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6 Vorwort

Dank schuldet das Heeresgeschichtliche Museum auch dem Verlag Hermann


Böhlaus Nachf. für sein freundliches Entgegenkommen und ganz besonders
fühlt es sich dem Bundesministerium für Landesverteidigung zu Dank verpflichtet,
das das Erscheinen dieser Schrift in großzügiger Weise gefördert hat.
So möge denn dieser dritte Band der Schriftenreihe des Heeresgeschichtlichen
Museums hinausgehen als ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der großen
Kaiserin und als ein Baustein für die österreichische Militärwissenschaft.

Wien, Herbst 1967 Dr. Allmayer-Beck


Direktor
des Heeresgeschichtlichen Museums
(Militärwissenschaftliches Institut)
WANDLUNGEN IM HEERWESEN ZUR ZEIT MARIA THERESIAS

von
JOHANN CHRISTOPH AU-MAYER-BECK

Die kriegerischen Ereignisse zur Zeit Maria Theresias waren schon öfters
Gegenstand mehr oder weniger eingehender Darstellungen x). Das ist nicht weiter
überraschend, da ihnen — zumindest für die erste Hälfte der Regierungszeit
dieser Herrscherin — doch eine sehr maßgebliche Bedeutung zukommt. Nicht
weniger als fünfzehn von den ersten 23 Jahren, in denen sie den Thron inne­
hatte, waren Kriegsjahre. Und während derselben haben Truppen aus den habs­
burgischen Erblandern nicht nur im heutigen Oberösterreich, sowie in Böhmen,
Mähren und Schlesien, sondern auch in Bayern und der Oberpfalz, in der Lausitz
und in Sachsen, aber auch am Main und am Rhein, in Vorderösterreich und
im Elsaß, genauso wie in den Niederlanden, in Norditalien und in der Provence

1) Unter "Weglassung der älteren Literatur sei hinsichtlich der Geschichte des Öster­
reichischen Erbfolgekrieges und der drei Schlesischen Kriege auf folgende grund­
legende Darstellungen verwiesen: Geschichte der Kämpfe Österreichs, Kriege unter
der Regierung der Kaiserin-Königin Maria Theresia: Österreichischer Erbfolge-Krieg
1740—1748, hg. von der Direktion des k. u. k. Kriegs-Archivs, 9 Bde., Wien 1896
bis 1914. — Die Kriege Friedrichs des Großen, hg. v. Großen Generalstabe, 3 Teile,
19 Bde., Berlin 1890—1914. Vgl. hierzu: Preußen-Deutschlands Kriege, Bd. 1: R. v.
Hoen, Der erste und zweite schlesische Krieg, Berlin 1907, Bd. 2: R. v. Hoen
und v. Bremen, Der siebenjährige Krieg, Berlin 1912; Carl Jany, Der siebenjährige
Krieg. Ein Schlußwort zum Generalstabswerk. Forschungen zur Brandenburgischen
und Preußischen Geschichte, XXXV. Bd. (München-Berlin 1923).
An französischen Darstellungen vgl.: Charles Pierre comte Pajol,
Les guerres sous Louis XV, 7 Bde., Paris 1881—1891 (vor allem Bd. 2, 4, 5). —
R. Waddington, La guerre de Sept ans. Histoire diplomatiquc et militairc. 5 Bde.,
Paris 1899—1914.
Hinsichtlich der russischen Seite siehe: Rambaud, Russes ct Prussiens, Guerre
de Sept ans, 1895. — D. Masslowski, Der siebenjährige Krieg nach russischer Dar­
stellung. Deutsche Übersetzung von A. v. Drygalski. 3 Bde., Berlin 1889—1893.
Vgl. hierzu: E. v. Frisch, Zur Geschichte der russischen Feldzüge im Sieben­
jährigen Krieg nach den Aufzeichnungen und Beobachtungen der dem ’russischen
Hauptquartier zugeteilten österreichischen Offiziere, vornehmlich in den Kriegsjahren
1757—1758. Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte, 52.
Heft, Heidelberg 1919. —■ Semiletnjaja vojna, Aktenpublikation hg. v. N. M.
Korobkov im Auftrag des Centralny Gosudarstvenny Voenno Istoriöeskij Archiv,
Moskau 1958.
Über den Bayrischen Erbfolgekrieg vgl.: O. Criste, Kriege und Kaiser
Joseph II-, Wien 1904.
ABBILDUNGSNACHWEIS
(gegliedert nach den einzelnen Aufsätzen)

Haas Bieckwenn, Die Regimenter der Kaiserin


Alle Abb.: Albertina-Handschrift (1762), Heeresgeschichtliches Museum Wien,
BI 16.635
1
Güster Dirrheimer — Friedrich Fritz, Einhörner und Schuwalowsche Haubitzen
Abb. 1, 2, 3, 5: Heeresgeschichtliches Museum Wien, AA 10
Abb. 4: Heeresgeschichtliches Museum Wien, elPf Nr. 12

Kurt Peball, Das Generalsreglement der Kaiserlich-königlichen österreichischen


Armee vom 1. September 1769
Kriegsarchiv Wien, Hofkriegsrat 1769-79-3 _

Friedrich Hausmann, Die Feldzeichen der Truppen Maria Theresias


Abb. 1: Heeresgeschichtliches Museum Wien, NI 10.003
Abb. 2: Heeresgeschichtliches Museum Wien, NI 4353
Abb. 3: Heeresgeschichtliches Museum Wien, R 69
Abb. 4: Heeresgeschichtliches Museum Wien, R 64 ?
Abb. 5: Heeresgeschichtliches Museum Wien. Standarte: R 64, Paukenfahne: R 320
Abb. 6: Militärökonomie, Heeresgeschichtliches Museum Wien, IV 12.040

WlMm Mrazek, Eine Serie von Soldatenfiguren aus der Kaiserlichen Porzellan­
manufaktur in Wien
Abb. 1—6: Heeresgeschichtliches Museum Wien
VORWORT

Es bedarf wohl kaum einer näheren Begründung dafür, daß das Heeres-
geschichtiiche Museum (Militärwissenschaftliches Institut) den dritten Band seiner
„Schriften“, der in dem Jahre erscheint, in dem sich der 250. Geburtstag der
Kaiserin Maria Theresia jährt, in besonderer Weise dem Andenken dieser großen
Frau widmet.
Das Theresianische Zeitalter und insbesondere seine Auswirkungen auf mili­
tärischem Gebiet sind daher das Generalthema dieser Publikation, die freilich
nicht den Anspruch erheben will noch kann, diese so wichtige Epoche der öster­
reichischen Heeresgeschichte damit erschöpfend behandelt zu haben. Es wurde
lediglich der Versuch unternommen, den Leser mit dem einen oder anderen
Bereich vertraut zu machen, über den einerseits bisher nicht allzuviel bekannt­
geworden ist, und zu dem sich anderseits in den Beständen des Heeresgeschicht-
lichen Museums Belegstücke in mehr oder minder großer Zahl vorfinden.
Nicht in den Rahmen des generellen Themas paßt die am Schluß dieses
Bandes aufgenommene Bibliographie über alle jene Publikationen, die seit 1945
zur österreichischen Heeresgeschichte oder eines ihrer Teilgebiete erschienen sind.
Sie ist außerdem trotz ihres Umfanges, wie wohl jede Bibliographie, noch immer
lückenhaft. Dennoch schien ihre Aufnahme geboten, denn von Jahr zu Jahr
wird der Stoff größer, das Material unübersichtlicher. So ging es daher bei
ihrer Abfassung nicht so sehr darum, etwas Abgeschlossenes vorzulegen als viel­
mehr auch auf diesem Gebiet einen Anfang zu machen. Und wer wäre dazu
berufener als das Militärwissenschaftliche Institut?
Es ist dem Herausgeber ein aufrichtiges Bedürfnis, den Mitarbeitern dieses
Bandes, vor allem den ausländischen Autoren, seinen ganz besonderen Dank
für ihre selbstlose und bereitwillige Mitwirkung auszusprechen. Wird doch durch
ihre Beiträge nur einmal mehr unterstrichen, daß Maria Theresia nicht irgend­
eine „lokale“ Größe der österreichischen Geschichte, sondern eine weit über die­
sen Rahmen hinausragende europäische Gestalt im wahrsten Sinne des Wortes
gewesen ist.
8 Johann Christoph Allmayer-Beck

gekämpft, -wobei Berlin im Norden, wie Corsika im Süden in den Bereich der
Operationen eingeschlossen waren 2).
Der Beschauer dieses gewaltigen Kriegsbildes sieht sich hierbei einer ver­
wirrenden Fülle von Details gegenüber, die ihm zwar einen ungemein lebhaften
Eindruck der einzelnen Kampfhandlungen vermitteln, deren großen Zusammen­
hang und vor allem deren innere Beziehung zu den militärgeschichtlichen Gege­
benheiten dieser Epoche festzustellen, ihm aber bereits wesentlich schwieriger
fälfc. Gerade dies aber ist die Aufgabe des vorliegenden Beitrages, der zwar
bä weitem keine ausführliche Schilderung der mariatheresianischen Heeres- und
Kriegsgeschichte zum Ziel hat, der aber doch zu den in diesem Band nach­
folgenden Arbeiten eine skizzenhafte Einführung liefern soll, die den Leser der­
selben ein wenig mit der Umgebung vertraut macht, in der diese Darlegungen
zu lokalisieren sind.
Das bedeutet also, daß es nicht darauf ankommt, die Schlachten von Prag,
Kolm, Leuthen oder Torgau zum soundsovielten MaleHrTTfifef Bedeutung"zu
würdigen, sondern darauf, in der Tiefe des Gemäldes die wesentlichen Struk­
turen sichtbar zu machen. Dazu ist es aber nötig, wie bei der Restaurierung eines
stark übermalten Bildes, die einzelnen, übereinander aufgetragenen Farbschichten
vorsichtig abzuheben, um unter denselben dann die eigentliche Konzeption des
Gesamtwerkes zu entdecken.
Dieser Vorgang ist bei der obersten Lasur noch relativ einfach. Es handelt
sich im vorliegenden Fall gewissermaßen um den Firnis, der durch die patrio­
tische Geschichtsschreibung im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
mitunter ziemlich dick aufgetragen wurde. Er 'verlieh dem Bilde zwar einen

