechts stammen (von 1921 an hat es in Deutschland eine 22 Vgl. Jacques Derrida, Declaration d'independance (s. Anm. 3)'

77
sie in sich selbst, weil sie in ihren gewaltsamen Zügen sich unter Gewaltanwendung begründen muß, und zwar als
nicht deuten oder entziffern lassen. Darin besteht, was ich kommendes. Man »rührt« hier an ein außergewöhnliches
überbenenne, indem ich ihm den Beinamen des »Mysti- Paradoxon (ohne es zu berühren): die unzugängliche Tran-
schen« beilege. So wie Benjamin sie darstellt, ist diese Ge- szendenz des Gesetzes, vor dem der »Mensch« (räumlich
walt wohl lesbar, ja sie erschließt sich wohl dem Verständ- und zeitlich) steht, scheint nur soweit unendlich transzen-
nis, da sie dem Recht gegenüber nicht ein Fremdes ist, dent und also theologisch zu sein, wie sie, dem »Menschen«
ebensowenig wie polemDs oder eris den verschiedenen Ge- ganz nahe, von ihm allein abhängt, von dem performativen
stalten und Bedeutungen von dike gegenüber ein Fremdes Akt, durch den er sie einrichtet: das Gesetz ist transzendent,
sind. Im Recht ist sie indes jenes, was das Recht suspendiert. gewaltsam und nicht gewaltsam, weil es bloß von dem ab-
Sie unterbricht das etablierte Recht, um ein neues zu be- hängt, der vor ihm steht - der ihm zuvor da ist -, der es
gründen. Dieser Augenblick der Suspension, des Schwe- durch ein absolutes Performativum, dessen Gegenwart sich
bens oder In-der-Schwebe-Haltens, diese Epoche, dieses ihm stets entzieht, hervorbringt, begründet, gutheißt. Das
rechts(be)gründende oder das Recht umstürzende, revolu- Gesetz ist transzendent und theologisch, es bleibt immer im
tionäre Moment sind im Recht eine Instanz des Nicht- Kommen, es ist immer ein Versprochenes, weil es imma-
~echts (des Unrechts). Doch das macht zugleich auch die nent, endlich und folglich bereits vergangen ist. Jedes »Sub-
gesamte Geschichte des Rechts aus; mit dem Recht hat es jekt« befindet sich im voraus in dieser aporetischen Situa-
eben das auf sich. Dieser Augenblick ereignet sich stets und tion, es ist im voraus deren Gefangener.
ereignet sich nie in einer Gegenwart. Es ist der Augenblick, Einzig die Zukunft wird die Verständlichkeit oder die
da die Begründung des Rechts im Leeren oder über dem Deutbarkeit dieses Gesetzes erzeugen. Hält man sich nicht
Abgrund schwebt, an einem reinen performativen Akt hän- mehr an den Buchstaben des Benjaminschen Texts, geht
gend. Alles verhält sich so, als wäre dieser Akt niemandem man über ihn hinaus (im Augenblick gehe ich ihm nicht in
Rechenschaft schuldig und als müßte er vor niemandem Re- Gestalt eines Kommentars, einer Texterläuterung nach;
chenschaft ablegen. Das Subjekt, das dieses reine Performa- vielmehr interpretiere ich ihn, indem ich mich von seiner
tivum supponiert, stünde dann nicht mehr vor dem Gesetz, Zu-kunft leiten lasse), so kann man sagen, daß die Verständ-
oder vielmehr: es stünde vor einem noch unbestimmten Ge- lichkeit und die ihr eigene Ordnung ihrerseits von der einge-
setz, es stünde vor dem Gesetz als vor einem noch nicht richteten Ordnung abhängen, deren Deutung sie dienen.
existierenden Gesetz, als vor einem Gesetz, das noch aus- Die Lesbarkeit wird also ebensowenig neutral wie gewalt-
steht, das noch kommt, das noch bevorsteht, das noch frei sein. Eine »gelungene« Revolution, eine »gelungene«
kommen muß und soll. Das »Vor-dem-Gesetz-Sein«, das Staatsgründung (in dem Sinne etwa, in dem man von einem
Kafka beschreibt23 , hat Ähnlichkeit mit dieser zugleich ge- »>felicitous< performative speech act« redet) wird im nach-
wöhnlichen und furchtbaren Lage des Menschen, der das hinein hervorbringen, was hervorzubringen sie im vorhin-
Gesetz nicht zu sehen bekommt, der vor allem nicht an es ein bestimmt war: Interpretationsmodelle, die sich zu einer
rühren, der nicht zu ihm gelangen kann: das Gesetz ist näm- rückwirkenden Lektüre eignen, die geeignet sind, der Ge-
lich in dem Maße transzendent, in dem der Mensch selbst es walt, die unter anderem das fragliche Interpretationsmodell
2} Vgl. Jacques Derrida, Prejuges (5. Anm. }). selbst (das heißt den Diskurs ihrer eigenen Rechtfertigung)
79
hervorgebracht hat, Sinn zu verleihen - die geeignet sind, Inneren der deutenden Lektüre selber an. Eine Metonymie
die Notwendigkeit und besonders die Legitimität dieser könnte außerdem das Beispiel oder das Indiz (den Anhalts-
Gewalt hervorzuheben. Es mangelt nicht an Beispielen für punkt) so wenden, daß es sich auf die begriffliche Allge-
diesen Kreis, für diesen anderen hermeneutischen Zirkel: meinheit des Wesens bezieht.
man findet sie in unsere Nähe oder weit von uns entfernt, Man würde dann behaupten, daß in jeder deutenden Lek-
hier, an diesem Ort, oder anderswo, gleichgültig, worum es türe die Möglichkeit eines Generalstreiks liegt, ja daß sie ein
sich handelt: um das, was sich in einer großen Hauptstadt Recht auf den Generalstreik in sich schließt: ein Recht dar-
zuträgt (in diesem oder jenem Viertel, im Übergang von auf, dem bestehenden Recht, das seine größte Macht, seine
einem Viertel zum anderen, in dieser oder jener Straße, im größte Autorität vom Staat bezieht, eben diese streitig zu
Übergang von einer Straße zur anderen), um das, was zwi- machen. Man hat das Recht, die legitimierende Macht oder
schen verschiedenen Ländern oder Lagern geschieht, krei- Autorität und all ihre Lesevorschriften zu suspendieren,
send um einen Weltkrieg, in dessen Verlauf Staaten und man kann dies im Zuge des treuesten, wirksamsten, tref-
Nationen gegründet, zerstört oder wiederaufgebaut wer- fendsten Lesens tun, eines Lesens, das natürlich zum Unles-
den. Man muß diesen Beispielen Beachtung schenken, will baren in Bezug tritt, zuweilen - aber nicht immer, um eine
man ein internationales Recht von seinen Begrenzungen be- andere Leseordnung zu (be)gründen, einen anderen Staat;
freien und in seinen Grenzen erfassen, ein Recht, das auf wir werden noch sehen, daß Benjamin zwei Arten General-
dem westlichen Begriff der staatlichen Souveränität und der streik unterscheidet: der eine zielt darauf, eine Staatsord-
Nicht-Einmischung aufgebaut ist; erst so wird man die un- nung durch eine andere zu ersetzen (politischer General-
endliche Perfektibilität dieses Rechts denken können. Es streik), der andere hingegen darauf, den Staat zu vernichten
gibt Fälle, bei denen man über Generationen hinweg nicht (proletarischer Generalstreik). Damit sind letztlich die bei-
weiß, ob das Performativum einer gewaltsamen, gewalttäti- den Versuchungen der Dekonstruktion bezeichnet.
gen Staatsgründung »felicitous« war oder nicht. Wir könn- Jede instaurierende Lektüre, die dem etablierten Kanon
ten mehr als ein Beispiel dafür anführen. Diese Unlesbarkeit und den Lesevorschriften gegenüber unlesbar bleibt, unles-
der Gewalt rührt gerade von der Lesbarkeit einer Gewalt bar gegenüber dem gegenwärtigen Stand [etat] des Lesens
her, die, wenn Sie so wollen, dem angehört, was andere die oder der Lesarten, unlesbar gegenüber dem, was der Staat
symbolische Ordnung des Rechts nennen würden - sie ge- [Etat, avec un grand E] für eine gegenwärtige mögliche Lek-
hört aber nicht der reinen Physik an. Man könnte versucht türe darstellt - jede instaurierende Lektüre zeitigt nämlich
sein, die »Logik« (ich setze den Begriff in Anführungszei- einen Generalstreik und folglich eine revolutionäre Situa-
chen, da das »Unlesbare«, um das es geht, auch »unlogisch« tion. Vor einen solchen Generalstreik gestellt, kann man
ist, wenn man es an der Ordnung des Logos mißt; das ist dann von Fall zu Fall entweder von Anarchismus, Skeptizis-
auch der Grund dafür, daß ich zögere, es »symbolisch« zu mus oder Nihilismus, von einer Entpolitisierung oder aber
nennen und es übereilt dem Lacanschen Diskurs und dessen einer subversiven Überpolitisierung reden. Heute braucht
Ordnung zuzuweisen) dieser lesbaren Unlesbarkeit wie der Generalstreik nicht spektakulär zu sein und viele Men-
einen Handschuh umzustülpen. Im Grunde zeigt sie eine schen zu demobilisieren oder zu mobilisieren: es reicht aus,
juridisch-symbolische Gewalt, eine performative Gewalt im an ausgesuchten Orten (dort etwa, wo sich das öffentliche
So Sr
oder private Post- und Fernmeldewesen, der Rundfunk und schen Gegensätze zu dekonstruieren; sie dekonstruieren
das Fernsehen befinden) die Stromzufuhr zu unterbrechen, sich selbst, auch als Paradigmen für die Dekonstruktion.
einige wirksame Viren in ein ausgewähltes Computer-Netz Was ich damit behaupte, ist ganz und gar nicht konservativ
einzuführen oder- analog dazu - das entsprechende Aids in und anti-revolutionär. Denn über das von Benjamin formu-
die Übertragungsorgane, in das hermeneutische Gespräch':- lierte Vorhaben hinaus möchte ich eine Interpretation vor-
einzulassen_ 24 schlagen, die deutlich macht, daß die »rechtsetzende Ge-
Kann das, was wir hier tun, wie ein Generalstreik oder walt« eine »rechtserhaltende Gewalt« in sich bergen muß
eine Revolution aussehen, wenn man es an Modellen, Struk- und sich nicht von ihr loslösen kann. Es gehört zur Struktur
turen, aber auch Leseformen des politischen Handelns der (be)gründenden Gewalt, daß sie eine Wiederholung ih-
mißt? Ist das die Dekonstruktion? Handelt es sich dabei um rer selbst erfordert, daß sie jenes (be)gründet, was erhalten
einen Generalstreik oder um eine Strategie des Risses, des werden und erhaltbar sein muß: dem Erbe und der Überlie-
(Ab)bruchs? Darauf kann man mit ja und nein antworten_ ferung versprochen, dem Teilen. Eine Gründung (eine
Mit »ja« in dem Maße, in dem die Dekonstruktion sich das Grundlegung) ist ein Versprechen. Jede Setzung ermöglicht
Recht nimmt, sich nicht nur theoretisch gegen die konstitu- und verspricht (etwas), jede Setzung bringt (etwas) vor
t,i.onellen Beurkundungen, gegen die Charta, die das Lesen [promet], jede Setzung setzt (etwas), indem sie (etwas) ein-
in unserer Kultur und besonders in der Akademie regelt, und vorbringt. Selbst wenn ein Versprechen nicht in die Tat
aufzulehnen. Mit »nein« dagegen in dem Maße, in dem sich umgesetzt und gehalten wird, schreibt die Iterabilität das
die Dekonstruktion noch in der Akademie, im akademi- Versprechen des Erhaltens in den Augenblick der Gründung
schen Bereich entfaltet (wollen wir uns nicht lächerlich ein, der für den gewaltsamsten Durchbruch sorgt. Sie
machen oder es an Anstand mangeln lassen, so dürfen wir schreibt so die Möglichkeit der Wiederholung in das Herz
nicht vergessen, daß wir uns hier auf der Fifth Avenue be- des Ursprünglichen ein; im Herzen des Ursprünglichen ist
quem eingerichtet haben - nur wenige Häuserblocks von sie die Inschrift dieser Möglichkeit. Damit gibt es keine
diesem Ort entfernt dringen wir schon in die Hölle der Un- reine Rechtsetzung oder -gründung, es gibt keine reine (be)
gerechtigkeit). So wie eine Strategie des Risses oder des (Ab) gründende Gewalt, ebensowenig wie es eine rein erhaltende
bruchs nie rein sein kann, weil der Anwalt oder der Ange- Gewalt gibt. Die Setzung ist bereits Iterabilität, Ruf nach
klagte vor einem Gericht oder im Laufe eines im Gefängnis einer selbsterhaltenden Wiederholung. Die Erhaltung ver-
stattfindenden Hungerstreiks diese Strategie irgendwie hält sich ihrerseits wieder-gründend, um jenes erhalten zu
»aushandeln« müssen, so ist auch der Gegensatz zwischen können, was sie zu (be)gründen beansprucht. Es besteht
einem politischen Generalstreik, der einen anderen Staat also kein strenger Gegensatz zwischen der Setzung und der
wieder zu gründen sucht, und einem proletarischen Gene- Erhaltung; es gibt allein das, was ich als differantielle [difJe-
ralstreik, der den Staat zerstören will, nie ein reiner Gegen- rantielle] Kontamination, die zwischen Setzung und Erhal-
satz.. tung sich ereignet, bezeichnen möchte (Benjamin hat kei-
Es scheint mir also dringend zu sein, diese Benjamin- nen Namen dafür), unbeschadet der Paradoxien, die sich
24 Vgl. Jacques Derrida, Rhhorique de La drogue, in: Autrement, »L'esprit des daraus ergeben mögen. Ich denke hier vor allem an das Pa-
drogues«, Paris 1989. radoxon der Singularität, der Einzigartigkeit, der Vielfalt an
83
Singularitäten. Die Wiederholung ist die Möglichkeit der walt« ähnelt (S. 185), entfaltet sich immer im Inneren der
Einzigartigkeit des Einzigen, Einzigartigen - dessen para- Rechtssphäre. Sie ist eine Anomalie im Inneren der Rechts-
doxale Iterabilität. Keine strenge Unterscheidung zwischen verhältnisse, mit denen sie zu brechen scheint. Der Ab-
einem Generalstreik und einem partiellen Streik (in einer bruch der Beziehungen stellt hier die Beziehung dar. Der
Industriegesellschaft fehlen wohl die Kriterien, die es er- Übertritt steht weiterhin vor dem Gesetz. In den sogenann-
möglichen, eine solche Unterscheidung zu treffen); keine ten primitiven Gesellschaften, die an dieser Stelle das Be-
strenge Unterscheidung - im Sinne Sorels - zwischen einem deutende eher bloßlegen, macht die Friedensschließung
politischen Generalstreik und einem proletarischen. Die deutlich, daß der Krieg kein natürliches Phänomen ist. Kein
Dekonstruktion ist auch ein Denken dieser differantiellen Frieden läßt sich ohne das symbolische Phänomen eines Ze-
Kontamination, ein Denken, das in deren Notwendigkeit remoniells schließen. Dieses Phänomen erinnert daran, daß
eingefaßt ist. Wenn ich nun einen Satz Benjamins hervor- der Krieg bereits zeremonielle Züge trägt. Der Krieg redu-
hebe, auf den ich hoffentlich später noch zurückkommen ziert sich also nicht auf den Zusammenstoß zweier rein
kann, so deshalb, weil ich gerade diese differantielle Konta- physischer Interessen oder Kräfte (Gewalten). In dem
mination im Sinne habe, diese Kontamination im Herzen Raum, den das Begriffspaar Krieg und Frieden absteckt,
,des Rechts; es sei »etwas Morsches im Recht«, schreibt Ben- ruft das Friedenszeremoniell zwar jenes, was am Krieg nicht
jamin (S. 188). Dieses Morsche, Wurmstichige oder Verdor- natürlich ist, ins Gedächtnis zurück; eine wichtige Paren-
bene verurteilt oder ruiniert das Recht im voraus. Das Recht these weist hier jedoch darauf hin, daß Benjamin eine be-
ist verurteilt, ruiniert, verfallen wie eine Ruine, ruinös - stimmte Bedeutung des Wortes »Frieden« der Korrelation,
wenn man denn ein Todesurteil über das Recht aussprechen die jenes Begriffspaar bildet, entziehen möchte, vor allem
kann, gerade dort, wo es auch um die Todesstrafe geht. im Hinblick auf Kants Begriff des »ewigen Friedens«. Es
Benjamin spricht nämlich in einem Absatz, der die Todes- handelt sich dabei um eine ganz andere »unmetaphorische
strafe behandelt, von dem, was am Recht morsch, »rotten« und politische« Bedeutung; ihre Tragweite werden wir noch
ist. ermessen. Auf dem Spiel steht dabei das internationale
Wenn jede Interpretation in sich Streik und Streikrecht Recht: das Risiko einer Verkehrung und Entartung, die par-
birgt, so birgt sie ebenfalls Krieg und polemos. Der Krieg ist tikularen Interessen dienen (mögen es staatliche Interessen
ein weiteres Beispiel für diesen dem Recht innewohnenden sein oder nicht), erfordert eine unendliche Wachsamkeit,
Widerspruch. Es gibt ein Kriegsrecht (Schmitt klagt dar- besonders deshalb, weil es der Konstituion des Rechts sel-
über, daß es nicht mehr als die Möglichkeit des Politischen ber einbeschrieben ist.
