Sie sind auf Seite 1von 2

ZWISCHENWELT machten die Einsicht in die Gefahr schwer.

36. Jg. Nr. 1-2 Juli 2019, S.78 Diese viel sagende Geschichte der Familie
Buck aus der Geschichte der Shoah haben
REZENSIONEN Alina Bothe und Christine Meibeck anlässlich
einer Ausstellung des Centrum Judaicum in
Zur Geschichte der „Polenaktion“ Berlin in der Buchausgabe mit Fotos und Doku-
Dieses Ende: „Am 16. September 1942 wurde menten belegt. Ausstellung und Buch widmen
sie über das Sammellager Drancy bei Paris nach sich erstmals umfassend jener „Polenaktion“
Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie wahr- vom Ende Oktober 1938, die, bisher kaum
scheinlich unmittelbar nach ihrer Ankunft in erforscht, den besonderen bürokratischen und
den Gaskammern ermordet wurde.“ Der sinn- logistischen Auftakt der Deportationen von
los-brutale Tod im Osten holt die Berlinerin aus polnischen Juden aus dem nationalsozialisti-
Steglitz in Frankreich ein – eine Flucht durch schen Deutschland bildete. Den historischen
halb Europa, bei deren Darstellung man wie Hintergrund geben neben dem bereits bestehen-
so oft unwillkürlich immer noch gegen alles den Verfolgungsdruck des Nazi-Regimes gegen
historische Wissen hofft, sie möge doch noch Juden die besonderen Entwicklungen in Europa
glücklich ausgehen. ab. Polen, 1918 als Staat aus den Trümmern des
Lea Buck, geb. Buchhalter, war in Berlin- k.u.k.-Reiches neu erstanden, hatte im März
Steglitz zuhause, sie betrieb mit ihrem Ehe- 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs aus
mann David einen Kleiderwarenladen in der Furcht vor der Flucht polnischer Juden nach
heute wieder als „Einkaufmeile“ angesagten Polen ein neues Staatsbürgergesetz verabschie-
Schlossstraße im Berliner Südwesten. Das Paar det: Alle nicht in Polen lebenden Staatsbürger
war vor dem Ersten Weltkrieg in der Habsbur- wurden aufgefordert, im Inland ihren Pass vor-
germonarchie geboren worden, in Galizien. zulegen oder sie gingen der Staatsangehörigkeit
Sie heirateten 1912 in Stanisławów (Stanislau; verlustig. In einem der wissenschaftlichen Auf-
heute: Ivano-Frankivsk), er war Soldat in der sätze vermutet Włodzimierz Borodziej, dass die-
österreichischen Armee gewesen, nach der ses Gesetz sowohl eine antisemitische wie auch
Heirat zogen sie in die Bukowina, wo sie bei gegen die polnisch/französischen Teilnehmer
Czernowitz in einem eigenen Haus lebten und auf der republikanischen Seite im Spanischen
David Buck als Verwaltungsbeamter arbeitete. Bürgerkrieg gerichtete Absicht hatte und zitiert
Der Erste Weltkrieg bedeutete auch das Ende aus dem Protokoll einer Besprechung im pol-
dieser Welt. Czernowitz an der östlichen Grenze nischen Innenministerium: „Das Gesetz richtet
des Reiches wurde mehrfach besetzt, das Haus sich hauptsächlich gegen die Juden, obwohl es
der Bucks zerstört, der Offizier für vier Jahre in hier und da, zum Beispiel in Frankreich, auch
russische Kriegsgefangenschaft verschleppt, Lea gegen die Kommunisten Anwendung finden
flüchtete nach Berlin. Dort wurde nach der Be- wird [...]“.
freiung des Ehemannes in der dem Laden nahen Die Historikerin Miriam Rürup weist für die
Feuerbachstraße 1923 ihr Sohn Julius geboren. Verhältnisse in Nazi-Deutschland andererseits
Im Rückblick auf diese Zeit spricht er von nach, dass bereits das nationalsozialistische
einem „Gesetz über den Widerruf von
„äußerst sorgenfreien Leben“. Er wusste nicht, Einbürgerungen“ von 1933 die etwa 60.000 als
dass er seit Kriegsende und Wiedererstehen des polnisch identifizierten Juden in ihren Rechten
polnischen Staates als polnischer Staatsbürger schmälerte.
geführt wurde. Julius besuchte das Paulsen- Mit dem polnischen Gesetz vom Frühjahr 1938