2) Vgl. hierzu außer den vorstehend zitierten Arbeiten: Kriegs-Chronik Österreich-


Ungarns. Militärischer Führer auf den Kriegsschauplätzen der Monarchie, verfaßt
im k. k. Kriegs-Archiv, Teil 1—4, Wien 1885—1891. — Zwischen Donau und
Elbe. Skizzen der Kriegsbegebenheiten in Ostböhmen im 18. Jahrhundert. In: Mit­
teilungen des k. k. Kriegsarchivs, Wien 1886, S. 1 ff. — G. v. Gömöry, Die Invasion
Ober-Österreichs und die Wiedereroberung von Linz 1741—1742, in: Mitteilungen
des k. k. Kriegsarchivs, Wien 1882, S. 417 ff. — F. Jihn, Der Feldzug 1760 in
Sachsen und Schlesien mit besonderer Berücksichtigung Ker Schlacht bei Torgau,
Wien 1882. ■— Derselbe, Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen, Wien 1884. —
K. v. Duncker, Die Invasion Schlesiens durch die k. preußischen Truppen im
Monat Dezember 1740, in: Mitteilungen des k. k. Kriegsarchivs, Wien 1885, S. 1 ff. —
H. Kematmüller, Die Verteidigungsanstalten in Nieder- und Innerösterreich beim
Einbruch der Bayern 1741, in: Mitteilungen des k. u. k. Kriegsarchivs, N. F. 7. Bd.
(1893), S. 143 ff. — Derselbe, Die österreichische Administration in Bayern 1743
bis 1745, Wien 1895. — O. Weber, Die Okkupation Prags durch die Franzosen
und Baiern 1741—1743, Prag 1896. — H. Mäscher, Tirol während des österrei­
chischen Erbfolgekrieges 1740—1748, ungedr. phil. Dissertation, Innsbruck 1956. —
H. Wagner, Die Neutralität Salzburgs im österreichischen Erbfolgekrieg 1741—1745,
in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 1960, S. 209—271. —•
F. Dengler, Bayerischer Wald und Donaugefilde in schwerer Kriegszeit. Ein Bericht
über das Kriegsgeschehen des Jahres 1742 in Teilen Niederbayerns und der-Oberpfalz
mit den Tagebuchaufzeichnungen des Abtes Marian Pusch von Niederaltaich im
Mittelpunkt, Straubing 1961.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 9

hohen Glanz, indem er dem Beschauer Österreichs Glorie, dessen „zweites Hel-
^denzeitalter“ leuchtend vor Augen führte; aber er verdeckte auch manches, was
uns heute wichtiger erscheint. Zudem wurde dieser Glanz nicht immer mit ganz
brauchbaren Mitteln hervorgebracht.
So sonderbar es nämlich auch klingen mag: die Helden dieses Zeitalters,
die „Männer um Maria Theresia“ sind — zumindest im militärischen Bereich —
bisher noch sehr wenig erforscht. Lediglich für Lacy und Maximilian Ulysses
Browne besitzen wir seit jüngerer Zeit brauchbare Biographien 3). Für Daun und
Laudon wird dies wenigstens in nächster Zeit der Fall sein45
). Bei Khevenhüller,
Traun und Josef Wenzel Liechtenstein ■— um nur die wichtigsten zu erwähnen —
besteht nicht einmal diese Hoffnung 3).
Die zweite Schichte, auf die wir sodann stoßen, sind die organisatorischen
und technischen Gegebenheiten des mariatheresianischen Heerwesens, die zwei­
fellos bedeutsame Auswirkungen auf die Strategie und Taktik der damaligen
Zeit hatten. Das eine oder andere Faktum aus dieser Schicht wird auch im
Folgenden von Interesse sein. In seiner Gesamtheit erübrigt sich aber eine neuer­
liche Analyse dieses Bereiches. Seit den Untersuchungen von Meynert, Kienast,

3) Zu Lacy vgl. die Arbeit von E. Kotasek, Feldmarschall Graf Lacy. Ein Leben für
Österreichs Heer, Horn 1956. Dort ist auch die ältere Literatur verzeichnet. Um
den wissenschaftlichen Apparat, der dieser Arbeit zugrunde liegt, benützen zu kön­
nen, muß man die ungedruckte Wiener Dissertation der Verfasserin, Feldmarschall
Franz Moritz Graf von Lacy 1725—1801, Wien 1944, heranziehen. — Als Ergän­
zung siehe: E. Kotasek, _Dje_iPrivatkorresppndenz des Feldmarschalls Graf Lacy
mit Maria Theresia aind Joseph H., in: Mitteilungen des Österr. Staatsarchivs,
Bd.'4, Wien 1951, S. 167—183.
Bezüglich Browne siehe: C, Duffy, The, wild.gopse and ehe„ragle, A life of Marshai
von Browne 1705—1757, London 1964. Dazu eine deutsche, durch einen Anhang
erweiterte Übersetzung unter dem Titel: Feldmarschall Browne, Wien 1966.
4) Die ältere Literatur über Laudon siche bei C. v. Wurzbach, Biographisches
Lexikon des Kaiscrthums Österreich, 16. Teil, Wien 1867. Vgl. ferner die heute
nicht mehr voll befriedigende Arbeit von W. v. Janko, Laudons Leben, Wien 1869,
und die bedeutend bessere aber nur fragmentarische von K. v. Duncker, Aus Laudons
Leben. In: österr. Militärische Zeitschrift 1896, Bd. 1, S. 97 ff., 266 ff. und Bd. 2,
S. 1 ff. Ein kurzer biographischer Abriß von F. Walter in: Gestalter der Geschicke
Österreichs, hg. v. H. Hantsch, Innsbruck-Wien-München 1962, S. 263 ff.
Bezüglich Daun vgl. den Artikel von H. Benedikt in der Neuen Deutschen
Biographie, Bd. 3, S. 528 f., ferner die kurzen Skizzen von F. Walter in: Männer
um Maria Theresia, Wien 1951, S. 102 ff. und in: Gestalter der Geschicke öster-
,i? reichs, a. a. O., S. 263 ff. Die neueste Arbeit von Franz Lorenz von Thadden lag
bei der Drucklegung dieses Artikels noch nicht vor.
5) Zu Khevenhüller siehe C. v. Wurzbach, a. a. O., 11. Teil, Wien 1864;
vgl. auch: Aus den Schriften des Feldmarschalls Ludwig Andreas Grafen Khevenhüller
(1683—1744) „Idee vom Kriege", I. Teil, in: Mitteilungen des k. u. k. Kriegs­
archivs N. F., Bd. 7, Wien 1893, S. 283 ff., Bd. 8, Wien 1894, S. 319 ff., Bd. 9,
Wien 1895, S. 359 ff. und Bd. 10, Wien 1898, S. 411.
Über den General von Bärnklau gibt es immerhin eine ungedr. phil. Disser­
tation von H. Pichler, Johann Leopold Freiherr von Bärnklau 1700—1746, Wien
1940.
10 Johann Christoph Allmayer-Beck

Teuber und Wrede 6) — um nur die ■wichtigsten zu nennen — sind keine größeren
Forschungen auf diesem Gebiet mehr für die österreichische Seite vorgelegt
■worden, wohl aber gelegentlich die eine oder andere Zusammenfassung 7).
Bleibt also nur noch die unterste Schicht zu untersuchen, jener Mutterboden
also, in dem die Wurzeln des Heer- und Kriegswesens der damaligen Zeit
eingebettet liegen, wobei es insbesondere gilt, der starken Querverbindungen
zu gedenken, die sich einerseits aus dem kriegerischen Beginn der theresianischen
Regierungsepoche zum Heerwesen, und andererseits von diesem wiederum zu Staat
und Gesellschaft ergaben. Hierbei soll im wesentlichen nur jener Zeitabschnitt
betrachtet werden, in dem das Heerwesen im eigentlichen Sinne des Wortes
mariatheresianisch war, also von 1740 bis etwa in die Mitte der sechziger Jahre
des 18. Jahrhunderts.
Es ist hierbei ein besonders tragischer Aspekt dieser Periode, daß eine Frau
wie Maria Theresia, der ursprünglich gewiß alles andere näher lag, als sich einer
kriegerischen Tätigkeit hinzugeben, durch äußere Umstände gezwungen wurde,
kaum, daß sie das Erbe ihres Vaters angetreten hatte, an die Waffen zu appellie­
ren. Sie hat sich dann freilich im Laufe der Zeit mit dem Heerwesen so stark
verbunden gefühlt, aaß sie nach dem Tode ihres Gatten, als sie die militä­
rischen Agenden an ihren Sohn übergab, einbekannte: „Dieser Zweig der Staats­
verwaltung war der einzige, für den ich Interesse hatte.“8) Hierin aber zeigt
sich bereits eine jener Auswirkungen, die sich aus der Bedeutung ergaben, die
die Armee im Zuge der nun zu betrachtenden Entwicklung erlangen sollte.
Vorerst allerdings war das Instrument, das ihr bei der Thronbesteigung zur
Verteidigung dieses Thrones zur Verfügung stand, dafür bekanntlich wenig
geeignet.
Äußerlich, d. h. nach ihrer Größe beurteilt, war die vorhandene Armee
zwar recht bedeutend. Sie umfaßte beim Tode Kaiser Karls VI. 52 Infanterie­
regimenter, IS Kürassierregimenter, 14 Dragonerregimenter und 8 Husarenregi­
menter, deren effektiver Stand rund 108.000 Mann ausmachte, was allerdings