selbst anerkannt wird). Dieses Recht geht mit den näm- Auf das Kriegszeremoniell folgend, bedeutet das Frie-
lichen Widersprüchen einher, die das Streik recht kennt. denszeremoniell, daß der Sieg ein neues Recht einsetzt. Der
Dem Anschein nach erklären Rechtssubjekte den Krieg, um Krieg, der für eine »ursprüngliche und urbildliche« Gewalt
Gewalten zu sanktionieren, deren Zwecke natürlich anmu- zu Naturzwecken (S. 186) gehalten wird, ist tatsächlich eine
ten (der andere möchte sich der Gebiete, der Güter, der rechtsetzende Gewalt. In dem Augenblick, da man diesen
Frauen bemächtigen; er will meinen Tod, ich töte ihn). positiven, setzenden, begründenden Charakter (an)erkennt
Doch diese kriegerische Gewalt, die einer »raubenden Ge- (gesetzt, begründet wird ein anderes Recht; positiv, set-
84
zend, begründend ist ein anderes Recht), verweigert das setzmäßigen und unangreifbaren Charakter der rechtser-
moderne Recht dem einzelnen Subjekt jedes Recht auf Ge- haltenden Gewalt zu erkennen vermögen.
walt. Das Erschauern, das die Bewunderung prägt, die der Wir stehen hier vor einem double-bind, vor einem Wider-
»große Verbrecher« beim Volk erregt, wird von einem Indi- spruch, den man auf folgende Weise schematisieren kann:
viduum ausgelöst, das wie in Urzeiten die Wunden des Auf der einen Seite scheint es einfacher zu sein, die (be )grün-
Gesetzgebers oder des Propheten trägt. Es wird jedoch dende Gewalt zu kritisieren, weil sie sich auf keine bereits
schwer sein, die Unterscheidung zwischen den beiden Ge- vorhandene Gesetzlichkeit berufen kann, weil eine solche
walten (der setzenden, [be Jgründenden, und der erhalten- Gesetzlichkeit sie nicht rechtfertigen kann und weil sie folg-
den, konservativen) zu treffen, zu begründen und zu erhal- lich ungebändigt und wild dünkt; auf der anderen Seite
ten. Wir werden nun einem zweideutigen und mühsamen indes (was das Interesse an diesem Gedankengang weckt
Vorgehen beiwohnen, durch das Benjamin den Versuch un- und ihn interessant macht, ist diese Umkehrung), ist es
ternimmt, um jeden Preis eine Unterscheidung oder eine schwerer, illegitimer, die (be)gründende Gewalt zu kritisie-
Korrelation zu retten, ohne die sein gesamtes Vorhaben zu ren, da sie nicht vor die Institution eines schon bestehenden
scheitern droht. Wenn nämlich die Gewalt den Ursprung Rechts vorgeladen werden kann: sie erkennt das schon be-
<jes Rechts ausmacht, fordert der Verstand, daß man die stehende Recht in dem Augenblick, in dem sie ein anderes
Kritik »der rechtsetzenden wie der rechtserhaltenden Ge- begründet, nicht an. Zwischen den beiden Gliedern dieses
walt« (S. 188) zum Abschluß bringt. Widerspruchs taucht die Frage nach dem revolutionären
Um der rechtserhaltenden Gewalt sich zu nähern, bezieht Moment auf, das man nicht ergreifen, nicht einfangen kann:
sich Benjamin auf relativ moderne Probleme - auf Pro- es gehört keinem geschichtlichen und zeitlichen Kontinuum
bleme, die so modern sind wie das des Generalstreiks. Nun an. Die Begründung eines neues Rechts ist aber in diesem
geht es um die allgemeine Wehrpflicht, um die moderne Moment auch ein Handhaben (wenn man sich so ausdrük-
Polizei, um die Abschaffung der Todesstrafe. Hatte sich ken kann) des vorgängigen Rechts; etwas, was mit dem
während des Ersten Weltkriegs und nach ihm eine leiden- vorgängigen Recht zu tun hat, wird erweitert, radikalisiert,
schaftliche Kritik der Gewalt entfaltet, so zielte sie auf die entstellt, metaphorisiert oder metonymisiert. Diese Figur
erhaltende Gestalt der Gewalt. Der Militarismus - ein mo- erhält hier die Namen des Kriegs und des Generalstreiks.
derner Begriff, der erst durch die allgemeine Wehrpflicht Sie ist jedoch ebenfalls eine Kontamination. Sie verwischt
entstehen konnte - ist die zwangshafte Anwendung der Ge- oder trübt den reinen und einfachen Unterschied zwischen
walt, der »Zwang zur Anwendung von Gewalt« im Dienst (Be)gründung und Erhaltung. Sie schreibt die lterabilität
des Staates und seiner gesetzmäßigen Zwecke. Die Militär- in das Ursprüngliche ein, in das Einzigartige und Singu-
gewalt ist gesetzmäßig und erhält das Recht, es ist also läre; ich würde dies als Dekonstruktion, die am Werk ist,
weitaus schwieriger, sie zu kritisieren, als die Pazifisten und bezeichnen - als Dekonstruktion, die mitten in der Ver-
die Aktivisten mit ihren Deklamationen glauben; Benjamin handlung steht: in den »Sachen« selbst und in Benjamins
macht keinen Hehl daraus, daß er für Pazifisten und Aktivi- Text.
sten wenig Wertschätzung empfindet. Inkonsequent sind Solange man sich nicht um die theoretischen und philoso-
die anti-militaristischen Pazifisten, weil sie nicht den ge- phischen Mittel bemüht, derer es bedarf, um diese Ko-
86 87
implikation der Gewalt und des Rechts zu denken, nehmen bedroht - das Drohende gehören »unverbrüchlich« dersel-
sich die üblichen Kritiken naiv und inkonsequent aus. Ben- ben Ordnung an (5. 188); diese Ordnung ist »unverbrüch-
jamin verbirgt keineswegs die Verachtung, die er den Dekla- lich«, weil sie einzigartig ist. Man kann ihr allein in ihrem
mationen des pazifistischen Aktivismus und den Proklama- Inneren Gewalt zufügen, allein in ihrem Inneren kann man
tionen »eines geradezu kindischen Anarchismus«, der die sie verletzen oder übertreten. Die Vorstellung einer Dro-
Person von jedem Zwang befreien möchte (5. 187), entge- hung ist an dieser Stelle wichtig, auch sie läßt sich aber nicht
genbringt. Die Bezugnahme auf den kategorischen Impera- einfach besrimmen: die Drohung kommt nämlich nicht von
tiv (»Handle so, daß Du die Menschheit sowohl in Deiner außen. Das Recht ist drohend und wird zugleich von sich
Person als in der Person eines jeden Anderen jederzeit zu- selbst bedroht. Eine solche Drohung hat nicht den Sinn der
gleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest« Einschüchterung oder der Abschreckung, wie die Pazifi-
[5. 187]) reicht nicht aus, so unanfechtbar sie auch sein mag. sten, die Anarchisten oder die Aktivisten annehmen. Das
Mit der ihm eigenen Gewalt beansprucht das Recht, eben Gesetz ist drohend wie das Schicksal. Um Zugang zu finden
die Menschheit als Zweck anzuerkennen und zu verteidi- zum »tiefsten Sinn in der Unbestimmtheit der Rechtsdro-
gen, und zwar in der Person eines jeden einzelnen. Eine rein hung« (5. 188) gilt es, das Wesen des Schicksals zu betrach-
rporalische Kritik der Gewalt erweist sich also als ebenso ten, das den Ursprung dieser Drohung bildet.
ungerechtfertigt wie ohnmächtig. Aus denselben Gründen Im Zuge einer Betrachtung des Schicksals, die auch eine
kann man die Gewalt auch nicht im Namen der Freiheit Analyse der Polizei, der Todesstrafe, der parlamentarischen
kritisieren, im Namen dessen, was Benjamin hier die »ge- Einrichtungen ist, unterscheidet Benjamin dann zwischen
staltlose >Freiheit«< nennt, das heißt im Namen einer bloß göttlicher und menschlicher Gewalt, zwischen einer gött-
formellen Freiheit, einer Freiheit, die eine leere Form ist - lichen Gewalt, die das Recht zerstört, und einer mythischen
Benjamin folgt einer hegelianisch-marxistischen Ader; sie Gewalt, die das Recht begründet.
