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DIEZEIT
WO C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I RTS C H A F T W I S S E N U N D KU LT U R
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2. SEPTEMBER 2021 N o 36

WAS MIT 9/11 BEGANN

Kann es je Überhaupt
nicht komisch
Der Comedian Bülent

Versöhnung
Ceylan über seinen
schmerzhaften Weg
unter Deutschen
Entdecken, S. 59

geben? Warum
tun die das?
Maxim Biller
über die neuen
Titelfotos: Balazs Gardi für DIE ZEIT; Daouda Corera für DIE ZEIT (l.)

Holocaust-Relativierer
Ein Folteropfer aus Guantánamo Feuilleton, S. 47

spricht mit seinem Peiniger.


Was haben die beiden sich
zu sagen? Ein Lehrstück über
Verdacht, Gewalt und Terror
DOSSIER

KOMMT ROT-GRÜN-ROT? AKTIEN


Blond, deutsch,
Stierkämpferin
Nein Dummes Geld Die erste
deutsche Torera:
Was treibt sie an?
Scholz sollte ein Bündnis mit der Linkspartei strikt ausschließen. Die Deutschen nehmen gerade gern die Gewinne an der Börse mit. Entdecken, S. 63
Und die CDU sollte sich davor fürchten  VON PETER DAUSEND Verantwortung dafür können sie kaum übernehmen  VON ROMAN PLETTER

J E
PROMINENT IGNORIERT
etzt geht es also wieder los. Seit Grün- tanz zur EU, Nähe zum Russland Putins), die viele Industrien abbilden. Es ist eine schlaue und preis-
in jeder kennt die Täter: Konzerne, die
dung der Bundesrepublik packen CDU Linke als ihren Markenkern verstehen und daher, aggressiv Steuern vermeiden. Unter- werte Art, dumm zu bleiben: ohne teuren Fonds-
und CSU in der heißen Wahlkampf- anders als von Scholz gefordert, nicht zur Disposi- nehmen, die Motoren manipulieren Manager, der Aktien einzeln auswählt.
phase die Kommunismuskeule aus. Unter tion stellen werden. Und zum anderen daran, dass und die Umwelt verschmutzen. Ban- Die Dummheit hat nur einen Preis. Sie kos-
den verbalen Schlägen der Union ver- in der neuen Bundestagsfraktion der Anteil der tet den Einfluss auf die Unternehmen. Die­
ken, die sich Steuern erstatten lassen,
wandelt sich die brave SPD dann jedes Mal in Berufsfundamentalisten aus dem Westen steigen Manager dieser sogenannten passiven Fonds ver-
die sie nicht entrichtet haben. Und es gibt in diesen
einen Hort verkappter Sozialisten (früher: vater- dürfte – auf das Abenteuer, mit Unberechenbaren Unternehmen oft Menschen, die schuldhaft­ kaufen Aktien nämlich nicht, wenn Volkswagen
landsloser Gesellen), die das Land nach links zu regieren, lässt sich ein ultrastoischer Vernunft- gehandelt haben: Vorstände, Manager, Berater. die Luft verpestet oder wenn es Zweifel an Wire-
rücken wollen. Dorthin also, wo ein übergriffiger mensch wie Scholz gar nicht erst ein. Aber sind sie allein verantwortlich? Oder, card gibt. Sie verkaufen sie nur, wenn diese­
Staat, wirtschaftlicher Abstieg, Steuererhöhun- Ein Linksbündnis, so erzählen selbst Linke, liebe Leserin und lieber Leser, sind Sie mitver- Unternehmen aus den jeweiligen Indizes fliegen.
gen, Sozialneid und noch linkere Koalitions-
partner drohen. Und heute, oh Schreck, sogar
bräuchte zudem eine satte Mehrheit im Bundes-
tag, um bei Abstimmungen die Abweichler auf-
antwortlich? Sind Sie jüngst an der Börse aktiv
und nun Aktionär geworden?
Sie kontrollieren diese Unternehmen nicht
einmal anständig. Man muss dazu nur zwei Zah-
Bestirnt
Saskia Esken und Kevin Kühnert. fangen zu können – die ist nicht in Sicht.­ Es begegnen einem zurzeit ja viele Menschen, len betrachten: 70 gegen 13.000. An 13.000 Die International Dark-Sky Asso-
In der Wahlkampf-Welt der Union war die SPD Genauso wenig wie eine gemeinsame Erzählung, die plötzlich Anlageexperten sind. Sie sind keine Unternehmen ist der weltgrößte Fonds-Anbieter ciation hat Pellworm und Spie-
die fünfte Kolonne Moskaus, Willy Brandts Ost- warum diese Koalition gerade jetzt zwingend Internet-Tycoons mit Endlosgeldern, ihr Exper- BlackRock mit dem Geld von Privatanlegern und keroog zu »Sterneninseln« er-
politik organisierter Landesverrat und der legen­däre nötig wäre. Es fehlen also Fundament, Überbau tentum leiten sie meist daraus ab, dass sie mit Pensionskassen beteiligt, an Banken, Automobil- nannt, weil es dort nachts so
Herbert Wehner ein Ex-Kommunist, bei dem das und Botschaft – mithin alles, was ein Links- Aktien und Fonds aus wenig Geld mehr Geld firmen, Pharmakonzernen. Lediglich 70 Black- dunkel ist, dass man die Milch-
Präfix nur der Tarnung diente. Im »Freiheit statt bündnis benötigt, um ein Linksbündnis zu sein. gemacht haben. Zwar war das in der jüngsten Rock-Kontrolleure überwachen das Treiben des straße sehen kann. »Zwei Dinge«,
Sozialismus«-Wahlkampf fand das Schreckgespenst Der Links-Alarmismus der Union changiert Zeit nicht allzu schwierig – die Börsenkurse­ Managements in Bezug auf die Beteiligungen. sagte Kant, »erfüllen das Gemüt
der Linksabweichung 1976 seinen markantesten da vom leicht Absurden ins vollends Abwegige, haben sich ja in Rekordhöhen bewegt –, aber Bei anderen Anbietern sieht es ähnlich aus. mit immer neuer Ehrfurcht: der
Slogan – und in der »Rote-Socken-Kampagne« wo behauptet wird, Scholz sei eine Art Tarn-­ natürlich sind solche Anlagen sinnvoller, als das Inzwischen beginnt dieses dumme Geld, die bestirnte Himmel über mir und
nach der Vereinigung jenen modernen Haudrauf- Kandidat, der mit seiner bürgerlichen Fassade die Geld zinslos aufs Sparbuch zu legen. Konzerne der Welt zu beherrschen: Durchschnitt- das moralische Gesetz in mir.«
Klassiker, zu dem die Union auch jetzt wieder greift. Wahl gewinnen soll, damit danach Esken und Als Eigentümer ihrer Unternehmen jedoch sind lich 20 Prozent der Anteile an den 500 größten Wenn es sogar in der Nordsee
So weit, so öd. Kühnert das Land ins linke Verderben führen viele Aktionäre weniger erfolgreich. Wirecard:­ börsengehandelten Unternehmen in den USA lie- leuchtet, wird alles gut. GRN .
können. Der Mann, der im Alleingang die SPD insolvent. Volkswagen: hat bei den Motoren­ gen heute in der Hand passiver Investoren, 2020
Der Mann, der die SPD gerettet hat, soll aus der Agonie der 15 Prozent befreit und­ betrogen. Große Banken: haben den Staat mit könnten es Prognosen zufolge gut 40 Prozent sein, Kleine Fotos (v. o.): Gaby Gerster; Pedro
Guimaraes für DIE ZEIT; Eibner Pressefoto/dpa
nach der Wahl entmachtet werden? Lustig anschließend an die Macht geführt hat, soll also Cum-Ex-Deals ausgenommen. Kurzum: Man kann in Deutschland sind es bereits 23 Prozent. An Sie-
nach seinem Triumph Platz machen für zwei nicht sagen, dass die neuen deutschen Anlage­ mens zum Beispiel hält allein BlackRock 6 Prozent.
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
Genau jenes Linksbündnis mit Grünen und Links- Langzeit-Verschollene, die sagen werden, wo es experten auch Verantwortungsexperten sind. Nun wäre es sicher nicht besser, wenn die­ 20079 Hamburg
partei, das die SPD angeblich stets anstrebt, hat sie langgeht? Daran glaubt doch nicht mal der CDU- Wer das nun unfair findet oder sagt: »Ich habe Aktionäre einzeln zu den Hauptversammlungen Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
bereits zweimal, 2005 und 2013, nicht geschlossen, Generalsekretär, der das verbreitet. Sollte die SPD doch nur ganz wenig investiert, ich bin ein kleinerder Unternehmen pilgerten. Wer dort jemals die DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
obwohl es rechnerisch möglich war. Doch das ist die Wahl gewinnen, bestimmt Scholz den Kurs. Fisch!«, möge abwarten. Schließlich geht es um das Kleinanleger-Reden durchlitten hat, fragt sich ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
nur ein Grund, warum die erneute Warnung vor Und der wird nicht nach links außen führen. Phänomen des dummen Geldes. ohnehin, wie die Ökonomen noch an das ratio- ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
Rot-Grün-Rot in diesem Wahlkampf nicht Ausweis Warum aber schließt Scholz dann ein Links- nale Individuum glauben können. Konzerne
kluger Strategie ist, sondern nach schierer Panik bündnis nicht aus? Weil er die Geschlossenheit Bei BlackRock kontrollieren 70 Analysten spielen aber eine entscheidende Rolle, damit die ABONNENTENSERVICE:
klingt. Es gibt noch andere Gründe. der SPD nicht gefährden möchte – und weil er ein Universum von 13.000 Unternehmen Menschheit ihre großen Probleme lösen kann, Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
Zunächst: Das Linksbündnis verstört einfach gegenüber der FDP ein Druckmittel für jene Ver- den Klimawandel etwa oder die Pandemie. Den E-Mail: abo@zeit.de
nicht mehr. Nach der Ampel (SPD-Grüne-FDP) handlungen braucht, die er anstrebt: die über eine Die Rede vom »dummen Geld« benutzen­ Nationalstaaten gelingt es jedoch immer weniger,
liegt es im Beliebtheitsranking des Politbaro­ Ampel. Trotzdem wäre ein klares Nein richtig. In Finanzmanager eigentlich, wenn Leute ihre Mit- sie in die Pflicht zu nehmen. Deshalb müssen das PREISE IM AUSLAND:
meters auf Rang zwei der aktuell möglichen Koa- der Unübersichtlichkeit möglicher Dreierbünd- tel kenntnisfrei investieren – etwa zu einem Zeit- auch die Eigentümer tun. DK 64,95/FIN 8,70/E 7,30/
CAN 7,80/F 7,30/NL 6,90/
litionen – und damit vor allen Regierungs­ nisse würde ein Nein zu dem, was er eh nicht will, punkt, an dem sich die besser informierten­ Also müssen die Fonds ran, die dafür Tausen- A 6,20/CH 8.50/I 7,50/GR 7,80/
optionen unter Beteiligung der Union. CDU für mehr Durchblick sorgen. Ein ­demokratischer Investoren zurückziehen, bevor eine Blase platzt. de Leute brauchen. Das mag nur um den Preis B 6,90/P 7,60/L 6,90/H 3190,00
und CSU attackieren also ein Schreckgespenst, Service für den gestressten Wähler. In den vergangenen Jahren floss das dumme gesetzlicher Pflichten und höherer Gebühren für
o
N 36
das nicht mehr erschreckt. Das ist das eine, leicht Die Union sollte aber fürchten, dass Scholz Geld aber auch in spezielle Fonds, die sich an der die Anleger zu haben sein. Eine solche Verant-
­Absurde am Antikommunismus 2.0. Und das noch macht, was sie von ihm fordert. Wenn sich Börse handeln lassen: sogenannte Index-Fonds, wortungsgebühr für eine repräsentative Aktio-
andere, dass es die Koalition, vor der die Union so CDU und CSU in den drei Wochen bis zur Wahl die etwa den Deutschen Aktienindex nachbil- närsdemokratie sollte aber jeder zahlen, der sich
eindrücklich warnt, ohnehin nicht geben wird. nun daueraufregen über die Ungeheuerlichkeit den. Millionen Deutsche haben darauf basie­ an Unternehmen beteiligt. Schließlich ist Unter-
7 6. J A H RG A N G C 7 45 1 C
Für SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz – wie einer Linksverschiebung der Republik, braucht der rende Sparpläne abgeschlossen. nehmertum keine passive Sache – es geht um die
auch für seine Widersacherin von den Grünen, SPD-Kandidat kurz vor dem Wahltag nur einmal Aus Anlegersicht sind diese Fonds eine gute Herrschaft über die Wirtschaft und ihre Folgen.
Annalena Baerbock – ist die Linke schlicht nicht richtig Nein sagen – und schon ist gleich aus zwei Sache: Die Gebühren sind gering, und man kann 36
regierungsfähig. Das liegt zum einen an jener­ Dingen die Luft komplett raus: aus dem Schreck- in Tausende Unternehmen gleichzeitig investie- Alle Leitartikel finden Sie zum Hören
außenpolitischen Irrlichterei (Nein zur Nato, Dis- gespenst. Und aus dem Wahlkampf der Union. ren nach Indizes, die bestimmte Regionen oder unter www.zeit.de/vorgelesen 4 190745 105903
2 POLITIK 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Beste Feinde
Werden ausgerechnet die Taliban zu Verbündeten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus? 
VON YASSIN MUSHARBASH
Foto: Marcus Yam/LA Times/Getty Images

Talibankämpfer in Ausrüstung der US-Amerikaner am Flughafen von Kabul

D
ie Machtübernahme der Ta- ban zur Unterstützung bereit waren. Ihr wichtigs- mit Luftangriffen zerstörte. Dass die USA jetzt nistan und anderswo. Außerdem hält der IS die aufatmen, der Verfolgungsdruck sinkt. Vorstellbar,
liban stellt die internationa- tes Ziel ist es im Moment, unter Beweis zu stellen, abgezogen sind, gibt dem IS Bewegungsfreiheit: Es Taliban für zu lasch: in religiöser Hinsicht für dass sich die Köpfe des Terrornetzwerks wieder
le Gemeinschaft vor eine dass sie tatsächlich die Kontrolle übernommen wird weniger verlässliche Informationen über seine nicht radikal genug, in politischer Hinsicht für zu daranmachen, Rekruten zu suchen und Anschläge
hässliche Frage: Brauchen haben. Dazu gehört es, eine Art Gewaltmonopol Aktivitäten geben und weniger Möglichkeiten, ihn kompromisslerisch, weil sie über ihr Büro in Katar im Ausland zu planen. Nur würde das Al-Kaida in
wir die Taliban als Partner durchzusetzen, auch gegenüber anderen militan- mit militärischen Mitteln aufzuhalten. In einem mit den USA und anderen Staaten verhandeln. Konflikt mit den Taliban bringen, die ja, siehe
im Kampf gegen den inter- ten Islamisten. Der IS hingegen, seit 2014 in Af- üblen Szenario, das nun denkbar ist, erweisen sich Tatsächlich sind die Taliban, im Unterschied zu oben, erst mal einen Staatsapparat aufbauen wol-
nationalen Terrorismus? ghanistan präsent und mit den Taliban verfeindet, die Taliban als so unfähig, den IS einzuhegen, dass IS und Al-Kaida, vor allem auf Afghanistan fixiert. len. Den USA haben die Taliban zudem zugesagt,
Die Idee klingt grotesk, die Taliban sind schließ- will zeigen, dass ihn niemand aufhalten kann. Die dieser eigene Gebiete im Land erobern kann. Und Internationaler Terrorismus ist nicht ihr Geschäft. Al-Kaida genau davon abzuhalten. Ob sie dieses
lich selbst militante Extremisten. Nur ist Terror- Machtübernahme der Taliban, erklärte der IS, sei dass seine Kader sich darauf verlegen, von Afgha- Sie wollen einen Gottesstaat nach ihren (Scharia-) Versprechen halten (können), wird sich zeigen.
bekämpfung eben selten mehr als kalte Realpoli- nicht das Resultat eines »wahren Dschihad«, viel- nistan aus Anschläge gegen westliche Ziele ins Regeln errichten, am liebsten anerkannt von sei- Der Feind meines Feindes ist mein Feind:
tik, und in der vergangenen Woche gab es dafür mehr sei ihnen die Macht mit dem Abzug der aus- Auge zu fassen. Also genau das zu tun, was Al-­ nen Nachbarn. Dissidenten, Andersgläubige, Heißt das nun, dass der Westen auf starke Taliban
einen weiteren Beleg: Als US-Geheimdiensten ländischen Truppen in den Schoß gefallen. Weite- Kaida Ende der Neunzigerjahre tat, als Osama bin Frauen und Minderheiten würden in so einem setzen muss, damit der IS in Afghanistan in Schach
klar wurde, dass ein Anschlag der Terrorgruppe re Anschläge sind wahrscheinlich, insbesondere Laden in Afghanistan die Anschläge vom 11. Sep- Staat ähnlich leiden, wie die Zwangsbewohner des gehalten wird? Das wäre sicher ein zu hoher und
»Islamischer Staat« (IS) auf den Flughafen von gegen Taliban-Führer und ihre Versuche, funktio- tember 2001 plante. IS-»Kalifats« in Syrien und im Irak es mussten. moralisch verwerflicher Preis. Aber wenn es so
Kabul bevorstand, baten Offiziere der US-Armee nierende Institutionen aufzubauen. Mit dem IS stehen die Taliban im Krieg. Zu Aber während der IS auch aus seinem »Kalifat« kommt, dass etwa die Türkei den Flughafen von
die Taliban darum, die Menschen, die auf das Die Dependance des IS in Afghanistan verfügt Al-Kaida hingegen, die seit 2001 stark dezimiert heraus Anschläge im Westen plante, ist wenigstens Kabul betreibt; oder wenn internationale Geldge-
Abbey-Tor des Airports zuströmten, zu durchsu- über rund 2000 Kämpfer, darunter erfahrene Ter- wurde, sich aber in Afghanistan halten konnte, das von den Taliban nicht zu erwarten. ber, Deutschland eingeschlossen, Nothilfe nach
chen. Der Attentäter des IS fand trotzdem einen roristen. Sie haben in den vergangenen Jahren sind die Beziehungen nach wie vor stabil. Warum? Und welche Rolle spielt Al-Kaida in diesem Afghanistan überweisen – was beides ohne Ein-
Weg; der Anschlag tötete Dutzende Menschen. Hunderte Anschläge mit weit über tausend Toten Auch hier gilt: Der Feind meines Feindes ist mein Gemenge? Die Taliban lieferten die Planer der bindung der Taliban nicht geht –, dann wird man
Doch die Taliban, erklärte ein US-General, hätten verübt – auf Schiiten, auf Taliban, auf afghanische Feind. Der IS entsprang zwar einst dem Schoß Al- 9/11-Anschläge seinerzeit nicht an die USA aus, mit den Taliban früher oder später auch über Fra-
womöglich weitere Attacken verhindert. Beamte. Ihre Hauptgegner in jener Zeit waren die Kaidas, hat sich mit der Mutterorganisation aber weil sie sie als Gäste betrachteten. Das war der gen der Terrorbekämpfung reden müssen.
Der Feind meines Feindes ist auch mein Feind: internationalen Streitkräfte, allen voran die US- schon vor Jahren überworfen. IS und Al-Kaida Grund für den Einmarsch der internationalen
Das war die Konstellation, derentwegen die Tali- Armee, die immer wieder Lager der Dschihadisten kämpfen seither gegeneinander: in Syrien, Afgha- Truppen vor zwei Jahrzehnten. Jetzt wird Al-Kaida  www.zeit.de/vorgelese

Rettung zur rechten Zeit


Frankreichs Regierung hat ihre Ortskräfte früh evakuiert. Und wird trotzdem kritisiert  VON MATTHIAS KRUPA

H
interher ist man schlauer, das schieden, den afghanischen Mitarbeiterinnen und den vergangenen Jahren stellten sie die größte Grup- nische Bevölkerung könne den Eindruck gewin- eine vorläufige Bilanz der Einsätze zog, bemerkte
stimmt fast immer. Nur was bedeu- Mitarbeitern der Hilfsorganisationen vor Ort Visa pe der Asylbewerber. 89 Prozent ihrer Asylanträge nen, Frankreich gebe das Land auf. Zudem gefähr- Emmanuel Macron spitz: Man sei im Frühjahr
tet die Phrase für das Debakel der für die Ausreise nach Frankreich anzubieten, teilte wurden zuletzt positiv beschieden. Rechte und radi- de die Visavergabe die Arbeit der Helfer. Gemein- nicht pessimistisch gewesen, sondern »hellsichtig«.
westlichen Länder in Afghanistan? der Botschafter mit. Auch den Mitarbeitern des kale Politikerinnen wie Marine Le Pen, die Präsident- sam mit anderen französischen NGOs schrieb Trotzdem reißt die Kritik nicht ab. Fünf der
Frankreich hat seine Soldatinnen Institut Français und afghanischen Lehrerinnen, schaftskandidatin des Rassemblement National, at- Etienne Gille, einer der Gründer von Afrane, einen kürzlich ausgeflogenen Afghanen stehen unter
und Soldaten schon vor acht Jahren vollständig aus die im französischen Zweig der Universitäten in tackieren deshalb fortwährend die vermeintliche Protestbrief an den Außenminister. dem Verdacht, den Taliban nahegestanden zu ha-
dem Land abgezogen. Und nun hat die Regierung Kabul, Herat und Bamian unterrichteten, wurde Großzügigkeit der französischen Behörden. Im Früh- Die Argumente der französische Hilfs­orga­ni­sa­tion ben. Einer von ihnen wurde in Polizeigewahrsam
in Paris auch bei der Evakuierung von Ortskräften die Möglichkeit zur Ausreise eröffnet. jahr waren es allerdings nicht die radikalen Rechten, ähneln denen, die auch der deutsche Entwicklungs- genommen. Marine Le Pen twitterte daraufhin,
viel früher die Initiative ergriffen als andere. Am 10. Mai startete das erste Flugzeug von Kabul sondern die Hilfsorganisationen selbst, die die Visa- minister Gerd Müller (CSU) lange Zeit vorbrachte. Frankreichs Willkommenspflicht ende, wenn die
Am 19. April dieses Jahres sprach der französi- aus nach Paris. Das Außenministerium zahlte die vergabe am heftigsten kritisierten. Offensichtlich hatte die französische Regierung ihr nationale Sicherheit bedroht sei. Auch andere,
sche Botschafter David Martinon mit Vertretern Flugkosten, die Unterbringung in Frankreich und Am 17. Mai berichtete die Nichtregierungsorga- Vorgehen mit den anderen Ländern in der EU nicht konservative Oppositionspolitiker warnten vor ei-
französischer Hilfsorganisationen in Kabul. Weni- ein kleines Taschengeld. Bis Anfang Juli evakuierte nisation Afrane auf ihrer Internetseite über das Ge- abgestimmt. Am 18. Mai musste Franck Riester, Mi- ner heraufziehenden Terrorgefahr.
ge Tage zuvor hatte US-Präsident Joe Biden den Frankreich so nach Angaben der Regierung insgesamt spräch mit Botschafter Martinon. Afrane unter- nister für Außenhandel, die Visavergabe im franzö- Afrane-Gründer Gille räumt zwar ein, dass sich
vollständigen Abzug der amerikanischen Truppen 623 Ortskräfte. In Deutschland wurde da noch im- stützt seit mehr als 40 Jahren die Ausbildung von sischen Parlament verteidigen. Die Regierung habe die Befürchtungen des Botschafters vom Frühling
bis zum 11. September angekündigt. Martinon mer über den Umgang mit ihnen diskutiert. Schülerinnen und Schülern in Afghanistan. Die Afghanistan nicht »aufgegeben«, sagte er, vielmehr bewahrheitet hätten. Trotzdem wirft er der Regie-
habe ein düsteres Bild davon gezeichnet, was diese Hat die französische Regierung es also besser ge- Einschätzung des Botschafters, erklärte die Organi- handele sie »aus Sorge« um jene Afghanen, »die rung weiterhin vor, die frühen Evakuierungen
Entscheidung für die Zukunft des Landes bedeute, wusst? In jedem Fall hat sie im Frühjahr anders und, sation nun, sei »ohne Zweifel überzogen«, die Ge- Frankreich gedient haben«. hätten »zur Demoralisierung der afghanischen
berichtete eine der Hilfsorganisationen später. Er wie man heute weiß, richtig entschieden. Dabei war fahr, die dieser heraufziehen sah, »nicht akut«. Das Seit dem Sturz Kabuls Mitte August hat Frank- Bevölkerung beigetragen«. 19 von 23 afghanischen
erwarte »eine sehr schnelle Verschlechterung« der diese Entscheidung damals höchst umstritten. In Angebot an die Ortskräfte, nach Frankreich auszu- reich weitere rund 2600 Afghaninnen und Afgha- Afrane-Mitarbeitern waren bereits vor der Macht-
Lage. Die Regierung habe deshalb kurzerhand ent- Frankreich leben bislang etwa 45.000 Afghanen, in reisen, sende daher »ein falsches Signal«: Die afgha- nen evakuiert. Als er am vergangenen Wochenende übernahme der Taliban nach Frankreich ausgereist.
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 POLITIK 3

Wie hilflos sind wir?


Nicht nur der Abzug sei katastrophal gelaufen, der gesamte Westen sei in Afghanistan
gescheitert, heißt es jetzt. Die Wahrheit ist komplizierter  VON JÖRG LAU

A
n grandiosen Slogans hat es in den führenden Medien oder in den Washing- das ist eine irreführende Analogie, denn Letztere Nato eine Zukunft hat, dann in der Konzentration leone im Mafia-Epos Der Pate in die berühmten
dem Krieg in Afghanistan nie toner Denkfabriken früher schon das Wort gere- sind alliierte Nationen, die sich mit den USA nicht auf diese Aufgaben. Worte fasst: »Gerade, als ich dachte, ich sei drau-
gemangelt: Deutschland gelob- det haben. Der Kritik haftet ein Hauch von Heu- im Krieg befinden wie die Taliban. Und wie lange Das Ende des Afghanistan-Einsatzes gibt der ßen, ziehen sie mich wieder rein.« Den Selbst-
te »uneingeschränkte Solidari- chelei an. hätten diese Truppen noch gegen die Taliban Debatte über die europäische »strategische Auto- mordanschlag des afghanischen IS-Ablegers am
tät«. Nato-Missionen hießen Joe Biden wirbt bereits seit zwölf Jahren für durchhalten sollen? nomie«, die der französische Präsident Emmanuel Kabuler Flughafen, dem 169 Afghanen und 13
»Enduring Freedom« oder »Re- den Rückzug aus Afghanistan (und wurde übri- Nicht ausgeschlossen, dass Biden das innenpoli- Macron seit Jahren forciert, neuen Auftrieb. Jetzt US-Ma­rines zum Opfer fielen, hat Biden am Wo-
solute Support«. »Wiederauf- gens als Vizepräsident in dieser Sache von Barack tisch schaden wird, bei den wichtigen Zwischen- zeigt sich, wie unsinnig es war, das Ziel größerer chenende mit zwei Drohnenangriffen vergolten.
bauteams« sollten im Rahmen der »vernetzten Si- Obama überstimmt). Die zentrale außenpolitische wahlen im Herbst nächsten Jahres. Die Republika- sicherheitspolitischer Eigenständigkeit der Euro- Beim zweiten Bombardement sind nach afghani-
cherheit« den Staatsaufbau vorantreiben. Keines Botschaft in seiner Wahlkampagne im letzten Jahr ner versuchen bereits, dem Präsidenten die Nieder- päer gegen die Mitgliedschaft in der Nato auszuspie- schen Berichten zehn weitere Zivilisten getötet
dieser Konzepte wird den chaotischen Abgang der war der Abzug. Die Entscheidung des Präsidenten lage anzuhängen. Es wäre eine bittere historische len. Alle drei Kandidaten für das Kanzleramt sind worden, darunter mehrere Kinder.
westlichen Streitmacht überstehen. kam daher nicht überraschend. Ironie, wenn die Partei von Bush und Trump da- sich auf einmal einig, dass man Europa auch militä- Solche Fehlschläge dienten in den letzten bei-
An ihre Stelle ist eine niederschmetternde For- Die Bestürzung der Alliierten über den Abzug von profitierte, dass Biden die Trümmer beiseite- risch stärken müsse, um nie wieder derart von den den Jahrzehnten immer wieder zur Rekrutierung
mel getreten. Im Fall von Kabul, so heißt es jetzt ist auch nicht sehr überzeugend: Schon Donald geräumt hat, die ihre Politik verursacht hat. Amerikanern abhängig zu sein. Was aber folgt aus neuer dschihadistischer Kämpfer. Der »Krieg ge-
überall, zeige sich »das Scheitern des Westens«. Trump hatte die gleiche Politik verfolgt. Spätes- Für die Partner der Amerikaner, besonders für diesen neuen Bekenntnissen, die Bundeswehr besser gen den Terror« hat sich selbst genährt, indem er
Das klingt nach Demut, Einsicht, Selbstkritik. tens dessen Deal mit den Taliban im letzten Jahr die Deutschen, hat der Rückzug eine ernüchtern- ausrüsten zu wollen, wenn der schmachvolle Abgang immer wieder neue Terroristen produzierte. Biden
Aber tatsächlich schiebt diese Phrase die afghani- hätte eine Warnung sein müssen. Trump hatte de Erkenntnis gebracht: Auf Joe Bidens Regierung aus Kabul in den Hintergrund rückt? muss also den Drohnenkrieg einhegen, um den
sche Tragödie auf eine abstrakte, fast schon ge- Abzug nicht zu konterkarieren. Denn den Dschi-
schichtsphilosophische Ebene, auf der niemand hadisten soll mit dem Rückzug der US-Truppen
mehr verantwortlich ist. ein wesentliches Motiv für ihren Kampf entzogen
Wer in zwanzig Kriegsjahren welche falschen werden: die Besatzung islamischer Länder durch
Entscheidungen getroffen hat und was man daraus den Westen.
für andere und künftige Interventionen folgern So wird insgeheim, wie die New York Times
kann, rückt nämlich aus dem Blick, wenn »der enthüllte, schon an den Richtlinien für die neue
Westen« im Ganzen die Schuld hat. Phase des Antiterrorkampfs gearbeitet, unter dem
Die Wahrheit ist verzwickter. Das derzeitige bürokratischen Titel Presidential Policy Memo-
Drama in Afghanistan entspringt ja gerade dem randum (P.P.M.). Nach dem Rückzug aus Afgha-
Versuch, einen Irrweg westlicher Außenpolitik zu nistan soll die Fähigkeit zur Bekämpfung von
beenden. Die enormen Kosten dieser von allen Terroristen mittels Drohnen gestärkt werden. Von
Vorgängern Joe Bidens aufgeschobenen Korrektur weiter entfernten Standorten aus sollen sogenann-
werden jetzt – vor allem für die Afghanen – offen- te over the horizon-Operationen durchgeführt wer-
bar. Biden lässt sich davon nicht beirren. Er ist bis den. Die Biden-Regierung hatte bereits damit be-
zur Rücksichtslosigkeit entschlossen, Amerikas gonnen, die Regeln dafür festzulegen, als Kabul
»endlose Kriege« im Nahen Osten aufzugeben. fiel. Die Planer waren noch von der Annahme
Zum Ende des Jahres soll auch die Restmission ausgegangen, dass sie ihre Einsätze künftig mit der
mit Kampfauftrag im Irak enden. afghanischen Regierung koordinieren würden.
Es geht dabei nicht nur um einen außen­ Nach deren Flucht haben sie es nun mit den Tali-
politischen Kurswechsel. Die Kriege nach dem ban zu tun, die in der nächsten Phase des Antiter-
11. September haben die USA (und andere west- rorkampfs ironischerweise Partner und Gegner
liche Staaten) auch innenpolitisch vergiftet. Der zugleich sind (siehe Seite 2). Drohnen und Diplo-
Rechtsstaat wurde aufgeweicht, ein übermächti- matie werden dabei die bevorzugten Mittel sein.
ger Sicherheitsapparat errichtet, die Lüge zum ge- Für die deutsche Politik rückt angesichts des
wohnheitsmäßigen Mittel der Politik, zeitweilig afghanischen Debakels ein anderer Einsatz ins
wurde die Folter enttabuisiert – die Liste der Blickfeld, die Mission der Bundeswehr in Mali.
Selbstschädigungen ist lang, und die vollständige Auch dort versucht die Bundeswehr, in einem
Aufarbeitung steht noch aus. Es ist keine allzu fragilen Staat eine Armee gegen Aufständische zu
kühne These, dass die Antiterrorkriege den Bo- ertüchtigen. Auch dort herrscht Korruption, Re-
den bereitet haben, auf dem der Populismus von gierungen werden weggeputscht, die politische
Donald Trump gedeihen konnte. Klasse kümmert sich nur um sich selbst und die
Joe Biden ist zudem überzeugt, dass die USA eigene Ethnie. Auch dort ist Deutschland nicht
sich in diesen Kriegen verzettelt und die wahre zuletzt deshalb aktiv geworden, um einem Ver-
Herausforderung aus den Augen verloren haben – bündeten – in diesem Fall Frankreich – zur Seite
die Systemkonkurrenz mit dem aufstrebenden zu stehen. Die Bundesregierung hat nach zwanzig
China. Seine Entscheidung, den Abzug gegen alle Jahren Erfahrung in Afghanistan den rapiden
Einwände durchzuziehen, wurde maßgeblich von Kollaps nicht kommen sehen. Da drängt sich die
Geheimdienstberichten befeuert, wonach Russ- Frage auf, was sie nach sechs Jahren in Mali nicht
land und China es gerne sähen, wenn die USA kommen sieht.
weiter in Afghanistan gebunden blieben. In der kommenden Woche jähren sich die An-
Foto: CNP/Polaris/laif

Es fällt schwer, angesichts des Leids der afgha- schläge vom 11. September. Die Revision der
nischen Bevölkerung den Versuch zu würdigen, westlichen Politik der letzten zwanzig Jahre hat be-
eine verfehlte Politik des Westens zu beenden und gonnen. Das ist eine Aufgabe nicht nur für die
endlich umzusteuern. Aber es gibt in diesen fins- USA als führende Macht im westlichen Bündnis,
teren Tagen auch helle Momente: die Rettung von wie die deutsche Verteidigungsministerin Anne-
116.000 Menschen durch die US-Armee unter gret Kramp-Karrenbauer vor wenigen Tagen in
hohem eigenem Risiko; ebenso die gefährliche einer bemerkenswert selbstkritischen Rede deut-
Evakuierungsmission der deutschen Fallschirmjä- lich gemacht hat: »Wir Deutschen waren es, die in
ger und Spezialkräfte mit über 5300 Geretteten. Das ist eines der Afghanistan mehr wollten als nur einen Militär-
Nicht zu vergessen jene Bundeswehrsoldaten, die letzten Fotos der US-Soldatin einsatz.« Wir wollten, »dass der Militäreinsatz
sich seit Monaten für ihre zurückgelassenen afgha- Nicole Gee, die beim durch einen breit angelegten Hilfseinsatz begleitet
nischen Helfer einsetzen. Terroranschlag am Kabuler wird. Um aus Afghanistan eine echte Demokratie
Auf beiden Seiten des Atlantiks werden sich Flughafen starb zu machen. Denn wir Europäer wussten ja aus ei-
Untersuchungsausschüsse, Enquete-Kommissio- genem Erleben, wie wichtig es ist, nach dem Ende
nen und Investigativjournalisten noch eingehend eines Krieges wieder eine Chance zu bekommen.«
damit beschäftigen, warum der Abzug nicht besser Auch in den USA äußern sich zunehmend
geplant und koordiniert wurde. Wie konnte es zu nachdenkliche Stimmen. Barack Obamas ehe-
der Fehleinschätzung über die Verteidigungsbereit- maliger Berater und Redenschreiber Ben Rhodes
schaft der afghanischen Armee und die Stabilität hat soeben ein Buch veröffentlicht, das sich mit
der Kabuler Regierung kommen? Warum wurden den 1. Mai 2021 als Termin für den Rückzug fest- kann man sich ebenso wenig verlassen wie auf die Wie weit entfernt die Europäer von der er- der Gefährdung der Demokratie in den USA
die Visa für die gefährdeten Helferinnen und Hel- gelegt, er zog 10.000 US-Soldaten ab und ließ seines Vorgängers. Niemand will es gern ausspre- strebten Autonomie sind, zeigte sich zu Beginn und der Welt auseinandersetzt. After the Fall ist
fer nicht früher und großzügiger ausgestellt? 5000 Taliban-Kämpfer aus den Gefängnissen, un- chen, um die Nato nicht noch weiter zu beschädi- dieser Woche, als Briten und Franzosen eine UN- eine schonungslose Bilanz der Ära maximaler
Berechtigte Fragen, doch letztlich geht es hier ter einer einzigen Bedingung: keine Angriffe auf gen, aber der Schock darüber, beim Abzug nicht Sicherheitszone für den Flughafen Kabul vor- amerikanischer Machtentfaltung, an der Rhodes
um etwas Größeres, um einen historischen Schnitt. US-Truppen. konsultiert worden zu sein, sitzt tief. Zumal die schlugen, um die humanitären Operationen dort selbst beteiligt war.
Joe Biden hat eine Epoche des westlichen Inter- Trump und seine Parteigänger brandmarken Evakuierung die völlige Abhängigkeit der Deut- fortsetzen zu können. Ein führender Verteidi- Nach der Zerstörung des World Trade Center,
ventionismus beendet. Kaum vorstellbar, dass die Biden nun erwartungsgemäß als »totalen Loser«. schen von den militärischen Fähigkeiten der US- gungspolitiker der CDU, Roderich Kiesewetter, resümiert er, sei der »Gemeinsinn dieser Nation in
Nato (oder eine Koalition der Willigen) sich noch Dabei hat er den Mut, die Amerikaner mit einer Armee offensichtlich gemacht hat. Deutschland erklärte das in aller Nüchternheit für »nicht um- einen endlosen Krieg kanalisiert worden, der eine
einmal die Transformation einer Gesellschaft mit unangenehmen Wahrheit zu konfrontieren, vor war nicht in der Lage, die eigenen Leute unabhän- setzbar«. Eine solche Zone sei nicht ohne die Be- Politik des Wir gegen Sie propagierte und auto-
vorgehaltener Waffe vornimmt. Die Idee des »li- der sich sowohl Obama als auch Trump stets ge- gig vom amerikanischen Schutz zu retten. teiligung des US-Militärs durchzusetzen, und das kratischen Führern überall zur Rechtfertigung
beralen Imperialismus«, wie Carlo Masala von der drückt haben: Der Krieg war längst verloren, und Der erste Einsatz der Nato nach dem Artikel 5 Risiko, dort zum Ziel terroristischer Anschläge zu diente.« Auf der Höhe der amerikanischen Macht
Universität der Bundeswehr den Versuch der De- es gab keine Möglichkeit, ihn so zu beenden, dass ihres Statuts – in dem die Mitglieder sich Beistand werden, würde derzeit ohnehin keine Nation auf war es schlicht »zu einfach, Invasionen anderer
mokratisierung mit militärischen Mitteln nennt, das Ende sich dennoch wie ein Sieg hätte anfüh- im Fall eines Angriffs versprechen – endet mit sich nehmen wollen. Länder zu beginnen und durch einen Krieg natio-
ist Geschichte. len können. wechselseitigen Vorwürfen. Aber die schlechte Der »Krieg gegen den Terror« ist vorbei, der nalistische Gefühle zu erregen«. Amerika sei »kein
Bei den amerikanischen Wählern hatte diese Kritiker halten Biden entgegen, es wäre vertret- Koordination am Ende ist nicht das wahre Pro- Kampf gegen den Terrorismus geht weiter. Irr- Hegemon mehr«, schließt Rhodes, erstaunlich­
Idee schon lange keinen Rückhalt mehr; auch in bar gewesen, ein überschaubares Truppenkontin- blem dieses Einsatzes. Die Mission hatte mit den witzigerweise beginnt die Herrschaft der Taliban erleichtert. »Darin liegt eine Gelegenheit, uns­
Europa ist sie unpopulär. Trotzdem wird Biden gent zur Stabilisierung in Afghanistan zu lassen. Sie genuinen Aufgaben der Allianz – Bündnisverteidi- in Afghanistan damit, dass die Islamisten ein Ter- wiederzufinden.«
heftig für die Exekution des Wählerwillens ange- verweisen auf Deutschland und Korea, wo die USA gung und Abschreckung – lange schon nichts rorproblem haben. Der amerikanische Präsident In anderen Worten: Was als Scheitern des Wes-
griffen. Am lautesten von Leuten, die dem Krieg schließlich auch Truppen stationiert haben. Aber mehr zu tun (wenn überhaupt jemals). Wenn die fand sich in der Logik wieder, die Michael Cor- tens erscheint, kann eine Chance sein.

Jordanien, Syrien und Irak Mali Kosovo Südsudan


Die Bundeswehr beteiligt
sich seit 2015 am internationalen
Im Rahmen der Europäischen
Trainingsmission und der Einsätze Bis zu 400 deutsche Soldatinnen
und Soldaten sollen
Seit 2005 beteiligt sich
die Bundeswehr am Einsatz der
Einsatz gegen die Terrorgruppe
»Islamischer Staat«
Stabilisierungsmission der UN unterstützt die
Bundeswehr die malischen Streitkräfte der Bundeswehr seit 1999 die öffentliche Sicherheit
und Ordnung garantieren
Vereinten Nationen zur
Friedenssicherung in der Region
4 POLITIK 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

D Nichts zu
er Bus, mit dem die Kandida- war für die Partei die Rückversicherung, dass er es
tin durch das Land fährt, das nicht zu weit trieb.
sie regieren will, ist 14 Meter Dieser Rollenunterschied wurde von der Par-
lang, vier Meter hoch, auf teizentrale öffentlich jedoch gründlich eingeebnet.
dem Dach hat er Solarzellen. Von Baerbock, weil sie sich mit der Rolle als Kor-
Drinnen gibt es Topfpflan- rektiv verständlicherweise nicht zufriedengeben

erzählen
zen, eine PlayStation, vier wollte. Von Habeck, weil alles andere kaum mit
Stockbetten und ein Separee für die Kandidatin. seinem Selbstbild als modernem Mann (und den
Von außen sind die Scheiben mit Folie beklebt. Erwartungen seiner Partei) vereinbar gewesen
Wer in diesem Bus sitzt, kann die Welt da draußen wäre. Das Ende der Geschichte ist bekannt.
nur in Umrissen erkennen. Man vergisst schnell, Was hat das nun mit dem Wahlkampf zu tun?
ob es gerade morgens ist oder abends, Montag Na ja, alles. Die schwächsten Momente des Grü-
oder Freitag, ob es gerade gut läuft oder schlecht. nen-Wahlkampfs waren schließlich bisher jene, in
Seit vier Wochen ist Annalena Baerbock nun denen die Erfolgsrezepte der letzten drei Jahre be-
unterwegs. Sie war in Bremen, in Duisburg, auf ­ Annalena Baerbock verliert sich im Kleingedruckten – damit fehlt ihr das, sonders gründlich vergessen wurden. Baerbocks
einem Festplatz in Dachau. 40 Orte wird sie am Selbstvergrößerung (Lebenslauf, Buch, großspuri-
Ende bereist haben, noch mehr Reden gehalten ha- was die Grünen erst groß gemacht hat  VON ROBERT PAUSCH ge Interviews) standen im Gegensatz zum neugrü-
ben. Sie hat gehört, wie eine ihrer Vorrednerinnen nen Demutsdogma. Die kläffende Vorwärtsvertei-
in Hildesheim rief, dass wir »irgendwie in total crazy digung nach dem Auffliegen ihrer Plagiate war ein
Zeiten« leben. Sie hat der »1,5-Grad-Band« zuge- Bruch mit allem, was die Partei in den letzten
hört, wie sie Bob Dylan spielte. The Times They Are Jahren gepredigt hatte. Und je unsicherer die Kan-
A-Changin’. Sie hat Katrin Göring-Eckardt ange- didatin zuletzt agierte, desto stärker richtete sie
blickt, als die ihr in Weimar von der Bühne aus zu- ihre Botschaften an die Ultras im eigenen Fanclub:
rief: »Wir haben eine Kandidatin, die stehen kann!« ein Ministerium für »Vielfaltspolitik« sollte es ge-
Stehen, darum geht es jetzt. Vor zehn Wochen ben, gegenderte Gesetzestexte, und schließlich gab
lagen die Grünen in den Umfragen bei 27 Prozent, es da noch einen TV-Spot, der auf so wunderbare
bevor Annalena Baerbock zu ihrer Wahlkampftour Weise die klischeegrüne Kirchentagshaftigkeit il-
aufbrach waren es noch 20 Prozent. Zwischen- lustrierte, dass selbst politische Gegner zunächst an
zeitlich wurde das Ahrtal vom Hochwasser hin- eine Parodie glaubten. Laudato si’!
weggefegt, in Südeuropa brannten die Wälder, der Der Film, hieß es danach verdutzt aus der Partei-
Weltklimarat veröffentlichte einen neuen, noch zentrale, zeige doch den Anspruch, für die Mehrheit
verheerenderen Bericht, Armin Laschet feixte bei zu sprechen, schließlich würde dort ja zum Beispiel
einer Trauerfeier, die CDU verlor acht Prozent- Fleisch gegrillt. Aber drei Männer mit Würsten ma-
punkte in den Umfragen. Für eine Partei, die er- chen noch keine Volkspartei. Und so hatte man bei
klärtermaßen für ökologische Modernisierung, für dem TV-Spot ein ähnliches Gefühl wie nach man-
Aufbruch und Erneuerung steht, könnte die Lage chem Baerbock-Auftritt: Das Normale kommt selt-
also kaum besser sein. Und die Grünen? Liegen sam bemüht daher. Ich komme vom Dorf, deswegen
heute bei 18 Prozent. weiß ich, wie wichtig Menschen Autos sind. Ich war
In dem Moment, in dem die Macht auf der in der Lausitz, deswegen müssen wir auch den Koh-
Straße liegt, wirken die Grünen etwas durcheinan- lekumpel »ein Angebot machen«. Und auch bei
der. Die Türen zum Kanzleramt stehen sperrangel- Baerbocks zu Hause gibt es, zwinkerzwinker, schon
weit offen, aber die Grünen tippeln auf der Stelle. mal »ein gutes Stück Fleisch«. Die »Breite der Gesell-
Wie konnte das passieren? Und vor allem, können schaft« wird zum Abziehbild.
sie sich noch fangen? In dem Moment, in dem die Grünen sich aus-
So viel schon einmal vorweg: Eine Erklärung dehnen müssten, schrumpfen sie zusammen. War
findet man in den letzten drei Monaten, aber auch die Kanzlerkandidatur am Ende doch ein Missver-
in den letzten drei Jahren, es geht um Anpassung ständnis? Eine Überforderung für die Partei?
und Anmaßung und um ein Erfolgsgeheimnis, das Am Mittwochabend nach ihrem Auftritt am
die Partei erst groß gemacht hat und irgendwann Hamburger Jungfernstieg sitzt Annalena Baerbock
in Vergessenheit geriet. in einem Restaurant in Kiel. Sie lacht ein gluck-
Am Mittwochabend in der vergangenen Wo- sendes Lachen, sie sagt »kompletti« statt komplett,
che steht Annalena Baerbock in Hamburg und sie spricht viel schneller, als sie es sich fürs Fernse-
redet übers Machen. Eben ist der Tourbus auf den hen antrainiert hat.
Jungfernstieg gerollt, die Menschen drückten sich
an die Absperrgitter, und für einen Moment er- Es wirkt, als kehre ein bisschen Freiheit
tappte man sich bei dem Gedanken, dass gleich die zur Kandidatin zurück
Fußballnationalmannschaft herausspringt und
Bälle ins Publikum schießt. Aber dann zischte die Am Mittag hat Baerbock im Bundestag auf die Re-
Tür, ein BKA-Mann trat in den Nieselregen und gierungserklärung der Kanzlerin geantwortet. Sie
eskortierte die Kanzlerkandidatin auf die Bühne, hat Angela Merkel vorgeworfen, dass sie nach 16
wo sie nun steht und ihre Worte auf die aufge- Jahren Kanzlerschaft und 20 Jahren Afghanistan-
spannten Schirme regnen lässt. »Klimaschutz end- Einsatz keine Antworten habe, sondern bloß Fragen
lich machen«, »nicht reden, sondern machen«, formulierte, dass sie sich wegducke und schließlich
»wir müssen ins Machen kommen«. Baerbock hat »innenpolitische Motive zum außenpolitischen
diese Satzklötzchen in den letzten Wochen Desaster« geführt hätten. Baerbock mag die Reden
dutzend­ fach zusammengebaut. Machen, das ist im Parlament. Hier geht es um die Sache, ums
das Lieblingswort von Annalena Baerbock, das Machen, nicht um Meta-Narrative. Sie ist dann so,
Verb gewordene Selbstverständnis. wie sie noch vor vier Monaten gerne beschrieben
Baerbock, das bemerkt man in jedem Gespräch wurde: präzise, gut vorbereitet, treffsicher.
mit ihr, ist überzeugt, dass Politik ein Umsetzungs- Im Kieler Restaurant ist es schon nach Mitter-
geschäft ist. Dass es Probleme gibt, die gelöst wer- nacht, aber Annalena Baerbock wirkt nicht müde.
den müssen, und dass es am Ende darum geht, wer Sie spricht sehr offen über die Krise der letzten
die besten Konzepte hat. »Das lässt sich nicht so Monate und darüber, wie es ihr damit erging. Das
abstrakt sagen, da muss man ganz konkret schauen, Gespräch ist »unter drei«, ein Journalistencode
was gemacht werden kann«, auch das ist ein typi- dafür, dass man daraus nicht zitieren darf, aller-
scher Baerbock-Satz. Machen, das bedeutet Hand- dings kann man an diesem Abend eine interessante
lungsfähigkeit, Kompetenz, Gestaltungswillen. Beobachtung machen: In dem Moment, in dem
Wer die Kandidatin eine Weile begleitet, wer die Kanzlerschaft für die Grünen in immer weitere
ihre Reden hört und zuschaut, wenn sie im Fern- Ferne rückt, wirkt Baerbock so gelöst, wie man sie
sehen ist, der kann irgendwann relativ fehlerfrei schon lange nicht mehr erleben konnte. So als
eine Vielzahl von Projekten runterbeten, die drin- kehre jetzt, wo niemand mehr mit ihr rechnet, ein
gend »angepackt« werden müssen. Zwei Prozent bisschen Freiheit zur Kandidatin zurück.
der Landesfläche für Windräder, Wasserstoff-­ Tatsächlich lässt es sich ja auch so sehen: Ob-
Pipelines für klimaneutralen Stahl, Ausbau der wohl die Baerbock-Kampagne viele Fehler ge-
Schiene, ein neuer Bundesverkehrswegeplan. macht hat, obwohl die Glaubwürdigkeit der Kan-
didatin beschädigt ist, ihre Beliebtheitswerte kata-
Drei Männer mit Würsten strophal sind, obwohl also sehr viel schiefgegangen
machen noch keine Volkspartei ist, liegen die Grünen nicht bei zehn Prozent, son-
dern bei etwas unter zwanzig. Es könnte sein, dass
Jede einzelne Forderung ist für sich genommen die ökologische Krise eine Art natürliche Unter-
wichtig, und zusammen sind sie eine treffende Zu- grenze für den grünen Misserfolg definiert, einfach
sammenfassung des Parteiprogramms von Bünd- weil sehr vielen Menschen das Thema sehr wichtig
nis 90/Die Grünen. Doch stößt man bereits hier Hinter den Schirmen verschwindet die Erzählung: ist. Das ist für die Grünen einerseits natürlich
auf ein doppeltes Problem. Denn erstens ist es ja Annalena Baerbock bei einem Wahlkampfauftritt in Hamburg am 25. August tröstlich. Es zeigt aber auch, was möglich wäre,
so, dass Baerbock das Machen bisher nur behaup- wenn – ja was eigentlich?
ten, aber nicht beweisen kann. Sich zwischen zwei Wenn Habeck der Kandidat gewesen wäre? Der
berufsmäßigen Machern als Macherin profilieren hätte die Detailversessenheit des Triell-Kartells ver-
zu wollen ist eine durchaus gewagte Operation.
Hinzu kommt, dass durch die Reduktion aufs
schaftens ebenso verändert wie die Art des Zusam-
menlebens. Das jedenfalls denken die Grünen, trau- Ende eines in der Gesellschaft ließen sie nicht abtropfen, son-
dern sogen sie auf. Sie rückten den Zweifel ins Zen-
mutlich gesprengt, was eine große Chance gewesen
wäre, aber auch ein großes Risiko. Wenn Baerbock
Machen den Grünen etwas verloren gegangen ist,
das sie überhaupt erst in die Lage versetzt hat, ums
en sich aber nicht, es zu sagen.
Auch beim TV-Triell am vergangenen Sonntag Höhenflugs trum und brachten damit einen neuen, sehr ungrü-
nen Klang in die Parteienwelt, der sie überhaupt erst
sich auch öffentlich öfter so unverpanzert gegeben
hätte wie an diesem Abend in Kiel? Das ist schnell
Kanzleramt kämpfen zu können. Man könnte sa- war von diesen Systemfragen natürlich nicht die 30 in Tuchfühlung zur Mehrheitsgesellschaft brachte. geschrieben, aber schwer getan.
gen: Hinter der Tat verschwindet die Erzählung. Rede. Stattdessen konnte man feststellen, dass sich Dabei gehört es zur Wahrheit, dass dieses neue Im Restaurant verabschiedet sich Baerbock.
Dieses Prinzip ließ sich etwa erkennen, als der die Grünen recht wohlfühlen als Teil einer ganz gro- grüne Selbstbild vor allem die Erfindung von Robert Am nächsten Tag wird sie weiter nach Hannover
Weltklimarat bekannt gab, dass alles noch viel ßen Koalition fürs Kleingedruckte. EEG-Umlage, Habeck war. Schon als er noch ein Landespolitiker fahren. Sie wird der Bild-Reporterin ausweichen,
schlimmer sei als gedacht, und Annalena Baerbock PV-Pflicht für Neubauten, Flächenausweisungen für zwischen den Meeren war, hatte Habeck in Interviews die seit Wochen mit einem Kleinbus den großen
routiniert erklärte, man müsse nun die erneuer­ Windräder, darüber lässt sich gut diskutieren. Das und Büchern immer wieder seine Vision einer grünen Bus von Baerbock verfolgt. Beim Mittagessen wird
baren Energien schneller ausbauen und eine »be- Historische wird handlich, und die Klimakrise 20 Partei beschrieben, die sich von alten Ritualen verab- sie auf eine diamantene Hochzeitsgesellschaft tref-
herzte Mobilitätswende« in Angriff nehmen. Oder schrumpft zum technischen Projekt. Wie formulierte schiede, die »nachdenklich statt großmäulig« spreche fen, und danach wird sich ihr Team über »14 neue
als das Hochwasser den Westen der Republik traf es Baerbock neulich in einer Parteitagsrede? »Diese und sich so zu einer »Volkspartei neuen Typs« ent- Grünenwähler« freuen. Baerbock müsse jetzt »in
und die Grünen zuerst ein Konzeptpapier für Klimarevolution ist so verrückt wie ein Bausparver- wickle. Sein Anspruch, »nicht für die Grünen, sondern den Tunnel kommen«, sagen ihre Ratgeber. Sie
wirksamen Katastrophenschutz präsentierten, trag.« Da würde man gern mal einen Blick in Anna- für die Gesellschaft« zu sprechen (so die taz 2013 über müsse ausblenden, was um sie herum passiert. Sie
Neueste Umfrage
dann ein Konzeptpapier für Klimavorsorge und lena Baerbocks Bausparvertrag werfen. Habeck), führte dazu, dass er als Parteichef zugleich wird nun nicht mehr mit Robert Habeck ver­
schließlich ein Klimaschutzsofortprogramm. An dieser Stelle ein kleiner polit-archäologischer (Forsa) 31. 8.: erfolgreich und fehl am Platz war. glichen, sondern mit Olaf Scholz und Armin­
10
Warum profitieren die Grünen nicht von der Einschub, der wichtig ist, um zu verstehen, warum Bei Baerbock dagegen schwärmen Kollegen von Laschet. Im Triell hat sie das getan, was Katrin
Klimakrise? Weil sie vor lauter Forderungen keine die Grünen derzeit so eklatant unter ihren Möglich- Union: 21 % Göring-Eckardt von ihr nur behauptet hatte: Sie
ihrer Leidenschaft für Gremienarbeit. Vor ihrer Zeit
Sprache finden, weil sie bei all den »Projekten« die keiten bleiben: Obwohl das manche in der Partei Grüne: 18 % als Parteichefin engagierte sie sich sogar als Vorsit- hat gestanden. Und zwar als Frau zwischen zwei
Größe des Problems lieber gar nicht erst benennen. glauben, basierte der Erfolg der letzten drei Jahre zende der Antragskommission, ein Hardcore-Partei- Männern, als einzige Oppositionelle unter zweien,
Und so entsteht das Paradox: Die Klimakrise ver- nicht darauf, dass die Grünen die weltbesten Inhalte amt, allerdings auch eines, in dem man die grüne denen 16 Jahre Regieren in den Anzügen hängt.
schärft sich – und den Grünen fehlen die Worte. hatten und es nur ein bisschen dauerte, bis das alle Seele besonders gut erforschen kann. Hier liegt die Annalena Baerbock trägt nicht mehr die Last
Nur zur Erinnerung: Die nächsten Jahre werden verstanden hatten. Vielmehr verfügten sie über die 0 eigentliche Kongenialität des erfolgreichsten Spit- von 28 Prozentpunkten auf den Schultern. Sie
über die nächsten Jahrhunderte entscheiden, eine überzeugendste Deutung der Gegenwart. Seit 2018 April Mai Juni Juli August zenduos der jüngeren deutschen Parteiengeschichte: kann angreifen.
Revolution steht an, die alle Lebensbereiche durch- näherten sie sich der Politik nicht von der Tagesord- Foto: Roman Pawlowski für DIE ZEIT;
Habeck stand für die Ambition, Baerbock für die
dringt, alle Menschen fordert, die Art des Wirt- nung, sondern vom Grundsätzlichen. Widersprüche ZEIT-GRAFIK/Quelle: wahlrecht.de, ZEIT ONLINE Integration. Habeck trieb die Grünen an, Baerbock  www.zeit.de/vorgelese
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 POLITIK 5

