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SONDERDRUCK

3
B. Saal & B. Boteva-Richter
Einleitung

7
Niels Weidtmann
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit
Ein Plädoyer für das »Inter« in der Interkulturalität

19
Elvis Imafidon
Zwischen den Zutaten und dem Gericht als solchem:
Philosophie an Orten und darüber hinaus

37
Anna Zschauer
»inter« als aisthetische Qualität

53
Xu Wang
Das Umdenken des Interpersonellen –
Zhāng Zàis Konzeption des Qì (氣)

67
Angela Roothaan
Interkulturell, transkulturell, cross-cultural –
warum wir alle drei Begriffe brauchen

83
evrim kutlu
Solidarität, Ausgleich und kosmopolitische
Weltphilosophie nach Max Scheler

97 Berichte
99 Rezensionen und Tipps
126 Impressum
Niels Weidtmann
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit
Ein Plädoyer für das »Inter« in der Interkulturalität

ABSTRACT: The inter or in-between which separates different cultures from one another at the same time
links them together. It does, however, not stretch its own space, it has no own being. Thus, the inter of inter-
culturality refers to the relationship amongst different cultures but it does not separate cultures by anything Niels Weidtmann ist seit 2006
else but their relationship. Therefore cultures differ from one another in nothing else than in representing wissenschaftlicher Leiter
their inter-relationship in different ways. In anyone of them all cultures are at once at stake – and with them des Forum Scientiarum der Uni-
humanity as a whole. Intercultural philosophy, therefore, is less about understanding and recognition but
versität Tübingen. Zahlreiche
rather it is about realising that the in-between of different cultures is their main source of meaning. Inter-
Publikationen in den Gebieten
cultural philosophy is a thinking of the in-between – and that means also and primarily: It is a thinking in
the in-between. der Interkulturellen Philosophie
KEYWORDS: In-Between; dimension; world; interculturality; phenomenology und Phänomenologie, zuletzt

Interkulturelle Philosophie.

Aufgaben – Wege – Dimensionen


Einleitung
der Ethik und dem der Metaphysik unterwegs (Tübingen 2016).

Die Charakterisierung der Philosophie als in- ist. Die Dimension, in der philosophiert wird,
terkulturell meint sehr viel mehr als die bloße betrifft die Philosophie stattdessen immer im
Berücksichtigung außer-europäischer Denker Ganzen. Sie entscheidet darüber, was Philoso-
und Denktraditionen im philosophischen Dis- phieren insgesamt bedeutet und wie auf den
kurs. Es geht ihr um die Bestimmung der in- verschiedenen Feldern philosophiert werden
terkulturellen Dimension des Philosophierens. kann. Interkulturell gedacht kann Ethik nicht
Damit ist keinesfalls bloß ein bestimmtes Feld mehr in der gleichen Weise betrieben werden
gemeint, auf dem sich die Philosophie auch wie zuvor; dasselbe gilt für die Metaphysik polylog 40
noch betätigt, so wie sie zugleich auf dem Feld und alle anderen Felder der Philosophie. Die Seite 7
niels weidtmann:

Philosophie wird in der »Dimension des In- Fragen und Arbeitsfelder; das aber immer auf
terkulturellen«1 selber interkulturell. Das ist ihre gewohnte Art und Weise.
von größter Bedeutung, ist damit doch ge- Interkulturelle Philosophie erschöpft sich
sagt, dass die Philosophie nicht einfach über aber auch nicht darin, neben der europä-
Interkulturalität sprechen kann, sondern sich isch-westlichen heute auch Denktraditionen
selbst dem interkulturellen Gespräch ausset- anderer kultureller Provenienz zu Wort kom-
zen und ihre Sprache aus diesem Gespräch men zu lassen oder sie gar gleichberechtigt ne-
heraus gewinnen muss. Von interkultureller ben die Philosophie, wie wir sie bislang kann-
Philosophie kann deshalb erst dort die Rede Philosophie wird in der ten, zu stellen. Einer solchen Forderung liegt
sein, wo die Philosophie nicht mehr vorausge- »Dimension des Interkultu- das Missverständnis zugrunde, die Philosophie
setzt wird, sondern sich selbst durch die Frage rellen« selber interkulturell. sei eine durch das Denken verschiedener kul-
der Interkulturalität betreffen lässt. tureller Traditionen zu spezifizierende allge-
Die bloße Beteiligung nicht-europäischer meine Form des Denkens. Die Philosophie
oder nicht-westlicher Philosophen am phi- bezeichnet diesem Missverständnis zufolge
losophischen Diskurs macht die Philosophie allgemein das Nachdenken über Gott und die
deshalb noch lange nicht zu einer interkultu- Welt und das, was diese im Innersten zusam-
rellen, allenfalls wird sie dadurch zu einer in- menhält. Da die Philosophie keine empirisch
ternational betriebenen Auseinandersetzung, arbeitende Wissenschaft ist, kann solches
von der Philosophen nicht schon wegen ihrer Nachdenken zu unterschiedlichen Ergebnissen
kulturellen Herkunft ausgeschlossen bleiben. führen, ohne dass eindeutig zu klären wäre,
Insofern eben dies in kolonialen Zeiten al- welche Ergebnisse die richtigen sind. Letzt-
les andere als selbstverständlich gewesen ist, lich hängt die Beurteilung der Ergebnisse eben
bleibt die Internationalisierung der Philoso- auch davon ab, wie die Welt im Ganzen ver-
phie ein großer Gewinn. Auch ist es zweifel- standen wird. Philosophie als das Verständnis
los richtig und nötig, wachsam zu bleiben und der Welt im Ganzen ist Weltanschauung. Wel-
immer wieder auf nach wie vor bestehende tanschauungen kann es tatsächlich verschiede-
Machtstrukturen im globalen philosophischen ne geben – sowohl in geschichtlicher wie auch
Diskurs hinzuweisen. Allerdings setzt sich in kultureller Sicht. Die Philosophie hat nie
die Philosophie damit noch lange nicht dem geleugnet, dass es verschiedene Weltanschau-
interkulturellen Gespräch aus, sondern bindet ungen gibt. Allerdings macht sie das noch nicht
bestenfalls Vertreter aller möglichen Kultu- zur interkulturellen Philosophie, versteht sich
ren in den (bewährten) philosophischen Dis- die Philosophie selbst doch gerade nicht als
kurs ein. Die Philosophie selber bleibt davon Weltanschauung.2 Die Philosophie hängt we-
unberührt, allenfalls erschließt sie sich neue 2 Vgl. dazu Husserls Kritik der »Weltanschau-
1 So lautet der Titel eines Buches von Heinz Kim- polylog 40 ungsphilosophie« in: Husserl: Philosophie als strenge
merle. Seite 8 Wissenschaft.
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