fehlt in seinem Gedankengang keineswegs. Den angeführ- Die rechtserhaltende Gewalt, die Drohung, die nicht ein-
ten Angriffen auf die Gewalt geht die Pertinenz und die schüchtert, ist eine (Be)drohung des Rechts - sie stammt
Wirksamkeit ab, weil sie mit dem gesetzlichen Wesen des vom Recht her und sie bedroht es. Im Bereich der Strafen, in
Rechts, mit der »Rechtsordnung« nicht vertraut sind. Eine der Todesstrafe liegt hier ein wertvoller Hinweis. Benjamin
wirksame Kritik muß dem Rechtskörper selbst entgegen- scheint davon auszugehen, daß die Diskurse gegen das
treten, ihn an Haupt und Gliedern anfechten, statt bloß die Recht auf Bestrafung und die Todesstrafe oberflächlich
Gesetze und die besonderen Rechtsbräuche anzugreifen, sind, und daß dieser Umstand kein Zufall ist. Denn sie ver-
die das Recht in den Schutz seiner Macht nimmt. Die kennen ein für die Definition des Rechts wesentliches
Rechtsordnung ist so eingerichtet, daß es »nur ein einziges Axiom. Welches? Nun - wenn man die Todesstrafe angreift,
Schicksal« (5. 187) - nur ein einziges Geschick, nur eine ficht man nicht eine Strafe unter vielen an, sondern das
einzige Geschichte - gibt. Dieser Begriff des Schicksals (des Recht selbst in seinem Ursprung, in seiner eigenen Ord-
Schicksals selbst oder seiner vollkommenen Einzigartig- nung. Wenn eine gewaltsame, gewalttätige Setzung den Ur-
keit) ist ein Schlüsselbegriff des Textes, aber auch einer der sprung des Rechts bildet, so erscheint sie dort am deut-
dunkelsten. Das Bestehende und jenes, was das Bestehende lichsten und am reinsten, wo die Gewalt absolut ist, wo sie
88
an das Existenzrecht, an das Recht auf Leben und Tod haltender Gewalt aufgehoben ist« (S. 189). Durch diese
rührt. Benjamin braucht hier nicht eigens geltend zu ma- Aufhebung", die sie selber ist, erfindet die Polizei das Recht,
chen, daß vor ihm große philosophische Diskurse die To- wird sie zur rechtsetzenden':-, gesetzgebenden Macht, jedes-
desstrafe auf dieselbe Weise gerechtfertigt haben (Kant, mal, wenn das Recht unbestimmt genug ist, um ihr diese
Hegel, zum Beispiel gegen die ersten Anhänger einer Ab- Möglichkeit einzuräumen. Dort, wo Polizei ist, überall also
schaffung der Todesstrafe wie Beccaria). und auch an diesem Ort hier, kann man die beiden Ge-
Offenbart sich die Rechtsordnung erst dann gänzlich, walten, die setzende, (be)gründende, und die erhaltende,
wenn die Möglichkeit der Todesstrafe besteht, so bedeutet nicht länger unterscheiden; darin besteht die schmachvolle,
deren Abschaffung nicht einfach, daß man ein Dispositiv schändliche, abstoßende Doppelsinnigkeit. Die Möglich-
unter vielen antastet. Sie zeigt vielmehr an, daß man das keit, ja die unausweichliche Notwendigkeit der modernen
Prinzip des Rechts selber desavouiert. Man bestätigt damit, Polizei ruiniert - man könnte auch sagen: dekonstruiert die
wie Benjamin sagt, daß im Recht etwas »Morsches« ist. Die Unterscheidung zwischen zwei Gewalten, die den Diskurs
Todesstrafe bezeugt, sie soll und muß bezeugen, daß das strukturiert, den Benjamin als eine neue Kritik der Gewalt
Recht eine widernatürliche Gewalt darstellt. Was aber heute ausweist. Benjamin möchte diesen Diskurs begründen oder
~uf eine noch »gespenstischere« Art ([S. 189] »gespen- erhalten, beides läßt sich jedoch nicht rein durchführen. Er
stisch«, spectral - nicht bloß »sinnestäuschend«, halluci- kann ihn höchstens signieren, wie man ein gespenstisches
nant, wie es in der französischen Übersetzung heißt) diesen Ereignis signiert - er kann ihm höchstens die Signatur eines
Umstand bezeugt, ist eine Institution des modernen Staa- gespenstischen Ereignisses verleihen. Text und Signatur sind
tes, die Polizei, die beide Gewalten (die erhaltende und die Gespenster. Benjamin weiß es - das Ereignis des Textes Zur
[be]gründende) vermischt. Gespenstisch ist gerade diese Kritik der Gewalt':- besteht in dieser seltsamen Ex-position
>,vermischung«, als würde die eine Gewalt die andere heim- (Aus-setzung, Darlegung): der Vortrag eines Gedanken-
suchen (Benjamin formuliert es nicht auf diese Weise, er gangs ruiniert vor Ihren Augen die Unterscheidungen, die
macht nicht auf den zweifachen Gebrauch des Wortes ge- er trifft. Der Gedankengang führt die Bewegung seiner eige-
spenstisch" aufmerksam). Das Fehlen einer Grenze zwi- nen Implosion vor und archiviert sie; er hinterläßt, was man
schen den beiden Gewalten, die Kontamination, die sich einen Text nennt, das Gespenst eines Textes, der, selber ver-
zwischen (Be)gründung und Erhaltung ereignet, ist fallen, selber eine Ruine, Begründung und zugleich Erhal-
schmachvoll, sie ist, wie Benjamin schreibt, »das Schmach- tung, weder das eine noch das andere gänzlich zu sein
volle« der Polizei (S. 189). Denn diese begnügt sich gegen- vermag und so verbleibt, bis zu einem gewissen Punkt, für
wärtig nicht mehr damit, das Gesetz anzuwenden und folg- eine gewisse Zeit, lesbar und unlesbar, einer exemplarischen
lich zu erhalten; sie erfindet es, sie läßt Erlasse ergehen, sie Ruine gleich, die uns auf besondere Weise das Schicksal
greift jedesmal ein, wenn die gesetzliche Lage nicht eindeu- kundtut, die ein Warnzeichen des Schicksals ist, dem jeder
tig ist, mit der Absicht, die Sicherheit zu garantieren. Heute Text und jede Signatur in dem Maße unterstehen, in dem sie
geschieht dies beinahe ununterbrochen. Die Polizei ist et- sich zum Recht verhalten und damit zwangsläufig zu einer
was Schmachvolles, weil in ihrer Macht, in ihrer Autorität- bestimmten Polizei. Um es also im Vorbeigehen anzumer-
weil »in ihr die Trennung von rechtsetzender und rechtser- ken: es geht hier um den Status ohne Status, um den Status
91
ohne Statut eines Textes, von dem man meinen kann, daß er zu den Ruinen, über die Ruinenliebe abfassen. Was kann
ein dekonstruktiver Text ist, ein Dekonstruktions-Text, der man denn sonst lieben? Man kann ein Denkmal, eine Bau-
Text dessen, was davon - von ihm selber - bleibt. Der Text art, ein Gebäude, eine Institution nur in dem Maße lieben,
entzieht sich nicht dem Gesetz, das er formuliert. Er rui- indem man die prekäre Erfahrung ihrer Zerbrechlichkeit
niert sich selber, steckt sich selber an, kontaminiert sich, er macht: sie sind nicht immer da-gewesen, sie werden nicht
wird zum Gespenst seiner selbst. Doch über diese Ruine der immer da-sein, sie sind endlich. Als Sterblicher liebe ich sie
Signatur läßt sich noch mehr sagen. genau deshalb, ich liebe ihr Sterbliches, ich liebe sie - sterb-
Was die Strenge der Unterscheidung zwischen den beiden lich, endlich, durch ihre Geburt und ihren Tod hindurch,
Gewalten bedroht, ist im Grunde das Paradoxon der Itera- durch das Gespenst oder den schattenhaften Umriß ihrer,
bilität. Diese bewirkt, daß der Ursprung sich ursprünglich meiner Ruine, die sie schon sind oder schon andeuten. Wie
wiederholen und entstellen muß, um seinen Geltungsan- soll, wie kann man anders lieben als in solcher Endlichkeit?
spruch erheben und sich erhalten zu können. Sofort gibt es Woher würde sonst - wie würde anders das Recht zu lieben,
Polizei, die Polizei aber macht Gesetze, die begnügt sich ja die Liebe des Rechts und des Rechten, (uns zu)kom-
nicht damit, ein Gesetz anzuwenden, so, als wäre es zuvor, men?
phne sie kraftlos. Diese Iterabilität schreibt die Erhaltung in Kehren wir zur Sache selbst zurück, das heißt zum Ge-
die wesentliche Struktur der (Be)gründung, der Setzung spenst; dieser Text ist nämlich eine Gespenstergeschichte.
ein. Bei diesem allgemeinen Gesetz oder dieser allgemeinen Wir können dem Gespenst und der Ruine ebensowenig aus-
Notwendigkeit handelt es sich nicht um ein modernes Phä- weichen wie der Frage nach dem rhetorischen Status dieses
nomen, vielmehr gelten sie apriori, mag Benjamin auch textuelIen Ereignisses. Welcher (sprachlichen) Figuren be-
recht daran tun, Beispiele dafür zu geben, deren Spezifizität dient es sich für seine Exposition (für seine Darlegung und
auf irreduktible Weise modern ist. Die Iterabilität verhin- Aussetzung), für seine innere Explosion oder Implosion?
dert mit aller Strenge (oder strikt betrachtet), daß es reine Alle exemplarischen Figuren oder Gestalten der Rechtsge-
und große Gründer, Stifter, Gesetzgeber gibt (»große« walt sind singuläre Metonymien, will sagen: sie sind figu-
Dichter, Denker oder Staatsmänner - in dem Sinne, in dem ren, Gestalten, die keine Grenzen kennen, losgelassene
Heidegger 1935 von solchen Männern redet, einem analo- Möglichkeiten der Übertragung, Figuren ohne Figuren.
gen Schema folgend, das sich an dem unabwendbaren, ver- Nehmen wir das Beispiel der Polizei, Indiz einer gespensti-
hängnisvollen Opfer der Gründenden ausrichtet). schen Gewalt, weil sie Setzung und Erhaltung vermischt
Die Ruine ist in meinen Augen nichts Negatives, kein und aus diesem Grund nur um so gewalttätiger wird. Nun-
negativer Gegenstand. 25 Zunächst einmal ist sie offensicht- die Polizei, die auf solche Weise die Gewalt kapitalisiert, ist
lich kein Gegenstand, kein Ding. Ich würde gerne (viel- nicht einfach nur die Polizei. Sie besteht nicht bloß aus uni-
leicht mit Benjamin oder im Gefolge Benjamins, vielleicht formierten Polizisten, die zuweilen einen Schutzhelm tra-
aber auch gegen ihn), eine kurze Abhandlung über die Liebe gen, bewaffnet sind und sich in Form einer zivilen Struktur
organisieren, deren Vorbild das Militär ist und der kein
25 Vgl. Jacques Derrida, Memoires d'aveugle. L'autoportrait et autres ruines [Er-
innerungen eines Blinden. Das Selbstbildnis und andere Ruinen], Reunion Streikrecht zuerkannt wird. Die Polizei ist per definitionem
des Musees Nationaux, Paris '990. dort anwesend, dort vertreten, wo Gesetzeskraft existiert.
93
Überall dort, wo die gesellschaftliche Ordnung erhalten von dem man annimmt, daß sie es eigentlich bloß anwen-
wird, ist sie anwesend, manchmal unsichtbar, stets aber vol- det.
ler Wirkungskraft. Die Polizei ist nicht einfach nur die 2. Benjamin erkennt zwar, daß der gespenstische Körper
Polizei (heute mehr oder weniger denn je), sie ist da, Figur (Korpus) der Polizei sich stets »gleichsieht«, mag er auch
ohne Figur, Gestalt ohne Gestalt eines Daseins\ sich glei- immer mehr Raum einnehmen; sein »Geist«, der Geist der
chermaßen erstreckend wie das Dasein':' der polis. Benjamin Polizei, ist aber, wie Benjamin eingesteht, in der absoluten
erkennt dies auf seine Art, dort, wo sich eine doppelte Geste Monarchie weniger verheerend als in den modernen Demo-
ausmachen läßt, die ich nicht für beabsichtigt halte, zumin- kratien, in denen sich eine Entartung seiner Gewalt beob-
dest nicht für thematisch behandelt. Niemals verzichtet achten läßt. Bleiben wir einen Augenblick hier stehen. Ich
Benjamin darauf, jenes mit einem Begriffspaar einzufassen bin mir nicht sicher, daß Benjamin das Wort »gespenstisch«':'
oder auf Unterscheidungen zurückzuführen, was die Be- und das Wort »Geist«'; (im Sinne auch des gespenstischen
griffe und die Unterscheidungen ununterbrochen übersteigt Doppels) bewußt einander angenähert hat, wie ich es zu tun
und über deren Eingrenzungen hinausgeht. Er gibt zwar zu, versuche. Doch die tief verankerte Logik dieser Analogie
daß das Schlimme, Üble der Polizei, das, woran sie leidet, scheint in meinen Augen nicht wirklich anfechtbar zu sein,
darauf beruht, daß sie eine Figur ohne Figur, eine Gestalt selbst wenn Benjamin sie nicht erfaßt hat. Die Polizei wirkt
ohne Gestalt, eine »gestaltlose« Gewalt ist. Als solche ist sie sinnestäuschend und gespenstisch, weil sie alles heimsucht;
»nirgends faßbar«. Im Leben der zivilisierten Staaten ver- sie ist überall, ebenfalls dort, wo sie nicht ist: Fort-Dasein';,
breitet sich ihre »gespenstische Erscheinung« (S. 189) all- auf das man sich immer berufen, das man immer anrufen
überall. Dennoch möchte Benjamin, daß diese unfaßbare kann. Ihre Anwesenheit ist ebensowenig anwesend wie -
und gestaltlose Gestalt oder Figur der Polizei, die sich über- Heidegger zufolge - die Anwesenheit überhaupt anwesend
all metonymisiert, gespenstisch verteilt und heimsuchend ist; doch kennt die Anwesenheit ihres gespenstischen Dop-
einrichtet, eine bestimmbare, den zivilisierten Staaten eigen- pels keine Grenzen. Es entspricht der Logik des Textes Zur
tümliche Figur oder Gestalt bleibt. Er gibt vor, zu wissen, Kritik der Gewalt';, deutlich zu machen, daß jenes, was mit
wovon er spricht, wenn er von der Polizei im eigentlichen der Rechtsgewalt zu tun hat (etwa die Polizei selbst), nicht
Sinne spricht und dieses Phänomen zu bestimmen sucht. Es natürlich, sondern geistig ist. Es gibt einen Geist im Sinne
wird nicht recht deutlich, ob er dabei (wenn er also die zivili- des Gespenstes und im Sinne des Lebens, das dort, wo die
sierten Staaten nennt) von der Polizei des modernen Staates Möglichkeit der Todesstrafe besteht, sich über das natür-
oder von der Polizei des Staates im allgemeinen redet. Aus liche und biologische Leben erhebt - und zwar eben gerade
zwei Gründen neige ich eher zur ersten Annahme: durch den Tod. Die Polizei bezeugt es. Ich möchte an dieser
1. Benjamin wählt moderne Beispiele der Gewalt, etwa Stelle einen Abschnitt aus dem Ursprung des deutschen
den Generalstreik oder das Problem der Todesstrafe. Er Trauerspiels'; herbeirufen, der den Geist zum Gegenstand
handelt nicht allein von den zivilisierten Staaten, sondern hat: den Geist als »Vermögen, Diktatur auszuüben«. Mei-
auch von einer »andem Institution des modernen Staates« - nem Freund Tim Bahti danke ich dafür, meine Aufmerk-
der Polizei. Es ist die moderne Polizei, die in modernen samkeit auf diesen Abschnitt gelenkt zu haben (freilich
politisch-technischen Situationen das Gesetz hervorbringt, müßte man das ganze Kapitel lesen: die »Geisterscheinun-
94 95
gen«26 spielen darin auch eine Rolle): »Geist - so lautet die bleibt im Kommen: sie muß noch erzeugt oder erneuert,
These des Jahrhunderts - weist sich aus in Macht; Geist ist regeneriert werden. Benjamins Diskurs, der sich nun in
das Vermögen, Diktatur auszuüben. Dieses Vermögen er- Richtung auf eine Kritik des Parlamentarismus liberaler De-
fordert ebenso strenge Disziplin im Innern wie skrupellose- mokratien entwickelt, ist folglich revolutiontir, ja er nimmt
ste Aktion nach außen.«27 Am Ende des Abschnitts nennt marxistische Züge an; revolutionär ist er aber im doppelten
Benjamin dann den »bösen Geist« der Despoten. Sinne des Wortes, das ebenfalls eine reaktionäre Bedeutung
Statt in die Demokratie eingefaßt, statt in der Demokratie hat, die einer Rückkehr zu der Vergangenheit eines reineren
er selber zu sein, entartet darin der Geist der Polizei, die Ursprungs. Diese Zweideutigkeit ist ziemlich kennzeich-
Polizeigewalt als Geist. Dieser Geist bezeugt in der moder- nend, da eine große Anzahl rechter oder linker revolutionä-
nen Demokratie »die denkbar größte Entartung der Ge- rer Diskurse von ihr gezehrt haben, vor allem zwischen den
walt« (S. 190). Weshalb? In der absoluten Monarchie sind beiden Kriegen. Eine Kritik der »Entartung« als Kritik ei-
legislative und exekutive Macht vereinigt. Die Gewalt ist in nes Parlamentarismus, dessen Ohnmacht es ihm verwehrt,
einer solchen Monarchie also normal, ihrem Wesen, ihrer die Polizeigewalt zu kontrollieren, die an seine Stelle tritt,
Idee, ihrem Geist gemäß. Dagegen besteht in der Demokra- ist tatsächlich eine Kritik der Gewalt vor dem Hintergrund
lie kein Einklang mehr zwischen der Gewalt und dem Geist einer »Geschichtsphilosophie«: archeo-teleologische, ja ar-
der Polizei. Aufgrund einer angenommenen Gewaltentren- cheo-eschatologische Perspektiven bildung, welche (vom
nung wird die Gewalt auf illegitime Weise ausgeübt, zumal Ursprung aus) die Geschichte des Rechts als Verfall entzif-
dann, wenn sie - wenn die Polizei das Gesetz nicht anwen- fert (der seit dem Ursprung fortdauert). Man braucht nicht
det, sondern diktiert. Benjamin deutet hier das Prinzip eigens die Analogie hervorzuheben, die zwischen einem
einer Analyse der Wirklichkeit der Polizei oder der polizei- solchen Schema und denen Schmitts oder Heideggers be-
haften Wirklichkeit an, die den industriellen Demokratien steht. Dieses Dreieck müßte man durch die Korrespondenz
und ihren militärisch-industriellen Komplexen mit hoher erläutern - durch den Briefwechsel, der die drei Denker
Computer-Technologie entspricht. So furchtbar sie auch verbindet (Schmitt/Benjamin, HeideggerISchmitt). Stets
sein mag, zeigt sich die Polizeigewalt in der absoluten Mon- geht es um den Geist und die Revolution.