Das große Zittern

Illustration: Nadine Redlich für DIE ZEIT


Die Union rechnet mit dem Schlimmsten – Besuch bei einer Partei im Absturz  VON TINA HILDEBRANDT UND MARIAM LAU

M
it Armin Laschet würde »Den Leuten geht der Arsch auf Grundeis.« keine Rolle mehr spielen. Nun ist der Fall eingetrof- Sie muss aber gar nicht persönlich anwesend sein, aus?« Wenn er es täte, wäre die Rote-Socken-­
es nicht einfach werden, »Wenn wir verlieren, dann ist das so. Dann waren fen – nur dass davon Olaf Scholz profitiert und nicht um für Laschet dasselbe Problem zu verursachen, Kampagne der Union schnell am Ende. Und bis-
das hatte die CDU ge- wir eben einfach nicht gut genug. Im Moment sind Armin Laschet. unter dem schon seine Vorgängerin Annegret Kramp- her hat sie sich in den Umfragen noch nicht nie-
ahnt. Aber etwas wissen wir nicht so gut, oder?« Im Wahlkampf, sagt einer aus dem CDU-Vor- Karrenbauer gelitten hat: Wer etwas Neues machen dergeschlagen, eher droht Verlust von Wählerstim-
und es dann erleben, ist Hoffnung klingt in der CDU momentan so: »Die stand, gehe es darum, Bilder zu erzeugen. In die- men auf dem linken Unionsflügel. Bis in die
will, der sagt damit unweigerlich, dass das Alte nicht
zweierlei. Jetzt erlebt die CDU ist nicht gerade hip. Aber wenn alle Nicht- sem Fall: die Bilder mit Merkel zu ersetzen. Wer so gut war. Und gefährdet damit das, was die CDU Unions­spitze hinein macht sich zugleich ein ande-
Partei, die sich seit 1945 Hipster der Republik uns wählen, wär’s ja gut.« schüttelt Putin die Hand? Wer sitzt auf den­ noch vom Schicksal der 19-bis-20-Prozent-Volks- rer Gedanke breit: Hat die Partei womöglich ein
als geborene Regierungspartei empfindet, wie der In den CDU-Geschäftsstellen, so erzählt ein Prä- komischen Stühlchen im Weißen Haus? »Da­ partei SPD trennt: den Merkel-Bonus. weitaus größeres Problem als einen Kandidaten,
erste wirkliche Wahlkampf, den sie nach 16 Jah- sidiumsmitglied, bleiben die Wahlkampfbroschüren, sehen die Leute Armin noch nicht. Die sehen eher der nicht zieht? »Als neulich Kurt Biedenkopf­ge-
ren Merkel führen muss, einfach implodiert.­ die aus der Bundeszentrale kommen, auf großen Scholz. Weil der eben als Vizekanzler schon auf Wer jetzt in die Opposition muss, wird storben ist«, so überlegt eine Laschet-Unterstütze-
Inzwischen ist sogar das Undenkbare geschehen: Stapeln ungenutzt liegen. »Früher hat man sich das diesen Stühlen sitzt.« Man müsse versuchen, den womöglich lange dort bleiben rin, »da hab ich bei mir gedacht: Wer ist da eigent-
Die CDU landet in Umfragen hinter der SPD. mit ein paar Leuten geschnappt und ist in Aufbruchs- Kandidaten irgendwie in diese Bilder reinzuschie- lich heute noch, der für uns über den Tag raus-
Armin Laschet liegt im Direktvergleich ohnehin laune an den Stand. Heute geht man mit zusammen- ben. Momentan gelinge das noch nicht. Von der Nun soll es eine Wiederauflage der Rote-Socken- denkt? Der die CDU intellektuell herausfordert?«
meist weit hinter seinen Mitbewerbern. Viele gebissenen Zähnen, weil man eh weiß, was kommt: ersten Fernsehdebatte, dem sogenannten Triell, Kampagne richten. Scholz sei nur das bürgerliche In der siegverwöhnten CSU kommt ein Herbst-
haben den eigenen Kandidaten im Grunde auf- ›Ich hab euch immer gewählt – aber den Laschet will hatte Laschet sich viel erhofft. Doch auch wenn Gesicht einer linken, antikapitalistischen Partei – gefühl auf: Wer jetzt in die Opposition muss, wird
gegeben. Man versucht, irgendwie um ihn herum ich nicht.‹« Dann, so erzählt ein Wahlkämpfer im sich Parteifreunde bemühten, ihn zum Sieger aus- ein bisschen wie bei der Heirat mit einer schreck- womöglich lange dort bleiben. »Dann gehen wir den
zu kämpfen. Und nicht zu viel an den 26. Sep- Osten, habe man zwei Möglichkeiten: »Entweder ich zurufen, die Zuschauer sahen es anders. Eine erste lich netten Familie, wo dann plötzlich die Cousins Weg aller anderen großen europäischen Mitte-rechts-
tember zu denken. rede alles schön, das ist nicht mein Ding. Oder ich Umfrage, die die Sender RTL und ntv in Auftrag und Cousinen Esken, Kühnert und Linkspartei Parteien. Von denen ist fast nichts mehr übrig.«
Was macht es mit einer Partei, die seit einer­ sage: Gib mir wenigstens die Erststimme!« gaben, sah Scholz mit Abstand vorn. heißen. Wahlkämpfer wie Paul Ziemiak oder Armin Laschet, der Mann, der in drei Wochen
Dekade mit satten Mehrheiten das Land regiert, Eine Laschet-Unterstützerin aus der Parteispitze Was, fragt man sich verzweifelt in der CDU, hat Ralph Brinkhaus sind fest davon überzeugt, dass zum Kanzler der Bundesrepublik gewählt werden
wenn die Zustimmung der Wähler sich stabil bei berichtet, im Präsidium verzichte man mitunter Scholz bloß, das Laschet nicht hat? Unter anderem ihre Stammwähler damit zu mobilisieren sind. will, hat in seinem Wahlkreis Aachen vorsichtshalber
gerade mal etwas über 20 Prozent einpegelt? schon darauf, die Strategie des Kandidaten zu kriti- ein entspanntes Verhältnis zu Angela Merkel. Für die Diese hätten lange gedacht, Laschet werde es­ nicht für das Direktmandat kandidiert. Er steht auf
sieren: »Man will doch nicht auf jemanden eintreten, Süddeutsche Zeitung stellte der Vizekanzler sich kühn ohnehin, und dann könne man auch mal Grüne Platz eins der Landesliste. Mit einer paradoxen Folge:
»Im Moment sind wir nicht der schon am Boden liegt.« Einer, der in der Fraktion mit Merkel-Raute vor die Kameras. Wenn man­ oder FDP wählen. Aber die Aussicht auf ein Je schlechter Laschets Partei in NRW abschneidet,
so gut, oder?« am lautesten für Markus Söder gekämpft hat, sagt dagegen nach den Ursachen der Misere der CDU Linksbündnis treibe sie nun wieder zurück, spe- desto besser seine Chance, überhaupt in den Bundes-
jetzt: »Als guter Parteisoldat steh ich jetzt am Stand forscht, stößt man unweigerlich auch auf ein Problem ziell Wähler aus der Wirtschaft. tag einzuziehen, weil die Liste nur relevant wird,
Wenn man dieser Frage nachgeht, trifft man viele und verteidige Armin Laschet. Aber wo sind eigent- namens Merkel. Die Kanzlerin ist der letzte Trumpf Immerhin trifft es sich für die Union, dass man wenn weniger Direktmandate erreicht werden.
Frauen und Männer in der CDU, die sich nicht gern lich all diejenigen aus der Parteispitze, die ihn gegen der Partei – und gleichzeitig eine dauernde Bürde. mit dem rot-rot-grün regierten Berlin, wo ebenfalls In der Fraktion des Bundestags werden diejeni-
zitieren lassen wollen, weil das, was sie zu sagen­ die Basis durchgedrückt haben?« Kommt Merkel zu Wahlkampfveranstaltungen, ist am 26. September gewählt wird, für die Warnung gen sitzen, die noch Direktmandate bekommen
haben, so wenig erfreulich ist für die Partei. Man trifft Ein Treffen mit einem Laschet-Vertrauten im sie die Nummer eins, die die formale Nummer eins vor dem Linksbündnis ein real existierendes Bei- haben. Das sind in der CDU die Arrivierten, die
auf viele Grade an Verzweiflung, auf Wut und Rat- Juni. In wenigen Wochen, prognostizierte der Mann, überstrahlt. Kommt sie nicht, heißt es: »Schon­ spiel für die Ineffizienz und Verantwortungsdiffu- Älteren, dann Ex-Regierungsmitglieder, Ex-Staats-
losigkeit. Man trifft Sarkasmus und ganz, ganz selten würden die Grünen in den Umfragen absinken. gehört? Merkel macht keinen Wahlkampf für die sion hat, die man anprangern möchte. Dem Ein- sekretäre. Friedrich Merz säße mit Wolfgang
auch ein bisschen Kampfesmut. Dann würde aus dem Dreikampf wieder der alt­ CDU.« Nun soll die Kanzlerin zweimal auftreten, wand, Scholz mache nicht den Eindruck, als wolle Schäuble im nächsten Bundestag, während viele
Was man hört, klingt so: bewährte Zweikampf, SPD gegen CDU, und dann genug, um den Eindruck zu kontern, sie sei auf Dis- er morgen aus der Nato austreten oder die Schwer- Jüngere nicht reingekommen wären. Das wäre dann,
»Bei Lafontaine und Wagenknecht kommen 700 würde die Sympathie-Lücke zwischen Laschet und tanz zu Laschet. Zu wenig, um vom Kandidaten ab- industrie verstaatlichen, hält Ziemiak entgegen: wie ein Gesprächspartner sagt, »der Stoff, aus dem
Leute. Warum können die das und wir nicht?« der als frisch empfundenen Annalena Baerbock zulenken – und Begeisterung zu entfachen. »Warum schließt er ein Linksbündnis dann nicht lange Oppositionsjahre gemacht werden«.

Eine Sonderveröffentlichung von Engagement Global und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zur Agenda 2030

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Von Schulausfall und Zwangsheirat 83 %


aller Kinder gingen
Es ist eine Generationenkatastrophe, dass sie in ihre Ausbildung zurückkehren, men und ein selbstbestimmtes Leben zu » betroffen, wobei die Dunkelziffer vermut-
vor Corona weltweit
zur Schule.
vor der die UN warnt: Weil im Zuge sinken drastisch. Und wer einmal die führen. Es ist sehr wichtig, dass wir lich sechsmal so hoch ist. Umso wichtiger
des Corona-Lockdowns weltweit Schule verlassen hat, hat später kaum Wie unter einem Brennglas macht die ist, Gewalt und Diskriminierung, aber
den Frauen und Mädchen eine
der Schulunterricht ausfiel, erreich- Chancen, der Armutsspirale zu entkom- Coronakrise deutlich: Das Ziel der Ge- auch Bildungsarmut nicht nur auf der
ten über 100 Millionen Kinder und
Jugendliche nicht einmal die mini-
schlechtergleichheit (SDG 5) bleibt ohne
den Zugang zu hochwertiger Bildung für
Stimme geben und ihnen klar
sagen, was ihre Rechte sind,
Südhalbkugel zu verorten, sondern auch
vor der eigenen Haustür offen zu benen-
13 Mio.
male Lesekompetenz. Und das, alle (SDG 4) unerreichbar. Und in beiden nen und dagegen vorzugehen. Mädchen werden durch
und sie dadurch so stärken,
obwohl man seit den 1970er-Jahren » Bereichen gab es durch die Pandemie
dass sie ihre Rechte auch Denn auch das deutsche Bildungssys- die Folgekrisen von Corona
zu Früh- oder Zwangsheiraten
große Erfolge erzielt hatte: Weltweit große Rückschritte. tem steht vor großen Herausforderungen,
konnte die Alphabetisierungsrate
Ob in Burundi, Uganda, Um diesen Teufelskreis durchbrechen einfordern können. sind doch vor allem ärmere Kinder von gedrängt.
bis 2019 von 67 auf 87 Prozent gestei- Ghana und Ruanda: Uns zu können, muss sich die Weltgemein- « pandemiebedingten Lernverlusten be-
gert werden. sind sichere Unterkünfte auf schaft für beide Nachhaltigkeitsziele Kathrin Hartkopf, troffen. Aufholbedarf gibt es auch beim

Und: Bis zum Pandemiebeginn gingen


dem Schulgelände besonders starkmachen. Entscheidend ist nicht nur,
Grundbildung, berufliche und Hochschul-
Kinderhilfswerk »Plan International« Gender-Pay-Gap: Im Jahr 2020 verdien-
ten hierzulande Frauen 18 Prozent weni-
214 Mio.
wichtig. So sind Mädchen Frauen haben keinen
noch über 83 Prozent aller Mädchen zur ausbildung zu stärken, sondern gleichzei- ger als Männer, weltweit liegt er teilweise
Schule. Aber gerade Mädchen leiden un- beim Lernen mit Strom und tig auch Diskriminierung, Gewalt und Aus- noch deutlich höher. Zugang zu modernen
ter der weltweiten Wirtschafts- und Ar- warmem Essen versorgt, haben beutung zu bekämpfen. Im Zentrum: das Wie sich Geschlechtergleichheit und Methoden der
mutskrise, die durch COVID-19 ausgelöst Ziel der Vereinten Nationen, Kinderheira- wird gegen das Recht von Frauen auf Ge- Bildung verbessern lassen, darüber spra- Familienplanung.
einen sicheren Schlafplatz
wurde. Frauen haben dabei als Erste ihre ten bis 2030 zu beenden sowie eine sundheit, Sicherheit und körperliche Un- chen Top-Model und Stiftungs-Gründerin
und sind vor sexuellem
Jobs verloren, Millionen von ihnen sind in Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuali- versehrtheit verstoßen, sondern auch in Toni Garrn, Jamila Tressel von »Schule im
extreme Armut zurückgefallen. In dieser Missbrauch geschützt. sierter Gewalt wie die weibliche Genital- Deutschland, wo 2020 über 67.000 Fälle Aufbruch«, Kathrin Hartkopf (Plan Inter-
wirtschaftlichen Not werden Mädchen « verstümmelung. Weltweit leiden 200 Mil- aktenkundig waren. Zudem sind jedes national) sowie Zukunftsforscher Peter
vermehrt zu Kinderehen und so zu früher Toni Garrn, Model und Gründerin lionen Frauen und Mädchen darunter. Jahr Hunderte Mädchen mit deutscher Spiegel im aktuellen Video-Cast auf ZEIT
Mutterschaft gezwungen. Die Chancen, der »Toni Garrn Foundation« Aber nicht nur in Entwicklungsländern Staatsangehörigkeit von Zwangsheiraten ONLINE.

ONLINE TALK
Das neue Video-Cast von »Zeitfragen des Jahrhunderts« mit Toni Garrn (Model),
Kathrin Hartkopf (Plan Internationaal), Jamila Tressel (Schule im Aufbruch) und
Peter Spiegel (WeQ Institute) ist abrrufbar unter: www.zeit.de/zeitfragen
6 POLITIK 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

»Vielleicht
war man sich
zu sicher«
In Ländern wie Australien steigen
die Inzidenzen trotz extremer Maßnahmen.

Fotos: AAP/imago; Verena Meier/HZI (u.)


Ist die No-Covid-Strategie gescheitert?
Ein Interview mit einer ihrer Verfechterinnen,
der Virologin Melanie Brinkmann

Im australischen Sydney sind die Corona-Inzidenzen so hoch wie noch nie

DIE ZEIT: Frau Brinkmann, selbst einstige Muster- ZEIT: Noch im Frühjahr hatten Sie mit mehreren last und viele Tote. Genau diesen Zustand woll- funktioniert. Und eigentlich wissen wir genau, Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach Anfang der
länder der Virusbekämpfung wie Australien oder Wissenschaftlern eine No-Covid-Strategie für ten wir verhindern. was funktioniert: Es sind nun mal die Masken, es Woche. Ihn verwundere es, dass die Kinderärzte
Neuseeland sind mit der Delta-Variante überfordert. Deutschland gefordert. Schon bei niedrigen In­fek­ ZEIT: Worin genau besteht der Unterschied zwi- ist das umfangreiche Testen, effiziente Kontakt- angesichts der Dimension der Durchseuchung
Ein Null-Covid-Ziel sei »völlig unrealistisch«, sagt tions­zah­len sollte es konsequente Maßnahmen ge- schen eliminieren und ausrotten? nachverfolgung und das strikte Einhalten der schwiegen. Verwundert Sie das auch?
zum Beispiel die Premierministerin des australischen ben, um Infektionswellen im Keim zu ersticken. Brinkmann: Das Virus zu eliminieren heißt, es so Quarantäne, zusätzlich zur Impfung. Eigentlich Brinkmann: In einigen Bundesländern sind ja
Bundesstaates New South Wales. Ist die No-Covid- Wenn sich nun aber auch Australien und Neusee- weit zu kontrollieren, dass es keinen großen Scha- hätten wir alle Maßnahmen zusammen. Umso noch Sommerferien, dort sind die Infiziertenzah-
Strategie gescheitert? land davon verabschieden, die Infektionszahlen um den mehr anrichten kann. Für die Delta-Variante mehr beunruhigt es mich, wenn jetzt die ersten len noch niedrig. Ich denke also, dass viele Kin-
Melanie Brinkmann: Beide Staaten sind mit ihrem jeden Preis klein halten zu wollen: Was bedeutet das bedeutet das, dass deutlich mehr als 80 Prozent der Bundesländer von diesen Maßnahmen abrücken, derärzte bislang noch gar keine infizierten Patien-
Ziel, das Virus im Land möglichst auszurotten, für für Deutschland? Bevölkerung geimpft sein müssen, also fast alle­ wenn hier und dort schon wieder alles aufge- ten hatten. Das wird im Winter, wenn an Schulen
sehr lange Zeit sehr gut gefahren. Es gab kaum Brinkmann: In Australien und Neuseeland fängt Erwachsenen, solange Kinder unter zwölf nicht ge- weicht oder infrage gestellt wird. Lassen Sie es keine Maßnahmen wie Tests, Masken und Luft-
Tote und Kranke, und das gesellschaftliche Leben genau die Debatte an, die wir immer schon hat- impft werden können. Erst dann kann sich das­ mich ganz klar sagen: Wir rauschen gerade in eine reiniger eingesetzt werden sollten, anders ausse-
war über lange Zeit fast normal. Aber es ist schwie- ten: Kann man mit dem Virus leben, oder muss Virus nicht mehr exponentiell ausbreiten oder unser ähnliche Situation wie im vergangenen Herbst. hen. Leider ist es ja oft so: Man muss den Schre-
rig, diesen Ansatz aufrechtzuerhalten, wenn sich man es eliminieren? Ein Missverständnis von Gesundheitssystem bedrohen. Man lebt dann mit Man wirft teilweise gute Maßnahmen über Bord cken erst sehen, bevor man an ihn glaubt.
die Delta-Variante des Virus im Rest der Welt­ No-Covid in Deutschland ist ja, dass man mei- dem Virus – aber unter Bedingungen, die wir Men- bei noch zu geringer Impfquote – nur um in­ ZEIT: Mit welchen Infektionszahlen rechnen Sie
nahezu ungebremst verbreitet. Das spezielle Pro- nen Kollegen und mir unterstellt hat, wir woll- schen kontrollieren. Ausrotten lässt sich das Virus wenigen Wochen dann entsetzt festzustellen, dass in diesem Herbst bei Kindern?
blem in Australien und Neuseeland ist nun, dass in ten das Virus ausrotten und wollten einen langen nicht mehr. Dieser Zug ist für die nächsten Jahre das vielleicht doch keine allzu gute Idee war. Brinkmann: Man kann ziemlich genau ausrech-
beiden Ländern noch viel zu wenige Menschen­ und harten Lockdown. Das stimmt so einfach abgefahren. Langfristig ist es theoretisch möglich. ZEIT: Wie wird die vierte Welle hierzulande aus- nen, wie viele Kinder erkranken und hospitalisiert
geimpft sind. Das mag damit zu tun haben, dass nicht. Wir wollen es schnell eliminieren, um ZEIT: Die Zahlen in Australien und Neuseeland fallen, womit rechnen Sie? werden, wenn wir eine Durchseuchung stattfin-
man sich dort vielleicht zu sicher war, das Virus im dann mit möglichst geringen Maßnahmen klar- steigen trotz strenger Lockdowns. Das heißt doch Brinkmann: Wenn man sich die Infiziertenzahl den lassen. Die Amerikaner haben das gerade in
Griff zu haben. Beide Staaten haben einfach Pech zukommen. Und eins haben wir hierzulande ge- für Deutschland, dass ein weiterer Lockdown hier- anschaut, dann ist die Wachstumskurve sogar einem Report publiziert: Demnach kommen 0,1
gehabt, dass Delta kam, bevor sie einen Großteil lernt: Wenn man zu spät und halbherzig reagiert, zulande auch nichts mehr bringen würde, oder? steiler als vor einem Jahr. Entsprechend wird auch bis 1,9 Prozent aller Kinder, die positiv auf Sars-
der Bevölkerung geimpft hatten. Trotzdem halte wenn exponentielles Wachstum bereits vorliegt, Brinkmann: Ich glaube, dass wir ohne Lockdown die Zahl der belegten Intensivbetten recht bald CoV-2 getestet werden, ins Krankenhaus. Von
ich den Ansatz für richtig, keine Infektionen im dann gerät das Infektionsgeschehen außer Kon- klarkommen könnten. Ein Lockdown ist ja immer stark ansteigen. Das bedeutet nicht, dass wir diesen Kindern sterben bis zu 3 Prozent. Das
Land haben zu wollen. trolle, und wir kassieren eine hohe Krankheits- nur das letzte Mittel, wenn alles andere nicht mehr zwangsläufig im Lockdown landen werden. Denn klingt erst einmal wenig, ist aber bei mehreren
was wir ebenfalls gelernt haben, ist, dass die Bür- Millionen ungeimpften Kindern im Land sehr
ANZEIGE ger ihr Verhalten ändern und von sich aus wieder viel. Es könnten in Deutschland also mehrere
vorsichtiger werden, sobald sich die Lage auf den Hundert Kinder und Jugendliche im kommen-
Intensivstationen zuspitzt. Aber es wird wieder den Winter ihr Leben verlieren, wenn die nicht
deutlich mehr Erkrankte und Tote geben. Und geimpften Kinder und Jugendlichen durchseucht
im Unterschied zum vergangenen Jahr sind es würden, was ich persönlich für vollkommen
nicht mehr die 70- und 80-Jähri- falsch hielte. Und da ist jetzt die Fra-
gen, die auf den Intensivstationen ge, was toleriere ich als Gesellschaft?
liegen, sondern die 50-Jährigen und Wie viele hospitalisierte Kinder, wie
noch Jüngere. Also Menschen, die viele tote Kinder lasse ich zu?
mitten im Leben stehen und eigent- ZEIT: Aber zu der von Ihnen ange-
lich noch viele Jahre vor sich hätten. sprochenen Durchseuchung muss es

GREEN
Wenn ein 40-Jähriger stirbt, verliert ja nicht kommen.
er ungefähr 40 Lebensjahre. Brinkmann: Und genau das ist die
ZEIT: Vor einem Jahr waren in politische Diskussion, die wir als
Deutschland zu dieser Zeit rund Gesellschaft jetzt führen müssen.
250 Intensivbetten belegt, jetzt sind Ich kann es politisch verstehen, dass
es fast viermal so viele, nämlich Brinkmann lehrt es hierzulande keinen Impfzwang
rund 1000. Knapp die Hälfte dieser als Professorin in für Erwachsene gibt. Um die Pan-
Patienten wird beatmet. Wir stehen Braunschweig demie schnellstmöglich zu beenden,
also schlechter da als 2020, obwohl wäre eine vollständige Impfung der­
die Zahl der Geimpften steigt und Erwachsenen allemal sinnvoll. Und
steigt. Wie passt das zusammen? ich kann auch verstehen, wenn die Menschen
Brinkmann: Das passt zusammen, weil die Delta- nach mehr als einem Jahr Pandemie ihre Freiheit
Variante viel infektiöser ist und daher 40 Prozent zurückhaben wollen. Aber wenn man keine
Ungeimpfte ausreichen, um ein gewaltiges Wachs- Masken mehr trägt, wenn man aufs Testen, Kon-
tum der Infiziertenzahlen zu ermöglichen. Außer- taktnachverfolgung und Quarantäne verzichtet
Das neue Nachhaltigkeitsressort. dem steigt die Zahl der Geimpften nicht mehr so und dann gleichzeitig die ungeimpften Kinder
stark wie zu Beginn des Impfens. Der Impf­ in die Schulen schickt, dann werden sich diese
Für Menschen, die nach Lösungen suchen. fortschritt flacht leider ab. Wir sind jetzt bei 60 Kinder unweigerlich zum Großteil infizieren –
Prozent der Bevölkerung, die zweimal geimpft auf dem Schulweg, in der Schule oder am Nach-
sind, das reicht einfach nicht! Auf den Intensiv- mittag beim Spielen mit den Freunden. Die
stationen liegen vor allem Ungeimpfte. Das sind Delta-­ Variante des Virus ist hochansteckend,
Menschen, die dort nicht hätten landen müssen, doppelt so infektiös wie die Variante vor einem
wenn sie sich hätten impfen lassen. Aber das ­haben Jahr. Das ist bei vielen Menschen offenbar noch
sie entweder nicht gewollt, nicht gekonnt, oder sie nicht angekommen.
Ab 9. 9. in wurden nicht gut genug aufgeklärt. Die Hälfte ZEIT: Als Sie mit Ihren Wissenschaftlerkollegen
dieser Menschen wird jetzt beatmet, und wer beat- vor gut einem Jahr Ihre No-Covid-Strategie prä-
der ZEIT met wird, das wissen wir inzwischen, hat eine­ sentierten, konnte sich kaum jemand vorstellen,
extrem schwere Rehabilitation vor sich, wenn er dass wir im Spätsommer 2021 noch immer so
oder sie die Intensivstation lebend verlässt. Über tief im Schlamassel stecken. Aber auch in
Long Covid haben wir da noch gar nicht gespro- Deutschland ist von No-Covid keine Rede mehr.
chen, wir beginnen gerade erst, die langfristigen Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis der letz-
Folgen dieser Erkrankung zu verstehen. Wir wis- ten zwölf Monate?
sen, dass das Virus zum Beispiel zu kognitiven Brinkmann: Unsere Strategie war, die Gefähr-
Einschränkungen bei Erwachsenen führt, aber dung und die Krankheitslast für die Bevölkerung
wer sagt uns, dass da nicht noch mehr kommt? möglichst gering zu halten, bis genügend Men-
ZEIT: Jeder Erwachsene kann sich für oder gegen schen geimpft sind. Das ist immer noch richtig.
eine Impfung entscheiden, das liegt an jeder und Ich würde mir Politiker wünschen, die genau
jedem ganz allein. Kinder unter zwölf haben diese dieses Ziel jetzt bekräftigen, statt über »Frei-
Wahl nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass an- heitstage« oder andere symbolische Handlungen
dere sie schützen. Werden wir Erwachsene unserer zu schwadronieren. Im Autoverkehr sagt man
Jetzt 4 Wochen testen: Verantwortung gegenüber den Kindern gerecht? doch auch nicht: Wir lassen das jetzt mal mit
www.zeit.de/anders Brinkmann: Ja, wenn man sich impfen lässt. Alle, den Anschnallgurten, weil wir genügend freie
die sich nicht impfen lassen: Nein. Krankenhausbetten haben. Das irritiert mich
ZEIT: In Nordrhein-Westfalen sei die Inzidenz bei schon sehr.
Kindern inzwischen so hoch, dass auch seltene
Komplikationen vorkämen, twitterte der SPD- Die Fragen stellte Marc Brost

110318_ANZ_220x220_X4_ONP26 1 20.08.21 15:19


DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 POLITIK 7

W
enn es um ihre Lebens- passierte. Warum wurden Restaurants und Hotels
leistung geht, erfährt sie geschlossen und nicht Großbaustellen oder Fließ-
gerade eine Menge Zu- bänder in Fabriken? Warum wurde in den Lager­
spruch. Politiker aus aller hallen etwa von Amazon oder den Fleischfabriken
Welt verneigen sich vor etwa von Tönnies weitergearbeitet, in Kindergärten
ihr, und auch in den oder Theatern aber nicht? Warum wurden Univer-
meisten Medien ist die sitäten und Schulen geschlossen? Warum hat es aber
Rede von einer großen Kanzlerin. Wäre Corona kaum Einschränkungen bei der Bahn gegeben?­
nicht passiert, hätte ich mich dieser Beurteilung Warum und warum nicht, das hätte man begründen
angeschlossen. Doch die Pandemie hat dafür ge- können, natürlich. Klar, ganz einfach wäre es nicht
sorgt, dass sich mein Blick auf Angela Merkel und gewesen, man hätte reden müssen, über die Unter-
ihre Jahre als Kanzlerin völlig verändert hat. schiede zwischen dem großen Geld und dem kleine-
Es gibt ein Schlüsselerlebnis für meine Ent- ren Geld. Am Ende hätten viele verstanden, dass es
fremdung. Es war der 24. März dieses Jahres, die so sein muss, und einige nicht.

A
Kanzlerin trat ans Mikrofon: »Ich bitte alle Bür-
gerinnen und Bürger um Verzeihung.« Man erin- ngela Merkel hat in der gesamten
nere sich: Es gab eine Verschärfung der Corona- Pandemie nach der ersten März-Rede
Situation, viel war schiefgelaufen, die Impfkam- nie wieder versucht, ein Gemein-
pagne stotterte, die Zahl der Corona-Toten­ schaftsgefühl herzustellen. Als würde
erreichte neue Höchststände. Das alles wären sie sich fürchten vor dem großen
Gründe gewesen für diese Bitte der Kanzlerin um Bild. Sie blieb nur noch die Mahnerin, sie warnte,
Verzeihung. Aber sie wählte die dramatischen sie geißelte den Leichtsinn. Sie gefiel sich im­
Worte für etwas anderes. Am Tag zuvor hatte sie Heben des Zeigefingers. Die Angst stand im Vor-
mit den Ministerpräsidenten eine sogenannte­ dergrund. Bis heute scheint es so, als würde sich
Osterruhe beschlossen, während der auch Firmen Angela Merkel am liebsten an einer Zahl messen
und Lebensmittelläden geschlossen bleiben soll- lassen: 92.000 Corona-Tote. Im Verhältnis zu­
ten. Diesen Beschluss korrigierte sie nun, weil vor anderen Ländern ist das doch gar nicht schlecht.
allem die Wirtschaft dagegen Sturm gelaufen war. Barack Obama hat ein fantastisches Buch über
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Es waren die ersten Jahre als US-Präsident geschrieben. Es
Tausende von Menschen in Altenheimen elendig ist so beeindruckend, weil er seine Geschichte im
gestorben, weil Politik und Gesundheitsmanage- Weißen Haus unter ein Spannungsverhältnis stellt:
ment nicht in der Lage waren, die Leute zu schüt- Was ich wollte, als ich in dieses Amt kam, und was
zen oder ihnen wenigstens einen würdigen Tod zu dann geschah. Obama beschreibt sich in weiten
erlauben. Es war kurz vor Ostern längst klar, wie Teilen des Buches als Gescheiterten, der dennoch
schlimm Kinder und Jugendliche vom Lockdown nicht bereit war aufzugeben. Er schildert ­Momente
erwischt wurden, es war längst die Rede von einer tiefer Frustration, wenn er hilflos die immer weiter
eigenen Pandemie, die den Nachwuchs in die Iso- aufbrechende Spaltung seines Landes in zwei zer-
lierung und die Psychiatrie getrieben hat. strittene Lager erlebt. Und wie er immer wieder
»Ich bitte um Verzeihung.« Das war definitiv der auf der anderen Seite versucht, geglückte Lebens-
richtige Satz, es hätte einer ihrer größten Sätze wer- geschichten einzelner Menschen, die ihm ins Wei-
den können. Er hätte die Chance gehabt, dass danach ße Haus Briefe schrieben, als Kraftquelle fürs Wei-
doch ein Dialog zwischen Politik und den Bürgern termachen zu nutzen.
gelingt. Sehr viele Deutsche wären dazu bereit gewe- Dieses Spannungsverhältnis gibt es im Politik-
sen, die Entschuldigung anzunehmen, sie sehnten verständnis von Angela Merkel nicht. Wenn ich
sich geradezu danach. Denn natürlich hatten sie Ver- nur könnte: Das war eine Fiktion im Auge des­
ständnis dafür, wie schwer und schicksalhaft politi- Betrachters. Es gab bei ihr keine wirklichen Ziele,
sche Verantwortung in diesen Monaten wog. Aber keinen Plan. Es gab professionelles Management.
für was bat die Kanzlerin um Verzeihung? Für die Das wurde mir während der Corona-Krise klar. Sie
Rücknahme einer unbedeutenden Entscheidung. Die hinterlässt nach 16 Jahren Regierungszeit ein Land
Wursttheke hat jetzt doch am Gründonnerstag­ in schwieriger Verfassung. Viel mehr als ein Ach-
geöffnet. Wie sich wohl die schwer Betroffenen­ selzucken hat sie dafür nicht übrig. Als stelle sie
gefühlt haben, als sie dieser Erklärung ihrer Kanz- nur eine Gegenfrage: Habe ich jemals was anderes
lerin zugehört haben? War das einer dieser Momen- versprochen? Vermutlich hält sie das Politik­
te, an dem Menschen beschließen, sich von der verständnis von Obama für einen Fehler: Wer die
Demokratie abzuwenden, weil sie die Verlogenheit großen Pläne macht, droht zu scheitern. Was sie
nicht mehr ertragen? dabei vergessen hat: Es kann noch viel trostloser,
Angela Merkel hat den Ruf, ihre Worte sorgfältig enttäuschender sein, wenn immer nur der Status
zu wägen. Dieser 24. März ist ihr vermutlich nicht quo als Maß aller Dinge genommen wird.
einfach passiert. Sie übernahm Verantwortung für Es gibt ein Fernsehinterview mit Angela Mer-
einen vergleichsweise lächerlichen Fehler. Vielleicht kel aus dem Jahr 1991. Damals war sie gerade ein
war es das zynische Kalkül, ein bisschen Emotion im Jahr in der CDU und stand schon vor der Beru-
Falschen müsste reichen. Die großen Worte zur fung zur Stellvertreterin von Helmut Kohl, dazu
großen Tragik, das lässt man lieber. Zynismus? Nichts war sie Ministerin für Jugend und Familie. Sie­
scheint weiter weg von dieser Kanzlerin zu sein. Was erzählt von ihrem Vater, dem Pastor, der immer
ist es dann? Ich begriff in diesem Moment ein Prinzip eine Sehnsucht hatte nach einem gerechteren­
ihrer Art, Politik zu betreiben. Sie nimmt ein Detail Leben. Merkel sagt, sie sei da anders, sie brauche
heraus, versteckt sich geradezu dahinter – und lässt das nicht, sie habe »Sehnsucht nach dem Mach-
Foto ­[ M]: photothek/imago

das große Bild links liegen. In diesem Corona-Augen- baren«. In dem Interview sagt sie, sie möge Kom-
blick ist diese Methode kräftig schiefgegangen. promisse in der Politik, aber sie sehe auch die­
Ich habe mit vielen Leuten über ihre Politik­ Gefahr, bei zu viel Kompromiss die eigene Wahr-
gesprochen. Irgendwo im Notizblock steht die­ haftigkeit zu verlieren. Man würde sie heute gerne
Erinnerung eines Weggefährten der ersten Stunde fragen, ob sie deswegen irgendwann beschlossen
aus dem Kanzleramt. Frau Merkel habe früh begrif- hat, den Kompromiss als politische Kategorie auf-
fen, wie schwer dieses Land zu bewegen sei, wie sehr Merkel nach einer Pressekonferenz im Oktober 2020. zulösen – und einfach überhaupt keine Position
es eingeschlossen von den gewachsenen Strukturen Hätte sie nicht noch mehr schaffen können? mehr zu beziehen, der man dann einen Kompro-
sei. Sie habe schon nach wenigen Monaten zu ihm miss abringen müsste. Man würde sie gerne fragen,
gesagt: »Wir können so gut wie nichts verändern. Wir ob sie diese Methode Merkel auch deshalb zur Per-
können immer nur reagieren.« fektion getrieben hat, um ein politisches Scheitern
Natürlich kannte ich die Kritik, die sich über die praktisch auszuschließen. Zur Methode Merkel
Jahre an ihr festgesetzt hat. Sie habe keine wirklichen gehört längst, dass der Rücktritt weitestgehend aus
Überzeugungen, sie habe das Land entpolitisiert, die der Politik verschwunden ist.

Die Methode
Merkel-Jahre seien eine bleierne Zeit gewesen. Und Sehnsucht nach dem Machbaren. Ich würde es
so weiter. Merkel, die seelenlose Machtmaschine. Ich anders formulieren. Man konzentriert sich auf
konnte mit dieser Kritik vor Corona nie viel anfan- Details, man verliert sich darin – um wirkliche
gen. Angela Merkel hat oft gesagt, was nütze es, wenn Veränderungen nicht zuzulassen. Ein winziges
sie von etwas überzeugt sei, man brauche im politi- Beispiel: Die Physikerin Angela Merkel hat ihre
schen Geschäft nun mal Mehrheiten, um Dinge­ Nähe zur Wissenschaft oft betont. Viele Forscher
umzusetzen. Ich folgte ihr lange in diesem Gedanken- beklagen, dass die Wissenschaft keine wirkliche
gang. Was wäre geworden, wenn sie gekonnt hätte, Stimme in der Gesellschaft habe. Persönlich ist sie

Merkel
wie sie wollte? den Wissenschaftsfeinden immer entgegengetre-

I
ten. Aber politisch? Da hat sich nicht viel verbes-
ch sammelte gute Geschichten über sie. So sert in ihrer Amtszeit. Der frühere Chef der Deut-
erzählte ein Wissenschaftler von einer nächt- schen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig
lichen Begegnung mit Angela Merkel bei Winnacker, hat bei ihr mal angeregt, nach dem
einer Klimakonferenz. Die Konferenz sei britischen Vorbild im Kanzleramt eine Art »Chief
schrecklich gewesen, das Ergebnis mehr als Scientist« zu installieren, doch der Gedanke wurde
deprimierend. Der Wissenschaftler saß nach Mit- nicht weiterverfolgt. Und es gibt größere Beispiele:
ternacht allein an der hässlichen Hotelbar und Die Kanzlerin hat in der Flüchtlingskrise 2015
trank einen Whiskey, oder zwei. Auf einmal kam Mut und Herz bewiesen, aber sie hat nie ein Kon-
Merkel mit ihrer Entourage in die Lobby. Sie sah
den Wissenschaftler, setzte sich zu ihm und nahm
Wie ich in der Corona-Krise den Glauben an die zept für eine Flüchtlingspolitik vorgelegt. Sie hat
die Energiewende angestoßen, aber ein Plan, wie
auch einen Drink. Sie fragte nach seinem Befin- Kanzlerin verlor  VON STEPHAN LEBERT es weitergeht, kam nie. Oder Europa? Macron
den. Er ließ seinem Frust freien Lauf. Sie hörte zu wollte den großen Plan. Sie nicht.
und sagte: Ich habe früh in diesem Amt eine Barack Obama beschreibt in seinem Buch eine
Grundsatzentscheidung troffen, ich gebe alles, was Szene vor dem Badezimmerspiegel. Es war mitten
ich kann. Und fügte hinzu: Aber nicht mehr. in der Finanzkrise, und es hätte zwei Möglichkei-
Der Wissenschaftler war begeistert: Was für eine ten gegeben: Man hätte die dubiosen Strukturen
intelligente Bemerkung. Sie hätte über die schein­bare kel.« Man kann sich streiten, ob es eine Inszenie- ungewöhnlichen Weg an Sie, weil ich Ihnen sagen leben wollen beziehungsweise wie nicht mehr. Im der Finanzinstitutionen zerschlagen und neu for-
Vergeblichkeit von Politik und darüber, warum man rung oder eine Strategie ist, jedenfalls ist das Prin- will, was mich ... in dieser Situation leitet. Das­ Rückblick, so ist es ja oft mit zerstobenen Hoff- mieren können. Oder man versucht, das Alte zu
weitermachen muss, philosophieren können. Sie zip aufgegangen: Hier ist eine, die sehr genau die gehört zu einer offenen Demokratie: dass wir die nungen, war diese Zuversicht reichlich naiv. stabilisieren und manches leicht zu verbessern. So
hätte große Denker zitieren können. Stattdessen Ketten dieses Amtes kennt, aber auf jeden ­Moment politischen Entscheidungen auch transparent­ Corona hat Missstände freigelegt, im Gesund- kam es bekanntlich. Obama schreibt, wie er sich
dieser Halbsatz: Aber nicht mehr. wartet, wenn sie sich lockern. Wenn ich nur könn- machen und erläutern. Dass wir unser Handeln heitswesen, in der Altenpflege, in Sachen Bildung, anguckt und denkt: Du taugst nicht zum Revolu-
Eine andere Geschichte. Ein Abendessen im te. Vielleicht war dies eines der Geheimnisse ihres möglichst gut begründen und kommunizieren.« Schule, Digitalisierung. Es wurde klar, welchen tionär, du bist nur ein kleiner Reformer.
Kanzleramt. Interessante Menschen sitzen am Tisch, Erfolgs: dass so viele glaubten, Angela Merkel sei Grünen-Chef Habeck lobte die Worte der Kanz- miesen Marktwert manche Menschen in dieser­ Die Bilanz von Angela Merkel: Revolutionärin?
allesamt Befürworter von stärkeren Maßnahmen besser als das, was sie tut. Vielleicht ist dieses Prin- lerin, »weil sie den Dialog mit der Bevölkerung« Gesellschaft haben. Das alles kann einer Kanzlerin Oh Gott. Reformerin, kleine oder große? Nein.
gegen den Klimawandel. Die Kanzlerin gibt den zip auch einer der Gründe dafür, warum ihre Par- begonnen habe. Das Rhetorikseminar der Univer- nicht gefallen, die seit 16 Jahren regiert. Zugegeben, Was bleibt: Verwalterin. Hochintelligent, anstän-
Leuten das Gefühl, sie sehe das genauso. Einer fragt tei, die CDU, derart trostlos wirkt. Wenn die sität Tübingen erklärte die Worte später zur »Rede es hätte Mut gekostet, eine wirkliche Diskussion über dig, mit einem überragenden Gespür für Macht
sie, was sie denn tun könnten, um sie in ihrem Kampf CDU immer ein Klotz an Merkels Bein war,­ des Jahres«, weil es gelungen sei, den Ernst der Lage die Zukunft zu führen. Ohne Fehler zuzugeben, geht und Machterhalt. Wahrlich bemerkenswerte­
zu unterstützen. Merkel antwortete: Bilden Sie wirre warum sollte man diesen Klotz wählen? auszudrücken und trotzdem eine Idee von gesell- so was nicht. Angela Merkel wollte dies nicht. Der Eigenschaften, auch im Hinblick auf Politiker­
Bündnisse. Wieder großer Zuspruch. Was für eine Zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 schaftlicher Zusammengehörigkeit zu entwerfen. angekündigte Dialog verstummte, bevor er angefan- anderer Länder. Und vielleicht ist es ja mehr mein
Formulierung, was für eine kluge Frau. reagierte die Kanzlerin hoch konzentriert, in­ Die Hoffnung hatte also nicht nur ich: Viel- gen hatte. Aus dem großen Dialog wurde nichts, und Problem, dass ich ihre Bilanz gerade angesichts
Der Filmemacher und Schwulen-Aktivist Rosa Abstimmung mit Wissenschaftlern. In ihrer ersten leicht entsteht durch die Seuche eine Diskussion nicht einmal der kleine gelang. In ihrer Rede vom ihrer Fähigkeiten für derart enttäuschend halte.
von Praunheim hat unlängst in der ZEIT gesagt: Krisenrede an das deutsche Volk am 18. März über die Notwendigkeit der Maßnahmen, aber März 2020 hatte sie die Transparenz der politischen
»Ich hasse die CDU, aber ich liebe Angela Mer- 2020 sagte sie: »Ich wende mich heute auf diesem auch darüber, wie wir in diesem Land in Zukunft Entscheidungen versprochen. Doch das Gegenteil  www.zeit.de/vorgelese
8 POLITIK 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

