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SONDERDRUCK

Philosophieren mit Kindern weltweit

17
Thomas E. Jackson
Primal Wonder – Ursprüngliches
Staunen

37
Taketo Tabata
Einen sicheren Ort schaffen:
103
Warum wir in Miyagi mit
Kindern philosophieren
Niels Weidtmann
55 Interkulturelle Gerechtigkeit und
die Praxis der Menschenrechte
Ezgi Emel
2 Philosophieren mit Kindern in
einer Demokratie in der Krise 117
Nausikaa Schirilla Jan Christoph Heiser
Editorial
75 Von Aneignungsmaschinen
und Selbstökonomisierungs­
4
Amy Reed-Sandoval instanzen: Menschenbilder und
Interkulturelle Erkundung im Kompetenzgerede im Feld des
Britta Saal P4C-Klassenzimmer interkulturellen Lernens
Philosophieren mit Kindern Reflexionen über das Philosophieren Auch eine kritisch-»ganzheitliche«
weltweit mit Triqui-Kindern in Oaxaca de Antwort auf polylog 36/2016
Einleitung Juárez, Mexiko

138
10 89 Rezensionen
Anja Thielmann Tanu Biswas
170
Philosophy for Children (P4C): Philosophieren mit Kindern über
Wie alles begann Grenzen hinweg
Einleitung Eine childistische Perspektive Impressum
Niels Weidtmann
Interkulturelle Gerechtigkeit und die
Praxis der Menschenrechte

1.
dann lässt man unter dem Deckmantel kultu-
Wenn man über Gerechtigkeit in interkultu- reller Besonderheiten Unrecht zu. Abgesehen
reller Perspektive handelt, legt man entweder davon, dass eine solche Argumentation des-
einen allgemeinen Maßstab an, das heißt man wegen nicht schlüssig ist, weil sie ihre eigene
sucht nach Formen universaler Gerechtigkeit; Prämisse zur Rechtfertigung eben dieser Prä- Niels Weidtmann ist seit 2006
oder man verweist auf kulturelle Differenzen misse heranzieht, spricht doch einiges dafür, ist Wissenschaftlicher Leiter
in der Beurteilung dessen, was gerecht ist. An die darin enthaltene Warnung sehr ernst zu des Forum Scientiarum der Uni-
der Frage nach Gerechtigkeit bricht also so- nehmen. Für unser Gerechtigkeitsempfinden versität Tübingen. Zahlreiche
fort die gleiche Differenz zwischen Universa- ist es entscheidend, dass das, was im einen Publikationen in den Gebieten
lität auf der einen und Partikularität auf der Fall Recht ist, im anderen nicht Unrecht sein der Interkulturellen Philosophie
anderen Seite auf, die uns in der interkultu- kein. Das wäre ungerecht. Es scheint gerade und Phänomenologie, zuletzt
rellen Dimension scheinbar überall begegnet. unser Gerechtigkeitsempfinden zu sein, das Interkulturelle Philosophie.
Nur, dass sich diese Differenz hier noch zu- uns dazu zwingt, das Recht nicht zu relativie- Aufgaben – Wege – Dimensionen
spitzt. Denn die Vertreter des universalen Ge- ren. (Tübingen 2016).
sichtspunktes verweisen zu Recht auf die gro- Damit ist nicht gesagt, dass das Recht
ßen Gefahren, die darin liegen, mit Blick auf nicht im Einzelfall unterschiedlich ausge-
Gerechtigkeit eine partikularistische Haltung legt werden kann und bestimmte Interpre-
einzunehmen. Wenn man nicht an der univer- tationsspielräume offen hält. Überhaupt ist
salen Gültigkeit dessen, was als gerecht und damit die Gerechtigkeit zunächst nicht auf polylog 37
Recht zu gelten hat, festhält, so der Vorwurf, konkrete Rechtsaussagen eingeschränkt, wie Seite 103
forum niels weidtmann:

sie uns in Gesetzen und Vorschriften be- eines Dreiklangs: Auch die Töne existieren
gegnen. Es leuchtet ein, dass die konkreten jeder für sich; aber sie stimmen so zusammen,
Rechtsvorschriften nicht überall dieselben dass ein harmonischer Gesamtklang entsteht,
zu sein brauchen. Entscheidend dagegen ist, der – und das ist wichtig – die einzelnen Töne
dass unser Gerechtigkeitsempfinden keine überhaupt erst als harmonische erklingen lässt.
beliebigen Rechtsvorschriften zulässt. Wo- Platon überträgt dieses Bild auf das menschli-
rin aber besteht die Verbindlichkeit unseres che Handeln: Eine Handlung ist dann gerecht,
Gerechtigkeitsempfindens, wenn es nicht an wenn sie sich in das Ganze einfügt, ja mehr
An der Frage nach Gerechtigkeit einzelnen Rechtsvorschriften hängt? Ich will noch, das Ganze mit hervorzubringen hilft.
bricht also sofort die gleiche eine – ohnehin vorläufige – Antwort darauf Das Ganze, das Platon im Blick hat, ist das
Differenz zwischen Universa- hier zunächst im Rückgriff auf die europä- Staatsgefüge, womit das Zusammenleben der
lität auf der einen und Partikula- ische Tradition andeuten. Als gerecht emp- Menschen gemeint ist. Das Staatsgefüge ent-
rität auf der anderen Seite auf, finden wir, was einen Ausgleich schafft und spricht seinerseits der kosmischen Ordnung;
die uns in der interkulturellen Verschiedenes so zusammen bestehen lässt, das verdeutlicht die ontologische Dimension
Dimension scheinbar überall dass ein jedes es selbst sein kann (»zu seinem der Überlegungen. Platon geht es nicht allein
begegnet. Recht kommt«), ohne anderes zu beschädigen um ein funktionierendes Staatswesen, son-
(»anderem Unrecht zu tun«). Gerechtigkeit dern um ein solches, das der Grundordnung
hängt also unmittelbar mit der Einheit von des Seins entspricht.
Vielheit zusammen. Gerecht ist eine solche So weit muss man aber gar nicht gehen, es
Einheit dann, wenn das Viele sich nicht gegen- reicht vorläufig aus festzuhalten, dass dieser
seitig bedrängt, sondern ein jedes dem ande- Vorstellung nach das gerecht ist, was ein har-
ren seinen Platz lässt. Das einzelne muss Maß monisches Miteinander fördert. Das ist nicht
halten, damit das Ganze ein harmonisches mehr als ein erster, noch ganz vager Hinweis
Gefüge und so eine Einheit wird. Platon be- darauf, was Gerechtigkeit – wenigstens in der
schreibt dies in der Politeia (IV, 443d) für die europäischen Tradition – ausmacht, und doch
drei Teile der Seele – den begehrenden, den wird daran sofort einsichtig, weshalb die Idee
mutigen und den vernünftigen Teil. Die drei der Gerechtigkeit keine beliebigen Rechts-
Teile sollen sich nicht wechselseitig in ihre je- vorschriften zulässt. Ob Rechtsvorschriften
weiligen Belange einmischen; wohl aber sol- sinnvoll sind oder nicht, hängt daran, ob sie
len sie jeder in seinem Bereich das gleiche Ziel die Bildung eines harmonischen Miteinanders
verfolgen, nämlich der Ordnung des Kosmos befördern oder nicht. Diese Bestimmung lässt
nachzueifern. Die Seelenteile sollen sich also sich durchaus ins Positive wenden: Dort, wo
einerseits aus den Belangen der anderen Seel- Rechtsvorschriften das gesellschaftliche Mit-
enteile heraushalten, andererseits sollen sie einander harmonischer zu gestalten helfen,
polylog 37 einander entsprechen. Platon vergleicht die kommt ihnen eine entscheidende Rolle für
Seite 104 Harmonie der Seelenteile darum mit Tönen die Gesellschaft zu. Der Präsident des Bun-
forum
Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

