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© F. Enke Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S.

236-255

E inführende B em erk u n gen zu ein er T h eorie sy m b o lisch generalisierter K om m u n ik a­


tio n sm ed ien

Niklas Luhmann
Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie

Introductory remarks towards a theory of symbolically generalized media of communication

A b stract: In addition to and in connection with analyses from both systems theory and evolution theory, the
theory o f society needs a third footing, viz, a theory o f symbolically generalized media o f communication. The
present paper attempts to sketch a number o f starting points from which to construct a theory o f this kind. Its
fundamental problem is to be found in the transmission o f accomplished selective effects. This problem may be
solved by way o f a binary coding o f specific preferences. Transmission is not problematical, except in particular
situations, for which special codes o f very different kinds have been elaborated. Truth, love, property/money,
and power/law are the main meaning structures in relation to which codes have been formed that are proven
evolutionary successful. These codes are compared to one another with respect to such general properties as their
symbolical structures, their environmental relationships, and the conditions for increasing their efficiency.

Inhalt: In Ergänzung zu und im Zusammenhang mit systemtheoretischen und evolutionstheoretischen Analysen


benötigt die Gesellschaftstheorie ein drittes Fundament: eine Theorie symbolisch generalisierter Kommunikations­
medien. Im folgenden werden Ausgangspunkte für eine solche Theorie skizziert. Ihr Grundproblem liegt in der
Übertragung von Selektionsleistungen. Der Weg der Lösung dieses Problems läuft über eine binäre Codierung von
spezifischen Präferenzen. Die Übertragung wird nur in besonderen Situationen problematisch, für die sehr ver­
schiedenartige Sonder-Codes ausdifferenziert worden sind. Evolutionär erfolgreiche Codes haben sich vor allem für
Wahrheit, Liebe, Eigentum/Geld und Macht/Recht gebildet. Diese Codes werden unter allgemeinen Gesichtspunk­
ten ihrer symbolischen Struktur, ihrer Umweltbeziehungen und der Bedingungen ihrer Leistungssteigerung mitein­
ander verglichen.

I. der Systemdifferenzierung und zur Umstellung


von segmentärer auf funktionale Differenzierung
Seit dem 19. Jahrhundert stützen Arbeiten an führe; oder daß Evolution soziale Differenzierung
einer Gesellschaftstheorie sich auf zwei Funda­ als Schichtengegensatz aufbaue, verstärke, ver­
mente: auf Annahmen über Systembüdung und einfache und schließlich aufhebe. Die Erkennt­
Systemdifferenzierung und auf Annahmen über nisgewinne stecken hier in Aussagen über Rela­
Evolution. Diese Doppelfundierung ermöglicht tionen, sie werden durch Techniken der Relatio-
Polemiken und Relationierungen. Sie ermöglicht nierung unabhängig formulierter Sachverhalte
es, den Bestand und die Bedeutung einer gefestig­ hereingeholt.
ten Ordnung als unentbehrlichen Ausgangspunkt
jeder wissenschaftlichen Analyse (auch und ge­ Eine solche Perspektive und Methodik unterschei­
rade von Veränderungen) zu behaupten und an­ det sich prinzipiell von der alteuropäischen Ge­
dererseits eine Übertreibung system- und struk­ sellschaftsphilosophie, die bestimmte normative
turtheoretischer Ordnungsbehauptungen im Hin­ und moralische Annahmen, die auch den For­
blick auf den sozialen Wandel zurückzuweisen. scher binden, in Aussagen über die Natur des
In polemischer Perspektive kann dann die eige­ Menschen und der menschlichen Gesellschaft
ne Position mit einer Zurückweisung der Über­ eingebaut hatte und die menschlichen und ge­
treibung der Gegenposition begründet werden. sellschaftlichen Verhältnisse im Hinblick auf
Daß diese Argumentationstechnik nicht längst ihre Perfektion/Korruption beurteilte. Demge­
ermüdet hat, liegt an den Möglichkeiten der Re- genüber distanziert die neuartige soziologische
lationierung, die jene dichotomische Struktur Relationierungstechnik den Forscher stärker von
eröffnet. Man kann Thesen über Systembildung seinem Gegenstand und unterstellt diesem höhe­
und Thesen über Evolution getrennt formulieren re Kontingenz. Die Erkenntnis steckt dann nicht
und sie sodann zueinander in Beziehung setzen. mehr im Herausdestülieren und Nachvollziehen
So heißt es etwa bei Klassikern der Soziologie, des natürlichen Ethos gesellschaftlichen Zusam­
daß Evolution mit Hilfe der DARWINschen Me­ menlebens; sie ist nicht mehr durch die Notwen­
chanismen die Komplexität des Gesellschaftssy­ Unauthenticated
digkeit dieses Ethos gedeckt. Sondern sie setzt
stems steigere; oder daß Evolution zu zunehmen­ in den Annahmen über 12:13
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Systembildung und über
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Evolution Kontingenz voraus und begründet ihren rere seligierende Systeme sich zueinander in Be­
Erkenntnisgewinn darauf, daß Kontingentes nicht ziehung setzen.
beliebig kombiniert werden kann, also Relationie-
rungen Kontingenz verringernl.
II.
Man kann die Kühnheit dieser Erkenntnistechnik
und den Grad ihrer Ausdifferenzierung aus le­ Als erster hat TALCOTT PARSONS auf Grund
bensweltlich-moralischen Bindungen bewundern älterer Vorstellungen (namentlich zur Analogie
und sich doch fragen, ob sie an jene relativ ein­ von Geld und sprachlich vermittelter Kommu­
fache Ausgangsdichotomie von System und Evo­ nikationen) (SIMMEL 1920; BURKE 1962: 108ff.
lution gebunden ist oder ob sie, in ihrem Prin­ und passim; MEAD 1934: 292) das Konzept ei­
zip einmal erkannt, in komplexere und damit ner Theorie symbolisch generalisierter Kommu­
sachadäquatere Gesellschaftstheorien überführt nikationsmedien entwickelt2. PARSONS geht da­
werden kann. Eine immanente Kritik jener älte­ von aus, daß bei evolutionär zunehmender Sy­
ren Konzeptionen ist hier nicht möglich; aber stemdifferenzierung die kontingenten Beziehun­
es fällt auf, daß sie vor allem den Bereichen gen wechselseitiger Abhängigkeit zwischen den
Kommunikation, Motivation, Rationalitätskrite­ Teilsystemen und die daraus folgenden Prozesse
rien, Kultur und Geschichte nie voll gerecht ge­ (interchanges) nicht mehr die Form eines ad hoc
worden sind und daher immer einen Schwarm Tausches (barter) von Bedürfnisbefriedigung gegen
von Kontrasttheorien neben sich hatten, sei es Bedürfnisbefriedigung annehmen können. Vielmehr
auf mehr ökonomisch-utilitaristischer, sei es auf muß jedes System seine Einzelbeziehungen zu ei­
mehr kulturhistorischer und neuerdings wieder nem anderen System nach Maßgabe generalisierter
auf moralisch-politischer Grundlage. Diese Be­ Bedingungen der Kompatibilität mit den übrigen
obachtung stimuliert nun die Frage, ob es nicht Zwischensystembeziehungen steuern können. Die
möglich sei, zu einer begriffsreicheren und damit Vielzahl der Außenbeziehungen, die bei System­
sachadäquateren Gesellschaftstheorie zu kom­ differenzierung anfallen, muß daher durch symbo­
men. Die Desideratenliste Kommunikation/Mo- lisch generalisierte „Tauschmedien“ wie zum Bei­
tivation/Rationalität/Kultur/Geschichte gibt da­ spiel Geld vermittelt werden. Jedes Teilsystem
für einen ersten Hinweis. muß dann im Verhältnis zu anderen sowohl auf
der Basis konkreter Direktbefriedigungen als auch
Nimmt man ihn auf, dann bietet sich der Ver­ auf einer symbolisch generalisierten Ebene kom­
such an, mit Hilfe vorhandener Ansätze zu ei­ plementäre Erwartungen bilden und mit anderen
ner Theorie symbolisch generalisierter Kommu­ verkehren können (double interchanges). Solche
nikationsmedien der Gesellschaftstheorie ein Tauschmedien werden im Laufe der Evolution
drittes Fundament zu geben. Neben dem pri­ als Spezialsprachen für bestimmte Arten von
mär sachlichen Aspekt der Systemdifferenzie­ Zwischensystembeziehungen ausgebildet. Sie
rung nach unterschiedlichen Funktionen und entwickeln sich also in bezug auf Folgeproble­
dem primär zeitlichen Aspekt der Evolution me funktionaler Differenzierung. Innerhalb der
käme dann in der Soziologie auch der spezifisch Einzelsysteme kommt es dann zur Institutiona­
soziale Aspekt menschlicher Beziehungen gleich­ lisierung medienspezifischei Kriterien (coordina­
rangig zur Geltung, nämlich die Frage, wie meh­ tion standards, zum Beispiel Zahlungsfähigkeit),
die als Ersatzindikatoren das Bestandsproblem
1 Diese Vorgehensweise impliziert im übrigen eine operationalisieren.
genaue Umkehrung der scholastischen Annahme
„ex multis contingentibus non potest fieri unum Diese Konzeption soll hier nicht „immanent
necessarium“ (THOMAS VON AQUINO, Summa kritisiert“ , sondern verallgemeinert, das heißt
contra Gentiles III 86). Die Abkehr von alteuro­
päischen Grundpositionen liegt also keineswegs nur
im Verzicht auf „praktische Phüosophie“ und auf
moralische Grundannahmen über Natur, Mensch 2 Vgl. PARSONS (1967a und b); PARSONS (1968).
und Gesellschaft, sondern zugleich in einer Revo- Ferner wichtig für die Übertragung des Konzepts von
lutionierung des Fundierungszusammenhanges von der Ebene sozialer Systeme auf die des allgemeinen
Kontingenz und Notwendigkeit in der Realität und Aktionssystems ders. (1970: 39 ff.). Eine klare Prä­
in der Erkenntnis, die in ihren Ansätzen bis auf sentation der Grundzüge Unauthenticated
des Konzepts findet man
DUNS SCOTUS zurückverfolgt werden kann. Download
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bei TURNER (1968). 12:13 AM
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gezielt weiterentwickelt werden. Dazu dienen wechselseitige Anerkennung der Erwartungen