®) H. Meynert, Geschichte der k. k. österreichischen Armee, Bd. 4, Wien 1854; Bei­


träge zur Geschichte des österreichischen Heerwesens, 1. Heft: Der Zeitraum von
5757—1814, mit besonderer Rücksichtnahme auf Organisation, Verpflegung und
Taktik, Wien 1872; A. Kienast, Das Wehrwesen in Österreich (um das Jahr 1740),
in: Österreichischer Erbfolge-Krieg 1740—1748, Bd. 1, Wien 1896, S. 299—515. Im
gleichen Jahr auch als Separatabdruck erschienen; O. Teuber und R. v. Ottenfeld,
Die österreichische Armee 1700—1867, Wien 1895; A. Frh. v. Wrede, Geschichte
der k. u. k. Wehrmacht, 5 Bde., Wien 1898/1905.
7) Wertvoll vor allem die Ausführungen von J. Zimmermann, Militärverwaltung und
Heeresaufbringung in Österreich bis 1806, in: Handbuch zur deutschen Militärge­
schichte, hg. v. Militärgeschichtl. Forschungsamt III. Teil, Freiburg i. Br. 1965. Siehe
auch: Georg Nitschs, Österreichisches Soldatentum im Rahmen deutscher Geschichte,
Berlin 1937, S.74ff.; H. V. Patera, Unter Österreichs Fahnen, Wien-Köln 1960,
S. 33 ff.; G. Adolph-Auffenberg-Komarow, Das Zeitalter Maria Theresias, in: Unser
Heer, Wien-München-Zürich 1963, S. 109—168; F. Schirmer, Die Heere der krieg­
führenden Staaten 1756—1763, als Manuskript gedruckt, o. J.
8) Vgl. H. Kretschmayr, Maria Theresia, Leipzig 1938, S. 271 f.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 11

24 Prozent unter dem Sollstand war8). Die Hauptschäden waren ganz anderer
Natur. —-.
Bereits' 1734 hatte Prinz Eugen dem Kaiser gegenüber geklagt, daß durch
den langen ^Frieden während welchem viele Unordnungen und Mißbräuche bei
den Regimentern eingeschlichen sind, auch viele Offiziere einen Teil des Dienstes
vergessen hätten 910*). Während des Polnischen Erbfolgekrieges waren dann vom
Kaiser wie vom Prinzen übereinstimmend der Mangel an guten und erfahrenen
Generalen und Offizieren beklagt worden und der letzte Türkenkrieg Karls VI.
hatte überzeugend zum Ausdruck gebracht, wie wenig doch ein so bedeutender
Feldherr wie Eugen letzten Endes „Schule“ gemacht hatte.
Fehlte es auf diese Art schon an bewährten Generalen, so war auf der
anderen Seite der Geist der Truppe durch die unentschlossene und wenig glück­
liche Führung in den beiden vorgenannten Kriegen demoralisiert und gesunken.
Und nicht zuletzt waren die Staatsfinanzen fast vollkommen erschöpft12* ). Das
hatté wiederum dazu geführt, daß man sich am Vorabend des Österreichischen
Erbfolgekrieges zu einer Armeereduktion veranlaßt sah. So einschneidend diese
Maßnahme auch war, so vermochte sie doch nicht zu verhindern, daß auf
einem lebenswichtigen Gebiet des Kriegswesens auch weiterhin trostlose Ver­
hältnisse herrschten, nämlich auf dem der Besoldung. Es gibt zahlreiche Bei­
spiele für die triste Lage, in der sich Offiziere wie Mannschaften in diesen
Jahren befanden 12).- Und wie in einem Teufelskreis erwuchsen daraus wiederum
weitere Mißstände.
Einerseits schwoll die schon durch andere Umstände stets sehr beträchtliche
Desertion der Mannschaften weiter an, anderseits trachteten die Offiziere- unter
diesen Verhältnissen sich Geld zu verschaffen und vorwärts zu kommen, wo
immer sie konnten. Das war aber nicht so einfach, denn.durch die „Aggregierten“,
d. h. durch die Offiziere der bei der Reduktion aufgelösten Truppenkörper,
die nun anderswo zugeteilt wurden, bestand die ständige Gefahr von höchst
unerwünscht empfundenen „Einschüben“, wodurch die eigene Laufbahn nur zu
leicht blockiert wurde. Kein Wunder also, daß der Offiziersstellenkauf und
-verkauf und dementsprecHeha~die"Protektion im großen Umfang’ blühten 14).
Derartige Mißstände hatte es freilich schon im Heere Prinz Eugens gegeben,
und diese Tatsache erinnert daran, daß auch im früh-mariathcresianischen Heere
die vor allem dem Hochbarock angehörige Erscheinung des „Kriegsuntemehmer-
tums“, wie sie von Fritz Redlich in einer wichtigen Arbeit geschildert wird 15),
noch immer vorhanden war und einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die
Funktion des Offizierskorps ausübte.

9)Vgl. Österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 369 ff.


w) M. Braubach, Prinz Eugen, Bd. 5, Wien 1965, S. 217.
1“) Ebenda, S. 230.
12)österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 223 ff.
Ebenda, S. 420 ff.
M) Vgl. ebenda, S. 415 ff. Vgl. auch J. Zimmermann, a. a. O., S. 135 ff.
F. Redlich, The German Military Enterpriser and His Work Force. Beiheft 47
u. 48 zur Vierteljahrschrift f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Wiesbaden 1964/65.
12 Johann Christoph Allmayer-Beck

Der Kriegsunternehmer, also der Offizier, der seinen Beruf nach wirt­
schaftlichen Gesichtspunkten, namentlich nach dem Verhältnis von Profit und
Risiko, orientierte und der seine markanteste Ausprägung in der Gestalt des
Oberst-Inhabers gefunden hatte, war allerdings im habsburgischen Heer bereits
seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf mehreren Gebieten in seinen
Rechten beschnitten worden. Nichtsdestoweniger hatte er seine Position doch
noch auf weite Strecken hin halten können. Wenn etwa/lZöZ/SOzusagen von
„Staatswegen“ der erste Versuch gemacht wurde, ein für alle'Tnfanterieregimenter
gültiges Dienst-TmcT Exerzierreglement an Stelle der von den verschiedenen
Inhabern bisher individuell erlassenen Dienstvorschriften in Kraft zu setzen 16),
so ersieht man den Erfolg äh folgenden Worten Maria Theresias aus der Zeit
nach dem Aachener Frieden: „Wer würde glauben, daß nicht das mindeste
eingeführet war in Regul bei meinen Trouppen, ein jeder machte ein anderes
manoevre in Marsche, in Exercitio und in allen, einer schüssete geschwind, der
andere langsam; die nemliche Wort und Befehle wurden bei einem also, bei
dem anderen wiederumb anderst ausgedeutet, und ist wahrhaftig kein Wunder,
wann zehn Jahre vor meiner Regierung der Kayser allezeit geschlagen worden,
und wie nachgehends das Militare gefunden, nicht zu beschreiben ist.“ 17)
Mit diesem Heere aber mußte der Österreichische Erbfolgekrieg, einschließ­
lich des ersten und zweiten Schlesischen Krieges, durchgefochten werden und
der Ausgang dieses Kampfes lag eigentlich weit über dem, was man auf Grund
dieser Verhältnisse von vorneherein hätte annehmen können.
Solange dieser Krieg dauerte, war auch an größere Reformen nicht zu
denken. Nur die oberste militärische Zentralstelle, der Hofkriegsrat, wurde sehr
bald schon einer ersten Reform unterzogen, durch die eingerissene Unzulässigkei­
ten beseitigt und der Dienstgang dieser etwas schwerfällig gewordenen Institution
beschleunigt werden sollte. Vor allem aber strebte Maria Theresia deutlich danach,
sich selbst stärkere Einflußmöglichkeitcn zu sichern und im übrigen die Ver­
antwortlichkeit auf einen möglichst kleinen Personenkreis zu konzentrieren ls).
Augenfälligstes Ergebnis dieser Reform war daher auch die drastische Herab­
setzung des Personalstandes des Hofkriegsrates, dessen Räte von insgesamt 36
auf 11, dessen Sekretäre von 28 auf 6 reduziert und dessen gesamtes Personal
von 78 Köpfen auf 48 herabgesetzt wurde. Gleichzeitig wurde das General­
kriegskommissariat reorganisiert und in den Rang einer unmittelbaren Hofstelle
erhoben.

1<s) „Regulament und Ordnung nach welchen Unsere gesammte Infanterie in denen Hand­
griffen und Kriegsexercitien etc. gleichförmig sich zu achten haben solle“ vom
1. März 1737.
-7) Zitiert nach H. Kretschmayr, a. a. O., S. 263.
Siehe hierzu: Österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 306—325. — Die wichtigsten
Aktenstücke, insbesondere die Hofkriegsratsinstruktion der Königin Maria Theresia
vom 23. März 1745 sind abgedruckt in: Die österreichische Zentralverwaltung, hg.
v. Th. Fellner und H. Kretschmayr, I. Abt., Bd. 3., Wien 1907, S. 420 ff. —
Vgl. auch J. Zimmermann, a. a. O., S. 69 f. — F. Walter, Die Theresianische Staats­
reform von 1749, Wien 1958, S. 18 ff.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 13