sentlich daran, dass sie vernünftige Gründe für bereits eine vom griechischen Ursprung der
das, was sie über die Welt aussagt, anzugeben Philosophie abgeleitete Interpretation von Phi-
vermag. Held hat sehr deutlich gemacht, dass losophie. Weder die Nebeneinanderstellung
es die Entdeckung der Zusammengehörigkeit kultureller Weltanschauungen noch die An-
alles Seienden im Logos bzw. in der Welt ist, erkennung verschiedener Metaphysiken drin-
die den Anfang der europäischen Philosophie gen in die Dimension des Interkulturellen vor
ausmacht.3 Jede Aussage über das Seiende und reichen deshalb auch nicht in die Tiefe des
muss fortan von dieser logischen Zusammen- Selbstverständnisses der Philosophie hinab.
gehörigkeit her sprechen, was nichts anderes Weder die Nebeneinan- Um sich einem Verständnis interkulturel-
heißt, als dass sie sich vernünftig begründen derstellung kultureller ler Philosophie anzunähern, muss stattdessen
lassen muss. Das Geben von Gründen, grie- Weltanschauungen noch die zunächst die Dimension des Interkulturellen
chisch Logon Didonai, charakterisiert die Philo- Anerkennung verschiedener näher untersucht werden. Von der Dimensi-
sophie – und nicht so sehr der konkrete Inhalt Metaphysiken dringen in die on des Interkulturellen her lässt sich sodann
dessen, was sie über die Welt sagt. Nun wis- Dimension des Interkultu- nach der Bedeutung interkultureller Philoso-
sen wir aus der Geschichte der europäischen rellen vor ... phie fragen. Für beide Fragen wird sich das
Philosophie sehr gut, dass es verschiedene Präfix inter als entscheidend herausstellen. In
vernünftig begründete Anschauungen von der diesem Präfix ist die Dimension des Zwischen
Welt geben kann. Solche begründeten Weltan- angedeutet, in der sich das Denken noch nicht
schauungen nennen wir Metaphysik. Auch die festgelegt hat, sondern in der es, wie Mer-
Anerkennung einer Vielzahl unterschiedlicher leau-Ponty das mit Blick auf die Kunst sagt4,
Metaphysiken aber rechtfertigt (sic!) nicht die die Dinge gleichsam »in der Schwebe« hält
Bestimmung der Philosophie als interkulturell, und sich gerade deshalb eine Ahnung davon
hängt die Kennzeichnung der Metaphysik als bewahrt, dass sich ihm die Dinge zeigen müs-
philosophisch doch an der Begründungsstruk- sen. Im Zwischen hat das Denken noch nicht
tur und nicht an den konkreten Inhalten. Die die Macht der die Welt erkennenden und
Philosophie selber bleibt also auch angesichts strukturierenden Ratio, sondern steht noch
einer Vielzahl von unterschiedlichen Metaphy- ganz im Dienst jenes Gesprächs, um das es
siken ein und dieselbe. In der Geschichte der in der Dimension des Interkulturellen geht.
Philosophie ist der Logos verschieden verstan- Diesem Gespräch weiß sich die interkulturel-
den worden – als Zusammenspiel ewiger Ideen, le Philosophie verpflichtet.
als Wort Gottes, als naturgesetzliche Struktur
der Welt – und das hat dementsprechend ver-
schiedene Formen von Metaphysik hervor-
Kleine Phänomenologie des
gebracht. Jede Form von Metaphysik aber ist
Zwischen
polylog 40
3 Held: Die Entdeckung der Welt. Seite 9 4 Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist.
niels weidtmann:

Als Zwischen wird gemeinhin jener Raum be- Beziehung zwischen den Tönen. Wie ein Ton
zeichnet, der zwischen zwei Dingen liegt. Die gehört wird, hängt davon ab, in welche Be-
Präposition zwischen ist denn auch eine Ver- ziehung zu anderen Tönen er gesetzt wird. Es
kürzung des althochdeutschen in zuisken, was ist deshalb letztlich das Zwischen, das darüber
soviel wie innerhalb von Zweifachem bedeutet.5 entscheidet, wie wir die Dinge erfahren.
Freilich setzt das Zwischen die beiden Dinge, Wenn Merleau-Ponty schreibt, dass »sich
zwischen denen es liegt, in eine Beziehung zu- das Sehen aus der Mitte der Dinge heraus
einander und versammelt sie so zugleich in ein vollzieht oder ereignet« 6, dann meint er genau
Gemeinsames. Das Zwischen ist deshalb nicht [Sehen] muss sich »aus der dies. Sehen lässt sich nicht einfach als ein Ver-
einfach ein Drittes neben den beiden Dingen, Mitte der Dinge heraus« mögen verstehen, das auf sichtbare Dinge an-
zwischen denen es liegt, sondern es ist das Ver- vollziehen, weil sich die gewendet wird. Vielmehr ereignet sich im Se-
bindende, das uns die beiden Dinge als aufei- Dinge nur vom Zwischen her hen selber erst das Sichtbarwerden der Dinge.
nander bezogen erfahren lässt. Das Zwischen als die zeigen, die sie sind. Es muss sich »aus der Mitte der Dinge heraus«
trennt und verbindet in einem. Das ist hier vollziehen, weil sich die Dinge nur vom Zwi-
zunächst ganz räumlich gesprochen, aber die schen her als die zeigen, die sie sind. Denn:
Bedeutung des Zwischen ist natürlich keines- um sichtbar zu sein, müssen sich die Dinge
falls auf die räumliche Bedeutung beschränkt. zeigen. Zeigen können sie sich aber immer nur
Ereignisse beispielsweise können zeitlich ge- auf bestimmte Weise und das heißt konkret in
trennt und zugleich doch aufeinander bezogen Bezug auf anderes (wobei dieses andere nicht
sein. Neben der zeitlichen und räumlichen selber dinglich sein muss). Die Dinge begeg-
Bedeutung kann das Zwischen aber auch jede nen uns eben nicht einfach in unterschiedli-
beliebige andere Gestalt besitzen. Es gibt ein chen Kontexten, in denen ihnen eine jeweils
farbliches Zwischen ebenso wie ein Zwischen kontextabhängige Bedeutung zukommt, son-
von Tonhöhen, ein stimmungsmäßiges Zwi- dern sie zeigen sich überhaupt nur dadurch,
schen ebenso wie ein Zwischen von Bedeutun- dass sie in eine Beziehung zu anderem treten.
gen, etwa bei Worten. In allen diesen Fällen Dinge an sich zeigen sich dagegen gerade nicht
wirkt sich das Zwischen darauf aus, wie die und sind deshalb auch nicht sichtbar. Das ein-
aufeinander bezogenen Dinge erfahren wer- fachste Beispiel für eine die Dinge sichtbar
den. So macht es für unser Hörerlebnis ganz machende Beziehung ist die Beziehung, in die
offensichtlich einen Unterscheid, ob zwischen die Dinge zu demjenigen treten, der sie sieht.
zwei Tönen eine Terz oder eine Quart liegt – Allerdings gibt es eine derart isolierte Bezie-
und dieser Unterschied lässt sich nicht von der hung in unserer Erfahrung eher selten. In der
Qualität der einzelnen Töne ableiten, sondern Regel zeigt sich ein Ding dagegen als in einem
hängt an der durch das Zwischen geknüpften ganzen Geflecht von Beziehungen stehend.
polylog 40
5 Der Duden, Herkunftswörterbuch. Seite 10 6 Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist, 280.
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