uns folgende Anknüpfungspunkte: sichern. Grundform symbolischer Generalisie­
f rung mit dieser Funktion ist für ihn die Sprache.
1) PARSONS sieht: Systemdifferenzierung erzeugt Symbolisch generalisierte Tauschmedien sind
kontingente Beziehungen zwischen Teüsystemen. für ihn daher Sonderformen der Sprache. Der
Kontingenz bedeutet bei dieser Ableitung aber Schwerpunkt der Analyse liegt damit in der Ver­
nur: „Abhängigkeit von . . . Diese Fassung mittlung zweier Ebenen: eines allgemeinen, ge­
des Kontingenzbegriffs können wir erweitern sellschaftlich integrierten Vorverständigtseins und
durch Rückgriff auf den allgemeinen modaltheo­ konkreter, auf Befriedigung von Bedürfnissen
retischen Begriff der Kontingenz, der das „Auch- abzielender individueller Transaktionen (entspre­
anders-möglich-Sein“ des Seienden bezeichnet chend der linguistischen Unterscheidung von
und durch Negation von Unmöglichkeit und Not­ code und message). Das Problem der Motiva­
wendigkeit definiert werden kann3. Kontingenz tion zur Annahme selektiver Reduktionen wird
in diesem Sinne entsteht dadurch, daß Systeme ins Psychologische verschoben und mit den
auch andere Zustände annehmen können, und Konzepten Internalisierung und Sozialisation
sie wird zur doppelten Kontingenz, sobald Syste­ gelöst . Es bleibt ungeklärt, ob und wie die Kon­
me die Selektion eigener Zustände darauf abstel­ tingenz individuellen Handelns in der Struktur
len, daß andere Systeme kontingent sind. sozialer Systeme abgebüdet und verstärkt wer­
den kann56; sie kommt, wenn man von der neue­
2) Die Begrenzung auf Tauschbeziehungen bzw. ren phüosophischen Tradition her interpretiert,
wechselseitige Bedürfnisbefriedigung (gratification) als Zufall und nicht als Freiheit in Betracht
kann aufgegeben werden, indem man das Bezugs­ (RITSERT 1966 und 1968). Diese Beschränkung
problem erweitert auf Kommunikation schlecht­ suchen wir dadurch zu überwinden, daß wir
hin. Man wird dann nicht mehr von Tauschme­ Codes nicht als Werte oder als Symbolreihen
dien, sondern von Kommunikationsmedien spre­ schlechthin ansehen, sondern mit einer spezi­
chen. Kommunikation setzt Kontingenz voraus fischen Abstraktion als Disjunktionen: als „Ja
und besteht in der Information über kontingen­ oder Nein“, „Haben oder Nichthaben“ , „Wahr­
te Selektion von Systemzuständen (MACKAY heit oder Unwahrheit“, „Recht oder Unrecht“,
1969). Damit wird das Problem abstrahiert, auf „Schönheit oder Häßlichkeit“.
das Kommunikationsmedien sich beziehen: Es
geht nicht notwendig um Erreichen der vollen 4) Die hier vorgeschlagenen Abstraktionen ha­
Reziprozität, sondern um Sicherstellung der er­ ben begriffstechnisch das Ziel, die Theorie der
folgreichen Abnahme von Kommunikationen4. Kommunikationsmedien aus einer zu starken
Fixierung an Folgeprobleme der evolutionären
3) Bei einer Fassung des Kontingenzbegriffs als Differenzierung herauszulösen und sie gegen­
Abhängigkeit wechselseitiger Bedürfnisbefriedi­ über Evolutionstheorie und Systemtheorie zu
gung und bei Anschluß an eine Gesellschafts­ verselbständigen. Damit gewinnt man ein offe­
theorie, die vom Problem Differenzierung/Inte-
gration ausgeht, stellt sich für PARSONS das
Grundproblem der Systemerhaltung in der Form 5 Vgl. dazu auch SCHRADER (1966). Abschwächend
der symbolischen Generalisierung übergreifen­ sei angeführt, daß diese Lösung nicht als psycholo­
gischer Reduktionismus interpretiert werden darf.
der Werte, die die Komplementarität und die Sie wird vielmehr in eine allgemeine Theorie des
Handlungssystems eingebaut, auf dessen Ebene noch
nicht zwischen psychischen und sozialen Systemen
3 Zu den logischen Problemen und zur Terminolo­ differenziert werden kann. Dazu PARSONS (1970:
giegeschichte vgl. etwa BROGRAN (1967); BEK- 43 ff.).
KER-FREYSENG (1938); JALBERT (1961);
SCHEPERS (1963). Die Auffassung der Kontingenz 6 Nur für den Fall des Geldes kommt dies deutlich
als „Abhängigkeit von“ ist nur eine schöpfungs­ heraus, also für den Fall, daß das Medium selbst
theologisch bedingte Sonderfassung dieses allge­ zur Verwendung in konkreten Transaktionen aus­
meinen modaltheoretischen Begriffs. Zur Entste­ gemünzt wird und dadurch seine Allgemeinheit
hung dieser Sonderfassung auch SMITH (1943). nicht verliert. Aber das ist eine Sonder form, deren
exemplarische Verwendung bei PARSONS die
4 Zu diesem Problem in der PARSONSschen Theorie Unauthenticated
Klärung der zu Grunde liegenden Probleme eher
vgl. GOULDNER (1959). Download
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als fördert.
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neres Konzept, von dem aus man Beziehungen Selektion selbst in anschließendes Erleben und
zwischen Systembildung, Evolution und Medien- Handeln hängt von weiteren Voraussetzungen ab.
Funktionen auf der Ebene des Gesellschaftssy­ Die durch Sprache gesteigerte Kontingenz erfor­
stems neu überlegen kann. Andererseits muß man dert Zusatzeinrichtungen in der Form weiterer
verzichten auf das für PARSONS wichtige Ziel, symbolischer Codes, die die wirksame Übertra­
die Aussagen über Kommunikationsmedien aus gung reduzierter Komplexität steuern.
einer allgemeineren Systemtheorie theoretisch
In älteren Gesellschaftsformationen archaischen
abzuleiten.
Typs lagen diese Funktionen teils bei der Spra­
che selbst9, teüs bei den unmittelbaren Verhal­
III. tenskontrollen der Interaktionssysteme unter An­
wesenden. Sie wurden durch einen relativ gerin­
Kommunikation setzt Nichtidentität der an ihr
gen Altemativen-Spielraum und durch relativ
Beteüigten voraus, daher auch Differenz der Per­
konkrete „Realitätskonstruktionen“ mit gerin­
spektiven und daher auch Unmöglichkeit voll­
gem Auflösungsvermögen abgesichert. Erst die
kommener Kongruenz des Erlebens. Diese Grund­
Erfindung der Schrift hat neuartige Problemlö­
lage aller Kommunikation wird in der sprachli­
sungen erzwungen und auf spätarchaischen
chen Kommunikation strukturell akzeptiert und
Grundlagen (vor allem im Bereich von Eigen­
durch Bereitstellung von Negationsmöglichkei­
tum und Macht) zur Entwicklung besonderer
ten berücksichtigt7. Durch ihr Negationspoten­
Medien-Codes geführt (GOODY und WATT 1963;
tial übernimmt die Sprache die Funktion einer
GOODY 1973).
Duplikationsregel, indem sie für alle vorhande­
nen Informationen zwei Fassungen zur Verfü­ Schrift ist nämlich eine Zweit-Codierung der
gung stellt: eine positive und eine negative. Sprache, die diese mitsamt ihrem Ja/Nein-
Strukturen mit dieser Funktion einer Duplika­ Schematismus in einem anderen Zeichensystem
tionsregel wollen wir (in Anlehnung an biogene­ nochmal dupliziert und für Verwendung außer­
tische, nicht an linguistische8 Konzepte) Codes halb von Interaktionskontexten zur Verfügung
nennen. Über Codes erreichen Systeme eine Um- hält. Damit werden Gesellschaftssystem und
verteüung von Häufigkeiten und Wahrscheinlich­ Interaktionssysteme stärker differenzierbar, es
keiten im Vergleich zu dem, was an Materialien kommt zu einer immensen Erweiterung des
oder Informationen aus der Umwelt anfällt. Ob Kommunikationspotentials in räumlicher und
kommunikativ bejaht oder verneint wird, hängt zeitlicher Hinsicht, zu neuartigen Äquivalenten für
dann nicht mehr direkt von Vorkommnissen in Gedächtnis, und entsprechend verlieren die Mög­
der Umwelt, sondern von intern steuerbaren lichkeiten interaktioneller Motivsuggestion und
Prozessen der Selektion ab. Andererseits wächst -kontrolle auf der Ebene des Gesellschaftssystems
mit diesem Prinzip kommunikativer Ausdiffe­ an Bedeutung. Die Negationspotentiale der Kom­
renzierung ein internes Risiko — das Risiko des munikationsprozesse können nun nicht mehr so
Abreißens von Selektionszusammenhängen. unmittelbar wie zuvor „sozialisiert“ werden. Die
Kommunikation, und erst recht sprachliche Gründe für die Annahme von Selektionsofferten
Kommunikation, bewirkt zunächst nur das An­ müssen auf abstrakterer Basis rekonstruiert wer­
kommen einer Information, das (wie immer gro­ den, sie müssen auf Kommunikation mit Unbe­
be und unzureichende) Verstehen ihres Sinnes, kannten eingestellt sein und die Verquickung
nicht aber damit zugleich auch die Übernahme mit einem archaischen Ethos der Sozialbindung
der Selektion als Prämisse weiteren Erlebens und unter Nahestehenden abstreifen. Das ist der hi­
Handelns. Durch Kommunikation erreicht man storische Ausgangspunkt für die Ausdifferenzie­
daher zunächst nur eine Übertragung von Selek- rung besonderer symbolisch generalisierter Kom­
tionsOfferten. Die Sicherstellung des kommuni­ munikationsmedien.
kativen Erfolgs, die wirksame Übertragung der
9 Siehe z.B. MALINOWSKI (1960); MARSHALL
(1961). Daher ist es auch möglich, das sehr sprach-
7 Dazu und zu den linguistischen Grenzen möglichen nah formulierte Medien-Konzept von PARSONS,
Negierens vgl. SCHMIDT (1973). in dem es primär auf die Vermittlung von symbo­
lischen Bezügen und konkreten Transaktionen an­
8 So aber PARSONS in explizitem Anschluß an JA­ Unauthenticated
kommt, auf die Verhältnisse archaischer Gesellschaf­
KOBSON und HALLE (1956). tenDownload Date (TURNER
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1968).AM
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Eine genetische Konstellation, ein Auslöse-An- baus komplexer Gesellschaftssysteme. Ohne sie
laß fixiert natürlich nicht schon den gesamten könnte die Kontingenz des Erlebens und Han­
Funktionskontext der evolutionären Errungen­ delns nicht nennenswert gesteigert werden. Die
schaft. Aus Anlaß von Schrift entstehende Kom­ am System Beteiligten würden sich auseinander-
munikationsmedien sind nicht auf schriftliche seligieren, wäre nicht gewährleistet, daß der ei­
Kommunikation beschränkt, sie müssen auch in­ ne die Selektionen des anderen als Prämissen
teraktionsfähig sein und bleiben. Geld zum Bei­ eigenen Verhaltens übernimmt. Nur unter diesen
spiel wird ausgemünzt, Wahrheit im Dialog ver­ beiden Voraussetzungen hoher Kontingenz der
treten, und selbst der Machthaber muß gelegent­ Selektionen und ausreichender Nichtbeliebigkeit
lich seine Präsenz als Kontrollmittel einsetzen. in den Relationen zwischen ihnen können kom­
Aber die Kompatibilität mit Schrift steigert die plexe Systeme entstehen, die strukturell offen
durch Medien-Codes regulierbare Kontingenz, lassen und doch synchronisieren können, wie
die noch übergreifbaren Situations- und Selek­ man sich im einzelnen verhält.
tionsverschiedenheiten. Die mit Erwartungsbü-
dung verträglichen Negations- und Unsicherheits­ Jede Theorie der Kommunikationsmedien hat
potentiale können gesteigert werden, wenn etwa demnach davon auszugehen, daß nichtidenti­
Wahrheit logisch strukturiert oder Recht so in sche Selektionsperspektiven vorliegen und se­
Geltung gesetzt werden kann, daß rechtmäßiges lektiv zu verknüpfen sind. Selbst Wahrheit,
Verhalten Unrechttun ausschließt. selbst Macht reguliert eine kontingente Selek­
tion beider Kommunikationspartner. Hinzu­
Der immensen Erweiterung des kommunikativen kommt, daß beide Partner sich wechselseitig
Potentials für Konsens und für Dissens entspricht als selektiv erlebend und handelnd erfahren und
eine neue Prägnanz der Funktion. In den weni­ dies bei eigenen Selektionen in Rechnung stellen
gen Jahrhunderten nach der gesellschaftsweiten können. Geschieht dies, so wird der Selektions­
Verbreitung der Schrift in der griechischen Stadt prozeß reflexiv. Die Kettenbildung kann antizi­
entstehen für alle Kulturbereiche (zunächst mit piert und zum Selektionsmotiv gemacht werden:
Ausnahme der Religion) neuartige Kunst-Termi­ Man stellt zum Beispiel Informationen mit Wahr­
nologien, Begriffsschöpfungen, zum Teil durch heitswert (Unwahrheitswert) für das Erleben an­
Substantivierungen (phüia, aletheia), zum Teil derer bereit; oder man seligiert das Handeln an­
durch Aufwertungen (nomos), zum Teil durch derer. Solches Durchgreifen durch Selektionsket­
Abschleifungen und Vereinheitlichungen (Herr­ ten kann in Märkten und in Bürokratien zur
scher-Beziehungen) — siehe DIRLMEIER 1931; Routinesache, in Liebesangelegenheiten zur Sa­
BEARDSLEY 1918 (für nomos); OSTWALD 1969; che sensibüisierter Erfahrung werden; immer
STEGMANN VON PRITZWALD 1930. Damit wer­ setzt es einen Code voraus, der die Selektions-
den Code-Probleme thematisierbar, etwa solche typik hinreichend spezifiziert und die Kommu­
der binären Struktur des Logik-Codes der Wahr­ nikation auf artgleicher Bahn hält. Wie aber
heit im Anschluß an PARMENIDES oder solche der kommt es zur Differenzierung und Spezifika­
rechtlichen Codierung politischer Macht im An­ tion solcher Medien-Codes? Warum gibt es nur
schluß an die Sophisten, und Nichtnegierbarkei- eine Sprache (eine Übersetzungsgemeinschaft
ten werden problematisierbar. Im Anschluß dar­ der Umgangssprachen), aber eine Mehrzahl von
an nehmen das Denken in Perfektionsvorstellun­ Kommunikationsmedien?
gen und das Fragen nach Begründungen ihren
Lauf. Die Funktion solcher Codes wird jedoch Für PARSONS ergibt sich die Antwort auf die­
nicht mitreflektiert.IV
. se Frage im Anschluß an sein Vier-Funktionen-
Schema direkt aus der funktionalen Systemdif­
ferenzierung. Es muß und kann nach der Archi­
IV. tektonik dieses Ansatzes pro Systemebene nur
vier Medien geben, für soziale Systeme zum Bei­
Die allgemeine Funktion generalisierter Kommu­ spiel nur Geld, Macht, Einfluß und Wert-Engage­
nikationsmedien, reduzierte Komplexität über­ ments. Unsere Abstraktion des Bezugsproblems
tragbar zu machen und für Anschlußselektivität erzwingt eine andere Antwort. Wenn das Bezugs­
Unauthenticated
auch in hochkontingenten Situationen zu sorgen, problem in der Kontingenzsteigerung liegt, die in
gehört zu den Grundvoraussetzungen des Auf­ Download Date | 11/29/17 12:13
der Ausdifferenzierung AM
von Kommunikationsme­
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dien einerseits vorausgesetzt, andererseits wei­ Egos Erleben Egos Handeln