archie so, wie sie ist, so wie sie ihrem Geist gemäß oder in Im Grunde stellt sich hier die Frage nach der parlamenta-
ihrem Geist sein muß und sein soll; die Polizeigewalt der rischen und liberalen Demokratie heute. Als Mittel (be)
Demokratien hingegen verneint ihr eigenes Prinzip, indem gründet, setzt oder erhält alle Gewalt das Recht. Es ließe
sie auf erschlichene Weise und im verborgenen Gesetze sich ihr sonst kein Wert beimessen. Keine Rechtsproblema-
macht. Doppelte Schlußfolgerung oder doppelte (inbegrif- tik ohne diese Gewalt der Mittel. Konsequenz: jeder
fene) Verwicklung: 1. Die Demokratie ist eine Entartung Rechtsvertrag'f gründet auf Gewalt. Es gibt keinen Vertrag,
des Rechts und der Rechtsgewalt. 2. Es gibt noch keine für den Gewalt nicht Ursprung und Ausgang wäre. Ein
Demokratie, die ihres Namens würdig ist. Die Demokratie Hinweis, den Benjamin auf verstohlene und elliptische
Weise gibt, erweist sich hier, wie so häufig, als ausschlagge-
26 Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, in: ders., Gesammelte
Schriften, Band I. I, Frankfurt am Main 1974, S. 273. bend. Als rechts begründende oder rechtsetzende muß die
27 Ebd., S. 276. Gewalt »nicht unmittelbar [im Vertrag] gegenwärtig sein«
97
(S. 190). Sie ist nicht unmittelbar gegenwärtig, wird aber Politik des Kompromisses aus. Der Begriff des Kompromis-
von dem Supplement vertreten, das ein Ersatz bildet. In ses, die Verleugnung der offenen Gewalt, der Rekurs auf
dieser differance, in der Bewegung, die die Gegenwart er- eine verborgene, verhehlte Gewalt gehören zum Geist, zur
setzt (die unmittelbare Gegenwart der Gewalt, die sich als »Mentalität der Gewalt«, die dazu treibt, die »Gegenstre-
solche, ihren Zügen und ihrem Geist gemäß identifizieren bung« des Gegners zu akzeptieren, um das Schlimmste zu
läßt) - in dieser differantiellen Vertretbarkeit, in diesem vermeiden und um zugleich mit dem Seufzer des Parlamen-
differantiellen Repräsentationscharakter ereignet sich das tariers zu sagen, daß man sicher nicht das Ideal( e) erreicht
Vergessen der ursprünglichen Gewalt. Ein solcher das hat, daß es anders sicher besser gewesen wäre, aber daß man
Gedächtnis auslöschender Bewußtseinsschwund geschieht eben nicht anders hat handeln können. Der Parlamentaris-
nicht zufällig. Er ist nichts anderes als der Übergang von der mus zeichnet sich also durch Gewalt und durch den Verzicht
Gegenwart oder der Anwesenheit zur Repräsentation: der auf das Ideal aus. Es mißlingt ihm, die politischen Konflikte
Übergang, der den Weg des Niedergangs, der institutionel- durch das Wort, die Diskussion, die gewaltlose Auseinan-
len Entartung, des Verfalls':' vorzeichnet. Benjamin redet, dersetzung, kurz: durch das Operieren der liberalen Demo-
wie wir gerade gesehen haben, von einer »Entartung« der kratie zu lösen. Im Angesicht des »Verfalls der Parlamente«
prsprünglichen Gewalt, von einer Entartung zum Beispiel hält Benjamin die Kritik der Bolschewisten und Syndikali-
der Polizeigewalt der absoluten Monarchie, die in den mo- sten für »im ganzen treffend« und »vernichtend«.
dernen Demokratien verdirbt und in Verfall gerät. Nun Es gilt jetzt, eine Unterscheidung einzuführen, die Benja-
beklagt Benjamin den »Verfall« der Revolution im parla- min erneut in die Nähe eines bestimmten earl Schmitt rückt;
mentarischen Schauspiel: »Schwindet das Bewußtsein von in jedem Fall verleiht sie der Konfiguration einen deutliche-
der latenten Anwesenheit der Gewalt in einem Rechtsinsti- ren Sinn, die wohl die geschichtliche Konfiguration war, in
tut, so verfällt es.« (S. 190) Das erste Beispiel, das Benjamin die all diese Gedanken, all diese verschiedenen Denkweisen
dafür wählt, ist das der Parlamente seiner Zeit. Bieten sie ein sich eingefügt haben (allzu hoher Preis, den Deutschland für
jammervolles Schauspiel, so deshalb, weil diese repräsenta- seine Niederlage zahlen mußte; Weimarer Republik; Krise
tiven Institutionen die revolutionäre Gewalt vergessen, der und Ohnmacht des neuen Parlamentarismus; Versagen des Pa-
sie entstammen. In Deutschland vor allem haben sie die zifismus; Zeitspanne unmittelbar nach der Oktoberrevolu-
mißglückte Revolution des Jahres 1919 vergessen. »Ihnen tion; Konkurrenz zwischen den Medien und dem Parlamen-
fehlt der Sinn für die rechtsetzende Gewalt, die in ihnen tarismus; neue Gegebenheiten des internationalen Rechts
repräsentiert ist«, schreibt Benjamin (S. 190). Die Parla- usw.). Im Grunde haben wir uns gerade vor Augen geführt,
mente zeitigen ihr Dasein, indem sie die Gewalt, die sie daß das Recht seinem Ursprung und seinem Zweck nach, in
hervorgebracht hat, vergessen. Diese Verleugnung, die von seiner Setzung (Begründung) und in seiner Erhaltungvon der
einer Amnesie zeugt, ist keine psychologische Schwäche, unmittelbaren oder vermittelten, gegenwärtigen oder reprä-
sie ist vielmehr das Statut, der Status oder die Struktur der sentierten Gewalt untrennbar ist. Kann man daraus nun
Parlamente. Statt deshalb zu Beschlüssen zu gelangen, die ruhig folgern, daß jede Gewaltlosigkeit bei der Beilegung ei-
der (verleugneten) Gewalt entsprechen würden, die ihr ge- nes Konflikts ausgeschlossen ist? Keineswegs. Aber das
mäß, ihrer »würdig« wären, üben sie die heuchlerische Denken der Gewaltlosigkeit muß die öffentliche Rechtsord-
98 99
nung übersteigen. Benjamin glaubt an gewaltlose Verhält- eine gewaltlose Beilegung von Konflikten möglich ist, wenn
nisse zwischen Privatpersonen. Eine »gewaltlose Einigung« die Kultur des Herzens, die Herzenshöflichkeit, die Nei-
(S. 191) ist überall dort möglich, wo die »Kultur des Her- gung, die Friedensliebe, das Vertrauen herrschen. Die Un-
zens« den Menschen reine Mittel zur Übereinkunft an die terredung »als eine Technik ziviler Übereinkunft« gibt
Hand gibt. Bedeutet dies, daß man bei der Entgegensetzung dafür das tiefste Beispiel ab. Woran erkennt man nun, daß
des Privaten und des Öffentlichen stehenbleiben muß, um die Gewalt aus dem Privatbereich oder aus der »eigentlichen
einen Bereich der Gewaltlosigkeit zu schützen? Die Dinge Sphäre« ausgeschlossen ist? Benjamins Antwort mag über-
sind keinesfalls so einfach. Weitere begriffliche Aufteilungen raschend anmuten. Belegt wird die Möglichkeit dieser Ge-
umreißen in der Sphäre des Politischen selbst das Verhältnis waltlosigkeit durch den Umstand, daß weder die Lüge noch
von Gewalt und Gewaltlosigkeit. Man denke - Benjamin der Betrug darin bestraft werden. Weder das römische noch
steht hier in der Tradition eines Sorel oder eines Marx- an die das altgermanische Recht bestrafen den Betrug. Einen Be-
Unterscheidung zwischen einem politischen Generalstreik, trug als Straftat zu bewerten entspricht einem »Verfallspro-
der gewaltsam, gewalttätig ist, weil er einen Staat durch einen zeß«. Das moderne Recht verliert das Vertrauen, das es zu
anderen zu ersetzen sucht (genannt sei jener Streik, der sich sich selbst hat, es verurteilt den Betrug nicht aus morali-
jn Deutschland blitzhaft angekündigt hatte), und einempro- schen Gründen, sondern weil es die Gewalt fürchtet, zu der
letarischen Generalstreik, einer Revolution, die nicht be- er die Opfer veranlassen mag. Diese könnten im Gegenzug
strebt ist, den Staat stärker zu machen, sondern ihn zu die Rechtsordnung bedrohen. Der Mechanismus, der hier
beseitigen - den Staat und ebt:nsowohl, Sorel zufolge, die am Werk ist, bestimmt auch die Verleihung eines Streik-
Soziologen, »die eleganten Amateure von Sozialreformen rechts. Es geht darum, die schlimmste Gewalt durch eine
[und die] Intellektuellen, die sich zum Beruf gemacht haben, andere Gewalt in Grenzen zu halten. Benjamin scheint
für das Proletariat zu denken« (Zitat im Zitat; S. 194). von einer gewaltlosen Ordnung zu träumen, die nicht nur
Eine andere Unterscheidung scheint noch radikaler zu die privaten Verhältnisse, sondern ebenfalls bestimmte öf-
sein und sich noch mehr einer Kritik der Gewalt als Mittel fentliche Angelegenheiten der Rechtsordnung (dem Recht,
zu nähern. Sie setzt die Ordnung der Mittel der Ordnung einen Betrug zu bestrafen) entzieht. Zu solchen öffentlichen
der Manifestation entgegen. Erneut handelt es sich um die Angelegenheiten, die sich der Rechtsordnung entziehen,
Gewalt der Sprache, aber auch um die Erlangung der Ge- zählt etwa der proletarische Generalstreik, von dem Sorel
waltlosigkeit durch eine gewisse Sprache, um das Ereignis spricht, der Generalstreik, der nicht einen Staat und ein
der Gewaltlosigkeit, das in einer gewissen Sprache stattfin- neu es Recht wieder zu (be)gründen sich anschickt; auch
det. Besteht das Wesen der Sprache in Zeichen, die man als bestimmte diplomatische Beziehungen, durch die Botschaf-
Mittel der Mitteilung betrachten kann, oder in einer Mani- ter - analog zu den privaten Verhältnissen - Konflikte fried-
festation, die nicht länger oder die noch nicht zu einer durch lich und ohne Verträge regeln, zählen dazu. In diesem
Zeichenverwendung geschehenden Mitteilung, die also letzteren Fall sind die Schiedsgerichte gewaltlos, weil »jen-
nicht zur Mitteilung überhaupt und zur MittellZweck- seits aller Rechtsordnung und also aller Gewalt« (S. 195).