Damit war gewissermaßen der Ansatzpunkt geschaffen, um nach Abschluß


des Friedens an eine tief greifende Reform des Heerwesens zu schreiten. Deren
Ziel lag freilich zu einem guten Teil außerhalb des Wirkungskreises des Hof­
kriegsrates und die von diesem späterhin getroffenen organisatorischen Maß­
nahmen bilden nur einen Teil jenes Programmes, durch das das Kriegswesen
unter Maria Theresia einen so grundlegenden Wandel erfahren sollte. Darin
liegt vielmehr eine Besonderheit dieser Epoche, daß die Reformen des Kriegs­
wesens in einem wesentlich stärkeren Maße auch den zivilen Verwaltungsbereich
berühren, als dies in früheren der Fall war. Die Erfordernisse der Heeresauf-
bringung19) und Heeresverwaltung20) waren von weitgehendem Einfluß auf die
grundlegenden Finanz- und Verwaltungsreformen dieser Epoche. Hatte doch
einerseits die Ausschöpfung der Wehrkraft des großen Reiches sich angesichts der
vielfältigen Bedrohung als unzureichend erwiesen und anderseits auch das Kon­
tributionssystem der Landstände bereits in den ersten Feldzügen seine Mängel
offenbart. So z. B. war es bei Ausbruch des ersten Schlesischen Krieges fast
nicht möglich gewesen, die Naturalien für zwei Kavallerieregimenter in Schlesien
aufzutreiben, während dann König Friedrich ebendort seine ganze Armee ein
Jahr hindurch bequem und reichlich verpflegen konnte 21).
Man würde aber doch fehlgehen, wenn man als den alleinigen Ausgangs­
punkt für alle diese Veränderungen den relativ primitiven Wunsch der Krone
in Rechnung stellen würde, nach Abschluß des Krieges ein Friedensheer von
108.000 Mann und die dafür jährlichen Mittel von rund 14 Millionen Gulden,
ohne die bisher immer wieder auftretenden Schwierigkeiten, aufstellen und erhal­
ten zu können.
Zweifellos haben die unangenehmen. Erfahrungen auf der einen und das
erfolgreiche preußische Beispiel auf der anderen Seite stimulierend gewirkt. Als
Voraussetzung dafür ist aber eine, schon seit längerer Zeit latent vorhandene
Geneigtheit der Krone anzusehen, der die Ausübung der absoluten Herrscher­
macht — entsprechend den Thesen einer neuen, aufgeklärten Staatswissenschaft
und der sich daraus ergebenden methodischen Kritik an den bestehenden Ein­
richtungen des Staates — nun nicht mehr allein als ein legitimes Recht, son­
dern auch als eine Verpflichtung gegenüber der Gesamtheit der Untertanen er­
schien. Und gerade das Vorhandensein dieser Gemeinschaft trat am Beginn der
Regierung Maria Theresias, in den ersten harten Kriegsjahren, in einer bisher
ganz ungewohnten Stärke hervor.

!“) Vgl. hierzu A. Werde, a. a. O., Bd. 1, S. 97 ff, A. Kienast, a. a. O, S. 459 ff,
ferner: A. Gürtler, Die Volkszählungen Maria Theresias und Josef II. 1753—1790,
Innsbruck 1909; H. Pirchegger, Die Pfarren als Grundlage der politisch-militä­
rischen Einteilung der Steiermark, in: Archiv f. österr. Geschichte, Bd. 102 (1913),
S. 1—81; M. Straka, Die Seelenzählung des Jahres 1754 in der Steiermark, in:
Zeitschrift des historischen Vereins für Steiermark 51. Jg. (1960), S. 95—117.
Vgl. hierzu A. Kjenast, a. a. O, S. 301 ff, ferner: E. Kotasek, Feldmarschall
Graf Lacy, vor allem ab S. 67 ff. Siehe auch I. Bejdtel, Geschichte der öster­
reichischen Staatsverwaltung 1740—1848, Bd. 1, Innsbruck 1896, S. 24 ff.
:1) H. Kretschmayr, a. a. O, S. 97.
14 Johann Christoph Allmayer-Beck

Seit langer Zeit waren die habsburgischen Kernlände wiederum unmittel­


bar bedroht worden, war nicht nur in den fernen Niederlanden, am Rhein
und in Italien, sondern auch um Linz und um Prag gekämpft worden. Beinahe
nur durch ein Wunder waren feindliche Truppen nicht bis Wien vorgedrungen.
Und zum ersten Mal seit dreihundert Jahren wurde dieser Kampf nicht im
Zeichen des Heiligen Römischen Reiches, sondern ausschließlich im Hinblick
auf jene Länder ausgefochten, die vor gar nicht so langer Zeit durch die Prag-'
malische Sanktion als „indivisibiliter ac inseparabiliter“ erklärt worden waren.
Nach einer kurzen Periode der Ratlosigkeit war daher auch in den verschie­
denen Erbländern eine bisher selten beobachtete Welle der Loyalität zu der
jungen Herrscherin emporgeschlagen. Einen etwas wildwüchsigen und durchaus
individuellen Ausdruck erhielt die Begeisterung durch die Bildung zahlreicher
„Freikorps". im Verlauf der Kriege. Auf sie wird noch in einem anderen Zusam­
menhang zurückzukommen sein. Aber auch die Stände der Erbländer selbst
waren von dieser Stimmung mitgerissen. Das „Vitam nostram et sanguinem
consecramus“, das die ungarischen Landstände ihrer Königin am 11. September
1741 in Preßburg zugerufen haben, hat auch in anderen Kronländern einen,
wenn auch weniger enthusiastischen, aber manchmal vielleicht sogar effektvolle­
ren Nachhall gefunden 22). Daraus erwuchs aber auf der anderen Seite ein neues
Selbstgefühl, ein neues Staatsbewußtsein oder besser gesagt ein neues Staatsgefühl,
das sich nunmehr für durchaus fähig hielt, Aufgaben zu übernehmen, deren
Lösung durch die Zentralgewalt bisher als unmöglich .angesehen wurde, wie
eben die Unterhaltung eines starken Heeres.
Nach außen hin kam dies darin zum Ausdruck, daß ein Jahr nach der
Wahl Karls VII. zum deutschen Kaiser für die nun nicht mehr kaiserliche
Armee neue Fahnen und Feldbinden vorgeschrieben wurden 23j. Das war gewiß
kein Loyalitätsakt gegenüber dem neuen Kaiser, gegen den man ja weiterhin
im Felde stand, sondern ein bewußter und entschlossener Schritt in Richtung
auf ein eigentlich österreichisches, oder, genauer gesagt, habsburgisches Heer.
Dal man zwei Jahre später, nach der Kaiserwahl Franz I., wieder zu dem
ursprünglichen Modus zurückkehrte, ändert nichts an der Bedeutung dieses Vor­
ganges. Die Armee hieß von nun an „kaiserlich-königlich“, womit durch den
zweiten Teil dieses Titels ihre Eigenständigkeit auch weiterhin betont wurde.
Was sich solcherart nach außen hin dokumentierte, das mußte konsequen­
terweise seine Ergänzung nach innen hin in einer gewissen Abgrenzung finden,
durch die die Armee in einem stärkeren Maße als bisher zu einem Macht­
instrument der absolutistischen Staatsgewalt wurde. Dafür genügte es nun nicht

’’j Vgl. A. R. v. Arneth, Maria Theresia, Bd. 1, Wien 1863, S. 253 ff. sowie österreichi­
scher Erbfolge-Krieg, Bd. 3, S. 21 ff.; ferner K. Alexich, Die freiwilligen Auf­
gebote aus den Ländern der ungarischen Krone im ersten Schlesischen Krieg. In:
Mitteilungen des k. u. k. Kriegsarchivs, N. F., Bd. 4, Wien 1889, .S 113—193, Bd. 5,
Wien 1891, S. 101—207; J. Zimmermann, a. a. O., S. 100 ff.
-3) Kriegsarchiv Wien (KA), Feldakten (FA), Bayern-Oberrhein 1743-X-38 1/2. Vgl.
auch A. Wrede, a. a. O., Bd. 1, S. 43 f.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 15

mehr, daß diese die volle Verfügung über die Truppen besaß, -wie dies schon
der Fall war, sondern sie müßte imstande sein, auch aus eigenem für das auf­
zukommen, was dieselben benötigten, d. h. also in erster Linie für die Verpfle­
gung, Unterbringung, Bekleidung und Ausrüstung. Die Landstände der deutschen
und böhmischen Erbländer durch Verhandlungen und wenn nötig durch Oktroy-
ierung zu veranlassen, die dafür notwendigen Mittel, freilich „um ein Merkliches“
höher als bisher, im Wege langfristiger, zehnjähriger Rezesse der Krone zur
Verfügung zu stellen, war auch das Ziel jener Finanzreformen, wie sie seit
1747 dann ins Werk gesetzt wurden 24).
Damit allein wäre freilich, auf die Dauer gesehen, wenig erreicht worden,
denn bei der Struktur des Ständestaates des 17. und 18. Jahrhunderts bestand
ja nur zu sehr die Gefahr, daß — mangels eines geeigneten Verwaltungsappara­
tes — ein großer Teil dieser Steuermittel auf dem Weg zur Zentralstelle in
vielerlei Löcher versickerte. Dies durch die Einrichtung entsprechender mitt­
lerer Verwaltungsstellen zu verhindern war das Ziel einer mit der Finanz­
reform zwangsläufig verbundenen Behördenreorganisation, deren Auswirkungen
sich dann freilich auch auf die entferntesten Bereiche auswirkte “).
Auch auf militärischem Gebiet zogen die einmal vorgenommenen Verän­
derungen weitere Reformen nach sich. Wenn man Wert darauf legte, daß größere
Mittel als bisher und diese ungeschmälert dem Heerwesen zuflossen, dann war
es absolut notwendig, Vorsorgen zu treffen, daß dieser Gewinn nicht innerhalb
der Armee durch jenes „Kriegsunternehmertum“, von dem schon die Rede war,
wiederum verloren ging.
Wie unkontrollierbar das bisherige System war, kam drastisch zum Aus­
druck, wenn etwa die Hofkammer 1744 entschieden gegen eine auch nur teil­
weise Refundierung ausstehender Soldforderungen mit der Begründung pro­
testierte, daß „notorie die Regimenter sowohl in ihren Quartieren, als auch in
andere Wege mehr gemessen, als ihnen gebührt“ 2S). Die Kammer meint, daß es
im Hinblick auf diesen Übergenuß durchaus genügen würde, nur die Hälfte der
ausstehenden Forderungen anzuweisen, um die Fordernden dadurch in den Genuß
der ihnen wirklich zustehenden Gebühren zu setzen.
Die Veränderung der Lage ist klar: Die bisher kaum gekannte Größe der
Bedrohung, der Umfang der Kriegsanstrengungen, verbunden mit dem neu er­
starkten Staatsgefühl machten derartige Verluste, wie sie durch das bisherige
Kriegsunternehmer- bzw. Inhaber-System auftraten, für die Krone untragbar.
Was noch vor rund 120 Jahren, zur Zeit eines Wallenstein, als das Ei des
Columbus gegolten haben mochte, die Finanzierung des Heeres durch das Heer
bzw. durch die Befehlshaber selbst durchführen zu lassen, das erwies sich nun
geradezu als-:schädlichi Das Kriegsunternehmertum, im großen wie im kleinen —