DIE GUTE NACHRICHT

Cassandre
und der Mond
VON DAVID HUGENDICK

Von dunkelromantischen, gefühlvol-


len Schwärmern wissen wir, dass die
Nacht ja die eigentliche Menschheits-
beleuchtung ist. Und bisweilen ent-
fährt solchen dem Tag abgewandten
Geistern ein »O Nacht, Nacht, kehre
zurück! Ich ertrage all das Licht und
die Liebe nicht länger!«, sobald die
Sonne wieder aufgeht. So flehte zum
Beispiel August Klingemanns einsa-
mer Nachtwächter namens Kreuzgang
in die Morgendämmerung, was nicht
nur damals im frühen 19. Jahrhundert
auch als Zeitkritik durchging.
Nun war der Nachtwächter seit
dem Mittelalter ohnehin eine der­
ehrenhaftesten Gestalten in jenen
Stunden, in denen die meisten sich
schon längst hingelegt haben. Leider
sind seine Dienste im 21. Jahrhundert
nicht mehr so gefragt, seit sich­
Patrouillen und Zeitansagen mit der
Erfindung von Notrufnummern und
Armbanduhren weitgehend erledigt
haben, und sofern man unter Nacht-
Fotos: Agata Szymanska-Medina für DIE ZEIT

wächter nicht den Mann vom ­»Objekt­


schutz« meint, der in Fantasie­uniform
ums Kaufhaus läuft.
Nur noch 63 Städte in Europa­
erhalten die alte Tradition der Nacht-
wache, unter anderem die Schweizer
Stadt Lausanne. Und aus der hören
wir nun die gute Nachricht, dass trotz
mittelalterlicher Brauchtumspflege
mit mittelalterlichen Rollenbildern­
Gegen Monika Frąckowiak läuft eine Im Herbst wurde der Jurist Igor Tuleya gebrochen wurde: Cassandre Berdoz
Kampagne. Noch darf sie Recht sprechen vom Dienst suspendiert wurde zur ersten Nachtwächterin der
Stadt ernannt, 600 Jahre lang durften
das nur Männer sein.
Mit schwarzem Hut und Laterne
muss sie nun jeden Abend auf den

Nahkampf um den Rechtsstaat


Glockenturm der Kathedrale steigen
und herabrufen, wie spät es ist. Was sie
den Rest der Zeit dort oben tut, wissen
wir nicht. Vermutlich schaut sie hoch
zum Mond, der möglicherweise
freundlich zurückschaut, voller Gut-
mütigkeit und Rührung.
Seit Jahren diffamiert die polnische Regierung Richterinnen und Richter, wirft ihnen
Korruption vor. Jetzt fahren sie durchs Land und werben um Vertrauen. Zu spät?  VON LENA VON HOLT

Z
Biłgoraj/Chełm
um Kampf um die polnische
Rollenspiel, das den Bürgerinnen und Bürgern 84-mal eröffnete die aus den Lautsprechern dröh- machen, stehen Schlange für eine Unterschrift.
das Justizsystem näherbringen soll. nende Präambel die Veranstaltung, 84-mal ver- Aber Tuleyas Augen wirken, wie so oft an die- Torten
der Wahrheit
Demokratie sind nur ein paar Igor Tuleya zählt zu den prominentesten Kri- sammelten sich am Ende die Besucher um eine sen Tagen, als schaute er ins Leere. In solchen
Dutzend Menschen gekom- tikern der Justizreform. Seit 25 Jahren steht der polnische Verfassung, um sie zu unterschreiben. Momenten, sagt er später, fühle er sich oft­
men. Popmusik dröhnt aus 51-Jährige im Dienst des polnischen Staates. Doch Auch Monika Frąckowiak hat sich auf der unwohl, eigentlich sei er ein Einzelkämpfer.
Lautsprecherboxen, mischt sich im vergangenen Herbst hob die von der PiS neu Tour den Fragen der Bürger gestellt. Anders als Und warum macht er trotzdem alles mit? VON KATJA BERLIN
unter das Geschrei spielender geschaffene Disziplinarkammer seine Immunität Tuleya darf sie noch als Richterin arbeiten. »Wenn wir jetzt nicht das Vertrauen der Leute
Kinder. Auf einer allzu groß- auf und suspendierte Tuleya von seinem Amt. Ihm Doch das könnte sich bald ändern. Insgesamt zurückgewinnen, dann weiß ich auch nicht,
zügig abgesperrten Rasenfläche in Biłgoraj,­ wird vorgeworfen, er habe seine richterlichen fünf Disziplinarverfahren laufen inzwischen­ was man noch tun kann.«
einer Kleinstadt unweit der ukrainischen Gren- Kompetenzen überschritten, als er in einem Ver- gegen sie. Unter anderem, weil sie das mit­ Seit Jahren erhält auch Tuleya Hass-Mails Wofür man sich erst im Alter
ze, verlieren sich die Neugierigen. Mit ver- fahren gegen die PiS im Gerichtssaal Journalisten Gefolgsleuten der PiS-Regierung besetzte Ver- und Morddrohungen auf Twitter. Zweimal
zu interessieren beginnt
schränkten Armen beobachten sie den Mann zuließ. Zuvor hatte er immer wieder gegen die fassungsgericht in Warschau eine »Schein­ins­ti­ wurden Briefe mit weißem Pulver an sein­
in T-Shirt und ausgewaschenen Jeans, der Regierungspartei geurteilt. Inzwischen laufen tu­tion« genannt hat und im Europäischen Par- Gericht geschickt, woraufhin es evakuiert wer-
durch das Publikum wandert. sieben Disziplinarverfahren gegen ihn. lament den Justizminister kritisierte. Wegen des den musste. Als er vor einem Monat in War-
Immer wieder bleibt Igor Tuleya vor den Im April, erzählen Juristen, die ihn damals EuGH-Urteils sind die Ermittlungen gegen schau aus der Post kam, ballte ein Mann die
Menschen stehen und reicht ihnen eines der unterstützten, habe Tuleya nächtelang wach ge- Frąckowiak derzeit unterbrochen. Faust und holte zum Schlag aus. Tuleya konnte
rot-weißen Hefte, die er unter den Arm­ legen, aus Angst, die Polizei könne am frühen Die Verleumdungskampagne gegen sie aber den Angreifer gerade noch abwehren.
geklemmt hat: ein Exemplar der Verfassung, Morgen seine Wohnung stürmen, um ihn ab- läuft weiter. Frąckowiak erhielt Morddrohungen Auch die Verfassungstour wurde häufig ge-
auf Polnisch »Konstytucja«. Tuleya ist Richter zuholen und vor Gericht zu stellen. Damals auf Twitter, ihre Adresse und die Namen ihrer stört, es gab Geschrei: »Lügner, Kommunisten!«
am Bezirksgericht in Warschau, die Verfassung habe ihm die Solidarität vieler Kolleginnen und Töchter wurden öffentlich gemacht. »Die Kom- Trotzdem habe er versucht mit allen Kritikern
ist das Fundament seiner Arbeit. Aber die Ver- Kollegen geholfen. Als sein Gehalt gekürzt wur- mentare stecken voller Hass«, sagt Frąckowiak. ins Gespräch zu kommen, sagt Tuleya. »Ich
fassung ist nur bedrucktes Papier, sie ist wertlos, de und nicht klar war, ob er den Kredit für seine Die 47-Jährige ist davon überzeugt, dass das weiß nicht, ob wir sie davon überzeugen konn- Seidenmalerei
wenn es kein Vertrauen gibt: Vertrauen in diese Wohnung weiterbezahlen könne, hätten ihn Justizministerium systematisch sensible Daten ten, dass die Rechtsstaatlichkeit eine wichtige bequeme Schuhe
Verfassung. Vertrauen in den Rechtsstaat. Und andere Richter mit Spenden unterstützt. an Twitter-Accounts weitergebe, um Richter Sache ist, aber zumindest haben wir es geschafft, Pflegenotstand
Vertrauen in die Richter, die ihn vertreten. Die Disziplinarkammer, die unliebsame­ einzuschüchtern. Aber sie will nicht aufgeben: dass viele Leute in uns Menschen gesehen­
Genau dieses Vertrauen aber untergräbt die Urteile aufheben kann und gegen Richterinnen »Meine Eltern waren Mitglieder der Gewerk- haben, mit denen es sich zu sprechen lohnt.«
nationalkonservative PiS-Regierung seit ihrem und Richter wie Tuleya vorgeht, hat sich mittler- schaft Solidarność. Ich will nicht, dass alles um- Mittlerweile hat die Regierung in Warschau ein
Amtsantritt Ende 2015. In der Justiz säßen noch weile zum Hauptstreitpunkt zwischen Polen und sonst war, wofür sie in den 1980er-Jahren­ Einlenken signalisiert. Mehrere führende PiS-­ Was in Deutschland
viele alte Kommunisten, wird behauptet. Richter der EU entwickelt. Der Europäische G ­ erichtshof gekämpft haben.« Politiker kündigten an, man werde die Disziplinar- Chancen verzerrt
und Staatsanwälte seien korrupt, heißt es. Und (EuGH) in Luxemburg hat Mitte Juli geurteilt, Doch die Kampagne gegen die Richter ver- kammer abschaffen oder reformieren. Es werde
deshalb, argumentiert die PiS, sei die Justizreform die Kammer müsse ihre Arbeit einstellen, sie sei fängt. Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigt, dass auch keine neuen Disziplinarverfahren mehr­
notwendig, die sie seit jetzt sechs Jahren betreibt. unvereinbar mit europäischem Recht, da es keine das Vertrauen in Richterinnen und Richter, das geben. Tuleya aber bleibt skeptisch. Die polnische
Sie hat am Verfassungsgerichtshof partei- ausreichenden Garantien für ihre »Unabhängig- in Polen ohnehin weit weniger stark ausgeprägt Regierung habe nicht die Absicht, die Justizreform
nahe Richter installiert, ebenso am Obersten keit und Unparteilichkeit« gebe. ist als in anderen EU-Mitgliedsstaaten, bereits rückgängig zu machen, ist er sich sicher. Vielmehr
Gericht, sie hat die Staatsanwälte im Land dem »Wir wollen bei den Menschen Interesse für in den zwei Jahren nach Regierungsantritt der stecke hinter den Erklärungen der Versuch, die EU
Justizminister unterstellt. Die Europäische das wecken, was in Polen und der Welt geschieht«, PiS deutlich gesunken ist. Auch die im staatli- zu täuschen, um Strafzahlungen zu verhindern und
Union hat gegen all diese »Reformen« scharf erklärt Tuleya das Anliegen der Verfassungstour chen Fernsehen gezeigte Serie Kasta mag dazu sich die Finanzmittel aus dem Corona-Wiederauf-
protestiert. Was die PiS ihre »Justizreform« im Interview: »Wir wollen, dass sie sich für ihre beigetragen haben. In ihr erleiden die Protago- baufonds zu sichern, die die EU-Kommission der-
nennt, ist nach Einschätzung der EU ein Angriff eigenen Rechte interessieren.« Bis vor ein paar nisten allerlei Nachteile durch die Machen- zeit noch zurückhält. An der Lage des polnischen
geschlechterspezifische Erziehung
auf die Gewaltenteilung, auf den Rechtsstaat. Jahren hätten nicht viele Polen gewusst, was das schaften von Richtern und Anwälten. Umso Rechtsstaats ändere das nichts.
Auf die Werte Europas. polnische Verfassungsgericht mache oder dass es wichtiger sei es, sagt Frąckowiak, jetzt zu versu- Auch nichts an seiner Situation: Tuleya darf gesellschaftliche Rollenerwartungen
Gemeinsam mit anderen Richtern, Staats­ europäische Gerichte gebe. Die Richterinnen und chen, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bür- noch immer keine Urteile fällen und muss weiter rückständige Familienpolitik
anwälten und Rechtsanwältinnen ist Igor Tuleya Richter, das schwingt als Selbsterkenntnis mit, ger ­zurückzugewinnen. mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren
Quoten
deshalb in den vergangenen zwei Monaten kreuz hätten ihre Akten bearbeitet, sich aber nicht um Die nächste Stadt, die der silberne VW-Bus rechnen. Nach sechs Jahren Kampf ist er­
und quer durch Polen gereist. Ihre »Verfassungs- Rückhalt in der Bevölkerung gekümmert. ansteuert, ist Chełm, ähnlich wie Biłgoraj eine erschöpft. Und von der EU enttäuscht: »Wenn sie
tour«, die Tour de Konstytucja, führte sie in mehr Am nächsten Tag sitzen die Richter mittags Hochburg der PiS. Bei den vergangenen Parla- jetzt nichts unternimmt, kann sich das noch
als 80 Städte und Gemeinden. Sie fuhren durchs wieder im Bus. Am Steuer Robert Hojda, ein mentswahlen haben hier 60 Prozent der Bewoh- jahrelang hinziehen.« Auf der Internetseite der Was wir
Land, um mit Bürgern über deren Rechte zu dis- Mann mit Tattoos auf den Oberarmen. »Die ner für die Regierungspartei gestimmt. Orte wie Disziplinarkammer wurden bereits neue Verfahren nicht mögen
kutieren, über die Verfassung und über das Ver- Richter sind die letzte Bastion vor der Diktatur. diese liegen den Richtern besonders am Herzen. gegen Richter angekündigt.
trauen in den Rechtsstaat. Auch dort, wo der Rück- Wenn es sie nicht mehr gibt, steht Polen und­ Denn hier, im Osten und Süden des Landes, wo Am Dienstag wollte das polnische Verfassungs-
halt längst verloren scheint – gerade dort. Die Europa eine dunkle Zukunft bevor«, sagt Hojda. die Menschen vergleichsweise religiöser und­ gericht ein Grundsatzurteil über das Verhältnis
ZEIT hat sie auf ihren letzten Stationen begleitet. Er ist Vorsitzender des Kongresses Demokratischer ärmer sind, spiele das staatliche Fernsehen eine Polens zur EU verkünden. Beobachter sprachen
In Biłgoraj bittet einer der Richter eine Frei- Bürgerbewegungen, eines Bündnisses prodemokra­ große Rolle. Unabhängige Medien würden die von einem möglichen Einstieg in den Ausstieg aus
willige aus dem Publikum zu sich, hilft ihr in tischer Kräfte. Gemeinsam mit Adam Bodnar, dem Menschen kaum noch erreichen. Auch, weil der der EU. Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe
eine lange schwarze Robe, unter der ihre wei- ehemaligen Ombudsmann Polens, hat er die Tour einzige kritische Nachrichtensender eigens­ der ZEIT wurde jedoch bekannt, dass das Gericht
ßen Sneaker hervorblitzen. Dann lässt sie sich organisiert. Hojda sagt: »Die Politik nutzt die Ver- gegen eine Gebühr freigeschaltet werden muss. die Entscheidung auf den 22. September ver-
die schwere Richterkette mit dem silbernen fassung für ihre Zwecke. Aber es ist unsere Ver- Als sie auf dem Dorfplatz in Chełm aus dem schoben hat.
Adler um den Hals legen. »Ich eröffne den fassung. Wir müssen für sie kämpfen.« Bus steigen, regnet es. Gerade einmal 20 Men-
Fall ...«, spricht sie mit ernster Stimme ins­ Dazu haben sie in den vergangenen Wochen schen sind gekommen, überwiegend Fans. Mit Diese Recherche wurde ermöglicht Menschen, die nur in ihrer
Mikrofon. Ihr gegenüber sitzt Richter Tuleya Verfassungsquiz gespielt, auf Podien diskutiert und aufgespannten Regenschirmen drängen sie sich durch das Journalistenstipendium der Stiftung Blase leben
im Zeugenstand. Er spielt einen Polizisten. Ein sogar ein Lied über die Verfassung eingesungen. um Tuleya, wollen Fotos mit der Handykamera für deutsch-polnische Zusammenarbeit Menschen, die anders sind als wir
2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

10 STREIT
Die Serie zur Bundestagswahl: Freunde, so wird das nichts (2)

Keiner Zukunft zugewandt!


So sieht MIRIAM MECKEL , durchaus bedauernd, die SPD. Der Parteivize KEVIN KÜHNERT kontert: Was für ein Zerrbild

ANKLAGE VERTEIDIGUNG

Du bist leider von gestern  Abarbeiten an Pappkameraden 


VON MIRIAM MECKEL VON KEVIN KÜHNERT

Liebe SPD, wir sind nie zusammengekommen. Aber wir ignorieren zu können. Du hast das Thema Nachhaltigkeit Liebe Miriam Meckel, ein wenig ratlos sitze ich vor Ihrem Verantwortung beruflich zu begleiten. Einige davon finden
haben es ein paar Jahre miteinander versucht – ohne institu- einfach den Grünen überlassen, dich lieber selbst zerfleischt, Text. Gar nicht so sehr, weil er mit der Behauptung endet, in Ihrem Text anerkennende Erwähnung, was ich gut nach-
tionellen Rahmen, ohne Trauschein, ergo Mitgliedschafts- als gemeinsam für eine umweltverträgliche Zukunft zu die SPD verliere »die Menschen« – während die Umfrage- empfinden kann. Persönliche Begegnungen prägen, hinter-
antrag. Ich habe damals noch daran geglaubt, dass auch in kämpfen. Und du hast es genauso wenig wie alle anderen werte dieser Tage steigen und steigen. Geschenkt. Ich bin lassen Spuren und nicht selten auch Loyalitäten. Sie verstel-
einer Parteiendemokratie konstruktive Politik, die sorgsame Parteien vermocht, das deutsche Bildungssystem aus den vielmehr ratlos, weil dieses Potpourri der Enttäuschungen len jedoch in der Retrospektive gelegentlich den Blick auf
Gestaltung und Modernisierung des Gemeinwesens mög- Fängen föderalistischer Partikularinteressen zu befreien. mich an Tiraden erinnert, die ich so ähnlich bereits an SPD- das Hier und Jetzt oder lassen die Kritik an der Gegenwart
lich ist. Vielleicht war das damals schon naiv. Das politische Du standest nicht mal konsequent vorn im Einsatz für Infoständen zu hören bekommen habe. Deren Urheber sind maßlos werden. Ich glaube, dass Ihnen das passiert ist.
System ist über die Zeit erstarrt. Die Protagonist:innen ha- mehr Diversität in Politik und Gesellschaft. Und so waren meist sogenannte Themenhopper, die minutenlang Stich- Ein Beispiel aus Ihren Ausführungen: Natürlich würde
ben Angst vor der eigenen Courage, und die öffentliche es die Konservativen, die als erste Partei eine Frau ins­ worte aller Art einwerfen und ihren diesbezüglichen Ärger Deutschland ohne die Agenda 2010 heute anders ausse-
Meinung hat mit den sozialen Medien eine Dreckschleuder hen, das ist offenkundig. Aber diese Feststellung ist doch
an die Hand bekommen, die der Politik, aber auch unserer eine gänzlich wertfreie. Der Erfolg von Politik kann
Gesellschaft sicher nicht gutgetan hat. Es geht also nicht nur schließlich nicht an der schieren Größe einer Veränderung
um dich, liebe SPD. Es geht auch um die systemischen Be- festgemacht werden, sondern muss zwingend qualitativen
dingungen unserer Zeit. Die haben es dir nicht leicht ge- Kriterien folgen. Folgte die Einleitung der Agenda-Politik
macht. Aber das ist keine Entschuldigung. also auf ein großes gesellschaftliches Gespräch über die
Auch damals, Anfang der 2000er, warst du sicher nicht Fragen der Zeit im Allgemeinen und über die Zukunft des
Treiber der Modernisierung. Deinem charmefreien Fünfzi- Sozialstaates im Speziellen?
gerjahre-Stil beim Aushandeln kleinster gemeinsamer Nenner Ich war damals noch sehr jung, aber ich habe es anders in
in verrauchten Kneipen mit Bier und Schnaps habe ich nie Erinnerung. Nämlich konfrontativ und unversöhnlich. Viel-
viel abgewinnen können. Aber da hattest du immerhin ein leicht meinen Sie mit Ihrer Kritik, Protagonist:innen hätten
paar Persönlichkeiten zu bieten, die bei mir Interesse und heute »Angst vor der eigenen Courage«, genau das: dass der
Reibung erzeugt haben. Die sprudelnden Ideen für eine digi- Mut zur Entscheidung fehlt, notfalls auch zum Konflikt. Dass
tale Wirtschaft, wie Wolfgang Clement sie hatte, die Offen- wir dem Rauschen der Befindlichkeiten zu schnell nachgeben.
heit für kontroverse, aber auch pragmatische Auseinanderset- Doch an anderer Stelle plädieren Sie für die »sorgsame Ge-
zungen eines Peer Steinbrück, die politische Mobilisierungs- staltung und Modernisierung des Gemeinwesens«. Letzteres
kraft eines Gerhard Schröder, sie haben Akzente gesetzt, die erzeugt in meinen Ohren einen durchaus wohligen Klang – nur
inzwischen fehlen. Es waren alles Männer, die dich geprägt zusammenpassen will das nicht so recht.
haben. Daran hat sich nur wenig geändert. Du hast überzeu- Sie kritisieren hart, aber keineswegs zu hart den Umgang
gende Mitstreiterinnen, Malu Dreyer, Manuela Schwesig und mit Andrea Nahles rund um den Rücktritt vom Parteivorsitz.
viele mehr. Warum prägen sie nicht viel mehr dein Bild? Und Sie haben recht mit Ihrer Kritik. Für die Wochen im Mai
Was es damals noch gab, war ein gemeinsamer Nenner: und Juni 2019 kann ich bis heute nur Scham empfinden. Doch
die überzeugte Einsatzbereitschaft für soziale Gerechtigkeit, auch Sie gehen über die enormen politischen Leistungen der
für die du irgendwie noch standest. Nicht im traumtänzeri- Ministerin und Parteivorsitzenden Andrea Nahles einfach
schen Sinne mancher Salonlinker, sondern im harten Kampf hinweg und negieren die Befassung der Sozialdemokratie mit
um die Modernisierung eines Sozialstaats um seines Über- der Zukunft der Arbeitsmärkte und deren Humanisierung.
lebens willen. Ohne die Reformen der Agenda 2010 sähe Kein Wort zum Weißbuch Arbeiten 4.0, das Qualität und Wert
Deutschland heute anders aus. der Arbeit im digitalen Zeitalter neu vermisst. Kein Wort zu
Das alles ist lange her. Die Zeit heilt viele Enttäuschun- dem von Nahles aufgegleisten und später vollendeten Sozial-
gen. Nur eine nicht: die der für immer verpassten Chance. staatskonzept der SPD, das einen vorsorgenden Sozialstaat in
Die Digitalisierung, ihre moderne, konsequente und dabei Zeiten der großen Transformation beschreibt und den Weg hin
Illustration: Edward Carvalho-Monaghan für DIE ZEIT; kl. Fotos: action press; Eventpress

sozial gerechte Ausgestaltung, ist ein Jahrhundertthema. zum Recht auf gute Arbeit beschreitet. Und wer hat denn in
Und es hätte deines sein können. Was wäre das für eine den Fabrikhallen der Fleischbarone aufgeräumt oder dafür
Chance gewesen: den größten Umbau unserer Wirtschaft gesorgt, dass die Sozialabgabepflicht in der Paketbranche stren-
und Gesellschaft seit Erfindung von Elektrizität und Dampf- ger durchgesetzt wird?
maschine mit voranzubringen und zu gestalten. Die Wieder- Es ist leicht und leider auch nicht immer falsch, der SPD
belebung und Erneuerung der sozialdemokratischen Idee vorzuwerfen, ihre eigenen Konzepte oft nur allzu verdruckst
hätte daraus hervorgehen können und ein moderner Vor- ins Schaufenster zu stellen. Touché. Das ist aber noch lange
schlag, wie wir leben wollen. Du warst dafür prädestiniert. kein Grund, sich deshalb an traurigen Pappkameraden ab-
Aber du hast nicht Ja gesagt. zuarbeiten – ob diese nun als Salonlinke oder traditionalisti-
Statt dich mit der Zukunft der Arbeitsmärkte, mit der Ent- sche Bewahrer:innen angemalt sein mögen.
lastung menschlicher Jobs von stupiden, krank machenden Während sogar noch grüne Ministerpräsidenten ratlos
körperlichen Tätigkeiten durch Automatisierung oder mit der eine Verbrennerkaufprämie fordern, treiben Sozis die E-­
Chancengerechtigkeit in einer technologisch gewandelten Mobilität voran. Lenken Milliarden in Forschung, Entwick-
Gesellschaft zu profilieren, hast du dich lieber selbst zerlegt: in lung und Ladeinfrastruktur. Bauen am Silicon Saxony und
Flügelkämpfen zerrieben, durch intrigante Demontage deiner gegen die Erpressbarkeit mit Halbleitern an. Versuchen, mit
Führungskräfte als Partei der sozialen Verantwortung entlegi- Batterieproduktion und -recycling industrielle Wertschöp-
timiert, den Draht zur Gesellschaft verloren. Ich habe wirklich fung im Land zu halten. Helfen, damit in Hamburg grüner
viel darüber nachgedacht, wie das passieren konnte. Aber ich Stahl einmal Marktreife erlangen kann.
kann es nicht anders erklären: Die Überforderung durch das Und es ist die Sozialdemokratie, die mehr als zuletzt auch
Neue muss so groß gewesen sein, dass du krampfhaft am Alten wieder etwas wagt. Die fahrscheinlosen ÖPNV als Bestand-
festgehalten hast. Daran, dass es Werte gibt, die einmal gültig Wird Rot wieder blühen? teil der Mobilitätswende begreift oder mit kommunalen
waren und dann doch für immer gültig sein müssen. Es mag Dienstleistungszentren ein Konzept gegen Landflucht, Ar-
die geben. Aber es gibt immer auch die Veränderung, die beitslosigkeit und fehlende Teilhabemöglichkeiten vorgelegt
stärker ist als alles Bestehende. Die Kunst der Politik ist es, hat. Die nach dem französischen Vorbild des »Pacte civile de
beides zusammenzubringen. solidarité« (PACS) romantische oder nicht romantische Ver-
Es gibt immer wieder Momente, da frage ich mich, ob du Kanzleramt gebracht haben. Wie du deine Vorsitzende­ gestenreich kundtun können. Da reiht sich dann Hartz IV antwortungsgemeinschaften auch ohne Trauschein ermögli-
nicht inzwischen zur konservativsten Kraft im demokratischen Andrea Nahles im Mai 2019 demontiert hast, hatte shake- an Gazprom an Jugoslawienkrieg an Erwerbsminderungs- chen will. Die Verantwortungseigentum offensiv als Erwei-
Spektrum geworden bist – leider im schlechten Sinne des Wor- spearesche Qualitäten. Darunter haben nicht nur die ­Frauen rente an Kriegskredite und schlussendlich an einen korrup- terung gängiger Eigentümerstrukturen diskutiert.
tes. Ich habe nichts dagegen, dass man Gutes auch bewahren zu leiden, sondern viele, die bereit waren, für dich an die ten Schwippschwager, der früher auch mal bei der SPD war. Reicht uns das? Nein. Ist das Grund genug, sich selbst-
sollte, aber nie in absolutistischer Form. Sich nicht zu verändern, Front zu gehen. Der aktuelle Kanzlerkandidat durfte nicht Und wenn aller Ärger raus ist, dann sagen sie gerne noch zufrieden zurückzulehnen? Nein. Wenn es um die schieren
nicht mit der Zeit oder auch mal ihr vorauszugehen, ist nicht Parteivorsitzender werden. Gemessen an den aktuellen Um- sowas wie: »Willy Brandt dreht sich im Grabe um!«, wenden Dimensionen des Klimaschutzes geht, dann haben wir bei-
sozial und nicht demokratisch. Wenn Gegenwart und Ver- fragewerten findet er bei den Deutschen durchaus den Res- sich ab und gehen. spielsweise diskursive Luft nach oben. Das wissen viele von
gangenheit sich auseinandergelebt haben, müssen wir beides pekt, den du ihm verweigert hast. Mit exakt diesem Gefühl sitze ich nun vor Ihrer Anklage uns sehr genau. Der Sozialdemokratie wohnt schließlich
für die Zukunft neu erfinden. Eine sozialdemokratische Partei Du hast damit auch die Idee demontiert, dass du Treibe- und weiß nicht recht, wo ich anfangen soll. Eigentlich ver- eine gewisse Unzufriedenheit mit sich selbst inne, die uns
hätte das als Allererste wissen müssen. Wer will, dass alles bleibt, rin eines Kulturwandels in der Politik sein könntest. Die spüre ich sogar ein bisschen Verärgerung. Denn die An­ein­ gelegentlich nörgelig erscheinen lässt. Und wir brauchen
wie es ist, der will nicht, dass es bleibt. eine soziale Demokratie und den offenen Diskurs als wichti- an­der­rei­
hung anekdotischer Beobachtungen und ent- diese Unzufriedenheit wie eine Art Treibstoff.
Und so suche ich lange, aber vergeblich nach den großen ges Element politischen Qualitätsmanagements und der In- täuschter Erwartungen bietet eher eine prima Grundlage »Wir«, das ist die heterogene Masse derer, die sich der
Zeichen, die du in unserer Gesellschaft für einen sozial ver- novationskraft einer Gesellschaft wieder schätzen lernt. In für einen diskussionswütigen Kneipenabend (haben Sie sozialdemokratischen Idee verpflichtet fühlen. Unser »Wir«
antwortlichen Wandel gesetzt haben könntest. Aber die der sich die Gesellschaft spiegelt, wie sie es in einer Demo- Lust? Gerne auch unverraucht ...) als für einen Austausch ist eine Plattform. Diese ist zeitlos, offen, aber nicht wertfrei.
neue technologiebasierte Gesellschaft und der zunehmend kratie verdient. So etwas hat eine zeitgemäße politische Kraft auf einer Zeitungsseite. Sie ist kein Subjekt. Schreibt man der Sozialdemokratie also
automatisierte Arbeitsmarkt sind nicht die einzigen großen zu bieten. Das bist du nicht mehr. Du bist von gestern, und Sie hatten in den vergangenen 20 Jahren einige Zeit lang einen Brief, um sie anzuklagen, dann lohnt es sich zu prü-
paradigmatischen Veränderungen, die du geglaubt hast, deshalb verlierst du die Menschen von heute. die Möglichkeit, führende Sozialdemokraten eng und in fen, ob man sich nicht selbst eine Anklage geschrieben hat.

Miriam Meckel, 54, ist Das STREIT-Format der freundlichen Rüffel Kevin Kühnert, 32,
Publizistin und war ist stellvertretender
unter Peer Steinbrück Wenn gefragt wird, wer Deutschland künftig regiert, geht es meist um Personen, die ins Kanzleramt wollen. Bundesvorsitzender
Staatssekretärin in Aber wie steht es eigentlich um die inhaltliche Substanz der Parteien – derer also, die am der SPD und
NRW. Ihr Verhältnis 26. September tatsächlich zur Wahl stehen? In der Serie »Freunde, so wird das nichts« schreiben vier prominente kandidiert in seinem
zur SPD beschreibt sie Autorinnen und Autoren freundliche Anklagen an jeweils eine Partei, die sie im Grunde Berliner Wahlkreis
als verflossene Liebe mit Sympathie betrachten. Nach der FDP ist heute die SPD dran. In den kommenden Wochen folgen Armin ­ für den Bundestag
Nassehi und Claudia Roth (Grüne) sowie Paul Nolte und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)
»Eine Demokratie, in der
nicht gestritten wird, ist keine.«
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 HELMUT SCHMIDT 11

Doch,
wir schaffen das!
Sind wir ein Land der Amateure im Kampf
gegen den Klimawandel? Mitnichten!
In Baden-Württemberg zeigen Grüne, wie die
Energiewende gelingt. Eine Widerrede
  VON THEKLA WALKER

Anfang August hatte ich während meiner getrieben haben. Erneuerbare Energien sind von Deutschland ausgehen. Eine Avantgar- Kretschmann 2015 die Under2 Coalition gen dabei großzügig, dass gerade beim
Sommerreise durch Baden-Württemberg ein überall verfügbar. Sie können die Menschen de in Sachen Klimaschutz. Dieser ist dabei gegründet, ein weltweites Klimabündnis auf Windkraftausbau die schwarz-rote Bundes-
Rendezvous mit der neuen Energiewelt, die verlässlich versorgen, und sie sind inzwischen ein lohnenswertes Geschäftsmodell. Mit regionaler Ebene mit mittlerweile mehr als regierung in den vergangenen Jahren gra-
wir in unserem Bundesland schaffen. Es gibt wirtschaftlicher als Kernenergie. Wind- und dreifacher Rendite: Wir schützen das Klima, 250 Mitgliedern in aller Welt. Innerhalb vierende Fehlentscheidungen getroffen und
nur sehr wenige Orte in Deutschland, an Sonnenenergie können gemeinsam zu jeder unsere Lebensgrundlagen und sorgen dafür, dieser Allianz tauschen wir innovative Lö- so den Ausbau etwa durch neue unverständ-
denen sich die Energiewende so sinnbildlich Jahres- und Tageszeit genügend Strom er- dass unsere Unternehmen wettbewerbsfähig sungsansätze aus, um die Erderwärmung auf liche Gesetzesänderungen und die Decke-
zeigt wie in Philippsburg. Im Mai vorigen zeugen. Und im Bedarfsfall gibt es noch bleiben, weil sie beispielsweise Brennstoff- möglichst unter zwei Grad zu begrenzen. lung von Zubaumengen in ganz Deutsch-
Jahres wurden die beiden Kühltürme des wirksame Speichertechnologien. Wir dürfen zellen- und Wasserstofftechnologien in alle Ich kann also nicht erkennen, wo genau land massiv behindert hat. Wir könnten
Kernkraftwerks gesprengt. An ihrer Stelle uns jetzt keine Fehlinvestitionen erlauben, Welt exportieren können. Das mehrt gleich- die Grünen dem technischen Fortschritt im nach Meinung von Fachleuten des Fraun-
entsteht nun ein Konverter, der erneuerba- die über Jahrzehnte unumkehrbar wären und zeitig den Wohlstand der Menschen bei uns. Weg stünden. Unsere Schaffermentalität im hofer-Instituts für Solare Energiesysteme
ren Windstrom aus Norddeutschland für die Energiewende torpedieren. Um die Wirtschaft zu dekarbonisieren, Ländle strahlt natürlich auch bundesweit aus ISE heute schon in Deutschland klimaneu-
die Haushalte im Süden nutzbar macht. Wir als Baden-Württemberg wollen haben wir eine Wasserstoff-Roadmap Baden- und motiviert meine Parteifreunde und die tral sein, wenn wir das Ausbautempo, das
Daher las ich Jochen Bittners Text »Land schon 2040 – fünf Jahre früher als der Württemberg geschaffen, wir wollen dafür anderen Bundesländer, unserer Vorreiter- die rot-grüne Bundesregierung bis 2005
der Amateure« vor zwei Wochen an dieser Bund – klimaneutral werden. Was wir in mehr als 100 Millionen Euro investieren. rolle zu folgen. Vieles, was bei uns im Klima- vorgelegt hatte, fortgesetzt hätten.
Stelle (ZEIT Nr. 34/21) mit einigem Erstau- Deutschland dafür benötigen, sind nicht Gemeinsam mit den Unternehmen, Uni- schutzgesetz steht, das gerade mit Maß- Zudem hat die Einführung einer bundes-
nen. Der Autor wirft darin meiner Partei, den längere Laufzeiten der Kernkraftwerke oder versitäten und Forschungseinrichtungen nahmen konkretisiert worden ist, wird von weiten Ausschreibung im Erneuerbare-Ener-
Grünen, vor, bei der Energiewende klein- gar neue Reaktoren; was wir hierzulande entwerfen wir einen Fahrplan für eine Wirt- grün mitgeführten Bundesländern wie gien-Gesetz (EEG) 2017 den Süden hart
geistig zu denken; insbesondere die Kern- brauchen, ist ein beherzter, mutiger Auf- schaft, die schwarze Zahlen mit grünem Hamburg und Schleswig-Holstein schon getroffen. Bis dahin hatten wir die meisten
energie als CO₂-arme Art der Stromerzeu- bruch in die neue Welt, in der der Strom aus Wasserstoff schreiben kann. Wasserstoff ist übernommen. Etwa die Fotovoltaik-Pflicht neuen Windanlagen nach den vier Küsten-
gung »zu früh vom Spielfeld« zu verweisen. erneuerbaren Quellen stammt. Nur muss das aber nur eines von zahlreichen Vorhaben, auf alle Neubauten oder das Ziel, wonach ländern. Das neue EEG führte dazu, dass wir Thekla Walker, 52,
Vielleicht sollte der Autor einmal mit den alles sehr viel schneller und konsequenter wie wir im Land die Treibhausgase durch zwei Prozent der Landesfläche künftig für mit den Nordländern um den günstigsten ist seit Mai
grüne Ministerin
Illustration: Kasten Petrat für DIE ZEIT; kl. Fotos: privat; Urban Zintel für DIE ZEIT

jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren in gehen als bisher, weil wir im Land nach moderne Technologien und Verfahren sen- Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen Preis pro Kilowattstunde konkurrieren muss-
Philippsburg reden, die mir mit großer heutiger Schätzung bis 2030 den Anteil der ken wollen. Dazu gehört auch die Bioöko- reserviert sein sollen. Das steht alles auch im ten – ein hoffnungsloses Unterfangen, weil für Umwelt,
Hingabe und Innovationsfreude diese neue erneuerbaren Energien an der Stromerzeu- nomie. Hier versuchen wir unter anderem, Klimaschutz-Sofortprogramm der Grünen die Projektierer im bergigen Baden-Württem- Klima und
Welt erläutert haben. In dieser Welt ist kein gung nahezu verdoppeln müssen. CO₂ aus Abgasen von Zementwerken zu für die Bundestagswahl. Und wer hat einen berg höhere Kosten durch die Topografie Energiewirtschaft
Platz mehr für alte Technologien wie die Es hat mich schon gewundert, was Herr recyceln und daraus synthetische Kraft- höheren CO₂-Preis gefordert, um Klima- haben. Nach langem Ringen ist es uns voriges in Stuttgart
Kernkraft, ganz im Gegenteil. Diese ist ein Bittner schreibt: Die Grünen betteten den stoffe für Flugzeuge herzustellen. Ein weite- schäden durch fossile Energie in Rechnung Jahr über den Bundesrat gelungen, eine so-
kostenintensives und auch ein gefährliches Klimawandel in eine letztlich religiöse Na- res Beispiel sind Bioabfälle, aus denen Bio- zu stellen? Den hatte Winfried Kretschmann genannte Südquote im EEG festzuschreiben,
Auslaufmodell. Ich bin froh, dass in Baden- turbetrachtung ein, »in der technischer Fort- Methan für den klimaneutralen Antrieb von Ende 2019 im Bundesrat ausgehandelt. damit eine bestimmte Ausschreibungs­menge
Württemberg bis Ende 2022 der letzte Mei- schritt zunächst einmal als potenziell nächs- Müllfahrzeugen entsteht. Oder Biomining, Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und für die Südländer reserviert wird.
ler vom Netz geht. Die Zukunft bedeutet für te Stufe der Versündigung verdächtigt wird«. ein Verfahren, bei dem, mithilfe von Mikro- Armin Laschet – wie auch der ZEIT-Essay – Es sind also nicht die Grünen, die bes-
diese jungen Menschen in Philippsburg Ich kann ihm da nur entgegenrufen: organismen, Metalle inklusive seltener Erden nennen häufig das grün geführte Baden- sere Techniken vom Spielfeld gewiesen
Strom aus erneuerbaren Quellen. Schauen Sie bitte auf das grün geführte Ba- zum Beispiel für Smartphones erschlossen Württemberg, um zu zeigen, dass der Ausbau hätten, wie Herr Bittner glaubt. Wir Grünen
Ich möchte diesen jungen Menschen den-Württemberg! Hier wird beim Klima- und wieder nutzbar gemacht werden. der erneuerbaren Energien stockt. Es ist zwar fordern geradezu neue und umweltschonen-
später nicht erklären müssen, warum wir schutz schon seit Langem mit innovativen Das ist alles andere als tief provinziell, wie richtig, dass wir in den vergangenen Jahren de Techniken massiv ein. Sie liegen alle sogar
Milliarden von Euro für die Forschung mo- technischen Ideen daran gearbeitet, die Herr Bittner die grünen Vorstellungen von zu wenige Windenergieanlagen gebaut ha- auf dem Elfmeterpunkt, um im Bild zu
dernerer, aber technologisch noch nicht aus- schädlichen Treibhausgasemissionen zu drü- Klimaschutz genannt hat. Bleiben wir bei ben. Da müssen und wollen wir besser wer- bleiben. Auch die wirksamen Maßnahmen
gereifter Kernreaktoren ausgegeben haben, cken und die Klimaziele zu erreichen. Wenn Kalifornien. Gemeinsam mit dem US-Bun- den, etwa indem wir den Staatsforst noch gegen die Erderwärmung. Man muss nur
während wir die naheliegende, sicherere und man so will: Wir sind das deutsche Kalifor- desstaat haben mein Vorgänger Franz Unter- stärker für den Ausbau der Windenergie mutig, hart und platziert genug schießen,
sehr viel preisgünstigere Lösung nicht voran- nien, von dem wichtige Impulse für den Rest steller und Ministerpräsident Winfried nutzen. Aber Scholz und Laschet verschwei- damit die Energiewende ein Erfolg wird.

Dausend Prozent

55 %
der Unions-Anhänger sprechen sich dafür aus, den Kanzlerkandidaten
Armin Laschet gegen CSU-Chef Markus Söder auszutauschen.
Vergangene Woche waren es noch 70 Prozent. Was ist geschehen?
Aktuelle Civey-Umfrage für die ZEIT

Peter Dausend
Gleich wird mein Telefon klingeln, und der schaltet: Was könnte den Zustand von CDU in Europas Top-Ligen hat mehr Joker-Tore Prozent für die Last-Minute-Einwechslung Moment an der richtigen Stelle aufzutau- ist politischer
geschätzte Kollege, der diese Kolumne stets und CSU drei Wochen vor der Wahl besser erzielt. Reingehen, gut in die Zweikämpfe des CSU-Chefs. Was ist geschehen? chen. Für sie ist er eher der Typ Vinnie Jones. Korrespondent im
als Erster liest, wird zunächst – er ist ein höf- beschreiben als das Gefühl, an der Krank- kommen, die Dinger reinhauen – und am Zum einen zeigte Laschet im TV-Triell Der Waliser Kicker wurde dadurch bekannt, Hauptstadtbüro
licher Mensch – »Bitte« sagen. Um umge- heits-Kombi aus fortgeschrittenem HSV und 26. September jubeln: Das in etwa hatten ansteigende Form. Zum anderen hat sich dass er drei Sekunden nach Anpfiff eine der ZEIT
hend ein »nicht schon wieder Fußballver- Morbus Schalke im Endstadium zu leiden? sich die rund 70 Prozent Unionsanhänger wohl herumgesprochen, warum die Granden gelbe Karte sah, bei einem Benefizspiel einen
gleiche« dranzuhängen. Aber in diesem Fall, Und nun zum Fußballvergleich: Die erhofft, die sich noch in der vergangenen im CDU-Präsidium Söder als Kanzlerkan- Zwölfjährigen umgrätschte und alles nieder-
so werde ich blutgrätschend argumentieren, Union bräuchte jetzt einen Nils Petersen der Woche dafür aussprachen, Armin Laschet didaten mit aller Macht verhindert haben: trat, was nicht hoch genug springen konnte.
muss man das Thema bei den Stollen pa- Politik. Nils Petersen – für alle, die keine als Kanzlerkandidat aus- und Markus Söder weil sie ihn kennen. Sein Spitzname, The Axe, passt wunderbar
cken: Rückstand kurz vor Schluss, ein später Fußballvergleiche mögen – ist ein Stürmer einzuwechseln. Binnen einer Woche ist das Söder, so darf man manche Äußerung zu Söder, weil dieser heute so redet, wie Jones
Wechsel, Hoffen auf ein Wunder, wachsen- des SC Freiburg, der am 20. Januar 2021 sein Zutrauen in die Nils-Petersen-Fähigkeiten verstehen, ist in den Augen der CDU-Vor- einst kickte. Aber immer mehr Unions-
de Verzweiflung, eine Fangemeinde, die von 29. Tor als Einwechselspieler schoss und da- des selbst ernannten Unterschiedspolitikers deren kein Nils Petersen, kein sympathischer Anhänger ahnen: Die Axt im Wahlkampf
Anfeuerungsrufen auf Hohngesänge um- mit Geschichte schrieb: Kein anderer Kicker Söder geschrumpft. Nun sind nur noch 55 Kerl, der die Gabe besitzt, im richtigen ersetzt nicht den Scholz im Kanzleramt.

Online mitdiskutieren: Mehr Streit finden Sie unter zeit.de/streit


12 INHALT 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Titelthema: Der lange Schatten von 9/11

POLITIK Klimaschutz  Im Wahlkampf Philosophie Überraschende


versprechen alle Parteien Geld für den Fundstücke aus dem Archiv von
Afghanistan  Sind die Taliban im Klimaschutz. Wer die Belastungen dafür Jürgen Habermas 
Kampf gegen den internationalen Terro- tragen soll, bleibt unklar VON OLIVER WEBER  51
rismus unsere neuen Verbündeten?  VON PETR A PINZLER  21
•2
Roman  Angelika Klüssendorf
VON YAS SIN MUSHARBASH 
Cybersicherheit  Jon Callas hat die »Vierunddreißigster September« 
Frankreichs Regierung hat ihre Verschlüsselungssoftware PGP mit­ VON ADAM SOBOCZ YNSKI  52
entwickelt. Im Interview spricht er über
Ortskräfte rechtzeitig evakuiert. Und Sachbuch  Maren Wurster
die Grenzen der Datensicherheit 22
steht doch in der Kritik  »Papa stirbt, Mama auch« 
VON MAT THIAS KRUPA  2 Vonovia  Rolf Buch ist Chef des größten VON MARLEN HOBR ACK  52
deutschen Immobilienkonzerns.
Geopolitik  Joe Biden hat eine Epoche Ein Gespräch über hohe Mieten und Vincent Streichhahn,
des westlichen Interventionismus drohende Enteignungen in Berlin 24 Hans Geske (Hrsg.) »Die Grenzen der
beendet. Darin liegt auch eine Chance  Geschlechtsmoral und weitere
VON JÖRG L AU  3 Nachhaltig investieren  Immer mehr Schriften« 
Sparer wollen ihr Geld ökologisch korrekt VON JENS HACKE  53
Grüne  Der Kampagne von Kanzler­ anlegen. Was ist dabei zu beachten? 
kandidatin Annalena Baerbock fehlt das, VON JENS TÖNNESMANN  26 Roman  Tomas Espedal »Lieben« 
VON IRIS R ADISCH  53
was die Partei groß gemacht hat 
VON ROBERT PAUSCH  •4 UNTERHALTUNG Musik  Ein Treffen mit dem
Victor Kossakovsky  Der Regisseur Komponisten Heiner Goebbels 
CDU  Wie die Christdemokraten mit
Foto: Petra Prossliner

spricht über seinen Dokumentarfilm VON SINEM KILIÇ  54


den schlechten Umfragewerten umgehen 
über ein Schwein namens Gunda und
VON TINA HILDEBR ANDT UND
die Schlüsselerfahrung, Nutztieren ­ Kino  »Die Unbeugsamen«, ein
MARIAM L AU  5 Dokumentarfilm über die ersten Frauen
nahezukommen  28
in der Bundespolitik 
Pandemie  Ist die No-Covid-Strategie VON SUSANNE MAYER  54
gescheitert? Ein Interview mit der Viro- WISSEN
ZEITNAH login Melanie Brinkmann  6 Ausstellung  Die erste Biennale für
Klimaextreme  Deutschland ist Augmented Reality in Düsseldorf 
•55
Im Kino des Meisters Unser Autor war ein Fan der Bundes- auf künftige Hitzewellen schlecht ­ VON MAJA BECKERS 
kanzlerin – dann kam Corona. Eine vor­bereitet. Andere Länder zeigen,
Abrechnung mit der Methode Merkel  wie man es besser macht 
•7
KINDER-
Einmal im »Fulgor« zu sitzen, in dem auch der junge Federico Fellini Filme sah – VON STEPHAN LEBERT  VON K ATJA TRIPPEL  29
UND JUGENDBUCH
für den ZEIT-Europakorrespondenten Ulrich Ladurner war die Reise nach Rimini wie Polen  Richterinnen und Richter Wie reagieren Anwohner nach einer
Hochwasserkatastrophe? Gespräch ­mit LUCHS-Preis des Monats  für »Ich
ein Geschenk. Denn der gebürtige Südtiroler wurde als Jugendlicher mit den durchaus kämpfen um die Verfassung. Und um
dem Umweltpsychologen Sebastian bin wie der Fluss«, das neue, grandiose
das Vertrauen der Menschen 
anzüglichen Werken des legendären Regisseurs sozialisiert. Nun besuchte er das neue VON LENA VON HOLT  8 Seebauer  31 Bilderbuch von Sydney Smith über ein
stotterndes Kind 
Museum zu dessen Ehren – und erlebte Italien von seiner besten Seite  FEUILLETON, S. 49 Technik  Automatisch desinfizierende VON K ATRIN HÖRNLEIN  57
Türklinken und andere Hygiene-Trends 
STREIT VON BURKHARD STR AS SMANN  •32 Empfehlungen der LUCHS-Jury 
Eine rasante Kinderbandengeschichte,
Serie zur Wahl: Freunde, so wird das Epidemiologie  Ein neues Zentrum soll ein Jugendbuch über Selbstmord und
nichts! (2) Die Publizistin Miriam von Berlin aus das weltweite Pandemie- Vergewaltigung und ein Sachbuch über
Meckel wirft der SPD vor, von gestern geschehen überwachen  eine drohende Epidemie in Alaska vor
zu sein. Partei-Vize Kevin Kühnert VON JAKOB SIMMANK UND 100 Jahren  57
kontert 10 ANDREAS SENTKER  33
Politikbücher für junge Leser 
Energiewende  Sind die Grünen zu Bildung  In Afghanistan wurden viele Ein Überblick über die Neuerscheinungen
kleingeistig? Eine Replik der Stuttgarter Schulprojekte für Mädchen gefördert. vor der Bundestagswahl 
Umweltministerin  THEKL A WALKER  11 Wie geht es für sie jetzt weiter?  VON FRIEDERIKE OERTEL  57
VON HAUKE FRIEDERICHS  •34
Foto: Henning Ross für DIE ZEIT

Dausend Prozent 
VON PETER DAUSEND  11 Meine Schule des Lebens  Serap Güler, GLAUBEN & ZWEIFELN
Politikerin und Laschet-Vertraute, über
Foto: Brianna Capozzi

ihre Bildungs-Erfahrungen 36 Erfurt  Wie der junge Rabbiner


DOSSIER Alexander Nachama eine traditionsreiche
Infografik Heimat 46 Gemeinde in die Zukunft führt 
Titelthema: Der lange Schatten VON MARCEL L ASKUS  58
von 9/11  In Guantánamo hat Mister X
LEO – DIE SEITE Antisemitismus  Nach der Kölner
den Gefangenen Mohamedou Slahi
FÜR KINDER Attacke auf einen Juden: Was jetzt
Trag’s noch einmal! »Nerven behalten«
gefoltert. Nun haben die beiden zum wirklich nottut
ersten Mal wieder ­miteinander ge­ Der große LEO-Schreibwettbewerb  VON VOLKER BECK  58
sprochen. Können sie sich versöhnen?  Die Illustratorin Anabel Colazo hat ein
Die Mode lebt davon, dass sie sich jede Saison neu Die Bergmannstochter Serap VON BASTIAN BERBNER fantastisches Bild gezeichnet. Welche
erfindet. Doch seit auch für ihre Käuferinnen und Güler könnte bald Bundes­ UND JOHN GOETZ  13 Abenteuer entdecken die Leser darin? ENTDECKEN
Der preisgekrönte Kinderbuchautor
Käufer Nachhaltigkeit immer wichtiger wird, ist Alt ministerin werden. Bildungs­ MARTIN BALTSCHEIT gibt Tipps,
»Du Türk!«  Ein Gespräch mit Bülent
das neue Neu. Ein Modeheft über Vintage-Stücke – gespräch über einen rasanten GESCHICHTE wie man sie am besten erzählt  45 Ceylan über Mobbing zu Schulzeiten,
seine Familie und seinen Durchbruch
gebrauchte Kleidung, modern gestylt  ZEITMAGAZIN Aufstieg  WISSEN, SEITE 36 Afghanistan  Warum die Liberalisierung LEO-Bestsellerliste  Romane und als Comedian 
des Landes schon vor dem Einmarsch Sachbücher für Leser zwischen VON GIOVANNI DI LORENZO  59
der Sowjets 1979 scheiterte  5 und 13 Jahren 45
Entdeckt  Lässige Politikerkleidung 
VON THOMAS SPECKMANN  17 VON ANNA MAYR  62
IN DEN REGIONALAUSGABEN ZUM HÖREN FEUILLETON Stierkampf  Wie wird ein typisch
ZEIT im Osten  In der Lausitz Megadürren, Supervulkane und Die so gekennzeichneten VERBRECHEN Debatte  Warum der Holocaust deutsches Pferdemädchen zur gefeierten
hat man Tagebaulöcher zu Ur- Ötzis Orakel für die Zukunft  16 Artikel finden Sie als neuerdings in der Kolonialgeschichte des Torera in Spanien und Portugal? 
Audiodatei im »Premium- Meine Urteile (XIX)  Wie es ist, VON FR ANCESCO GIAMMARCO  63
laubsparadiesen gemacht. Nun Westens aufgehen soll 
Impfen? Nein danke! In keinem bereich« unter einen Betrüger im Gerichtssaal vor sich
droht eins davon zu versinken. VON MA XIM BILLER  47
Und mit ihm die Zukunft anderen Land Westeuropas lassen www.zeit.de/vorgelesen zu haben, vor dem weder Autos und Reise  100 Jahre Moto Guzzi:
der Region  sich weniger Menschen gegen Wälder noch Häuser und Grundstücke Mobilität  Zum Ende des Eine Motorradtour in die Heimat
Covid-19 impfen als in der
ANZEIGEN IN sicher sind  der legendären Maschinen am Comer
16 Schaltgetriebes 
•64
VON DOREEN REINHARD 
DIESER AUSGABE See  VON ARNO FR ANK 
Foto: Silvio Knezevic

Schweiz. Was ist da los?  VON THOMAS MELZER  18 VON JENS JES SEN  47
Die Bürgermeisterin von Sprem- VON SAR AH JÄGGI  17 Bildungsangebote und
Kino  Das neue Museum zu Leben und Gartenkolumne Hühner 
berg warnt vor einem früheren Stellenmarkt
Ausstieg aus der Kohle   17 ZEIT Österreich  Das Urteil (ab Seite 37), WIRTSCHAFT Werk des Regisseurs Federico Fellini VON STEFANIE FL AMM  65
gegen Ex-Vizekanzler Heinz- Agenda Kultur: in dessen Heimatstadt Rimini 
Aline Abboud moderiert ab Christian Strache könnte Partei- Museen, Kunstmarkt, Inflation  Die Preise steigen so schnell VON ULRICH L ADURNER  •49 Wie es wirklich ist ... 
Zum Start unseres neuen wie schon lange nicht mehr. Ökonomen Lastenräder zu verkaufen 
Samstag die »Tagesthemen«. Und spenden künftig für alle Bühnen (Seite 55)
Genussmagazins erzählt Kolumne  Von unterwegs gesendet  VON PETER STAGE  68
gibt ihnen eine ostdeutsche schwieriger machen  streiten sich: Ist das nur vorübergehend,
die »Wochenmarkt«-­ FRÜHER VON CHRISTINE LEMKE-MAT WEY  50
Kolum­nis­tin Elisabeth Stimme. Ein Gespräch   18 VON CHRISTINA PAUSACKL  18 oder wird bald alles noch teurer?
Raether von ihren
INFORMIERT! VON LISA NIENHAUS  •19 Pop  Der Rapper Kanye West und sein RUBRIKEN
ZEIT Schweiz  Was sagt uns das Das Alpen-Porträt  Der Nieder­ Die aktuellen Themen
größten Miss­geschicken neues Album »Donda« 
Wetter von gestern über das Klima österreicher Lukas Mandl will im der ZEIT schon am Ryanair  Ein Pilot packt aus über die Leserbriefe  16
in der Küche VON JENS BALZER  50
von morgen? Ein Naturwissen- Streit zwischen der EU und der Mittwoch im ZEIT-Brief, Abgründe bei den Billigfluggesellschaften 
schaftler und ein Historiker haben Schweiz vermitteln. Kann das gut dem kostenlosen VON CL A AS TATJE  •20 Interview  Der Kulturtheoretiker Die Position 37
gemeinsam ein Buch darüber gehen?  Newsletter Slavoj Žižek spricht über seine Unlust
geschrieben. Ein Gespräch über 28 www.zeit.de/brief Kinderarmut  Annalena Baerbock will Impressum 52
VON FLORIAN GAS SER  am Schreiben, seine ungeachtet dessen
mit dem Geld aus dem Soli die Kinder- erstaunliche Produktivität und KrimiZEIT 53
armut verringern – sagt aber nicht, wie den guten Witz als Metapher für
Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON KOLJA RUDZIO  21 die dialektische Methode  51 Was mein Leben reicher macht 68

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2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

DOSSIER Titelthema: Kann es je Versöhnung geben?


