Sie sind auf Seite 1von 6

tagesspiegel.

de

Die No-Covid-Strategie ernüchtert


Neuseeland
Christoph Rieke

6-7 Minuten

© Robert Kitchin/Pool via AP/dp

01.09.2021, 15:57 Uhr


Seit die Delta-Variante grassiert, schlingert Neuseeland
durch die Pandemie. Die Regierung räumt „große Fragen“
zur bisherigen No-Covid-Strategie ein.

Weniger als einen Monat vor dem Frühlingsbeginn


herrscht Tristesse in Neuseeland. Die Corona-Fallzahlen
sind verhältnismäßig hoch, die Impfkampagne lahmt.
Und der einst für seine scheinbar erfolgreiche No-Covid-
Politik bestaunte Staat schlingert von einem Lockdown
zum nächsten.

Immerhin: Am Mittwoch endete ein landesweiter harter


Lockdown, einzig für die nördlichen Regionen Auckland
und Northland gilt weiterhin die höchste Warnstufe vier.
Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt, betont die
Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern immer
wieder.
Trotz der Lockerungen sei das Land noch nicht über den
Berg, sagte der Chef der neuseeländischen
Gesundheitsbehörde, Ashley Bloomfield, am Mittwoch.
Demnach ist „noch harte Arbeit nötig“, um den Delta-
Ausbruch zu besiegen. Zu tief sitzt der Schock über die
Entwicklungen der vergangenen Wochen, in denen die
grassierende Delta-Variante den bisherigen Erfolg der
No-Covid-Strategie infrage stellte.

Das hatte auch Bildungsminister Chris Hipkins, der für


die neuseeländische Covid-Politik zuständig ist, jüngst
zugegeben. „Das Ausmaß der Ansteckungen und die
Geschwindigkeit, mit der sich das Virus verbreitet hat,
hat unser System trotz aller Vorbereitungen unter Druck
gesetzt“, sagte er am Sonntag dem Sender TVNZ.

Bis zum Sommer galt Neuseeland als


Vorzeigestaat

Neuseeland sei überrumpelt worden. Zugleich räumte


Hipkins ein, „dass unsere bestehenden
Schutzmaßnahmen weniger adäquat und robust
erscheinen“ und dies „einige große Fragen“ hinsichtlich
der Pandemie-Strategie der Regierung aufwerfe.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-


Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen
wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-
Geräte herunterladen können.]

Das ist beachtlich, denn bis zum Sommer dieses Jahres


galt Neuseeland noch als eines der Vorzeigeländer in der
Pandemiebekämpfung. Bereits im März 2020 hatte sich
der Fünf-Millionen-Staat weitgehend von der Außenwelt
abgeschottet und sich nach einem zweimonatigen
Lockdown für coronafrei erklärt. Mit strengen
Grenzkontrollen und Quarantäne-Auflagen sollte dieser
Status quo gehalten werden. Doch die seit August
steigenden Fallzahlen führten dies ad absurdum.

Erst Ende August hatte die Regierung den landesweiten


Lockdown um vier Tage verlängert, weil die gewünschte
Trendwende bei den Fallzahlen nicht einsetzen mochte.

Davon kann auch jetzt noch nicht die Rede sein: Am 1.


September verzeichnete das neuseeländischen
Gesundheitsministerium 76 weitere landeseigene
Infektionen mit dem Coronavirus. Das mag hierzulande
erstaunlich gering erscheinen - das RKI registrierte
deutschlandweit 13.531 Fälle - für Neuseeland bedeutet
dies jedoch den vierthöchsten Wert seit Beginn der
Pandemie.

Die Delta-Variante sei „mit nichts zu vergleichen, womit


wir es in dieser Pandemie bislang zu tun hatten“, sagte
Minister Hipkins am Sonntag. Dies bedeute, „dass alle
unsere bisherigen Vorbereitungen weniger sinnvoll
erscheinen“ und werfe zudem „ziemlich große Fragen zur
Zukunft unserer langfristigen Pläne auf“.
Neuseeland kämpft aktuell mit einem Delta-Ausbruch. ©
IMAGO / ZUMA Wire

Mit Blick auf die jüngste Entwicklung warnen Fachleute


davor, der Pazifikstaat könnte nun die pandemische
Zuspitzung der vergangenen Wochen verschleppen. Wie
der „New Zealand Herald“ berichtet, fordern nun
Krankenhäuser in der Region Auckland mehr
medizinisches Personal für die Intensivstationen, um mit
den Folgen des jüngsten Virus-Ausbruchs fertig zu
werden.

Bislang allerdings erscheinen die Zahlen moderat:


Aktuell befinden sich laut Gesundheitsministerium 32
Personen im Krankenhaus, acht davon auf der
Intensivstation inklusive drei an Beatmungsgeräten.
Impfkampagne sorgt für ungutes Gefühl

Auch die Impfkampagne sorgt für ein ungutes Gefühl im


Inselstaat, sie schreitet nur mühsam voran. Zwar sind
laut Gesundheitsministerium mittlerweile mehr als 1,2
Millionen Menschen vollständig geimpft, doch das
entspricht lediglich 24 Prozent der Bevölkerung – und
liegt damit deutlich hinter anderen Industriestaaten
zurück.

„Die Impfdosen wurden erst im Februar bestellt, da war


Israel schon fast fertig mit dem Impfen“, erklärte der
Neuseeland-Experte Oliver Hartwich vom Thinktank New
Zealand Initiative jüngst im Tagesspiegel. Diese
Verzögerung räche sich nun.

Auch die Opposition kritisiert die aktuelle Entwicklung.


Die Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern
habe sich zu wenig um das Fortschreiten der
Impfkampagne gekümmert, sagte Chris Bishop von der
rechtsliberalen National Party. „Die Selbstgefälligkeit der
Regierung und ihre Unfähigkeit, die Versorgung und
Lieferung des Impfstoffs sicherzustellen, hat uns alle zur
leichten Beute gemacht“, kritisierte der Politiker.

Zudem droht die Gefahr einer Impfskepsis: Am Montag


hatte das Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass eine
Frau nach einer Covid-19-Impfung mit dem Impfstoff von
Biontech/Pfizer gestorben ist.

Demnach haben Untersuchungen des Independent


Safety Monitoring Board ergeben, dass der Tod der Frau
auf eine Herzmuskelentzündung zurückzuführen ist
sowie weitere medizinische Probleme das Risiko
beeinflusst haben könnten. Auch wenn dies noch nicht
abschließend geklärt sei, deutet sich mit Blick auf den
Todesfall ein weiterer Dämpfer in der neuseeländischen
Pandemiebekämpfung an.