tergeführt wird, ist anzunehmen, daß die Diffe­
Alters Ae ------- ►Ee Ae ------- »E h
renzierung der Medien durch Folgeprobleme Erleben (Wahrheit) (Liebe)
solcher Kontingenzsteigerungen ausgelöst wird. Wertbeziehungen
Das zentrale Folgeproblem von Kontingenzstei­
gerungen besteht aber in der Notwendigkeit der Alters A h ------- >E e A h ------- >Eh
Zurechnung von Selektionsleistungen. In dem Handeln (Eigentum/Geld) (Macht/Recht)
Kunst
Maße als (und in den Themenbereichen, in de­
nen) Kontingenz zunimmt, wird es notwendig,
Selektionsleistungen zu verorten; man muß zu­ nen Code, als wenn es um Handlungsketten geht,
mindest Adressen und Einwirkungspunkte aus­ wenn also Alter durch eigenes Handeln ein Han­
findig machen können, wenn schon nicht fest­ deln Egos auswählt. Auch die Mischformen un­
steht, was geschehen ist oder wird. terscheiden sich beträchtlich je nach dem Zu­
rechnungsmodus. Wenn Ego den Erlebenshori­
Natürlich sind an allem Geschehen immer Sy­ zont Alters durch sein Handeln honorieren soll,
stem und Umwelt kausal beteiligt. Alle Zurech­ stellt das ganz andere Probleme, als wenn für
nung läuft auf ein künstliches Zurechtstutzen ihn ein Handeln Alters bloßes Erleben zu blei­
von Kausalannahmen hinaus und ist insofern ben hat, obwohl Alter kontingent seligiert. So
konventionell, das heißt selbst kontingent. Sie gewichtige Unterschiede können in komplexe­
kann durch Reduktion kausaler Komplexität Zu­ ren, hochkontingenten Gesellschaften nicht
rechnungsschwerpunkte wählen, und dies in mehr durch einheitliche Realitätskonstruktionen
zweifachem Sinne: im (eigenen bzw. fremden) überbrückt werden. Erst bei hinreichender Spezi­
System oder in der (eigenen bzw. fremden) Um­ fikation von Zurechnungskonstellationen wird
welt. Um Kurzbezeichnungen verfügbar zu ha­ jene spezifische Leistung der Kommunikations­
ben, sollen Selektionsprozesse, die in diesem medien möglich: durch die Art der Selektion
Sinne auf Systeme zugerechnet werden, Handeln zur Annahme zu motivieren.
genannt werden und Selektionsprozesse, die auf
Umwelten zugerechnet werden, Erleben10. Nimmt Die aus der Differenzierung von Zurechnungs­
man hinzu, daß mediengesteuerte Selektionsüber­ weisen folgende Konstellationstypik kann nun
tragungen asymmetrisch verlaufen und daß min­ (unter angebbaren evolutionären Voraussetzun­
destens zwei Partner, Alter als Sender und Ego gen) benutzt werden, um das zu erreichen, was
als Empfänger, beteüigt sind, dann ergeben sich Medien-Codes sind Präferenzen-Codes. Ihre Dupli-
vier Grundkonstellationen, die die Ausdifferen­ unterscheidet, nämlich Präferenzen zu codieren.
zierung symbolisch generalisierter Medien-Codes Medien-Codes sind Präferenz-Codes. Ihre Dupli­
in sehr unterschiedliche Richtungen steuern. kationsregel beruht auf der Wert/Unwert-Dicho-
tomisierung von Präferenzen. Sie konfrontiert
Der Übersicht halber seien diese Konstellatio­ Vorkommnisse, Fakten, Informationen mit der
nen mitsamt den zugeordneten Medien noch­ Möglichkeit, Wert oder Unwert zu sein, zum
mals in der Form einer Kreuztabelle zusammen­ Beispiel wahr oder unwahr, stark oder schwach,
gestellt. recht oder unrecht, schön oder häßlich. Dar­
aus entstehen ein spezifizierter Selektionsdruck
Die Übertragung von Selektionen mit dem Sta­ und im Gegenzug dazu Anforderungen an das
tus bloßen Erlebens in solche mit dem gleichen Religionssystem, die Einheit solcher Disjunktio­
Status stellt völlig andere Anforderungen an ei- nen plausibel zu machen, namentlich in der
Form von Theodizeen11. Zur Ausdifferenzie-1*
10 Auf weitere Konsequenzen dieser Relativierung der
Kategorien Handeln und Erleben auf (ihrerseits kon­ 11 Eine gute Einführung bieten KATKOV (1937), fer­
tingente) Zurechnungsprozesse kann an dieser Stel­ ner GREEN (1944) und LAMBERT (1960: 63 ff.).
le nicht angemessen eingegangen werden. Es sei nur Dabei handelt es sich nicht nur um Versuche, das
der Hinweis notiert, daß dies einen Verzicht auf je­ Vorkommen des jeweils negativ Bewerteten zu be­
de ontische oder essentialistische Bestimmung der gründen. Solche Versuche setzen vielmehr, wie immer
Handeln und Erleben definierenden Merkmale impli­ sie angesetzt werden, die Kontingenzformel des
ziert und Handeln bzw. Erleben zur Funktion von Unauthenticated
Religionssystems, den Gottesbegriff, unter Abstrak­
Systembüdungen werden läßt. tionsdruck
Download mit schwierigsten
Date Folgeproblemen
| 11/29/17 12:13 AM bei
242 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

rung symbolisch generalisierter Kommunika­ fe der Unterscheidung von Lebenswelt und Tech­
tionsmedien kommt es immer dann, wenn eine nik analysieren (HUSSERL 1954). Die Technizi­
solche Codierung von Präferenzen sich einbauen tät der Medien besteht genau darin, für Sonder­
läßt in eine spezifizierte Zurechnungskonstella­ lagen neuartige Kombinationen von Selektion
tion und sich damit verwenden läßt zur Rege­ und Motivation verfügbar zu machen.
lung von Sonderproblemen und zum Aufbau
funktionsspezifischer Sozialsysteme. Man muß dabei berücksichtigen, und das unter­
scheidet uns, wie oben angedeutet, von PAR­
Angesichts von Einwänden gegen diesen hoch­ SONS, daß bei so voraussetzungsvollen Leistun­
abstrakten Theorieansatz12 sind, bevor wir auf gen die konsensuelle Legitimation und psychi­
einzelne Medien eingehen, noch einige Klarstel­ sche Internalisierung von Wertsymbolen allein
lungen erforderlich. die erforderlichen Motive kaum erzeugen kann.
Vielmehr müssen die Annahmemotive in die Se­
Vor allem ist zu beachten, daß Selektionsüber­ lektivität selbst verlagert werden. Die Selektion
tragungen im täglichen Leben auch in hochkom­ muß gerade durch ihre Kontingenz sich durch­
plexen Gesellschaften nach wie vor weithin setzen und verbreiten können, sie muß als Se­
selbstverständlich und problemlos ablaufen. Ge­ lektionsweise motivieren können13. Das ist
rade im interaktioneilen Zusammenleben ist es selbstverständlich nur unter besonderen Bedin­
weder möglich noch notwendig, ständig Zurech- gungen möglich. Genau diese Bedingungen be­
nungsfra^en aufzuwerfen und zwischen Erleben zeichnen die Nichtbeliebigkeit der Medien, sie
und Handeln zu differenzieren. Die oben skizzier­ sind strukturelle Bedingungen der Möglichkeit
ten Interaktionskonstellationen sind nicht als ihrer Entwicklung. Insofern ist der evolutionäre
solche schon problematisch. Es muß daher im­ Spielraum für Medienentwicklungen eingeschränkt
mer noch ein Spezialproblem (im Falle der Er­ im Sinne des „Goldenweiser principle“ strukturel­
lebnisübertragung zum Beispiel eine gewisse Un­ ler Limitation des Möglichen (GOLDENWEISER
wahrscheinlichkeit von Informationen) hinzu­ 1913).
kommen, soll die Orientierung an Kommunika­
tionsmedien in Funktion treten. Das erklärt zu­ V.
gleich, daß ein und dieselbe Interaktionskonstel­
lation Anlaß geben kann zur Entwicklung ver­ Probleme lösen sich nicht selbst. Problembegrif­
schiedener Kommunikationsmedien mit unter­ fe allein können nicht erklären, daß und wie es
schiedlichen Präferenz-Codierungen. So wird die zu Problemlösungen kommt. Man kann ohne
Konstellation, daß Alter selektiv handelt und Zweifel davon ausgehen, daß keine Gesellschaft
Ego dessen Selektion bloß erlebt, dann proble­ existieren könnte, die den Kommunikationser­
matisch, wenn Alters Handeln im Zugriff auf folg dem Zufall überließe. (Das wäre im übri­
knappe Güter besteht (LUHMANN 1972a); aber gen eine gute Definition von sozialer Entropie
auch dann, wenn es in der willkürlichen Herstel­ als gleiche Wahrscheinlichkeit von Annehmen
lung von Gegenständen (Werken, Texten) besteht, und Ablehnen). Man kann dann aus der Exi­
die trotz ihrer unnatürlichen Entstehung den stenz von Gesellschaften schließen, daß dieses
Nachvollzug ihrer Selektivität im Erleben er­ Problem in der einen oder anderen Weise ge­
zwingen. Für das eine Sonderproblem wird das löst wird. Damit ist jedoch nicht viel gewon­
Medium Eigentum/Geld, für das andere das Me­ nen. Einen Schritt darüber hinaus vollziehen
dium Kunst entwickelt. Im Hinblick darauf, daß wir mit der These, daß es vor allem zwei struk­
Medien Sonder-Codes für hochspezifizierte Pro­ turelle Errungenschaften sind, die wie Autoka­
bleme darstellen und Leistungssteigerungen er­ talysatoren wirken14, nämlich in Kommunika­
möglichen, kann man sie auch als evolutionäre
13 Das Problem, ob und wie Kontingenz motivieren
Errungenschaften interpretieren und sie mit HÜ- könne, stellt sich nicht nur in Gesellschaftssyste­
men, sondern auch in Organisationssystemen. Da­
zu LUHMANN (1973b).
der Konstruktion des Übergangs von unbestimm­
ter zu bestimmbarer (binär spezifizierter) Kontingenz. 14 Oder auch wie ein „impetus“ im Sinne des spät­
Siehe nur PETER (1969). scholastischen Begriffs eines accidens, das die Fä­
Unauthenticated
higkeit besitzt, auf sein eigenes subiectum zu wir­
12 Siehe vor allem HARTMANN (1973: 131 ff.). Download
ken. Date | 11/29/17 12:13 AM
N. Luhmann: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 243