13

Was Guantánamo aus ihnen machte


Im Kampf gegen den Terror sollte Mister X den Gefangenen Mohamedou Slahi brechen. Er folterte ihn – und ging
selbst daran kaputt. Nun haben die beiden wieder miteinander gesprochen  VON BASTIAN BERBNER UND JOHN GOETZ

Fotos: Balazs Gardi für DIE ZEIT; Daouda Corera für DIE ZEIT (r.); kl. Fotos: Shutterstock; AP
Mister X folterte immer nachts Mohamedou Slahi war der Gefangene 760 – der wichtigste Häftling im Lager

D
er Mann, der sich in Guantá- Der Mann, der gern mit ihm sprechen möchte, heißt den Bart. Kämpft Tränen zurück. Er sagt: »Mann, ich tanisches Gewand und einen Turban, beides im leuch-
namo »Mister X« nannte, Mohamedou Ould Slahi und galt im Sommer 2003 als kann das selbst nicht glauben.« tenden Blau des Himmels über ihm. Mit zusammenge-
trug, wenn er folterte, eine wichtigster Gefangener im Lager Guantánamo Bay. Von den So wie er spricht, hat man nicht den Eindruck, dass kniffenen Augen blickt er hinaus aufs Meer und sagt,
Sturmmaske und eine ver- knapp 800 Häftlingen dort wurde, nach allem, was bekannt das alles lange her ist. Tatsächlich ist es auch gar nicht zu wenn er hier mit stetem Westkurs lossegeln würde, käme
spiegelte Sonnenbrille. Der ist, niemand so heftig gefoltert wie er. Ende. Mister X sagt, es gebe kaum einen Tag, an dem er er an, wo er 14 Jahre lang festgehalten wurde, an der Süd-
Mensch, den er quälte, sollte Es gibt Ereignisse, die bestimmen eine Biografie. Die nicht über Slahi nachdenke oder an dem dieser ihn nicht ostspitze Kubas.
sein Gesicht nicht sehen. entfalten, auch wenn sie gemessen an der Lebenszeit gar im Traum heimsuche. Slahi war der Fall seines Lebens, im Seit fünf Jahren ist Slahi wieder frei. Doch auch er kann,
Jetzt, 17 Jahre später, steht nicht so lange andauern, in diesem Fall knapp acht­ schlimmsten aller Sinne. wie Mister X, die Zeit in Guantánamo nicht abschütteln. Er
Mister X in seiner Garage in Wochen, eine Kraft, die alles Davor in Vergessenheit­ Es gab einen Moment damals, der habe sich nicht nur in lebt heute wieder in Nouakchott, der Hauptstadt Maureta-
Irgendwo, Amerika, an einer Töpferscheibe. Ein Mann geraten lassen und alles Danach in ihren Bann ziehen. seine Erinnerung gebrannt, der habe auch seine Seele ver- niens, am Rand der Wüste, dem Ort, an dem die USA ihn
mit Glatze und ergrauendem Bart, am Nacken tätowiert. Damals, im Sommer 2003, war Mister X Mitte dreißig giftet, sagt Mister X. In jener Nacht ging er in den Verhör- wenige Wochen nach dem 11. September 2001 entführen
Seine Hände, groß und stark, formen einen graubraunen und Verhörer in der amerikanischen Armee. Er gehörte zum raum, wo Slahi, klein und abgemagert, in seinem orangefar- ließen. Anders als damals ist er heute eine Berühmtheit. Er
Klumpen Ton. Das Töpfchen wird nicht besonders schön sogenannten Special Projects Team, dessen Aufgabe es war, benen Overall auf einem Stuhl saß, festgekettet an einer Öse wird auf der Straße angesprochen, er zoomt sich aus seinem
werden, das sieht man schon. Er sagt, so sei das mit seiner Slahi zu brechen. Der Häftling hatte bisher hartnäckig ge- im Boden. Mister X, groß und muskulös, hatte sich wieder Haus in Universitäten und auf Podien rund um die Welt,
Kunst, er fühle sich eher zu Hässlichem hingezogen. schwiegen, die Geheimdienste waren aber überzeugt, dass etwas Neues überlegt. Dieses Mal tat er so, als raste er aus. um Menschenrechtsverletzungen der Vereinigten Staaten
Mister X hat lange überlegt, ob er Journalisten emp- er wichtige Informationen besaß. Vielleicht sogar solche, die Er schrie wie wild, schleuderte Stühle durch den Raum, anzuprangern. Er sagt, wenn er abends die Augen schließe
fangen und darüber reden will, was damals geschah. Es den nächsten Großanschlag verhindern oder zu Osama bin schlug mit der Faust gegen die Wand und schmiss Slahi und der Schlaf komme, dann komme manchmal auch
wäre das erste Mal, dass sich ein Folterer aus Guantánamo Laden führen könnten, der damals der meistgesuchte Ter- Papiere ins Gesicht. Slahi zitterte am ganzen Körper. wieder der Maskenmann.
öffentlich zu seinen Taten äußert. Dem Treffen an diesem rorist der Welt war: der Anführer von Al-Kaida, der Haupt- Mister X sagt, der Grund, warum er diesen Moment nie Als einer der Autoren dieses Artikels ihn 2017 zum
Tag im Oktober 2020 sind zahlreiche Mails vorausgegan- verantwortliche der Anschläge vom 11. September 2001. wieder loswurde, sei nicht gewesen, dass er in Slahis Augen ersten Mal besuchte, äußerte Slahi einen Wunsch – er
gen. Jetzt endlich sind wir bei ihm. Ein Interview von Die Mission des Teams war es, das Böse zu besiegen. Um die Angst gesehen habe, sondern dass er, Mister X, es genos- würde gern seine Folterer finden. Er hatte damals bereits
mehreren Stunden liegt schon hinter uns, in dem Mister das zu erreichen, setzte es ihm ein anderes Böses entgegen. sen habe, diese Angst zu sehen. Den zitternden Slahi zu­ ein Buch über seine Zeit in Guantánamo geschrieben.
X uns von seiner grausamen Arbeit berichtet hat. Wir Mister X folterte immer nachts. Mit jeder Nacht, die sehen, sagt er, habe sich angefühlt wie ein Orgasmus. Im letzten Satz hatte er die Menschen, die ihn gequält
haben ihm erzählt, dass auch der Mann, den er damals Slahis Schweigen andauerte, probierte er eine neue Grau- hatten, eingeladen, mit ihm Tee zu trinken: »Mein Haus
malträtierte, gern mit ihm sprechen würde. Mister X hat samkeit aus. Er sagt, Folter sei letztlich ein kreativer Pro- Mohamedou Slahi ist heute 50 Jahre alt. Im Dezember ist offen.«
geantwortet, einerseits habe er ein solches Gespräch 17 zess. Wenn man Mister X zuhört, wie er schildert, was er 2020, zwei Monate nach unserem Besuch bei Mister X, Bei dieser ersten Begegnung und auch jetzt wieder,
Jahre lang herbeigesehnt – andererseits habe er es 17 Jahre getan hat, kann einem der Atem stocken, und manchmal steht er am Atlantikstrand. Vor ihm brechen die Wellen im Dezember 2020, sagt er, dass er während der Folter-
lang gefürchtet. Er hat um eine halbe Stunde Bedenkzeit scheint es Mister X beim Erzählen selbst so zu gehen. an der mauretanischen Küste, nicht weit hinter ihm be-
gebeten. Beim Töpfern könne er gut denken. Dann schüttelt er den Kopf. Hält inne. Fährt sich durch ginnt die endlose Weite der Sahara. Slahi trägt ein maure- Fortsetzung auf S. 14

Mit dem 11. September fing alles an Ein Häftling wird in Guantánamo zum Verhör gebracht
14 DOSSIER 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Titelthema

Vor wenigen Wochen malte Mister X dieses Selbstbildnis 2009 porträtierte er sein Opfer – das Original zerstörte er

Fortsetzung von S. 13 dass er, um wirklich mit sich ins Reine zu kommen, eine Mister X: Nicht schlecht, und Ihnen? Mister X stellte das Lied auf Endlosschleife, machte
Sache dringend machen müsste. »Es wäre anständig, Slahi das Licht aus, schaltete eine Stroboskop-Leuchte an, die
zeit in Guantánamo vor allem eines gespürt habe: Hass. ins Gesicht zu sagen, dass ich bereue, was ich ihm angetan Mohamedou Slahi: Mir geht es sehr gut. grelle, weiße Lichtblitze aussendete, und verließ den
Immer wieder habe er sich vorgestellt, auf welch grau­ habe. Dass es falsch war.« Raum. Eine Zeit lang, sagt er, habe er aus dem Nachbar­
same Weise er Mister X umbringen werde. Ihn, seine So gesehen ist Slahis Gesprächsangebot, das wir­ Mister X: Das ist gut. zimmer zugeguckt. Aber die Musik sei so laut gewesen,
Familie und alle, die ihm etwas bedeuteten. Aber dann Reporter ihm unterbreiten, ein Geschenk. Die Möglich­ dass er nicht habe denken können. Also sei er rausgegan­
habe er in der Einsamkeit seiner Zelle, beim Nachden­ keit, einen Schlussstrich zu ziehen. Doch es gibt einen Mohamedou Slahi: Danke, dass Sie fragen. gen, eine rauchen.
ken, Beten, Schreiben, erkannt, dass Rache keine ­Lösung Gedanken, der Mister X umtreibt und der es ihm schwer Slahi sagt, er habe versucht zu beten, sich in die eige­
sei. Also habe er beschlossen, etwas anderes auszupro­ macht, das Angebot anzunehmen. Mister X: Yes, Sir. Ich war extrem zögerlich, diesen Anruf zu nen Gedanken zu flüchten. Geredet hat er nicht.
bieren: Vergebung. Mister X hält Mohamedou Slahi noch immer für­ machen. Aber ich will Ihnen doch einiges erklären. Mister X probierte neue Songs aus. Die amerikanische
In der Stille seiner Zelle habe er sich zu dem Gedan­ einen Terroristen. Und zwar für einen der genialsten der Nationalhymne. Einen Werbeclip für Katzenfutter, der
ken gezwungen, dass dieser große, starke Mann, Mister jüngeren Geschichte. Für einen Charismatiker. Einen Zum ersten Mal sah Mister X ihn am 22. Mai 2003. nur aus dem Wort »miau« bestand. Mister X drehte die
X, in Wahrheit ein kleines, schwaches Kind sei. Ein Kind, Manipulator. Einen begnadeten Kommunikator, der­ Mister X stand in Guantánamo in einem Beobachtungs­ Klimaanlage auf, bis Slahi am ganzen Körper zitterte.
dem er, Mohamedou Slahi, den Kopf tätschele und sage: damals schon vier Sprachen beherrschte, Arabisch, Fran­ raum und blickte durch eine Scheibe, die von der anderen Mister X drehte die Heizung auf, bis Slahi seine Klamot­
Was du gemacht hast, ist schlimm, aber ich vergebe dir. zösisch, Deutsch und Englisch, und sich in Guantánamo Seite ein Spiegel war. Dort, im Verhörraum, wurde Slahi ten durchgeschwitzt hatte. Mister X legte die Füße vor
Der Prozess der Umerziehung seiner selbst dauerte meh­ noch eine fünfte beibrachte, Spanisch. gerade von zwei FBI-Agenten befragt. Ein halbes Jahr Slahi auf den Tisch und erzählte ihm, dass er einen Traum
rere Jahre. Aber irgendwann, er saß noch immer in seiner Slahi sei wahrscheinlich der schlaueste Mensch, den er lang hatten sie fast jeden Tag mit ihm gesprochen – ohne gehabt habe. Darin sei ein Piniensarg in die Erde Guantá­
Zelle in Guantánamo, sei es ihm gelungen, sich so sehr je getroffen habe, sagt Mister X. So schlau, dass Slahi es den geringsten Erfolg. In wenigen Tagen, das war schon namos gelassen worden. Auf dem Sarg habe eine Num­
von der Aufrichtigkeit dieses Gedankens zu überzeugen, geschafft habe, seine Verhörer an der Nase herumzufüh­ entschieden, würde das Militär übernehmen, Mister X mer gestanden. Die 760, Slahis Gefangenennummer.
dass er das Bedürfnis, vergeben zu wollen, wirklich fühlte. ren, genau wie er es jetzt schaffe, Millionen von Men­ und seine Kollegen. Dann sein Ausraster, den er später nicht mehr loswurde.
Als Slahi den Wunsch äußerte, mit Mister X zu­ schen auf der Welt glauben zu lassen, er sei unschuldig. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, auf der­ Egal, was er tat, Slahi schwieg.
sprechen, sagte er, er erhoffe sich davon Ruhe für seine Mister X sagt, er kenne die Psyche dieses Menschen besser einen Seite die Agenten, auf der anderen Slahi. Das FBI
immer noch aufgewühlte Seele. Im besten Fall könne er als die seiner eigenen Frau. Wochenlang habe er nichts hatte Kuchen mitgebracht. Einer der beiden, blond und Mister X: Es fällt mir schwer, dieses Gespräch zu führen,
die alten, schmerzhaften Erinnerungen von damals erset­ anderes getan, als sich in diesen Mann hineinzuversetzen, groß, offenbar der Chef, blätterte in einem Koran und weil ich nicht von Ihrer Unschuld überzeugt bin. Ich glaube
zen durch neue, gute Erinnerungen. und eines sei klar: Slahi sei ein brillanter Lügner. sagte etwas über eine Textstelle. Dann stand Slahi auf. Er noch immer, dass Sie ein Feind der Vereinigten Staaten sind.
So begann unsere Suche nach Mister X. trug keine Handschellen, keine Ketten. Er ging um den Aber was wir Ihnen angetan haben, war falsch, keine Frage.
Im Jahr 2010 urteilt ein amerikanischer Bundesrichter, Tisch herum, nahm dem Agenten den Koran aus der So etwas hat niemand verdient.
Wie muss man sich einen Mann vorstellen, der einen dass Slahi freigelassen werden muss, weil die angeblichen Hand und sagte, nein, nein, er verstehe das falsch, er
anderen foltert? In amerikanischen Akten, zum Beispiel Beweise der US-Regierung gegen ihn genau das nicht müsse das so und so sehen. Am Ende beobachtete Mister Mohamedou Slahi: Ich kann Ihnen versichern, dass ich nie
in einem Untersuchungsbericht des Senats, ist aufgeführt, seien: Beweise. Die Regierung legt Berufung ein. X, wie die Agenten Slahi umarmten wie einen Freund. ein Feind Ihres Landes war. Ich habe nie einem Amerikaner
was Mister X getan hat. Es sind Schilderungen von rohes­ Im Jahr 2015 erscheint das Buch, das Slahi im Gefängnis »Ich konnte es nicht fassen«, sagt er. etwas zuleide getan. Tatsächlich habe ich überhaupt nie­
ter psychischer und manchmal auch physischer Gewalt. geschrieben hat: Guantánamo Diary. Es ist großflächig ge­ Der FBI-Agent, der im Koran blätterte, heißt Rob Zyd­ jemandem etwas zu Leide getan. Niemals.
Trifft man ihn nun, geschieht etwas Seltsames: Man schwärzt, die Botschaft aber ist klar: Die USA haben einen low. Auch mit ihm haben wir gesprochen. Er lebt in Kali­
bringt das Bild, das all die Berichte im Kopf haben ent­ Unschuldigen gefoltert. Das Buch wird ein Bestseller. fornien, seit einigen Monaten ist er im Ruhestand. Er findet, Ob Mohamedou Slahi ein Terrorist war, wie Mister X
stehen lassen, nicht zusammen mit dem Mann, der vor Im Jahr 2016 kommt Slahi frei, nach 14 Jahren ohne Scheitern sei ein hartes Wort. Aber, ja, bei Slahi sei sein Plan meint, oder völlig unschuldig, wie Slahi selbst behauptet,
einem sitzt. Wir wissen mit Sicherheit, dass er Mister X Anklage. In Mauretanien wird er empfangen wie ein Held. nicht aufgegangen. Er habe es auf die nette Art probiert, aber wird sich wahrscheinlich nie klären lassen. Vielleicht war
ist. Frühere Kollegen von ihm haben uns seine Identität Im Jahr 2019 wird bekannt, dass Guantánamo Diary egal ob er selbst gebackenen Kuchen mitbrachte wie an­ er auch etwas dazwischen, ein Sympathisant. Auf der
bestätigt. Doch der Mister X, den wir kennenlernen, ist: verfilmt wird. Jodie Foster und Benedict Cumberbatch jenem Tag oder Burger von McDonald’s, ob er mit Slahi Suche nach konkreten Straftaten, nach terroristischen
ein feinsinniger Kunstliebhaber. Ein gebildeter, geschichts­ werden mitspielen, der Oscar-Preisträger Kevin Mac­ Tierdokumentationen anschaute oder sich von ihm Arabisch Aktionen des Mohamedou Slahi haben wir mit vielen
interessierter Mann. Insgesamt ein ziemlich netter Kerl. donald wird Regie führen. beibringen ließ, Slahi habe einfach nicht geredet. Er habe Menschen gesprochen, die ihm nahestanden oder seinen
Nach mehreren Tagen, die man mit ihm verbracht hat, Im Jahr 2020 wird auf der Internetseite des Guardian immer nur gesagt: »Ich bin unschuldig.« Fall gut kennen. Es waren Verfassungsschützer in
kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass er­ der Trailer für einen Dokumentarfilm veröffentlicht, in Slahi wiederum sagt heute, der FBI-Kuchen habe gut Deutschland dabei, wo Slahi elf Jahre lang lebte,­
offenbar auch ein sehr empathischer Mensch ist. dem einer von Slahis Wärtern nach Mauretanien reist geschmeckt, am liebsten habe er die Dokumentation Geheimdienstler in Mauretanien und den USA, Ermitt­
Mister X erzählt, dass er ab und zu Obdachlose ins Res­ und aus ehemaligen Feinden Freunde werden. über die australische Wüste gemocht, und Rob Zydlows ler und mehrere Mitglieder des Special Projects Team. Wir
taurant einlädt, auch dass es vorkommt, dass er vor dem Scheinbar Freunde, sagt Mister X. Er nehme Slahi Versuch, Arabisch zu lernen, sei einfach lächerlich gewe­ haben deutsche und amerikanische Akten gelesen. Nach
Fernseher weint, wenn er Berichte aus Katastrophengebie­ kein bisschen von diesem »Vergebungskram« ab. Die sen. Es stimme, dass die FBI-Leute monatelang einiger­ Jahren der Recherche fanden wir – nichts.
ten sieht. Gerade weil er so gut mitfühlen könne, sei er so Filmszenen – der Spaziergang im Sahara-Sand, Slahi, der maßen nett zu ihm gewesen seien, aber er habe diesen
gut gewesen als Verhörer, als Folterer. Man müsse sich in seinem Wärter lachend in ein mauretanisches Gewand Agenten keine Antworten geschuldet. Andersherum: Sie Mohamedou Slahi ist zwei Autostunden von Nouak­
sein Gegenüber hineinversetzen. Was fügt ihm noch grö­ hilft – , das alles habe Slahi wirklich meisterhaft insze­ hätten ihm Antworten geschuldet. Warum hatten die chott entfernt aufgewachsen, in den sandigen Ausläu­
ßere Schmerzen zu? Was könnte ihn noch stärker verunsi­ niert. Slahi, der großherzig vergibt, der anständige David, USA ihn entführen lassen? fern der Sahara. Sein Vater hütete die Kamele, die Mut­
chern? Wo ist seine Schwachstelle? Gerade wegen der­ der sich über den verdorbenen Goliath erhebt – die­ Slahi wusste nicht, dass an jenem Tag hinter der Scheibe ter die zwölf Kinder. Er war ein außergewöhnlich guter
Empathie sei er aber auch daran zerbrochen, was er damals Erzählung eines Helden. der Mann zuschaute, den er wenig später als Mister X ken­ Schüler – genau wie sein gleichaltriger Cousin Mahfouz.
getan habe. Das ist es, was Mister X so lange zögern lässt: Slahi, nenlernen würde. Er wusste nicht, dass im Pentagon gerade Als Teenager, Mitte der Achtzigerjahre, teilten sich die
Kurz nachdem er im Winter 2003 Guantánamo ver­ fürchtet er, könnte auch ihn für seine Inszenierung be­ ein Dokument von einem Büro zum nächsten gereicht Cousins ein Zimmer. Bis spät in die Nacht lasen sie
lassen hatte, begann Mister X zu trinken. Nicht selten nutzen. Er könnte der ganzen Welt zeigen: Seht her, jetzt wurde, Unterschrift für Unterschrift, bis zum Verteidigungs­ Bücher über den Islam und sehnten sich danach, es den
drei Flaschen Rotwein am Abend. Er verbrachte mehr entschuldigt sich nicht nur ein unbedeutender Wärter, minister Donald Rumsfeld, in dem Beispiele genannt wur­ Tausenden jungen Männern aus der gesamten islami­
und mehr Zeit im Bett und sprach weniger und weniger sondern auch mein Folterer, und ich vergebe auch ihm! den, welche Methoden dieser Mann einsetzen könne, um schen Welt gleichzutun und nach Afghanistan zu reisen,
mit seiner Frau und seinen Kindern. Schlaf fand er kaum Slahi würde zu einem noch größeren Helden werden. den Gefangenen Mohamedou Slahi zum Reden zu bringen. um gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer zu
noch. Er habe mit dem Gedanken gespielt, sich umzu­ Ist Mister X’ Drang, sich seinem Opfer zu stellen, Ein Papier, das einen Rahmen vorgab, dem Folterteam aber kämpfen. Aber für eine solche Reise waren sie zu arm.
bringen, erzählt er. Ein Arzt diagnostizierte eine schwere stärker als seine Furcht davor, instrumentalisiert zu noch viel Spielraum für eigene Ideen ließ. Dann bekam Slahi ein Stipendium, um in Deutschland
posttraumatische Belastungsstörung. Ausgerechnet der werden? Rob Zydlow sagt, er habe bei den Army-Leuten, die zu studieren.
Folterer hatte sich jenes Trauma zugezogen, das man eher Mister X hat ein kleines, hässliches Töpfchen gemacht. übernahmen, ein regelrechtes Jagdfieber gespürt. 1990 schrieb er sich, 19 Jahre alt, in Duisburg für
bei seinem Opfer vermuten würde. Es muss jetzt trocknen. Er stellt es zur Seite, wischt seine Mister X erzählt, er sei zum Armyshop gefahren und Elektrotechnik ein. Fünf Jahre später begann er, nun­
Es gibt viele Studien über die psychischen Leiden von Hände an einem Handtuch ab und guckt ernst. Er habe einen Blaumann gekauft. Slahi sei ein Menschen­ Diplom-Ingenieur, einen Job beim Fraunhofer-Institut
Folteropfern. Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Geflohene, die schweigt lange und sagt dann: »Ich ziehe das jetzt durch. fänger, das habe dessen Umgang mit den FBI-Agenten für Mikroelektronik. Er baute jetzt Mikrochips für die
in libyschen Lagern misshandelt wurden, uigurische­ O Gott.« bewiesen. Also, das sei die Logik gewesen, würde Slahi es renommierte deutsche Forschungseinrichtung, verdiente
Gefangene aus China – bei solchen Menschen werden Das Bild ruckelt, der Ton wackelt, und für einen kur­ nun nicht mit einem Menschen zu tun bekommen, son­ 4000 Mark im Monat.
vermehrt Depressionen, Suchterkrankungen, Kon­zen­tra­ zen Moment steht Mister X die Hoffnung ins Gesicht dern mit einer Gestalt aus einem Horrorfilm. Das war das eine Leben des Mohamedou Slahi. Das
tions­schwie­rig­kei­ten, Schlafprobleme und Selbst­mord­ geschrieben, dass ihn die Technik vor seinem Mut retten andere hatte während seines Studiums begonnen.
gedanken beobachtet. wird. Dann erscheint vor ihm auf dem Computerbild­ In der Highschool war Mister X in der Theater-AG. Noch 1990: Aufenthalt in einem Ausbildungslager von Al-
Auch Mister X litt unter all diesen Symptomen. schirm das Gesicht, das er so gut kennt – schmal wie­ heute spielt er Dungeons & Dragons, ein Gesellschaftsspiel Kaida in Afghanistan. Waffentraining, Treueschwur auf
Man könnte den verstörten Mister X als Personifizie­ damals, aber gealtert. Der Mann auf dem Bildschirm hat, mit Elfen, Orks und Drachen, er liest Comics und liebt den Emir Osama bin Laden.
rung jenes Traumas sehen, das seit dem 11. September anders als Slahi im Jahr 2003, kaum noch Haare. Und Science-Fiction. Während einige seiner Kollegen damals in 1992: zweite Reise nach Afghanistan, wo die Islamis­
2001 die ganzen Vereinigten Staaten ergriffen hat. Nach Slahi trägt jetzt eine Brille, mit schwarzem Rand. ihren Verhörmethoden an Langweile nicht zu überbieten ten kurz davorstanden, die afghanische Regierung zu
jenem Ur-Erlebnis hat das Land, das im Kampf gegen gewesen seien – Frage, Frage, Frage –, habe er sich in Rollen stürzen. Slahi war in einer Artillerieeinheit eingesetzt.
den Terror die Werte des Westens verteidigen wollte, In Mauretanien ist es spät geworden, fast Mitternacht, hineingedacht, regelrecht hineingesteigert. Nach zwei Monaten kehrte er nach Deutschland zurück,
genau diese Werte verraten. Rechtsstaatlichkeit. Gerech­ aber Mohamedou Slahi ist wach geblieben. Auch er hat Am Abend des 8. Juli 2003 zog Mister X den Blau­ angeblich, wie er später sagen würde, weil die Islamisten
tigkeit. Demokratie. Und seit jenem Ur-Erlebnis wird Besuch von einem Mitglied unseres Teams. Per Telefon mann an, schwarze Militärstiefel, schwarze Handschuhe ihn mit ihren Kämpfen untereinander enttäuscht hätten
das Land stärker als je zuvor von einer allgegenwärtigen haben wir Slahi in den vergangenen Stunden von den und eine schwarze Sturmmaske, dazu eine verspiegelte – das sei so gar nicht die paradiesgleiche Herrschaft Got­
Gewalt verwüstet, die von kaputten Menschen ausgeübt USA aus auf dem Laufenden gehalten: Es gibt eine Ver­ Sonnenbrille. Er ließ Slahi in den Verhörraum bringen tes auf Erden gewesen, die er sich vorgestellt hatte.
wird. Amokläufe, Anschläge, Hassverbrechen. Vielleicht zögerung; Mister X braucht noch ein wenig. und an der Öse im Boden festhaken, allerdings war die Zu dieser Zeit bestand zwischen Al-Kaida und dem
haben ja die ganzen USA eine Art posttraumatisches­ Jetzt baut sich auch auf dem Monitor in Mauretanien Kette so kurz, dass Slahi nur gebückt stehen konnte. Westen noch eine Art Interessengemeinschaft, schließlich
Belastungssyndrom? ein Bild auf. Der ergrauende Bart, die Glatze, die Tattoos Dann schaltete Mister X einen CD-Player ein, und hatten Bin Ladens Leute geholfen, die sowjetischen­
Fotos: Balazs Gardi für DIE ZEIT

Seit 17 Jahren, sagt Mister X, arbeite er sich an der am Nacken. Heavy-Metal-Musik erfüllte den Raum, ohrenbetäu­ Besatzer aus Afghanistan zu vertreiben.
Schuld ab, die er auf sich geladen habe. Er hat Medika­ Mohamedou Slahi blickt seinem Peiniger ins Gesicht. bend laut. Fragt man Slahi, wie seine Beziehung zu Al-Kaida
mente genommen, Therapien gemacht und sich einen Keine Maske, keine Sonnenbrille. 1992 nach seiner Rückkehr nach Deutschland war, sagt
neuen Job gesucht. Seit 17 Jahren versuche er, seinen Let the bodies hit the floor er: »Dieses Kapitel meines Lebens war beendet. Ich
Fehler wiedergutzumachen. Ein paar Dinge hätten ihm Mister X: Mister Slahi. Wie geht es Ihnen? Let the bodies hit the floor kappte alle Verbindungen. Ich las die Magazine nicht
geholfen. Ein bisschen. Aber nicht wirklich. Vielleicht Let the bodies hit the floor mehr, informierte mich nicht mehr über die Aktivitäten
auch, weil er insgeheim in all den Jahren gewusst habe, Mohamedou Slahi: Wie geht es Ihnen, Sir? Let the bodies hit the floor Al-Kaidas, hatte keine Freunde mehr in der Organisa­

»Was ich gemacht habe, war Folter. »Ich vergebe Ihnen, so wie ich allen
Zu hundert Prozent. Kein Zweifel« vergebe, die mir Schmerz zugefügt haben«
Mister X Mohamedou Slahi
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 DOSSIER 15

Kann es je Versöhnung geben?

Mister X in seiner Garage beim Videogespräch mit Slahi Mohamedou Slahi in Mauretanien, beim selben Gespräch

tion, keine Kontakte mehr, mit niemandem, keine­ Dieser widerrief sein Geständnis, und der Apparat schlug handelt werden sollen. Sie hätten nie geschlagen werden sol- hast uns so viel beigebracht: was es bedeutet, ein Mensch
Anrufe, gar nichts.« nicht an. len. So sind wir nicht. So bin ich nicht. zu sein. Lebensfroh. Liebevoll. Verzeihend. Wir lieben
Würde das stimmen, hätte Slahi der Organisation den dich, Mohamedou Ould Slahi!«
Rücken gekehrt, bevor sie sich gegen die USA wandte. Mohamedou Slahi: Sie wissen so wenig über mich. Offen- Mister X erzählt Slahi, dass er ihn gemalt hat, sechs Es ist immer diese eine Sache, die die Menschen rührt,
Es stimmt aber nicht. Slahi hielt Kontakt: zu seinem bar hat Ihnen Ihre Regierung nur sehr wenige Informationen Jahre nach jenem Augusttag 2003. Der blutende Slahi wofür sie ihn bewundern: dass er willens und in der Lage
Cousin, mit dem er sich früher ein Zimmer geteilt hatte gegeben ... in Öl mit aufgeplatzter Lippe und einem zugeschwolle- ist zu vergeben.
und der inzwischen unter dem Namen Abu Hafs al-­ nen Auge. Jetzt, während des Gesprächs, bittet er uns In gewisser Weise, sagt Slahi in einem unserer Inter-
Mauritani ein Vertrauter Osama bin Ladens geworden Mister X: Lassen Sie mich etwas klarstellen. Reporter, ein Foto des Bildes per WhatsApp nach Mau- views in Mauretanien, sei die Vergebung für ihn auch
war – einmal rief ihn der Cousin sogar mit dem Satelli- retanien zu schicken. eine Form von Rache. Er rächt sich an seinen Peinigern
tentelefon Bin Ladens an; zu einem Freund in Duisburg, Mohamedou Slahi: Darf ich bitte meinen Satz beenden? und all den Menschen, die 20 Jahre lang den amerikani-
der am Anschlag auf die Synagoge auf Djerba im April Mohamedou Slahi: Ah, wow. Dieser Gefangene auf dem schen Krieg gegen den Terror kämpften: Vor den Augen
2002 beteiligt war; zu einem anderen Freund, der später Mister X: Entschuldigung, bitte fahren Sie fort. Bild sieht viel besser aus als der wirkliche Gefangene damals. der Weltöffentlichkeit entlarvt er die Handlungen jener,
verurteilt wurde, weil er einen Anschlag auf La Réunion (Slahi lacht) die sich für die Guten hielten, als böse. Und sich selbst,
geplant hatte. Und Slahi hatte, im Oktober 1999 in Duis- Mohamedou Slahi: Der Militärstaatsanwalt, der mich­ den angeblich so Bösen, stilisiert er zum Guten.
burg, drei Übernachtungsgäste, von denen einer Ramzi anklagen sollte, Stuart Couch, wollte am Anfang die Todes- Mister X: Sie sahen tatsächlich nicht besonders gut aus an
Bi­nal­shibh war, der später einer der wichtigsten Planer strafe beantragen, aber dann merkte er, dass ich unschuldig diesem Tag. Und dieses Gemälde soll Sie nicht ... es ist dafür Mohamedou Slahi: Ich will Ihnen sagen: Ich vergebe Ihnen,
des 11. September werden würde. Jener Binalshibh sagte bin. da, zu reflektieren, was damals mit Ihnen passiert ist. so wie ich allen vergebe, die mir Schmerz zugefügt haben. Ich
seinen amerikanischen Verhörern später, die beiden ande- vergebe den Amerikanern ...
ren Besucher seien zwei der Flugzeugentführer gewesen. Stuart Couch ist heute 56 Jahre alt und Richter. Ein Mister X malte das Bild, als er gerade bei der Armee
Bei dem Treffen in Duisburg habe ihnen Slahi geraten, akkurat gekleideter Mann mit militärischem Kurzhaar- gekündigt hatte. Seine posttraumatische Belastungs­ Mister X: Yeah ...
nach Afghanistan zu reisen. schnitt und heftigem Südstaatenakzent. An einem Sonn- störung war so schlimm geworden, dass er nicht mehr­
Slahi brach nicht alle Kontakte ab. Im Gegenteil, die tagmorgen im Januar 2021 sind wir in einem Hotel in arbeiten konnte. Der Alkohol hatte nicht mehr geholfen, Mohamedou Slahi: ... aus ganzem Herzen. Ich will in Frie-
Liste seiner Freunde und Bekannten liest sich wie ein Charlottesville, Virginia, verabredet. Couch erzählt von die Medikamente wirkten auch nicht mehr. Nun also den mit Ihnen leben.
Ausschnitt aus dem Who’s who von Al-Kaida. seiner christlichen Familie und von seiner Zeit als Soldat Malerei. Er sagt, er habe gehofft, die künstlerische
Spricht man Slahi auf diese Kontakte an, bestätigt er bei den Marines, die ihn geprägt habe. Er zeichnet von Auseinander­ setzung werde eine Katharsis auslösen. Sie Mister X: Mir ist wichtig klarzustellen, dass ich Sie nicht um
alles, tut aber so, als sei es eine Beleidigung, dass man sich selbst das Bild eines Mannes, der von einem starken habe aber nur Schmerzen gebracht. Also habe er das Bild Ihre Vergebung gebeten habe. Ich muss mir selbst vergeben.
diese Kleinigkeiten überhaupt aufbringe. Das seien eben Glauben an Werte und Regeln geprägt wurde. Regeln, die wieder zerstört. Nur das Foto gebe es noch.
seine Freunde gewesen, und was seine Freunde geglaubt ihm einiges abverlangten, als er im Frühjahr 2004 die Bei Mister X funktioniert es nicht, er lässt Slahi ab-
oder getan hätten, habe nichts mit ihm zu tun. schwerste Entscheidung seiner Karriere treffen musste. Mister X: Ich muss mit dieser Scham leben. Vielleicht ist das blitzen. Die beiden finden nicht zueinander. Ein letzter
All die Kontakte und Freundschaften – es fällt nicht Die US-Regierung hatte ihm, dem Militär­ staats­ ein kleiner Sieg für Sie, dass ich mit meinem Verhalten leben Versuch noch: Slahi probiert es mit einem anderen
schwer, sich vorzustellen, dass bei Mister X und seinen anwalt, den Auftrag erteilt, den wichtigsten Gefangenen muss. Thema.
Kollegen Jagdfieber ausbrach. Nicht auszumalen, was in Guantánamo Bay anzuklagen, Mohamedou Ould­
Slahi alles wissen könnte. Auch wenn er selbst vielleicht Slahi. Selbstverständlich sei das ein potenzieller Todes- Mohamedou Slahi: Ähm, ich weiß nicht ... ich hatte immer Mohamedou Slahi: Wie geht es Ihnen heute? Sind Sie ver-
kaum involviert war. strafen-Fall gewesen, sagt Couch. Schließlich musste man den Eindruck, dass Sie ein intelligenter Mensch sind. Und es heiratet? Haben Sie Kinder?
Vielleicht würde er die Ermittler zu seinem Cousin davon ausgehen, dass Slahi die späteren Flugzeugentfüh- fiel mir schwer zu begreifen, wie Sie mir so etwas antun
führen, dem Vertrauten Bin Ladens. Man vermutete, der rer für Al-Kaida rekrutiert hatte – bei dem Treffen in der konnten. Mister X: Ich werde nicht über meine Familie reden oder
Cousin und Bin Laden seien gemeinsam auf der Flucht. Duisburger Wohnung. darüber, wo ich lebe, was ich tue oder nicht tue. So ist das,
Wie viele Menschenleben man wohl retten könnte, Für Slahis Verstrickung mit Al-Kaida gab es eine Men- Slahi stellt exakt die Frage, die Mister X’ Leben be- Kumpel.
wenn er nur endlich auspackte? ge Indizien, nämlich die vielen Freundschaften und Kon- stimmt. Nachdem ihm die Kunst keine Antwort geben
Mister X sagt, im Team hätten sie das Gefühl gehabt, takte. Couch ging davon aus, dass es bei all dem Rauch konnte, probierte er es mit der Wissenschaft. Er schrieb Das Gespräch dauert 18 Minuten und 46 Sekunden
an der vordersten Front des Krieges gegen den Terror zu eine Frage der Zeit war, bis man auf das Feuer stoßen sich an der Universität für das Fach Creative Studies ein. und endet mit Frustration auf beiden Seiten.
kämpfen. Es sei ihm bewusst gewesen, dass, wenn er­ würde. »Mein Großvater sagte immer: Wenn du dich zu Er studierte, wie Kreativität für böse Zwecke eingesetzt
etwas von Bedeutung aus Slahi rausbekäme, Präsident den Hunden legst, kriegst du Flöhe. Und Mannomann, wird, für Zigarettenwerbung, Massenvernichtungswaf- Mohamedou Slahi: Wie auch immer, ich wünsche Ihnen
George W. Bush persönlich informiert werden würde. Slahi musste bei vielen Hunden gelegen haben.« fen, Folter. Er las Studie um Studie auf der Suche nach alles Gute.
Wochenlang arbeitete sich Mister X an Slahi ab. Couch fand aber kein Feuer – keinen einzigen­ einer Erklärung dafür, warum er zu so viel Grausamkeit
Ohne Erfolg. Dann bekam er einen neuen Chef, einen Beweis. Dafür fand er etwas anderes. Bei einem Orts­ fähig war. Aus all den Lektüren hat er mitgenommen: Mister X: Ihnen auch.
Mann namens Richard Zuley, genannt Dick. termin in Guantánamo hörte er auf einem Flur laute Der Hang zum Grausamen steckt in allen Menschen. Er
Mister X sagt heute über ihn: »Dick ist ein diaboli- Musik aus einem Verhörraum dringen. Let the Bodies hit setzt sich durch, wenn die Umstände es erlauben. Die Mohamedou Slahi: Ich denke, du bist, was du tust. Ich
scher motherfucker.« the floor. Durch den Türspalt sah er grelle Lichtblitze. Umstände in seinem Fall waren: ein Land, das nach ­Rache vergebe Ihnen aus ganzem Herzen, auch wenn Sie mich
Richard Zuley selbst sagt: »Alles, was Mister X aus Drinnen war ein Häftling vor zwei Lautsprechern am gierte. Ein Präsident, der Erfolge forderte. Ein Vorgesetz- nicht darum bitten.
Slahi rausholte, war belangloses Zeug. Slahi hatte alles Boden festgekettet. ter, der die Verhörer anspornte.
unter Kontrolle, das mussten wir ändern.« Die Szene habe ihn als Menschen und als Christen »Mein Land hat mir einige ziemlich beschissene Dinge Mister X: Ist okay. Ich habe nichts mehr zu sagen. Goodbye,
Zuley lebt heute in einem Reihenhäuschen im Nor- abgestoßen, sagt er. Als Ankläger begriff er sofort: Wenn abverlangt, und ich habe sie getan«, sagt Mister X. »Ich Mister Slahi.
den Chicagos. Jahrelang hat er hier als Polizist gearbei- sie das auch mit Slahi machten, hatte er ein riesiges Pro- hasse mich dafür. Und ich hasse mein Land dafür, dass es
tet, jetzt, im Ruhestand, verbringt er viel Zeit auf dem blem. Was dieser gesagt hatte oder noch sagen würde, mich zu diesem Monster gemacht hat.« Er spricht es aus: Mohamedou Slahi: Tschüss.
Flugplatz, wo seine kleine Maschine steht. Wenn Zuley hätte vor Gericht keine Relevanz. »Unter Folter erzählen »Was ich getan habe, war Folter. Zu hundert Prozent.
darüber spricht, wie er Slahis Verhöre übernahm,­ Menschen alles, egal ob es stimmt oder nicht, Hauptsa- Kein Zweifel.« Als die Videoverbindung beendet ist, bleiben die bei-
lächelt er. »Es gab dann keine Frage mehr, wer das­ che, die Folter hört auf«, sagt Couch. den unversöhnt zurück, der schwache, an sich zweifelnde
Sagen hatte.« Er begann nachzuforschen, was in Guantánamo los Die wenigen Studien, die es über Menschen gibt, die Täter, und das starke Opfer.
Zuley suggerierte Slahi, dessen Mutter könne verge- war. Kurz nachdem Slahis Geständnis bei ihm eintraf, gefoltert haben, legen nahe, dass es zwei Typen von Fol-
waltigt werden, wenn er nicht rede. Und unter Zuleys hatte er Gewissheit: Es war nichts wert. terern gibt. Die einen, die danach weiterleben, als sei Wenn ein Mensch einen anderen foltert, ist das ziem-
Kommando wurde Slahi halb tot geprügelt. Das war an Stuart Couch sagt, er habe tagelang mit sich gerungen. nichts gewesen. Und die anderen, die daran zerbrechen. lich intim. Tränen. Schreie. Schmerz. Angst. Nacktheit.
einem Tag Ende August 2003. Als Mister X Slahis bluti- Keine Anklage zu erheben würde bedeuten, möglicher- Wissenschaftler vermuten, dass es die Weltanschauung Ein Folterer sieht Sachen, die sonst nur der Partner
ges und geschwollenes Gesicht sah, sagt er, sei er scho- weise einen Terroristen davonkommen zu lassen. Er be- des Folterers ist, die entscheidet, in welche Kategorie er sieht, wenn überhaupt. Mister X und Mohamedou Slahi
ckiert gewesen. Diese rohe körperliche Gewalt habe für riet sich mit seinem Priester. Danach teilte er seinem Vor- fallen wird. sind einander vertraut und fremd zugleich. Sie wissen
ihn die Grenze des Zulässigen weit überschritten und sei gesetzten mit, dass er sich von dem Fall zurückziehe. Foltert ein Mensch zum Beispiel, wie Richard Zuley, alles über den jeweils anderen – und nichts. In diesem
auch nicht mit Rumsfelds Liste vereinbar gewesen. Mister Es kam nie zum Verfahren. Trotzdem blieb Slahi in der Überzeugung, dass es moralisch richtig ist, einen Gespräch, in dem es scheinbar keine Gemeinsamkeiten
X stellte seinen Chef zur Rede – und wurde noch am weitere zwölf Jahre in Haft. Erst im Oktober 2016­ Einzelnen zu quälen, um möglicherweise Tausende zu gibt, wird klar, dass sie eines doch miteinander teilen:
selben Tag vom Fall abgezogen. wurde er freigelassen, eine der letzten Entscheidungen retten, dann wird er eher unbeschadet davonkommen. Acht Wochen Guantánamo im Sommer 2003 haben sie
Wenn man Zuley fragt, warum, antwortet er: »Ich der Obama-Regierung. Foltert er, wie Mister X, im Widerspruch zum eigenen zu denen gemacht, die sie heute sind.
setzte Leute ein, die effektiv waren.« Man spürt kein­ Fragt man Stuart Couch heute, ob er glaubt, dass Slahi Humanismus, dann werden Scham und Schuld eher ein Mohamedou Slahi lebt weitgehend von seiner­
Unrechtsbewusstsein, nur Stolz darüber, dass er es­ damals ein Terrorist war, antwortet er: »Ich weiß es nicht.« Trauma auslösen. Die Symptome ähneln dann häufig­ Geschichte, von dem, was ihm angetan wurde. Sein Lei-
geschafft hat, Slahi zu brechen. Mister X sagt, er sei sich sicher. Man müsse sich nur jenen von Folteropfern, nur eines kommt manchmal den hat ihm nicht nur Schmerz und Albträume gebracht,
Slahi wurde an jenem Abend in eine neue Zelle ver- anschauen, wie Slahi kommuniziere. Er spiele Spielchen noch hinzu: ein tiefes Misstrauen in Institutionen. Wer sondern auch Wohlstand und Ansehen. Er hat eine Men-
legt. »In der Zelle war nichts«, erinnert sich Slahi, »kein – das mache kein Unschuldiger. im Namen eines Systems, einer Ideologie, eines Landes zu schenrechtsanwältin geheiratet, die in Guantánamo­
Fenster. Keine Uhr. Nichts an der Wand, was ich hätte Tatsächlich hat man, wenn man Slahi im Gespräch Abgründigem gezwungen wurde, dessen Vertrauen in arbeitete, und mit ihr ein Kind bekommen. Er hat sein
anschauen können. Es war die pure Einsamkeit. Ich weiß mit Mister X beobachtet, manchmal den Eindruck,­ dieses System, diese Ideologie, dieses Land wird dadurch Schicksal gedreht.
nicht, wie lange es dauerte, ich wusste ja nicht mal, wann einem gewieften Politiker zuzuschauen. Insgesamt sechs- mitunter erschüttert. In Mister X’ Leben hat sich nahezu alles in sein Ge-
Tag und wann Nacht war, aber irgendwann klopfte ich mal sagt Mister X, dass die Folter nicht hätte passieren Mohamedou Slahi, das Opfer, hat dagegen etwas ge- genteil verkehrt. Er wählt jetzt nicht mehr die Republika-
und sagte, ich sei bereit zu reden.« dürfen. Nie geht Slahi darauf ein. Stattdessen redet er schafft, das Therapeuten sehr selten sehen. Häufig ste- ner, wie früher, sondern die Demokraten. Er ist nicht
Screenshots: Hoferichter und Jacobs GmbH

Nach Monaten des Schweigens redete Slahi jetzt so über andere Dinge – seine Unschuld, Amerikakritik. Ein- cken die Opfer in der Situation der Hilflosigkeit und mehr für die Todesstrafe, sondern dagegen. Er ist sich
viel, dass ihm Zuley Papier und Stifte bringen ließ, später mal beginnt er über Chalid Scheich Mohammed zu­ Ausweglosigkeit fest. Aus dieser Hilflosigkeit ist Slahi aus- nicht mehr sicher, ob er weiter in den USA leben will,
einen Computer. Slahi schrieb, dass er einen Anschlag auf reden, den Chefplaner von 9/11, der immer noch in gebrochen. Er hat sich zum Akteur gemacht. sondern denkt ans Auswandern.
den CN Tower in Toronto geplant hatte. Er zählte Kom- Guantánamo einsitzt. Ein anderes Mal über den US- Im Netz kann man sich zahlreiche Videos von Slahis Seit einigen Jahren unterrichtet Mister X junge Sol-
plizen auf. Er zeichnete Organigramme von Terrorzellen Krieg in Afghanistan. Auftritten anschauen. Das Publikum ist häufig sichtlich daten und FBI-Agenten in Verhörtechniken. Immer gebe
in Europa. Slahi sagt, es sei alles erfunden gewesen. gerührt, wenn er davon erzählt, wie er seinen Wärter in es am Anfang des Kurses Leute, die sagten: Folter sollte
Tatsächlich meldeten die Geheimdienste bald Zweifel Mister X: Ich werde nichts zu Chalid Scheich Mohammed Mauretanien empfangen hat. Die Schauspielerin Jodie erlaubt sein. Er sagt dann, nein, auf keinen Fall. Folter
an der Wahrhaftigkeit der Informationen an, die Zuleys sagen, auch nichts über Politik. Ich kann nur über die Tech- Foster, die für ihre Rolle als Slahis Anwältin im Film ­Der verlange einen hohen Preis. Nicht nur von demjenigen,
Team an sie weiterleitete. Im November 2003 veranlasste niken sprechen, die ich angewendet habe. Dass sie falsch Mauretanier einen Golden Globe gewonnen hat, sagte in der sie erleidet. Sondern auch von dem, der sie begeht.
Zuley einen Lügendetektortest an Mohamedou Slahi. waren und ich es nie hätte tun sollen. Sie hätten nie miss- einem Statement bei der Preisverleihung über ihn: »Du Manchmal erzählt er dann von sich.