Struktur gehört? Wir werden bald sehen, warum diese Gewaltlosigkeit in
Benjamin möchte nachweisen, daß in der privaten Welt einer gewissen Affinität zur reinen Gewalt steht.
100 101
Benjamin macht hier eine Analogie geltend, bei der wir die schicksalhafte Gewalt, die sich über die Vernunft stellt,
einen Augenblick verweilen sollten, vor allem weil darin der und schließlich, höher einzustufen als diese Gewalt selbst,
rätselhafte Begriff des Schicksals zum Tragen kommt. Wie, auf Gott: auf einen anderen, vollkommen anderen »mysti-
wenn eine »schicksalsmäßige Gewalt« (S. 196), die berech- schen Grund der Autorität«. Sicherlich ist dieser Grund
tigte Mittel einsetzt, in einen unversöhnlichen Widerstreit nicht der Montaignes oder Pascals, doch sollte uns dieser
mit gerechten Zwecken geraten würde - so, daß man eine Abstand nicht in ein allzu großes Vertrauen wiegen. Das ist
Gewalt anderer Art in Augenschein nehmen müßte, eine Ge- es also, was die Aussichtslosigkeit'f des Rechts offenlegt, an
walt, die im Hinblick auf diese Zwecke weder ein berechtig- diesen Ort führt die Ausweglosigkeit des Rechts.
tes noch ein unberechtigtes Mittel wäre? Weder berechtigtes Zwischen der »Unentscheidbarkeit aller Rechtsproble-
noch unberechtigtes Mittel, unentscheidbar: das wäre kein me« und dem, was »in werdenden Sprachen« sich zuträgt, in
Mittel mehr, sondern würde in ein ganz anderes Verhältnis Sprachen, die keine deutliche, überzeugende, bestimmende
zu dem Paar Mittel/Zweck treten. Wir hätten es mit einer Entscheidung zwischen dem Richtigen und dem Falschen
ganz anderen Gewalt zu tun, die sich nicht länger in dem zulassen, soll eine Analogie bestehen. Benjamin macht diese
Raum, den die Entgegensetzung von Mittel und Zweck er- Analogie nur beiläufig geltend. Man könnte sie aber vertie-
9ffnet, bestimmen ließe. Die Frage, die sich hier abzeichnet, fen, indem man von anderen Texten, die Benjamin der Spra-
wiegt um so schwerer, als sie die anfängliche Problematik che gewidmet hat, ausgeht: zu nennen wären besonders Die
überschreitet und verschiebt, die die Gewalt und das Recht Aufgabe des Übersetzers (1923) und der berühmte Aufsatz
betrifft und die Benjamin so konstruiert, daß sie gänzlich aus dem Jahr 1916, Über Sprache überhaupt und über die
von dem Begriff des Mittels beherrscht wird. Man wird nun Sprache des Menschen - fünf Jahre vor der Kritik der Gewalt
dessen gewahr, daß es Fälle gibt, in denen das Problem des verfaßt. Beide Texte stellen ein ursprünglich kommunikati-
Rechts unentscheidbar ist und bleibt, wenn man es unter ves, will sagen: semiologisches, informierendes, repräsen-
Rückgriff auf die Mittel/Zweck-Relation formuliert. Diese tierendes, konventionelles, also vermittelndes, mittelbares
letzte U nentscheidbarkeit, die die» U nentscheidbarkeit aller Wesen der Sprache in Frage. Die Sprache ist nicht Mittel zu
Rechtsprobleme« ist (S. 196), ist die Einsicht einer eigen- einem Zweck, dem sie sich richtig angleichen müßte (unter
tümlichen und entmutigenden Erfahrung. Wohin soll man Zweck muß man hier eine bedeutete Sache, einen bedeuteten
gehen, hat man einmal die unabwendbare, unausweichbare, Inhalt verstehen). Benjamins Kritik des Zeichens hat auch
unvermeidbare U nentscheidbarkeit erkannt? eine politische Tragweite: die Konzeption der Sprache, die
Eine derartige Frage legt zunächst eine andere Dimension diese in ein Mittel und in ein Zeichen verwandelt, soll »bür-
der Sprache offen, ein Jenseits der Vermittlung und folglich gerlich« sein. Der Text aus dem Jahr 1916 definiert den
der Sprache als vermittelndes Zeichen, als Mittel zu einem Sündenfall als Fall in eine Sprache mittelbarer Kommunika-
Zweck. Eingangs scheint sie ohne Antwort, ausweglos und tion, in der jedes Wort zum »Geschwätz« anhält, weil es zu
hoffnungslos zu sein. Wo es keinen Ausweg gibt, macht einem Mittel geworden ist. Von solchem Geschwätz zeugt
jedoch gerade die Aussichtslosigkeit Denk-Entscheidungen die Frage nach Gut und Böse in der Welt nach der Schöpfung.
erforderlich; sie zielen auf nichts Geringeres als auf den Ur- Der Baum der Erkenntnis sollte nicht die Erkenntnis von
sprung der Sprache in seinem Verhältnis zur Wahrheit, auf Gut und Böse vermitteln, sondern war vielmehr »Wahrzei-
102 10 3
chen« des Gerichts über den Fragenden. Abschließend fol- Gottes? Der Ausbruch von Gewalt im Zorn ist kein Mittel,
gert Benjamin: »Diese ungeheure Ironie ist das Kennzeichen das sich auf einen vorgesetzten Zweck bezieht; er hat keinen
des mythischen Ursprungs des Rechts.«28 anderen Zweck als den, (auf) sich selbst zu zeigen. Überlas-
Jenseits einer einfachen Analogie möchte Benjamin also in sen wir Benjamin die Verantwortung für den Begriff einer
seiner Kritik der Gewalt eine Zweckmäßigkeit, eine Gerech- irgendwie interesselosen, unmittelbaren, aller Berechnung
tigkeit der Zwecke denken, die nicht mehr an die Möglichkeit ledigen Manifestation des Zorns. Worauf es Benjamin an-
des Rechts gebunden ist, zumindest nicht an das, was man kommt, ist eine Manifestation der Gewalt, die nicht Mittel zu
immer als ein Verallgemeinbares vorstellt. Die Verallgemei- einem Zweck ist. Eine derartige Manifestation der Gewalt ist
nerung, Universalisierung des Rechts stellt dessen eigene die mythische Gewalt, durch die sich die Götter kundtun.
Möglichkeit dar, sie ist dem Begriff der Gerechtigkeit analy- Hier beginnt nun die letzte Sequenz, die rätselhafteste,
tisch einbeschrieben. Was man dabei aber nicht versteht, ist faszinierendste und tiefste dieses Textes. Aus Mangel an
der Umstand, daß diese Allgemeingültigkeit Gott selbst wi- Zeit - nicht aber nur daran -, verzichte ich darauf, ihr ge-
derspricht, Jenem, der über die Rechtmäßigkeit der Mittel recht zu werden. Ich werde mich damit bescheiden, einer-
und über die Gerechtigkeit der Zwecke entscheidet, indem er seits die furchtbare ethisch-politische Zweideutigkeit des
~ich über die Vernunft und sogar über die schicksalsmäßige Textes an dieser Stelle zu unterstreichen, andererseits die
Gewalt hinwegsetzt. Diese plötzliche Bezugnahme auf beispielhafte Unbeständigkeit seiner Grundverfassung und
Gott, über die Vernunft und die Allgemeinheit hinweg, jen- seiner Signatur hervorzuheben; schließlich werde ich jenes
seits einer bestimmten Aufklärung':' des Rechts, ist nichts hervortreten lassen, was ich mit Ihrer Erlaubnis als Gemüt
anderes als eine Bezugnahme auf die irreduktible Besonder- oder Mut eines Denkens bezeichnen möchte, das um die
heit jeder Situation. Der gewagte, kühne, ebenso notwendige Angemessenheit und die Gerechtigkeit der Verantwortung
wie gefährliche Gedanke einer Art Gerechtigkeit ohne Recht weiß: diese gibt es nämlich nur, wo man sich allen Risiken
(ein Ausdruck, der von mir, nicht von Benjamin stammt) hat aussetzt, jenseits der Gewißheit und des guten Gewissens.
sowohl für die Einzigartigkeit des Individuums als auch für In der griechischen Welt verhält es sich so, daß die Manife-
das Volk und die Sprache, also für die Geschichte Geltung. station der göttlichen Gewalt in ihrer mythischen Gestalt
Um die »nicht mittelbare Funktion der Gewalt« (S. 196) eher ein Recht begründet oder setzt, als daß sie ein bereits
verständlich zu machen, wählt Benjamin erneut das Beispiel bestehendes Recht anwendet (»enforce«), indem sie Beloh-
der Alltagssprache, als würde es sich bloß um eine Analogie nungen und Strafen verteilt. Sie ist keine austeilende oder
handeln. Ich glaube, daß wir es hier eigentlich mit dem wah- entlohnende Gerechtigkeit; Benjamin evoziert Beispiele aus
ren Bereich, dem Ort selbst der Entscheidung zu tun haben. der Sage der Niobe, des ApolIons und der Artemis, und aus
Ist es ein Zufall, daß Benjamin von der Erfahrung des Zorns der des Prometheus. Da es darum geht, ein neues Recht zu
spricht, daß er dieses Beispiel einer unmittelbaren Manifesta- begründen, stammt die Gewalt, die über Niobe herein-
tionwählt, welche die Sprache jeder Mittel-Zweck-Struktur bricht, vom Schicksal; dieses Schicksal kann nur unsicher
entzieht? Besteht kein Bezug zu einer bestimmten Gestalt und zweideutig sein, wird es doch nicht von einem früheren,
28 Walter Benjamin, Vber Sprache überhaupt und über die Sprache des Men- höheren oder transzendenten Recht, das ihm vorausgeht,
schen, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 11.1, S. 154. bestimmt. Die (be)gründende Gewalt ist nicht »eigentlich
1°4
zerstörend«: sie achtet etwa das Leben der Mutter, während bens, schreibt Benjamin. Indem sie Blut fließen läßt, erfolgt
sie den Kindern der Niobe einen blutigen Tod bringt. Diese die Ausübung der mythologischen Rechtsgewalt »um ihrer
Anspielung auf vergossenes Blut übernimmt hier, wie wir selbst willen« - gegen das natürliche Leben, das sie zum Blu-
noch erkennen werden, eine diskriminierende, unterschei- ten bringt, zugleich aber innerhalb der Ordnung des »blo-
dende Rolle; dadurch erst können wir die mythische und ßen Lebens«. Dagegen erfolgt die Ausübung der rein gött-
gewaltsame Rechtsetzung der griechischen Welt identifi- lichen (jüdischen) Gewalt derart, daß diese Gewalt über alles
zieren und von der göttlichen Gewalt im Judentum unter- Leben ist - aber »um des Lebendigen willen« (S. 200). An-
scheiden. Benjamin nennt mehrere Beispiele für die frag- ders gewendet: Die mythologische Rechtsgewalt genügt
liche Zweideutigkeit (das Wort taucht mindestens viermal sich selbst in dem Maße, in dem sie das Lebendige opfert,
auf), für die »dämonische« Zweideutigkeit der mythischen während die göttliche Gewalt das Leben opfert, um das Le-
Rechtsetzung29 , die ihrem grundlegenden Prinzip nach eine bendige zu retten, um des Lebendigen willen. In beiden
Macht ist - eine Kraft, eine Gewalt, eine Position der Auto- Fällen wird geopfert, doch dort, wo Blut gefordert wird,
rität und folglich, wie Sorel selber nahelegt (Benjamin wird das Lebendige nicht geachtet. Darum gelangt Benjamin
scheint dem zuzustimmen), ein Privileg der Könige, der zu einer eigentümlichen Schlußfolgerung; wiederum über-
,Großen oder Mächtigen: »in den Anfängen [ist] alles Recht lasse ich ihm die Verantwortung für diese Deutung, zumal
Nor<recht der Könige oder der Großen, kurz der Mächti- für diese Deutung des Judentums: »Die erste [die mytholo-
gen« (S. 198). In diesem ursprünglichen und mythischen gische Rechtsgewalt] fordert Opfer, die zweite [die göttliche
Augenblick gibt es noch keine austeilende Gerechtigkeit, es Gewalt] nimmt sie an.« (S. 200) Auf jeden Fall wird deutlich,
gibt keine Züchtigung oder Strafe, sondern nur Sühne':-. daß die göttliche Gewalt, die nicht nur von der Religion be-
Der Gewalt des griechischen Mythos setzt Benjamin Zug zeugt wird und die man ebenfalls »in einer geheiligten Mani-
für Zug die Gewalt Gottes entgegen. Sie ist ihr, wie er sagt, festation [ ... ] im gegenwärtigen Leben« vorfindet, viel-
immer entgegengesetzt, gleichgültig, welchen Standpunkt leicht die Güter, das Leben, das Recht, den Grund des
man einnimmt. Statt das Recht zu setzen, zerstört sie es; Rechts usw. zerstört, niemals aber »die Seele des Lebendi-
statt Grenzen zu ziehen, reißt sie sie nieder; statt Schuld und gen«. Man ist also nicht dazu berechtigt, den Schluß zu
Sühne hervorzurufen, entsühnt sie; statt zu drohen, schlägt ziehen, daß die göttliche Gewalt allen möglichen mensch-
sie; statt den Tod auf blutige Weise zu bringen, vernichtet sie lichen Verbrechen den Weg bahnt. Das Gebot »Du sollst
ohne Blutvergießen. Am Blut hängt der ganze Unterschied. nicht töten« ist und bleibt ein absoluter Imperativ, da ja das
Die Deutung dieses Blut-Gedankens, dieses Denkens des Prinzip der am stärksten zerstörerischen göttlichen Gewalt
Bluts ist - ungeachtet gewisser Dissonanzen - bei Benjamin Achtung vor dem Lebendigen gebietet - und zwar jenseits
und Rosenzweig ebenso verstörend (besonders wenn wir an des Rechts und des Urteils. Darin besteht in Benjamins Au-
die »Endlösung« denken). Das Blut ist das Symbol des Le- gen das Wesen des Judentums, welches das Töten verbietet,
außer in Fällen der Notwehr, und das Leben heiligt-manche
29 Diese »mythische« Dimension des Rechts im allgemeinen umschließt im Denker weiten diese Heiligung aus, so daß nicht nur der
Sinne Benjamins zweifellos auch jede Theorie der »Menschenrechte«, zumin-
dest in dem Maße, in dem diese nicht von dem herrührt, was im vorliegenden Mensch, sondern auch das Tier und die Pflanze an der Hei-
Text die .göttliche Gewalt« heißt. ligkeit des Lebens teilhaben. Man muß jedoch das, was
106 10 7
Benjamin hier unter der Heiligkeit des Menschen, des Le- die relativ moderne und sehnsüchtige Antwort zu erblicken,
bens oder des menschlichen Daseins" versteht, auf schärfste die der Westen auf den Verlust des Heiligen erteilt.