tionssystemen erzeugt werden und dann die Mit Hüfe solcher Strukturen läßt sich erreichen,
Chancen kommunikativen Erfolgs im Prozeß daß in besonderen Problemlagen, wenn sie ge­
der Selbstselektion des Systems verstärken15: häuft Vorkommen (was durch Systemspeziali­
das sind symbolische Generalisierung und binä­ sierung erreicht werden kann), relativ einfache
re Schematisierung (Code-Bildung). Informationsverarbeitungsregeln produktiv wer­
den, das heißt Systeme von sehr hoher Komple­
Über symbolische Generalisierungen wird es xität aufbauen19. Dieser Sachverhalt läßt sich
möglich, Identität und Nichtidentität zu kom­ an Hand einzelner Kommunikationsmedien und
binieren, also Einheit in der Mannigfaltigkeit ihrer jeweüigen Sonderprobleme genauer darstel­
darzustellen und als Beschränkung des Mögli­ len:
chen erwartbar zu machen. Mit Hilfe symbo­
lischer Generalisierungen kann deshalb jeder 1) Den Ausgangspunkt für den Aufbau komplexer
Partner einer Kommunikationsbeziehung seine Satzzusammenhänge mit Wahrheitsanspruch schei­
eigenen Selektionen kommunikationslos mit nen zwei Sonderprobleme zu büden, über deren
einer interpretierten Realität und Intentiona­ evolutionären Primat als „starting mechanisms“
lität anderer abstimmen, in der er selbst als (GOULDNER 1960: 176f.) man sich streiten mag:
Objekt vorkommt16. Binäre Schematisierung die kognitive (lernende) Verarbeitung von Über­
setzt diese Leistung voraus und ermöglicht über­ raschungen und das Lernen mit Hilfe anderer
dies: (1) in der Soz/fl/dimension das Zumuten (vicarious learning)20. Im einen Falle geht es um
harter, aus nur zwei Elementen (z.B. recht/ rasche Neubildung haltbarer Erwartungen ange­
unrecht) bestehenden Alternativen17; (2) in der sichts von Enttäuschungen, im anderen Falle
ZeiYdimension ein Progressivwerden von Opera­ geht es um Zeitgewinn beim Aufbau komplexer
tionen in dem Sinne, daß eine Selektion auf Umweltreduktionen, der dadurch erreichbar ist,
die andere aufbauen, sie jederzeit wiederholen daß man andere für sich lernen läßt, nämlich
(also ihre Wiederholbarkeit implizieren) und andere Erfahrungen machen läßt und selbst nur
bei festgehaltenem Sinn fortsetzen oder er­ noch aus zweiter Hand, aus Kommunikationen
setzen kann18; (3) in der Sach dimension das lernt. Der Zusammenschluß beider Problemla­
Übergreifen sehr heterogener Situationen durch gen unter einem logisch schematisierten Wahrheits-
lange, inhaltlich zusammenhängende Selektions­ Code bringt für beide gewichtige Vorteile: Er
ketten, indem man etwa aus Wahrheiten, die in löst, soweit er reicht, Enttäuschungserklärungen
einer Situation gefunden wurden, für ganz an­ heraus aus den magisch-religiösen Prozessen kol-
dere Situationen Schlüsse zieht, oder Übermacht
in einer Situation gebraucht, um ganz andere 19 Die Implikation dieser genetischen Struktur ist
Situationen zu beherrschen. bei allen Medien, daß die Komplexität des schritt­
weise aufgebauten Gesamtsystems die Fassungskraft
der Einzelentscheidung übersteigt. Das kann durch
die These notwendiger Latenz von Strukturen und
15 „Verstärkung“ hat hier zwei miteinander zusam­ Funktionen ausgedrückt werden und wird bei je­
menhängende Aspekte: Größere Häufigkeit im Ver­ dem Änderungsvorhaben ein praktisches Problem.
gleich zu entsprechenden Vorkommnissen in der Für die Theorie der Kommunikationsmedien folgt
Umwelt und größere Häufigkeit pro Zeiteinheit, daraus, daß die Anwendung des dichotomischen
das heißt Zeitgewinn. Beides zusammen ermög­ Code auf Gesamtsysteme oder auch nur auf kom ­
licht die Ausdifferenzierung und den Aufbau vor­ plexe Satzzusammenhänge (Theorien), ganze Kunst­
aussetzungsreich strukturierter Systeme. werke, Herrschaftsrollen etc. und deren Bezeich­
nung als wahr/falsch, schön/häßlich, rechtmäßig/
16 Eine der besten Analysen dieses Mechanismus gibt unrechtmäßig hochaggregierte Aussagen erfordert,
PARSONS (1953), vgl. ferner PARSONS und deren Realitätsbezug (Sachhaltigkeit) problema­
SMELSER (1956: 7 0 ff.) als Anwendung auf das tisch bleibt. Die operativ verwendete Codierung eig­
Problem der double interchanges zwischen Teilsy­ net sich mithin nicht ohne weiteres zur Kategori-
stemen des Gesellschaftssystems. sierung des Resultats; ihr Schematismus ist allge­
meiner als ihr jeweiliges Produkt (siehe auch die
17 Zu den Schwierigkeiten, exklusive Zweier-Alterna­ Unterscheidung von Schema und Bild im Schema­
tiven unter Ausschluß dritter Möglichkeiten im tismus-Kapitel der Kritik der reinen Vernunft B
sozialen Verkehr zuzumuten, vgl. KELLY (1958). 176 ff.).

18 Dazu für den logischen Schematismus des Mediums Unauthenticated


20 Hierzu Forschungsüberblicke bei BANDURA
Wahrheit ELEY (1969). Download
(1965); Date | 11/29/17
ARONFREED (1968:12:13 AM
76ff.).
244 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

lektiver Angstverarbeitung und aus den Institu­ im Sinne der Erlebnisreduktionen eines Alters
tionen für normative, kontrafaktische Erwartungs­ verlangt. Die Maxime der Handlungswahl Egos
stabilisierung (LUHMANN 1972b: 40-64). Und wäre hier: Wie erlebt mich Alter? Oder: Wer
er macht die Frage der Übertragbarkeit von Er­ kann ich sein, daß mein Handeln die Erlebnis­
lebnisselektionen relativ unabhängig von den mo­ selektionen Alters bestätigt? Und nicht etwa:
ralischen, ja sogar von den sozialhierarchischen Wie handelt Alter, was hat Alter getan, wie be­
Qualifikationen der Kommunikanten, insbesonde­ friedigt mich Alter?
re von Wahrhaftigkeit und Prestige. Dies geschieht
durch Konditionierung des Zurechnungsprozesses, Ein dafür geeigneter Komplex kultureller und
durch symbolische Generalisierung und binäre moralischer Vorschriften läuft seit der Antike
Codierung der Bedingungen, unter denen die Be­ unter der Bezeichnung phüia/amicitia, zu­
teiligten sich einig sein können, daß eine thema­ nächst im Sinne einer öffentlichen Tugend
tisierte Selektion auf beiden Seiten als Erleben mit Schwierigkeiten der Differenzierung gegen
zu behandeln ist21. Mit Hilfe eines symbolisch ge­ Politik (Gerechtigkeit), gegen Ökonomie (Nutz­
neralisierten Codes, der die Ausschaltung zurechen­ freundschaft) und gegen Religion (Gottesliebe).
barer Differenzen unter den Beteiligten reguliert, Problematisch und stärker ausdifferenzierungs­
kann eine im Prinzip unbekannte, nur zufällig bedürftig wird dieses Medium erst seit dem
und nicht wahrheitsförmig erscheinende Umwelt Mittelalter23 mit zunehmender Individualisie­
laufend abgetastet werden. Die anfallenden Re­ rung der Lebensführung, besonders in den höhe­
sultate bleiben in der Form festgestellter Wahr­ ren Schichten. Die Unwahrscheinlichkeit der Se­
heiten oder festgestellter Unwahrheiten zurück. lektionsübertragung wird größer in dem Maße,
als Ego eine mehr oder weniger private Sonder­
Die Ausdifferenzierung solcher Code-Bedingun­ welt konstituiert und Alter sich gleichwohl han­
gen schafft mithin eine Lage, in der zunächst delnd, also sichtbar, darauf einläßt. Diese Mög­
zufällig anfallende, dann eigens gesuchte, dann lichkeit wird in der beginnenden Neuzeit unter
systematisch geschaffene Umweltinformationen neuen Aspekten der Freundschaft gleichgesinn­
wissenschaftlich produktiv werden, nämlich ter Seelen und der passionierten Liebe kultiviert
Wahrheiten und Unwahrheiten mit hohen An­ und gerade als Abweichung gesellschaftlich le­
schlußwerten erzeugen. Entsprechend wird die gitimiert (TENBRUCK 1964). Entsprechend der
Wahrheitsrelevanz zunehmend wissenschaftsin­ Unwahrscheinlichkeit solcher Beziehungen müs­
tern definiert, und direkte Lebensweltbezüge sen die Freiheiten der Rekrutierung für Intim­
wie Angst vor Gewittern, Kostbarkeit des Ma­ beziehungen zunehmen (BLOOD 1967). Die Ent­
terials, Ehrwürdigkeit der Institution treten als wicklung kulminiert schließlich in der Vor­
Motive der Annahme von kommunizierten Se­ schrift, Ehen auf persönliche, passionierte Lie­
lektionen zurück22. Die Wissenschaften werden be zu gründen (WALLER und HILL 1951: 9 3 -
zu einer Art selbstkritischen Masse, die das Auf­ 215; GOODE 1959; ÄUßERT 1965; FURSTEN-
lösungsvermögen gegenüber der Natur ins Unab­ BERG 1966).
sehbare steigert und dadurch zum Faktor wei­
terer gesellschaftlicher Entwicklung wird. Damit wird das Medium auf Zweier-Beziehungen
zugeschnitten, also durch die Regel „Du und
2) In ganz andere Richtung steuert ein Medium, kein anderer“ binär schematisiert24*. Auf diese
das das Zurechnungsproblem in einem Punkte Weise kann die Welt dupliziert werden in eine
anders strukturiert: das von Ego ein Handeln öffentliche, anonym konstituierte Lebenswelt
und in eine idiosynkratisch konstituierte Privat­
21 Die Unwahrscheinlichkeit dieser Errungenschaft welt, in der Ereignisse parallelgewertet werden
läßt sich testen an kulturhistorischen Beobach­
tungen, die zeigen, daß der Gegenfall normal ist:
daß Irrtümer vorgeworfen und bestraft werden, daß 23 Vgl. z.B. FOSTER (1963) zu ANDREAS CAP-
Sozialprestige Glaubwürdigkeit verleiht usw. Siehe PELANUS und zu Gesichtspunkten der Differen­
nur HAHM (1967: 1 5 ff.) und VANDERMEERSCH zierung von religiöser und persönlicher Liebe.
(1965: 2 3 5 f.); oder sozialpsychologisch SHIBU-
TANI (1961: 589ff.>. 24 Wohlgemerkt liegt der konstitutive binäre Schema­
tismus hier nicht in der Zweiheit der Personen,
Unauthenticated
22 Hierzu mit zahlreichen Belegen BACHELARD sondern darin, daß jeder eine Bezugsperson hat,
(1938) und ders. (1949: 102ff.).
Download Date | 11/29/17 12:13 AM
von der er alle anderen unterscheiden kann.
N. Luhmann: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 245