HINTER DER GESCHICHTE


Einer der beiden Autoren dieses Dossiers, John Goetz, ist Investigativjournalist beim NDR. Er hatte schon 2008 über Slahi berichtet. Nachdem dieser 2016
aus Guantánamo freigekommen war, besuchte Goetz ihn in Mauretanien. Slahi äußerte den Wunsch, seine Folterer zu treffen. Goetz machte sich auf die
Suche und fand unter anderem den Mann, den Slahi als Haupttäter nannte: Mister X. ZEIT-Redakteur Bastian Berbner stieg vor einem Jahr in die
Recherche ein. Es folgten Reisen zu Slahi und zu Mister X sowie Interviews mit Ermittlern, Geheimdienstleuten und M­ itgliedern des Folterteams. Neben
diesem Dossier entstand der Dokumentarfilm »Slahi und seine Folterer«, der vom 8. September an in der ARD-Mediathek verfügbar ist (Panorama sendet
an diesem Donnerstagabend um 21.45 Uhr eine Kurzfassung). Zudem gibt es den NDR-Podcast »Slahi – 14 Jahre Guantánamo«.
16 LESERBRIEFE 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Zur Ausgabe Nr. 34 Weitere Leserbriefe finden Sie unter


blog.zeit.de/leserbriefe

Die Methoden
des Doktor W.
M. Spiewak: »Was versteht dieser
Klartext übers Klima Armin,
lass et!
Zum Dossier
Mann von Kindern?«  ZEIT NR. 36 Jochen Bittner: »Land der Amateure«  ZEIT NR. 34 über Armin Laschet  ZEIT NR. 34

Ich zähle mich zu den Befürwortern von Micha- Jochen Bittner empfiehlt, das Klimaproblem ren. Der weltweite Energiebedarf wird unabwend- Technologiefeindlichkeit zu attestieren, wie Jochen Ihren Artikel fand ich äußerst polemisch, ge-
el Winterhoffs Analyse und finde die oft herab- durch Carbon Capture and Storage/Utilization, bar immer weiter steigen. Für die Menschheit be- Bittner es in seinem Artikel tut. hässig und fast diskriminierend. Schon die
lassenden Kommentare darüber, wie unmöglich Geoengineering, Kernfusion, Kernenergie,­steht die vielleicht letzte Chance, den Klima-GAU DR . DIRK KERBER , DARMSTADT Überschrift »Ist er der Richtige?« sieht nach
es sei, dass vor allem viele Lehrer und Erzieher Bodenbakterien und Rinderzüchtung zu lösen – zu verhindern, darin, Kernkraftwerke zu bauen! Und Meinungs­mache und Wahlbeeinflussung aus.
seine Beobachtungen mittrügen, als respektlos. wirklich? Wie wäre es mit evidenzbasierter­ zwar weltweit, so schnell und so viele wie möglich! Endlich! Die Sympathien vieler ZEIT-Redakteure Die Entscheidung müssen Sie schon den Wäh-
Wer, wenn nicht die Experten für Kinderent- Recherche statt populistischen Wunschkonzert- MANFRED MARGGR AF, PER E-MAIL für die Grünen waren ja unverkennbar. Ich hatte lern überlassen – oder halten Sie diese nicht für
wicklung, die täglich Hunderte Kinder erleben, Fantasien? PROF. SEBASTIAN OBERTHÜR , BRÜS SEL schon im Scherz geäußert, dass man das Bremer mündig?  BÄRBEL GR AS SMANN , STUT TGART
hat ein realistischeres Bild der Lage? Es bleibt Zum Ausbruch aus Denkverboten gehört die Frage, Wappen auf der Titelseite bald durch den Schriftzug
ein Rätsel, wie Sie darauf kommen, dass päda- Herzlichen Dank für diesen wunderbaren, auf- ob die Technisierung unserer Welt der Entwicklung »Inoffizielles Parteiorgan der Grünen« ersetzen Die wichtigere Frage wäre gewesen: War er je-
gogische Fachkräfte die Winterhoffschen Alarm- klärerischen Artikel. Umweltschutz ist keine­ der Lebensqualität dient oder ob es sich beim Indus- werde. Nun macht Ihr Artikel Hoffnung, dass es vor mals der Richtige? Antwort: Nein. Das Problem
meldungen als Selbstentlastung missbrauchten. Religion, auch kein Ersatz. Umweltschutz ist­ trieland Deutschland um eine Art Motor handelt, Stromabschaltungen und einem zu befürchtenden liegt weiter zurück, bei der Wahl zum Parteivor-
Ich kenne nur Pädagogen, die sich aus Sorge um unbequem und fordernd. Das müssen wir uns der zwar immer mehr Energie braucht, aber wenig Erstarken der AfD zu zielführenden Diskussionen sitzenden der CDU. Wenn man schon einen
unsere Kinder freiwillig mit dieser Thematik dringend zumuten. BERNHARD BUSCH , WALDR ACH nützt in Bezug auf Lebensqualität. Fahren Sie mal kommen wird. MANFRED WIECH , BARSBÜT TEL konservativen, wirtschaftsliberalen Vorsitzenden
beschäftigen. Winterhoffs (Gesellschafts-)Ana- werktags über irgendeine Autobahn in Deutschland, nicht wollte, dann hätte keiner gewählt werden
lyse sowie seine Lösungsansätze verhelfen im Kernkraft als Heilsversprechen gegen den Klima- und sehen Sie sich den rechten Fahrstreifen an: Da Die Erde hat einen Kernreaktor ganz in der Nähe dürfen, der für Beliebigkeit steht. Mit Norbert
pädagogischen Alltag zur Entwicklungsförde- wandel? Betrachten wir das finnische Großprojekt fährt unser Bruttosozialprodukt und das dazuge- (acht Minuten von hier). Wir brauchen keinen Röttgen hätte die Partei einen Kandidaten ge-
rung der Kinder. MIRIAM DUTSCHKE, HANNOVER Olkiluoto, welches 2004 begonnen wurde. Noch hörige Zwischenlager. Und das verdoppelt sich alle Brennstoff zu kaufen, haben keine Entsorgungs- habt, der intellektuell Laschet haus­hoch über-
läuft es nicht, nachdem sich die Kosten beinahe ver- 10 Jahre. Verdoppelt sich auch die Lebensqualität, probleme, das Ding ist wartungsfrei, zuverlässig und legen ist und dem man zutrauen durfte, die
Der Mann ist ein Kinderpsychiater, wie ihn sich dreifacht haben auf über acht Milliarden Euro. Wir die sich nicht nur durch Bequemlichkeit und Kom- läuft 24/365. Es wäre logisch, in den Regionen des Zukunft gedanklich und programmatisch ge-
Jugendhilfe und Öffentlichkeit backen würden, müssen also mit Bauzeiten von nahezu zwanzig fort definiert? UWE MANNKE, STUT TGART Planeten, die besonders mit dieser Energie beliefert stalten zu können. HENNING ROEDER , BODOLZ
wenn es ihn nicht schon gäbe. Dahinter steckt Jahren rechnen. Deutschland muss aber allerspätes- werden, die dortige Bevölkerung in die Lage zu ver-
ein fast mystisches Konzept eines psychisch tens 2035 klimaneutral sein, um das 1,5-Grad-Ziel Die Politik muss endlich eingestehen, dass der setzen, uns klimasauber produzierte Energieträger Wie sagten noch seine »politischen Freunde«
kranken Kindes. Je schwerer das Störungsbild, zu erreichen. Weitere Vorschläge von Herrn Bittner Energiebedarf Deutschlands nicht nur alternativ verkaufen zu können. Wo sind die Anstrengungen vor einigen Monaten? »Armin, lass et!« Das
desto lauter der Schrei nach dem Medikament. sind ebenfalls Zukunftsmusik. Fotovoltaik, Wind- abgedeckt werden kann. Wir kämpfen hier für den in diese Richtung? HANS LIST, PER E-MAIL CDU-Präsidium wird aus seiner politischen
Dies wird flankiert von unkoordinierten Hilfs- kraft und batteriebetriebene Kraftfahrzeuge könnten Erhalt des Waldgebietes im Saar-Hunsrück-Natur- Gemütlichkeit erst wieder aufwachen, wenn sich
maßnahmen nach dem Motto »Viel hilft viel«: sofort massenhaft produziert werden, wenn die park und hoffen, dass die Politik entscheidet, dass Wie kann man in einem Land als Verantwortungs- die Union auf der Oppositionsbank wieder-
Ergotherapie, Psychotherapie für die Eltern, Politik die Notwendigkeiten einsähe. keine Windparks in den Wäldern genehmigt wer- träger konstruktiv neue Ideen diskutieren, in dem findet. MICHAEL DEIL, BARGTEHEIDE
Familienhelferin, Paarberatung, Kinderpsycho- MECHTHILD DIERL AMM-HARTH , SCHORNDORF den. Klimaschutz ohne Naturschutz ist ein Wider- es vor allem darum geht zu sagen: Wir haben da
therapie. Aber ein Kind ist ein Kind ist ein Kind. spruch. DORIS STEUER , PER E-MAIL nichts falsch gemacht, aber die anderen! Es kommt Man muss kein Anhänger von Herrn Laschet
Was es braucht? Respekt statt Normierungs- Warum halten Sie nicht einfach ein flammendes mir oft vor, als agiere die Gesellschaft wie im Mittel- sein – der Verriss allerdings ist derart einseitig,
druck. Zutrauen statt endloses Problematisieren. Plädoyer für die Kernkraft, statt die Grünen ans Innovation bedeutet zuerst die Schaffung neuer po- alter: Primitive Rachegedanken treiben die Leute an, dass ich die Zahlung einer bedeutenden Beste-
Unterstützende Eltern statt Abwertung und Kreuz zu nageln? Und wenn Sie schon ein »Land der litischer Optionen wie etwa der Modifikation der jemanden zu lynchen, zu strafen, fertigzumachen. chungssumme von SPD/Grünen für die Auto-
Bevormundung. Meine Utopie ist eine Welt, in Amateure« ausmachen, bitte, wo erblicken Sie die Schuldenbremse und Investitionen in Forschung Wer hat da noch Lust, neue Ideen vorzuschlagen? ren vermute.
der kein Kind denkt, dass etwas mit ihm nicht Profis als die Erlöser? JÜRGEN PILZ, HARDEGSEN und Entwicklung, um neue Technologien zu ent- Das Ergebnis sind Plattitüden im Wahlkampf und HANS-JOACHIM VOGEL, NEUNKIRCHEN-SEELSCHEID
stimmt. Stattdessen zuckelt der Bus mit den wickeln und einsatzfähig zu machen. Die Grünen die Suggestion, der Klimawandel könne bewältigt
Heimkindern zum Psychiater (»wir brauchen Den Hohepriestern der modernsten Religion, die fordern dafür jährlich 50 Milliarden Euro an zu- werden, ohne dass sich irgendeine ­Bequemlichkeit Ein glänzender Artikel! Seit Januar verpasse ich
nur das Rezept«) und von dort aus zur Apo- lautet »Kernenergie ist Teufelswerk«, ist es gelungen, sätzlichen staatlichen Investitionsmitteln. Es ist des- in unserem Leben ändern müsste. Was für ein­ fast keinen Auftritt des Herrn Laschet. Solange
theke.  DR . MED. K ATHRIN VAN HEEK , KIEL die öffentliche Meinung erfolgreich zu indoktrinie- halb schlicht demagogisch, ihnen immer noch Ärgernis! ERIK A S . BECKER , FR ANKFURT A . M . er zu seiner Partei sprechen kann, ballt er die
Fäuste und erhebt die Stimme. Hat er ein Ge-
genüber, flüchtet er in Stummheit oder Plaude-
rei. Das hält der gemeine Bürger kaum aus.

Vom Grund her falsch


Wenn ich an andere Kaliber im Ausland denke,
Locker lesen mit denen er sich auseinandersetzen muss, und
an Herausforderungen wie Klimawandel,­
Ursula März: Corona-Krise, Flüchtlinge, traue ich ihm das
»Liest Ihr Kind?«  ZEIT NR. 34 Zu unserer Berichterstattung über die Lage in Afghanistan  ZEIT NR. 34 definitiv nicht zu.  CL AUDIA KÖRNER , LÖRR ACH

Ich kann die Sehnsucht nach dem Supermann


Als Mutter von Kindern, die schon »aus dem Die Vorgänge in Afghanistan offenbaren den 20 drängen zu wollen. Ein Staat – und das ist die Sum- aus. Bitter für diejenigen, die Angehörige verloren als Regierungschef nicht nachvollziehen.
Gröbsten raus sind«, finde ich in Ihrem Arti- Jahre andauernden Dilettantismus und die Über- me aller seiner Angehörigen – kann sich nur das haben. DR . K ARLHEINRICH GRUSCHKE, NORDEN Deutschland hatte im 20. Jahrhundert zwei
kel viele eigene Erfahrungen wieder. Und ich heblichkeit des westlichen Vorgehens. Mit ge- System geben, das er selbst entwickelt. Dritte kön- Herrscher, die sich dafür hielten: Wilhelm II.
freue mich, ein Plädoyer für das Lockerblei- waltigen Summen und geringer Kontrolle befeu- nen ihre Beziehungen zu ihm danach auslegen, alles Für seine »Kleine Geschichte eines Komplettver- und Adolf Hitler. Das sollte reichen. Ich finde
ben zu finden. Erwachsenwerden ist heute viel erte man die ohnehin grassierende Korruption andere ist vom Grund her falsch. sagens« hätte ich Herrn Dausend ohne zu zucken alle drei Kandidaten sehr sympathisch und
komplizierter geworden, weil auch die globa- und unterstützte eine kleptokratische Politiker- WOLFGANG CL AUSMEYER , K AS SEL mein Blut als Tinte hergegeben. Das Auftreten und hätte sie gern als Freunde. Gerade die kleinen
lisierte und digitalisierte Welt so viel mehr kaste. Man versuchte, dem Land etwas aufzu- Handeln aller verantwortlichen Politiker (nicht nur Fehler machen sie menschlich, und sie sind be-
anbietet. Es muss nicht schlecht sein, sich pfropfen, ohne zu fragen, wie die Wertvorstellun- Hilfe für Afghanistan war nie das vorrangige Ziel der deutschen) erfüllt mich mit großem Zorn. reit, andere Meinungen anzuhören. Mehr ver-
dafür etwas mehr Zeit zu lassen und neue gen der Mehrheit abseits der Städte sind und wo der Intervention. Den Appellen des damaligen US- Niemand lässt seine (Ortskraft-)Kameraden und lange ich nicht. PETER PIELMEIER , ALSBACH
Wege zu gehen. Die Freiheit dazu wünsche die Prioritäten einer schnell aufgerüsteten Armee Präsidenten Bush zufolge ging es um retaliation (Ver- (Ortskraft-)Schutzbefohlenen in einer potenziell
ich allen Kindern. FR AUKE HEINS , KÖSCHING jenseits offizieller Verlautbarungen liegen. Hat geltung). Ein bedeutender Teil der investierten tödlichen Umgebung schutzlos zurück und redet Armin Laschet hat sich der Inhaltsleere der
man sich nie gefragt, warum die Taliban trotz al- Mittel des US-geführten Bündnisses ging in den sich dann nach dem Versäumnis mit Bürokratie-,­ CDU angepasst. Wenigstens gilt: Ich kann
Ich befürworte, ganz im Gegenteil zu Frau ler Brutalität und allem Rigorismus Rückhalt ha- Einsatz tödlicher Waffen – die auch zahlreiche zi- Antrags- und Visa-Blabla feige heraus! Seit dem mich darauf verlassen, dass ich nicht die Kat-
März, dass vor allem Schulen von Beginn an ben und mühelos im Untergrund fortexistieren, vile Opfer forderten. Es gab keinen strategischen Geschichtsunterricht in meiner Schulzeit vor circa ze im Sack kaufe. Denn es gibt keine Katze.
Kinder mehr ans Lesen von Büchern, auch Kämpfer rekrutieren und Geldgeber finden? Mit Gesamtansatz, der die afghanische Bevölkerung als 40 Jahren habe ich mich nicht mehr so sehr für mein Der Sack ist leer. MARIO LUCCHESI , POTSDAM
und gerade in den Ferien, heranführen soll- martialischem Auftreten und dem Bombardieren Akteur in eigener Sache vorsah. Die Tatsache, dass Land geschämt. Vaterland – Versagerland – Verrä-
ten. Denn wenig belesene Eltern können­ von Hochzeitsgesellschaften, die man für Terro- Bündnistreue traditionell militärisch definiert ist, terland. Z ACHARIAS MESAROS , NORDERSTEDT
ihren Kindern wichtige Freunde (Bücher) ristentreffen hielt, schafft man kein Vertrauen. sollte künftig nicht mehr dazu führen, positive
vorenthalten, die sie in Pandemiezeiten viel- Wenn unsere Politiker jetzt mit Bedauern »Fehl- Wirkungen des Militärischen zu überschätzen und Sie schreiben, die USA seien wieder bereit, die De-
leicht dringender benötigen denn je.  einschätzungen« eingestehen, ist das angesichts die Bedeutung der zivilen Mittel der Konfliktlösung mokratien der Welt zu führen. Nein, danke! Ich, als IHRE POST
BEATE SIMONE LINS SNER , GERTENBACH des verursachten Leids einfach nur schäbig. und -prävention zu unterschätzen. Teil der westlichen Welt, will nicht von den USA
ARNO PFEIFENBERGER , STEIN B . NÜRNBERG DR . HEIDE RICHTER-AIRIJOKI , WIT TENBERG geführt werden, einem dysfunktionalen Land. Das erreicht uns am schnellsten unter der
Land mit den besten Universitäten der Welt, dessen E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de. Mit der
Unsere devote Abhängigkeit von den USA schlägt Der Abzug des Militärs aus Afghanistan war si- Bevölkerung aber Wissenschaft und Masken in der Einsendung geben Sie Ihr Einverständnis,
nunmehr in Afghanistan wieder zu. Weder brauch- cher unprofessionell, und man hat sich vieles ein- Pandemie verabscheut. Ein Land, das sich täglich in Ihren Brief in der ZEIT, deren digitalen Aus-
BEILAGENHINWEIS ten die USA unseren Beistand, um sich selbst ver- fach schöngeredet. Aber: Verantwortlich für die Massenschießereien umbringt, dessen Bevölkerung gaben und im Leser-Blog auf www.zeit.de
teidigen zu können, noch musste Deutschland am Situation am Flughafen in Kabul sind die Tali- sich mit Opioiden ausschaltet, das bis heute seine unter Nennung Ihres Namens und des
Die heutige Ausgabe enthält folgende Publikationen Hindukusch verteidigt werden. Ein militärischer ban. Und ich habe von keiner wie auch immer Verbrechen an den First Nations nicht aufgearbeitet Wohnortes zu veröffentlichen. Für den
in einer Teilauflage: Andechser Molkerei Scheitz Einsatz in einem anderen Staat wäre immer nur gearteten Stelle ein »Danke« für den Einsatz der hat, dessen Zweiparteiensystem sich nur noch zer- Inhalt sind Sie als Einsender verantwortlich;
GmbH, 82346 Andechs; Chiemgau Tourismus gerechtfertigt, wenn er von diesem via UN erbeten Amerikaner und ihrer Verbündeten von afghani- fleischt. Wenn überhaupt, will ich von Europa ge- die Redaktion behält sich Auswahl, Kürzung
e.V., 83278 Traunstein; Gemeinschaftswerk der wird. Sonst verletzen wir dessen Souveränität, und scher Seite gehört. Man hat sich offenbar unter führt werden, wo – noch – Wissenschaft, freier und redaktionelle Bearbeitung vor. Zudem
Evang. Publizistik (GEP) gGmbH, 60439 Frank- im Zweifel sind eigene Interessen ausschlaggebend, dem militärischen Schirm eingerichtet; kraftvol- Journalismus und konstruktive Kritik zählen. können Sie die Texte der ZEIT auf Twitter
furt am Main. am schlimmsten die, anderen unsere Lebensart auf- les Engagement für das eigene Land sieht anders WOLFGANG MICHEL, WALDEMS diskutieren und uns auf Face­book folgen.

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DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 GESCHICHTE 17

Kabuls goldene Jahre


Wer die tiefen Ursachen für die Krise in Afghanistan verstehen will, muss auf die Liberalisierung des Landes in den Sechzigerjahren
schauen – und warum sie schon vor dem Einmarsch der Sowjets 1979 scheiterte  VON THOMAS SPECKMANN

O
b die Geschichte nun wie- einem umfangreichen, großflächigen Einsatz eigener
der von vorn beginnt? Die Bodentruppen. Zuvor waren es Leonid Breschnew
dramatische Entwicklung und Politbüro-Mitglieder wie der KGB-Chef Juri
in Afghanistan scheint gera- Andropow gewesen, die sich am Ende über alle Be-
dezu danach zu schreien. denken hinwegsetzten. Sie hofften darauf, Afghanis-
Denn dort gilt seit Jahrtau- tan mithilfe einer neuen Zentralregierung in Kabul
senden: Nach der Interven- stabilisieren und dadurch das eigene militärische
tion durch fremde Mächte ist vor der Intervention Engagement rasch verringern zu können – was sich
– Alexander der Große, die Briten, die Sowjets, die schon damals als irrig erwies.
Amerikaner und ihre Verbündeten zeugen davon. Und dennoch oder gerade deswegen: Während
Und nach dem gesellschaftlichen Modernisie- die Sowjets das Land schließlich mit hunderttausend
rungsversuch ist vor dem gesellschaftlichen Mo- Mann fast ein Jahrzehnt lang besetzt hielten, ver-
dernisierungsversuch – von außen wie von innen. suchten auch sie, Afghanistan zu modernisieren – wie
So wecken die gegenwärtigen Nachrichten vom die Kabuler Zentralregierung nach kommunisti-
Hindukusch nicht zuletzt Erinnerungen an eine Ab- schem Vorbild und in brachialem Tempo. Dies führ-
folge von Ereignissen in den Sechziger- und Siebziger- te zu paradoxen Nebeneffekten: Während die Mu­
jahren. Schon damals ging es um die Modernisierung dscha­he­din die sowjetischen Invasoren in einem
des Landes – und ihr Scheitern. grausamen Krieg bekämpften, erlebten die Frauen
Susanne Koelbl und Olaf Ihlau haben 2007 als eine der liberalsten Phasen in der Geschichte ihres
langjährige Kenner der afghanischen Geschichte und Landes. Kabul und Moskau meinten es ernst mit der
Kultur in ihrem Buch Geliebtes, dunkles Land. Men- Durchsetzung der Frauenrechte. Sie legten Förder-
schen und Mächte in Afghanistan daran erinnert, dass programme auf. Sie sandten Frauen aus Afghanistan
es noch vor den Kommunisten und ihren sowjeti- zum Studium nicht nur in die Sowjetunion, sondern
schen Förderern am Hindukusch gewisse Ansätze ebenso in den übrigen Ostblock, auch die DDR war
einer gesellschaftlichen Liberalisierung gegeben hat: Zielland. Das Ergebnis: Frauen besetzten schließlich
Ähnlich wie in Amerikas und Europas westlicher hohe Positionen in Verwaltung und Militär.
Welt stritten Ende der Sechzigerjahre konservative, Als die Sowjets 1989 abzogen, standen zwar nicht
traditionelle und reformistische Studenten an der einmal mehr 20 Prozent des Landes außerhalb von
Universität in Kabul über das in ihren Augen beste Kabul unter der Kontrolle des kommunistischen
Gesellschaftsmodell. Regimes. Aber dieses Kabulistan wurde neben Armee,
Die Fundamentalisten forderten einen Staat, der Präsidentengarde, paramilitärischen Einheiten von
strikt den Gesetzen des Propheten folgen sollte. Die Geheimdienst und Innenministerium auch von
Modernisierer kämpften für ein säkulares System. Frauenmilizen verteidigt. Gerade unter Kabuls jun-
Die meisten von ihnen waren Maoisten. Sie forderten gen, selbstbewussten Frauen hatten die Kommunis-
den Umsturz des feudalistischen Patriarchats zu- ten eine starke Anhängerschaft. Diese Frauen ahnten:
gunsten einer gerechteren Verteilung des Eigentums – Sollten die radikalen und militärisch erfolgreichen
es befand sich größtenteils in der Hand weniger Fundamentalisten aus den Provinzen auch die Macht
Großgrundbesitzer. Von dieser neuen Ordnung in Kabul übernehmen, würden sie ihre Jobs in Schu-
sollten auch die unterdrückten Frauen profitieren. len, Krankenhäusern und Ministerien wieder ver-
Die Hauptstadt des Landes zeigte sich damals lieren und die Burka tragen müssen. Sie sollten recht
moderat. Die oberen Gesellschaftsschichten orientier- behalten: Als die Stadt in einem weiteren Bürgerkrieg
ten sich an London und Paris. Westliche Mode setzte der Kulturen 1996 an die Taliban fiel, bedeutete das
den Standard, auch wenn sie für viele unerschwinglich neue »Islamische Emirat« auch das Ende der mühsam
war: Im Kabuler Gesundheitsministerium verdiente errungenen Freiheiten der Frauen in Kabul.
eine Sekretärin monatlich 2200 Afghani – 1200 Das Erbe des »Goldenen Zeitalters« währte nicht
kostete ein Paar der damals begehrten Pumps des lange. Sowjetische Okkupation, islamistischer Wider-
deutschen Herstellers Salamander auf dem Basar. standskampf, Bürgerkrieg und die erste Herrschaft
Mädchen in Miniröcken flanierten entlang der Pro- der Taliban ließen von Afghanistans demokratischem
menade des Kabul-Flusses. Sie trugen kurzärmlige Aufbruch wenig bis nichts übrig. So kann es nicht
Blusen, ihre Haare zu gebauschten Frisuren toupiert. überraschen, dass auch das Fundament des zweiten
Kam der Sommer, kamen mit ihm illustre Feier- demokratischen Versuchs ab 2001 sich von Beginn
lichkeiten. Auch in Landhäuser im idyllischen Um- an als brüchig erwies – zu brüchig für den erneuten
land der Hauptstadt. Live-Musik erschallte aus Ansturm der Taliban 20 Jahre später. Dieses Mal
prachtvollen Gärten. Zwischen duftenden Rosenstö- stellte sich ihnen keine Frauenmiliz entgegen, von
cken, Pfirsichbäumen und Walnussbäumen wurde Armee, Präsidentengarde, paramilitärischen Ein-
zu klassischen afghanischen und indischen Kom- heiten des Geheimdienstes ganz zu schweigen. Dabei
Foto: Eve Arnold/Magnum Photos/Agentur Focus

ponisten getanzt. Entsprechend zwanglos war der dürften dieses Mal die jungen, selbstbewussten Frau-
Umgang zwischen Frauen und Männern – eine en Kabuls nicht weniger stark geahnt haben, was
Annäherung folgte allerdings auch damals klaren ihnen unter den Taliban droht.
Regeln: Zärtlichkeiten erst nach der Eheschließung. Helmut Schmidt, der zur Zeit des sowjetischen
Bis in den ländlichen Raum drangen diese relati- Einmarsches in Afghanistan Bundeskanzler war, hat
ven Freiheiten allerdings nur selten bis gar nicht vor. bereits 2010 in einem Gespräch mit dem damaligen
Dennoch ist der Zeitraum eines unbeschwerteren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
Lebens und Arbeitens im Kabul der Jahre 1963 bis gemahnt: »Es wird langsam Zeit, sich an den Ge-
1978 als »Goldenes Zeitalter« in die afghanische Ge- danken zu gewöhnen, dass man den Krieg irgend-
schichtsschreibung eingegangen. Zwar gab es auch wann wird abbrechen müssen.« Die Sowjetunion tat
damals Unruhen, Hunger und Entbehrung, aber es dies nach mehr als neun Jahren. Die andere Super-
wurde weniger getötet. Gemessen an den Dekaden Westliche Mode in Kabul, hier 1969 in einer von Frauen geführten Boutique macht mit ihren Nato-Verbündeten war dazu erst
und gar Jahrhunderten zuvor – und an den Jahren nach mehr als doppelt so langer Zeit bereit.
und Jahrzehnten danach, wie Stefan Kornelius 2009 Diese Zäsuren kommen und gehen in Afghanistan
in seinem Buch Der unerklärte Krieg, Deutschlands wie die Besatzungsmächte in seiner Geschichte. Was
Selbstbetrug in Afghanistan schrieb –, war es eine weit- Der Widerstand gegen den Versuch gesellschaft- niger Tage die Armee des Landes vor den Augen des griffe des Zentralstaats: Bewohner vertrieben Reprä- bleibt, ist die Kontinuität des afghanischen Bürger-
gehend friedliche und stabile Zeit. licher Modernisierung erfasste immer breitere Bevöl- Westens zerfiel, musste bereits 1979 der Kreml zur sentanten der Regierung. Polizeistationen gingen in kriegs der Kulturen. Wer ihn verstehen will, muss
Eingeleitet hatte den demokratischen Aufbruch kerungsschichten, die ihre angestammten Macht- Kenntnis nehmen, dass afghanische Truppen in He- Flammen auf. Distriktverwaltungen wurden geplün- Ahmed Rashid lesen. Der britisch-pakistanische
König Mohammed Sahir Schah, 1964 gab er dem positionen bedroht sahen. Islamische Gotteskrieger rat zu den Aufständischen übergelaufen waren. dert. Das kommunistische Regime schickte Panzer, Journalist begann seine Arbeit als Korrespondent für
Land eine moderne Verfassung. Sie sah fünf Premier- wagten bewaffnete Aufstände. Im März 1979 lieferten Auf die Gefechte im Westen Afghanistans folgten ließ die Dörfer der eigenen Bevölkerung bombardie- Afghanistan, Pakistan und Zentralasien in dem Jahr,
minister in einer konstitutionellen Monarchie kom- sich Bewohner der Stadt Herat im Westen des Landes, weitere schwere Kämpfe. Im März und April 1979 ren und die Überlebenden über die Grenze nach Pa- in dem das »Goldene Zeitalter« endete. Sein interna-
men und gehen. Dann endete sie mit Mohammed Bauern der umliegenden Dörfer und sogar Soldaten fielen nicht nur Teile der Provinzen Balch, Kunar und kistan vertreiben. Auch in Badachschan im äußersten tionaler Millionenbestseller Taliban erschien ein Jahr
Daud. Der Autokrat stürzte 1973 Sahir Schah und der örtlichen Garnison vier Tage lang blutige Gefech- Badghis im Norden, Paktia im Süden und Nangarhar Nordosten eskalierte die Gewalt – die Folge eines­ vor 9/11. Aber das Buch, das helfen könnte, die
machte Afghanistan zur Republik – mit sich selbst te mit Regierungstruppen. Afghanistans Bürgerkrieg im Osten an der Grenze zu Pakistan, sondern sogar eigens ausgerufenen »Alphabetisierungsfeldzugs« mit heutige Gegenwart zu erklären, schrieb er sieben
als erstem Präsidenten, der zunächst auf die Unter- der Kulturen hatte begonnen. Die Bilanz der März- von Kabul selbst in die Hände aufständischer Milizen. 5000 Lehrern und 20.000 Helfern in einer der ärms- Jahre später: Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan
stützung der kommunistischen Demokratischen Unruhen: 5000 Tote, unter ihnen 150 bis 200 Militär- Auch in der südöstlichen Provinz Nuristan ver- ten Provinzen. Bei Aufständen in Urusgan in Zentral- und die Rückkehr der Taliban. Dort findet sich eine
Volkspartei Afghanistans baute, später gegen sie berater aus der Sowjetunion mit ihren Familien. teidigte man die traditionelle Lebensweise gegen Ein- afghanistan und Dschalalabad im Nordosten wurden Beschreibung ihres Siegeszuges in den Neunziger-
agierte und schließlich mitsamt seiner Familie bürger- Moskau unterstützte bereits seit Mitte der Fünfziger- ANZEIGE Hunderte Lehrer, Richter und Beamte getötet – sowie jahren, die aufhorchen lassen sollte.
kriegsartigen Machtwirren in Kabul zum Opfer fiel. jahre die Regierung in Kabul bei der Aufstellung die beiden Provinzgouverneure. Zwar hatten sich die Taliban in eine erfolgreiche
Eineinhalb Jahre vor der sowjetischen Invasion moderner Streitkräfte. Dazu waren Tausende sowje- Doch es fehlten den Aufständischen ein über­ Militärmacht verwandelt. Zwar hatten sie im Winter
1979 begann ein afghanischer Bürgerkrieg, aus dem tische Soldaten und KGB-Mitarbeiter im Land. regionaler Plan und entsprechende Netzwerke, um 1994 ihre spätere Hochburg Kandahar erobert und
sich wertvolle Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen
lassen. Bernhard Chiari hatte diese Episode bereits
Dennoch gelang es den Aufständischen nicht nur,
Panzer der afghanischen Armee und Jeeps des KGB
Jetzt am Kiosk! die Zentralregierung koordiniert zu Fall zu bringen. waren dann weiter nach Norden und Westen vor-
Zur Beruhigung der Lage führte dies aber keinesfalls: gestoßen. Zwar hatten sie im folgenden Jahr auch
2009 als Wissenschaftlicher Direktor am Militärge- mitsamt ihren Insassen zu vernichten. Sie konnten Angesichts der Eskalation der Gewalt am Hindu- Herat und dann 1996 Kabul eingenommen. Zwar
schichtlichen Forschungsamt Potsdam analysiert – Herat und damit die zweitgrößte Stadt Afghanistans kusch begann in Moskau die Diskussion über ein hatten viele paschtunische Kriegsfürsten lieber ihre
ein Jahr vor dem verlustreichen Karfreitagsgefecht auch eine Woche lang halten – im Unterschied zu Eingreifen. Die Militärs warnten vor einer direkten Waffen niedergelegt, als sich den Taliban entgegen-
der Bundeswehr gegen die Taliban bei Kundus. bisherigen, rasch niedergeschlagenen Erhebungen Intervention. Das Fazit ihrer Analyse des Aufstands zustellen, die ihnen unverwundbar erschienen. Aber
Auf den Autokraten Daud folgte eine kommunis- gegen die Zentralregierung in Kabul oder in Masar- in Herat und der Taktik der Mu­dscha­he­din lautete: bereits 1997 und nicht erst 2001 folgte die erste
tische Regierung. Im harten Gegensatz zur Lebens- i-Scharif, dem städtischen Zentrum des Nordens. Partisanenkrieg. Einen solchen hatten die Sowjets Niederlage der Taliban, als sie im Norden unter
wirklichkeit außerhalb von Kabul erklärte sie im Moskau wurde nervös. Bislang hatte es nur ver- selbst erfolgreich gegen die deutschen Besatzer im großen Verlusten mit Masar-i-Scharif die viertgröß-
Oktober 1978 die gesetzliche Gleichstellung von einzelte Attentate durch Islamisten gegeben. Sie waren Zweiten Weltkrieg geführt. Den höheren Rängen in te Stadt des Landes wieder räumen mussten.
Mann und Frau. Jugendliche Aktivisten aus Schulen kaum organisiert, hatten nur geringen Rückhalt in Armee und Partei war er noch in Erinnerung. Umso Heute ist es erneut der Norden Afghanistans, der
und Hochschulen – ohne Kenntnis der ländlichen der Bevölkerung. Aber jetzt zeigte sich spontaner mehr war ihnen bewusst, was eine Ausweitung ihrer vielen Hoffnung macht. Hier sammelt sich im Pan­
Traditionen – wurden entsandt, um die Gesellschafts- Volkszorn in den afghanischen Provinzen. Ähnlich Operationen am Hindukusch nicht nur für die­ dschir-Tal nicht nur der militärische Widerstand ge-
ordnung des Kommunismus in die Dörfer zu tragen. wie heute in Washington, London oder Berlin konn- eigenen Soldaten bedeuten würde: Nikolaj Ogarkow gen die Taliban. Hier meldet sich schon heute mit
In ihrem Bemühen, Bauernfamilien durch Refor- ten damals weder der Außenminister noch der Ver- mahnte als Chef des sowjetischen Generalstabs, eine Ahmed Massud das Gesicht der neuen Opposition.
men zu Bodenbesitz und Bildung zu verhelfen, igno- teidigungsminister der Sowjetunion ein klares Bild Invasion in Afghanistan würde dem Islamismus in Sein Vater Ahmed Schah Massud führte einst die
rierten die afghanischen Kommunisten die Realität der tatsächlichen Lage in Afghanistan zeichnen – ob- der gesamten Region Auftrieb verleihen – eine Pro­ Nordallianz in den Kampf gegen die Taliban und
der traditionell organisierten Stammesgesellschaften: wohl man ebenfalls seit zwei Jahrzehnten vor Ort gno­se, die für zukünftige Interventionsentscheidun- wurde dadurch zur Legende – zwei Tage vor dem
Schickten Vertreter der Zentralregierung in Kabul engagiert war. Eine weitere Gemeinsamkeit über die gen nicht weniger gültig sein dürfte als für die Zäsu- 11. September 2001 ermordet von Al-Kaida. In der
etwa Bäuerinnen in Grundschulen, empfanden dies Dekaden hinweg: die Unzuverlässigkeit der Streit- Oder gratis lesen: ren 1979 und 2001. Washington Post hat der Sohn die Vereinigten Staaten
die Ehemänner nicht nur als Zwang von außen, son- kräfte der afghanischen Zentralregierung – rund www.zeit.de/zg-heft Nach den Terroranschlägen vom 11. September bereits um Waffen und Munition gebeten. Sein Ziel:
dern auch als Entehrung ihrer selbst. Entsprechend hunderttausend Mann, damals ausgebildet mit sow- ignorierten die Regierungen Amerikas und Europas der erneute Sturz der Taliban. Ob die Geschichte nun
stark war die Gegenwehr der Männer in den Dörfern. jetischer Hilfe. So wie jetzt im August innerhalb we- »uneingeschränkt solidarisch« die Warnungen vor wieder von vorn beginnt?

110201_ANZ_71x100_X4_ONP26 1 09.07.21 13:11


18 VERBRECHEN 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Foto: Max Slobodda


Nicht nur die

Bäume
waren weg

Meine Urteile (XIX): Wie es ist, im


Gerichtssaal einen Betrüger vor sich zu haben,
vor dem weder Autos und Wälder
noch Häuser und Grundstücke sicher sind 
VON THOMAS MELZER
Der Kahlschlag war rasch vollzogen: Es gab keine Genehmigung und natürlich niemanden, der für all das zahlte

D
ie meisten Phobien, sich bestätigen zu lassen.« Dann diktiert er Gunder großen Rad drehen, so schlecht gekleidet und ra- wird ein Bußgeldverfahren eingeleitet, und erst als Einfamilienhaus nahe Dresden, 375.000 Euro
Opfer einer Straftat Schmidts korrekte Nummer ins Auftragsbuch. siert sind. Unterschätzt zu werden ist Böhms Ge- der glaubhaft machen kann, sich zur Beräumung werden fällig. Ein Jahr zuvor hatte er bei einer
zu werden, lassen sich Gunder ruft nicht an. Er kennt Schmidt, es kommt schäftsgrundlage. Als die Überweisung für die seines Grundstücks nicht eines Strohmannes be- Gerichtsvollzieherin die eidesstattliche Versiche-
frühkindlich wohl auf ihm nicht für eine Sekunde in den Sinn, dass Rodungsarbeiten nicht auf seinem Konto eingeht, dient zu haben, wird es eingestellt. Allerdings er- rung abgegeben. Im Online-Schuldnerverzeichnis
die Brüder Grimm Böhm sich das ausgedacht haben könnte. Hat er wird Gunder unruhig. Böhm hält ihn wortreich hält er die Auflage, zum Ausgleich an anderer steht hinter seinem Namen: Gläubigerbefriedi-
zurückführen. Gehegt aber. Böhm hat nie mit Schmidt gesprochen. Er hin. Irgendwann will Gunder dann aber doch for- Stelle Bäume zu pflanzen. Nun verkauft er das gung ausgeschlossen. Den Hausverkäufern er-
und gepflegt werden hat zutreffend darauf spekuliert, dass Gunder ihm mal mahnen. Weil das Ferienhaus aber keinen Grundstück tatsächlich und komplikationslos, im scheint er so ehrbar, dass sie Familie Böhm einzie-
sie später in der ZDF- glauben würde. Ein paar Tage später rückt Nickel Briefkasten hat, bringt Gunder am Zaun einen an, Vertrag übernimmt der Käufer die Ausgleichsauf- hen lassen, bevor der Kaufpreis bezahlt ist. Das
Fahndung Aktenzei- mit seinen Harvestern an. In einer Pause zeigt ihm wirft die Mahnung hinein und übergibt Frau lage. Natürlich nicht unentgeltlich – der Kaufpreis Haus gehört frisch geschiedenen Eheleuten. Böhm
chen XY ungelöst. Vor Kurzem ist der Angstkatalog Böhm den Katalog der schwedischen Holzhausfir- Böhm den Schlüssel. reduziert sich um 30.000 Euro. Die Der-Wald-ist- schafft es im nachfolgenden Schriftwechsel, sie
um eine bislang unbekannte Art bereichert wor- ma und darin sein künftiges Domizil. Nickel ist Der sympathische Pragmatismus des Hand- weg-Phobie bekommt eine Größenordnung. Die gegeneinander auszuspielen. Bevor er drei Monate
den: die Der-Wald-ist-weg-Phobie. begeistert und recherchiert am Abend im Internet. werkers ist freilich vergebens. Gunder zahlt jetzt Hauptverhandlung gegen Böhm an unserem Ge- später zur Räumung verurteilt wird, gibt Böhm
Der 81-jährige Walter Krause stammt aus dem »470.000 Euro«, seufzt er vor Gericht, »das konn- redlich seinen Subunternehmer aus und klagt ge- richt ist in den Januar terminiert. noch den Bau eines überdachten Pools in Auftrag.

E
brandenburgischen Wandlitz. Seiner Mutter ge- ten meine Freundin und ich uns nicht leisten.« gen Böhm vor dem Zivilgericht. Auch das igno- Zur Strafverhandlung am Amtsgericht Kamenz
hörte im Heimatort ein großes unbebautes Grund- Böhm auch nicht. Ich lese die Urkundenbewei- riert Böhm, Gunder erhält ein rechtskräftiges Ver- in paar Tage zuvor fällt der Winter ein. erscheint der Angeklagte nicht. Sein Verteidiger
stück. Es ist vollständig von Bäumen bewachsen se aus der Akte vor, hauptsächlich Auszüge aus säumnisurteil. Damit versucht er eine Lohnpfän- Die Straßenverhältnisse ließen eine legt das Mandat nieder, offenbar schwant ihm,
und flankiert von Wohnhäusern rechts wie links. dem Girokonto des Angeklagten, von der Staats- dung bei der Lufthansa. Beim Bäumefällen hatte Vorführung des Gefangenen nicht zu, dass es mit dem Honorar Probleme geben könnte.
Sie benötigte es nicht, wollte es auch nicht abge- anwaltschaft beschlagnahmt bei der Postbank. Als Böhm geprahlt, dort zu arbeiten. Doch die Luft- verkündet die Haftanstalt. Böhm!!!, Der Strafbefehl beläuft sich auf acht Monate Frei-
ben. »Meine Mutter war Bauerstochter, die kleben er den Rodungsauftrag über 28.000 Euro unter- hansa teilt Gunder mit, ein solcher Arbeitnehmer denke ich – wie hat er bloß das schon heitsstrafe. Dazu kommen Betrugsurteile von
an ihrem Land«, sagt Krause. Als sie das Grund- schreibt, weist das Konto ein Guthaben von zehn ist uns nicht bekannt. Es war wohl kein Kranich, wieder angestellt? Vier Eintragungen im Strafregis- Amtsgerichten aus Brandenburg und Nordrhein-
stück kurz vor ihrem Tod an den Sohn überträgt, Euro auf. Die Einnahmen ergeben sich aus Ar- von dem er gefallen ist. Das vollstreckbare Urteil ter, aber einmal nur ist er zu einer Hauptverhand- Westfalen. Böhms Einstiegstat ist ein Betrugs-
ist dieser längst in Rostock sesshaft und alt gewor- beitslosengeld und Kindergeld. Es ist an der Zeit, kann Gunder sich an die Kellerwand nageln. Geld lung erschienen. Drei Verurteilungen erfolgten in Klassiker: Gebrauchtwagen, 7er BMW. Dafür gibt
den. Ein Klassentreffen führt ihn zurück nach mit Böhm sein Finanzierungskonzept zu bespre- wird er damit nie einlösen. Wenig später steht das Abwesenheit. Als es im Frühjahr bei uns in den es eine Geldstrafe, 40 Tagessätze, die Böhm natür-
Wandlitz und dort zu seinem Grundstück. Krause chen. Kein Problem, sagt Böhm. Die Schweden Ferienhaus leer, und natürlich ist die Miete nicht zweiten Anlauf geht, beantragt er sechs Tage vor lich nicht bezahlen kann. Später wird sie umge-
trifft beinahe der Schlag: fast alle Bäume weg, samt hätten alles bezahlt. Es sollte ein Musterhaus wer- bezahlt. Familie Böhm hat mal wieder das Nest dem Termin, die Verhandlung zu verschieben. Er wandelt in 40 Tage Freiheitsstrafe. Das Amtsge-
Wurzeln gerodet. Der Auftraggeber ist schnell er- den, ihr erstes auf dem deutschen Markt. Er sollte gewechselt, wie so oft in den letzten Jahren. Nie wolle seine Verteidigerin wechseln. Nichts da, die richt Dieburg legt noch einmal 16 Monate drauf.
mittelt. Ein gewisser Michael Böhm hatte unlängst ihn für sie erobern. Da braucht man kein Eigen- melden sie sich ab oder an, aber die Schulpflicht Verhandlung wird durchgeführt. Selbstverständlich folgt Böhm seiner Ladung zum
bei Krause Interesse am Grundstück bekundet. kapital. Am Anfang seines Vortrages muss ich ein ihrer Kinder beachten sie. Das bringt die Kripo Gunder und Nickel bleiben nach ihren Zeu- Strafantritt nicht und muss verhaftet werden.
Sogar über den Kaufpreis ist man sich am Telefon reflexhaftes Augenrollen unterdrücken. dazu, über die Schulämter nach Böhm zu fahn- genvernehmungen im Saal sitzen und verfolgen, Meine Verhandlung ist längst zur Freakshow

A
einig geworden, 80.000 Euro. Ein Notartermin den. Diesmal finden sie ihn in Leipzig und schaf- wem sie da auf den Leim gegangen sind. Die Au- geraten. In den selbstgerecht fantasievollen Recht-
habe folgen sollen, doch dann habe er nichts mehr m Ende bin ich drauf und dran, mir fen ihn in eine sächsische Justizvollzugsanstalt. Es gen groß und rund, hinter den FFP2-Masken fertigungen seiner betrügerischen Eskapaden wirkt
von Böhm gehört. ein schwedisches Musterhaus zuzule- gibt zwar kein Geld, aber inzwischen einiges an zeichnen sich offene Münder ab. 2014 kaufte der Angeklagte wie eine unterhaltsame Jahrmarkt-
Böhm wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie gen. Wo lernt man diese Geschäfts- Haft zu vollstrecken. In Eberswalde ist die Ober- Böhm in Wandlitz für 275.000 Euro ein Einfami- attraktion. Seiner Parallelwelt darf sich das Publi-
zur Miete in dem Ferienhaus, das neben dem jetzt tüchtigkeit, denke ich, schon beinahe försterei derweil auf das illegal abgeholzte Grund- lienhaus. Zwei Tage nach Abschluss des Notarver- kum scheinbar berechtigt fern fühlen: Eine kleine
gerodeten Grundstück steht. Auch für Ralf Nickel ehrfurchtsvoll. Im Jurastudium je- stück aufmerksam geworden und hält sich an den trages täuscht er die Verkäufer mit einem gefälsch- Lüge in der Steuererklärung, na ja, macht jeder,
und Torsten Gunder ist er in diesen Tagen nicht zu denfalls nicht. An der Offiziershochschule der Na- Eigentümer. Gegen Walter Krause aus Rostock ten Kontoauszug über die Zahlung des Kaufprei- aber doch nicht so was. Bis ganz am Ende Frau
sprechen. Er sei vom Flugzeug gefallen und an den tionalen Volksarmee im sächsischen Kamenz? ANZEIGE
ses. Daraufhin wird ihm das Haus übergeben; bis Böhm vernommen wird. Ihre Naivität und Träg-
Knien operiert worden, richtet seine Frau aus. Dort hat Böhm studiert, bis die Auflösung der zur Grundbuchübertragung soll Böhm monatlich heit wirken zur Schlitzohrigkeit des Gemahls
Auch vor zwei Jahren passierte ihm das schon, als NVA ihm die Karriere vermasselte. Danach absol- 1400 Euro Miete zahlen. Die Verkäufer sehen kei- komplementär. Sie habe nie ein eigenes Konto ge-
ein kriminelles Immobiliengeschäft platzte. Aber vierte er eine Ausbildung zum Flugzeugmechani- nen Cent; drei Monate später treten sie vom Ver- habt, als Hausfrau ja auch nicht benötigt. Wie viel
die Strafakte, in der das steht, kennen Nickel und
Gunder natürlich nicht. Böhm fällt offenbar im-
ker. »Ich habe während meines Studiums bei der
HypoVereinsbank im Bereich Immobilienfinan- IM BANN DES trag zurück und fordern Böhm zur Räumung auf.
Doch der bleibt im Haus wohnen, bis sechs Mo-
ihr Mann verdiente, habe sie nicht gewusst. Ja, er
habe der Familie ein Haus bauen wollen, aber da
mer vom Flugzeug und lädiert sich die Knie, wenn
seine Gläubiger ihm im Nacken sitzen.
zierung gearbeitet«, lese ich von ihm in einer Straf-
akte. Offiziersschüler, Flugzeugmechaniker, Im- VERBRECHENS nate später der Gerichtsvollzieher kommt. Durch
Gerichts-, Anwalts- und Vollstreckungskosten,
habe sie sich rausgehalten. Die vielen Umzüge sei-
en wegen seiner wechselnden Arbeitsstellen nötig
Gunder ist Chef einer kleinen Firma für Land- mobilienmaklerpraktikant – in dem Verfahren ist Zinszahlungen, Wassergebühren und Ähnliches gewesen – wie die Firmen heißen, wisse sie nicht.
schaftsbau. Auch er erhielt einen Anruf von Böhm der Punkt erreicht, ab dem das Gericht dem An- entsteht den in Wien lebenden Verkäufern ein Das liest sich hier wie 19. Jahrhundert, ist ver-
– ob er kurzfristig ein Baugrundstück roden kön- geklagten kein Wort mehr glaubt. Auf die in der Schaden von 32.000 Euro. knüpft mit der Erscheinung dieser Frau aber doch
ne? Man trifft sich zur Besichtigung. Gunder Branche seit je ungeklärte Frage, warum die Rich- Als sie sich auf den Weg machen, um sich glaubhaft. Nun sind die Eheleute seit Kurzem ge-
bringt Nickel mit, seinen Subunternehmer für terrobe nur eine Tasche hat, gibt es eine überzeu- Böhm in Wandlitz persönlich vorzuknöpfen, fällt trennt, nach 20 gemeinsamen Jahren. Wegen der
derartige Fälle. Böhm zeigt auf die Bäume, Nickel gende Antwort: Das erspart es, vor Verhandlungen dieser das erste Mal vom Flugzeug. Eine örtliche Inhaftierung Ihres Mannes?, frage ich. Nein, sagt
zählt durch und kommt auf 80. Gunder schlägt gegen Betrüger zwei Taschen zunähen zu müssen. Immobilienmaklerin vermittelt den Betrugsopfern sie. Er habe sie mit einer anderen Frau betrogen.
pauschal einen Preis von 28.000 Euro vor, Böhm Diese Verfahren haben es in sich. Im Sendebereich den Kontakt zu einer in Lima lebenden Deut- Zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe bringt Michael
ist einverstanden. Nur schnell gehen müsse es, sagt des Betrügers muss selbst der misstrauischste Rich- schen, die auch irrtümlich ein Grundstück an Böhm die illegale Rodung ein. Zur Vollstreckung
er; er habe in Schweden ein Fertighaus bestellt, ter aufpassen, von der manipulativen Beredsam- Böhm verkauft hat. »Bei dem Notartermin tat er geht es zurück nach Sachsen. Wäre ich dort Ge-
und die Bodenplatte solle schon bald gegossen keit nicht unter die Räder gezogen zu werden. In Neu so, als würde er den Kaufpreis mal eben aus der fängnisdirektor, würde ich besser immer mal
werden. Gunder und Nickel sind erfahrene Profis. jungen Jahren habe ich gestöhnt, nachdem meine am Kiosk! Tasche zahlen.« Der Fall findet sich in keiner Akte; schauen, ob ich noch im Grundbuch stehe.
Sie wissen, dass eine behördliche Genehmigung an sich sparsamen Großeltern auf dem Autobahn- offenbar hat sich die Frau in Peru nicht auch noch
benötigt, wer Bäume fällen will. Böhm ist – auf parkplatz Kästen mit »Silberbesteck« gekauft hat- die Strapazen eines deutschen Strafverfahrens an- Thomas Melzer ist Richter in Brandenburg.
seine Art – auch Profi. Eine schriftliche Genehmi- ten. Längst sehe ich es ihnen demütig nach. tun wollen. Die Geprellten aus Wien erscheinen In seiner Reihe »Meine Urteile« schreibt er
gung hat er nicht, aber er spricht das Thema von Äußerlich ist Böhm, der Ossi, alles andere als zu ihrer Verhandlung am Amtsgericht Tiergarten, über seine Prozesse und die Geschichten,
sich aus an. »Mit Herrn Schmidt vom Forstamt in ein Blender. Sein Täuschungsgewand ist eine über- Hier direkt bestellen: der Angeklagte aus Irgendwo bleibt ihr fern. Per die dahinterstecken. Alle Namen sind geändert,
Eberswalde habe ich alles geklärt. Er ist einver- durchschnittliche Biederkeit. Es widerspricht jeg- www.shop.zeit.de/verbrechen Strafbefehl wird er zu 14 Monaten verurteilt. 2016 desgleichen kleine Details, die die Verfahrens-
standen. Sie können ihn gern zurückrufen, um es lichem Erfahrungswissen, dass Betrüger, die am dann kaufte Böhm mit notariellem Vertrag ein beteiligten identifizierbar machen könnten