2’) Vgl. E. Guglia, Maria Theresia, Bd. 2, München-Berlin 1917, S. 2 ff.; siehe auch:
J. Zimmermann, a. a. O., S. 73 ff.
“) Vgl. hierzu die schon erwähnte, in dieser Hinsicht sehr instruktive Arbeit von
F. Walter über „Die Theresianische Staatsreform von 1749“.
-a) Vgl. österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 422, Atm. 1.
16 Johann Christoph Allmayer-Beck |

letzteres betraf vor allem die zahlreichen Freikorpsführer — mußte, so weit


es yng, beseitigt und das Heer auch in dieser Hinsicht der Zentralmacht unmit- ;
te&r untergeordnet, d. h. verstaatlicht werden.
Das konnte in erster Linie nur dadurch geschehen, daß man die Inhaber
durch verstärkte Einflußnahme unter Kontrolle brachte. Und dieses Anliegen
ist auch im Laufe der theresianischen Epoche ohne viel Aufhebens, aber den­
noch zäh und ausdauernd verfolgt worden. Immer stärker trat während des
'Österreichischen Erbfolgekrieges und nach dem Aachener Frieden neben den
Regfmentsinhaber der Regimentskommandant in den Vordergrund, der dann in
den Reglements von 1769 als die Hawpttriebfeder, wodurch die andern in I
Besregung gebracht werden bezeichnet wurde 27).* *Es* war daher nur konsequent, |
wem durch eine kaiserliche Resolution vom 15. August dieses Jahres die Regi- i
mester, die bisher nach den Namen ihrer Inhaber bezeichnet worden waren, |
nunmehr Nummern erhielten und damit auch rein äußerlich von der Person •
des Oberst-Inhabers losgelöst wurden 2S). Bereits vorher aber, nämlich 1767, war ■
das Recht der Inhaber, die Aufschlagfarben ihrer Regimenter zu bestimmen,
auf den Hofkriegsrat übergegangen und dieser hatte sich, wiederum ein Jahr
früher, das Recht zur Beförderung von Stabsoffizieren ausnahmslos Vorbehal­
ten23). Ein kleiner, aber sehr bezeichnender Eingriff war schon 1748 erfolgt, als
Maria Theresia eine Beschränkung in der Ausübung der Stockstrafe durch die
Inhaber anordnete ’a).
Die Inhaber-Rechte überhaupt zu kassieren lag freilich nicht im Stile dieser
Zeit. Eher war man geneigt, sie für die eigenen Zwecke auszunützen und die
Steilung dieser Institution damit zu schwächen. So wurde es z. B. unter Kaiser
Franz I. üblich, daß der Monarch sich selbst die Inhaberwürde über das eine
oder andere Regiment vorbehielt oder ein Regiment an einen Prinzen des kaiser­
lichen Hauses verlieh, was mit dem ursprünglichen Sinn dieser Einrichtung in
gar keinem Zusammenhang mehr stand, ja genau genommen ihr sogar wider­
sprach.
Versuchte man auf diese Weise das herkömmliche Kriegsunternehmertum
einzuschränken, dann mußte man selbstverständlich auch dafür Sorge tragen,
daß sich nicht ein neues bildete. Und gerade dafür gab es zahlreiche Ansatz­
punkte. Einmal in den schon erwähnten Freikorps und dann auch in den irregu­
lären Grenzaufgeboten, die damals zahlreich aus dem Boden schossen 31). In diesen
Kontingenten bot sich für kleine Adelige und Ausländer, nicht selten auch für
Abenteurer, oft die erwünschte Gelegenheit nicht nur militärischen Ruhm, son­
dern auch materiellen Besitz zu erwerben •52). Es ist bezeichnend, daß z. B. der

J. Zimmermann, a. a. O., S. 132.


Vgl. A. Wrede, a. a. O., Bd. 1, S. 41.
Ebenda, S. 63.
Vgl. ebenda.
Vgl. österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 395 ff. und 412 f. — A. Wrede,
a. a. O., Bd. 2, S. 424 ff., Bd. 5, S. 212 f. — O. Teurer und R. Otteneeld, a. a. O.,
S. 591 ff.
Vgl. F. Redlich, a. a. O., Bd. 2, S. 137 f.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 17

junge Laudon in das Pandurenkorps des etwas zwielichtigen Freiherrn von der
i Trenck eintrat, da sich ihm sonst keine Anstellungsmöglichkeit darbot.
Diese Entwicklung lag aber nicht im Sinne- der erstrebten „Verstaatlichung“
des Heeres. Und so wurde denn etwa ab 1746 begonnen, die irregulären Grenz­
aufgebote in reguläre Grenz-Infanterie-Regimenter umzuformieren, Regimenter,
bei denen es aber bezeichnenderweise keine Inhaber mehr gab, was wiederum
i auf die künftige Struktur des Grenzeroffizierskorps Einfluß ausübte. Auch die
i Freikorps und sonstigen Sonderformationen wurden etwa zu demselben Zeit-
I punkt entweder aufgelöst oder — wie z. B. das Trencksche Pandurenkorps —
in reguläre Truppenteile umgewandelt. Das alles ging Hand in Hand mit weit­
reichenden Reformen im Bereich der Militärgrenze selbst, die zwar schon kurz
vor dem Tode Karis VI. durch den Prinzen Josef Friedrich von Sachsen-Hild­
burghausen eingeleitet, seit 1743 aber umso intensiver fortgesetzt worden waren.
Der innerösterreichische Hofkriegsrat wurde aufgelassen und an seine Stelle
trat zur einheitlichen Leitung der Grenzangelegenheiten ein „Militär-Grenz-Direk-
torium“ mit dem Prinzen an der Spitze. Nach sechs Jahren war die Reorganisa­
tion der Militärgrenze im wesentlichen beendet, deren Einzelheiten — so bedeu­
tungsvoll sie .auch gewesen sein mögen — in diesem Rahmen übergangen wer­
den können =3).
Wichtig ist lediglich die Feststellung, daß hier, wie auf zahlreichen anderen
Gebieten das Bestreben fühlbar und sichtbar wird, die Norm, und zwar die
staatlich festgesetzte Norm zum Prinzip zu erheben und ihr Geltung zu ver­
schaffen.
Dies tritt dem Betrachter des mariatheresianischen Heerwesens bei den
Details des täglichen Dienstes, in Fragen der Adjustierung genauso entgegen
wie beim Gefechtsdrill und in den nunmehr erneut vorgeschriebenen einheit-
i liehen Dienstreglements. Symbolisch wirkt die für die Offiziere wie für die
Mannschaft bis ins Kleinste festgelegteKHaartracEtflwomit die individuelle Note
j des einzelnen Soldaten auf ein Minimum reduziert erscheint. Mäh nahm es
dabei ruhig in Kauf, daß durch solche Maßnahmen auch geborenen Krieger­
naturen, wie etwa den Grenzern, Ihre, in der Gewöhnung an_ unaufhörliche,
grausam geführte Grenzkämpfe mit den Türken begründete natürliche Wildheit
durch das Reglement ausgctricbcn wurde 34). Im Gegenteil, dies war womöglich
■ noch erwünscht, lag es doch durchaus im Zuge der Zeit, die Kriegführung, so
' weit es ging, zu humanisieren, dem Schrecken des Krieges so enge Grenzen
zu ziehen, als es nur irgend möglich war und selbst in diesem turbulenten

Zur Geschichte der Reformen in der Militärgrenze unter Maria Theresia siche vor
, allem F. Vanicek, Spezialgeschichte der Militärgrenze, 4 Bde., Wien 1375. —
J. H. Schwicker, Geschichte der österreichischen Militärgrenze, Wien-Teschen 1883.
Í —■ A. Wkede, a. a. O-, Bd. 5, S. 197 ff. Das übrige ältere Schrifttum ist verzeich-
j net bei: R. v. Schumacher, Das Schrifttum über die österreichische Militargrenze,
I —a? in: Deutsches Archiv für Landes- u. Volksforschung, hg. v. E. Meynen, Leipzig
; 6. Jg. (1942), S. 207 ff. Siehe ferner J. Zimmermann, a. a. O., S. 39 u. 150 f.
I M) Vgl. Österreichischer Erbfolge-Krieg, Bd. 1, S. 501, Anm. 1.
I Schriften d. Hecresgesch. Museums 3 2
18 Johann Christoph Allmayer-Beck Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 19