desverfassungsgerichts in Karlsruhe, Andreas auf ein grundsätzliches Problem. Schließlich


Voßkuhle, hat vor drei Jahren in einer Rede halten wir in unserem Gerechtigkeitsemp-
an der Berlin-Brandenburgischen Akademie finden offenbar daran fest, dass gerecht nur
der Wissenschaften (Süddeutsche Zeitung vom sein kann, was die Harmonie des sozialen
10.3.2014) die Ansicht vertreten, dass das Miteinanders fördert. Mit Blick auf die inter-
Recht die stärkste einigende Kraft in Euro- kulturelle Situation, in der wir heute stehen,
pa sei. Dass wir in Europa zunehmend eine endet das soziale Miteinander nun aber nicht
Rechtsgemeinschaft bilden, bedeutet eben an den Grenzen eines Staates und auch nicht
nicht nur, dass Rechtssicherheit besteht und an den Grenzen einer Kultur, sondern weist Dass wir in Europa zunehmend
dadurch bestimmte Prozesse einfacher und über die einzelnen Kulturen hinaus auf das eine Rechtsgemeinschaft bilden,
besser funktionieren; es bedeutet zugleich, Miteinander der Kulturen und damit auf so bedeutet eben nicht nur, dass
dass durch das gemeinsame Recht so etwas etwas wie die Gemeinschaft aller Menschen. Rechtssicherheit besteht und
wie eine Gemeinschaft gestiftet oder doch Unser Gerechtigkeitsempfinden fordert also dadurch bestimmte Prozesse
wenigstens erfahrbar wird. so etwas wie eine interkulturelle Harmonie einfacher und besser funktio-
Nun muss man natürlich fragen, wodurch ein; zugleich aber wollen wir keine aus unse- nieren; es bedeutet zugleich,
sich bestimmt, was ein harmonisches Mitei- rer eigenen Tradition stammende Ordnungs- dass durch das gemeinsame
nander in der Gesellschaft ist. Platons Ant- vorstellung als Maßstab voraussetzen, an dem Recht so etwas wie eine Ge-
wort darauf ist, wie bereits angedeutet, eine sich bemisst, wie eine solche Harmonie aus- meinschaft gestiftet oder doch
ontologische: Eine Gesellschaft ist dann har- zusehen hat. In Bezug auf die Menschenrechte wenigstens erfahrbar wird.
monisch gestaltet, wenn ihre Gestalt der Ord- würde das bedeuten, dass sich ihre universale
nung und Harmonie des Kosmos entspricht. Geltung nicht a priori begründen ließe, son-
Die Ordnung des Kosmos ist schön und gut; dern dadurch erweisen müsste, dass die Rech-
was ihr entspricht, wird ebenso schön und gut te die interkulturelle Gerechtigkeit tatsäch-
– das heißt nichts anderes, als dass es seinen lich fördern. Dieser Überlegung will ich im
Platz im Ganzen des Kosmos gefunden hat Folgenden etwas näher nachgehen.
und sich damit als das zeigt, was es seinem
Sein nach ist. Das harmonische Ganze lässt
die einzelnen Vielen in ihrem Sein erstrah-
2.
len. Bei Platon ist also eine Gesamtordnung Die Allgemeine Erklärung der Menschen-
vorausgesetzt, die ihrerseits die göttliche rechte, die die Generalversammlung der UN
Ordnung widerspiegelt. Solch ontologischen am 10. Dezember 1948 verabschiedet hat,
Begründungen gegenüber sind wir heute et- antwortet unmittelbar auf die Unrechtserfah-
was zurückhaltend, vor allem aber sollten wir rungen der NS-Zeit, mittelbar auf die Erfah-
uns hüten, ein aus der griechischen Tradition rungen mit Sklaverei und staatlicher Willkür
stammendes Verständnis auf andere Kultu- auf der ganzen Welt. Natürlich hat die Erklä- polylog 37
ren zu übertragen. Damit freilich stoßen wir rung Vorläufer sowohl in der Antike und im Seite 105
forum niels weidtmann:

Christentum als auch in der Aufklärung, allen zu sein scheint.1 Demnach ist die Begründung
voran die Virgina Declaration of Rights von 1776, der Menschenrechte durch die Würde eines
die der US-amerikanischen Bill of Rights aus jeden Menschen durchaus neu. Pollmann
dem Jahr 1789 vorausging, und die Déclaration zeigt, dass der Würdebegriff in der Diskussi-
des Droits de l’Homme et du Citoyen der konsti- on um die Menschenrechte im 18. und 19. Jh.
tuierenden Nationalversammlung Frankreichs nicht im Mittelpunkt steht. So wenig wie die
ebenso aus dem Jahr 1789. Global durchset- Menschenrechte in einem unmittelbaren Be-
zen konnte sich die Erklärung der Menschen- zug zur Würde gestellt wurden, so war auch
Trotz dieser Unbestimmtheit rechte aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. aus dem Konzept menschlicher Würde bislang
des Würdebegriffs war den Sie reagiert also darauf, dass die Menschheit nicht die Notwendigkeit zu ihrem rechtlichen
Mitgliedern der UN-General- gerade kein harmonisches Ganzes darstellt. Schutz gefolgert worden. Tatsächlich ist die
versammlung die Verbindung Stattdessen führt die Erklärung die Anerken- Verbindung von Würde und Menschenrechten
von Menschenrechten mit dem nung allgemeiner Rechte als konstitutiv für in den vierziger Jahren des 20. Jh. also relativ
Konzept menschlicher Würde ein harmonisches Miteinander der Menschen neu. Pollmann führt sie auf die schrecklichen
1948 offensichtlich evident. in der Welt an. Der allererste Satz der Erklä- Erfahrungen zurück, die die Menschheit zu
rung lautet: dieser Zeit mit der Verletzung menschlicher
»Da die Anerkennung der angeborenen Würde gemacht hat. Es ist also die Erfahrung
Würde und der gleichen und unveräußerli- der Verletzlichkeit der Würde, die dazu führt,
chen Rechte aller Mitglieder der Gemein- sie durch allgemeine Rechte zu schützen. Die
schaft der Menschen die Grundlage von Frei- Frage, worin die Würde des Menschen grün-
heit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt det, war für die Formulierung der Allgemei-
bildet, […]« nen Erklärung der Menschenrechte offenbar
Freilich ist immer wieder versucht wor- nachrangig.2 Tatsächlich wurden auf einem
den, die Forderung einer Anerkennung all- Symposium der UNESCO im Jahr 1947 neben
gemeiner Rechte durch den Verweis auf ein christlichen und vernunfttheoretischen Be-
universales Prinzip zu begründen. Tatsächlich zügen auch Begründungen mit Rückgriff auf
liefert die Erklärung eine solche Begründung den Koran, den Buddhismus und auf Konfu-
allgemeiner Rechte im ersten Satz gleich mit: zius diskutiert.3 Trotz dieser Unbestimmtheit
Die »Anerkennung der angeborenen Würde« des Würdebegriffs war den Mitgliedern der
bildet die »Grundlage von […] Gerechtigkeit«. 1 Arnd Pollmann: »Menschenwürde nach der Bar-
Die Diskussion darüber, was unter der »ange- barei. Zu den Folgen eines gewaltsamen Umbruchs in der
borenen Würde« zu verstehen ist, füllt gan- Geschichte der Menschenrechte«, in: Zeitschrift für Men-
ze Bibliotheken. Das kann ich hier natürlich schenrechte, 2010 (1), S. 26–45.
2 Jochen von Bernstorff: »Der Streit um die Men-
nicht nachzeichnen; ich will aber einen Hin- schenwürde im Grund- und Menschenrechtsschutz«, in: Ju-
polylog 37 weis Pollmanns aufgreifen, der mir wichtig risten Zeitung, 2013 (19), S. 905–915.
Seite 106 3 Ebd., S. 908 und FN 38.
forum
Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

UN-Generalversammlung die Verbindung von den Anderen nicht zu verletzen. Der Versuch,
Menschenrechten mit dem Konzept menschli- die Würde des Menschen von der Erfahrung
cher Würde 1948 offensichtlich evident. Eine der Verletzlichkeit des Menschen herzuleiten,
ähnliche Konstellation begegnet uns bei der scheint mir sehr interessant zu sein. Bei Lé-
Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes vinas führt diese Erfahrung allerdings nicht
im Jahr 1949, in dem die menschliche Wür- dazu, dem Anderen das Versprechen zu geben,
de gar als »unantastbar« bezeichnet wird. Im ihn nicht zu verletzen. Umgekehrt ist es et-
ersten Absatz des ersten Paragraphen heißt es: was im Antlitz des Anderen, das uns anspricht
»Die Würde des Menschen ist unantastbar. und sagt: »Du wirst nicht töten«5. Und das Das, was wir nicht töten
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflich- eben auch dann nicht, wenn wir doch Gewalt können, ist die Alterität
tung aller staatlichen Gewalt.« anwenden. Das, was wir nicht töten können, des Anderen, die uns nackt
Auch im Grundgesetz findet sich keine Er- ist die Alterität des Anderen, die uns nackt entgegentritt, weil sie uns
läuterung, worin die Würde des Menschen entgegentritt, weil sie uns gegenüber keine gegenüber keine bestimmte
gründet. Interessanterweise hat auch Kant, bestimmte Gestalt besitzt; die verletzlich ist, Gestalt besitzt.
auf dessen Konzept der freien praktischen weil wir sie beständig anzueignen versuchen;
Vernunft, die jedem Menschen zukommt und die sich in solchen Aneignungsversuchen aber
bedingt, dass wir einen Menschen immer zu- zugleich unendlich entzieht. Wo die Alterität
gleich als Zweck und niemals allein als Mittel des Anderen gesehen wird, werden wir auf
ansehen dürfen, die Begründung menschli- die Spur des Unendlichen gewiesen, weil wir
cher Würde heute meist zurückgreift, in den darin die Erfahrung des Uneinholbaren ma-
Diskussionen der vierziger Jahre keine be- chen. Lévinas spricht von der Erfahrung der
sonders prominente Rolle gespielt. Prägend Transzendenz und vom »Jenseits des Seins«.6
dagegen war, wie gesagt, die Erfahrung, dass Von dieser Transzendenz, die uns im Antlitz
die menschliche Würde massiv missachtet des Anderen begegnet, geht ein Anspruch
und verletzt worden war. Diese Beobachtung aus, nämlich die Aufforderung, das eigene
bringt den Juristen von Bernstorff dazu, in Sein zu übersteigen und dem Anderen zu
der Erfahrung der Verletzlichkeit des Indivi- antworten. Die Verantwortung, von der Lé-
duums die Begründung menschlicher Würde 5 Emmanuel Lévinas: Verletzlichkeit und Frieden.
zu suchen.4 Dafür bezieht er sich auf Lévin- Schriften über Politik und das Politische. Zürich
as, der von der Verletzlichkeit, der Nacktheit 2007, S. 120. In Totalität und Unendlichkeit heißt es in
und Wehrlosigkeit des Anderen spricht. Von der deutschen Übersetzung: »Du wirst keinen Mord
Bernstorff spricht davon, dass die Menschen- begehen«. Emmanuel Lévinas: Totalität und Unend-
rechte so etwas wie das angesichts der Ver- lichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg und Mün-
chen 1987, S. 285.
letzlichkeit des Anderen gegebene »verrecht- 6 So lautet ein Buchtitel von Lévinas: Emmanuel
lichte Versprechen« (Hasso Hofmann) sind, Lévinas: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. polylog 37
4 Ebd. Freiburg und München 1992. Seite 107
forum niels weidtmann:

vinas spricht, ist nicht so sehr in der Hilflo- ihm steht in der Begegnung mit dem Ande-
sigkeit des Anderen begründet, als vielmehr ren das Wesen des Menschen auf dem Spiel.
im Anspruch, auf den wir antworten müssen, Ich zitiere noch einmal Lévinas:
ohne ihn dadurch befriedigen zu können. Die »Es ist infolgedessen nicht ganz unwich-
Verantwortung gründet in der Aufforderung, tig zu wissen, ob der egalitäre und gerechte
das eigene Sein auf den Anderen hin zu über- Staat, in dem der Mensch seine Erfüllung fin-
steigen; sie gründet in der auf die Transzen- det (und den es einzurichten und vor allem
denz hin geöffneten Erfahrung, die nicht zur durchzuhalten gilt), aus einem Krieg aller ge-
Die Wendung von einer Be- eigenen Erfahrung gemacht werden kann. gen alle hervorgeht oder aus der irreduziblen
gründung der Menschenrechte Das Wesen des Menschen liegt deshalb nicht Verantwortung des einen für alle und ob er
durch die Würde des Menschen in seiner Vernunft oder im Sein, sondern ge- auf Freundschaften und Gesichter verzichten
hin zu einem Verständnis der rade darin, den Anspruch des Anderen erfah- kann. Es ist nicht unwichtig, dies zu wissen,
Menschenrechte als einer Auf- ren und ihm folgen zu können. Das Wesen damit nicht der Krieg zur Einrichtung eines
gabe des Menschen, die ihm im des Menschen liegt in seinem Verantwort- Krieges mit gutem Gewissen wird.«8
Angesicht des Anderen gestellt lich-Sein, darum tritt die Ethik bei Lévinas Die Wendung von einer Begründung der
ist, ist für die interkulturelle an die Stelle der ersten Philosophie. Wenn Menschenrechte durch die Würde des Men-
Fragestellung von größtem Lévinas schreibt: »Das Menschenrecht, absolut schen hin zu einem Verständnis der Men-
Interesse. und ursprünglich, erhält nur im jeweils ande- schenrechte als einer Aufgabe des Menschen,
ren einen Sinn, als Recht des anderen Men- die ihm im Angesicht des Anderen gestellt ist,
schen«7, dann heißt dies, dass die Menschen- ist für die interkulturelle Fragestellung von
rechte eben nicht darin gründen, dass die größtem Interesse. Der universale Anspruch,
Menschen an einem Allgemeinen teilhaben, hinter den die Menschenrechte nicht zurück-
über das vermittelt sie alle gleich sind, son- treten dürfen, leitet sich nun nicht mehr von
dern dass die Menschenrechte so etwas wie einem Allgemeinen ab, sondern umgekehrt
eine Aufgabe für den Menschen darstellen, in gerade aus der Erfahrung, dass sich dem Men-
der Verantwortung dem Anderen gegenüber schen im Antlitz des Anderen die Spur des
eigentlich Mensch zu werden. In der Art und Unendlichen zeigt. Dieser zu folgen, daran
Weise, wie wir dem Anderen begegnen, steht entscheidet sich das Menschsein. Die Diffe-
unser Menschsein auf dem Spiel. Diese Zu- renz zwischen Selbem und Anderem ist nicht
spitzung des Menschenrechtsgedankens fehlt durch ein Allgemeines vermittelt, sondern auf
in den üblichen Rückgriffen auf die »angebo- den Anderen hin ausgerichtet. Die Würde des
rene Würde« des Menschen. Aus der Wür- Einzelnen hängt daran, sich auf diese Diffe-
de lässt sich ein Gebot ableiten; die Würde renz einzulassen. Damit steht die Universali-
selbst steht aber streng genommen nie auf tät der Menschenrechte auch nicht mehr ge-
polylog 37 dem Spiel. Das ist bei Lévinas anders; bei gen die Vielfalt der Kulturen.
Seite 108 7 Lévinas: Verletzlichkeit und Frieden, S. 120. 8 Lévinas: Jenseits des Seins, S. 347 f.
forum
Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

Und doch scheint mir das Differenzden- dem einzelnen Anderen gegenüber tritt hin-
ken die Erfahrung von der Verletzlichkeit ter dem alles überlagernden Anspruch von
menschlicher Würde, wie sie Auslöser und Seiten einer absoluten, transzendenten Alte-
Beweggrund der Allgemeinen Erklärung der rität zurück. In gewisser Weise besteht hier
Menschenrechte war, nicht wirklich zu tref- so etwas wie ein Überschuss an Metaphysik;
fen. Aus der Erfahrung der Alteriät lassen indem Lévinas das Phänomen der Alterität im
sich keine positiven Rechte ableiten; streng Unendlichen gründet, wird jede empirische
genommen wohl noch nicht einmal das Tö- Fremdheits- oder Alteritätserfahrung zum
tungsverbot, lässt sich doch niemals die Alte- bloßen Hinweis auf die grundlegende Alteri- Aus der Erfahrung der Alteriät
rität als solche, sondern eben immer nur die tätsbeziehung degradiert, in der der Mensch lassen sich keine positiven Rech-
so oder anders verstandene, also doch bereits steht. Dagegen wären m. E. nun nicht nur die te ableiten; streng genommen
irgendwie angeeignete andere Person töten. verschiedenen Grade von Fremdheit anzufüh- wohl noch nicht einmal das
Grundlage der Verantwortung aber ist die ren, die Waldenfels beschreibt10, sondern vor Tötungsverbot, lässt sich doch
Alterität. Es heißt bei Lévinas nicht umsonst allem die Überlegung, dass Alterität, soll sie niemals die Alterität als solche,
»Du wirst mich nicht töten« und nicht »Du nicht vorausgesetzt, sondern in der Erfahrung sondern eben immer nur die so
darfst mich nicht töten«. Müsste man die Tö- aufgewiesen werden, immer spezifische Alte- oder anders verstandene, also
tung nicht sogar ihrerseits als eine mögliche, ritätserfahrung ist. doch bereits irgendwie angeeig-
wenngleich falsche, Antwort auf den gerade nete andere Person töten.
aufgrund seiner Alterität möglicherweise als
Bedrohung empfundenen Anderen verstehen?
3.
Sicher, das käme einer Perversion des Ver- Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass
antwortungsgedankens gleich und vielleicht die Internierung der Juden und anderer von
könnte man es mit Heideggers Worten als den Nazis verfolgter Menschen in Konzentra-
einen »uneigentlichen« Umgang mit der Er- tionslagern es ihren Peinigern sehr viel leich-
fahrung von Alterität bezeichnen. Und doch ter gemacht hat, sie zu ermorden. Durch die
ist Alterität, wird sie wie bei Lévinas als eine Internierung wurde den Menschen der öffent-
unendliche verstanden, im Singular gedacht liche Raum genommen, sie wurden isoliert
und gleichsam absolut gesetzt (dafür steht und aus der sozialen Welt ausgeschlossen (tat-
auch der Dritte, der die Erfahrung des Ande- sächlich wurde den Lagerinsassen vor ihrer
ren im Antlitz begleitet und den Lévinas gele- Ermordung zudem die Staatsbürgerschaft ent-
gentlich mit der Menschheit in ihrer Ganzheit zogen, so dass sie auch formal aus der Rechts-
gleichsetzt9). Damit droht die Sensibilität für gemeinschaft herausfielen). Da die Menschen
die Verschiedenheit von Andersheiten verlo- aber soziale Wesen sind und Arendt zufolge
ren zu gehen. Die konkrete Verantwortung 10 Bernhard Waldenfels: Topographie des Frem-
9 Vgl. dazu Lévinas: Totalität und Unendlichkeit, S. den. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1. polylog 37
309. Frankfurt/M. 1997, S. 35 ff. Seite 109
forum niels weidtmann:

erst in ihrem sozialen Handeln offenbaren, vollzogen werden. Arendt fordert deshalb den
»wer sie sind, aktiv die personale Einzigar- Schutz des öffentlichen Raumes.
tigkeit ihres Wesens [zeigen]« und »gleichsam Hannah Arendts Ausführungen scheinen
auf die Bühne der Welt [treten]«11, werden sie mir im Kontext meiner Überlegungen des-
durch den Ausschluss aus der sozialen Welt wegen wichtig zu sein, weil sie der abstrak-
als minderwertig wahrgenommen. Mit der ten Begründung der Menschenrechte durch
sozialen Welt schwindet gewissermaßen auch so etwas wie eine »angeborene Würde« die
die Menschlichkeit. Natürlich stellt auch das gelebte Praxis sozialen Handelns entgegen-
Hannah Arendts Ausführungen Lager eine soziale Welt dar, in der eine eige- setzen. »Wenn jemand uns sagte«, so schreibt
scheinen mir im Kontext meiner ne Form von Menschlichkeit herrscht. Diese Arendt, »daß er Gründe braucht, um anstän-
Überlegungen deswegen beschrieben zu haben ist das große Verdienst dig zu sein, können wir ihm kaum länger
wichtig zu sein, weil sie der jener Autorinnen und Autoren, die Auschwitz trauen; sicher würden wir seine Gesellschaft
abstrakten Begründung der und Buchenau (und natürlich alle anderen La- meiden – denn könnte es nicht sein, daß er
Menschenrechte durch so etwas ger) überlebt haben. Selbst die völlige Isolation seine Auffassung ändert?«13 Trauen, so könn-
wie eine »angeborene Würde« eines einzelnen wäre für diesen grundsätzlich te man diesen Satz ins Positive wenden, kön-
die gelebte Praxis sozialen immer noch eine (wenngleich derivative und nen wir nur demjenigen, der nicht erst durch
Handelns entgegensetzen. schreckliche) Form sozialer Erfahrung. Für ein allgemeines Prinzip dazu verpflichtet
die Außenstehenden aber bleibt die Mensch- werden muss, uns solidarisch zu begegnen,
lichkeit im Lager weitgehend verborgen. Die sondern dessen Solidarität sich unmittelbar
Lagerinsassen verlieren ihre individuelle Per- aus der Begegnung selbst ergibt. So nehmen
sönlichkeit und werden zu bloßen Nummern. sich beispielsweise Gesprächspartner nicht
Das führt dazu, dass die Schwelle, sich an ih- deswegen gegenseitig ernst, weil sie sich
nen zu vergehen, sie zu morden und zu ver- dazu von einem allgemeinen Prinzip her ver-
nichten, sinkt. Geht die individuelle Persön- pflichtet fühlen, sondern weil sie sich vom
lichkeit verloren, dann bietet das allgemeine gemeinsamen Gesprächsgeschehen her ver-
Prinzip einer »angeborenen Würde« offenbar stehen und auf dieses antworten. Nehmen
keinen Schutz mehr. Mit Blick auf die Allge- sie sich dagegen nur aus Verpflichtung einem
meine Erklärung der Menschenrechte spricht allgemeinen Prinzip gegenüber ernst, dann
Arendt darum von »auffälligen Mängeln an führen sie gar kein ernsthaftes Gespräch
Wirklichkeitssinn«.12 Damit sich die Men- miteinander. Dem will ich etwas näher nach-
schenrechte tatsächlich verwirklichen können, gehen. Eine soziale Handlung findet niemals
müssen sie in der Praxis sozialen Handelns im luftleeren Raum statt, losgelöst von allen
möglichen Bezügen, Kontexten, Bedeutun-
11 Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen Le-
ben. 6. Auflage München 2007, S. 219.
gen, Erwartungen, Absichten, Gewohnhei-
polylog 37 12 Hannah Arendt: »Es gibt nur ein einziges Men- 13 Hannah Arendt: Über das Böse. 7. Auflage Mün-
Seite 110 schenrecht«, in: Die Wandlung 1949 (4), S. 754–770. chen 2013, S. 129.
forum
Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