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2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

WIRTSCHAFT
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deo-Cast
neuen Vid C t

19

Prozent auf alles


Die Preise in Deutschland
steigen so schnell wie
seit 28 Jahren nicht mehr.
Das geht vorbei, behaupten viele.
Und was, wenn nicht? 
VON LISA NIENHAUS

A
Wer profitiert? uf die Frage, wieso er so oft
seine Meinung ändere, soll
fungen wieder raus, machen Urlaub, geben Geld
aus. Die Inflation ist also auch Folge der Rück-
re Preise erwarten und ihre Mitglieder kein Geld
verlieren sollen. Doch wenn sie höhere Löhne Wer verliert?
John Maynard Keynes ein- kehr des Wachstums über eine Art Nachfrage- durchsetzen, dann treibt das wiederum die Kos-
mal geantwortet haben: schock. Dieser wird sich automatisch mildern, ten, weshalb Preise hochgesetzt werden, was
»Wenn meine Informatio- sobald die Konsumlust wieder nachlässt. Dazu wiederum die Löhne treibt und so weiter. Die
nen sich ändern, ändere ich kommt in Deutschland die CO₂-Steuer, die­ sogenannte Lohn-Preis-Spirale setzt ein. Dass sie
meine Meinung. Was ma- Anfang des Jahres eingeführt wurde. Sie hat die richtig in Gang kommt, gilt es zu verhindern.
chen Sie, Sir?« Keynes wurde mit diesem Den- Preise ebenso nach oben getrieben wie die Rück- Jetzt ist deshalb der Zeitpunkt, sich Gedanken
ken zu dem Ökonomen der Weltwirtschafts­ nahme der Mehrwertsteuer-Senkung, die es­ zu machen: Was wäre, wenn?
krise, bedeutend bis heute. Neue Fakten nicht wegen Corona zeitweise gab. Beides wird 2022 Die wichtigste Institution, die im Fall des
einfach vorbeiziehen lassen, sondern genau­ zu keiner erneuten Teuerung führen. Falles reagieren muss, ist die Europäische Zen-
beobachten. Stets bereit sein, alte Wahrheiten Allerdings waren diese Effekte schon seit eini- tralbank (EZB). Deren Ökonomen sagen bis-
infrage zu stellen. In der Weltwirtschaftskrise war ger Zeit absehbar. Die Experten haben die höhe- lang: Keine Sorge, der Preisanstieg wird sich bald
das heilsam – und auch nach der Finanzkrise. ren Preise trotzdem nicht kommen sehen. Noch wieder verlangsamen. Doch in der EZB schätzt
Gerade ist wieder so ein Moment, könnte es Ende vergangenen Jahres rechnete die Bundes- man auch Charles Goodhart als einen der gro-
zumindest sein: ein Moment, in dem neue Fak- bank mit einer Inflationsrate von nur 1,8 Prozent ßen Vordenker. Selbstverständlich ist man des-
Die Goldhändlerin ten alte Wahrheiten infrage stellen. für 2021, die Bundesregierung mit 1,6 Prozent. halb vorbereitet. Der erste Schritt wäre es, aus Der Rentner
Wir verkaufen Goldbarren und - In Deutschland und in Amerika ist aktuell Man kann deshalb auch fragen: Kann es also den Billionen-Krediten und -Anleihekäufen aus- Ich bekomme 671 Euro Grundsiche-
Münzen und es ist gerade viel los. etwas zu beobachten, das es jahrelang, teils sogar sein, dass die Inflation nicht nur stärker ist als zusteigen, die die Notenbank wegen der Coro- rung und 200 Euro Rente im Monat.
Bei Gold ist die Nachfrage stark jahrzehntelang in der westlichen Welt kaum erwartet, sondern dass sie auch länger bleibt? na-Krise aufgelegt hat. Davon gehen 380 Euro fürs Wohnen
gestiegen. Wir führen dazu viele mehr gab: Inflation. Im August stiegen die Preise Viele Deutsche haben offenbar diese Sorge – Allerdings schaut die EZB auf den ganzen ab. So bleiben mir knapp 500 Euro.
Beratungsgespräche. Dabei stellen wir in Deutschland nach einer ersten Schätzung des und stecken ihr Geld in Gold oder Immobilien, Euro-Raum, und da ist die Inflation mit drei Davon zu Leben ist schwer, weshalb
fest, dass viele Neukunden zu uns Statistischen Bundesamts um 3,9 Prozent. Einen in der Hoffnung, dass ihr Vermögen so sicherer Prozent niedriger. Es hilft also nichts, wenn ich mit dem Verkauf einer Straßenzei-
kommen. Die Kunden stammen aus höheren Wert gab es zuletzt vor fast 28 Jahren. ist. So haben sie im ersten Halbjahr 2021 nach deutsche Politiker nur auf die EZB vertrauen. tung etwas hinzuverdiene. Zu Mittag
fast allen Altersgruppen, sie sind Bis Ende des Jahres rechnet die Bundesbank­ Angaben des World Gold Council, einem­ Umso bizarrer erscheint der aktuelle Wahl- esse ich im Männerwohnheim, daher
zwischen 30 und 90 Jahre alt. sogar mit bis zu fünf Prozent Inflation. In den Zusammenschluss von Bergbau-Konzernen, kampf, in dem über einiges gestritten wird, aber kaufe ich nur für Frühstück und
Und sie spüren, dass alles teurer wird: USA war dieses Niveau schon im Mai erreicht. mehr als 90 Tonnen Gold gekauft. Das ist die nicht über Geld. Man ist sich weitgehend einig: Abendbrot ein. Dabei habe ich festge-
Benzin, Miete, Lebensmittel. Seit Juni liegt man sogar schon darüber. größte Menge seit 2009. Bei den Immobilien Die Zinsen sind niedrig, die Herausforderungen stellt, dass Schinken, Toastbrot und
Viele sagen, dass sie Angst vor Inflation Das Ziel der meisten Notenbanken der Welt kommen zwei Dinge zusammen: Corona und groß (Klima! Digitalisierung!). Das Geld muss Bananen etwas teurer geworden sind.
oder Negativzinsen hätten und sind zwei Prozent Preissteigerung. Die Fakten ha- die In­fla­tion. Corona hat dazu geführt, dass die raus. Seit während der Corona-Pandemie in In den Prospekten der Supermärkte
dass sie um ihr Geld fürchten würden. ben sich also geändert. Die Inflation, die lange Deutschen sich größere Wohnungen wünschen. kürzester Zeit Milliarden mobilisiert wurden, suche ich immer nach Sonderangebo-
Gerade die Generation 50-Plus fort war, ist nun da. Ändern Ökonomen und Poli­ Die In­fla­tions­angst führt dazu, dass viele ihr scheint alles möglich. Doch ein solch unge- ten. Noch stören mich die Steigerun-
ist dafür sensibilisiert: Sie wollen tiker jetzt auch ihre Meinung? Oder bleiben sie Geld in Sachwerte verwandeln wollen. So gehen hemmtes Geldausgeben des Staates könnte die gen nicht. Aber wenn das so weiter-
in Sachmittel investieren, die bei ihrer alten Wahrheit, dass Preissteigerungen die Hauspreise noch steiler nach oben als zuvor. Preise noch heftiger antreiben. Das ist in Ame- geht, würde ich auf Käse und Fisch
wertbeständig sind. Es geht westliche Industrieländer nicht sorgen müssen? Auch einige wenige Experten glauben an die rika zu beobachten. Dort hat das Ausgabenpro- verzichten, das wird meist teurer.
ihnen weniger um Rendite, sondern Der Unterschied zwischen zwei und fünf Rückkehr der schnell steigenden Preise. Zum gramm von Präsident Joe Biden die Inflation viel
darum, das Vermögen zu erhalten. Prozent jedenfalls ist erheblich. Lässt man sein Beispiel der britische Ökonom Charles Good- weiter nach oben schnellen lassen als in Europa. Heinz-Herman Overbeck, 69,
Geld einfach auf dem Konto liegen, dann hat es hart, der noch vor der Pandemie mit seinem Das kann man natürlich in Kauf nehmen Rentner aus München
Illustration: Doreen Borsutzki für DIE ZEIT; kl. Fotos: Madlen Krippendorf für DIE ZEIT; Anna Aicher für DIE ZEIT (r.)

Steffi Tränkler, 38, Kundenberaterin bei nach zehn Jahren bei zwei Prozent Inflation 18 Kollegen Manoj Pradhan ein Buch darüber ver- für wichtige Ziele. Es braucht aber auch einen
dem Edelmetallhändler Pro Aurum Prozent an Wert eingebüßt. Bei fünf Prozent­ fasst hat, dass die Inflation wiederkommen Plan, falls die Sache nicht aufgeht und die Men-
Inflation gehen fast 40 Prozent verloren. Auch könnte – und das für längere Zeit. schen doch nicht bereit sind, beispielsweise für
Renten, Löhne und Hartz-IV-Bezüge büßen Ein Grund dafür sehen die beiden in der mehr Klimaschutz notfalls mit mehr Inflation Der Sparer
schneller ihre Kaufkraft ein (siehe Beispiele rechts). Globalisierung, die nicht in dem Tempo weiter- zu bezahlen. Vielleicht also wäre jetzt der­ Ich bin 75 Jahre alt. Im Alter braucht
Die Hauskäuferin Dennoch berücksichtigen die Tarifabschlüsse die gehe wie bisher. Zunehmende Handelskonflikte Moment, um – mit Keynes gesprochen – ange- man Rücklagen, auf die man schnell
Mein Mann und ich haben im Jahr höhere Inflation nicht. Natürlich gibt es auch haben, so die Argumentation, offengelegt, wie sichts der neuen Informationen über die Politik zugreifen kann. Riskante Anlagen am
2019 ein Einfamilienhaus gekauft. Menschen, die profitieren: insbesondere diejeni- empfindlich die Weltwirtschaft ist. Sie könnten der Zukunft neu nachzudenken. Aktienmarkt taugen da wenig.
Es ging uns dabei nicht um eine gen, die verschuldet sind. Oder diejenigen, die dazu führen, dass Unternehmen die Produktion Die Forschung hat jedenfalls gezeigt: Die Deshalb habe ich meine komplette
Wertanlage. Unsere Wohnung wurde Wertgegenstände besitzen oder mit ihnen han- wieder näher an ihren Heimatstandort holen. besten Prognosen machen nicht unbedingt Altersvorsorge auf dem Girokonto.
zu klein, als die Kinder kamen, und deln (siehe Beispiele links). Das könnte zu höheren Kosten und damit zu die klügsten Menschen. Entscheidender ist Und da bin ich eben gelackmeiert.
wir wollten ein Zuhause für uns. Das Thema ist also entscheidend für die Ver- höheren Preisen führen. Auch dass die Men- die Bereitschaft, die eigene Vorhersage zu­ Früher gab es Zinsen, die die Inflation
Aber inzwischen merken wir: mögensverteilung im Land und für das Sicher- schen in den Industriestaaten immer älter wer- ändern. Je weniger man eitel an eigenen ausglichen. Jetzt verliert mein Geld an
Besser hätten wir nicht investieren heitsgefühl der Menschen. Keynes hat das ein- den, sehen sie als Grund für höhere Preise:­ Wahrheiten klebt, desto eher kann man die­ Wert. Ich bin sauer auf die Europäische
können. Wir bezahlen eine niedrigere mal so formuliert: Inflation mache manche arm Ältere arbeiten weniger und konsumieren einen Zukunft erahnen. Zentralbank und die Politik, denen wir
Rate als Nachbarn für vergleichbare und andere reich. Diese »willkürliche Neuord- größeren Teil ihres Einkommens als Junge. Die berühmte Aussage von Keynes über sei- Sparer offenbar egal sind. Und auf
Häuser Miete bezahlen. Unser nung des Reichtums« beeinträchtige das Ver- Wenn folglich mehr gekauft, aber weniger pro- ne Meinungsänderungen übrigens hat längst meine Bank, die Deutsche Bank! Die
jährlicher Zinssatz liegt bei 1,5 trauen in die Gerechtigkeit. duziert wird, steigen die Preise. jemanden gefunden, der neu über sie nach­ könnten ja arbeiten mit meinem Geld,
Prozent, und bei einer Teuerungsrate Das gilt bis heute. Doch im Bundestagswahl- Bleibt die Inflation also doch länger? gedacht hat. Das Wall Street Journal hat einmal dafür haben sie es doch. Diese Woche
von vielleicht bald 5 Prozent kann kampf gibt es keinen Streit um die gestiegenen Die ehrliche Antwort darauf lautet: Niemand den kanadischen Keynes-Experten Donald werde ich da vorbeigehen und denen
man fast sagen, dass die Inflation für Preise. Die Inflation sei da, gehe aber bald wieder weiß das genau. Vielleicht steht die Sache gerade Moggridge danach gefragt, ob die Worte wirk- meine Meinung geigen!
uns arbeitet. Natürlich wird dadurch – so die Erzählung. Die Bundesregierung etwa auf der Kippe. Ganz sicher hängt viel davon ab, lich von Keynes stammten. Schließlich sind sie
auch für uns vieles teurer. Aber es ist sieht die Inflation zum Jahreswechsel wieder­ was jetzt geschieht. Mit der Inflation ist es näm- nur indirekt durch Erzählungen eines anderen Dirk-Peter Hennemann, 75,
eben eine Entlastung an anderer Stelle. unter zwei Prozent. Auch die Bundesbank rech- lich eine seltsame Sache. Wenn viele Leute sie Ökonomen überliefert. Moggridge antwortete Rentner, Berlin
net für 2022 mit weniger als zwei Prozent. erwarten, dann kommt sie auch. knapp: Dafür gebe es keinen Beweis.
Karin Lausch, 36, Coach, Tatsächlich gibt es Sondereffekte, die dafür Gerade fordern die ersten Gewerkschaften Protokolle: Sebastian Kempkens,
Norderstedt sprechen: Die Menschen gehen wegen der Imp- höhere Löhne. Das ist nur logisch, weil sie höhe- www.zeit.de/vorgelese Ingo Malcher, Hannes Schrader
20 WIRTSCHAFT 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Mayday
A
ls die Polizei im Februar 2020
die Eingangstür zu seiner
deutschen Arbeitsrecht eine Selbstverständlich-
keit ist, kommt bei Ryanair einer Kriegs­erklärung
Jahrelang flog der Pilot nur unter Pseudonym. Inzwischen hat er diese
Hoffnung aufgegeben.
Monat sind das. Das sei ihm unangenehm, sagt
Hoeting. Ein Grund: Hoeting konnte keinen
Wohnung aufbricht, sitzt Ro- gleich. Belegen kann Hoeting es nicht, aber er Robert Hoeting für Als der erste ZEIT-Artikel erscheint, im No- Hartz-IV-Antrag stellen, denn der Arbeitsvertrag
bert Hoeting in seinem Toyota vermutet, dass sein Engagement seine Stellung vember 2018, meldet sich Hoeting krank. Es wäre mit Ryanair läuft ja offiziell weiter. Er bekommt
Yaris, raucht eine Camel ohne zumindest nicht verbesserte und die Chefs ihn Ryanair. Die gnadenlos unverantwortlich gewesen, ins Cockpit zu steigen, nur kein Geld.
Filter und denkt mal wieder auf dem Kieker hatten. sagt er, die Unsicherheit über seine berufliche Zu- Hoeting hoffte auf Hilfe des deutschen Staats
darüber nach, wie er sich um- Es dauert jedenfalls nicht mehr lange, bis die effiziente Personalpolitik kunft habe ihn zu sehr gestresst. Sein Hausarzt und verklagte Ryanair auf Schadensersatz, doch die
bringen könnte. Ziellos war er mit dem Auto
umhergefahren, bis er den Wagen an einem Feld-
Ryanair-Verantwortlichen Konsequenzen zie-
hen – der Standort Bremen wird dichtgemacht.
trieb ihn fast in den Suizid sieht das damals genauso.
Ryanair lädt ihn dennoch nach London ein, zu
Richter bezweifelten ihre Zuständigkeit. Im Früh-
sommer 2021 gab das Bremer Arbeitsgericht ein
weg stoppte und in die Ferne starrte. Sein Handy Die offizielle Begründung: wegen zu hoher Treib- VON CLAAS TATJE einem ersten Training für die neue Stelle. Mitte Gutachten in Auftrag, aus dem hervorgehen sollte,
hat Hoeting ausgeschaltet. Ein Freund, mit dem stoffkosten und sinkender Buchungszahlen. Ro- November wird er aufgefordert, sich auf die neuen ob Hoetings Fall dem irischen oder deutschen Ar-
er kurz vorher noch telefoniert hat, macht sich bert Hoetings letzter Flug ist am 23. September Routen vorzubereiten. Auch um eine britische beitsrecht unterliegt.
Sorgen und ruft schließlich die Polizei. 2018, einem Sonntag. Von Riga nach Bremen. Bank solle er sich kümmern, sich zudem beim All das hinterließ Spuren bei Robert Hoeting.
»Ich war am Ende«, sagt Hoeting heute, wenn Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zuse-
er daran zurückdenkt. hends. Gegen die Schlaflosigkeit halfen noch Tab-
Robert Hoeting, 58 Jahre alt, ein Mann mit letten, doch es gab Tage, da wachte er morgens auf
kahl rasiertem Schädel und kräftigen Oberarmen, und starrte stundenlang an die Decke. »Ich war
hatte alles verloren. Seinen Job, seine Gesundheit, ohne jeden Antrieb und für nichts mehr zu ge-
seine Ersparnisse. Auch seine Frau. Hoeting, einst brauchen«, sagt er. Und sein Arbeitgeber schien
ein stolzer Pilot, war damals ein gebrochener ihn einfach zu ignorieren. »Wenn ich Ryanair
Mann – und ist es bis heute. schrieb, kamen keine Antworten, oder die Mail
Sein Arbeitgeber, sagt Hoeting, habe ihn fertig- kam postwendend zurück«, sagt Hoeting.
gemacht: Ryanair, die irische Airline, die es billiger Auch die Art, wie Ryanair auf die Anfrage der
gemacht hat, über ein Wochenende nach Sardi- ZEIT reagiert, ist gewöhnungsbedürftig. Zunächst
nien zu fliegen, als einen Teller Nudeln im Restau- stellt eine Presseagentur der Airline eine Beantwor-
rant zu essen. »Super Angebote im September«, tung aller Fragen zeitnah in Aussicht. Dann ver-
wirbt Ryanair zurzeit, von Düsseldorf nach Ca- tröstet sie. Am Ende kommt eine Sprechblase: Man
gliari, Ibiza oder Barcelona – ab 14,99 Euro. kommentiere Einzelfälle oder laufende Verfahren
Ryanair-Chef Michael O’Leary ist stolz darauf, nicht. Nicht einmal zu einer simplen Faktenfrage
wie seine Airline ohne Staatshilfen durch die Pan- gibt das Unternehmen Auskunft: Ob es zutrifft,
demie flog. Spricht man mit Robert Hoeting, be- dass die Piloten für ihren Kaffee an Bord genauso
kommt man einen Eindruck davon, wer den Preis viel bezahlen müssen wie Passagiere – was andere
für O’Learys Geschäftsmodell zahlt: die Angestell- Piloten der ZEIT inzwischen aber bestätigt haben.
ten. Was Hoeting in den vergangenen Jahren er- Es ist genau diese fehlende Kommunikation,
lebte, wirkt wie eine Parabel auf die Auswüchse die Hoeting fertigmacht. Er verändert sich in dieser
des Billigfliegens. Zeit, wegen Kleinigkeiten fährt er aus der Haut.
Robert Hoeting lebt seit Jahren in Deutsch- »Er war nicht mehr er selbst«, sagt seine zweite
land, geboren wurde er in den Niederlanden. Frau, die sich damals zwischenzeitlich von ihm
Hoeting wuchs in IJmuiden auf, einem kleinen trennte. Nach Jahren der Abstinenz beginnt Hoe-
Ort am Meer, 30 Kilometer von Amsterdam ent- ting wieder mit dem Rauchen. Aus seinem Haus
fernt. Während seine Freunde über den Fußball- zieht er in eine Wohnung.
platz rannten, beobachtete Hoeting die Flug­ Im Februar 2020 erlebt er dort dann seinen
zeuge, die in Richtung des Flughafens Schiphol Tiefpunkt. Nachdem die Polizei die Wohnung auf-
flogen. Hoeting war erst 13, aber schon ein so­ gebrochen hat, kommt er mit dem Auto nach Hau-
genannter plane spotter, also einer jener Menschen, se. Die Beamten sind noch da und nehmen ihn mit
die fast alles fotografieren, was fliegt – egal ob Air- aufs Revier: Alkohol- und Drogentest. »Ich fühlte
bus, Boeing oder Militärjet. mich wie ein Verbrecher«, sagt er. Noch im selben
Für Hoeting waren Flugzeuge Symbole dafür, Monat beginnt er eine Psychotherapie.
was alles möglich ist. Ihn faszinierte, sagt er, wie Im März 2020 untersucht ihn ein Flugmediziner.
schnell man mit ihnen die Welt entdecken kann. Wieder wird er fluguntauglich geschrieben, wie da-
Langsam tastete sich Hoeting ans Pilotendasein mals, als er sich zum ersten Mal an die ZEIT wandte.
heran. Erst arbeitete er beim holländischen Wet- Der Arzt schreibt, seiner Einschätzung nach resul-
terdienst, dann fing er bei Eurocontrol an, der tierten Hoetings psychische Probleme »im Wesentli-
Europäischen Organisation zur Sicherung der chen aus den Problemen mit dem Arbeitgeber«.
Luftfahrt. Aber eigentlich wollte er fliegen. Also Am 2. April 2020 schickt Hoeting eine letzte
entschloss er sich, es zu wagen. Hoeting zog nach E-Mail an einen hochrangigen Manager der Flug-
Delaware, an die Ostküste der USA, machte eine linie: »Ryanair ist nicht in der Lage, auf normalem
Flugausbildung und erwarb die Pilotenlizenz. Wege über Verträge und anderes zu kommunizie-
Hoeting lebte seinen Traum. Er zog zurück ren«, schreibt Hoeting. Die Kommunikation sei
nach Europa und heuerte bei der niederländi- »eine Einbahnstraße«. Abgesehen davon, dass seine
schen Fluggesellschaft Schreiber Airways an, »fliegende Karriere« vorbei sei, sei nun auch sein
dann ging er zu Air Dolomiti, einer italienischen Familienleben zerstört. »War das nach 13 Jahren
Linie, die zu Lufthansa gehört. Hoeting wohnte loyaler Arbeit für Ihr Unternehmen wirklich nötig?
jetzt, wo andere Urlaub machten. Abends saß er Menschen haben ihre Grenzen ...« Auf eine Ant-
Fotos: Patrick Slesiona für DIE ZEIT; privat (u.)

am Gardasee in Norditalien, blickte aufs Wasser wort wartet Hoeting noch immer.
und genoss die Ruhe. So hätte das Leben weiter- Nun könnte man fragen, warum sich Robert
gehen können, doch dann trennte sich seine Frau Hoeting nicht löste von Ryanair, warum er sich
von ihm und zog mit der gemeinsamen Tochter nicht um eine andere Stelle bei einer anderen Air-
nach Niedersachsen. line bemühte. Hoeting probierte es, hörte sich bei
Hoeting wollte näher bei seiner Tochter sein. Kollegen um. Aber angesichts seiner körperli-
Also bewarb er sich 2006 auf eine freie Stelle bei chen Verfassung waren seine Chancen schlecht.­
Ryanair, am Flughafen in Frankfurt-Hahn. Tausende Piloten verloren in der Pandemie ihre
Die Billig-Airline wächst damals in atembe- Jobs. Warum sollte eine Fluglinie sich für einen
raubendem Tempo und sucht dringend Piloten. psychisch und gesundheitlich angeschlagenen
Später wird Ryanair viele Piloten über Agenturen Hebt gegenwärtig nicht ab, der ehemalige Pilot Robert Hoeting
58-Jährigen interessieren?
einstellen – Selbstständige, die jederzeit kündbar Hoeting kämpft noch immer mit den Folgen
sind. Hoeting erhält damals noch einen Fest­ des Stresses der vergangenen Jahre. Als er Heilig-
vertrag. Ryanair zahlt Mietwagen und Hotelüber- abend 2020 beim Weihnachtsessen ein Glas Rot-
nachtungen, er kann sich nicht beschweren. Hoe- wein trinken will, läuft ihm der Wein am Kinn und
ting beschließt, sich ein Leben in Deutschland Wenig später schließt Ryanair die sogenannte britischen Sozialsystem anmelden. Zwei Tage spä- am Hals herunter. Seine rechte Gesichtshälfte ist
aufzubauen. 2007 kauft er ein Haus in dem Ört- Basis in Bremen. ter kommt die Bitte, sich für 50 Euro einen neuen plötzlich gelähmt. Inzwischen ist die Lähmung ab-
chen Bassum in Niedersachsen, ganz in der Nähe Hoeting ist im Urlaub, als ihn die Nachricht Hausausweis zu bestellen, für den Flughafen Lon- geklungen, Hoeting hat sich etwas erholt.
seiner Tochter, und wechselt auf eine Stelle mit erreicht. Daneben findet er eine Mail des Manage- don-Stansted. Im März 2021, Robert Hoeting glaubt schon
Standort in Bremen. ments in seinem Postfach: ein Angebot, künftig All das, obwohl Hoeting einer Versetzung nie fast nicht mehr daran, meldet sich Ryanair dann
Mit jedem Jahr jedoch, das er länger dabei ist, von London aus zu fliegen. Zu einem Grundgehalt zugestimmt hat. Hoeting eröffnet auch kein Kon- doch noch bei ihm. Der Manager, den er ange-
macht Ryanair es etwas ungemütlicher. Für Hotels von 25.000 Pfund. to, er will ja nicht nach London. Die Folge: Er be- schrieben hatte, antwortet, dass sich seit Jahresan-
muss Hoeting bald selbst zahlen, auch alle anderen Sein Jahresgehalt, heißt es in der Mail, die der kommt kein Gehalt mehr. fang 35 unentschuldigte Fehltage angesammelt
Reisekosten soll irgendwann er tragen, nicht die ZEIT vorliegt, würde noch steigen, weil London Anfang Dezember hat Hoeting genug. Er setzt hätten. Hoeting solle zu einer virtuellen Anhörung
Firma. Selbst für jeden Kaffee, den Hoeting im eine produktivere Basis sei und er mehr Flugstun- sich an seinen Computer und formuliert eine erscheinen. Dabei hat er sich krankgemeldet, die
Cockpit trinkt, zahlt er drei Euro – genauso viel wie den als in Bremen haben würde. Aber Hoeting E-Mail an Peter Bellew, den damaligen Chef des Schreiben gingen aber offenbar unter. Was damit
ein gewöhnlicher Passagier. traut der Sache nicht: »Dieses Angebot war eine Flugbetriebs. »Wären Sie so freundlich und schick- zusammenhängen könnte, dass Hoeting sie per
Während all der Zeit ist Hoeting extrem­ Frechheit, ich wusste nicht einmal, ob der Betrag ten mir meinen neuen Vertrag zu?«, schreibt Hoe- Fax einreichen musste, so sei es bei Ryanair üblich.
gut beschäftigt. Es gibt Monate, da ist er 30-mal brutto oder netto war.« ting. Denn das ist immer noch seine Kernforde- Hoetings Anwältin Alexandra Kaltenbrunn be-
in der Luft. Morgens fliegt er von Bremen nach In seinem alten Arbeitsvertrag war ein Fixgehalt rung: Hoeting will einen neuen Kontrakt, sein alter stätigt das, auch ihr sei es unmöglich gewesen, mit
London und zurück, mittags nach Riga und von umgerechnet 35.000 Pfund vereinbart, dazu ist ja scheinbar einfach kassiert worden. Schon am dem Unternehmen Kontakt aufzunehmen. »Ich
dann direkt wieder zurück nach Bremen. feste Urlaubstage, Flugstunden und so weiter. nächsten Tag erhält er eine Antwort: »Ich schaue habe so etwas in meinem Berufsleben noch nicht
Im Grunde arbeitet Hoeting während seiner Beabsichtigt Ryanair, diesen Vertrag jetzt ein- mir Ihr Anliegen an und melde mich direkt bei erlebt und halte das Verhalten von Ryanair für
Flüge nonstop, denn die Aufenthalte am Zielort fach stillschweigend zu kassieren? Hoeting will nur Ihnen«, schreibt ein Kollege des Flugbetrieb-Chefs. hochgradig kriminell«, sagt sie.
sind mit 25 Minuten so kurz berechnet, dass eines: Verbindlichkeit. Wenn Ryanair einen Stand- Robert Hoeting in seinem Dann passiert: nichts. Noch heute wartet Hoeting Hoeting erscheint nicht zur Anhörung, zu der
er kaum Zeit hat, zur Toilette zu gehen. Direkt ortwechsel für ihn plant, soll ihm das Unterneh- Traumberuf als Pilot auf eine Reaktion. er eingeladen worden war. Es folgt eine Nachricht,
nach der Landung muss der Abflug vorbe­ - men erst einmal einen neuen Vertrag vorlegen, Seit Dezember 2018 bekomme Hoeting, der die ihn persönlich nach England beordert. Aber
reitet werden. Nicht selten ist Hoeting zwölf findet er. Zumal wenn sein Gehalt einfach gekürzt früher 4000 Euro netto verdiente, kein Geld mehr darauf reagiert er nicht, schließlich ist er krankge-
Stunden unterwegs. wird. »Dann kann ich mich entscheiden, ob ich von Ryanair. So erzählt er es auf seiner Terrasse. schrieben. »Sollen sie mich doch rausschmeißen«,
Für den Flugplan der Airline funktioniert die- weiterfliegen oder nachverhandeln will«, sagt er. Nicht einmal die gängige Lohnfortzahlung im sagt er. Doch diesen Gefallen wird Ryanair ihm
ses Schichtsystem perfekt. Nicht so gut passt es Schon damals wendet sich Hoeting an die Krankheitsfall habe er von Ryanair erhalten. Dabei wohl kaum tun. In zwei Jahren wird Hoeting 60,
zum Biorhythmus der Angestellten. Mit der Zeit ZEIT, um sich zu wehren und zu zeigen, wie sein gibt es in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch dann endet sein Vertrag automatisch.
spürt Hoeting, dass seine Kräfte nachlassen. Arbeitgeber mit seinen Angestellten umgeht. »Sie von sechs Wochen darauf. Seine Ersparnisse seien Für Ryanair dürfte das die billigste Lösung sein.
Weil es nicht nur ihm so geht, wollen sie in machen uns kaputt«, sagt er. Zu dieser Zeit hofft längst aufgebraucht. Selbst die Alimente für seine
Bremen einen Betriebsrat gründen. Was im Hoeting noch auf eine Einigung, deshalb redet er Tochter kann er nicht mehr bezahlen, 600 Euro im  www.zeit.de/vorgelese
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 WIRTSCHAFT 21

Meinungen

UNGLEICHHEIT

Unseriöse
Jedes fünfte Kind
in Deutschland gilt
als armutsgefährdet

Versprechen
Annalena Baerbock will mithilfe des Solis die Kinderarmut
verringern. Das wird so nicht funktionieren  VON KOLJA RUDZIO

E
ndlich geht es im Wahlkampf um­ zuschlag, jenem steuerlichen Zusatzbetrag zur Möglichkeiten: neue Steuern, neue Schulden oder kürzlich bei einer Anhöhrung im Bundestag. Nach zusätzlich 150 Euro im Jahr – was Baerbock bei ihrem

Foto: Tamara Eckhardt


Inhalte, nicht mehr um Fehler in­ Finanzierung der deutschen Einheit, den heute Kürzungen an anderer Stelle. Einen anderen Weg gibt den Vorstellungen der Grünen soll die Kindergrund­ Beispiel mit dem Schulranzen unerwähnt ließ.
Lebensläufen oder um Lacher am fal­ nur noch Spitzenverdiener bezahlen. Die Union es nicht. Der Soli ist aber keine neue Steuer. Über ihn sicherung bisherige Leistungen wie das Kindergeld, Durch ihr Modell würden die Kinder endlich aus
schen Ort. Stattdessen kommt jetzt ein will ihn nach der Wahl komplett abschaffen, kommt kein zusätzliches Geld in die Kasse, mit der die Kinderfreibeträge und die Regelsätze für Min­ der Armut herausgeholt, verspricht Baerbock. Doch
so wichtiges Thema wie die Kinder­ was zehn Milliarden Euro kosten würde. Dieses man zusätzliche Ausgaben begleichen könnte. Erhebt derjährige im Hartz-IV-System zusammenführen und sicher ist das nicht. Nur wenn die höheren Leistungen
armut zur Sprache. Annalena Baerbock, die Kanz­ Geld wolle sie nutzen, um die Kindergrund­ man ihn weiter, hat man bloß so viel Geld wie heute verbessern. Jede Familie bekäme pro Kind 290 Euro ausreichen, um die ganze Familie über die Armuts­
lerkandidatin der Grünen, brachte es in der ersten sicherung zu finanzieren, so Baerbock. schon und kann sich nicht mehr leisten. im Monat vom Staat und bei niedrigem Einkommen schwelle zu heben, stimmt das. Das wird oft nicht der
Fernsehdebatte mit ihren Konkurrenten am Das erscheint überzeugend: Man knöpft den Wenn Baerbock also zehn Milliarden mehr als zusätzlich bis zu 260 Euro. Fall sein. Dann bleibt die Familie arm und damit auch
vergan­genen Sonntagabend auf. Jedes fünfte Kind Topverdienern mehr Geld ab, um Kinder aus bisher für Kinder ausgeben will, muss sie sagen, wo Zum Vergleich: In der heutigen Grundsicherung das Kind, das in ihr lebt.
in Deutschland lebe in Armut, erklärte Baerbock. der Armut zu holen. Wer will da widersprechen? sie dafür kürzen möchte. Beim Verteidigungshaushalt, erhalten Eltern für ihre Kinder je nach Alter 283 bis Es lohnt sich trotzdem, über die Kindergrundsiche­
Manche Eltern hätten nicht einmal das Geld für Doch leider ist Baerbocks Plan ein Beispiel bei der Forschungsförderung, bei anderen Sozial­ 373 Euro. Dazu kommen Wohnkosten, hier wird es rung zu streiten. Sie kann helfen, bürokratische Hür­
einen Schulranzen. Das wolle sie ändern, durch die dafür, wie die Parteien vor dieser Wahl große leistungen? Oder sie müsste erklären, welche Steuer kompliziert. Denn mit der Kindergrundsicherung den abzubauen, das ist ihr größter Vorteil. Und eine
Einführung einer Kindergrundsicherung. Zehn Versprechungen machen, ohne wirklich zu­ die Grünen zur Finanzierung neu einführen oder ­er­ sollen die schon abgedeckt sein, bei Bedürftigen mit weniger knauserige Hilfe für bedürftige Familien – ob
Milliarden Euro koste das. Und die grüne Spitzen­ erklären, wer dafür zahlt. höhen wollen. Erst das wäre seriös. hoher Miete sollen im Einzelfall aber wiederum die im bestehenden oder in einem neuen System – wäre
kandidatin präsentierte – »seriöse Politik muss das Denn der angeblich seriöse Vorschlag zur Dabei geht es auch nicht bloß um zehn Milliarden Hartz-IV-Regeln greifen. Es ist also unklar, wie viel ebenfalls zu wünschen. Aber mehr noch als bei einem
gegenfinanzieren« – auch gleich einen Plan, woher Gegenfinanzierung ist Humbug. Wer eine neue Euro, sondern womöglich um mehr als den doppelten besser arme Familien am Ende dastehen. Und für den Lebenslauf kommt es bei dieser Diskussion darauf an,
das Geld kommen soll. Aus dem Solidaritäts- Sozialleistung finanzieren will, hat dazu nur drei Betrag. So schätzte es jedenfalls ein Sachverständiger Schulbedarf gibt es in Hartz IV übrigens heute schon dass alle Fakten und Argumente stimmen.

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KLIMAWANDEL

Macht euch ehrlich!


Die Parteien verschweigen gern, wie teuer der Übergang in eine
klimafreundliche Zukunft noch wird. Das ist falsch  VON PETRA PINZLER
So perfektionieren wir’s bei Kärcher
Als Kind träumte ich oft von einem Ausflug ins Wenn Staaten deshalb künftig mehr Geld
Schlaraffenland. Schokolade, Bonbons, Kekse – für den Klimaschutz ausgeben, kann man das
von allem unendlich viel und auch noch kostenlos, Kosten nennen oder Investitionen. Klar ist: Es
wie wunderbar! Doch Erwachsenwerden bedeutet, sollte nicht an den falschen Stellen gespart Sabrina Yeliz
ein paar Träume abzuschreiben, und in diesem Fall
war das auch nicht allzu schwer. Wer will schon
werden. Eine neue Infrastruktur, Elektrotank­
stellen, mehr Busse und Bahnen, neue Wind­ liefern
liefern wir’s beii Gorillas
So liefer
sein Leben lang von süßen Bonbons träumen? räder, Solardächer und Stromtrassen, die Um­
Jetzt, im Wahlkampf, ist mir mein kindlicher schulung von Menschen – all das kostet Geld.
Wunsch wieder eingefallen. Je näher der Tag der Zugleich müssen Verluste einkalkuliert wer­
Entscheidung rückt, desto mehr klingen die­ den, weil zum Beispiel alte Investitionen in die
Bewerbungsreden für das Kanzleramt, als seien sie
bei Ludwig Bechstein oder den Brüdern Grimm
fossile Infrastruktur wertlos werden dürften.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, So verschönern wir’s bei flaconi
abgeschrieben. Manchmal hat man das Gefühl, es ob zusätzliche Kosten anfallen. Sondern: Wie
mit echten Märchen zu tun zu haben. können die Kosten fair verteilt werden? Blickt
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man in die Programme der Parteien, findet
man darauf aber kaum Antworten.

LESEN SIE IN UNSERER


Die CDU mogelt sich beim Thema Lasten­
verteilung einfach weg. Der Strom soll zwar So denken wir’s ne
eu
eu bei
bei HelloFresh
HelloFresh
grün werden und »für Verbraucher und Unter­
AKTUELLEN AUSGABE: nehmen günstiger als heute«. Zudem soll der
Staat den Bürgern helfen, beim Bau von Solar­
dächern etwa. Aber wo das Geld herkommen
Das Autoland soll, bleibt unklar. Die steigende CO₂-Steuer
allein wird nicht alles finanzieren können. Und So organisieren wir’s bei Europcar
vor dem wie den Ärmsten geholfen werden soll, die so
eine CO₂-Steuer überproportional trifft? Auch
Neustart dazu findet man kaum Konkretes.
Die SPD will den Klimaschutz vor allem
durch staatliche Investitionen in Milliarden­
höhe vorantreiben. Auch sie will Strom billiger
machen und das nötige Geld durch einen stei­
So entwickeln wir’s bei Electronic Arts
AB FREITAG IM HANDEL
genden CO₂-Preis einnehmen. Nebulös bleibt
aber auch bei ihr, wie und damit von wem die
Sache wirklich finanziert wird. Immerhin ver­
sprechen die Sozialdemokraten, dass »Bür­ Gizem Christian
ger*innen mit niedrigen Einkommen nicht ins
Hintertreffen geraten« und Vermieter künftig
die CO₂-Kosten beim Heizen tragen sollen.
Und die Grünen? Die sind am ehrlichsten.
So
So machen
mach
hen wir das
Sie wollen den CO₂-Preis deutlicher als die
anderen Parteien steigen lassen, das Geld dann
Wird beispielsweise die Frage gestellt, ob der aber wieder an die Bürger ausschütten. Das
Übergang in eine klimaneutrale Wirtschaft teuer wäre gut für Menschen mit niedrigen Einkom­
wird (und wer dafür zahlen muss), werden Politi­ men und für Familien mit Kindern. Die Rei­
ker schnell wortkarg. Oder sie geraten ins Schwär­ cheren müssten mehr zahlen. Das Problem der
men und reden von Lebensqualität, Wachstum, Grünen aber ist: Wenn sie als einzige Partei klar
Wohlstand und einer guten Zukunft. Kurz: von benennen, was teurer wird, schießt sich die
einer Welt, in der sich der Staat und die Wirtschaft Konkurrenz auf sie ein. Also spielen auch sie in
um den Klimaschutz kümmern – und für uns Bür­ Debatten den nötigen Wandel lieber herunter.
ger einfach nur alles besser wird. Gut möglich, dass das die einzig richtige
Natürlich ahnt jeder, dass die Sache so simpel Strategie ist. So hat es immerhin einst schon
nicht ist. Der Weg aus der fossilen in die klima­ der Grüne Winfried Kretschmann vorgemacht.
neutrale Welt wird uns Geld kosten. Das macht Ganz zu Anfang seiner Ministerpräsidentschaft
die Sache nicht weniger dringlich. Keinen Klima­ in Baden-Württemberg dachte er in einem­
schutz zu betreiben, das ist schier unbezahlbar, wie Interview darüber nach, dass es in Zukunft ja
die jüngste Flut zeigt. Die Kosten für die Scha­ mal »weniger Autos« geben könne. Ein mutiger workspace.google.com
densbeseitigung der Bund mit 30 Milliarden Euro Satz, im Land der Autobauer, den Kretschmann
beziffert hat. Solche Katastrophen werden häufiger danach nie wiederholt hat. Auch dafür wurde
passieren, sinkt der CO₂-Ausstoß nicht schnell. er wiedergewählt.
22 WIRTSCHAFT 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Fotos: Max Slobodda für DIE ZEIT; Electronic Frontier Foundation (u.)

Das Smartphone – eine


Überwachungsmaschine,
die niemals schläft?

»Ein kleiner Spion«


Früher gab es keinen Zweifel daran, dass ein Smartphone für seinen Besitzer arbeitete. Heute ist
das nicht mehr klar, kritisiert der frühere Apple-Sicherheitsexperte Jon Callas

DIE ZEIT: Ihr früherer Arbeitgeber beginnt gerade nicht erfasst, aber autoritären Staaten neue Möglich- ZEIT: Die spioniert Sie doch auch laufend aus und Handy verlieren, auf dem der Geheimschlüssel lung zu gucken. Apple zum Beispiel führt noch
etwas, wogegen Sie ein Leben lang gekämpft haben: keiten eröffnet. schickt die Daten an potenzielle Überwacher im In- gespeichert ist. Da stellen Sie sich als Hersteller eine weitere neue Funktion ein, es überwacht in
Apple-Smartphones überprüfen die Fotos ihrer ZEIT: Weil China zum Beispiel Apple anweisen ternet. Puls, Aufenthaltsort und so weiter. mal hin und sagen: Hey, das ist eigentlich eine den USA, ob Teenager Nacktfotos empfangen
Nutzer auf kinderpornografische Inhalte. Sollten könnte: Eure Telefone sollen auch nach regime- Callas: Nein, tut sie nicht. Diese Art von Daten gute Sache! Wenn Sie etwas Ende-zu-Ende-ver- oder verschicken. Nicht speziell Kinderporno-
Smartphones wirklich Polizeiarbeit leisten? kritischen Abbildungen suchen? Apple hat erklärt, wird Ende-zu-Ende-verschlüsselt ... schlüsseln, müssen Sie bereit sein, es zu verlieren. grafie, sondern generell Nacktbilder.
Jon Callas: Nein, das ist keine gute Lösung. Apple dass man das auf keinen Fall erlauben werde. ZEIT: ... also mit einem Verfahren, das nur Ihnen ZEIT: Das stimmt doch nicht, Sie können mit Callas: Ich finde, Apple macht da etwas richtig.
ist nicht das erste Unternehmen, das so etwas Callas: Ich nehme das dem Apple-Chef Tim Cook selbst, dem Besitzer eines Geheimschlüssels, den Back-ups arbeiten und eine digitale Schlüssel­ ZEIT: Das müssen Sie erklären.
macht, eher das letzte, quasi alle Cloud-Dienste sogar ab, aber in spätestens zehn Jahren geht der in Zugang erlaubt und niemandem sonst. kopie irgendwo sicher hinterlegen. Dafür werden Callas: Die Frage ist doch: Wie unterstützen wir
werden heute nach solchen Bildern durchsucht. Rente. Soll ich jetzt schon seinem Nachfolger ver- Callas: Genau, bei Apple könnten sie diese Daten sogar spezielle Geräte verkauft. Eltern dabei, dass sie ihre Kinder in einer Welt
Das weiß aber jeder Kriminelle, und deshalb fangen trauen? Diese Funktionen, die irgendwas aus mei- nicht mal dann einsehen, wenn sie es wollten. Callas: Wir zwei kriegen das mit etwas techni- mit dem Internet aufwachsen lassen? Das gehört
Sie mit dieser Methode nur die Dümmsten. nem Handy heraus an Behörden melden, sind dann ZEIT: Warum werden dann die Fotos nicht genauso schem Verständnis sicher hin. Aber wenn Sie zu einer größeren Debatte, die seit Jahren geführt
ZEIT: Besser, man fängt ein paar dumme Kinder- aber für alle Zeiten eingebaut. Hier ändert sich et- streng verschlüsselt? zwei Milliarden iPhones verkaufen wollen, rich- wird, nämlich welche Instrumente wir den Be-
schänder als gar keine. was Grundsätzliches: Früher war das mein Smart- Callas: Weil Sie dann keine Handys mehr verkauft ten Sie den Speicher so ein, dass die Fotos wirk- nutzern geben können, damit sie gegen die Flut
Callas: Nein, man sollte sogar mehr davon fangen, phone, auf meiner Seite. Heute steckt da ein kleiner bekommen. lich nicht verloren gehen können, ja dass man sie neuer Probleme vorgehen können: Kindesmiss-
indem man die Polizeiarbeit ausbaut und die Mög- Spion drin, der vielleicht manchmal gegen mich ist. ZEIT: Bitte? nicht mal so leicht löschen kann. Fotosammlun- handlung, politische und medizinische Fake-
lichkeiten für Benutzer erweitert, Verstöße zu mel- ZEIT: Tragen Sie da eine Apple Watch an Ihrem Callas: Fotosammlungen können Sie nicht Ende- gen sind für die Benutzer emotional sehr wichtig. News, Gewaltdrohungen und mehr.
den. Stattdessen wird hier ein System eingerichtet, Handgelenk? zu-Ende-verschlüsseln. Sonst ist irgendwann die ZEIT: Das hat den Nachteil, dass vielleicht auch ZEIT: Was meinen Sie mit Instrumenten?
das einen Großteil des kriminellen Materials gar Callas: Ja, wieso? ganze Fotosammlung weg, wenn Sie vielleicht das Dritte darauf zugreifen können. Callas: Eines davon ist jetzt eben diese Möglich-
Callas: Aber andere Sachen, die alle sehr wichtig keit, dass die Geräte sie vor unangemessenen In-
ANZEIGE für die Privatsphäre sind – Kreditkartentransak- halten warnen können. Und wie gesagt, es geht
tionen, die Steuerung von Heimgeräten, Ge- hier nur um Minderjährige, bei denen diese Funk-
sundheitsdaten, Passwörter –, das alles wird mit tion von den Eltern eingeschaltet wird. Das einzig

DIE BESONDERE IMMOBILIE


dem Ende-zu-Ende-Verfahren verschlüsselt. Kontroverse ist, dass die Eltern bei jüngeren Kin-
ZEIT: Ich finde das nicht so überzeugend. Smart- dern auch benachrichtigt werden können, wenn
phones können doch auf unterschiedliche Weise sie bestimmte Inhalte ansehen.
zu Spionen werden. Apps und Websites spionie- ZEIT: Das lehnen Sie ab?
ren. Dann kam kürzlich unter anderem durch Callas: Da muss man wirklich sehr vorsichtig sein.
Recherchen der ZEIT heraus, dass Aber selbst ich als erwachsener
staatliche Behörden mit Program- Mensch wäre schon dankbar, wenn
men wie Pegasus quasi alles auf ­ mein Handy mich warnen würde,
einem Handy mitlesen können. bevor ich irgendwelche verstörenden
Callas: Ich sehe es trotzdem anders- Nachrichten empfange. Nach dem
herum. Wir haben heute Geräte – Motto: Trink eine Tasse Kaffee, be-
egal ob Sie iPhones, Pixels oder An- vor du dir dieses Bild anschaust!
droid-Geräte von einem guten Her- ZEIT: Und Apple guckt mit. Bietet
steller nehmen –, die sind sehr si- vielleicht passende Werbung dazu
cher gegen alle Eindringlinge unter- an. Informiert die Behörden. Oder
halb der Schwelle eines staatlichen Ihren Internet-Provider.
Angriffs. Wir sind vor dem Aus- Jon Callas ist Callas: Nein, wir wissen, dass nicht
spioniertwerden viel besser gefeit als Experte für mal Apple von diesen Warnungen
vor zehn Jahren. In der Ära vor Ed- IT-Sicherheit erfährt. Diese Funktion wird allein
ward Snowden wurde ein Großteil auf den Smartphones ausgeführt.
der Daten noch unverschlüsselt ZEIT: Ich finde das unheimlich.
übermittelt. Die Behörden lasen einfach mit. Callas: Dann stellen Sie es eben ab. Ihnen ist si-
ZEIT: Edward Snowden ist ein ehemaliger Berater cher schon aufgefallen, dass viele Leute auch
der US-Geheimdienste, der lautstark vor der uni- keine Rechtschreibprüfung mögen und sie des-
versellen Überwachung durch Mobiltelefone halb abstellen, bedauerlicherweise vielleicht.
warnt. Sie kennen ihn doch – der legt sein Handy Aber wichtig ist, dass der Nutzer solche Funk-
beim Gespräch sogar in eine Metallkiste. tionen ein- und ausschalten kann. Sie müssen
Callas: Da hat er recht, Snowden kann diesen auch stets dem Benutzer dienen und auf seiner
Geräten nicht trauen. Ich behaupte aber, dass Sie Seite bleiben. Das sind meine Empfehlungen
und ich es vermutlich können. Nach uns sucht dazu, in solchen Fällen sage ich: Warum nicht?
keiner, niemand wird bei uns so viel Aufwand ZEIT: Wenn mein Handy Nacktfotos erkennt,
treiben wie bei Snowden. kann es auch darauf trainiert werden, politische
ZEIT: Die Zahl der Menschen, die ähnlich viel Memes oder Aktivitäten zu identifizieren.
Angst wie Snowden haben müssen, geht in die Callas: Das würde zum Problem, wenn es solche
Zehntausende: Journalisten in Saudi-Arabien, Dinge nach draußen melden würde. Aber dann
Dissidenten in China, der Dalai Lama. Sie alle könnten Sie das Argument genauso gut gegen das
GEBIRGSRESORT WINTERBERG – zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis haben Angst vor Spionen in ihren Geräten. Rechtschreibprogramm vorbringen und eigent-
Callas: Ich habe von der privaten Nutzung ge- lich gegen alles, was ein Smartphone heute kann.
EIN BEITRAG DER Wohlfühlatmosphäre entstehen in 3 Bau- Kontakt sprochen. Vor staatlicher Überwachung und vor Ich halte die Privatsphäre für überragend wichtig,
HELMA FERIENIMMOBILIEN GMBH körpern insgesamt 72 Ferienapartments, GebirgsResort Winterberg
Am Waltenberg 34 Strafverfolgungsbehörden sind die Geräte zumin- für ein grundlegendes Menschenrecht. Aber wir
verteilt auf jeweils 4 Etagen. Hier werden
Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hält neue Maßstäbe für emotionale Funktionali- 59955 Winterberg dest nicht grundsätzlich sicher, da läuft seit je ein dürfen auch nicht von vornherein neue Erfindun-
Herr Karl-Heinz Peter Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hackern im gen ersticken, die uns vielleicht ein besseres Zu-
mit Winterberg einen malerischen Winter- tät gesetzt. Alle Ferienapartments besitzen Mobil (0151) 24 06 34 44
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Winterberg lädt nicht nur im Winter, son- Blick auf die wunderschöne Umgebung frei- info@helma-ferienimmobilien.de ZEIT: Eigentlich sprechen Sie nur von der kom-
dern auch im Sommern alle Natur- und gegeben ist. Genießen Sie zu jeder Jahreszeit www.helma-ferienimmobilien.de
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Sportbegeisterten ein. Zu jeder Jahreszeit den Ausblick und erleben eine Verbunden-
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optimale Bedingungen für einen Erlebnis- dabei unterschiedliche Bauart der Häuser Traum, den eine Gründergeneration im Internet Jon Callas hat in den Neunzigerjahren die
urlaub Die höchsten Berge Westdeutsch- erfüllt sowohl die Anforderungen für die mal hatte, von der unbeobachteten »neuen Hei- »Cypherpunks« mitgegründet, die für
lands umgeben Winterberg und ebenfalls Eigennutzung als Ferienapartment als auch mat des Geistes« ohne Einfluss von Staaten ... einen radikalen Privatsphärenschutz im Internet
zahlreiche Naturschutzgebiete sind zu die Bedürfnisse von Anlegern auf der Suche
Callas: ... der ist nicht aufgegangen. kämpften. Später erfand er unter anderem
erkunden und zu bestaunen. nach renditestarken Objekten. Dieses Resort
Das GebirgsResort Winterberg wird in verspricht bereits heute eine werthaltige ZEIT: Und die Konzerne machen sich immer das E
­ -Mail-Verschlüsselungsprogramm PGP mit
sehr moderner und exklusiver Architektur Immobilien-Anlage in Form von Eigentums- mehr zu Kollaborateuren bei der Überwachung. und entwickelte S­ icherheitsstrukturen
errichtet. In gehobener und angenehmer wohnungen und/oder Ferienappartements. Da führt es doch in die Irre, auf irgendwelche bei Apple. Heute ist er bei der Electronic
Spezifikationen der Ende-zu-Ende-Verschlüsse- Frontier Foundation in San Francisco.
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ISLAND | Ein Spezial des Zeitverlags 1

ISLAND
Geysire, Wasserfälle, Wale und Weite:
Mit Hurtigruten Expeditions umrunden
Sie die größte Vulkaninsel der Erde.