Realgymnasium in der nahen Gritznerstraße und wurden weitere Überlegungen der Nazis ausge-
bemerkte mit dem Direktorenwechsel 1933 den löst. So war im Oktober, als das polnische
Umschwung der Verhältnisse, aber alle Versu- Gesetz veröffentlicht wurde, bereits weitgehend
che, die Eltern von der Notwendigkeit der Emi klar, dass es zu Ausweisungen kommen werde.
gration zu überzeugen, scheiterten. Vor allem Am 28. Oktober begann die Aktion
des Vaters Glauben an das Vorübergehende der frühmorgens: In Berlin wurden nur die Männer
nationalsozialistischen Diktatur und den vor- und männlichen
geblichen Schutz durch die Weltkriegsteilnahme Jugendlichen zum Gefängnis Alexanderplatz
gebracht, in Hamburg aber auch Frauen und Wie in weiteren Fallbeispielen von Berliner
Mädchen erfasst. Vom Alexanderplatz wur- Familien deutlich wird, ging die Verfolgung der
den etwa 7000 Berliner polnische Juden nach Ausgewiesenen in Polen und Deutschland bald
Zbąszyń (Bentschen) an die Grenze gebracht. weiter. In Paris erschoss Herschel (Hermann)
Da die polnischen Grenzer von der Maßnahme Grünspan einen deutschen Botschaftsangehö-
überrumpelt wurden, mussten die Deportierten rigen als Reaktion auf die Deportierung seiner
die ersten Nächte im „Niemandsland“ zwischen Eltern aus Hannover – die Nazis nahmen dieses
den beiden Staaten verbringen. Erst dann wur- Attentat als Vorwand für die Reichspogrom-
den sie in den kleinen Ort gelassen. Der nacht am 9. November. Wem es in den nächsten
Fotograf und Künstler Wojciech Olejniczak aus Monaten nicht gelang, aus Polen zu emigrieren,
Zbąszyń lässt in einem Gespräch erkennen, dass wurde wie die Bucks aus Steglitz durch den
die Bevölkerung sich damals hilfsbereit zeigte deutschen Einmarsch in Polen im September
und mit Unterstützung jüdischer Organisationen 1939 tödlich bedroht.
den Ausgewiesenen das Überleben ermöglicht Der reich bebilderte Band lebt von der
habe. Für die Ausstellung montierte Olejnicz- Verknüpfung der präzisen historischen Dar-
ak zahlreiche alte Glasnegative eines Fotogra- stellungen mit dem eindringlichen Blick von
fen aus Zbąszyń zu einer Collage von großer Studierenden auf die Berliner Fallbeispiele, wie
Suggestivität und Anschauungskraft zusammen. dem der Familie Buck oder des Kinderfilmstars
Sie sind ein Zeichen für jenes „Niemandsland“, Gerhard Klein („Emil und die Detektive“). Be-
das sich durch die Deportationen in Europa aus- rühmtester Betroffener der Polenaktion dürfte
zubreiten begann. Denn wie der Prager Histori- Marcel Reich-Ranicki gewesen sein, der darüber
ker Michal Frankl in seinem Beitrag zeigt, hatte in seinen Memoiren berichtet. Wie der Beitrag
der „Anschluss“ Österreichs ähnliche Folgen von Michal Frankl zeigt, sind nicht nur weitere
auch an anderen Grenzen. Ein Donaukahn bei Forschungen zu Deutschland, sondern auch zur
Theben wurde für aus dem Burgenland Vertrie- Verbreitung des „Niemandslands“ in Europa
bene für Monate zur Aufenthaltsstätte zwischen erforderlich, um den Auftakt der Vernichtung
angeschlossenem Österreich, der des osteuropäischen Judentums präziser zu ver-
Tschechoslowakei und Jugoslawien. Ähnlich in stehen.
Tisos Slowakei nach dem 1. Wiener Markus Bauer
Schiedsspruch, der Teile der Slowakei an
Ungarn angliederte: 7500 Juden wurden AUSGEWIESEN! Berlin, 28.10.1938. Die Ge-
ausgewiesen, aber von Ungarn nicht schichte der „Polenaktion“. Hg. von Alina
aufgenommen. Sie kampierten wochenlang auf Bothe
einem Feld bei Mischdorf. Durch die Tendenz und Gertrud Pickhan unter Mitarbeit von Chris-
der Ethnisierung der Staatsbürgerschaft wurden tine Meibeck. Berlin: Metropol 2018. 396 S. mit
auch aus den Sudeten jüdische Bewohner auf zahlr. Abb.
die Flucht gezwungen.

Das könnte Ihnen auch gefallen