Die Sichtbarkeit des Dinges hängt an diesem dass die Dinge je unterschiedlich erscheinen.
Beziehungsgeflecht. Das Sehen muss darum Stattdessen öffnet das Zwischen überhaupt
das Beziehungsgeflecht, in dem ein Ding steht, erst jenen Raum, in den hinein die Dinge ste-
immer mitsehen, will es das Ding so sehen, hen und sich zeigen können. Es gibt die Dinge
wie es sich zeigt. Husserl spricht in diesem nur so, dass sie durch das Zwischen versam-
Sinn bekanntlich von der »Gegebenheits- melt und zueinander in Beziehung gestellt
weise« der Dinge. Die phänomenologische sind. Mit Heidegger lässt sich das Zwischen
Analyse zielt auf die Aufklärung der jeweili- als das Lichtungsgeschehen des Seins verste-
gen Gegebenheitsweise, also des jeweiligen Es gibt die Dinge nur so, hen.8 Seiendes kann nur in solcher Lichtung
In-Beziehung-stehens der Dinge – kurz: auf dass sie durch das Zwischen begegnen. Sein Sein hat das Seiende dann aber
das Zwischen, das den Dingen ihre sichtbare versammelt und zueinander gerade nicht in sich selbst, sondern eben im
Gestalt verleiht bzw., allgemeiner gesprochen, in Beziehung gestellt sind. Lichtungsgeschehen des Seins. Das Sein selbst
ihren konkreten Sinn gibt. zeigt sich im Lichtungsgeschehen freilich nur
Allerdings reicht das Zwischen, dem sich als die Ermöglichung des Seienden. Es kann
die Sichtbarkeit der Dinge verdankt, viel wei- sich nicht noch einmal selbst in der Lichtung
ter, als dies durch den Verweis auf die Bezie- zeigen, als welche es sich entbirgt. So hängt
hung zu anderen Dingen angedeutet ist. Zum das Sein des Seienden am konkreten Lich-
einen hat das Ding auch eine Vergangenheit, tungsgeschehen bzw. eben am Zwischen als
weckt möglicherweise Erinnerungen und jener Mitte der Dinge, dem auch das Sehen
ruft verborgene Bedeutungszusammenhänge entspringt.
wach. Ja, es kann in geschichtlichen Zusam-
menhängen stehen, die mit gesehen werden
müssen, soll das Ding als das, was es ist, gese-
Das Zwischen als Aufenthaltsort
hen werden. So zum Beispiel eine gotische Ka-
des Menschen
thedrale, die nicht allein wegen ihrer beson- Sehen bedeutet also nicht die Anwendung ei-
deren Ästhetik, der beeindruckenden Höhe nes Vermögens auf Sichtbares, vielmehr wer-
der Innenräume und des durchdachten Spiels den die Dinge überhaupt erst aus ihrer Mitte
mit Licht ein würdiges Gotteshaus darstellt, – das meint aus dem sie versammelnden Zwi-
sondern die erst richtig gesehen ist, wenn sie schen – heraus sichtbar. Das aber heißt, dass
als Bild eines spezifischen Gottesverständnis- sich das Sehen in die Mitte der Dinge begeben
ses gesehen wird, das seinerseits im Kirchen- muss. Nun ist diese Mitte aber nicht die räum-
bau erst in seiner vollen Klarheit aufgeht und liche Mitte von irgendwie beieinander stehen-
darin keinesfalls nur abgebildet wird.7 Zum den Dingen, sondern jenes Zwischen, das die
anderen bedingt das Zwischen keinesfalls nur, Dinge so aufeinander bezieht, dass sie sich in
polylog 40
7 Rombach: Leben des Geistes, 161–172. Seite 11 8 Vgl. Heidegger: Brief über den Humanismus, 325 ff.
niels weidtmann:

dieser Beziehung als dasjenige zeigen, was sie sich die Dinge so zeigen, wie sie sind, d. h.
sind. Ein solches Zwischen ist kein Ort, an von ihrem eigenen, viel konkreteren Sinn-
den man sich begeben könnte; es ist nichts an- zusammenhang her. Die Forderung der Phä-
deres als das Versammlungsgeschehen selbst. nomenologie, »die Sachen selbst« zu Wort
Das Sehen kann sich deshalb nicht einfach ins kommen zu lassen, zielt wesentlich darauf, sie
Zwischen begeben, sondern muss so in das nicht vor dem Hintergrund eines von außen
Versammlungsgeschehen eintauchen, dass es an sie herangetragenen Sinnganzen zu sehen,
an ihm teilhat. Sehen meint dann nichts an- sondern zu lernen, ihren je eigenen Sinnzu-
deres als Teilhabe am Versammeln und da- Ein solches Zwischen ist sammenhang mit zu sehen. Ein Ding so se-
mit Teilhabe am Sichtbarwerden der Dinge. kein Ort, an den man sich hen, wie es ist, erfordert, in diesem Ding den
Nicht nur hängt die Sichtbarkeit der Dinge begeben könnte; es ist nichts ihm eigenen Sinn mit zu sehen. Das freilich
am Zwischen, auch das Sehen selbst verdankt anderes als das Versamm- geht nur, wenn wir die Dinge nicht vor dem
sich dem Eintauchen in das Zwischen. Sehen lungsgeschehen selbst. Hintergrund des zur Gewohnheit geworde-
meint dann konkret, das einzelne Ding von nen Durchschnittssinns unserer alltäglichen
den Beziehungen her zu sehen, in denen es zu Erfahrung als sich selbst zeigend verstehen,
anderem steht. Das meint Husserl, wenn er sondern uns auf das Ereignis ihres Sichtbar-
vom Verweisungszusammenhang bzw. vom werdens einlassen und in jenes Zwischen ein-
Horizont spricht, in dem das einzelne Wahr- tauchen, von dem her die Dinge ihren eigenen
nehmungsding steht und von dem her es sei- Sinn erhalten. Wenn sich der Mensch für die
nen Sinn erhält.9 Das meint auch Heidegger, Dinge inter-essiert und sie nicht nur oberfläch-
wenn er das husserlsche Horizontdenken lich betrachten will, dann muss er in das je-
noch einmal durch das Lichtungsgeschehen weilige Zwischen eintauchen. Das Zwischen
des Seins begründet.10 Der Horizont bzw. die ist der Ort des Menschen; jedenfalls dann,
Lichtung müssen im einzelnen Ding mit ge- wenn er sich für die Dinge so, wie sie sind, in-
sehen werden. Nur dann kann es sich als das teressiert. Deshalb sagt Merleau-Ponty, dass
zeigen, was es ist. die hohe Kunst der Maler darin besteht, die
Tatsächlich sehen und verstehen wir die Dinge in der Schwebe zu halten.11 Ebenso wie
Dinge immer von einem Sinnganzen her. die Maler die Dinge in der Schwebe halten,
Freilich ist dieses Sinnganze zumeist unser indem sie sich in das Zwischen begeben, aus
alltägliches Verständnis von der Welt, sozusa- dem sie ihren Sinn erhalten, so müssen auch
gen ein zur Gewohnheit gewordener Durch- die Philosophen versuchen, die Dinge in der
schnittssinn, den wir von außen an die Dinge Schwebe zu halten, indem sie sich auf das
herantragen. Damit aber verhindern wir, dass Zwischen einlassen. Denken im Zwischen.