Hier genießt die Natur ihren freien Lauf


Reif für die Insel? Und zwar nicht schichten, persönlichen Erfahrun- mierten Museen auf. Und dann Die imposante, auf die isländische Küste bieten. Wer in der
für irgendeine, sondern eine ganz gen – und natürlich auch mit den geht es weit hinaus aufs arktische im expressionisti- Mit ihrer angenehm überschau- »Blauen Lagune«
schen Stil erbaute von Grindavík
besondere? Dann auf nach Island, Schilderungen der Highlights bei Meer, wo direkt auf dem Polar- Hallgrímskirkja baren Größe mit lediglich 265 nahe Reykjavík
die Insel der Superlative! Dort einer Umrundung der Insel. kreis die karge Insel Grimsey mit ist das größte Kabinen ist »MS Fridtjof Nansen« abtaucht, tut
gibt’s den größten Gletscher und All das ist dann auch live neun ihren Islandpferden und Papagei- Kirchengebäude wendig genug für die Erkundung seiner Haut Gutes.
Islands und prägt Das Wasser des
den wasserreichsten Wasserfall Tage lang an Bord zu erleben. tauchern liegt. das Stadtbild selbst entlegener Fjordarme und Thermalfreibades
Europas, die weltweit längste Die »Fridtjof Nansen« nimmt Reykjavíks. Buchten, die manch größerem Ex- enthält Mineral-
Vulkanspalte und die weltweit Nationalparks und Museen, nun Kurs Südost, nach Bakka- peditionsschiff verwehrt bleiben. salze, Kieselerde
und Algen.
meisten Papageitaucher und Bass- Vogelklippen und Wasserfälle gerði. Und wieder ein ganz neues Das sorgt für unvergleichliche
tölpel. Eine Insel, die mit ihren Los geht’s in Reykjavík an Bord Kapitel: tatsächlich eine Audienz Urlaubserlebnisse – und dabei mit
Naturwundern fasziniert. Eine des modernen Hybrid-Expedi- bei Islands Elfen. Denn viele Is- enormer Rücksicht auf die Umwelt.
Insel-Umrundung mit Hurtigru- tionsschiffs »Fridtjof Nansen«. länder glauben an das Huldufólk, Gut zu wissen: Aufgrund der
ten Expeditions gibt Gelegenheit, Zunächst auf Kurs Nord entlang die »versteckten Menschen«, die Pandemie wurden die Sicherheits-
Island von allen Seiten zu sehen. der atemraubenden Küste gen mit ihren Elfenkirchen im islän- auf der Insel, ob zur Wikinger- Angenehmer Komfort maßnahmen an Bord noch mal Die Klippen von
Stykkisholmur. Das charmante dischen Untergrund leben und auf Geschichte oder zur lokalen Volks- mit Rücksicht auf die Umwelt erweitert. Wer das alles miterle- Grimsey sind die
Heimat riesiger
Kleine Lava-Skulpturen, die aus- Fischerdorf, umgeben von unzäh- die auch bei Straßenbauten Rück- märchen – die sachkundigen Ex- Und dann ist da noch das moderne ben möchte, sollte schnell in den Seevogelkolonien.
sehen wie Trolle. Gesellige After- ligen kleinen Inseln in der Bucht sicht genommen werden muss …. perten von Hurtigruten Expedi- Hybrid-Expeditionsschiff »Fridtjof Kalender schauen. Denn im kom- Bekannt ist die
Work-Treffen in vor sich hin blub- tions kommen aus den Bereichen Nansen«. Es ist eines der weltweit menden Jahr gibt es nur drei Ab- Insel vielen aber
vor allem dadurch,
bernden Hotpots. Weitläufige Land- Geografie, Geologie, Biologie, Ge- ersten seiner Art und verbraucht fahrtstermine: am 1. Juni 2022, am
schaften, in denen außer dem
Nachhaltig auf Kurs zur Audienz bei der schichte und Kultur und stehen mit seinem Hybrid-Antrieb viel 9. Juni 2022 oder am 17. Juni 2022.
dass sie direkt auf
dem Polarkreis
eigenen Atem kein Mucks zu hören Elfenkönigin und dem »verborgenen Volk« gern Rede und Antwort. Sie be- weniger Kraftstoff bei deutlich ge- »Ich hoffe, dass nichts mehr liegt.
ist. Pulsierende Kultur-Events in gleiten die diversen Anlandungen senkten CO2-Emissionen. Umwelt- dazwischenkommt«, sagt Autorin
Reykjavík, mystische Geschichten Breiðafjörður, ist auch bekannt Kaum sind an Bord die Diskussio- und Landausflüge und stimmen freundlich ist das Schiff aber auch und Crew-Mitglied Sabine Barth.
rund um den weit verbreiteten als Ausgangsort für Touren in den nen über den Elfen-Glauben ver- im »Science Center« an Bord mit zu seinen Passagieren: Es gibt nur Für sie ist Island mit seinen Natur-
Glauben an das »verborgene Volk« nahe gelegenen Nationalpark auf ebbt, steht – nun schon im Süden Vorträgen auf die jeweiligen Reise- Außenkabinen, viele von ihnen wundern immer wieder ein Reise-
und dazu noch eine Reise zurück der Halbinsel Snæfellsnes. der Insel – auf der Rundreise eine Etappen ein. mit Balkon, die herrliche Ausblicke ziel mit besonderer Faszination. 
in die Zeit der Wikinger … Entlang der Basaltklippen von weitere Entdeckung an: Islands
Wenn Sabine Barth von Island Lóndrangar geht es weiter in den »Pompeji«, die Insel Heimaey mit
zu erzählen beginnt, bekommt malerischen Fjord Patreksfjörður. ihrem Vulkan Eldfell. Dessen plötz-
man sofort Reiselust. Als Journalis- Unzählige Seevögel haben ihre licher Ausbruch 1973 versetzte die
tin und Autorin mehrerer Reisefüh- Flugbasis an Europas größter Einwohner in Angst und Schre-
rer sowie als ehemalige Leiterin des Vogelklippe in Latrabjarg, und cken, forderte aber kein Menschen-
Goethe-Instituts in Reykjavík ist gleich daneben ergießen sich die leben, sondern brachte mit seinen
sie mit Land und Leuten vertraut. imposanten Wasserfälle von Dyn- Schlacken sogar noch Landgewinn.

Island
Sie gehört zum deutschsprachigen jandi 100 Meter tief. Auf dieser neuntägigen Reise
Team von Hurtigruten Expediti- Nächster Stopp auf der Schiffs- tauchen die Mitreisenden an Bord
ons und nimmt all diejenigen, die route nach Osten ist, in einem intensiv und hautnah in die Ge-
jetzt schon mehr wissen wollen, im tiefen Fjord-Einschnitt, Akureyri. schichte und das Leben auf Island
Hurtigruten-Podcast »12.5 Knoten« Die fünftgrößte Stadt Islands war- ein. Und ob Fragen zu Gletschern
(siehe Text unten) mit auf die »Insel tet zur Abwechslung mit erstklas- oder Meereis, zu Walen, Robben
aus Feuer und Eis«, mit kleinen Ge- sigen Restaurants und renom- oder den an die 100 Vogelarten
Das malerisch ge-
Wo aus Feuer und Eis
legene Bakkagerði
lädt zu ausgiebigen Magie entsteht
Wandertouren
ein, fasziniert mit
seiner Vielzahl
an Vogelarten
und gilt auch als
sagenumwobener
Wohnsitz der
Elfenkönigin.
© Alamy, © Karsten Bidstrup

KR EIS
66° 33' N POLAR
Heiße Quellen, sprudelnde
Grímsey
Expeditions-
So hört sich Urlaub an Geysire und eisige Gletscher –
Húsavík
Seereise
Erleben Sie das Land aus Djúpa
avíík
Mai–September 2022
Nach Alaska, in die Arktis, nach Norwegen Feuer und Eis mit dem Pattreksfj
fjöörðður Akureyri Bakkagerði
Hybrid-Expeditionsschiff
oder Island reisen – und das in den eigenen Fridtjof Nansen. Styykkishólmur

vier Wänden? Kein Problem. Im Podcast ISLAND


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IMPRESSUM Verlag: TEMPUS CORPORATE GmbH – Ein Unternehmen des ZEIT Verlags, Helmut Schmidt Haus, Speersort 1, 20095 Hamburg;
Geschäftsführung: Jan Hawerkamp, Kai Wutte; Projektmanagement: Elena Matinski; Redaktion: Nicole Maibaum; Grafik: Sonja Feldkamp;
· Eine wind- und regenabweisende Jacke 20354 Hamburg
Lektorat: Frauke Franckenstein; Fotos: Hurtigruten Chief Sales Officer ZEIT Verlagsgruppe: Áki Hardarson Head of Travel & Tourism: Sandra
Lindemeier, Tel. 040/32 80-359, sandra.lindemeier@zeit.de; Anzeigenpreise: Preisliste Nr. 66 vom 1. Januar 2021 Hergestellt in Kooperation mit
Hurtigruten GmbH, Große Bleichen 23, 20354 Hamburg, Germany
24 WIRTSCHAFT 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Bezahlbares Wohnen

»Mieter brauchen keine Angst zu haben«


Am 26. September kommt es in Berlin zum Volks-
entscheid: Eine Bürgerinitiative fordert, Immobi-
Rolf Buch führt den Wohnungskonzern ZEIT: Wieso das?
Buch: Die Menschen wissen vor dem Einzug, ob
tung gesteckt. Das ist weit mehr als im Bran-
chendurchschnitt.
lienunternehmen wie die Deutsche Wohnen zu Vonovia. Im Interview spricht er über steigende sie sich eine Wohnung leisten können oder ZEIT: Und Ihre Aktionäre spielen mit?
enteignen, die in der Stadt mehr als Hunderttau- nicht. Wir halten uns natürlich an die gesetzli- Buch: Einer unserer größten Anteilseigner ist der
send Wohnungen besitzt. Politisch ist das Vorha- Mieten, drohende Enteignungen in Berlin und che Mietpreisbremse, aber auch wir können norwegische Staatsfonds. Dort weiß man, dass
ben innerhalb der rot-rot-grünen Regierung aller- nicht dauerhaft Wohnungen unterhalb der eine heruntergekommene Gebäudesubstanz ir-
dings umstritten. Zudem wird am Tag des Volks- den Kauf des Konkurrenten Deutsche Wohnen Marktpreise anbieten. gendwann auch keine Dividende mehr liefert,
entscheids in Berlin auch ein neues Abgeordneten- ZEIT: Sind Vo­no­via und die Deutsche Wohnen weil dann niemand mehr dort wohnen will. Ich
haus gewählt. Franziska Giffey (SPD), die die deswegen zum Feindbild geworden? In Berlin kann Ihnen zwar nicht garantieren, dass bei uns
nächste Regierende Bürgermeisterin werden könn- brennen regelmäßig Ihre Firmenfahrzeuge, allein niemals wieder ein Aufzug stecken bleibt und
te, hat Enteignungen bereits als eine »rote Linie« an einem Tag im August waren es fünf Stück. kein Wasserrohr mehr bricht. Bei Immobilien
bezeichnet. In dieser aufgeheizten Lage will Vo­no­ Buch: Vonovia-Fahrzeuge in Brand zu stecken ist geht immer mal was kaputt. Aber die weitaus
via, mit mehr als 400.000 Wohnungen der größte an Absurdität nicht zu überbieten! Das sind ja die größere Aufgabe ist die energetische Sanierung
Immobilienkonzern des Landes, seinen Konkur- Autos von Handwerkern, die die Wohnungen in und der Klimaschutz am Bau.
renten Deutsche Wohnen kaufen – und unter- Schuss halten und Reparaturen machen. Unsere ZEIT: Inwiefern?
nimmt dafür nun den dritten Anlauf. Wir trafen Mitarbeiter derart zu bedrohen macht mich ein- Buch: Der Gebäudesektor ist hierzulande für 30
den Vorstandschef Rolf Buch (56) zum Gespräch fach nur fassungslos. Prozent aller CO₂-Emissionen verantwortlich.
in seinem Bochumer Büro. ZEIT: Und nun? Wir bekommen Druck von allen Seiten: Unsere
Buch: Wir stecken in einer Sackgasse, aus der wir Großaktionäre drohen auszusteigen, wenn wir
DIE ZEIT: Herr Buch, warum wollen Sie unbe- nur gemeinsam als Wohnungsbranche heraus- den Energieverbrauch unserer Gebäude nicht
dingt ein Unternehmen kaufen, das womöglich finden können. Wir müssen die Lage befrieden. senken. Banken machen klare Ansagen, weil sie
bald enteignet wird? Gemeinsam können wir ein besserer Partner für nur noch saubere Unternehmen finanzieren wol-
Rolf Buch: Ich möchte keine Prognose abgeben, die Berliner Bürgerinnen und Bürger und auch len. Und dann ist da noch die CO₂-Abgabe, die
ob es wirklich so weit kommt. Auf einer rationalen für die Stadt sein. Einem Unternehmen allein wir ja gern selbst zum Teil bezahlen wollen. Die
Ebene wissen alle, dass Enteignungen das Problem kann es nicht gelingen, einen gesellschaftlichen muss von jetzt 25 Euro je Tonne irgendwann auf
der Wohnungsnot nicht lösen werden. Die Debat- Konsens herzustellen. 150 bis 200 Euro steigen, um richtig zu wirken.
te in der Hauptstadt ist ja eigentlich ein Hilferuf ZEIT: Was meinen Sie damit? Der Klimaschutz ist der große Elefant im Raum.
der Bevölkerung. Viele Berlinerinnen und Berliner Buch: Noch vor einigen Jahren gingen Unterneh- Das spricht nur keiner an.
sind unzufrieden mit der Situation. men juristisch gegen den Berliner Mietspiegel vor ZEIT: Worum geht es genau?
ZEIT: Womöglich ja zu Recht. und haben damit die Regulierung in Deutsch- Buch: Wenn wir aus Bestandsgebäuden Niedrig-
Buch: Wer in Berlin eine neue Wohnung sucht, hat land in Zweifel gezogen. Das gab viel Aufregung! energiehäuser machen wollen, müssten wir bei
große Probleme, die Angebotsmieten sind in den ZEIT: Das war die Deutsche Wohnen! bestehenden Immobilien alle alten Heizungen
vergangenen Jahren stärker gestiegen als die Gehäl- Buch: Und als das Bundesverfassungsgericht den rausreißen, in sämtlichen Räumen neue Leitun-
ter. Trotzdem sind nicht alle Ängste berechtigt. Das Berliner Mietendeckel kassiert hat, haben Unter- gen für moderne Niedrigtemperaturheizungen
Risiko, die Wohnung, in der man lebt, zu verlieren, nehmen entgangene Mieten nachgefordert. Dass verlegen und dort, wo bisher vielleicht im Wohn-
ist objektiv kaum gegeben. Und dass die Mieten bei sie dafür einen sozialen Ausgleich angeboten ha- zimmer eine Schrankwand stand, große Flächen-
bestehenden Verträgen steigen, ist eher ein gefühltes ben, wurde nicht wahrgenommen. Vo­no­via hat heizkörper anbringen. Das würde die Mieter si-
Problem. Bei uns steigt die Miete hier im Rahmen auf die Nachforderungen verzichtet. Wir brau- cher nicht glücklich machen. Mit den vorhande-
der Inflation. Die Enteignungskampagne macht chen eine stabile Gesellschaft, die aber zugleich nen Mitteln lassen sich alte Gebäude nicht auf
aber Stimmung und sagt den Menschen, ihre Mie- unser Geschäftsmodell als Wohnungsunterneh- das Niveau von Niedrigenergiehäusern bringen.
Foto: Julia Sellmann für DIE ZEIT

ten würden ganz schnell um sechs oder sieben Pro- men akzeptiert. ZEIT: Vo­no­via wird also nie klimaneutral?
zent klettern. Dabei gilt das deutsche Mietrecht na- ZEIT: Ist es so kurz vor dem Volksentscheid nicht Buch: Im Gegenteil, wir wollen sogar die ersten
türlich auch in der Bundeshauptstadt und schützt zu spät für ein Friedensangebot? mit einem klimaneutralen Gebäudebestand wer-
die Mieter vor sehr starken Steigerungen. Buch: Der Karren steckt ziemlich tief im Dreck. den. Das wird nicht allein mit energetischer Sanie-
ZEIT: Bei Neuvermietungen steigen die Preise Aber es ist noch nicht zu spät. Selbst wenn das rung klappen. Aber ich denke, dass wir das zu-
wirklich besonders stark. Votum entsprechend ausfällt, sind die Wohnun- sammen mit Deutsche Wohnen hinbekommen.
Buch: Es gibt durchaus Vermieter, die nicht richtig gen ja noch nicht automatisch enteignet. Dann ZEIT: Warum soll das mit der Deutschen Woh-
rechnen können oder wollen und die Mietpreis- beginnt erst einmal ein Gesetzgebungsverfahren. nen zusammen einfacher sein als allein?
bremse umgehen. Vielen Befürwortern der Ent- Der Volksentscheid ist eher als Weckruf zu ver- Buch: Wir könnten uns unter anderem Kosten
eignung geht es aber nicht um besonders günstige
Mieten für Menschen, die nach Berlin ziehen. Die
»Enteignungen werden das Problem stehen, etwas grundsätzlich zu ändern.
ZEIT: Was denn?
für die Forschung teilen. Wir forschen zum Bei-
spiel daran, wie wir Energie, die wir mit Sonnen-
meisten haben offensichtlich die Sorge, sich ihre
jetzigen Wohnungen nicht mehr leisten zu kön-
der Wohnungsnot nicht lösen« Buch: Wenn mehr Leute in einer Stadt wohnen
wollen, brauchen wir dort mehr Wohnungen. In
kollektoren auf den Dächern gewinnen, besser
speichern können. Damit die Mieter klima-
nen. Ich kann ihnen versprechen: Unsere Mieter Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch Berlin will aber niemand, dass ausgerechnet vor freundlich warm duschen und heizen können.
brauchen keine Angst zu haben. Bei Neuvermie- seiner Haustür ein neuer Wohnblock hochgezo- Bei einem Neubau ist das kein Problem. Für Ge-
tungen ist die Situation aber etwas anders. gen wird. Jetzt ist Wahlkampf, am Tag des Volks- bäude aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren
entscheids wird ja auch das Abgeordnetenhaus fehlen jedoch gute Lösungen. Und dann ist da
ANZEIGE neu gewählt. Da gibt es nur noch extreme Positio- noch das Bauen mit Holz.
nen: alles zubauen oder alles enteignen. In dieser ZEIT: Damit wollen Sie vom klimaschädlichen
Radikalität ist beides Unsinn. Für politischen Ak- Beton loskommen?
tionismus sind Immobilien außerdem viel zu Buch: Der Klimaforscher Professor Hans Joa-
komplex, weil da immer sehr viel dranhängt. chim Schellnhuber hat ausgerechnet, dass wir
ZEIT: Was meinen Sie konkret? riesige Mengen CO₂ einsparen können, wenn
Buch: Ein Beispiel: Deutschland braucht jedes wir mit Holz bauen. Neue Baumaterialien sind
Jahr 400.000 Zuwanderer aus dem Ausland, um aber kein »Man müsste irgendwann mal«-The-
den Mangel an Fachkräften auszugleichen. Das ma. Wir hätten schon längst ausschließlich mit
hat der Chef der Bundesagentur für Arbeit vor Holz bauen müssen. Wie wir das hinbekommen,
ein paar Tagen gesagt. Wo sollen diese Menschen ist die große Frage der nächsten Jahre.
wohnen? Die werden alle in die Großstädte zie- ZEIT: Kann Wohnen überhaupt bezahlbar blei-
hen, auch nach Berlin. Da werden die Probleme ben angesichts dieser Herausforderungen?
dann eher noch größer. Mit plakativen Forde- Buch: Ich glaube, das ist machbar. Klimaschutz
rungen kommt man da nicht weiter. und bezahlbares Wohnen muss kein Widerspruch
ZEIT: Gibt es denn irgendwo Vorbilder für eine sein. Dazu müssten die Einnahmen aus der CO₂-
kluge Wohnungspolitik? Abgabe wieder zurück in den Gebäudesektor flie-
Buch: In Hamburg sieht man, dass es anders geht. ßen. Mit staatlicher Förderung und etwas techni-
Hier definiert die Politik, wie die Stadt aussehen schem Fortschritt werden wir so rentabel sein, dass
soll, und die Immobilienwirtschaft unterstützt wir unsere Investoren überzeugen können.
dann dabei. Das ist der richtige Stil. Mit Ausnah- ZEIT: Und die Mieter?
me von Düsseldorf und Köln hat es auch die Lan- Buch: Mieter müssen ihren Teil dazu beitragen
desregierung von Nordrhein-Westfalen geschafft, und ihr Heizverhalten ändern. Wer weniger
die Wohnungsnot zu beenden. Denen gebe ich heizt, hat weniger Kosten, und da ist eine etwas
eine glatte Eins! Und das hat nichts mit einer be- höhere Kaltmiete vielleicht gerechtfertigt. Aber
stimmten Partei zu tun. Es geht einfach darum, ob auf Dauer kann niemand mehr bezahlen, als es
man konstruktiv zusammenarbeiten will. sein Einkommen zulässt. Sonst werden nicht nur
Exklusive ZEIT: Sagen Sie uns gerade, dass die Wohnungs- in Berlin die Menschen nach Enteignung rufen.
Angebote wirtschaft ein Befehlsempfänger sei und nicht für Das kann niemand wollen.
ihre Interessen lobbyiere? ZEIT: Sie sind mit der Übernahme der Deut-
Bundestagswahl 2021
Buch: Lobbyismus bedeutet für mich, der Politik schen Wohnen schon zweimal gescheitert. Wa-
die Auswirkungen von Gesetzesvorhaben auf rum soll nun der dritte Versuch gelingen?
Eine gute Wahl fängt unsere Branche zu erklären. Wir stehen zu unse-
rer gesellschaftlichen Verantwortung.
Buch: Im Mai ist die Übernahme knapp an eini-
gen Hedgefonds gescheitert. Die sitzen alle in
ZEIT: Und was heißt das? London und haben sich überlegt, wer von ihnen
bei der Zeitung an Buch: Es gab vor einigen Monaten Streit um die
CO₂-Abgabe auf den Verbrauch von Heizöl und
wie viele Anteile an der Deutschen Wohnen an
uns abgibt. Am Ende haben sie sich nicht richtig
Erdgas. Wir hätten es uns leicht machen und wie abgestimmt. Wir hätten auf 50 Prozent aller
Unsere Angebote zur Bundestagswahl viele andere fordern können: Das müssen allein Aktien kommen müssen, es wurden nur an die
die Mieter bezahlen! Haben wir aber nicht. Weil 48 Prozent. Da haben sich einige verzockt.
nicht nur die Mieter mit ihrem Heizverhalten den ZEIT: Bieten Sie deswegen jetzt einen Euro mehr,
Gedruckt 50 Ausgaben für 50,00 € Energieverbrauch bestimmen, sondern auch die also 53 Euro je Aktie?
Digital 50 Tage für 20,00 € Vermieter, die ihre Gebäude sanieren oder eben Buch: Wir haben etwas nachgebessert. Dieser
nicht. Es wäre also fairer gewesen, die CO₂-Abga- Preis ist angemessen.
be zu teilen. Wir wollten, dass sich das am Zu- ZEIT: Sie sind also vom Erfolg überzeugt?
stand eines Gebäudes orientiert. Ist es gut saniert, Buch: Ich bin demütig geworden. Beim letzten
Hier bestellen: zahlt der Mieter einen höheren Anteil. Ist es Mal habe ich gesagt, der Deal geht auf jeden
sz.de/btw21-zeit 089 / 21 83 99 27 schlecht saniert, geht das zulasten des Vermieters. Fall durch, und dann kam es anders. Noch mal
ZEIT: Gerade Vo­no­via wird vorgeworfen, seine werde ich mich sicher nicht festlegen.
Immobilien zu vernachlässigen. ZEIT: Treten Sie zurück, wenn es wieder floppt?
Ein Aktionsangebot der Süddeutsche Zeitung GmbH • Buch: Dieser Vorwurf ist falsch! Als ich 2013 Buch: Das steht nicht zur Diskussion. Dann blei-
Hultschiner Str. 8 • 81677 München hier angefangen habe, war das so. Damals hieß ben wir mit 30 Prozent an der Deutschen Woh-
Vo­no­via noch Deutsche Annington und hat für nen beteiligt, so wie heute schon. Aber besser
die Instandhaltung bloß das Minimum vom sind 50 Prozent.
Minimum ausgegeben. Seitdem ist das vorbei.
Im vergangenen Jahr haben wir pro Quadrat- Das Gespräch führten Jurik Caspar Iser
meter Wohnfläche 22 Euro in die Instandhal- und Marcus Rohwetter
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 WIRTSCHAFT 25

Bezahlbares Wohnen

Vermieter in Zahlen
Eigentümerstruktur von Mietwohnungen Verlangte Kaltmiete in mittlerer bis guter Lage Wohnungsbestand der
in Deutschland in Euro je Quadratmeter (2020) Konzerne (Auswahl)

Deutsche Vonovia
bis unter Wohnen
Kiel 5,50 Euro

Schwerin
Hamburg Berlin
5,50 bis <6,50
43,6 % Bremen
Privatpersonen
114.000 43.000
Berlin
Hannover Potsdam 6,50 bis <7,50
Magdeburg Hannover
6.000 16.000
7,50 bis <8,50
22,3 % 10,0 % Dresden
Düsseldorf Erfurt
Eigentümer- Kommunen oder
Dresden/
gemeinschaften kommunale
Leipzig
Wohnungsunternehmen 8,50 bis <9,50 11.000 48.000
Wiesbaden ZEIT- GRAFIK/
Quelle: BBSR 2021
Mainz
ZEIT- GRAFIK:
Doreen Borsutzki/
Quelle: BBSR 2019 Saarbrücken 9,50 bis <10,50 Rheinland
9,1 %
Wohnungsgenossenschaften 3.000 28.000
Stuttgart
12,4 %
Kommerzielle Organisationen München 10,50 bis <11,50
Rhein-
Unternehmen ohne Erwerbszweck
Main
10.000 27.000
1,4 % 1,3 % Bund
und Länder 11,50 und mehr ZEIT- GRAFIK/
Quelle: Unternehmensangaben

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Wer zahlt
wie viel?
Ändere deinen Weg,
Um Wohnraum bezahlbar zu halten, müssen künftig mehr
Gemeinden als bisher einen Mietspiegel erstellen

Bei Gerichten sind Mieter und Vermie-


ter treue Kunden. 214.000 Mietrechts-
prozesse wurden allein 2019 hierzulande
entschieden, neuere Daten liegen noch
Ein Mietspiegel gibt Auskunft über
die sogenannte ortsübliche Vergleichs-
miete. In die Berechnung fließt aber
nicht nur die Kaltmiete je Quadratmeter
nicht dein Ziel.
nicht vor. Streit gibt es um die richtige ein, sondern auch die Größe einer Woh-
Abrechnung von Betriebskosten, um Ei- nung, ihre Ausstattung und Lage. Wich-
genbedarfskündigungen – und natürlich tig werden solche Informationen vor al-
um die Höhe der Miete. Um einschätzen lem in Orten mit starker Wohnungsnot.
zu können, ob eine Wohnung zu teuer Für sie können die Bundesländer eine
oder zu billig ist, hilft eine Übersicht Mietpreisbremse verhängen, um zu stark
über das, was anderswo in der Gegend steigende Wohnkosten zu verhindern. ÜBER MICH KUNST SKATEBOARDS KAUFEN
gezahlt wird. Genau diese Daten liefert Mehr als zehn Prozent über der ortsübli-
der Mietspiegel. Theoretisch zumindest. chen Vergleichsmiete darf eine neu ver-
Praktisch fehlt so ein Dokument oft. mietete Wohnung dann nicht kosten.
Anfang August beispielsweise hatten 72 Ohne diese Information aus dem Miet- PRODUKT ÄNDERN
der 200 größten deutschen Städte gar spiegel greift aber auch die Mietpreis-
keinen gültigen Mietspiegel, gab die Ge- bremse nicht.
sellschaft für Immobilienwirtschaftliche Bisher wurden Mietspiegel durch Um- NEU: KUNST-
Forschung bekannt. Das gelte etwa für
Berlin, Hannover und Erfurt. Und selbst
fragen ermittelt. Die fanden alle zwei Jahre
statt, die Teilnahme war jedoch freiwillig.
SKATEBOARDS
wenn es einen Mietspiegel gibt, wird Das war auch der Hauptgrund dafür, dass Nimm ein Stück Berliner Street Art mit
nach Hause. 50 Editionen. Jedes Deck ist
dieser oft mit dem Argument angegrif- Mietspiegel regelmäßig vor Gericht lande- unterzeichnet und handnummeriert von den
fen, die ihm zugrunde liegenden Daten ten: Die Daten seien nicht korrekt erhoben Künstler:innen. Wandhalterung inbegriffen.
seien falsch erhoben worden. Das haben worden – egal ob man sie nun für zu hoch
schon oft Großvermieter versucht, um oder zu niedrig hielt. 80 €
höhere Mieten durchzusetzen. An dieser Stelle setzt das neue Gesetz
HINZUFÜGEN
Um das zu ändern, hat der Gesetzgeber an. Künftig sind Vermieter und Mieter
Ende Juni neue Vorschriften erlassen. verpflichtet, Auskunft über ihre Mietver-
Demnach müssen künftig alle Gemeinden träge und die Daten der betreffenden
mit mehr als 50.000 Einwohnern einen Wohnungen zu geben. Außerdem kön-
Mietspiegel erstellen. Das biete »mehr nen Behörden zusätzliche Informationen
Rechtssicherheit«, argumentiert die Bun- verwenden – unter anderem aus dem
desregierung. Der Wohnungsmarkt werde Melderegister, Daten aus der Grund- Neu: Kunst-Skateboards
insgesamt transparenter. Und weil die steuer und solche aus der Bevölkerungs- 80 €
Daten künftig anders erhoben werden zählung. Spätestens zum Jahresbeginn
müssen, werde es zudem schwieriger, Miet- 2024 müssen dann alle neuen Mietspie-
spiegel juristisch anzugreifen. gel vorliegen.  MARCUS ROHWET TER

49
SPEICHERN

% HOL DIR 10 % RABATT AUF DEINEN ERSTEN EINKAUF MIT DEM CODE DZSEP
aller Deutschen wohnen zur Miete.
So hoch sei der Anteil nirgendwo sonst in Europa, WWW.SQUARESPACE.DE
gibt das europäische Statistikamt Eurostat an
26 WIRTSCHAFT 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Ist das nachhaltig, oder kann das weg?


Die Vermögensverwaltung DWS steht in der Kritik: Gibt sie sich grüner, als sie ist? Fünf Fragen zur nachhaltigen Geldanlage  VON JENS TÖNNESMANN

Warum reden jetzt alle über Was wollen die Verbraucherinnen Was genau ist Woran lassen sich nachhaltige Wird die Lage bald
»Greenwashing« bei der Geldanlage? und Verbraucher? nachhaltige Geldanlage? Geldanlagen wirklich erkennen? übersichtlicher?

Asoka Wöhrmann machte Ende 2020 ein voll- Der Skandal um die DWS ist bedeutsam, weil Die Bundesregierung hat das kürzlich in ihrer Genau informieren ist ohne einheitliche Krite- Seit März dieses Jahres gilt in der EU die »Of-
mundiges Versprechen. Der Chef der DWS, viele Anlegerinnen und Anleger ihr Geld heute Sustainable-Finance-Strategie mal recht breit rien gar nicht so leicht. Es gibt aber Wegweiser fenlegungsverordnung«. Sie verpflichtet Unter-
eines der größten Vermögensverwalter im Land, gerne verantwortungsbewusst anlegen würden. definiert: Ihr zufolge werden bei der nachhalti- wie das FNG-Siegel des Forums Nachhaltige nehmen des Finanzmarktsektors zur Aufklärung
kündigte an, den »Weg zu einer CO₂-freien In einer Umfrage des Verbraucherzentrale Bun- gen Geldanlage »Klima- und Umweltschutz, Geldanlage, zu dessen Mitgliedern große Ban- darüber, inwieweit sie die sogenannten ESG-
Wirtschaft zu ebnen« und sich dafür einzuset- desverbands etwa sagten das 53 Prozent der aber auch ökonomische und soziale Aspekte« ken und Finanzfirmen zählen. Es vergibt sein Kriterien beachten: ökologische und soziale
zen, dass andere Firmen »Nachhaltigkeit endlich Befragten. Eine wachsende Gruppe von Anle- berücksichtigt. Das Problem ist, dass darunter Siegel an Fonds, die eine Vielzahl von Kriterien Gesichtspunkte sowie Standards der guten
ernst nehmen«. Allen Abweichlern drohte gerinnen setzt diesen Wunsch offenbar auch jeder am Finanzmarkt etwas anderes versteht: erfüllen und das Geld der Anleger beispiels- Unternehmensführung. Auch wenn viele einzel-
Wöhrmann, die DWS werde sie »aus unserem praktisch um, wie eine Umfrage des Bundes- »Noch gibt es keine einheitlichen Mindeststan- weise nicht in Waffenfirmen investieren. ne Offenlegungspflichten erst nach und nach
Investmentuniversum ausschließen«. verbands deutscher Banken aus dem Frühjahr dards für nachhaltige Geldanlagen und kein Einen guten Überblick liefert die Stiftung in Kraft treten, wächst also die Transparenz.
In der Presseerklärung kam damals auch eine zeigt. Danach behaupten acht Prozent der unabhängiges Verbraucherlabel«, heißt es bei Warentest, die jüngst 99 Fonds daraufhin unter- Nach dem Willen der EU-Kommission müssen
Frau namens Desiree Fixler zu Wort, zu jener Menschen hierzulande, ihr Geld bereits nach- der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsauf- sucht hat, welche Geschäftspraktiken sie aus- Anlageberaterinnen Anleger ab dem kommen-
Zeit die Nachhaltigkeitschefin der DWS. Fixler haltig anzulegen, vor zwei Jahren waren es noch sicht (BaFin), die eigentlich für mehr Trans- schließen. Die höchste Nachhaltigkeitsbewer- den Jahr auch explizit danach fragen, ob sie ihr
erklärte: »Aktives Handeln und Transparenz fünf Prozent; in absoluten Zahlen geht der Ver- parenz im Markt sorgen soll. Hinter Namens- tung erreichte der Fonds Ökovision Classic, bei Geld nachhaltig anlegen wollen.
sind der Schlüssel, um den so dringend not- band von fünf Millionen grünen Anlegern aus zusätzen von Finanzprodukten wie ökologisch, dem ein Ausschuss entscheidet, in welche Fir- Vielleicht hilft ja auch der Einsatz der ge-
wendigen Wandel zu erreichen.« gegenüber drei Millionen im Jahr 2019. sozial, ethisch, grün oder klimafreundlich ver- men investiert werden darf; in ihm sitzen zum feuerten DWS-Managerin Desiree Fixler, die
Die DWS hat Fixler im Frühjahr gefeuert, Das Interesse schlägt sich an den Märkten bergen sich laut der Behörde ganz unterschied- Beispiel Umweltexperten. Für weniger Gebüh- nach ihrer Entlassung im Frühjahr nicht nur
Illustration: Doreen Borsutzki für DIE ZEIT

jetzt kritisiert diese den Vermögensverwalter nieder: Nach Angaben des Bundesverbands liche Kriterien: »Jeder Anbieter kann etwas ren zu haben sind nachhaltige ETFs: Fonds, die ihren eigenen Ruf retten will. »Viele Unterneh-
öffentlich. Er lenke deutlich weniger Geld in Investment und Asset Management verwalteten anderes darunter verstehen.« stur Aktien eines umweltorientierten Börsen- men machen beim Thema Nachhaltigkeit fal-
nachhaltige Geldanlagen, als er öffentlich be- nachhaltige Fonds zur Jahresmitte 361 Milliar- Wenn Vermögensverwalter in ihren Werbe- Index kaufen. Weil sie weniger harte Auswahl- sche Versprechen und legen das Geld nicht so
haupte. Ein solches Greenwashing führe An- den Euro, also fast ein Zehntel des gesamten in anzeigen mit der eigenen Nachhaltigkeit an- regeln haben, befand die Stiftung aber auch die nachhaltig an, wie ihre Kunden es wollen und
leger in die Irre. Auch wenn die DWS die Vor- Fonds steckenden Anlagevermögens. Darüber geben, können sie sich im Zweifel später wieder besten ETFs für weniger nachhaltig als viele erwarten«, sagt Fixler im Gespräch mit der
würfe »entschieden« zurückweist, ermittelt laut hinaus gibt es heute Öko-Banken, die nach- rausreden. Die BaFin rät Anlegerinnen deswe- klassische nachhaltige Fonds. Mit nachhaltigen ZEIT. »Ich stehe auf, weil ich will, dass diese
Berichten des Wall Street Journal nun die US- haltige Giro-, Tagesgeld- und Festgeldkonten gen: »Um beurteilen zu können, ob die Geld- ETFs im Depot erreicht man laut den Berech- heiße Luft abgelassen wird und das Geld dorthin
Börsenaufsicht SEC gegen die DWS, die zu anbieten und mit den Einlagen zum Beispiel anlage Ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit nungen der Stiftung im Durchschnitt ähnliche fließt, wo es wirklich gegen den Klimawandel
großen Teilen der Deutschen Bank gehört. Erneuerbare-Energie-Projekte finanzieren. entspricht, müssen Sie sich genau informieren.« Renditen wie mit herkömmlichen ETFs. und für soziale Gerechtigkeit eingesetzt wird.«

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UNTERHALTUNG
2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

28

»Sie hatte so ein kraftvolles Gesicht«


Der Star in Victor Kossakovskys neuem Dokumentarfilm ist eine Sau namens Gunda. Es war
Liebe auf den ersten Blick – und der Regisseur lernte von ihr, dass die Menschen ein hoffnungsloser Fall sind

Victor Kossakovsky meldet sich per Video Kossakovsky: Wir nehmen uns zu wichtig. Zuchtsau ist sie im Ruhestand. Aber ich muss
aus Norwegen, von einer Scoutingreise Auch die Bibel irrt, wenn sie vermittelt: Gott sagen, sie wird alt.
für einen neuen Film. Es geht um ­ habe zum Schluss den Menschen erschaffen, ZEIT: Wie haben Sie sie eigentlich gecastet?
Architektur. Der Regisseur, geboren 1961 und der beherrscht dann alles. Mit welchem Kossakovsky: Wir hatten uns vier bis fünf
im damaligen Leningrad, lebt seit Recht? Sind wir wirklich so viel smarter? Wir Monate Zeit für die Suche genommen. Die
19 J­ ahren in Berlin. Die Themen seiner ­ sind nicht besser. Wir wollen hundert Jahre Rinder und Hühner haben wir auf sogenann-
Filme sind vielfältig. »Aquarela« handelt alt werden? Na herzlichen Glückwunsch – ten Gnadenhöfen in Spanien und Großbri-
von der Urgewalt des Wassers. Der ­ Bäume werden tausend Jahre alt! Wir Men- tannien entdeckt. Aber Gunda fanden wir in
Film »Gunda«, der Mitte August in die schen können gerade mal fünf Tage ohne Norwegen gleich bei unserer ersten Reise. Es
deutschen Kinos kam, von Nutztieren. Wasser überleben, das ist lächerlich. Warum ist eine Farm, auf der die Tiere ungewöhnlich
glauben wir, wir stünden zu Recht an der viel Platz haben, jedes hat etwa 20 Quadrat-
DIE ZEIT: Sind Schweine schmutzig? Spitze der Pyramide? Unsere einzige besonde- meter. Sie kam auf uns zu, sah mich an, und
Victor Kossakovsky: Das denken Sie! Die re Fähigkeit ist, dass wir grausam sind. Wir ich wusste: Das ist sie! Sie hatte so ein aus-
Ferkel, die wir für unseren Dokumentarfilm töten ohne Notwendigkeit. Nur wir Men- drucksvolles, kraftvolles Gesicht. Und sie hat
auf der Farm begleitet haben, trinken Wasser schen haben Folter und Konzentrationslager von Anfang an kommuniziert.
oder saugen an den Zitzen der Mutter, und erfunden, Kalaschnikows. Wir gehen auf ZEIT: Was hat Sie Ihnen mitgeteilt?
wenn sie pinkeln müssen, gehen sie ein paar Großwildjagd und machen stolz Bilder von Kossakovsky: Ich denke, am Ende hat sie mir
Meter weit weg. Sie sind noch Babys, aber sie getöteten Elefanten. Tiere zu töten ist aber etwas sagen wollen. Wir haben uns ja im
wissen, dass sie diesen Teil ihres Lebensraums derselbe Akt, wie Menschen zu töten. Wir Hintergrund gehalten, um sie nicht zu stö-
nicht beschmutzen sollten. Ich nenne das ein müssen aufhören damit. Das hat schon Tols- ren. Aber wir waren jeden Morgen ab vier
Zeichen von Intelligenz. toi geschrieben: Wir müssen den Akt des Uhr da, schon bevor sie wach wurde, eigent-
Tötens einstellen. lich sind wir Freunde geworden. Als man ihr
ZEIT: Sie selbst sind Vegetarier von Kindes- die Jungen weggenommen hatte, kam sie auf
beinen an? uns zu, als wollte sie fragen: Was kann ich
Kossakovsky: Ich war vier Jahre alt, da fuhren tun? Wir konnten nicht helfen und fühlten
meine Eltern mit mir in der Sowjetunion uns schuldig. Ich wusste, es würde zum
vom damaligen Leningrad aufs Land zu Ver- Schluss noch einmal eine Nahaufnahme ge-
wandten. Die hatten ein kleines Schwein, ben ohne Hilfe von Zoom oder Teleobjektiv.
und weil es sehr kalt war, holten sie es ins Ich wollte, dass sie noch einmal kommt. Das
Haus. Ich nannte es Vasya, das Schweinchen tat sie, und dieser letzte Blick war schmerz-
wurde in den paar Wochen mein bester haft. Sie sagte mir in etwa dies: Ihr seid doch
Freund. Zu Silvester kam es als Schnitzel auf ein hoffnungsloser Fall, es ist sinnlos, sich
den Tisch. Das war ein Desaster für mich. Ich weiter mit euch abzugeben.
Charakterdarstellerin Gunda konnte kein Fleisch mehr essen, und meine ZEIT: Haben Sie Gundas facettenreiches
mit einem ihrer Ferkel Mutter litt darunter. Grunzen deuten können?
ZEIT: Warum?
Kossakovsky: Sie hatte Angst, ich würde ster-
ZEIT: Schweine sind intelligent? ben. Nach 20 Jahren, als sie sah, dass ich auch
Kossakovsky: Sie rangieren bei der Intelligenz ohne Fleisch noch am Leben war, haben wir
angeblich an vierter Stelle im Tierreich, sind uns darüber unterhalten, und ich sagte: Sie
intelligenter als Hunde und Katzen. Sie brau- selbst habe mich doch einst dazu gebracht,
chen nur einen Blick, um das Prinzip eines Mitgefühl für andere Wesen zu entwickeln.
Spiegels zu verstehen. Dass es kein Fenster ist. Als Kind hatte ich mal Blätter von einem
Menschenkinder brauchen länger. Gunda, Busch gerissen, und sie wies mich zurecht:
die Mutter, hat mehrmals am Tag immer Wenn ich dir ein Haar ausreiße, tut dir das
wieder an ihren Jungen gerochen, um zu er- weh? Ja, sagte ich. So gehe es auch den Pflan-
mitteln, ob vielleicht eines krank ist. zen, meinte sie.
ZEIT: Ihr Dokumentarfilm Gunda zeigt ZEIT: Sie haben Ihre Hauptdarstellerin Gun- Man hört Gundas Grunzkommandos
Nutztiere. Er ist in erster Linie ein intimes da zwei Monate lang auf der Farm in Norwe- an die Ferkel und deren Quieken
Porträt eines Hausschweins auf einer Farm in gen begleitet, von der Geburt ihrer Jungen
Norwegen. Sie zeigen die Sau und die ande- bis zu dem Moment, als man ihr die Ferkel
ren Tiere ausschließlich in Schwarz-Weiß, der wegnahm. Hätte es nicht in Ihrer Macht ge- Kossakovsky: Wir haben 200 verschiedene
Film verzichtet auf Musik, auf Kommentare, standen, den Farmer zu überreden, eine Aus- Dokumetarfilmer Victor Kossakovsky, 60, ist Vegetarier und lebt in Berlin. Wörter, also Grunzlaute, bei ihr identifi-
Dialoge und überhaupt auf Worte. Warum? nahme zu machen und dem Schwein die Seine Hauptdarstellerin Gunda entdeckte er in Norwegen ziert. Die konnten wir grafisch darstellen.
Kossakovsky: Wir wollten jegliche menschli- Kinder zurückzugeben? Die Laute sind immer anders, etwa wenn
chen Emotionen herauslassen. Alle Geräu- Kossakovsky: Wissenschaftler forschen, Do- sie ihre Ferkel zusammenruft oder Futter
sche sind real. Und wenn man keine Worte kumentarfilmer filmen. Wir verändern nicht Rinder werden weltweit zur Fleisch­pro­duk­ ten fertig waren, da kamen die anderen dran. will. Das ist übrigens auch bei Kühen so.
benutzt, werden die Zuschauer gezwungen, die Wirklichkeit, wir zeigen sie. Einmal habe tion gehalten, und jede Kuh braucht zehnmal ZEIT: Haben Sie die sogenannte Invasion Wir hören da immer nur »Muh«. Aber
Emotionen zunächst mit dem Auge aufzu- ich mich gefragt, was ich auf der Titanic ge- so viel Wasser wie der Mensch. Auf der ande- von Capybaras, den großen südamerikani- wenn wir es in eine grafische Darstellung
nehmen und danach erst nachzudenken. Ein macht hätte, als sie sank. Wäre ich gesprun- ren Seite gibt es fast eine Milliarde Menschen, schen Nagetieren, in diesem Neureichen- übertragen, sehen wir für verschiedene Si-
Dokumentarfilm zeigt, was die Leute sonst gen, hätte ich anderen geholfen? Hätte ich die keinen Zugang zu sauberem Wasser ha- Vorort von Buenos Aires mitbekommen? tuationen die Unterschiede.
nicht sehen – oder was sie bisher nicht sehen Cello gespielt? ben. Wie absurd das ist! Kossakovsky: Die Menschen nennen es In- ZEIT: Haben Sie etwas gelernt während der
wollten. Dabei hilft auch Schwarz-Weiß. ZEIT: Und? ZEIT: Menschen jagen Tiere, war das nicht vasion? Dreharbeiten, hat Sie etwas überrascht?
ZEIT: Inwiefern? immer so? ZEIT: Die Tiere kommen quasi als Ein- Kossakovsky: Das soziale Verhalten. Die Tie-
Kossakovsky: Farbe lenkt zu sehr ab, man Kossakovsky: Vor hundert Jahren haben die dringlinge in ihren früheren Lebensraum re helfen einander. Eines der Ferkel hinkte
sieht zu viele Dinge, den Himmel, die Land- Menschen einmal die Woche Fleisch geges- zurück, der ihnen durch solche Immobilien­ etwas, es wurde von der Mutter immer voran-
schaft. In Schwarz-Weiß konzentrieren sich sen. Heute isst ein Mensch bei uns fast 100 projekte genommen wurde. Nun rennen sie gestupst, damit es mithalten konnte. Und als
die Betrachter mehr auf die Persönlichkeit Kilo pro Jahr. Und um die Tiere füttern zu durch die Vorgärten der Stars und Stern- sie mal nicht in der Nähe war, haben die
der Tiere, auf ihre Augen. Außerdem wirkt können, holzen wir Wälder ab. Dadurch wird chen, kacken alles voll und baden in deren kleinen Geschwister diese Aufgabe übernom-
Schwarz und Weiß mehr wie ein Dokument, die Erde trockener. Und wissen Sie, wo wir Swimmingpools. Tierfreunde und Linke men. Eindrucksvoll waren auch die Hühner.
das in Erinnerung bleibt. Ich wollte, dass die alle die Natur noch schön finden? In Primär- halten das für eine Rebellion. Das müsste Sie lebten zunächst nur in Käfigen. Es konn-
Menschen den Film im Kopf behalten. wäldern, in denen keine Menschen waren. Ihnen doch gefallen? ten Menschen kommen und sie kaufen und
Foto: Andreas Rentz/ZFF/Getty Images; Filmstills: Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen/Filmwelt Verleihagentur

ZEIT: Und dass sie als Vegetarier oder Vega- Das nennen wir dann Paradies. Denn dort Kossakovsky: Tja, die Menschen sollten sich sie zu den Gnadenhöfen bringen, Auffang-
ner wieder herausgehen? haben die Tiere einen Weg gefunden, mitei- nicht zu sicher fühlen. Die Evolution ist ja stationen, in denen sie versorgt werden. Wir
Kossakovsky: Ich bin kein Aktivist, ich ma- nander zu leben. nicht zu Ende. Vielleicht entwickeln sich der- wollten den Moment filmen, da die Hühner
che keine Propaganda. Manche sagen ja, Haben Ferkel ein Bewusstsein? ZEIT: Menschen leben mit ihren Hunden. einst irgendwelche Superwesen, die dann uns aus dem Käfig kamen.
Filmemacher sollten eine Geschichte er­ Eine Seele? Sie werden manchen zu Gefährten. die Kinder wegnehmen. ZEIT: Was passierte?
zählen. Ich finde, das stimmt nicht. Es ist Kossakovsky: Ja, wir lieben sie, weil wir sie ZEIT: Haben Sie zu Gunda in Norwegen Kossakovsky: Sie blieben eine Stunde drin
ein Fehler. Wir sollten nur etwas zeigen. verstehen. Weil sie treue Begleiter sind. Wir noch Kontakt? bei offener Tür. Keines kam heraus. Endlich
Als Zuschauer kann man dann eine Story­ Kossakovsky: Ich hätte alles gefilmt. Das ist ja verstehen aber nicht, dass andere Tiere auch kam eines, aus der letzten Reihe, es drängelte
dahinter finden. mein Job. Sehen Sie, man hat mich auch ge- solche Fähigkeiten haben. Unsere Beziehung sich an allen vorbei. Erst dann folgten andere,
ZEIT: Sie zeigen keine schockierenden fragt, warum ich eine bestimmte Szene aus zu Tieren ist doch total widersprüchlich. Wir tasteten sich ganz langsam heraus. Diese Tie-
Schlachtszenen, keine grausamen Käfigbil- Gunda nicht herausgeschnitten habe. schenken unseren Kindern Stofftiere. Unsere re berührten zum ersten Mal in ihrem Leben
der. Indem Sie die Lebensweise, den Alltag ZEIT: Einmal tötet sie eines ihrer Jungen. Märchen, die wir ihnen erzählen, handeln Gras. Sie waren zum ersten Mal in Freiheit.
und, ja, die Gefühle dieser Nutztiere in Nah- Kossakovsky: Sie erkennt, es ist zu schwach. von Tieren, die wir oft liebevoll vermenschli- Einige gingen nach einer Weile einfach zu-
aufnahme zeigen, wecken Sie bei den Zu- Dieses Ferkel wird es nicht schaffen, es­ chen. Und dann geben wir den Kindern rück in ihren Käfig. Das war wie eine Meta-
schauern und Zuschauerinnen Empathie bekommt nicht genug Milch ab. Also tötet Wurst zu essen. pher auf mein Land. Als Gorbatschow das
und Zuneigung. Der Fleischindustrie wird es sie es. Wer bin ich, darüber zu richten? Die ZEIT: Sind Tiere nie grausam oder bösartig? Tor geöffnet hatte, blieben die Menschen
nicht gefallen. Ist es ein politischer Film? Schweine sind viel länger auf unserem­ Kossakovsky: Nur aus Notwendigkeit. Wenn auch zurück im Käfig. Im Land ohne Presse-
Kossakovsky: Wenn Sie so wollen: Es Planeten als wir, sie werden wissen, was wir die Natur sich selbst überlassen, kommen freiheit, ohne Meinungsfreiheit. Wie ver-
braucht eine neue Revolution. Nach der in- richtig ist und was falsch. Was bilden wir sie miteinander klar. Ich habe das in Afrika rückt! Warum wohl?
dustriellen Revolution, der kulturellen,­ uns immer ein? erlebt. Die Kamera bleibt immer auf ZEIT: Was meinen Sie?
digitalen und sexuellen Revolution ist es ZEIT: Sie scheinen an der Menschheit zu ver- ZEIT: Was haben Sie gesehen? Schweineaugenhöhe Kossakovsky: Ich habe mit meinen Lands-
allmählich Zeit für eine empathische Revo- zweifeln. Kossakovsky: Wir waren an einem See, rund- leuten darüber gesprochen. Einige sagten:
lution. Wir brauchen mehr Empathie, sonst Kossakovsky: Wir töten drei Billionen Fische herum war alles trocken. Eine Gruppe Elefan- Der Käfig ist halt groß, die Kette ist lang. Ja,
geht es mit uns nicht weiter. im Jahr, zig Milliarden Hühner, Schweine. ten kam, dann eine Gruppe Antilopen, Affen. Kossakovsky: Jetzt war ich dort, wir haben in Russland ist ein großes Land.
ZEIT: Sie reden von Mitgefühl und Respekt Wir wissen alle, dass wir Tiere töten und dass Und was passiert: Während die Elefanten Norwegen etwas gescoutet für einen neuen
gegenüber den Lebewesen, die wir halten, es falsch ist. Aber wir haben uns entschieden, tranken, haben Löwen und Antilopen und Film. Bei der Gelegenheit habe ich sie und Das Gespräch führte
einsperren und töten, um sie zu essen. nicht darüber nachzudenken. Eine Milliarde Affen zusammen gewartet. Und als die Elefan- den Bauern besucht. Es geht ihr gut, als Jörg Kramer
2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

WISSEN
Klimaextreme ․ Technik ․ Epidemiologie ․ Bildung ․ Infografik: Heimat
29

Wird es künftig heißer oder nasser?