zuspitzen. Denn Benjamin erhebt nachdrücklich Einspruch Welches ist das letzte, äußerste und am meisten provozie-
gegen jede Heiligung, die das Leben um seiner selbst willen, rende Paradoxon dieser Kritik der Gewalt? Ist es jenes, das
die das bloße Leben, die bloße Tatsache, daß man lebt, hei- uns am stärksten zum Nachdenken anhält? Welches hält uns
ligt. Dem Satz Kurt Hillers, »höher noch als Glück und am stärksten zum Nachdenken an? Das fragliche Paradoxon
Gerechtigkeit eines Daseins [stehe das] Dasein an sich besteht darin, daß diese Kritik als die einzige »Philosophie«
selbst« (S. 201), widmet Benjamin eine lange Erläuterung; der Geschichte vorgetragen wird (unvergeßliche Anfüh-
die Aussage, das bloße Dasein':' (die bloße Tatsache des Le- rungszeichen umgeben das Wort »Philosophie«), welche
bens) sei höher einzustufen als das gerechte Dasein", hält er eine Haltung ermöglicht, die nicht allein eine »kritische«
für »falsch und niedrig«. Dagegen hält er die nämliche Aus- Haltung ist, sondern ebenso (im kritischsten und diakri-
sage (die zweideutig bleibt, zumal die Begriffe des Daseins':' tischsten Sinne von Kritik - des Wortes krinein) eine wäh-
und des Lebens doppelsinnig sind, wie Benjamin bemerkt) lende (krinein), das heißt »scheidende und entscheidende
für eine »gewaltige Wahrheit«, wenn sie bedeuten soll, daß Einstellung« (S. 202): scheidend und entscheidend in der
ßas Nichtsein des Menschen etwas Furchtbareres als das Geschichte und im Hinblick auf die Geschichte, scheidend
bloße Nochnichtsein des gerechten Menschen ist. Anders und entscheidend im Hinblick auf die Gegenwart. Die
formuliert: Was den Wert des Menschen, seines Daseins" ganze Unentscheidbarkeit ist dem Recht, der mythologi-
oder seines Lebens ausmacht, ist der Umstand, daß er oder schen, also rechtsetzenden und rechts erhaltenden Gewalt
daß es die Potentialität, die Möglichkeit der Gerechtigkeit zugeordnet, sie sammelt sich dort an, und dort sitzt sie fest.
enthalten, also die Zukunft der Gerechtigkeit, die Zukunft Die ganze Entscheidbarkeit hingegen liegt bei der gött-
seines Gerecht-Seins, seines Gerecht-sein-Müssens oder lichen Gewalt, die das Recht zerstört; man könnte sogar
Gerecht-sein-Sollens. Heilig ist am Leben des Menschen wagen, zu behaupten, daß sie es dekonstruiert. Wenn man
nicht das Leben, sondern dessen Gerechtigkeit. Wären sie sagt, daß die ganze Entscheidbarkeit bei der göttlichen Ge-
heilig, so könnten die Tiere und Pflanzen nicht aufgrund walt liegt, die das Recht destruiert oder dekonstruiert, so
ihres bloßen Lebens heilig sein. Diese Kritik an Vitalismus meint man damit mindestens zwei verschiedene Dinge:
und Biologismus mag der eines bestimmten Heideggers äh- 1. Man meint, daß die Geschichte dieser göttlichen Ge-
neln und die eines bestimmten Hegels in Erinnerung rufen walt zugehört, daß sie auf deren Seite, ihr zur Seite steht -
(an anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen); hier wird sie die Geschichte im Gegensatz zum Mythos. Gerade deshalb
allerdings als Erweckung einer jüdischen Tradition vorgetra- handelt es sich dabei um eine »Philosophie« der Geschichte,
gen. Weil die Begriffe des Lebens und des Daseins" zweideu- gerade deshalb ruft Benjamin »ein neues geschichtliches
tig sind, wird Benjamins Verhalten gegenüber dem Dogma, Zeitalter« (S. 202) herbei, das auf das Ende der mythischen
das die Heiligkeit des Lebens als natürliches, bloßes Leben Herrschaft folgt und eine »Durchbrechung des Umlaufs im
behauptet, von Angezogensein und zugleich von Zurück- Banne der mythischen Rechtsformen« ist, eine Abschaffung
haltung geprägt. Benjamin notiert, daß die Herkunft dieses der Staatsgewalt';., der Autorität des Staates. Dieses neue
Dogmas eine Untersuchung verdient: er neigt dazu, darin geschichtliche Zeitalter wäre auch ein neues politisches
108 10 9
Zeitalter, vorausgesetzt, man bindet nicht das Politische an ses Dramas ab, ein Theater-Coup, der vielleicht (ich möchte
das Staatliche, wie Schmitt es etwa tut. jedenfalls nicht beschwören, daß es sich nicht so verhält)
2. Wenn die ganze Entscheidbarkeit sich auf seiten der von Anfang an, seit dem Auftakt, da sich der Vorhang geho-
göttlichen Gewalt in der jüdischen Tradition versammelt, so ben hat, vorgesehen war. Was behauptet nämlich Benjamin?
wird damit das Schauspiel der Geschichte des Rechts bestä- Er redet zunächst in der Bedingungsform von der »revolu-
tigt und für sinnvoll erklärt - das Schauspiel der Geschichte tionären Gewalt«: »wenn« der Gewalt auch jenseits des
des Rechts, die sich selbst dekonstruiert und in der Une nt- Rechts »ihr Bestand als reine unmittelbare gesichert« ist, so
scheidbarkeit erstarrt: denn jenes, was Benjamin als »das erweist sich damit, daß die revolutionäre Gewalt möglich
dialektische Auf und Ab« in der rechtsetzenden oder rechts- ist. Man würde in diesem Fall- Benjamin redet in der Bedin-
erhaltenden Gewalt bezeichnet, entspricht einer Schwan- gungsform - wissen, was diese revolutionäre Gewalt eigent-
kung, die dazu führt, daß die erhaltende Gewalt stets die lich ist, deren Name der einer reinen Manifestation der
»Unterdrückung der feindlichen Gegengewalten« betreiben Gewalt unter den Menschen ist. Warum aber wird diese
muß; diese Unterdrückung (das Recht, die juridische Insti- Aussage in der Bedingungsform gehalten? Handelt es sich
tution ist aus solcher Sicht immer repressiv) schwächt un- um etwas bloß Vorläufiges und Kontingentes? Keineswegs.
jlufhörlich die (be)gründende, setzende Gewalt, die sie Denn die Entscheidung>', die hier gefragt ist, die ausschlag-
vertritt oder repräsentiert. Die (be )gründende, setzende gebende, bestimmende, entscheidende Entscheidung, jene,
Gewalt schwächt sich folglich selbst in dieser Kreisdrehung: die es uns erlaubt, eine solche reine und revolutionäre Ge-
sie wird an oder durch sich selbst schwach. Benjamin er- walt als solche zu erkennen oder wiederzuerkennen, ist eine
kennt hier in gewisser Weise das Gesetz der Iterabilität: stets dem Menschen unzugängliche Entscheidung. Wir stoßen an
ist die setzende, (be)gründende Gewalt in einer erhaltenden dieser Stelle auf eine andere Unentscheidbarkeit; ich ziehe
repräsentiert, in einer erhaltenden, die ununterbrochen die es vor, folgenden Satz Benjamins in extenso zu zitieren:
Überlieferung ihres Ursprungs wiederholt und die im »Nicht gleich möglich noch auch gleich dringend ist aber
Grunde nur eine Setzung, eine (Be)gründung wahrt, die für den Menschen die Entscheidung, wann reine Gewalt in
zunächst dazu bestimmt ist, wiederholt, erhalten, wieder einem bestimmten Falle wirklich war.« (S. 203)
eingerichtet zu werden. Benjamin schreibt, daß die setzende Das liegt daran, daß die göttliche Gewalt, die die gerech-
Gewalt in der erhaltenden Gewalt »repräsentiert« ist. teste, die angemessenste, die geschichtlichste, die revolutio-
Glaubt man nun, Klarheit geschaffen und den Sinn, das, närste, die entscheidendste oder die entscheidbarste ist,
was Benjamins Text bedeuten will, richtig interpretiert zu keiner menschlichen Bestimmung, keiner Erkenntnis, kei-
haben, weil man auf entscheid bare Weise die Entscheidbar- ner »Gewißheit«, die uns zustehen, sich anbietet. Man
keit der göttlichen, revolutionären, geschichtlichen, gegen kennt sie nie in ihr selbst, »als solche«, man kennt sie nur in
Staat und Recht gerichteten Gewalt der Unentscheidbarkeit ihren »Wirkungen«, die »unvergleichlich« sind, die sich also
der mythischen Gewalt des Staatsrechts entgegensetzt, so keiner begrifflichen Allgemeinheit beugen. Gewißheit und
triff man eine überstürzte Entscheidung und versteht nicht bestimmende Erkenntnis gibt es nur im Bereich der mythi-
die Kraft dieses Textes. Denn am Ende, in dem Raum, den schen Gewalt, das heißt in dem des Rechts, in dem der
die letzten Zeilen einnehmen, spielt sich ein neuer Akt die- erwähnten Unentscheidbarkeit (»Unentscheidbarkeit aller
lIO III
Rechtsprobleme«): »Nur die mythische, nicht die göttliche des Unentscheidbaren teilhaben (wir wählen das Attribut
[Gewalt], wird sich als solche mit Gewißheit erkennen las- »jüdisch-griechisch«, um Zeit einzusparen). Außerdem liegt
sen«, sagt Benjamin (S. 203). Lassen Sie mich schematisch es daran, daß der Jude und der Hellene vielleicht nicht ganz
vorgehen: Es gibt zwei konkurrierende Gewalten::" auf der das sind, was uns Benjamin weismachen möchte. Nimmt
einen Seite die Entscheidung (angemessen, gerecht, ge- man schließlich jenes in Betracht, was in der Dekonstruktion
schichtlich, politisch usw.), eine Gerechtigkeit jenseits des im Kommen bleibt, so glaube ich, daß in ihren Adern ein
Rechts und des Staats, aber ohne entscheidbare Erkenntnis, ganz anderes Blut oder gar etwas ganz anderes als Blut
auf der anderen Seite entscheidbare Erkenntnis und Gewiß- fließt - vielleicht ohne Verkettung, ohne Abstammung. 30
heit in einem Bereich, der strukturell betrachtet der des Wenn ich mich jetzt von Benjamin auf längere oder kür-
Unentscheidbaren, des mythischen Rechts oder des Staates zere Zeit verabschiede, ihm Lebewohl sage oder auf Wieder-
ist. Auf der einen Seite die Entscheidung ohne entscheid- sehen, so überlasse ich ihm doch das letzte Wort. Ich lasse
bare Gewißheit, auf der anderen die Gewißheit des Unent- ihn signieren, vorausgesetzt, er kann signieren. Es muß stets
scheidbaren - aber ohne Entscheidung. In jedem Fall- und der Andere signieren, es ist stets der Andere, der als letzter
in welcher Gestalt auch immer - findet sich das Unent- signiert. Und also als erster.
fcheidbare auf beiden Seiten wieder und ist die gewaltsame In seinen letzten Zeilen, unmittelbar bevor er signiert,
Bedingung der Erkenntnis oder der Tat. Doch Erkenntnis bedient sich Benjamin übrigens des Wortes »bastardieren«.
und Tat sind immer (noch) getrennt. Es handelt sich dabei letztlich um die Definition des My-
Fragen: Ist das, was in der Einzahl als Dekonstruktion thos, um die rechtsetzende Gewalt. Das mythische Recht -
bezeichnet wird, eher dies oder eher jenes (vorausgesetzt, es man könnte auch sagen: die juridische Fiktion, ist eine
gibt eine Dekonstruktion - und lediglich eine einzige)? Oder Gewalt, die »alle ewigen Formen« der »reinen göttlichen
ist die Dekonstruktion noch etwas anderes, ist sie endlich Gewalt« »bastardiert« hat. Der Mythos hat die göttliche
etwas ganz anderes? Vertraut man dem Benjaminschen Gewalt »mit dem Recht bastardiert«. Mesalliance, unreine
Denkschema, ist dann der dekonstruktive Diskurs, der das Genealogie: nicht Blutvermischung, sondern Bastardie-
Unentscheidbare zum Gegenstand hat, eher jüdisch (oder rung, die im Grunde ein Recht geschaffen haben wird, das
jüdisch -christlich -islamisch) oder eher griechisch? Eher reli- Blut fließen läßt und mit Blut heimzahlt.
giös' eher mythisch oder eher philosophisch? Wenn ich auf Und dann, nachdem er die Verantwortung für diese Inter-
derartige Fragen, wenn ich derart auf diese Fragen nicht ant-
30 Indem ich diesen Text Benjamins einer Probe unterziehe - nämlich der einer
worte, so liegt das nicht allein daran, daß ich keinerlei Ge-
bestimmten dekonstruktiven Notwendigkeit, die sich hier und jetzt für mich
wißheit über die Existenz oder die Möglichkeit der Dekon- so darstellt -, zeichne ich die Umrisse einer Arbeit, die weiter ausholt und
struktion (in der Einzahl) mir verschaffen kann. Es liegt zusammenhängender ist: einer Arbeit über das vielfältige Verhältnis zwischen
dieser Dekonstruktion, dem, was Benjamin als Zerstörung bezeichnet, und
ebenfalls daran, daß in meinen Augen die dekonstruktiven der Heideggerschen Destruktion (an anderer Stelle habe ich mich mit Heideg-
Diskurse, die sich in ihrer irreduktiblen Vielzahl präsentie- gers .Destruktion« bereits auseinandergesetzt, ich werde es auch weiterhin
ren, auf unreine, kontaminierende, vermittelte, zwitter- noch tun. Vgl. vor allem meinen Text Philopolemologie: Heideggers Ohr (Ge-
schlecht IV); er erscheint '99' in einem Sammelband, der die Vorträge eines
hafte, bastardierte und gewaltsame Weise an all diesen im Oktober '989 an der Loyola University veranstalteten Colloquiums über
jüdisch-griechischen Verkettungen der Entscheidung und Heidegger enthält (The Indiana University Press).