ten, Traditionen und Verweisen; andernfalls gewohnt, von den verschiedenen Rollen zu
wäre sie erratisch, würde sich auf nichts und sprechen, die wir in unterschiedlichen sozia-
vor allem auf niemanden beziehen und wäre len Feldern einnehmen. In Wirklichkeit geht
mit keiner anderen Handlung verbindbar und die Bedeutung der sozialen Felder für die sozi-
damit gerade keine soziale Handlung, ja sie ale Existenz des Einzelnen aber weit über das
wäre überhaupt gar keine Handlung. Das Tä- Einnehmen bestimmter Rollen hinaus, jeden-
tigen von Handlungen geschieht in konkreten falls dann, wenn man den Menschen seinem
Handlungssituationen, die den spezifischen Wesen nach als sozial versteht und nicht von
Handlungskontext darstellen. Soziale Hand- einem diesseits aller sozialen Bezüge rein für Einmischen bleibt erlaubt, ja
lungen setzen, so könnte man sagen, immer sich existierenden, a-sozialen Kern des Men- sogar gefordert. Aber nicht
schon Handlungsfelder voraus, auf deren Bo- schen ausgeht. Hannah Arendt erinnert – mit unter Berufung auf ein allge-
den sie getätigt werden und von denen her Verweis auf Aristoteles – m. E. zu Recht an meines Prinzip, sondern unter
sich ihr Handlungssinn erschließt. In ihnen diese fundamentale Bedeutung der sozialen der Bedingung der Fähigkeit zur
sind die Handlungen transzendental fundiert. Dimension des Menschen. Nun ist es aber »Mitleidenschaft«, wie Jürgen
Nicht jede Handlung kann in jedem Mo- wichtig zu sehen, dass die sozialen Felder, Manemann Compassion in
ment und in jeder Situation ausgeführt wer- in denen sich das soziale Leben abspielt und Anlehnung an Johann Baptist
den; und das nicht nur deshalb, weil es fak- wir Handlungen tätigen, ihrerseits nicht ein- Metz übersetzt.
tisch nicht geht, sondern weil die Handlung fach vorliegen, sondern selbst erst durch die
dann unmotiviert wäre und nicht bzw. nur Handlungen erstellt werden. Eine Handlung
falsch verstanden werden könnte. Was eine macht dann Sinn, wenn sie sich auf andere be-
Handlung bedeutet, erschließt sich aus dem reits getätigte oder in der Zukunft mögliche
Handlungsfeld, in dem sie getätigt wird. Das Handlungen bezieht, d. h. wenn sie sich selbst
Handlungsfeld lässt uns die passende Inter- in einem Handlungszusammenhang veror-
pretationsfolie bzw. den passenden Verständ- tet; dieser Handlungszusammenhang wird
nishorizont aufrufen und vor dieser Folie bzw. aber gerade dadurch geknüpft, dass sich ver-
diesem Horizont verstehen wir die Handlung. schiedene Handlungen aufeinander beziehen.
Natürlich können Handlungen auch bewusst Handlungsfelder stellen also so etwas wie
in unpassenden Kontexten ausgeführt wer- die geschichtliche Dimension von Handlun-
den, dann werden sie aber auch anders ver- gen dar; Handlungen knüpfen immer auf ir-
standen, etwa als Provokation oder bewusste gendeine Weise an eine Handlungsgeschichte
Abgrenzung. Gerade an diesem Beispiel wird an und führen diese fort, verändern sie aber
deutlich, dass eine Handlung niemals im luft- auch und geben ihr im Ganzen einen neuen
leeren Raum, gleichsam jenseits aller mögli- Sinn. Dieses Hin und Her zwischen dem eine
chen Handlungsfelder stattfindet. Handlung ermöglichenden Feld und der die-
Die Handlungsfelder spielen auch in die so- ses Feld korrigierenden Handlung bezeich- polylog 37
ziale Existenz des Einzelnen hinein. Wir sind net Heinrich Rombach als das entscheidende Seite 111
forum niels weidtmann:

Moment des sozialen Lebens.14 Ich gehe auf tivitäten der Einzelnen. Soziale Felder liegen
dieses Moment so ausführlich ein, weil ich nicht einfach vor, sondern sie gehen an den
glaube, dass es in der Gerechtigkeitsdebatte einzelnen Handlungen auf, werden durch die-
oft übersehen worden ist. Die vor allem im se profiliert und geklärt.
angelsächsischen Raum intensiv geführte De- Zurück zur Frage nach der Gerechtigkeit.
batte zwischen Liberalismus und Kommunita- Wenn eine Handlung gegen die Forderungen
rismus ist im Grunde ein Streit um das Primat des sozialen Feldes verstößt, kann dies unter-
von individueller versus sozialer Ebene. Man schiedlich verstanden werden. Entweder, wie
Mitleidenschaft setzt eben kann dies am Beispiel der Sprachenpolitik angedeutet, als bewusste Provokation, die auf
ein Eintauchen in die jeweilige Quebecs verdeutlichen, das Charles Taylor mögliche Verhärtungen des sozialen Feldes
geschichtliche Lebenswirklich- diskutiert:15 Wenn ein Sprachengesetz den hinweisen und diese korrigieren möchte; oder
keit voraus. Besuch französischsprachiger Schulen für die einfach als Missverständnis oder Unkenntnis;
frankophone Bevölkerung Quebecs verpflich- ein Verstoß gegen das Handlungsfeld kann
tend macht, um die kulturelle Existenz dieser aber auch als »ungehörig« verstanden werden,
Bevölkerungsgruppe zu sichern, dann richtet dann ist er nicht erlaubt und muss geahndet
sich die Empörung der Gegner einer solchen werden. Man kann jede Handlung auf ihr Ge-
Regelung ja nicht gegen die Behauptung, dass hörigsein hin untersuchen. Den Maßstab für
die französische Sprache entscheidend für das eine solche Untersuchung muss dabei immer
kulturelle Selbstverständnis der frankopho- das Handlungsfeld selbst vorgeben. Ob eine
nen Bevölkerung ist, sondern allein gegen die Provokation erlaubt ist oder nicht, hängt von
Einschränkung der individuellen Wahlfreiheit den jeweiligen Umständen ab. Sie muss sich
der Bürger. Die eine Seite stellt den Erhalt beispielsweise gegen Verhärtungen eines etab-
kultureller Identität über die Rechte des Ein- lierten Feldes richten, dieses korrigieren und
zelnen, während die andere Seite umgekehrt klären wollen; dagegen darf sie eine konstruk-
vorgeht. Tatsächlich, darauf hat Georg Sten- tive Auseinandersetzung nicht dadurch von
ger hingewiesen, sind die beiden Seiten aber vornherein verhindern, dass sie etwa belei-
nicht voneinander zu trennen.16 Der Einzelne digend auftritt und dadurch automatisch von
ist immer schon sozial bestimmt; die soziale einem ganz anderen Horizont sozialen Han-
Ebene ist aber nichts jenseits der sozialen Ak- delns her verstanden wird. Natürlich gibt es
14 Heinrich Rombach: Phänomenologie des sozialen da Grenzfälle, so ließe sich zum Beispiel der
Lebens. Grundzüge einer Phänomenologischen Soziologie. Fall von Pussy Riot vermutlich sowohl als kon-
Freiburg und München 1994. struktive Provokation als auch als bestimmte
15 Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik religiöse Sensibilitäten beleidigende Hand-
der Anerkennung. Frankfurt/M. 2009, S. 38 ff.
16 Georg Stenger: Philosophie der Interkulturalität.
lung verstehen, und zwar gerade deswegen,
polylog 37 Erfahrung und Welten. Eine phänomenologische Studie. weil sie von verschiedenen Handlungsfeldern
Seite 112 Freiburg und München 2006, S. 962–970. her verstanden werden kann – im politischen
forum
Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