9 Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie, 34 f. polylog 40


10 Heidegger: Brief über den Humanismus. Seite 12 11 Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist, 277.
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

Heidegger spricht von der Seinsweise des von ihrer Zusammengehörigkeit mit ande-
Menschen als Existenz. Existenz meint dabei rem her verstanden werden. Berühmt sind
das Hinausstehen in die Lichtung des Seins.12 in diesem Zusammenhang die Fragmente zur
Die Lichtung des Seins ist jenes Offene, in Zusammengehörigkeit von Gegensätzen. Ge-
dem die Dinge sich zeigen können. Die Offen- gensatzpaare schließen sich gerade nicht aus,
heit der Lichtung muss ausgestanden werden, sondern bedingen sich wechselseitig. So könn-
sie muss gleichsam durch das Hinausstehen te beispielsweise das Licht der Sonne den Tag
des Menschen in das Offene offen gehalten nicht erhellen, würde es nicht die Dunkelheit
werden. Es ist also das Wesen des Menschen, ... dass der Mensch darin der Nacht verdrängen. Ja, die Dunkelheit der
jene Offenheit, die es den Dingen ermöglicht, Mensch ist, dass er in jenes Nacht wird von der Helle des Tages nicht ein-
sich als die zu zeigen, die sie sind, offen zu Zwischen eintaucht, von fach abgelöst, sondern ist auch am Tag überall
halten dadurch, dass er in diese Offenheit hin- dem her die Dinge erst ihren präsent, andernfalls gäbe es keinerlei Kontras-
aussteht. Der Mensch ist Mensch gerade darin, je-eigenen Sinn erhalten. te und die Helle des Tages würde gar nichts
dass er nicht bei sich selbst bleibt, sondern das erhellen. Tag und Nacht schließen sich nicht
Sich-zeigen der Dinge ermöglicht. In unsere nur nicht wechselseitig aus, sondern gehören
Worte übertragen heißt das, dass der Mensch so eng zusammen, dass sie wechselseitig in-
darin Mensch ist, dass er in jenes Zwischen einander präsent sind. Heraklit weitet diese
eintaucht, von dem her die Dinge erst ihren Einsicht aus und spricht vom alles verbinden-
je-eigenen Sinn erhalten. Deswegen kann den Logos, dem die Dinge ihren Sinn verdan-
Heidegger sagen, dass das Wesen des mensch- ken. Freilich sind »die Vielen« zumeist nicht
lichen Handelns, d. h. des menschlichen Um- fähig, den Logos zu vernehmen und verlieren
gangs mit den Dingen, darin liegt, jedes ein- sich deshalb in einer Vielzahl einander wider-
zelne Ding »in die Fülle seines Wesens [zu] sprechender Einzelmeinungen.14 Es ist darum
entfalten«13. die Aufgabe der Philosophen, immer wieder
von neuem auf die verbindende Einheit auf-
merksam zu machen und die Menschen aus
Kulturen sind Orte des Zwischen dem »Haus der Nacht«15 herauszuführen.
Schon Heraklit, auf den sich sowohl Heideg-
ger als auch Merleau-Ponty verschiedentlich 14 Fragment B 1: »Für der Lehre Sinn [Logos] aber,
beziehen, fragt nach dem Zusammengehören wie er hier vorliegt, gewinnen die Menschen nie ein
der Dinge und erkennt, dass die Dinge erst Verständnis, weder ehe sie ihn vernommen noch so-
bald sie ihn vernommen. [ …].« Diels / K ranz: Die
dann in ihrem Sinn gesehen sind, wenn sie
Fragmente der Vorsokratiker, Heraklit B 1.
12 Im Humanismusbrief heißt es: »Das Stehen in der 15 Parmenides spricht davon, dass die Menschen im
Lichtung des Seins nenne ich die Ek-sistenz des Men- »Haus der Nacht« wohnen, von wo sie sich auf den
schen.« Heidegger: Brief über den Humanismus, 323f. polylog 40 Weg zum »Tor des Lichts« machen müssen, um die
13 Ebd., 313. Seite 13 Chance zu haben, gelegentlich die Wahrheit zu erfah-
niels weidtmann:

Diese Bewegung ist kulturstiftend gewor- sie. Kurz, mit dem Streben nach Einheit neh-
den.16 Held hat gezeigt, dass Heraklit die Ent- men die Griechen ihr Schicksal selber in die
deckung der Einheit in Vielheit erstmals als Hand. Sie leben nicht mehr einfach unter den
Welt (Kosmos) bezeichnet.17 Die Entdeckung Zwängen ihrer natürlichen Umgebung, son-
der Welt ist Voraussetzung sowohl für die dern lernen diese Zwänge als Notwendigkei-
Entwicklung von Wissenschaft als auch für ten verstehen, mit denen sich umgehen und
die Entstehung der Demokratie. Vielleicht mit deren Hilfe sich das Leben frei gestalten
lässt sich sogar sagen, dass sich die Entde- lässt. Der Mensch erhebt sich über die Natur
ckung von Welt als Entwicklung von Wissen- Der Mensch erhebt sich und taucht ein in einen Raum, der sich zwi-
schaft und Entstehung der Demokratie voll- über die Natur und taucht schen göttlicher Einheit auf der einen und
zieht. Die Wissenschaft fragt nach dem Platz ein in einen Raum, der sich natürlicher Vielfalt auf der anderen Seite auf-
(Antike) bzw. der Funktion (Neuzeit) der zwischen göttlicher Einheit tut. Die Entdeckung dieses Raumes als dem
Dinge in der Welt. Die Demokratie versteht auf der einen und natürlicher eigentlichen Lebensraum des Menschen mar-
die politische Gemeinschaft von der Selbstge- Vielfalt auf der anderen kiert die Geburt der griechischen Hochkultur.
setzgebung her; dabei tritt das gemeinschaftli- Seite auftut. Es ist aber wichtig zu sehen, dass sich die
che Gesetz nicht an die Stelle der verschiede- Hochkultur nicht einfach von der Natur ab-
nen politischen Meinungen, sondern verdankt setzt, sondern umgekehrt die Natur auf eine
sich umgekehrt gerade dem »liebenden Streit neue Dimension ihrer selbst hebt. Die in Wis-
der Sache selbst«18. In beiden Fällen geht es senschaft und Demokratie angestrebte Einheit
um das Zusammenspiel von Einheit und Viel- steht nicht gegen die Vielfalt, sondern verleiht
falt. Indem die Menschen nach Einheit stre- dieser Vielfalt einen ganz neuen, ja eigent-
ben, lernen sie die Welt besser verstehen und lich überhaupt erst irgendeinen Sinn. Erst vor
bauen ein gemeinsames politisches System auf. dem Hintergrund der Zusammengehörigkeit
Damit erheben sie sich über die Notwendig- von Tag und Nacht wird der Sinn des Tages
keiten ihrer natürlichen Umgebung und ge- erfahrbar. Erst vor dem Hintergrund einer
winnen Handlungsfreiheit. Je besser sie die kosmischen (Antike) bzw. naturgesetzlichen
natürlichen Vorgänge verstehen, desto besser (Neuzeit) Ordnung macht der (zielstrebi-
können sie mit ihnen umgehen und sie sich ge / freie) Fall eines Gegenstandes Sinn. Erst
nutzbar machen; ebenso gilt, je besser es ih- vor dem Hintergrund der Selbstgesetzgebung
nen gelingt, sich auf gemeinsame Gesetze zu wird die Meinung des Einzelnen zu einer poli-
verständigen, desto selbstbestimmter leben tisch relevanten kritischen Stimme. Vor allem
aber wird der Mensch selbst erst dort, wo er
ren. Diels / K ranz: Fragmente der Vorsokratiker. der Welt als vernunftbegabtes Wesen begeg-
16 Weidtmann: Interkulturelle Philosophie, 122–133. nen kann und ihr nicht einfach ausgeliefert ist,
17 Held: Die Entdeckung Europas. polylog 40 frei und (in einem griechischen Sinn) eigent-
18 Heidegger: Brief über den Humanismus, 336. Seite 14 lich Mensch. Der Schritt von der Natur zur
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

Kultur bzw. zur Hochkultur liegt also darin, sichten, denen man im Kontakt zu anderen
was wir als das Eintauchen ins Zwischen be- Völkern begegnet, werden als durch die neue
zeichnet haben: im Aufmerken auf die Zusam- Dimension unterfangen erfahren. Held weist
mengehörigkeit der Dinge und der Suche nach gar darauf hin, dass der Umgang, den die
Einheit in Vielfalt. So verstanden sind Kultu- Griechen damals v. a. wegen des intensiven
ren Orte des Zwischen. Seehandels mit zahlreichen fremden Völkern
pflegten, eine der Motivationen gewesen sein
könnte, nach so etwas wie einer Einheit in
Inter-Kulturalität begründet So verstanden sind Kulturen Vielfalt zu fragen. Die Einsicht in die Zusam-
die Differenz von Kulturen Orte des Zwischen. mengehörigkeit des Vielfältigen in der Einheit
Einen weiteren Schritt müssen wir noch ge- der Welt etabliert also nicht einfach eine neue
hen, bevor wir uns abschließend nochmals Weltsicht, sondern unterfängt jede Form von
explizit der Bedeutung interkultureller Phi- Weltsicht. Sie ist im Wortsinne universal.
losophie zuwenden wollen. Der Schritt hin Wenn die Entwicklung der griechischen
zur Einheit als der Zusammengehörigkeit der Hochkultur, die im weiteren Verlauf auch zu
vielfältigen Dinge in der Welt, den wir eben einer tragenden Säule der europäisch-abend-
skizziert haben, bedeutet sehr viel mehr als ländischen Kultur geworden ist, zugleich
eine bloße Interpretation des Vorfindlichen. die Entwicklung von der Partikularität hin
Mit diesem Schritt brechen die Griechen in zur Universalität bedeutet, dann kann es ei-
eine völlig neue Dimension durch, von der her gentlich nur noch eine Hochkultur geben.
alles bis dahin Gegebene, Gewusste und Ge- Interkulturalität scheint da eine unsinnige
glaubte in einem völlig neuen Licht erstrahlt, Forderung zu sein. Tatsächlich hat sich die eu-
ja streng genommen überhaupt erst erhellt ropäische Kultur lange Zeit als Globalkultur
wird. Der Durchbruch in die neue Dimension verstanden – und sie versteht sich bis heute
bedeutet deshalb zugleich die Begründung der häufig noch so. Demnach haben andere Kul-
alten. Es ist nicht so, dass die eine Weltsicht turen den entscheidenden Schritt zum Logos,
von der anderen abgelöst wird; stattdessen der sowohl dem griechischen Denken als auch
wird überhaupt erst von der neuen Dimen- der Geburt der modernen Wissenschaften in
sion her deutlich, dass es sich bei der alten der frühen Neuzeit und der Aufklärung zu-
um eine Weltsicht gehandelt hat. Jetzt erst grunde liegt, nicht radikal genug vollzogen
wird klar, was Welt bedeutet und dass man (man mag da sowohl an Hegels Wort von der
unterschiedliche Sichten auf die Welt haben »Geschichtslosigkeit« afrikanischer Kultu-
kann. Wenn man diesen Schritt mitmacht, ren19 denken wie auch an den aktuell immer
kann man nicht wieder zurückgehen. Man wieder erhobenen Vorwurf, der Islam habe
kann die tiefere Einsicht nicht wieder fallen polylog 40 19 Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschich-
lassen. Mehr noch: auch alle anderen Welt- Seite 15 te, 129.
niels weidtmann:

die Aufklärung nicht durchlaufen.) Diese Interpretationen derselben Wirklichkeit han-


Haltung gegenüber anderen Kulturen gerät delte. Am Beispiel der europäischen Grun-
freilich zunehmend unter Druck; und das derfahrung aber haben wir gesehen, dass die
nicht nur aufgrund politischer Gebotenheit, Entdeckung der Welt keinesfalls eine bloße
sondern v. a. dadurch, dass wir in höherem Interpretation des Gegebenen ist, sondern
Maße aufmerksam werden auf die kulturstif- umgekehrt die Gegebenheit des Gegebenen
tenden Einsichten und Erfahrungen anderer erst zu begründen vermag. Ein bloßes Neben-
Kulturen. Diese kulturellen Grunderfahrun- einander also ist nicht möglich. Stattdessen
gen lassen sich nämlich von der europäischen Kulturelle Grunderfahrungen muss die interkulturelle Begegnung ihrerseits
Grunderfahrung her nicht ohne weiteres als wie die von Welt (i. S. von eine neue, die Kulturen noch unterfangende
partikularen Weltsichten zugehörig einord- Einheit in Vielfalt) und abso- Dimension eröffnen. In dieser Dimension
nen. Stattdessen scheint in ihnen ihrerseits lutem Nichts können nicht erfahren die verschiedenen Kulturen aus der
eine universale Geltung auf. Und doch decken einfach gleichberechtigt Begegnung miteinander entscheidende Kor-
sich die anderen kulturellen Grunderfahrun- nebeneinander stehen. rekturen ihres je-eigenen Sinnes. Ja, streng
gen nicht mit der europäischen. Ein Beispiel genommen gehen sie überhaupt erst aus dieser
für eine solche andere kulturelle Grunderfah- Dimension heraus als verschiedene Kulturen
rung ist die ostasiatische Erfahrung des abso- auf. Dabei gilt wie bei den Dingen, die ihren
luten Nichts, die jenseits der Unterscheidung Sinn aus einem gemeinsamen Zwischen be-
von Sein und Nichts ansetzt und der europä- ziehen, auch im Fall der interkulturellen Be-
ischen Erfahrung der einheitsstiftenden Welt gegnung, dass jede Kultur das Zwischen auf
diametral entgegen zu stehen scheint.20 ihre Weise vollgültig verkörpert. Welt ist, so
Kulturelle Grunderfahrungen wie die von verstanden, eine Verkörperung des Zwischen
Welt (i. S. von Einheit in Vielfalt) und abso- in der interkulturellen Dimension. Da das
lutem Nichts können nicht einfach gleichbe- Zwischen in der interkulturellen Dimension
rechtigt nebeneinander stehen. Das könnten selbst aber nichts anderes ist als die Bezogen-
sie nur, wenn es sich um unterschiedliche heit der Kulturen aufeinander, muss jede ein-
zelne Kultur alle anderen auf ihre eigene Wei-
20 Für eine Darstellung dieser Grunderfahrung in
Auseinandersetzung mit europäischem Denken siehe
se vollgültig verkörpern. Damit ist auch klar,
Nishitani: Was ist Religion? Nishitani zeigt in seinem worin die interkulturelle Begegnung besteht:
Buch, dass das Nichts auch von einzelnen Denkern In einem Gespräch, in das die verschiedenen
in der europäischen Geistesgeschichte gedacht wur- Kulturen ihre jeweiligen Grunderfahrungen
de, allerdings nicht traditionsbildend geworden ist einbringen und versuchen, auf das durch die
(Nishi­
tani geht insbesondere auf Meister Eckhart anderen Grunderfahrungen Erreichte mit der
ein). Dennoch liegt darin ein wichtiger Hinweis dar-
auf, dass sich die verschiedenen Grunderfahrungen
eigenen Grunderfahrung zu antworten. Ein
keinesfalls widersprechen, sondern – in ihrer Rein- polylog 40 solches Gespräch führt zur Korrektur jeder
form – einander entsprechen. Seite 16 einzelnen Kultur durch alle anderen. Inter-
Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