Die ungemütliche Antwort lautet: beides. In der Welt Gleichzeitig ist aber mit einer Zunahme von
»Stark­regen­ereig­nis­sen« zu rechnen. Sie erhöhen das Risiko
Die ­Klimakrise wird zu steigenden Temperaturen in von Überschwemmungen wie kürzlich im Ahrtal deutlich.
Deutschland führen. Manche Regionen
sind davon besonders betroffen (siehe nächste Seite).
der Extreme In dieser Ausgabe widmen wir uns daher den
Folgen beider Extreme: Hitze und Hochwasser.
Foto: Henning Kretschmer für DIE ZEIT (Symbolfoto)

Mehr als 4000 Hitzetote gab es im Sommer 2020 –


doppelt so viele wie Unfallopfer pro Jahr

Im Schwitzkasten
Auch in Deutschland wird es künftig häufiger zu Hitzewellen kommen, die viele Opfer fordern. Doch wir sind darauf nicht
vorbereitet. Andere Länder zeigen, wie man die Gesundheit der Menschen besser schützen kann  VON KATJA TRIPPEL

D
er Dachdecker, der in die kriegt man nicht mehr eingefangen. Die Organe stiegen die Temperaturen auf über 45 Grad, von hocken.« Ab dem dritten Tag spülen Hitzewellen
Notaufnahme des Augsbur­ versagen, das Blut gerinnt, das Hirn schwillt an. der Türkei bis Spanien. Die erste, offensichtliche mehr und mehr Ältere und Vorerkrankte in die
ger Klinikums eingeliefert Denaturieren die Eiweiße, gerät ein irreversibler Folge dieser Hitzewelle waren die verheerenden Klinik, dazu Schwangere und Kleinkinder. »Die
wurde, war bewusstlos, sein Prozess in Gang, wie beim Kochen eines Eis. Wir Waldbrände. Doch auch wo es nicht brannte, wa­ sind dehydriert oder verwirrt, leiden unter Schwin­
Gesicht knallrot, die Körper­ hatten keine Chance.« ren auf einen Schlag Millionen Menschen buch­ del, oder die Nieren versagen. Bestenfalls hilft, die
kerntemperatur so hoch, dass Für Wehler, Leiter einer der größten Not­ stäblich in einem Schwitzkasten gefangen. Und in Patienten mit Infusionen intensiv zu wässern.­
ein normales Fieberthermo­ fallambulanzen Deutschlands, war der Hitzetod jeder Notaufnahme, so der Notfallarzt Wehler, sei Häufig ist die Sache ernster.«
meter sie nicht mehr präzise messen konnte: 42,5 des jungen Dachdeckers besonders tragisch – bei solchen Hitzewellen das Gleiche los: »Am ers­ Wenn in den Mittelmeerländern die Feuer ge­
Grad. Bei über 30 Grad Sommerhitze hatte er auf aber bei Weitem nicht der einzige. »Hitze ist ein ten heißen Tag kommen die ›Unbesorgten‹. Leute, löscht sind, wird daher wohl auch etwas anderes
einem Flachdach Teerpappe verlegt und war ir­ massives Gesundheitsrisiko«, sagt er, »Tempera­ die selbst bei brütender Hitze weiter im Freien ar­ sichtbar werden: eine erhöhte Übersterblichkeit,
gendwann kollabiert. »Wir versuchten, ihn runter­ turen von 30 Grad reichen, das zeigte die jüngste beiten oder unbedingt den Rasen mähen wollen. die auf die Hitze zurückzuführen ist. In den sehr
zukühlen und intensivmedizinisch zu stabilisieren«, Hitzewelle im Juni.« Ohne Sonnenhut und genügend zu trinken macht heißen Sommern 2006 und 2015 kam es dazu
erinnert sich Markus Wehler, Direktor der Notfall­ Der restliche Sommer fiel in Deutschland eher da selbst ein fitter Kreislauf schlapp.« An Tag zwei auch in Deutschland, das Robert Koch-Institut
ambulanz. »Doch einen so überhitzten Körper milde und nass aus, rund ums Mittelmeer aber werde es ruhig, »weil die Leute ermattet zu Hause (RKI) schätzte sie auf bundesweit mehr als 6000

Fortsetzung auf Seite 30


30 WISSEN 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Klimaextreme

Fortsetzung von Seite 29

Menschen. Für den Sommer 2020 nannte Bundes­ Körper dringend zur Kühlung bräuchte. Sie haben
gesundheitsminister Jens Spahn jüngst die Zahl von zudem nur wenig Durst und trinken oft nicht genug.
über 4000 Hitzetoten. Im Schnitt sind das etwa dop­ Die möglichen Folgen: Sie werden verwirrt, stürzen
pelt so viele wie jährlich im Straßenverkehr sterben –
und das innerhalb weniger Sommertage. Was die Hitze mit dem leichter, ihre Medikamente wirken nicht mehr,
Schlaganfälle und Herzinfarkte nehmen zu.

Körper macht
»Es wird Zeit, dass über diese Toten geredet Viele Nachbarländer zeigen, wie man sich auf ex­
wird«, fordert Martin Herrmann, Arzt und Vorstand treme Hitze vorbereiten kann, allen voran Frank­
der ­Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), reich. Nur wenige Monate nach dem Sommer 2003
eines Netzwerks von Fachleuten aus dem Gesund­ verabschiedete die Regierung einen Hitzeschutzplan
heitssektor, die sich für mehr Klimaschutz engagie­ Die vielfältigen Auswirkungen hoher Temperaturen ... für die Bevölkerung, den »Plan Canicule«. Er schreibt
ren. »Denn Hitzetote sind ein vermeidbares Desaster. en détail vor, was beim Überschreiten bestimmter
Nur fühlt sich in Deutschland bislang niemand für meteorologischer Werte unternommen werden muss.
sie verantwortlich.« Der Wetterdienst Météo France warnt Gesundheits­
Dabei ist längst klar, dass mit der Klimakrise die behörden, Schulen, Kitas und Krankenhäuser sowie
Zahl der Hitzetage, also der Tage, bei denen es mehr Pflegeeinrichtungen, die wiederum Schutzmaßnah­
als 30 Grad heiß wird, deutlich ansteigt – bis 2050 men ergreifen. Infusionen werden bereitgestellt,­
je nach Region auf über 30 pro Jahr. In Groß­ ... auf das Gehirn Räume gekühlt, Medikamente angepasst.
städten, wo Asphalt und Beton die Hitze speichern, Konzentrationsfähigkeit Bürgermeisterinnen und Bürgermeister müssen
werden Sommertemperaturen um die 40 Grad völ­ ist vermindert Alleinstehenden Unterstützung anbieten. »Sozial­
lig normal sein. Das Deutsche Ärzteblatt fasste be­ Kopfschmerzen und Schwindel arbeiter oder Freiwillige rufen sie bei Bedarf an, ob
reits 2019 ­nüchtern zusammen: »Je wärmer es wird, können auftreten sie okay sind, begleiten sie zur Not auch aus ihren
desto mehr Tote wird es geben.« Hermann kritisiert: überhitzten Wohnungen in die gekühlte Dorfbiblio­
»Nur die Verantwortlichen in der Gesundheitspoli­ Erhöhtes Risiko für einen thek«, sagt Umweltmedizinerin Traidl-Hoffmann.
tik ­haben die Dimension der Hitzegefahr noch im­ Schlaganfall Radios senden Warnhinweise, Obdachlose werden
... auf das Herz
mer nicht richtig erfasst.« Das aber müssten sie, um Erhöhte Aggressivität und mit Wasser versorgt, Sportveranstaltungen in Schulen
sich vorzubereiten. Belastung des größere Gewaltbereitschaft abgesagt. Italien, Österreich, die Schweiz und weitere
Tatsächlich kümmerte sich um das Thema »Hitze- Herz-Kreislauf-Systems, vor Länder folgten dem französischen Beispiel, als die
allem bei Menschen mit Bei Hitze-Erschöpfung
Prävention« viele Jahre fast ausschließlich das Um­ WHO 2008 eine offizielle Empfehlung für Hitze­
Vorerkrankungen am Herzen (»Sonnenstich«):
weltministerium. Das Gesundheitsministerium und aktionspläne in Europa veröffentlichte. »Gesund­
Drohendes Versagen der
seine Fachbehörden – die Bundeszentrale für­ Erhöhtes Risiko heitsschäden durch Hitzewellen lassen sich weit­
Thermoregulierung
Gesundheitliche Aufklärung oder das Robert Koch- für Herzinfarkte gehend vermeiden«, heißt es darin im ersten Satz.
mit (im schlimmsten
Institut – hielten sich raus, ebenso der Katastrophen­ In Deutschland wurde dennoch nur ein Bundes­
Fall) tödlichem
schutz. Erst Anfang 2020 gründete Gesundheits­ land aktiv: Hessen. Das Sozialministerium beschloss
Hitzschlag als Folge
minister Jens Spahn ein Referat mit dem Namen Lunge im selben Jahr den »Hessischen Aktionsplan zur Ver­
»Umweltbezogener Gesundheitsschutz, Klima und meidung hitzebedingter Gesundheitsgefährdungen
Gesundheit«; mit einer knappen Handvoll Stellen Erhöhte Gefahr von Luftnot der Bevölkerung«, kurz HEAT. Er verpflichtet ­Alters-
eine überschaubare Truppe. Starke Belastung für Menschen, und Behindertenheime, Vorsorgemaßnahmen zu­
»Das ist ein Anfang«, kommentiert KLUG-Vor­ die an Atemwegserkrankungen wie ergreifen, Krankenhäuser, Arztpraxen und ambulante
stand Herrmann höflich. Was aber fehlt? Herrmann COPD oder Asthma leiden Pflegeeinrichtungen werden per Erlass vor­
kann da eine lange Mängelliste aufzählen, von Alar­ Hitzewellen gewarnt. »Die Pflegeaufsicht berät die
mierungssystemen über Hitzenotfallpläne bis zu Fort­ Heime und kontrolliert regelmäßig, ob die Vorgaben
bildungen für Ärzte. Muskeln umgesetzt werden«, sagt Henny Annette Grewe, Pro­
Warum Deutschland so hinterherhinkt, ist nicht fessorin für Public Health an der Hochschule Fulda,
wirklich nachvollziehbar. Bereits im Sommer 2003 Krämpfe (meist nachts) die die Begleitforschung des Konzepts übernimmt.
Nieren/Magen-Darm-System als Zeichen für Flüssigkeits-
erlebte der südliche Teil des Landes zusammen mit Einziges Manko: Kitas und Schulen sind bislang
halb Mittel- und Südeuropa seinen ersten Hitze­ Risiko für und Elektrolytmangel nicht Teil davon.
schock. Wochenlang strahlte damals das Hoch­ Nierenversagen erhöht Die anderen Bundesländer unternahmen, außer
Michaela wie ein Heizpilz auf Land und Leute. Es ließ Bei Sonnenstich: an die Kommunen zu appellieren, ihrerseits Hitze­
Felder und Wälder verdorren, fachte Waldbrände an. Durchfall und schutzpläne zu verabschieden, bislang wenig bis
Und es wärmte die Städte auf. Menschen von Paris Erbrechen möglich nichts Gleichwertiges; selbst dann nicht, als das Um­
über Frankfurt bis Athen brüteten bei Temperaturen weltbundesamt 2017 detaillierte Leitlinien für einen
über 40 Grad. Nachts blieb es tropisch warm. »Weil Hitzenotfallplan publizierte. Der Deutsche Wetter­
über Tage weder die Körper noch die Wohnungen dienst verschickt im Auftrag der Länder zwar Hitze-
Abkühlung fanden, kam es zu einem medizinischen Schwangerschaft/Neugeborene Warnmeldungen, aber nur an Einrichtungen, die sich
Notstand«, erinnert sich Claudia Traidl-Hoffmann, Erhöhtes Risiko für Frühgeburten angemeldet haben. Wie viele das sind, ist geheim;­
Vize-Direktorin des neu gegründeten Zentrums für und für ein geringes offiziell aus Datenschutzgründen.
Klimaresilienz an der Universität Augsburg. Geburts­gewicht des Säuglings »Deutschland hat seine Hausaufgaben schlecht
In Paris starben so viele Menschen, dass die­ gemacht«, fasst Claudia Traidl-Hoffmann das be­
Leichenhallen voll waren und Hunderte Verstorbene Erhöhtes Risiko hördliche Nichtstun zusammen. »Gesundheits-, Um­
in Kühllagern von Großmärkten untergebracht­ für plötzlichen Kindstod welt- und Wissenschaftsministerien sprechen sich mit
werden mussten. Auch in Karlsruhe meldete damals ihren Förderangeboten nicht ab, Bund und Länder
ein Altenheim über 30 rätselhafte Todesfälle. In­ Illustration: Anne Gerdes spielen Verantwortungspingpong. Dabei wären­
einer Darmstädter Pflegeeinrichtung erkrankten 25 flächendeckende Hitzeschutzpläne vergleichsweise
Bewohner plötzlich schwer, acht starben. Anderswo kostengünstig – und könnten viele Leben retten.«
spielten sich ähnliche Dramen ab. In Darmstadt Immerhin haben sich jüngst eine ganze Reihe­
leitete die Staatsanwaltschaft ein Todesermittlungs­ großer Städte auf eigene Faust bemüht, Hitzeschutz­
verfahren ein, Wasserleitungen wurden auf Legio­ pläne auf den Weg zu bringen, darunter Köln, Erfurt,
nellen untersucht, das RKI schickte aus Sorge vor Mannheim, Offenbach, Worms. »Auf dieser Ebene
einer Epidemie Spezialisten. regt sich deutlich mehr«, sagt Henny Annette Grewe,

Wo der Klimawandel künftig


Doch nicht Viren oder Bakterien hatten die­ die im Juni eine aktualisierte »Arbeitshilfe« für Hit­
Menschen umgebracht – es war die Hitze. Aus über 70 zeaktionspläne publizierte.
epidemiologischen Studien ermittelte ein internatio­ Die Vorbereitung auf häufigere, längere und­
nales Forschungsteam Jahre später die Zahl der Opfer.
Allein im August 2003 waren in zwölf EU-Staaten
etwa 70.000 Menschen gestorben; darunter 15.251
besonders spürbar wird heißere Hitzewellen sollte aber auch Städte, Wohn­
quartiere und Häuser umfassen. Innerstädtische
Hitze­inseln lassen sich mit vergleichsweise simplen
Französinnen und Franzosen sowie 7295 Deutsche. Maßnahmen abkühlen. »Regel eins lautet, Frisch­
Seither hat sich in der Forschung viel getan. »Wir wis­ luftkorridore nicht zuzubauen«, erklärt Werner
sen mittlerweile viel besser, was Hitze im Körper an­ Lang, Leiter des Zentrums für energieeffizientes
richtet. Kurz gesagt, macht sie Gesunde groggy und Szenario Szenario und nachhaltiges Planen und Bauen an der TU
Kranke kränker – ganz besonders in Großstädten«, 2030 – 2060 2071 – 2100 München. Regel zwei: sensible Gebäude, Kinder­
erklärt Traidl-Hoffmann. Denn dort steigt mit der gärten etwa oder Altersheime, mit Sonnenschutz
Hitze auch die Luftverschmutzung durch Stickstoff­ wie Rollläden ausstatten; dazu sind Förderprogram­
dioxid, Ozon, Feinstaub. Diese Doppelbelastung Hamburg
hohe Betroffenheit me angelaufen. Regel drei: Grün bewahren und
bringe viele Städter an ihre Grenzen – die ohnehin pflanzen, wo immer es geht.
ziemlich eng sind. Vor allem große Laubbäume arbeiten wie natür­
»Der Mensch funktioniert nur bei einer Körper­ Hannover liche Klimaanlagen. Ihre Kronen spenden Schatten,
kerntemperatur zwischen 36 und 37,5 Grad opti­ Bielefeld
ihre Blätter lassen die Temperatur in der Umge­
mal«, erklärt Hanns-Christian Gunga, der als Ex­ Bochum bung durch ihre Verdunstung messbar sinken.­
tremmediziner an der Berliner Charité normalerweise Dortmund
Leipzig Dresden
Begrünte Dächer können die Wohnungen darunter
den Zustand von Menschen erforscht, die in Berg­ um bis zu vier Grad abkühlen, mit Efeu oder Wein
werken arbeiten oder in Wüsten. »Schon ab 38,2 Bonn bepflanzte Fassaden haben für Innenhöfe fast den
Grad Körpertemperatur sind wir körperlich, geistig doppelten Effekt.
und motorisch nicht mehr fit. Bei Hitze sind unsere NRW, Hessen,
Thüringen, Bayern:
Werner Lang hat modelliert, was das für Wohn­
physiologischen Steuerungssysteme daher permanent Zunahme von
Starkregentage um
gebiete bedeutet. In manchen Wohnlagen können
Nürnberg
damit beschäftigt, die Normaltemperatur zu halten, geringe Betroffenheit mehr als 30 Prozent Bäume, Büsche und Rasen die Temperatur an Hitze­
etwa durch Schwitzen.« tagen um bis zu acht Grad reduzieren. Lang fordert
Gesunden gelingt das leidlich, Vorerkrankte­ Stuttgart
Regionen mit Risiken deshalb, die Hitzevorsorge im Sommer müsse »ebenso
bekommen echte Probleme. »Lungenkranke können durch Küsten oder Flüsse in die Köpfe rücken wie die Kälteisolierung zur Ener­
nur schwer atmen, weil die Bronchien sich bei Hitze Städte mit mehr als gieeinsparung im Winter«.
zusammenziehen und die Lungengefäße weiter ge­ 300.000 Einwohnern Denn selbst wenn die Welt es schafft, das Pariser
stellt werden«, berichtet Traidl-Hoffmann. »Patienten ZEIT-GRAFIK/Quelle: Umweltbundesamt Klimaziel einzuhalten und die globale Erwärmung
mit Herzschwäche sind besonders schnell erschöpft.« auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind die Folgen drama­
Und auch bei Kranken, an die man nicht gleich den­ tisch. Schon 2050 wird sich Berlin anfühlen wie­
ke, verschlimmerten sich die Symptome – oder­ Toulouse, München wie Mailand, Stuttgart wird
tauchten erstmals auf: bei Diabetes etwa, Demenz, Diese Karten des Umweltbundesamtes zeigen, wie stark Regionen in Deutschland künftig unter 60 Hitzetagen ächzen – das sind mehr als
Multipler Sklerose, Schizophrenie. Nicht zuletzt sorgt von extremen Klimaereignissen betroffen sein könnten, etwa von erhöhten mittleren Temperaturen, heute in Marrakesch. Und im Moment deutet nicht
Hitze für mehr Frühgeburten und höhere Säuglings­ von heißen Tagen, tropischen Nächten, geringem Niederschlag, aber auch von Starkregen viel ­darauf hin, dass es bei den 1,5 Grad bleibt.
sterblichkeit – die Ursachen sind noch ungeklärt. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, in der
Bekannt ist allerdings, was bei älteren Menschen Welt unserer Kinder und Enkel, könnte es noch
passiert. Ihre Nieren scheiden Flüssigkeit aus, die der viel ­heißer werden.

Hinter der Geschichte:


Dieser Text beruht auf umfangreichen Recherchen zu den medizinischen Folgen des Klimawandels. Unsere Autorin Katja Trippel hat dazu zusammen mit
der im Text zitierten Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann das Buch »Überhitzt – Die Folgen des Klimawandels auf unsere Gesundheit« veröffentlicht.
Links zu weiteren Quellen der Themen dieser WISSEN-Ausgabe finden Sie unter zeit.de/wq/2021-36
DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 WISSEN 31

Klimaextreme

Nah am Wasser
Nach einer Hochwasserkatastrophe heißt es für die Betroffenen: Bleiben oder gehen? Der Umweltpsychologe Sebastian Seebauer hat an der Donau
die Auswirkungen von Überschwemmungen auf die Psyche der Anwohner untersucht – und welche Entscheidung sie dann treffen

Die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz Seebauer: Gründe können sein: wenn es zu teuer begründet, wo die Grenze der Absiedlungszone schrieben und ihr Haus abgerissen. Als wir das attrak­tiv machen: Bauverbot für Anbauten, ein
und Nordrhein-Westfalen hat viele ­Menschen oder aufwendig wäre, weitere Dämme zu bauen – gezogen wurde. Die Opposition war also legitim. erste Mal im Gebiet unterwegs waren, waren man- Verkaufsverbot für das Gebäude, keine Förderun-
das Leben gekostet, sie hat Straßen, Eisenbahn­ oder wenn es für technische Lösungen keinen­ ZEIT: Auf anderen Plakaten stand »Absiedeln statt che schon weg. Aber das sind Ausnahmefälle. Zeit- gen für Hochwasserschutz am Gebäude, keine
strecken, Schulen und Kitas zerstört und ­ Ansatzpunkt mehr gibt. Aber grundsätzlich ist es absaufen«. druck führt eher dazu, dass sich Menschen über- staatliche Unterstützung bei späteren Schäden.
Hunderte Häuser unbewohnbar gemacht. Nun die letzte Maßnahme im österreichischen Hoch­ Seebauer: Es gab einzelne Haushalte, die sehr be- rumpelt fühlen und dann abwarten oder am Ende
wird diskutiert, ob Häuser überhaupt wieder wasserschutz. grüßt haben, dass sie mit einer staatlichen Unter- ablehnen. Im Machland östlich von Linz wurde den
aufgebaut oder ob Ortsteile gleich ganz verlegt ZEIT: Was hat der Staat seinen Bürgern ange­ stützung aus der Gefahrenzone ziehen konnten. ZEIT: Manche gingen, andere blieben. Welche Betroffenen viel Zeit gegeben, um die staatliche
werden sollen. Aber wann sind Menschen ­ boten, um sie zum Wegzug zu bewegen? ZEIT: Bleiben oder gehen – welche Faktoren be- Konsequenzen hat das für die Region? Unterstützung anzunehmen. Dort wurden
bereit, ihr Haus aufzugeben und anderswo ­ Seebauer: 80 Prozent der Abrisskosten und 80 einflussen diese Entscheidung? Seebauer: Die Gemeinde kann die Gebiete nicht zwischen 1972 und 2013 rund 400 Haushalte
wieder neu anzufangen? Und warum nehmen Prozent des Werts des alten Gebäudes wurden Seebauer: Am Anfang natürlich das emotionale zurückbauen und muss weiterhin die Infrastruktur abgesiedelt, die Fläche ist heute frei von ­
sie mitunter lieber das Risiko in Kauf, erneut vom Staat getragen, 20 Prozent mussten die Haus- Erleben des Hochwassers: Wie groß ist die Furcht, erhalten, Sie muss ein Kanalnetz betreiben, Müll Gebäuden. Im Eferdinger Becken hingegen ­
von einem Hochwasser getroffen zu werden? halte selbst aufbringen. Das alte Grundstück wur- mit der die Menschen kämpfen? Das beeinflusst abholen, Verkehrswege pflegen – aber alles mit­ haben bis zum Ende der Frist von zweieinhalb
In Österreich wurden diese Fragen bereits vor de aber nicht vom Staat übernommen, auch das ihre individuelle Risikoeinschätzung. Parallel fin- einer viel geringeren Auslastung, weil die Besied- Jahren nur 72 von 148 Haushalten das
acht Jahren gestellt: Im Juni 2013 trat die neue muss sich jeder selbst kaufen. Die Haushalte det auch eine ökonomische Abwägung statt: Die lungsdichte abgenommen hat. Absiedlungs­angebot angenommen. Nach ­
Donau über die Ufer und überschwemmte das hatten zwei Jahre lang Zeit, sich zu entscheiden – Haushalte peilen über den Daumen, ob sie es mit ZEIT: Das kostet viel Geld. Zugleich kann ein aktuellem Stand sind davon 63 weggezogen.
Eferdinger Becken westlich von Linz. Knapp danach verfiel das Angebot. staatlicher Unterstützung und eigenen Ressourcen neues Hochwasser Menschen in Gefahr bringen.
tausend Gebäude waren betroffen, der ZEIT: Wer war am Ende Ihrer Studie glücklicher:
Schaden belief sich auf rund 24 Millionen Euro. die Dagebliebenen oder die Weggezogenen?
Viele ­Betroffene bekamen das Angebot, mit ­ Seebauer: Bei denjenigen, die wegziehen, sehen
staatlicher Unterstützung das Gebiet zu ver- wir ein erstes Hoch der Lebenszufriedenheit, wenn
lassen. Der Umweltforscher Sebastian Seebauer ­ sie das Absiedlungsangebot unterschreiben. Denn
begleitete 78 dieser Haushalte bei dem Prozess, dann ist der Entscheidungsprozess abgeschlossen,
der in Österreich »Absiedlung« genannt wird. Bilder wie aus dem Ahrtal: Im Juni mit dem die Familien oft lange hadern. Anschlie-
2013 trat die Donau westlich von Linz ßend gibt es ein Tief, wenn das alte Haus abgeris-
DIE ZEIT: Herr Seebauer, extreme Hochwasser im Eferdinger Becken über die Ufer sen wird – der große Verlust wird offensichtlich.
können nicht nur Landschaften, sondern auch die Beim Einzug am neuen Wohnort steigt die Lebens-
Psyche verändern. Unter welchen Auswirkungen zufriedenheit dann rasch wieder.
leiden Hochwasser-Opfer? ZEIT: Und wie fühlen sich diejenigen, die ge­
Sebastian Seebauer: Manche Menschen können blieben sind?
nicht mehr schlafen, wenn starke Regenfälle auf- Seebauer: Auch dort haben wir überraschender­
treten. Andere fahren nicht mehr in den Urlaub, weise oft Zufriedenheit wahrgenommen, nach dem
aus Sorge, nicht reagieren zu können, falls ein Motto: »Ich habe endlich meine Ruhe, die anderen
Hochwasser kommt. Die Symptome ähneln oft sind weg.« Wir beobachten aber eine kleine Grup-
einer posttraumatischen Belastungsstörung. pe, deren Lebensqualität nach dem Hochwasser
ZEIT: Trifft das alle Opfer gleichermaßen? sehr niedrig ist und auch bleibt. Die Leute hadern,
Seebauer: Besonders stark getroffen hat die Kata- schieben die Entscheidung immer weiter hinaus
strophe im Eferdinger Becken die Zuzügler, Haus- und grübeln: Was könnte sein, wenn das nächste
halte, die aus dem städtischen Raum Linz kamen Hochwasser kommt? Was kommt auf mich zu,
und sich ihr Traumhaus im Grünen errichtetet wenn ich umziehe? Das sind regelrechte Gedan-
hatten. Diese Familien hatten zuvor keine bio­ kenstrudel, in denen sich die Personen gefangen
grafische Erfahrung mit Hochwasser. fühlen können. Und da es im Eferdinger Becken
Fotos: Volker Weihbold/OÖ Nachrichten; Joanneum Research (u.)

ZEIT: Wer reagiert gelassener auf die Katastrophe? die Befristung der Förderung auf zwei Jahre gab,
Seebauer: Wer ein Haus hat, auf dessen Dach­ sind diese Leute letztlich weggezogen, konnten am
balken das Errichtungsdatum 1798 steht, wer in neuen Wohnort aber keine Wurzeln schlagen.
seiner Familiengeschichte bereits wiederholt ZEIT: Was folgern Sie aus diesen Beobachtungen
Hochwasser überstanden hat, hat eine starke Resi- für künftige Umsiedlungsprojekte?
lienz. Diese Familien haben immer wieder die Er- Seebauer: Man sollte diese im Zweifel gefangenen
fahrung gemacht, dass sie Hochwasser bewältigen Haushalte ausfindig machen und sie mithilfe von
können. Zudem verfügen sie über intergeneratio- Sozialorganisationen in diesem Prozess begleiten.
nelles Wissen: Wenn der kleine Bach seine Fließ- Zudem empfehlen wir, die staatliche Unterstüt-
richtung ändert, habe ich noch drei Stunden Zeit, zung für einen längeren Zeitraum anzubieten. Je
meine Scheune zu räumen. länger das Förderprogramm besteht, desto höher
ZEIT: Kann ein einzelnes Hochwasserereignis tat- ist die Chance, dass das Angebot auf günstige bio-
sächlich dazu führen, dass Menschen wegziehen? grafische Bedingungen im Haushalt trifft.
Seebauer: Nach dem ersten Hochwasser beobach-
ten wir oft erst einmal ein Aufatmen: Ich habe das Den betroffenen Regionen in Deutschland
bewältigt, das wird schon nicht mehr passieren. könnten nun ähnliche Prozesse bevorstehen.
Oft braucht es wiederholte Erfahrungen mit Umweltverbände und Experten forderten ­
Hochwasser, damit Haushalte realisieren, dass sie bereits, an den Flüssen wieder mehr Überflutungs-
ein echtes Problem haben. Bei der jüngsten Kata- zonen zu schaffen. Walter Radermacher,
strophe in Deutschland mit den vergleichsweise
hohen Opferzahlen kann ich mir aber schon­
»Manche Menschen können nicht mehr schlafen, wenn starke der Bürgermeister von Ahrbrück, sagte dem
SWR: »Wir müssen das ganze Dorf neu
vorstellen, dass auch ein einzelner Hochwasser-
schaden zu einem starken Impuls führt. Regenfälle auftreten. Andere fahren nicht mehr in den Urlaub. Die denken. Wir müssen überlegen, wo lohnt sich
noch die Infrastruktur, wo können wir uns eine
ZEIT: Sie haben das Machland östlich von Linz Bebauung überhaupt leisten bei dieser ­
und das Eferdinger Becken westlich davon unter-
sucht. Was zeichnet diese Donaugebiete aus?
Symptome ähneln oft einer posttraumatischen Belastungsstörung.« Klimaentwicklung?« Auch andere Politiker
sprachen sich ­dafür aus, über neue Standorte
Seebauer: Früher waren das Überflutungsgebiete, Sebastian Seebauer über seine Beobachtungen bei Hochwasseropfern für zerstörte Häuser nachzudenken.
also Flussauen: Da mäanderte die Donau hin-
durch. Man wollte diese Flächen landwirtschaft- ZEIT: Was können betroffene Regionen in
lich nutzbar machen, hat den Fluss begradigt, in Deutschland aus Ihrer Erfahrung lernen?
ein eigenes Becken gelenkt und damit Flächen frei Seebauer: Ich rate dringend davon ab, jetzt sofort
gemacht. Später wurde dieser Donaubereich auch ZEIT: Warum hat der Staat nicht alle Kosten über- schaffen, eine neue Existenz aufzubauen – mit al- Seebauer: Deswegen ist es so wichtig, sich als ver- ein Absiedlungsprojekt auszurufen und im gegen-
zum Siedlungsraum für Zuzügler aus den Städten. nommen? len Kosten, die das mit sich bringt: ein neues antwortlicher Politiker am Anfang zu fragen, was wärtig herrschenden Schockzustand auf Akzep-
Seebauer: Hinter dem Beschluss steckte die politi- Grundstück finden, den Bau finanzieren, die Bau- man eigentlich erreichen will: dass alle wegziehen, tanz zu hoffen. Bis so ein Projekt rechtlich abge-
Als das Eferdinger Becken 2013 überschwemmt sche Überlegung, dass auch der einzelne Haushalt phase auch mental und körperlich durchstehen. damit man das Gebiet zurückbauen kann? Dann stimmt ist und die Menschen sich entschieden
wurde, gab es zum Glück keine Todesfälle, eine Mitverantwortung zu tragen hat. Schließlich ZEIT: Ist niemand zurück in die Stadt geflüchtet? kann die Gemeinde effektiv Kosten sparen und haben, dauert es so lange, dass sie bis dahin ihre
weil alle Betroffenen frühzeitig gewarnt werden haben sich die betroffenen Familien bewusst dafür Seebauer: Es gab einige wenige Fälle. In Österreich eine Überflutungsfläche gewinnen – aus Sicht des Häuser wieder aufgebaut haben. Sie müssen ja in
konnten. Im engen Ahrtal in der Eifel hingegen entschieden, in einem bekannten Hochwasser­ hat das Einfamilienhaus einen hohen emotionalen Hochwasserschutzes die Optimallösung. Oder der Zwischenzeit irgendwo leben.
waren die Schäden weitaus höher. Der ­ gebiet zu bauen. Wert. Das ist in Deutschland wohl nicht anders. möchte man nur einzelnen Haushalten, die sich ZEIT: Was würden Sie stattdessen tun?
Sachschaden könnte sich nach Angaben der ZEIT: Es gab deutliche Proteste. »Hochwasser- Die Referenz, an der die neue Existenz gemessen besonders bedroht fühlen, die Möglichkeit geben, Seebauer: In einer offenen Debatte muss jetzt die
Deutschen Versicherungswirtschaft auf sieben schutz statt Enteignung« stand auf Plakaten oder wird, ist also wieder ein Einfamilienhaus, das min- sich in Sicherheit zu bringen? Frage gestellt werden, welche Möglichkeiten es
Milliarden Euro belaufen. Die Schätzungen »Vertreibung – wer ist der nächste?«. destens so schön sein muss, wie das alte Haus war. ZEIT: Nehmen wir an, das Ziel wäre der perfekte überhaupt gibt, mit der Hochwassergefahr umzu-
der betroffenen Bundesländer, die auch ­ Seebauer: Manche Betroffene haben sich vom ZEIT: Und wann ist der Moment der Entschei- Hochwasserschutz. gehen. Dabei ist die Absiedlung eine Option, die
Schäden an der öffentlichen Infrastruktur ­ Staat stark benachteiligt gefühlt. Für jene, die­ dung gekommen? Seebauer: Dann müssen die Anreize zum Wegzug diskutiert werden muss. Mit dem Hintergrund des
beinhalten, sind weit höher: Rheinland-Pfalz bleiben wollten, galt ein Baustopp, sobald die­ Seebauer: Das hängt stark von der biografischen möglichst groß sein. Man könnte zum Beispiel­ akut erlebten Hochwassers stellt sich diese Frage
schätzt die Schadenssumme auf 15 Milliarden Absiedlung beschlossen war. Der Landwirt durfte Phase ab, in der sich ein Haushalt befindet: Wie einen höheren Prozentsatz der Kosten finanzieren. anders als in zehn Jahren, wenn ein solches Ereig-
Euro, Nordrhein-Westfalen auf 12 Milliarden also nicht die Scheune erweitern, die Kinder dür- lange erwarte ich noch zu leben? Welche Art von Man könnte auch das Grundstück ersetzen und nis wieder eine diffuse Bedrohung ist.
Euro. ­Schäden an Autobahnen und Schienen- fen nicht auf dem Nachbargrundstück bauen. Es Haus will ich meinen Kindern hinterlassen? Ziehen nicht nur das Gebäude und den Abriss. Man ZEIT: Zu lange abzuwarten ist also falsch, zu viel
strecken belasten den Bund voraussichtlich mit hatte sich deshalb eine Bürgerinitiative gebildet, die Kinder ohnehin gerade aus, und ich brauche könnte die Suche nach einem neuen Wohnort Eile aber auch. Wann ist der perfekte Zeitpunkt?
2 Milliarden Euro. Die Bundesregierung hat die argumentierte, dass es Alternativen zur Absied- künftig weniger Wohnraum? Viele versuchen, den durch die Bereitstellung von Ersatzgrundstücken Seebauer: Wir müssen uns auf einen langen Dis-
zugesagt, die Länder beim Wiederaufbau mit lung braucht – zum Beispiel weitere Dämme. Moment abzuwarten, in dem die Absiedlung mit oder einem besseren Zugang zum Wohnungs- kussionsprozess einstellen. Aber der muss bald be-
30 Milliarden Euro insgesamt zu unterstützen. ZEIT: Lokalpolitiker und Experten erwiderten, anderen Plänen der Familie gut zusammenpasst. markt unterstützen. ginnen. Vielleicht nicht, solange Menschen noch
diese Möglichkeiten seien ausgeschöpft. ZEIT: Klingt nach einem langwierigen Prozess. ZEIT: Sind auch Sanktionen gegen diejenigen ihr Leben wieder auf die Beine stellen müssen.
ZEIT: Schon bald nach dem Hochwasser war für Seebauer: Die verantwortlichen Politiker haben in Seebauer: Es kann auch ganz schnell gehen. Man- denkbar, die sich nicht zur Absiedlung bewegen Aber vielleicht in ein, zwei oder drei Monaten,
das Eferdinger Becken auch von »Absiedlung« die den konkreten Fällen nie wirklich transparent ge- che Haushalte wollen einfach nur noch weg – das lassen? wenn der unmittelbare Schock überwunden ist.
Rede. Wie lässt sich ein solcher Eingriff in indivi- macht, wie genau diese Entscheidung zur Absied- hatten wir auch im Eferdinger Becken. Die haben Seebauer: Wenn die vollständige Absiedlung das
duelle Freiheitsrechte begründen? lung gefallen ist. Sie haben zum Beispiel nicht­ in kürzester Zeit das Absiedlungsangebot unter- Ziel ist, würde man das Bleiben möglichst ­un­ Das Gespräch führte Fabian Franke

Sebastian Seebauer
Sein Thema ist zukunftsträchtig: Er beschäftigt sich mit »Anpassungsstrategien von Privathaushalten an Naturgefahren«.
Der österreichische Sozialwissenschaftler und Umweltpsychologe Sebastian Seebauer ist einer von 40 Forscherinnen und Forschern, die
am Institut für Klima, Energie und Gesellschaft bei der Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz arbeiten.
32 WISSEN 2. September 2021 DIE ZEIT N o 36

Infektiologie Technik

Der Fortschrittsbericht:
»Die Frage ist nun, ob
dieser Quanteneffekt Die Türklinke, die bei Berührung
das Missing Link
in den theoretischen automatisch desinfiziert
Modellen zur
Beschreibung der Viren kommen und gehen, Wellen bauen sich auf verschwindet die Farbe, wie der Hersteller be-
anomalen und verebben – aber die Technik, die schreitet hauptet, »rückstandslos«. So kann jedermann
immer weiter fort, darauf ist Verlass! Und wenn sehen, ob es sich um einen verantwortungsvollen
Eigenschaften des dereinst, nachdem alles, was Corona hochgespült Mitmenschen oder ein Hygieneschwein handelt.
Wassers sein könnte.« hat, vergessen und vor allem vergeben ist, wird es Wie nicht anders zu erwarten, mischen auch
Foto: Science Photo Library; Kleine Fotos (v. o.): Anders Nilsson; Sutton Hibbert/Shutterstock

vermutlich die FFP2-Maske geben, mit der man sachfremde Branchen bei der Evolution der Des-
Anders Nilsson (*1956) von auch essen kann, eine unter allen Bedingungen be- infektionskultur mit. »Multifunktionale Stelen«
der Universität Stockholm, schlagfreie Brille, den infrarotgesteuerten Abstands- integrieren Handdesinfektion und Bildschirm
nachdem er die Reaktion von warner und die Telespritze – und vielleicht sogar und ermöglichen, während der Desinfektion
Wasserstoff brücken auf Ener- Gesundheitsämter ohne Fax. Werbung zu platzieren. Kurze Videos sorgen für
giezufuhr beobachten konnte In diese Sammlung von Beispielen überschie- hinlängliche Einwirkzeit. Im japanischen Nah-
ßenden technischen Fortschritts gehört auch der verkehr werden Desinfektionsstationen gleich zu
»intelligente Handhygienespender«. An der miniaturisierten Bahnstationen ausgebaut, mit
Georg-August-Universität Göttingen wird ge­rade eigenen Stationsnamen. Der Mindener Herstel-
– mit 117.000 Euro durch das Bundes­ministerium ler Cleanbrace wirkt dagegen im Kleinen: Er ver-
für Wirtschaft und Energie unterstützt – eine steckt eine Portion Desinfektionsmittel in einem
Türklinke entwickelt, die bei Berührung Desin- »schicken und diskreten« Armband. So hat man
fektionsmittel versprüht. 100 bis 200 Euro soll sie seine »stylishe Notreserve« immer dabei.
künftig kosten, wer dann noch verseuchte Pfoten Sollte wider Erwarten eines Tages einmal ge-
hat, muss es schon böswillig planen. rade kein Seuchenzug unterwegs sein, bieten sich
Auch anderswo schreitet die Desinfektions- zahllose Folgenutzungen der entwickelten Hand-
technik unaufhaltsam voran. Der einfache Sei- desinfektionstechnik an. Hier nur zwei Beispiele:
fenspender ist ja, gemessen an der Dusseligkeit Luxemburg experimentiert mit ehemaligen­
»Wenn man Wasser und Scheißegalhaltung der meisten Menschen, Desinfektionsmittelspendern, die nun gratis
in einem Teich seuchenhygienisch Steinzeit. Schon lange gibt es Sonnencreme ausspucken – zur Bekämpfung des
doch, nicht ganz billig, üppige Einlass-Kontroll- Hautkrebses. Und im nordrhein-westfälischen
umrührt, wird es systeme, welche an Eingängen nicht nur regis- Kreis Mettmann, in dem bei Pilgern und Archi-
trüb, aber die Natur trieren, wer kommt, sondern ein Drehkreuz erst tekten beliebten Mariendom in Neviges, gibt es
öffnen, wenn der Ein- oder Ausdringling seine einen aus einem Desinfektionsmittelspender
des Wassers
Durchschaut: Schnupfenviren ist deshalb nicht
Hände gründlich entseucht hat. Ein weithin
leuchtendes Rotlicht verpetzt den Schlamper, der
erst bei Grün passieren kann.
weiterentwickelten Weihwasserspender, den man
dort bewundern und testen kann.
Unklar ist nur noch, wie man während einer
schmutzig.«
Corona-Maßnahmen haben die Schnupfen auslösenden Rhinoviren Noch gemeiner agiert das in Jena entwickelte Seuche vermeidet, dass Gläubige beide Spender-
Tenzin Gyatso (*1935), System Heyfair: ein Desinfektionsmittel, das die typen verwechseln. BURKHARD STR AS SMANN
(hier unter dem Elektronenmikroskop) zurückgedrängt. Mancher 14. Dalai Lama, geistliches Hände erst mal knallpink einfärbt. Nur wenn
Immunabwehr fehlt das Training; das begünstigt nun Erkältungen. Oberhaupt der Tibeter man ausgiebig reibt und wischt und schmiert, www.zeit.de/vorgelese

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DIE ZEIT N o 36 2. September 2021 WISSEN 33

Epidemiologie

Nichts als
die halbe Wahrheit
Ausgerechnet eine wichtige Studie über Ehrlichkeit
wurde gefälscht. Mittendrin: Der Psychologie-Star Dan Ariely

Im neuen Er ist berühmt für seine Forschung zur Ehrlich- 2020 reichte Arielys Team die Daten zu der
WHO-Hub in keit, Autor des Bestsellers Die halbe Wahrheit ist Studie nach. Daraufhin entdeckten andere Wis-
Berlin sollen die beste Lüge – nun steht er selbst im Verdacht, senschaftler Ungereimtheiten darin und
Gesundheitsdaten betrogen zu haben: der Psychologe Dan Ariely wandten sich an die Data Colada-Detektive. Das
zusammengeführt von der US-amerikanischen Duke University. Problem, kurz gefasst: Die Daten sind zu­
werden Die Daten zu einer seiner einflussreichsten ordentlich, um echt zu sein. Offenbar wurden
Studien seien »ohne jeden Schatten eines­ Zahlen per Zufallsgenerator fabriziert.
Zweifels« erfunden, schreiben die Experten des Dan Ariely gab gegenüber Data Colada an,
Blogs Data Colada. Die drei Wissenschaftler sind eine Versicherung habe die Daten gesammelt.
bekannt dafür, zweifelhafte Studien unter die Und ja, er habe als Einziger der Forscher mit ihr

Foto: Vincent Forstenlechner/Connected Archives


Lupe zu nehmen. In ähnlichen Fällen formulier- Kontakt gehabt. Mit der Erhebung habe er aber
ten sie vorsichtiger – sie müssen sich diesmal nichts zu tun gehabt, er habe die Zahlen auch
ziemlich sicher sein. nicht überprüft. Damit erweckt er den Ein-
Es geht um eine Studie aus dem Jahr 2012: druck, die Versicherung sei für die Fälschung
Menschen seien ehrlicher, wenn sie auf einem verantwortlich. Die wiederum will laut der
Versicherungsformular gleich zu Anfang statt Website BuzzFeed News in ihrem Archiv gar
am Schluss mit ihrer Unterschrift bestätigen keine Daten zu der Studie gefunden haben.
müssten, dass ihre Angaben stimmen – so das Klar sind in dem Fall drei Dinge: Die­
Ergebnis, veröffentlicht im Fachmagazin PNAS. Forscher erkennen die Analyse der Experten von
Die Studie sorgte für Furore; Regierungen tes- Data Colada an, sie ziehen ihre Studie zurück