und das jeweilige Ich dank seiner Relevanz in lektionsübertragung auch angesichts von Knapp­
der Welt des anderen eine besondere Bedeu­ heit fungieren soll, muß erreicht werden, daß
tung gewinnen kann, die für seine öffentliche beim Zugriff Alters auf knappe Güter andere In­
Bedeutungslosigkeit entschädigt. Diese Duplika­ teressenten die Reduktion akzeptieren — und
tion dramatisiert das Problem der Selektions­ stülhalten. Dies ist Bedingung ausreichend spezi­
übertragung und erzwingt den Transfer auf die fizierbarer, langfristiger und vielgliedriger wirt­
Ebene symbolischer Generalisierung. Die roman­ schaftlicher Operationen, die zum Aufbau eines
tische Paradoxie des Zusammenfallens von Not­ hochkomplexen Wirtschaftssystems fuhren — Be­
wendigkeit und Zufall, von Zwangsläufigkeit dingung unter anderem für Kapitalbildung, Kre­
(Krankhaftigkeit!) und Freiheit in der Liebe ditfähigkeit und rationalen wirtschaftlichen Kal­
fungiert dann als genaue Chiffriemng der liebes- kül.
spezifischen Zurechnungskonstellation: Die Se­
lektion des Alter muß, da sie bei aller Indiosyn- Die Codierung des Wirtschaftsmediums bedient
krasie als Erleben geliebt werden soll, nicht ihm sich der situativ leicht praktikablen Differenz
zugerechnet und nicht unter Änderungsdruck von Haben und Nichthaben, abstrahiert zur
gesetzt werden; man liebt ihn, „wie er ist“ . Das Rechtsform des Eigentums, das den Zugriff sta­
Sicheinstellen auf diese Reduktion erfordert da­ tisch, und zur Verkehrsform des Geldes, das
gegen freies Handeln, schon um überhaupt als den Zugriff dynamisch legitimiert ( LUHMANN
Liebe sich profilieren zu können. Unter solchen 1974: 60 ff. zu Eigentum und LUHMANN 1972a
(oder äquivalenten) Symbolen findet auch hier zu Geld). Die Funktion dieses Mediums liegt
eine Art Autokatalyse statt in dem Sinne, daß vordergründig in der selektiven Bedürfnisbefrie­
nach relativ einfachen, interaktionsfähigen Se- digung und in der Vermittlung von Tauschpro­
lektions- und Übertragungsregeln mit Hilfe über­ zessen durch unspezifizierte Äquivalente. Für
greifender Symbolisierungen, zum Beispiel roman­ das Gesellschaftssystem leistet dieses Medium
tischer Cliches, und einer Duplikationsregel Teil­ noch etwas anderes: Es motiviert letztlich das
systeme und Sonderumwelten von hoher Eigen­ Stillhalten und erlebnismäßige Akzeptieren aller
komplexität ausdifferenziert werden, die dann jeweils Nichthabenden, mögen sie nun ihrerseits
spezifische gesellschaftliche Funktionen überneh­ reich oder arm sein. Mit Hüfe von Eigentum und
men können. Geld ist mithin Reichtumstoleranz möglich als
Bedingung hoher Spezifikation ökonomischer
3) Die umgekehrte Zurechnungskonstellation: Prozesse. Davon wiederum hängt die Möglich­
daß Alter handelt und Ego genau diese Reduk­ keit ab, den konkreten Vollzug ökonomischer
tion als Erleben zu akzeptieren hat, ist keines­ Prozesse relativ unabhängig zu machen vom je­
wegs, wie KLAUS HARTMANN (1973: 142) be­ weiligen Reichtumsgefälle in den Beziehungen
fürchtet, dieselbe Konstellation in nur umgekehr­ zwischen den Partnern26. Es war die grandiose
ter Blickrichtung. Vielmehr stellt sich ein völlig Absicht der bürgerlichen Gesellschaftstheorie und
anderes Asymmetrieproblem, nämlich statt eines -praxis, dies auf rein ökonomischem Wege zu er­
Adjustierens von Handlungen auf das Erleben reichen und die politischen Funktionen auf ein
eines anderen hin das bloße Hinnehmen der kon­ Minimum zu beschränken, vor allem auf Rechts­
tingenten Wahl eines anderen25. Wenn solche Se- garantie und, in der Wohlfahrtsökonomik, auf
einen kompensierenden Folgenausgleich (KAL-
DOR 1939).
25 Immerhin ist anzumerken, daß bei geringem Grad
der Ausdifferenzierung von Kommunikationsme­ 4) Die Konstellation schließlich, daß Ego sein
dien die Strukturen in den Motiven tatsächlich
verschwimmen, vor allem natürlich auf der Ebene 26 Daß dies nicht vollständig gelingt, weil das Warte­
faktischer Interaktion, die auf Reziprozität und vermögen des Reichen größer ist als das des Ar­
wechselseitige Gratifikation nicht verzichtet. So men, ist eine Klage, die zur bürgerlichen Gesellschaft
ist die Nutzfreundschaft eine der drei Freund­ strukturell dazugehört. Siehe aber zum Vergleich
schaftstypen des Aristoteles, die sich auf das Gu­ die Schwierigkeiten der Ausdifferenzierung ökono­
te, das Angenehme und das Nützliche am Ande­ mischer Prozesse in archaischen Gesellschaften bei
ren beziehen (also ebenfalls aus der Perspektive fehlender Differenzierung der Dichotomien Haben/
des Ego entworfen sind, dessen Erscheinungswelt, Nichthaben und Reich/Arm und bei hoher Morali-
phainömenon, der Freundschaft zugrunde liegt). Unauthenticated
sierung des Reichtumsgefälles. Dazu SAHLINS
Vgl. Nikomachische Ethik 1155 b 17ff. Download Date | 11/29/17 12:13 AM
(1965).
246 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

Handeln an das Handeln eines Alter anschließt, ren Frage. Sie machen deutlich, daß die einzel­
wird immer dann problematisch, wenn Alter nen Medien in sehr unterschiedlichem Maße ent­
sein Handeln genau darauf zuspitzt, ein Han­ wickelt sein können. Wenn das so ist, dann
deln des Ego auszuwählen; wenn er also zu ent­ möchte man wissen, wovon der evolutionäre
scheiden sucht, wie Ego handeln soll. Solche Erfolg eines Mediums abhängt; welche Bedingun­
Situationen reguliert das Kommunikationsme­ gen die relative Prominenz des einen oder des
dium Macht. Seine Duplikationsregel lautet: Kon­ anderen Mediums im Gesellschaftssystem be­
struiere eine negativ bewertete Alternative, die stimmen; welche Faktoren Medien auswählen
Alter und Ego vermeiden möchten, Ego aber für eine historische Karriere.
dringender vermeiden möchte als Alter. Beispie­
le wären etwa: Anwendung physischer Gewalt, Bevor solche Fragen historisch und empirisch
Entlassung aus einem vorteilhaften Dienstverhält­ beantwortet werden können, müßte ein Über­
nis. Vor dem Hintergrund eines solchen Alterna­ blick über die relevanten Variablen gewonnen
tivverlaufs können dann auf beiden Seiten mehr werden. Dies kann, solange es nur um Über­
oder weniger unwahrscheinliche Selektionsmoti­ blick, Vergleich einzelner Medien und Vorbe­
ve zum Tragen kommen und die Komplexität, reitung der Hypothesenbüdung geht, noch ohne
deren Reduktionen noch übertragbar sind, kann besondere Tiefenschärfe geschehen, in einem
immens gesteigert werden. Nach vorherrschender ersten Abtasten der analytischen Möglichkeiten,
Meinung muß Macht, um gesellschaftsweit fun­ die im Begrifflichen und im Empiriebezug so
gieren zu können, durch Konsens gedeckt und flach wie möglich gehalten werden. Und nur für
in diesem Sinne legitim sein27. Diese Auffassung Ausschnitte aus diesem Gesamtkomplex wird
betrifft die generalisierten Symbole des Macht- im Rahmen von medienspezifisch und historisch
Code. Hinzukommen Anforderungen an die Co­ relativierten Forschungsprojekten allmählich ei­
dierung selbst. So scheint eine Zweit-Codierung ne Feinregulierung der Fragestellungen erreich­
der Macht mit Hilfe des Schematismus Recht/ bar sein. In diesem Sinne sollen im folgenden
Unrecht ein Erfordernis technischer Effizienz vorbehaltlich weiterer Auflösung vier Variablen­
und operativer Spezifikation zu sein28. komplexe unterschieden werden. Sie betreffen
(1) die Ausdifferenzierbarkeit medienspezifischer
Subsysteme der Gesellschaft; (2) Fragen der
VI. Kompatibilität m it Umweltsystemen auf organi­
schem, psychischem und sozialem Systembü-
Mit Sicherheit ist die Liste der bisher skizzierten dungsniveau; (3) Möglichkeiten der Leistungsstei­
Kommunikationsmedien nicht vollständig — we­ gerungen in den medienspezifisch regulierten
der theoretisch noch empirisch. Man könnte sich Kommunikationsprozessen; und (4) die Verfüg­
fragen, ob Wertbeziehungen für den nicht wahr­ barkeit und Institutionalisierbarkeit geeigneter
heitsfähigen Erlebnisbereich eine analoge Funk­ Symbolisierungen.
tion übernehmen und ob im Kontext des Reli­
gionssystems Glauben die Funktion eines Kom­ 1) Während für PARSONS Medienprobleme aus
munikationsmediums erfüllen kann. Auch Kunst der sozialen Differenzierung folgen, also an de­
wäre zu erwähnen. Die zuletzt genannten Bei­ ren Schematik gebunden bleiben, ist für uns um­
spiele leiten jedoch schon über zu einer weite­ gekehrt die Chance selbstselektiven Aufbaus kom­
plexer Systeme für spezifische Medien der viel­
leicht wichtigste Stabilisator evolutionären Er­
27 Für PARSONS beispielsweise ist überhaupt nur legi­ folgs. Stabüisierung soll hier nicht Erhaltung von
time Macht geeignet, als Kommunikationsmedium Beständen bedeuten, sondern erleichterte Repro­
zu fungieren. Eine nähere Begründung fehlt ebenso duzierbarkeit von Problemlösungen. Durch Aus­
wie eine Klärung der Frage, was Konsens faktisch
und praktisch bedeutet. Außerdem wäre zu klären,
differenzierung eines Spezialsystems zum Bei­
unter welchen Verlusten an Information und Enga­ spiel für Machterzeugung und -anwendung (poli­
gement eine Aggregation von Aktbewertungen zu tisches System) oder für Eigentumsnutzung und
Systembewertungen durchgefuhrt werden kann. finanzielle Transaktionen (Wirtschaft) wird zu­
nächst einfach die Chance des Vorkommens me­
28 Weitere Erläuterungen stelle ich im Hinblick auf
eine bevorstehende Publikation zum Thema Macht dienspezifischer Sonderprobleme
Unauthenticated (in den genann­
zurück. Download
ten Date | 11/29/17
Beispielen: 12:13 AM Knappheit) ge­
Weisungserteilung,
N. Luhmann: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 247