Bereich, alles nach den ruhigen Grundsätzen der Staatsvernunft einzurichten3ä). so blieb nichts übrig, als diese zu ihm hinaufzuheben. Das heißt mit anderen
Audi in dieser Richtung sollte also das Heerwesen verstaatlicht, d. h. den Belan­ Worten, das soziale Niveau des Offizierskorps mußte verbessert werden. Darüber
gen der Staatsgewalt untergeordnet werden. waren sich schon jene Kommissionsmitglieder im klaren, die in den Jahren
Mit der Einschränkung der Inhaberrechte und der fortschreitenden Nor- 1748/49 unter dem Vorsitz Carls von Lothringen im Auftrag der Kaiserin über
mierung des Kriegswesens war das alte „Kriegsuntemehmertum“ zwar in gewisse ein neues Militär-System berieten 3a).
Grenzen verwiesen worden, der entscheidende Schritt blieb aber noch zu tun. Das einfachste wäre es natürlich gewesen, von Haus aus sozial höher gestellte
Es galt vor allem einerseits den nach Aufstieg und Hebung ihres sozialen Ranges Persönlichkeiten für den Offiziersberuf zu gewinnen, mit anderen Worten
^begierigen Offizieren andere Wege dazu zu öffnen, als den über den materiellen „mehrere von Adel und Bemittelte in das Militare zu bringen“. Aber das wurde
Erfolg, und anderseits sie in einem stärkeren Maße an das Herrscherhaus zu sogleich als aussichtslos angesehen, „wann nicht dieser Stand nach aller möglichkeit
attackieren, als dies auf Grund der bisherigen Gegebenheiten der Fall war. zur Emulation gebracht wird, umb so mehreres, daß das aerarium ohnmöglich
Gehörte es doch zu den Merkmalen des Offiziers im barocken Zeitalter, daß er, sich erschwingen kan, die zahlreiche Kriegs-Macht so Ihro Majestät unentbehrlich
einem übernationalen Berufsstand angehörend, kein Vaterland im heutigen natio­ zu erhalten gezwungen seynd, mit höherem Gehalt zu versehen“ 3B).
nalen Sinne kannte, sondern eben nur als dessen Repräsentanten den Kaiser Die Schlußfolgerung, die aus dieser Erkenntnis gezogen wurde, war daher:
oder König, diesen aber wiederum nur durch das Medium des Inhabers 36). „Also daß das Interesse unvermögend ist, dieselben zu dieser Absicht zu leythen;
In diesem Zusammenhang war es nun sehr bedeutsam, daß durch- die vor­ dahero dieses mit nichts anders zu erreichen, als durch besondere Privilegien,
hin erwähnte Übernahme der Inhaberwürde bei dem einen oder anderen Regi­ Ehrenzeichen und dergleichen zu versehen.“40) Damit war der einzuschlagende
ment durch den Kaiser oder einen Erzherzog, der Souverän oder ein Ver- Weg vorgezeichnet. Er zielte auf nichts anderes, als das Offizierskorps) in seiner
sreter des Erzhauses damit, wenn auch nur andeutungsweise, mit den unteren Gesamtheit, unabhängig von dem gesellschaftlichen Rang, den der einzelne ein­
Offizierschargen da und dort doch in Berührung trat.
nehmen mochte, eine entsprechende Stellung einzuräumen und es damit der
Welch starke Kräfte aus einem möglichst engen Kontakt zwischen der Krone in einem besonderen Maße zu verpflichten. Und konsequent wurde die
Krone und dem Offizierskorps für die Schlagkraft des gesamten Heeres erwuch­
Bahn beschritten.
sen, das hatte man ja während der zurückliegenden Kriege gegen das friderizia-
Bereits im Februar 1751‘ordnete ein kaiserliches Reskript an: „Um dem
mische Preußen an dessen Beispiel unschwer ablesen können. Dort, in Preußen,
Militari neue Kennzeichen Unserer für selbes habenden besonderen Neigung
herrschte ein im absolutistischen Staat durchaus neuartiges Verhältnis zwischen
und Gnade zu geben, haben Wir gnädigst bewilligt, daß die Offiziere, welche
dem König und seinen Offizieren. Einerseits war es dank eines Adelsprinzips,
in Unseren Kriegsdiensten stehen, in ihrer uniformen Soldatenkleidimg an Unse-
das um vieles schärfer als im österreichischen Heere gehandhabt wurde, zu einer
rem'Hofe erscheinen mögen, um ihre gute intenta zu erlangen.“ 41) Damit wurden"-
fast völligen Gleichsetzung zwischen Adel und Offizier gekommen, anderseits
die Offiziere als Berufsstand in corpore als hoffähig erklärt. Und der Hervor­
aber konnte der preußische Offizier auch das Bewußtsein hegen, daß sein König
hebung dieses Standes galt auch die Schaffung des ersten Berufsordens der öster­
sich mit dem Offizierskorps auf der Grundlage der gleichen Lebensform ...als
reichischen Erbländer, des Militär-Maria Theresien-Ordens, der — nunmehr schon
Adeliger verbunden fühlte. Schon rein äußerlich kam dies zum Ausdruck, wenn
ganz im Zeichen der Aufklärung — an alle „Ober-Officiers- ... von dem
der König — da es ursprünglich keine Rangabzeichen gab — wie der jüngste
höchsten bis zum niedrigsten .. . ohne auf ihre Religion und andere Umstände
Fähnrich seines Regiments gekleidet war. Er war daher nicht nur Souverän,
im mindesten zurückzusehen-, verliehen werden sollte42). Für die nichtadeligen
sondern zugleich auch Führer im Kampf, der mit seinen Soldaten als Kampf­
Kandidaten war mit seiner Verleihung außerdem die Erhebung in den Ritter­
genosse in einer Schicksalsgcmeinschaft stand, der mit ihnen im Lager lebte,
stand verbunden. Und Erhebung in den Ritterstand sah auch ein Hofkriegsrats-
für den sie sich opferten, genau so wie er sich mit ihnen zusammen den Gefahren
der Schlacht aussetzte 37).
Auf diesem Gebiet mit dem Preußenkönig zu wetteifern, war für eine Frau “) Vgl. E. Guclia, a. a. O., Bd. 2, S. 19 f.
wie Maria Theresia naturgemäß nicht möglich, wenngleich sie auf Gedenkmünzen sa) KA, Mémoires, A.bt. 9, Nr. 29 (gleichlautend auch Nr. 30 d).
i0) Ebenda.
als „mater castroruni“ gefeiert wurde. Es mußte daher der umgekehrte Weg
E. Guglia, a. a. O., Bd. 2, S. 22.
Beschritten werden. Konnte der Souverän nicht zu seinen Soldaten herabsteigen, “) Vgl. Statuten des Ordens, § 4, in: J. Hirtenfeld, Der Militär-Maria-Theresien-
Orden und seine Mitglieder, Wien 1857, S. 6. — Siehe auch: E. Auer, Der Maria
Vgl. G. Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 1, München 1954, S. 56 f. Theresien-Orden. Von der Ordensgemeinschaft zum Verdienstorden. In: Numisma­
“) Vgl. hierzu die Ausführungen des Verfassers im: Spectrum Austriae, hg. v. O. Schul- tische Zeitschrift Bd. 74 (1951), S. 105 ff., ferner die Arbeit des Verfassers, Kanzlei
stEisTüR, Wien 1957, S. 257. und Archiv des Militär-Maria Theresien-Ordens. In: Mitteilungen des Österreichischen
Vgl. R. Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild, Darmstadt 1944, S. 29. Staatsarchivs Bd. 10, 1957, S. 243 ff.
20 Johann Christoph Allmayer-Beck

reskript vom 12. Jänner 1757 für alle jene Offiziere vor, die eine dreißig­
jährige „wohlverhaltene“ Dienstzeit nachweisen konnten 43)..
Die Eingliederung der Offiziere in die Adelswelt des 18. Jahrhunderts
schien auch noch eine weitere kaiserliche Verfügung aus dem Jahre 1767-zu
bestätigen, wonach allen zur Dienstleistung angestellten Generalen, Stabs- und
Oberoffizieren „die große und kleine Jagdbarkeit auf denen in den teutsch-
und hungardchen Erblanden befindlichen Cameral-Gütern und sonsten Ihrer
Majestät eigends zugehörigen Herrschaften“ gestattet wurde 44).
Mit der Schaffung dieser sozialen Prärogativen verlor die materielle Seite
dieses Problems freilich doch nicht ganz ihre Bedeutung. Schon die bereits
erwähnte Reformkommission unter dem Vorsitz des Prinzen Carl von Lothringen
war sich klar darüber gewesen, daß vor allem für die verabschiedeten Soldaten
etwas unternommen werden mußte, „damit durch die elende Herumziehung
derer die Junge leuth nicht davon abgeschreckt werden“ in die Armee einzu­
treten 45J. So machte die Witwe Kaiser Karls VI., Elisabeth Christina, schon 1749
eine Stiftung für bedürftige Generale, welche dem Hause Österreich brav und
treu gedient hatten, und Maria Theresia erneuerte und erweiterte dieselbe 1771,
die nun den Namen „Elisabeth-Theresien-Stiftung“ führte46). Auch der weitere
Ausbau der Invalidenhäuser in dieser Epoche fällt unter diese Bestrebungen.
Dies waren alles in allem nun freilich fast'revolutionäijzu nennende Maß­
nahmen. Ihr Ziel, den Offiziersstand zu heben,'"wurde zweifellos bis zu einem
gewissen Grad erreicht. Den jungen mariathereslamschen Militäradel aber in
den Adel aufgehen zu lassen, gelang nicht. Denn dem neu geschaffenen Schwert­
adel mangelte ein, dem alten Adel wesentliches Kriterium, nämlich ein mit dem
Adelsprädikat ursächlich verbunden eiOBesitzstan^ Gerade weil man diesen nicht
geben konnte, hatte man ja zu den vorhin erwähnten Auskunftsmitteln gegriffen.
Zwar war beim Maria TheresieniOrden mit der Dekoration auch noch die Aus­
zahlung einer Ordenspension verbunden. Aber die Adelserhebungen als Beloh­
nung für eine einwandfrei abgeleistete Dienstzeit waren mit keinerlei Benefizien
ausgestattet und es hing daher ausschließlich von den privaten Verhältnissen
der Neugeadelten ab, ob sie ihr neues Prädikat lediglich als eine vererbbare
Auszeichnung trugen oder ob sie auch in der Lage waren, die sozialen Funk­
tionen ihres neuen Standes wahrzunchmen. Sehr häufig war dies nicht der Fall
und damit wuchs im kaiserlichen Offizierskorps ein neuer Adelstyp heran, der
in Ermangelung materieller Mittel sich meistens außer Stande sah, organischen
Anschluß an den alten Feudaladel zu gewinnen. Das hat auf die gesellschaft-
liche Stellung des österreichischen Offiziers bis 1918 nicht geringe Auswirkun­
gen gehabt.