I I2 II3
pretation des Griechischen und des Jüdischen übernommen Postscriptum 32
hat, signiert Benjamin. Er spricht auf bewertende, vor-
schreibende, nicht auf feststellende Weise - er signiert so,
wie man es jedesmal beim Signieren tut. Zwei energisch for-
mulierte Sätze kündigen an, welche Worte die leitenden Dieser seltsame Text trägt ein Datum. Jede Signatur trägt ein
Stichworte sein müssen und sollen, was man tun muß und Datum, sogar wenn sie in mehrere Namen Gottes sich ein-
soll, was man verwerfen muß und soll, (nämlich) das Böse schleicht und nur in dem Maße signiert, in dem sie vorgibt,
oder Perverse des Verwerflichen: )>Verwerflich aber ist alle Gott selber signieren zu lassen (vielleicht ist dann das Da-
mythische Gewalt, die rechtsetzende, welche die schaltende tum ihr um so tiefer eingezeichnet). Trägt dieser Text ein
genannt werden darf. Verwerflich auch die rechtserhal- Datum, ist er signiert (Walter, 1921), so haben wir nur ein
tende, die verwaltete Gewalt, die ihr dient.« (S. 203) begrenztes Recht, ihn vorzuladen, um vom Nazismus im
Darauf folgen die letzten Worte, der letzte Satz. Wie der allgemeinen (der als solcher sich noch nicht entwickelt
Schofar am Abend oder am Vorabend eines Gebets, das man hatte), von der neuen Gestalt, die Rassismus und Antisemi-
schon nicht mehr oder das man noch nicht hört, das man tismus im Nazismus annehmen (sie sind von ihm untrenn-
~chon nicht mehr oder das man noch nicht versteht. Nicht bar), oder gar von der Endlösung Zeugnis abzulegen: nicht
nur signiert sie, diese letzte Anrede [adresse], in unmittelba- nur, weil das Vorhaben der Endlösung und dessen Umset-
rer Nähe zum Vornamen Benjamins, Walter. Sie nennt auch zung ein noch späteres Datum tragen, ja auf Benjamins Tod
die Signatur, das Insignium und das Siegel, sie nennt den Na- erst folgen, sondern ebenfalls, weil die Endlösung in der
men und jenes, was »waltend«':' heißt. Doch wer signiert? Es Geschichte des Nazismus selber vielleicht etwas ist, was
ist Gott, der/das ganz Andere, wie stets, es ist die göttliche manche für ein unvermeidbares, den Prämissen des Nazis-
Gewalt, die stets allen Vornamen vorausgegangen sein, alle mus bereits einbeschriebenes Ans-Ende-Gelangen oder
Vornamen aber ebenfalls gegeben haben wird: »Die göttliche Sich-Vollenden halten können (angenommen, es handelt
Gewalt, welche Insignium und Siegel, niemals Mittel heiliger sich hier um solches, was eine eigne, diese Aussagen stüt-
Vollstreckung ist, mag die waltende heißen.« (S. 202)31 zende Identität hat), während andere wiederum (sie mögen
Nazis sein oder nicht, sie mögen oder sie mögen keine
31 Dieses .Spiel«, das zwischen walten und Walter stattfindet, kann zu keiner
Beweisführung beitragen und auch keine Gewißheit erzeugen. Darin besteht Deutschen sein) denken können, daß das Projekt der End-
gerade das Paradoxon seiner .beweisenden«, .dartuenden« Kraft: diese lösung ein Ereignis ist, eine neue Mutation im Inneren der
Kraft, diese Gewalt rührt von der Trennung des Kognitiven und des Perfor- Geschichte des Nazismus, das deshalb auch einer absolut
mativen her, von der ich oben spreche (und auch an anderer Stelle, anläßlich
der Signatur). Doch hat dieses Spiel, das an das absolute Geheimnis rührt, spezifischen Analyse bedarf. Aus all diesen Gründen haben
nichts bloß Spielerisches und Willkürliches an sich. Wir wissen nämlich, wie wir wohl nicht das Recht (oder haben wir nur ein be-
sehr sich Benjamin - vor allem in seiner Abhandlung über Goethes Wahlver-
wandtschaften - für die zufälligen und bedeutsamen Übereinstimmungen
schränktes Recht), uns zu fragen, was Walter Benjamin im
interessiert hat, deren eigentlicher Ort die Eigennamen sind. Ich bin geneigt, Rahmen der Logik dieses Textes (wenn er denn eine und nur
in einem schönen Aufsatz von Jochen Hörisch, den ich kürzlich gelesen habe eine einzige Logik hat) vom Nazismus und von der Endlö-
(April 1991) neue Aussichten für diese Hypothesen zu erblicken. (Vgl. J. Hö-
risch, L'ange satanique et le bonheur. Les noms des W. Benjamin, in: Weimar. sung gedacht hätte.
Le tournant esthitique, Paris 1988.) 32 Vgl. Anm. I.
Und doch werde ich in gewisser Weise gen au dies tun, ich für die extreme Konsequenz einer Logik des Nazismus ge-
werde es tun, indem ich über das hinausgehe, was mich an halten, die, um Begriffe seines Aufsatzes Zur Kritik der
diesem Text selber interessiert, an seinem Ereignis oder an Gewalt zu verwenden, sich auf folgende Weise darstellt:
seiner Struktur, an dem, was er über eine Konfiguration des I. Als Radikalisierung des Bösen, das an den Fall in eine
jüdischen und des deutschen Denkens vor dem sogenannten Sprache der Mitteilung gebunden ist, an den Fall in eine
Aufkommen des Nazismus dem Leser mitteilt, an dem, was Sprache der Vorstellung, der Repräsentation, der Informa-
er aussagt über all das Teilende, Verbindende und Tren- tion (von diesem Standpunkt aus ist der Nazismus sicherlich
nende, das diese Konfiguration bildet, über schwindelerre- die prägendste aller Gestalten der Medien-Gewalt; er ist die
gende Annäherungen, über radikale Umkehrungen des Für prägendste aller Gestalten der politischen Ausbeutung, die
und Wider, die aufgrund von zuweilen deckungsgleichen moderner Techniken der mitteilenden Sprache sich bedient,
Prämissen erfolgen, usw. - stets vorausgesetzt, daß man moderner Techniken der industriellen Sprache, der Sprache
diese Probleme alle auseinanderhalten kann, woran ich der Industrie, der wissenschaftlichen Objektivation, die mit
zweifle. In Wahrheit werde ich mich nicht fragen, was Ben- der Logik des konventionellen Zeichens und der formalisie-
jamin selber über den Nazismus und den Antisemitismus renden Eintragung verknüpft ist);
gedacht hat, vor allem deshalb nicht, weil wir ja, wollen wir 2. als totalitäre Radikalisierung einer Staats logik (unser
dies tun, über andere Mittel verfügen, über andere Texte, Text ist gerade eine Verurteilung des Staates, ja der Revolu-
die er uns hinterlassen hat. Ebensowenig werde ich mich tion, die einen Staat durch einen Staat ersetzt - was ebenfalls
fragen, was Walter Benjamin selber über die Endlösung ge- für andere Totalitarismen gilt: schon taucht die Frage des
dacht, wie er darüber geurteilt und welche Deutungen er Historikerstreits':' auf);
vorgebracht hätte. Ich werde nach etwas anderem suchen, 3. als radikale, aber auch fatale Korruption der parlamen-
auf bescheidene, schlichte, zurückhaltende und vorläufige tarischen und repräsentativen Demokratie, die durch eine
Weise. So rätselhaft und überbestimmt das logische Muster- moderne, von ihr untrennbare Polizei verursacht wird:
bild, die logische Matrize dieses Textes auch sein mag, so diese Polizei verwandelt sich in die wahre gesetzgebende
beweglich, verwandlungsfähig und umkehrbar sie wohl ist- Macht, ihr Geist oder Gespenst beherrscht den gesamten
sie hat doch ihre eigene Stimmigkeit. Diese Stimmigkeit politischen Raum (so betrachtet, ist die Endlösung eine hi-
stimmt ihrerseits mit der überein, die viele andere Texte storisch-politische Staatsentscheidung und zugleich eine
Benjamins bestimmt, frühere und spätere. Indem ich nun polizeiliche Entscheidung, eine Entscheidung ziviler und
gewisse Elemente dieses Zusammenhangs, die beharrlich militärischer Polizei, ohne daß man je beide unterscheiden
wiederkehren, berücksichtige, möchte ich mich an einigen und irgendeiner Entscheidung die wirkliche Verantwortung
Hypothesen versuchen, nicht etwa um mögliche Aussagen übertragen kann);
Benjamins zu restituieren, sondern um in großen Zügen den 4. als Radikalisierung und totale Ausbreitung des Mythi-
Problem- und Deutungsbereich nachzuzeichnen, dem er schen, der mythischen Gewalt in ihrem opfernd-begrün-
vielleicht - im Hinblick auf die Endlösung - seinen Diskurs denden und in ihrem eher erhaltenden Moment. Diese
eingefügt hätte. mythologische Dimension, die griechisch und ästhetisie-
Auf der einen Seite hätte er wahrscheinlich die Endlösung rend ist (wie der Faschismus ist auch der Nazismus mytho-
II6
logisch, auch er ist an den Griechen ausgerichtet: wenn er Tribunalen, aber auch die Ordnung der ästhetischen Reprä-
einer Ästhetisierung des Politischen gleichkommt, so im sentation). Aus solcher Sicht hat nämlich der Nazismus -
Zusammenhang einer Ästhetik der Repräsentation) - diese der Nazismus als Vollendung der Logik mythologischer
mythologische Dimension antwortet ebenso auf eine be- Gewalt - den Versuch unternommen, den anderen Zeugen
stimmte Gewalt des Staatsrechts, seiner Polizei und seiner auszuschließen, er hat versucht, den Zeugen einer anderen
Technik, auf die Gewalt eines von der Gerechtigkeit voll- Ordnung zu zerstören, den Zeugen der göttlichen Gewalt,
kommen dissoziierten Rechts, das der begrifflichen Allge- deren Gerechtigkeit sich nicht auf das Recht zurückführen
meinheit entspricht, die der Massenstruktur angemessen ist läßt, den Zeugen einer Gerechtigkeit, die sowohl der
und sich der Betrachtung des Besonderen und seiner Ein- Rechtsordnung gegenüber (selbst wenn es sich um die Men-
zigartigkeit entgegensetzt. Welche andere Erklärung gibt es schenrechte handelt) als auch gegenüber der Ordnung der
für die institutionelle, ja bürokratische Form, für die Trug- Repräsentation und des Mythos ihre Heterogenität behaup-
bilder der Gesetzgebung, die juristische Engherzigkeit, die tet. Anders ausgedrückt: Im Inneren seines Systems kann
Achtung vor den Zuständigkeiten und den Hierarchien, man die Einzigartigkeit eines solchen Ereignisses wie das
kurz die gesamte juridisch-staatliche Organisation, welche der Endlösung nicht als äußerste Spitze der mythischen und
dje technisch-industrielle und wissenschaftliche Umset- repräsentativen Gewalt denken. Man muß dieses Ereignis
zung oder Verwirklichung der Endlösung auszeichnet? von seinem Anderen aus zu denken versuchen, das heißt
Eine bestimmte Rechtsmythologie hat sich hier gegen eine von dem aus, was es auszuschließen und zu zerstören ver-
Gerechtigkeit entfesselt, von der Benjamin dachte, daß sie sucht hat, von dem aus, was es radikal exterminieren wollte:
im Grunde dem Recht gegenüber fremdartig bleiben muß: dieses Andere hat seinerseits das Ereignis von innen und
heterogen im Verhältnis zum natürlichen und zum histori- zugleich von außen aus heimgesucht. Man muß versuchen,
schen Recht, zur Gewalt seiner (Be)gründung und zu der das Ereignis von der Möglichkeit des Besonderen, der Sin-
seiner Erhaltung. Der Nazismus war eine konservative Re- gularität der Signatur und des Namens aus zu denken, da die
volution, die dieses Recht erhalten hat. Ordnung der Repräsentation nicht nur versucht hat, Millio-
Andererseits aber kann man (aus denselben Gründen: nen menschlicher, natürlicher Leben zu vernichten, son-
weil also der Nazismus im Sinne seiner logischen Konse- dern auch einen Gerechtigkeitsanspruch und auch Namen:
quenz zur Endlösung als seiner eigenen Grenze führen und zunächst nämlich die Möglichkeit, einen Namen zu geben
weil die mythologische Rechtsgewalt sein wahres System und einzutragen, die Möglichkeit, beim Namen zu rufen
darstellen soll) die Einzigartigkeit der Endlösung nur von und den Namen ins Gedächtnis zurückzurufen. Dies ver-
einem Ort aus denken und sich in Erinnerung rufen, der hält sich so nicht bloß deshalb, weil eine Zerstörung stattge-
nicht dem Raum der mythologischen Rechtsgewalt zuge- funden, weil es ein Projekt gegeben hat, das darauf zielte,
hört. Um dieses Ereignis zu ermessen, um jenes zu ermes- den Namen und das Gedächtnis des Namens, des Namens
sen, was es an das Schicksal bindet, muß man die Rechtsord- als Gedächtnis zu zerstören; es verhält sich auch deshalb so,
nung verlassen, die Ordnung des Mythos, die Ordnung der weil das System mythischer (objektivistischer, repräsentati-
Repräsentation (die Ordnung der juridisch-politischen Re- ver, kommunikativer usw.) Gewalt an seine eigene Grenze
präsentation mit ihren von Historiker-Richtern gebildeten gestoßen ist, indem es auf dämonische Weise beide Seiten
II8 119
der Grenze gleichzeitig besetzt hat: es hat im gleichen Zug choanalytischen Begriffen nähren, vor allem aber mit den
ein Archiv seiner Zerstörung angelegt, Trugbilder rechtfer- Deutungen, die von juristischen Begriffen zehren (zumal
tigender Überlegungen hervorgebracht (und zwar mit einer wenn es sich dabei um Begriffe der Rechtsphilosphie han-
furchterregenden gesetzlichen, bürokratischen, staatlichen delt, mögen diese Begriffe auch naturrechtlich konzipiert
Objektivität) - und ein geregeltes Ganzes gebildet, in dem sein, im Stil des Aristoteles oder in dem der Aufklärung':').