kulturell gedacht reicht es nicht aus, wenn Ich kann an dieser Stelle nur noch andeuten,
die europäische Kultur den Schritt von der in welche Richtung der Gedanke läuft. Ange-
Vielfältigkeit des natürlich Gegebenen hin zur sichts der interkulturellen Begegnung tritt der
einheitsstiftenden Welt macht. Sie muss mit Erfahrungscharakter der kulturellen Grun-
dieser Grunderfahrung zugleich der ostasiati- derfahrungen ins Zentrum. So entspringt
schen Erfahrung des absoluten Nichts genügen, beispielsweise die Entdeckung der Welt der
wenngleich auf ihre ganz eigene Weise.21 Sie Erfahrung der Zusammengehörigkeit der
muss die anderen kulturellen Grunderfahrun- vielfältigen Dinge. Die Welt wird nicht als
gen nicht übernehmen und integrieren, aber Das interkulturelle Gespräch etwas jenseits der Dinge Stehendes entdeckt.
sie muss deren Niveau halten – und das mit verpflichtet die Philosophie Das mindert keinesfalls ihre ontologische Be-
Blick auf jeden einzelnen Aspekt der Kultur. auf eine Dimension, der sie deutung. Allerdings lässt sich die Welt eben
(noch) nicht gewachsen ist, nicht als Welt erfahren, sondern ganz kon-
und zwar deshalb nicht, weil kret als der dem einzelnen Ding durch die
Interkulturelle Philosophie sie sich in diesem Gespräch Erfahrung seiner Zusammengehörigkeit mit
Das interkulturelle Gespräch verpflichtet die auf das Wagnis einlässt, anderem geschenkten Sinn. Die Welt ermög-
Philosophie auf eine Dimension, der sie (noch) durch die Sache, um die es licht erst die Vielfalt der Dinge, aber sie wird
nicht gewachsen ist, und zwar deshalb nicht, im interkulturellen Gespräch doch allein an diesen Dingen erfahren. Rich-
weil sie sich in diesem Gespräch auf das Wagnis geht, korrigiert und verändert tiger gesagt: Die Dinge werden erst als die
einlässt, durch die Sache, um die es im inter- zu werden. gesehen bzw. erfahren, die sie sind, wenn in
kulturellen Gespräch geht, korrigiert und ver- ihnen Welt mit erfahren wird. Der entschei-
ändert zu werden. Dabei geht es nicht so sehr dende Punkt ist deshalb die Welthaftigkeit
um veränderte Inhalte der Philosophie, son- der Erfahrung.22 Selbstverständlich kann es
dern dem zuvor um das Selbstverständnis der unterschiedliche welthafte Erfahrungen ge-
Philosophie im Ganzen. Wenn sich die europäi- ben. Das ist mit Blick auf die verschiedenen
sche Philosophie der Grunderfahrung von Welt Grunderfahrungen, die im interkulturellen
verdankt, dann droht sie sich schon durch die Gespräch aufeinander treffen, von größter
bloße Teilnahme am interkulturellen Gespräch Bedeutung, erlaubt es doch jede einzelne
selbst zu verraten. Die Entdeckung von Welt dieser Grunderfahrungen als welthaft zu ver-
lässt sich nicht relativieren. Freilich geht es in stehen, auch dann, wenn in ihnen gar nicht
der Dimension des Interkulturellen um ein eigens Welt erfahren wird. In diesem Sinne
noch tieferes Verständnis dieser Entdeckung, spricht Stenger mit Blick auf das Interkultu-
von dem her sie anderen kulturellen Grunder-
fahrungen nicht mehr widersprechen muss. 22 Rombach hat gezeigt, dass streng genommen
jede Erfahrung als welthaft erfahren werden kann.
Diesen Gedanken hat er in seiner Philosophischen
polylog 40 Hermetik ausgearbeitet. Rombach: Welt und Gegen-
21 Vgl. dazu das in Fn 20 Gesagte. Seite 17 welt; ders.: Der kommende Gott.
niels weidtmann: Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit

relle von einem »intermundanen« Gespräch.23 nur im interkulturellen Gespräch beantwor-


Freilich ist damit nur der europäische Beitrag ten. Sie erfordert ein Denken, das sich auf das
zum Gespräch geleistet. Nun muss es darum Zwischen der Kulturen einlässt und das Wag-
gehen zu zeigen, wie die europäische Philo- nis eingeht, sich nicht zu schnell festzulegen,
sophie all den anderen Grunderfahrungen zu sondern offen zu bleiben für die Korrekturen
entsprechen vermag. Diese Frage lässt sich und die weiteren Entwicklungen, die sich im
23 Stenger: Philosophie der Interkulturalität, 1009– Gespräch ergeben. Ein Denken im Zwischen.
1028.

literaturverzeichnis
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Rombach, Heinrich: Der kommende Gott. Hermetik – eine neueWeltsicht. Freiburg: Rombach 1991
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