“) KA HKR 1757—113—Jänner 241/1, und Mémoires Abt. 24, Nr. 162.


44) KA Mémoires Abt. 24, Nr. 164.
KA Mémoires, Abt. 9, Nr. 30 d.
Siehe: E. Auer, Die Mitglieder der Elisabeth-Theresien-Stiftung, in: Adler, 4., Bd. 18,
Wien 1956/58, S. 4 ff.
■Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 21

Die Vermischung mit dem alten Adel stieß auch noch an einer -anderen.
Stelle auf Schwierigkeiten. 'v.
Schon in den Kriegen Karls VI. hatte sich eine zunehmende Technisierung
der Kriegführung geltend gemacht. Eindrucksvoll in dieser Hinsicht ist die wäh­
rend des Siebenjährigen Krieges sprungartig ansteigende Stärke der kaiserlichen
Artillerie, zu deren Reform Fürst Josef Wenzel Liechtenstein so entscheidend
beigetragen hatte4*). In dem ersten Kriegsjahr 1756 waren 202 Geschütze in
der Ausrüstung der Feldarmee. 1757 betrug ihre Zahl bereits 362, um 1760
mit 548 einen Höhepunkt zu erreichen. Und.im Friedensjahr 1768 war der Kriegs­
stand der Feldartillerie mit 648 Geschützen festgelegt4S).
Auch sonst gab es Anzeichen dafür, daß die Anforderungen an den Offizier
in zunehmendem Maße über das hinauszuwachsen begannen, was man bisher
von wackeren und wohlconditionierten Kavalieren, die sich dem Kriegshand­
werk verschrieben hatten, erwarten konnte. Das Ingenieur-, Pionier-, Pontonier-
und Kriegsbrückenwesen 49) gewann zusehends an Bedeutung. Mit vollem Recht
spricht Eugen Frauenholz von einer aufkommenden Taktik der verbundenen
Waffen50) und bald nach Beginn des Siebenjährigen Krieges erhielt denn auch
auf Vorschlag des Feldmarschalls Daun jene Institution ihre erste organisato­
rische Grundlage, der rund ein Jahrhundert später die Führung des Heeres
überhaupt anheimfallen sollte, nämlich der Generalstab 31).
Ein neues Kriegsbild war offensichtlich im Entstehen begriffen. Um dasselbe
zu meistern genügte nicht mehr die bloße Erfahrung. Vielmehr meinte Daun,
„eine vorhergängige Theorie ist erforderlich, wenn man sich za wichtigen Kriegs-
Verrichtungen fähig finden soll. Ein Befehlshaber muß sich nicht alleine bey
denen Waffen, sondern auch bey Büchern, Landcharten und Rissen finden lassen,
er muß die allgemeine Gründe deren Militärwissenschaften mit scharfen Gesicht
einsehen“52). Was aber für die oberste Führung galt, das mußte bei Zeiten beim
jungen Nachwuchs in Rechnung gestellt werden. Die Ausbildung der jungen
Offiziere wurde freilich nicht von heute auf morgen diesen neuen Erforder-

*7) Zur Artilleriereform des Fürsten Liechtenstein vgl.: A. Dolleczek, Geschichte der
österreichischen Artillerie von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart, Wien 1887,
S. 289 ff. — Siehe auch: H. Meynert, a. a. O., S. 56 ff.; A. Semek, in: A. Wrede,
Geschichte der k. u. k. Wehrmacht, Bd. 4, Wien 1905, S. 56 ff.; O. Teuber und
R. Ottenfeld, a. a. O., S. 155 ff.; Ehrenbuch unserer Artillerie, bearb. v.
H. Kekchnawe, Wien 1935, S. 60 ff.; R. K. Riedmatten, Das k. k. Feld-Artilleric-
Corps 1757, in: Die Zinnfigur, Uniformheft 3, o. J. [1961]. — Vgl. auch C. v.
Decker, Die Schlachten und Hauptgefechte des siebenjährigen Krieges, mit beson­
derer Bezugnahme auf den Gebrauch der Artillerie, Berlin-Posen-Bromberg 1837.
Vgl. Beiträge zur Geschichte des österreichischen Heerwesens, 1. Heft: Der Zeit­
raum von 1757—1814, Wien 1872, S. 24 f.
“) E. Kotasek, Feldmarschall Graf Lacy, S. 26 f. — Vgl. auch O. Teuber und
R. Ottenfeld, a. a. O., S. 166 ff.
50) E. Frauenholz, Entwicklungsgeschichte des deutschen Heerwesens, Bd. 4, Müncnen
1940, S. 55.
51) Vgl. E. Kotasek, a. a. O., S. 24 ff.
F. Walter, Männer um Maria Theresia, S. 106.
22 Johann Christoph Allmayer-Beck

nissen angepaßt, sondern nur allmählich und ohne zunächst allzusehr nach
auSen hin in Erscheinung zu treten. Einige Hinweise für den sich anbahnenden
Wandel gibt es aber doch.
„Mach er tüchtige Offiziere und rechtschaffene Männer daraus”, soll einer
fresEch nicht belegten Tradition nach Maria Theresia dem ersten Direktor der
1752 gegründeten Wiener Neustädter Militärakademie als Ausbildungsrichtlinie
gegeben haben. Wenn dieser Ausspruch wirklich gefallen ist, dann läßt er tief
blicken. „Tüchtige Offiziere", wünschte die große Kaiserin, das heißt doch
Offiziere, die~mcht mehr dem alten, bisherigen, aristokratischen Funktionsgedan-
Eea. sondern einem neuen, aufklärerischen Leistungsprinzip entsprachen, und
„rechtschaffene Männer“. Man muß das wohl beachten: Die Herrscherin des
österreichischen. Rokoko, die Regentin eines gerne als „galant“ bezeichneten
Zeitalters, sie verlangt vom Leiter der neugegründeten Offiziersschule nicht etwa,
daS er „Herrn“ oder „Kavaliere“ heranbildet, sondern sie will nicht mehr als
schEcht und einfach Männer, rechtschaffene Männer. Hier ist der Atem einer
nenen Zeit tatsächlich deutlich spürbar.
Das ersieht man auch aus der Praxis. Denn obzwar die Erziehungsprin-
zipiien der Wiener Neustädter Akademie, und schon gar erst die der bereits
1717 errichteten Ingenieurakademie, unverkennbar auf den Grundsätzen der
alten, ~ adeligen „Kavalierserziehung“ beruhten, ja die Gesamtheit der in der
Nesstädter Burg untergebrachten Zöglinge zunächst als „adeliges Cadeten-Corps“
bezeichnet wurde, so wurden diese Schulen dennoch nicht von den Söhnen
des hohen Adels besucht. „Unglaublich ist es, daß niemand von dieser Gnade
profitieren mag”, schrieb die Kaiserin betroffen im Jahre 1755 53). Und dem-
enssprechencT -wählte man schon die ersten Zöglinge der Neustädter Akademie
unter den Söhnen verarmter Adeliger aus, die keine Mittel zu einer eigenen
Erziehung besaßen oder die in Zivil- und Kameralstellen durch zwanzig Jahre
tress und gut gedient hatten. Auch die Kinder von Offizieren, welche sich durch
tap&ren Kriegsdienst um das Kaiserhaus verdient gemacht hatten, wurden auf-
geaommen S4). Daran hat sich auch späterhin nicht viel geändert55).
Der Adel hielt auch weiterhin den sozialen Befähigungsnachweis für maß­
geblich und wich dem neu etablierten Leistungsprinzip, wie es unter anderem
auch in diesen Schulen zur Anwendung kam, über die Beförderungsmöglich-
kesen des Inhabersystems aus. Damit bahnte sich eine Entwicklung an, die

“) ic. Guglia, a. a. O., Bd. 2, S. 22 f.


H) Th. Jg. Leitner v. Leitnbrtkeu, Ausführliche Geschichte der Wiener-Neustädter
Militär-Akademie, Hermannstadt 1852, S. 57. Die Zöglingslisten siehe: J. Svoboda,
Die Theresianische Militär-Akademie zu Wiener Neustadt und ihre Zöglinge von
der Gründung der Anstalt bis auf unsere Tage, Wien 1894/97. — Vgl. auch:
J- Jobst, Die Neustädter Burg und die k. u. k. Theresianische Militärakademie.
Wien-Leipzig o. J. [1908].
“) Vgl. N. v. Preradovich, Die Führungsschichten in Österreich und Preußen, Wies­
baden 1955, S. 45.
Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias 23