steigert und zugleich der routinemäßige Umgang tive für ihr Verhältnis zu organischen Prozessen
mit ihnen erleichtert. Relativ auf solche Systeme aus. Solche Regulative wollen wir als symbioti­
können besondere Erwartungen institutionali­ sche Mechanismen bezeichnen (LUHMANN
siert werden, die nicht gesellschaftsuniversell 1973c).
gelten müssen, obwohl sie auf gesamtgesellschaft­
liche Funktionen bezogen sind. Die Ausdifferenzierung und Spezifikation der
gesellschaftlich wichtigsten Medien-Codes hat
Die Leichtigkeit solcher Systembildungen hängt zugleich eine Spezifikation symbiotischer Mecha­
historisch eng mit der „Handlungsnähe“ des Zu­ nismen erzwungen in dem Sinne, daß für jedes
rechnungsmodus zusammen und wird wohl des­ Medium ein und nur ein solcher Mechanismus
halb zuerst am Falle des politischen Systems re­ zur Verfügung steht: für Wahrheit Wahrnehmung;
alisiert. Aber auch andere Gesichtspunkte dürf­ für Liebe Sexualität; für Eigentum/Geld Bedürf­
ten eine Rolle spielen, zum Beispiel solche der nisbefriedigung; für Macht/Recht physische Ge­
Interaktionsnähe eines gesellschaftlichen Funk­ walt. Die Zuordnungen sind nicht austauschbar.
tionskreises oder die Zeithorizonte, in denen der Mit der Spezifikation des Mediums sind vielmehr
Übertragungserfolg feststellbar ist. Schon unter zugleich Spezifikationen organischer Relevanzen
diesen Gesichtspunkten könnte man sinnvoll nach gegeben. Vergleichbar sind diese Mechanismen
evolutionär frühen (z.B. Politik) und evolutionär auch insofern, daß nur hochgradig plastische,
späten (z.B. Wissenschaft) Ausdifferenzierungen sinnhaft prägbare und dadurch spezifizierbare
fragen; ferner nach Entwicklungsschwellen, die organische Prozesse in Betracht kommen; und
durch ein neues Ausdifferenzierungsniveau spezi­ ferner darin, daß sie alle eine eher marginale
fischer Medien (zum Beispiel für Glaubensformen Stellung im Kommunikationsprozeß mit zentra­
in der mittleren und späten Antike oder für durch­ len Test-, Sicherheits- und Beweisfunktionen
gehend monetisierte Wirtschaft in der Neuzeit) verbinden.
überschritten werden und dadurch Epoche ma­
chen. Außerdem wäre zu klären, ob und wes­ b) Im Verhältnis zu psychischen Systemen hän­
halb bestimmte Medien (zum Beispiel Wertbezie­ gen alle Kommunikationsmedien davon ab, daß
hungen, vielleicht auch Kunst) in ihren System­ Selektionsmotive nicht kurzschlüssig allein im
bildungschancen strukturell benachteiligt sind psychischen System gebildet werden, sondern
und schon deshalb im Differenzierungsvorgang auf dem Umweg über soziale Kommunikation
der Gesellschaft keine Primärfunktionen über­ Zustandekommen (wie immer sie dann zur An­
nehmen können. nahme oder zur Ablehnung von Selektionsoffer­
ten disponieren). Diese Umwegigkeit der Motiv­
2) Probleme der Kompatibilität sind immer dort bildung versteht sich bei anspruchsvolleren Über­
zu erwarten, wo trotz Ausdifferenzierung, und tragungsleistungen nicht mehr von selbst, son­
das ist normal, Interdependenzen fortbestehen dern muß durch strategisch placierte Selbstbe­
oder gar verstärkt auftreten. Wir verfolgen hier friedigungsverbote unterstützt werden. In hoch-
nur einige dieser Fragen, und zwar an Hand von entwickelten Medien-Codes finden sich daher
Problemen, die sich in den Symbolstrukturen immer auch Symbole mit dieser Funktion: Ver­
der Medien-Codes selbst stellen. bote der direkt-gewaltsamen Zielverfolgung und
Rechtsdurchsetzung; Diskreditierung jeder Selbst­
a) Alle Medien haben ein ambivalentes Verhält­ befriedigung in Fragen der Sexualität und der
nis zur Sphäre organischen Zusammenlebens in­ Liebe; Abwertung und Benachteüigung ökono­
sofern, als die Präsenz der Organismen die Selek­ mischer Askese und Selbstgenügsamkeit; schließ­
tionsübertragung entweder stören oder auch be­ lich methodische Eliminierung aller rein subjek­
fördern kann29. Alle Medien bilden daher auf tiven Evidenzen, introspektiv gewonnener Sicher­
der Ebene ihrer symbolischen Struktur Regula­ heiten, unmittelbarer Wissensquellen (KANT 1796).
Was dabei an psycho-somatischen Techniken mit­
diskreditiert worden und unentwickelt geblieben
29 In dieser Ambivalenz liegt natürlich eine wichtige ist, läßt sich schwer abschätzen. Die kulturelle
genetische Bedingung der Ausbildung binärer Sche­ Dominanz der Medien-Funktion hat Wissen und
matismen, die als Rekonstruktion des Ambivalenz­
problems auf der Sinnebene begriffen werden kön­
Überlieferungen in jenen Richtungen verkrüppeln
Unauthenticated
nen. lassen.Download Date | 11/29/17 12:13 AM
248 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

c) Die Beziehungen medienspezifisch ausdiffe­ Trotz solcher Konvertibilitätsverbote gibt es Zu­


renzierter Subsysteme zueinander und zu anderen sammenhänge und Einflußmöglichkeiten vor al­
Sozialsystemen werden problematisch angesichts lem auf motivationaler Ebene, die in der Dar­
von Interdependenzen, die zu grenzüberschrei­ stellung dann unterdrückt oder cachiert werden,
tenden Kommunikationsprozessen führen. Hier zum Beispiel politische und ökonomische Ge­
sind bis in die neuere Zeit die verbleibenden ar­ sichtspunkte wissenschaftlicher Themenwahl,
chaischen Lebensformen auf dem Lande die Haupt­ ökonomische Gesichtspunkte der Gattenwahl,
schwierigkeit30. Infolge ihrer konstellaticnstypi- Gesichtspunkte der Konjunktur- und Subventions­
schen und funktionalen Spezifikation müssen politik, politisch gezielte Partei- und Pressefinan­
Medien die Funktionsfähigkeit anderer Gesell­ zierungen etc. Für die Differenzierung der Me­
schaftsbereiche auf adäquaten Niveaus voraus­ dien entscheidend ist, daß solche Integrations­
setzen können31. Dazu gehört zweierlei: eine ge­ möglichkeiten bestehen, aber nicht zum Durch­
wisse Indifferenz gegen Fluktuationen im anderen griff in die binäre Struktur des anderen Mediums
Bereich (der Rechtsschutz darf nicht unmittel­ führen, also nicht zur Entscheidung über wahr/
bar von der wirtschaftlichen Konjunktur und unwahr, recht/unrecht usw. ausreichen34.
dem Steueraufkommen abhängen, die Liebe darf
nicht wegen politischer oder ökonomischer Kata­ 3) Zusätzlich zu diesen umweltbezogenen Erfor­
strophen aufhören) und die Fähigkeit, die jeweils dernissen gibt es Aspekte medienspezifischer
anderen Medienbereiche unter dem Gesichtspunkt Kommunikationsstrukturen, die unter unserem
mobiler Ressourcen zu behandeln. Das sind struk­ Leitgesichtspunkt des Vergleichs der einzelnen
turell erforderliche Potentiale32. Unter Prozeßge­ Medien im Hinblick auf selektive Bedingungen
sichtspunkten kulminiert diese Problematik in evolutionären Erfolgs Beachtung verdienen.
Fragen der Konvertibilität der einzelnen Medien
(als Ressourcen) in andere. Die jeweils code-spe­ a) Alle erfogreichen medienspezifischen Kom­
zifischen Prozesse müssen getrennt gehalten wer­ munikationsprozesse werden im Laufe der ge­
den, so daß zum Beispiel weder Macht, noch sellschaftlichen Evolution reflexiv, das heißt auf
Geld, noch Liebe im Kontext von Wahrheitsbe­ sich selbst anwendbar. So kommt es zu For­
weisen benutzt werden können; so daß man Mai- schungen über Erkenntnisbedingungen und -me-
tressen-Politik wirksam unterbindet, Abgeordne­ thoden, zu reflexiver Liebe des Liebens, zu
te, Richter und Beamte nicht bestechen, aber komplexen Eigentums- und Kreditverschachte­
auch mit Wahrheit allein keine Politik machen lungen in Konzern- und Finanztechniken mit
kann, usw. Wie die Beispiele zeigen, sind dies der Folge, daß man über Beteiligungen an juri­
alles hochmoralisierte, empfindliche Punkte, die stischen Personen etwas haben kann, was man
in den Medien-Codes geregelt werden müssen33. hat und nicht hat. Die Macht wird zunächst in
mehrstufigen Bürokratien, dann in Demokratien
30 Vgl. dazu EISENSTADT (1963). Im Anschluß an in dem Sinne reflexiv, daß sie auch auf Macht­
SHILS (1961) wird diese Problematik auch durch
haber (und nicht nur: gegen Machthaber) ange­
einen Gesellschaftstypus beschrieben, der auf einem
Gegensatz der Ordnungsformen in (städtischen) wandt werden kann. Reflexivität setzt funktio­
Zentren und (ländlicher) Peripherie beruht, einem nale Spezifikation der Prozesse voraus und
Gegensatz, der erst in der bürgerlichen Gesellschaft dient unter dieser Voraussetzung der Steuerung
durch Demokratisierung der Politik und durch Mo­ und Leistungssteigerung durch zweistufige Kom­
netisierung der Wirtschaft aufgehoben worden ist.
plexitätsreduktion (LUHMANN 1970a). Eine sol­
31 Einer der bemerkenswertesten Beiträge zu diesem che Struktur wird bei hoher Kontingenz und
Thema ist immer noch SCHUMPETER (1953). Komplexität der Gesellschaft unausweichlich;
32 Deren Formulierung muß in einem doppelten Sin­
ne abstrahiert werden: einmal deswegen, weil sie die „Technokratie-Diskussion“ , besonders der mo­
Dispositionsbegriffe (Modalbegriffe) erfordert; zum ralisch aufgeladene Widerspruch, den SCHELSKYS
anderen deswegen, weil sie die Divergenzen in den These von den Sachzwängen (also: Wahrheitszwän­
System/Umwelt-Perspektiven (z.B. Wahrheitspro­ gen) in der Politik gefunden hat. Siehe SCHELSKY
duktion aus der Sicht der Politik, Durchsetzbarkeit (1961) und zum weiteren LENK (1973).
politischer Entscheidungen aus der Sicht der Wirt­
schaft) übergreifen muß. 34 Zur Interpretation der politischen Verfassung un­
Unauthenticated
ter diesen Gesichtspunkten siehe LUHMANN
33 Ein guter Testfall für solche Empfindlichkeit ist Download Date | 11/29/17 12:13 AM
(1973a).
N. Luhmann: Einfuhrende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 249

sie setzt sich spätestens im Zuge des Durch­ tionen, in denen Anschlußselektionen ihn über­
bruchs zur bürgerlichen Gesellschaft auch in raschen; für ihn gibt es Code-Regeln, daß er das
den symbolischen Strukturen der Medien-Codes mit Fassung zu tragen, ja sogar zu provozieren
fest und löst dort ein älteres Denken in Perfek­ hat, selbst dann, wenn die Anschlußselek­
tionen ab (siehe unter 4b)35. Wenn der Ein­ tionen seine Wahrheit in Unwahrheit umkehren
druck nicht trügt, den man im Nachvollzug der (Falsifikation). Für den Machthaber stellen sich
europäischen Reflexivitäts-Traditionen gewinnt, an strukturell äquivalenter Stelle Probleme der
führen diese Strukturen eher zu einer Verstär­ Zentralisation politischer Verantwortlichkeit,
kung der Medien-Differenzierung als zu ihrer In­ und dies um so dringlicher, als im Bereich der
tegration; sie münden in je unterschiedliche Ab­ Wirtschaft der Geldmechanismus gegen jede Fol­
schlußproblematiken ein, die jedes Medium als genverantwortung abschirmt, indem er Anschluß­
ein spezifisches für sich selbst offen läßt und selektionen abstrakt sicherstellt und den Zahlen­
auf die eine Gesamtantwort weder möglich noch den von jeder Verantwortung dafür freistellt,
kommunikationstechnisch erforderlich ist. Auf was der Empfänger mit dem Geld anfängt36.
der Ebene des Gesellschaftssystems entspricht
dem die Vorstellung der Welt als Gesamtheit des c) Verwandte Probleme stellen sich, wo immer
Möglichen, die in bezug auf Position und Nega­ es darum geht, die Ansprüche der Medien-Codes
tion unqualifizierbar bleibt, also weder zustim­ mit Bewußtseinskapazitäten abzustimmen. Hier­
mungsfähig noch ablehnungsfähig ist. zu müssen zum Beispiel Erkennungsregeln vor­
gegeben werden, so daß die Partner rasch genug
b) Eine reflexive Steuerung ganzer Medienberei­ wissen, unter welchem Code jeweüs kommuni­
che muß relativ global ansetzen; sie befaßt sich ziert wird37*. Hinzukommen Erfordernisse der
mit Bedingungen der Möglichkeit kommunikati­ Situationsvereinfachung, der Informationsverar­
ver Erfolge, nicht aber mit dem Eintreten die­ beitung unter Bedingungen zu hoher Komplexi­
ser Erfolge selbst. Auf konkreteren Stufen der tät, der Strukturhilfe für Lernvorgänge, aber
Kombination selektiver Akte des Erlebens und auch der Hilfe bei Lernverweigerungen. Gene­
Handelns stellen sich daher zusätzlich das Pro­ rell darf man vermuten, daß in diesem Bereich
blem des Durchgriffs durch weitreichende, hete­ Prozesse der Metakommunikation stillschweigen­
rogen zusammengesetzte Selektionsketten, der der Verständigungen eine Rolle spielen, mit denen
Kontrollierbarkeit des Endes durch den Anfang Code-Regeln situativ auf ein geringeres Anspruchs­
bei steigender Kontingenz und im Zusammenhang niveau heruntertransformiert, die Diskrepanzen
damit das Problem der Reichweite konkreter An­ aber nicht thematisiert werden.
tizipation und konkreter Folgenverantwortung.
Die größere Konkretion dieser Problemstellung d) Schließlich wäre auf eine Erscheinung hinzu­
bedingt größere Verschiedenartigkeit der Rele­ weisen, die mit dem Begriff des Neben-Codes
vanz für die einzelnen Medien. Im Falle der Lie­ bezeichnet werden könnte. Prominente Beispie­
be, wo Steigerungsprozesse zwischen nur zwei
Partnern spielen, also in sich selbst zurücklaufen, 36 Diese Schärfe der Kontrastierung von verantwor­
ist das Problem des Durchgriffs mit dem der Re- tungsüberlastetem Macht- und verantwortungslosem
flexivität nahezu identisch. Schon der Wahrheits­ Geldgebrauch löst derzeit deutliche Reaktionen aus,
die sich teils in ideologischen Affektionen gegen
produzent findet sich dagegen typisch in Situa- „Privatkapitalismus“, teils in zunehmenden organi­
satorischen, bürokratischen, syndikalistischen Macht­
35 Im übrigen fallen gerade hier interessante und klä­ bildungen, teils in Schwierigkeiten mit der rechts­
rungsbedürftige Zeitverschiebungen auf. Die Re- förmigen Codierung politischer Macht äußern. Die
flexivität des Glaubens und die Frage der Gründe Effektivität von Änderungsimpulsen ist gerade an
des Glaubens an den Glauben ist bereits ein mittel­ dieser Stelle unübersehbar, so wenig einstweilen ab­
alterliches Thema und liegt an der Wurzel von Ge­ schätzbar ist, ob sich über den Organisationsmecha­
dankenentwicklungen, die zur Reformation Führen nismus wirklich höhere Niveaus der Kombination
(vgl. z.B. HEIM 1911), eine Diskussion, die zugleich von gesellschaftlicher Komplexität und Folgenbe­
die Selbständigkeit dieses Mediums (z.B. die logi­ herrschung entwickeln lassen.
sche Unbegründbarkeit der fides infusa) zu etablie­
ren sucht. Andererseits scheinen in der Kunst erst 37 Strukturell interessant ist das Problem der Prostitu­
neuere Strömungen eine programmatische Reflexi- ierten, die im Überschneidungsbereich von Liebe
vität in der Form einer Mitdarstellung der Herstel­ und Geld Minimierungs-Unauthenticated
und Maximierungsinteres­
lung der Darstellungen zu erlauben. sen Download
eindeutig und
Daterasch kommunizieren
| 11/29/17 12:13 AM muß.
250 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