seine eigene Logik, die Logik der Objektivität, die Mög- Benjamin hätte vielleicht jede geschichtliche oder ästheti-
lichkeit geschaffen hat, das Zeugnis und die Verantwortung sche Objektivation der Endlösung, die noch - wie übrigens
für ungültig zu erklären, also auszulöschen, und die Beson- jede Objektivation - der Ordnung des Dar- und Vorstellba-
derheit der Endlösung zu neutralisieren: es hat die Mög- ren, des Bestimmbaren, des bestimmenden und entscheid-
lichkeit der historiographischen Perversion geschaffen, die baren Urteils angehört, für vergeblich und unangemessen
ihrerseits die Logik des Revisionismus und einen positivisti- gehalten, unangemessen zumindest im Hinblick auf das Er-
schen, komparatistischen oder relativistischen Objektivis- eignis und dessen Maß. Erinnern Sie sich an das, was uns
mus (wie den, den man jetzt mit dem Historikerstreit':· in bereits deutlich geworden ist: In der Ordnung der schlech-
Verbindung bringt) erzeugt hat. Den Revisionismus können ten, mythologischen Rechtsgewalt besteht das Böse gerade
v,'ir, um uns kurz zu fassen, als einen Revisionismus Fauris- in einer gewissen Unentscheidbarkeit; es besteht in dem
sonschen Stils bestimmen; den Objektivismus als einen, der Umstand, daß man hier zwischen der rechtsetzenden und
die Existenz eines analogen totalitären Vorbilds und die Tat- der rechts erhaltenden Gewalt nicht mehr unterscheiden
sache vorgängiger Massenvernichtungen (genannt wird der kann, weil das Verderben aus einer Dialektik entspringt und
Gulag) zur Erklärung der Endlösung herbeizieht und diese sich dialektisch, aus dialektischen Gründen nicht vermeiden
sogar im Sinne einer Kriegshandlung »normalisiert«, im läßt, während doch das theoretische Urteil und die Vorstel-
Sinne einer klassischen staatlichen Antwort, einer während lung in der fraglichen Ordnung bestimmbar oder bestim-
des Kriegs gegen die Juden dieser Welt erteilten Antwort: mend sind. Erst wenn man diese Ordnung verläßt, beginnt
durch Weizmann sollen die Juden selber - beinahe wie ein die Geschichte - und die Gewalt der göttlichen Gerechtig-
Staat - im September 1939 dem Dritten Reich den Krieg keit -; doch wir, die Menschen, können unsere Urteilsbe-
erklärt haben. stimmungen nicht daran messen, wir haben daran kein Maß
Aus dieser Perspektive hätte Benjamin vielleicht jeden ge- für entscheidbare Deutungen. Dies bedeutet nun auch, daß
setzmäßigen Prozeß gegen den Nazismus und dessen Ver- die Deutung der Endlösung (und die Deutung dessen, was
antwortlichkeit für vergeblich gehalten, ja für unangemes- das Ganze und das Umgrenzende der mythologischen und
sen, zumindest im Hinblick auf das Ereignis; vielleicht hätte der göttlichen Ordnung ausmacht) vom Menschen nicht ge-
er so auch auf jeden (Ver)Urteil(ung)sapparat, auf jede Hi- meistert werden kann, ihm nicht angemessen, kein für ihn
storiographie reagiert, die in einem homogenen Verhältnis Ermeßbares ist. Keine Anthropologie, kein Humanismus,
zu jenem Raum steht, in dem sich der Nazismus bis zur kein Diskurs des Menschen über den Menschen, ja über die
Endlösung entwickelt hat; vielleicht wäre er so mit all jenen Menschenrechte, vermögen sich an dem Bruch zwischen
Deutungen umgegangen, die sich von philosophischen, dem Mythischen und dem Göttlichen zu messen; sie kön-
moralischen, soziologischen, psychologischen oder psy- nen sich folglich auch nicht an der Grenzerfahrung messen,
120 121
welche das Vorhaben der Endlösung darstellt. Mit diesem schen beiden Sprachen nicht aufrechterhalten und auf reine
Vorhaben wird einfach der Versuch unternommen, das An- Weise angesetzt werden kann; ein »Komprorniß« erweist
dere der mythischen Gewalt zu tilgen, das Andere der sich als notwendig und unumgehbar. Doch bleibt dieser
Repräsentation, also die göttliche Gerechtigkeit und jenes, Komprorniß einer, der zwischen zwei inkommensurablen
was sie bezeugt, den Menschen, das einzige Wesen, das sei- und radikal heterogenen Dimensionen geschlossen wird.
nen Namen nicht von Gott erhalten hat, dem Gott das Vielleicht können wir daraus an dieser Stelle lernen, daß der
Vermögen und die Aufgabe der Benennung überträgt: es soll Komprorniß zwischen zwei heterogenen Ordnungen nötig,
seinesgleichen und die Dinge benennen. Nennen meint daß er etwas Zwangsläufiges ist, geschlossen im Namen
nicht dar- oder vorstellen, es meint nicht die Mitteilung un- einer Gerechtigkeit, die uns befiehlt, dem Gesetz der Re-
ter Verwendung von Zeichen, von Mitteln zu Zwecken. Die präsentation (Aufklärung'f, Vernunft, Objektivation, Ver-
Linie, die von dieser Interpretation gezogen wird, verlän- gleich, Erläuterung, Beachtung der Vielheit einzigartiger
gert somit die furchterregende und belastende Verurteilung Einzelheiten und ihrer Eingliederung in Serien) und zu-
der Aufklärung'f, die Benjamin bereits in einem Text aus gleich jenem anderen Gesetz zu gehorchen, das die Reprä-
dem Jahr 1918 ausspricht, in einem Text, den Scholem dann sentation übersteigt und das Einzigartige, jede Einmaligkeit
J963 zum sechzigsten Geburtstag Adornos veröffentlicht ihrer Einschreibung in die Ordnung des Allgemeinen oder
hat. 33 des Vergleichs entzieht.
Damit ist jedoch nicht gesagt, daß man einfach auf die Worauf ich zum Abschluß aufmerksam machen möchte,
Aufklärung und die Sprache der Kommunikation oder der ist jenes, was ich in diesem Text am fürchterlichsten, ja was
Repräsentation verzichten muß, um einer Sprache des Aus- ich darin unerträglich finde, jenseits noch der Affinitäten,
drucks das Wort zu reden. In seinem Moskauer Tagebuch 34 , die zwischen ihm und dem Schlimmsten bestehen (Kritik
1926-27 verfaßt, präzisiert Benjamin, daß die Polarität zwi- der Aufklärung':-, Theorie des Sündenfalls und der ur-
sprünglichen Echtheit, Polarität zwischen einer Ursprache
33 Walter Benjamin, Über das Programm der kommenden Philosophie, in: ders.,
Gesammelte Schriften, Band 11.1, a.a.O., S. 157-171. In diesem Aufsatz
und einer abgefallenen, verfallenen Sprache, Kritik der Re-
heißt es zum Beispiel: .Daß Kant sein ungeheueres Werk gerade unter der präsentation und der parlamentarischen Demokratie usw.).
Konstellation der Aufklärung in Angriff nehmen konnte besagt, daß dieses an Ich denke an eine Versuchung, für die er Raum schafft und
einer gleichsam auf den Nullpunkt, auf das Minimum von Bedeutung redu-
zierten Erfahrung vorgenommen wurde [ ... ] Was das Niedere und Tiefste- der dann besonders die Überlebenden oder die vergange-
hende der Erfahrung jener Zeit ausmacht, worin ihr erstaunlich geringes nen, gegenwärtigen, potentiellen Opfer der Endlösung
spezifisch metaphysisches Gewicht liegt wird sich nur andeuten lassen in der nachgeben können. Um welche Versuchung handelt es sich?
Wahrnehmung wie dieser niedere Erfahrungsbegriff auch das Kantische Den-
ken beschränkend beeinflußt hat. Es handelt sich dabei selbstverständlich um Um die, den Holocaust als eine gegen alle Deutung wider-
denselben Tatbestand den man als die religiöse und historische Blindheit der spenstige Manifestation der göttlichen Gewalt zu denken:
Aufklärung oft hervorgehoben hat ohne zu erkennen in welchem Sinne diese
Merkmale der Aufklärung der gesamten. Neuzeit zukommen.« (S. 158-159)
der göttlichen Gewalt, die, wie Benjamin betont, vernich-
[A.d.Ü.] tend, entsühnend und unblutig ist, und die das Recht im
34 Walter Benjamin, Moskauer Tagebuch, in: Gesammelte Schriften, Band VI, Zuge einer schlagenden Bewegung zerstört. Ich zitiere wie-
Frankfurt am Main 1985, S. 331 [.Ich verwies (Reich) auf die Polarität aller
sprachlichen Wesenheit: Ausdruck und Mitteilung zugleich zu sein.« - Ergän- der einen Passus des Benjaminschen Aufsatzes: »Der Nio-
zung des Übersetzers]. besage mag als Exempel dieser Gewalt Gottes Gericht an
122 12 3
der Rotte Korah gegenübertreten. Es trifft Bevorrechtete, lisieren, beurteilen müssen. Damit sind aus meiner Sicht
Leviten, trifft sie unangekündigt, ohne Drohung, schlagend eine Aufgabe und eine Verantwortung umrissen, deren Ge-
und macht nicht Halt vor der Vernichtung. Aber es ist zu- genstand ich weder in der Benjaminschen »Zerstörung«
gleich eben in ihr entsühnend und ein tiefer Zusammenhang noch in der Heideggerschen »Destruktion« habe ausma-
zwischen dem unblutigen und entsühnenden Charakter die- chen können. Das Denken des Unterschieds zwischen die-
ser Gewalt nicht zu verkennen.« (S. 199) Wenn man an die sen Zerstörungen oder Destruktionen auf der einen Seite
Gaskammern und die Brennöfen denkt, läßt einen diese und einer dekonstruktiven Bejahung oder Behauptung auf
Anspielung auf eine Vernichtung, die entsühnend sein soll, der anderen hat mich heute abend bei diesem Vortrag gelei-
weil sie unblutig ist, erschaudern. Die Vorstellung, daß man tet. Es will mir scheinen, als diktiere das Gedächtnis der
den Holocaust als Entsühnung und unentzifferbare Signa- Endlösung gerade dieses Denken.
tur eines gerechten und gewaltsamen göttlichen Zorns deu-
ten könnte, versetzt uns in Angst und Schrecken.
An diesem Punkt einmal angekommen, scheint mir dieser
Text trotz seiner vieldeutigen Beweglichkeit und all der Res-
}'ourcen, die erfür Umkehrungen bereithält, zu sehr dem zu
ähneln, wogegen man handeln und denken, wogegen man
etwas tun und etwas sagen muß; die Ähnlichkeit ist so groß,
daß sie Faszination und Schwindelgefühl erregen kann. Wie
viele andere Texte Benjamins auch, trägt dieser Aufsatz in
meinen Augen noch allzu starke Heideggersche Züge; er ist
noch zu messianisch-marxistisch oder archeo-eschatolo-
gisch gefärbt. Ich weiß nicht, ob man dieser namenlosen
Sache, die man Endlösung nennt, etwas entnehmen kann,
was sich als Lehre bezeichnen läßt. Gäbe es aber eine solche
Lehre, eine einzigartige Lehre unter den stets einzigartigen
Lehren, die man aus einem besonderen Mord, aus allen kol-
lektiven Vernichtungen der Geschichte ziehen könnte (jeder
individuelle Mord, jeder Kollektivmord sind ein Singuläres,
sie sind also unendlich und unvergleichbar), so wäre die
Lehre, die wir heute daraus ziehen könnten (und wenn wir
sie ziehen können, müssen wir es auch tun), die, daß wir die
mögliche Mitschuld all dieser Diskurse am Schlimmsten
(hier geht es um die Endlösung), die mögliche komplizen-
hafte Verbindung, die zwischen diesen Diskursen und dem
Schlimmsten besteht, denken, erkennen, vorstellen, forma-
124