Feld erscheint sie als Provokation, im religiö- lungsfeldes, ja sie wirken ihrerseits darauf hin,
sen Feld dagegen als Beleidigung. Was erlaubt dass sich dieser Anspruch sehr viel langsamer
ist und was nicht wird dabei selbst durch die wandelt. Sie wirken insgesamt konservierend.
Handlungen mitbestimmt bzw. verändert. Ob Auf diese Spannung zwischen Gehörigsein auf
sich eine Handlung gehört oder nicht, muss der einen und Rechtssphäre auf der anderen
also im Handlungsfeld selber entschieden Seite will ich hier aber nicht näher eingehen.
werden, und das immer wieder von neuem. Wichtig ist dagegen zu sehen, dass wir uns
Das Gehörigsein ergibt sich aus dem Hören immer in einer Vielzahl verschiedener sozi-
auf die jeweiligen Anforderungen des Hand- aler Felder bewegen, die nun ihrerseits auch Überall müssen Menschen­
lungsfeldes; eine Handlung antwortet immer nicht erratisch nebeneinander stehen, son- rechte gelten, aber sie müssen
auf den Anspruch des jeweiligen sozialen Fel- dern selber Bezüge und Entsprechungen un- je konkret geleistet und können
des, in dem sie getätigt wird. Wo sie getätigt tereinander ausbilden. Auch auf dieser Ebene nicht allgemein begründet
wird, ohne irgendwie – und sei es kritisch gibt es eine transzendentale Bedingungs- und werden.
oder provokativ – auf den Anspruch des so- Ermöglichungsfolie, die in nichts anderem
zialen Feldes zu antworten, ist sie ungehörig. als dem Zusammenspiel der verschiedenen
Die gehörige Handlung ist diejenige, die dem sozialen Felder besteht. Die verschiedenen
Anspruch des sozialen Feldes entspricht und sozialen Felder, die so etwas wie die kon-
sich so in den Handlungszusammenhang fügt. krete geschichtliche Lebenswelt ausmachen,
Je etablierter ein soziales Feld ist, desto spielen auf eine bestimmte Weise zusammen,
eindeutiger ist sein Anspruch an die Handlun- sie entwickeln einen gemeinsamen Stil, den
gen, die es ermöglicht. Je eindeutiger der An- sie freilich je auf ihre eigene Art ausdrücken.
spruch, desto einfacher lässt er sich in festen Dieser Stil bestimmt immer darüber mit, ob
Regeln ausdrücken. Diese Regeln formulie- eine Handlung gerecht ist oder nicht. Das
ren wir als Rechte und Gesetze, die den Han- heißt, dass sich die Frage, ob eine Handlung
delnden zukommen und von ihnen anerkannt gerecht ist oder nicht, nur aus der konkreten
werden müssen und denen die Handelnden Situation heraus beantworten lässt; und dass
entsprechen müssen. Dadurch lässt sich ge- in diese Situation immer auch die geschichtli-
währleisten, dass der Anspruch des sozialen che Lebenswirklichkeit mit einfließt. Das gilt
Feldes, also der konkreten Handlungssituati- auch mit Blick auf die Menschenrechte: Wo-
on, nicht überhört oder missverstanden wird. rin die zu schützenden Rechte des Menschen
Die ausdrücklich gemachten Rechte und Ge- liegen, lässt sich nicht allgemein angeben, son-
setze gewährleisten auf diese Weise, dass nur dern muss streng genommen für jede einzelne
»gehörige« Handlungen getätigt werden. Zu- Handlung von neuem geklärt werden. Gerade
gleich behindern sie aber den kontinuierlichen darin sind die Menschenrechte universal, dass
Wandel dessen, was sich gehört. Sie sind taub sie in jeder einzelnen Handlung mitverhan- polylog 37
für den sich wandelnden Anspruch des Hand- delt, bestätigt und erneuert werden. Uni- Seite 113
forum niels weidtmann:

versal sind nicht bestimmte, ausformulierte 4.


Rechte. Universal ist, dass in jeder einzelnen
Handlung von neuem geprüft werden muss, Abschließend möchte ich meine Überlegung,
ob sie menschlich ist. dass das Streben nach interkultureller Gerech-
Das heißt nicht, dass die Menschheit nicht tigkeit nicht notwendiger Weise universal gül-
dennoch immer wieder den Versuch machen tig begründet werden muss, durch den Verweis
sollte, Menschenrechte auch konkret zu be- auf einen nicht-europäischen Denker stützen.
nennen. Sie muss sich aber bewusst sein, Dafür sei ganz kurz das vermeintliche Dilem-
Überall müssen Menschenrech- dass solche Formulierungen bestenfalls als ma in Erinnerung gerufen: Die Allgemeinen
te gelten, aber sie müssen je ganz grobe Sicherungen dienen können und Menschenrechte schützen die Rechte und die
konkret geleistet und können schlechtestenfalls die Entwicklung von grö- Freiheit des Einzelnen. Dafür aber müssen sie
nicht allgemein begründet ßerer Menschlichkeit gar behindern können. die Gleichheit aller vor dem Recht verlangen,
werden. Einmischen bleibt erlaubt, ja sogar gefordert. was sich nur durch den Verweis auf ihre prinzi-
Aber nicht unter Berufung auf ein allgemei- pielle Gleichheit begründen lässt. Daraus folgt,
nes Prinzip, sondern unter der Bedingung der dass die Gleichheit erwiesen sein muss, um
Fähigkeit zur »Mitleidenschaft«, wie Jürgen Menschenrechte einfordern zu können. In der
Manemann Compassion in Anlehnung an Jo- europäischen Tradition ist deshalb immer wie-
hann Baptist Metz übersetzt. Einmischung ist der nach einem Ausgleich zwischen Gleichheit
nur dort erlaubt, wo Ungerechtigkeit tatsäch- und Freiheit gesucht worden. Die Lösung sieht
lich erfahren und nicht nach von außen her- dann zumeist so aus, dass beide – Freiheit und
angetragenen Maßstäben nur festgestellt wird. Gleichheit – beschränkt vorgestellt werden, um
Mitleidenschaft setzt eben ein Eintauchen in sie miteinander zu vermitteln. Es gibt ein Allge-
die jeweilige geschichtliche Lebenswirklich- meines, an dem alle teilhaben und über das sie
keit voraus. einander vermittelt sind, das sie aber in eigener
Interkulturelle Gerechtigkeit erschöpft sich und freier Gestalt je einzeln vertreten. Das All-
dem bis hierher Gesagten zufolge nicht darin, gemeine wird dann beispielsweise als die Wür-
alle Kulturen über den gleichen Kamm einer de des Menschen angesprochen oder aber es
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in der Vernunft gesucht oder, wie bei Pla-
zu scheren, sondern erfordert zunächst vor ton, durch die universale Ordnung begründet.
allem die Ausbildung von Entsprechungen Nishitani hat diese Denkfigur in seinem Aufsatz
zwischen den verschiedenen kulturellen Le- zum »Wesen der Begegnung«, den Ryosuke Ohashi
benswelten. Und zwar gerade mit Blick auf in seine Philosophie der Kyoto-Schule aufgenommen
die Menschenrechte. Überall müssen Men- hat, scharf kritisiert.17 Er schreibt: »In einem
schenrechte gelten, aber sie müssen je konkret
17 Keiji Nishitani: »Vom Wesen der Begegnung«, in:
polylog 37 geleistet und können nicht allgemein begrün- Ryosuke Ohashi (Hg.): Die Philosophie der Kyoto-Schu-
Seite 114 det werden. le. Freiburg und München 1990, S. 258–274.
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Interkulturelle Gerechtigkeit und die Praxis der Menschenrechte