le sind: Reputation als Substitut für Wahrheit und haben auch nicht die Absicht, irgendwo
im Wissenschaftssystem (LUHMANN 1970b), ge­ die eigentlichen oder letztlich ausschlaggebenden
genläufige informale Macht der Untergebenen oder langfristig wirkenden Ursachen festzuma­
über ihre Vorgesetzten und der Minister über chen. Gleichwohl kann man erkennen, daß gewis­
ihre Fraktionen im politischen System, und na­ se Probleme der Evolution generalisierter Kom­
türlich auch so etwas wie Zigaretten-Währung munikationsmedien auf der Ebene allgemeiner
bei Nichtfunktionieren des Geldsystems. Selbst symbolischer Darstellungen kulminieren und
Liebes-Beziehungen tendieren zur Strukturverla­ hier nicht beliebig lösbar zu sein scheinen.
gerung auf Neben-Codes, und zwar benutzen sie
ihre eigene Geschichte in dieser Funktion mit a) Mit ihrer letzten Sinngebung erfüllen alle
der Folge, daß man bleiben muß, wer man war, Medien die Funktion von Kontingenzformeln.
als man sich verliebte, und überstabüisierte Iden­ Das heißt: Sie müssen verständlich und plausi­
titäten die Kommunikationsbasis der Liebe er­ bel machen, daß in bestimmter Weise erlebt und
setzen38. gehandelt wird, obwohl — oder sogar: gerade
weü — auch anderes möglich ist. Dies geschieht
Bezeichnend ist die Abhängigkeit solcher Erschei­ auf der abstraktesten Ebene eines Medien-Codes
nungen von Funktionsmängeln des Haupt-Codes nicht durch Begründung der Selektionen selbst,
und die Beschränkung auf dessen Ordnungsbe­ sondern nur durch Reduktion unbestimmter in
reich. Zu den typischen Eigenschaften von Ne­ bestimmte oder doch bestimmbare Kontingenz.
ben-Codes gehören: gegenläufige Strukturen bei So fallen im Code der romantischen Liebe Zu­
gleicher Funktion, also Fähigkeit zur Funktions­ fall und Notwendigkeit zusammen, wenn die
übernahme, größere Konkretheit und Kontext­ füreinander bestimmten Individuen einander be­
abhängigkeit bei geringerer Technizität und gerin­ gegnen. So besagt die Kontingenzformel Knapp­
gere gesellschaftliche Legitimationsfähigkeit. Die heit, daß bei angenommener Summenkonstanz
Möglichkeit, auf Neben-Codes innerhalb eines Benachteiligungen anderer nicht vermieden wer­
Medien-Bereichs zurückzugreifen, kann davor den können, wenn ein Teilnehmer sich befriedigt.
bewahren, Funktionsdefizite durch Inanspruch­ So löst der Code der Wahrheit Kontingenzproble­
nahme andersartiger Medien auszugleichen; sie me durch die Annahme einer Fremdselektion
dient damit, obgleich Überlastungssymptom, oder Selbstselektion des Seins, durch eine Theo­
der Aufrechterhaltung der Autonomie der Me­ rie der Schöpfung oder der Evolution, die plausi­
diensysteme und ihrer funktionalen Differenzie­ bel macht, daß letzte unbestimmte Kontingenz
rung. im Gegenstand selbst reduziert ist. Im Bereich
von Macht haben bis in die neuere Zeit Legiti­
4) In den bisherigen Überlegungen war impliziert, mitätsformeln Kontingenz reduziert mit der Er­
daß den aufgewiesenen Problemlagen in der ei­ wartung, daß der höchste Machthaber, selbst
nen oder anderen Weise auf der Ebene generali­ wenn er Recht setzen könne und deshalb ans
sierter, die Kommunikationsbeziehung übergrei­ Recht nicht gebunden sei, gleichwohl dem Recht
fender Symbole Rechnung getragen wird. Es den Respekt nicht versagen werde39.
bleibt die Frage, ob dies in beliebiger Weise mög­
lich ist, oder ob es zusätzliche „constraints“ Das Plausibilitätsniveau solcher Kontingenzfor­
auf der Ebene generalisierter Symbole gibt — meln bleibt bei aller medienspezifischen Abstrak­
sei es für alle Medien gemeinsam, sei es für ein­ tion noch recht konkret, religiös und moralisch
zelne Medien in verschiedener Ausprägung. Wir gebunden40, ja direkt interaktionsfähig41. Die
brauchen uns nicht auf eine der vielen Varian­
ten des Überbau/Unterbau-Themas festzulegen
39 also nichts Rechtswidriges durchsetzen werde in
einer Weise, die PAULUS als „inverecundum“ be­
38 Die moderne psychologisierte Liebes-Konzeption zeichnet hat. Siehe die im Mittelalter viel zitierte
tendiert im übrigen in einer Art gegenromantischer und politisch ausgebeutete Digestenstelle D 32, 23
Bewertung zur Legitimation dieses Neben-Code, in­
dem sie Liebe nicht mehr auf die Erlebniswelt be­ 40 Für die Knappheits-Annahme siehe zum Beispiel
zieht, in der Alter sich laufend identifiziert, son­ FOSTER (1965).
dern auf dessen Identität selbst, oder gar auf das
Wachstum seiner Persönlichkeit und dergleichen. 41 So zum BeispielUnauthenticated
beim Einfordern jenes Mindest­
Siehe z.B. SWANSON (1965), OTTO (1972). Download Date
respekts vor | dem
11/29/17
Recht12:13 AM
im direkten Umgang mit
N. Luhmann: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 251

im Code etablierten Präferenzen (für Wahrheit, dann, wenn ihre Anerkennung und Befolgung
Liebe, Eigentum und „Herrschaft“ im Sinne der im Erleben und Handeln zur Bedingung wechsel­
pax et iustitia Formel) rechtfertigen den Code seitiger menschlicher Achtung gemacht wird.
selbst, obwohl sie nur die eine Hälfte des Mög­ Das kann über Normierungen geschehen, aber
lichen bezeichnen. Der Rest wird in die Form auch über normfreie Moralisierungen in Richtung
der Theodizee gekleidet und der Religion über­ auf Möglichkeiten, Verdienste und Hochachtung
antwortet. Bis heute gibt es keine Kontingenz­ zu erwerben. Ob normativ oder meritorisch kon­
formeln, ja zumeist nicht einmal verbale Symbo­ zipiert, stützt Moralisierung Negationsverbote.
le für die Disjunktion als Disjunktion. Sie unterbindet Negationen und Ablehnungen
nicht zwangsläufig, sie straft sie aber mit Ach­
b) Dies hängt mit der Form zusammen, in der in tungsverlusten und mit Isolierung auf Einzelfäl­
klassischen Medien-Codes Nichtnegierbarkeiten le, die für den Code selbst keine prinzipielle Be­
behandelt werden. Die alteuropäische Tradition deutung haben; die zum Beispiel nicht aggregiert
entwickelt dafür Vorstellungen der (graduierba­ und aufgewertet werden zu einer eigenen Logik
ren) Perfektion mit Hilfe sprachlicher Steigerungs­ und Moral des Bösen.
möglichkeiten, in deren Superlativ das nicht mehr
Überbietbare kulminiert und sich als Grund und Der skizzierte Abstraktionsdruck, der die Kon­
als Maß der Kritik zugleich setzt. In dieser Weise tingenzformeln und Nichtnegierbarkeiten medien­
werden auch Codes durch Perfektionsideen sym­ gesteuerter Kommunikationsprozesse betrifft,
bolisiert, vor allem politische und epistemologi- tangiert die moralische Bezugsfähigkeit der Me­
sche Terminologien und, zu einer technisch hoch- diensymbole. Damit wird die Moral keineswegs
qualifizierten Mystik ausgefeüt, die Gottesliebe aus dem Alltagsleben eliminiert, ja nicht einmal
der mittelalterlichen Devotionspraxis42. Hierfür ihrer Gefühls- und Treffsicherheit beraubt. Von
substituiert die bürgerliche Gesellschaft durchweg einem Ende der Moral kann faktisch keine Re­
Prozeßbegriffe, sei es Reflexion, sei es Evolu­ de sein. Nicht die Menschen, aber ganz spezifische
tion, mit der Folge, daß die Nichtnegierbarkeit Code-Funktionen werden demoralisiert im Interes­
in die Negation selber verlagert werden muß. se größerer Negationsfreiheiten für spezifische
Die Negation erzeugt, so nimmt die bürgerlich­ Operationen. In der Alltagsmoral erscheinen dann
sozialistische Philosophie an, die Nichtnegierbar­ Kritik und Änderungsstreben, Reform und Revo­
keiten im Duktus ihres Gebrauchs, indem sie sich lution als Positivwertungen, ohne daß die Tech­
als Dialektik produziert und/oder als Subjekt nizität der Codes sich mit dieser Moral vermit­
emanzipiert. Letztlich bleibt die Nichtnegierbar- teln ließe.
keit der selbstreferentiellen Negation zurück.