dann gegen Ende des Jahrhunderts bereits deutliche Anzeichen dafür hervor­
brachte, daß Adel und Offizierskorps sich allmählich auseinander zu entwickeln '
begannen.
Und noch in einer anderen Hinsicht wurden zu dieser Zeit in ehtscheidungs-
voller Weise die Weichen gestellt. Die Förderung und Hervorhebung, die die
Offiziere etwa seit Abschluß des österreichischen Erbfolgekrieges erfahren hatten,
hatte nicht nur -— wie zu erwarten — deren Selbstbewußtsein gehoben, sondern
auch dazu geführt, daß nun ein anderer Stand zu diesen „Emporkömmlingen“
mit etwas gemischten Gefühlen aufzublicken begann: die Beamten. Sogar in
der hier schon zitierten „Geschichte der österreichischen Staatsverwaltung“ des
Dr. Ignaz Beidtel kommt das Ressentiment des alten k. k. Appellationsgerichts­
rates gegen die sozialen Veränderungen noch deutlich zum Ausdruck. Resi­
gniert stellt es fest: „Auch dort wo es sich um ökonomische Vortheile und die Mit­
tel zur Behauptung eines äußeren Glanzes handelte, waren die Officiere besser
gestellt als die Civilbeamten. Der Offizier hatte seinen Privatdiener, der Stabs-
officier und der General sogar~mehrere, welcße~vom Staate erhalten wurden.
Die Generale und Oberste erhielten Tafelgelder. Von allen diesen Vortheilen
hatte der Civilbeamte, wofern er nicht Gouverneur einer Provinz war, nichts.
... Dieses Mißverhältnis in der Behandlung der Staatsdiener, welche mit dem
Degen oder der Feder ihre Dienste leisten, verletzte, als es unter Maria Theresia
aufkam, unzählige Menschen. Sie meinten, ein Staat könne allenfalls ohne ein
stehendes Militär, aber niemals ohne Civilbeamte gedacht werden und die Armee
sei nichts als der bewaffnete Arm der Regierung.“6ä)
Von hier ab datiert- die andauernde Konkurrenz beider Stände, deren Wech­
selwirkungen zu betrachten allerdings über den Rahmen dieser Darstellung hin­
ausgeht.
In der zweiten großen Armeereform, die ab ?f765^einsetzte und vor allem
nun von Kaiser Joseph II. und Feldmarschall Lacy durchgeführt wurde 5,j, wurde
— im großen gesehen — nur die schon bisher verfolgte Linie weiter emgehal-
ten, bzw. dort, wo sie nicht erreicht worden war, neue Versuche auf Grund
der gewonnenen Erfahrungen dazu unternommen, nämlich nach innen hin die
Verstaatlichung des Heeres zu vollenden. Dies ist auch bis zu einem gewissen
Grad erreicht worden. In einem, freilich entscheidenden Punkte vermochten
die „Verstaatlichungs“- und damit die „Zentralisierungs“-Tendenzen aber nicht
durchzudringen, nämlich in bezug auf Ungarn. Hier etwa in ähnlicher Weise
wie in den deutschen Erbländern die Macht der Stände zu brechen und damit
das militärische Potential dieses Reichsteiles in das habsburgische Heerwesen
vollkommen .zu integrieren, ist der Krone nicht gelungen. Und gewisse äußere
Verschiedenheiten, so etwa in der Adjustierung, hielten die Erinnerung an diese
Tatsache auch dauernd wach. Als hundert Jahre später die Krone mit der
ungarischen Nation -den Ausgleich des Jahres 1867 verhandelte, da machte ein

I. Beidtel, a. a. O., Bd. 1, S. 62 f. ■


57) Vgl. hierzu vor allem E. Kotasek, a. a. O., S. 73 ff.
2-i Johann Christoph Allmayer-Beck

Kolnwy Tisza geltend, daß „nach der -pragmatischen Sanktion nicht ein gemein-
sarzzes Heer, sondern nur die gemeinsame Verteidigung notwendig“ sei 5S).
Nach außen hin aber stellte die kaiserlich-königliche Armee nach Abschluß
der Lacy’schen Reformen einen imponierenden Machtfaktor dar. 59 Infanterie-
17 Grenzinfanterieregimenter zählte sie im Jahre 1769. Dazu kamen noch
15 Kürassier-, 2 Carabinier-, 11 Dragoner-, 2 Chevauxlegers- und 15 Husaren-
resfmenter, sowie 3 Artilleriebrigaden und eine Anzahl von Sonderformationen
und. Korps ä3).
Aus den Erfahrungen der zurückliegenden Feldzüge und aus der Erkenntnis
der dabei aufgetretenen Mängel hatte^CZcy; dieses neue Heer geschaffen. Gewiß
■nidSar in der Absicht auf eine RevancneJ aber doch wohl in der naheliegenden
Erwartung, die blauen Uniformen der Preußen noch einmal vor den Mün-
dmrgen seiner Kanonen auftauchen zu sehen. Dies trat aber nur noch in einem
sehr beschränkten Umfang ein und darin liegt die Tragik dieses achtunggebie-
tesden Versuches. Denn weder Preußen noch Türken waren in Wirklichkeit
die zukünftigen Gegner dieses Heeres, sondern der Feind von Morgen waren
die; Ideen der Französischen Revolution und die von ihnen beflügelten Heere
Bonapartes. Und für deren Überwindung waren ganz andere Mittel notwendig,
U- sie der Staat des aufgeklärten Absolutismus bereitstellen konnte. Dem Außer-
gesröhnlichen, dem Abnormalen war die Norm nicht mehr gewachsen.
Was daher noch kurz vorher als modern und zeitgemäß erschien, das
wirkte nun sehr bald verzopft und überholt. Nichtsdestoweniger ist auf manch
bedeutendem Gebiet schon in dieser Zeit der Grund gelegt worden, aus dem
dazm in nicht so ferner Zukunft, am Beginn des 19. Jahrhunderts, eine neue
Bleite emporwachsen konnte: Die großen, bahnbrechenden Reformen des Erz­
herzogs Carl.

s*) i. Zolcer, Der staatsrechtliche Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn, Leipzig
1911, S. 111, Anm. 1.
“J Vgl. A. Wrede, a. a. O., Bd. 1, S. 16. An Sonderformationen wäre zu erwähnen:
das Ingenieur- und das Sappeur-Corps, das Tschaikistenbataillon und das Ponto-
aüerbaraillon. Beachtenswert ist die gegen früher starke Vermehrung der Husaren-
regimmter, von denen fünf allerdings der Grenzerkavallcrie angchörtcn.
DIE REGIMENTER DER KAISERIN
Gedanken zur „Albertina-Handschrift“ 1762 des Heeresgeschichtlichen
Museums Wien

von
HANS BLECKWENN (MÜNSTER/WESTFALEN)

Aus der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges gehen schließlich der Abso­
lutismus und das Berufssoldatentum als Sieger hervor. Der Fürst und sein stehen­
des Heer prägen das politische Bild des folgenden Jahrhunderts: der „miles
perpetuus“ ist das fürstliche Instrument der Innenpolitik gegen die Stände im
Kampf um den Zentralstaat, nach außen aber Beweis der Souveränität in den
stetigen Kriegen j'ener Zeit. Diese „Kabinettskriege“ stehen in den taktischen
Formen wie im Effekt dem höfischen Ballett verdächtig nahe; sie verändern
ja auch im alten Europa nur relativ -wenig, denn eigentlich sind doch nur zwei
allmähliche Machtverschiebungen ihr Ergebnis: die englische Vorherrschaft in
Europa und das Emporwachsen Preußens in Deutschland. Diese Voraussetzungen
des Ancien Regime sind in allen europäischen Ländern die gleichen und bedingen
ein auffallend einheitliches — man darf sagen internationales — Gepräge seiner
Heere in der Organisation, der Ausrüstung und nicht zuletzt im „Comment“.
Diese Verbundenheit eines Berufsstandes über alle nationalen Interessen hinweg
entstand schon in der Wüste des Dreißigjährigen Krieges — leider auf dem
Rücken einer gequälten Zivilbevölkerung — und verband sich vielleicht gerade
aus dem Gefühl der eigenen brutalen Roheit willig mit den noch immer wirk­
samen Überlieferungen des Rittertums vor allem in den Offizier-Corps aller
Heere. Die europäische Gemeinsamkeit des Soldatentums — noch bis weit ins
18. Jahrhundert hinein recht selbstverständlich — wird durch den unbedenk­
lichen Wechsel des Edelmanns von Potentat zu Potentat genauso belegt wie
durch die Fluktuation der Deserteure, zeitigt aber auf dem düsteren Hinter­
grund blutiger militärischer Pflichterfüllung doch auch j’ene zarte Blume der
Menschlichkeit, die uns auch heute noch mit manchem versöhnt: Fürsorge für
Verwundete und Kranke, rasches Auswechseln der Gefangenen, Neutralität der
Nichtkombattanten, Beschränkung der Feldzüge auf die Sommermonate und
geregelter Unterhalt aus Magazinen, dazu noch als gepflegter Ausdruck guten
Stils das sorgfältige Bemühen, jede Möglichkeit einer chevaleresken Geste zum
Gegner zu nutzen — all das wirkte sich nicht zuletzt auch auf das Los der
vom Kriege betroffenen Zivilbevölkerung aus.
SCHRIFTEN
DES
HEERESGESCHICHTLICHEN
MUSEUMS IN WIEN
(MILITÄRWISSENSCHAFTLICHES INSTITUT)

Herausgegeben von der Direktion

MARIA THERESIA
Beiträge zur Geschichte des Heerwesens ihrer Zeit

1967
HERMANN BUHLAUS NACHF. / GRAZ-WIEN - KULN
Gedruckt mit Unterstützung des Bundesministeriums für Landesverteidigunj

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Alle Rechte vorbehalten

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Copyright © 1967 by Hermann Böhlaus Nachf., Graz


Gedruckt in der Borgis-Linotype-Garamond bei F. Jasper, 1030 Wien
Klischees: R. Patzelt & Co., 1070 Wien
INHALT

Seite

Abbildungsnachweis.......................................................................................... 4

Vorwort............................................................................................................... 5

Wandlungen im Heerwesen zur Zeit Maria Theresias. Von Johann Christoph


Allmayer-Beck........................................................................

Die Regimenter der Kaiserin. Von Hans Bleckwenn (Mit 4 Farbtafeln


und 4 Schwarztafeln).............................................................................. 25

Einhörner und Schuwalowsche Haubitzen. Von Günter Dirrheimer


und Friedrich Fritz (Mit 4 Schwarztafeln)...................................... 54

Das Generalsreglement der Kaiserlich-königlichen österreichischen Armee


vom 1. September 1769. Von Kurt P e b a 11 (Mit 1 Schwarztafel) . . /81 /

Die Feldzeichen der Truppen Maria Theresias. Von Friedrich Hausmann


(Mit 3 Farbtafeln und 3 Schwarztafeln).............................................. 129

Eine Serie von Soldatenfiguren aus der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur in


Wien. Von Wilhelm M r a z e k (Mit 2 Schwarztafeln)...................... 175

Le Souvenir que les Belges ont conservé de l’impératrice Marie-Thérèse:


Prospérité dans la paix et gloire dans la guerre. Par Albert
Duchesne............................................................................................ 179

Bibliographie (österreichische Militärgeschichtsschreibung ab 1945) . . . 190