menschlichen Verhältnis aber, in dem Freiheit Umschlags nun aber nicht auf die Einheit von
und Gleichheit nicht zugleich miteinander bis Freiheit und Gleichheit. Stattdessen bezeich-
zum Letzten vollzogen werden, gibt es kein net er das wahre Allgemeine, das sich in der
wahres Begegnen der Menschen.«18 Wahre auf die Spitze getriebenen Gleichheit, d. h. am
Begegnung findet nur dort statt, wo Freie ei- Umschlagspunkt in die wahre Freiheit zeigt,
nander begegnen, die nicht immer schon über als das »absolute ›Nichts‹ oder die ›Leere‹«.19
die gemeinsame Teilhabe an einem Allge- Wahre Gleichheit und wahre Freiheit sind
meinen vermittelt sind. Und doch findet Be- »leer«. Was bedeutet das?
gegnung eben auch nur dann statt, wenn die Die einander begegnenden Menschen brin- [Die sich begegnenden
Freiheit der Beziehung zwischen den einander gen in ihrem konkreten So-sein das, was sie Menschen] sind gerade darin
Begegnenden nicht im Wege steht, ja wenn gleichermaßen sind, auf ihre Weise zur Entfal- gleich, dass sie ihr Sein nicht in
die Begegnung absolute Gleichheit bedeutet. tung. Absolute Gleichheit ebenso wie absolute sich, sondern in der Beziehung
Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Freiheit gibt es nur als solchen Wettstreit, als zum Anderen haben.
Nishitani bemüht zur Erläuterung zunächst die Gleichheit von Unterschiedenem. Das Un-
eine dialektische Figur: Wenn Gleichheit ab- terschiedene ist dann aber nicht unterschieden
solut verstanden wird, dann saugt sie die Frei- relativ zu einem Dritten, sondern einzig in
heit des einzelnen Menschen ganz auf, bringt Bezug aufeinander: Der Einzelne ist gerade da-
sie zum Verschwinden. Mit dem Verschwin- durch der, der er ist, dass er nicht der Andere
den der Freiheit des Einzelnen verschwindet ist, und umgekehrt. Das heißt eben auch, dass
dann aber auch das einander Gleichsein der er erst in der Begegnung mit dem Anderen er
sich-Begegnenden und die Gleichheit wird selbst werden kann. Das Gleiche gilt vice versa
sinnlos. Wo die Gleichheit sinnlos wird, für den Anderen. Beide gehen aus der Begeg-
taucht der Einzelne in seiner Freiheit wieder nung erst als die, die sie sind – nämlich Freie
auf. Im äußersten Extrem absolut verstande- und Gleiche – hervor. Sie sind gerade darin
ner Gleichheit schlägt diese also in die Frei- gleich, dass sie ihr Sein nicht in sich, sondern
heit des Einzelnen um. Und nur in solchem in der Beziehung zum Anderen haben. Wenn
Umschlag ist die Freiheit wahre Freiheit, geht man so will, ist die Beziehung das absolut Glei-
die Gleichheit doch ganz in ihr auf. Gleiches che. Eine solche Gleichheit aber gibt es nicht an
zeigt Nishitani für die umgekehrte Figur: und für sich, es gibt die Beziehung nicht ohne
wird die Freiheit absolut verstanden, dann die aufeinander bezogenen und voneinander
geht jede Form von Abgrenzung und Unter- verschiedenen Personen. Diese Personen wie-
scheidung verloren; sie wird ununterscheidbar derum haben ihr Sein in der Beziehung, und so
und springt in völlige Gleichheit um. Anders gehen Freiheit und Gleichheit auseinander her-
als wir das von der dialektischen Philosophie vor; sie gehen aus dem Aufgang und der Gene-
her kennen, zielt Nishitani mit der Figur des se der Beziehung hervor, also dem Ereignis der polylog 37
18 Ebd., S. 262. 19 Ebd. Seite 115
forum niels weidtmann

Begegnung, dem zwischenmenschlichen Bezug.


Der Mensch wird, was er ist, erst in der Be-
gegnung mit dem Anderen. Das heiß aber eben
auch, dass das Menschsein im Ganzen erst in
solcher Begegnung aufgeht und der Begegnung
nicht vermittelnd vorausliegt. Das Menschsein
steht also in der Begegnung auf dem Spiel und
es geht in der Begegnung notwendiger Wei-
Menschlichkeit und mit ihr die se immer plural, also in unterschiedlichen
Menschenrechte gründen im Gestalten auf. Es gibt das Menschsein nicht
Tätigsein des Menschen, in der jenseits dieser Pluralität, jenseits dieses Wett-
menschlichen Praxis. streits um wahre Humanität.
Bei Platon besteht die Harmonie darin,
dass sich das Einzelne ins Ganze passend ein-
fügt; Nishitani dagegen spricht davon, dass
»die absolute Gegnerschaft ganz unmittelbar,
wie sie ist, nichts anderes als die absolute Har-
monie ist«.20 An die Stelle der Gesamtord-
nung, an der sich die gerechte Handlung bei
Platon bemisst, tritt hier das Zusammenspiel
von Ich und Anderem, das bedingt, dass in
der Begegnung und, insofern die Begegnung
mit jeder Handlung erneuert wird, damit
natürlich auch in jeder einzelnen Handlung
das Menschsein im Ganzen erneuert wird.
Menschlichkeit und mit ihr die Menschen-
rechte gründen im Tätigsein des Menschen,
polylog bestellen:
in der menschlichen Praxis. www.polylog.net

polylog 37
Seite 116 20 Ebd., S. 264 f.

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