Ob von hier aus Code-Symboliken reformuliert VII.


werden können, ist im Augenblick nicht zu sa­
gen. Jedenfalls liegt keine für den Soziologen JÜRGEN HABERMAS (1973: 106ff.) hat eine
faßbare gesellschaftliche Erfahrung vor. Weder Motivationskrise der „spätkapitalistischen“ Ge­
die Anthropologisierung des subiectums der selbst­ sellschaftsordnung darin gesehen, daß die vor­
referentiellen Negation zum Individuum, das bürgerlichen und bürgerlichen Traditionsbestän­
mündig zu werden sucht, noch ihre Materialisie­ de erodiert sind und, wenn überhaupt, auf Po­
rung als objektives Entwicklungsgesetz haben ei­ litik und Wirtschaft dysfunktional wirken. Den
nen annähernd adäquaten Zugang zu den hier Eindruck kann man bestätigen, nicht zuletzt an
diskutierten Medien-Problemen gefunden. den Effekten, die der politische Moralist HABER­
MAS selbst mitausgelöst hat. Auch die hier skiz­
c) Symbole der Medien-Codes können eine mo­ zierte Theorie der symbolisch generalisierten
ralische Qualität besitzen. Sie besitzen sie immer Kommunikationsmedien sensibilisiert für dieses
Problem, freilich nicht auf der Ebene des seine
Subjektivität behauptenden Individuums, sondern
dem Herrscher. Siehe hierzu BÜNGER (1946: auf der Ebene jener soziokulturellen Transmis­
2 7 f., 6 6 ff.).
sionsfunktionen, die den Motiven zur Übernah­
42 Ein Beispiel aus dem 14. Jahrhundert: HILTON me reduzierter Komplexität eine die Interaktion
Unauthenticated
1932. transzendierende, gesellschaftsstrukturelle
Download Date | 11/29/17 12:13 AM Prä-
252 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

gung verleihen, indem sie die Motivation an die Zugleich wird unter den hier vorgestellten Prä­
Selektion selbst binden, und zwar an die Selek­ missen einer allgemeinen Theorie symbolisch ge­
tion des anderen. neralisierter Kommunikationsmedien erkennbar,
daß Motivationskrisen dieses Typs ihr kulturelles,
Um die Behauptung einer kulturbezogenen Mo­ in Symbolstrukturen lokalisierbares Korrelat ha­
tivationskrise durchsichtig machen zu können ben. Schon die sehr skizzenhaften, bewußt flach
— ihre empirische Prüfung ist eine andere Fra­ gehaltenen Ausführungen dieses Aufsatzes lie­
ge —, müssen wir einen aufs Soziologische ver­ fern eine Reihe von Anhaltspunkten für diese
engten Motivationsbegriff verwenden. Als Mo­ These, daß unsere Kulturtradition in hohem
tiv soll nicht die volle, wie immer organisch/ Maße durch Medien-Funktionen geprägt war,
psychisch individuierte Gesamtmotorik des Ein­ sozusagen aus den selbstselektiven, autokatalyti­
zelmenschen bezeichnet werden, sondern ein in schen Prozessen hervorgegangen ist, die durch
soziologischer Kommunikation darstellbarer Grund Medien-Codes ermöglicht und in die Richtung
selektiven Handelns43*. Insofern sind Motive kon­ spezifischer Probleme der Kontingenz- und Kom­
tingenzabhängige Erscheinungen. Der Bedarf für plexitätssteigerung geführt wurden. Diese Ent­
Motive nimmt mit steigender Kontingenz und wicklung hat einen Punkt erreicht, in dem Gren­
steigender Selektivität zu. Das führt auf die Fra­ zen der symbolischen Kontrolle von Negations­
ge nach den motivationalen limits to growth. Da­ potentialen sichtbar werden. Andererseits hatte
bei kann es sich (nach unserem Motivbegriff) weder die alteuropäische noch die neuzeitlich­
nicht um Grenzen psychischer Kapazität handeln; bürgerliche Gesellschaftstheorie diese Medien-
vielmehr liegen die Grenzen in den Problemen Funktionen berücksichtigt. Ihre Derivate bleiben
der Kombinierbarkeit von Selektionsdarstellun­ als Natur bzw. Kultur außerhalb des Bereichs
gen, also im sozialen System. Sie fallen mit dem der Gesellschaftsbegriffe, die zunächst primär
Problem der Arrangierfähigkeit von Medien-Funk- politisch, dann primär ökonomisch bestimmt
tionen zusammen. wurden. Daher fehlt heute ein analytisches In­
strumentarium für eine soziologische Beurteüung
Man kann dieses Problem punktuell an Hand der gesellschaftsweiten Erfahrung mit Kulturgü­
einzelner Medien-Systeme verfolgen. So wäre tern, für eine kritische Einschätzung des Re­
zum Beispiel zu fragen, was es bedeutet, wenn flexionsniveaus von Dogmatiken, Wissenschafts­
nicht mehr die Durchsetzungskapazität, sondern theorien, Kunstrichtungen. Bei hochentwickel­
die Entscheidungskapazität (Selektionskapazi­ tem, aber schlecht definiertem Problembewußt­
tät) der Machthaber zum eigentlichen Engpaß sein kommt es so zu einem hastigen Aufgebot
in Machtstrukturen wird; oder wenn sich heraus- von Verlegenheits-Behauptungen, die mehr ver­
stellen sollte, daß das Wahrheitsmedium bei An­ nebeln als klären, zu Thesen über post-histoire,
wendung auf sozialwissenschaftliche Gegenstän­ Ende des Individuums, Eindimensionalität, Tech-
de so hohe Selektivität zu bearbeiten hat, daß nokratie, Krise des kapitalistischen Staates usw.
die Reduktion zurechenbares Handeln (also Mo­ Die Diskussion lebt dann von den Möglichkeiten
tive) voraussetzen muß in einer Weise, die prin­ polemischer Ausbeutung der Unzulänglichkeiten
zipiell nicht neutralisierbar ist, das heißt: nicht des jeweüs anderen. Nicht zuletzt scheint die
in beiderseitiges Erleben aufgelöst werden kann. Motivationskrise der Gesellschaft auch eine
Zu solchen Problemen, die einzelne Medien-Co- der soziologischen Forschung selbst zu sein.
des aufsprengen könnten, treten andere, die das
Ausmaß an Differenzierung und Sonderartikula­ Dies ist nicht nur ein Beleg dafür, daß Krisen­
tion funktionsspezifischer Medien betreffen. Ge­ bewußtsein ansteckt und rasch epidemisch wird,
rade durch eine durchformulierte hochdifferen­ sondern vor allem ein direkter Beleg für die
zierte Medien-Struktur werden auch die Proble­ Reflexivität des Wahrheits-Codes und für ihre
me diagnostizierbar, von denen Motivationskrisen Folgeprobleme. Wie unter VI 3 a angedeutet,
ausgehen können. werden alle mediengesteuerten Prozesse späte­
stens in der bürgerlichen Gesellschaft der Neu­
zeit reflexiv. Dies geschieht evolutionär in
43 Diese Fassung des Motivbegriffs schließt an MAX
WEBER an. Siehe auch MILLS (1940) und BUR­
zwei Phasen: zunächst durch Eröffnung der
KE (1962); ferner WHITE (1958) und BLUM und Möglichkeit, dannUnauthenticated
durch Totalisierung der An­
McHUGH (1971). Download
wendung Date
auf |sich
11/29/17 12:13
selbst. So AM
lange es nur einzel-
N. Luhmann: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 253

ne, mehr oder weniger zahlreiche Möglichkei­ nicht logisch, sondern soziologisch zu operatio-
ten gibt, Macht auf Macht anzuwenden, Geld­ nalisieren versuchen. Ob am Ende eine Abschluß-
beschaffung zu finanzieren, über Wahrheit zu Antinomie oder eine grandiose Tautologie heraus­
forschen usw., kann man des Glaubens leben, kommen wird, hat für sie nur eschatologische
daß die wichtigsten und grundlegenden Prozes­ Bedeutung. Gegenwärtig ist die Zukunft noch
se dem entzogen bleiben und festen Grund bie­ offen. Man kann den Zirkel durch Abstraktion
ten. Wenn es zu Totalisierungen kommt, wenn elargieren, kann ihn stückweise zu vermessen ver­
also alle Prozesse eines bestimmten Medienbe­ suchen, kann an Teiltheorien arbeiten und die
reichs, sofern sie das Medium verwenden, auf Sicherheit nicht aus der Gewißheit des Funda­
sich selbst anwendbar sind, ändert sich die Si­ ments, sondern gerade umgekehrt daraus gewin­
tuation, und man muß fragen, ob und wie und nen, daß die Prämissen mit Hilfe von Supertheo­
bei welchen Medien die Motivation Totalisierun­ rien im Bedarfsfälle wieder auflösbar sein wer­
gen aushalten kann. den45.

Im politischen Bereich ist dies die Frage nach Ob unter solchen Auspizien Selektionsübertra­
den motivationalen Bedingungen von Demokra­ gungen möglich sind und zu anschlußfähiger
tie, das heißt der Anwendung von spezifisch po­ Forschung führen können, ist damit noch nicht
litischer Macht auch auf den höchsten Macht­ gesagt. Nicht zuletzt wird dies abhängen von
haber. In Geldsystemen stellt sich die Frage nach Fragen des gesellschaftlichen Kontextes der For­
den Bedingungen der Möglichkeit, den Wert des scher-Rolle und damit von Fragen des Niveaus
Geldes wiederum nur durch Geld (Devisen) zu und der Kompatibilität anderer Totalisierun­
decken bei zunehmender Verdichtung weltge­ gen, denen der Forscher ausgesetzt ist.
sellschaftlicher Interdependenzen. Im Wahr­
heitsbereich tritt dieses Problem in der Form
von Antinomien und logischen Zirkeln auf mit Literatur
der Folge, daß alles Begründen auf ein bloßes
ARISTOTELES, 1954: Ethica Nicomachea, hersg. von
Verschieben des Problems hinausläuft. I. Bywater, Oxford.
ARONFREED, J., 1968: Conduct and Conscience:
Zweifellos erzwingen Totalisierungen eine Re­ The Socialization of Internalized Control Over
organisation der Mittel bis hinein in die For­ Behavior. New York.
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eines Teils der Strukturlast auf nichttotalisierba- tifique: Contribution ä une Psychanalyse de la con-
re, situativ partikularisierte Neben-Codes - zum naissance objective. Paris.
BACHELARD, G., 1949: Le rationalisme applique.
Beispiel auf informale Macht im politischen Be­
Paris.
reich oder auf Reputation im Wissenschaftssy­ BANDURA, A., 1965: Vicarious Processes: No Trial
stem. Die logische Unmöglichkeit braucht kei­ Learning. In: Advances in Experimental Social Psy­
ne reale Unmöglichkeit zu sein, denn Logik ist chology, hersg. von L. Berkowitz. New York, 1—55.
nur ein hochspezialisierter Satz von Bedingun­ BEARDSLEY, Jr., J.W., 1918: The Use o f < F Y 2 I2
in Fifth-Century Greek Literature. Chicago (Diss.).
gen der Möglichkeit unter anderen. Nur für den BECKER-FREYSENG, A., 1938: Die Vorgeschichte
Wahrheits-Code wird genau diese Frage prekär, des philosophischen Terminus ,contingens‘: Eine
sofern er den binären logischen Schematismus Untersuchung über die Bedeutung von ,contingere4
als Grundlage der Codierung verwendet44. bei Boethius und ihr Verhältnis zu den Aristoteli­
schen Möglichkeitsbegriffen. Heidelberg.

Es mag Auswege in der Logik selbst geben, etwa


45 In diesen Funktionskontext ordnen sich Arbeiten
in Richtung auf eine mehrwertige Logik oder im an einer (möglichst) allgemeinen Systemtheorie
Sinne der binären Schematisierung von Aussa­ ein, die durch funktionale Methodik ein Höchstmaß
gen über binäre Schematisierung. Eine Theorie an noch strukturierbarem Auflösungsvermögen für
der Kommunikationsmedien wird dieses Problem realitätsbezogene Prämissen konkreter Teiltheorien
zu erreichen sucht. Die Funktion solcher Super­
theorien wäre mithin, für den Fall des Prämissen­
44 Hierzu die Einwände gegen eine mit Reflexivstruk­ wechsels die Lernfähigkeit des Wissenschaftssystems
turen arbeitende System-Theorie bei HEJL (1971/ zu gewährleisten unter Unauthenticated
Vermeidung des Zurückfal-
72). lensDownload
auf den Anfang und völligen
Date | 11/29/17 Neubeginns.
12:13 AM
254 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 3, Heft 3, Juni 1974, S. 236-255

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